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Jun 24 24

Es weht ein Duft

Daß einmal uns noch tropfe aus dem Laube
der Dämmerung ein goldnes Abendlicht,
zerfallen mag die Seele dann zu Staube,
sie hat gekostet noch vom Weltgedicht.

Daß einmal uns noch weiche Wasser leuchten,
als hätten Engel uns das Schilf gemäht,
als wär zu lieben es noch nicht zu spät,
wenn süße Verse uns die Augen feuchten.

Und müssen wir auch krank im Dunkel liegen,
es weht ein Duft und eine Rose ragt,
wir fühlen noch, wie es im Osten tagt,
wir hören noch, wie Lerchen aufwärtsfliegen.

 

Jun 24 24

Robert Frost, Fire and Ice

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.

 

Feuer und Eis

Der meint, die Welt vergeht im Feuer,
und der, im Eis.
Ein unersättlich Ungeheuer,
mein Geist, er schreit nach Feuer.
Doch soll sie zweifach gehn zugrund,
mein Haß sagt, feind dem Erdenschoß,
ersticken an vereistem Mund,
auch das ist groß
und wär profund.

 

Jun 23 24

Purpureos spargam flores

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Spricht man mit der traditionellen Theologie von der Allmacht und dem Allwissen Gottes als seinem Begriff notwendig zukommenden Attributen, ist man versucht, spöttisch zu fragen, ob ein solches der zeitlichen Kontingenz zudem enthobenes Wesen schon immer alle Arten von Zahlen und Zahlreihen überblickt haben mag; ob es zum Beispiel die unendliche Reihe der Primzahlen durchgegangen ist. – Dies aber kann unmöglich sein oder es ist notwendigerweise unmöglich, denn die Reihe der Primzahlen ist eben unendlich; daraus folgt, daß dieses Wesen weder allmächtig noch allwissend ist. – Dies ist ein Hinweis auf den tieferen Grund des Scheiterns einer Theologie, die ihre Begriffe einer metaphysischen Ontologie verdankt und mit ihnen den wahren Ort des Glaubens im Leben, Ritus, Kult, Liturgie und Gesang, verdunkelt.

Die mathematische Tatsache, daß die Reihe der Primzahlen nicht abzählbar ist oder eine jede Primzahl einen Nachfolger hat, kann allerdings nur als Einwand gegen die göttlichen Attribute der Allmacht und Allwissenheit oder die Existenz Gottes als ens realissimum ins Feld geführt werden, wenn man die überzeitlichen Konstruktionen einer metaphysischen Theologie für sinnvoll betrachtet. – Aber sie sind es nicht.

Der Gott der metaphysischen Theologie hat nur ein Scheinleben geführt; es war daher keine großartige Leistung, seinen Tod zu diagnostizieren.

Der Abgrund zwischen Natur und Geist, Physik und Psychologie, Erklärung und Intuition tut sich mit Descartes auf; doch der Aberwitz, der ihn füllen oder besser verdecken soll, beginnt mit Fichtes Ich als Anti-Substanz einer grundlosen Reflexion der Reflexion und gipfelt in Sartres Begriff der Existenz als unbedingt freiem Entwurf aus dem Nichts. – Die Vulgarisierung dieser geistigen Fehlentscheidungen finden wir heute in der politisch korrekten Ideologie von Gender und Transgender, die das biologische Schicksal von Körper, Geschlecht, Charakter und intellektueller und moralischer Veranlagung leugnet und das Individuum in einem Wolkenkuckucksheim leerer Phrasen und willkürlicher Konstruktionen ansiedelt.

Der menschliche Körper ist nicht nur ein Gegenstand bestimmter meßbarer Größen und Strukturen, sondern der lebendige Leib, der uns in Leibempfindungen gegenwärtig ist oder der uns ermöglicht, uns in Leibempfindungen gegenwärtig zu sein.

Pseudo-Philosophen wollen mit der Bemerkung verblüffen, es sei doch seltsam, daß die Materie abgesehen von den paar Atomen und subatomaren Teilchen eigentlich nichts als Leere sei und daß unsere Hände, wenn wir sie klatschend aufeinanderprallen lassen, sich dennoch nicht durchdringen. – Andere, noch dümmere, wollen mit der Bemerkung renommieren, die Rede von der Willensfreiheit lasse sich angesichts der physikalischen Tatsache der Unbestimmtheit subatomarer Ereignisse in den Neuronen unseres Nervensystems plausibilisieren oder gar rechtfertigen.

Die Begriffe, mit denen wir vom Maßstab sprechen, seinen Umfang, seinen Wert, seine Mächtigkeit beschreiben und festlegen, sind kategorial verschieden von den Begriffen, mit denen wir über das Gemessene sprechen. – Den zeitlichen Rhythmus von Versen messen wir an der durchschnittlichen Frequenz des menschlichen Herzens; so sagen wir, ein rein daktylischer Hexameter ist schnell, ein hauptsächlich aus Spondeen zusammengesetzter langsam, doch können wir von der durchschnittlichen Herzfrequenz nicht sagen, sie sei schnell oder langsam.

Wir können die Wahrheit einer Pressemitteilung nicht dadurch überprüfen, daß wir sie mit der Darstellung im Konkurrenzblatt vergleichen und von ihrer Ähnlichkeit auf ihre Faktizität schließen. Beide könnten falsch sein, die eine, weil sie bei der früher erscheinenden Konkurrenz abgeschrieben hat, oder beide, weil sie aus derselben fehlerhaften Quelle zitieren.

