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Dez 8 22

Jamben auf die Pseudo-Dichter

Die Pseudo-Dichter dichten nicht mit Worten bloß,
sie borgen sich ein Charisma,
den ausgebeulten Nimbus des Poète maudit,
als sei im Blitzlicht wer verfemt,
doch sind sie auch von einem Nachtmahr heimgesucht,
der ihrer Sprache Mark zernagt,
sie mimen Baudelaire mit seinem Pansgesicht,
Verlaines Trübsal, auch nicht schlecht,
wie er betrunken greint „Rimbaud, du Schuft!“
Ja, ein Passionsspiel, close-up, das
verkauft sich gut, schäumt nur die Wunde hell,
die man sich coram publico
an bleicher Dichterstirn hat theatralisch auf-
geschlitzt mit einem zarten Schnitt.
Doch jene litten wahrhaft an der Syphilis
des Geistes, seelischem Skorbut,
in Nächten gottverlassner Obdachlosigkeit,
wo diese Bier am Messestand,
Prosecco labt. Und all das Fördergeld vom Staat:
Da hurt man mit dem Zeitgeist gern.
Wenn heuchlerisch die Wehleidsträne auch
den Schluder-Vers verschmiert,
Unleserliches geht als Hermetismus durch,
der Rhythmus katatonisch starr
sich in den Anus eines Chiffrenfetischs krallt,
erglänzt nur der Furunkel Nichts,
den eingeweihte Interpreten als Symptom
der Krankheit namens Abendland
zu deuten wissen. Doch der Reim, der Blütenkelch
an lichter Strophe grünem Zweig,
gilt ihnen als Anathema, steht unter Kitsch-
verdacht, bigottes Feigenblatt
verhehlter Schwären, die sich beim Geschlechtsverkehr
mit feiler Muse Eichendorff
einst eingebrockt hat oder Goethes geiler Knecht
im hohen Gras bei Ilmenau.
Gottlob, den Lyrik-Mädchen wallt noch rhythmisch frisch
getönt das Haar zum Nymphensteiß,
sie lassen gerne sehen, wie sie in den gold-
gerahmten Spiegel sehen, in-
krustiert mit Muscheln, das Gedicht, wie zart behaucht
von ihrem feuchten Blumenmund,
und Melusine glitzert aus dem Wörterdunst,
es glänzt die Haut vor Selbstgefühl.
Nie traute sie dem muskulösen Arm sich an,
der sie ins trockne Versmaß zieht.
Vorm Knalleffekt schreckt auch la fille sans merci
im Internet heut nicht zurück:
Sie löscht das Licht, ins Schweigen aber, ins Mystère
final, das Liebesdickicht, tropft
mit einem Mal ein Glucksen, wie getauten Schnees:
Sie weint! Nein, uriniert.

 

Dez 7 22

Letzter Küsse Waldarom

In den Rosen seufzt ein Schimmer,
der von deinen Lippen sank,
nur ein Schatten bleibt im Zimmer,
der von deinen Blicken trank.

Rosen in kristallner Vase
mit der Hüfte weichem Schwung,
glitzernd wie der Tau im Grase,
da uns stillte Dämmerung.

Auf den Gängen eilen Schwestern
hin, wo eins im Sterben liegt.
War’s vor Zeiten, war es gestern,
daß uns Lichtgerank gewiegt?

Von den Wänden fließen Schlieren,
fährt man spät noch hin und her.
Schlafen, o im Hain bei Tieren,
Herz, von Glanz und Bildern leer.

Doch sie läßt nicht ab zu schwingen,
Unruh einer kranken Uhr.
Wie von Kindern geht ein Singen
durch den leeren Klinikflur.

Gluten, die auf Wassern schwelen,
letzter Küsse Waldarom.
Fahler Traum seid, Asphodelen,
leise rausche, dunkler Strom.

 

Dez 6 22

Satans Mühle

„Mach endlich Schluß mit diesen Abgesängen!
Des Efeus Schlurfen auf den Friesen klingt
wie Rasseln in verschleimten Atemgängen.

Und jenen Quell, der dürrem Vers entspringt,
laß nur verschütten von Betonidioten,
kein Melancholiker ward je beschwingt,

dem du das trübe Wässerchen entboten.
Schließ den Reliquienladen mit Gebeinen,
in Blech-Hyperbeln eingefaßt, maroden,

Kein frisches Weib wird Talmischmuck nachweinen,
den du aus fahlem Pergament geschnitten,
ihr Auge glänzt ins Blau von Saphirsteinen.

Verhülle nicht, die leuchten, Sonnenquitten,
mit dunkler Verse Laubesüberhängen,
die nur verbergen, was du nicht erlitten.“ –

„Wer bist du denn, mich unwirsch zu bedrängen,
und mir den goldnen Becher zu verwehren,
wenn sich des müden Daseins Schatten längen?

Soll ich die fade Lust von Geistern mehren,
die faulend sich um Fäulnisgötzen ranken,
heiß wetzen, die um Lilien klappern, Scheren,

versagen mir, auf schwarzem Samt zu schwanken
mit Knospen, die sich stumm dem Mond aufschließen,
soll krank ich lallen mit den Geisteskranken?

Soll ich, die mir am Versfuß schüchtern sprießen,
die Veilchen für die Höhnenden zerdrücken,
die Säure auf der Anmut Lächeln gießen?

Wer bist du denn, den Vers mir zu zerpflücken?“ –
„Ich bin dein Gegen-Ich und schlafe neben
dir, um das Traumgesicht dir zu zerstücken.

Ich bin die schwarze Laus in deinen Reben,
die schmatzend frißt und frißt, bis ich es fühle,
kein Traubengold wird deinen Most beleben.

Zart eingefädelt tropft die Hirnkanüle,
und Bilder bröckeln, Wort zersetzt ein Keim,
Ich bin, dein Mark zu mahlen, Satans Mühle,

die bacchisch kreischt, zertrümmert sie den Reim.

 

Dez 5 22

Der erstickte Quell

Zwischen den zerbrochenen Amphoren
seufzen Gräser, Mythensplitter
hüllt, was früher Hymnen Glanz beschworen,
fahler Mond in Schattengitter.

Und die Hirten, die mit Flammen sangen,
Schmerz der Gluten, Liebesfunken,
sind zu fremden Göttern fortgegangen,
Pan und Nymphe sind ertrunken.

Gnadenquell, der heiße Stirnen kühlte,
unter Sternen Psalmen lallte,
daß ein müdes Herz noch Ferne fühlte,
sie erstickten Wahnasphalte.

Und die Dichter, die vom Quell empfangen
Licht, zu lösen dumpfe Zungen,
sind zu dunklen Mächten fortgegangen,
Sternensänge sind verklungen.

 

Dez 4 22

Der Schmerzgefährte

Gezwitscher war herabgeflossen,
verglommen Abendpurpurgold,
o, Liebe, wandle unverdrossen,
Tau sei, des Laubes Nacht dir hold.

Und dämmern ferne auch die Gärten,
wo reines Wasser weicher tönt,
du triffst bald auf den Schmerzgefährten,
der dich mit deinem Schmerz versöhnt.

Er ist vom Kreuz hinangestiegen
und fand den Himmel wüst und leer,
magst dich an seine Seite schmiegen,
die alte Wunde glänzt nicht mehr.

Sind alle Pfade auch verdunkelt
und münden in den Karst der Nacht,
ein Stern ist, der noch einsam funkelt,
der Sängern einst den Sang entfacht.

Die Liebe hält den Schmerz umschlungen,
die Augen feuchtet Liebeskuß,
sie steigen nieder, schilfumsungen,
zur Taufe in den dunklen Fluß.

 

Dez 3 22

Die Fäden rissen

In Mondes dunstig aufgeflockter Molke
ein schwanker Kelch, ins Dämmervlies gehüllt,
von hellen Tönen einer Purpurwolke
wardst, Nature morte, du huldvoll angefüllt.

Umwimpert noch von Schatten, bangen,
hat sich die scheue Knospe aufgetan,
was du an Strahlen gläubig eingefangen,
gibst du zurück, o Blicke, diaphan.

