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Okt 26 21

Begriffsmagie

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das Wort besitzt magische Kraft; im Gedicht tut sie Wunder mit beschworenen Blüten, die zu duften scheinen, im Denken aber verlockt sie in ontologische Fallen und logische Labyrinthe, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Im Vergleich zu Gottes allmächtigem Schöpferwort oder dem hybriden Geist des urtümlichen biblischen Autors wissen wir um die reale Ohnmacht unseres Redens. Das Opfer mag den Täter, der das Messer, die Pistole gezückt hat, kniefällig bitten – vergebens. Der Dieb rennt trotz unserer Aufforderung, stehen zu bleiben, davon, denn unser Wort ist leider kein Lasso, womit wir ihn einfangen könnten.

Der Täufling erhält wie durch Schicksalsspruch seinen Taufnamen; doch nur aus dem Munde des dazu legitimierten Zeremonienmeisters. Er bleibt das magische Siegel auf seiner Existenz, und er hört ihn wohl im Halbschlaf oder aus dem monotonen Rauschen des Wasserfalles wie aus dem Munde der Mutter oder der Geliebten rufen.

Der Name des Homer verweht auf den Wogen des Meeres wie der Gesang der Sirenen, die Odysseus, nicht aber uns, den Lesern, gefährlich werden könnten; dagegen dürfen wir im Erzähler seines Romans immer wieder die liebenswürdige, wenn auch bisweilen wie von Schleiern gedämpfte Stimme Prousts vernehmen.

Der Urteilsspruch gilt; doch nur aus dem Munde des legitimierten Richters; mag er in Urzeiten als Fluch seine unmittelbare Wirkung getan haben, wird seine Vollstreckung heute sichergestellt, wenn die schwere Türe hinter dem Gefangenen ins Schloß fällt.

Das Wort ist Fleisch geworden; doch nur im Herzen des Frommen.

Die Qual des Einsamen in den Weltmetropolen wird unerträglich, vernimmt er wie fernes Brandungsrauschen die ozeanische Gesänge des frühen Dichters.

Was wir Wirklichkeit, Realität oder mit sonst einem passenden Begriff benennen, ist das Gitterwerk, an dem einzig die Ranken unserer wahren Rede Halt finden (aber auch und sogar die wilden unserer unwahren).

Die unwahre Rede ist wie der unfruchtbare Seitentrieb unserer wahren Rede, die doch beide am selben Gitter ranken; dagegen ist die sinnlose Rede wie das Wuchern erstickender Triebe über der flachen Erde.

Der Künder des Zauberspruchs, in dem sich die Magie der Beschwörung und der poetische Charme von Klang und Rhythmus vermählten, überlebte den Scheidungsprozeß zwischen Religion und Kunst oder die Ernüchterung der Abklärung als abgemagerter, halb verrückter Eremit der hermetischen Dichtung.

Verlaine wollte dem Vers nur die magische Substanz des Wohlklangs belassen, De la musique avant toute chose; der Rest war ihm, was er verächtlich Literatur nannte. Doch verwehte diese leise Melodie einer schmerzlichen Verzückung nur allzu rasch, als sich der Höllenlärm der Maschinen erhob oder die Totenstille am rostigen Zaun der Hinterhöfe von kümmerlichen Ranken herabtropfte.

Der Mond ist in der Dichtung eines Goethe oder des alten Japan ein magisches Wort-Ding, das unmittelbar aus dem Meer einer sich selbst kaum bewußten Seele auftaucht; die dunklen Wogen oder die nächtliche Wasseroberfläche, die er mit seinen bleichen, unfruchtbaren Strahlen überstreicht, beginnen wie aus dem Munde des Somnambulen ihre seltsam plätschernde, ihre schluchzende Rede.

Die Meisterdenker, die Worte wie Sein und Nichts, Idee und Geist, Subjekt und Objekt, Dialektik und Metaphysik als magische Begriffe und Beschwörungsformeln mißbrauchten, haben uns und sich selbst in ontologische Fallen gelockt, aus denen uns nur der dünne, leicht einreißende Faden der philosophischen Sprachkritik den Weg ins Freie weist.

Wenn wir einen Satz und sein Gegenteil behaupten, etwa sagen: „Jesus war ganz Mensch“ und hernach „Jesus war ganz Gott“, wissen wir, daß die dabei verwendeten Begriffe trotz ihres magischen Leuchtens für unseren sterblichen Verstand nichtssagend oder sinnlos sind. Ihnen einen übermenschlichen Sinn zu verleihen, bedarf, wie Kierkegaard wußte, eines Sprunges, doch ob eines Sprunges ins Freie oder in den Abgrund des Wahnsinns, wer vermag es zu wissen?

Freilich können zwei sich widersprechende Beobachtungssätze miteinander verträglich oder konsistent sein, wenn wir ihre Verwendung mittels Indexikalisierung (wie Orts- und Zeitangaben) einschränken und etwa sagen: „Eben war der Konferenzraum leer; jetzt ist er voll“ oder „Betrachten wir nun das Licht als Welle“ und „Betrachten wir jetzt das Licht als Photon“. Aber wenn wir sagen: „Es hat lange geregnet; das ist ein Beleg des Klimawandels“ und „Es hat lange nicht geregnet; das ist ein Beleg des Klimawandels“, ist es um die konsistente Verwendung unserer Begriffe und Aussagen nicht zum besten bestellt.

Eine ähnliche logische Aporie wie die biblische Überlieferung, wonach Moses auch das letzte seiner Bücher geschrieben habe, in dem von seinem Tod berichtet wird, finden wir im Satz des Matrosen in Melvilles Roman „Moby Dick“, der sich auf eine Tonne rettete, den Untergang des Schiffes beim Ansturm des weißen Wahls habe keiner überlebt.

Wenn es in der Bibel heißt, Gott habe Moses die von ihm selbst in Stein geritzten Gebote ausgehändigt, bemerken wir unmittelbar, inwiefern die hier vorwaltende urtümliche Gottesvorstellung mit der von der griechischen Metaphysik inspirierten, wonach Gott reiner Geist ist, nicht gut zu harmonieren vermag.

Die Übernahme der griechischen Metaphysik in die christliche Theologie ist der logische Giftwurm, der sich am Ende auf fatale Weise durch ihr Herz und Mark gefressen hat.

Wenn Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, wie die Genesis behauptet, so existierte ja nicht nichts vor der Erschaffung der Welt, sondern Gott. Wenn aber Gott, dann auch die Welt und die Natur; und schon sind wir bei Spinoza oder dem Atheismus.

Gottes Wort wird vom Autor der Genesis höchste magische Schöpferkraft zugebilligt, wenn es das Licht aus der Finsternis hervorzurufen vermag. Welche Art Theologie den Sinn von Gottes Wort auch immer zu erschließen vermöchte, keine Philosophie, es sei denn eine törichte, kann dem Menschenwort analoge magische Kräfte zusprechen. Doch was wir ständig hören, spricht für das Gegenteil, nämlich aus Eitelkeit und Anmaßung oder ihr scheinbares Gegenteil (nämlich Sünden- und Schuldbewußtsein) entspringende Aussagen über angebliche begriffliche Konstrukte natürlicher, historischer und sozialer Gegebenheiten wie Geschlecht, Rasse, Identität, Intelligenz und Dispositionen des Charakters und Verhaltens.

Ein historischer Ursprung der modernen und zeitgenössischen Begriffs- und Wortmagie liegt in der Poetik der Romantik und ihrem Programm einer Poetisierung der Welt, der freilich die Tatsachen des Lebens, Krankheit, Wahnsinn, Grausamkeit, Verfall und Tod, Hohn sprechen. Doch schon Baudelaire wußte, daß die Bilder der künstlichen Paradiese einzig den ephemeren Zauber des im Schnee erblühenden Krokus haben, der beim nächsten Nachtfrost wieder dahinwelkt.

Sich als Aufklärung tarnende oder ausgebende philosophische Anmaßung will uns weismachen, daß wir mit den Formen der Anschauung und den Kategorien des Denkens in das Gehäuse oder Gefängnis der Erfahrung eingesperrt sind, in dem die Dinge gleichsam ihre eigenen Simulakren darstellen, ähnlich den Projektionen in der platonischen Höhle. Doch sind, was wir sehen, wirkliche Blumen, und wie wir sie botanisch klassifizieren und beschreiben, gibt uns Auskunft über ihre reale Beschaffenheit; doch sind, mit denen wir umgehen und reden, wirkliche Menschen, und wir erfassen, was sie meinen und beabsichtigen ohne Abstriche, wen sie redlich mit uns sprechen, wenn sie, wie sie es zugesagt haben, ihr Versprechen einlösen.

Wir sind, was wir glauben, fühlen, beabsichtigen, und doch wird, was als unser Wesen anzusprechen allzu großsprecherisch und vollmundig wäre, erst enthüllt, wenn, was wir glauben, von anderen bestätigt oder in Zweifel gezogen wird, wenn wir, was wir fühlen, in den Augen derer, die wir lieben oder denen wir mißtrauen, ablesen können, und wenn unsere Absicht, den anderen mit einem Geschenk zu erfreuen, durch sein offenherziges Lächeln bestätigt oder sein verlegenes durchkreuzt wird.

Genausowenig wie der Physiker in seinem Labor die Photonen erzeugt, deren Verhalten er im Doppelspalt-Experiment untersucht, erzeugt der Künstler, Dichter und Musiker mit Farben, Worten und Klängen eigene Welten; ja, die Farben, Worte und Klänge findet er vor. Die Gesetze der Farbharmonie, der antiken Versmaße und der Sonatensatzform sind nicht mit den Gesetzen der Physik und Chemie vergleichbar. Die Zertrümmerung des Atoms führt zu gigantischen Zerstörungen, die Zertrümmerung der tonalen Klangharmonien höchstens zu einer vorübergehenden Irritation des feinsinnigen Hörers; die Analyse des Erbguts führt zu einer wirklichen Entdeckung, nämlich der Entlarvung des Täters; die Analyse einer Bachschen Fuge bestätigt am Ende die Regeln der Komposition, die wir schon an anderen Werken des Meisters erkundet haben.

Die Verwendung und Propaganda von magischen Begriffen wie „die Moderne“, „die Avantgarde“, „die Auflösung der literarischen Gattungen“, „der Tod des Autors“ oder „die soziale Plastik“ durch Meisterdenker wie Adorno e tutti quanti und ihre vulgarisierende Aussaat und Hybridisierung im lauwarmen Sumpf der Feuilletons haben das vom Zeitgeist gegängelte unbedarfte Gemüt und den Vertreter des Common Sense auf eine Weise eingeschüchtert, daß sie ihrem ureigensten Verlangen nach sublimen Formen in der Kunst zu mißtrauen begannen und schon den schlichten Gebrauch von floralen Metaphern in der Lyrik, die Führung durch die Labyrinthe des Erzählstoffes an der Hand des Erzählers oder die harmonische Auflösung einer Dissonanz in der Sonate unter den Verdacht des Kitsches oder emotionaler Unreife stellten.

„Trauma“, „traumatische Erfahrung“, „Fremdheitserfahrung“, „Stigmatisierung“, „Ausgrenzung“ oder „Auslöschung der Identität durch die Gewalt des Vaters, des Mannes“, will sagen, des weißen Mannes, gehören zu den magischen Begriffen in den muffigen Salons des Zeitgeistes und den geistig sterilen Redaktionen des Kulturbetriebs. Der Wert eines Buches wird nicht mehr nach literarischen Kriterien ermessen, sondern nach der Menge von Blut und anderer Absonderungen, die aus seinen Seiten triefen, nicht nach dem poetischen Ausdrucksreichtum und den subtilen Anspielungen seiner Darstellung und Diktion, sondern nach der drastischen Wiedergabe der Striemen und Narben, die seine Protagonisten von der verzückten oder hysterischen Hand des Autors abbekommen, und all den verkrusteten Hautfetzen, die seine Zeilen mühsam zusammenhalten.

Augenblicke des Glücks, und sei es des bescheidenen eines, der sich trotz schmerzender Glieder oder der Atemnot des Alters auf die stille Parkbank des Abends gerettet hat, hoffen vergebens auf dichterische Resonanz im Wohlklang magischer Bilder und Worte.

 

Okt 25 21

Verdämmernde Strahlen

Laß uns einander träumend tiefer sinken
wie weiße Knospen auf verwaiste Schwellen.
Wir wollen süßen Tau des Abschieds trinken

wie Turteltauben Glanz bemooster Quellen.
Der Sonnenfalter Schimmer sind verblichen.
Der Schaum der Wiesen, Schnee von Lämmerfellen

sind trüben Zwielichts Überdruß gewichen.
Mit Worten können wir die Angst nicht stillen,
mit Gesten kaum, so bang-geschwisterlichen.

Laß uns aus irdnem Krug noch einmal füllen
mit Traubengold die leise klingen, Schalen,
bis Weinen weite unsere Pupillen.

O Knospen, wie verdämmern eure Strahlen.

 

Okt 24 21

Der neue Ablaßhandel

Sie streuen Asche auf ihr Haupt und klagen:
„Wir Sünder, wir Verworfenen, wir Weißen,
uns sendet Mutter Erde rechtens Plagen.

Weil ihre magern Brüste wir zerbeißen,
wird sie mit Dürren, Fluten uns versehren,
mit Flammen, die uns schwärzen, uns die Weißen.“

Und viele sieht man sich die Haare scheren,
vor Priestern knien, die der Sekte raten,
den Scharen, die jetzt Gott-Natur verehren.

Damit nicht alle in der Hölle braten,
erwerben sie zum Ablaß ihrer Sünden
Papiere mit dem Siegel grüner Saaten,

die fern, wo Schlangen sich durch Wüsten winden,
den neuen Garten Eden finanzieren,
wo Frucht der Milde die Enterbten finden.

Der dumme Deutsche, wird er es kapieren,
wie Götzendiener ihn ums Ohr gehauen,
wenn dunkle Augen ihm entgegenstieren

und niederschlagen muß er seine blauen?

 

Okt 23 21

O Immergrün

Im Sand die Kinderschaufel, halb vergraben.
Das Teichhuhn kreist, was mag es suchen,
das Nest ist leer, wo sie gebrütet haben.

Der Mond, ein platter, kalter Eierkuchen,
von unsichtbarem Messer durchgeschnitten,
zerbröselt am Gerippe kahler Buchen.

Die Fugen des Gefühls kann niemand kitten,
was durch sie sickert, Traumes trübe Säfte,
wie arg, sie morgens in den Ausguß schütten.

Der Liebe ließ der Herbst nur Stummelschäfte,
an denen manchmal kleine Tropfen glimmen,
geplatzte Frucht, als ob sie Sommer äffte.

Die falben Blätter, die ins Dunkel schwimmen,
sind Versen gleich, die einmal Sonnen priesen,
doch bange Nacht erstickte ihre Stimmen.

O Immergrün in Dichters Paradiesen!

 

Okt 22 21

Terzinen auf den Herbst

Was uns entzückt an Linien hohen Lebens,
verwischen Moders dunstige Tinkturen,
wir tasten nach dem Traumgesicht – vergebens.

Kaum sprühten Ähren goldnen Schaum der Fluren
und Vögel flogen auf bei zagen Schritten,
schon sehen wir der Leere Signaturen,

hat jener Mäher alle Frucht geschnitten,
und auf die öden Stoppeln sickert Schweigen.
Was nicht dem Herbst entfloh, hat ausgelitten,

es kann das müde Haupt nur erdwärts neigen,
wie sanfte Rosen an verwaisten Stufen,
einander rufend nicht zu Wolken steigen,

wie Kraniche, die blaue Buchten rufen.

 

Okt 21 21

O tropfe Tau

Wir wissen, daß nur Schatten unser harren,
so wandeln einsam wir auf Stoppelbrachen,
wo Krähen schreien, Hungerklauen scharren.

Uns künden trübe Augen grauer Lachen
von Wolken, die mit weißen Federn schrieben
dem hohen Blau in rätselsüßen Sprachen.

Zwei Rosen, die sich Zweig an Zweig geblieben,
erbeben wir bei jeden Hauches Rühren,
da lose Blüten schon ins Dunkel trieben.

Als könnten trunkne Monde Trunkne führen,
gelangen wir ans Ufer unsres Flusses.
Daß wir noch einmal tiefer Leben spüren,

o tropfe Tau vom Blütenkelch des Kusses.

 

Okt 20 21

Wie luftig wandelt sich Empfinden

Wie luftig wandelt sich Empfinden,
Gelock, von lauem Wind gebläht,
blau wie die Wicken, die sich winden,
der Blick, der bang durchs Gitter späht.

Wie lauschen fern wir weichen Schritten,
gleich einer süßen Melodie,
und hören unsre Herzen bitten:
O komme näher, ach, entflieh!

Wie bleicht der Sommermond die Schale,
die sich mit Purpurschaum gefüllt.
Die ihr entglittene Sandale
hat spätes Glück im Gras verhüllt.

Wie blassen, die wir unser wähnen,
die Blüten auf dem Teich der Nacht,
wie glühen sie geweckt von Tränen
ums Herz, das ihrer kaum gedacht.

 

Okt 19 21

Die Märtyrer der Avantgarde

Sie stehen abseits, stülpen ihren Kragen,
den schwarzen, die bittre Miene zu verbergen,
mit der sie uns vom Leid des Künstlers klagen,

des wahren Künstlers unter tausend Schergen,
die sich der Dominante und dem Sinn verdingen
und keinen Frost erduldet auf den Zauberbergen.

Sie zetern, nicht nur fette Töne klingen,
ein jedes Ding hat seinen Mund zum Heulen,
und Winseln, Quietschen, Krachen beim Zerspringen.

So schwingen sie die atonalen Keulen,
und aus dem Synthesizer spritzen Schüsse,
bedenklich schwanken die bourgeoisen Säulen.

Sie nennen liederlich die Klanggenüsse,
die Mozart, Wagner, Bruckner uns gewähren,
und masochistisch spotten sie der Küsse,

mit denen uns den grauen Tag verklären
die leichten Musen, der Anmut holde Schwestern.
In ihren Augen sind sie Geld-Hetären,

die ärger sie als Puritaner lästern.
Was lärmend nicht Gemüt und Nerven zwackte,
ist ihnen temperierter Sud von gestern.

Doch heimlich schlürfen sie Dreivierteltakte.

 

Okt 18 21

In sanfteren Gefilden

So wollen Knospen wir ins Dunkel treiben,
wie Rosen weiße, gelbe Chrysanthemen,
die mit dem Wasser fließen und nicht bleiben.