Notwendig nennen wir die Ersetzung eines Begriffs durch ein Synonym, wenn wir die Identität des Sinns beider Aussagen erhalten wollen; aber auch die logische Folge eines Gedankens aus einem anderen, wenn wir die logische Konsistenz zweier Aussagen darstellen wollen. – „Notwendig“ ist ein Prädikat zweiter Stufe; daher ist es unsinnig, von notwendigen Tatsachen oder notwendigen Ereignissen zu sprechen. – Dies gilt nicht für die Verwendung des Prädikatsbegriffs „zufällig“; daher ist es unsinnig, von einem ontologischen Gegensatz zwischen Notwendigkeit und Zufall zu sprechen.

„Gott würfelt nicht“ ist kein sinnvoller Satz, wenn er als Einwand gegen die Feststellung der nichtdeterministischen Unbestimmtheit subatomarer Ereignisse gemeint ist. Denn diese ist ja offensichtlich mit den kausal erklärbaren Ordnungsformen von Atomen, Molekülen, Genen, Kristallen und Organismen vereinbar.

Der Talg des Geschwätzes hat ihnen die Ohren des Herzens versiegelt; das sehr ferne, sehr leise Singen himmlischer Chöre, wie sollten sie es noch vernehmen.

Suum cuique – eine gültige Formel antiken Rechtsdenkens, die Platon verwendet und Cicero vertieft, wurde von den braunen Nihilisten und Sprachverhunzern, die keinem das Eigne ließen, sondern allen das Ihrige oktroyierten, mißbraucht. Ist sie deshalb wie eine verdorbene Frucht ein für alle Mal auszuspeien?

Der Führer war Anhänger des kopernikanischen Weltbildes; sollen wir deshalb zum ptolemäischen zurückkehren? – Hitler war auch ein großer Verehrer des Islam und seiner männlich-heroischen Tugenden fanatisch-kriegerischer Welteroberung; er äußerte in seinen Tischgesprächen den Wunsch, die christlichen Truppen hätten bei der Reconquista Spaniens versagt, auf daß ganz Europa moslemisch geworden wäre und sich das romantisch-effeminierende Virus des Christentums nicht ausgebreitet hätte; an der Balkanfront ließ er viele muslimische Kämpfer in die Reihen der Wehrmacht aufnehmen. Dem Groß-Mufti von Jerusalem, der seinen Judenhaß auch noch nach dem Krieg in Palästina zur Geltung brachte, huldigte er als seinem persönlichen Gast in der Hauptstadt seines auf die Bosheit von Schurken und die Blindheit von Narren gestützten Reiches. – Sind die Gründe der braunen Islamophilie nicht hinreichende Anhaltspunkte für ein gerüttelt Maß an Skepsis gegenüber dieser Gesetzesreligion, die uns heute im Zuge eines neuen Fundamentalismus trotz früher kultureller Blüten archaisch anmutet?

„Toleranz“ ist nur mehr ein Tarn- und Codewort für Feigheit, Angst und Unterwerfung.

„Selbstbestimmung“ ist eine Forderung haltloser Halbwesen.

Mozart und Goethe kann man nicht in der Retorte züchten – nur Scheinidole unterweltlichen Charismas in den Laboren der Kulturindustrie.

Mangel an natürlicher Intelligenz brüstet sich mit den stupid-stupenden Leistungen der künstlichen.

Mißgestalten und Halbwesen, die weder physisch noch geistig zu zeugen vermögen, grimassieren auf den Bühnen, bejubelt als Idole des kulturellen Fortschritts.

Augustus mußte die Gefahr der Unterwerfung unter die kulturelle Hegemonie Asiens in blutigen Schlachten überwinden, auf daß die zarte Seele eines Vergil sein römisches Welt-Epos stiften konnte.

Im „Schloß“ zeigt Kafka das Charisma der Macht im fauligen Zustand des Verfalls, wie das Schimmern von Grünspan oder den Hautgout verdorbenen Wildbrets. – Das faulige Charisma ist das obszöne, unlautere, unheimliche Residuum des echten; es geht als erotischer Nimbus auf die Frauen über, die sein Träger, der ominöse Herr Klamm, hat „zu sich rufen lassen“.

„Humanität!“, brüllt der Vagabund, setzt dem Bürger die Pistole auf die Brust und fordert ihn auf, die Taschen zu leeren.

Die kümmerlichen spirituellen Relikte einer zweitausendjährigen müde gewordenen Religion, deren Todesurteil schon lange von den Kathedern verkündet worden ist, werden nun zum Ladenschluß zu Billigpreisen verramscht.

Was soll der orthodoxe Rabbi, der fromme Chassid von seinem abgefallenen Glaubensgenossen sagen, der die Arie des Wotan goutiert?

Augustus ließ sich gemeinsam mit seiner Gattin Octavia die Nekyia der Aeneis, das 6. Buch, von ihrem Verfasser vorlesen; das Paar soll am Ende der Beschwörung jener heroischen Seelen, denen Rom seinen Ruhm verdanken sollte und deren letzte Marcellus, der frühverstorbene Sohn, der erhoffte Erbe und Nachfolger des Augustus war, in Tränen ausgebrochen sein:

Tu Marcellus eris, manibus date lilia plenis,
purpureos spargam flores …

Du, Marcellus dereinst, so spendet Lilien in Fülle,
purpurne Blüten werde ich streun …

Von welchem unter den plebejischen Volkstribunen demokratischer Provenienz ist vorstellbar, daß er bei der Rezitation von Versen ähnlichen Ranges nicht dümmlich zu grinsen begänne?

Nach ungeheuren Niederlagen, Zerstörungen und Demütigungen scheint der Name der Heimat auf immer mit einem Tabu belegt; ein Numinosum gleichsam pervertierter Art.