Es wehen Silberfäden, feuchte Funken
dir um die leere Mitte ein Gefühl,
wie Liebende dich in das Wasser tunken,
du Anmut hauchst in kahler Flammen Spiel.

Die Fäden rissen und sie wirren lose,
Gespinst am ausgeseufzten Efeublatt,
im Aschenrauch glüht eine letzte Rose,
o trunknes Lied, das keinen Duft mehr hat.

 

Dez 2 22

Der ausgespuckte Kern

Dies Helle „Rose“ und dies Dunkle „Tod“,
als solltest du zum ersten Mal es nennen.
Die Rose auf dem Grab, blüht sie nicht rot?
Dein wundes Herz scheint sich nicht auszukennen.

Hast du sie leichthin Lächeln nicht genannt,
vertraute Züge, die dir heiter schienen?
Als stünden Sphingen um den Brunnenrand,
verdunkelt sich der Muschelschaum der Mienen.

Liegt es nicht auf der Zunge dir, das Wort,
das einzig wahre? Jene Purpurbeere,
erglüht in früher Kindheit Dämmerhort,
die Traube, o von dunklen Süßen schwere,

gepflückt einst unter lang erloschnem Stern.
Doch plötzlich schmeckst du Bitterkeit im Munde,
und spuckst ihn aus, den abgenagten Kern,
gerötet wie im Fruchtkelch einer Wunde.

 

Dez 1 22

Den schwermutgrauen Herzen

Wundersam, wie Töne fließen, süße,
in eine Welt voll Bitternis und Grauen,
wie sachte streifen unbeschuhte Füße
vereiste Blumen, und sie tauen.

Als ob ein Schnee von Gipfeln leuchte, gehen
schweigend wir hinan zur kargen Stätte,
wo unterm Kreuze kleine Flammen flehen,
daß Liebestod die tote Liebe rette.

Wie lichte Tränen hingeronnen
sind in das Dunkel Lobgesänge,
der Schwestern nannte ferne Sonnen,
schritt barfuß durch die Dornengänge.

Als ob sich fern die Heimat lichte, gehen
singend wir hinab zur Gnadenquelle,
wo um ein keusches Wasser Lilien stehen,
zu schöpfen schwermutgrauen Herzen Helle.

 

Nov 30 22

Da du vorübergingst

Sonniges Blau marokkanischer Fliesen
lag, da du vorübergingst,
in deinem Lächeln, deinem Grüßen,
und mir war, mir war, du singst.

Von Topasen, dämmerfeuchten,
kam, wie aus dem Schilf der Nacht,
aus den Augen Meeresleuchten,
und ich schwankte, schwankte sacht.

Weicher Knospe abendliches Neigen
war des Mundes Rosensinn,
weicher noch sein Duft, das Schweigen,
und er riß, er riß mich hin.

Mond, der über Wellen zittert,
schien mir deine Seele lind,
Fenster, efeuübergittert,
meine war schon, war schon blind.

 

Nov 29 22

Die Märtyrer der Endzeit

So viele exzessive Posen, allzu dick
die Phrasenschminke, die verläuft,
wenn aus fanatisch grellen Augen Feuchte rinnt,
obszön vor einer Kamera.
Sie dünken Zeugen sich der Wahrheit, jenes Wals,
gejagt, gehetzt wie Moby Dick
auf allen Meeren dieser Welt von Satanas,
sie schreien, Ahab, Ahab hat
den Leib durchsiebt, den edlen Leib des Muttertiers,
das huldvoll Jonas trug ans Licht.
Ein Dämon ist der Feind, und die Harpunen, die
er schleudert, heißen geile Gier,
patriarchale männlich-toxische Gewalt,
perverse Lust auf Talg und Tran.
So sieht man spröde Mädchen, Knaben mädchenhaft,
wie trunken von der Heilsvision,
auf Plätzen sich, auf Straßen kleben fest mit Leim,
der Lymphe ähnlich, womit fromm
die Schnecke an dem Blatt von Mutter Erde klebt,
auf allen Vieren, wie Voltaire
gehöhnt, doch müssen sie nicht ein Martyrium
wie jene Zeugen dunkler Zeit
erleiden, die meineidig wurden Gott, dem Staat,
die warf man wilden Bestien vor,
und züngelte die Flamme, war es ein Gesang.
Behutsam birgt man sie, o nein,
man amputiert sie nicht, die kriminelle Hand,
wie’s gern geschieht in Allahs Reich,
woher sie edle Sprossen dieser feinen Kunst
des Lebens gern dem morschen Stamm
der Dichter und der Denker pfropfen, bis am End
ihn fälle Genosuizid,
nein, die auf Bilder alter Meister Schleim und Quark
geschmiert als tristes Menetekel,
daß alles Schöne in die Sintflut sinkt, sie schickt
man gnädig an das Mikrophon,
damit sie vor der Meute geifernder Journaille,
Kassandra gleich vor Trojas Fall,
schrill ihr Lamento psalmodieren, bald, schon bald
versänk Elysium im Meer,
wenn nicht der weißen Phallokraten Sünderschar,
kastriert zum Heil der Welt,
eunuchenhaft Blaustrümpfen Soja-Trank kredenzt.
Das Dogma, ihnen offenbart
allein, thront als Arkanum über dem Gesetz.
Ein infantiles Charisma,
es blendet selbst Frau Lockenstolz, Herrn Bierschmerbauch,
klagt, irren Blicks, den Tränen nah,
psychotisch zappelnd noch im elterlichen Netz,
die Kindfrau vor dem Heuchlerrat,
wir könnt ihr’s wagen, uns die Zukunft, uns die Luft
zu rauben, und es braust Applaus.
Verführtes Kind, Verführerin, kehrt Greta heim,
wo gleich sie in den Käfig schaut,
doch war zu lange sie auf Welterlösungsfahrt,
der Sittich, er verstarb derweil.

 

Nov 28 22

Der kleine Stoiker

Da hüpft er, Mick, mein Mickilein, von weitem hat
er mich erkannt, der treue Hund.
Und wedelnd kreist er um sich selber, wie er blinkt,
der onyxschwarze Augenstern.
Ja, ja, schon springst du hoch und kratzt und tapst und schniefst,
die Schnauze in der Tasche fast
vergraben, wo ein Leckerli für meinen Mick
schon lang auf sein Gejapse harrt.
Was dir begegnet, kleiner Stoiker, dünkt dich
genug, du überschnüffelst nicht
mit deiner feinen Nase, was die Welt begrenzt,
die du bewohnst. Das weißt du nicht,
daß über Fluß und Tal und Berg ein andrer Hund
gelebt, dir ähnlich ganz, wie du
gerufen Mick von einem guten Frauchen, das
dem deinen ähnelte, doch fand
man sie vor Wochen kalt und bleich in ihrem Bett,
der kleine Mick, der Zwillingshund,
lag auf dem Kissen neben ihr, war schon ganz ab-
gemagert und er keuchte schwer,
starb auch dahin, als man die Alte hob zum Sarg.
Du kennst, o Glück, nur einen Tag,
vom ersten Strahl des Morgens bis zum Abendrot,
vom Frühling bis zum weichen Schnee,
doch wüßtest du zu raten und zu sagen nicht,
wär dir die Zunge auch gelöst,
ob diese blütenweißen Flocken Winterzeit,
ob jener Schnee nicht Lilien meint,
den Abgrund zwischen einst und jetzt, ihn füllt dir auf
das dunkle Rieseln deines Schlafs.
Von Tür zu Tür, von Duft zu Duft, von Strauch zu Strauch
durchwandelst du den engen Kreis,
und doch erhellt in deinen Adern sich das Blut
von einem Tropfen Himmelslicht.
O leuchte Herz, das in des Lebens Dunkel pocht,
bleib wach für deinen leichten Traum.
Und fühlst du, wie die Bilder blassen, wie der Blick,
der mütterlich dich oft geküßt,
verschwimmt, leg dich ins Gras, die Augen schließ, laß still
verwehen letzten Sommers Hauch.
Und geht sie dir voraus, die dich umsorgt, geliebt,
und machte dir ein Bett aus Flaum,
magst du ihr folgen und nicht schmachten vor dem Grab,
wo weicher Tau von Veilchen rinnt.