Und blassen wir, des Dämmerlichtes Schemen,
ist uns vergönnt, im bangen Tanz der Wogen
verblühten Schaumes Seufzen zu vernehmen.

So kommen Vögel wir nach Haus gezogen,
wie Tauben weiße, golden-gelbe Ammern,
die träumerisch mit Frühlingslüften wogen.

Und glühen wir in Sommers blauen Kammern,
der Kronen grüner Schatten wird uns kühlen,
wenn zum Genist wir Halm und Zweig umklammern.

O Nachtwind in vermählten Federn fühlen!

 

Okt 17 21

Torheiten der Philosophie

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Was wir meinen, ist nicht, was wir uns etwa vorstellen, wenn wir zu unserem Gast sagen: „Das Wetter ist schön, machen wir noch einen kleinen Spaziergang!“ Einer mag an den blühenden Flieder im nahegelegenen Park denken, ein anderer an den Seerosenteich in seiner Mitte, doch was sie meinen, ist dasselbe.

Wenn wir meinten, was wir uns dabei denken oder vorstellen, käme keiner, dem wir es mitteilen, je zum Verständnis des Mitgeteilten.

Das Proton Pseudos der Philosophie ist die Annahme, wir bezögen uns mit dem, was wir meinen, auf die Idee, die Vorstellung oder das Wahrnehmungsschema, worunter wir den mitgeteilten Begriff fassen.

Wir beziehen uns aber mit dem Begriff, etwa dem Begriff „Kanne“, nicht auf die Vorstellung oder das Wahrnehmungsphänomen einer Kanne, sondern auf die Kanne sensu strictu, wenn wir etwa den Tischnachbarn bitten: „Reich mir doch bitte die Kanne!“

Die Unterscheidung von Phänomen und Sache gehört zu den tiefsten Torheiten der Philosophie, die von Platon über Kant, Fichte, Hegel und die Idealisten bis zu Husserl und den Phänomenologen oder den logischen Positivisten ihre fatalen Spuren hinterlassen haben.

Vielfach erwächst das philosophische Mißverständnis aus einer Verwechselung von Phänomen und Symptom: Schweißausbrüche, Gliederschmerzen, Husten und Fieber sind, was wir zurecht Symptome der Krankheit namens Grippe nennen. Wir geben die Ansteckung mit einem bestimmten Virentyp als Ursache der Erkrankung und ihrer Symptome an; aber wir liegen logisch-grammatisch falsch, wenn wir diese Symptome als Phänomene beschreiben, hinter denen sich die eigentliche Sache namens Grippe oder das sie verursachende Virus verbergen. Denn Schweißausbrüche, Gliederschmerzen, Husten und Fieber sind die „eigentliche Sache“, wenn wir dem Patienten die Krankheit namens Grippe zuschreiben, und das Virus ist die „eigentliche Sache“ in dem Falle, wenn wir ihre Ursache angeben.

Es ist natürlich Unsinn zu sagen: „Denk dran, morgen besuchen wir unseren Freund Peter. – Jedenfalls die Person, die wir Peter nennen und deren körperliche Erscheinung wir schon oft wahrgenommen haben; freilich wer und was Peter, wie die Philosophen sagen, an sich und eigentlich ist, der noumenale Peter halt, das entzieht sich unserer Kenntnis.“

Es geht bei manchen Philosophen ähnlich grotesk zu wie in der jüdischen Kabbala, die den Leuten neben ihrem bürgerlichen und gewöhnlichen Geburts- und Taufnamen einen geheimen, ihnen selbst verborgenen mystischen Namen zuschreibt, der ihr eigentliches ontologisches Wesen unmittelbar zum Ausdruck bringt. – Nur leider kennt ihn niemand außer Gott.

Das grammatisch-logische Unkraut der Philosophen wuchert auf dem fetten Gartengrund, der neben den genießbaren Gemüsesorten des regulären Sprachgebrauchs auch ihre degenerierten, ungenießbaren und verderblichen Vettern hervorbringt.

So finden wir neben den regulären Formen im Gebrauch des Verbums „scheinen“ (und all seiner Ableitungen wie „Schein“, „Anschein“, „scheinbar“, „Erscheinung“) auch all ihre irregulären, zu Schein-Sätzen und Schein-Gedanken verlockenden entarteten Varianten. „Es scheint Regen zu geben“ bedeutet „Es könnte regnen oder auch nicht“; „Er scheint verlegen zu sein“ bedeutet „Sein Erröten könnte der Ausdruck von Befangenheit oder eines schlechten Gewissens sein“; „Sie gibt sich den Anschein, ihren Studienabschluß ernsthaft in Angriff zu nehmen“ bedeutet dasselbe wie „Scheinbar nimmt sie ihren Studienabschluß ernsthaft in Angriff“, nämlich: „Sie tut nur so, als büffele sie zu Hause ihr Lernpensum, in Wahrheit treibt sie sich mit ihrem neuen Freund herum.“

Der Satz „Er ist eine imponierende Erscheinung“ ist ein sinnvoller deutscher Satz, dagegen ist der Satz „Farben sind bloß Erscheinungen, doch die Dinge, die uns farbig erscheinen, sind in Wahrheit farblos“ ein philosophischer Unsinns-Satz.

Wenn uns etwas so erscheint, wie es in Wahrheit nicht ist, sprechen wir über dasselbe Etwas, wie etwa über den Mond, der uns in dunstiger Atmosphäre manchmal riesengroß und zum Greifen nahe erscheint, doch eben jener und derselbe Mond ist, von dem uns die Astronomie die wahre Entfernung und Größe angibt, und keine unsere Sinne täuschende Erscheinung derart, daß sich dahinter der wahre Mond versteckt. Dagegen sprechen wir anläßlich der farbigen Phänomene von etwas anderem als von den Dingen, die ihnen kausal zugrundeliegen (wie Photonen und neuronale Prozesse) und angeblich farblos sind; denn Photonen oder Neuronen das Prädikat „farbig“ abzusprechen oder das Prädikat „farblos“ zuzusprechen zeugt von grammatisch-logischer Torheit.

Nach Platon und Kant gehören das Phänomen und die Idee und das Ding an sich oder die eigentliche Sache, deren Phänomen es ist, ontologisch unterschiedlichen Kategorien an, die platonische Idee thront in der von physischer Verderbnis und Zeitlichkeit unberührten ewigen Sphäre, das Ding an sich verbirgt sich in der noumenalen Dimension, die von der phänomenalen Dimension und unserer Erfahrung mittels der Formen der Anschauung und der Kategorien des Verstandes abgetrennt in einem ontologischen Vakuum liegt. Freilich, hier bleiben uns eine Tautologie und eine logische Trivialität nicht erspart: Über das, was gänzlich abseits von den Wegen unserer Erfahrung und sprachlichen Darstellung liegt, können wir nun einmal nichts sagen. Und andererseits bedürfen wir nur der Erfahrung und der Weisen ihrer Darstellung und Mitteilung, um zu sagen und mitzuteilen, was zu sagen und mitzuteilen ist.

Die Person, die einer Straftat verdächtigt wird, gelangt vom ontologischen Status eines vermeintlichen Diebes zu dem eines wirklichen Diebes, wenn ihr die Straftat durch öffentlich kontrollierbare Verfahren der Tatfeststellung nachgewiesen wird. Die Vermutung, jemand habe die Grippe, wird anhand einer Fiebermessung bestätigt. Doch der Ausruf „Wie schön es heute ist!“ wird nicht durch die Beobachtung des Sonnenscheins und der Schön-Wetter-Wolken bestätigt, sondern ist ein Ausdruck der Wahrnehmung dieser Wetterphänomene, hinter denen sich nicht verbirgt, was wir schönes Wetter nennen, sondern die eben das schöne Wetter ausmachen.

Mit dem Ausruf „Ich!“ des Schülers auf die Frage des Lehrers, wer den Abschnitt lesen möchte, wird nicht auf ein geheimnisvolles Wesen hinter dem Phänomen der leiblichen Erscheinung des Sprechers verwiesen, das Philosophen auf den Begriff einer nur sich selbst vertrauten oder zugänglichen Subjektivität zu taufen belieben, sondern auf jemanden, den die Mitschüler Peter oder Paula nennen.

Was wir mit dem Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person Singular meinen, hat keine ontologische, sondern eine grammatische Funktion im Umfeld der Verwendung aller anderen Personalpronomina. Aber diese Allerweltsweisheit wird von Meisterdenkern wie Kant, Fichte, Hegel und tutti quanti in den Wind geschlagen; denn sie suchen, ergründen oder ergrübeln hinter dem Pseudo-Phänomen des Subjekts ein tieferes, größeres, erhabeneres Subjekt, letztlich ein Surrogat des christlichen Gottes, an den sie in Wahrheit nicht mehr glauben.

Die Subjektphilosophie des deutschen Idealismus ist eine Krypto-Theologie von Philosophen, die es nicht verschmerzen konnten, daß ihnen der bunte Schleier ihres Kinderglaubens von den Furien der Aufklärung heruntergerissen worden ist, und nunmehr vergebens Gebete durch eine dialektische Litanei von metaphysischen Schein-Sätze zu ersetzen suchen.

Die These der Idealisten vom Weltsubjekt ist der Ausdruck des menschlichen Elends, in der Leere zwischen den Gestirnen kein Alter Ego gewahren zu können; die Torheit des verlassenen Kinds, im Brausen des Winds, im Rauschen der Zweige, im Tosen der Wellen eine Stimme zu hören, die zu ihm spricht; und auch wenn sie noch so bedrohlich wirkt, es fühlt sich nicht mehr allein.

Noch beim Heidegger der Kehre finden wir ein ominöses Etwas, das sich aus den Tiefen des sich immer wieder verbergenden und entziehenden Seins dem zum reinen Toren gewordenen Menschen zuspricht, wenn er nur fromme Ohren hat zu hören.

Verzweiflung aber spricht aus der kindlichen Logik Platons, wenn er, wie wir alle die endgültige Verwesung der beseelten Körper vor Augen, aus der vorgeburtlichen Erinnerung an angeblich ewige Ideen auf die Unsterblichkeit der Seele zu schließen wähnt.

Welche Torheit, aus der scheinbaren Selbstgewißheit des Cogito auf die Existenz eines sie garantierenden Gottes schließen zu wollen.

Das Erbe jener Truggebilde der platonischen Ideen sind die leeren humanistischen Begriffshülsen von Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit, die das Gott-Surrogat der humanistischen Religion, die Menschheit, endlich zu seiner wahren Offenbarung finden lassen sollen.

Mag sein Herr dem Hund wie eine erhabene Gottheit erscheinen; wie aber vermag der Glaube des Philosophen im Dunkel, aus dem wir stammen und in das wir wieder zurücksinken, ein Licht zu erblicken, das heller scheint als das lumen naturale, von dem er wähnt, es sei ihm von jenem verliehen worden?

Es ist eine törichte Form des Selbstwiderspruchs, wie Hegel anzunehmen, der von ihm postulierte Weltgeist berge ein höheres Wissen als er selbst.

Torheit, einem endlichen oder einem zum Weltgeist aufgeblähten Cogito Gewißheit und absolutes Wissen zu unterstellen, wenn Wissen das ist, was man als solches nur bezeichnen kann, wenn es sich im Fall des Falles auch als unwahr oder als nur scheinbares Wissen erweisen können muß.

Existenz und Sosein sind Formen der Kontingenz. Wir können weder aus einer logischen Wahrheit auf eine empirische noch aus dem Vorliegen einer Tatsache folgern, daß es so und nicht anders hat kommen müssen. Für die Auguren des Weltgeistes wie Hegel und die Propheten der Geschichtsphilosophie wie Benjamin und Adorno ist das anders. Wer in den Eingeweiden der Geschichte zu lesen versteht, dem offenbart sich der göttliche Wille und jene Vorsehung, nach der die Gestalten der Freiheit mit Notwendigkeit (sic!) vom Orient zum Okzident heraufziehen und im preußischen Staat sich vollenden; der kennt das historische Gesetz, gemäß dem die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft mit Notwendigkeit in der proletarischen Revolution gipfelt.

Die Rede von historischen und sozialen Gesetzen, gemäß denen Ereignisse mit Notwendigkeit erfolgen, ist schlicht ein Auswuchs der philosophischen Torheit, empirischen Aussagen den falschen Anstrich von logisch notwendigen Wahrheiten zu geben.

Was wir historische und soziale Ereignisse nennen, ist ohne die mehr oder weniger große Willkür der Absichten von Handlungen und der Unvorhersehbarkeit ihrer näheren und ferneren Auswirkungen nicht denkbar; wäre Karl Martell vor der Schlacht von Poitiers mit dem linken Fuß aufgestanden oder wären die Ungarn nicht willens gewesen, den erschöpften Wienern gegen den Vormarsch der Osmanen beizuspringen, ertönten (schon längst) um uns nicht Glocken, sondern die Rufe des Muezzins; wäre der arme Schlucker und Bewohner von Männerwohnheimen in Wien, der sich später als Führer des großdeutschen Reiches in Szene setzte, zu jener Zeit mit seiner Bewerbung an der Kunstakademie erfolgreich gewesen, hätte das Buch der Geschichte ihn höchstens mit einer kleinen Fußnote bedacht („zweitklassischer Landschafts- und Historienmaler in der Manier Lenbachs und von Strucks“), ihm aber keine ausufernden Kapitel über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust widmen müssen.

Philosophische Torheit, sich zu wissen anzumaßen, was an der Zeit ist, wie Adornos Torheit, aus der Existenz der atonalen und seriellen Musik auf ihre gesellschaftliche Notwendigkeit und die sie zur Ohnmacht und Rückständigkeit verurteilende Hohlheit der Tonalität schließen zu wollen.

Freilich, Adornos Torheit ist auf dem fatalen Totenanger des Hegelschen Idealismus erblüht; denn Hegel gemäß ist die Welt eine Erscheinung und die Geschichte eine Offenbarung Gottes, also ist alles an ihnen mit der höheren Weihe der Notwendigkeit gesegnet. Daher der arrogante und unerbittliche Zug im Denken vor allem der Linkshegelianer, in deren Augen die Avantgarde der Kunst keiner künstlerischen Rechtfertigung bedarf, weil sie der aggressiv bemalte Schild der politischen Avantgarde ist. Mit einem zynischen Grinsen händigt der radikale hegelianisch gedrillte Intellektuelle den revolutionären Führern den Freibrief für den Blutzoll aus, den die soziale Revolution, als notwendiger Umbruch in der säkularen Heilsgeschichte, nun einmal verlangt.

Philosophische Torheit, aus dem Dunst der Befindlichkeiten des Zeitgeistes eine anthropologische Bestimmung oder ein Existential wie die Aufgabe der Aufklärung bei Kant oder die Angst bei Heidegger kondensieren zu wollen.

Torheit, in pseudoreligiöser Schwärmerei nicht einen fatalen Beleg der menschlichen Geistesschwäche, sondern einen zu feiernden Vorzug zu entdecken, ob es sich nun um den Tanz um das Goldene Kalb oder den Freiheitsbaum der Französischen Revolution (Hegel, Fichte, Schelling), die Fackelaufmärsche der Rot-, Schwarz- und Braunhemden (Lukács, Heidegger) oder die von wohlfeiler Wissenschaft akklamierten Prozessionen fanantischer Flagellanten aus der Sekte der Weltklimaretter handelt.

Wir bedürfen keiner Vorstellung von unserer physischen Erscheinung und keiner Bilder oder Assoziationen unseres Seelenlebens, um im Gespräch die erste Person Singular des Personalpronomens in konsistenter und korrekter Weise zu verwenden.

Es genügt uns für den Hausgebrauch, die Zahl Vier ohne emphatischen Bezug auf eine platonische Idee oder ein kantisches Anschauungsvermögen reiner Formen von Raum und Zeit zu definieren, sondern der schlichte Hinweis auf Wendungen wie „die Anzahl von Beinen, die Mäusen, Hunden und Kühen gemeinsam ist“. Desgleichen genügt uns für den Gebrauch der Begriffe „wahr“ und „falsch“ der Hinweis auf die rein logische Bedeutung von Sätzen wie „Es regnet oder es regnet nicht“ und „Es regnet und es regnet nicht“, für deren Bestimmung als (notwendig und immer) wahr beziehungsweise falsch wir keiner Rückgriffe auf meteorologische Beobachtungen bedürfen.

Wenn wir philosophisch hinterhältige Begriffe wie „Erscheinung“, „wissen“, und „ich“ am Leben unserer Sprache auf ihren korrekten, sinnfälligen und konsistenten Gebrauch hin abgetastet und überprüft haben, müssen wir Begriffsbildungen und vertrackte Wendungen wie „das Ding an sich, das sich in der Erscheinung verbirgt“ (à la Kant), „das absolute Wissen“ (Hegel) oder „die sich in der Angst offenbarende Einsamkeit des Ich“ (à la Heidegger) als unsinnige Auswüchse philosophischer Torheit betrachten.

 

Okt 16 21

Der entlarvte Schöngeist

Die Dame Dichterin mit Pudernase
lallt, daß er gähnt, ihn möchte kitzeln
kein Pinsel obszöner Allusion, die Phrase,

die kalte Schwärmer an die Wände kritzeln,
bringt ihm Verdruß. Die allzu leicht gewagten
Metaphern, die sich Literaten schnitzeln

aus alten Alben, von Mäusen längst zernagten,
die Bilder, getropft aus Nebel-Theorien,
und Verse, Büschel, die Schur und Schnitt entsagten,

sie heißen ihn dem Zeichenmarkt entfliehen.
Als Eiland findet er nur eins: das Schweigen
und unter reiner Wolken Schrift zu knien.

Doch muß er eitel sich zum Wasser neigen,
schaut ihm das Antlitz eines Fauns entgegen,
die Glatze, Ziegenohren, so ihm eigen,

die platte Nase machen ihn verlegen.
Sein Geist kann seine Ungestalt nicht fassen,
das war Pans Fluch und nicht Apollons Segen.

Muß selber er entstellt vom Schönen lassen,
weil scheue Veilchen plumpen Huf nicht lieben
und Sapphos Rosen vor dem Gnom erblassen?

O Tränen, wollet ihm die Bilder trüben.

 

Okt 15 21

Federico García Lorca, Casida de la rosa

La rosa
no buscaba la aurora:
Casi eterna en su ramo
buscaba otra cosa.

