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Okt 16 18

Ein Geist der Liebe

Du hast dir an die Wand
mit bunten Stiften
kleine, große Sternenblüten
aufgemalt,
und da und dort ein Rundgesicht
aus grünen Augentupfen,
rotem Früchtemund,
von einem Tier,
von einem Gott,
du weißt es nicht.

Ein Geist der Liebe schmiegt
die goldene Spange
dir ins Haar,
es wird schon Abend
und die Sonne sinkt.

Du hast das Veilchen
im Topf begossen,
das Wasser gluckste
und du hast gesummt,
wer den Ton geformt
mit glänzend feuchter Hand,
den Sprößling zart gedrückt
in dunkle Muttererde,
du weißt es nicht.

Ein Geist der Liebe spricht
den Wohlgeruch
dir in den Traum,
wenn die Gardine weht
vom Wind der Nacht.

 

Okt 16 18

Rabindranath Tagore, The Crescent Moon, Der Sichelmond XVI–XVIII

XVI Fairyland

If people came to know where my king’s palace is, it would vanish into the air.
The walls are of white silver and the roof of shining gold.
The queen lives in a palace with seven courtyards, and she wears a jewel that cost all the wealth of seven kingdoms.
But let me tell you, mother, in a whisper, where my king’s palace is.
It is at the corner of our terrace where the pot of the tulsi plant stands.
The princess lies sleeping on the far-away shore of the seven impassable seas.
There is none in the world who can find her but myself.
She has bracelets on her arms and pearl drops in her ears; her hair sweeps down upon the floor.
She will wake when I touch her with my magic wand, and jewels will fall from her lips when she smiles.
But let me whisper in your ear, mother; she is there in the corner of our terrace where the pot of the tulsi plant stands.
When it is time for you to go to the river for your bath, step up to that terrace on the roof.
I sit in the corner where the shadows of the walls meet together.
Only puss is allowed to come with me, for she knows where the barber in the story lives.
But let me whisper, mother, in your ear where the barber in the story lives.
It is at the corner of the terrace where the pot of the tulsi plant stands.

 

XVI Feenland

Erführen die Leute, wo mein königlicher Palast liegt, würde er sich in Luft auflösen.
Die Mauern sind aus weißem Silber und das Dach aus leuchtendem Gold.
Die Königin lebt in einem Palast mit sieben Höfen und sie trägt ein Juwel, soviel wert wie sieben Königreiche.
Doch laß dir, Mutter, von mir flüsternd sagen, wo mein königlicher Palast liegt.
Er liegt im Winkel unserer Terrasse, wo der Topf mit der Tulsi-Pflanze steht.
Die Prinzessin ruht schlafend auf dem fernen Strand der sieben unpassierbaren Meere.
Es gibt niemanden auf der Welt, der sie finden könnte, außer mir.
Sie trägt Ringe an den Armen und Perlentropfen an den Ohren; ihr Haar wallt auf den Boden herab.
Sie erwacht, wenn ich sie mit meinem Zauberstab berühre, und Rubinen fallen ihr von den Lippen, wenn sie lächelt.
Doch laß mich, Mutter, dir ins Ohr flüstern; sie ist dort in der Ecke unserer Terrasse, wo der Topf mit der Tulsi-Pflanze steht.
Wenn es Zeit für dich ist, zum Fluß zu gehen, um ein Bad zu nehmen, steige auf die Dachterrasse.
Ich sitze in der Ecke, wo sich die Schatten der Mauern berühren.
Nur die Miezekatze darf mit mir kommen, denn sie weiß, wo der Barbier aus dem Märchen lebt.
Doch laß mich, Mutter, dir ins Ohr flüstern, wo der Barbier aus dem Märchen lebt.
Dort in der Ecke unserer Terrasse, wo der Topf mit der Tulsi-Pflanze steht.

 

XVII The Land of the Exile

Mother, thelight has grown grey in the sky; I do not know what the time is.
There is no fun in my play, so I have come to you. It is Saturday, our holiday.
Leave off your work, mother; sit here by the window and tell me where the desert of Tepantar in the fairy tale is?
The shadow of the rains has covered the day from end to end.
The fierce lightning is scratching the sky with its nails.
When the clouds rumble and it thunders, I love to be afraid in my heart and cling to you.
When the heavy rain patters for hours on the bamboo leaves, and our windows shake and rattle at the gusts of wind, I like to sit alone in the room, mother, with you, and hear you talk about the desert of Tepantar in the fairy tale.
Where is it, mother, on the shore of what sea, at the foot of what hills, in the kingdom of what king?
There are no hedges there to mark the fields, no footpath across it by which the villagers reach their village in the evening, or the woman who gathers dry sticks in the forest can bring her load to the market. With patches of yellow grass in the sand and only one tree where the pair of wise old birds have their nest, lies the desert of Tepantar.
I can imagine how, on just such a cloudy day, the young son of the king is riding alone on a grey horse through the desert, in search of the princess who lies imprisoned in the giant’s palace across that unknown water.
When the haze of the rain comes down in the distant sky, and lightning starts up like a sudden fit of pain, does he remember his unhappy mother, abandoned by the king, sweeping the cow-stall and wiping her eyes, while he rides through the desert of Tepantar in the fairy tale?
See, mother, it is almost dark before the day is over, and there are no travellers yonder on the village road.
The shepherd boy has gone home early from the pasture, and men have left their fields to sit on mats under the eaves of their huts, watching the scowling clouds.
Mother, I have left all my books on the shelf – do not ask me to do my lessons now.
When I grow up and am big like my father, I shall learn all that must be learnt.
But just for to-day, tell me, mother, where the desert of Tepantar in the fairy tale is?

 

XVII Das Land des Exils

Mutter, das Licht ist grau geworden am Himmel; ich weiß nicht, was heute für ein Tag ist.
Ich hatte kein Vergnügen an meinem Spiel, so bin ich zu dir gekommen. Es ist Samstag, unser freier Tag.
Laß deine Arbeit liegen, Mutter; setz dich her ans Fenster und erzähle mir, wo die Tepentar-Wüste aus dem Märchen liegt.
Der Schatten der Regenschauer hat den Tag von einem Ende bis zum anderen verhüllt.
Die scharfen Blitze zerkratzen den Himmel mit ihren Nägeln.
Wenn die Wolken kollern und es donnert, bin ich gern erschrocken und klammere mich an dich.
Wenn der heftige Regen stundenlang auf die Bambusblätter klatscht und die Fenster schlagen und klappern unter den Windstößen, sitze ich gern allein mit dir im Zimmer, Mutter, und höre dir zu, wie du von der Tepantar-Wüste aus dem Märchen erzählst.
Wo liegt sie, Mutter, an welcher Meeresküste, am Fuße welchen Bergs, im Königreiche welchen Königs?
Es gibt dort keine Hecken, um die Felder zu begrenzen, keinen Fußweg, auf dem die Bewohner am Abend zu ihren Dörfern gelangen oder auf dem die Frau, die Brennholz im Wald sammelt, ihre Last zum Markt tragen kann. Flecken von gelbem Gras im Sand und nur ein einziger Baum, in dem das Paar der weisen alten Vögel sein Nest hat – so liegt die Tepantar-Wüste da.
Ich sehe es vor mir, wie der junge Königssohn an solch einem regnerischen Tag auf einem grauen Pferd durch die Wüste reitet, er sucht die Prinzessin, die in Fesseln im Palast des Riesen jenseits des unbekannten Wassers liegt.
Wenn sich der Schleier des Regens auf den fernen Himmel senkt und es wie in einem jähen Ausbruch von Schmerz zu blitzen beginnt, erinnert er sich an seine unglückliche Mutter, die der König im Stich gelassen hat, als sie den Kuhstall fegte und ihre Augen trocknete, während er durch die Tepantar-Wüste aus dem Märchen reitet?
Sieh, Mutter, es ist schon dunkel, bevor der Tag vorüberging, und da drüben sind keine Leute unterwegs auf dem Weg zum Dorf.
Der Schäferjunge ist früh von der Weide nach Hause gegangen, und die Bauern haben ihre Äcker verlassen, um auf Matten unter den Dachtraufen ihrer Hütten zu sitzen und die finster blickenden Wolken zu betrachten.
Mutter, ich habe all meine Bücher auf dem Regal gelassen – verlange jetzt nicht von mir, meine Hausaufgaben zu machen.
Wenn ich erwachsen bin und groß wie mein Vater, werde ich all das lernen, was nötig ist.
Doch heute erzähle mir nur, Mutter, wo die Tepantar-Wüste aus dem Märchen liegt.

 

XVIII The Rainy Day

Sullen Clouds are gathering fast over the black fringe of the forest.
O child, do not go out!
The palm trees in a row by the lake are smiting their heads against the dismal sky; the crows with their draggled wings are silent on the tamarind branches, and the eastern bank of the river is haunted by a deepening gloom.
Our cow is lowing loud, tied at the fence.
O child, wait here till I bring her into the stall.
Men have crowded into the flooded field to catch the fishes as they escape from the overflowing ponds; the rainwater is running in rills through the narrow lanes like a laughing boy who has run away from his mother to tease her.
Listen, someone is shouting for the boatman at the ford.
O child, the daylight is dim, and the crossing at the ferry is closed.
The sky seems to ride fast upon the madly-rushing rain; the water in the river is loud and impatient; women have hastened home early from the Ganges with their filled pitchers.
The evening lamps must be made ready.
O child, do not go out!
The road to the market is desolate, the lane to the river is slippery.
The wind is roaring and struggling among the bamboo branches like a wild beast tangled in a net.

 

XVIII Der Regentag

Düstere Wolken ziehen sich rasch über dem Saum des Waldes zusammen.
O Kind, geh nicht nach draußen!
Die Palmbäume in der Reihe vor dem See schlagen ihre Häupter an den trostlosen Himmel; die Krähen mit ihren schmutzigen Flügeln sitzen still auf den Zweigen des Tamarindenbaums, und um das östliche Ufer des Flusses geistert eine dichter werdende Düsternis.
Unsere Kuh, angebunden am Zaun, muht laut.
O Kind, warte hier, bis ich sie in den Stall geführt habe.
Leute drängen sich auf den überfluteten Feldern, um die Fische zu fangen, die aus den überströmenden Teichen entwischen; das Regenwasser ergießt sich in Rinnsalen über die engen Gassen wie ein lachender Junge, der von seiner Mutter fortlief, um sie zu ärgern.
Horch, da ruft jemand nach dem Fährmann bei der Furt.
O Kind, das Tageslicht ist trübe, und die Überfahrt mit der Fähre ist eingestellt.
Der Himmel scheint schnell über den tollwütig stürzenden Regen zu reiten; das Wasser im Fluß ist laut und ungeduldig; Frauen eilen mit ihren gefüllten Krügen früh vom Ganges nach Hause.
Die Abendlampen müssen zugerichtet werden.
O Kind, geh nicht nach draußen!
Die Straße zum Markt ist verwaist, der Pfad an den Fluß ist schlüpfrig.
Der Wind heult und quält sich durch die Bambuszweige wie ein wildes Tier, das sich in einem Netz verfangen hat.

 

Okt 15 18

Unverhofftes Erwachen

Gestärktes Tuch,
unter dem ein Schluchzen
langsam erstickte,
Schnee.

Flügel des Wetterhahns,
blau starrend vor Frost.

Augur der Nacht,
liest die Krähe
aus dem Gedärm
einer Taube
den krächzenden Spruch.

Ein Geschmeide
glitzernder Wehmut
geht auf
über der schiefen Wohnstatt
des Dorfs.

Da gluckst Tauwasser
durch das müde Holz der Rohre,
die Bärte der baumelnden Besen
triefen.

Ein Hündchen läuft
wedelnd ans Tor
und es kratzt daran,
bis du erwachst.

 

Okt 15 18

Rabindranath Tagore, The Crescent Moon, Der Sichelmond XIII–XV

XIII The Astronomer

I only said, ‘When in the evening the round full moon gets entangled among the branches of that Kadam tree, couldn’t somebody catch it?’
But dada laughed at me and said, ‘Baby, you are the silliest child I have ever known. The moon is ever so far from us, how could anybody catch it?’
I said, ‘Dada, how foolish you are! When mother looks out of her window and smiles down at us playing, would you call her far away?’
Still dada said, ‘You are a stupid child! But, baby, where could you find a net big enough to catch the moon with?’
I said, ‘Surely you could catch it with your hands.’
But dada laughed and said, ‘You are the silliest child I have known.
If it came nearer, you would see how big the moon is.’
I said, ‘Dada, what nonsense they teach at your school! When mother bends her face down to kiss us does her face look very big?’
But still dada says, ‘You are a stupid child.’

 

XIII Der Astronom

Ich sagte nur: „Wenn sich am Abend der runde Vollmond in den Zweigen des Kadam-Baumes verfängt, könnte ihn nicht jemand fangen?“
Doch Großvater lachte mich aus und sagte: „Du bist das dümmste Kind, das ich je gekannt habe. Der Mond ist ganz weit von uns entfernt, wie könnte ihn jemand fangen?“
Ich sagte: „Großvater, wie dumm du bist! Wenn Mutter aus dem Fenster schaut und uns zulächelt, wie wir spielen, würdest du sie weit entfernt nennen?“
Doch Großvater sagte: „Du bist ein dummes Kind! Wo könntest du wohl, Kleiner, ein Netz finden, groß genug, den Mond damit zu fangen?“
Ich sagte: „Bestimmt könntest du ihn mit den Händen fangen.“
Großvater aber lachte und sagte: „Du bist das dümmste Kind, das ich je gekannt habe.
Wenn er näher käme, würdest du sehen, wie groß der Mond ist.“
Ich sagte: „Großvater, was für einen Unsinn sie euch in der Schule beibringen! Wenn Mutter sich zu uns herabbeugt, um uns zu küssen, sieht ihr Gesicht dann sehr groß aus?“
Doch wieder sagte Großvater: „Du bist ein dummes Kind.“

 

XIV Clouds and Waves

Mother, the folk who live up in the clouds call out to me –
‘We play from the time we wake till the day ends.
We play with the golden dawn, we play with the silver moon.’
I ask, ‘But, how am I to get up to you?’
They answer, ‘Come to the edge of the earth, lift up your hands to the sky, and you will be taken up into the clouds.’
‘My mother is waiting for me at home,’ I say. ‘How can I leave her and come?’
Then they smile and float away.
But I know a nicer game than that, mother.
I shall be the cloud and you the moon.
I shall cover you with both my hands, and our house-top will be the blue sky.
The folk who live in the waves call out to me –
‘We sing from morning till night; on and on we travel and know not where we pass.’
I ask, ‘But how am I to join you?’
They tell me, ‘Come to the edge of the shore and stand with your eyes tight shut, and you will be carried out upon the waves.’
I say, ‘My mother always wants me at home in the evening – how can I leave her and go?’
Then they smile, dance and pass by.
But I know a better game than that.
I will be the waves and you will be a strange shore.
I shall roll on and on and on, and break upon your lap with laughter
and no one in the world will know where we both are.

 

XIV Wolken und Wogen

Mutter, das Volk, das hoch oben in den Wolken lebt, ruft mir zu:
„Wir spielen von frühauf, wenn wir erwachen, bis zum Ende des Tages.
Wir spielen mit der goldenen Morgensonne, wir spielen mit dem Silbermond.“
Ich frage: „Doch wie kann ich zu euch kommen?“
Sie antworten: „Geh bis zum Ende der Welt, heb deine Hände zum Himmel auf und du wirst hinauf zu den Wolken gehoben.“
„Meine Mutter wartet zu Hause auf mich“, sage ich, „wie kann ich sie verlassen und kommen?“
Darauf lächeln sie und ziehen weiter.
Aber ich kenne ich schöneres Spiel als dieses, Mutter.
Ich werde die Wolke sein und du der Mond.
Ich werde dich mit beiden Händen umfassen, und unser Hausdach wird der blaue Himmel sein.
Das Volk, das in den Wogen lebt, ruft mir zu:
„Wir singen vom Morgen bis zum Abend; wir wandern weiter und weiter und wissen nicht, wohin wir eilen.“
Ich frage: „Doch wie kann ich einer von euch werden?“
Sie sagen mir: „Komm ans Ende der Küste und bleib stehen, die Augen fest geschlossen, und du wirst hinaus auf die Wogen getragen.“
Ich sage: „Meine Mutter wartet abends immer zu Hause auf mich – wie kann ich sie verlassen und fortgehen?“
Darauf lächeln sie, tanzen und ziehen weiter.
Aber ich kenne ein schöneres Spiel als dieses.
Ich werde die Wogen sein und du die fremde Küste.
Ich werde auf und nieder wogen und lachend auf deinen Schoß branden
und keiner auf der Welt wird wissen, wo wir beide sind.

 

XV The Champa Flower

Supposing I became a champa flower, just for fun, and grew on a branch high up that tree, and shook in the wind with laughter and danced upon the newly budded leaves, would you know me, mother?
You would call, ‘Baby, where are you?’ and I should laugh to myself and keep quite quiet.
I should slyly open my petals and watch you at your work.
When after your bath, with wet hair spread on your shoulders, you walked through the shadow of the champa tree to the little court where you say your prayers, you would notice the scent of the flower, but not know that it came from me.
When after the midday meal you sat at the window reading Ramayana, and the tree’s shadow fell over your hair and your lap, I should fling my wee little shadow on to the page of your book, just where you were reading.
But would you guess that it was the tiny shadow of your little child?
When in the evening you went to the cowshed with the lighted lamp in your hand, I should suddenly drop on to the earth again and be your own baby once more, and beg you to tell me a story.
‘Where have you been, you naughty child? ‘
‘I won’t tell you, mother. ‘ That’s what you and I would say then.

 

XV Die Champa-Blüte

Stell dir vor, nur so zum Spaß, ich sei in eine Champa-Blüte verwandelt worden und wüchse hoch auf dem Zweig dieses Baumes, ich zitterte lachend im Wind und tanzte unter den frisch gekeimten Blättern, würdest du mich erkennen, Mutter?
Du würdest rufen: „Mein Kleines, wo steckst du?“, und ich würde in mich hineinlachen und ganz still bleiben.
Ich würde listig meine Blütenblätter öffnen und dir bei der Arbeit zusehen.
Wenn du nach dem Bad, die nassen Haare auf den Schultern gebreitet, durch den Schatten des Champa-Baums in den kleinen Hof gingest, wo du deine Gebete aufsagst, würdest du den Duft der Blume gewahren, doch nicht erkennen, daß er von mir kommt.
Wenn du nach dem Mittagessen am Fenster säßest, um im Ramayana zu lesen, und der Schatten des Baumes fiele auf dein Haar und deinen Schoß, würde ich meinen winzig kleinen Schatten auf die Seite deines Buchs werfen, gerade auf den Abschnitt, den du liest.
Doch würdest du darauf kommen, daß es der winzige Schatten deines kleinen Kindes ist?
Wenn du am Abend in den Kuhstall gingest, die angezündete Leuchte in der Hand, würde ich plötzlich wieder auf die Erde fallen und wäre einfach wieder nur dein Kind und bäte dich, mir eine Geschichte zu erzählen.
„Wo bist du gewesen, du unartiges Kind?“
„Das erzähle ich dir nicht, Mutter.“ Das würden wir einander dann sagen, du und ich.

 

Okt 14 18

Rabindranath Tagore, The Crescent Moon, Der Sichelmond X–XII

X Defamation

Why are those tears in your eyes, my child?
How horrid of them to be always scolding you for nothing!
You have stained your fingers and face with ink while writing – is that why they call you dirty?
O, fie! Would they dare to call the full moon dirty because it has smudged its face with ink?
For every little trifle they blame you, my child. They are ready to find fault for nothing.
You tore your clothes while playing – is that why they call you untidy?
O, fie! What would they call an autumn morning that smiles through its ragged clouds?
Take no heed of what they say to you, my child.
They make a long list of your misdeeds.
Everybody knows how you love sweet things – is that why they call you greedy?
O, fie! What then would they call us who love you?

 

X Kränkung

Woher die Tränen in deinen Augen, mein Kind?
Wie abscheulich von ihnen, dich ständig wegen Nichtigkeiten zu beschimpfen!
Du hast dir Finger und Gesicht mit Tinte befleckt – nennen sie dich deswegen schmutzig?
O pfui! Gehen sie so weit, den Vollmond schmutzig zu nennen, weil er sein Gesicht mit Tinte bekleckert hat?
Wegen jeder Lappalie tadeln sie dich, mein Kind. Im Trüben wollen sie nach Fehlern fischen.
Du hast dir beim Spielen die Kleider zerrissen – nennen sie dich deswegen unordentlich?
O pfui! Wie würden sie einen Herbstmorgen nennen, der durch Wolkenfetzen lächelt?
Achte nicht auf ihre Reden, mein Kind.
Sie machen eine lange List deiner Vergehen.
Ein jeder weiß, wie sehr du Süßigkeiten magst – nennen sie dich deswegen gierig?
O pfui! Wie würden sie uns dann nennen, die wir dich lieben?

 

XI The Judge

Say of him what you please, but I know my child’s failings.
I do not love him because he is good, but because he is my little child.
How should you know how dear he can be when you try to weigh his merits against his faults?
When I must punish him he becomes all the more a part of my being.
When I cause his tears to come my heart weeps with him.
I alone have a right to blame and punish, for he only may chastise who loves.

 

XI Der Richter

Sag von ihm, was dir beliebt, doch ich kenne die Gefühle meines Kindes.
Ich liebe ihn nicht, weil er gut ist, sondern weil er mein kleiner Junge ist.
Wie solltest du auch wissen, wie lieb er sein kann, wenn du bemüht bist, seine Verdienste gegen seine Fehler abzuwägen?
Wenn ich ihn bestrafe, wird er umso mehr ein Teil meines Lebens.
Wenn ich ihn weinen mache, weint mein Herz mit ihm.
Nur ich habe ein Recht, ihn zu tadeln und zu bestrafen, denn nur der darf züchtigen, der liebt.

 

XII Playthings

Child, how happy you are sitting in the dust, playing with a broken twig all the morning.
I smile at your play with that little bit of a broken twig.
I am busy with my accounts, adding up figures by the hour.
Perhaps you glance at me and think, ‘What a stupid game to spoil your morning with!’
Child, I have forgotten the art of being absorbed in sticks and mud pies.
I seek out costly playthings, and gather lumps of gold and silver.
With whatever you find you create your glad games, I spend both my time and my strength over things I never can obtain.
In my frail canoe I struggle to cross the sea of desire, and forget that I too am playing a game.

 

XII Spielsachen

Kind, wie glücklich du bist, im Staub zu sitzen und jeden Morgen mit einem abgebrochenen kleinen Zweig zu spielen.
Ich lächle über dein Spiel mit diesem Stückchen eines abgebrochenen kleinen Zweigs.
Vielleicht wirfst du mir einen Blick zu und denkst: „Was für ein dummes Spiel, dir damit den Morgen zu verderben!“
Kind, ich habe ganz vergessen, wie es ist, ganz in das Spiel mit Stöckchen und Förmchen versunken zu sein.
Ich suche mir teure Spielsachen aus und häufe Klumpen aus Gold und Silber.
Du machst dir fröhliche Spiele aus allem, was du grad findest, ich vergeude Zeit und Kraft für Dinge, die ich nie bekommen kann.
Ich mühe mich ab, in meinem schwachen Kanu das Meer der Begierde zu überqueren, und vergesse dabei, daß auch ich nur ein Spiel spiele.

 

Okt 14 18

Rabindranath Tagore, The Crescent Moon, Der Sichelmond, VII–IX

VII The Beginning

‘Where here have come from, where did you pick me up?’ the baby asked its mother.
She answered half crying, half laughing, and clasping the baby to her breast, –
‘You were hidden in my heart as its desire, my darling.
You were in the dolls of my childhood’s games; and when with clay
I made the image of my god every morning, I made and unmade you then.
You were enshrined with our household deity, in his worship I worshipped you.
In all my hopes and my loves, in my life, in the life of my mother you have lived.
In the lap of the deathless Spirit who rules our home you have been nursed for ages.
When in girlhood my heart was opening its petals, you hovered as a fragrance about it.
Your tender softness bloomed in my youthful limbs, like a glow in the sky before the sunrise.
Heaven’s first darling, twin-born with the morning light, you have floated down the stream of the world’s life, and at last you have stranded on my heart.
As I gaze on your face, mystery overwhelms me; you who belong to all have become mine.
For fear of losing you I hold you tight to my breast. What magic has snared the world’s treasure in these slender arms of mine?’

 

VII Der Anfang

„Wo komm ich her, wo hast mich mitgenommen?“, fragt das Baby seine Mutter.
Halb lachend, halb weinend antwortet sie und drückt das Baby an ihre Brust:
„Du warst in meinem Herzen als sein Wunsch versteckt, mein Liebling.
Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele; und als ich jeden Morgen
aus Ton das Bildnis meines Gottes formte, da formte ich dich und löste dich wieder auf.
Du standest im Schreine neben unsrer Hausgottheit, sie zu verehren hieß mir, dich zu verehren.
In all meinem Hoffen, allem Lieben, in meinem Leben, im Leben meiner Mutter war dein Leben.
Im Schoß des todlosen Geistes, der unsrem Haus gebietet, wardst du genährt durch eine Ewigkeit.
Als im Mädchentum mein Herz geöffnet seine Blüten, schwebtest du über ihnen als ein Duft.
Deine zärtliche Sanftheit blühte in meinen jugendlichen Gliedern wie Himmelsglut, bevor die Sonne steigt.
Himmels Vorzugsliebling, des Morgens Zwillings-Licht, du bist den Lebensstrom herabgetrieben und endlich am Strand meines Herzens gelandet.
Blicke ich in dein Gesicht, überströmt mich Geheimnis; der dem All gehört, du bist worden mein.
Aus Angst, dich zu verlieren, halte ich dich fest an meiner Brust. Welches Wunder hat den Reichtum der Welt eingefangen in meinen schlanken Armen?

 

VIII Baby’s World

I wish I could take a quiet corner in the heart of my baby’s very own world.
I know it has stars that talk to him, and a sky that stoops down to his face to amuse him with its silly clouds and rainbows.
Those who make believe to be dumb, and look as if they never could move, come creeping to his window with their stories and with trays crowded with bright toys.
I wish I could travel by the road that crosses baby’s mind, and out beyond all bounds;
where messengers run errands for no cause between the kingdoms of kings of no history;
where Reason makes kites of her laws and flies them, and Truth sets Fact free from its fetters.

 

VIII Babys Welt

Könnte ich in einen stillen Winkel im Herzen der innersten Welt meines Babys dringen.
Ich weiß, da gibt es Sterne, die zu ihm sprechen, und ein Himmel, der sich über sein Antlitz beugt, um es mit seinen törichten Wolken und Regenbogen zu erheitern.
Jene, die sich taub stellen und so tun, als wären sie lahm, schleichen an sein Fenster mit ihren Geschichten und Schalen voll glänzendem Spielzeug.
Könnte ich über die Straße gehen, die Babys Geist durchquert, und noch weit jenseits aller Grenzen;
wo Boten Botschaften ohne Grund zwischen Königreichen von Königen ohne Geschichte überbringen;
wo die Vernunft Flugdrachen aus ihren Gesetzen macht und sie steigen läßt, und die Wahrheit Tatsachen frei von ihren Fesseln hervorbringt.

 

IX When and Why

When I bring you coloured toys, my child, I understand why there is such a play of colours on clouds, on water, and why flowers are painted in tints – when I give coloured toys to you, my child.
When I sing to make you dance, I truly know why there is music in leaves, and why waves send their chorus of voices to the heart of the listening earth – when I sing to make you dance.
When I bring sweet things to your greedy hands, I know why there is honey in the cup of the flower, and why fruits are secretly filled with sweet juice – when I bring sweet things to your greedy hands.
When I kiss your face to make you smile, my darling, I surely understand what pleasure streams from the sky in morning light, and what delight the summer breeze brings to my body – when I kiss you to make you smile.

 

IX Wenn und Weshalb

Wenn ich dir bunte Spielsachen bringe, mein Kind, verstehe ich, weshalb es solche Farbenspiele in den Wolken, auf dem Wasser gibt, und weshalb Blumen in Farbe gemalt sind – wenn ich dir bunte Spielsachen bringe, mein Kind.
Wenn ich singe, auf daß du tanzest, weiß ich genau, weshalb Musik klingt im Laub und weshalb Wellen ihren Chor von Stimmen zum Herzen der lauschenden Erde senden – wenn ich singe, auf daß du tanzest.
Wenn ich deinen begierigen Händen Süßigkeiten reiche, weiß ich, weshalb es Honig in der Blüte der Blume gibt und weshalb Früchte im verborgenen Innern mit süßem Saft gefüllt sind – wenn ich deinen begierigen Händen Süßigkeiten reiche.
Wenn ich dein Gesicht küsse, auf daß du lächelst, mein Liebling, verstehe ich genau, welche Freude vom Himmel im Morgenlicht herabströmt und welches Entzücken der Sommerwind meinem Körper bringt – wenn ich dein Gesicht küsse, auf daß du lächelst.

 

Okt 13 18

O Worte, flügellose

O Worte, flügellose,
die krumm an Blättern kleben
und Hungerfurchen nagen
durchs raupenfeuchte Leben –
könnt ihr nicht ins Blaue sagen,
still uns mit Düften, Rose?

O Worte, traumesblinde,
die schlaff an Fäden baumeln,
in stummen Kokonreihen
beim Tritt des Waldgotts taumeln,
könnt ihr nicht ins Dunkel schreien,
rank uns ins Lichte, Winde?

O Worte, grameswelke,
die dumpf im Dämmer hocken
wie Bettler auf den Stufen,
die Herzen wehmutstrocken,
könnt ihr nicht zum Grabe rufen,
tau uns die Tränen, Nelke?

 

Okt 13 18

Rabindranath Tagore, The Crescent Moon, Der Sichelmond III–VI

III The Source

The sleep that flits on baby’s eyes – does anybody know from where it comes? Yes, there is a rumour that it has its dwelling where, in the fairy village among shadows of the forest dimly lit with glow-worms, there hang two shy buds of enchantment. From there it comes to kiss baby’s eyes.

The smile that flickers on baby’s lips when he sleeps – does anybody know where it was born? Yes, there is a rumour that a young pale beam of a crescent moon touched the edge of a vanishing autumn cloud, and there the smile was first born in the dream of a dew-washed morning – the smile that flickers on baby’s lips when he sleeps.

The sweet, soft freshness that blooms on baby’s limbs – does anybody know where it was hidden so long? Yes, when the mother was a young girl it lay pervading her heart in tender and silent mystery of love – the sweet, soft freshness that has bloomed on baby’s lips.

 

III Die Quelle

Der Schlaf, der über Babys Augen huscht, weiß einer, woher er kommt? Ja, man munkelt, er wohne dort im Märchenland unter Waldesschatten, den Glühwürmchen schwach erhellen und wo zwei scheue Zauberknospen schweben. Von dorther komme er, Babys Augen zu küssen.

Das Lächeln, das über Babys Lippen flackert, weiß einer, wo es geboren wurde? Ja, man munkelt, ein junger, bleicher Strahl des Sichelmonds habe die Seite einer entschwindenden Herbstwolke berührt, und dort sei das Lächeln einst geboren worden im Traum eines übertauten Morgens – das Lächeln, das über Babys Lippen flackert, wenn es schläft.

Die süße, sanfte Frische, die auf Babys Gliedern blüht – weiß einer, wo sie so lange versteckt war? Ja, als die Mutter ein junges Mädchen war, lag sie, ihr Herz durchströmend, im zarten und stillen Geheimnis der Liebe – die süße, sanfte Frische, die auf Babys Lippen aufgeblüht ist.

 

IV Baby’s Way

If baby only wanted to, he could fly up to heaven this moment.
It is not for nothing that he does not leave us.
He loves to rest his head on mother’s bosom, and cannot ever bear to lose sight of her.
Baby knows all manner of wise words, though few on earth can understand their meaning.
It is not for nothing that he never wants to speak.
The one thing he wants is to learn mother’s words from mother’s lips.
That is why he looks so innocent.
Baby had a heap of gold and pearls, yet he came like a beggar on to this earth.
It is not for nothing he came in such a disguise.
This dear little naked mendicant pretends to be utterly helpless, so that he may beg for mother’s wealth of love.
Baby was so free from every tie in the land of the tiny crescent moon.
It was not for nothing he gave up his freedom.
He knows that there is room for endless joy in mother’s little corner of a heart, and it is sweeter far than liberty to be caught and pressed in her dear arms.
Baby never knew how to cry. He dwelt in the land of perfect bliss.
It is not for nothing he has chosen to shed tears.
Though with the smile of his dear face he draws mother’s yearning heart to him, yet his little cries over tiny troubles weave the double bond of pity and love.

 

IV Babys Weg

Wenn Baby nur wollte, es könnte augenblicks zum Himmel fliegen.
Es hat etwas zu bedeuten, daß es uns nicht verläßt.
Es mag so gern seinen Kopf an die Brust der Mutter legen und es ist ihm unerträglich, sie aus den Augen zu verlieren.
Baby kennt alle Arten weiser Worte, obwohl nur wenige auf Erden ihren Sinn verstehen.
Es hat etwas zu bedeuten, daß es nie sprechen will.
Es will nur eines lernen: Mutters Worte von Mutters Lippen.
Deshalb schaut es so unschuldig drein.
Baby hatte einen Haufen von Gold und Perlen, und doch kam es wie ein Bettler auf diese Erde.
Es hat etwas zu bedeuten, daß es in dieser Verkleidung erschien.
Dieser süße kleine Bettler tut so, als sei er völlig hilflos, damit er um seiner Mutter Reichtum an Liebe betteln darf.
Baby war so frei von jeder Fessel im Land des schmalen Sichelmonds.
Es hat etwas zu bedeuten, daß es seine Freiheit aufgab.
Es weiß, daß es dort in Mutters kleinem Herzenswinkel Platz für unbegrenzte Freuden gibt und es weit süßer als die Freiheit ist, gefangen und von ihren lieben Armen gedrückt zu werden.
Baby wußte nichts von Tränen. Es wohnte im Land der vollkommenen Seligkeit.
Es hat etwas zu bedeuten, wenn es sich dazu entschieden hat, Tränen zu vergießen.
Auch wenn es mit dem Lächeln seines süßen Gesichts das sehnsüchtige Herz der Mutter auf sich lenkt, weben doch seine kleinen Schreie aufgrund nichtiger Dinge das Doppelband aus Mitleid und Liebe.

 

V The Unheeded Pageant

Ah, who was it coloured that little frock, my child, and covered your sweet limbs with that little red tunic?
You have come out in the morning to play in the courtyard, tottering and tumbling as you run.
But who was it coloured that little frock, my child?
What is it makes you laugh, my little life-bud?
Mother smiles at you standing on the threshold.
She claps her hands and her bracelets jingle, and you dance with your bamboo stick in your hand like a tiny little shepherd.
But what is it makes you laugh, my little life-bud?
O beggar, what do you beg for, clinging to your mother’s neck with both your hands?
O greedy heart, shall I pluck the world like a fruit from the sky to place it on your little rosy palm?
O beggar, what are you begging for?
The wind carries away in glee the tinkling of your anklet bells.
The sun smiles and watches your toilet.
The sky watches over you when you sleep in your mother’s arms, and the morning comes tiptoe to your bed and kisses your eyes.
The wind carries away in glee the tinkling of your anklet bells.
The fairy mistress of dreams is coming towards you, flying through the twilight sky.
The world-mother keeps her seat by you in your mother’s heart.
He who plays his music to the stars is standing at your window with his flute.
And the fairy mistress of dreams is coming towards you, flying through the twilight sky.

 

V Der unbeachtete Festzug

O, wer war es wohl, der dieses Kleidchen färbte, mein Kind, und deine süßen Glieder in diesen roten Umhang hüllte?
Du kamst am Morgen nach draußen, um im Hof zu spielen, torkelnd und stürzend, als du ranntest.
Wer war es aber, der dieses Kleidchen färbte, mein Kind?
Was ist es, worüber du lachst, meine kleine Lebensknospe?
Mutter lächelt, wenn du auf der Schwelle stehst.
Sie klatscht in die Hände und ihre Armreifen klirren, und du tanzt mit deinem Bambusstecken in der Hand wie ein ganz kleiner Hirte.
Was ist es aber, worüber du lachst, meine kleine Lebensknospe?
O Bettler, worum bettelst du, den Hals deiner Mutter mit beiden Händen umklammernd?
O gieriges Herz, soll ich die Welt wie eine Frucht vom Himmel pflücken, um sie auf deine kleine rosige Hand zu legen?
O Bettler, worum bettelst du?
Der Wind trägt fröhlich das Gebimmel deiner Fußglöckchen in die Ferne.
Die Sonne lächelt und schaut auf dein Festkleid.
Der Himmel schaut auf dich, wenn du in den Armen deiner Mutter schläfst, und der Morgen schleicht auf Zehenspitzen an dein Bett und küßt deine Augen.
Der Wind trägt fröhlich das Gebimmel deiner Fußglöckchen in die Ferne.
Die Märchenfee der Träume ist auf dem Weg zu dir, sie fliegt durch den Himmel der Abenddämmerung.
Die Weltenmutter hat im Herzen deiner Mutter ihren Sitz nah bei dir.
Jener, der seine Musik zu den Sternen tönen läßt, steht mit seiner Flöte vor deinem Fenster.
Und die Märchenfee der Träume ist auf dem Weg zu dir, sie fliegt durch den Himmel der Abenddämmerung.