 

Nov 27 22

Einer saß am Straßenrand

Einer saß am Straßenrand,
glotzte auf die Flimmerscheibe,
hielt das Handy in der Hand,
frug sich, wo die Liebe bleibe.

Und er hatte auf der Bank
aufgeschichtet Ahornblätter,
Liebe liegt darunter krank,
hofft nicht mehr auf ihren Retter.

Blatt um Blatt aus feuchtem Gold
fiel zur Nacht, der sternenlosen,
war der Sommer ihr auch hold,
Liebe blich mit Herbstzeitlosen.

Hielt das Handy er ans Ohr,
ob es wie die Muschel klinge,
was sich, Schaum des Lichts, verlor,
Äthernacht ihm wiederbringe.

Doch ihm riß ins Trommelfell
Löcher trostlos-kaltes Klirren,
Dunkelheit wird nicht mehr hell,
Liebe, mußt bei Schatten irren.

Und er hob den Blätterstoß,
warf ihn unwirsch auf die Gasse,
o der Tod lockt mehr als Schoß,
fühlt die Liebe, daß sie blasse.

 

Nov 26 22

Vespertina spes

Über Wolken hoch, verworrnen Wegen
blauer langgedehnter Abendklang,
als gewähre unverhofften Segen
grauen Herzen himmlischer Gesang.

Sag mir, sind es Glocken, die noch schwingen
im verschneiten Wald der Weihezeit,
ist es milder Flammenzungen Singen,
das ein heiles Antlitz benedeit?

Auf den Wassern tief, den hohen Matten
blindlings hingeküßter Abendstrahl,
als beglücke, die verseufzen, Schatten,
Traum zu trinken aus dem Gnadengral.

Sag mir, sind es Knospen auf den Hängen,
die im Hauch des Monds sich aufgetan,
sind es Funken aus den Sterngesängen,
hellen Tones wie von Porzellan?

 

Nov 25 22

Wie im eignen Grab

Wieder sah ich dich nicht, wieder verlosch der Mond
hinter Türmen der Stadt, ohne den Trost, den mir
deiner Anmut Gestalt und
lieblich duftend dein Wort gewährt.

Einsam geh ich noch aus, mottendumpf schwirrt der Blick
über funkelndes Blech, wie es mich graust, seh ich
durch Gardinen den Spuk, das
tragikomische Schattenspiel.

Hockt noch murmelnd ein Weib, reckt mir den Napf und grüßt,
so vertraulich wie dreist. Endlich, der Abend schweigt,
und die Pforte ist auf, die in den Garten führt,
wo wir beide zur Sommerzeit

plaudernd saßen allein, und aus dem Laube troff
weich gefiederter Sang, schimmerndem Schleier gleich
floß dein Lächeln um mich und,
o Hauch, südlicher Meere Schaum

war darin und die glüht, dämmert Dianas Hain,
der Zitrone Geruch. Ich aber schlich zurück,
fand verriegelt das Tor, barg
mich im Gras wie im eignen Grab.

 

Nov 24 22

Der Tropfen Reim

Wie im zarten Morgenlicht
Traumes Ranken bleichen,
tut sich auf dein Angesicht,
Knospe ohnegleichen.

Wicken schüttelt wach der Wind
an verschlungnen Gittern,
Wimpern, die noch trunken sind,
Azur küßt, sie zittern.

Wie ein Hauch die Halme wiegt,
summt des Sommers Süße,
Mund, von weichem Mund besiegt,
öffnet seine Schließe.

Was er kündet, scheint geheim,
Duft aus dunklem Moose,
bis er glänzt, der Tropfen Reim,
an der Purpurrose.

Was dein Lächeln scheu verhüllt,
blauer Blicke Feuchte,
hat den Vers mit Tau gefüllt,
daß die Blüte leuchte.

 

Nov 23 22

Jamben auf die frühen Wirren

Welch seltsames Gemisch (halt dir die Nase zu)
von Veilchenduft und Elendsdung,
der noch wie bäurischen Geschickes Ironie
ihm an lackierten Schuhen klebt,
umschwebt den geckenhaften Schwadroneur.
Die Nickelbrille flügelt auf
dem Nasenjoch, die schwarze Lederweste schmiegt
sich speckig an die Hühnerbrust.
Als habe ihm den Blondschopf Meerfahrt ausgebleicht,
als tränk das Auge noch Azur,
und war, ein Hasenherz, doch nie an Hellas’ Strand,
schielt bangend er nach links und rechts,
ob jene auch, auch sie verweilt im Seminar,
und räuspert sich, hat seinen Quark
der Herr Professor Schmidt zum frühen und
zum Marx des Kapitals, dem Bruch
der Episteme, wie’s der Hohepriester aus
Paris, der Gattenmörder, nennt,
breit ausgewalzt, steht ruckend auf, die Brille rutscht,
er schiebt sie nonchalant zurück,
und man vernimmt ein krauses Kauderwelsch,
Adornos Zwielicht-Idiom,
vermengt wie die Satura mit Fruchtallerlei,
im Rausch der Nacht gepflückt
im leider unbewachten Garten Hölderlins,
und radebrecht von Brot und Wein, vom Göttermahl,
dem wahren Bruch der falschen Zeit.
Der ist nicht ganz bei Trost, denkt sich der dicke Schmidt,
ist noch nicht nüchtern in der Früh,
und in der Runde sieht man, wie sie feixen und
die Augen rollen, mancher gähnt,
doch er bleibt unbeirrt, ein trunkener Prophet,
dem Lorbeer kitzelt schon die Stirn.
Doch der verkannte Vates ist ein armer Hund,
hat sich in diesen Vamp verliebt,
ein Schönchen aus den Westend-Villen, die niemals
im Seminar nach ihm geblickt,
ihn keines Worts gewürdigt, wenn er auch, o Scham,
ihr in den Kasten ein Gedicht
geworfen, ohne seinen Namen, Gott sei Dank,
den Philosophendialekt
gepaukt, und seine Mundart ganz zersetzt, verpantscht.
Sie aber wußte es genau,
und hat auf dem Semesterabschlußfest getanzt
mit einem unbebrillten Kerl,
vor seinen Augen, engumschlungen, ihren Schoß
an ihn gepreßt, die Zunge, rot
und lang, ihm grinsend hingestreckt, gestreckt.
O laß es sein, schmink es dir ab,
rät dir der Dichter, der Diotima im Wach-
traum sang, hat auf Susette er auch
geschaut, du liebe selbst die eigne Anima,
die aus dem Dunst der Angst dir steigt.
Und fühlst du noch die Glut, scheu nicht die Einsamkeit,
den Haken, der die Asche schürt.
O schweres Glück, zur Muttersprache heimgekehrt,
zerfällt dir der Jargon der Zeit.

 

Nov 22 22

Die frühen Geister

Sie kommen wieder, frühe Geister, Schatten,
die leise aus dem Dämmerlaube wehen,
und will das blaue Rauschen uns ermatten,

sind sie es, die am Rand der Brunnen stehen.
Und wandeln Arm in Arm wir durch die Wiesen,
sind ihrer drei, die sich im Tanze drehen,

Mänaden wie auf längst zerfallnen Friesen,
und Flammen züngeln über Brust und Lenden
und Augen glänzen in den Panthervliesen.

Du sagst, wir wollen uns zu Blüten wenden,
die auf den Wassern unterm Monde treiben,
da hockt im Schilf und fleht mit Runzel-Händen

ein graues Weib, wir möchten bei ihr bleiben,
und willst du ihrer Stirne Frost behauchen,
zerrinnt sie wie Eisblumen auf den Scheiben.