Die Freiheit des Denkens und die Unbefangenheit des Sprechens ziehen sich in die innere Emigration einer nachtwandlerischen, der Aktualität des Tages abholden Besinnung zurück.

Kant, der zwar seinen hellen Kopf in die Aura eines obskuren Idioms hüllte, schwamm doch im Hauptstrom der Zeit, jener Aufklärung, deren dunkle Triebkräfte einzig sein Zeitgenosse Hamann mittels Sprachkritik bloßlegte. Heute versickert dieser Strom im Brackwasser einer von Diskurspolizisten überwachten akademischen Sumpflandschaft. Wittgenstein, der die eigentlich radikale Umwälzung des Denkens darstellt, hat er doch den Acker der Vernunft mit der Egge der sprachlichen Besinnung geklärt, ahnte, daß seine Funde vom Zeitgeist an das von hohem Schilf verdeckte Ufer einer ohnmächtigen Nachfolge gespült würden.

In der Gewißheit, daß rhythmisch gebundene Dichtung und ihre reiche, aber nicht unbegrenzte Formenwelt ihr Zeitmaß am menschlichen Herzschlag nimmt, dürften wir von anderen uns wenig ähnelnden Kreaturen, so sie denn dichterischen Ausdrucks fähig wären, nichts Entsprechendes erwarten; jedenfalls wären wir mehr als überrascht, Epen vom Kolibri oder Epigramme vom Wal zu vernehmen.

Je windungsreicher, wuchtiger, fordernder die metrische und rhythmische Bindung, umso kühner und phantastischer die Exuberanzen der dichterischen Einbildungskraft; der homerische Hexameter glänzt vom Schaum des epischen Vergleichs, die Katarakte der pindarischen Ode schimmern vom Feuer des Himmels.

Der müde Epigone läßt die Zügel schleifen und der herrenlose Pegasus stürzt ins dornige Metapherngestrüpp, in den Sumpf glucksender Zoten.

Die gezügelte Sprache und Form gehört der frühen Kultur an, der Wildwuchs und die Formlosigkeit der dekadenten Spätzeit.

Wer spiegelt wen; die Götter die Menschen oder umgekehrt? – Jedenfalls können wir beispielsweise anhand der mythischen Göttinnen eine Typologie weiblicher Persönlichkeiten und psychologischer Strukturen entwickeln, wie im Bild der Hera die typische Matrone und Ehefrau, der Artemis die sittsame Virgo, der Aphrodite die anmutige Belle de jour, der Demeter die den Verlust der Tochter beklagende und durch ihre Wiederkehr beglückte Mutter.

Der Glaube, nicht die Vernunft, ist der Gestalter und Walter, im Persönlichen und im Geschichtlichen; Glaube an die Berufung, den Auftrag, die Auszeichnung; Glaube an die Größe des Stammes, des Volkes, des Imperiums. Fehlt er oder wird er brüchig, sinken die Schöpfungen, die Triumphbögen, die Reiche.

Der Glaube an die Menschheit ist ein vulgäres Surrogat für den Mangel an persönlicher Größe.

Der Glaube an die Größe des Imperium Romanum hob Vergil und Horaz über die Ebene farbiger Schatten hellenistischer Dekadenz ins reine Licht der astralen Zone des Ruhms.

Der Athena-Tempel der Akropolis zeugt vom Glauben der Hellenen an ihre geschichtliche Größe. Die aberwitzigen Entwürfe eines Albert Speer von der geistigen Nullität des Dritten Reiches.

Fremdstämmige Vergewaltiger werden in psychologische Obhut und aufwendige Pflege gegeben, Kindsmörderinnen als Idole weiblicher Selbstbestimmung umjubelt.

Der Dichter, der sich pfleglich um den Erhalt der nationalen Sprachsubstanz bemüht, wird als der Aufklärung bedürftiger Dunkelmann und reaktionärer Sprachmystiker verdächtigt.

Die neue Therapie besteht in der Leugnung der Krankheit.

Doch es hilft den Siechen nichts, wenn man sie mit einem gönnerhaften Lächeln aus dem Siechenhaus entläßt.

Mit dem ethnischen Kern stirbt auch seine kulturelle Hülle.

Die Verdrängung der tibetanischen Nationalkultur durch die chinesischen Invasoren wird immerhin bedauert; doch der Niedergang der eigenen Kultur in Folge der Invasion von Angehörigen einer fremden wird nicht nur hingenommen, sondern als Sühneakt für die Vergehen der Vorfahren hochgeschätzt, gefeiert, befördert.

 

Jun 23 24

Dana Gioia, The Country Wife

She makes her way through the dark trees
Down to the lake to be alone.
Following their voices on the breeze,
She makes her way. Through the dark trees
The distant stars are all she sees.
They cannot light the way she’s gone.
She makes her way through the dark trees
Down to the lake to be alone.

The night reflected on the lake,
The fire of stars changed into water.
She cannot see the winds that break
The night reflected on the lake
But knows they motion for her sake.
These are the choices they have brought her:
The night reflected on the lake,
The fire of stars changed into water.

 

Die Frau vom Lande

Sie macht ihren Weg unter Zweigen, die dunkel wehen,
hinunter zum Se, um allein zu sein.
Sie braucht nur dem Rauschen der Blätter nachzugehen,
sie macht ihren Weg. Durch die Zweige, die dunkel wehen,
kann sie einzig die Sterne noch sehen.
Doch erhellt ihren Weg kein Sternenschein.
Sie macht ihren Weg unter Zweigen, die dunkel wehen,
hinunter zum Se, um allein zu sein.