 

VI Sleep Stealer

Who stole sleep from baby’s eyes? I must know.
Clasping her pitcher to her waist mother went to fetch water from the village near by.
It was noon. The children’s playtime was over; the ducks in the pond were silent.
The shepherd boy lay asleep under the shadow of the banyan tree.
The crane stood grave and still in the swamp near the mango grove.
In the meanwhile the Sleepstealer came and, snatching sleep from baby’s eyes, flew away.
When mother came back she found baby travelling the room over on all fours.
Who stole sleep from our baby’s eyes? I must know. I must find her and chain her up.
I must look into that dark cave, where, through boulders and scowling stones, trickles a tiny stream.
I must search in the drowsy shade of the bakula grove, where pigeons coo in their corner, and fairies’ anklets tinkle in the stillness of starry nights.
In the evening I will peep into the whispering silence of the bamboo forest, where fireflies squander their light, and will ask every creature I meet, ‘Can anybody tell me where the Sleep-stealer lives?’
Who stole sleep from baby’s eyes? I must know.
Shouldn’t I give her a good lesson if I could only catch her!
I would raid her nest and see where she hoards all her stolen sleep. I would plunder it all, and carry it home.
I would bind her two wings securely, set her on the bank of the river, and then let her play at fishing with a reed among the rushes and water-lilies.
When the marketing is over in the evening, and the village children sit in their mothers’ laps, then the night birds will mockingly din her ears with:
‘Whose sleep will you steal now?’

 

VI Schlafdiebin

Wer stahl den Schlaf von Babys Augen? Ich muß es wissen.
Mutter klemmte ihren Krug an die Hüfte, um Wasser aus dem nahen Dorf zu holen.
Es war Mittag. Das Spiel der Kinder war vorüber; die Enten auf dem Teich waren still.
Der Schäferjunge schlief im Schatten der Bengalischen Feige.
Der Kranich stand gravitätisch und ruhig im Sumpf des Mangohains.
Währenddessen kam die Schlafdiebin, schnappte Schlaf von Babys Augen und entwich.
Als Mutter zurückkam, fand sie Baby auf allen Vieren im Zimmer herumkriechen.
Wer stahl Schlaf von den Augen unseres Babys? Ich muß es wissen. Ich muß sie finden und an die Kette legen.
Ich muß in der dunklen Höhle nachsehen, wo durch Geröll und finster blickende Steine ein Rinnsal rieselt.
Ich muß im schläfrigen Schatten des Bakula-Hains suchen, wo Tauben in ihrem Winkel gurren und die Fußkettchen der Elfen in der Stille der Sternennächte klirren.
Am Abend will ich in die flüsternde Stille des Bambuswaldes lugen, wo Leuchtkäfer ihr Licht versprühen, und jede Kreatur, die mir begegnet, fragen: „Kann einer mir sagen, wo die Schlafdiebin haust?“
Wer stahl Schlaf von Babys Augen? Ich muß es wissen.
Ich werde ihr eine gehörige Lektion erteilen, wenn ich sie nur fasse!
Ich würde ihr Nest überfallen und nachschauen, wo sie all den gestohlenen Schlaf hortet. Ich würde alles ausplündern und nach Hause bringen.
Ich würde ihre zwei Flügel verschnüren und sie ans Ufer des Flusses setzen und dann dem Schauspiel zusehen, wie sie mit einem Schilfrohr zwischen den Binsen und Wasserlilien fischt.
Wenn der Markttrubel am Abend vorbei ist und die Dorfkinder sich um ihre Mütter scharen, werden die Nachtvögel spöttisch in ihre Ohren schilpen:
„Wem wirst du nun den Schlaf stehlen?“

Okt 12 18

Rabindranath Tagore, The Crescent Moon, Der Sichelmond I–II

I The Home

I paced alone on the road across the field while the sunset was hiding its last gold like a miser.

The daylight sank deeper and deeper into the darkness, and the widowed land, whose harvest had been reaped, lay silent.

Suddenly a boy’s shrill voice rose into the sky. He traversed the dark unseen, leaving the track of his song across the hush of the evening.

His village home lay there at the end of the waste land, beyond the sugar-cane field, hidden among the shadows of the banana and the slender areca palm, the cocoa-nut and the dark green jack-fruit trees.

I stopped for a moment in my lonely way under the starlight, and saw spread before me the darkened earth surrounding with her arms countless homes furnished with cradles and beds, mothers’ hearts and evening lamps, and young lives glad with a gladness that knows nothing of its value for the world.

 

I Die Heimat

Ich schlenderte den Weg entlang über das Feld, als die untergehende Sonne wie ein Geizkragen ihr letztes Gold versteckte.

Das Tageslicht sank tiefer und tiefer ins Dunkel hinab, und das verwaiste Land, von dem das Korn abgemäht war, streckte sich schweigend aus.

Plötzlich erhob sich die durchdringende Stimme eines Jungen himmelwärts. Er durchquerte das unsichtbare Dunkel und furchte die Spur seines Lieds durch die Abendstille.

Sein Heimatdorf lag dort am Ende des wüsten Lands, jenseits des Zuckerrohrfelds, gehüllt in die Schatten der Bananen- und schlanken Betelnußpalmen, der Kokusnuß- und dunkelgrünen Brotfruchtbäume.

Ich blieb einen Augenblick unter dem Sternenlicht stehen und sah vor mir, wie die dunkle Erde ihre Arme um zahllose Häuser schlang, mit Wiegen und Betten gefüllt, mit mütterlichen Herzen und Nachtlichtern, und jungem Leben, froh von einer Freude, die um ihren Wert für die Welt nichts wußte.

 

II On the Seashore

On the seashore of endless worlds children meet.

The infinite sky is motionless overhead and the restless water is boisterous. On the seashore of endless worlds the children meet with shouts and dances.

They build their houses with sand, and they play with empty shells. With withered leaves they weave their boats and smilingly float them on the vast deep. Children have their play on the seashore of worlds.

They know not how to swim, they know not how to cast nets. Pearl-fishers dive for pearls, merchants sail in their ships, while children gather pebbles and scatter them again. They seek not for hidden treasures, they know not how to cast nets.

The sea surges up with laughter, and pale gleams the smile of the sea-beach. Death-dealing waves sing meaningless ballads to the children, even like a mother while rocking her baby’s cradle. The sea plays with children, and pale gleams the smile of the sea-beach.

On the seashore of endless worlds children meet. Tempest roams in the pathless sky, ships are wrecked in the trackless water, death is abroad and children play. On the seashore of endless worlds is the great meeting of children.

 

II An der Meeresküste

An der Meeresküste unzähliger Welten treffen sich die Kinder.

Der grenzenlose Himmel droben rührt sich nicht, und das ruhelose Wasser braust. An der Meeresküster unzähliger Welten treffen sich die Kinder unter Rufen und Tänzen.

Sie bauen sich ihre Hütten aus Sand und spielen mit leeren Muscheln. Aus welken Blättern formen sie Bötchen und lassen sie lächelnd auf der ungeheuren Tiefe dahintreiben. Kinder gehen ihrem Spiel nach an der Küste der Welten.

Schwimmen können sie nicht und sie verstehen sich nicht darauf, Netze auszuwerfen. Perlenfischer tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in ihren Schiffen, aber die Kinder sammeln Kieselsteine und streuen sie wieder aus. Sie suchen nicht nach geheimen Schätzen, sie verstehen sich nicht darauf, Netze auszuwerfen.

Das Meer wallt auf mit Gelächter, und fahl leuchtet das Lächeln des Meeresstrands. Todbringende Wellen singen den Kindern unverständliche Balladen, der Mutter gleich, wenn sie die Wiege ihres Kleinen schaukelt. Das Meer spielt mit den Kindern, und fahl leuchtet das Lächeln des Meeresstrands.

An der Meeresküste unzähliger Welten treffen sich die Kinder. Sturm wandert durch den weglosen Himmel, Schiffe werden im spurlosen Wasser zu Wracks, der Tod weilt in Übersee und die Kinder spielen. Die Meeresküste unzähliger Welten ist der große Treffpunkt der Kinder.

 

Okt 11 18

Francis Jammes, L’enfant lit l’almanach

L’enfant lit l’almanach près de son panier d’oeufs.
Et, en dehors des Saints et du temps qu’il fera,
elle peut contempler les beaux signes des cieux :
Chèvre, Taureau, Bélier, Poisson, et coetera.

Ainsi, peut-elle croire, petite paysanne,
qu’au-dessus d’elle, dans les constellations,
il y a des marchés, pareils avec des ânes,
des taureaux, des béliers, des chèvres, des poissons.

C’est le marché du Ciel sans doute qu’elle lit.
Et, quand la page tourne au signe des Balances,
elle se dit qu’au Ciel comme à l’épicerie
on pèse le café, le sel, et les consciences.

 

Das Kind liest im Kalenderblatt

Im Kalenderblatt, neben sich den Eierkorb, liest das Kind.
Nach welchem Heiligen heißt der Tag, bleibt das Wetter heiter,
das schaut es sich an, und wie schön die Himmelszeichen sind:
Steinbock, Stier, Widder, Fisch und so weiter.

So mag sich die Kleine vom Land in den Gedanken verlieren,
daß es hoch über ihr, unterm Sternenzelt
solche Märkte gibt wie mit Eseln und Stieren,
mit Widdern, Böcken und Fischen in dieser Welt.

Das ist der Himmels-Markt, was sie liest, ohne Frage,
und wie sie zum Zeichen der Waage wendet das Blatt,
sagt sie sich, im Himmel geht’s zu wie im Laden alle Tage,
man wiegt ab, was man an Kaffee, Salz und an Gewissen hat.

 

Okt 11 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 221–256

221

Day with its glare of curiosity
puts the stars to flight.

222

My mind has its true union with thee, O sky,
at the window which is mine own,
and not in the open
where thou hast thy sole kingdom.

223

Man claims God’s flowers as his own
when he weaves them in a garland.

224

The buried city, laid bare to the sun of a new age,
is ashamed that it has lost all its songs.

225

Like my heart’s pain that has long missed its meaning,
the sun’s rays robed in dark
hide themselves under the ground.
Like my heart’s pain at love’s sudden touch,
they change their veil at the spring’s call
and come out in the carnival of colours,
in flowers and leaves.

226

My life’s empty flute
waits for its final music
like the primal darkness
before the stars came out.

227

Emancipation from the bondage of the soil
is no freedom for the tree.

228

The tapestry of life’s story is woven
with the threads of life’s ties
ever joining and breaking.

229

Those thoughts of mine that are never captured by words
perch upon my song and dance.

230

My soul to-night loses itself
in the silent heart of a tree
standing alone among the whispers of immensity.

231

Pearl shells cast up by the sea
on death’s barren beach,—
a magnificent wastefulness of creative life.

232

The sunlight opens for me the world’s gate,
love’s light its treasure.

233

My life like the reed with its stops,
has its play of colours
through the gaps in its hopes and gains.

234

Let not my thanks to thee
rob my silence of its fuller homage.

235

Life’s aspirations come
in the guise of children.

236

The faded flower sighs
that the spring has vanished forever.

237

In my life’s garden
my wealth has been of the shadows and lights
that are never gathered and stored.

238

The fruit that I Have gained forever
is that which thou hast accepted.

239

The jasmine knows the sun to be her brother
in the heaven.

240

Light is young, the ancient light;
shadows are of the moment, they are born old.

241

I feel that the ferry of my songs at the day’s end
will bring me across to the other shore
from where I shall see.

242

The butterfly flitting from flower to flower
ever remains mine,
I lose the one that is netted by me.

243

Your voice, free bird, reaches my sleeping nest,
and my drowsy wings dream
of a voyage to the light
above the clouds.

244

I miss the meaning of my own part
in the play of life
because I know not of the parts
that others play.

245

The flower sheds all its petals
and finds the fruit.

246

I leave my songs behind me
to the bloom of the ever-returning honeysuckles
and the joy of the wind from the south.

247

Dead leaves when they lose themselves in soil
take part in the life of the forest.

248

The mind ever seeks its words
from its sounds and silence
as the sky from its darkness and light.

249

The unseen dark plays on his flute
and the rhythm of light
eddies into stars and suns,
into thoughts and dreams.

250

My songs are to sing
that I have loved Thy singing.

251

When the voice of the Silent touches my words
I know him and therefore I know myself.

252

My last salutations are to them
who knew me imperfect and loved me.

253

Love’s gift cannot be given,
it waits to be accepted.

254

When death comes and whispers to me,
‘Thy days are ended,’
let me say to him, ‘I have lived in love
and not in mere time.’
He will ask, ‘Will thy songs remain? ‘
I shall say, ‘I know not, but this I know
that often when I sang I found my eternity.’

255

‘Let me light my lamp,’
says the star,
‘and never debate
if it will help to remove the darkness.’

256

Before the end of my journey
may I reach within myself
the one which is the all,
leaving the outer shell
to float away with the drifting multitude
upon the current of chance and change.

 

Glühwürmchen 221–256

221

Der Tag jagt mit seinem neugierig glotzenden Blick
die Sterne in die Flucht.

222

Mein Geist vereinigt sich wahrhaft mit dir, o Himmel,
wenn ich an meinem Fenster stehe,
und nicht im Freien,
wo allein du König bist.

223

Der Mensch sieht Gottes Blumen für eigene an,
wenn er sie in einen Kranz flicht.

224

Die verschüttete Stadt, freigelegt für die Sonne eines neuen Zeitalters,
ist beschämt, weil sie all ihre Lieder verloren hat.

225

Gleich der Pein meines Herzens, das seit langem seinen Sinn entbehrte,
haben sich die Sonnenstrahlen, ins Dunkel gehüllt,
unter den Erdboden versteckt.
Gleich der Pein meines Herzens unter der plötzlichen Berührung der Liebe
wechseln sie ihren Schleier beim Ruf des Frühlings
und kommen heraus in einem Maskentanz aus Farben,
Blumen und Blättern.

226

Die leere Flöte meines Lebens
wartet auf ihr letztes Lied
wie das frühe Dunkel,
bevor die Sterne aufgehen.

227

Die sklavische Fessel der Erde abzuschütteln
bedeutet keine Freiheit für den Baum.

228

Der Wandteppich mit der Geschichte des Lebens
ist aus den Fäden des Lebens gewebt,
die sich ewig umschlingen und wieder reißen.

229

Meine Gedanken, jene, die sich von Worten nicht einfangen lassen,
thronen auf meinem Lied und tanzen.

230

Meine Seele verliert sich diese Nacht
im schweigenden Herzen eines Baumes,
der einsam steht unter dem Raunen der unermesslichen Weiten.

231

Perlmutterne Schalen, ausgeworfen vom Meer
an die öde Küste des Todes –
eine prachtvolle Verschwendung schöpferischen Lebens.

232

Das Sonnenlicht öffnet mir das Tor der Welt,
das Licht der Liebe ihren Schatz.

233

Mein Leben bringt wie das Flötenrohr mit seinen Löchern
durch die Risse in seinem Hoffen und Gelingen
ein buntes Farbenspiel hervor.

234

Laß nicht zu, daß mein Danklied an dich
mein Schweigen um seine tiefere Huldigung bringt.

235

Die Hoffnungen des Lebens
kommen zu uns, als Kinder verkleidet.

236

Die verblaßte Blume seufzt,
daß Frühling hinschwand für immer.

237

In meines Lebens Garten
reifte mir Fülle aus Schatten und Lichtern,
die ich nicht geerntet und gehortet habe.

238

Die Frucht, die ich mir für immer erwarb,
ist jene, die du genommen hast.

239

Der Jasmin weiß, die Sonne ist ihr Bruder
im Himmel.

240

Das Licht ist jung, das alte Licht;
Schatten sind für den Augenblick, sie werden alt geboren.

241

Ich ahne, die Fähre meines Lieds wird mich am Ende des Tages
zur anderen Küste bringen,
von wo aus ich sehen werde.

242

Der Schmetterling, der von Blüte zu Blüte gaukelt,
bleibt immer mein,
den ich mit dem Netz einfing, verliere ich.

243

Deine Stimme, freier Vogel, kommt in mein Schlummernest,
und meine trunkenen Schwingen träumen
von einer Reise ins Licht
über den Wolken.

244

Ich komme nicht hinter die Bedeutung meiner Rolle
im Spiel des Lebens,
denn ich kenne die Rollen
meiner Mitspieler nicht.

245

Die Blume verliert all ihre Blüten
und findet die Frucht.

246

Ich streue meine Lieder hinter mich
in den Flor des immer wiederkehrenden Geißblatts
und die Freude des südlichen Winds.

247

Tote Blätter, verlieren sie sich auch in der Erde,
nehmen teil am Leben des Waldes.

248

Immer sucht der Geist seine Worte
in seinen Klängen und seinem Schweigen
wie der Himmel in seiner Dunkelheit und seinem Licht.

249

Das verborgene Dunkel spielt auf seiner Flöte
und der Rhythmus des Lichts
strömt in Sterne und Sonnen,
in Gedanken und Träume.

250

Meine Lieder singen nur davon,
daß ich Deinen Gesang geliebt habe.

251

Wenn die Stimme des Schweigenden meine Worte umhaucht,
kenne ich ihn und so kenne ich mich selbst.

252

Meine letzten Grüße gehen an jene,
die meine Schwächen kannten und mich liebten.

253

Das Geschenk der Liebe kann man nicht schenken,
sie wartet darauf, angenommen zu werden.

254

Tritt der Tod an mich heran und flüstert:
„Deine Tage sind vorüber“,
laß mich zu ihm sagen: „Ich habe in der Liebe gelebt
und nicht nur in der Zeit.“
Er wird fragen: „Werden deine Lieder bleiben?“
Ich sage ihm dann: „Ich weiß es nicht, ich weiß nur,
daß ich oft, wenn ich sang, meine Ewigkeit fand.“

255

„Laß mich deine Lampe entzünden“,
spricht der Stern,
„und frage dich niemals,
ob dies dir hilft, die Dunkelheit zu überwinden.“

256

Möge ich vor dem Ende meiner Fahrt
zu dem einen, der das All ist,
in mir selbst gelangen,
dann lasse ich die äußere Schale
mit all dem anderen Treibgut auf dem Strom
von Wechsel und Wandel hingleiten.

 

Okt 10 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 181–220

181

Day offers to the silence of stars
his golden lute to be tuned
for the endless life.

182

The wise know how to teach,
the fool how to smite.

183

The centre is still and silent in the heart
of an eternal dance of circles.

184

The judge thinks that he is just when he compares
the oil of another’s lamp
with the light of his own.

185

The captive flower in the King’s wreath
smiles bitterly when the meadow-flower envies her.

186

Its store of snow is the hill’s own burden,
its outpouring of streams is borne by all the world.

187

Listen to the prayer of the forest
for its freedom in flowers.

188

Let your love see me
even through the barrier of nearness.

189

The spirit of work in creation is there
to carry and help the spirit of play.

190

To carry the burden of the instrument,
count the cost of its material,
and never to know that it is for music,
is the tragedy of deaf life.

191

Faith is the bird that feels the light
and sings when the dawn is still dark.

192

I bring to thee, night, my day’s empty cup,
to be cleansed with thy cool darkness
for a new morning’s festival.

193

The mountain fir, in its rustling,
modulates the memory of its fights with the storm
into a hymn of peace.

194

God honoured me with his fight
when I was rebellious,
He ignored me when I was languid.

195

The sectarian thinks
that he has the sea
ladled into his private pond.

196

In the shady depth of life
are the lonely nests of memories
that shrink from words.

197

Let my love find its strength
in the service of day,
its peace in the union of night.

198

Life sends up in blades of grass
its silent hymn of praise
to the unnamed Light.

199

The stars of night are to me
the memorials of my day’s faded flowers.

200

Open thy door to that which must go,
for the loss becomes unseemly when obstructed.

201

True end is not in the reaching of the limit,
but in a completion which is limitless.

202

The shore whispers to the sea:
‘Write to me what thy waves struggle to say.’
The sea writes in foam again and again
and wipes off the lines in a boisterous despair.

203

Let the touch of thy finger thrill my life’s strings
and make the music thine and mine.

204

The inner world rounded in my life like a fruit,
matured in joy and sorrow,
will drop into the darkness of the original soil
for some further course of creation.

205

Form is in Matter, rhythm in Force,
meaning in the Person.

206

There are seekers of wisdom and seekers of wealth,
I seek thy company so that I may sing.

207

As the tree its leaves, I shed my words on the earth,
let my thoughts unuttered flower in thy silence.

208

My faith in truth, my vision of the perfect,
help thee, Master, in thy creation.

209

All the delights that I have felt
in life’s fruits and flowers
let me offer to thee at the end of the feast,
in a perfect union of love.

210

Some have thought deeply and explored the
meaning of thy truth,
and they are great;
I have listened to catch the music of thy play,
and I am glad.

211

The tree is a winged spirit
released from the bondage of seed,
pursuing its adventure of life
across the unknown.

212

The lotus offers its beauty to the heaven,
the grass its service to the earth.

213

The sun’s kiss mellows into abandonment
the miserliness of the green fruit clinging to its stem.

214

The flame met the earthen lamp in me,
and what a great marvel of light!

215

Mistakes live in the neighbourhood of truth
and therefore delude us.

216

The cloud laughed at the rainbow
saying that it was an upstart
gaudy in its emptiness.
The rainbow calmly answered,
‘I am as inevitably real as the sun himself.’

217

Let me not grope in vain in the dark
but keep my mind still in the faith
that the day will break
and truth will appear
in its simplicity.

218

Through the silent night
I hear the returning vagrant hopes of the morning
knock at my heart.

219

My new love comes
bringing to me the eternal wealth of the old.

220

The earth gazes at the moon and wonders
that she should have all her music in her smile.

 

Glühwürmchen 180–220

181

Der Tag taucht seine goldene Laute
in das Schweigen der Sterne, auf daß sie gestimmt werde
auf das immerwährende Leben.

182

Die Weisen wissen zu lehren,
die Narren totzuschlagen.

183

Der Mittelpunkt verharrt schweigend im Herzen
eines ewigen Tanzes von Kreisen.

184

Der Richter glaubt, gerecht zu sein,
wenn er das Öl einer Lampe
mit dem Licht seiner eigenen vergleicht.

185

Die im Kranz des Königs gefangene Blume
lächelt bitter, wenn die Wiesenblume sie beneidet.

186

Die Halde von Schnee ist des Berges eigene Last,
seine herabspringenden Bäche sind die Kinder der ganzen Welt.

187

Lausche dem Beten des Waldes
um Freiheit in seinen Blumen.

188

Laß deine Liebe mich erblicken,
selbst durch das Gitter der Nähe.

189

Der Geist der schöpferischen Arbeit dient dazu,
den Geist des Spiels zu befördern.

190

Die Last des Instrumentes zu schleppen,
die Kosten seines Materials zu berechnen
und nicht darauf zu kommen, daß man Musik damit macht,
ist die Tragik des tauben Lebens.

191

Glaube ist der Vogel, der das Licht fühlt
und in der Frühe singt, wenn es noch dunkel ist.

192

Ich bringe, Nacht, dir meinen leeren Becher,
auf daß er gereinigt werde von deinem kühlen Dunkel
für eine neue Morgenfeier.

193

Die Bergkiefer verwandelt in ihrem Rauschen
die Erinnerung an ihre Kämpfe mit dem Sturm
in einen Hymnus auf den Frieden.

194

Gott ehrte mich mit seinem Kampf,
als ich widerspenstig war,
Er mißachtete mich in meiner Lauheit.

195

Der Sektierer wähnt,
er habe das Meer
in seinen Gartenteich geschöpft.

196

In der schattigen Tiefe des Lebens
schweben die einsamen Nester der Erinnerung,
die zurückschrecken vor dem Wort.

197

Laß meine Liebe ihre Stärke finden
im täglichen Dienst,
ihren Frieden in der Vereinigung der Nacht.

198

Das Leben reckt in Grashalmen
seinen stummen Lobgesang
ans namenlose Licht empor.

199

Die Sterne der Nacht sind mir
Denkmäler meiner verblaßten Blumen des Tags.

200

Öffne deine Tür jenem, der scheiden muß,
denn was verloren ging, soll man nicht halten.

201

Das wahre Ziel erreicht man nicht an der Grenze,
sondern in der Vollendung, die keine Grenze kennt.

202

Die Küste flüstert dem Meer zu:
„Schreibe mir, was deine Wogen zu sagen sich mühen.“
Das Meer schreibt wieder und wieder in Schaum
und wischt die Zeilen in wilder Verzweiflung aus.

203

Die Berührung deiner Finger lasse meines Lebens Saiten erzittern,
und das Lied sei deines und meines.

204

Die innere Welt, wie eine Frucht gerundet in meinem Leben,
in Freude gereift und Kummer,
will in das Dunkel der heimatlichen Erde fallen,
um einen neuen Kreislauf der Schöpfung zu beginnen.

205

Form ist in der Materie, Rhythmus in der Kraft,
Sinn in der Person.

206

Die einen sind auf der Suche nach Weisheit, die anderen nach Reichtum,
ich suche nach deiner Nähe, auf daß ich singen mag.

207

Wie der Baum seine Blätter, so schütte ich meine Worte auf die Erde,
laß meine unausgesprochenen Gedanken in deinem Schweigen blühen.

208

Mein Vertrauen in die Wahrheit, meine Vision der Vollkommenheit,
komm, Meister, in deiner Schöpfung dir zuhilfe.

209

All die Freuden, die ich erfuhr
in den Früchten und Blumen des Lebens,
laß sie mich dir reichen am Ausgang der Feier
zum Zeichen innigsten Liebesbunds.

210

Manche haben tief gedacht und nach dem Sinn
der Wahrheit geforscht
und sie sind groß;
ich habe dem Spiel deiner Weisen gelauscht
und ich bin froh.

211

Der Baum ist ein geflügelter Geist,
befreit von der Fessel des Samens
strebt er nach dem Abenteuer des Lebens
im Unbekannten.

212

Der Lotus bringt seine Schönheit dem Himmel dar,
das Gras seinen Dienst der Erde.

213

Der Kuß der Sonne erweicht den Geiz der grünen Frucht,
die sich an ihren Stamm klammert, zur Hingabe.

214

Die Flamme fand die irdene Lampe in mir,
und welch ein Wunder aus Licht!

215

Irrtümer sind die Nachbarn der Wahrheit
und deshalb führen sie uns hinters Licht.

216

Die Wolke lacht über den Regenbogen,
sie hält ihm vor, er sei ein Emporkömmling,
buntscheckig vor Leere.
Der Regenbogen antwortet gelassen:
„Ich bin so notwendig da wie die Sonne selbst.“

217

Lass mich nicht umsonst im Dunkeln tappen,
sondern halte in mir den Glauben wach,
daß der Tag anbrechen
und die Wahrheit in ihrer Einfachheit
erscheinen wird.

218

Ich höre in der stillen Nacht,
wie die herumirrenden Hoffnungen des Morgens heimkehren
und an mein Herz klopfen.

219

Meine neue Liebe kommt
und bringt mir den unvergänglichen Reichtum der alten.

220

Die Erde blickt zum Mond und ist überrascht,
daß er all seine Musik in seinem Lächeln birgt.

 

Okt 9 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 141–180

141

God loves to see in me, not his servant,
but himself who serves all.

142

The darkness of night is in harmony with day,
the morning of mist is discordant.

143

In the bounteous time of roses love is wine,—
it is food in the famished hour
when their petals are shed.

144

An unknown flower in a strange land
speaks to the poet:
‘Are we not of the same soil, my lover? ‘

145

I am able to love my God
because He gives me freedom to deny Him.

146

My untuned strings beg for music
in their anguished cry of shame.

147

The worm thinks it strange and foolish
that man does not eat his books.

148

The clouded sky to-day bears the vision
of the shadow of a divine sadness
on the forehead of brooding eternity.

149

The shade of my tree is for passers-by,
its fruit for the one for whom I wait.

150

Flushed with the glow of sunset
earth seems like a ripe fruit
ready to be harvested by night.

151

Light accepts darkness for his spouse
for the sake of creation.

152

The reed waits for his master’s breath,
the Master goes seeking for his reed.

153

To the blind pen the hand that writes is unreal,
its writing unmeaning.

154

The sea smites his own barren breast
because he has no flowers to offer to the moon.

155

The greed for fruit misses the flower.

156

God in His temple of stars
waits for man to bring him his lamp.

157

The fire restrained in the tree fashions flowers.
Released from bonds, the shameless flame
dies in barren ashes.

158

The sky sets no snare to capture the moon,
it is her own freedom which binds her.
The light that fills the sky
seeks its limit in a dew-drop on the grass.

159

Wealth is the burden of bigness,
Welfare the fulness of being.

160

The razor-blade is proud of its keenness
when it sneers at the sun.

161

The butterfly has leisure to love the lotus,
not the bee busily storing honey.

162

Child, thou bringest to my heart
the babble of the wind and the water,
the flower’s speechless secrets, the clouds’ dreams,
the mute gaze of wonder of the morning sky.

163

The rainbow among the clouds may be great
but the little butterfly among the bushes is greater.

164

The mist weaves her net round the morning,
captivates him, and makes him blind.

165

The Morning Star whispers to Dawn,
‘Tell me that you are only for me.’
‘Yes,’ she answers,
‘And also only for that nameless flower.’

166

The sky remains infinitely vacant
for earth there to build its heaven with dreams.

167

Perhaps the crescent moon smiles in doubt
at being told that it is a fragment
awaiting perfection.

168

Let the evening forgive the mistakes of the day
and thus win peace for herself.

169

Beauty smiles in the confinement of the bud,
in the heart of a sweet incompleteness.

170

Your flitting love lightly brushed with its wings
my sun-flower
and never asked if it was ready to surrender its honey.

171

Leaves are silences
around flowers which are their words.

172

The tree bears its thousand years
as one large majestic moment.

173

My offerings are not for the temple at the end of the road,
but for the wayside shrines
that surprise me at every bend.

174

Your smile, my love, like the smell of a strange flower,
is simple and inexplicable.

175

Death laughs when the merit of the dead is exaggerated
for it swells his store with more than he can claim.

176

The sigh of the shore follows in vain
the breeze that hastens the ship across the sea.

177

Truth loves its limits,
for there it meets the beautiful.

178

Between the shores of Me and Thee
there is the loud ocean, my own surging self,
which I long to cross.

179

The right to possess boasts foolishly
of its right to enjoy.

180

The rose is a great deal more
than a blushing apology for the thorn.

 

Glühwürmchen 141–180

141

Gott liebt es, in mir nicht seinen Diener zu sehen,
sondern sich selbst, der allen dient.

142

Die Dunkelheit der Nacht steht im Einklang mit dem Tag,
der Morgennebel ist ein Mißton.

143

In der üppigen Rosenzeit ist die Liebe Wein –
sie ist Brot in den Hungerstunden,
wenn die Blüten am Boden liegen.

144

Eine unbekannte Blume in einem fremden Land
sagt zum Dichter:
„Entstammen wir nicht derselben Erde, mein Geliebter?“

145

Ich bin fähig, Gott zu lieben,
denn Er schenkt mir die Freiheit, Ihn zu verleugnen.

146

Meine ungestimmten Saiten betteln um Wohlklang,
wenn sie schmerzlich schrillen vor Scham.

147

Der Wurm hält es für seltsam und töricht,
daß der Mensch seine Bücher nicht ißt.

148

Der bewölkte Himmel zeigt heute
den Schattenriß göttlicher Trauer
auf der Stirne brütender Ewigkeit.

149

Der Schatten meines Baumes gehört den Vorübergehenden,
seine Früchte dem einen, auf den ich warte.

150

Das Licht nimmt die Dunkelheit als Braut auf,
um der Schöpfung willen.

151

Überronnen von Sonnenglut
gleicht die Erde einer reifen Frucht,
bereit, am Abend gepflückt zu werden.

152

Das Schilfrohr wartet auf den Atem des Meisters,
der Meister ist auf der Suche nach seinem Schilfrohr.

153

Für die blinde Feder ist des Schreibers Hand ein Schemen,
und was er schreibt, bedeutungslos.

154

Das Meer peitscht seine öde Brust,
denn sie entbehrt der Blumen für den Mond.

155

Der Gier nach Früchten fehlt die Blume.

156

Gott wartet in seinem Sternentempel
auf den Menschen, daß er ihm seine Lampe bringe.

157

Das im Baum gestaute Feuer formt die Blüten.
Der Fesseln ledig stirbt die schamlose Flamme
in unfruchtbaren Aschen.

158

Der Himmel legt keine Schlinge aus, um den Mond zu fangen,
in voller Freiheit gibt er sich ihm hin.
Das Licht, das den Himmel ganz erfüllt,
sucht seine Grenze in einem Tautropfen im Gras.

159

Reichtum ist die Last der Größe,
Wohltun die Fülle des Seins.

160

Die Rasierklinge prahlt mit ihrer Schärfe,
wenn sie der Sonne höhnt.

161

Der Schmetterling in seinem Müßiggang liebäugelt mit dem Lotus,
die Biene hat dazu keine Zeit, sie sammelt Honig.

162

Du bringst zu meinem Herzen, Kind,
den Schaum des Windes und das Wasser,
das wortlose Geheimnis der Blume, die Träume der Wolken,
den stummen Wunderblick des Morgenhimmels.

163

Der Regenbogen zwischen den Wolken ist wohl groß,
doch der kleine Schmetterling im Gebüsch ist größer.

164

Der Nebel webt sein Netz um den Morgen,
fängt ihn ein und macht ihn blind.

165

Der Morgenstern flüstert zum Morgenrot:
„Gestehe, daß du mir ganz gehörst.“
„Ja“, antwortet es,
„und ganz auch jener namenlosen Blume.“

166

Das hohe Blau steht offen ohne Grenzen,
damit die Erde ihren Himmel dort aus Träumen baue.

167

Vielleicht lächelt der zunehmende Mond, bezweifelnd,
was man ihm erzählte, ein Bruchstück sei er bloß,
das der Vollendung harrt.

168

Laß den Abend die Fehler des Tages verzeihen
und so Frieden finden für sich selbst.

169

Schönheit lächelt, eingeschlossen in der Knospe,
im Herzen einer süßen Unvollkommenheit.

170

Deine flatterhafte Liebe hat mit ihren Flügeln
meine Sonnenblume leicht gestreift
und nie gefragt, ob sie ihren Honig spenden wolle.

171

Blätter sind das Schweigen um die Blumen,
Blumen sind ihr Wort.

172

Der Baum trägt seine tausend Jahre
wie eines langen Augenblicks Erhabenheit.

173

Meine Opfergaben sind nicht bestimmt für den Tempel am Ende der Straße,
sondern für die Schreine am Wegesrand,
die mich bei jeder Biegung überraschen.

174

Dein Lächeln, meine Liebe, ist wie der Duft einer fremden Blume,
schlicht und geheimnisvoll.

175

Der Tod lacht, wenn das Verdienst des Toten aufgebauscht wird,
denn seine Hallen füllen, an die er nicht heranreicht.

176

Der Seufzer der Küste folgt vergeblich
dem Wind, der das Schiff über die Wogen jagt.

177

Die Wahrheit liebt ihre Grenzen,
denn an ihnen begegnet sie dem Schönen.

178

Zwischen den Küsten von Ich und Du
tobt der Ozean, die Wogen meines Selbst,
dich ich durchqueren möchte.

179

Das Recht auf Besitz brüstet sich voll Torheit
mit dem Recht auf Genuß.

180

Die Rose ist weit mehr
als die errötende Entschuldigung für den Dorn.

 

Okt 8 18

Ich warte auf dich

Ich warte auf dich
bei der Weide
und der Geduld des grünen Wassers,
über das sie sich beugt.

Ich warte auf dich
beim lichten Zittern des Krokus,
wenn das Gras sich kniet
in den blauen Kuß des Winds.

Ich warte auf dich
im Sommer der Vogelschatten,
die über den Asphalt
der toten Erinnerung schwirren,
und ein Dunst steigt von ihm auf.

Ich warte auf dich
im Herbst der braunen Früchte,
wenn dumpf wie der Schmerz
die Kastanie auf das Pflaster kracht.

Ich warte auf dich
im Winter des Unterstands,
wo von Dornen aus Eis
blinde Tropfen rinnen.

Ich warte auf dich
in der Unzeit des Steins,
wenn die weiße Flocke der Nacht
herabschwebt
und auf der Inschrift des Namens
taut.

 

Okt 8 18

Sonnenkäfer

An einem Sonnenfaden
spulte sich ein Sonnenkäfer
herab in dein Haar,
und eine Locke ward zum Nest
scheu glimmenden Lebens.