La rosa
no buscaba ni ciencia ni sombra:
Confín de carne y sueño
buscaba otra cosa.

La rosa
no buscaba la rosa:
Inmóvil por el cielo
¡buscaba otra cosa!

 

Kassside auf die Rose

Die Rose
blickte nicht zum Morgenrot:
Ewig fast in ihrem Hort,
blickte sie ins Grenzenlose.

Die Rose
blickte nicht nach Wissen, nicht nach Schatten:
Zwischen Fleisch und Traum inmitten
blickte sie ins Grenzenlose.

Die Rose
blickte nach der Rose nicht:
Ungerührt vom Himmelslicht,
blickte sie ins Grenzenlose!

 

Vertonung Roger Scruton:
https://www.youtube.com/watch?v=R4zfENIGXm8

 

 

Okt 15 21

Terzinen von der Leere

Die Kinder fühlen es am Rand der Bilder,
die sie von Haus und Hof und Garten haben,
denn jenseits quillt das Licht, das Dunkel wilder.

Noch können sie an frommer Milch sich laben,
den krausen Sinn im Schoß der Güte glätten,
an Puppen Küsse schmecken, die sie gaben.

Doch wird nur Träumen sie vorm Abgrund retten,
als würde er sie locken mit Gesängen,
wenn sie ins Gras des Uferhangs sich betten.

Nichts ruft sie an bei winterlichen Gängen
als nur das Knirschen ihrer kleinen Schritte,
der Zweige Ächzen, die zur Erde drängen.

So wird den Herzen ausgehöhlt die Mitte,
die Himmelsiris mit den sanften Strahlen
wird blind wie Schnee, als ob sie einwärts glitte.

Wir müssen für die Einsicht schmerzlich zahlen,
wenn zwischen Sternen wir die Leere sehen.
Nur Liedes Blüten mildern uns die Qualen,

die Düfte, die durch Wüsteneien wehen.

 

Okt 14 21

Kindheit in Alt-Metternich

Wo uns gekitzelt Halm und Zittergras
und Wicken rankten sich um kahle Stangen,
erahnten wir durch Dämmers grünes Glas
im Schauern alten Efeus unser Bangen.

Wie weich ward uns am braunen Lehm der Schritt,
in Körben trugen Birnen wir und Beeren,
daß unterm Licht der Kerze sie verzehren,
den Alten brachten wir die Nüsse mit.

Durch Reben stiegen wir, noch tropfte Glut
von reifen Trauben, in abendblauer Helle
zum schönen Gnadenbild der Waldkapelle,
der Weihrauch dämpfte uns das wilde Blut.

Am Morgen sahen wir die weiße Welt,
der Stille reines Tuch war ausgebreitet.
Geläute hat zur Krippe nachts geleitet,
der Hirten Lied das Bangen uns erhellt.

 

Okt 13 21

Terzinen von herbstlichen Schauern

Als hätte Mondes Scherzen sie verdrossen,
die auf dem Wasser in die Dämmerung blickten:
Der Rosen helle Augen sind geschlossen.

Nun hab ich deine nur, die traumentrückten,
ein wenig Licht im Dickicht mir zu geben,
dem Schattenfinger schon die Lider drückten.

Als flammte wieder auf das graue Leben,
befiedern den Holunder späte Strahlen,
die Purpurfäden in das Haar dir weben.

Nun fühl ich Linderung der dumpfen Qualen,
da auf sie niederrinnen goldene Tropfen
wie kranken Blumen in erschöpften Schalen.

O Schauer, wenn aufs Moos die Früchte klopfen.

 

Okt 12 21

Herbstliche Terzinen

Noch einmal wandeln wir auf Uferwegen,
wie zittert das Gras, es hat schon Nacht getrunken.
Dem Seufzen ward ein Herz, es zu bewegen.

Des Sommers Glanz ist tief ins Ried gesunken,
die Worte, die uns blieben, flimmern wie Mücken
auf Teichen, wo die müden Häupter tunken

die letzten Schwäne, sind wie schmale Brücken,
die sich zu knospenhellen Inseln schwingen,
wo Menschen schöne Liebesgesten glücken,

wenn sie vor grünbekränzten Bildern singen.
Die Wasser aber dunkeln, schwaches Hauchen,
es kann des Sommers Duft nicht wiederbringen.

O Abschied, wenn im Herbst die Feuer rauchen.

 

Okt 11 21

Verrücktheiten der Meisterdenker

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Vernunft oder was wir gesunden Menschenverstand und die Engländer Common Sense nennen, ist bei gewöhnlichen Sterblichen zumeist auf die Angelegenheiten des Alltags beschränkt; dagegen weisen ihre ins Allgemeine schweifenden oder sich ins Spekulative reckenden Ansichten meist einen Stich ins Verstiegene, Absurde, Wahnhafte auf.

Sie trauen nicht ihren Sinnen, sondern glauben, was in der Zeitung steht.

Von den vielgerühmten und der Jugend als Vorbild angemahnten Meisterdenkern gilt zumeist, daß sie nicht einmal die im gewöhnlichen Leben und Weben eingewurzelte Vernunft bezeigen, sondern mit dem Common Sense über Kreuz liegen. Ein Parmenides etwa müßte sich fragen, ob es nicht unsinnig sei, eine Fahrkarte an der S-Bahn-Station zu lösen, da es gemäß seiner starken Intuition keine Bewegung geben kann; dasselbe könnte man von seinem Schüler Zenon von Elea sagen, wies er doch nach, daß selbst der schnelle Achill die lahme Schildkröte, gewährt man ihr nur einen kleinen Vorsprung, niemals einholen könne.

Der Meister der Meister, der vergöttlichte Plato, behauptete, die Rose sei weiß, weil sie an der übernatürlichen und einzig realen Wesenheit des Weißseins teilhabe; der schöne Jüngling schön, weil das übernatürlich Ewig-Schöne, das einzig und in Wahrheit schön genannt zu werden verdiene, in diesem sterblichen Körper erscheine oder gleichsam erstrahle. – Nun, zu sagen, etwas habe die Eigenschaft P, heißt nicht und ist logisch unverträglich mit der Behauptung, P sei etwas in dem Sinne und der Art, wie dasjenige, das die Eigenschaft P hat.

Die Basis, auf die sich die neuzeitlichen Meisterdenker, ein Fichte, ein Hegel, ein Schelling stützen, das angebliche fundamentum inconcussum des Descartes, das Cogito, gewährt uns kein Gran an Gewißheit. So ist meine Absicht, etwas zu tun, fraglos ein Gedanke, an dem zu zweifeln ich keinen Anlaß habe; aber die Bedingungen seiner Erfüllung sind bisweilen mehr als fraglich; und wenn ich eine unerfüllbare Absicht hege, täusche ich mich sogar in dem Gedanken, eine Absicht zu haben.

Nichts hindert, daß mein Freund mich besser versteht als ich mich selbst, er sieht, wie verlegen ich bin, noch bevor ich es merke.

Die Meisterdenkerthese, bestimmten logischen, epistemischen und moralischen Werten und Eigenschaften wie Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit könne man eine extramundane (Plato) oder objektive Existenz (Hegel) oder ein wenig dünner, aber immer noch penetrant aufgetragen eine kommunikativ-intersubjektive Existenz (Habermas) zusprechen, löst sich durch Analyse des in ihr versteckten logisch-grammatischen Mißbrauchs in Luft auf; dieser beruht auf dem trügerischen Gebrauch des kleinen Artikelwortes „DIE“ in Wendungen und ideologischen Schein-Sätzen dieser Art: „DIE Wahrheit wird siegen“, „DIE Vernunft behält am Ende recht“ oder „DIE neue konfliktfreie Gesellschaft der Zukunft beruht auf dem sozialen Fundament der Gerechtigkeit“; die vernichtende Analyse, die solche Sätze verdienen, wird derjenigen von Russell ähneln, mit der er den Schein-Satz „Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahl“ in die Konjunktion der Aussagen „Es gibt einen und nur einen König von Frankreich und dieser König ist kahl“ aufgelöst hat, deren erster Bestandteil offenkundig falsch ist und somit die ganze Aussage unwahr macht.

Wenn die paar Leute, aus denen die kleine Schar der Frommen der Gemeinde besteht, alle in den Kirchenbänken sitzen und knien, sagen wir rechtens, die Kirchengemeinde habe sich versammelt; aber wir sitzen ähnlich wie Alice im Wunderland einem logisch-grammatischen Mißbrauch durch Substantivierung des Eigenschaftswortes „niemand“ auf, wenn wir angesichts der Tatsache, daß sich dieses Mal niemand in der Kirche eingefunden hat, fragen, wer wohl dieser Niemand sei.

Freilich, Meisterdenker wie Parmenides, Hegel, Heidegger und Sartre haben aus dem unscheinbaren Wörtchen „nichts“ ein ontologisches Monstrum namens „Nichts“ hervorgezaubert.

Wenn wir davon reden, daß niemand im Nebenraum ist, behaupten wir nicht die Existenz einer negativen Tatsache.

Zu sagen, wie es Meisterdenker vom Rang eines Kant und Schopenhauer tun, daß wir aufgrund unserer limitierten Erkenntnismöglichkeiten und sprachlichen Mittel gleichsam in einen konkaven oder konvexen Spiegel schauen, der uns die wahren Proportionen der wirklichen Dinge, wie sie an sich sind, nur verzerrt widerspiegelt, heißt nichts zu sagen. Die Aussage ist ähnlich sinnlos wie der Satz: „Dieser Satz ist unwahr.“

Welche Dummheit lugt aus der eitlen Behauptung des Meisterdenkers Foucault, alles, was die Leute sagen, sei eine Funktion der Machtverhältnisse, in die sie verstrickt sind. – Wie, der Gehenkte kann den Strick noch einmal lockern und – eine Weile in den Abgrund des Selbstwiderspruchs blickend – frei sprechen?

Wir verfügen immerhin über drei Kriterien, an denen wir den defekten Sinngehalt unserer Aussagen bemessen können: das Kriterium, wonach sie einen logischen Widerspruch enthalten wie der Satz des Ismael, des einzigen Überlebenden beim Angriff des weißen Wals in Melvilles Erzählung, alle Reisenden seien dabei ums Leben gekommen, oder wie der Satz, daß wir in Wahrheit nichts über die Vergangenheit wissen können, weil historische Dokumente und Zeugen die Ereignisse immer schon verzerrt und korrupt von der Warte ihrer interessengeleiteten Perspektive wiedergeben; das Kriterium, wonach Aussagen durch kein methodisch kontrollierbares Verfahren zu überprüfen sind wie der Satz, daß auch Menschenaffen über mathematisches Wissen verfügen und religiöse Anschauungen haben oder der Hund weiß, wer gemeint ist, wenn sein Name über ihm am Tisch beim Geplauder der Gäste seines Herrchens erwähnt wird; und das Kriterium, wonach solche defekten Aussagen einen kategorialen Mißbrauch der Sprache verkörpern wie der Satz, die Zahl Drei sei eine vollkommenere Zahl als die Zahl Zwei, oder der Satz, das Unbewußte enthalte die wahren Gründe unseres Tuns und Redens.

Freilich, Meisterdenker wie Freud und Lacan sagen, das Unbewußte enthalte und verberge zugleich die wahren Motive unseres Sagens.

Die Meisterdenker der mittels Gleichheit herbeizuführenden oder herbeizuschießenden sozialen Gerechtigkeit wie Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Mao e tutti quanti glauben zu wissen, daß des Menschen Würde an der Abschaffung sozialer Ungleichheit und der Vernichtung parasitärer Eliten hängt. Würden aber alle Güter gleich verteilt, gäbe es bald nichts mehr zu verteilen, denn das Streben der Klugen und Tüchtigen, es besser zu machen als die Dummen und Faulen, erläge bald einem fatalen Erstickungstod.

Die Meisterdenker der universalen Moral behaupten im Angesicht der perennierenden Animositäten und Konflikte zwischen den Völkern, Nationen und Rassen, daß es in Wahrheit keine Volker, Nationen und Rassen gebe, sondern nur interessengeleitete Fiktionen und ideologische Konstruktionen dieser seltsamen Schein-Gebilde.

Die Meisterdenker der unüberschaubaren geschlechtlichen Vielfalt behaupten, die Bipolarität des männlichen und weiblichen Geschlechts sei eine interessengeleitete Fiktion und ideologische Konstruktion des Patriarchats; doch spricht der Invertierte von seinem Freund als von „seinem Mann“, indes nicht umgekehrt dieser von jenem als von „seiner Frau“, während er sich doch mit der Absicht trägt, mit ihm den Bund der Ehe, einer gänzlich und heillos patriarchalisch-monogam geprägten Institution, einzugehen.

Mit den natürlichen Geschlechtern verhält es sich wie mit den natürlichen Zahlen; ohne diese kann keine höhere Mathematik generiert werden, ohne jene keine Nachkommenschaft und Zukunft der Gemeinschaft.

Nicht die kalten Misanthropen und Pessimisten oder die glücklichen und also stillen Denker, die im Verborgenen leben, sondern die leidenschaftlich erregten Meisterdenker einer neuen emanzipatorischen Moral, die Tugend-, Feuer- und Schwefel-Prediger auf den Kathedern und Tribünen à la Marx, Lenin, Lukács et alteri, bereiten mit den scheinbar hehrsten und edelsten Absichten die großen Massenverbrechen und Genozide vor oder führen sie guten Gewissens selber herbei.

Behauptungen von zeitgeistakkreditierten Meisterdenkern, und seien sie noch so absurd und verrückt, werden gegen Kritik mit dem Hinweis darauf abgedichtet, die Kritiker seien aufgrund ihrer Herkunft, sozialen Position oder elitären Bildung und Haltung per se diskreditiert; so kann ein weißer Gelehrter und Professor nicht die natürliche Gauß-Verteilung von intellektuellen Begabungen unter den Individuen, Geschlechtern und Ethnien in detaillierten genetisch und kulturhistorisch fundierten Dokumenten aufweisen, geschweige denn daß der alte Dozent eine Analogie zwischen der Zersetzung und dem Absterben heimischer Biotope durch invasive Arten und der Aushöhlung und dem schließlichen Untergang lokaler Kulturen aufgrund der Invasion von Angehörigen fremder Völker zu bilden wagen könnte, ohne gleich nach dem Tag der Veröffentlichung oder der Kundgabe seiner Befunde seinen Hut an den Nagel hängen zu müssen, während ein sogenannter Angehöriger der People of Color unter dem Beifall der weißen alten Meisterdenker des Postkolonialismus öffentlich von der aufgrund historischer Schuld verdienten Auslöschung der weißen Rasse schwadronieren darf.

Es scheint nur Grade der Gewißheit zu geben; so können wir nicht redlich darüber handeln, wie das Wetter oder gar das Klima in hundert Jahren aussieht, ob und wo es im 3. Jahrtausend noch Künstler oder Dichter gibt, und trotz der Gewißheit des Todes können wir im Extremfall höchstens seinen ungefähren Zeitpunkt prognostizieren; selbst ob der Selbstmörder die fatale Tat begeht, kann er nicht wissen, denn in dem Falle ist er bereits tot. Die Meisterdenker aber nehmen die Legitimität, den überfließenden Krug ihrer Pseudo-Wahrheit den dürstenden Massen zu reichen, aus dem Anspruch auf ein vorgeblich absolutes Wissen, das sie aus den geheimen, aber schlammigen Quellen ihrer Inspiration schöpfen oder gar wie Hegel selbst zu verkörpern vom Weltgeist auserkoren wurden.

Eitelkeit, Selbstüberhöhung, Ruhmsucht – dies ist der vergiftete Brunnen, aus dem die Meisterdenker mit einer Schale aus Talmi-Gold den schäumenden Trank ihres dialektischen Raunens und ihrer enigmatischen Diktion schöpfen.

Je unverständlicher, rätselhafter, metaphorisch umrankter und idiomatisch getrübter der Ausdruck, je absurder, widersinniger und verrückter die Behauptung, umso ekstatischer und ergebener die Aufmerksamkeit eines Publikums, das sich zur Erholung von den Widrigkeiten des Alltags gern in seichte, leicht faulig nach Exotik oder säuerlich nach deutschem Angstschweiß duftende Abgründe locken oder bis die Sinne schwinden vor den Kopf stoßen läßt.

In den Augen des Common Sense und Alltagsverstands ist die Wahrheit trivial, etwas, was wie Brosamen vom Tisch des gemeinsamen Mahles oder wie Späne von der Werkbank des Schreiners fällt; denn DIE Wahrheit des Lebens, der Geschichte, der Sprache, der Gesellschaft und aller anderen gefeierten Allgemeinheiten existiert nicht, nur die Tatsache, ob wir über das gestrig Erlebte unserem Freund gegenüber die Wahrheit gesagt oder uns an das weiter zurückliegende Begebnis wirklich erinnert haben; oder ob wir in einem Falle mit Absicht die Unwahrheit gesagt und also unseren Freund angelogen haben, um ihn nicht mit der Wahrheit unserer Untreue zu konfrontieren; und ob wir uns im anderen Falle getäuscht und geirrt haben, weil das Erinnerungsbild sich mit einem anderen von einem ähnlichen Ereignis überlagert hat, oder ob wir ein Dokument oder einen unabhängigen Zeugen auftreiben können, mittels derer sich die Echtheit unserer Erinnerung bestätigen läßt.

In den Augen der Frommen, der Priester und Ministranten beim Kult der Meisterdenker aber ist Wahrheit ein vom Meister selbst gestiftetes Idol und eine von seinen Händen geweihte Monstranz, die ihnen nach dem Tode Gottes in das Dunkel der Ungewissheit und Endlichkeit scheinen soll; daher die Ranküne wider jenen, der es wagt, das Unding mit dem geliehenen Charisma vom Altar zu stoßen.

 

Okt 10 21

Das goldene Laub

Du siehst noch eine weiße Blüte schweben,
wenn schon die schweren braunen Früchte fallen,
rühr es nicht an, das müd gewiegte Leben.

Bei Rufen, die im Dämmergrund verhallen,
läßt jeder Hauch sie heim zur Erde sinken.
Wie Geisterlippen, die in Träumen lallen,

sind Verse, die das Gold des Herbstes trinken.
Und hörst du Blätter rascheln auf den Wegen,
wirst du vergebens mit dem Tuche winken,

und keine Liebe kommt dir hold entgegen
mit Fliederbüscheln auf den braunen Armen,
und keine Stirn will sich an deine legen.

Der Kerze Flackern mag sich dein erbarmen,
hast du entzündet sie vorm Gnadenbilde,
den Augen, die in dunklem Glanz erwarmen.

