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Okt 9 26

Scarabaeus sacer

Auf der Mumie lag das Totenbuch,
auf daß die Seele das Gericht bestehe.
Ein Skarabäus wende ab den Fluch,
weil er für Re die Sonnenkugel drehe.

Geschliffen aus Fayencen, blau und grün,
für Gemmen, Amulette, Siegelringe,
bezeugt sein Schimmern, daß wie Turmalin
aus dunklem Abgrund Lebenshelle dringe.

Wir lächeln mild, rollt aus dem Dung von Tieren
der Käfer Kugeln, warm noch für die Brut –
doch nicht, wenn auf dem Abfall toter Worte

ein Vates sacer kriecht auf allen Vieren,
und was er findet in erloschener Glut
stumpf ist, kein Schlüssel für die Himmelspforte.

 

Okt 9 26

Yves Bonnefoy, La maison natale

Je m’éveillai, c’était la maison natale,
L’écume s’abattait sur le rocher,
Pas un oiseau, le vent seul à ouvrir et à fermer la vague,
L’odeur de l’horizon de toutes parts
Cendre, comme si les collines cachaient un feu
Qui ailleurs consumait un univers.
Je passai dans la véranda, la table était mise,
L’eau frappait les pieds de la table, le buffet.
Il fallait pourtant qu‘elle entrât, la sans-visage
Que je savais qui secouait la porte
Du couloir, du côté de l’escalier sombre, mais en vain,
Si haute était déjà l’eau dans la salle.
Je tournai la poignée, qui résistait,
J’entendais presque les rumeurs de l’autre rive,
Ces rires des enfants dans l’herbe haute,
Ces jeux des autres, à jamais des autres, dans leurs joies.

 

Das Haus, wo ich geboren

Ich wachte auf, es war das Haus, wo ich geboren,
die Gischt stürzte vom Felsen herab,
kein Vogel, nur der Wind, die Woge zu öffnen, zu schließen,
der Geruch des Horizonts von allen Seiten
Asche, als verhüllten die Hügel ein Feuer,
das anderswo eine Welt verzehrte.
Ich ging auf die Veranda, der Tisch war gedeckt,
das Wasser schlug an die Tischbeine, die Anrichte.
Dennoch mußte sie Einlaß finden, die Gesichtslose,
die ich kannte, sie rüttelte an der Tür
des Korridors, neben der düsteren Treppe, doch vergebens,
so hoch stand das Wasser bereits im Saal.
Ich drehte die Klinke, die widerstand,
ich hörte vag den Lärm vom anderen Ufer,
dies Lachen von Kindern im hohe Gras,
diese Spiele der anderen, immer der anderen, in ihren Freuden.

 

Vom Dichter gelesen:
https://www.youtube.com/watch?v=K_FMD4QF59w

 

Okt 8 26

Dichters letzte Fahrt

Wär dieses Tau doch nur gekappt!
Schon blitzt die Axt des goldnen Tags.
Wohin wohl trüge dich die Welle?

Du hast es längst vorausgefühlt,
als unter dir der Grund geschwankt
und sich das Wort gebläht im Wind.

Ist, was dich hält, ihr Blick das Tau,
mußt freien du die Einsamkeit,
ein Schmerz, der heller schäumt als Gischt.

Hemmt dich der bleierne Anker Herz,
laß in den Schlamm hinab ihn sinken
zu kahlgefressenen Gerippen.

Die einzige, du mußt sie wagen,
die letzte Fahrt ins Grenzenlose,
den Abschied ohne Wiederkehr.

Und spaltet auch der Kiel Chimären,
der Schwermut fahlen Dunst der Bug,
fern tönt von Inseln ein Gesang.

Die nie Sirenenruf entgeistert,
sie stochern im Strandgut des Gedichts,
den Splittern, namenlos und stumm.

 

Okt 8 26

Yves Bonnefoy, La rapidité des nuages

Le lit, la vitre auprès, la vallée, le ciel,
La magnifique rapidité de ces nuages.
La griffe de la pluie sur la vitre, soudain,
Comme si le néant paraphait le monde.

Dans mon rêve d’hier
Le grain d’autres années brûlait par flammes courtes
Sur le sol carrelé, mais sans chaleur.
Nos pieds nus l’écartaient comme une eau limpide.

O mon amie,
Comme était faible la distance entre nos corps !
La lame de l’épée du temps qui rôde
Y eût cherché en vain le lieu pour vaincre.

 

Die Schnelligkeit der Wolken

Das Bett, daneben das Fenster, das Tal, der Himmel,
die wunderbare Schnelligkeit dieser Wolken.
Der Schriftzug des Regens auf der Scheibe, plötzlich,
als setzte das Nichts seine Unterschrift unter die Welt.

In meinem gestrigen Traum
verbrannte das Korn anderer Jahre in Flammen, knapp
über dem gekachelten Boden, doch ohne Wärme.
Unsere nackten Füße entfernten sich von ihm wie ein durchsichtiges Wasser.

O meine Freundin,
wie gering war der Abstand zwischen unseren Körpern!
Die Schneide des Degens der Zeit, die herumstreift,
hätte dort vergebens nach einem Ort gesucht, um zu siegen.

 

Okt 7 26

Der zerbrochene Zauberstab

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Schattengitter. – Sprachgitter.

Gemeines Unglück: zu wissen, wessen man entbehrt; ungemeines: es nicht zu wissen.

„Der zerbrochene Zauberstab“ – eine ungeschriebene Geschichte alter und neuer Dichtung.

Nostalgie malt der Kindheit Haus und Garten, worin die nackten Traumgestalten, Pomona und Venus, vom Kalk des Alters überkrustet, vor sich hin dämmern.

Wir ließen hin den Haken fahren, womit die Asche wir sinnlos noch geschürt, und standen kalt am Herde, als die letzte Glut erlosch.

Aus dem Traum der Sprache jäh erwacht, ein Tropfen Blut nur blieb als Glanz, wo sich der Vers am scharfen Dorn des Wirklichen geritzt.

Kadaver eines Wals, der am Ufer der erloschenen Sagen stinkt.

Talmigold des Sinns, eines Gedichtes blechernes Blattwerk, das vom gleisnerischen Kuß des Mondes klirrt.

Unbewußte Träne, die in die Falte tauben Fühlens rann.

Am Zappeln des goldenen Fisches, den das Netz der Verse fing, wird es schließlich reißen.

Die Sehen mit der Erregung optischer Zellen, Denken mit dem Feuern von Neuronen verwechseln, diese Hochdotierten und Preisgekrönten stellen auch die Avantgarde bei der Verwüstung und Vulgarisierung des ästhetischen Urteils und Geschmacks.

Das Gedächtnis, zumal das dichterische, ist keine Rumpelkammer, in der man zufällig auf das Kästchen mit dem Schmuck der Ahnfrau stößt.

Sprach-Spiegel, der dem Betrachter seine Totenmaske zeigt.

Eden, einst in die verdämmernde Vorwelt projiziert, dann auf ferner Inseln blütenleises Schwanken, schwebte am Ende, eine halluzinierte blasse Rose, auf den schlammigen Abwässern Babels.

Vorm Gesang aus dem Feuerofen mußte das dichterische Ingenium abdanken.

Trübsal und Dumpfheit wollen gleichermaßen von schillernden Federn gekitzelt werden.

Um eines höheren Zweckes willen – der Moral, des sozialen Lebens – schreiben die Uninspirierten, die niedrig Gesinnten.

Barbaren ist die Abkunft, ob edel, ob gemein, einerlei.

„Menschenwürde“ ist das Entreebillet in die komfortable Hölle, deren parfümierte Rauchschwaden jedes Antlitz ins gleiche Grau hüllen.

Die alle Grenzen niederreißen wollen, machen auch vor der Tür des Einsiedlers nicht halt.

Trauer leidet am ephemeren Verlust, den ihr bald ein Surrogat wettmachen mag; Schwermut am unwiederbringlichen.