Es glomm noch schwach,
als du schliefst,
und verlosch wie ein winziges Herz,
das in der grauen Träne
des Mondes ertrank.

 

Okt 8 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 81–140

81

The two separated shores mingle their voices
in a song of unfathomed tears.

82

As a river in the sea,
work finds its fulfilment
in the depth of leisure.

83

I lingered on my way till thy cherry tree lost its blossom,
but the azalea brings to me, my love, thy forgiveness.

84

Thy shy little pomegranate bud,
blushing to-day behind her veil,
will burst into a passionate flower
to-morrow when I am away.

85

The clumsiness of power spoils the key,
and uses the pickaxe.

86

Birth is from the mystery of night
into the greater mystery of day.

87

These paper boats of mine are meant to dance
on the ripples of hours,
and not to reach any destination.

88

Migratory songs wing from my heart
and seek their nests in your voice of love.

89

The sea of danger, doubt and denial
around man’s little island of certainty
challenges him to dare the unknown.

90

Love punishes when it forgives,
and injured beauty by its awful silence.

91

You live alone and unrecompensed
because they are afraid of your great worth.

92

The same sun is newly born in new lands
in a ring of endless dawns.

93

God’s world is ever renewed by death,
a Titan’s ever crushed by its own existence.

94

The glow-worm while exploring the dust
never knows that stars are in the sky.

95

The tree is of to-day, the flower is old,
it brings with it the message
of the immemorial seed.

96

Each rose that comes brings me greetings
from the Rose of an eternal spring.

97

God honours me when I work,
He loves me when I sing.

98

My love of to-day finds no home
in the nest deserted by yesterday’s love.

99

The fire of pain traces for my soul
a luminous path across her sorrow.

100

The grass survives the hill
through its resurrections from countless deaths.

101

Thou hast vanished from my reach
leaving an impalpable touch in the blue of the sky,
an invisible image in the wind moving
among the shadows.

102

In pity for the desolate branch
spring leaves to it a kiss that fluttered in a lonely leaf.

103

The shy shadow in the garden
loves the sun in silence,
Flowers guess the secret, and smile,
while the leaves whisper.

104

I leave no trace of wings in the air,
but I am glad I have had my flight.

105

The fireflies, twinkling among leaves,
make the stars wonder.

106

The mountain remains unmoved
at its seeming defeat by the mist.

107

While the rose said to the sun,
‘I shall ever remember thee,’
her petals fell to the dust.

108

Hills are the earth’s gesture of despair
for the unreachable.

109

Though the thorn in thy flower pricked me,
O Beauty,
I am grateful.

110

The world knows that the few
are more than the many.

111

Let not my love be a burden on you, my friend,
know that it pays itself.

112

Dawn plays her lute before the gate of darkness,
and is content to vanish when the sun comes out.

113

Beauty is truth’s smile
when she beholds her own face
in a perfect mirror.

114

The dew-drop knows the sun
only within its own tiny orb.

115

Forlorn thoughts from the forsaken lives of all ages,
swarming in the air, hum round my heart
and seek my voice.

116

The desert is imprisoned in the wall
of its unbounded barrenness.

117

In the thrill of little leaves
I see the air’s invisible dance,
and in their glimmering
the secret heart-beats of the sky.

118

You are like a flowering tree,
amazed when I praise you for your gifts.

119

The earth’s sacrificial fire
flames up in her trees,
scattering sparks in flowers.

120

Forests, the clouds of earth,
hold up to the sky their silence,
and clouds from above come down
in resonant showers.

121

The world speaks to me in pictures,
my soul answers in music.

122

The sky tells its beads all night
on the countless stars
in memory of the sun.

123

The darkness of night, like pain, is dumb,
the darkness of dawn, like peace, is silent.

124

Pride engraves his frowns in stones,
love offers her surrender in flowers.

125

The obsequious brush curtails truth
in deference to the canvas which is narrow.

126

The hill in its longing for the far-away sky
wishes to be like the cloud
with its endless urge of seeking.

127

To justify their own spilling of ink
they spell the day as night.

128

Profit smiles on goodness
when the good is profitable.

129

In its swelling pride
the bubble doubts the truth of the sea,
and laughs and bursts into emptiness.

130

Love is an endless mystery,
for it has nothing else to explain it.

131

My clouds, sorrowing in the dark,
forget that they themselves
have hidden the sun.

132

Man discovers his own wealth
when God comes to ask gifts of him.

133

You leave your memory as a flame
to my lonely lamp of separation.

134

I came to offer thee a flower,
but thou must have all my garden,—
It is thine.

135

The picture—a memory of light
treasured by the shadow.

136

It is easy to make faces at the sun,
He is exposed by his own light in all
directions.

137

Love remains a secret even when spoken,
for only a lover truly knows that he is loved.

138

History slowly smothers its truth,
but hastily struggles to revive it
in the terrible penance of pain.

139

My work is rewarded in daily wages,
I wait for my final value in love.

140

Beauty knows to say, ‘Enough,’
barbarism clamours for still more.

 

Glühwürmchen 81–140

81

Die getrennten Küsten mischen ihre Stimmen
in einem unauslotbaren Lied aus Tränen.

82

Als ein Strom im Meer
findet das Werk seine Erfüllung
in der Tiefe des Müßiggangs.

83

Ich trödelte auf meinem Weg, bis dein Kirschbaum seine Blüten abwarf,
die Azalee schenkt mir, meine Liebe, deine Vergebung.

84

Deine scheue Granatapfelblüte,
die heute unter ihrem Schleier errötet,
wird zu einer leidenschaftlichen Blüte aufbrechen,
morgen, wenn ich schon fern bin.

85

Die Plumpheit der Macht verdreht den Schlüssel
und greift zur Axt.

86

Die Geburt führt aus dem Geheimnis der Nacht
in das größere Geheimnis des Tags.

87

Diese meine Papierschiffchen sollen
auf den Wellen der Stunden schaukeln,
sie sind nicht unterwegs zu einem Ziel.

88

Wanderlieder fliegen aus meinem Herzen
und suchen ihr Nest in deiner Stimme der Liebe.

89

Das Meer aus Gefahr, Zweifel und Ablehnung
um des Menschen kleines Eiland von Gewißheit
fordert ihn heraus, sich ins Unbekannte zu wagen.

90
Liebe straft, wenn sie vergibt,
und verletzte Schönheit durch ihre schreckliches Schweigen.

91

Du bist einsam und erntest keinen Dank,
denn man erschrickt vor der Größe deines Werks.

92

Dieselbe Sonne wird immer neu in neuen Ländern geboren
im Kreislauf unendlicher Morgenröten.

93

Gottes Welt wird durch den Tod ewig erneut,
eines Titanen Welt bricht unter sich selbst zusammen.

94

Das Glühwürmchen erkundet den Staub
und erkennt nie, daß Sterne am Himmel sind.

95

Der Baum ist von heute, die Blume ist alt,
sie trägt die Botschaft in sich
vom unvordenklichen Samen.

96

Jede Rose, die aufgeht, sendet mir Grüße
von der Rose eines ewigen Frühlings.

97

Gott ehrt mich, wenn ich arbeite,
Er liebt mich, wenn ich singe.

98

Meine Liebe von heute findet kein Heim
im Nest, verwaist von der Liebe des Gestern.

99

Das Feuer des Schmerzes zieht meiner Seele
einen leuchtenden Pfad durch ihre Trübsal.

100

Das Gras überlebt den Berg,
weil es von unzähligen Toden aufersteht.

101

Du hast dich aus meiner Reichweite entfernt
und hinterließest eine ungreifbare Spur im Blau des Himmels,
ein unsichtbares Bild im Wind,
der durch die Schatten streicht.

102

Aus Mitleid mit dem verzweifelten Ast
ließ ihm der Frühling einen Kuß, der in einem einsamen Blatte flattert.

103

Der scheue Schatten im Garten
liebt heimlich die Sonne,
die Blumen erraten sein Geheimnis und lächeln,
während die Blätter flüstern.

104

Meine Flügel hinterlassen keine Spuren in der Luft,
doch ich bin froh, geflogen zu sein.

105

Die Glühwürmchen, die zwischen den Blättern glimmen,
lassen die Sterne staunen.

106

Der Berg bleibt unbewegt,
auch wenn es so aussieht, als besiege ihn der Nebel.

107

Während die Rose zur Sonne spricht:
„Ich werde immer an dich denken“,
fallen ihre Blütenblätter in den Staub.

108

Die Berge sind die verzweifelte Geste der Erde
nach dem Unerreichbaren.

109

Auch wenn der Dorn an deiner Blume mich stach,
o Schönheit,
bin ich dankbar.

110

Die Welt weiß, die wenigen
sind mehr als die vielen.

111

Du sollst, mein Freund, meine Liebe nicht als Last tragen,
wisse, sie trägt sich selbst.

112

Dämmerung spielt ihre Laute vor dem Tor der Dunkelheit
und zieht sich gern zurück, wenn die Sonne hervortritt.

113

Schönheit ist das Lächeln der Wahrheit,
wenn sie ihr Gesicht
in einem reinen Spiegel betrachtet.

114

Der Tautropfen erkennt die Sonne
nur inmitten seiner winzigen Kugel.

115

Verzweifelte Gedanken aus den verlassenen Leben aller Zeiten
schwirren in der Luft, summen um mein Herz
und suchen meine Stimme.

116

Die Wüste ist gefangen hinter der Mauer
ihrer schrankenlosen Unfruchtbarkeit.

117

Im Erschauern kleiner Blätter
sehe ich den unsichtbaren Tanz der Luft
und in ihrem Schimmern
den verborgenen Herzschlag des Himmels.

118

Du bist wie ein blühender Baum,
erstaunt, wenn ich dich rühme für deine Gaben.

119

Das Opferfeuer der Erde
flackert auf in ihren Bäumen,
die ihre Blütenfunken verstreuen.

120

Wälder, die Wolken der Erde,
heben ihr Schweigen gen Himmel,
und Wolken senken aus der Höhe
den Widerklang ihrer Schauer.

121

Die Welt spricht in Bildern zu mir,
meine Seele antwortet mit Musik.

122

Der Himmel zählt allabendlich seine Perlen
an der unendlichen Kette der Sterne,
der Sonne gedenkend.

123

Die Dunkelheit der Nacht ist stumm wie der Schmerz,
die Dunkelheit der Dämmerung ist still wie der Frieden.

124

Stolz graviert seinen Hochmut in Stein,
Liebe gewährt ihre Hingabe in Blumen.

125

Der unterwürfige Pinsel kürzt die Wahrheit
aus Ehrfurcht vor einer Leinwand, die schmal ist.

126

In seiner Sehnsucht nach dem fernen Himmel
wünscht sich der Berg, wie die Wolke zu sein,
die ihre Suche immerfort ins Weite drängt.

127

Um sich für das Verschütten der Tinte zu rechtfertigen,
buchstabieren sie den Tag wie Nacht.

128

Der Gewinn lächelt angesichts der Güte,
wenn das Gute Gewinn bringt.

129

In seinem schwellenden Stolz
zweifelt der Schaum an der Wahrheit des Meers
und lacht und zerplatzt in die Leere.

130

Liebe ist ein grenzenloses Geheimnis,
denn es gibt nichts, was es erklären könnte.

131

Meine Wolken, die im Dunkeln trauern,
vergessen, daß sie selbst
die Sonne verhüllten.

132

Der Mensch entdeckt seinen Reichtum,
wenn Gott ihn um Gaben bittet.

133

Du ließest mir dein Gedächtnis als Flamme
meiner einsamen Lampe, die fern von dir glimmt.

134

Ich kam zu dir mit einer Blume in der Hand,
doch sollst du meinen ganzen Garten haben –
er ist dein.

135

Das Bild – eine Erinnerung an das Licht,
liebevoll gehütet vom Schatten.

136

Es ist leicht, der Sonne Grimassen zu schneiden,
sie ist durch ihr eigenes Licht
allen Richtungen ausgesetzt.

137

Liebe, ward sie auch gestanden, bleibt ein Geheimnis,
denn nur der Liebende weiß in Wahrheit, daß er geliebt wird.

138

Die Geschichte begräbt nach und nach ihre Wahrheit,
doch müht sie sich eilig, sie wiederzubeleben
in einem furchtbaren Strafgericht.

139

Meine Arbeit hat ihren täglichen Lohn dahin,
ich hoffe auf ihren wahren Wert am Ende: Liebe.

140

Schönheit weiß „Genug“ zu sagen,
Rohheit schreit um immer mehr.

 

Okt 7 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 51–80

51

Your calumny against the great is impious,
it hurts yourself;
against the small it is mean,
for it hurts the victim.

52

The first flower that blossomed on this earth
was an invitation to the unborn song.

53

Dawn—the many-coloured flower—fades,
and then the simple light-fruit,
the sun appears.

54

The muscle that has a doubt if its wisdom
throttles the voice that would cry.

55

The wind tries to take the flame by storm
only to blow it out.

56

Life’s play is swift,
Life’s playthings fall behind one by one
and are forgotten.

57

My flower, seek not thy paradise
in a fool’s buttonhole.

58

Thou hast risen late, my crescent moon,
but my night bird is still awake to greet thee.

59

Darkness is the veiled bride
silently waiting for the errant light
to return to her bosom.

60

Trees are the earth’s endless effort to
speak to the listening heaven.

61

The burden of self is lightened
when I laugh at myself.

62

The weak can be terrible
because they try furiously to appear strong.

63

The wind of heaven blows,
The anchor desperately clutches the mud,
and my boat is beating its breast against the chain.

64

The spirit of death is one,
the spirit of life is many,
When God is dead religion becomes one.

65

The blue of the sky longs for the earth’s green,
the wind between them sighs, ‘Alas.’

66
Day’s pain muffled by its own glare,
burns among stars in the night.

67

The stars crowd round the virgin night
in silent awe at her loneliness
that can never be touched.

68

The cloud gives all its gold
to the departing sun
and greets the rising moon
with only a pale smile.

69

He who does good comes to the temple gate,
he who loves reaches the shrine.

70

Flower, have pity for the worm,
it is not a bee,
its love is a blunder and a burden.

71

With the ruins of terror’s triumph
children build their doll’s house.

72

The lamp waits through the long day of neglect
for the flame’s kiss in the night.

73

Feathers in the dust lying lazily content
have forgotten their sky.

74

The flower which is single
need not envy the thorns
that are numerous.

75

The world suffers most from the disinterested tyranny
of its well-wisher.

76

We gain freedom when we have paid the full price
for our right to live.

77

Your careless gifts of a moment,
like the meteors of an autumn night,
catch fire in the depth of my being.

78

The faith waiting in the heart of a seed
promises a miracle of life
which it cannot prove at once.

79

Spring hesitates at winter’s door,
but the mango blossom rashly runs out to him
before her time and meets her doom.

80

The world is the ever-changing foam
that floats on the surface of a sea of silence.

 

Glühwürmchen 51–80

51

Den Großen zu schmähen ist lästerlich,
es verletzt euch selbst;
den Geringen zu schmähen ist erbärmlich,
es verletzt das Opfer.

52

Die erste Blume, die der Erde entsproß,
war eine Einladung an das ungeborene Lied.

53

Dämmerung, die vielfarbige Blume, verblaßt,
und die schlichte Frucht des Lichts,
die Sonne wird sichtbar.

54

Der Muskel, der seiner Weisheit nicht traut,
würgt den Ruf der Stimme ab.

55

Der Wind will die Flamme im Sturm erobern
und bläst sie aus.

56

Das Spiel des Lebens ist schnell,
seine Spielsachen läßt es fallen, eins nach dem anderen,
schon sind sie vergessen.

57

Suche, meine Blume, dein Paradies nicht
im Knopfloch eines Narren.

58

Spät bist du, wachsender Mond, aufgegangen,
doch meine Nachtigall ist schon wach, um dich zu begrüßen.

59

Die Dunkelheit ist die verschleierte Braut,
die still auf das irrende Licht wartet,
das zurückkehrt in ihren Schoß.

60

Die Bäume sind die endlosen Mühen der Erde,
dem Himmel ins Ohr zu reden.

61

Die Bürde des Ich wird leichter,
wenn ich über mich selbst lache.

62

Die Schwachen können furchtbar sein,
indem sie wütend versuchen, stark zu erscheinen.

63

Der Wind des Himmels weht,
der Anker klammert sich verzweifelt an den Schlamm,
und mein Boot schlägt die Brust gegen die Kette.

64

Es gibt nur einen Geist des Todes,
doch viele Geister des Lebens,
bleibt nur eine Religion, ist Gott tot.

65

Das Blau des Himmels sehnt sich nach dem Grün der Erde,
zwischen ihnen seufzt der Wind: „Ach!“

66

Der Schmerz des Tages, der sich in sein grelles Licht hüllte,
glimmt des Nachts unter Sternen.

67

Die Schar der Sterne umgibt die jungfräuliche Nacht
in stummer Scheu vor ihrer Einsamkeit,
die keiner je berührt.

68

Die Wolke schenkt all ihr Gold
der scheidenden Sonne
und grüßt den aufschwebenden Mond
mit einem fahlen Lächeln bloß.

69

Wer Gutes tut, kommt bis zum Tor des Tempels,
wer liebt, gelangt zum Schrein.

70

Hab, Blume, Mitleid mit dem Wurm,
er ist keine Biene,
seine Liebe ist blind und bedrückend.

71

Aus dem Schutt vom Triumph des Schreckens
bauen die Kinder ihr Puppenhaus.

72

Die Lampe wartet den Tag der Mißachtung lang
auf den Kuß der Flamme am Abend.

73

Federn liegen träg und zufrieden im Staub,
sie haben ihren Himmel vergessen.

74

Die Blume, die allein ist,
braucht nicht die Dornen zu beneiden,
die zahlreich sind.

75

Die Welt leidet am meisten unter der selbstlosen Tyrannei
der Wohlgesinnten.

76

Wir erlangen die Freiheit, wenn wir den vollen Preis
für unser Recht auf Leben bezahlt haben.

77

Deine leichtsinnigen Augenblicksgeschenke
fangen wie Kometen einer herbstlichen Nacht
Feuer in der Tiefe meines Seins.

78

Das Vertrauen, das im Herzen des Samenkorns wartet,
verspricht ein Wunder an Leben,
doch es kann es nicht auf einen Schlag hervorbringen.

79

Frühling zaudert am Tor des Winters,
doch die Mangoblüte bricht vor der Zeit
aus ihm hervor und findet ihr Verderben.

80

Die Welt ist der sich ewig wandelnde Schaum,
der über dem Meer des Schweigens dahintreibt.

 

Okt 6 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 21–50

21

Maiden, thy beauty is like a fruit
which is yet to mature,
tense with an unyielding secret.

22

Sorrow that has lost its memory
is like the dumb dark hours
that have no bird songs
but only the cricket’s chirp.

23

Bigotry tries to keep truth safe in its hand
with a grip that kills it.
Wishing to hearten a timid lamp
great night lights all her stars.

24

Though he holds in his arms the earth-bride,
the sky is ever immensely away.

25

God seeks comrades and claims love,
the Devil seeks slaves and claims obedience.

26

The child ever dwells in the mystery of ageless time,
unobscured by the dust of history.

27

A light laughter in the steps of creation
carries it swiftly across time.

28

The soil in return for her service
keeps the tree tied to her,
the sky asks nothing and leaves it free.

29

Jewel-like immortal
does not boast of its length of years
but of the scintillating point of its moment.

30

One who was distant came near to me in the morning,
and still nearer when taken away by night

31

White and pink oleanders meet
and make merry in different dialects.

32

When peace is active sweeping its dirt, it is storm.

33

The lake lies low by the hill,
a tearful entreaty of love
at the foot of the inflexible.

34

There smiles the Divine Child
among his playthings of unmeaning clouds
and ephemeral lights and shadows.

35

The breeze whispers to the lotus,
‘What is thy secret? ‘
‘It is myself,’ says the lotus,
‘Steal it and I disappear! ‘

36

The freedom of the storm and the bondage of the stem
join hands in the dance of swaying branches.

37

The jasmine’s lisping of love to the sun is her flowers.

38

The tyrant claims freedom to kill freedom
and yet to keep it for himself.

39

Gods, tired of their paradise, envy man.

40

Clouds are hills in vapour,
hills are clouds in stone, —
a phantasy in time’s dream.

41

While God waits for His temple to be built of love,
men bring stones.

42

I touch God in my song
as the hill touches the far-away sea
with its waterfall.

43

Light finds her treasure of colours
through the antagonism of clouds.

44

My heart to-day smiles at its past night of tears
like a wet tree glistening in the sun
after the rain is over.

45

I have thanked the trees that have made my life fruitful,
but have failed to remember the grass
that has ever kept it green.

46

The one without second is emptiness,
the other one makes it true.

47

Life’s errors cry for the merciful beauty
that can modulate their isolation
into a harmony with the whole.

48

They expect thanks for the banished nest
because their cage is shapely and secure.

49

In love I pay my endless debt to thee
for what thou art.

50

The pond sends up its lyrics from its dark in lilies,
and the sun says, they are good.

 

Glühwürmchen 21–50

21

Deine Schönheit, Mädchen, gleicht einer Frucht,
die noch nicht reif ist,
über ein Geheimnis gespannt, das nicht nachgibt.

22

Traurigkeit, die ihren Grund nicht kennt,
gleich den stummen, dunklen Stunden
ohne Vogelgesang,
wenn allein Grillen zirpen.

23

Bigotterie sucht die Wahrheit fest in der Hand zu halten,
doch ihr Griff tötet sie.
Um eine scheue Lampe zu beschirmen,
entzündet die große Nacht all ihre Sterne.

24

Auch wenn er Braut Erde in Armen hält,
bleibt der Himmel stets unendlich fern.

25

Gott sucht Gefährten und will Liebe,
der Teufel sucht Sklaven und will Gehorsam.

26

Das Kind weilt stets im Geheimnis altersloser Zeit,
die der Staub der Geschichte nicht verdunkelt.

27

Ein leichtes Lachen trägt die Schöpfung
raschen Schrittes jenseits der Zeit.

28

Die Erde fesselt als Entgelt für ihren Dienst
den Baum an sich,
der Himmel fordert nichts und läßt ihn frei.

29

Der Juwel der Ewigkeit
rühmt sich nicht der Dauer seiner Jahre,
sondern der funkelnden Krone seines Augenblicks.

30

Der fern war, trat mir nahe am Morgen
und näher noch, da Nacht ihn mir entriß.

31

Weißer und rosa Oleander begegnen sich
und plaudern ausgelassen in verschiedenen Mundarten.

32

Wenn der Friede seinen Unrat ausfegt, gibt es Sturm.

33

Der See liegt tief unter dem Hügel,
eine Träne, die um Liebe fleht
am Fuß des Unerbittlichen.

34

Dort lächelt das göttliche Kind,
umgeben von seinen Spielsachen, nichtigen Wolken
und flüchtigen Lichtern und Schatten.

35

Der Lufthauch flüstert zum Lotus:
„Was ist dein Geheimnis?“
„Ich bin es selbst“, sagt der Lotus,
„raube es mir und ich verlösche!“

36

Die Freiheit des Sturms und die Knechtschaft des Stamms
tanzen Hand in Hand in den wehenden Zweigen.

37

Was der Jasmin in Liebe der Sonne flüstert, sind seine Blüten.

38

Der Tyrann beansprucht Freiheit, um die Freiheit zu töten
und sie sich doch vorzubehalten.

39

Die Götter, ihres Paradieses überdrüssig, beneiden den Menschen.

40

Wolken sind Hügel aus Dunst,
Hügel sind Wolken aus Stein –
ein Traumbild im Traum der Zeit.

41

Während Gott erwartet, Sein Tempel werde aus Liebe errichtet,
schleppen die Menschen Steine herbei.

42

Ich berühre Gott in meinem Lied,
wie der Berg das ferne Meer berührt
mit seinem Wasserfall.

43

Das Licht findet sein Kleinod von Farben
in der Zwietracht der Wolken.

44

Mein Herz lächelt heute über seine vergangene Nacht der Tränen
wie ein nasser Baum, der nach dem Ende des Regens
in der Sonne glitzert.

45

Ich habe den Bäumen gedankt, die mein Leben fruchtbar machten,
doch vergaß ich die Gräser,
die es immer umgrünten.

46

Eines ohne ein Zweites ist Leere,
das andere erst macht es wahr.

47

Die Irrtümer des Lebens rufen nach barmherziger Schönheit,
die ihre Verlorenheit in die Harmonie
des Ganzes einzufügen vermag.

48

Sie erwarten sich Dank für das Nest im Abseits,
weil ihr Käfig wohlgeformt und sicher ist.

49

Ich begleiche dir in Liebe meine unermeßliche Schuld,
die was du bist mir auferlegt.

50

Der Teich sendet seine Gedichte aus dem Dunkel in Lilien empor,
und die Sonne sagt, sie sind gut.

 

Okt 5 18

Rabindranath Tagore, Fireflies 1–20

1

My fancies are fireflies, –
Specks of living light
twinkling in the dark.

2

The voice of wayside pansies,
that do not attract the careless glance,
murmurs in these desultory lines.

3

In the drowsy dark caves of the mind
dreams build their nest with fragments
dropped from day’s caravan.

4

Spring scatters the petals of flowers
that are not for the fruits of the future,
but for the moment’s whim.

5

Joy freed from the bond of earth’s slumber
rushes into numberless leaves,
and dances in the air for a day.

6

My words that are slight
may lightly dance upon time’s waves
when my works heavy with import have gone down.

7

Mind’s underground moths
grow filmy wings
and take a farewell flight
in the sunset sky.

8

The butterfly counts not months but moments,
and has time enough.

9

My thoughts, like spark, ride on winged surprises,
carrying a single laughter.

10

The tree gazes in love at its own beautiful shadow
which yet it never can grasp.

11

Let my love, like sunlight, surround you
and yet give you illumined freedom.

12

Days are coloured bubbles
that float upon the surface of fathomless night.

13

My offerings are too timid to claim your remembrance,
and therefore you may remember them.

14

Leave out my name from the gift
if it be a burden,
but keep my song.

15

April, like a child,
writes hieroglyphs on dust with flowers,
wipes them away and forgets.

16

Memory, the priestess,
kills the present
and offers its heart to the shrine of the dead past.

17

From the solemn gloom of the temple
children run out to sit in the dust,
God watches them play
and forgets the priest.

18

My mind starts up at some flash
on the flow of its thoughts
like a brook at a sudden liquid note of its own
that is never repeated.

19

In the mountain, stillness surges up
to explore its own height;
in the lake, movement stands still
to contemplate its own depth.

20

The departing night’s one kiss
on the closed eyes of morning
glows in the star of dawn.

 

Glühwürmchen

1
Meine Phantasien sind Glühwürmchen –
Pünktchen lebendigen Lichts,
die in der Dunkelheit aufblitzen.

2

Die Stimme der Stiefmütterchen am Wegrand,
an denen der achtlose Blick vorüberstreift,
flüstert in diesen hingeworfenen Versen.

3

In den schlummerdunklen Höhlen des Geistes
bauen Träume ihr Nest aus Abfällen,
die von der Karawane des Tages fielen.

4

Der Frühling zerstreut die Blüten der Blumen,
die nicht den Früchten der Zukunft dienen,
sondern der Laune des Augenblicks.

5

Freude, gelöst von der Fesseln irdischen Schlafs,
raschelt in den zahllosen Blättern
und tanzt für einen Tag in der Luft.

6

Mögen meine Worte, die schlicht sind,
leicht tanzen auf den Wogen der Zeit,
wenn meine bedeutungsschweren Werke untergegangen sind.

7

Den unterirdischen Motten des Geistes
wachsen hauchdünne Flügel,
sie schwirren zum Abschiedsflug
ins Licht der untergehenden Sonne.

8

Der Schmetterling zählt nicht Monate, sondern Augenblicke
und hat doch Zeit genug.

9

Meine Gedanken schweben wie Funken auf Flügeln des Staunens,
ein jeder bringt ein Lachen mit.

10

Der Baum wirft seinem schönen Schatten verliebte Blicke zu,
doch kann er ihn niemals fassen.

11

Laß meine Liebe dich wie das Sonnenlicht umgeben
und dir doch Freiheit lassen im Licht.

12

Die Tage sind bunte Seifenblasen,
die auf der Oberfläche der unergründlichen Nacht treiben.

13

Meine Gaben sind zu scheu, um dir im Gedächtnis zu bleiben,
und darum magst du dich ihrer erinnern.

14

Tilge meinen Namen von der Gabe,
wenn er eine Last ist,
doch bewahre mein Lied.

15

April malt, einem Kind gleich,
Hieroglyphen in den Staub mit Blumen,
wischt sie wieder weg und vergißt sie.

16

Erinnerung, die Priesterin,
tötet die Gegenwart
und macht ihr Herz zum Schrein für die tote Vergangenheit.

17

Aus der erhabenen Düsternis des Tempels
laufen die Kinder nach draußen, um im Staub zu sitzen,
Gott schaut ihnen beim Spielen zu
und vergißt den Priester.

18

Mein Geist erwacht von Blitzen
auf dem Strom seiner Gedanken
wie ein Bach von seinem eigenen jähen Wasserklang,
der nie wiederholt wird.

19

Im Gebirge wallt die Stille auf,
um ihre Höhe zu erkunden;
im See hält die Bewegung inne,
um ihre Tiefe zu betrachten.

20

Der Abschiedskuß der Nacht
auf die geschlossenen Augen des Morgens
erglüht im Stern der Dämmerung.

 

Okt 4 18

Francis Jammes, Au beau soleil qui sonnait

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

Au beau soleil qui sonnait, de pauvres femmes,
au seuil d’une maison pauvre comme mon âme,
désignaient quelque chose.

On entendait un char.

Sur les coteaux marrons le ciel était en nacre
comme les écailles d’huîtres en arc-en-ciel.
Le chemin grimpait, doux comme un grand sommeil,
et les poules chaudes ondulaient dans la poussière,
avec, sous les ailes, un roseau en lumière.

Une autre femme à un enfant cherchait des poux.

Un coq chantait.
Une pie volait.
Tout était doux.

On allait inoculer de la tuberculine
à la pauvre vache qui tousse et qui s’escrime.
Les pieux de la haie, près des lierres étaient roses
comme ta bouche, amie aimée à la main douce…

 

In der schönen Sonne, die ertönte

In der schönen Sonne, die ertönte, deuteten arme Frauen
auf der Schwelle eines Hauses, arm wie meine Seele,
auf irgendetwas hin.

Man hörte einen Karren.

Über den braunen Hügeln war der Himmel aus Perlmutt
wie das Schildpatt der Austern vom Schimmer des Regenbogens.
Der Weg rankte sich empor, sanft wie ein tiefer Schlaf,
und die warmen Hennen schlängelten sich durch den Staub,
unter den Flügeln Schilfgras aus Licht.

Eine andere Frau lauste ein Kind.

Ein Hahn krähte.
Eine Elster flog auf.
Alles war weich.

Man machte sich daran, die arme Kuh gegen Tuberkulose zu impfen,
sie hustete und quälte sich.
Die Pfähle der Hecken nahe beim Efeu waren rosarot
wie dein Mund, geliebte Freundin, hinter deiner süßen Hand …

 

Okt 3 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 261–326

261

Let your music, like a sword, pierce the noise of the market to its heart.

262

The trembling leaves of this tree touch my heart like the fingers of an infant child.

263

This sadness of my soul is her bride’s veil.
It waits to be lifted in the night.

264

The little flower lies in the dust.
It sought the path of the butterfly.

265

I am in the world of the roads. The night comes. Open thy gate, thou world of the home.

266

I have sung the songs of thy day. In the evening let me carry thy lamp through the stormy path.

267

I do not ask thee into the house.
Come into my infinite loneliness, my Lover.

268

Death belongs to life as birth does. The walk is in the raising of the foot as in the laying of it down.

269

I have learnt the simple meaning of thy whispers in flowers and sunshine–teach me to know thy words in pain and death.

270

The night’s flower was late when the morning kissed her, she shivered and sighed and dropped to the ground.

271

Through the sadness of all things I hear the crooning of the Eternal Mother.

272

I came to your shore as a stranger, I lived in your house as a guest, I leave your door as a friend, my earth.

273

Let my thoughts come to you, when I am gone, like the afterglow of sunset at the margin of starry silence.

274

Light in my heart the evening star of rest and then let the night whisper to me of love.

275

I am a child in the dark.
I stretch my hands through the coverlet of night for thee, Mother.

276

The day of work is done. Hide my face in your arms, Mother. Let me dream.

277

The lamp of meeting burns long; it goes out in a moment at the parting.

278

One word keep for me in thy silence, O World, when I am dead, “I have loved.”

279

We live in this world when we love it.

280

Let the dead have the immortality of fame, but the living the immortality of love.

281

I have seen thee as the half-awakened child sees his mother in the dusk of the dawn and then smiles and sleeps again.

282

I shall die again and again to know that life is inexhaustible.

283

While I was passing with the crowd in the road I saw thy smile from the balcony and I sang and forgot all noise.

284

Love is life in its fulness like the cup with its wine.

285

They light their own lamps and sing their own words in their temples.
But the birds sing thy name in thine own morning light,–for thy name is joy.

286

Lead me in the centre of thy silence to fill my heart with songs.

287

Let them live who choose in their own hissing world of fireworks. My heart longs for thy stars, my God.

288

Love’s pain sang round my life like the unplumbed sea, and love’s joy sang like birds in its flowering groves.

289

Put out the lamp when thou wishest.
I shall know thy darkness and shall love it.

290

When I stand before thee at the day’s end thou shalt see my scars and know that I had my wounds and also my healing.

291

Some day I shall sing to thee in the sunrise of some other world, “I have seen thee before in the light of the earth, in the love of man.”

292

Clouds come floating into my life from other days no longer to shed rain or usher storm but to give colour to my sunset sky.

293

Truth raises against itself the storm that scatters its seeds broadcast.

294

The storm of the last night has crowned this morning with golden peace.

295

Truth seems to come with its final word; and the final word gives birth to its next.

296

Blessed is he whose fame does not outshine his truth.

297

Sweetness of thy name fills my heart when I forget mine–like thy morning sun when the mist is melted.

298

The silent night has the beauty of the mother and the clamorous day of the child.

299

The world loved man when he smiled. The world became afraid of him when he laughed.

300

God waits for man to regain his childhood in wisdom.

301

Let me feel this world as thy love taking form, then my love will help it.

302

Thy sunshine smiles upon the winter days of my heart, never doubting of its spring flowers.

303

God kisses the finite in his love and man the infinite.

304

Thou crossest desert lands of barren years to reach the moment of fulfilment.

305

God’s silence ripens man’s thoughts into speech.

306

Thou wilt find, Eternal Traveller, marks of thy footsteps across my songs.

307

Let me not shame thee, Father, who displayest thy glory in thy children.

308

Cheerless is the day, the light under frowning clouds is like a punished child with traces of tears on its pale cheeks, and the cry of the wind is like the cry of a wounded world. But I know I am travelling to meet my Friend.

309

To-night there is a stir among the palm leaves, a swell in the sea, Full Moon, like the heart throb of the world. From what unknown sky hast thou carried in thy silence the aching secret of love?

310

I dream of a star, an island of light, where I shall be born and in the depth of its quickening leisure my life will ripen its works like the ricefield in the autumn sun.

311

The smell of the wet earth in the rain rises like a great chant of praise from the voiceless multitude of the insignificant.

312

That love can ever lose is a fact that we cannot accept as truth.

313

We shall know some day that death can never rob us of that which our soul has gained, for her gains are one with herself.

314

God comes to me in the dusk of my evening with the flowers from my past kept fresh in his basket.

315

When all the strings of my life will be tuned, my Master, then at every touch of thine will come out the music of love.

316

Let me live truly, my Lord, so that death to me become true.

317

Man’s history is waiting in patience for the triumph of the insulted man.

318

I feel thy gaze upon my heart this moment like the sunny silence of the morning upon the lonely field whose harvest is over.

319

I long for the Island of Songs across this heaving Sea of Shouts.

320

The prelude of the night is commenced in the music of the sunset, in its solemn hymn to the ineffable dark.

321

I have scaled the peak and found no shelter in fame’s bleak and barren height. Lead me, my Guide, before the light fades, into the valley of quiet where life’s harvest mellows into golden wisdom.

322

Things look phantastic in this dimness of the dusk–the spires whose bases are lost in the dark and tree tops like blots of ink. I shall wait for the morning and wake up to see thy city in the light.

323

I have suffered and despaired and known death and I am glad that I am in this great world.

324

There are tracts in my life that are bare and silent. They are the open spaces where my busy days had their light and air.

325

Release me from my unfulfilled past clinging to me from behind making death difficult.

326

Let this be my last word, that I trust in thy love.

 

Verirrte Vögel 261–326

261

Dringe mit deiner Musik wie mit einem Schwert dem Lärm des Markts ins Herz.

262

Die bebenden Blätter dieses Baumes rühren mich an wie die Finger eines Säuglings.

263

Die Traurigkeit meiner Seele ist ihr Brautschleier.
Er wartet darauf, in der Nacht gelüftet zu werden.