O goldnes Laub, tropf wunden Herzen Milde!

 

Okt 10 21

Leisen Liedes Glück

Der leichte Vers kann deine Schwermut tragen,
doch wie die Wellen nur, die schäumend brausen,
wie Lüfte, die sich jedem Dienst versagen,

von fern entzücken, wenn im Laub sie sausen.
Das Lied zu hören, mußt du einsam gehen
zur Schattenkluft, wo die Verbannten hausen,

die manchmal singen, wenn sie Fremde sehen,
die jenen, die sie einmal liebten, gleichen,
und Augen haben, die ihr Leid verstehen.

Das Glück, das du nicht hast, kann dir nichts reichen,
die Welle nicht und nicht des Laubes Tönen,
doch seine Kruste können sie erweichen,

den bittern Niederschlag im Kelch des Schönen.
Es kann für eines Atemtausches Schauer
das leise Lied dich mit dir selbst versöhnen.

Kein Luftgeist schenkt, kein Wellenschlag uns Dauer.

 

Okt 9 21

Gitter für die Ranken

Die Muster, die den Bildner scheinbar engen,
sind nur wie zarte Gitter für die Ranken,
die sie begrünend in die Leere drängen.

Auch Worte wollen nicht im Vagen schwanken,
sie öffnen sich wie Knospen an den Zweigen,
die schlanker Vase ihren Halt verdanken.

Und Gesten, wenn sie reine Formen zeigen,
sind schön wie Hände, die ein Licht entzünden,
wie Stirnen, die vor hohem Bild sich neigen.

Muß auch der helle Strom ins Dunkel münden,
die er an seinen Ufern weckte, Rosen,
mit Tränen durften sie vom Lichte künden.

Mäandert unser Vers im Blütenlosen,
staut ihn zurück die ungemeine Schwelle,
um die er schäumt wie Falter um Mimosen.

Der Mond leiht ihr die Gischt, der blauen Welle.

 

Okt 8 21

Erschauernd

Erschauernd unter abendkühlem Laube,
wie fällt des Herzens Blatt ins Heimatlose,
ein heller Schatten flattert fort die Taube.

Die Knospe Schmerz schließt sich, die späte Rose,
wenn mehr als ihre deine Wangen blassen,
die Bettlerinnen, daß sie Feuchte kose.

Und müssen wir vom grünen Schimmer lassen,
wir sehen noch auf Mohnes träges Beben
die Sonne ihren Purpurwein verprassen.

Ist uns die Nacht ein Gras, uns hinzugeben,
so bitten wir den Mond, die Urwelt-Spinne,
um unser Herz des Schweigens Netz zu weben.

O Tropfen Schlaf, vom Laub des Herbstes rinne!

 

Okt 7 21

Schimmer aus den Engen

Und liegen wir gekrümmt vom Weltenschrecken,
dringt noch zu uns, was edle Ahnen sprachen,
als wollte es den matten Sinn erwecken.

Reich mir die Hand, durchmessen wir die Brachen,
die blütenlosen, Wildwuchs wirrer Zeichen
um grauen Himmels Siegel, Fäulnislachen.

Wir können rohe Steine nicht erweichen
mit Tränen oder veilchenblauen Sängen,
die unter Mondes Totenmal erbleichen.

Und müssen wir uns unter Schatten mengen,
auf harschem Schorf zerkratzter Erde gehen,
wirft doch dein Auge Schimmer aus den Engen.

Wohin? Dort, wo aus Gärten Düfte wehen,
sich Blatt an Blatt des Lebens Muster färben,
dort, wo um Teiche hohe Bilder stehen.

Und ist es Traum, hat uns ein Traum zu Erben.

 

Okt 7 21

Der Zuspruch des Winds

Wenn sich die Abendschatten mahnend längen,
gehst du mit mir noch einmal durch die Lauben,
die ihren Purpur in das Dunkel drängen.

Wir wissen es und wollen es nicht glauben,
die Strahlen, die uns wärmten, sie erkalten,
die wir geliebt, entflogen sind die Tauben,

die, Schaum der Wollust, sich auf Wassern ballten,
die weißen Knospen haben sich geschlossen,
des Dickichts süße Rufe, sie verhallten.

Ihr Lieben, spricht der Wind, seid unverdrossen,
bin ich auch kalt und habe keine Lieder,
mein Bruder kehrt, wenn Hyazinthen sprossen,

mit heißen Stimmen aus dem Süden wieder.

 

Okt 6 21

Wir Lotophagen

Wir dürsten nach dem Glanz, der schuldlos funkelt,
das von ihm sprach mit tränenstummem Flehen,
das sanfte Auge hat sich uns verdunkelt.

Wir können Fühlens Maserung erst sehen,
wenn wir den grünen Stamm der Liebe spalten,
wie in Prophetenworten Flammen wehen,

wenn wir vor faden Lallens Mund erkalten.
Wie auf den Stelen wache Augen schauen
und über Knochen weiche Gesten walten,

so leuchten Blüten auf, wenn Wasser grauen.
Uns aber will der Staub Entsagung lehren,
das Wort uns nicht an Rosen niedertauen.

Es rufen Stimmen uns zu fremden Meeren,
zum Strand, wo leere Muscheln wunders klingen,
von Jenseitsinseln Geister wiederkehren.

O daß sie unserm Schmerz den Lotos bringen!

 

Okt 5 21

Die Hierophanie

Wenn goldne Bilder von den Wolken wehen,
macht heilig uns die Gabe, schön das Danken,
gefaßter können wir ins letzte Dunkel gehen.

Ein Strahl fällt durch die Dämmerranken
auf eine Schläfe und es lodern Locken,
und der Getroffne fühlt ein süßes Wanken.

Den Zeugen aber bleibt die Zunge stocken.
Der Auserwählte spricht: „Die Stätte weihet,
streut auf die Erde Blüten, weiße Flocken,

und Stelen zwischen den Holundern reihet,
die euch von hoher Chöre Anmut künden,
wie sie dem weichen Schritt Gesang verleihet.

Ein Brunnen soll sich in der Mitte ründen,
gefüllt mit reinen Wassers Himmelsbläue,
ein Schimmer Stunden noch, die sternlos münden.“

Hielt wohl die kleine Schar dem Wort die Treue?

 

Okt 4 21

Der Gnadenquell

Siehst du dich schon am blauen Abgrund stehen,
hinweggefegt sind kühner Hoffnung Zeichen,
die wolkenfiedrig nur der Frühe wehen,

siehst du im Abendlichte Lilien bleichen,
kommt sie aus grünem Dämmer dir entgegen,
um ihre Hand, die fühlende, zu reichen.

Und eure Schritte dämpft das Moos auf Wegen,
die wunderlich sich unter Sternen winden,
als schenkten Blicke lichtem Dunkel Segen.

Und könnt ihr auch den Gnadenquell nicht finden,
ihr hört das süße Rauschen aus dem Tale.
Daß sich der Seufzer spröde Lippen ründen,

ihr Mächte, neigt den durstigen die Schale!

 

Okt 3 21

Der trockene Quell

Ein roter Mund will keine Nänien singen.
Und hören wir im Winde Geister stöhnen,
ist Rauschen es, wenn Herzen auf sich schwingen.

Wie möchte uns das Bild der Locken höhnen,
die golden fluteten den Jugendtagen
und ebbend nun belächeln alle Schönen.

Wir wollten preisen und wir führen Klagen.
Die Blicke, die uns aus der Trübsal rissen,
sind schwach und können uns nicht höher tragen.

Ein roter Mund will keinen bleichen küssen.
Und dämmern uns des Winters ernste Flocken,
erhellen Liebespfade Stern-Narzissen.

Wie fällt der Quell des trunknen Rühmens trocken!

 

Okt 2 21

Der Aufbruch

Wir hatten bald den Lärm der Stadt im Rücken,
in dem kein Dichter singt vom Glanz des Lebens
und keiner Liebe Verse, leise, glücken.

Dort suchten wir den Quellengeist vergebens,
den nur im Schlafe hören reine Toren,
aus dem nur Herzen schöpfen stummen Bebens.

So gaben wir den Teer dem Nichts verloren,
den schwitzenden Asphalt, das Glas der Blinden,
die Mächten dienen, die noch nie geboren.

Doch konnten wir auf freiem Feld nichts finden
als Mondes Grinsen, Ranken, die verglühten
vor Durst, sich um ein hohes Bild zu winden.

Ihr süßen Wasser, Hymnen Trank und Blüten!

 

Okt 1 21

Der Lauf des Tages

Der Lauf des Tages, eingewoben
in einen Kranz ein schmaler grüner Zweig
und manchmal eine kleine Veilchenblüte,
zeigt uns den Sinn des Lebens ganz,
und wenn er sich zerstreut, hinweggetragen
auf tiefem See der Dämmerung ein Blatt,
sind wir es, die im Grenzenlosen uns entgleiten.

Schenkt dir die Frühe aber Schmelz und Tau,
tropft er an losen Fäden wie am Moos des Schlafs
vom Rande auf den Stein des Pfads hinab,
hat Unschuld deines Grußes frischer Mund.
Im jähen Blick des Kindes, das zur Schule eilt,
siehst du die Innigkeit des Lichts
wie einer Muschel Perlmuttglanz.

Du spannst mit tiefen Atemzügen
das vibrierende Glitzern deiner Zeilen
über einen dunklen Hof des Schweigens.
Du strickst das alte Muster fort
und flichst ein neues Wappentier hinein.
Du malst vorm Wasserspiegel eines lichten Traums
dein Bild mit irdenen Farben, Farben auch des Ozeans.
Und hast du heut ein Werk vollbracht,
schenkst du’s den sanften Blicken deiner Liebe.

Und mögt ihr zweisam in den Abend gehen,
wenn noch der Mohn um die Kapelle glüht
und rings die Ahnengräber dunkler sinnend grünen,
die Glocke des Gebets ist schon im Dunst verhallt,
wird euch, den kühlen Hauch zu fühlen,
von Sternenlicht erquickt,
der Erde herben Duft zu trinken,
der von den trockenen Kräutern müden Wachstums spricht.

Zum Ufer geht ihr rasch hinab,
dem Lied des Wassers hinzugeben,
was da blieb an ungesagtem Schmerz.
Was aber eine zarte Hand gepflückt,
einer scheuen Aster Leuchten,
schwimmt noch lange unter feuchten Funken,
bis wie ein Herz ins Herz es fern erlischt.

 

Sep 30 21

In die Luft geschrieben

Auf die große blaue Tafel
schreibt der Geist sein Luftgedicht:
Leuchte Wolke, narre Nebel,
ranke Schatten, singe Licht.

Was versiegt, wird wieder quellen,
ebben, fluten Stromgesang,
Blumen, die den Tag erhellen,
abends macht ihr Duft so bang.

Samt des Wassers ziert mit Blüten
Sonne aus und Schwester Mond,
wenn auch dämmernd Blicke glühten,
Herz, es blieb vom Brand verschont.

Auf des Abgrunds blauen Seiten
schreibt der Blitz sein Epigramm,
merk es, Dichter, dir beizeiten,
Regen kommt, der graue Schwamm.

 

Sep 29 21

Verschmähte Liebe

Sie schimmern auf, als ob sie Engel riefen,
geheimer Schmerzen lilienblasse Hüllen,
sie scheinen heller über blauen Tiefen.

Wenn sie die leeren Stunden uns auch füllen
mit dem Gewölke graziöser Reigen,
sie können unsren wunden Geist nicht stillen.

Und die uns weich aus trunknen Dämmers Zweigen
auf dunkle Teiche unsrer Trauer fallen,
uns, die sich unters Joch der Sterne neigen,

die Tropfen klingen süß wie Kinderlallen,
doch kann das Seufzen es nicht übertönen,
von Geistern, die in unser Herz sich krallen.

O blind verschmähter Liebe Wollust-Höhnen!

 

Sep 28 21

Eine dumme Idee

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Gäbe es einen faßbaren, wenn auch vielleicht nicht leicht faßbaren, Sinn der Welt, hätte er sich längst offenbart (jedenfalls den feineren Geistern). Aber es ist ein Stimmengewirr wie im Tollhaus.

Man sagte leichthin: Alles ist Wasser, ist Feuer, ist Luft oder Geist. Aber wenn gälte, alle x sind P, muß P eine ganz triviale Eigenschaft sein, die Gott und Satan, Buddha und Pol Pot, Krethi und Plethi, Falter und Wurm gleicherweise aufweisen müßten.

Dummheit sagt: Empirische Sätze oder Sätze der Naturwissenschaft sind die einzig relevanten, uns angehenden Sätze. Aber DIESER Satz ist KEIN empirischer Satz, KEIN Satz der Naturwissenschaft.

Dummheit sagt: Intelligenz ist die Eigenschaft, deren komplexe Form uns von den Tieren unterscheidet. Aber Intelligenz ist durchaus im Tierreich, ja im Pflanzenreich beheimatet; sie läßt sich als Modus der Verarbeitung sensorischer Daten wie visueller und akustischer, taktiler und olfaktorischer Sinneseindrücke modellieren. In dieser Hinsicht können wir die mysteriöse, raffiniert aufeinander abgestimmte Kooperation von Rose und Hummel, die Schwarm-Intelligenz von Ameisen, Termiten und Bienen niemals übertreffen. Aber der stumpfsinnige Kretin ist in der Weise anders als sein Hund, als er ihm, nicht dieser jenem, einen Namen gibt und im Gegensatz zu Fips weiß, was gemeint ist, wenn man von Fips spricht.

Die Fähigkeit zu verstehen, welcher Gegenstand, welches Ereignis oder welcher Sachverhalt durch Vermittlung eines akustischen oder grafischen Zeichens gemeint ist, können wir als das spezifische Humanum bezeichnen.

Die uns auszeichnende spezifische Intelligenz geht in dem Maße über Modelle der Verarbeitung sensorischer Daten hinaus, als wir die sensorischen Qualitäten in prädikative Eigenschaften von Sätzen über Dinge, Ereignisse und Sachverhalte umwandeln. Wir bedürfen nicht des sensorischen Komplexes, der von Fips verursacht wird, um über den Hund Fips oder die Tatsache, daß er gerne Männchen macht, reden zu können.

Das Tier ist ein Gefangener dessen, was wir Zeichen erster Ordnung nennen können, der Symptome des Lebens wie der wütenden Mimik des Rivalen, Zeichen, die es nicht als solche wahrnimmt, weder deutet noch versteht, sondern gleichsam wie ein fließendes Gewässer durchwatet.

Gefragt, ob sich im Konferenzraum des Hotels noch Gäste aufhalten, antwortet der Kellner, der Raum sei leer. Dies anzugeben bedarf keiner großen Einsicht, keiner hochgezüchteten Intelligenz; aber zu sagen, daß etwas nicht vorhanden sei oder ein Ereignis nicht stattgefunden habe oder eine Tatsache darin bestehe, daß sie einen positiven Sachverhalt nicht erfüllt, ist ein Indiz für die spezifisch menschliche Fähigkeit, Urteile zu bilden, in denen Gegenständen Eigenschaften zu- und abgesprochen oder Weltzuständen das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten zugewiesen wird.

Peter ist nicht zu unserer Verabredung gekommen; hätte er nicht getrödelt, wäre ihm der Zug nicht vor der Nase davongefahren.

Wir können durch überlegte Verwendung der Negation über nichtbestehende Sachverhalte sowie irreale negative Bedingungsgefüge reden; eine Fähigkeit, die einzig der Tieren abgehenden semantischen Mächtigkeit natürlicher Sprachen zu verdanken ist.

Was wir Denken nennen, ist nicht die Leistung einer technischen Intelligenz oder die systematische Auswahl und methodische Anwendung geeigneter Mittel und Verfahren zur Erlangung vorgegebener Zwecke; ähnlich dem Affen, der einen Zweig als Stöckchen benutzt, um unter der Baumrinde nach Ameisen zu fahnden. Wir können an unseren verstorbenen Freund denken, ohne noch eine bestimmte Absicht damit zu verbinden, doch können wir es nicht, ohne uns beispielsweise seines Namens zu erinnern oder dessen zu gedenken, was er zu uns sagte. Aber der Name des Verstorbenen oder der Klang seiner Stimme hat in unserer Erinnerung nichts weniger als die Präsenz eines leisen, verklingenden Echos.

Wenn uns im Traum der Gedanke überkommt, daß wir träumen, stoßen wir an eine Grenze, die wir nur überschreiten, wenn wir erwachen.

Doch für den Gedanken, der sich im Gehäuse des Schädels oder der Sprache wie in einem Traume eingeschlossen wähnt, gibt es kein Erwachen.

Unser Mitbewohner kann uns sagen, in welcher Nische oder Schublade wir den Schlüssel verlegt haben; doch mit uns selber allein finden wir den Schlüssel unserer Existenz nicht.

Die fragile Exzellenz des Menschen besteht in der Fähigkeit, Kennzeichen zur Markierung seiner Identität, seiner Herkunft, seiner Zugehörigkeit zu verwenden. Kein Menschenaffe legitimiert sich beim Übertritt über die Grenze zu einem fremden Territorium mittels eines Ausweises oder Passes, der seine Identität, seine Herkunft, seine Zugehörigkeit angibt; kein Menschenaffe trägt ein Emblem am Revers, das ihn als Mitglied des Schachclubs, des Kirchenchors der Gemeinde, des Schützenvereins, des Unternehmerverbands oder der Vereinigung avantgardistischer Künstler in seinem Provinzstädtchen ausweist.

Die Angehörigen eines Ameisenstammes, eines Bienenschwarms, einer Vogelkolonie oder einer Affenhorde erkennen den Eindringlich eines fremden Gen- und Phänotyps nicht anhand symbolischer Kennzeichen oder Embleme, sondern an visuellen und chemischen Signalen; Signale wirken unmittelbar kausal, Kennzeichen, Embleme und Symbole wirken aufgrund korrekter oder verfehlter Interpretation.

Wenn der Schüler auf die Tafel schaut, sieht er keine vom verrückten Mathematiklehrer wahllos hingekritzelten seltsamen Kringel, sondern eine Reihe von Zahlzeichen, die er gelernt hat, als eine Gleichung zu lesen.

Das zeichenhafte Emblem am Revers des weißbärtigen alten Mannes steht für die Aussage: „Ich bin Mitglied im Kirchenchor“; die Zahlzeichen auf der Tafel stehen für die Anweisung für ein operationelles Handeln durch regelhafte Transformation; denn sie lassen sich in die Aussage fassen: „Berechne durch Umstellung der Gleichung x2 + 2 = 18 die Unbekannte x“, nämlich: x2 = 18–2 = 16; also x = 4.