Die Nacht, die im See sich entgegenblickt,
das Feuer der Sterne in Wasser verwandelt.
Sie kann die Winde nicht sehen, woran sie erstickt,
die Nacht, die im See sich entgegenblickt,
doch sie weiß, sie sind ihr eigens geschickt.
Sie brachten die Wahl ihr, um die es sich handelt:
die Nacht, die im See sich entgegenblickt,
das Feuer der Sterne, in Wasser verwandelt.

 

Jun 22 24

Dem Abgrund nah

Wir wissen es ja nicht, wohin wir gehen,
wir haben nur des Veilchens feuchten Blick,
der uns dem Abgrund nah noch reißt zurück,
da geisterhaft aus ihm schon Nebel wehen.

Wir mögen uns wohl bei den Händen fassen,
als wärmte Blut uns noch, das singend fließt,
doch gleicht der Kuß, der dir die Lider schließt,
den Funken, die im Fallen rasch verblassen.

Wir wissen es ja nicht, woher wir kommen,
die Sagen, die aus lichten Quellen rannen,
die Flammen, die aus dunklen Sagen stiegen,

wie lange sind sie schon versiegt, verglommen.
Uns blieb der goldne Staub geneigter Grannen,
gedämpfter Schmerz, wenn Lerchen aufwärtsfliegen.

 

Jun 22 24

Robert Frost, Acquainted with the Night

I have been one acquainted with the night.
I have walked out in rain—and back in rain.
I have outwalked the furthest city light.

I have looked down the saddest city lane.
I have passed by the watchman on his beat
And dropped my eyes, unwilling to explain.

I have stood still and stopped the sound of feet
When far away an interrupted cry
Came over houses from another street,

But not to call me back or say good-bye;
And further still at an unearthly height,
One luminary clock against the sky

Proclaimed the time was neither wrong nor right.
I have been one acquainted with the night.

 

Zuspruch der Nacht

Auch ich war einer, dem die Nacht zuspricht.
Ich ging im Regen, kam im Regen zurück.
Ich wanderte zum fernsten Lampenlicht.

Ich warf in triste Gassen einen Blick.
Ich holte den Wachmann ein auf seinem Gang,
schaute zu Boden, stumm sein hieß mein Glück.

Ich verhielt den Schritt und seinen dumpfen Klang,
als von weither ein Ruf, gebrochen-hohl,
aus andern Straßen sich über die Häuser schwang,

doch rief er mich nicht heim, sprach nicht leb wohl,
und ferner noch aus Höhen, irdischen nicht,
hat jene Sternenuhr am Himmelspol

verkündet, die Zeit sei stets im Gleichgewicht.
Auch ich war einer, dem die Nacht zuspricht.

 

Jun 21 24

Der Torso

Es bangt uns um die königliche Seele,
daß Schwermut sie verdunkelt, Hohngeschrei,
und sie herab sich stürzt ins Einerlei
getünchter Mienen von der Schmerzensstele.

So liegt ein Torso unterm Staub der Schritte,
zersprungne Maße einer reinen Hand,
die jenen Ton dem stummen Stein entband,
der lieblich spielt um eine strenge Mitte.

Nun gehen stumpfe Sklaven drüber hin,
Verächter jeder Größe, aller Ränge,
die sie für böser Triebe Trugbild halten.

Doch sind noch Dichter von erlauchtem Sinn,
sie finden unterm Lärm sublime Klänge
und zwischen wüsten Fratzen Lichtgestalten.

 

Jun 21 24

Robert Frost, Dust of Snow

The way a crow
Shook down on me
The dust of snow
From a hemlock tree

Has given my heart
A change of mood
And saved some part
Of a day I had rued.

 

Staub aus Schnee

Wie in der Allee
vom Ast eine Krähe
den Staub aus Schnee
geschüttelt mir jähe,

hat mich geweckt
ein Flügelschlag,
der bitter geschmeckt,
süß ward mir der Tag.

 

Jun 20 24

Der Palimpsest

Erinnerungen, Blatt auf Blatt, wie Schiefer,
der unterm schweren Schritt des Winzers bricht.
Als hätten selbst die Schatten ein Gewicht,
sinkt die verstummte Seele immer tiefer.

Das Epigramm, in schwarzen Stein gehauen,
es rühmte wohl ein hohes Menschenlos,
verdämmert unter Flechten, schläft im Moos.
Was mag des Herzens Goldschrift übergrauen.

Doch manchmal tönt ein Zwitschern aus dem Nest,
das wie ein Spiel des Winds am Ast gebaumelt.
Es hört ein Dichter, wenn die Schwalben ziehen,

den Widerklang entrückter Elegien.
Und mancher war erschüttert, ist getaumelt,
las er die eigne Schrift als Palimpsest.

 

Jun 20 24

Robert Frost, Nothing Gold Can Stay

Nature’s first green is gold,
Her hardest hue to hold.
Her early leaf’s a flower;
But only so an hour.

Then leaf subsides to leaf.
So Eden sank to grief,
So dawn goes down to day.
Nothing gold can stay.

 

Kein Gold, das dauern mag

Natur streut Gold ins Grün,
so wirkt kein Ton zu kühn.
Früh leuchtet auf ihr Blatt,
doch bald schon ist es matt.

Dann wird das Leben lahm,
auch Eden sank in Gram.
Frührot weicht grauem Tag,
kein Gold, das dauern mag.

 

Siehe auch die Interpretation durch Dana Gioia:
https://www.youtube.com/watch?v=k2TVfvpYLPk

 

Jun 19 24

Geflüster in der Winternacht

„Daß wir noch einmal Sonnenpfade gehen,
wo weiße Kiesel knirschen und Kaskaden
Licht schäumend kecke Amoretten baden,
noch einmal uns betört ein weiches Wehen,

in dem von Lauben goldne Tropfen fallen,
und was kein Mund vermag uns Blüten künden,
die sich aufs neu am Abendrot entzünden,
ins Dunkel Funken singen Nachtigallen.“

„Ach, Freund, wir sind zu krank und lebensmüde,
wir könnten kaum den hohen Strahl ertragen,
Glut aber, die erlischt, läßt uns erbleichen.