Steht hoch das Gras, ins Dunkel einzutauchen,
und sagt dein Blick, was keine Worte können,
schreckt auf uns der Erinnyen heißes Fauchen,

die keiner Liebe zarte Gesten gönnen,
sie kennen uns, sie rufen uns mit Namen,
daß wir dem Fluch, dem alten, nicht entrönnen.

Hat eingesenkt sich väterlichem Samen
das Gift der Schlange aus dem Wundergarten
und müssen, die in Liebe wandeln, lahmen?

O Geister, die auf unsre Schwachheit warten.

 

Nov 21 22

Schweigen, keuscher Schnee

Dein Schweigen ist wie keuscher Schnee,
der still durch Dämmerungen scheint,
wie weicher Tau der Orchidee,
der heim zum Schoß der Erde weint.

Dein Schweigen ist wie Abschiedshauch
der Blüte, die ins Dunkel sieht.
Aus sommerblauem Abendrauch
steigt auf der Mond, mein trunknes Lied.

Mein Lied ist wie das feuchte Laub
der Nacht, betropft von fahlem Licht,
als könne fühlen, was schon taub,
netzt es des Siechen Angesicht,

doch bleibt er liegen, ungerührt.
Ich kehr zu deiner Blume heim,
zum Schnee, der in die Stille führt,
o sinke, Mond, verklinge, Reim.

 

Nov 20 22

Fremde Heimat

Es schienen die vertrauten Wege, und doch
war alles wie im Traume fremd. Der Glanz,
der ausging von den Dingen, von den Farben,
er strahlte auf, verlosch und strahlte wieder,
als wogte er von innen, nicht als warmer
Widerschein der alten Sonne. Ich aber
schritt wie auf gespannten Häuten, die seltsam
gleich den Planken eines Schiffes bebten,
und sie schluckten jedes Schrittes Hall.
Da starrten kahle Äste in die Leere,
verschränkte Finger, Blut troff von den Nägeln,
und Früchte glichen Tropfen dunklen Bluts
wie Trauben in der Dämmerung der Reben.
Der Himmel war ein purpurfeuchtes Linnen,
Turmspitzen stachen Löcher in den Taft,
da wehten Fahnen, Wappen mit Emblemen
monströser Fabeltiere, Mädchen-Echsen,
Sphinxen mit zerquetschter Brust, Mischwesen
aus Tier und Blume, mit Blüten wedelnd
Kraken, aus geplatzten Knospen äugend
Embryonen. Da schwebten Pavillons,
wo Weise ihre dürren Bärte zupften,
auf Knochenpfählen über grünen Sümpfen,
woraus metallisch-blaue Flossen blitzten.
Die Wabenhäuser klebten eins am andern,
statt Scheiben sprühten kristallne Facettenaugen,
wie zerstückelt im Kaleidoskop
vergaß man, wer man war und was man wollte,
aufs glücklichste sich selbst entronnen,
und alle waren eins geschwisterlich,
doch mit sich selber unbekannt,
dem andern Spiegelbild, sich selber blind.
Vorm Duft der Ferne, Sternenbotschaft schützten
Schindeln von Krötenpanzern, Affenschädeln,
aus Toren glotzten Mäuler wie von Fischen,
die den Passanten seufzend in das Innre
sogen, und in Blasen aus sich stülpten,
doch umgewandelt, alte jung, und junge
alt, ja, Männer Frauen, Frauen Männer,
Thersites ein Achill, Achill Thersites.
Ich trat auch in der hohen Weihe Haus,
im Becken war das Wasser parfümiert,
da stand statt des Altars ein Quaderstein
aus schwarzem Onyx, darauf schimmerten
nicht edlen Weines Kelch und nicht Monstranz,
ein Schädel aber, den Rachen aufgerissen,
eines Krokodils, und dem Gebiß
hat Zahn an Zahn man Rosen eingesteckt,
der Priester kam, im bunten Flickenkleid
ein Gnom, sein Amen war ein dunkles Grunzen.
Mich aber riß ein Sturm durch öde Gassen,
in denen sich Verwesungsdüfte seltsam
mit dem süßen Hauch von Veilchen mischten.
Und die vorübergingen, mimten Puppen,
von unsichtbaren Fäden hin und her
gezerrt, kaum wehte sie mein Atem an,
ergoß ein Lächeln sich auf ihr Gesicht,
ein Glanz aus Wachs wie einer zarten Maske
leicht ablösbares Blatt, und Feuchte quoll
in Augenhöhlen, angstumwimpert. Da eilte
ich, ans Ufer zu gelangen, ein Rauschen
zog mich hin wie heimatlichen Stroms.
Schon schwappte mir das Wasser bis zum Knie,
da nahm ein Kahn mich auf, der Fährmann nickte,
und langsam glitten wir auf schwarzen Wogen
an jener Stadt vorbei, die schon im Dämmer
versank, die Wappen blaßten und das Funkeln
der Kristalle war erloschen. Da schwoll
wie aus dem Mund der Muschel säuselnd ein
Gesang, sirenensüß, sich wie ein Schleier
breitend über dumpfen Daseins Schlaf.
Und plötzlich, aufgepflanzt wie ein Gespenst,
stand dort im Uferschilf der zarte Knabe,
in einer viel zu großen Lodenjacke,
mit einer Mütze, filzig-grau, die riß
er jäh vom Kopf und winkte mir damit,
und winkte wirbelnd, wie man Abschied winkt
von einem lieben Gastfreund, und er rannte,
dem Kahn zu folgen, der die Mitte schon
des Stroms gewann und wie im Dunst ein Schemen
entschwand. Dann stand er still, ich hörte noch,
wie seiner Knabenstimme Silberfaden
sich in den Nebelvorhang des Gesanges
wand, da sah ich, kannte ich ihn wieder,
ich war es selbst, der Knabe aus der Stadt
am Fluß, und mußte lange weinen, weinen,
bis fremder Heimat Traumgesang erstarb.

 

Nov 19 22

Komm, gehen wir ins Abendrot

Komm, gehen wir ins Abendrot,
wo noch unter Flammenruten
trunknen Liedes Rosen bluten,
o Lust der Sonne, Schoß und Tod.

Verweilen wir, sonst schmilzt das Bild,
wo wie Monde Mirabellen
aus dem Laub des Dämmers schwellen,
bis leuchtender die Wunde quillt.

Und trinken wir den Tropfen Licht
eins im Abschiedsblick des andern,
die ins Blütenlose wandern,
schweigen, nur die Träne spricht.

Komm, gehen wir ins Abendrot,
wo wie Schatten wir uns finden,
die sich umeinanderwinden,
o dunkle Liebe, Schoß und Tod.

 

Nov 18 22

Perdendo, morendo

Auf Wogen goldenen Korns
Flügel, blaue, die ertrinken,
und betört vom Feuermohn
im Herzen süße Stiche.

Regen, Schlieren auf dem Glas,
fahler Wange Schimmer,
Tropfen, Blicke, zögern lang,
und sie rinnen hin.

Im Schluchzen der Sonate,
perdendo, morendo,
hör ich dich vom andern Ufer
meinen Namen rufen.

Auf Herbstes einsamer Schwelle
liegt unter gelben Blättern
einer Taube blasse Feder.
O gurr entrückt in fernen Gärten.

 

Nov 17 22

Das Hündchen Micki

Micki heißt das Hündelein,
mit dem Frauchen, arm, doch fein,
trippelt’s an den Autos lang,
und hebt müde noch das Bein.
Ach, sein Hundeherz ist bang,
kläffen hab ich‘s nie gehört,
Micki, holdes Mißgeschick,
kannst nur flehend fiepen, bloß
winseln, doch mit deinem Blick
hast du gleich ein Herz betört.
Frauchen läßt dich nicht allein,
legst den Kopf auf ihren Schoß,
und sie krault das Vlies dir zart.
Samt hast du von einem Reh,
Wimpern mädchenhaft-apart,
Tupfer auf der Stirn von Schnee.
Und warst doch ein Straßenkind,
jüngst in einem tristen Slum,
wo die Hunde Waisen sind,
in Rumänien. Wie ein Lamm,
das der gute Hirt noch hebt
aus der sternenlosen Nacht,
hat dich, daß sie froher lebt,
Frauchen in ihr Heim gebracht.
Micki, wie du wedelnd rennst,
geh ich zögernd vor die Tür,
und von weitem mich erkennst,
denn ich habe stets zur Hand
für das sanfte, treue Tier
Leckereien. Zartes Band,
das wohl zwischen uns geknüpft,
was ein Dichter Schicksal nennt.
Fühl dein Herz ich, wie es hüpft,
seh dein Auge, wie es glänzt,
weiß ich, daß auch Liebe kennt
Kreatur, bekrallt, geschwänzt.