Kommt der Schüler zu einem anderen Ergebnis, tolerieren wir es aufgrund dessen, daß wir das richtige kennen, nicht.

Ein herausragendes Merkmal der menschlichen Lebensform ist die Leistung von kurz- und längerfristigen Übereinkünften, vertragsähnlichen Bindungen und Absprachen und der sie bezeugenden Gesten und Dokumente für die Ordnung des Zusammenlebens, ob es sich um eine bindende Zusage per Handschlag, einen Ehevertrag, einen Geschäftsabschluß oder ein Friedensabkommen handelt. Zukunftssicherung, die sich auf das Herkommen und die Siegel archivierter Akten stützt, ist der zeitliche Modus menschlichen Sinnens und Trachtens.

Schriftliche Monumente verbinden uns mit dem Geist der Jahrtausende. Das Leben der Tiere rinnt gedächtnislos dahin.

Es ist eine törichte, aber verbreitete Annahme, aufgrund der Tatsache, daß wir mit manchen unserer Interpretationen danebenliegen, seien all unsere Interpretationen von Zeichen auf Sand gebaut.

Aber aufgrund der Tatsache, daß der Fußgänger bei Grün über die Straße ging und unbeschadet auf die andere Seite gelangte, weiß ich, daß er die grüne Ampel richtig als Zeichen für „Jetzt kannst du gehen“ verstand, und wenn er bei Rot über die Straße ging und von einem Auto erfaßt wurde, weiß ich, daß er die rote Ampel entweder fälschlicherweise als Zeichen für „Jetzt kannst du gehen“ verstanden oder ignoriert hat, weil er lebensmüde oder farbenblind ist.

Die wahrlich dumme Idee, die selbst in einen hellen Kopf wie den eines Kant ihren Schatten warf, besteht in der Annahme, daß uns aufgrund der Subjektivität unseres Wahrnehmens und Verstehens, aufgrund des subjektiven Gebrauchs der von uns geschaffenen Zeichen und der von uns gesprochenen Sprachen der Zugang zur wahren Gegenständlichkeit und unverstellten Objektivität dessen, was wir wahrnehmen, darstellen und verstehen, auf immer verwehrt sei.

Indes gilt: Subjektivität ist die Voraussetzung sine qua non von Objektivität.

Wenn der Arzt sein „Exitus“ gesprochen hat, wissen wir um das tatsächliche Ende, den wirklichen Tod unseres Vaters oder unseres Freundes, kein tröstlicher Hinweis auf den metaphysischen Unterschied zwischen einer phänomenalen und einer noumenalen Dimension kann uns den Abgrund der Sterblichkeit füllen.

Dennoch hat recht, wer davon spricht, daß wir aufgrund der Subjektivität unseres Daseins anders sterben als die Tiere.

Wir sagen nicht: „Ich habe heute morgen unseren alten Freund Peter im Park getroffen – jedenfalls schien es Peter zu sein, doch wer oder was diese Erscheinung, auf die ich traf, in Wahrheit und an sich ist, das können wir ja bekanntlich nicht wissen“, sondern wir sagen schlicht die volle und ganze Wahrheit, wenn wir sagen: „Ich habe heute morgen unseren alten Freund Peter getroffen“, eine Aussage, die keinen prinzipiellen Zweifel der genannten skeptischen oder erkenntniskritischen Art offenläßt, ja nicht einmal den relativen, ob es nicht sein Zwillingsbruder gewesen sein könnte, denn Peter hat keinen.

Wir äußern Sätze mit einem hohen Grad an Gewißheit wie: „Die chemische Analyse ergab, daß die Flüssigkeit Wasser ist“ oder: „Die DNA-Analyse ergab, daß es sich um den Täter handelt“, aber schränken ihre Geltung nicht auf eine verstiegene Art ein, indem wir hinzufügen: „Was immer der Stoff, den wir Wasser nennen, eigentlich sein mag“ oder „Was immer sich hinter einem Träger von Genen eigentlich verbirgt.“

Die dumme Idee, daß wir etwas auf Französisch oder Englisch anders meinen könnten als auf Deutsch, widerlegt die logische Tatsache, daß wir aus dem französischen Satz „Ce liquide est de lʼeau “ und dem englischen Satz „This liquid is water“ dieselben Folgerungen ziehen wie aus dem deutschen Satz „Diese Flüssigkeit ist Wasser “ – ob wir sie nun trinken oder die Blumen damit gießen.

Mag der Indigene des ewigen Eises und Schnees mit seinem fein nuancierten und differenzierten glazialen Vokabular für diese und jene Sorten Eis und Schnee uns lexikalisch in den Schatten stellen, wir können die Sachverhalte, auf die er sich bezieht, schlicht mit dem bescheidenen Begriffsduo Eis und Schnee wiedergeben, ohne das, was er meint, grundsätzlich zu verfehlen.

Freilich, die dumme philosophische Idee mutiert zu einer regelrechten Eselei, wenn sie sich mit Versatzstücken darwinistisch-neurophilosophischer Pseudo-Theorien garniert. So müssen wir Sätze vernehmen wie: „Die Evolution hat uns nur mit den Sinnesorganen ausgestattet, die für unser Überleben nützlich sind; deshalb nehmen wir die Dinge in der Weise wahr, daß wir hienieden über die Runden kommen, nicht aber so, wie sie in Wahrheit sind.“ Oder: „Was wir unser Selbst nennen, ist nur ein biologisch zweckdienliches neurologisch generiertes Selbst-Modell, dem in Wirklichkeit keine Entität entspricht.“

Nun, wir betrachten und hören, was nicht den geringsten biologischen Überlebensvorteil verspricht, weder im direkten noch abgeleiteten Sinn, Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien, Bilder von Raffael, Tizian und van Gogh, Lerchen und Nachtigallen, die Musik von Bach, Mozart und Bruckner. Wir sagen, wenn unser Freund hinter der Pforte, an die wir geklopft haben, „Wer da?“ ruft, ohne Zögern und pseudophilosophische Bedenken „Ich“, denn wir wissen nicht nur, daß er uns an unserer Stimme erkennt, sondern auch, daß wir ihm nicht als Schein-Wesen oder biologisch generiertes Phantom, sondern als leibhaftige Person begegnen.

Wir verwandeln die Qualitäten unserer sinnlichen Wahrnehmung wie „heiß“, „feucht“ und „rötlich“ in Prädikate eines deskriptiven Satzes, von dem wir eine Hypothese ableiten, die wir auf ihre Wahrheit und Falschheit überprüfen können. Von dem Befund, daß sich die Stirn unseres Freundes heiß und feucht anfühlt und seine Augen gerötet sind, schließen wir auf die Vermutung, daß er Fieber hat, und diese können wir unter Zuhilfenahme eines Thermometers überprüfen.

Die Behauptung, aufgrund der conditio humana und unserer kontingenten biologischen Ausstattung seien unsere Urteile wie in einem konkav oder konvex gekrümmten Spiegel prinzipiell verzerrt, könnten wir aufgrund eben dieser prinzipiellen Limitierung unseres Erkenntnisvermögens nicht einmal aufstellen, geschweige denn belegen.

Aber wir sind durchaus in der Lage, durch kritische Prüfverfahren Beschränkungen und Verzerrungen unserer Wahrnehmung und unseres Erkennens ans Licht zu fördern. So korrigieren wir die scheinbar gebrochene Linie des ins Wasser getauchten Stabs, so die scheinbare Entfernung des Monds von der Erde durch die exakte Messung anhand von reflektierten Laserstrahlen.

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.

Wie fern oder nah aber ist jener Mond, von dem Goethes Gedicht „An den aufgehenden Vollmonde“ von 1828 spricht? Wir verfügen über kein faktisches oder physisches Maß, um die gefühlte Ferne und Nähe der Geliebten zu vermessen. Sie kann neben dir auf dem Bett liegen und Lichtjahre entfernt sein; sie kann durch den Abgrund des Grabes von dir entfernt sein, und im Wehen der sommerlichen Abendluft fühlst du ihren Hauch.

 

Sep 27 21

Der letzte Freund

Sein helles Fell ist weich wie Moos und
doch so zottig wie verfitzte Baumwollfäden.
Manchmal bleiben Kletten darin haften,
die klaubst du heraus und striegelst es wieder glatt,
während auf seinen dünnen Beinchen
unter deinen guten Worten zittert
der treue Kumpan.

Wetzt er, heiß ist der Sommertag, das Blau des Himmels, es tönt,
nach dem roten Ball, den weit du geschleudert,
siehst seine Ohren du hüpfen
über Farnen und zwischen Ginsterbüschen,
freudig vernimmst du sein jubelndes Bellen.

Unter ihm knistert das Gras,
er bringt es dir wieder zurück,
sein immer wieder träumerisch angeknabbertes Spielzeug,
läßt den Ball vor deine Füße rollen,
rascher, als das Herz zu pochen vermag,
dreht sich im Kreise der Schweif.
Er aber steht wie bettelnd vor dir
und schaut dich an,
schaut dich fragend an.

Schleckend schiebt er den blechernen Napf
über die Fliesen, bis er leer ist und silbern erglänzt.
Erblickt er auf freiem Felde den Hasen
aufrecht sitzend die Pfoten sich lecken,
und wie er träge-genüßlich über die Augen sie reibt,
scheint er ihm ein Gespenst,
ihm sträubt sich das Fell, er versteckt sich.

Abends liegt er, lang war der Sommertag
und samtgewandet der schenkende Himmel,
eingerollt liegt er unter dem Sessel.
Nur die trockene Schnauze ragt in den Dämmer,
bisweilen funkelt ein Auge empor,
und wie gedankenverloren schließt sich das Lid.
Wendest du raschelnd die Seite
und überkommt ein Seufzen dich bei der Stelle:

Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß
Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit …

vernimmst du ein sanftes Klopfen
auf dem Teppich dort unten,
wenn das fühlende Tier halb im Schlaf
oder träumend, ach, träumend wovon,
aufgeschreckt wedelt.

Am Ufer seid ihr zu Haus,
du im währenden Liede des Wassers,
Rauschen, worin die Einsamkeit sich vergißt,
aber wider die Wogen kläffend der Freund,
der närrische, wenn die geschüttelten Lefzen ihm triefen
vom Schwall der Schäume, wonach er geschnappt.

Blickst wieder du, die Luft des Sommerabends ist lau
und Wohlgeruch strömt aus den Gärten,
aus dem offenen Fenster hinaus, ein Somnambule der Liebe,
zur Stunde, da immer sie zu euch kam,
du aber winktest ihr zu mit dem Taschentüchlein, dem weißen,
und kommt, wie ein Windhauch vor dem plötzlichen Regen,
ihr Name dir über die Lippen,
hörst du ein Winseln in deinem Rücken, ein leises Winseln.

 

Sep 26 21

Unterm schrägen Strahl

Du hattest deinen Schal apart geschlungen,
dein Lächeln wurde herbstlich untermalt
von seinen humusweichen Tupfen.

Wir sahen Schimmer von den Mauern rinnen,
Grünspan, dämmerndes Vergessen,
und Glanz, als tränken Gräser Schlaf.

Der Schrei des Kranichs war verklungen,
die dunkelblaue Woge, die er tief gestreift,
schlang lichter Ferne Bild hinab.

Und deine Lider sanken, blütenblind,
von Ungesagtem glommen deine Lippen,
o Rose, die im schrägen Strahl noch glüht.

 

Sep 25 21

Die archetypische Redesituation

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Dort!“, flüstert der Jäger oder der Krieger seinem Kameraden eindringlich zu, wenn er ihn, mit dem Wort und dem Fingerzeig zugleich, auf die Nähe der zu erlegenden Beute oder des bewaffneten Feindes hinweist.

Wir können Äußerungen wie „Dort!“, „Jetzt!“, „Vorwärts!“, also Aufforderungen und Befehle nicht zeichnen oder rein grafisch darstellen; sie bedürfen des sprachlichen Ausdrucks.

Die Verlautbarung eines Befehls durch den, der über die Autorität, etwas zu befehlen und anzuweisen, verfügt, sowie die Ausführung des Befohlenen durch den, der in seinem Dienst steht, scheinen eine der primitiven Formen sozialer Kooperation darzustellen, die vor der Existenz einer artikulierten Sprache nur rudimentär ausgeprägt, nicht aber zur sozialen Vollgestalt entwickelt worden sein konnten.

Das Bild auf dem Warnschild, auf dem der Autofahrer Steine von einem ragenden Felsen herabbröckeln sieht, kann seine präskriptive Funktion, auf die Gefahr des Steinschlags aufmerksam zu machen, nur im Kontext des Befahrens oder Begehens eines Weges zur Geltung bringen; ansonsten „sagt“ es nichts über eine mögliche Gefahrenquelle.

Es ist von großem Vorteil, wenn der Feind die Aufforderung „Dort!“ oder „Vorsicht!“ nicht versteht, weil er dieser oder der Sprache überhaupt nicht mächtig ist.

Der Befehlshaber weiß, daß der Untergebene seine Anweisung verstanden hat, wenn er sieht, daß er sie befolgt.

Die archetypischen Befehlshaber sind die Eltern, die archetypischen Hörer sind die gehorsamen Kinder.

Der Archetyp von Befehl und Gehorsam steht am Beginn der Religion; wobei nunmehr die hörenden und gehorsamen Menschen die Stellung von Kindern gegenüber den göttlichen Ahnen einnehmen.

Der Vater weiß, daß der Sohn seine Anweisung verstanden hat, wenn er sieht, daß er das Feld pflügt, die Saat ausbringt oder die Ähren schneidet.

Das Kind versteht die Züchtigung als Strafe dafür, den Anweisungen des Vaters nicht willfahrt zu haben. Der religiöse Mensch versteht die Krankheit, die Mißernte, den feindlichen Überfall als Strafe für eine Sünde, das heißt eine Form des Ungehorsams gegen die göttlichen Weisungen.

Die biblische Erzählung von der Offenbarung und Aushändigung der Befehle Gottes in Form der Gesetzestafeln an das jüdische Volk durch Mose können wir nicht als sagenhaftes Dokument vom Ursprung einer Religion überhaupt lesen, denn sie setzt die kulturgeschichtlich spätere Erfindung der Schrift voraus.

Die Anweisung Gottes an Abraham dagegen, aufzubrechen in das verheißene Land, die einen frühen historischen Horizont vor dem Aufkommen der Schrift aufweist,, bildet die religiöse Form der archetypischen Redesituation.

Anweisungen implizieren die Existenz von Gedanken, Gedanken aber sind Fragmente, Teilmengen oder Ausschnitte von Weltbeschreibungen; so impliziert die Anweisung „Vorsicht!“ den Gedanken „Dort nähert sich der Feind“, der wiederum Teil einer Weltbeschreibung ist, in der ein geographischer und kultureller Raum in die jeweils eigene und die korrespondierende fremde Welt untergliedert wird.

Welchen Gedanken und welche Art der Weltbeschreibung eine Anweisung impliziert, muß derjenige, dem sie gilt, aus dem Äußerungskontext und den Umgebungsbedingungen der archetypischen Redesituation erschließen.

Unvollständige Anweisungen können nicht oder nur scheinbar ausgeführt werden. Der Anweisung, den Haufen Bücher in das Regal einzusortieren, fehlt die Angabe des Kriteriums, gemäß dem eine solche Einreihung zu geschehen habe (nach Farbe, Sachgruppe, alphabetischer Reihe der Autorennamen).

Was wir einen Gedanken nennen, ist daher nur ein echter Teil einer Weltbeschreibung, wenn er Kriterien nennt oder enthält, nach denen die Elemente der zu beschreibenden Welt geordnet, gegliedert, strukturiert sind oder sein sollen.

Daher impliziert die archetypische Redesituation unter anderen Gedanken den Gedanken der Ordnung und Struktur, das heißt der Möglichkeit, verschiedene Gegenstände oder Weltelemente aufgrund des Kriteriums einer oder mehrerer spezifischer Eigenschaften verschiedenen Mengen zuzuordnen. Somit enthält die archetypische Redesituation keimhaft den Gedanken formaler Systeme, wie sie Logik und Mathematik zu entfalten berufen sind.

Keine Weltbeschreibung ohne Koordinatensystem. Der Nullpunkt des archetypischen Koordinatensystems ist der Ort des Sprechers, der Ort, an dem wir von uns in der ersten Person sprechen. Der Hörer muß demgemäß die Koordinaten des Sprechersystems in seine eigenen „übersetzen“; dies geschieht mittels einer geregelten Transformation. So befindet sich, was für den Sprecher links heißt, für den Hörer rechts, so heißt, was der Sprecher mit „du“ meint, auf Seiten des Hörers „ich“, und was der Sprecher meint, wenn er sagt „Ich glaube, dort droht Gefahr“, gibt der Hörer mit dem Satz wieder „Er glaubt, dort drohe Gefahr.“

Im cartesischen oder objektiven Koordinatensystem sind die Spur des Sprechers und die archetypische Situation der Rede zugunsten metrischer Angaben über Vektoren oder in Zahlenverhältnissen darstellbare Funktionen und Gleichungen, beispielsweise die Funktion x2 oder die Gleichung y = x2–1, aufgelöst und getilgt. Wir könnten mittels einer solchen Metrik die labyrinthischen Verläufe unserer Lebensbahn zwar objektiv darstellen, ermangelten aber der Möglichkeit, sie als Bahn unseres eigenen Lebens zu identifizieren.

Anweisungen oder Aufforderungen im Kontext der ursprünglichen Redesituation implizieren, wie gezeigt, Gedanken; Gedanken aber können immer in der Form deskriptiver Aussagen dargestellt werden. Ihr Kern oder das, was wir den Satzradikal nennen können, der in allen Aussagemodi wie Aufforderung, Frage oder Zusage als deskriptive Konstante fungiert, besteht demnach in einem Ausdruck, dem wir eine referentielle Bedeutung zuweisen, wie dem Ausruf „Vorsicht!“ in der gegebenen Äußerungssituation die Bedeutung „gefährliches Tier“.