Ein süßer Duft, er mag uns noch erreichen.
herbeigeweht aus fernen Sommertagen,
tut sich die Knospe auf in deinem Liede.“

 

Jun 19 24

Dana Gioia, Planting a Sequoia

All afternoon my brothers and I have worked in the orchard,
Digging this hole, laying you into it, carefully packing the soil.
Rain blackened the horizon, but cold winds kept it over the Pacific,
And the sky above us stayed the dull gray
Of an old year coming to an end.

In Sicily a father plants a tree to celebrate his first son’s birth–
An olive or a fig tree–a sign that the earth has one more life to bear.
I would have done the same, proudly laying new stock into my father’s orchard,
A green sapling rising among the twisted apple boughs,
A promise of new fruit in other autumns.

But today we kneel in the cold planting you, our native giant,
Defying the practical custom of our fathers,
Wrapping in your roots a lock of hair, a piece of an infant’s birth cord,
All that remains above earth of a first-born son,
A few stray atoms brought back to the elements.

We will give you what we can–our labor and our soil,
Water drawn from the earth when the skies fail,
Nights scented with the ocean fog, days softened by the circuit of bees.
We plant you in the corner of the grove, bathed in western light,
A slender shoot against the sunset.

And when our family is no more, all of his unborn brothers dead,
Every niece and nephew scattered, the house torn down,
His mother’s beauty ashes in the air,
I want you to stand among strangers, all young and ephemeral to you,
Silently keeping the secret of your birth.

 

Eine Sequoia pflanzen

Den ganzen Nachmittag haben meine Brüder und ich im Obstgarten gearbeitet,
wir hoben diese Grube aus und legten dich hinein, die Erde sorgfältig schichtend.
Der Horizont war schwarz vom Regen, doch kalte Winde hielten ihn überm Pazifik zurück,
und der Himmel über uns bewahrte das matte Grau
eines alten Jahres, das zu Ende geht.

Auf Sizilien pflanzt ein Vater einen Baum, um die Geburt des erstgeborenen Sohnes zu feiern – einen Oliven- oder Feigenbaum – ein Zeichen dafür, daß die Erde noch ein Leben zu tragen hat. Ich hätte dasselbe getan und stolz einen frischen Keim in den Garten meines Vaters gelegt, einen grünen Schößling, auf daß er inmitten der krummen Apfelbaumzweige sprieße,
die Hoffnung auf neue Früchte in künftigen Herbsttagen.

Doch heute knien wir uns nieder in der Kälte und wir pflanzen dich, unseren heimischen Riesen, wir kehren die alte Sitte unserer Väter um und hüllen in deine Wurzeln eine Haarlocke, einen Teil der Nabelschnur, alles, was auf der Erde übrigbleibt von einem erstgeborenen Sohn, ein paar verstreute Atome, den Elementen zurückerstattet.

Wir geben dir, was wir haben – unsere Mühe und unseren Boden,
Wasser, aus der Erde geschöpft, wenn sich die Himmel verschließen,
Nächte, duftend vom Nebel des Ozeans, Tage, milde vom Gewimmel der Bienen.
Wir pflanzen dich im Winkel des Hains, umspült vom Licht aus dem Westen,
einen zarten Sproß gen Sonnenuntergang.

Und wenn es unsere Familie nicht mehr gibt, all ihre noch ungeborenen Brüder tot,
die Nichten und Neffen zerstreut sind, das Haus abgerissen wurde,
seiner Mutter Schönheit als Asche in die Luft stieg,
dann, hoffe ich, ragst du unter Fremden empor, jung alle und Tagwesen gegen dich,
der du das Geheimnis deiner Geburt schweigend bewahrst.

 

Jun 18 24

Trügerische Seufzer

Seelen sind, die blumenhaft sich weiten
den Strahlen ferner unsichtbarer Sonnen.
Von fahler Gaze ihres Schlafs umsponnen,
sind Blüten, die auf dunklen Wassern gleiten.

Und Worte sind, woran noch Tränen zittern,
da wir wie Veilchen sie und Mohn gewunden
in einen Kranz geheimnisvoller Stunden,
bis sie verblaßten hinter Schweigegittern.

Doch Seufzer, die aus fernen Quellen dringen,
wir konnten sie in keine Schale bannen,
und hielten wir auch hin die Schale Herz.

Da hob das Licht des Tages an zu singen,
und sie, die schon im feuchten Moos zerrannen,
erschienen uns wie falscher Nymphen Scherz.

 

Jun 18 24

Dana Gioia, Emigre in Autumn

Walking down the garden path
From the house you do not own,
Once again you think of how
Cool the autumns were at home.
Dressed as if you had just left
The courtyard of the summer palace,
Walk the boundaries of the park,
Count the steps you take each day –
Miles that span no distances,
Journeys in sunlight toward the dark.

Sit and watch the daylight play
Idly on the tops of leaves
Glistening overhead in autumn’s
Absolute dominion.
Nothing lost by you excels
These empires of sunlight.
But even here the subtle breeze
Plots with underlying shadows.
One gust of wind and suddenly
The sun is falling from the trees.