 

Nov 16 22

Drüben, wo die Liebe wohnt

Psalmen, weicher Wasser Lallen,
Blüten auf dem Strom der Nacht,
sind im Herzen schon zerfallen,
das im Schutt des Traums erwacht.

Augen, die zum Glanz sich feuchten,
offne Knospen, kußbetaut,
wollen uns im Dunkel leuchten,
bis die Brache Abschied graut.

Locken, die im Schneelicht bleichen,
Flügel, flockenübersät,
flattern schon zu fernen Reichen,
wo der Sommer Flammen mäht.

Lichter, die am Fenster zittern,
und sie blassen, glüht der Mond,
Rosen, Seufzer an den Gittern,
drüben, wo die Liebe wohnt.

 

Nov 15 22

O Knospe Liebe

Wie Blumen, die niemals das Dunkel sehen,
am Morgen öffnet sich ihr Kelch dem Licht,
im Zwielicht muß ihr letzter Duft verwehen,
o Knospe Liebe, sieh das Dunkel nicht.

Wie Knospen, denen nachts die Wimpern zittern
und blicken auf in Mondes bleichen Strahl,
muß Sterneneinsamkeit die Nacht verbittern,
wem Schlafes Flügel fortstößt Liebesqual.

Wie eines augenschönen Falters Leben,
der morgens aus der Runzel-Puppe schlüpft,
vom Dämmerdunst ins Sonnenlicht zu schweben,
dein Kind sei, Liebe, das ums Feuer hüpft.

Doch denen Sommeroden sind verklungen,
die Frucht des Herbstes fiel so dumpf ins Gras,
sie schmecken Asche auf den stummen Zungen
und starren blind durch frostgeblümtes Glas.

 

Nov 14 22

Glut und Asche

Wenn uns aus herbstlich-trunkner Abendbläue
Schatten niedertaumeln, und es dringen
aus dem Laub noch Vogelstimmen, scheue,

fern verrauschen Sommers Kranichschwingen,
laß, Liebe, uns auf weichen Moosen gehen.
Tropfen, die am Blumenmund zerspringen,

Seufzer, die wie Veilchenhauch verwehen,
und der Engelsglocke blaues Klagen
sind allein, vor Leiden zu bestehen,

die Liebende ans dunkle Ufer tragen,
wo Dämmerschilf sie birgt, die lebensmüden.
Und wir hören nicht, was Wellen sagen

von Herzen, die auf immer sie geschieden,
Glut von Rosen, die bei Muscheln bleichen.
Und als bringe uns sein Nachen Frieden,

wollen Charon wir die Münze reichen,
ich den Hungerpfennig, du die Krone,
doch läßt der Sohn der Nacht sich nicht erweichen,

da er nur den bittern Tod belohne,
nicht den sich Liebesflamme bahnt, den süßen,
wie ihn die Mücke trinkt aus rotem Mohne.

O, Liebe muß die Glut mit Aschen büßen.

 

Nov 13 22

Dämmerung am Strom

Wasser, spiegle mir noch, dämmert auch längst mein Tag,
Wolken, Rüschen auf Blau, was ich gestreut dir blind,
laß ins Dunkel nicht münden,
Schnee von Knospen und Blütenlicht.

Dem ich einsam gelauscht, ging ich den Uferpfad
oder lag da im Schilf, wie eine Muschel kalt,
laß dein Rauschen als Echo
traumentrückter Gestade mir.

Sinken Schatten herab, schwankender Traube Gold
fahlt in grauendem Tau, möge mir noch das Bild
unerfüllbaren Sehnens
glänzen aus wogender Nacht, der Mond.

Muß verlöschen auch er, alles ist stumm, wie tot,
sagt kein einziger Stern, meiner gedenke ein Herz,
will ich tauchen zu dir, o
Melusine, zu dir hinab,

wo mir blitzt bunter Schaum, schuppiger Anmut Spiel,
wie aus singendem Mund quellen schon Tropfen auf,
tänzelnd peitschen mich Flossen,
doch ich taste nur warmen Schlamm.

 

Nov 12 22

Süßer Tau

Deiner Blicke feuchte Funken,
süßer Tau der Purpurrose,
sind in meine Nacht gesunken,
in die Nacht, die sternenlose.

Und sie küßten mir die Wunde,
daß sie heller brennen mochte,
Kerze sanfter Abendstunde,
Kerze mit dem Liebesdochte.

Deiner Augen stille Tränen,
süßer Tau der Amarylle,
rannen in die Schuttmoränen,
gramverstummter Herzen Hülle.

Und sie tränkten mir die Krume,
daß noch einmal glühen mochte
Mohn der Nacht, des Orpheus Blume,
Herz, das deinem Herzen pochte.

 

Nov 11 22

Nausikaa

Wo Apfelsinen, feuchte Sonnen, glimmen,
im Haine der Phäaken, und Zitronen,
im Dämmerlaube fahle Monde, schwimmen,
muß auch der Liebe Wunderrose wohnen.

Bist du es nicht, Nausikaa? Die Wangen
erröten dir von eignen Blutes Singen.
Hält dich das Bild des Irrenden gefangen,
ihm deiner Blüten Flammen darzubringen?

Sprang dir der Ball, von Eros Hauch gehoben,
vielleicht zu weit ins Dickicht von Mimosen,
dein Wort glänzt noch, aus goldnem Garn gewoben,
und deiner Anmut Bild umranken Rosen.

Das Wort „Kehrst heim du, magst du mein gedenken“
ließ auf des Ahnensaales lichter Schwelle
dich der Entsagung Wimpern milde senken,
und dunkler Duft umfloß die Rosenhelle.

Uns aber, die in kahlen Zimmern warten,
bis abgebrannter Herzen Stümpfe blaken,
erglühe, Rose, aus versunknem Garten,
umrauscht von blauem Vers, Land der Phäaken.

 

Nov 10 22

Der Tod des Wanderers

Wenn sich in roten Früchten ründet
die Sommerzeit, auf Halmen schwankt,
was aus der Nacht ins Licht gemündet,
hat Efeu weich den Stein umrankt.

Was dunkel Nachtigallen weinen,
hebt in sein Lächeln Himmelsblau,
die Knospen tun sich auf und scheinen.
Die Rose sagt zum Wandrer: „Schau!“

Doch blind zieht weiter ihn die Wunde,
die keiner Blüte Leuchten stillt,
hinab, hinab zum Dämmergrunde,
wo trunken Geist der Erde quillt.

Dort fand man ihn, die Quelle rauschte.
Verzückung stierte aus dem Blick,
als ob er noch dem Schluchzen lauschte.
Das Wasser rann ihm ins Genick.

 

Nov 9 22

Schwacher Schimmer

Eine Feder lag im Staube,
Schimmer, schwach im Morgenlicht,
war sie da, die Turteltaube,
hörte ich ihr Gurren nicht.

Scheuer Wolke Spiegel, Wasser,
wo die Sonnenknospe trieb,
und von Blüten immer blasser
blanker Spiegel wurde trüb.

Lilien in blaugrauer Vase,
Schimmer, schwach im Dämmerschein,
feenzart gewirkte Gaze
hüllte ihren Schimmer ein.

Wie von einem dunklen Schwirren
ist der Einsame erwacht,
doch nicht hellte auf dein Girren,
Turteltaube, meine Nacht.

 

Nov 8 22

Am Leben hängen

Ich legte mich in Halm und Nacht,
im Sommermond zu sterben,
von trunknem Duft bin ich erwacht,
umflorter Liebe Werben.