Der Satz „Junggesellen sind unverheiratet“ stellt eine definitorische Tautologie dar, er hat keine referentielle Bedeutung. Nur nichttautologische oder kontingente Aussagen wie „Peter ist ein Junggeselle“ haben eine referentielle Bedeutung. Wir erkennen dies daran, daß es sich aufgrund näherer Beobachtung herausstellen mag, daß Peter kein Junggeselle ist, aber keine noch so intensive empirische Untersuchung die Wahrheit der Annahme bestätigen könnte, daß dieser oder jener Junggeselle verheiratet ist.

Die Tatsache, daß wir in unseren Annahmen falsch liegen können, ist die unmittelbare Folge der Kontingenz unserer empirischen Aussagen. Daher können wir kein mathematisch fundiertes System der Semantik bilden, ohne kontingente Formen des Urteils, und dies sind die für unsere Lebensform entscheidenden, auszuschließen.

Wir können einen kontingenten Satz wie „Peter ist Junggeselle“ zwar formalsemantisch in den Funktionsausdruck „x ist Junggeselle“ auflösen, erhalten aber für das Argument „Peter“ nur einen eindeutigen Wahrheitswert, wenn wir Peters Identität durch andere als logische Verfahren festgestellt haben.

Die primitive Aufforderung der archetypischen Redesituation kann keine spontane Lautgebärde sein, die über die emotionale Gestimmtheit des Sprechers hinaus nicht auch das granum salis eines bedeutsamen Gedankens enthielte. Selbst die spontane Bekundung des Erstaunens in der Lautgebärde „O!“ enthält den Gedanken oder den intentionalen Gehalt hinsichtlich des Gegenstands, der das Erstaunen ausgelöst hat.

Wir können nicht annehmen, daß sich Gedanken in letzte nichtintentionale und nichtreferentielle neuronale Elemente, Strukturen oder Ereignisse auflösen ließen, ohne uns in Widersprüche zu verstricken; denn neuronale Strukturen und Ereignisse können nichts darstellen oder bedeuten, demnach keine internen Elemente sprachlicher Handlungen oder sprachlich dargestellter Gedanken sein. Die Warnung „Vorsicht!“ aber muß von etwas handeln oder sich auf ein gefährliches Objekt beziehen, dessen Gegebenheitsweise phänomenal, nicht jedoch neuronal sein muß.

Wesentlich für die Struktur des Urteils, in die wir unsere Gedanken kleiden, ist die Möglichkeit seiner Negation. Der Hörer mißachtet die Warnung, weil er aufgrund von Beobachtungen zu dem Urteil gelangt ist, daß an besagtem Ort kein gefährliches Tier auf der Lauer liegt.

Die Aussage „Dort ist kein gefährliches Tier“ bedeutet, daß von allen Tieren, denen wir das Prädikat „gefährlich“ zuschreiben, nicht eines sich an dem gemeinten Ort aufhält. Die singuläre Aussage impliziert demnach eine universelle oder All-Aussage.

Die Warnung „Vorsicht!“ impliziert unter den angemessenen Umständen, daß dort beispielsweise ein gefährliches Tier lauert, auch wenn sich herausstellt, daß dies nicht der Fall ist. Wir bilden demnach schon mit den primitiven Äußerungen der archetypischen Redesituation Modelle alternativer Weltbeschreibungen, insofern die Negation der Annahme, daß dort ein gefährliches Tier lauert, die Möglichkeit einer Situation und Beschreibung impliziert, in der es hätte der Fall sein können, daß dort ein gefährliches Tier gelauert hätte.

Aus dieser Beobachtung folgern wir die Tatsache, daß die archetypische Redesituation alle komplexen sprachlichen Strukturen enthält, die uns dazu dienen, nicht nur die Bedeutung der Beschreibung bestehender Weltzustände in der Form „wenn p, dann q“ oder nichtbestehender Weltzustände in der Form „wenn p, dann nicht q“ gedanklich zu erfassen, sondern darüber hinaus auch kontrafaktische Annahmen der Form „wenn nicht p, dann nicht q“ zu bilden.

Der Ausruf „O!“ ist der Keim sowohl des dichterischen als auch des philosophischen Gedankens in der archetypischen Redesituation. Wir teilen mit ihm unser Erstaunen über etwas Unerwartetes, bisher Übersehenes oder nicht Bedachtes mit und wollen dadurch zugleich die Aufmerksamkeit des Hörers auf ein Phänomen lenken, das wie die strahlende Augenimago auf dem Flügel des Falters, der Gesang der Nachtigall oder die Stille und das transparente Licht über der schneebedeckten Landschaft durch seine außeralltägliche Aura bestrickt oder wie die Leuchtspur des Kometen, die Sonnenfinsternis oder die Unverständlichkeit der Sprache des Fremden durch seine rätselhafte Erscheinung verblüfft.

Der Ausruf „Ach!“ ist die Lautgebärde der sich selbst fühlenden und keiner Geschwisterseele gänzlich mitteilbaren Einsamkeit, ob in der Leere, die der Verlust eines geliebten Wesens aufgetan hat, oder angesichts des flimmernden nächtlichen Sternenhimmels, der sich in den ungeheuren Weiten verliert, die Pascal als Abgrund empfand, Gebärde einer Klage, die uns nicht einmal das Lächeln des Sonnengottes, des gütigen und grausamen Vaters aller Taggestalten, zu mildern vermag, nicht einmal im Rieseln und Rauschen des Wassers verhallen will.

 

Sep 24 21

Das Traumbild, das wir sind

Wie weiße Blüten fortgetragen
von einem seelenlosen Sturm,
versinken Blüten, die wir sagen,
zum Unterreich und seinem Wurm.

Wie Frühlingsmondes müdes Scherzen
in Pfützen, mildem Hauch getaut,
sind unsrer Liebe kleine Kerzen,
die flackern, reden wir zu laut.

Wie Zeichen, in den Sand geschrieben
von einem träumerischen Kind,
verwehn die Lieder, die wir lieben,
zerstiebt das Traumbild, das wir sind.

 

Sep 23 21

Dummheiten des Zeitgeistes

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Auffassung des Sokrates von der Lehrbarkeit der Tugend oder der Einheit von Wissen und Tun des Guten (was immer das sein mag) scheint keine harmlose Sottise zu sein, sondern eine fatale Dummheit, die weitere fatale Dummheiten im Schlepptau der Jahrhunderte hatte, von den größenwahnsinnigen Erziehungs- und Umerziehungsprojekten der zwielichtigen Aufklärung und der Französischen Revolution bis zu den todbringenden Umerziehungslagern der Genossen Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot, von den Lagern zur Vernichtung jener, die aufgrund genetischer Mängel oder kultureller Absonderlichkeiten für nicht umerziehbar erachtet wurden, zu schweigen.

Die Dummheit, die der Feigheit gleichkommt, die Grausamkeit der Wahrheit in Augenschein zu nehmen und sich vor dem Medusenhaupt des Daseins blind zu stellen. Er hat sie gequält und vergewaltigt, als habe er sich außerhalb des Horizonts des Sittengesetzes aufgehalten, in jenem Tal der Finsternis, in das die Sonne des Guten nicht hineinleuchtet. Doch er hat die Untat nicht begangen, weil er nicht gewußt hätte, daß es eine böse Tat war, nicht einmal, obwohl er wußte, daß es eine böse Tat war, sondern, WEIL er wußte, daß es eine böse Tat war. Er hat sie gequält, nicht weil er nicht gewußt oder wahrgenommen hätte, daß sie litt, ja nicht einmal, obwohl er wußte und wahrnahm, daß sie litt, sondern, WEIL er wußte und wahrnahm, daß sie litt.

Die Dummheit der zahllosen angeblichen Intellektuellen, die das Sein mit dem Begriff verwechseln, den Vorstellungsinhalt mit der Vorstellung, das Wissen mit der Meinung; als handele es sich bei dem, was wir das natürliche Geschlecht, ein Volk oder eine Nation nennen, um etwas, was Krethi und Plethi sich darunter vorstellen; und das, weil Krethi und Plethi sich nichts darunter vorstellen können oder wollen, ipso facto nicht existiert.

Die Dummheit der selbsternannten Tugendwächter, die sich im moralischen Totschlagwort „rassistisches (ethnisches, soziales) Vorurteil“ verbirgt; denn der jüdische Siedler, der den mit einem Sprengstoffgürtel bewaffneten Araber auf der Schwelle nicht lächelnd willkommen heißt, sondern zumindest mißtrauisch beäugt und vor ihm auf der Hut ist, sitzt keinem unbegründeten rassistischen Vorurteil auf, sondern verhält sich auf dem Hintergrund der natürlichen und spontanen Animositäten zwischen Angehörigen fremder oder gar feindseliger Gruppen durchaus rational oder vernünftig. Der verarmte Bauer m zaristischen Rußland unterlag keinem rassistischen oder sozialen Vorurteil, sondern handelte auf dem Hintergrund der Spannungen und Konflikte zwischen sozialen Gruppen durchaus rational oder vernünftig, wenn er dem Geldjuden, auf dessen Kredit er angewiesen war, mißtraute, denn seinen Schwager hatten dessen Wucherzinsen, die er nicht mehr abtragen konnte, in den Schuldturm gebracht.

Der Christ im frühen Imperium Romanum konnte zurecht dem heidnischen Nachbarn mißtrauen, lebte er doch in der Furcht, von ihm wegen Mißachtung des Kaiserkults vor Gericht gebracht zu werden; dagegen mußte sich die den alten Göttern die Treue haltende Matrone unter dem christlichen Regime eines Diokletian oder Theodosius vor dem Ressentiment und der Denunziation des katholischen Nachbarn fürchten.

Es wäre nicht nur stupid, sondern unverschämt, dem im Versteck lebenden Juden ein rassistisches Stereotyp zu unterstellen, wenn er einen jeden ihm fremden Deutschen in Verdacht hatte, ihn der Vernichtungsmaschinerie des Holocaust preiszugeben. Und dennoch handelte er rational oder vernünftig, wenn er die Angehörigen der ihm feindlich gesinnten Gruppe so betrachtete, als wäre ein solches rassistisches Vorurteil angebracht.

Die Dummheit der Annahme, das Mißtrauen und die Vorsicht, die unter Angehörigen fremder oder einander feindlich gesinnter ethnischer und sozialer Gruppen herrschen, gehe beklagenswerterweise auf rassistische und andere Vorurteile zurück, impliziert die noch größere Dummheit der Annahme, man könne diesen perennierenden verdächtigen Dispositionen mittels pädagogischer Exerzitien und Moralpredigten oder einschüchternder moralischer Propaganda ein für allemal den Garaus machen.

Die sentimentale Dummheit, das jesuanische Gebot der Nächstenliebe für ein universales Moralgesetz zu halten oder marktschreierisch von Kanzeln und Kathedern als ein solches auszurufen; den Freund, den Geliebten, den Sohn, der einen nach Strich und Faden betrogen und übers Ohr gehauen, gedemütigt und drangsaliert hat, wird keiner, der noch bei Trost ist oder seine Selbstachtung nicht vollends über Bord geworfen hat, mit einem Festmahl erfreuen, wenn er verarmt und heruntergekommen an die Türe klopft. Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn gilt ja nicht als Maßgabe unter Menschen, sondern als Gleichnis für Gottes übermenschliche Geduld und Gnade, eine Hoffnung wider alle Hoffnung.

Die Dummheit verstiegener Kathederphilosophen in der Vorstellung, der Ausgegrenzte, der arme Teufel, der Krüppel, der Irre oder der Verbrecher seien mit den Normalen und den Banausen verwehrten okkulten Fühlorganen gesegnet, um eine tiefere Wahrheit über Gott und die Welt aufzuspüren, vermögen nicht der Gang durch die Elendskloake, nicht der Gestank der Armut, weder der Mückenschwarm um die Schwären des Aussätzigen noch das sinnlose Lallen des Schizophrenen oder der stumpfe Blick des Triebtäters vom bequemen Polster der Arroganz herabzureißen.

Die Dummheit, dem Unternehmer sexistische, rassistische oder ethnozentrische Vorurteile zu unterstellen, weil er lieber einen muskelstrotzenden Kerl als ein zartbesaitetes Mädchen in seiner Sicherheitsfirma einstellt, der den gewitzten, fleißigen und akribischen Japaner, Chinesen oder Inder auf dem Finanzverwaltungsposten einem des Rechnens kaum mächtigen Polynesier oder Schwarzafrikaner vorzieht und der lieber Geschäfte mit Südkoreanern als mit italienischen Mafiosi macht.

Die Dummheit, die Unfähigkeit des Dichters und Künstlers, ein geordnetes bürgerliches Leben zu führen, zur Ursache seiner Kreativität zu verklären; Verlaine war kein großer Dichter, weil er ein Säufer, Hurenbock und Straftäter war, sondern er war es, obwohl er ein Säufer, Hurenbock und Straftäter war.

Die Dummheit, die natürliche Tatsache der physischen und geistigen Unterschiede zwischen den Rassen, ja deren Existenz selbst zu leugnen, aber auf Schritt und Tritt dem Kampf gegen sogenannte rassistische Vorurteile, das heißt tiefwurzelnde Dispositionen des Mißtrauens, der Angst und des Neides oder des Unterlegenheitsgefühls, die ein unvermeidliches  Resultat dieser Unterschiede bilden, das Wort zu reden.

Die universelle Animosität zwischen den ethnischen, sozialen, religiösen und kulturellen Gruppen erklärt das Verhalten ihrer Mitglieder; sie kann durch keine pädagogisch-psychologische Universaltherapie, kein religiös aufgeladenes Welterlösungsprogramm und keine staatliche Tugendverordnung geheilt und aus der Welt geschafft werden. Dies zu glauben und sich Therapien und Programme dieser Art zu verschreiben oder anderen aufzunötigen ist nicht nur dumm, sondern wie jede Form der Realitätsblindheit gefährlich.

Jene, die nicht miteinander leben können, müssen eine gebührende Distanz zwischen sich schaffen.

Im Falle unverträglicher Animositäten hilft keine Integration, sondern nur Segregation.

Einen der klügsten und scharfzüngigsten, witzigsten und tiefsinnigsten deutschen Schriftsteller, Lessing, selbst ihn machte die sentimentale Dummheit, wie sie seine Ringparabel offenbart, geistig matt.

Die Dummheit intellektueller Blasiertheit und pseudotiefsinniger Sophisterei, die in der Annahme liegt, nicht Peter und Hans sprächen, sondern die Sprache, das Unbewußte, das Begehren oder die Macht, verwischt mutwillig die begriffliche Grenze zwischen Wahrheit und Lüge und macht die Begriffe von Verantwortung und Vertrauen, die Basis eines irgend geordneten Gemeinschaftslebens, sinnlos und zunichte.

Dummheit oder Verlogenheit, nicht sehen zu wollen, daß ein unterlegener sozialer Status meist nicht die Folge einer Unterprivilegierung ist, sondern die Unterprivilegierung eine Folge minderer Begabung oder mangelnder Motivation.

Er hatte keine Chance, sagt die dumme Sentimentalität; er war der Herausforderung geistig nicht gewachsen oder wenn gewachsen nicht willens, seine Chance zu nutzen, die kühle Vernunft.

Dummheit und Intelligenz sind nach dem Verlauf der Gaußschen Kurve ungleich über die Individuen, Rassen und Völker verteilt. Die Juden brachten, trotz jahrhundertelanger Verfolgung und Gettoisierung mit die bedeutendsten Mathematiker hervor. Der große Mathematiker Pascal wurde von dem um sein Seelenheil besorgten Vater jeder Chance und Gelegenheit beraubt, seine mathematische Begabung regelrecht auszubilden; doch fand der kleine Junge, auf den Fliesen des Elternhauses spielend, spontan grundlegende Axiome der Euklidischen Geometrie

Die gefährliche Dummheit, die zugleich eine Form subtiler Verachtung darstellt, Frauen ohne Ansehen ihrer intellektuellen Fähigkeiten in Positionen zu befördern, denen sie nicht gewachsen sind, oder das Anspruchsniveau ihrer Aufgaben in dem Maße zu senken, daß sie ihnen gewachsen sind.

Dummheit, die ex cathedra verkündet, Sprache diene der Verständigung.

Das Kauderwelsch der Gaunersprache dient dem Zweck, von anderen NICHT verstanden zu werden, auf daß man sie umso gewiefter übers Ohr hauen kann.

Das Kauderwelsch der zeitgeistigen Intellektuellen, eine besondere Abart von Gaunersprache, dient dem Zweck, andere mittels enigmatischer Wendungen und auf nichts referierender Kunstbegriffe und rhetorischer Schnörkel zu verblüffen und durch herablassende Hinweise auf das kümmerliche Gemüsebeet ihres sie kaum ernährenden Wissens zu beschämen; eine bisweilen erhabene Narrheit streifende Weise, Eindruck zu schinden, sodaß dem Schinder ein nicht zu verachtender monatlicher Salär zugebilligt wird.

Dummheit, mittels gleichsam empörten und intransigenten Fragens das Evidente in den Dunst des Rätselhaften zu tauchen, das Selbstverständliche unverständlich werden zu lassen und den mühsam gebahnten Pfad des Lebens mit dem erhabenen Bombast und Plunder des angeblich Fragwürdigen zu verstellen.

Von Männern und Frauen, Vätern und Müttern, Liebe und Haß, Vernunft und Dummheit, Wahrheit und Lüge sans phrase und ohne moralisch gebotenes Stottern und Stocken zu reden entlarvt der Idiot der Kritik als Symptom einer geistigen Krankheit namens Normalität.

Dummheit, empirische Aussagen und Wahrscheinlichkeitsverdichtungen mit Gesetzeshypothesen zu verwechseln; er hat dreimal hintereinander einen Pasch gewürfelt, die Götter müssen ihm gewogen sein; der Sommer war ungewöhnlich trocken und heiß oder (was schert Dummheit logische Konsistenz) der Sommer war ungewöhnlich feucht und kühl, es muß der Klimawandel sein. Vernunft hält sich an das geflügelte Wort, wonach eine Schwalbe noch keinen Sommer macht.

Dummheit, mittels verlogener Hermeneutik das Joch der Wahrheit abzuschütteln. – Sie hat dich mit deinem Freund betrogen; Betrug und Treue, Kränkung und Eifersucht sind Begriffe einer anachronistischen Einstellung und kleinkarierten Fühlweise. Sie haben die Twin Towers aus religiösen Motiven zerstört und ihrem religiösen Wahn tausende Leben geopfert; aber eigentlich, wenn man tief genug schürft, entpuppt sich ihre Religion als lieblicher Quell des Friedens, ihr Verkünder als Ausbund der Menschenliebe.