 

Auswanderer im Herbst

Gehst du auf dem Gartenpfad
vom Haus aus, das du nicht besitzt,
denkst du wieder, wie doch so kalt
der Herbst in deiner Heimat ist.
Gekleidet, als kämst du geradewegs
aus dem Innenhof des Sommerpalasts,
geh am Rande des Parks, er ist weit,
von den Schritten des Tags zähle die Zahl –
Entfernung, die dir die Nähe nicht nimmt,
Reisen im Licht bis zur Dunkelheit.

Sieh von der Bank, wie müßig der Strahl
über die Haut der Blätter hin spielt,
wie es droben glitzert, wie absolut
die Herrschaft des Herbstes ist.
Nichts, was du verloren, überragt
diese Reiche des Sonnenlichts.
Doch auch hier verschwört sich subtil
der Hauch mit den Schatten unter ihm.
Es kommt ein Fallwind wie aus dem Nichts,
und die Sonne, sie stürzt von den Bäumen herab.

 

Jun 17 24

Nänie

Als hörtest du, wenn dumpf die Schloßen schlagen,
und lägest unter Decken auch, zerknüllten,
die Stimme noch, das halberstickte Klagen,
das keine Krume Wort und keine Sänge stillten.

Sich zu entrinnen, mochte Schwermut tauchen
ins Nymphengrün, mit Blüten leicht zu schweben,
die blind ins Leere Duft und Dank verhauchen.
Last dunkler Rätsel zog hinab das Leben.

Du wandle barfuß auf bemoosten Auen,
wo Zwitschern Süße träuft ins Abendgrauen,
im Grase liegend sieh, es blüht der Mond,

des stillen Abschieds trunkne Asphodele,
laß flattern hin die eingesperrte Seele,
wo sie bei der geliebten Schwester wohnt.

 

Jun 17 24

Dana Gioia, Do not expect

Do not expect that if your book falls open
to a certain page, that any phrase
you read will make a difference today,
or that the voices you might overhear
when the wind moves through the yellow-green
and golden tent of autumn, speak to you.

Things ripen or go dry. Light plays on the
dark surface of the lake. Each afternoon
your shadow walks beside you on the wall,
and the days stay long and heavy underneath
the distant rumor of the harvest. One
more summer gone,
and one way or another you survive,
dull or regretful, never learning that
nothing is hidden in the obvious
changes of the world, that even the dim
reflection of the sun on tall, dry grass
is more than you will ever understand.

And only briefly then
you touch, you see, you press against
the surface of impenetrable things.

 

Erwarte nichts

Erwarte nicht, blättert der Wind in deinem Buch,
daß auf der aufgeschlagenen Seite
ein Satz dir sagt, dieser Tag wird anders,
oder daß die Stimmen, die er an dein Ohr trägt,
wenn er über das gelblich-grüne
und goldne Zelt des Herbstes streift, zu dir sprechen.

Die Dinge reifen oder verdorren. Das Licht spielt
auf der dunklen Fläche des Sees. Jeden Nachmittag
wandert dein Schatten neben dir über die Mauer,
und die Tage ducken sich langsam und schwerfällig
unter das ferne Geräusch der Erntemaschinen.
Auch dieser Sommer ist vorüber,
und du lebst weiter, so oder so,
dumpf oder voll Reue, und du lernst doch nie,
daß sich unter dem sichtbaren Auf und Ab der Dinge
nichts verbirgt, daß selbst der matte
Widerschein der Sonne im hohen, trocknen Gras
mehr ist, als du je begreifen wirst.

Und nur obenhin
berührst und siehst und preßt du die Haut
von Dingen, die undurchdringlich sind.

 

Jun 16 24

Traum in Traum verstrickt

Das Zwitschern steigt ins Abendrot,
die Sänger aber sieht man nicht.
Wir teilen uns das Wort, das Brot,
du spiegelst mein, ich dein Gesicht.

Doch zwischen uns klafft schon die Nacht,
in der kein Stern zum andern blickt.
Kein Lot ermißt den tiefen Schacht,
und Traum in Traum sind wir verstrickt.

Zerrinnt, was schwach im Mond gegleißt,
fühl ich, was in den Angeln ächzt:
das Schicksal, das dich mir entreißt,
den Trübsinn, der nach Dunklem lechzt.

 

Jun 16 24

Dana Gioia, Pity the Beautiful

Pity the beautiful,
the dolls, and the dishes,
the babes with big daddies
granting their wishes.

Pity the pretty boys,
the hunks, and Apollos,
the golden lads whom
success always follows.

The hotties, the knock-outs,
the tens out of ten,
the drop-dead gorgeous,
the great leading men.

Pity the faded,
the bloated, the blowsy,
the paunchy Adonis
whose luck’s gone lousy.

Pity the gods,
no longer divine.
Pity the night
the stars lose their shine.

 

Hab Mitleid mit den Schönen

Hab Mitleid mit den Schönen,
den Püppchen und edlen Füllen,
den Süßen mit den herben Bossen,
die ihnen jeden Seufzer stillen.

Hab Mitleid mit den Beaus,
den Abgüssen Apollos,
Goldjungen, denen
stets das Glück fällt in den Schoß.

Den umwerfend Attraktiven,
die auserlesen scheinen
und allen den Atem benehmen,
den Großen, umschwärmt von den Kleinen.

Hab Mitleid mit den Verblühten,
aufgedunsenen Gecken,
dickwanstigen Adonissen,
die umsonst Fortunas Klaue lecken.

Hab Mitleid mit den Göttern,
ohne Nimbus sind sie kahl,
Hab Mitleid mit den Nächten,
das Licht der Sterne, es wird fahl.

 

Einführung und Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=tQb7BNsuYc4

 

Jun 15 24

Schmerzliche Auskunft

„Geh einmal noch mit mir durch jene Gärten,
wo golden Früchte leuchten, Kelche prangen,
gefiederte Sänger sind die Weggefährten,
daß abtun wir das Zagen und das Bangen.