Unwahres sagen ist fast ein komisches Übel neben dem tragischen, aufgrund unserer anthropologischen sprachlichen Verfaßtheit nicht umhin zu können, das Licht der Wahrheit im Dunst der Worte und Begriffe zu vernebeln.

Lächeln, der Frühe träumerisches Licht, welches Grinsen verdunkelt, erweckt uns manchmal noch die Jungfrau mit dem Kind, das seine Hand ihr sacht entgegenreckt.

Als Heras Auge noch als das stumme einer Kuh die Sternennacht gespiegelt.

Nichts als ein Scheiterhaufen, der auf das Fanal der Flamme wartet, dieser immerfort anschwellende Wust von abertausend Büchern, in dem fetten Raupen gleich die Autoren und Leser ihre Schleimspur hinterlassen und durch den sich nicht einmal der Zahn der Langeweile frißt.

Der mit sich selbst Geschlagene, wie wild er um sich schlägt.

Wer auf kleiner Flamme schwelt, sieht milder scharfe Kanten, von einer Aureole umschäumt den Kontur des Todes.

Furcht lehrt sehen – zumindest die Gefahr.

Nun, da Frauen, geboren, um zu stillen, auf den Foren krakeelen, die lebendige Frucht gegen ein Messingschild tauschen, auf dem „Atelier Tigersprung“ prangt oder „Dozentin für Queerness“, können Männer nicht Väter sein wollen.

Das Epos gebar den Zwitter Roman, der Zauberstab zerbrach am erigierten Schalltrichter von Volkes Stimme, und Dichtung wurde Literatur.

Bevor das Wort sie trübte, hat der Dichtung Quell den Morgenstern gespiegelt.

Das Phantasma der schweigenden Dyade durchquert den Dialog der lauten Stimmen.

Dichtung, Irrsal des heimatlosen Worts.

Das Echo des zerklirrenden Krugs, der einen göttlichen Wein enthielt.

So hat die Hand gezittert.

Und so träumen wir von einem nie geschmeckten Trank.

Der Aufschrei, daß es sich zeige, verhüllt das Antlitz.

Linie des Worts, porös gleich dem Bergkamm aus Schnee der Montagne Sainte-Victoire.

Der nichts sagen wollte, sagte es.

Die vom Vers der Wille zur Form ausgeschlossen, wie in der Dämmerung vergessener Schilfe klingt sie geheimnisvoll herauf, Musik.

In der Flöte, im Aulos ist der reine Klang gleichsam ekstatisch entrückt; daher siegt der schöne Gott, der sein Lied mit der Laute begleitet, über den häßlichen Satyr.

Einer sagte, daß Bachs Harmonien, so fugenhaft verschlungen sie immer sein mögen, noch singen.

Den im Exil der Sprache Irrenden, leuchtet ihnen einmal aus stilleren Höhen ein Stern?

Die den Stab zerbrochen, gelangten sie in die Armut eines reineren Schweigens, eines stillen Abschiednehmens? – Racine ekelte zuletzt die düstere Leidenschaft und machte nach Phädra mit den profanen Stoffen Schluß. Shakespeare zog sich in sein Kaff zurück und blieb verschollen. Wie hat Rimbaud geschrien, als man das Bein ihm amputierte! Vielleicht sah Hölderlin aus dem Fenster des Turms manchmal dies Licht – oder halluzinierte es zumindest.

 

Okt 6 26

Wandre mit Nomaden

Als Pan aus Rohr sich eine Flöte schnitzte,
hat ihm geweckt sie das Geseufz der Nacht,
bis über ihres dunklen Strömens Pracht
der Unglücksstern der toten Liebe blitzte.

Den Aulos, Schluchzen von entweihten Knochen,
blies süßen Mundes Satyr Marsyas.
Apoll riß seine Haut ins hohe Gras,
die Musen flohen, als das Blut sie rochen.

Du zieh gen Osten, folge den Nomaden,
ein trunknes Boot im Meer der großen Herden.
Und binden sie dich auf den Opferstein,

schon sickert an der Stirn ein roter Faden,
reckt höher als die müden Versgebärden
ins Blaue sich dein auswegloses Schrein.

 

Okt 6 26

Yves Bonnefoy, Une voix

Quelle maison veux-tu dresser pour moi,
Quelle écriture noire quand vient le feu ?

J’ai reculé longtemps devant tes signes,
Tu m’as chassée de toute densité.

Mais voici que la nuit incessante me garde,
Par de sombres chevaux je me sauve de toi.

 

Die Stimme

Was für ein Haus willst du für mich errichten,
was für eine dunkle Schrift, wenn das Feuer kommt?

Ich bin lange Zeit vor deinen Zeichen zurückgewichen,
du hast mich einer jeden Dichte beraubt.

Doch sieh, wie mich die hereinbrechende Nacht beschützt,
mit düsteren Pferden rette ich mich vor dir.

 

Okt 5 26

Der dünne Spalt

Auf Splitter hat der Traum gestreut das Licht,
der dünne Spalt in unsres Schlafes Mauer.
Den Efeu, silbern unter Mondes Schauer,
erblickt der eingeschlossene Träumer nicht.

Die Saite, von der Schwermut Hand geweckt,
kann höher als ihr dumpfes Herz nicht schwingen.
Des Liedes Halme, die nach Atem ringen,
sind vom Kristall der Schmerzen zugedeckt.

Kann, Dichter, nicht dein Vers ins Offne flügeln,
der Taube gleich, die Noah einst entsandt,
daß er das Grün uns bringt zum Lebenszeichen?

Sind immerdar wir ins Verlies gebannt,
sehn nie den Glanz des Taus auf jenen Hügeln,
nicht Lilienlicht des Schwans auf dunklen Teichen?

 

Okt 5 26

Yves Bonnefoy, A la voix de Kathleen Ferrier

Toute douceur toute ironie se rassemblaient
Pour un adieu de cristal et de brume,
Les coups profonds du fer faisaient presque silence,
La lumière du glaive s’était voilée.

Je célèbre la voix mêlée de couleur grise
Qui hésite aux lointains du chant qui s’est perdu
Comme si au delà de toute forme pure
Tremblât un autre chant et le seul absolu.

Ô lumière et néant de la lumière, ô larmes
Souriantes plus haut que l’angoisse ou l’espoir,
Ô cygne, lieu réel dans l’irréelle eau sombre,
Ô source, quand ce fut profondément le soir !

Il semble que tu connaisses les deux rives,
L’extrême joie et l’extrême douleur.
Là-bas, parmi ces roseaux gris dans la lumière,
Il semble que tu puises de l’éternel.

 

Der Stimme von Kathleen Ferrier

Alle Süße, alle Ironie sammelt sich
für ein Adieu aus Kristall und Dunst,
Die tiefen eisernen Schläge erzeugen beinah Stille,
das Licht des Schwertes hatte sich verhüllt.

Ich preise die Stimme, Gemisch von grauer Farbe,
die zögert in den Fernen des Lieds, das sich verlor,
als zitterte jenseits jeder reinen Form
ein anderer Gesang, der einzig losgelöste.

O Licht und des Lichtes Nichts, o Tränen,
höher lächelnd als Angst oder Hoffnung,
o Schwan, wahrer Ort im wahnhaften Wasser des Dunkels,
o Quelle, wenn sie aus abendlichen Tiefen stieg!

Es scheint, du kennest die beiden Ufer,
die äußerste Freude und das äußerste Leid.
Dort drüben, zwischen den grauen Schilfen des Lichts,
magst du wohl aus dem Ewigen schöpfen.

 

Anmerkung zum Verständnis:
Kathleen Ferrier war in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine berühmte Sängerin, exzellente Interpretin der Lieder von Schubert, Brahms und Mahler, für die Benjamin Britten seine Oper „The Rape of Lucretia“ schrieb. Die Schallplattenaufnahme von Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ mit Kathleen Ferrier unter der Leitung von Bruno Walter soll den Dichter Yves Bonnefoy zu dem der Sängerin gewidmeten Gedicht inspiriert haben.

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=Nl6zRA9bYO8&list=RDNl6zRA9bYO8&start_radio=1

 

Okt 4 26

Das Ja, das Nein

Wie sollt ich sagen
ja,
da mir durchs Halleluja
in die Zunge drang
der Parze Nadelstich.