Die Dummheit, das sogenannte Gute oder moralisch Gebotene für eine eindeutig identifizierbare allgemeine Eigenschaft von Einstellungen und Handlungen zu halten, die allerdings nur Berufenen wie seinen Auguren auf den Gipfeln des Zeitgeistes, von der Avantgarde revolutionärer politisch-religiöser Kader bis zu den Verächtern des Common Sense in den akademisch-medialen Kaderschmieden, im hellen Licht des Ideals zu erblicken vergönnt ist. Man achte auf den säuerlichen Nachgeschmack beim Gebrauch des Begriffs „Avantgarde“ in seiner politisch-moralischen oder ästhetischen Bedeutung und begutachte die fatalen Folgen dieser Dummheit, von der Verwüstung traditioneller Sitten und Siedlungsräume bis zur Verödung der Plätze und Ausstellungshallen durch avantgardistische Kunstwerke oder die Verkarstung der Sprachlandschaft und die Verhöhnung des Geistes der Sprache durch Wendungen wie „jeder und jede“, „was frau dazu meint“ oder „Studierendenversammlung“.

Die Dummheit der Fragen übertrifft oft die Dummheit der Antworten.

Ist alle Wahrnehmung subjektiv? Aber subjektive Wahrnehmung, wie die Wahrnehmung der grünen Ampel, ist die Bedingung objektiver Ereignisse, wie des Ereignisses, daß ein Fußgänger über die Kreuzung geht. Können Mäuse, Tauben, Affen denken? Aber denken heißt Gedanken haben, Gedanken erfordern, worüber Tiere nicht verfügen, Medien der Darstellung, der Aufzeichnung, des Ausdrucks, wie Bilder, Diagramme oder Sätze.

Die Dummheit, das Leben auf der Suche nach Antworten auf sinnlose Fragen zu vergeuden.

 

Sep 22 21

Süßes Leben

Wenn deine sanften Augen dunkler blauen
und dunkler wölben sich die Augenbrauen,
gießt Abendsonne ihren Wein.

Wir gehen schweigend auf dem Pfad der Reben,
und Schweigen füllt der Trauben süßes Leben,
noch glüht des Ungesagten Stein.

Wenn deine Finger sich um meine krallen
und Taubenfedern aus den Zweigen fallen,
hüllt uns des Mondes Laken ein.

Wir gehen singend auf dem Uferpfade
und Singen steigt aus nymphengrünem Bade,
der Tropfen klingt am stummen Stein.

 

Sep 21 21

Schattenpfade

Wir gehen noch ein wenig durch die Reihen
der Apfelbäume, die wir einst gesetzt.
Wir sehen Blüten, die ins Dunkel schneien,
und fühlen, wie ein sanftes Licht verletzt.

Und was wir sagen, sinkt wie lose Samen
schwach zitternd einer stummen Erde zu.
Und was wir meinen, übersteigt die Namen,
mit denen wir uns nennen ich und du.

Wir sind uns nahe, wie sich Schatten dehnen
einander über, falschen Mondes Scherz.
Wir sind uns fremd wie ferne gehend Venen,
die stocken macht ein ungestilltes Herz.

 

Sep 20 21

Der Staub

Wo kommt er her?

Aus wahnzerwühlter Erde,
verkohlter Geigen Holz,
aus Mondes Aschenurnen,
zerstampfter Trauben Nacht,
da feuchter Hauch aus Kellern
ihn auf des Tages Schwelle hob?

Und wandelst heiter du am Fluß
die moosgedämpften Abendpfade,
wie flimmern seine Fäden,
fast lesbar, auf dem blauen,
transparenten Tuch der Luft.

Sinkst du aber wie ein Knöchel
plötzlich in das Moor des Schlafs,
bläst mit ihrem schlechten Atem
die Parze ihn dir ins Gesicht,
und dir träumt,
du liegst, ein Toter auf der Bahre,
und fühlst die schwarzen Nägel wachsen.

Und alle Worte werden dir zu Staub,
der sich des Nachts auf jene Muster setzt,
die du im Abendlicht gewirkt.

Du glaubst, sie auszuwaschen sei
der Tränen reines Maß genug,
doch unter Tränen lösen sie sich auf.

Du wringst und wischst
und schäumst und scheuerst,
du rutschst auf deinen Knien
vor eines Dämons fahlem Grinsen,
bis es dein nasser Lappen klatschend löscht.

Und gehst du freier atmend um das Haus,
wo gnädig Tau und sanfter Regen
das Werk der Reinigung vollbringt,
erwartet dich auf blanken Fliesen
die erste Flocke, dir zu künden,
vergebens ist der Kampf,
ewig Staubes Wiederkehr.

Wann lernst du dich der Liebe beugen
zum Schicksal, das mit Schatten reizt,
dich wachhält unter schläfrigem Gewebe,
die Haut der Dinge immer neu verdunkelt,
daß deine Hand, die zärtliche,
den warmen Schimmer neu enthüllt?

 

Sep 19 21

Das Gesetz des Ausgleichs

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Im schwarzen Wasser spiegeln sich die bunten Lichter von Bord des weißen Schiffes, von dem Fetzen heiteren Gesanges, Lachen, Klirren von Gläsern ans Ufer herüberwehen; der dort in der Einsamkeit des Abends, seines Abends, verharrt und sie vernimmt, sieht in den farbigen Schlieren des Lichts, die von den Wellen fortgespült werden, die Unerfüllbarkeit aller Sehnsucht, die Verlorenheit des menschlichen Daseins.

Je inniger, strahlender, sublimer der Klang emporsteigt, wie bei Bruckner, umso schwindelerregender, bestürzender, klaffender die Leere, die sich unter uns auftut.

Nur das vollkommene Kunstwerk, wie Dantes Göttliche Komödie, Bachs Wohltemperiertes Klavier oder Goethes Faust, zeigt die innige Totalität des Lebens, die harmonische Einheit seiner Stimmen und Gegenstimmen.

Das Ideal des uomo universale scheint an jenen, denen man seine Verwirklichung zuzusprechen geneigt ist, nur schattenhaft und fragmentarisch auf.

Dem Asketen des Schweigens hängt der Mund schief.

Das beherrschende Thema des menschlichen Dramas, ob Tragödie oder Satyrspiel, Komödie oder Farce, ist der Gegensatz des männlichen und weiblichen Geschlechts.

Der große Dichter und der außerordentliche Künstler vermögen dem Gegensatz in glücklichen Augenblicken mittels des Spiels und Widerspiels von Licht und Schatten, Sonne und Frucht, Wort und Stille, Linie und Leere Ausdruck zu verleihen.

Die Behauptung, Licht sei ein Teilchen, und die Behauptung, Licht sei eine Welle, bilden keinen Widerspruch, sondern einen komplementären Gegensatz.

Der Gegensatz von Vernunft ist nicht Unwissen, sondern Dummheit.

Wir können unsere Entscheidungen und unsere Theorien nicht auf irgend sichere Fundamente von Gewißheit gründen; wir müssen im Zwielicht des Ungewissen handeln und können unsere Theorien nur auf empirische Annahmen stützen, die ihrer Natur nach nie vollständig beweisbar sind.

Es ist vernünftig anzunehmen, daß die Sonne morgen wieder scheinen wird; aber dies ist eine auf zahllosen vergangenen Beobachtungen fußende empirische Vorhersage; doch keine Vorhersage kann den Grad der Gewißheit eines mathematischen Beweises haben.

Es ist mit der Gesamtheit unserer wissenschaftlichen Annahmen nicht unverträglich anzunehmen, daß die Sonne morgen nicht wieder scheinen wird; aber es ist wenig vernünftig.

Wer etwas dem anderen verspricht, macht bekanntlich keine Voraussage über sein zukünftiges Verhalten; wenn man die Zusage des Freundes, das ausgeliehene Buch morgen wieder auszuhändigen, als Voraussage mißversteht, wird man sein Versprechen nie ganz ernst nehmen, weil Prognosen immer problematisch sind; aber dies wäre unvernünftig, denn vernünftigerweise gilt uns die in der Vergangenheit erprobte Zuverlässigkeit des Freundes und unser darauf fußendes Vertrauen mehr als der theoretische Zweifel.

Die Vergangenheit ist die Lehre, daß die Szenerie wechselt und die Dialoge und Monologe mal simpler gestrickt, mal dichter gebaut sind, aber die Masken, Handlungsverläufe und Intrigen bleiben; man gibt sich alle Mühe, steigert sich, bisweilen ins Manierierte, bisweilen ins Groteske; doch vergebens hofft man auf den Applaus eines erhabenen Publikums, der Götter; oder gar auf das Trampeln und Zischen eines weniger erhabenen Publikums, der Dämonen.

Die Schildkröte trägt ihr eigenes Gehäuse; das gibt ihr Sicherheit, aber verlangsamt ihren Schritt.

Die Antilope, das Rehwild, die Maus sind hellhörig und wachsam bis in den Schlaf, flink und geschickt bei den Sprüngen und Schlenkern ihrer Fluchtbewegungen; aber gegen die Pranken des Löwen, die Zähne des Wolfs, die Krallen des Uhus haben sie keine Gegenwehr.

Der feinsinnige Dichter schenkt der Geliebten, was in der Dämmerung noch ihr leuchtet, die Blume des Munds; aber in der Angst der Welt versagt er, ein Kind schenkt er ihr nicht.

Ein Unhold des Lebens, ein Trunkenbold und Hurenbock wie Verlaine schreibt die zartesten Gebilde in den reinen Schnee der Einsamkeit, legt die keuschen Knospen sublimer Hymnik auf den Altar der jungfräulichen Mutter.

Drei Brüder erhalten zu gleichen Teilen das väterliche Vermögen ausbezahlt. Der erste vergeudet es im Bordell und in der Kneipe, er endet in der Gosse; der zweite leiht es zu Wucherzinsen aus und verschanzt seinen nagenden Geiz und Verdruß hinter den Mauern einer prächtigen Villa; der dritte, ein fahrender Sänger, vergräbt es unter einem Baum, den nach langen Fahrten wieder blühen zu sehen er in später Zeit heimzukehren willens ist; doch der Wanderer gilt für verschollen und der Baum ward längst umgehauen.

Das schöne, schlichte Bild der unmöglichen Hoffnung, der frommen Einfalt: „Rose ohne Dornen.“

Der Feinsinnige, der sich in den Disteln des Alltags verfängt, wird seine Wunden nicht zu anklägerischer Demonstration vorweisen.

Der goldene Wein, der nur in dunklen Gewölben heranreift.

Der kluge Ratgeber, der sich selbst nicht zu helfen weiß.

Der Mann, zum Schutzgeist der reifenden Frucht und der nährenden Mutter berufen, übt die hellste Wachsamkeit und die schärfste Intelligenz im tödlichen Handwerk der Jagd und des Kampfes.

Unser Begriff von Liebe ist, jenseits der heißen Tränen des Eros, eine seltsame Mischung milder Muttermilch und herben väterlichen Honigs.

Warum ist der Mann in mathematisch-logischer und technischer Intelligenz der Frau von Natur aus überlegen? Er entwickelte sie, sein genetisches Potential taktend, in tausenden von Jahren bei der geometrisch präzisen Vermessung von Ort und Abstand der Jagdbeute und des herannahenden Feindes, in der Herstellung wirksamer Waffen, in den Berechnungen des Saat und Ernte ausweisenden Kalenders und der ihn bedingenden Umläufe der Gestirne.

Der Schoß und die Sanftmut der Frau, das Geschlechtsteil und die Mordlust des Mannes: coincidentia oppositorum oder wie Heraklit es nannte, gegenstrebige Harmonie.

Das universale Gesetz des Ausgleichs zeigt sich in der ungleichen Verteilung der Begabungen und Temperamente, ob bei den Völkern oder Kulturen, bei den Geschlechtern oder Individuen.

Das mathematische Genie, Pascal oder Wittgenstein, fällt im von wohlriechenden, gebildeten Damen geführten Salon geistreicher Plauderei in betretenes Schweigen; das heitere Gemüt verdunkelt sich vor der gefurchten Stirn des Tiefsinns; die vom wilden Strahl der Sonne gekränkte Sanftmut zieht sich in die Laube der Dämmerung zurück.

Nichts Neues unter der Sonne, dies ist die Lehre von der Sinnlosigkeit allen Geschehens; doch daß ein Mozart erschien, ein Bruckner, mag sie nicht widerlegen, aber läßt die Seele, so verloren und ausgesetzt sie immer sei, nicht ganz mit sich allein.

Der Teufel hebt bei der 4. Sinfonie Bruckners, wenn sich der Klang im Finale zu den lichten Höhen einer uns einzig durch ihn offenbarten Herrlichkeit emporschwingt, der Sonne gleich, die den Schnee des fernen, unbesteigbaren Gipfels streift und erglühen läßt, ein wütendes Geschrei an; er hat ihren Sinn begriffen.

 

Sep 18 21

Verwehte Blüten

Hat das Zwielicht Schnee gestreut
auf die Wimpern, auf die Locken,
will ich, süßer Schmelz erfreut,
küssend lösen dir die Flocken.

Sehen Birken wir umrankt
von des Efeus bangem Sehnen,
will ein Schatten ich, der schwankt,
mich an deine Schulter lehnen.

Hat der Mond den Tau entfacht,
Schmerzkristalle auf den Hügeln,
will ich dir, ein Strom der Nacht,
sie in dunklen Versen spiegeln.

Sehen Blüten wir verweht,
da die blauen Fluten münden,
will ich, sieh, die Sonne geht,
sie zum lichten Kranz dir winden.

 

Sep 17 21

Vom normativen Gehalt der Sprache

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Maß, Zahl, Symmetrie, Gestalt und Struktur sind dem physischen und seelischen Dasein inhärent und wesentliche Merkmale natürlicher und sozialer Ordnungen wie der Ordnungen und Strukturen von pflanzlichen und tierischen Organismen und der menschlichen Sprache und Kultur.

Sprechen lernen heißt im günstigen Falle lernen, sich korrekt und angemessen auszudrücken; und mit einem solchen disziplinierten Wohlverhalten in den größeren normativen Ordnungen der sozialen Welt Zugänge und Nischen des Lebens und Überlebens zu finden.

Wenn wir von jemandem sagen, er sei an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit geboren, kann es kein anderer sein, von dem wir dasselbe sagen.

Viele wurden in dieser Stadt geboren, einige sogar zur selben Zeit; aber nur dieser zu dieser Stunde an diesem Ort.

Geburtsort und Geburtszeit gelten uns als Identitätsmerkmale eines wesentlichen Begriffs der sprachlichen Ontologie, der Person.

Wir verfügen in der Sprache über einen Identitätsmarker, mit dem wir die Identität dessen, der an diesem Ort zu dieser bestimmten Zeit geboren wurde, ausdrücken: den Eigennamen.

Wenn es Peter ist, über den wir sprechen, sagt jemand, der mit Peter eine andere Person meint als jene, die an diesem bestimmten Ort zu dieser bestimmten Zeit geboren wurde, die Unwahrheit, auch wenn er sich korrekt ausdrückt und dasselbe sagt wie jener, der eine wahre Aussage macht.

Die Sprecherintention gehört zum Gesagten, und sie kommt gleichsam in ihrer wahren Gesinnung früher oder später ans Licht, wenn einer beispielsweise von Peter behauptet, was nur auf Hans zutrifft.

Wir können Eigennamen wie Peter nur sinnvoll und korrekt verwenden, wenn wir ihren Trägern wesentliche Eigenschaften wie jene, an diesem bestimmten Ort zu dieser bestimmten Zeit geboren worden zu sein, zuordnen können.

Die Augenfarbe und manches dieser Art wie Kurzsichtigkeit und Fahrigkeit scheinen nicht zu diesen wesentlichen Attributen zu gehören, denn an Peters Augenfarbe erinnert sich vielleicht gerade nicht, wer durchaus Zutreffendes über Peter zu sagen hat.

Wenn Peter sagt, er wisse aufgrund seiner Geburtsurkunde, wann und wo er geboren wurde, muß seine Aussage, soll sie korrekt und stichhaltig sein, zwei Kriterien erfüllen:

1. das grammatisch-semantische Kriterium der Reflexivität, welches folgende Analyse seiner Aussage impliziert: „Ich weiß, daß ich, Peter, an diesem Ort zu dieser Zeit geboren wurde.“ Natürlich könnte Peter sich aufgrund eines Fehlers in der Urkunde irren oder unter Vorlage einer gefälschten Urkunde lügen, doch bliebe in beiden Fällen die grammatisch-semantische Struktur der Reflexivität der Aussage unangetastet.

2. das logische Kriterium der Identität der epistemischen Aussage über ein echtes Wissen in der ersten Person mit der Aussage in der dritten Person: Denn für Peters Aussage in der ersten Person „Ich weiß, daß …“ können wir in solchen Fällen salva veritate die Aussage in der dritten Person einsetzen „Peter weiß, daß …“; und statt „Peter weiß, daß …“ wiederum sagen „Hans oder Hanna weiß, daß …“, wenn Hans oder Hanna das ihnen vorgelegte Dokument für authentisch halten.

Dagegen gilt trivialerweise für Aussagen wie Peters Aussage „Ich glaube (hoffe, befürchte), daß ich Hans im Park treffen werde“ wohl das Kriterium der grammatisch-semantischen Reflexivität, nicht jedoch das epistemische Kriterium der Austauschbarkeit von erster und dritter Person, denn was Peter glaubt, hofft oder befürchtet, glaubt, hofft oder befürchtet Petra noch lange nicht.

Phoneme müssen distinkt sein, damit sie Unterschiede der Bedeutung auszudrücken vermögen wie „kalt“ und „bald“ oder „moon“ und „soon“, „salus“ und „malus“. Das phonematische Material der vom Sprechapparat ethnisch und individuell höchst mannigfaltig hervorgebrachten Geräusche und Klänge mögen wir konventionell nennen (doch auch sie gehorchen Gesetzen phonematischer Natur), indes die Tatsache seiner semantisch relevanten phonologischen Differenzierung ist keine Konvention. Wie bedeutungstragende Phoneme die Lautmasse formen und gestalten, strukturieren und diskriminieren, kann man als konventionell ansehen, die normativ gehaltvolle Tatsache, daß sie es tun, in welcher Weise auch immer, ob beispielsweise durch Tonhöhendifferenzierung oder ausdrucksstarke Vokalisierung und Diphthongisierung, ist ein Strukturgesetz der Sprache.