264

Die kleine Blume liegt im Staub.
Sie lief dem Schmetterling nach.

265

Ich bin unterwegs. Es wird Nacht. Öffne, Heimat, dein Tor.

266

Ich habe die Lieder des Tages gesungen. Laß mich am Abend deine Leuchte auf dem stürmischen Pfad tragen.

267

Ich lade dich nicht ins Haus ein.
Komm, Geliebter, in meine grenzenlose Einsamkeit.

268

Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt. Beim Gehen muß man die Füße anheben und wieder auf den Boden setzen.

269

Ich habe deine klare Botschaft vernommen im Flüstern der Blumen und im Sonnenschein – lehre mich deine Worte in Leiden und Tod.

270

Es war zu spät, da sich die Blume der Nacht dem Kuß des Morgens hingab, sie zitterte und seufzte und sank zu Boden.

271

In der Traurigkeit aller Wesen höre ich den leisen Sing-Sang der ewigen Mutter.

272

Ich kam als Fremder an deine Küste, lebte als Gast in deinem Haus und als Freund schließe ich die Tür hinter mir, o Erde.

273

Laß meine Gedanken zu dir kommen, wenn ich Abschied nahm, gleich dem Nachleuchten des Abendrots am Saum der gestirnten Stille.

274

Laß den Abendstern der Stille in mein Herz strahlen und die Nacht mir flüstern von Liebe.

275

Ich bin ein Kind im Dunkeln.
Ich strecke meine Hände über die Bettdecke der Nacht zu dir, Mutter.

276

Das Tagwerk ist getan. Berge mein Gesicht in deinen Armen, Mutter. Laß mich träumen.

277

Die Lampe der Begegnung brennt lange; sie erlischt im Augenblick des Abschieds.

278

Dies eine Wort bewahre mir in deiner Stille, o Welt, wenn ich tot bin: „Ich habe geliebt.“

279

Wir leben in dieser Welt, wenn wir sie lieben.

280

Laß den Toten die Unsterblichkeit des Ruhms, den Lebenden aber die Unsterblichkeit der Liebe.

281

Ich sah dich wie ein kaum erwachtes Kind seine Mutter im Dämmer des Morgengrauens sieht, lächelt und wieder einschläft.

282

Ich soll wieder und wieder sterben um zu begreifen, daß das Leben unerschöpflich ist.

283

Als ich unter all den Leuten die Straße entlangging, sah ich dich vom Balkon her lächeln und ich sang und vergaß den ganzen Lärm.

284

Liebe ist die Fülle des Lebens wie die Schale, die überschäumt von Wein.

285

Sie entfachen ihre Leuchter und singen ihre Lieder in ihren Tempeln.
Aber die Vögel singen deinen Namen in deinem Morgenlicht – denn dein Name ist Freude.

286

Führe mich zum Mittelpunkt deiner Stille und erfülle mein Herz mit Liedern.

287

Laß sie nur leben in ihrer zischenden Welt von Feuerwerken. Mein Herz sehnt sich nach deinen Sternen, mein Gott.

288

Der Schmerz der Liebe umgab mein Leben mit Gesang wie das unauslotbare Meer und die Freude der Liebe wie Vögel in ihren blühenden Hainen.

289

Lösch die Lampe, wenn du willst.
Ich werde dein Dunkel kennen und werde es lieben.

290

Wenn ich am Ende des Tages vor dir stehe, sollst du meine Narben sehen und erkennen, ich wurde verwundet und wieder geheilt.

291

Eines Tages werde ich im Sonnenaufgang einer anderen Welt zu dir singen: „Ich habe dich zuvor im Licht der Erde gesehen und in der Liebe des Menschen.“

292

Wolken schweben heran in mein Leben aus anderen Tagen, doch bringen sie keinen Regen mehr oder Sturm, sondern färben den Sonnenuntergang an meinem Himmel.

293

Die Wahrheit erhebt den Sturm gegen sich, der ihre Samen in alle Richtungen ausstreut.

294

Der Sturm der vergangenen Nacht hat diesen Morgen mit goldenem Frieden gekrönt.

295

Die Wahrheit scheint mit ihrem letzten Wort zu kommen; und das letzte Wort ist die Wiege eines neuen.

296

Gesegnet, wessen Ruhm seine Wahrheit nicht überstrahlt.

297

Die Süße deines Namens erfüllt mein Herz, wenn ich meiner vergesse – der Morgensonne gleich, wenn der Nebel zerronnen ist.

298

Die schweigende Nacht hat die Schönheit der Mutter und der lärmende Tag die Schönheit des Kinds.

299

Die Welt liebte den Menschen, als er lächelte. Die Welt erschrak vor ihm, als er lachte.

300

Gott erwartet vom Menschen, daß er seine Kindheit in Weisheit wiedererlangt.

301

Laß mich fühlen, wie diese Welt die Gestalt deiner Liebe annimmt; dann wird auch meine Liebe sie mitgestalten.

302

Der Sonnenschein breitet ein Lächeln über die Wintertage meines Herzens, das keinen Augenblick am Frühling seiner Blumen zweifelt.

303

Gott küßt in seiner Liebe das Endliche, der Mensch das Unendliche.

304

Du wanderst durch die Wüste der dürren Jahre, um den Augenblick der Fülle zu erreichen.

305

Gottes Schweigen läßt die Gedanken des Menschen zur Sprache reifen.

306

Du willst, ewiger Wanderer, deine Fußspuren in meinen Liedern wiederfinden.

307

Laß mich dich nicht beschämen, Vater, der du deine Herrlichkeit in deinen Kindern scheinen läßt.

308

Freudlos ist der Tag, das Licht unter den finsteren Wolken gleicht einem bestraften Kind, dem Tränen die bleichen Wangen herabrinnen, und das Ächzen des Windes gleicht dem Stöhnen der verwundeten Welt. Doch ich weiß, daß ich unterwegs bin, um meinen Freund zu treffen.

309

In dieser Nacht geht ein Wehen durch die Blätter der Palmen, das Meer schwillt an, der Mond ist voll wie das Herzklopfen der Welt. Aus welchem unbekannten Himmel hast du das schmerzliche Geheimnis der Liebe in dein Schweigen getragen?

310

Ich träume von einem Stern, einer Insel des Lichts, wo ich geboren werde und in der Tiefe seiner erquickenden Muße mein Leben sein Werk vollendet wie das Reisfeld unter der herbstlichen Sonne.

311

Der Duft der nassen Erde im Regen erhebt sich wie ein großer Lobgesang aus der stimmlosen Menge des Unscheinbaren.

312

Daß Liebe jemals verlieren kann, ist eine Tatsache, deren Wahrheit wir nicht akzeptieren können.

313

Wir werden eines Tages erkennen, daß der Tod uns niemals dessen berauben kann, was unsere Seele erworben hat, denn ihr Ertrag ist eins mit ihr selbst.

314

Gott kommt zu mir in der Dämmerung meines Abends mit den Blumen meiner Vergangenheit, die er in seinem Korb in voller Blüte bewahrt hat.

315

Wenn alle Saiten meines Lebens gestimmt sein werden, mein Meister, werden sie bei jeder deiner Berührungen von der Musik der Liebe ertönen.

316

Laß mich, mein Gott, wahrhaftig leben, auf daß der Tod mir sein wahres Gesicht zeigt.

317

Die Geschichte der Menschheit ist das geduldige Warten auf den Triumph des erniedrigten Menschen.

318

Ich empfinde deinen Blick auf meinem Herzen in diesem Moment wie das durchsonnte Schweigen des Morgens auf dem einsamen Feld, dessen Ernte eingebracht ist.

319

Ich sehne mich nach der Insel der Lieder jenseits dieser wogenden See von Schreien.

320

Das Präludium der Nacht hat mit der Musik des Sonnenuntergangs begonnen, mit der feierlichen Hymne auf das unsagbare Dunkel.

321

Ich habe den Gipfel erklommen und fand keine Zuflucht in der kahlen und unfruchtbaren Höhe des Ruhms. Geleite mich, mein Lenker, bevor das Licht schwindet, in das Tal der Ruhe, wo die Ernte des Lebens zu goldener Weisheit reift.

322

Die Dinge wirken geisterhaft in dieser Düsternis der Abenddämmerung – die verschnörkelten Spitzen der Türme, deren Fundament sich im Dunkel verliert, und die Wipfel der Bäume wie Tintenkleckse. Ich werde auf den Morgen warten und wach sein, um die Stadt im Licht zu sehen.

323

Ich habe gelitten und war verzweifelt, ich habe den Tod kennengelernt und bin froh, in dieser großen Welt zu sein.

324

Es gibt Gebiete meines Lebens, die sind kahl und stumm. Es sind die offenen Räume, an denen meine geschäftigen Tage Licht und Luft hatten.

325

Befreie mich von meiner unerfüllten Vergangenheit, die sich von hinten an mich klammert und den Tod schwer macht.

326

Laß dies mein letztes Wort sein: Ich vertraue auf deine Liebe.

 

Okt 2 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 201–260

201

The wasp thinks that the honey-hive of the neighbouring bees is too small.
His neighbours ask him to build one still smaller.

202

“I cannot keep your waves,” says the bank to the river.
“Let me keep your footprints in my heart.”

203

The day, with the noise of this little earth, drowns the silence of all worlds.

204

The song feels the infinite in the air, the picture in the earth, the poem in the air and the earth;
For its words have meaning that walks and music that soars.

205

When the sun goes down to the West, the East of his morning stands before him in silence.

206

Let me not put myself wrongly to my world and set it against me.

207

Praise shames me, for I secretly beg for it.

208

Let my doing nothing when I have nothing to do become untroubled in its depth of peace like the evening in the seashore when the water is silent.

209

Maiden, your simplicity, like the blueness of the lake, reveals your depth of truth.

210

The best does not come alone. It comes with the company of the all.

211

God’s right hand is gentle, but terrible is his left hand.

212

My evening came among the alien trees and spoke in a language which my morning stars did not know.

213

Night’s darkness is a bag that bursts with the gold of the dawn.

214

Our desire lends the colours of the rainbow to the mere mists and vapours of life.

215

God waits to win back his own flowers as gifts from man’s hands.

216

My sad thoughts tease me asking me their own names.

217

The service of the fruit is precious, the service of the flower is sweet, but let my service be the service of the leaves in its shade of humble devotion.

218

My heart has spread its sails to the idle winds for the shadowy island of anywhere.

219

Men are cruel, but Man is kind.

220

Make me thy cup and let my fulness be for thee and for thine.

221

The storm is like the cry of some god in pain whose love the earth refuses.

222

The world does not leak because death is not a crack.

223

Life has become richer by the love that has been lost.

224

My friend, your great heart shone with the sunrise of the East like the snowy summit of a lonely hill in the dawn.

225

The fountain of death makes the still water of life play.

226

Those who have everything but thee, my God, laugh at those who have nothing but thyself.

227

The movement of life has its rest in its own music.

228

Kicks only raise dust and not crops from the earth.

229

Our names are the light that glows on the sea waves at night and then dies without leaving its signature.

230

Let him only see the thorns who has eyes to see the rose.

231

Set bird’s wings with gold and it will never again soar in the sky.

232

The same lotus of our clime blooms here in the alien water with the same sweetness, under another name.

233

In heart’s perspective the distance looms large.

234

The moon has her light all over the sky, her dark spots to herself.
Do not say, “It is morning,” and dismiss it with a name of yesterday.

235

See it for the first time as a new-born child that has no name.

236

Smoke boasts to the sky, and ashes to the earth, that they are brothers to the fire.

237

The raindrop whispered to the jasmine, “Keep me in your heart for ever.”
The jasmine sighed, “Alas,” and dropped to the ground.

238

Timid thoughts, do not be afraid of me. I am a poet.

239

The dim silence of my mind seems filled with crickets’ chirp–the grey twilight of sound.

240

Rockets, your insult to the stars follows yourself back to the earth.

241

Thou hast led me through my crowded travels of the day to my evening’s loneliness.
I wait for its meaning through the stillness of the night.

242

This life is the crossing of a sea, where we meet in the same narrow ship.
In death we reach the shore and go to our different worlds.

243

The stream of truth flows through its channels of mistakes.

244

My heart is homesick to-day for the one sweet hour across the sea of time.

245

The bird-song is the echo of the morning light back from the earth.

246

“Are you too proud to kiss me?” the morning light asks the buttercup.

247

“How may I sing to thee and worship, O Sun?” asked the little flower.
“By the simple silence of thy purity,” answered the sun.

248

Man is worse than an animal when he is an animal.

249

Dark clouds become heaven’s flowers when kissed by light.

250

Let not the sword-blade mock its handle for being blunt.

251

The night’s silence, like a deep lamp, is burning with the light of its milky way.

252

Around the sunny island of Life swells day and night death’s limitless song of the sea.

253

Is not this mountain like a flower, with its petals of hills, drinking the sunlight?

254

The real with its meaning read wrong and emphasis misplaced is the unreal.

255

Find your beauty, my heart, from the world’s movement, like the boat that has the grace of the wind and the water.

256

The eyes are not proud of their sight but of their eyeglasses.

257

I live in this little world of mine and am afraid to make it the least less. Lift me into thy world and let me have the freedom gladly to lose my all.

258

The false can never grow into truth by growing in power.

259

My heart, with its lapping waves of song, longs to caress this green world of the sunny day.

260

Wayside grass, love the star, then your dreams will come out in flowers.

 

Verirrte Vögel 201–260

201

Die Wespe meint, der Bienenstock der Bienen von nebenan sei zu klein.
Ihre Nachbarn baten sie, einen noch kleineren zu bauen.

202

„Ich kann deine Wellen nicht tragen“, sagt der Strand zum Fluß.
„Laß mich deine Fußspuren im Herzen tragen.“

203

Der Tag übertönt mit dem Lärm dieses Fleckens Erde das Schweigen aller Welten.

204

Das Lied gibt ein Gefühl für das Unendliche in der Luft, das Bild für das Unendliche auf der Erde, das Gedicht für das Unendliche in der Luft und auf der Erde; denn seine Worte haben einen Sinn, der geht, und eine Melodie, die fliegt.

205

Geht die Sonne im Westen unter, steht der Osten seines Morgens vor ihm und schweigt.

206

Gib, daß ich mich nicht schief zur Welt stelle und sie gegen mich aufbringe.

207

Lob beschämt mich, denn heimlich bettele ich darum.

208

Gib, daß mein Müßiggang, wenn ich nichts zu tun habe, in der Tiefe seines Friedens ungestört bleibe wie der Abend an der Meeresküste, wenn die Wasser schweigen.

209

Deine Schlichtheit, Mädchen, verrät wie das Blau des Sees, wie tief deine Wahrheit ist.

210

Das Beste kommt nicht allein. Es kommt in Begleitung des Alls.

211

Gottes rechte Hand ist sanft, doch schrecklich ist seine linke.

212

Mein Abend nahte unter fremden Bäumen und sprach in einer Sprache, die meine Morgensterne nicht verstanden.

213

Die Dunkelheit der Nacht ist ein Beutel, der vom Gold der Morgendämmerung aufplatzt.

214

Unsere Wünsche leihen dem Nebel und Dunst des Lebens die Farben des Regenbogens.

215

Gott wartet darauf, daß ihm seine Blumen als Geschenk von der Hand des Menschen dargebracht werden.

216

Meine traurigen Gedanken quälen mich damit, sie nach ihrem Namen zu fragen.

217

Die Opfergabe der Früchte ist kostbar, die Opfergabe der Blumen ist sanft, doch laß mein Opfer das Opfer der Blätter im Schatten demütiger Verehrung sein.

218

Mein Herz hat seine Segel vor flauen Winden gehißt für die Reise zur Schatteninsel von irgendwo.

219

Die Menschen sind grausam, doch der Mensch ist freundlich.

220

Mach mich zu deinem Becher und ich will überschäumen für dich und das Deine.

221

Der Sturm gleicht dem Schmerzensschrei eines Gottes, dessen Liebe die Erde zurückweist.

222

Die Welt läuft nicht aus, denn der Tod ist kein Leck.

223

Das Leben wurde reicher um die verlorene Liebe.

224

Dein großes Herz, mein Freund, leuchtete im Sonnenaufgang wie der Gipfelschnee eines einsamen Berges in der Morgenröte.

225

Der Quell des Todes bringt das stille Wasser des Lebens zum Spielen.

226

Die alles haben außer dich, mein Gott, lachen über jene, die nichts haben als nur dich.

227

Die Bewegung des Lebens hat ihre Ruhe an der ihr eigenen Musik.

228

Tritte heben bloß Staub von der Erde, aber keine Frucht.

229

Unsere Namen sind das Licht, das nachts auf den Wogen des Meeres glüht und dann erlischt, ohne seine Namenszug zu hinterlassen.

230

Laß den bloß die Dornen sehen, dem die Augen übergehen vor den Rosen.

231

Schmücke die Flügel der Vögel mit Gold und sie werden sich nie wieder in die Lüfte schwingen.

232

Die Lotusblume meiner Heimat erblüht hier auf fremden Wassern mit derselben Anmut, nur unter anderem Namen.

233

Im Auge des Herzens scheint die Ferne noch ferner.

234

Der Mond hat sein Licht überall am Himmel, seine dunklen Flecken nur für sich selbst.

235

Sag nicht „Es ist Morgen“, und tue ihn ab mit einem Namen von gestern.
Betrachte ihn zum ersten Mal wie ein neugeborenes Kind, das noch keinen Namen hat.

236

Der Rauch prahlt vor dem Himmel, die Asche vor der Erde damit, sie seien Brüder des Feuers.

237

Der Regentropfen flüsterte dem Jasmin zu: „Bewahre mich für immer in deinem Herzen.“
Der Jasmin seufzte „Ach“ und sank auf die Erde.

238

Scheue Gedanken, habt keine Angst vor mir. Ich bin ein Dichter.

239

Die dämmrige Stille meines Geistes scheint erfüllt von Grillengezirp – das graue Zwielicht des Klangs.

240

Raketen, da ihr die Sterne beleidigt, fallt ihr zur Erde zurück.

241

Du hast mich über wimmelnde Wege des Tags zur Einsamkeit meines Abends geführt.
Ich harre, daß ihr Sinn sich aufschließt in der Stille der Nacht.

241

Dies Leben ist die Überfahrt über ein Meer, wo wir uns auf einem engen Schiff begegnen.
Im Tode erreichen wir die Küste und gehen auseinander zu unseren eigenen Welten.

243

Der Strom der Wahrheit fließt durch seine Kanäle von Irrtümern.

244

Mein Herz hat heute Heimweh nach der einen lieblichen Stunde jenseits des Meeres der Zeit.

245

Das Lied des Vogels ist das Echo des Morgenlichts, das die Erde zurückstrahlt.

246

„Bist du zu stolz, um mich zu küssen?“, fragt das Morgenlicht die Butterblume.

247

„Wie kann ich dir singen und womit dich verehren, o Sonne?“, fragte die kleine Blume.
„Mit der schlichten Stille deiner Reinheit“, antwortete die Sonne.

248

Der Mensch ist schlimmer als ein Tier, wenn er ein Tier ist.

249

Dunkle Wolken verwandeln sich in Blumen des Himmels, wenn das Licht sie küßt.

250

Die Klinge des Schwerts soll seinen Griff nicht verhöhnen, weil er stumpf ist.

251

Das Schweigen der Nacht glimmt wie eine Lampe in der Tiefe vom Licht seiner Milchstraße.

252

Rings um die sonnige Insel des Lebens schwillt Tag und Nacht des Todes nimmer endendes Lied vom Meer.

253

Ist dies Gebirge nicht einer Blume gleich, mit seinen Blütenblättern aus Hügeln, die das Sonnenlicht trinken?

254

Das Wirkliche wird, verliest man sich darin und betont es falsch, unwirklich.

255

Finde, mein Herz, deine Schönheit in der Bewegung der Welt wie das Boot, dem Wind und Wasser hold sind.

246

Die Augen machen nicht viel Aufhebens mit ihrem Augenlicht, sondern mit ihren Brillengläsern.

257

Ich lebe in dieser meiner kleinen Welt und bange um das Geringste, womit ich sie noch kleiner mache. Hebe mich empor in deine Welt und schenke mir die Freiheit, all das Meine freudig von mir abzustreifen.

258

Das Unwahre kann niemals ins Wahre emporsteigen, indem seine Macht ansteigt.

259

Mit den plätschernden Wellen seines Lieds sehnt sich mein Herz danach, die grüne Welt des sonnigen Tags zu liebkosen.

260

Gras am Wegesrand, liebe den Stern, dann werden deine Träume Blüten.

 

Okt 1 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 161–200

161

The cobweb pretends to catch dew-drops and catches flies.

162

Love! when you come with the burning lamp of pain in your hand, I can see your face and know you as bliss.

163

“The learned say that your lights will one day be no more.” said the firefly to the stars.
The stars made no answer.

164

In the dusk of the evening the bird of some early dawn comes to the nest of my silence.

165

Thoughts pass in my mind like flocks of ducks in the sky.
I hear the voice of their wings.

166

The canal loves to think that rivers exist solely to supply it with water.

167

The world has kissed my soul with its pain, asking for its return in songs.

168

That which oppresses me, is it my soul trying to come out in the open, or the soul of the world knocking at my heart for its entrance?

169

Thought feeds itself with its own words and grows.

170

I have dipped the vessel of my heart into this silent hour; it has filled with love.

171

Either you have work or you have not.
When you have to say, “Let us do something,” then begins mischief.

172

The sunflower blushed to own the nameless flower as her kin. The sun rose and smiled on it, saying, “Are you well, my darling?”

173

“Who drives me forward like fate?”
“The Myself striding on my back.”

174

The clouds fill the watercups of the river, hiding themselves in the distant hills.

175

I spill water from my water jar as I walk on my way.
Very little remains for my home.

176

The water in a vessel is sparkling; the water in the sea is dark. The small truth has words that are clear; the great truth has great silence.

177

Your smile was the flowers of your own fields, your talk was the rustle of your own mountain pines, but your heart was the woman that we all know.

178

It is the little things that I leave behind for my loved ones,– great things are for everyone.

179

Woman, thou hast encircled the world’s heart with the depth of thy tears as the sea has the earth.

180

The sunshine greets me with a smile. The rain, his sad sister, talks to my heart.

181

My flower of the day dropped its petals forgotten.
In the evening it ripens into a golden fruit of memory.

182

I am like the road in the night listening to the footfalls of its memories in silence.

183

The evening sky to me is like a window, and a lighted lamp, and a waiting behind it.

184

He who is too busy doing good finds no time to be good.
185

I am the autumn cloud, empty of rain, see my fulness in the field of ripened rice.

186

They hated and killed and men praised them.
But God in shame hastens to hide its memory under the green grass.

187

Toes are the fingers that have forsaken their past.

188

Darkness travels towards light, but blindness towards death.

189

The pet dog suspects the universe for scheming to take its place.

190

Sit still my heart, do not raise your dust.
Let the world find its way to you.

191

The bow whispers to the arrow before it speeds forth–”Your freedom is mine.”

192

Woman, in your laughter you have the music of the fountain of life.

193

A mind all logic is like a knife all blade.
It makes the hand bleed that uses it.

194

God loves man’s lamp lights better than his own great stars.

195

This world is the world of wild storms kept tame with the music of beauty.

196

“My heart is like the golden casket of thy kiss,” said the sunset cloud to the sun.

197

By touching you may kill, by keeping away you may possess.

198

The cricket’s chirp and the patter of rain come to me through the dark, like the rustle of dreams from my past youth.

199

“I have lost my dewdrop,” cries the flower to the morning sky that has lost all its stars.

200

The burning log bursts in flame and cries,–”This is my flower, my death.”

 

Verirrte Vögel 161–200

161

Das Spinnweb gibt vor, Tautropfen zu fangen, doch es fängt Fliegen.

162

Wenn du, Liebe, mit der brennenden Lampe des Schmerzes in deiner Hand nahst, kann ich dein Gesicht sehen und weiß in dir das Glück.

163

„Die Gelehrten sagen, euer Licht sei eines Tages erloschen“, sagte das Glühwürmchen zu den Sternen. Die Sterne blieben stumm.

164

In der Abenddämmerung kommt der Vogel manch eines Morgenrots in das Nest meines Schweigens.

165

Die Gedanken schweben durch meinen Geist wie Entenscharen am Himmel.
Ich höre das Rauschen ihrer Flügel.

166

Der Kanal liebt den Gedanken, die Flüsse seien nur dazu da, ihn mit Wasser zu versorgen.

167

Die Welt hat meine Seele mit ihren Schmerzen geküßt und erbat sich Lieder dafür.

168

Ist, was mich bedrückt, meine Seele, die nach draußen zu gelangen sucht, oder die Seele der Welt, die an das Tor meines Herzens klopft?

169

Der Gedanke nährt sich selbst mit eigenen Worten und reift heran.

170

Ich habe das Gefäß meines Herzens in diese stille Stunde getaucht; es hat sich mit Liebe gefüllt.

171

Entweder hast du Arbeit oder nicht.
Hast du welche, dann fängt das Unheil an, wenn du sagst: „Laß uns etwas unternehmen.“

172

Die Sonnenblume errötete, als sie die namenlose Blume als ihre Verwandte ansehen mußte. Die Sonne ging auf, lächelte ihr zu und sprach: „Geht es dir gut, mein Liebling?“

173

Wer treibt mich voran wie das Schicksal?
Mein Selbst, das hinter mir geht.

174

Die Wolken füllen die Becher des Flusses und verstecken sich hinter den fernen Hügeln.

175

Ich verschütte auf meinem Weg das Wasser aus meinem Krug.
Für zu Hause bleibt nicht viel übrig.

176

Das Wasser in der Schale glitzert; das Wasser im Meer ist dunkel. Die kleine Wahrheit findet Worte, die klar sind; die große Wahrheit hüllt sich in großes Schweigen.

177

Dein Lächeln war die Blume auf deinen Feldern, dein Wort das Rauschen der Kiefern auf deinen Bergen, doch dein Herz war die Frau, die wir alle kennen.

178

Die kleinen Dinge lasse ich für die Meinen zurück – die großen gehören allen.

179

Du hast, Frau, das Herz der Welt mit der Tiefe deiner Tränen umfangen wie das Meer die Erde.

180

Der Sonnenschein grüßt mich mit einem Lächeln. Der Regen, seine traurige Schwester, spricht zu meinem Herzen.

181

Meine Blume des Tages ließ ihre Blüten ins Vergessen fallen.
Am Abend reift sie heran zu einer goldenen Frucht der Erinnerung.

182

Ich bin wie der Weg in der Nacht, der den Schritten der Erinnerung lauscht, die in der Stille verhallen.

183

Der Abend ist mir wie ein Fenster und eine leuchtende Lampe und jemand, der hinter ihr wartet.

184

Wer sich im Guttun überhastet, findet keine Zeit, gut zu sein.

185

Ich bin die herbstliche Wolke, die sich leer geregnet hat, und erblicke meine Erfüllung im reifenden Reis der Felder.

186

Sie haßten und töteten und die Leute priesen sie.
Aber Gott vergräbt vor Scham ihr Gedächtnis eilig unter dem grünen Gras.

187

Zehen sind Finger, die ihre Vergangenheit hinter sich gelassen haben.

188

Dunkelheit zieht dem Licht entgegen, doch Blindheit dem Tod.

189

Der Schoßhund mißtraut dem Universum, als ob es seinen Platz einnehmen wolle.

190

Verharre still, mein Herz, wirble deinen Staub nicht auf.
Laß die Welt ihren Weg zu dir finden.

191

Der Bogen flüstert dem Pfeil zu, bevor er losschnellt: „Deine Freiheit ist meine Freiheit.“

192

Du hast, Frau, in deinem Lachen die Musik der Quelle des Lebens.

193

Ein Geist aus nichts als Logik ist wie ein Schwert aus nichts als der Klinge.
Die Hand, die es gebraucht, schneidet sich daran.

194

Gott liebt die Lampenlichter der Menschen mehr als seine eigenen großen Sterne.

195

Diese Welt ist die Welt wilder Stürme, gezähmt von der Musik der Schönheit.

196

„Mein Herz ist der goldene Schrein für deinen Kuß“, sagte die Wolke im Abendschimmer zur Sonne.

197

Deine Nähe kann töten, deine Ferne Besitz ergreifen.

198

Das Gezwitscher der Grillen und das Geplapper des Regens dringen durch das Dunkel an mein Ohr wie das Rascheln der Träume von meiner fernen Jugendzeit.

199

„Ich habe meinen Tautropfen verloren“, schreit die Blume zum Morgenhimmel, der all seine Sterne verloren hat.

200

Der brennende Holzscheit birst in Flammen auseinander und schreit: „Dies ist meine Blüte, mein Tod.“

 

Okt 1 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 101–160

101

The dust receives insult and in return offers her flowers.

102

Do not linger to gather flowers to keep them, but walk on, for flowers will keep themselves blooming all your way.

103

Roots are the branches down in the earth. Branches are roots in the air.

104

The music of the far-away summer flutters around the Autumn seeking its former nest.

105

Do not insult your friend by lending him merits from your own pocket.

106

The touch of the nameless days clings to my heart like mosses round the old tree.

107

The echo mocks her origin to prove she is the original.

108

God is ashamed when the prosperous boasts of His special favour.

109

I cast my own shadow upon my path, because I have a lamp that has not been lighted.

110

Man goes into the noisy crowd to drown his own clamour of silence.

111

That which ends in exhaustion is death, but the perfect ending is in the endless.

112

The sun has his simple robe of light. The clouds are decked with gorgeousness.

113

The hills are like shouts of children who raise their arms, trying to catch stars.
The road is lonely in its crowd for it is not loved.

114

The road is lonely in its crowd for it is not loved.

115

The power that boasts of its mischiefs is laughed at by the yellow leaves that fall, and clouds that pass by.

116

The earth hums to me to-day in the sun, like a woman at her spinning, some ballad of the ancient time in a forgotten tongue.

117

The grass-blade is worth of the great world where it grows.

118

Dream is a wife who must talk.
Sleep is a husband who silently suffers.

119

The night kisses the fading day whispering to his ear, “I am death, your mother. I am to give you fresh birth.”

120

I feel, thy beauty, dark night, like that of the loved woman when she has put out the lamp.

121

I carry in my world that flourishes the worlds that have failed.

122

Dear friend, I feel the silence of your great thoughts of many a deepening eventide on this beach when I listen to these waves.

123

The bird thinks it is an act of kindness to give the fish a lift in the air.

124

“In the moon thou sendest thy love letters to me,” said the night to the sun.
“I leave my answers in tears upon the grass.”

125

The Great is a born child; when he dies he gives his great childhood to the world.

126

Not hammerstrokes, but dance of the water sings the pebbles into perfection.

127

Bees sip honey from flowers and hum their thanks when they leave. The gaudy butterfly is sure that the flowers owe thanks to him.

128

To be outspoken is easy when you do not wait to speak the complete truth.

129

Asks the Possible to the Impossible, “Where is your dwelling place?”
“In the dreams of the impotent,” comes the answer.

130

If you shut your door to all errors truth will be shut out.

131

I hear some rustle of things behind my sadness of heart,–I cannot see them.

132

Leisure in its activity is work.
The stillness of the sea stirs in waves.

133

The leaf becomes flower when it loves.
The flower becomes fruit when it worships.

134

The roots below the earth claim no rewards for making the branches fruitful.

135

This rainy evening the wind is restless.
I look at the swaying branches and ponder over the greatness of all things.

136

Storm of midnight, like a giant child awakened in the untimely dark, has begun to play and shout.

137

Thou raisest thy waves vainly to follow thy lover. O sea, thou lonely bride of the storm.

138

“I am ashamed of my emptiness,” said the Word to the Work.
“I know how poor I am when I see you,” said the Work to the Word.

139

Time is the wealth of change, but the clock in its parody makes it mere change and no wealth.

140

Truth in her dress finds facts too tight.
In fiction she moves with ease.

141

When I travelled to here and to there, I was tired of thee, O Road, but now when thou leadest me to everywhere I am wedded to thee in love.

142

Let me think that there is one among those stars that guides my life through the dark unknown.

143

Woman, with the grace of your fingers you touched my things and order came out like music.

144

One sad voice has its nest among the ruins of the years.
It sings to me in the night,–”I loved you.”

145

The flaming fire warns me off by its own glow.
Save me from the dying embers hidden under ashes.

146

I have my stars in the sky, but oh for my little lamp unlit in my house.

147

The dust of the dead words clings to thee. Wash thy soul with silence.

148

Gaps are left in life through which comes the sad music of death.

149

The world has opened its heart of light in the morning.
Come out, my heart, with thy love to meet it.

150

My thoughts shimmer with these shimmering leaves and my heart sings with the touch of this sunlight; my life is glad to be floating with all things into the blue of space, into the dark of time.

151

God’s great power is in the gentle breeze, not in the storm.

152

This is a dream in which things are all loose and they oppress. I shall find them gathered in thee when I awake and shall be free.

153

“Who is there to take up my duties?” asked the setting sun.
“I shall do what I can, my Master,” said the earthen lamp.

154

By plucking her petals you do not gather the beauty of the flower.

155

Silence will carry your voice like the nest that holds the sleeping birds.

156

The Great walks with the Small without fear.
The Middling keeps aloof.

157

The night opens the flowers in secret and allows the day to get thanks.

158

Power takes as ingratitude the writhings of its victims.

159

When we rejoice in our fulness, then we can part with our fruits with joy.

160

The raindrops kissed the earth and whispered,–”We are thy homesick children, mother, come back to thee from the heaven.”

 

Verirrte Vögel 101–160

101

Der Staub wird geschmäht und vergilt es mit seinen Blumen.

102

Verweile nicht, um Blumen zu pflücken und sie aufzubewahren, die Blumen bewahren sich selbst und blühen auf all deinen Wegen.

103

Wurzeln sind Zweige, die in die Erde reichen. Zweige sind Wurzeln in der Luft.

104

Das Lied des fernen Sommers flattert durch den Herbst und sucht sein altes Nest.

105

Tue deinem Freund keinen Tort an, indem du ihm deine eigenen Medaillen umhängst.

106

Der namenlose Tag legt seine Wange an mein Herz wie das Moos sich um den alten Stamm.

107

Das Echo äfft seinen Ursprung nach und gibt vor, es sei originell.

108

Gott ist beschämt, wenn sich der Glückliche mit der von Ihm verliehenen Gunst brüstet.

109

Ich werfe meinen Schatten auf meinen Weg, denn die Lampe, die mir eigen, ward nicht angezündet.

110

Der Mensch mischt sich unter den Lärm der Menge und ertränkt das Geschrei seines Schweigens.

111

Tod heißt in der Erschöpfung enden, doch im Endlosen enden heißt Vollendung.

112

Die Sonne hat ihr schlichtes Kleid aus Licht. Die Wolken schmückt schillernde Pracht.

113

Die Hügel sind wie Rufe von Kindern, die ihre Arme recken und nach den Sternen greifen.

114

Der Weg ist einsam inmitten der Wege, denn keiner liebt ihn.

115

Die Macht, die sich ihrer Untaten rühmt, wird von den gelben Blättern verlacht, die herabfallen, und den Wolken, die vorüberziehen.

116

Heute summt die Erde für mich in der Sonne wie eine Frau beim Spinnen eine Ballade aus alter Zeit in einer vergessenen Sprache.

117

Der Grashalm ist der großen Welt wert, der er entsprießt.

118

Der Traum ist eine Frau, die plappern muß.
Der Schlaf ist ein Mann, der stumm leidet.

119

Die Nacht küßt den vergehenden Tag und flüstert ihm ins Ohr: „Ich bin der Tod, deine Mutter. Ich will dich wieder gebären.“

120

Ich empfinde deine Schönheit, dunkle Nacht, wie die der geliebten Frau, wenn sie die Lampe löscht.

121

Ich berge in meiner blühenden Welt die Welten, die untergegangen sind.

122

Mein lieber Freund, ich fühle die Stille deiner großen Gedanken oft in den Abenddämmerungen am Ufer dieses Meeres, wenn ich seinen Wellen lausche.

123

Der Vogel denkt, es sei eine freundliche Geste, wenn er den Fisch in die Luft hebt.

124

„Im Mondlicht sendest du mir deine Liebesbriefe“, sprach die Nacht zur Sonne.
„Ich beantworte sie mit Tränen auf dem Gras.“

125

Der große Mensch ist ein großes Kind; stirbt er, vermacht er der Welt seine große Kindheit.

126

Nicht Hammers Schlag, der Gesang des Wassers rundet den Kieselstein.

127

Die Bienen saugen Honig von den Blumen und summen ihren Dank, wenn sie davonfliegen. Der prachtvolle Schmetterling glaubt, die Blumen seien ihm zu Dank verpflichtet.

128

Man hat leicht reden, wenn man nicht darauf aus ist, die volle Wahrheit zu sagen.

129

Fragt das Mögliche das Unmögliche: „Wo ist deine Heimat?“
Seine Antwort: „In den Träumen des Ohnmächtigen.“

130

Wenn du dem Irrtum Tür und Riegel verschließt, sperrst du auch die Wahrheit aus.