Wie sollt ich sagen
nein,
da sich der Tropfen Bitterkeit
hat einmal aufgelöst
im süßen Dunkel
deines Munds.

 

Okt 4 26

Yves Bonnefoy, La grande neige

Première neige tôt ce matin. L’ocre, le vert
Se réfugient sous les arbres.

Seconde, vers midi. Ne demeure
De la couleur
Que les aiguilles de pins
Qui tombent elles aussi plus dru parfois que la neige.

Puis, vers le soir,
Le fléau de la lumière s’immobilise.
Les ombres et les rêves ont même poids.

Un peu de vent
Écrit du bout du pied un mot hors du monde.

 

Der große Schnee

Erster Schnee früh am Morgen. Das Ocker, das Grün
flüchten sich unter die Bäume.

Ein zweiter gegen Mittag. Von der Farbe
bleiben nur die Nadeln der Kiefern,
auch die fallen und manchmal dichter als der Schnee.

Dann, gegen Abend,
erstarrt die Geißel des Lichtes.
Schatten und Träume haben dasselbe Gewicht.

Ein leiser Wind
schreibt mit der Fußspitze ein Wort von außerhalb der Welt.

 

Okt 4 26

Yves Bonnefoy, La neige

Elle est venue de plus loin que les routes,
Elle a touché le pré, l’ocre des fleurs,
De cette main qui écrit en fumée,
Elle a vaincu le temps par le silence.

Davantage de lumière ce soir
À cause de la neige.
On dirait que des feuilles brûlent, devant la porte,
Et il y a de l’eau dans le bois qu’on rentre.

 

Der Schnee

Er kommt von weiter her als von den Wegen,
er hat die Wiese berührt, den Ocker der Blüten,
dieser Hand, die im Rauch schreibt,
hat er die Zeit durch Schweigen besiegt.

Mehr Licht an diesem Abend
aufgrund des Schnees.
Man könnte sagen, die Blätter brennen vor der Tür,
und da ist Wasser im Holz, wenn man heimkehrt.

 

Okt 3 26

Dryaden nachgesungen

Töchter der Luft, Söhne des Himmels, sie fanden
die flüchtige Heimat im Schatten uralter Eichen.
Sie schrieben flügelnd ins Blau verschnörkelte Zeichen,
Dryaden sangen sie nach, die seufzend entschwanden.

Baum, der Vater, hat gebreitet die Arme,
damit sie in den Achselhöhlen nisten,
ihr Dasein in der Krone Schauern fristen.
Daß er der Kreatur stets sich erbarme!

Wenn Wurzeln ihm ein dunkles Fühlen saugen,
wird bald den Vers erheben lichtes Grün.
Erblüht er zwischen Schotter auch und Steinen,

sein Hauch macht trunken und sein Leuchten kühn,
daß sich Betrübten auftun klare Augen
und die aufs Grab ihn legen, leiser weinen.

 

Okt 3 26

Yves Bonnefoy, L’Orangerie

Ainsi marcherons-nous sur les ruines d’un ciel
immense,
Le site au loin s’accomplira
Comme un destin dans la vive lumière.
Le pays le plus beau longtemps cherché
S’étendra devant nous terre des salamandres.
Regarde, diras-tu, cette pierre :
Elle porte la présence de la mort.
Lampe secrète c’est elle qui brûle sous nos gestes,
Ainsi marchons-nous éclairés.

 

Der Orangenhain

So wollen wandern wir über die Ruinen eines Himmels,
eines ungeheuren,
das Land erfüllt sich in der Ferne
wie ein Schicksal in einem lebenden Licht.
Was wir so lange Zeit gesucht, die Heimat
wird sich vor uns dehnen, Land der Salamander.
Sieh, wirst du sagen, diesen Stein:
Er trägt die Gegenwart des Todes.
Geheime Leuchte, sie ist es, die unsere Gesten verbrennt,
so wandern wir im Hellen.

 

Okt 2 26

Die zersplitterte Transparenz

An den Splittern
der zerschlagenen Fensterrose
wirst du dich schneiden
(rief eine Stimme von dämmernden Gipfeln,
wo der Schnee schon schmolz
in ein süßliches Glucksen).

Sie mit blutigen Händen
wieder aneinanderzukitten
bringt dich der Transparenz nicht näher.

Du hattest am Flackern
irisierender Farben
nur einen trügenden Abglanz
des wahren Seins.

Flut braust schon talwärts,
den Somnambulen des Tags,
der am Gängelband der Schwermut
an Wundmalen entlangflaniert,
unterm Klirren gläserner Blüten
zu begraben.

Die Stimme verstummte.
Der Schnee schmolz dahin.
Muskulöse Arme,
tätowiert mit floralen Mustern,
haben die Glassplitter
mechanisch weggekehrt.

Ein Täuberich gurrt
aus dem Loch der Ruine
in die grüne Stille des Abends.

 

Okt 2 26

Yves Bonnefoy, L’abeille. La couleur

Cinq heures.
Le sommeil est léger, en taches sur les vitres.
Le jour puise là-bas dans la couleur l’eau fraîche.
Ruisselante, du soir.
Et c’est comme si l’âme se simplifie
Etant lumière davantage, et qui rassure.
Mais, l’Un se déchirant contre la jambe obscure.
Tu te perds, où la bouche a bu à l’acre mort.
(La corne d’abondance avec le fruit
Rouge dans le soleil qui tourne.
Et tout ce bruit
D’abeilles de l’impure et douce éternité
Sur le si proche pré si brûlant encore).

 

Die Biene. Die Farbe

Fünf Uhr.
Der Schlaf ist leicht, in Flecken auf den Fensterscheiben.
Der Tag schöpft da unten in der Farbe frisches Wasser.
Rieselnd, aus dem Abend.
Es ist, als werde die Seele einfacher,
mehr und mehr Licht, und das beruhigt.
Doch das Eine reißt auseinander am finsteren Bein.
Du verlierst dich, wo der Mund vom bitteren Tode getrunken.
Das Füllhorn mit der Frucht
rötet sich in der Sonne, die sich wendet.
Und dies Bienengesumm
der unreinen und sanften Ewigkeit
auf der so nahen Wiese, die noch so glüht.)

 

Okt 1 26

Erstickt von langer Dürre Staub

Dein Mund, von einem bittern Rauch gereizt,
als ob in Sommers Halmen Flammen wühlten,
spie aus, was Lippen, süß geküßte, fühlten,
dem Krotzen gleich, den Sud des Wurms gebeizt.

Ein Karst, erstickt von langer Dürre Staub,
von blutdurchsummten Adern abgeschnitten,
vergaß dein Herz, um Glanz des Taus zu bitten,
der einst getropft aus grüner Verse Laub.

Wo ist der Anmut Hirte, o Vergil?
Zerrann der Unschuld holdes Flötenspiel
im Dickicht, woraus Vipern Gift versprühen?

Wohin, Horaz, sind deiner Ode Funken,
die Boten hohen Lebenssinns, gesunken,
daß unsrem Dunkel nur mehr Aschen glühen?

 

Okt 1 26

Yves Bonnefoy, Art de la poésie

Dragué fut le regard hors de cette nuit,
Immobilisées et séchées les mains.
On a réconcilié la fièvre. On a dit au coeur
D’être le coeur. Il y avait un démon dans ces veines
Qui s’est enfui en criant.
Il y avait dans la bouche une voix morne sanglante
Qui a été lavée et rappelée.

 

Dichtkunst

Der Blick ward herausgefischt aus dieser Nacht,
die Hände blieben unbewegt und trocken.
Das Fieber hat man versöhnt. Man sprach dem Herzen zu,
das Herz zu sein. Es war ein Dämon in diesen Venen,
der schreiend entfloh.
Im Mund war eine Stimme, düster und voll Blut,
sie wurde gewaschen und kam wieder zu sich.