Daß wir mit dem Namen Peter eine Person dieses Namens bezeichnen und meinen, aber nicht zugleich das Eigentum dieser Person an beweglichen und nichtbeweglichen Gütern oder ihre Kinder und Haustiere mitbezeichnen, ist keine konventionelle Angelegenheit, auch wenn es schwierig ist, sich über den Gehalt des Begriffs einer Person ins Klare zu setzen; denn die Frage, ob wir Peters Augenfarbe, seine derzeitige Körpertemperatur oder seinen Hormonstatus ebenso unter diesen Begriff subsumieren wie uns wesentlicher erscheinende Eigenschaften wie seine Intelligenz, seine musikalische Begabung und sein freundliches Wesen, können wir beiseitelassen, solange wir an dem fundamentalen semantischen und ontologischen Kern des Begriffs festhalten.

Mit der semantischen Funktion des Benennens und Prädizierens gelangen wir in den normativ gehaltvollen Bezirk der Sprache, denn die Aussage „Peter wohnt in Paris“ ist falsch und bedarf des Tadels und der Richtigstellung, wenn er in Berlin wohnt, und die Aussage „Peter ist mit Anna befreundet“ ist wahr und wird ohne viel Aufhebens als bare Münze eingesteckt, wenn Anna seine Freundin ist.

Den Ausruf „Peters Miene verfinstert sich!“ können wir als Warnung auffassen, Peter nicht weiter mit inquisitorischen Fragen zu behelligen; dabei ist zugleich der wortgleiche Ausdruck „Peters Miene verfinstert sich“ der semantische Kern oder Satzradikal seiner mittels Stimmführung oder das Ausrufezeichen modifizierten performativen Bedeutung, eben des Satzmodus der Warnung. Wenn allerdings Peter in der relevanten Situation eine heitere Miene zur Schau stellt, scheitert der Satzmodus an der Verfehlung des deskriptiven Aussagekerns. Wir korrigieren den Sprecher, indem wir ihn auffordern: „Schau mal genau hin!“

Der deskriptive Aussagekern mit seinen semantischen Funktionen der Benennung und Prädikation ist der Stein des Anstoßes für jede rein nominalistische oder konventionalistische Sprachauffassung, von der ewigen Vertagung des Satzsinns durch die postmoderne „Theorie“ zu schweigen.

Nur Personen können sprechen, das heißt, im Falle des Falles für das, was sie sagen, verantwortlich zeichnen, zu ihrem Wort stehen oder sich hinter ihren Worten verbergen, ihre Aussagen verdeutlichen oder verschleiern, sie logisch gültig oder ungültig ableiten und empirisch mit plausiblen oder weithergeholten Hinweisen begründen oder sie in den bodenlosen Sand des Irrationalen setzen, aber sie auch im Lichte sinnfälliger Kritik korrigieren, modifizieren oder zurückziehen. In diesem philosophisch prägnanten Sinne können wir Tieren die Fähigkeit zur Sprache nicht zubilligen.

Wir verfügen über die Fähigkeit, Worte über Worte zu machen, das Geschriebene im Lichte besserer Einfälle und treffender Vergleiche zu ergänzen und das Gesagte angesichts der offenkundig gewordenen Tatsachen zu revidieren oder zurückzunehmen, ja uns stilloser, aber Eindruck schinden sollender Wortungetüme zu schämen oder uns für eine Lüge zu entschuldigen. Dieses aus dem Normbereich der Sprache erwachsende Ethos gibt uns einen Vorbegriff dessen, was wir die Freiwilligkeit (und demgemäß auch die sich beispielweise im sprachlichen Lapsus zeigende Unfreiwilligkeit) einer Handlung nennen.

Wir unterscheiden den deskriptiven Gehalt einer Aussage von der kommunikativen Funktion ihrer Verlautbarung, den ein Satz auf Basis des Modus der Äußerung wie des Modus der Behauptung, Frage, Aufforderung oder des Versprechens annimmt. So wird der deskriptive Gehalt im Satz „Peter wohnt in Berlin“ zu einer Behauptung, wenn sie die Aussage, er wohne in Paris, richtigstellt.

Die Welt, in der wir leben, gliedert sich in die nicht abzählbare Menge der Namen und Begriffe, die wir ständig mittels erweiterter Taxonomien und Klassifikationen vervielfältigen, und deren unübersehbar mannigfache Schnittmengen, die uns aufgrund neuer Erfahrungen einfallen, die sich uns ad oculos aufdrängen oder die wir im freien Spiel der Einbildungskraft in dichterischer Sprache zum Ausdruck unserer Gestimmtheiten, Lebensgefühle und Intuitionen verwenden.

In der Aussage „Peter ist der Erbe erster Ordnung des väterlichen Vermögens“ verknüpfen wir die semantische Funktion der Benennung sowohl mit der Taxonomie des kulturell relevanten Verwandtschaftssystems als auch mit der Klassifikation des unsere Kultur prägenden Erbrechts.

Jede Norm impliziert die Möglichkeit ihrer Übertretung, jede Ordnung die Gefahr ihrer Unterminierung und Zerstörung; dies gilt für die soziale Ordnung, aber auch für die Sprache.

Indes dementiert der Verbrecher nicht den Sinn der Strafordnung, sondern bestätigt sie vielmehr.

Die Logophrenesie und das wütend delirierende Gezeter des Psychotikers wirken bisweilen wie eine infantile, also blinde und ohnmächtige Rache an der väterlichen Ordnung des Namens.

Wenn das, was man geistreich Wahrheitsspiel genannt hat, zum strukturellen Kern der Sprache gehört, kann sie augenscheinlich nicht auf ihre durchaus mächtige und fruchtbare kommunikative Funktion beschränkt werden; insonderheit nicht vollständig durch die Biologie der Anpassung und die Soziologie der Beeinflussung erklärt werden.

Wir loben jenen, der sich bündig und körnig, treffend und prägnant ausdrückt, wir fühlen uns vom Licht einer glücklichen Metapher erhellt, tadeln aber einen, dem die Worte wie Unkraut das schüchterne Veilchen der Wahrheit verdunkeln oder ersticken, kurz, die bündige und treffende Benennung und die lichtvolle Begriffsbestimmung finden unser Lob, ihr Gegenteil unseren Tadel; daß Lob und Tadel eine pädagogische Rolle in unseren Sprachspielen innehaben, zeugt von ihrem normativen Kern.

Den Freund mit seinem korrekten Namen zu nennen und zu rufen, erachten wir (obwohl die semantische Funktion der Benennung aus einem großen geistigen Sprung, einer Emergenz, hervorgegangen ist) nicht für lobens-, ja nicht einmal für erwähnenswert.

Jemand vergleicht den Freund Peter nach dem Motto „Nomen est omen“ wegen seiner Hartschädeligkeit und Sturheit mit der Widerständigkeit und Unverrückbarkeit eines Felsens; ein anderer nennt ihn gar einen Felsen in der von den Zeitläuften aufgewühlten Brandung der Freundschaft. Mögen wir den einen als geistreich loben, den anderen als exaltiert tadeln

Wir pflegen allerdings nicht uns in Lob und Bewunderung zu ergehen, sondern runzeln die Stirn ob einer Obsession durch den unaussprechlichen Namen Gottes, die sich in der religiösen Überhöhung und Verehrung unendlicher Zahlen wie der Kreiszahl Pi kundtut.

Wir tadeln jenen nicht, der die Namen seiner Anverwandten, Freunde und Kollegen durch das System eines Zahlencodes beispielsweise für Farben ersetzt, sondern raten in einem solchen Falle zu einer psychiatrischen Behandlung; ebensowenig monieren wir den Umstand, daß Peters Vater den Namen seines Sohnes nicht mehr weiß, ja seinen eigenen vergessen hat, sondern erachten dies als sicheres Zeichen einer geistigen Zerrüttung.

 

Sep 16 21

Léonie Adams, Lullaby

Hush, lullay.
Your treasures all
Encrust with rust,
Your trinket pleasures fall
To dust.
Beneath the sapphire arch,
Upon the grassy floor,
Is nothing more
To hold,
And play is over-old.
Your eyes
In sleepy fever gleam,
Their lids droop
To their dream.
You wander late alone,
The flesh frets on the bone,
Your love fails in your breast,
Here is the pillow.
Rest.

 

Schlaflied

Still, mein Herz.
All deine Lieder verhallen
im welkenden Laub,
all deine Spiele zerfallen
zu Staub.
Unterm Saphirbogen
über grünendem Leben
findet dein Streben
keinerlei Halt,
das Stück ist alt, so alt.
Deine Augen
schwimmen in schimmerndem Schaum,
deine Lider, sie sinken
in ihren Traum.
Spät noch irrst du allein,
die Haut, Gekräusel überm Gebein.
O Herz, das eigne Liebe übertraf.
Hier ist das Kissen.
Schlaf.

 

Sep 15 21

William Butler Yeats, The Travail of Passion

When the flaming lute-thronged angelic door is wide;
When an immortal passion breathes in mortal clay;
Our hearts endure the scourge, the plaited thorns, the way
Crowded with bitter faces, the wounds in palm and side,
The vinegar-heavy sponge, the flowers by Kedron stream;
We will bend down and loosen our hair over you,
That it may drop faint perfume, and be heavy with dew,
Lilies of death-pale hope, roses of passionate dream.

 

Die Mühsal der Passion

Wenn offensteht das flammenschwertbewachte Tor,
wenn Odem ewigen Leids sterblichen Lehm durchweht,
erdulden unsre Herzen Geißel, Dornenkranz, den Gang, der geht
durch kalter Blicke Reihen, an Hand und Seite Wundenflor,
den essigherben Schwamm, am Kidron den Blütensaum.
Wir sinken ins Knie und lösen über dir unser Haar,
daß ihm matter Duft entquillt, da von Tau es trunken war,
Lilien todesfahlen Hoffens, der Rosen glühenden Traum.

 

Sep 14 21

William Butler Yeats, The Falling of the Leaves

Autumn is over the long leaves that love us,
And over the mice in the barley sheaves;
Yellow the leaves of the rowan above us,
And yellow the wet wild-strawberry leaves.

The hour of the waning of love has beset us,
And weary and worn are our sad souls now;
Let us part, ere the season of passion forget us,
With a kiss and a tear on thy drooping brow.

 

Wenn die Blätter fallen

Herbst hängt über den großen Blättern, die uns lieben,
und über den Mäusen, die Reste der Mahd verzehren.
Gelb die Blätter der Eberesche, die uns noch blieben,
und gelb die feuchten Blätter der Wilderdbeeren.

Die Stunde sucht uns heim, da die Liebe verbleicht,
unsre traurigen Herzen sind schlaff wie vernutzter Zwirn.
Laß uns scheiden, ehe die Hochzeit der Liebe entweicht,
mit einem Kuß, einer Träne auf deiner sinkenden Stirn.

 

Sep 14 21

William Butler Yeats, The Wild Swans at Coole

The trees are in their autumn beauty,
The woodland paths are dry,
Under the October twilight the water
Mirrors a still sky;
Upon the brimming water among the stones
Are nine-and-fifty swans.

The nineteenth autumn has come upon me
Since I first made my count;
I saw, before I had well finished,
All suddenly mount
And scatter wheeling in great broken rings
Upon their clamorous wings.

I have looked upon those brilliant creatures,
And now my heart is sore.
All’s changed since I, hearing at twilight,
The first time on this shore,
The bell-beat of their wings above my head,
Trod with a lighter tread.

Unwearied still, lover by lover,
They paddle in the cold
Companionable streams or climb the air;
Their hearts have not grown old;
Passion or conquest, wander where they will,
Attend upon them still.

But now they drift on the still water,
Mysterious, beautiful;
Among what rushes will they build,
By what lake’s edge or pool
Delight men’s eyes when I awake some day
To find they have flown away?

 

Die wilden Schwäne beim Coole Park

Die Bäume stehen in herbstlichem Prangen,
die Pfade des Walds sind verdorrt,
im Oktoberdämmer spiegelt das Wasser
des Himmels schweigenden Hort.
Zwischen feuchten Steinen haben ihre Domäne
neunundfünfzig Schwäne.

Neunzehn Herbste sind mir verflossen,
seit erstmals gezählt ich den Chor.
Ich sah, kaum war ich zum letzten gekommen,
sie jählings steigen empor
und sich zerstreuen kreisend in zerbrochenen Ringen
auf ihren flatternden Schwingen.

Ich erschaute an diesen Geschöpfen den Glanz,
und jetzt ist das Herz mir versehrt.
Alles ward anders, seit ich, im Zwielicht
zuerst an dies Ufer gekehrt,
zu lauschen überm Haupt ihres Flügelschlags Glockenklang,
ging einen leichteren Gang.

Einander nie müde, liebend Geliebte,
rudern sie hin, wo sie bald
kühlende Strömung gesellt, oder steigen in Lüfte.
Ihre Herzen, sie wurden nicht alt.
Passion oder Sieg, auf seiner Schicksalsbahn
behüten noch sie den Schwan.

Jetzt gleiten sie aber auf stillem Wasser,
sind Wundern, sind Feen gleich,
In welchen Schilfen werden sie nisten,
am Saum welchen Sees, an welchem Teich
der Menschen Aug entzücken, weckt mich der Morgenstern,
zu sehen, hinflogen sie fern?

 

Anmerkung zum Verständnis:
Die wilden Schwäne, die W. B. Yeats in seinem Gedicht aus dem Jahre 1917 als Symbole der transzendenten Schönheit in einer vergänglichen (vom Weltkrieg und dem irischen Bürgerkrieg heimgesuchten) Welt beschwört, lebten in einer Karstlandschaft in der Nähe des Coole Park, der zum Landsitz der mit Yeats befreundeten Lady Gregory gehörte, unweit des damaligen Wohnortes des Dichters in Irland.

 

Sep 13 21

William Butler Yeats, The Song of Wandering Aengus

I went out to the hazel wood,
Because a fire was in my head,
And cut and peeled a hazel wand,
And hooked a berry to a thread;
And when white moths were on the wing,
And moth-like stars were flickering out,
I dropped the berry in a stream
And caught a little silver trout.

When I had laid it on the floor
I went to blow the fire a-flame,
But something rustled on the floor,
And someone called me by my name:
It had become a glimmering girl
With apple blossom in her hair
Who called me by my name and ran
And faded through the brightening air.

Though I am old with wandering
Through hollow lands and hilly lands,
I will find out where she has gone,
And kiss her lips and take her hands;
And walk among long dappled grass,
And pluck till time and times are done,
The silver apples of the moon,
The golden apples of the sun.

 

Lied des umherirrenden Aengus

Ich ging in den Haselbuschwald,
denn mir brannte ein Feuer im Hirn,
ich schnitt und schälte einen Haselstab
und band eine Beere an einen Zwirn.
Und als weiße Falter flogen hinan,
und faltergleich Sterne flimmerten drein,
ließ ich die Beere schnellen ins Naß,
und fing einer kleinen Forelle Silberschein.

Ich hatte auf den Boden sie gelegt,
der Glut zu hauchen frischen Brand,
da hat sich raschelnd was bewegt,
mit Namen etwas mich genannt:
Es stand vor mir ein schimmerndes Weib,
voll Apfelblüte schien ihr Haar,
sie rief mit meinem Namen mich und lief
und schwand in die Luft, die nun heller war.

Ward ich auch alt auf meines Irrens Pfad
durch öde Länder, hügeliges Land,
will ich den Ort doch finden, wohin sie gewollt,
und küssen ihren Mund, sie nehmen bei der Hand.
So wandre ich durchs hohe Flitter-Gras,
und pflück, bis Zeit und Zeiten abgerollt,
der Mondesäpfel Silberglanz,
der Sonnenäpfel reines Gold.

 

Anmerkung zum Verständnis:
Aengus ist ein Gott der Liebe, Jugend und Schönheit in der alten irischen Mythologie, der sich der irische Dichter W. B. Yeats zeitlebens in schöpferischen Aneignung immer wieder zugewandt hat, um seine symbolistische Dichtung mittels sublimer Anspielungen und Bezugnahmen auf ihre urtümlich-archetypischen Legenden zu überhöhen und in eine geheimnisvolle Aura des nur leise Mitgesagten zu tauchen oder von einem Ungesagten wie vom Schatten einer rasch vorüberziehenden Wolke berühren zu lassen, der kaum fühlbar über die Haut des Gesagten huscht.

 

Sep 13 21

William Butler Yeats, An Old Song Resung

Down by the salley gardens my love and I did meet;
She passed the salley gardens with little snow-white feet.
She bid me take love easy, as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish, with her would not agree.

In a field by the river my love and I did stand,
And on my leaning shoulder she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy, as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish, and now am full of tears.

 

Altes Lied, neu angestimmt

Die Liebste und ich, wir trafen uns dort bei den Weidenhainen.
Sie schritt durch die Weidenhaine mit schneeweißen Füßen, kleinen.
Sie bat mich, nimm die Liebe leicht, wie die Blätter, die an Bäumen sprießen.
Mich aber, jung und töricht, mußten ihre Worte verdrießen.

Meine Liebste und ich, wir blieben am Ufer des Flusses stehen.
Auf die Lehne meiner Schulter ließ den Schnee ihrer Hand sie wehen.
Sie bat mich, nimm das Leben leicht, wie das strotzende Gras auf den Dämmen.
Doch ich war jung und töricht, nun kann ich die Tränen nicht hemmen.

 

Sep 12 21

William Butler Yeats, The Sorrow of Love

The quarrel of the sparrows in the eaves,
The full round moon and the star-laden sky,
And the loud song of the ever-singing leaves,
Had hid away earth’s old and weary cry.

And then you came with those red mournful lips,
And with you came the whole of the world’s tears,
And all the sorrows of her labouring ships,
And all the burden of her myriad years.

And now the sparrows warring in the eaves,
The curd-pale moon, the white stars in the sky,
And the loud chanting of the unquiet leaves
Are shaken with earth’s old and weary cry.

 

Liebeskummer

Gezänk der Spatzen in der hohen Gaube,
den runden Vollmond, Sternenprahlerei,
und lauten Sang, wo’s immer singt im Laube,
hat überdeckt der Erde altersmüder Schrei.

Und dann kamst du mit roten Seufzerlippen,
und mit dir kamen Lebens ganze Tränen,
und all der Kummer bei den schroffen Klippen
und all die Last der Vorwelt auf den Kähnen.

Und nun die Schlacht der Spatzen in der Gaube,
Mond bleich wie Quark, weiß Sterneneinerlei
und Singen laut im ruhelosen Laube,
sie zittern mit der Erde altersmüdem Schrei.

 



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