Ich riß die Planke aus dem Kahn,
in dunkle Flut zu sinken,
da sagte schimmernd mir ein Schwan,
den Schimmer soll ich trinken.

Ich sah im roten Rebenblatt
mich hin zum Abgrund drängen,
sein Tod, der so viel Glühen hat,
ließ mich am Leben hängen.

Ich wollte, als der Mond verglomm,
verblassen mit den Veilchen,
doch eine Nachtigall rief: „Komm,
wir glühen noch ein Weilchen!“

 

Nov 7 22

Wir Danaiden

Sie haben, Sappho, Selene dir genommen,
auf der Flucht zu fernen Galaxien
ist ihr holdes Angesicht verglommen,
und auch die Monde deiner Oden fliehen.

Deine Nacht, Novalis, liegt zerrissen,
das Gefieder orphisch-blauen Sangs,
auf den kalten Aschenkissen
im Grand Hotel des Untergangs.

Und die, Vates, du mit eigner Hand
uns gebündelt, hohen Geistes Strahlen,
mußten, in das Totenreich verbannt,
im Herzen Diotimas fahlen.

Die Sonnen aber, sie erkalten,
die Blütenlicht und Nacht geschieden,
wir rinnen in des Chaos Spalten,
o dunkler Schaum der Danaiden.

 

Nov 6 22

Die Stunde naht

Und keiner ist, dir von der Stirn zu hauchen
des grauen Staubes Überdruß.
Die Stunde naht, dein Herz zu tauchen
ins dunkle Licht, den Lethefluß.

Ein Schneien tilgt die Spur des Lebens,
das aus dem trüben Himmel fällt,
und alles Wandern war vergebens,
in Dunst zerrinnt das Herz der Welt.

Die Augen, die im Finstern glommen,
verlöschen, kehrt der Tag zurück,
zu Asphodelen ist geschwommen
verblaßter Liebe Blütenblick.

Die Verse, wilder Triebe Sprossen,
hat bleicher Mond mit Angst betaut,
und wehe Düfte sind geflossen
zu Ufern, wo kein Rauschen blaut.

So magst du dich zu Veilchen legen,
die weinen wie am stillen Grab,
die Erde, weich vom Sommerregen,
zieht dich ins Dunkel schon herab.

Denk dir, in Baumes Wurzel steige
ein Fetzen deines morschen Beins,
ein Vogel pickt die Frucht vom Zweige,
in seinem Lied erklingt auch deins.

 

Nov 5 22

Liebe, Glut und Lethes Schaum

Wie sind verborgner Süße Funken
aus wimpernfeuchtem Dämmersaum
in deinen stummen Schoß gesunken,
o Liebe, Glut und Lethes Schaum.

Mag einer auf das Gras mir sprühen,
das dürre, wo mein Schmerz sich birgt,
die trockne Zunge mir verglühen,
die sich ins Schweigen wühlt und würgt.

Wie in der Locken schwarze Flammen,
aus denen Duft der Mandel raucht,
Tautropfen, die auf Veilchen schwammen,
des Mondes trunkner Odem haucht.

Mag einer auf den Mund mir fallen,
versunknen Sommers Runzelfrucht,
erleuchten mir die Nachtigallen,
was ich umsonst im Licht gesucht.

Wie Schauer Blumenkelche füllen,
sie schwanken wie Mänaden wild,
streift dir der Wind die Blütenhüllen
vom Schoß, o Knospe ungestillt.

Mag eine auf das Grab mir sinken,
wo Moos umseufzt den Spruch am Stein,
das hohle Aug noch Schimmer trinken,
im Abgrund klirren das Gebein.

 

Nov 4 22

Was die Charis trübt

Es zeigt dein Schatten, was die Charis trübt,
verdunkelnd lichter Bilder Innigkeiten.
Gehst du des Weges, Schatten, er geht mit,
blüht auf, was zwielichtig im Zwielicht schlief,
was du erspäht dir wohl, doch nicht erschaut.
Den Teint der Wesen hält ein Pulsen frisch,
der Erde nächtig Quillen, Himmelsstrahl,
das über Halm und Ader singend strömt,
im schwanken Blatt ergrünt, in Augen glimmt,
und noch im Herbstlaub schäumt verebbend Weh,
ein Tau der Nacht erglänzt in Abschiedsblicken.
Dein müder Hauch macht jenen Spiegel blind,
wo sich gespensterhaft ein Lächeln hüllt
wie Blüten hinter brunnenfeuchter Gaze,
wo sich der Totenmaske Schimmer bricht
und sternenlose Augenhöhlen locken
wie schwarzer Mohn in orphisches Gefild.
Der Tinnitus des innern Ohrs, der Geist,
zerreißt den Wohlklang, den die Dämmerung
aus trunkner Kehle tropft, die Nachtigall,
und heitren Plätscherns Wasserserenade
zerbellt die fletschende, die Wahnhyäne.
Es ist der Phrase zäher Schleim, das saure,
das allzu süße Wort, das bald des Sinnes
zarten Herzbezug verätzt und bald
dem wahren Augenblick das Lid verklebt.
Es ist obszöner Zungen Natterngift,
was in der Meeresstille Muschel rinnt,
die Perle für der Sappho Ohr zerfrißt,
der Wortbombast, der Anmut leichtem Kahne
von johlenden Titanen aufgesetzt,
die unterm stummen Monde Zwerge sind,
doch teuflisch kichern, wenn der Kahn versinkt.

 

Nov 3 22

Dunklem Weh geronnen

Flocke neben Flocke
hüllen wir die sanften Linnen
über kahler Erde Grauen,
wollen wehmutweich verrinnen,
wenn die Veilchen wieder blauen.

Knospe neben Knospe
streuen wir ins Dunkel Samen,
bangen Nächten Blütenhelle,
auf die übermooste Schwelle
zarten Duft verblaßter Namen.

Rebe neben Rebe
halten Orpheus wir gefangen,
Traube neben Traube
schimmern wir im Dämmerlaube,
glühender Mänaden Wangen.

Tropfen neben Tropfen
füllen wir die irdnen Krüge,
schenken, dunklem Weh geronnen,
grauen Herzen Abendsonnen,
matten Dichtern Sternenflüge.

Flügel neben Flügel
wollen wir wie Falter beben
um der Kerze holdes Scheinen,
stumm in die Vollendung schweben,
uns im Opferrauch vereinen.

 

Nov 2 22

Schwermut sang

Schwermut sang, schmolz hin in feuchten Funken.
Hast, Edens Rose, du dich aufgetan?
Im Dunst verstummt, im Schnee versunken,
Blütenlicht, Gesang und Schwan.

Stern, du warst von Davids Psalm erkoren.
Hast du, mein Herz, den süßen Strahl
in trunknen Schilfs Geschwätz verloren,
im Gelall berauschter Qual?

Anmut, ums bukolisch-sanfte Bildnis
hat Veilchen dir Vergil geschmiegt.
Wie überwucherte dich Wildnis,
Hirt, wie ist dein Seufzen lang, schon lang versiegt.

Liebesblicke, Gnadensonnen,
die Gold gehaucht in Trakls fahles Dämmerlaub,
wie ist dein Aug von Tränen überronnen,
o Madonna, netz, in dem wir knien, uns den Staub.

 

Nov 1 22

Die Mänade der Nacht

Verwandelt in die Nachtmänade,
die Brust gefleckt vom Pantherfell,
zog ich zum einsamen Gestade,
ward dunkel mir der Tag, das Dunkel hell.

In matten Tropfen quoll, was ich empfunden,
in meinem Schoße schäumte Bitterkeit,
Äonen rankten sich um Dämmerstunden,
im Tau der Rose glänzte Ewigkeit.

Ich sah den Lichtkristall zum Abgrund fallen,
den roten Mohn an meinem Hauch ergraut,
und hörte Schatten ich vom Urlicht lallen,
war mir, als ob im Styx die Wolke blaut.