 

Sep 30 26

Vor verschlossenem Tor

Gespielin trüber Winde, weißer Flaum,
die Taube mag ihn wohl entbehren.
Der Dichter zögert an des Schweigens Saum,
zu gehen oder heimzukehren.

Die Knospe leidet nicht, wird, den sie lockt,
den schönen Falter nie sie schauen.
Den Dichter, an der Schwermut Pfahl gepflockt,
kränkt Lerchenflug im Morgengrauen.

Die Liebe, Herz, das zum Kristall gefror,
schlürft heißen Hauch, daß es zerspränge.
Den Dichter dürstet vor verschlossenem Tor
nach goldenem Wein der Festgesänge.

 

Sep 30 26

Yves Bonnefoy, Une pierre

Il désirait, sans connaître,
Il a péri, sans avoir.
Arbres, fumées,
Toutes lignes de vent et de déception
Furent son gîte.
Infiniment
Il n’a étreint que sa mort.

 

Ein Stein

Er sehnte sich, ohne zu wissen,
er verging, ohne zu haben.
Bäume, Rauchfahnen,
alle Linien des Winds und der Enttäuschung
waren seine Ruhestatt.
Grenzenlos
hat er einzig seinen Tod umarmt.

 

Sep 29 26

Kleine Ars poetica

Da war ein grauer, hochgelehrter Kopf,
zog wie ein alter Ackergaul die Zeilen,
der Mond stieg bleich, er mußte sich beeilen.
Da flötet über ihm ein Wiedehopf:

„Vergebens rinnt dein Schweiß zur Erde hin,
aus Saaten nur, nicht Tropfen saurer Mühen
kann Gold der Ähre, Korn des Sangs erblühen.
Ins Brachland Furchen ziehen, o Widersinn!“

Ein Jüngling, lockig, schön, doch etwas dumm,
strich durch die Auen, vom Morgenstrahl erwärmte,
da hat’s die wilde Rose ihm gehaucht:

„Hör nur der Bienen trunkenes Gesumm,
wie Dichter wirst du, von zarter Gunst umschwärmte,
die ihren Vers in meinen Duft getaucht.“

 

Sep 29 26

Yves Bonnefoy, À une terre d’aube

Aube, fille des larmes, rétablis
La chambre dans sa paix de chose grise
Et le cœur dans son ordre.
Tant de nuit
Demandait à ce feu qu’il décline et s’achève,
Il nous faut bien veiller près du visage mort.
A peine a-t-il changé…
Le navire des lampes
Entrera-t-il au port qu’il avait demandé?
Sur les tables d’ici la flamme faite cendre
Grandira-t-elle ailleurs dans une autre clarté ?
Aube, soulève, prends le visage sans ombre,
Colore peu à peu le temps recommencé.

 

Einer Erde im Morgenlicht

Morgenlicht, Tochter der Tränen, erneure
das Zimmer in seinem Frieden grauen Seins
und das Herz in seiner Ordnung.
So viel Nacht
bat dieses Feuer, daß es sinke und sich vollende,
uns gebührt zu wachen vor dem toten Antlitz.
Es hat sich kaum gewandelt …
Das Schiff aus Lampen,
wird es in den Hafen kommen, nach dem es verlangte?
Die Flamme hier über den Tischen, die Asche ward,
wird sie andernorts wachsen in eine andere Klarheit?
Morgenlicht, erhöhe, ergreif das Antlitz ohne Schatten,
färbe nach und nach die wiederbegonnene Zeit.

 

Sep 28 26

Zwielichts Schattenspiele

Die Hefe, die lang im Untergrund gegärt,
ins Licht mag sie den grauen Brotlaib heben.
Doch Herzen, vom Inferno ausgezehrt,
nie werden sie wie Sonnenfalter schweben.

Was blutig sich am Dorn der Schwermut schrammt,
als Fratze tritt es jäh aus den Gestrüppen.
Der Bengel Amor, nackt auf seufzendem Samt,
lallt rosige Reime mit süßlich geschwungenen Lippen.

Die Meute füttert der Urne wahnprallen Bauch
mit Scherben, worauf Niedertracht ritzte den Namen.
Du aber, Freund der Musen, geh abseits, tauch
den Vers in eine Wolke flimmernder Samen.

Die Scheelsucht sieht ein Monstrum im Genie,
im Spiegel einer Grazie blühende Wangen.
Vor Engeln beugt der reine Tor das Knie,
verstummend, weil erlöste Seelen sangen.

 

Sep 28 26

Georges Rodenbach, La lampe dans la chambre

La lampe dans la chambre est une rose blanche
Qui s’ouvre tout à coup au jardin gris du soir ;
Son reflet au plafond dilate un halo noir
Et c’est assez pour croire un peu que c’est dimanche.

La lampe dans la chambre est une lune blanche
Qui fait fleurir dans les miroirs des nénuphars ;
On ne sait plus quel jour il est, ni s’il est tard,
Sauf qu’on est doux comme à la fin d’un beau dimanche.

Sourire de la lampe en sa dentelle blanche
Qu’on dirait une coiffe où dorment des cheveux ;
Lampe amicale aux lents regards d’un calme feu
Qui donne à l’air de chaque soir l’air du dimanche.

 

Die Lampe im Zimmer

Die Lampe im Zimmer: eine Rose auf schneeigem Thron,
dem grauen Garten des Abends jählings aufgetan.
An der Decke schimmert ein Lichthof von Porzellan,
und dies genügt beinah, zu glauben, es sei Sonntag schon.

Die Lampe im Zimmer: eines Mondes weißer Mohn,
der in den Spiegeln der Seerosenschwestern Blust entfacht.
Man weiß nicht mehr, welcher Tag heut ist, ob’s bald wird Nacht,
doch fühlt man Milde wie sonntags beim Abendglockenton.

Lächeln der Lampe in weißen Seidenspitzen aus Kanton,
wie eine Haube für der Locken süßen Schlaf.
Lampe, Freundin stillen Feuers, wenn sein sanfter Blick sie traf,
die jedes Abendlied vertieft mit sonntäglicher Modulation.

 

Sep 27 26

Fleck auf der grauen Wand des Traums

Veni, pater pauperum,
Veni, dator munerum,
Veni, lumen cordium.

Komm, Vater, wir darben,
komm, Schnitter von Strahlengarben,
komm, Licht, das Herz ist fahl.

 

Von toter Erde sah ich starren ein Gerippe,
dem einer geschundenen Mähre ähnlich
oder eines Gespensterwals wie Moby Dick.

Ich ging am Strand des Meers, doch keine Welle,
die noch schwappte, keiner Brandung Schaum.
Mond, papierene Blume am Revers des Nichts.

Und über mir Gebräu verkochten Lebens,
Zwielicht, jenseits von Gestirn und Tag,
das keiner Hymne Ruf durchdringt, kein Schrei.

Kein Strahl, der durch das Spundloch sickert,
das eingedrückt des Engels Purpurzeh,
um zu küssen fahle Herzen rot.

Ich sah im Sand die Asche eines Flügels,
und einer Mushel erloschenen Perlmutt,
stumm das Brausen, dem einst Verse nachgeschluchzt.

Geist, die ins Blau emporgeschwirrte Mücke,
ließ auf der grauen Wand des Traums
unter Gottes Klatsche nur einen schwarzen Fleck zurück.

 

Sep 27 26

Veni, Sancte Spiritus

Pfingstsequenz, Stephan Langton (ca. 1150–1228) zugeschrieben

Veni, Sancte Spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium.

Veni, pater pauperum,
Veni, dator munerum,
Veni, lumen cordium.

Consolator optime,
Dulcis hospes animae,
Dulce refrigerium.

In labore requies,
In aestu temperies,
In fletu solatium.

O lux beatissima,
Reple cordis intima
Tuorum fidelium.

Sine tuo numine
Nihil est in homine,
Nihil est innoxium.

Lava quod est sordidum,
Riga quod est aridum,
Sana quod est saucium.

Flecte quod est rigidum,
Fove quod est frigidum,
Rege quod est devium.

Da tuis fidelibus
In te confidentibus
Sacrum septenarium.

Da virtutis meritum,
Da salutis exitum,
Da perenne gaudium.