131

Ich höre manch ein Ding rascheln hinter der Traurigkeit des Herzens – sehen kann ich es nicht.

132

Arbeit ist tätige Muße.
Die Meeresstille tobt in den Wogen.

133

Das Blatt wird Blüte: Es liebt.
Die Blüte wird Frucht: Sie opfert.

134

Die Wurzeln unter der Erde verlangen keinen Dank, wenn sie den Zweigen die Früchte nähren.

135

An diesem regnerischen Abend findet der Wind keine Ruhe.
Ich blicke auf das Wogen der Äste und sinne über die Größe aller Dinge.

136

Der Sturm der Mitternacht war wie ein riesiges Kind im eingebrochenen Dunkel erwacht und begann zu spielen und zu schreien.

137

Vergebens hast du deine Wogen erhoben, um deinem Liebhaber zu folgen. O Meer, du einsame Braut des Sturms.

138

„Ich schäme mich meiner Leere“, sagte das Wort zum Werk.
„Ich erkenne meine Armut, wenn ich auf dich schaue“, sagte das Werk zum Wort.

139

Die Zeit ist des Wandels Fülle, doch als Zerrbild der Uhr wird sie zum leeren Wandel.

140

Der Wahrheit ist das Kleid der Tatsachen zu eng.
In der Dichtung regt sie sich ungezwungen.

141

Als ich kreuz und quer reiste, wurde ich deiner müde, o Weg, doch nun, da du mich überall hinführst, bin ich mit dir in Liebe vermählt.

142

Laß mich glauben, da sei unter all den Sternen einer, der mein Leben durch die dunkle Fremdheit leitet.

143

Du hast, Frau, all das Meine mit der Anmut deiner Hände gestreift, und Ordnung kam hervor wie Musik.

144

Eine traurige Stimme hat ihr Nest in den Trümmern der Jahre.
Sie singt zu mir in der Nacht: „Ich habe dich geliebt.“

145

Die offene Flamme warnt mich mit ihrer eigenen Glut.
Bewahre mich vor der sterbenden Glut, die unter der Asche schläft.

146

Wohl sind mir Sterne am Himmel, doch weh meiner kleinen Lampe, die dunkel blieb im Haus.

147

Der Staub toter Worte klebt an dir. Wasche deine Seele mit Schweigen.

148

Durch die Lücken, die das Leben ließ, dringt die traurige Weise des Todes.

149

Die Welt hat am Morgen ihr Herz aus Licht entblößt.
Komm hervor, mein Herz, und begegne ihm in Liebe.

150

Meine Gedanken schimmern mit diesen schimmernden Blättern, und mein Herz singt unter der Berührung dieses Sonnenscheins; mein Leben ist froh, mit allen Dingen in das Blau des Raums zu schweben, in das Dunkel der Zeit.

151

Gottes große Macht ist im linden Lufthauch, nicht im Sturm.

152

Dies ist ein Traum, in dem nichts zusammenhängt und alles bedrückt. Ich werde alles in dir versammelt finden, wenn ich erwache und frei sein werde.

153

„Wer übernimmt meine Aufgabe?“, fragte die untergehende Sonne.
„Ich werde mein Bestes tun, mein Meister“, antwortete die irdene Lampe.

154

Wenn du ihre Blütenblätter pflückst, erntest du nicht die Schönheit der Blume.

155

Schweigen wird deine Stimme bergen wie das Nest, das die schlafenden Vögel umfaßt.

156

Der Große geht mit dem Kleinen furchtlos einher.
Der Mittelmäßige steht abseits.

157

Die Nacht öffnet heimlich die Blüten und gönnt es dem Tag, seinen Dank zu erhalten.

158

Die Macht nimmt es für ein Zeichen von Undank, wenn ihre Opfer sich winden.

159

Wenn wir wahrer Fülle genießen, können wir uns freudig von unseren Früchten trennen.

160

Die Regentropfen küßten die Erde und flüsterten: „Wir sind, Mutter, deine heimwehkranken Kinder und kommen vom Himmel zu dir zurück.“

 

Sep 30 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 61–100

61

Take my wine in my own cup, friend. It loses its wreath of foam when poured into that of others.

62

The Perfect decks itself in beauty for the love of the Imperfect.

63

God says to man, “I heal you therefore I hurt, love you therefore punish.”

64

Thank the flame for its light, but do not forget the lampholder standing in the shade with constancy of patience.

65

Tiny grass, your steps are small, but you possess the earth under your tread.

66

The infant flower opens its bud and cries, “Dear World, please do not fade.”

67

God grows weary of great kingdoms, but never of little flowers.

68

Wrong cannot afford defeat but Right can.

69

“I give my whole water in joy,” sings the waterfall, “though little of it is enough for the thirsty.”

70

Where is the fountain that throws up these flowers in a ceaseless outbreak of ecstasy?

71

The woodcutter’s axe begged for its handle from the tree. The tree gave it.

72

In my solitude of heart I feel the sigh of this widowed evening veiled with mist and rain.

73

Chastity is a wealth that comes from abundance of love.

74

The mist, like love, plays upon the heart of the hills and brings out surprises of beauty.

75

We read the world wrong and say that it deceives us.

76

The poet wind is out over the sea and the forest to seek his own voice.

77

Every child comes with the message that God is not yet discouraged of man.

78

The grass seeks her crowd in the earth.
The tree seeks his solitude of the sky.

79

Man barricades against himself.

80

Your voice, my friend, wanders in my heart, like the muffled sound of the sea among these listening pines.

80

Your voice, my friend, wanders in my heart, like the muffled sound of the sea among these listening pines.

81

What is this unseen flame of darkness whose sparks are the stars?

82

Let life be beautiful like summer flowers and death like autumn leaves.

83

He who wants to do good knocks at the gate; he who loves finds the gate open.

84

In death the many becomes one; in life the one becomes many. Religion will be one when God is dead.

85

The artist is the lover of Nature, therefore he is her slave and her master.

86

“How far are you from me, O Fruit?”
“I am hidden in your heart, O Flower.”

87

This longing is for the one who is felt in the dark, but not seen in the day.

88

“You are the big drop of dew under the lotus leaf, I am the smaller one on its upper side,” said the dewdrop to the lake.

89

The scabbard is content to be dull when it protects the keenness of the sword.

90

In darkness the One appears as uniform; in the light the One appears as manifold.

91

The great earth makes herself hospitable with the help of the grass.

92

The birth and death of the leaves are the rapid whirls of the eddy whose wider circles move slowly among stars.

93

Power said to the world, “You are mine.
The world kept it prisoner on her throne.
Love said to the world, “I am thine.”
The world gave it the freedom of her house.

94

The mist is like the earth’s desire. It hides the sun for whom she cries.

95

Be still, my heart, these great trees are prayers.

96

The noise of the moment scoffs at the music of the Eternal.

97

I think of other ages that floated upon the stream of life and love and death and are forgotten, and I feel the freedom of passing away.

98

The sadness of my soul is her bride’s veil. It waits to be lifted in the night.

99

Death’s stamp gives value to the coin of life; making it possible to buy with life what is truly precious.

100

The cloud stood humbly in a corner of the sky.
The morning crowned it with splendour.

 

Verirrte Vögel 61–100

61

Trinke, Freund, meinen Wein aus meinem Kelch. Er büßt den Perlenkranz aus Schaum ein, wird er in den eines anderen gegossen.

62

Das Perfekt schmückt sich mit Schönheit aus Liebe zum Imperfekt.

63

Gott spricht zum Menschen: „Ich heile dich, darum verletze ich, ich liebe dich, darum strafe ich.“

64

Sei der Flamme dankbar für das Licht, doch vergiß ihre Schale nicht, die im Schatten geduldig ausharrt.

65

Winziger Grashalm, deine Schritte sind klein, doch dir gehört die Erde darunter.

66

Die kindliche Blume öffnet ihre Blüte und schreit: „Liebe Welt, bitte welke nicht.“

67

Gott wird der großen Reiche müde, doch nie der kleinen Blumen.

68

Das Falsche kann sich keine Niederlage erlauben, doch das Richtige kann es.

69

„Ich gebe all mein Wasser freudig dahin“, singt der Wasserfall, „auch wenn der Durstige nur einer kleinen Menge davon bedarf.“

70

Wo ist der Springquell, der diese Blumen in einer grenzenlos brausenden Verzückung emporschleudert?

71

Die Axt des Holzfällers bat den Baum um ihren Griff. Der Baum gab ihn.

72

In der Einsamkeit des Herzens fühle ich das Seufzen dieses verwitweten Abends unter seinem Schleier aus Nebel und Regen.

73

Keuschheit ist ein Reichtum, der aus dem Überfluß an Liebe strömt.

74

Der Nebel spielt, wie die Liebe, auf dem Herzen der Hügel und gibt den Blick auf unvermutete Schönheiten frei.

75

Wir lesen die Welt falsch und sagen, sie täusche uns.

76

Der Dichter Wind zieht hin über Meer und Wald und sucht seine eigene Stimme.

77

Jedes Kind kommt mit der Botschaft zur Welt, daß Gott noch nicht völlig enttäuscht ist vom Menschen.

78

Das Gras sucht seine Gemeinschaft auf der Erde.
Der Baum sucht seine Einsamkeit am Himmel.

79

Der Mensch baut vor sich selbst Barrikaden auf.

80

Deine Stimme, mein Freund, wandert in meinem Herzen wie das dumpfe Brausen des Meers um die lauschenden Kiefern.

81

Welches ist die ungesehene Flamme der Dunkelheit, deren Funken die Sterne sind?

82

Das Leben sei schön wie Blumen des Sommers, der Tod sei wie herbstliche Blätter.

83

Wer Gutes tun will, klopft an die Tür; wer liebt, findet die Tür offen.

84

Im Tode wird das Viele eines; im Leben das Eine vieles. Gibt es nur noch eine Religion, ist Gott tot.

85

Der Künstler ist der Liebhaber der Natur, darum ist er ihr Sklave und ist ihr Herr.

86

„Wie fern bist, o Frucht, du von mir?“
„Ich bin in deinem Herzen, o Blume, verborgen.“

87

Dies Sehnen gilt jenem, der im Dunkeln fühlbar wird, doch am Tage unsichtbar ist.

88

„Du bist der große Tautropfen unter dem Lotusblatt, ich bin der kleinere auf seiner Oberfläche“, sagte der Tautropfen zum See.

89

Die Scheide ist froh, stumpf zu sein, wenn sie die Schärfe des Schwertes umhüllt.

90

In der Dunkelheit erscheint das Eine eintönig; im Licht erscheint das Eine mannigfaltig.

91

Die große Erde macht sich gastlich mit Hilfe des Grases.

92

Geburt und Tod der Blätter sind die raschen Wirbel im Strudel, dessen größere Kreise sich langsam um die Sterne bewegen.

93

Die Macht sprach zur Welt: „Du gehörst mir.“
Die Welt nahm sie als Gefangene an ihren Thron.
Die Liebe sprach zur Welt: „Ich gehöre dir.“
Die Welt schenkte ihr die Freiheit ihres Hauses.

94

Der Nebel ist wie das Verlangen der Erde. Er verhüllt die Sonne, nach der sie ruft.

95

Sei still mein Herz, diese hohen Bäume, sie beten.

96

Der Lärm des Augenblicks verhöhnt die Musik des Ewigen.

97

Ich denke an andere Zeitalter, die auf dem Strom des Lebens, der Liebe und des Todes dahintrieben und nun vergessen sind, und ich fühle die Freiheit dahinzuscheiden.

98

Die Traurigkeit meiner Seele ist ihr Brautschleier. Er wartet darauf, in der Nacht gelüftet zu werden.

99

Der Stempel des Todes verleiht der Münze des Lebens ihren Wert; er ermöglicht es, mit dem Leben zu erwerben, was kostbar ist.

100

Die Wolke stand demütig in einer Ecke des Himmels.
Der Morgen krönte sie mit Glanz.

 

Sep 29 18

Rabindranath Tagore, Gitanjali, Song 7

My song has put off her adornments.
She has no pride of dress and decoration.
Ornaments would mar our union; they would come
between thee and me; their jingling would drown thy whispers.
My poet’s vanity dies in shame before thy sight.
O master poet, I have sat down at thy feet.
Only let me make my life simple and straight,
like a flute of reed for thee to fill with music.

 

Mein Lied hat allen Zierrat von sich abgetan.
Es geht nicht stolz einher in Samt und Flitter.
Hohle Rhetorik würde unsre Einheit stören; sie schöbe Kulissen
zwischen dich und mich; ihr Quietschen übertönte nur dein Flüstern.
Ein eitler Fant von Dichter zergehe ich an deinem Blick vor Scham.
O Meisterdichter, zu deinen Füßen habe ich gesessen.
Lenke mein Leben ins Schlichte nur zurück, ins Unverfälschte,
wie einer Flöte Rohr soll es mit reinem Klang sich für dich füllen.

 

Sep 29 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 41–60

41

The trees, like the longings of the earth, stand a-tiptoe to peep at the heaven.

42

You smiled and talked to me of nothing and I felt that for this I had been waiting long.

43

The fish in the water is silent, the animal on the earth is noisy, the bird in the air is singing,
But Man has in him the silence of the sea, the noise of the earth and the music of the air.

44

The world rushes on over the strings of the lingering heart making the music of sadness.

45

He has made his weapons his gods. When his weapons win he is defeated himself.

46

God finds himself by creating.

47

Shadow, with her veil drawn, follows Light in secret meekness, with her silent steps of love.

48

The stars are not afraid to appear like fireflies.

49

I thank thee that I am none of the wheels of power but I am one with the living creatures that are crushed by it.

50

The mind, sharp but not broad, sticks at every point but does not move.

51

Your idol is shattered in the dust to prove that God’s dust is greater than your idol.

52

Man does not reveal himself in his history, he struggles up through it.

53

While the glass lamp rebukes the earthen for calling it cousin, the moon rises, and the glass lamp, with a bland smile, calls her, “My dear, dear sister.”

54

Like the meeting of the seagulls and the waves we meet and come near. The seagulls fly off, the waves roll away and we depart.

55

My day is done, and I am like a boat drawn on the beach, listening to the dance-music of the tide in the evening.

56

Life is given to us, we earn it by giving it.

57

We come nearest to the great when we are great in humility.

58

The sparrow is sorry for the peacock at the burden of its tail.

59

Never be afraid of the moments–thus sings the voice of the everlasting.

60

The hurricane seeks the shortest road by the no-road, and suddenly ends its search in the nowhere.

 

Verirrte Vögel 41–60

41

Die Bäume, so ist die Sehnsucht der Erde, steigen auf ihre Zehenspitzen, um einen Blick in den Himmel zu erhaschen.

42

Du lächeltest und redetest ins Blaue hinein, und mir war, als hätte ich darauf lange gewartet.

43

Der Fisch im Wasser ist stumm, die Tiere auf der Erde sind laut, die Vögel des Himmels singen, aber der Mensch hat das Schweigen des Meeres in sich, die Geräusche der Erde und die Melodien der Luft.

44

Die Welt huscht dahin über die Saiten des Herzens, in traurigen Tönen klingen sie nach.

45

Er hat aus seinen Waffen Götter gemacht. Ihr Sieg bringt ihm die Niederlage.

46

Gott entdeckt sich selbst in seiner Schöpfung.

47

Den Schleier herabgezogen, folgt der Schatten in verborgener Demut dem Licht, seine Schritte sind Schritte der Liebe.

48

Die Sterne scheuen sich nicht für Glühwürmchen zu gelten.

49

Ich danke dir, keines von den Rädern der Macht zu sein, sondern eins zu sein mit den lebendigen Wesen, die von ihnen zermalmt werden.

50

Der scharfe, doch enge Verstand tritt auf der Stelle, ohne in die Ferne zu schweifen.

51

Dein Götzenbild ward zu Staub zertrümmert, zum Beweis, daß Gottes Staub größer ist als dein Götze.

52

Der Mensch offenbart sich nicht in der Geschichte, sondern ringt sich aus ihr frei.

53

Eben noch hat die gläserne Lampe es der irdenen verwiesen, sie Kusine zu nennen, da geht der Mond auf, und die gläserne Lampe ruft mit einem milden Lächeln: „Meine liebe, liebe Schwester.“

54

Wie sich Möwen und Wellen finden, finden wir uns und kommen uns nahe. Die Möwen fliegen davon, die Wellen verebben und wir nehmen Abschied.

55

Mein Tag ist vorüber, ich liege wie ein Boot auf dem Strand und lausche der Tanzmusik der Gezeiten am Abend.

56

Das Leben ist uns geschenkt, wir verdienen es, indem wir es verschenken.

57

Wir gewinnen an Größe, je weniger wir aus uns machen.

58

Dem Spatz tut der Pfau leid wegen der Last seiner Schleppe.

59

Habe vor keinem Augenblick Angst – so singt des Ewigen Stimme.

60

Der Orkan sucht den kürzesten Weg im Weglosen und gibt seine Suche jählings im Nirgendwo auf.

 

Sep 28 18

Rabindranath Tagore, Stray Birds 21–40

21

They throw their shadows before them who carry their lantern on their back.

22

That I exist is a perpetual surprise which is life.

23

“We, the rustling leaves, have a voice that answers the storms, but who are you so silent?”
“I am a mere flower.”

24

Rest belongs to the work as the eyelids to the eyes.

25

Man is a born child, his power is the power of growth.

26

God expects answers for the flowers he sends us, not for the sun and the earth.

27

The light that plays, like a naked child, among the green leaves happily knows not that man can lie.

28

O Beauty, find thyself in love, not in the flattery of thy mirror.

29

My heart beats her waves at the shore of the world and writes upon it her signature in tears with the words, “I love thee.”

30

“Moon, for what do you wait?”
“To salute the sun for whom I must make way.”

31

The trees come up to my window like the yearning voice of the dumb earth.

32

His own mornings are new surprises to God.

33

Life finds its wealth by the claims of the world, and its worth by the claims of love.

34

The dry river-bed finds no thanks for its past.

35

The bird wishes it were a cloud. The cloud wishes it were a bird.

36

The waterfall sings, “I find my song, when I find my freedom.”

37

I cannot tell why this heart languishes in silence.
It is for small needs it never asks, or knows or remembers.

38

Woman, when you move about in your household service your limbs sing like a hill stream among its pebbles.

39

The sun goes to cross the Western sea, leaving its last salutation to the East.

40

Do not blame your food because you have no appetite.

 

Verirrte Vögel 21–40

21

Die ihre Licht auf dem Rücken tragen, werfen ihren Schatten voraus.

22

Daß ich da bin, ist die unentwegte Verwunderung, die das Leben ausmacht.

23

„Wir, die raschelnden Blätter, antworten mit unseren Stimmen den Stürmen, doch wer bist du, daß du so still bist?“
„Ich bin nur eine Blume.“

24

Ruhe gehört zur Arbeit wie die Augenlider zu den Augen.

25

Der Mensch wird als Kind geboren, seine Macht ist die Macht des Wachstums.

26

Gott erwartet Antworten für die Blumen, die er uns schickt, nicht für die Sonne und die Erde.

27

Das Licht, das nackten Kindern gleich glücklich in den grünen Blättern spielt, weiß nicht, daß der Mensch lügen kann.

28

O Schönheit, finde dich wieder in der Liebe, nicht in der Schmeichelei deines Spiegelbilds.

29

Mein Herz spült seine Wellen an die Küste der Welt und schreibt darauf seinen Namen aus Tränen mit den Worten „Ich liebe dich“.

30

„Mond, worauf wartest du?“
„Die Sonne zu grüßen, vor der ich weichen muß.“

31

Die Bäume kommen bis unter mein Fenster wie das sehnsüchtige Stammeln der stummen Erde.

32

Seine eigenen Morgenröten überraschen Gott immer aufs neue.

33

Das Leben findet seinen Reichtum in dem, was die Welt, und seinen Wert in dem, was die Liebe ihm abverlangt.

34

Das vertrocknete Flußbett findet keinen Dank für das, was es einmal war.

35

Der Vogel wünscht, er wäre eine Wolke. Die Wolke wünscht, sie wäre ein Vogel.

36

Der Wasserfall singt: „Ich finde mein Lied, wenn ich meine Freiheit finde.“

37

Ich kann nicht sagen, wonach dies Herz sich im Stillen verzehrt.
Die kleinen Nöte, danach fragt es nie, sie kennt es nicht, an sie erinnert es sich nicht.

38

Frau, wenn du bei deiner Hausarbeit hin und her gehst, singen deine Glieder wie ein Gebirgsbach um die Kieselsteine.

39

Die Sonne macht sich auf, über das westliche Meer zu wandern, und sendet einen letzten Gruß gen Osten.

40

Beschwere dich nicht über dein Essen, weil du keinen Appetit hast.

 

Sep 27 18

Rabinadranath Tagore, Stray Birds 1–20

1

Stray birds of summer come to my window to sing and fly away.
And yellow leaves of autumn, which have no songs,
flutter and fall there with a sigh.

2

O troupe of little vagrants of the world, leave your footprints in my words.

3

The world puts off its mask of vastness to its lover.
It becomes small as one song, as one kiss of the eternal.

4

It is the tears of the earth that keep her smiles in bloom.

5

The mighty desert is burning for the love of a blade of grass who shakes her head and laughs and flies away.

6

If you shed tears when you miss the sun, you also miss the stars.

7

The sands in your way beg for your song and your movement,
dancing water. Will you carry the burden of their lameness?

8

Her wistful face haunts my dreams like the rain at night.

9

Once we dreamt that we were strangers.
We wake up to find that we were dear to each other.

10

Sorrow is hushed into peace in my heart like the evening among the silent trees.

11

Some unseen fingers, like idle breeze, are playing upon my heart the music of the ripples.

12

“What language is thine, O sea?”
“The language of eternal question.”
“What language is thy answer, O sky?
“The language of eternal silence.”

13

Listen, my heart, to the whispers of the world with which it makes love to you.

14

The mystery of creation is like the darkness of night–it is great. Delusions of knowledge are like the fog of the morning.

15

Do not seat your love upon a precipice because it is high.

16

I sit at my window this morning where the world like a passer-by stops for a moment, nods to me and goes.

17

These little thoughts are the rustle of leaves; they have their whisper of joy in my mind.

18

What you are you do not see, what you see is your shadow.

19

My wishes are fools, they shout across thy songs, my Master. Let me but listen.

20

I cannot choose the best.
The best chooses me.

 

Verirrte Vögel

1

Verirrte Vögel des Sommers, kommt an mein Fenster, singt und fliegt wieder davon.
Gelbe Blätter des Herbstes, ihr gesanglosen,
flattert und fallt mit einem Seufzer herab.

2

O fahrendes Völkchen der Welt, hinterlaß deinen Fußabdruck auf meinen Worten.

3

Die Welt nimmt ihre Maske ungeheurer Weite vor dem ab, der sie liebt.
Sie wird klein wie ein einziges Lied, ein Kuß des Ewigen.

4

Es sind die Tränen der Erde, die ihr Lächeln zum Blühen bringen.

5

Die gewaltige Wüste verzehrt sich nach der Liebe eines Grashalms, der seinen Kopf schüttelt und lacht und davonfliegt.

6

Wenn du Tränen vergießt, da du die Sonne vermißt, vermißt du auch die Sterne.

7

Die Sandkörner auf deinen Wegen betteln um dein Lied und deinen Gang,
tanzendes Wasser. Willst du die Bürde ihrer Lahmheit tragen?

8

Ihr sehnsüchtiger Blick verfolgt mich im Traum wie der Regen zur Nacht.

9

Einst träumte uns, wir wären Fremde.
Erwacht erkannten wir, wie lieb wir uns waren.

10

Kummer geht zur Ruhe in meinem Herzen wie der Abend unter stillen Bäumen.

11

Unsichtbare Finger spielen wie müßige Lüfte auf meinem Herzen die Musik der Wellen.

12

„Welche Sprache sprichst du, o Meer?“
„Die Sprache ewigen Fragens.“
„Welche Sprache sprichst du, o Himmel?“
„Die Sprache ewigen Schweigens.“

13

Höre, mein Herz, auf das Flüstern der Welt, womit sie sich dir in Liebe hingibt.

14

Das Geheimnis der Schöpfung ist wie das Dunkel der Nacht – es ist tief. Der Wahn des Wissens ist wie der Nebel des Morgens.

15

Bette deine Liebe nicht auf eine Klippe, nur weil sie emporragt.

16

Ich sitze an diesem Morgen am Fenster: Die Welt hält wie ein Wanderer für einen Augenblick inne, nickt mir zu und geht weiter.

17

Diese kleinen Gedanken sind das Rauschen von Blättern; sie genießen ihr Flüstern der Freude in meinem Geist.

18

Was du bist, siehst du nicht, was du siehst, ist dein Schatten.

19

Meine Wünsche sind Narren, die schreiend deine Lieder durchkreuzen, mein Meister. Laß mich nur lauschen.

20

Ich kann das Beste nicht wählen.
Das Beste wählt mich.

 

Sep 26 18

Rabindranath Tagore, When I go alone at night

When I go alone at night to my love-tryst, birds do not sing,
the wind does not stir, the houses on both sides of the street stand silent.

It is my own anklets that grow loud at every step
and I am ashamed.

When I sit on my balcony and listen for his footsteps,
leaves do not rustle on the trees, and the water is still in the river
ike the sword on the knees of a sentry fallen asleep.

It is my own heart that beats wildly –
I do not know how to quiet it.

When my love comes and sits by my side,
when my body trembles and my eyelids droop,
the night darkens, the wind blows out the lamp,
and the clouds draw veils over the stars.

It is the jewel at my own breast that shines and gives light.
I do not know how to hide it.

 

Geh ich einsam in der Nacht

Geh ich einsam in der Nacht zu meinem Stelldichein, singt kein Vogel,
kein Wind regt sich, die Häuser auf beiden Seiten der Straße stehen schweigend.

Es sind meine eigenen Fußkettchen, die Lärm machen bei jedem Schritt,
und ich schäme mich.

Sitze ich auf meiner Veranda und lausche auf seine Tritte,
rascheln die Blätter nicht in den Bäumen, und das Wasser des Flusses ist still
wie der Säbel auf den Knien des Wachpostens, der eingenickt ist.

Es ist mein eigenes Herz, das wild pocht –
ich weiß nicht, wie es besänftigen.

Kommt mein Liebster und setzt sich neben mich,
und ich bebe am ganzen Leib und meine Lider werden schwer,
wird schwarz die Nacht, der Wind bläst die Lampe aus,
und die Wolken verhüllen die Sterne unter Schleiern.

Es ist der Juwel auf meiner eigenen Brust, der glimmt und Licht gibt.
Ich weiß nicht, wie es verbergen.

 

Sep 25 18

Rabindranath Tagore, I plucked your flower, O world!

Aus: The Gardener

I plucked your flower, O world!
I pressed it to my heart
and the thorn pricked.
When the day waned and it darkened,
I found that the flower had faded,
but the pain remained.

More flowers will come to you
with perfume and pride, O world!
But my time for flower-gathering is over,
and through the dark night I have not my rose,
only the pain remains.

 

Deine Blume pflückte ich, o Welt!

Deine Blume pflückte ich, o Welt!
Ich drückte sie an mein Herz
und der Dorn stach mich.
Als der Tag hinschwand und es dunkel wurde,
sah ich, die Blume war verblaßt,
doch der Schmerz, er blieb.

Neue Blumen werden dir erblühen
mit ihrem Duft und ihrer Pracht, o Welt!
Doch meine Zeit der Blumenlese ist vorüber,
und in der dunklen Nacht bleibt keine Rose mir,
einzig der Schmerz.

 

Sep 25 18

Rabindranath Tagore, Flower

Pluck this little flower and take it, delay not!
I fear lest it droop and drop into the dust.

It may not find a place in thy garland,
but honour it with a touch of pain
from thy hand and pluck it.

I fear lest the day end before I am
aware, and the time of offering go by.

Though its colour be not deep and its smell be faint,
use this flower in thy service and pluck it
while there is time.

 

Blume

Pflücke diese kleine Blume und nimm sie mit, zögere nicht!
Sie könnte, fürchte ich, sonst welken und sinken in den Staub.

Mag sein, sie paßt nicht recht in deinen Strauß,
doch ehre sie mit jenem Schmerz, wenn sie dich sticht,
und pflücke sie.

Es könnte, fürchte ich, Abend werden und ich bin wach
nicht mehr, und der Augenblick, sie mir zu geben,
ist vorbei.

Mag sein, ihre Farbe ist nur blaß und fade ist ihr Duft,
doch stell die Blume dir auf den Altar und pflücke sie,
noch ist es Zeit.

 

Sep 24 18

Joachim du Bellay, Heureux qui comme Ulysse

Heureux qui comme Ulysse a fait un beau voyage,
Ou comme cestui-là qui conquit la Toison,
Et puis s’en est retourné, plein d’usage et raison,
Vivre entre ses parents le reste de son âge !

Quand reverrai-je, hélas ! de mon petit village
Fumer la cheminée, et en quelle saison
Reverrais-je le clos de ma pauvre maison,
Qui m’est une province et beaucoup davantage ?

Plus me plaît le séjour qu’ont bâti mes aïeux,
Que des palais romains le front audacieux ;
Plus que le marbre dur me plaît l’ardoise fine,

Plus mon Loire gaulois que le Tibre latin,
Plus mon petit Liré que le Mont-Palatin,
Et plus que l’air marin la douceur angevine.

 

Glücklich, wer da reiste wie Odysseus

Glücklich, wer da reiste wie Odysseus in der Sage
oder wer sich pflückte des Vlieses goldnes Haar
und kam nach Hause, um gelassen in der Schar
der Seinen zu genießen den Abend seiner Tage.

Seh ich Rauchfahnen wieder am Wintertage
über meinem kleinen Dorf, macht Sommer wahr,
mein altes Haus zu sehen, wo der Wingert war,
mir teuer wie ein ganzes Land, mehr als ich sage?

Mir gefällt die Burg von meiner Ahnen Händen
mehr als Römervillen mit ihren stolzen Wänden,
mehr als harter Marmor sagt mir zarter Schiefer zu,

mehr mein gallischer Loir als der lateinische Tiber,
nicht den Palatin, Liré, das kleine, hab ich lieber,
lieber als Meeresbrisen die süßen Düfte von Anjou.

 

 

Sep 23 18

Der Schatten des Nihilismus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Nihilismus ist der autistische Sohn zweier Monster: Körper und Geist.

Nihilismus bedeutet sich von den Quellen des Sinns, die den Garten des Lebens bewässern, abgeschnitten zu fühlen oder die alltäglichen Bedeutungen des Tuns und Sagens als äußerliche, kontingente und leere Zeichen wie faule Blätter im Hinterhof des eigenen Daseins zu betrachten.

Der Nihilismus entspringt der Verkennung des notwendigen Zusammenhangs zwischen Wort und Bedeutung, Geste und Sinn, Leib und Seele.

Nihilismus ist die letzte folgerichtige Konsequenz einer Sicht der Welt, in der Gott als das höchste Wesen und der Mensch als animal rationale definiert wurden.

Wenn nur der Mensch redet, verstummen die Dinge.

Das rationalistische Weltbild, gemäß dem der menschliche Geist durch symbolische Repräsentationen die Realität abbildet, gipfelt im Projekt der künstlichen Intelligenz und scheitert an deren Unfähigkeit, sich selbst zu verstehen und der Idee der Wahrheit einen Sinn zu verleihen.

Die sokratische Frage „Was bedeutet das?“ und die kartesische Formel „Cogito ergo sum“ sind beide in den Abgrund des Nihilismus gesprochen.

Die sokratische Frage läßt nur die Antwort einer allgemeinen Definition oder Begriffsbestimmung zu, die allein ein animal rationale durch symbolische Repräsentation dessen zu geben vermöchte, was in allen möglichen Vorkommnissen als Verkörperung desselben Begriffs gesehen werden kann.

Doch diese Antwort greift nur bei Trivialitäten oder Tautologien.

Wir aber leben in einer Umwelt von Bedeutungen, die sich ähneln, überkreuzen, spiegeln und teilweise überlappen, teilweise verdecken, einer Welt, die dem animal rationale und seinem Abkömmling, der Symbole nach algorithmischen Regeln verarbeitenden, rationalen Maschine, nicht zugänglich ist.

Nihilismus ist das Gähnen angesichts des immer Gleichen unter der fahlen Sonne Kohelets.

Es wäre begrifflich unterbestimmt zu beklagen, daß die rationale Maschine keine Empathie und kein moralisches Bewußtsein entwickeln kann. Die Forderungen nach Empathie und moralischem Bewußtsein suchen vergebens eine Lücke oder einen Riß in der Welt der Bedeutsamkeit zu füllen, aus dem der Begriff des animal rationale, den sie ergänzen wollen, allererst hervorgegangen ist.

Roquentin, der Protagonist in Sartres Buch „Der Ekel“ ist eine nihilistische Maske auf der Bühne des kartesischen Dämons.

Unter der gleißenden Sonne Platons verfinstert sich der Sinn des Lebens.

Der Nihilist mäht als obskurer Vollstrecker der kartesischen Aufklärung mit der Sichel des wachen Bewußtseins die Gräser der Dämmerung, in deren Duft wir atmen und leben.

Unser Auge ist nicht das Instrument, mit dem das Bewußtsein sieht.

Wäre unser Auge das Instrument, mit dem das Bewußtsein sieht, sähen wir nur Mumien und hohle Masken.

So sieht Roquentin in Sartres Roman in der Wurzel einer abgeschlagenen Kastanie eine von aller Bedeutung abgeschnittene Mumie nackter Existenz.

Der Bildhauer wird eins mit dem Marmor und schlägt mit seinem Meißel die Stücke vom Block seines dunklen Selbstgefühls, das sich unter den Schlägen allmählich erhellt.

Der Bildhauer mißt nicht Schlag für Schlag an einem inneren Bild, was ihm unter der Hand entsteht.

Die Vorstellung vom Künstler als eines autonomen, kreativen Schöpfers mündet und erschöpft sich im Nihilismus der gegenstandslosen Kunst.

Die Vorstellung von Klang oder Farbe oder Stoff als bloßem Material, das sich dem Regelwerk des souverän schaltenden Künstlers zu fügen habe, mündet und erschöpft sich im Nihilismus serieller Kunst.

Der Töpfer, der den feuchten Leib des Tons unter seinen Händen wachsen und erwachen fühlt, bedarf keiner Idee, um ihm Leben einzuhauchen.

Nihilismus ist das als Freiheit mißverstandene Unglück, nicht dankbar sein zu können.

Die Seele ist kein Insasse eines mentalen oder neuronalen Gefängnisses.

Seele – das ist die Landschaft des Erlebens, unendlich nuanciert im Reichtum ihrer Farben und Düfte, ihrer bunten Auen und kargen Steppen, wetterleuchtende, stickige und stille Atmosphären, helles Zirpen und dunkles Rauschen, verwehtes Glockengeläute, gespenstisch über die Ebene jagende Wolkenschatten, flimmernde Luftspiegelungen der Sommerschwüle, von gelben, roten, schwarzen Blättern schmelzende Tropfen, zugefrorene Teiche, aus denen das erstarrte Leben von Schilf und Röhricht ragt.

Der Akrobat, der über das hohe Seil balanciert, achtet nicht des Schreckens der Tiefe, sondern gelangt in somnambuler Heiterkeit ans Ziel.

Der Meister der Tusche achtet nicht des Schreckens der weiß leuchtenden Leere, sondern hinterläßt seine gestische Spur wie der übers Schneefeld springende Hase.

Der Dichter achtet nicht auf das Dunkel der Schrift, sondern streicht ihre Chiffren auseinander wie der Hase die Gräser.

Der Prediger, der frei spricht, wählt nicht mit Vorbedacht Wort um Wort, sondern geht wie ein Heimkehrer erstaunt und bewegt durch den alten Garten der Gleichnisse.

Der Dichter kennt die Maserung, den Geruch, die Brüchigkeit und Biegsamkeit der Wörter wie der Holzschnitzer die Maserung, den Geruch, die Brüchigkeit und Biegsamkeit der Hölzer.

Der Nihilist ist die Seele, die ihre Landschaft verloren hat.

Seele, die den schwarzen Teer des Asphalts der versiegelten Stadt ausdünstet.

Seele, die der Dunst des Asphalts ermüdet.

Seele ohne die Stimmungen der Landschaft, der launischen Lüfte, der salzig-grünen Brandung des Morgens, des stürzenden Schreis der Schwalben vor dem Regen, der veilchendunklen Nacht.

Nihilismus ist der Stumpfsinn vor der Wahrheit der Geste, der Offenbarung des Augenaufschlags, der Geduld der Erwartung und der Passion der Liebe.

Die Verzweiflung des Nihilisten ist eitel wie der Scherbenhaufen des von ihm zertrümmerten Götzen.

Der Nihilist ist der abtrünnige Bruder des Rationalisten, der sein Erbe, das einsame Cogito, zurecht ausgeschlagen hat, ohne einen nichtreflexiven Grund seiner Existenz zu finden.