Ich will dir Zweige auseinanderbreiten,
daß wir die blaue Ferne nahe schauen.
Wo Wolken trunken in den Abend gleiten,
will ich das Wort, das heilt, dir anvertrauen.“

„Mein Freund, gern folgte ich dir auf den Pfaden,
die uns zu Bildern süßer Fülle führen,
als wäre, was verloren, noch zu finden.

Der Dämon, der mich lähmt, ist ohne Gnaden,
mein schwermutstarrer Sinn will sich nicht rühren.
Du aber geh, mir einen Kranz zu winden.“

 

Jun 15 24

Dana Gioia, California Hills In August

I can imagine someone who found
these fields unbearable, who climbed
the hillside in the heat, cursing the dust,
cracking the brittle weeds underfoot,
wishing a few more trees for shade.

An Easterner especially, who would scorn
the meagerness of summer, the dry
twisted shapes of black elm,
scrub oak, and chaparral, a landscape
August has already drained of green.

One who would hurry over the clinging
thistle, foxtail, golden poppy,
knowing everything was just a weed,
unable to conceive that these trees
and sparse brown bushes were alive.

And hate the bright stillness of the noon
without wind, without motion.
the only other living thing
a hawk, hungry for prey, suspended
in the blinding, sunlit blue.

And yet how gentle it seems to someone
raised in a landscape short of rain—
the skyline of a hill broken by no more
trees than one can count, the grass,
the empty sky, the wish for water.

 

Kalifornische Berge im August

Ich kann mir Leute vorstellen, die diese Gegend
unerträglich finden, wenn sie in der Gluthitze
die Hügel erklimmen und den Staub verfluchen,
das mürbe Gehölz knackt unter ihrem Tritt,
und nach mehr Schatten von Bäumen lechzen.

Jemand von der Ostküste würde wohl höhnen
über die Dürftigkeit des Sommers, die trocknen,
krummen Gestalten der dunklen Ulme,
Eichengestrüpp und Gesträuch, Landschaft,
vom August schon allen Grüns entleert.

Einer, der hineilte über die hier haften,
die Distel, den Fuchsschwanz, den goldenen Mohn,
und meint, all das sei ja bloß Unkraut,
ohne zu begreifen, daß diese Bäume,
diese spärlichen braunen Büsche leben.

Verhaßt wär ihm die leuchtende Stille des Mittags,
da kein Wind sich regt, alles erstarrt,
das einzige andere lebende Wesen
ein Falke ist, auf der Jagd, schwebend
in der blendenden lichtdurchfluteten Bläue.

Wie köstlich wär dies einem, der in einer Gegend
aufwuchs, wo es selten regnet:
die Silhouette des Bergs, durchbrochen
von Bäumen, die man zählen kann, das Gras,
der leere Himmel, der Wunsch nach Wasser.

 

Jun 14 24

Als glühten Chiffren

Ein süßer Duft schien morgens uns zu wehen,
als tät sich eine Knospe auf, ein Wort,
Im Abendgrauen war es schon verdorrt,
wir mußten stumm ins Blütenlose gehen.

Der lange Aufstieg machte uns ermatten,
wir sahen in der Ferne rot den Brand.
Zum Mond gereckt hat es uns nur gebannt,
das morsche Kreuz, mit einem fahlen Schatten.

Wir legten uns erschöpft ins dürre Gras,
ich fühlte deine Hand in meine gleiten,
dem Tiere gleich, das Bergung sucht im Nest.

Mich fror, da ch im Sterngefunkel las,
als glühten Chiffren, die uns überschreiten,
als gäbe sich das Dunkel selbst ein Fest.

 

Jun 14 24

Dana Gioia, Rough Country

Give me a landscape made of obstacles,
of steep hills and jutting glacial rock,
where the low-running streams are quick to flood
the grassy fields and bottomlands.
A place
no engineers can master–where the roads
must twist like tendrils up the mountainside
on narrow cliffs where boulders block the way.
Where tall black trunks of lightning-scalded pine
push through the tangled woods to make a roost
for hawks and swarming crows.
And sharp inclines
where twisting through the thorn-thick underbrush,
scratched and exhausted, one turns suddenly
to find an unexpected waterfall,
not half a mile from the nearest road,
a spot so hard to reach that no one comes–
a hiding place, a shrine for dragonflies
and nesting jays, a sign that there is still
one piece of property that won’t be owned.

 

Rauhes Land

Gib mir eine Landschaft nur aus Hindernissen,
von schroffen Hügeln und vereisten Felsen,
wo tiefströmende Flüsse die grünen Wiesen
und die Auentriften rasch überfluten.
Ein Land,
das Ingenieurskunst nicht bemeistert, wo die Straßen
sich gleich Ranken winden an steilen Wänden
und schmalen Graten, bis Findlinge den Weg versperren.
Wo hohe dunkle Stämme vom Blitz versehrter Kiefern
durchs wirre Grün aufschießen, gut zum Schlafplatz
für Falken und Krähenschwärme.
Und jähe Senken,
wo du durchs dornige Unterholz dich schlängelnd,
zerkratzt und außer Atem, dich plötzlich wendest
und unversehens auf einen Wasserfall triffst,
keine halbe Meile von der nächsten Straße,
ein Ort, so unzugänglich, daß kein Mensch auftaucht –
ein geschützter Ort, ein Schrein für Libellen
und nistende Häher, ein Zeichen, daß es noch
Anwesen gibt, die keinem je gehören.