 

Komm, Heiliger Geist

Komm, Heiliger Geist,
und sende, was im Himmel gleißt,
deines Lichtes Strahl.

Komm, Vater, wir darben,
komm, Schnitter von Strahlengarben,
komm, Licht, das Herz ist fahl.

Du Tröster grenzenlos,
der Seele süßer Schoß,
süßer Tau im bittern Tal.

In der Mühsal Rast,
Maß in wilder Hast,
Tränen wischst du ab.

O Licht, das einzig selig macht,
strahl in des Herzens Schacht
deiner treuen Schar hinab.

Abseits deines Lichts,
ist der Mensch ein Nichts,
und keine Unschuld blüht.

Wasch ab des Unrats Grind,
betau Verdorrtes lind,
die Wunde kühl, die glüht.

Das Starre beuge weich,
hauch, und Kälte weicht sogleich,
lenk heim, was durch ein Irrsal zieht.

Gib uns, die dir vertrauen,
auf deine Treue bauen,
den siebenfach gebrochnen Gnadenstrahl.

Gib der Tugend ihren Kranz,
der Erlösung reinen Glanz
an deinem himmlischen Freudenmahl.

 

Sep 26 26

Als wär ich nicht allein

Uns stillet, sinkt der Tag ins Dämmerblau,
was einem Meister Blatt auf Blatt geronnen
von Kelchen, rot geküßt von südlichen Sonnen,
die süßen Töne, Eros glitzernder Tau.

Und wenn mir deiner Wangen weicher Schnee
das heiße Herz nur kann ein wenig kühlen,
will ich es kaum mehr, kaum mehr fühlen,
wie mir des Wortes Vipernbiß tat weh.

Und gehst du, könnte anders es denn sein,
mit jenem fort, als wäre es mein Schatten,
will ich im Nachklang der Musik ermatten,
die mir noch seufzt, als wär ich nicht allein.

 

Sep 26 26

Stéphane Mallarmé, Le tombeau d’Edgar Poe

Tel qu’en Lui-même enfin l’éternité le change,
Le Poète suscite avec un glaive nu
Son siècle épouvanté de n’avoir pas connu
Que la mort triomphait dans cette voix étrange !

Eux, comme un vil sursaut d’hydre oyant jadis l’ange
Donner un sens plus pur aux mots de la tribu,
Proclamèrent très haut le sortilège bu
Dans le flot sans honneur de quelque noir mélange.

Du sol et de la nue hostiles, ô grief !
Si notre idée avec ne sculpte un bas-relief
Dont la tombe de Poe éblouissante s’orne

Calme bloc ici-bas chu d’un désastre obscur
Que ce granit du moins montre à jamais sa borne
Aux noirs vols du Blasphème épars dans le futur.

 

Das Grabmal für Edgar Poe

Daß ihn die Ewigkeit schließlich zu sich selbst entrücke,
stachelt der Dichter mit nacktem Schwert in der Hand
sein Jahrhundert auf, das erschrak, weil es nicht verstand,
daß in dieser seltsamen Stimme Tod sang im Siegerglücke!

Wie wildes Bäumen der Hydra, senkend vorm Engel die Blicke,
wie er reineren Sinn für der Menge Worte entband,
schrien sie lauthals, der Zauber, ruchlos geschöpft am Strand
der Flut, enthielte ein schwarzes Gift, an dem man ersticke.

Erde und Wolke wären einander feind, o Schuld,
formte unser Sinn daraus kein Bas-Relief voll Huld,
damit das Grabmal für Poe erhabenes Glänzen ziere,

stiller Felsblock, der von einem Unstern stürzte herab,
damit dieser Granit für immer die Grenze markiere
den dunklen Schwärmen, die kommen, Flüche zu streuen aufs Grab.

 

Sep 25 26

Euterpes Traum

Was bleibet: retten von den Worten all,
die einsam auf zu fahlen Himmeln flehen,
Violen, Lilien, Rosen, Orchideen,
sie duften noch, tönt Nacht schon von Kristall.

Dem edlen, das in hoher Vase ragt,
füg nur hinzu von Gräsern zarte, schlichte.
Der Liebe Blick sei es allein, der dichte,
wenn Tau an ihrer Wimper „Trinke!“ sagt.

Daß sie nicht sollen welken, Euterpes Traum,
wenn du sie hast gepreßt in weiße Alben
des Erinnerns mit dem weichen Flaum
von Versen, die schon südwärts flogen, Schwalben.

 

Sep 25 26

Yves Bonnefoy, La lumière du soir

Le soir,
Ces oiseaux qui se parlent, indéfinis,
Qui se mordent, lumière.
La main qui a bougé sur le flanc désert.
Nous sommes immobiles depuis longtemps.
Nous parlons bas.
Et le temps reste autour de nous comme des flaques de couleur.

 

Das Licht des Abends

Abends,
diese Vögel, die miteinander reden, welche auch immer,
die sich hacken, Licht.
Die Hand, die über die hohle Flanke strich.
Wir verharren bewegungslos seit geraumer Zeit.
Wir sprechen leise.
Und die Zeit ruht rings um uns wie farbige Lachen.

 

Sep 25 26

Georges Rodenbach, Dans l’air fraîchi

Dans l’air fraîchi, venant d’où, déclose comment ?
Vers moi, par la fenêtre ouverte, une musique
Déferle à petites vagues si tristement.
Elle me fait à l’âme un mal presque physique.

Confuse comme un songe… est-ce d’un piano,
Est-ce d’un violon méconnu qui s’afflige
Ou d’une voix humaine en élans comme une eau
D’un jet d’eau qui s’effeuille en larmes sur sa tige.

Ah ! La musique triste en route dans le soir,
Qui voyage en fumée, en rubans, qui sinue
En forme de ruisseaux pauvres dans l’ombre nue,
Et trace de muets signes sur le ciel noir

Où l’on peut suivre et lire un peu sa destinée
Dont les lignes du son tracent la preuve innée,
Chiromancie éparse, oracle instrumental !

Puis s’embrouille dans l’air la musique en partance,
Eteignant peu à peu ses plaintes de cristal
Qu’on s’obstine à poursuivre aux confins du silence.

 

In der Abendkühle

In der Abendkühle, woher kommt sie, wie brach sie hervor?
Musik, sie strömt durchs offene Fenster mir entgegen,
in kleinen Wellen, auf denen schwappt ein Trauerflor.
Sie schmerzt wie ein ins Mark sich langsam bohrender Degen.

Wirr wie ein Traum … ob vom Flügel aufgewühlt,
einer Violine, kaum hörbar, Schwermut ihr Gespiele,
einer menschlichen Stimme, wie Gischt emporgespült,
Wasserstrahl, der sich in Tränen entblättert von ihrem Stile.

Ach, die traurige Musik auf dem Weg ins Abendlicht,
die mit Schwaden reist, in Kringeln, und sich windet,
nur ärmliche Rinnsale im nackten Schatten findet
und stumme Zeichen ins schwarze Haar des Himmels flicht,

wo man erkunden, lesen kann ihres Schicksals Furt,
denn die Linien des Klangs folgen dem Zeugnis der Geburt,
Chiromantik zerknittert, Orakel dumpfer Hall!

Dann will die Musik nur noch in luftigen Wirbeln entkommen,
und verdunkelt nach und nach ihre Klagen aus Kristall,
die man gern bis zum Rand des Schweigens vernommen.

 

Sep 24 26

Hoffnungslose Fragen

Gönnst du, Horaz, in deiner Grotte Nacht
die Nische mir, wo blaß ich schimmern sehe
der Schuppen feuchtes Gold, bis ich vergehe
an deiner Ode sterndurchblitzter Pracht?

Hast Kräuter du auf Wiesen noch, Vergil,
daß ich sie rupfe blökend mit den Schafen?
Darf auf des Hirten Flötenvlies ich schlafen,
bis er mich weckt zum Aufbruch ins Exil?