Der Rationalist hat vergessen, daß er geboren worden ist. Der Nihilist, daß er aufgrund seiner Geburt in die kulturelle Lebensform einer Gemeinschaft, ihre Sprache und Geschichte und ihre konventionellen Gepflogenheiten und Institutionen eingebunden ist.

Nihilismus resultiert aus der Blindheit für Wertmaßstäbe, nicht nur diejenigen einer lokalen kulturellen Überlieferung, sondern sogar diejenigen, die uns in den Knochen stecken. Denn selbst wenn wir etwas sehen, müssen wir unsere möglichen leiblichen Positionen als normative Einstellungen dem Bild oder Gegenstand gegenüber als mehr oder weniger gut und angemessen bewerten.

Nihilismus resultiert aus dem Ausblenden der konkreten Situation, in der sich unser Leben abspielt und nach der sich die Bestimmung dessen ausrichtet, was und wer wir sind; Mutter oder Kind, Lehrer oder Schüler, Meister oder Lehrling, Käufer oder Verkäufer, Schauspieler oder Zuschauer, Musiker oder Hörer.

Nihilismus ist das Erbe der kartesischen Ausblendung der Zeitlichkeit aus dem Cogito. Zeitlichkeit offenbart sich in der Sorge um uns und die uns Nahestehenden; denn um der Ungewißheiten dessen, was kommt, wegen sind wir um uns und die uns Nahestehenden besorgt, und unsere Sorge greift auf den immer neu nach seiner Haltbarkeit abzuklopfenden Bestand von Gewißheiten vergangener Erfahrungen zurück, um sie für heute und morgen zu nutzen.

Nihilismus ist das Erbe der rationalistischen Ausblendung der Praxis aus dem Cogito. Denn denken heißt etwas bedenken, und etwas bedenken ist eine Dienstleistung für den Menschen der Tat, der sich beispielsweise anhand einer Landkarte der Wege versichert, die ihn an sein Ziel bringen.

Nihilismus ist die letzte Konsequenz der Philosophie des Bewußtseins, der gemäß wir uns nur dessen bewußt sein können, was wir anhand der regelförmigen Verknüpfung von mentalen Symbolen oder Zeichen vergegenwärtigen. Doch wenn wir einem sprachlichen oder ikonischen Hinweis folgen, folgen wir keiner Regel, sondern gehen ohne weiteres nach links oder rechts.

Der Sinn für das Heilige stirbt nicht mit dem Tode Gottes, den vor Nietzsche Pascal verkündet hat, indem er die geistige Leere im Begriff eines höchsten Wesens oder dem Gott der Philosophen enthüllte. Vielmehr gibt uns Pascal zugleich den unter der Sonne Platons verdunkelten Begriff des deus absconditus zurück.

Die Person, die wir meinen, wenn wir sagen, daß wir morgen zu der Verabredung kommen, ist weder unser Körper (und also auch nicht ein Teil des Körpers wie das Gehirn) noch unser Geist. Denn ich kann nicht ankündigen, das unkörperliche Gespenst meines Geistes zu der Verabredung zu schicken noch den bewußtlosen Schemen meines Körpers.

Der Nihilismus ist das Erbe der Ausblendung des Begriffs der Person aus dem kartesischen Cogito, der sich in dem „Ich“ des „Ich denke“ verbirgt.

Personen verstehen heißt nicht aufgrund eines regelgeleiteten Kalküls ihr Verhalten bewerten; denn wenn uns jemand verspricht, morgen zu unserer Verabredung zu kommen, kann es geschehen, daß er nicht kommt, aus dem einfachen Grund, weil er es sich anders überlegt hat oder schlicht nicht kommen will.

Der Nihilist ist ein Mensch, der das Sensorium für die Stimmungen verloren hat, welche die Seele einer Person ernähren. Denn Personen wandern, mehr oder weniger weit, mutig oder verzagt, durch das Spannungsfeld zwischen ihrer leiblichen Gegenwart und ihrer Umwelt, das sie als Stimmung erleben.

Stimmungen sind ästhetischen Prädikaten oder Etiketten wie komisch, grotesk, heiter, ernst, schwermütig oder ausgelassen vergleichbar. Es sind lebensvolle Masken, die den Personen die Situation überstülpt, in die sie geraten, in der sie sich verfangen oder aus der sie entfliehen wollen.

Aus den basalen Stimmungen, die uns immer wieder überfallen und am meisten faszinieren wie die Angst oder der Mut, das Vertrauen oder das Mißtrauen, die erotische Leidenschaft oder der Haß, steigen wie aus einem Nebel die Bilder jener Idole und Götter hervor, die wir verehren oder die wir bekämpfen.

Der Nihilist kann diesen gleichsam natürlich wuchernden Polytheismus der Seele nur um den Preis der Verödung und innerlichen Abstumpfung mit der Sichel der Verneinung des Triebs zur Bezeichnung und Ikonographie auszujäten versuchen.

Der Nihilist entdeckt wider Willen, daß die Zeichen auf der weißen Oberfläche des Blatts schwimmen und ihre scheinbar greifbare und begreifbare Gegenwart immer wieder die unbegreifliche Ferne und Leere zwischen den Zeichen hervortreten läßt.

Der Nihilist entdeckt wider Willen die Grundlosigkeit des menschlichen Daseins, ähnlich der abendlichen Sicht Caspar David Friedrichs auf das im Seesturm und im Dämmer des Grenzenlosen treibende Schiffswrack.

Wie unter einem jähen Wetterleuchten wird die Landschaft der Seele in einem schicksalhaften Augenblick sichtbar, bevor sie wieder ins Dunkel versinkt.

Der Nihilismus ist Ausdruck der Verzweiflung des Willens angesichts der vergeblichen Landnahme des verfließenden Sinns und der Ausleuchtung des lebendigen Zwielichts.

Der Wille, der sich in der Technik manifestiert, die alle Länder mittels Schiffen und Flugzeugen und blitzschnellen Nachrichten verbindet, beruht auf der Verkennung der Tatsache, daß die Länder und wir selbst, ihre Bewohner, Inseln sind, die für eine Weile auf dem Wasser schwimmen, Wasser, das sich nicht begreifen und beruhigen oder eindämmen läßt.

 

Sep 22 18

Mensch und Hund

Der schwarze, wollige Dackel zieht
sein Herrchen an der kurzen Leine
in die demütige Welt des Hundelebens.
Da bleibt er wieder stehn und schnüffelt,
und der alte Mann bleibt stehen
und schaut sich um und sieht
zum ersten Mal das schöne Muster
der Maserung an dem Portal
der Kirche oder sieht auf dem Balkon
die losen Ärmel frischer Wäsche flattern.
Da kommt der Silberpudel und er hockt
sich vor den Dackel hin und legt den Kopf
so rührend schief, das Frauchen aber
lacht, und man beginnt ein Plaudern
über dies und das, ob denn der Rasen
noch Feuchte hat vom Morgentau,
ob das vermißte Kätzchen wohl noch lebt
oder von einem Kind gefunden wurde,
das es nun lieb hat und behalten will,
und wie die Welt zum Paradies einst wird
für gute Hunde ohne Blech und Lärm.
Man grüßt, man geht, und längst hat
ein Dackel mit einer feinen Pudeldame
den Duft der Freundschaft ausgetauscht.

 

Sep 21 18

Pollen stäuben

Ein Windhauch,
weiße Pollen stäuben
in den grauen Tag.

*

Im Dickicht schaukelt,
ein vergessener Lampion,
der Mond.

*

„Alles ist gesagt!“ –
„Nicht alles.“ –
„Was fehlt?“ –
„Leb wohl!“

*

In allen Briefkästen,
an den Häusern,
den Laternenmasten
der Zettel mit dem Foto
des Kätzchens.
„Vermißt!“
Heute hab ich ihn
fast schuldbewußt
zerknüllt.

*

Wir dämmerten dahin.
Dann ging groß
über uns der Mond auf,
die weiße Knospe
der Schwermut.

*

Der kalte Rauch seiner Pfeife
blieb noch lange
in dem leeren Zimmer,
die blaue Joppe
hing an der Wand,
die Stiefel, der Stiefelknecht
standen in der Ecke,
das eichene Bett
war schon abgebaut.
Wo war die silberne Medaille
für den Durchschuß
bei Verdun?

*

Was ist die Seele?
Sie ist die Amsel,
die plötzlich sang
im kahlen Ahorn
deines Hinterhofs,
und plötzlich schwieg
und flog davon.

*

Der kühle Morgenwind,
wenn Gräser zittern.
Das Winseln eines Hunds
in trüber Mittagsstille.
Das Herz, das hüpft,
wenn eine Nachricht kommt
von sanfter Hand.
Die Purpurwolke,
wenn der Tag verglüht.

*

Kleine Freude, Spatz,
der in der Pfütze badet,
das Gefieder spreizt
und in der Sonne trocknet.

*

Ein Lächeln war da,
ein Schimmer auf dem Wasser,
auch wenn es schwand,
als die dunkle Woge kam.

 

Sep 20 18

Bashō und ich

Herbstliches Mondlicht –
ein Wurm bohrt sich still
in eine Kastanie.

Matsuo Bashō (1644–1694)

 

Wenn Bashō den herbstlichen Mond anruft, scheint er im Gedicht.

Wenn ich das Fenster des Gedichts öffne, scheint der Mond herein.

Wenn ich mit mir rede, bist du da.

Wenn ich das Wort an dich richte, bin ich da.

Zwei herbstlich flammende Bäume stehen wir da, eine Linde und ein Ahorn.

Nur ein Wort, stärker als der Sturm der Dämonen, und die Blätter fallen.

Die Blätter wirbeln in der grauen Luft, die Bilder, die Erinnerungen.

Der Mond scheint auf den Schnee des Gedichts.

Ist es denn Winter?

Verschneit sind die Verse, ein Vers ist unterm Schnee verborgen wie der andere.

Verschneite Ackerfurchen. Kaum unterscheidbar, Vers um Vers.

Wie Schneehühner sind die Verse, eng aneinandergeschmiegt, kaum sichtbar in all dem Weiß.

Der Mond scheint auf den Schnee des Gedichts. So kurz, so flüchtig.

Wie schnell vergeht die Zeit des Gedichts. Flüchtig wie der Schimmer des Monds im Schnee.

Das Wort, das ich mir sage, und das ich bin, ist der Schatten eines kahlen Baumes, den das Mondlicht auf den Schnee wirft.

Mein Schatten ist der Schatten der kahlen Linde, dein Schatten ist der Schatten des kahlen Ahorns.

Wandert der Mond, wandern die Schatten, mein Schatten und dein Schatten.

Wir wandern und bleiben stehen, wie die Schatten der Bäume im Mondlicht wandern, die Bäume aber bleiben stehen.

Wir, immer schon da, kommen nirgends an.

Ist der Schatten im Laufe der Mondnacht einmal um den Baum herumgewandert, beginnt das Gedicht von vorn.

Es ist sehr still im diffusen Schneelicht des Gedichts.

Einmal piepst eine Maus. – Der Schatten bleibt still.

Einmal knirschen Schritte. – Der Schatten bleibt still.

Einmal, es ist schon Morgen, singt ein Vogel. – Der Schatten bleibt still.

Einmal stäubt Schnee vom Ast. War es der Wind?

War es der Geist eines Ahnen? Meines, deines?

Wie fremd ist die Welt. Wie fremd die Worte, die wie Schnee von den Zweigen stäuben.

Und droben zwischen den Zweigen? In fremder Schwärze fremd zuckendes Licht.

Und wenn die Sonne hervorbricht, Bashō, was dann? – Die Schatten, sie bleiben und wandern mit dem großen Licht.

Und jetzt? Der Schnee ist geschmolzen.

Da geht ein Rinnsal. Wirbeln nicht Blüten darauf?

Ist es denn Frühling?

Sind es Blüten von meinen Zweigen, von deinen?

Weht ein Duft? Duft von meinen Zweigen, von deinen?

Und dort die roten Lippen, auseinandergesprochen vom Wind, der Mohn.

Hörst du, was sie sagen?

Daß wir Falter sind, ich ein blauer, ein gelber du.

Laß uns trinken, Bashō, du kannst, verwandelter Schatten, doch fliegen?

Laß uns schmecken, was das Leben sagt mit seinen roten Lippen.

Hast du Angst, daß wir daran sterben?

Laß uns fliegen, Bashō, laß uns trinken.

Laß uns trinken, Bashō, laß uns sterben.

 

Sep 19 18

Bitten und Danken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das Kind lernt die unwillkürliche Schmerzäußerung „Aua!“ in den sprachlichen Ausdruck „Es tut mir weh!“ umzuformen.

Wir lernen, den von der unwillkürlichen Äußerung abgeleiteten Ausdruck auch auf seelische Reaktionen oder unser Befinden anzuwenden, wenn wir sagen, daß uns ein Widerfahrnis oder ein Verhalten anderer wehtut.

„Aua!“ heißt „Es tut mir weh!“, „Es tut mir weh!“ aber kann mehr bedeuten als den unwillkürlichen Ausdruck von Schmerz.

Wir verstehen ohne weiteres, was einer meint, wenn er sagt „Es tut mir weh!“. Wenn er seinen physischen oder seelischen Schmerz äußert, weil wir es waren, die ihn verursacht haben, pflegen wir uns dafür zu entschuldigen oder um Verzeihung zu bitten.

Die Entschuldigung ist eine metaphorische Weise, die Schuld, die wir durch den Übergriff oder eine Schädigung verursacht haben, gleichzeitig einzugestehen und ungeschehen zu machen.

„Entschuldigung!“, sagt der eine. „Keine Ursache!“ sagt der andere. Und doch war natürlich die Tat oder die Äußerung, für die sich der eine entschuldigt, die Ursache, durch die er dem anderen zu nahe trat. „Keine Ursache!“ enthält wie „Entschuldigung!“ ein magisches Residuum.

Das Kind lernt weniger leicht „Bitte!“ und „Danke!“ zu sagen als „Aua!“ und „Es tut mir weh!“, weil die Bitte und der Dank nicht wie der Ausdruck des Schmerzes unmittelbar von einer unwillkürlichen Äußerung abzuleiten sind.

Wir finden in der Bitte und im Dank und den ihnen entsprechenden Sprachhandlungen eine bemerkenswerte Relation, denn der Dank gilt oftmals einer erfüllten Bitte.

Wir können nicht für etwas danken, um das wir nicht hätten bitten wollen, und wir können nicht um etwas bitten, ohne für die gewährte Bitte einen Dank abstatten zu wollen.

Wir danken freilich für etwas, was uns geschenkt wurde, ohne daß wir darum gebeten hätten.

Wenn wir jemanden um etwas bitten, zum Beispiel den Gastgeber, das Fenster zu schließen, weil es zieht, setzen wir voraus, daß der Gastgeber willens und in der Lage ist, die Bitte zu erfüllen. Die Bitte unterscheidet sich vom Befehl dadurch, daß derjenige, an den sie sich richtet, sie freiwillig und nicht gezwungenermaßen oder automatisch erfüllt. Der Gastgeber könnte sich der Erfüllung der Bitte verweigern, wenn er einen plausiblen Grund dafür angibt, wie daß er Kopfschmerzen habe und die frische Luft ihm guttue.

Dem Roboter können wir Befehle geben und er kann nicht anders, als das auszuführen, was wir in sein Programm eingetragen haben. Ja, wir müssen sagen, „Befehl“ ist in diesem Falle eine schlechte Metapher, denn der Soldat könnte sich im Gegensatz zur Maschine unter außergewöhnlichen Umständen wie einem Gewissenskonflikt der Ausführung eines Befehls, beispielsweise einem Erschießungsbefehl, verweigern.

Wenn die Freiwilligkeit ihrer Erfüllung zu den Voraussetzungen der Bitte gehört, dann setzt auch der Dank die Freiwilligkeit der Erfüllung der Bitte voraus, der er gilt.

Es wäre ebenso absurd, den Roboter um die Ausführung einer Anweisung bitten wie für ihre korrekte Ausführung danken zu wollen.

Die Bitte des Hausierers impliziert keinen moralischen Anspruch auf Erfüllung, anders die Bitte des Kindes um Zuwendung oder des Freundes um Hilfe.

Die Bitte des Hausierers um ein Scherflein abzuweisen impliziert weder eine Kränkung des Abgewiesenen noch eine moralische Schuld des Abweisenden, anders die ohne Not verwehrte Bitte des Kindes um Zuwendung oder des Freundes um Hilfe.

Die Bitte impliziert sowohl die Befürchtung, daß sie nicht gewährt wird, als auch die Hoffnung auf Erfüllung; den Dank dessen, dem die Bitte aus Höflichkeit oder Konvention gewährt wurde, begleitet ein Gefühl der Genugtuung, den Dank dessen, dem etwas geschenkt wurde, was seine Erwartung übertraf, begleitet ein Gefühl des Erstaunens und der Freude.

Der Gekränkte, dessen berechtigte Bitte, wie die Bitte oder der Anspruch des Kindes auf Zuwendung, ohne Not oder in böser Absicht übergangen, mißachtet und zurückgewiesen worden ist, wird dazu neigen, zu klagen und anzuklagen oder diejenigen zu hassen oder zu beneiden, denen nach ihrem Willen geschieht oder denen sogar über die Maßen die Gaben des Lebens zuströmen.

Es ist freilich bemerkenswert zu sehen, daß auch derjenige, der sich schon gekränkt fühlt, weil ihn die Bilder fremden Glücks quälen, dazu neigt, zu nörgeln, zu kritteln und anzuklagen oder diejenigen zu hassen oder zu beneiden, denen aus seiner Sicht die Quellen des Lebensglücks über die Maßen strömen.

Der sich ständig gekränkt Fühlende ist der Mensch des Ressentiments.

Das Kind drückt mit der Schmerzäußerung „Aua!“ oder „Es tut mir weh!“ zugleich eine Bitte oder den Anspruch aus, daß die Eltern die Ursache seines Schmerzempfindens und Unwohlseins ausräumen und es trösten. Die Eltern empfinden das Lächeln des Kindes, das sie durch die Stillung seines Wunsches getröstet sehen, als Ausdruck des Danks.

Das verzerrte und finstere Gesicht des sich ständig gekränkt Fühlenden ist ein Ausdruck seines Unwillens, für irgendetwas dankbar sein zu wollen oder zu können.

Von dem Säugling können wir nicht erwarten, daß er geduldig ausharrt, er schreit so lange, bis ihm die Brust gereicht wird.

Der sich gekränkt Fühlende lebt ohne Hoffnung auf Trost, doch auch ohne die Geduld oder den Stumpfsinn des Verzweifelten.

Natur kann den Anspruch auf die Fülle des Lebens denjenigen, die sich immer zu kurz gekommen, beraubt und um das Leben betrogen fühlen, nicht gewähren.

Wenn es regnet, wollen sie Sonnenschein, wenn die Sonne scheint, den lieblichen Schatten, im Schatten graut es ihnen, die helle Sonne blendet sie.

Vernunft ist ohnmächtig vor den Phantasmen des bösen Triebs.

Der Mensch des Ressentiments fühlt sich vom Leben betrogen.

Doch wüßte er nicht zu sagen, um was; geschähe wie durch Zauberhand all seinen Bitten augenblickliche Erfüllung, er fühlte sich immer noch leer und beraubt.

Im Paradies langweilt er sich, es ist zu still; in der Hölle ärgert er sich, sie ist zu laut.

Theologisch gesprochen ärgert sich der Mensch des Ressentiments an der Gnade.

Der Tor weist die Einsicht zurück, nicht, weil er zu dumm ist, sie zu begreifen, sondern weil er sie nicht selber fand.

Der Tor geht nicht durch die Pforte, die sich vor ihm auftut, weil er sie nicht selber aufschloß.

Der Gekränkte, der Skeptiker und der Nihilist sehen mit überscharfen Augen den Raub und den Betrug; der Gläubige inmitten der tiefsten Nacht das schwache Licht der Gnade.

Der materielle und der symbolische Austausch, der Austausch von Gütern und Zeichen, regelt die Entsprechung unserer alltäglichen und gewohnheitsmäßigen Handlungen und Sprechakte; die Geldsumme entspricht dem Wert der Ware, die Antwort ist auf die Frage gemünzt, die Form der Entschuldigung und der Grad der Entschädigung entsprechen der Schwere des Übergriffs und des Schadens, das Lob der Leistung, der Tadel dem Fehltritt, die Höhe der Strafe der Schwere des Vergehens und die Größe des Danks dem Wert der erfüllten Bitte.

Der Kreislauf des materiellen und des symbolischen Austauschs oder der Austausch von Gütern und Zeichen wird auf der einen Seite durch den Raub und die Lüge (den Betrug) unterminiert, auf der anderen Seite durch das Geschenk und das Gedicht (den Lobgesang) überhöht.

Den symbolischen Austausch der Zeichen, die eine Bitte oder eine Danksagung ausdrücken, nennen wir höflichen Umgang oder Höflichkeit. Die höflichen Umgangsformen sind ein ferner Niederschlag der höfischen Sitten unter Mitgliedern unterschiedlicher Ränge wie zwischen niederem und hohem Adel oder dem dichtenden Ministerialen und der von ihm verehrten adeligen Frau in der hohen Minne – Höflichkeit, welche die Verwüstungen und Vulgarisierungen durch die egalitäre Gesinnung der Moderne in der longue durée der sprachlichen Verständigung zum Teil überlebt hat.

Die einfache Geste des Höflichen, vor dem Begleiter zurückzutreten und mit einem „Bitte schön!“ ihm die Tür zu öffnen und den Vortritt zu lassen, impliziert, dem anderen einen höheren Rang zuzubilligen als sich selbst, auch wenn die soziale Rollenzuschreibung keinen Rangunterschied vorsieht oder dem Höflichen sogar eine überlegene Position einräumt.

Der Gekränkte kann nicht oder nur gezwungenermaßen höflich sein, der vornehme Geist ist es gleichsam von Natur.

Der Gekränkte ist kleinherzig und knauserig, er scheut Situationen, in denen er in die Verlegenheit käme, um etwas bitten oder sich für etwas bedanken zu müssen: Bitten und Danken bedeuten ihm gleichermaßen das Eingeständnis oder die Offenbarung seiner Unterlegenheit.

Der freudige Verzicht ist das Zeichen des freien Geistes.

Das Dasein als Geschenk anzunehmen ist das Zeichen des einfältig-schlichten Gemüts. Die überragende Leistung als Gabe der Gottheit zu verstehen das Zeichen des hohen Sinns.

In seiner berühmten Ode an die Göttin des Gesanges Melpomene (Oden, Buch IV, 3) verknüpft Horaz seine Berufung zum Dichter mit dem Blick der Göttin, der bei seiner Geburt schon auf ihm ruhte, und rückt die Gestalt des Dichters in Gegensatz zu den Gestalten des Siegers im Faustkampf und im Wagenrennen, typischen Formen antiken Wettkampfs, die der Ahne Pindar in seinen Epinikien pries, sowie des Siegers in der kriegerischen Schlacht, der mit dem Lorbeer geschmückt auf dem Triumphwagen zum Kapitol fährt. Dem Dichter und seinem Ingenium dagegen halten andere Orte und Umwelten die Atmosphäre und die Luft bereit, die er atmen muß, damit seine Zunge sich zum Lied auf der Lyra löse: Horaz nennt die alte Stadt Tibur (Tivoli) am Flußlauf des Aniene, der ihre Felder befruchtet, und die Haine mit ihrem dichten Laub, in denen Götterbilder standen und feierliche Riten mit Tanz und Liedern vollzogen wurden. Stätten alter Kultur und Orte pastoraler Anmutung sind demnach dem dichterischen Gemüte gemäß. Daß die Söhne Roms, der Stadt der Städte, ihn würdigen, sich in die Chöre der priesterlichen Dichter (vates) einzureihen, erfüllt Horaz, wie er ohne Scheu eingesteht, mit einem Stolz, der seinen nagenden Ehrgeiz beschwichtigt. Doch diesen Sieg im musischen Wettkampf rechnet der Dichter sich nicht selbst zu, sondern dem Wirken der Gottheit. Der göttlichen Muse, die Wunder vollbringt und sogar stummen Fischen Schwanengesang verleihen könnte, verdankt er es, wenn die Passanten auf den Straßen und Plätzen Roms auf ihn zeigen als den Meister des lyrischen Lieds. Von der Muse ist sein Gesang inspiriert, und wenn seine Anmut die Herzen bezwingt, ist es nicht sein Verdienst. So mündet die Ode in ein Danklied an die Gottheit, die sich in ihr gleichsam selbst verherrlicht:

 

O testudinis aureae
dulcem quae strepitum, Pieri, temperas,
o mutis quoque piscibus
donatura cycni, si libeat, sonum,

totum muneris hoc tui est,
quod monstror digito praetereuntium
Romanae fidicen lyrae;
quod spiro et placeo, si placeo, tuum est.

 

O die goldener Lyra du
süße Töne entlockst, Muse Pieriens,
o du könntest selbst Fischen, den
stummen, wolltest du nur, Schwanengesang verleihn,

mein Verdienst, es gebührt nur dir,
wenn den Finger nach mir strecken Passanten, mir,
Sänger römischen Lautenspiels.
Hauch ist, Anmut des Lieds, ward sie mir denn, von dir.

 

Sep 18 18

Horaz, Oden, Buch IV, 3

Quem tu, Melpomene, semel
nascentem placido lumine videris,
illum non labor Isthmius
clarabit pugilem, non equus impiger

curru ducet Achaico
victorem, neque res bellica Deliis
ornatum foliis ducem,
quod regum tumidas contuderit minas,

ostendet Capitolio;
sed quae Tibur aquae fertile praefluunt
et spissae nemorum comae
fingent Aeolio carmine nobilem.

Romae principis urbium
dignatur suboles inter amabilis
vatum ponere me choros,
et iam dente minus mordeor invido.

O testudinis aureae
dulcem quae strepitum, Pieri, temperas,
o mutis quoque piscibus
donatura cycni, si libeat, sonum,

totum muneris hoc tui est,
quod monstror digito praetereuntium
Romanae fidicen lyrae;
quod spiro et placeo, si placeo, tuum est.

 

Wen du, Melpomene, einmal
gnädig angeschaut hast bei der Geburt, dem wird
nicht im Isthmischen Faustkampf der Ruhm
leuchten, schnaubendes Pferd zieht ihn als Sieger nicht

im Achäischen Lauf, das Kriegs-
glück mit delischem Laub schmückt ihm die Stirne nicht
noch als Helden wird feiern, weil
er der Könige Stolz, eine Geschwulst, aufstach,

ihn der Jubel des Kapitols.
Doch der Tiburs Gefild fruchtbringend grüßt, der Strom,
und der Haine gesträhntes Haar,
des Äolischen Lieds Adel wird ihm von dort.

Deine Söhne, Fürstin der Städte, Rom,
halten würdig mich nun, unter die Chöre der
Dichterpriester mich einzureihn,
schon spür milder an mir nagen ich Neides Zahn.

O die goldener Lyra du
süße Töne entlockst, Muse Pieriens,
o du könntest selbst Fischen, den
stummen, wolltest du nur, Schwanengesang verleihn,

mein Verdienst, es gebührt nur dir,
wenn den Finger nach mir strecken Passanten, mir,
Sänger römischen Lautenspiels.
Hauch ist, Anmut des Lieds, ward sie mir denn, von dir.

 

Sep 17 18

Gedankenspiele

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

In einem Lehrbuch der Kunstgeschichte finden wir den typischen Rundbogen der romanischen Architektur und den typischen Spitzbogen der gotischen Architektur. Solche Muster im Sinne sagen wir vor einem Kirchengebäude: „Die Türme zeigen romanischen Charakter, der Chor gotische Stilformen.“

Sind die typischen Formen des romanischen und gotischen Bogens im Lehrbuch platonische Ideen oder empiristische Abstraktionen? Es sind präskriptive Muster, die vorgeben, wie ein Bogen gebaut oder mit welchem Namen ein gebauter bezeichnet werden soll.

Die Blätter einer bestimmten Baumart wie der Eiche oder der Linde ähneln sich stark, die Blätter verwandter Baumarten wie der Eiche und der Linde ähneln sich, die Blätter und Nadeln unterschiedlicher Baumarten wie der Linde und der Tanne ähneln sich kaum. Doch sagen wir von allen, daß es Blätter und Nadeln von Bäumen sind.

Die Blätter oder Nadeln von künstlichen oder synthetischen Gewächsen zählen wir nicht zu dieser Reihe, obwohl sie den genannten wie ein Ei dem anderen gleichen können.

Die Wahrnehmung von Ähnlichkeiten führt uns genauso auf rechte Wege, wie sie uns zu Abwegen verführt.

Gleiches können wir von den natürlichen Sprachen, ihrer Wortbildung und ihrem grammatischen Aufbau sagen.

Sanskrit, Altgriechisch und Lateinisch haben untereinander eine größere grammatische Ähnlichkeit als Französisch und Deutsch mit dem Chinesischen.

Doch die Idiomatik dieser Sprachen ist jeweils aufgrund kultureller Unterschiede anders geprägt.

Sind die künstlichen Sprachen der Logik oder Mathematik ein Analogon zu den künstlichen Gewächsen? Das logische Oder ist wie ein synthetisches Blatt gegenüber dem Oder der natürlichen Sprache.

Haben wir etwas erkannt, wenn wir ein Fenster als romanisches Fenster erkennen? Wir haben jedenfalls, was wir sahen, richtig benannt.

Wir können mit einer gewissen metaphorischen Übertreibung sagen, wenn wir die Form und Maserung eines Pflanzenblattes betrachten, haben wir alles vor Augen, was wir über den Sinn des Lebens sagen können.

Ähnlich wie manche, die der Chiromantik anhängen, behaupten, die Deutung der Linien der Handinnenfläche eines Menschen sage ihnen alles über das Leben und Schicksal des Betreffenden.

Doch wenn wir die Morphologie einer fremden Sprache, beispielsweise ihre Grammatik und Idiomatik, betrachten, können wir nicht davon ausgehen, sie besser zu verstehen als ihr gewöhnlicher natürlicher Sprecher.

Wenn wir ein Blatt als Lindenblatt bestimmen, können wir es nicht als Eichenblatt bestimmen, und wenn wir ein Fenster romanisch nennen, dann können wir es nicht gleichzeitig gotisch nennen. Handelt es sich hier um deskriptive Wahrheiten oder grammatische Regeln?

Wenn du ein Fenster mit einem Rundbogen genau beschreiben kannst, es aber gotisch nennst, handelt es sich doch wohl um einen Verstoß der Spielregeln, wie kunsthistorische Etiketten anzuwenden sind.

Ein Blatt ist, was wir korrekterweise ein Blatt nennen, und dies tun wir, weil wir es anhand von exemplarischen Benennungen und Handlungen gelernt haben, wie es kleine Kinder lernen, wenn sie im Herbst unter Eichen und Linden die herabgefallenen Blätter auflesen.

Wenn wir auf solche Weise einen ungefähren Begriff vom Blatt gelernt haben, können wir uns angesichts ungewöhnlicher Blattarten oder angesichts von Nadeln fragen, ob wir sie auch Blätter nennen sollen.

Ähnlich mit der kunsthistorischen Etikettierung von Fenstern, wenn wir auf Zwischenformen stoßen, die uns teils gotisch, teils barock anmuten.

Anhand wiederholter Bitten oder Aufforderungen, etwas zu tun oder zu sagen, und aufgrund des Lobes oder des Tadels, der positiven oder negativen Resonanz, die wir erfahren, wenn wir einer solchen Äußerung nachkommen oder sie mißachten, lernen wir das Muster oder den Typus der Sprachhandlung, für die bestimmte Bitten, Befehle und an uns herangetragene Wünsche Beispiele oder Arten darstellen.

Wenn wir auf diese Weise den ungefähren Begriff oder das Muster einer Sprachhandlung gelernt haben, können wir uns angesichts von ungewöhnlichen Äußerungen fragen, ob es sich um eine Bitte oder eine Frage handelt.

Schließlich kommen wir sogar dahinter, daß die Bitte oder Frage, ob wir nicht noch etwas lauter schreien können, keine echte Bitte oder Frage darstellt, sondern eine gleichsam degenerierte Form einer Bitte oder Frage, die wir Ironie nennen.

Ironische Bemerkungen sind wie Pflanzen aus Kunststoff in einem Garten mit echten Blumen.

Wir bevorzugen das kunsthistorische Urteil, das ein gotisches Fenster richtig benennt, vor einem Fehlurteil, genauso wie wir die Erfüllung einer angemessenen Bitte loben und ihre Mißachtung tadeln. Wir scheuen uns demnach nicht, eine Parallele zwischen dem epistemischen Wert des korrekten Urteils und dem ethischen Wert der angemessenen Handlung zu ziehen.

Kinder könnten Arithmetik als Spiel lernen, wenn sie 10 Tannennadeln gegen 1 Tannenzapfen tauschen. Dann könnten sie eine Reihe bilden mit 10 Nadeln und dahinter 1 Zapfen legen; oder sie könnten 100 Nadeln auf einen Haufen zählen und dafür 10 Tannenzapfen oder 1 Kastanie tauschen.

Wenn nun ein Kind einen Tannenzapfen gegen 1 Kastanie tauschen wollte, würden es ihm die anderen Kinder verweigern und sagen: „Das geht nicht!“ Oder sie sagen: „Das darfst du nicht!“

Ersichtlich ziehen die Kinder in diesem Spiel eine Parallele zwischen dem logischen Zwang und dem moralischen Gebot.

Kinder könnten Algebra als Spiel lernen, wenn die einen 7 Tannennadeln und einen kleinen Kieselstein sowie einen Tannenzapfen in eine Reihe legen und die anderen auffordern, so viele Nadeln an die Stelle des Kieselsteins zu legen, daß sie den Zapfen gegen die Anzahl der Tannennadeln tauschen wollen. Der Kieselstein, lernen sie, ist eine Variable oder ein algebraisches Symbol und steht für die Unbekannte x.

Die Kinder könnten zwei Kieselsteine und einen Tannenzapfen in eine Reihe legen und damit eine Gleichung mit zwei Unbekannten lösen, indem sie jeweils die Stelle eines Kieselsteins mit einer Anzahl von 1 bis 9 Tannenadeln ersetzen, sodaß sie das Spiel mit zwei Variablen erlernen.

Doch wenn ein Kind käme und wollte an die Stelle eines Kieselsteins 10 Tannennadeln setzen, würden es ihm die anderen Kinder verwehren und sagen: „Wir spielen hier mit zwei Kieselsteinen. Für den einen dürfen wir deshalb keine 10 Nadeln legen, sondern mindestens 1 weniger!“

Die Kinder drücken das logische Muß als moralisches Gebot oder Verbot aus, wenn sie dem anderen Kind verbieten, mehr als 9 Nadeln auf einmal zu legen, oder ihm gebieten, für einen Kieselstein mindestens 1 Nadel zu setzen.

Doch das schlaue Kind läßt sich nicht einschüchtern, wenn es ihm die anderen Kinder verwehren, statt des 1 Kieselsteins 10 Tannennadeln zu setzen und den zweiten Kieselstein frei zu lassen. Es hat verstanden, daß man die freie Variable mit null gleichsetzen kann.

Man kann die Arithmetik und die Algebra als normatives Spiel oder als Spiel mit systematischen Handlungsanweisungen auffassen.

Den Gebrauch wertender Ausdrücke wie „gut“ und „schlecht“ und ihre komparativen und superlativischen Formen können Kindern demnach ausgehend von epistemischen Bewertungen und spielerisch im normativen Spiel mit Zahlen und Zahlsymbolen erlernen, gleichsam in einem Vorhof der Moral.

Keiner wird die Kinder zu dem Spiel zwingen; doch wenn sie es spielen, nötigen sie sich selbst, es gut zu spielen.

Mit der Vorgabe, daß 1 Tannenzapfen 10 Tannennadeln wert ist oder bedeutet, haben sie die Arithmetik schon in der Tasche. Sie brauchen nicht einmal ein Gleichheitszeichen, sie sehen ja, was gleich ist und was nicht.

Wenn Kinder zwei Kieselsteine als algebraische Symbole der Art zu lesen verstehen, daß sich die Werte von 1 bis 10 auf sie verteilen lassen, sodaß ihre Summe jeweils 10 ergibt, haben sie auch den Begriff einer Funktion erfaßt, für die eine geregelte Werteverteilung zwischen 1 und 10 das gültige Argument 10 ergibt.

Sehen die Kinder in der Reihe vor dem Tannenzapfen 12 Tannennadeln und einen Kieselstein liegen, bemerken sie gleich, daß 2 Nadeln überzählig sind. Wenn wir sie auffordern, die beiden überzähligen Nadeln unter den Kieselstein zu legen, verstehen sie, daß der Kiesel die ihm zugeordnete Anzahl gleichsam unsichtbar macht und neutralisiert: So lernen sie die Subtraktion.

Wir sehen daran, daß logisches Denken als ein Spiel mit Symbolen der Identität dargestellt werden kann.