Und Flammen seufzten auf den Abendwogen,
wie Blüten um den Schlaf des Schwans,
wo Vögel schwankem Schilf entflogen,
zerbrochen lag die Flöte Pans.

Mein Irrblick folgte keinen Zielen,
im Sand der Angst sank ein der Schritt,
verwischt war schon von Windes Wühlen
die Spur des Leides, das ich litt.

Gestirn stach mich mit kalten Blicken,
mich rief der Gräber Geisterrauch,
mit Knospen Wüsten zu erquicken,
doch sproß dem Mund nur Wehmuthauch.

Daß ich nicht länger fühlen müsse,
hab ich um Molches Gift gefleht,
um einer Schlange Schreckensküsse,
daß mir der Traum wie Schnee verweht.

Es kennt der Herrscher keine Gnade,
der mich mit Flammenmund verbrannt,
kühl, Bacchus, ihn an Blumen der Najade,
mich hat, die Blütenlose, er verbannt,

um überwachsner Namen Mal zu schweifen
wie einer Witwe Klagelied,
um Strünke, denen nie mehr Früchte reifen,
ein Geist, der nur Ruinen sieht.

 

Okt 31 22

Liebespfad am Rhein

Wir seufzten durchs Gerank von Reben,
der Trauben feuchter Glanz
schien schwarzen Locken zu entschweben,
mäadentrunknem Tanz.

Weich hat uns Ufergras umwattet,
heim flüsterte der Fluß,
von Blumen, ach, wie Duft ermattet,
die Blüte fiel, dein Kuß.

Der Strahl, der fahles Blatt entzündet,
zerfloß wie Purpurwein,
die Knospe, blauer Nacht geründet,
der Mond versank im Rhein.

Es war im Gurren junger Tauben,
was Mund an Mund uns schwieg,
es war im Rieseln lichter Lauben,
was Schluchzen überstieg.

Und die an deinem Aug geglommen,
die Tränen sind herab
in deinen stummen Schoß geschwommen,
o Liebe, Schoß und Grab.

 

Okt 30 22

Der erloschene Nimbus

Daß jene Erkorenen sie sahen,
geküßt von hohen Geistes feurigem Mund,
die leuchtende Aura um das Antlitz
des inkarnierten Worts,
des Heiles siebenstrahliges Auge,
die Gloriole,
genährt von dreifaltigen Flammen,
im Chorgesange züngelnd
der sie umkreisenden Engel,
den surrealen Glanz um die Locken
der Gebenedeiten und der Apostel
stillsinnende Stirn,
die Aureole
um den transfigurierten Leib,
soll dich nicht wundern.

In die Dunkelheit der Stille aber
sprühten Eremiten der östlichen Welt
und des byzantinischen Athos
Funken des ungeschaffenen Worts,
das sich auf dem Berge Tabor
den auserwählten Jüngern offenbart hat.

Doch gewährte der Nimbus sich auch Heiden,
von Bacchus ergriffen in wilder Landschaft
Mänaden zu sehen, zu werden, die mit fühlender Hand
aus dem Gefieder der Nacht Gesangesflocken geschüttelt,
um sie ins Haar sich, auf die nackten Glieder zu heften,
den Thyrsosstab der Ekstase mit Weinlaub umkränzten,
den Weg durchs Dickicht in die Lichtung zu finden,
wo das Blut der Wangen und Brüste und des Opfertiers
im tiermenschlichen Reigen zu auratischem Glanz verschmolzen,
er glänzt Apollon ums erhabene Haupt,
der Apotheose der Sonne,
er krönt den Heilbringer Mithras,
ein Strahlenkranz windet sich
von den Diadochen bis zu Augustus
um die Schläfen vergöttlichter Herrscher,
ja noch um den siegreichen Adler
der Kaiser des Römischen Reichs
Deutscher Nation.

O wie beseligend schwebt
um den schwebenden Buddha
der Aureole stilles Lotusblatt.

War nicht van Gogh der letzte,
den Kranz der Strahlen zu winden,
die wirbelnde Mandorla
um nachtblauen Himmels Gestirn,
Nacht, durchzittert, zerblättert
im Sturmwind unwirklichen Lichts,
die Risse zu sehen, die Schründe der Aura,
die ihm sein Spiegelbild entblößte
und im Schamanenflug der Pinsel
als bittere Lichtspur auf die Haut
des Unerlösten gefurcht hat?

Ja, wundern sollte uns Zwerge der Endzeit,
nein, wundern sollte uns nicht,
daß aus der kleinen Schar der Verehrer
entrückter Sterneneinsamkeiten
keiner mehr einen Funken,
ein noch so dürftiges Glimmen
um die Stirn der Enterbten,
Wühler im Schlamm der Vergängnis,
den Sprachgeist zerquatschende Schatten,
um die pomadisierten Zöpfe
der keine Verse mehr machenden Dichter,
über dem aus dem After der tauben Empfindung gepreßten
eitlen Fettfleck der Künstler,
zum Kitzel der fletschenden Meute
amtlich bestallter Maulwürfe
unter Thronen und Altären,
keiner den Nimbus mehr wahrnimmt,
es sei denn gespenstisch leuchtenden Nebel,
der aus den Wassern der Trübsal steigt,
die fahlen Fäulnisflammen
über den eingeebneten Gräbern der Ahnen,
oder daß jene, die von Traumgewittern gequält,
von glühenden Tränen, die sie von nächtlichen Knospen
haben tropfen sehen,
für irre gelten und Pharmaka schlucken,
die das Hirn heilen, indem sie die Seele töten.

Und die sich ins Schilf der Ufernacht flüchten,
flackert Liebenden nicht noch ein Herz
über den Herzen, die vergebens pochen,
eins ins andre zu schmelzen,
oder ein blassender Mond,
die Blume der Nacht,
die einmal das Wort der Dichtung behauchte
mit dem Duft aus versunkenen Gärten,
mit dem matten Schneelichtschimmer
der Jenseitspfade?

 

Okt 29 22

Abwärtsgleiten

Wie zergeht der Tag in scheuen
Tropfen am Kristall der Vase,
feuchte Funken ihr zu streuen
bläht sich schlaffen Abends Gaze.

Mögen unsre Tränen rinnen,
matten Schimmers niederglimmen
auf der Liebe bleiches Linnen,
eins im anderen verschwimmen.

Mond hat bittern Schaum vergossen,
Schattenküsse gaukeln Winde,
Veilchen hat das Lid geschlossen,
bangend, daß sein Herz erblinde.

Streifte uns des Schlafs Gefieder,
Knospen, die ins Dunkel sinken,
Blüte fällt an Blüte nieder,
mag noch Glanz die Erde trinken.

 

Okt 28 22

Die Feder

Sie trippelten, die Körner aufzuklauben,
die du des Morgens hingestreut,
dann flogen jählings auf die Turteltauben –
wie müdes Herz Geflatter freut.

Dann sahst du sie auf dunklem Asphalt blassen,
die Feder, wunderliches Ding,
wie weichem Leib sie sproß, ist schwer zu fassen,
wie sie den Geist der Luft umfing,

zu spiegeln ihn mit Flaum und Fiedersprossen,
harmonisch sinnreich aufgereiht,
von silberblauen Schimmern übergossen,
von Lichtes Flocken sanft beschneit.

Und du gingst hin, sie zärtlich aufzuheben,
und legtest sie in den Vergil,
als Zeugnis für das dichterische Leben,
für dunklen Triebs sublimen Stil.

Und fändest du von Liedes Flügel eine
in deiner Ödnis Labyrinth,
heb auf sie, schau ob ihr vor Trübsal keine
der zarten Strahlen wurde blind,

ob sie im harten Lichte der Laternen
den Taft der Milde nicht verlor,
ob sie das Herz erkennt, das zu den Sternen
mit ihr sich höbe gern empor.

 

Okt 27 22

Vincent van Gogh, Runde der Gefangenen

Er lieh noch Licht zwei Schmetterlingen,
die taumeln, Traum an Traum geknüpft,
als wären Puppen sie entschlüpft,
die im Geäst des Himmels hingen.