Kann ich denn schwimmen bis zum Inselreich,
wo, Pindar, selig wohnen, die entronnen
und Nektar aus den Hymnenkelchen trinken,

wenn mir den Atem nehmen düstre Sonnen
und meine Worte, siechen Schwänen gleich,
stumm im Morast verwesten Sinns versinken?

 

Sep 24 26

Stéphane Mallarmé, Renouveau

Le printemps maladif a chassé tristement
L’hiver, saison de l’art serein, l’hiver lucide,
Et, dans mon être à qui le sang morne préside
L’ impuissance s’ étire en un long bâillement.

Des crépuscules blancs tiédissent sous mon crâne
Qu’un cercle de fer serre ainsi qu’un vieux tombeau
Et triste, j’erre après un rêve vague et beau,
Par les champs où la sève immense se pavane

Puis je tombe énervé de parfums d’arbres, las,
Et creusant de ma face une fosse à mon rêve,
Mordant la terre chaude où poussent les lilas,

J’attends, en m’abîmant que mon ennui s’élève…
- Cependant l’Azur rit sur la haie et l’éveil
De tant d’oiseaux en fleur gazouillant au soleil.

 

Erneuerung

Der sieche Frühling verjagte, welch ein trister Bescheid,
den Winter, Blütezeit heiterer Kunst, Winter, den hellen,
in meinem Wesen, gespeist aus blutgetrübten Quellen,
räkelt sich die Ohnmacht und gähnt lang und breit.

Es zieht von weißer Dämmerung mir unter der Kalotte,
die wie ein altes Grab ein Eisenring umschnürt,
und traurig irr ich, von vagem, schönen Traum entführt,
über die Felder, wo der Saft tanzt, jedem Takt zum Spotte,

dann falle ich, entnervt vom Duft der Bäume, müd,
und da ich mit dem Gesicht meinem Traum eine Grube wühle,
in die warme Erde mich krallend, wo Flieder blüht,

warte ich, sinkend, daß hinan sich sehnen meine Mißgefühle …
Doch der Himmel grinst nur über die Hecke und das Erwachen
all der Vögel im Flor, die zwitschernd sonnenwärts lachen.

 

Sep 23 26

Die Wunderrose

Von Versen, feuchten Augen aufgetan,
weht Duft der Orchideen, roten, blauen.
O sanfte Schauer, wie zerstäubt das Grauen,
wie schäumt ins Dunkel Gischt vom Ozean.

An Reimen, schwanken Kelchen grünen Lichts,
tropft Tau, die zarte Wimper zu beglänzen.
O leiser Schwindel wie im Traum von Tänzen
an jähen Atemrändern des Gedichts.

Doch wo sich wölbt das Schweigen nächtelang
um unsrer Sehnsucht Karste, blütenlose,
sieht blinde Liebe jene Wunderrose,
von der einst ein Vagant zum Abschied sang.

 

Sep 23 26

Stéphane Mallarmé, Les fleurs

Des avalanches d’or du vieil azur, au jour
Premier et de la neige éternelle des astres
Jadis tu détachas les grands calices pour
La terre jeune encore et vierge de désastres,

Le glaïeul fauve, avec les cygnes au col fin,
Et ce divin laurier des âmes exilées
Vermeil comme le pur orteil du séraphin
Que rougit la pudeur des aurores foulées,

L’hyacinthe, le myrte à l’adorable éclair
Et, pareille à la chair de la femme, la rose
Cruelle, Hérodiade en fleur du jardin clair,
Celle qu’un sang farouche et radieux arrose !

Et tu fis la blancheur sanglotante des lys
Qui roulant sur des mers de soupirs qu’elle effleure
A travers l’encens bleu des horizons pâlis
Monte rêveusement vers la lune qui pleure !

Hosannah sur le cistre et dans les encensoirs,
Notre Dame, hosannah du jardin de nos limbes !
Et finisse l’écho par les célestes soirs,
Extase des regards, scintillement des nimbes !

Ô Mère qui créas en ton sein juste et fort,
Calices balançant la future fiole,
De grandes fleurs avec la balsamique Mort
Pour le poète las que la vie étiole.

 

Die Blumen

Am ersten Tag floß vom alten Himmel goldener Brand,
und vom Schnee, ewig schimmernd mit den Sterngefährten,
hast einst die großen Kelche du herabgesandt
zur Erde, der jungen, vom Fluch des Unheils unversehrten,

die Gladiole blaßgelb, schlanken Halses wie ein Schwan,
den göttlichen Lorbeer von Seelen, der Heimat verloren,
wie eines Seraphs reiner Zeh, purpurn-diaphan,
aus Scham gerötet über die ausgetretenen Auroren,

die Hyazinthe, die Myrte mit dem lieblich schreckenden Schein
und, ganz wie das Inkarnat der Frau, die Rose,
die grausame, Herodias als Blume im hellen Hain,
die ein Blut bespritzt, Lichttropfen, zügellose!

Und du hast erschaffen der Lilien schluchzendes Weiß,
über Meere von Seufzern, die es kaum berührt, zu hetzen,
das durch blauen Weihrauch, fahlen Fernen zum Preis,
träumerisch zum Monde steigt, den Tränen netzen!

Hosianna mit Sistrum und Becken von duftendem Dunst,
dir Madonna, Hosianna aus unserer Vorhölle Lauben!
Verklinge in seligen Abendstunden das Echo der Kunst,
in der Blicke Verzückung, der Aureolen Strahlenhauben!

O Mutter, du schufst in deinem gerechten und starken Schoß
Kelche, die schon der kommenden Zeiten Phiole wiegen,
große Blumen, auf daß Balsam werde der Todesstoß
für den müden Dichter, dem die Lebensadern versiegen.

 

Sep 22 26

Mondscheinsonate

Sie spielt noch, blind wie eine Somnambule,
und der Sonate atmender Schleier weht
die goldenen Tränen, bis der Mond zergeht
in einer wehmutbleichen Wolkenkuhle.

Der Saal mit seinen wahnhaft klirrenden Lüstern
ist leer. Aus ihrem Haar rinnt wie Arrak
ein Lichtflaum auf des Flügels schwarzen Lack.
Doch ihr Herz scheint Schwermut zu umdüstern.

Frag nicht, wem wohl ihr sanftes Strömen gelte,
ob ihrer blassen Hände hohes Wogen
Gischt aufgerührt hat fern an Orpheus Küste.

Die Tropfen glänzenden Erzitterns trogen,
der Meerflut weißer Muschelton zerspellte
im Dämmern einer todesstarren Büste.

 

Sep 22 26

Georges Rodenbach, La ville est morte

La ville est morte, morte, irréparablement !
D’une lente anémie et d’un secret tourment,
Est morte jour à jour de l’ennui d’être seule…
Petite ville éteinte et de l’autre temps qui

Conserve on ne sait quoi de vierge et d’alangui
Et semble encor dormir tandis qu’on l’enlinceule ;
Car voici qu’à présent, pour embaumer sa mort,
Les canaux, pareils à des étoffes tramées

Dont les points d’or du gaz ont faufilé le bord,
Et le frêle tissu des flottantes fumées
S’enroulent en formant des bandelettes d’eau

Et de brouillard, autour de la pâle endormie
- Tel le cadavre emmaillotté d’une momie -
Et la lune à son front ajoute un clair bandeau !

 

Die Stadt ist tot

Die Stadt ist tot, ist tot, keine Rettung mehr!
Ihr Blut verblaßte wie Milch, heimlich litt sie schwer
und siechte hin Tag um Tag, einsam, unerfüllt …
Kleine erloschene Stadt, aus ferner Vergangenheit, die

ihr etwas rätselhaft Reines, etwas Mattes verlieh,
sie scheint zu schlafen noch, ins Leichentuch gehüllt.
Wie nun, ihren Tod zu salben in duftigen Linnen,
die Kanäle, gleich Stoffbahnen mit dem Einschußfaden,

deren goldflackernde Tupfen am Kai lang rinnen,
und der zarte Taft rauchig flatternder Schwaden
schlingen ein mit schmalen Streifen besticktes Gewand

aus Wasser und Nebel um die eingeschlafene Bleiche
– so ist eine Mumie eingewickelt, eine Leiche –,
legt der Mond auf ihre Stirne noch ein helles Band.