Was wir Identität nennen, ist nichts, was wir beschreiben oder definieren müßten, sondern der Name für das Verfahren oder die Möglichkeit, in solchen Denkspielen ein Zeichen gegen ein anderes Zeichen auszutauschen, ohne daß unsere Rechnung durcheinandergerät.

Es läuft auf das Gleiche hinaus, wenn wir an der Kasse bei einer Rechnung von 15 Euro darauf bestehen, daß uns die Kassiererin auf einen 20-Euro-Schein den Betrag von 5 Euro, gleichgültig ob in Form eines Scheins oder in Form von Münzen, herausgibt.

Ob wir sagen, dieses Areal umfaßt eine Fläche von 100 Hektar oder von 1 km2, kommt auf das Gleiche hinaus. Doch sagen wir, es sei notwendig, daß wir die Maßeinheit Hektar auf solche Weise in die Maßeinheit Kilometer und Meter umrechnen, daß 100 Hektar 1 km2 meint oder bedeutet und umgekehrt. Diese Bedeutung meint demnach ein Verfahren der Umrechnung, bei dem ein konventioneller Maßstab einem anderen konventionellen Maßstab zugeordnet wird.

Was wir logische Notwendigkeit nennen, ist ein selbstauferlegter Zwang oder eine logische Verpflichtung zur korrekten Anwendung konventioneller oder frei gewählter Maßstäbe.

Der Satz, daß dieses Areal 100 Hektar oder 1 km2 umfaßt, ist wahr, wenn er durch ein geeignetes Meßverfahren bestätig werden kann. Der Satz, daß 100 Hektar 1 km2 betragen, ist weder wahr noch falsch, sondern der Ausdruck einer konventionellen Festlegung. Er kann daher nicht durch ein geeignetes Meßverfahren bestätigt werden.

Wenn wir das Areal nicht sorgfältig vermessen haben, kann uns ein Meßfehler unterlaufen, und wir geben zu, daß wir uns geirrt haben. Doch wenn jemand erwartet, daß ihm die Kassiererin statt der gewöhnlichen 5 Euro 1 Perle herausgibt, sprechen wir hierzulande nicht von einem Irrtum, sondern zurecht von einer Form geistiger Verwirrung, obwohl dies in einer exotischen Kultur, in der bei einer gemischten Geld- und Naturalienwirtschaft 5 Euro vielleicht mit dem Gegenwert von 1 Perle taxiert würden, eine vernünftige Sache wäre.

Der Gedanke und der ihn zum Ausdruck bringende Satz, daß 1 km2 100 Hektar beträgt, oder der Gedanke, daß die Identität die symbolische Ersetzbarkeit konventioneller Zeichen ausdrückt, kann kein bloßer Gedanke im Kopf oder eine mentale Repräsentation im Gehirn dessen sein, der ihn denkt und in einem solchen Satz zum Ausdruck bringt, weil die maßstabgetreue Verwendung konventioneller Zeichen auf einer sozialen Vereinbarung beruht.

Kein Gedanke ohne konventionelle Zeichen, die ihn darstellen können, keine Zeichen ohne Gemeinschaft jener, die sie festlegen und benutzen. Folglich ist das, was wir Geist oder Denken nennen, kein neuronales Muster oder physikalisches Ereignis in einem Gehirn, sondern ein Bestandteil unserer Welt, die dasjenige umfaßt, was den Inhalt unserer Gedanken ausmacht, und auch diejenigen, die Gedanken haben und in sinnvollen Sätzen äußern.

Der Begriff einer Welt ist die Grenze dessen, was wir meinen oder als Summe möglicher Tatsachen ansehen wollen. Daher ist er nicht eindeutig definierbar. Betrachten wir als eine Welt die Summe der möglichen Tatsachen in einem Zimmer, in dem sich ein paar Leute aufhalten, etliche Möbel stehen und viele Bücher auf den Regalen Staub ansammeln, dann ist die Summe aufgrund der möglichen Relationen zwischen all diesen Gegenständen unendlich, und diese Welt kann nicht vollständig beschrieben oder definiert werden.

Die epistemische Tatsache, daß wir mit der Angabe von 100 Hektar dasselbe meinen oder dieselbe Angabe machen wie mit dem Flächeninhalt von 1 km2, ähnelt der epistemischen Tatsache, daß die Kinder im algebraischen Spiel in 1 Tannenzapfen dasselbe sehen wie in 10 Tannennadeln oder 2 Kieselsteinen.

Wenn, was wir Denken nennen, ein durch Maßstäbe oder Kriterien normierter sowie durch sprachliche Handlungsanweisungen geregelter Austausch von konventionellen Zeichen darstellt, wobei die Maßstäbe und Kriterien angeben, welche Zeichen durch welche anderen Zeichen ersetzt werden können, sind wir geneigt zu sagen, daß Denken eine Form des Dialogs darstellt, eines wirklichen oder virtuellen, dessen Form aufgrund der Subjektivität der Gesprächspartner eine interne ethische Dimension innewohnt.

Das primitive mathematische Spiel der Kinder führt uns vor Augen, inwiefern Denken ein Ethos der Sprache impliziert. Dieses Ethos ist ein Ethos der Verpflichtung, getroffene oder festgesetzte Vereinbarungen einzuhalten und nicht zu tricksen, zu mogeln oder zu betrügen, sondern unter demselben Zeichen dasselbe zu verstehen.

Verstehen hat die primitive ethische Voraussetzung, verstehen zu wollen.

Die Verpflichtung ist eine soziale Abmachung oder das Versprechen, etwas mit gleicher Münze zu entgelten und nicht mit gezinkten Karten zu spielen, gleichgültig ob die Münze einen Wertgegenstand oder ein sprachliches Zeichen darstellt. Dabei wird in der Regel der Bruch der Abmachung oder das Nichteinhalten des Versprechens sanktioniert. Die Sanktionsmaßnahmen reichen von materiellen Strafen über den Tadel bis zu symbolischen Formen der sozialen Ausgrenzung und Stigmatisierung.

Die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten der logischen Induktion und der Voraussage spiegeln sich in den Risiken der sozialen Verpflichtung, deren auf Dauer gestellte Einrichtung nur durch Zwänge und ein Sanktionsregime gegen die egoistischen und kriminellen Triebe und die Willensschwäche des Menschen aufrechterhalten werden kann, von den unkalkulierbaren Unwägbarkeiten des Schicksals zu schweigen.

Die moralischen Lasten sind aufgrund der asymmetrischen Streuung der Begabungen und sozialen Rollen gerechterweise vielfach ungleich verteilt. Der Erziehungsberechtigte und der Lehrer stehen in der Pflicht, den Schutzbefohlenen und Schüler sicher auf den unsicheren Pfaden des Lebens und den unbekannten Wegen der Lehre zu geleiten, das Kind in der reziproken Pflicht, ihren Anweisungen zu gehorchen.

Die auf Augenhöhe sprechen, stehen in der Pflicht symmetrischer Verantwortung im Spiel von Frage und Antwort, Rede und Widerrede, Sagen und Schweigen.

Liebe, könnten wir sagen, ist die Umkehrung des Bruchs der sozialen Abmachung durch den Lügner und Betrüger oder den Dieb und Räuber, der den Fragenden in die Irre führt oder das Dargereichte listig oder gewaltsam entwendet, dadurch, daß der Liebende den verpflichtenden Rahmen der sozialen Abmachung überschreitet, indem er hilfreiche Hinweise und Antworten gibt, noch bevor er gefragt worden ist, dadurch, daß er die materielle oder symbolische Gabe schenkt, ohne eine Gegengabe zu erwarten.

 

Sep 16 18

O Staub, der uns ernährt

Der Mensch dort fällt mit seiner Einkaufstasche
in die dunkle Kiste eines irren Puppenspielers.

Das Nächste ist uns fremd
auf dieser fremden Erde,
wo wir zu Hause und verloren sind.

Das Tier, es blickt durch uns hindurch
wie durch die zitternden Spiegelbilder
auf den blauen Wogen der Wüstenluft.

Der Wind kennt nicht die Gräser,
die er beugt, kennt nicht die Düfte,
die er weht von einem Garten
im Blütenfeuer der Abendsonne
in das Fenster eines Krankenhauses.

Der Wind verweht das süße Lied,
das aus dem Dornendickicht steigt
aus eines kleinen Vogels kleiner Kehle,
und der Trunkenbold, der es im Halbschlaf
stumpfsinnig lächelnd noch vernahm,
ahnt in seinem kalten Rausch
nichts von zerstreuten Federn
und dem kleinen Vogelschädel,
der im Mondlicht schimmert.

Ein flacher Kieselstein,
von einem Kind voll Übermut
über die Wasserfläche hingeschnellt,
hüpft unser Leben
dreimal, viermal, fünfmal
in der Sonne glitzernd
auf und nieder.
Gleichgültig schaut das Kind,
wie der Stein versinkt.

Das Sternenlicht ist auf dem Nachttisch
feiner Staub.

O Staub, der uns ernährt,
Erinnerung!

Ich hab mit einem Taschentuche lang gewinkt,
als sich die Tür der Heimat
hinter dir für immer schloss,
und dieses weiße Taschentuch
flatterte wie ein Schmetterling
über deinem Haupte, als du schliefst,
es flattert wie ein Kohlweißling
über deinem Namen auf dem Grab.

 

Sep 15 18

Der Mann mit dem zerbeulten Hut

Der Mann mit dem zerbeulten Hut
auf den schwarzen Locken
bietet an der belebten Straße
Äpfel und Rosen feil,
saure Mägde der roten Sonne,
süße Königinnen der purpurnen Stille.

Ich grüße ihn und er grüßt mich.
Kürzlich kaufte ich ein Säckchen Äpfel der Sorte Boskop,
er klagte über die Dürre der Felder
unter der sengenden Hitze
und daß er viele Rosenstöcke ersetzen mußte.
Er ist wohlhabend, doch nachlässig gekleidet,
er ist stämmig, doch schüchtern und leise,
er ist leidenschaftlich, doch einsam,
nein, davon wisse er nichts,
sagte er erstaunt,
als ich ihm mit irgendeiner Nachricht kam,
er lese keine Zeitung,
sein Fernseher sei kaputt.

Der Mann mit dem zerbeulten Hut
auf den schwarzen Locken
führt seinen alten struppigen Dackel aus,
wartet geduldig, wo er schnuppert und pinkelt,
redet auf ihn ein, wenn er sich müde
ins dürftige Gras des Hofes streckt,
bückt sich und nimmt ihn auf den Arm.

Der Mann mit dem zerbeulten Hut
auf den schwarzen Locken
geht mit seinem alten Hündchen
auf dem Arm nach Hause.

 

Sep 14 18

Francis Jammes, Cette personne a dit des méchancetés

Cette personne a dit des méchancetés :
Alors j’ai été révolté.

Et j’ai été me promener près des champs
où les petits brins d’herbes ne sont pas méchants,
avec ma chienne et mon chien couchants.

Là, j’ai vu des choses qui jamais
n’ont dit aucune méchanceté,
et de petits oiseaux innocents et gais.

Je me disais, en voyant au-dessus des haies
s’agiter les tiges tendres des ronciers :
ces feuilles sont bonnes. Pourquoi y a-t-il des gens mauvais ?

Mais je sentais une grande joie
dans ce calme que tant ne connaissent pas,
et une grande douceur se faisait en moi.

Je pensais : oiseaux, soyez mes amis.
Petites herbes, soyez mes amies.
Soyez mes amies, petites fourmis.

Et là-bas, sur un champ en pente,
auprès d’une prairie belle et luisante,
je voyais, près de ses bœufs, un paysan

qui paraissait glisser dans l’ombre claire
du soir qui descendait comme une prière
sur mon cœur calmé et sur la terre.

 

Da hat einer böse Sachen gesagt

Da hat einer böse Sachen gesagt.
Dagegen hab ich mich empört.

Und ich machte mich auf Richtung Felder,
wo die Hälmchen der Kräuter sich ohne Bosheit biegen,
mit meiner Hündin und meinem Hund,
die sich an mich schmiegen.

Dort sah ich ins Antlitz von Dingen,
die keinen Mund für Häme haben,
sah kleine Vögel froh ihre Unschuld singen.

Ich sagte mir beim Blick über das Spalier,
wo sich die zarten Brombeerzweige wiegen:
Diese Pflanzen sind gut. Warum hat es böse Leute hier?

Doch ward von großer Freude ich voll
in dieser Stille, von der so viele nichts wissen,
und war eine Süße, die in mir quoll.

Ich dachte: Vögel, seid meine Freunde.
Seid meine Freunde, Kräuter, ihr leisen.
Seid meine Freundinnen, kleine Ameisen.

Da unten auf einem abschüssigen Feld,
nahe einer schönen, leuchtenden Wiese,
sah ich einen Bauer bei seiner Herde.

Er schien zu gleiten im lichten Schatten
des Abends, der sich wie ein Gebet senkte
herab auf mein stilles Herz, herab auf die Erde.

 

Sep 13 18

Semantischer Antinaturalismus V

Bemerkungen über basale Annahmen

Wir sehen keine Farbflecken und nicht ihre Umrisse, sondern eine blaue Vase, wir sehen keine Flächen und auch keine Volumina, sondern eine grüne Abfalltonne, wir sehen keine bunten Muster, sondern einen Teppich. Von der Vase sagen wir, sie sei blau und oval, von der Abfalltonne sie sei grün und kastenförmig, vom Teppich, er habe Muster.

Wir sehen, daß die blaue Vase aus Glas besteht, und wissen daher, daß sie zerbrechlich ist, das heißt in Scherben geht, wenn sie zu Boden fällt.

Wenn wir sehen können, daß dies eine blaue Vase ist, impliziert Sehen eine Form des Wissens. Das zeigt sich daran, daß wir uns in der Annahme, die Vase sei blau, irren können, weil sie sich unter optimalen Lichtverhältnissen als grau zu erkennen gibt, oder daß es sich um keine Vase handelt, sondern um ein Trinkgefäß, das man freilich als Blumenvase benutzen kann.

Wir können demnach unter optimalen Bedingungen sehen und wissen, was uns vor Augen steht. Die Annahme, daß es sich bei dem Gegenstand vor uns um ein blaues Gefäß handelt, gilt uns als evident, weil sie keine Annahme darstellt, die wir weiter begründen oder aus als wahr vorausgesetzten weiteren Annahmen ableiten müßten, um sie für wahr zu halten.

Wenn wir sehen können, daß das blaue Gefäß auf dem Tisch aus Glas besteht, wissen wir zugleich, daß es zerbrechlich ist, denn eine wesentliche Eigenschaft von Glas ist eben die, zerbrechlich zu sein. Wir können demnach aufgrund der visuellen Wahrnehmung nicht nur eine Annahme hinsichtlich des Gesehenen machen, die augenscheinlich wahr ist, sondern auch eine Annahme folgern, die sich aus dem Wissen um eine wesentliche Eigenschaft des Gesehenen ergibt.

Und diese Annahme führt uns über den Gesichtskreis des Sichtbaren oder der Gegenwart zu dem, was wir möglicherweise oder in Zukunft sehen können, das heißt zu der Voraussage, daß die Vase zerbrechen wird, falls sie zu Boden fällt.

Wenn wir sehen, daß die Vase zu Boden stürzt, wissen wir, daß sie in viele Scherben zersplittert. Wenn wir die Scherben der Vase auf dem Boden bemerken, wissen wir, daß die Vase vom Tisch gefallen ist.

Und diese Annahme führt uns wiederum aus dem Gesichtskreis des Sichtbaren oder der Gegenwart zu dem, was geschehen ist oder sich in der Vergangenheit vor unseren Augen zugetragen hat, das heißt zu der Erinnerung daran, daß die Vase zu Boden gefallen ist.

Die Scherben am Boden sind ein Indiz oder Zeugnis des kürzlich vorausgegangenen Ereignisses, das wir in dem Satz erfassen: „Gerade eben ist die Vase vom Tisch gefallen.“ Dieser Satz drückt eine Erinnerung an das kürzlich eingetretene Ereignis aus, das wir selbst beobachtet haben. Diese Form der Erinnerung oder Vergegenwärtigung an nahe zurückliegende Ereignisse gilt uns als bewährtes Wissen. Nicht aber, wie wir einschränkend bemerken müssen, die Erinnerung an Ereignisse, deren Augen- und Ohrenzeuge wir selbst nicht waren und für deren Bestätigung wir auf das mehr oder weniger verläßliche Zeugnis anderer angewiesen sind.

Unsere Annahme, daß die Vase eben zu Boden gefallen ist, wird dadurch nicht gewisser, daß andere sie bestätigen können, weil sie ebenfalls Augenzeugen des Ereignisses waren, im Gegensatz zu der Erinnerung daran, vor vier Wochen in dieser oder jener Straße zufällig auf einen alten Bekannten gestoßen zu sein, die durch die Bestätigung des Bekannten einen höheren Grad von Gewißheit erlangt.

Unsere Annahme, daß diese Vase zu Bruch gehen wird, wenn sie zu Boden fällt, ist eine Folgerung aus dem Wissen um die Zerbrechlichkeit von Glas und insofern basal. Wenn wir die Bedingung ihrer Akzeptanz einschränken, indem wir beispielsweise mögliche Fälle von bruchsicherem Glas berücksichtigen, erhalten wir statt der Folgerung aus der wesentlichen Eigenschaft eine induktive Vermutung über die mehr oder weniger hohe Wahrscheinlichkeit darüber, daß die Vase zerbrechen wird oder nicht, und diese Vermutung ist natürlich nicht mehr basal, sondern relativ auf die Varianz solcher Bedingungen, wie der Tatsache, daß die Vase aus bruchsicherem Glas besteht oder daß sie von einem Tisch im Garten auf den weichen Untergrund von Moos fallen wird.

Die unmittelbare Wahrnehmung des gläsernen Behälters als Vase, die Erinnerung an das kürzlich beobachtete Herabfallen der Vase sowie die Voraussage ihres Zerbrechens sind demnach unter definierten optimalen Bedingungen basal und nicht abgeleitet.

Optimale oder geeignete Bedingungen dafür, daß wir aufgrund unserer visuellen Wahrnehmung, unserer Erinnerung und unserer Voraussicht zu gewissen und damit basalen Annahmen über die Gegenwart, die (nahe) Vergangenheit und die (nahe) Zukunft kommen, sind beispielsweise unser Sehvermögen und die gute Sichtbarkeit des Objekts, die Gesundheit oder Funktionstüchtigkeit unseres Kurzzeitgedächtnisses sowie unsere Fähigkeit, logische Folgerungen gemäß gültigen Schlußregeln zu ziehen.

Zu den elementaren Bedingungen unserer Fähigkeit, zu basalen Annahmen zu kommen, gehören die Strukturen von Raum und Zeit, wonach die Vase ein räumliches Objekt ist, das sich in der Zeit verändert, oder das Wirken der Schwerkraft, wonach die Vase in erdnaher Umgebung nicht in der Luft schwebt, sondern auf dem Tisch steht oder zu Boden fällt.

Das Sehvermögen können wir anhand eines Sehtests bestimmen, und dessen Kriterien für ein optimales Sehvermögen sind objektiv gegenüber unseren subjektiven Maßstäben guten und schlechten Sehens. Die Funktionstüchtigkeit des Kurzzeitgedächtnisses ermitteln wir anhand von psychologischen Tests, und deren Maßstäbe von der Korrektheit der Erinnerung sind objektiv gegenüber unseren subjektiven Einschätzungen. Die logische Kompetenz können wir anhand logischer Tests wie der Anwendung der Wahrheitstafeln auf beliebige Aussagevariable prüfen, und die Kriterien der Korrektheit der so ermittelten logischen Schlüsse sind objektiv gegenüber unseren subjektiven Einschätzungen von richtigen und falschen Schlußfolgerungen.

Die visuelle Kompetenz des Farbenblinden können wir nicht zum Maßstab der Fähigkeit machen, die Farbskala im Gesichtsfeld zu bestimmen; die herabgeminderte Gedächtnisleistung des Dementen nicht zum Maßstab für ein gesundes Erinnerungsvermögen und die Ignoranz des Debilen nicht zum Maßstab für die Kompetenz logischer Folgerung.

Die Tatsache, daß wir unsere Objektwahrnehmung und unsere Farbskala auf die Weise bestimmen, wie wir es nun einmal tun, können wir nicht wiederum rechtfertigen und als korrekt in einem absoluten Sinne verstehen; wir können uns ohne Verlust an logischer Kohärenz Lebensformen ausmalen, in denen es diese Form der Objektwahrnehmung und Farbeinteilung nicht gibt.

Wir können anhand unserer Wahrnehmung von Dingen und Ereignissen nicht Annahmen der Art beweisen oder rechtfertigen, daß solche Dinge und Ereignisse in der Außenwelt existieren; denn die basale Annahme, daß die Dinge und Ereignisse unabhängig von unserer Wahrnehmung existieren, ist die Voraussetzung beispielsweise für unsere Annahme, daß wir den Computer am Morgen dort wieder vorfinden, wo wir ihn abends verlassen haben.

Wir können anhand unserer Erinnerung an das beobachtete Herabfallen der Vase nicht die Annahme beweisen oder rechtfertigen, daß es eine Vergangenheit gibt; denn die basale Annahme, daß bestimmte Ereignisse vergehen oder vergangen sind, ist die Voraussetzung beispielsweise für unsere Annahme, daß die Vase soeben vom Tisch gefallen ist.

Die Gültigkeit logisch korrekter Schlußfolgerungen können wir aus demselben Grund nicht beweisen, aus dem wir sie nicht bezweifeln können, ohne ihre Gültigkeit vorauszusetzen; denn aus der Annahme, daß all unsere logischen Folgerungen fragwürdig sind, folgt die Annahme, daß die Annahme, daß alle unsere logischen Schlußfolgerungen fragwürdig sind, fragwürdig ist.

Nehmen wir an, wir träumen, wenn wir die blaue Vase auf dem Tisch sehen, wir träumen, wenn wir sehen, wie sie hinunterfällt und zu Bruch geht, und wir träumen, wenn wir uns daran zu erinnern glauben, daß die Vase soeben vom Tisch gefallen ist. Wir könnten sagen: Na und? Denn wenn wir unsere Träume sorgfältig protokollieren, sind alle Beschreibungen mit den Beschreibungen identisch, die wir von den Dingen und Ereignissen geben, ohne die Traumhypothese aufzustellen. Sie hat demnach keine Relevanz für das, was wir erfahren, und für das, was wir sind, und kann getrost ohne Verlust an erklärender Kraft gestrichen werden.

Wir können sagen, daß die basalen Annahmen über unsere Wahrnehmungen, Erinnerungen und Erwartungen eine normative Kraft haben, insofern wir sie als Maßstäbe benutzen, um andere Annahmen des jeweils selben Typs zu bestätigen oder zu korrigieren. So kann die Vase nicht an derselben Stelle rot sein, an der wir einen blauen Farbeindruck haben, sie muß von oben betrachtet kreisförmig erscheinen, wenn sie von vorne betrachtet bauchig aussieht, ihre Scherben können sich nicht in Luft aufgelöst haben, wo wir sie am Boden haben liegen sehen, sie kann nicht zur Decke schweben, wenn wir sie über die Tischkante rücken, und die Gesamtheit ihrer Scherben muß dasselbe Gewicht aufweisen wie in unbeschädigtem Zustand.

Annahmen, die unseren basalen Annahmen widersprechen, halten wir für irrational oder widervernünftig; basale Annahmen, die der Ausdruck unserer kognitiven Fähigkeit sind, unter optimalen Bedingungen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Voraussagen zu beschreiben, halten wir für rational oder vernünftig.

Doch ist die Vernunft kein Tischlein-deck-dich, welche die blaue Vase unserer Wahrnehmung auf magische Weise mit den Blumen von Sinn und Bedeutung dekoriert. Vielmehr ist die Vernunft nichts als die alltägliche Rede, mit der wir unsere basalen Annahmen ausdrücken und auf ihre Bedingungen beziehen. Sie schnurrt demnach tautologisch auf den Begriff unserer kognitiven Fähigkeiten zusammen, deren Funktionstüchtigkeit wir voraussetzen, wenn wir uns auf unsere basalen Annahmen verlassen. Dies ist genauso zirkulär, wie wenn wir auf die Frage, woher wir wissen, daß auf dem Tisch eine blaue Vase steht, antworten, daß wir es sehen.

Das ist ein ähnlich ernüchterndes Ergebnis, wie das, was wir aufbieten, um demjenigen Paroli zu bieten, der uns mit Behauptungen kommt wie derjenigen, seine kognitiven Fähigkeiten seien identisch mit neuronalen Vorgängen in seinem Gehirn. Wir können ihn nur darauf hinweisen, daß er es ist, was immer in seinem Gehirn geschieht, wenn er das Ding auf dem Tisch für eine blaue Vase hält, der sagt, dies sei eine Vase und die Vase sei blau.

Die basale Annahme, das Ding dort sei eine blaue Vase, beruht demnach nicht nur auf der Bedingung, daß wir über hinreichende visuelle Wahrnehmungsfähigkeiten verfügen, sondern darüber hinaus auf der Bedingung, daß wir eine Sprache erlernt haben und verwenden, durch die wir mit der Einteilung des visuellen Farbraums vertraut wurden. Denn wenn uns einer mit der Behauptung überrascht, dies Ding, das wir als blaue Vase sehen, sei in seinen Augen eine grüne Vase, gehen wir davon aus, daß entweder etwas mit seiner Sehfähigkeit nicht in Ordnung ist oder daß er sich einer anderen Sprache bedient als wir.

Wäre derjenige, der dies Ding als grüne Vase bezeichnet, ein eineiiger Zwilling dessen, der sie als blaue Vase bezeichnet, könnten wir die sich in den beiden Äußerungen manifestierende abweichende Semantik nicht durch die neuronalen Vorgänge in beider Gehirn erklären, denn diese wären gleich. Folglich ist sie eine Folge eines unterschiedlichen Sprachgebrauchs, wonach der eine ein anderes Farbvokabular anwendet als der andere.

Daraus folgt, daß der semantische Gehalt solcher Wahrnehmungssätze keine eindeutige Funktion derjenigen neuronalen Vorgänge ist, die der Wahrnehmung zugrundeliegen.

In einer Kultur, in der keine Gefäße aus Glas gefertigt würden, um sie mit Blumen zu schmücken, verfügten wir über kein sprachliches Weltbild, das uns aufgrund der Wahrnehmung dieses blauen Dings zu der Annahme veranlassen würde, dort stehe eine blaue Vase auf dem Tisch. Demnach ist diese Annahme basal in Bezug auf das sprachliche Weltbild unserer Kultur.

Das kann nicht heißen, daß die Existenz blauer Vasen eine interne Relation zu einer Bedeutung hat, die es nur in unserem kulturellen Weltbild gibt.

Wenn der Angehörige einer fremden Kultur sagt, was er vor sich sieht, wo wir eine blaue Vase sehen, sei das Bild einer Gottheit, könnten wir keine prinzipiellen Einwände erheben, denn wir wissen nichts von seiner Mythologie.

Wenn allerdings dieselbe Person sagt, dies Ding sei bloß ein profaner Gebrauchsgegenstand und dies Ding sei das Bild einer Gottheit, hätten wir Zweifel an der Kohärenz dieser Aussagen.

Sagt jemand, dadurch, daß die Vase vom Tisch gefallen und zu Bruch gegangen ist, sei ein Sakrileg geschehen, das gesühnt werden müsse, würden wir ihn im Rahmen unserer basalen Annahmen und unseres sprachlichen Weltbilds vielleicht für verrückt halten. Aber wir könnten nicht sagen, seine Annahme sei falsch.

Würden wir zugestehen, daß der neuronale Vorgang, der unserer visuellen Wahrnehmung der blauen Vase zugrundeliegt, fähig wäre, einen mentalen Inhalt, nämlich ein Bild oder eine Vorstellung des Dings, das wir Vase nennen, zu generieren, könnten wir nicht wissen, ob dieser Inhalt mit dem semantischen Gehalt der Äußerung, dies sei eine blaue Vase, identisch ist. Denn um zu wissen, daß ein mentales Bild eine blaue Vase repräsentiert, müssen wir mehr haben als dieses Bild, und zwar den referentiellen Bezug des Bilds auf das, was es darstellt.

Wir nehmen kein Bild und auch keine sensorischen Daten wahr, wenn wir eine blaue Vase sehen, sondern eine blaue Vase.

Nehmen wir an, wir sehen nur, was uns die neuronalen Vorgänge im Gehirn als sensorischen Output zur Verfügung stellen, müssten wir annehmen, unsere Sinneseindrücke seien Wirkungen von Ursachen, von denen wir nicht wissen können, was sie an sich in der sogenannten Außenwelt sind.

Doch wenn wir den Mythos der mentalen Bilder aufgeben, kommen wir dahin, schlicht zu sagen, daß wir die Dinge sehen, wie sie sind.

Der schlaue, mit einem raffinierten visuellen System ausstaffierte Roboter, der angesichts der blauen Vase den Satz ausspuckt, dort stehe eine blaue Vase, kann weder verstehen noch wissen, was er meint, auch wenn sein Statement richtig ist. Denn der von ihm generierte Satz ist die Wirkung einer kausal hervorgerufenen Mustererkennung, doch sollte sie gestört worden sein und er gibt den Satz aus, daß dort eine rote Vase stehe, käme er nicht darauf, daß er sich geirrt hat, wenn er beim nächsten Versuch den richtigen Satz zum Besten gibt.

Naturalismus ist das Esperanto der Natur, von dem er annimmt, es sei die adamitische Ursprache.

Wir können über dasselbe Ding in der Sprache der Physik, der Religion oder der Dichtung sprechen. Keine Sprache ist die Originalsprache und keine läßt sich vollständig und ohne Sinnverlust in die andere übersetzen.

Doch das heißt nicht, daß die physikalische Beschreibung der Vase, ihr ritueller Gebrauch zum Schmuck des Altars oder ihre metaphorische Deutung als Gefäß vergänglicher Schönheit sich jeweils auf ein anderes Ding als die blaue Vase beziehen, die wir vor uns sehen.

 

Sep 12 18

Francis Jammes, Prière pour aller au paradis avec les ânes

Lorsqu’il faudra aller vers vous, ô mon Dieu, faites
que ce soit par un jour où la campagne en fête
poudroiera. Je désire, ainsi que je fis ici-bas,
choisir un chemin pour aller, comme il me plaira,
au Paradis, où sont en plein jour les étoiles.
Je prendrai mon bâton et sur la grande route
j’irai, et je dirai aux ânes, mes amis :
Je suis Francis Jammes et je vais au Paradis,
car il n’y a pas d’enfer au pays du Bon Dieu.
Je leur dirai : ” Venez, doux amis du ciel bleu,
pauvres bêtes chéries qui, d’un brusque mouvement d’oreille,
chassez les mouches plates, les coups et les abeilles.”
Que je Vous apparaisse au milieu de ces bêtes
que j’aime tant parce qu’elles baissent la tête
doucement, et s’arrêtent en joignant leurs petits pieds
d’une façon bien douce et qui vous fait pitié.
J’arriverai suivi de leurs milliers d’oreilles,
suivi de ceux qui portent au flanc des corbeilles,
de ceux traînant des voitures de saltimbanques
ou des voitures de plumeaux et de fer-blanc,
de ceux qui ont au dos des bidons bossués,
des ânesses pleines comme des outres, aux pas cassés,
de ceux à qui l’on met de petits pantalons
à cause des plaies bleues et suintantes que font
les mouches entêtées qui s’y groupent en ronds.
Mon Dieu, faites qu’avec ces ânes je Vous vienne.
Faites que, dans la paix, des anges nous conduisent
vers des ruisseaux touffus où tremblent des cerises
lisses comme la chair qui rit des jeunes filles,
et faites que, penché dans ce séjour des âmes,
sur vos divines eaux, je sois pareil aux ânes
qui mireront leur humble et douce pauvreté
à la limpidité de l’amour éternel.

 

Gebet, mit den Eseln ins Paradies zu kommen

Wenn zu dir, mein Gott, ich gehen soll, so mache,
daß an diesem Tag die Landschaft lache
im Staub. Mein Wunsch ist, wie ich tat hienieden,
einen Wag zu wählen, der mich macht zufrieden,
ins Paradies, dort wo auch Tags die Sterne leuchten.
Ich nehme meinen Stecken und auf der großen Straße
will ich gehen, will zu den Eseln, meinen Freunden, sagen:
Ich bin Francis Jammes, will den Weg ins Paradies nun wagen,
da ist keine Hölle im Land des lieben Gottes, die ich scheue.
Ich sage ihnen: „Auf, sanfte Freunde der Himmelsbläue,
ihr armen Tiere, geliebte, die ihr mit einem jähen Ruck des Ohrs
Fliegen scheucht, Hiebe und Gebrumm des Bienenchors.“
Ich will meine Schritte zu Dir inmitten dieser Tiere lenken,
die ich so liebe, weil sie ihre Köpfe sachte senken,
und wenn sie stehen bleiben, ihre kleinen Hufe mild
aneinanderschmiegen, daß man Mitleid fühlt.
Im Gefolge ihrer tausend Ohren will ich schreiten,
der Scharen, die Körbe tragen an den Seiten,
die den Gauklern ihre Wagen ziehen,
sich vor Wagen mit Wedeln und Blech abmühen,
auf deren Rücken verbeulte Kanister blinken,
und die wie Schläuche schwellen, Eselinnen, die hinken,
denen man Fetzen warf über den Rücken,
wegen der Striemen, blau und nässend, Mücken
machen sie störrisch, Schwärme, die bedrücken.
Laß mich, mein Gott, zu dir mit diesen Eseln kommen.
Laß deine Engel im Frieden uns umschweben
und zu umbuschten Bächen bringen, wo Kirschen beben,
glatt wie junge Mädchenhaut, die lacht,
laß mich, gebeugt in diesem Seelenheim
über Deine göttlichen Wasser gleich den Eseln sein,
die ihre demutsanfte Armut spiegeln
in der Klarheit der ewigen Liebe.

 

Sep 11 18

Francis Jammes, Je m’embête

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

Je m’embête ; cueillez-moi des jeunes filles
et des iris bleus à l’ombre des charmilles
où les papillons bleus dansent à midi,
parce que je m’embête
et que je veux voir de petites bêtes
rouges sur les choux, les ails (on dit aulx), les lys.
Je m’embête.

Ces vers que je fais m’embêtent aussi,
et mon chien se met à loucher, assis,
en écoutant la pendule
qui l’embête comme je m’embête.
Vraiment ces trois cils de ce chien de chasse,
de ce chien de poète,
sont cocasses.

Je voudrais savoir peindre. Je peindrais
une prairie bleue, avec des mousserons,
où des jeunes filles nues danseraient en rond
autour d’un vieux botaniste désespéré,
porteur d’un panama et d’une boîte verte
et d’un énorme filet
à papillons vert.

Car j’apprécie les jeunes filles
et les gravures excessivement coloriées
où l’on voit un vieux botaniste éreinté
qui longe un torrent et se dirige
vers l’auberge.

 

Mir ist so öde

Mir ist so öde; ihr sollt mir junge Mädchen suchen
und blaue Iris im Schatten der Hagebuchen,
wo blaue Falter zur Mittagstunde schwirren,
denn mir ist so öde,
und darum will ich rötliche Insekten sehen
auf dem Kohl, dem Lauch (Allium genannt), den Lilien.
Ich möcht vor Langeweile vergehen.

Auch dies Versemachen find ich fad,
und mein Hund, er sitzt da grad
und spitzt nach dem Pendelschlag,
das dünkt ihn fad, wie ich mich zur Stunde.
Die drei Wimpern, die diesem Jagdhund blieben,
diesem Dichterhunde,
sind ja zum Piepen.

Ich möchte gern malen können. Dann malte
ich eine blaue Wiese, mit Knoblauchschwindlingen,
wo tanzend junge, nackte Mädchen einen Blumensammler umringen,
der wär schon alt und recht verzagt,
trüg einen Panamahut und eine Botanisiertrommel, eine grüne,
und ein riesiges Netz, ein grünes,
um Falter zu fangen.

Ich mag die jungen Mädchen
und Stiche, die übertrieben koloriert sind,
auf denen man einen alten, abgehetzten Blumensammler erblickt,
der an einem Wildbach entlanggeht,
auf einen Gasthof zu.

 

Sep 10 18

Francis Jammes, Comme un chant de cloche pour les vêpres douces

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

À Madame Henri Duparc

Comme un chant de cloche pour les vêpres douces
s’arrête doucement sur la colline en mousse
près d’une tourterelle aux pattes roses,
mon âme qui chante auprès de vous se pose.

Comme un lis blanc au jardin du vieux presbytère
se parfume doucement par la douceur des pluies,
par votre douceur, qui est une rosée de taillis,
mon âme triste et douce comme un lis s’est parfumée.

Que la cloche, le lis, les pluies, la tourterelle
vous rappellent désormais un enfant un peu amer
qui passa près de vous en laissant tomber
à vos pieds son âme en roses trémières.

 

Wie zur süßen Vesper ein Lied der Glocken

Wie zur süßen Vesper ein Lied der Glocken
kommt im Moos des Hügels süß ins Stocken
bei einer Turteltaube mit den rosigen Zehen,
bleibt meine Seele singend bei dir stehen.