Im Kreise trotten Dantes Schatten,
Gefangene auf Lebenszeit,
kein Auge sieht es, keiner schreit,
wenn Liebesboten jäh ermatten.

So gehen wir durch Dämmerungen,
vom Dämon Trübsal eingeschreint.
Was golden zwischen Reben scheint,
hat dürre Lippe nie besungen.

Der Künstler blickt uns aus den Reihen
der Elenden gespenstisch an,
er, der in Südlichts Glanz begann,
dem Schaum der Blüten sich zu weihen.


Siehe:

https://de.wikipedia.org/wiki/Runde_der_Gefangenen

 

Okt 26 22

Liebe fragt

Fragst du mich, ob uns noch wehen
Brunnen mondbehauchte Schäume,
ob im Sommer wir noch gehen
still im Schatten alter Bäume,
ob der Dornenzweig der Schlehen
uns die blaue Frucht noch reicht,
sage ich – vielleicht.

Fragst du mich, ob uns die klammen
Hände und die bleichen Wangen
wärmt der Herbst mit Reisigflammen,
milde glüht noch das Verlangen,
schlingen Hand in Hand zusammen,
bis der Mond im Schilf erbleicht,
sage ich – vielleicht.

Fragst du aber, ob in kalten
Winternächten uns noch Blüten
früher Tage Duft entfalten,
wir vor Scheiten, sanft verglühten,
leise singend, Traumgestalten,
fließen in die Finsternis –
sage ich – gewiß.

 

Okt 25 22

Das Zwielicht der Worte

Abendrot, das aus den Zweigen tropft.
Schatten, dumpfe Schläfen uns zu kühlen.
Herz, das bang der Nacht entgegenklopft.
Stummes Pochen sagt uns, was wir fühlen.

Sie verdämmern, Worte faul und fahl,
Früchte, überreif, die abgefallen
vom zermürbten Holz, ihr Fleisch ward schal,
die es aßen, hörst du sinnlos lallen.

Und sie sinken ins belebte Grab,
Bilder, die mit buntem Dunst betörten,
Glanz, der gleisnerisch ein Loch umgab,
Fraß des Wurms, den keine Lügen störten.

Gehen schweigend wir den Uferpfad,
laß statt unser weiche Wasser reden,
wie zu tränken sie die Sonne bat,
Rosen, Veilchen und Reseden.

Und der Worte Zwielicht hellt dein Blick
auf wie voller Mond die Lilienblüten,
nimmt in feuchte Dämmerung zurück
Träume, die im Abendrot erglühten.

 

Okt 24 22

O lebet wohl, ihr heimatlichen Quellen

Noch einmal ging ich durch die Gärten
ins dämmerweiche Ginsterlicht,
die Tauben waren Traumgefährten,
mir lächelte Vergißmeinnicht,
voll Gnade tönten Abendglocken,
ich schlief im Flaum von Blütenflocken.

O lebet wohl, ihr heimatlichen Quellen,
ihr Gärten, mondgewiegter Sage Wellen.

Noch einmal kam ich an die Pforte,
wo mir zum Abschied hat gereicht
die Liebe aus umhegtem Horte
den Veilchenstrauß, hat auch gebleicht
ihr Haar schon Schnee, die Augen sprachen
von Sternen, die durchs Dunkel brachen.

O lebet wohl, ihr heimatlichen Sonnen,
ihr Trauben, deren Glut ins Lied geronnen.

Noch einmal ging ich auf die Hügel,
wo uns im Herbst der Feuerhauch
Gesanges ausgestreckte Flügel
hob über Tod und Aschenrauch.
Und als die Flammen sanft entschliefen,
war es, als ob uns Geister riefen.

O lebet wohl, ihr heimatlichen Lieder,
die Quelle schläft, kein Dichter weckt sie wieder.

 

Okt 23 22

Geheimer Quell

Der Muschel wunderlich Gewinde,
der trunken funkelt, Bergkristall,
betörender Duft der Sommernachtslinde,
Gesang der einsamen Nachtigall –

der Wolken wechselnde Sinngestalten,
die dunklen Mysterienspiele des Lichts,
wenn Venus-Knospen purpurn sich entfalten
und sinken, bleiche Nonnen des Verzichts –

die Rätselsagen der dämmernden Erde,
die glitzern wie der nächtliche Tau,
des Lebens innige Wehgebärde,
sinkt Veilchens Haupt im Regengrau –

der sapphischen Ode Traumgeranke,
vom Hauch der Inselnacht durchweht,
die Hüfte der Schäferin, die schlanke,
wenn mit Verlaine sie zu den Festen geht –

der schwarze Flügel eines Baudelaire,
womit sich müd gerauscht der Abgrund-Spleen,
die goldene Frucht antiker Mär,
im Schoß der Hymne bergend Hölderlin.

Geheimer Quell, der Dichtern Hochsinn spendet,
der Liebe spiegelt ihr verklärtes Bild,
der Geist, holdselig in sich selbst vollendet. –
O einen Tropfen nur, der uns die Wunde stillt!

 

Okt 22 22

Verschneites Grab

Sanftes Linnen hüllt das Grab,
Samt von Flocken, weißer Hauch,
Schmerz und Liebe sank hinab
Duft und Mundes Blume auch.

Die um Schläfen Ranken wand,
wob ins Schattengitter Licht,
schon verwittert ist die Hand,
dunkle Mutter küßt sie nicht.

Und die Liebe beugt sich hin,
wischt den Schnee vom Marmorstein,
zu entziffern Spruch und Sinn,
und die Träne schließt ihn ein.

Laß des warmen Glanzes voll
Schalen flackern in der Nacht,
gleich dem Herzen, dem entquoll
des Gesanges schlichte Pracht.

Frühlingsmondes Knospe schwingt
bald wie Amors Blütenball,
und dem toten Dichter singt
schwesterlich die Nachtigall.

 

Okt 21 22

Schwiegen wir lächelnd

Flügelten stumm wir auf blühendem Feld,
lichtfrohe Falter, den Winden ergeben,
wähnten wir endlos den Sonntag der Welt,
blind für die Spinnen, die Grabtücher weben.

O wie die Lerche die Sonne verehrt,
und ihr Lied schluchzt dem Gluthauch entgegen,
wir aber, die schon ein Schauer versehrt,
rinnen dahin, ein geschwätziger Regen.

Öffnen sich Rosen dem steigenden Strahl,
schließt keuscher Kuß des Monds ihre Lider,
unsere Knospe sinkt dämmerlichtfahl
an die Ufer des Acheron nieder.

Wiegten wir uns wie schlafend der Schwan,
dem das Gefieder Sterne betauen,
schwiegen wir lächelnd im Mittag des Pan,
sähen die ewige Stille wir blauen.

 

Okt 20 22

Denke nicht, schau

Dem Andenken an Ludwig Wittgenstein

Du bist nicht da, das Leben zu befragen,
zu wühlen tief, zu suchen weit,
vollkommen ist, was stille Rosen sagen,
volltönend schwingt der Ring der Zeit.

Du kannst mit Schwätzers Fingerhut nicht leeren
des Unsagbaren Ozean,
das Lied des Lebens kannst du einzig hören,
schweigst du im hohen Mittagsblau des Pan.

Da Schatten sich auf deinen Pfaden längen
und siehst des Glückes Wabe leer,
lockt Tropenmond die Liebe zu Gesängen,
und Lotus schwankt, von Süße schwer.

Still geh vorüber, wo die Bilder fahlen,
die Inschrift überwuchert Gras,
es blühen Zeichen unter Wunderstrahlen,
die noch kein Menschenauge las.

Mag in dein Dunkel Tau von Blüten glänzen,
die edler Strophen Sproß entkeimt,
des Tages abgebrochnen Vers ergänzen,
was süß die Nachtigall noch reimt.

Geh zur Oase, frommer Dichter Weiden,
zum Wasser, das mit Sternen spricht,
und mußt du dich mit Nachglanz auch bescheiden,
o trink den einen Tropfen Licht.

 



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