 

Sep 21 26

Deine Blicke, meine Verse

Schimmern gleich von Blüten, die schon schlafen,
ihre Lippe aber bebt noch sanft,
deine Blicke, die auf Traumlicht trafen,
Mund, schon feucht vom Schilf an Schlafes Ranft.

Seufzern gleich, geschäumt im dunklen Spiegel,
Wasser, das am Hauch des Monds gefror,
meine Verse, weichen Wachses Siegel,
Schmerz, der sich im Nachtgesang verlor.

Zwitschern, aus dem Nest des Schlafs geflogen,
Murmeln, das der Seele Grund entquillt,
Linie, purpurn durch das Blau gezogen,
Himmel, den das Blut von Rosen stillt.

 

Sep 21 26

Georges Rodenbach, Des cloches

Des cloches, j’en ai su qui cheminaient sans bruit,
Des cloches pauvres, qui vivaient dans des tourelles
Sordides, et semblaient se lamenter entre elles
De n’avoir de repos ni le jour ni la nuit.

Des cloches de faubourg toussotantes, brisées ;
Des vieilles, eût-on dit, qui dans la fin du jour
Allaient se visiter de l’une à l’autre tour,
Chancelantes, dans leurs robes de bronze usées.

 

Glocken

Glocken, ich kannte welche, die gingen lautlos-sacht,
solche, die in Türmchen am Hungertuche nagten,
schmutzige, und wie’s scheint eine der anderen klagten,
keine Ruhe zu finden, nicht tags und nicht bei Nacht.

Glocken der Vorstadt, die hüstelten, voll von Rissen,
Greisinnen, könnte man sagen, die an den Abenden gern
einander immer besuchten, von nah und von fern,
wankend, in ihren Kleidern aus Erz, ganz zerschlissen.

 

Sep 20 26

Im tauben Schnee der Einsamkeit

Rascheln, gelblich-spröde, fahlt,
hebt der sterbende Atem
des Walds den herbstlichen Teppich,
nach Tauglanz fragend, ein wenig noch an.

Mürrische Falten überziehen
die alte Haut des Wassers
unterm Spottlied des Abendwinds,
der seinen bitteren Trank verschmäht.

Du hast, Dichter, blind gewühlt
im grauen Genist der Worte,
doch kein Zwitschern stieg
ins Morgenlicht empor.

Im tauben Schnee der Einsamkeit
sank ein deines nackten Daseins
brennendes Schluchzen,
das unter keinem Knirschen erlosch.

 

Sep 20 26

Stéphane Mallarmé, Soupir (Übersetzunsgsversion 2)

Mon âme vers ton front où rêve, ô calme sœur,
Un automne jonché de taches de rousseur,
Et vers le ciel errant de ton œil angélique
Monte, comme dans un jardin mélancolique,
Fidèle, un blanc jet d’eau soupire vers l’Azur !
– Vers l’azur attendri d’octobre pâle et pur
Qui mire aux grands bassins sa langueur infinie
Et laisse, sur l’eau morte où la fauve agonie
Des feuilles erre au vent et creuse un froid sillon,
Se trainer le soleil jaune d’un long rayon.

 

Seufzer

Zu deiner Stirn, o stille Schwester, wo ein Herbst sich träumt,
der dort Sommersprossen streuend hat gesäumt,
steigt meine Seele, zum Himmel, wo engelhaft dein Auge taucht,
wie in einen Garten, von Schwermut überhaucht,
die treue, und seufzt, eine weiße Fontäne, ins Azurblau!
– Ins Azurblau, erweicht von des Oktobers reinem Grau,
der in weiten Becken endlos spiegelt sein Ermatten
und läßt auf dem toten Teich, wo Todes falber Schatten
von Blättern irrt im Wind und höhlt einen kalten Gang,
die Sonne eine Schleppe ziehen, gelb und lang.

 

Sep 19 26

Vierzeiler, die sich erhellen

Als ob ein Kind Vergebung gewähre,
das eine Kastanie dir reicht: Wie sie glänzt.
Oder Singsang tropft in nächtliche Leere,
den dein Atem mit Reimgold umkränzt.

Geh nur, ächzen auch morsche Dielen
und die Treppe ist dunkel und steil.
Wenn ins Schloß alle Türen fielen,
vom Dachfirst schlängelt der Mond ein Seil.

Ertrinkt in Traumes stets reger Welle
ein Lächeln, das dir von Wiederkunft sprach,
eine Blüte dämmert noch auf der Schwelle,
wach endlich auf, o Freund, sieh nach.

 

Sep 19 26

Stéphane Mallarmé, Las de l’amer repos

Las de l’amer repos où ma paresse offense
Une gloire pour qui jadis j’ai fui l’enfance
Adorable des bois de roses sous l’azur
Naturel, et plus las sept fois du pacte dur
De creuser par veillée une fosse nouvelle
Dans le terrain avare et froid de ma cervelle,
Fossoyeur sans pitié pour la stérilité,
— Que dire à cette Aurore, ô Rêves, visité
Par les roses, quand, peur de ses roses livides,
Le vaste cimetière unira les trous vides ? —
Je veux délaisser l’Art vorace d’un pays
Cruel, et, souriant aux reproches vieillis
Que me font mes amis, le passé, le génie,
Et ma lampe qui sait pourtant mon agonie,
Imiter le Chinois au coeur limpide et fin
De qui l’extase pure est de peindre la fin
Sur ses tasses de neige à la lune ravie
D’une bizarre fleur qui parfume sa vie
Transparente, la fleur qu’il a sentie, enfant,
Au filigrane bleu de l’âme se greffant.
Et, la mort telle avec le seul rêve du sage,
Serein, je vais choisir un jeune paysage
Que je peindrais encor sur les tasses, distrait.
Une ligne d’azur mince et pâle serait
Un lac, parmi le ciel de porcelaine nue,
Un clair croissant perdu par une blanche nue
Trempe sa corne calme en la glace des eaux,
Non loin de trois grand cils d’émeraude, roseaux.

 

Die bittere Ruhe leid

Die bittere Ruhe leid, wo meine Trägheit mit Steinen
wirft auf den Ruhm, für den ich floh aus der Kindheit Hainen,
liebreizend mit den Rosenwäldchen unterm Himmelslicht,
mehr noch leid mir siebenfach die harte Pflicht,
in nächtlichen Wachen stets zu bohren neue Stollen
in des Gehirnes Karstland, von Mißgunst vereisten Schollen,
ein Totengräber ohne Mitleid für die Frucht, im Schoß schon erstickt,
– was dieser Morgenröte nur sagen, o Träume, erblickt
von den Rosen, wann, seiner fahlen Rosen Bangen,
der große Friedhof die leeren Löcher werde umfangen? –
Ich lasse ab von der gefräßigen Kunst dieses Lands, entflieh
der Grausamkeit, und lächelnd über die Vorwürfe, die,
schon verjährt, mir Freunde machen, das Einst, das Genie,
die Lampe, sie weiß ja doch um meine Agonie,
tu ich’s dem Chinesen gleich, Herz zarter Strahlen,
dem es eine reine Ekstase, das Ende zu malen
auf seinen Tassen aus Schnee, in das Licht eines Monds getaucht,
den die seltsame Blume entzückt, die sein Leben behaucht.
Durchsichtig ist sie, die Blume, die als Kind er empfand
am blauen Faden, der sich um die Seele ihm wand.
Und, mit solchem Tod, dem einzigen Traum des Weisen,
will ich, heiteren Sinns, in eine junge Landschaft reisen,
die auf die Tassen ich würde noch malen, Schlafwandlern gleich.
Eine Linie von Azur, dünn und fahl, wäre ein Teich,
inmitten eines Himmels aus nacktem Porzellan
tunkt ein Neumond, auf einer Wolke weißen Altan
gesunken, sein stilles Horn ins Gewässer ein, das zufror,
nicht weit von drei langen Wimpern von Smaragd, Schilfrohr.