Wie im alten Pfarrhausgarten eine Lilie
sich füllt mit mildem Duft, strömt Regen lau,
goß deine Milde, sie ist dem Dickicht Tau,
in meine traurig-süße Seele Duft gleich einer Lilie.

Möge die Glocke, die Lilie, der Regen, die Taube
dich einst an jenes Kind gemahnen, das fast freudenlose,
das an dir vorüberging und zu deinen Füßen
seine Seele fallen ließ, die schlichte Bauernrose.

 

Sep 9 18

Semantischer Antinaturalismus IV

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Meine Aussage „Dort geht MEIN Freund Peter“ kann nicht die verbale Projektion meiner Wahrnehmung von Peter sein, denn deine Wahrnehmung von Peter resultiert in der Aussage „Dort geht DEIN Freund Peter.“

Hätte ich einen eineiigen Zwillingsbruder, so daß wir annehmen können, daß sich die neuronalen Prozesse in seinem Gehirn aufgrund unserer identischen Genausstattung nur geringfügig, aber nicht strukturell von den neuronalen Prozessen in meinem Gehirn unterscheiden, und wäre mein Bruder anders als ich nicht mit Peter befreundet, dann würde ich im entsprechenden Fall sagen: „Dort geht mein Freund Peter“ und mein Bruder: „Dort geht Peter.“

Die strukturell identische neuronale Verarbeitung der Wahrnehmung desselben Gegenstands hätte demnach bei mir und meinem Zwillingsbruder semantische Antworten zur Folge, die sich strukturell unterscheiden. Denn die Aussage „Dort geht mein Freund Peter“ besteht aus der Konjunktion der beiden Aussagen „Dort geht Peter“ und „Peter ist mein Freund“, während die Aussage meines Zwillingsbruders sich nicht in dieser Weise analysieren läßt.

Es ist bemerkenswert, daß wir Peter SEHEN beziehungsweise PETER sehen und nicht ein Lebewesen, das ein Mensch ist, der Peter heißt.

So sieht das Kind auch, wenn es gern mit dem Nachbarshund namens „Wuffeli“ spielt, kommt er ihm freudig entgegengerannt, nicht ein Tier, das ein Hund ist, der Wuffeli heißt, sondern seinen tierischen Spielkameraden Wuffeli.

Wenn du beobachtest, wie mir mein Freund Peter ein Buch überreicht, kannst du nicht SEHEN, welchen Sinn diese Geste hat: ob Peter mir, je nachdem, wie wir es verabredet hatten, das Buch schenkt oder leiht oder zurückgibt, weil ich es ihm vor zwei Wochen ausgeliehen habe.

Die Gesten sind motorische Bewegungen, die, ob sie ein Schenken, Leihen oder Zurückgeben bedeuten, DENSELBEN neurophysiologischen Input zu ihrer Ausführung erhalten; insofern kann der konventionelle oder zeremoniell geregelte Austausch von bedeutungsvollen oder zeichenhaften Gesten nicht als Funktion oder Wirkung neuronaler Prozesse differenziert dargestellt werden.

Peter könnte mir das Buch aushändigen und damit ein Geschenk machen; das Geschenk könnte aber gleichsam metonymisch als ein Zeichen derart überdeterminiert sein, daß er sich damit auch für sein ungehobeltes Gebaren oder seine schnippischen Bemerkungen bei unserer letzten Begegnung entschuldigen möchte. Die Übergabe des Buches wäre demnach beides: ein reales Schenken und eine zeichenhafte Weise der Entschuldigung.

Neurophysiologisch würden beide durch dasselbe neuronale Muster für den Input der afferenten Nervenbahnen zur Ausführung der motorischen Bewegung dargestellt, doch semantisch ist der Unterschied zwischen Geschenk und Entschuldigung nicht unerheblich. Demnach kann die semantische Überlagerung der Bedeutung bestimmter Gesten neurophysiologisch oder physikalisch nicht differenziert dargestellt werden.

Die Semantik kann nicht in die Algorithmen übersetzt werden, in denen man den Code der Neurophysiologie ausdrücken könnte, denn dieser ist rein syntaktisch gebildet.

Im Indien bedeutet die Geste, den Kopf seitwärts zu schlenkern, die bei uns nur ein Zeichen der Verneinung darstellen kann, das Gegenteil, ein Zeichen der Zustimmung. Wir können jedenfalls davon ausgehen, daß die neuronalen Muster, die den Input beider gestischen Bewegungen bewirken, sehr ähnlich sind, aber die Verwirklichung von gegensinnigen zeichenhaften Bewegungsmustern herbeiführen.

Mag die Wahrnehmung der nassen Straße mich zu dem Gedanken veranlassen, daß es geregnet hat; doch dieselbe Wahrnehmung kann auch den Gedanken herbeiführen, daß es nicht geregnet hat (weil die öffentliche Reinigung reichlich Wasser gesprengt hat).

Wie könnte der Gedanke, daß p, und der Gedanke, daß nicht p, in demselben neuronalen Muster derselben Wahrnehmung enthalten sein?

Wenn ich erfahre, daß soeben die Stadtreinigung die Straße gewässert hat, weiß ich durch einfache Folgerung, daß meine Annahme, daß es geregnet hat, falsch ist. Folgerungen sind keine Ereignisse wie das Fallen von Tropfen oder das Feuern von Neuronen; demnach kann durch das Feuern von Neuronen keine logische Folgerung dargestellt werden.

Der eine sieht in der Kippfigur der Hasen-Ente einen Hasen, der andere sieht in DERSELBEN Figur und mittels desselben visuellen Typs von Wahrnehmung, also auch aufgrund derselben neuronalen Aktivitätsmuster, eine Ente.

Wir sagen, es gibt grundlegende oder basale Annahmen, die wir keiner weiteren Prüfung unterziehen, um ihre Geltung zu untermauern, sondern hinnehmen. Solche Annahmen, wie die, daß ich einen Körper habe und der Körper von Peter der Körper einer Person ist, unterscheiden sich von gewöhnlichen Annahmen wie die, daß ich kleiner bin als mein Freund Peter oder meine Nachbarin grüne Augen hat, dadurch, daß wir ihre Geltung nicht bezweifeln oder gute Gründe für ihre Korrektur anführen können, wie das Maßnehmen, bei dem sich erweist, daß Peter genauso groß ist wie ich, oder wenn ich bei nächster Gelegenheit meiner Nachbarin tief in die Augen schaue, wobei sich herausstellt, daß sie blau sind.

Für die Annahme, daß der Körper von Peter der Körper einer Person ist und nicht wie der Körper seines Hundes ein Lebewesen, das keine Person ist, können wir keine weitergehenden Gründe der Rechtfertigung finden, denn es könnte eine Welt geben, in der Peter als ein Lebewesen aufgefaßt würde, das keine Person ist. Daher ist unsere Annahme, unsere Mitmenschen seien Personen wie wir selbst, eine basale Annahme.

Grundlegende Begriffe wie „Ich“ und „Welt“ und basale Annahmen wie „Ich habe einen Körper“ unterscheiden sich von allen anderen Begriffe und Annahmen. Wir können sie semantisch hypertroph nennen, denn anders als kontingente Begriffe und Aussagen scheinen sie apriorisch und notwendig zu sein, doch anders als logische Wahrheiten sind sie nicht tautologisch.

Wir können nicht ohne den Preis von Inkonsistenzen oder Paradoxien das Gegenteil basaler Annahmen bilden, indem wir etwa sagen: „Ich existiere nicht“, „Ich habe kein Bewußtsein“, „Ich existiere außerhalb der Welt“ oder „Ich habe keinen Körper.“

Wenn wir glauben, daß p, verhindert uns nichts, unter gegebenen Umständen oder eines Besseren belehrt, zu glauben, daß nicht p. Doch zu glauben, man existiere, impliziert, nicht glauben zu können, daß man nicht existiert. Und zu glauben, einen Körper zu haben, impliziert, nicht glauben zu können, keinen Körper zu haben.

Die Annahme, daß die Erde älter ist als wir selbst, stützen wir auf andere Annahmen, für die wir hinreichende Evidenzen und Belege haben. Die Annahme, daß wir einen Körper haben, stützen wir nicht auf derartige Belege, sondern setzen ihre Wahrheit voraus, wenn wir einen Zusammenstoß mit einem Passanten vermeiden oder einen Schmerz in unserem Fuß lokalisieren. Es erscheint uns unsinnig oder aberwitzig, aus der Tatsache, daß wir einen Zusammenstoß mit einem Passanten vermeiden oder einen Schmerz im Fuß lokalisieren, die Annahme begründen zu wollen, daß wir einen Körper haben.

Die Annahme, einen Körper zu haben, ist semantisch und begrifflich unterschieden von der Annahme, eine Wohnung oder ein Haus zu haben, das wir unser eigen nennen. Es wäre seltsam zu sagen, daß wir unseren Körper bewohnen oder daß wir unseren Körper unser eigen nennen.

Wir nennen ein Buch unser eigen oder unser Eigentum, wenn wir es verleihen oder verschenken können, was wir im wörtlichen Verstande mit unserem Körper nicht tun können. Wir können unseren Körper nicht wie ein Buch auf eine gewisse Zeit verleihen, bis er uns fristgerecht wieder zurückgegeben wird.

Was mein ist, könnte auch dein sein, doch gilt dies nicht von meinem oder deinem Körper.

Die Rede von meinem oder deinem Körper ist semantisch hypertroph.

Wir sagen nicht „Mein Körper ist gefallen“, sondern „Ich bin gefallen“, wir sagen nicht „Meine Hand hat sich verletzt“, sondern „Ich habe mir die Hand verletzt.“

Ich kann an der Garderobe meinen Mantel mit deinem Mantel verwechseln, aber nicht deinen Körper mit meinem.

Wenn wir erwachen, finden wir nicht unseren Körper wieder, wie wir unseren Mantel nach dem Konzert in der Garderobe wiederfinden. Erwachend erlangen wir mehr oder weniger allmählich das Bewußtsein zurück, indem wir uns der Lage, der Schwere und der Grenzen unseres Körpers bewußt werden.

Unsere Seele ist das Medium unseres Körpers, unser Körper das Medium unserer Seele.

Wenn wir uns in den Finger geschnitten haben, sagen wir nicht, daß unser Finger Schmerzen verspürt, sondern daß wir im Finger Schmerzen verspüren.

Wenn unsere Organe durch neuronale Muster im Gehirn repräsentiert und der Zusammenhang unserer Organe oder unser Körper durch eine Art Hyper-Muster im Gehirn repräsentiert werden, würde uns der Schmerz in einem Organ zu der Aussage veranlassen „Da ist ein Schmerz im Zeigefinger der linken Hand“ oder zu der Aussage „Im Zeigefinger der linken Hand dieses Körpers ist ein Schmerz“, doch nicht notwendigerweise zu der Aussage „Ich empfinde im Zeigefinger meiner linken Hand einen Schmerz.“

Sätze wie „Ich habe einen Körper“ gleichen einer semantischen Wucherung.

Der schizophrene Patient glaubt, er habe den falschen Körper oder er habe einen fremden Körper oder er sei fremd in seinem Körper. Er verstrickt sich in den Zweifel, ob er es ist, dessen Lippen sich bewegen und dessen Mund spricht.

Die Sibylle, die in einer Art Trance nicht eigene Worte, sondern Worte Apolls spricht, glaubte, der Gott habe sich ihres Körpers bemächtigt und ihre Mund spreche die von ihm eingegebenen Worte nach, wie es metaphorisch im Bild ihrer Vergewaltigung durch den Gott ausgedrückt wird.

Ich spüre, mit welchem Gewicht mein Körper auf dem Bett lastet. Doch das heißt mehr als zu wissen, daß mein Körper mit einem bestimmten Gewicht auf dem Bett lastet, wie ein dickes Buch sich aufgrund seines Gewichts in die Matratze eingräbt.

Den eigenen Körper wie etwa seine Schwere zu fühlen ist etwas anderes, als um seinen Körper und sein Gewicht zu wissen.

Das Körpergefühl ist eine Form des Selbstgefühls.

Lebten wir in der Schwerelosigkeit, hätten wir gegenüber unserem jetzigen Zustand ein vermindertes Selbstgefühl.

Die Beschreibung der Welt, die aus der bloßen Beobachtung der Tatsachen resultiert, beispielweise der Tatsachen hinsichtlich unserer Bewegungen und Verrichtungen, bliebe gleich, wenn wir weder über ein Selbstgefühl noch ein Körpergefühl verfügen würden. Es wäre eine Beschreibung aus rein naturalistischer Weltsicht. Folglich kann der Naturalismus kein Weltbild beschreiben, das unsere subjektive Existenz als integralen Bestandteil enthält.

Die naturalistische Weltbeschreibung enthielte alle Aufzeichnungen über die körperliche Beschaffenheit sowie die Bewegungen, Verrichtungen und Tätigkeiten deines Körpers, doch könnte sie dir diese Beschreibungen nicht als Beschreibungen deiner Person zusprechen, auch wenn sie korrekterweise auf dich zuträfen. Eine vollständige Beschreibung enthielte beispielsweise nicht nur die objektive Beschreibung deiner Hand und ihrer Bewegungen, sondern auch die Tatsache, daß es sich um DEINE Hand und DEINE Bewegungen handelt.

Im schizophrenen Weltbild hat sich das Selbstgefühl mehr oder weniger gravierend vom Körpergefühl abgelöst. In der paranoiden Variante dieses Weltbilds verschwimmen die Grenzen des Körpergefühls auf derart dramatische Weise, daß der Patient Personen oder andere Lebewesen der Umwelt in die porösen Grenzen seines Körpergefühls aufnimmt. Die Angst, von fremden Agenten aus dem Fernseher oder dem Computer heimgesucht oder von Mikroben und Parasiten zerfressen oder vergiftet zu werden, ist ein typischer Ausdruck der schizophrenen Diffusion des Körpergefühls und des Zerfalls des Selbstgefühls.

Die Diffusion des Körpergefühls kann als Zerfall des Selbstgefühls und vice versa beschrieben werden.

Wenn man vor dem Spiegel steht und mit dem Zeigefinger auf sein Spiegelbild deutet, zeigt man nicht auf sich selbst. Man muß die Zeigerichtung umkehren.

Ähnlich ist es mit dem Kranken und der Verschiebung und Abweichung zwischen seinem Körpergefühl und seinem Selbstgefühl. Er muß die Richtung seines Fühlens umkehren.

Wir können das Richtungsgefühl weder gewaltsam umbiegen noch aufgrund von Argumenten beeinflussen, wie ja der Paranoiker noch so geduldig vorgetragene Gründe für die Harmlosigkeit der Personen, von denen er sich verfolgt fühlt, mit dem Hinweis beiseitewischt, daß derjenige, der sie vorbringt, ihre verborgene Gefährlichkeit nicht bemerkt, von ihnen hinters Licht geführt oder bestochen worden ist.

Man kann dem Kind, das vergebens versucht, den rechten Handschuh über die linke Hand und den linken Handschuh über die rechte Hand zu stülpen, zeigen, wie es umgekehrt funktioniert.

In einer rein objektiv-naturalistischen Beschreibung können wir deiktische Ausdrücke wie „hier“ und „dort“, „links von diesem Baum“ und „rechts von jenem Turm“ sowie zeitliche Indikatoren wie „soeben“, „gleich darauf“ oder „bald“ nicht unterbringen, weil in ihr der Ort des Subjekts oder der Person fehlt.

Notwendige oder apriorische Zusammenhänge in der logischen Abfolge von Sätzen wie der Bejahung einer Aussage aufgrund ihrer doppelten Verneinung oder die Plausibilität und der induktive Wert einer Vermutung aufgrund des Überblicks über eine Reihe von regelmäßig eingetroffenen Ereignissen können in der objektiv determinierten Abfolge neuronaler Ereignisse nicht ausgedrückt werden. Die begriffslogische Folge von Sätzen kann nicht durch eine neurologische Abfolge von Ereignissen dargestellt werden.

Unsere alltäglichen Bewegungen, Verrichtungen und Tätigkeiten sind Resultate eines harmonischen Gleichgewichts von Leibempfindung und Selbstgefühl. Wir stülpen die Handschuhe über die Hände und fühlen, daß sie passen. Sehend und hörend finden wir unseren Weg durch das Gewühl der Menge. Wir bleiben bei Rot stehen und gehen bei Grün weiter.

Diese Bewegungen, Verrichtungen und Tätigkeiten könnten in einer naturalistischen Weltbeschreibung als Bewegungen von Robotern ohne Leibempfindung und Selbstgefühl dargestellt oder simuliert werden.

Den Hilferuf der alten Dame, der in der Einkaufspassage die Geldbörse gestohlen wird, verstehen die Passanten als Aufforderung, ihr zu Hilfe zu eilen und den flüchtenden Räuber zu verfolgen und zu stellen. Der Hilferuf, geäußert von einem Schauspieler auf der Theaterbühne, wird von den Zuschauern nicht als Aufforderung verstanden, auf die Bühne zu stürmen und ihm zu Hilfe zu eilen. Der erste Hilferuf ist die nichtfiktive Sprachhandlung einer Aufforderung, während der Kontext des zweiten Hilferufs die Bedingung einer echten Aufforderung nicht erfüllt, sondern diese wie die Erwähnung eines sprachlichen Ausdrucks im Gegensatz zu seiner direkten Äußerung in Anführungszeichen, wir können sagen, in die Anführungszeichen der Fiktion, setzt.

Die Passanten eilen zu Hilfe, WEIL die überfallene Dame um Hilfe gerufen hat, die Zuschauer eilen nicht zu Hilfe, OBWOHL der Mensch auf der Bühne um Hilfe gerufen hat. Semantische und logisch-grammatische Unterschiede dieser Art fallen gleichsam durch die zu weit oder grob gestrickten Maschen einer naturalistischen Weltbeschreibung.

 

Sep 8 18

Francis Jammes, Il va neiger dans quelques jours

Il va neiger dans quelques jours.
Je me souviens de l’an dernier.
Je me souviens de mes tristesses au coin du feu.
Si l’on m’avait demandé : qu’est-ce ?
J’aurais dit : laissez-moi tranquille. Ce n’est rien.

Ce n’est rien. J’ai bien réfléchi, l’année avant, dans ma chambre,
pendant que la neige lourde tombait dehors.
J’ai réfléchi pour rien.
A présent comme alors je fume une pipe en bois avec un bout d’ambre.

Ma vieille commode en chêne sent toujours bon.
Mais moi j’étais bête parce que ces choses ne pouvaient pas changer
et que c’est une pose de vouloir chasser les choses que nous savons.

Pourquoi donc pensons-nous et parlons-nous ?
C’est drôle; nos larmes et nos baisers, eux, ne parlent pas
et cependant nous les comprenons,
et les pas d’un ami sont plus doux que de douces paroles.

On a baptisé les étoiles sans penser qu’elles n’avaient pas besoin de nom,
et les nombres qui prouvent que les belles comètes dans l’ombre passeront,
ne les forceront pas à passer.

Et maintenant même, où sont mes vieilles tristesses de l’an dernier ?
A peine si je m’en souviens.

Je dirais : laissez-moi tranquille, ce n’est rien,
si dans ma chambre on venait me demander : qu’est-ce ?

 

In einigen Tagen gibt es Schnee

In einigen Tagen gibt es Schnee.
Ich erinnere mich an letztes Jahr.
Ich erinnere mich, wie traurig ich am Herd saß.
Hätte mich einer gefragt: „Was ist los?“,
ich hätte gesagt: „Es ist nichts. Laß mich in Ruhe!“

Ich habe im letzten Jahr in meinem Zimmer viel nachgedacht,
während draußen dicke Schneeflocken fielen.
Ich habe vergebens nachgedacht.
Jetzt rauche ich wie damals meine hölzerne Pfeife mit dem Mundstück aus Bernstein.

Meine alte eichene Anrichte verströmt wie stets ihren Wohlgeruch.
Doch ich war dumm, denn solche Dinge ändern sich nicht,
und es ist nur Getue, etwas verscheuchen zu wollen, was uns vor Augen steht.

Weshalb also denken, weshalb reden?
Ist doch komisch: Unsere Tränen und unsere Küsse, sie reden nicht,
und doch verstehen wir sie,
und die Schritte eines Freundes klingen süßer als seine süßen Worte.

Man gab den Sternen Namen, ohne zu bedenken, daß sie ohne Namen auskommen,
und die Kalenderdaten, nach denen die schönen Kometen durch das Dunkel streifen,
können sie nicht zwingen vorüberzustreifen.

Und nun, wo ist auf einmal meine alte Trauer aus dem letzten Jahr hin?
Ich erinnere mich kaum noch daran.

Ich würde sagen: „Es ist nichts. Laß mich in Ruhe!“,
käme einer in mein Zimmer und fragte: „Was ist los?“

 

Sep 7 18

Semantischer Antinaturalismus III

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Es gibt keine semantische Brücke zwischen Sinnesdaten, Beobachtungen und Wahrnehmungen sowie den sie zum Ausdruck bringenden Protokoll-, Beobachtungs- und Wahrnehmungssätzen und jenen für unser Alltagsleben entscheidenden Sprachhandlungen, die wir eine Behauptung, eine Frage, eine Aufforderung, ein Versprechen oder eine Entschuldigung nennen.

Wenn ich dir den Weg weise und mit der Hand in die empfohlene Richtung zeige, kann dir die Wahrnehmung meiner ausgestreckten Hand nicht genügen, um zu verstehen, worum es hier geht.

Wenn du meine Geste verstanden hast, kannst du sie in der Form einer Behauptung oder einer Aufforderung wiedergeben, etwa: „Er weist mit der Hand in die Richtung, nach der ich gefragt habe“ oder: „Ich soll in die Richtung gehen, in die er mit der Hand zeigt.“

Wenn du einen alten Bekannten, der auf der unbelebten anderen Straßenseite geht, entdeckst und ihm „Hallo!“ zurufst (sein Name kommt dir im Moment nicht in den Sinn), wird er sich vielleicht nach dir umschauen und zögernd oder verdutzt mit dem Zeigefinger auf seine Brust deuten. Du wirst den Fingerzeig als Frage verstehen und sie etwa so wiedergeben: „Meinst du mich?“

Die Frage ist allerdings in der Wahrnehmung oder Beobachtung dieser Geste nicht enthalten.

Wie könnte man auch eine Frage wahrnehmen oder beobachten?

Gesten, die als Behauptungen, Aufforderungen oder Fragen verstanden werden können, sind keine natürlichen Ereignisse, sondern konventionelle Zeichen, die wir in entsprechende Behauptungs- und Aufforderungsätze oder Fragen übersetzen können.

Die Regeln der Übersetzung sind keine natürlichen Gegebenheiten, sondern konventionelle Festsetzungen.

Du beobachtest, wie ein Kind die heiße Herdplatte mit dem Finger berührt und laut schreiend die Hand zurückzieht und sich zu seiner Mutter flüchtet. Dies gilt uns als elementarer Vorgang des Lernens, den der Tragiker Aischylos in die Worte faßt: πάθει μάθος (pathei mathos), wir lernen durch Leiden.

Der erste Lernschritt läßt sich in der Form des folgenden praktischen Schlusses wiedergeben:

1.1 Wenn ich eine heiße Herdplatte berühre, erfahre ich Schmerzen.
1.2 Ich mag keine Schmerzen haben.
1.3 Dies ist eine heiße Herdplatte.
2 Also berühre ich sie nicht
.

Der zweite Lernschritt bedient sich zusätzlich einer induktiven Verallgemeinerung:

1.1 Alles, was heiß ist, verursacht bei Berührung Schmerzen.
1.2 Ich mag keine Schmerzen haben.
1.3 Dies ist eine heiße Herdplatte.
2 Also berühre ich sie nicht.

Das, was wir in jedem Falle wahrnehmen und beobachten können, steckt in dem Satz 1.3: „Dies ist eine heiße Herdplatte“. Der praktische Schluß inklusive der induktiven Verallgemeinerung fußt auf der in diesem Satz widergegebenen Wahrnehmung, doch weder die Schlußfolgerung noch die induktive Verallgemeinerung lassen sich aus der bloßen Wahrnehmung ableiten.

Das Kind lernt demnach nicht nur durch Konditionierung seines Verhaltens, wenn es aufgrund der einmaligen üblen Erfahrung in Zukunft die heiße Herdplatte in der Küche meidet; es lernt auch mittels Induktion, wenn es nicht nur diese, sondern in Zukunft alle heißen Herdplatten in allen Küchen meidet, und nicht nur alle heißen Herdplatten, sondern alles, was heiß ist.

Der dritte Lernschritt ergibt sich aus der Anwendung einer noch weitergehenden induktiven Verallgemeinerung, die in der Form von Maximen oder Lebensregeln resultiert:

Das Leben ist voller Gefahr.
Man kann sich auch an Menschen die Finger verbrennen.
Sei auf der Hut vor dem Feuer in dir selbst!

Diese Maximen entsprechen der „Common sense“-Weltsicht, wie wir sie bei den Weisheitslehrern des Abendlands, von Epikur bis La Rochefoucault, von Seneca bis Chamfort, antreffen. Die „Common sense“-Weltsicht ist eine Verallgemeinerung der Erfahrung des Kinds, das sich die Finger verbrannt hat. Ihre prinzipielle Annahme oder ihr nicht weiter reduzierbares Axiom besagt, das Leben sei der höchste Wert und die letzte Gewißheit.

Doch finden wir auch Maximen und Lebensweisheiten, die einer anderen Quelle und Weltsicht entstammen, die wir die mystische nennen können und bei Dichtern und Dichter-Philosophen wie Goethe, Nietzsche und Hölderlin finden:

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.
Bemesse den Wert des anderen nach dem Grad der Leidenschaft, die er in dir entzündet.
Stürze dich in die Flamme des Ursprungs, willst du verwandelt werden.

Die „Common sense“-Weltsicht gibt uns Hinweise, sich in den Grenzen der Welt, wie sie ist, einzurichten, ohne sich über ihren und den eigenen Wert zu betrügen; die mystische rennt gegen diese Grenzen an, auch wenn dieses Unterfangen aussichtslos scheint.

Maximen sind Aufforderungen, in bestimmter Weise zu handeln oder Handlungen zu unterlassen, wie die Finger von heißen Sachen zu lassen. Die Prinzipien, aus denen sie sich rechtfertigen, wie das Prinzip der Selbsterhaltung in der „Common sense“-Weltsicht und das Prinzip der Transzendenz bei der mystischen Weltsicht, können ihrerseits nicht gerechtfertigt werden, sondern sind ähnlich den Axiomen der euklidischen oder nichteuklidischen Geometrie das Resultat einer Entscheidung oder Festsetzung.

Der Naturalismus oder die Auffassung, daß die Welt aus materiellen Objekten und ihren Relationen besteht und wir selbst einschließlich unserer Gefühle, Motive und Überzeugungen in diese Kategorie gehören, scheint eine innige Verbindung zu der Weltsicht zu haben, in der das Prinzip der Selbsterhaltung das leitende darstellt.

Man kann der naturalistischen Weltsicht versuchen dadurch beizukommen, daß man ihre Begriffsstutzigkeit auf die Schippe nimmt, wenn sie Annahmen über objektive Vorgänge wie die Auslese umweltadaptiver Gene und Verhaltensprogramme mit der abstrusen Metaphysik eines Egoismus auf DNA-Ebene vermengt.

Doch selbst mit Einwänden wie dem moralischen Heroismus jener, die sich den äußersten Gefahren aussetzen oder um der Liebe willen leiden, gerät man in ähnliche Fallstricke wie auf Freuds Sofa, wo demjenigen, der nackt durch die Feuerwand der Entäußerung geschritten ist, die exzentrischen Formen der Hingabe als Formen der Selbstliebe in den Masken des Masochismus enthüllt werden.

Klarer ist es, die naturalistische Position bei ihren eigenen Voraussetzungen zu packen und ad absurdum zu führen, wenn man aufzeigt, daß sie behauptet, was zu behaupten ihre eigene Weltsicht verbietet. Denn die Annahme, daß alle Annahmen Projektionen oder Epiphänomene materieller, das heißt neuronaler Vorgänge sind, impliziert, ihnen das semantische Spezifikum, konzeptuelle Inhalte zu haben, abzusprechen.

Die Verlautbarung eines Satzes als Vorkommnis von artikulierten Lauten zu erklären, deren bezeichnende Kraft für die Erklärung keine Rolle spielen soll, ist naturalistisch und materialistisch konsequent, aber eine akademisch applaudierte Weise, sich selbst ins Bein zu schießen.

Die Aussage, keine Aussage habe einen begrifflich und semantisch autonomen Inhalt, ist eine umständliche Art, sich selbst zu widersprechen oder nichts zu sagen.

Der Naturalismus ist ein Selbstmißverständnis, insofern er seine grundlegende Annahme als Theorie über die materielle Natur des Lebens versteht. Doch ebensowenig wie die grundlegende Annahme der Psychoanalyse, das Bewußtsein sei ein Epiphänomen des Unbewußten, ein Teil der Theorie, sondern ein metaphysisches Axiom ist, das in die Erklärungen des Traums oder der Fehlleistungen eingeht, ist die naturalistische Grundannahme von der semantischen Irrealität der Sprache eine Theorie, sondern eine metaphysisches Axiom, das in die Erklärungen der sprachlichen Verständigung beispielsweise durch sogenannte verhaltenssteuernde Meme eingeht.

Begriffe wie „egoistische Gene“ oder „Meme“ sind moderne pseudowissenschaftliche Varianten von Begriffen wie „Äther“ oder „Phlogiston“.

Metaphysische Annahmen wie die Annahme, das Wesen des Lebens bestehe im Streben nach Selbsterhaltung, oder die Annahme, Bewußtsein und Sprache seien Epiphänomene einer materiellen Substanz, nämlich der neuronalen Prozesse des Gehirns oder der Strukturen des Unbewußten, beanspruchen, wahr zu sei. Aber sie können nicht wahr sein in dem Sinne wie schlichte empirische Annahmen wahr oder falsch sind, weil sie All-Aussagen über eine nicht spezifizierte Menge von Elementen darstellen. Solche Aussagen sind nur scheinbar gehaltvoll, in Wahrheit aber verkappte Definitionen des verwendeten Begriffs, ähnlich der Definition „Junggesellen sind unverheiratete Männer“, die zwar immer wahr, empirisch aber ohne Gehalt ist.

Die grundlegenden Annahmen des Naturalismus beanspruchen, nicht nur wahr zu sein, sondern auch nicht falsch sein zu können. Daher müssen sie Tautologien sein, denn nur Tautologien sind immer wahr. Sie haben allerdings den einen Nachteil, daß sie nichts Gehaltvolles und Sinnvolles über die Welt aussagen.

Der Mensch wird nicht nur durch Erfahrung klug, sondern auch durch Nachdenken. Nachdenken gleicht einem systematischen Spiel mit Gedanken. Der Gedanke an das zu vermeidende Leiden ist eine Spielkarte. Doch dann finden wir in dem Gedanken, daß der Verzicht und das freiwillige Opfer einen autonomen ethischen Wert haben, eine andere Spielkarte, mit der wir die erste ausstechen können.

Das Kind wird dazu erzogen, dem älteren Menschen den Vortritt zu lassen oder in der vollbesetzten Bahn aufzustehen, um der gebrechlichen alten Dame seinen Sitzplatz anzubieten. Wenn es dies tut, um die tadelnden Blicke oder beschämenden Bemerkungen zu vermeiden, die es von Seiten der Anwesenden treffen könnten, wenn es seiner Bequemlichkeit nachgäbe und nicht aufstünde, ist noch immer die erste Spielkarte im Spiel, Leiden zu vermeiden, denn auch emotionaler Stress wie Scham ist eine Form von Leiden.

Wir könnten demnach sagen: Wenn das Kind, ohne den befürchteten Tadel oder die soziale Scham vermeiden zu wollen, der alten Dame seinen Sitzplatz anbietet, hat es gleichsam die neue Spielkarte erworben.

Der Naturalismus ist nicht nur mit dem scheinbaren Prinzip der Selbsterhaltung im Bunde, sondern auch mit der eudämonistischen Ethik, wonach alle Formen des Verzichts verkappte Formen der Selbstbefriedigung sind. Wenn das Kind seinen komfortablen Sitzplatz zugunsten der gebrechlichen alten Dame räumt, dann nur, weil es gemäß dieser Lesart durch ein kompensierendes Gefühl wie den Stolz auf die vollbrachte Heldentat entschädigt wird. Demnach täte das Kind nicht, was es tut, vernähme es gleichsam nicht den stummen Applaus und die stummen Lobeshymnen der Umwelt.

Wir sehen den autonomen ethischen Wert des Verzichts, des Opfers und der Hinnahme von Leiden im Lichte dessen, was das Kind für gut hält, erst erfüllt, wenn es trotz einer drohenden Gefahr, ob in physischer oder moralischer Gestalt, tut, was es für gut hält. Es trägt am Sabbat seine Kippa, auch wenn es den tadelnden Blicken oder höhnischen Zurufen einer feindlichen Umwelt ausgesetzt ist. Es ergreift Partei für seinen stotternden oder hinkenden Freund vor der Menge pöbelnder Rowdies, obwohl es deren Gewalt physisch nicht gewachsen ist.

Nach naturalistischer Weltsicht kann die Passion Christi kein freiwilliges Opfer für die sündige Menschheit gewesen sein, weil es nach dieser Auffassung keinen freien Willen geben kann und sowohl der Begriff des Opfers als auch der Begriff der Sünde Ausdruck eines neurotisch erkrankten Willens zur Selbsterhaltung oder Masken des Masochismus darstellen.

Zu behaupten, es gebe keinen freien Willen, impliziert die Aussage, daß auch diese Behauptung kein Ausdruck des freien Willens und nicht das Ergebnis einer durch innere oder äußere Zwänge nicht limitierten autonomen Gedankenführung sein kann.

Der Naturalismus ist eine geistige Barriere oder ein semantischer Nebel, der uns die Einsicht in den Status grundlegender Begriffe und Annahmen versperrt. So gilt dem Naturalismus der Satz „Jedes Ereignis hat eine Ursache“ als eine grundlegende theoretische Annahme. Doch hat diese Annahme nicht den epistemischen Status einer kontingenten Aussage wie die Aussage „Wenn es regnet, wird die Straße naß“, sondern ist ein Schein-Satz, der mit dem Nimbus des Notwendigen daherkommt, wie wir ihn logischen Tautologien zusprechen. Er kann daher ähnlich wie die Behauptung, es gebe eine Außenwelt, nicht bewiesen werden.

Wir können nachweisen, daß es draußen regnet, doch die Behauptung, daß sich Ereignisse wie der Regen in der Außenwelt abspielen, ist sinnlos und entzieht sich einer kausalen Erklärung.

Der Satz „Der Regen spielt sich in der Außenwelt ab“ besagt nur scheinbar mehr als der Satz „Draußen regnet es“. Er hat eine semantisch hypertrophe Form, könnte man sagen, ähnlich wie der Satz: „Ich weiß, daß ich Schmerzen habe“ gemäß Wittgenstein nicht den Status einer kontingenten Aussage über einen mentalen Zustand hat, den ich mit Gründen bezweifeln könnte. Deshalb sagt er nicht mehr und kann nicht mehr sagen als der Satz „Ich habe Schmerzen.“

Grundlegende Begriffe wie „Ich“ und „Welt“ oder Sätze wie „Alles hat eine Ursache“ und „Es gibt eine Außenwelt“ sind gleichsam logische Schatullen oder Etuis, die von anderer Beschaffenheit und Struktur sind, als das, was sich in ihnen befindet oder was wir in sie hineinlegen.

Zu fragen und zu untersuchen, warum die Straße naß geworden ist und den Regen als Ursache anzugeben, heißt das Schema solcher Fragen und Untersuchungen zu verwenden, das wir selbst nicht befragen und untersuchen, das wir nicht begründen oder rechtfertigen können, sondern entweder anwenden oder nicht anwenden. Denn die Aussagen, die wir mittels Anwendung des Schemas begründen, können selbst kein Grund für seine Anwendung sein.

Ein solches Schema und viele andere dieser Art hält die Sprache für uns bereit. Doch können wir uns Sprachen ausdenken, deren Ausdrucksarmut das Fragen und Forschen nach dem Ursache-Wirkung-Schema nicht erlauben würde.

Die falsche Annahme, daß 2 + 7 = 11, oder die wahre Annahme, daß 2 und 7 nicht 11 ergeben, können keine Inhalte neuronaler Ereignisse im Sinne der naturalistischen Grundüberzeugung von der Reduktion aller geistigen Prozesse auf physikalische Prozesse sein. Denn zum einen haben physikalische Vorgänge keinen konzeptuellen Inhalt und zum anderen können neuronale Ereignisse keine Fehler machen, sondern nur versagen, und sie können keine Wahrheiten ausdrücken, sondern nur funktionieren oder nicht funktionieren.

Die grundlegenden Annahmen des Naturalismus sind nicht falsch, sondern inkonsistent.

 



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