 

Sep 18 26

Kleiner Schrei im Birkenhain

Herbst des Lichtes leckt
von Borken trügerischen Schnee.

Rascheln, als atme etwas
unter falben Blättern.

Dämmer wischt mit leisen Schatten
der Wegwarten blaue Sehnsucht aus.

In sein graues Fell geschnürt
wagt ein Wispern sich hervor
und prüft den Angstgehalt der Luft
mit winzigen Antennen.

Sie tasten um die Aura einer Göttin,
in den Brautschleier des Todes straff gehüllt.

Laubwerk der Nacht
hat vom schwanken Genist des Überdrusses
ihrer Blicke kalte Glut
schon oft versengt.

Lautlos flügelnd krümmt sie
die erbarmungslose,
von keinem Schluchzen je erweichte,
schreckensnackte Kralle.

Das purpurrote Mark
des kleinen Schreis
zerfetzt sie mit dem Säbel
des erinnyenscharfen Schnabels.

Was sie ausgewürgt, Gewölle,
die Erde schluckt’s
und bildet humoristisch hochgestimmt
aus den kahlen Knöchlein
ein feenzartes Traumgespinst
für liebeskranke Dichter.

 

Sep 18 26

Stéphane Mallarmé, Mes bouquins refermés

Mes bouquins refermés sur le nom de Paphos,
Il m’amuse d’élire avec le seul génie
Une ruine, par mille écumes bénie
Sous l’hyacinthe, au loin, de ses jours triomphaux.

Coure le froid avec ses silences de faulx,
Je n’y hululerai pas de vide nénie
Si ce très vierge ébat au ras du sol dénie
À tout site l’honneur du paysage faux.
Ma faim qui d’aucuns fruits ici ne se régale
Trouve en leur docte manque une saveur égale :
Qu’un éclate de chair humain et parfumant !

Le pied sur quelque guivre où notre amour tisonne,
Je pense plus longtemps peut-être éperdûment
À l’autre, au sein brûlé d’une antique amazone.

 

Meine Bücher wieder zugeschlagen

Nachdem ich meine Bücher beim Namen Paphos wieder zugeschlagen,
erlese gern ich mir mit dem wahren Genie vereint
eine Ruine, von tausenden Schäumen umschreint,
unter dem Hyazinth, in der Ferne, aus ihren glorreichen Tagen.

Daß mit seinem Schweigen von Sensen der Frost nur jage,
ich ersticke der Nänie Heulen, die ins Leere weint,
wenn dies keusche Spiel jäh überm Grunde verneint
allerorten die falsche Zierde idyllischer Sage.

Meinen Hunger, den keine Frucht hier jemals kann stillen,
wird ihr wissender Mangel mit seiner Süße erfüllen:
Breche eine doch auf, menschliches Fruchtfleisch, duftsprühend!

Den Fuß auf dem Lindwurm, daß unsre Liebe auf Flammen noch throne,
denke ich länger vielleicht, selbst im Innern verglühend,
der andren, der verbrannten Brust antiker Amazone.

 

Sep 17 26

Heikle Heiterkeit

Wer grinsend wem das Zepter überreicht,
die Plebs an Possen wird, an Martern satt –
Herz, vom Gesang der Nachtigall erweicht,
tränkt noch mit Blut der Wehmut falbes Blatt.

Ob harsch wer mittels Gaumenzäpfchen knackt,
ob schlüpfrig säuselt eine krumme Nase –
wir pflücken Verse, Disteln, zart gezackt,
zu kitzeln Rosen in der Liebsten Vase.

Dort bluten sie im Dornicht Mallarmés,
und Wunden küssen Tränen von Verlaine –
uns rötet Abendstille Flaum des Schnees,
und Morgenwinde zausen Herthas Mähne.

 

Sep 16 26

Alten Dichters Augenzwinkern

Sanft umschauern Schilfe, Lauben,
wo Häute dunklen Wassers schimmern,
schneit herab ein Flaum von Tauben,
und Flocken leerer Sehnsucht flimmern.

Soll dir klöppeln Traum durchbrochne Spitzen,
saug der Reime Milch an Liedes Zitzen.

Weich umhüllen Kissen, Gräser, Moose,
wo schläfrig sich Abendstrahlen winden
um das dämmernde Lid der Rose,
und Entrückung strömt von Linden.

Soll dir reiner Klang von Perlmutt glimmen,
mußt du nackt im Meer des Epos schwimmen.

 

Sep 16 26

Stéphane Mallarmé, Le tombeau de Charles Baudelaire

Le temple enseveli divulgue par la bouche
Sépulcrale d’égout bavant boue et rubis
Abominablement quelque idole Anubis
Tout le museau flambé comme un aboi farouche

Ou que le gaz récent torde la mèche louche
Essuyeuse on le sait des opprobres subis
Il allume hagard un immortel pubis
Dont le vol selon le réverbère découche
Quel feuillage séché dans les cités sans soir
Votif pourra bénir comme elle se rasseoir
Contre le marbre vainement de Baudelaire

Au voile qui la ceint absente avec frissons
Celle son Ombre même un poison tutélaire
Toujours à respirer si nous en périssons

 

Das Grabmal für Charles Baudelaire

Der verschüttete Tempel kündet aus dem Maule
der Grabesstätte, dem Schlamm und Glanz von Rubinen entquillt,
auf schaurige Weise ein dem Anubis gleichendes Bild,
die Schnauze völlig versengt wie Phrenesiegejaule,

oder es windet das neue Gas die Zündschnur, die faule,
verwischend wie man weiß die Flecken auf Laken, von Schande zerknüllt,
und entzündet verstört den Schamberg, der immerdar schwillt,
als ob sein Flug durch die Straßenlaterne den Schlummer vergraule.

Welch ein Laub, in den abendlosen Städten verdorrt,
könnte, Weihgabe, segnen wie er, der lehnt immerfort
vergebens gegen den Denkstein aus Marmor für Baudelaire,

gehüllt in ein Segel, das mit Schauern in die Leere weht,
dieser sein eigener Schatten, ein Gift, das stets uns gewähr
lebendigen Atem für Verse, wenn auch unser Mark dran zergeht.

 

Sep 15 26

Erwachter Efeu

Herzgebirg, das stille Lüfte türmen, schlichten,
im tiefsten Tal seufzt eine Quelle, Traum.
Traum, was unterm Lide Tränen dichten,
Seele, um den Strahl geringelt, Flaum.

Woher ertönt die Klage der Propheten?
Aus fernen Edens Nächten, schneeverwehten.

Gezweig, von wehem Fleisch umwuchert, Rippen,
im salzigen Hauch des Meeres ächzend ach.
Die unter dunklen Gluten beben, Lippen,
sie trinken Nacht aus Leuchtern siebenfach.

Woher der Lieder süßer Wehmutsschauer?
Hauch weckt den Efeu auf an Edens Mauer.

 

Sep 15 26

Stéphane Mallarmé, Feuillet d’album

Tout à coup et comme par jeu
Mademoiselle qui voulûtes
Ouïr se révéler un peu
Le bois de mes diverses flûtes

Il me semble que cet essai
Tenté devant un paysage
A du bon quand je le cessai
Pour vous regarder au visage

Oui ce vain souffle que j’exclus
Jusqu’à la dernière limite
Selon mes quelques doigts perclus
Manque de moyens s’il imite

Votre très naturel et clair
Rire d’enfant qui charme l’air.

 

Albumblatt

Jählings und als wär’s bloß Spiel,
Mademoiselle, der zu schmecken
die Seele des Holzes wohlgefiel,
wie sie meine Flöten erwecken,

scheint mir, solch waghalsig Tun,
unternommen vor grünenden Auen,
hat sein Gutes, doch ließ ich’s ruhn,
um Euch ins Angesicht zu schauen,

dem eitlen Hauch, den ich vom Thron
gejagt bis zu den Jenseitsgefilden,
es schmerzten mir die Finger ja schon,
fehlt es an Kraft, soll nach er bilden

Euer Lächeln, so wahrhaft und hell,
eines Kinds, das herbeilockt Ariel.

 



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