 

Jun 13 24

Der Wächter

„Du sei der Wächter, halt die Schwelle rein,
daß nicht ein Dämon an der Pforte schabe.
Der nachthin tastet mit dem Hirtenstabe,
den Sterngesandten, ihn nur lasse ein.

Wir aber wollen vor dem hohen Bild
im Dämmerlicht der Kerzen niederknien
und lauschen, wie der Kelch, den er geliehen,
vom süßen Licht des Wortes überquillt.“

„Gern will ich einsam wahren meinen Posten,
doch hab ich nicht die Flammen der Seraphen,
auch will der Schwermut Wunde mir nicht heilen.

Drum gebt mir von dem Gnadenkelch zu kosten,
so werde ich die Ankunft nicht verschlafen,
kommt er, der Hirt, bei seiner Schar zu weilen.“

 

Jun 12 24

Dana Gioia, Pentecost

After the death of our son

Neither the sorrows of afternoon, waiting in the silent house,
Nor the night no sleep relieves, when memory
Repeats its prosecution.

Nor the morning’s ache for dream’s illusion, nor any prayers
Improvised to an unknowable god
Can extinguish the flame.

We are not as we were. Death has been our pentecost,
And our innocence consumed by these implacable
Tongues of fire.

Comfort me with stones. Quench my thirst with sand.
I offer you this scarred and guilty hand
Until others mix our ashes.

 

Pfingsten
Nach dem Tod unseres Sohnes

Weder der Schmerz am Nachmittag, beim Warten in der Trauerhalle,
noch die schlaflose Nacht bringt Linderung, wenn die Erinnerung
ihre Anklage wiederholt.

Noch der Schmerz am Morgen über die Illusion des Traums, noch Gebete, einem unerkennbaren Gott vorgespielt,
können die Flamme ersticken.

Wir sind nicht mehr, die wir waren. Der Tod war unser Pfingsten,
und unsere Unschuld wurde aufgezehrt von diesen unerbittlichen Feuerzungen.

Gib mir den Trost der Steine. Lösche meinen Durst mit Sand.
Ich reiche dir diese vernarbte und schuldige Hand,
bis andere unsere Asche vermengen.

 

Jun 12 24

Kristalle in der Nacht

Es tönen fern Kristalle in der Nacht,
wenn trostlos wir am offnen Fenster stehen.
Die Klänge, die uns aus dem Dunkel wehen,
sie steigen hehr und fallen demutsacht.

Es rankt sich Ton an Ton um hohes Licht,
das milde sie betaut mit feuchten Funken.
Die Herzen, die aus diesem Kelch getrunken,
sie flammen auf, doch sie verbrennen nicht.

Setz, Dichter, deinen Vers auf solch ein Fluten,
wie eine Knospe auf der Schwermut Wogen,
die weiße Blüte, heimlich noch gesprossen

dir zwischen Schatten, unter Dornenruten,
hat sie vom Jenseitslicht sich vollgesogen,
schenkt uns den Traum, von wehem Duft umflossen.

 

Jun 12 24

Dana Gioia, Marriage of Many Years

Most of what happens happens beyond words.
The lexicon of lip and fingertip
defies translation into common speech.
I recognize the musk of your dark hair.
It always thrills me, though I can’t describe it.
My finger on your thigh does not touch skin—
it touches your skin warming to my touch.
You are a language I have learned by heart.

This intimate patois will vanish with us,
its only native speakers. Does it matter?
Our tribal chants, our dances round the fire
performed the sorcery we most required.
They bound us in a spell time could not break.
Let the young vaunt their ecstasy. We keep
our tribe of two in solemn secrecy.
What must be lost was never lost on us.

 

Nach vielen Jahren Ehe

Was geschieht, geschieht meist jenseits von Worten.
Das Wörterbuch von Zungen- und Fingerspitze
trotzt einer Übersetzung in die gewöhnliche Sprache.
Ich verstehe den Wohlgeruch deines schwarzen Haars.
Er erregt mich stets, doch kann ich ihn nicht beschreiben.
Mein Finger auf deinem Schenkel berührt nicht Haut –
er berührt deine Haut, und ihre Wärme durchströmt mich.
Du bist eine Sprache, die ich im Schlaf noch sprechen kann.

Diese intime Mundart wird mit uns aussterben,
sie hat nur eingeborene Sprecher. Sollte uns das kümmern?
Unsere Stammeslieder, unsere Tänze ums Feuer
sie stifteten uns die Magie, derer wir so dringend bedurften.
Sie sind uns der Zauberkreis, den die Zeiten nicht zerbrechen.
Laß die Jugend ihre Ekstase rühmen, Wir wahren
unseren Stamm zu zwein in festlicher Verborgenheit.
Bei allem Verlust, etwas bleibt uns unverloren.

 

Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=xoJ88z0d6p4

 

Jun 11 24

Dana Gioia, Sunday Night in Santa Rosa

The carnival is over. The high tents,
the palaces of light, are folded flat
and trucked away. A three-time loser yanks
the Wheel of Fortune off the wall. Mice
pick through the garbage by the popcorn stand.
A drunken giant falls asleep beside
the juggler, and the Dog-Faced Boy sneaks off
to join the Serpent Lady for the night.
Wind sweeps ticket stubs along the walk.
The Dead Man loads his coffin on a truck.
Off in a trailer by the parking lot
the radio predicts tomorrow’s weather
while a clown stares in a dressing mirror,
takes out a box, and peels away his face.

 

Sonntagnacht in Santa Rosa

Der Karneval ist vorüber. Die großen Zelte,
die Paläste der Nacht, werden zusammengelegt
und abtransportiert. Ein Verlierer hoch drei
wirft das Rad der Fortuna über die Mauer. Mäuse
wühlen im Müll neben dem Popcornstand.
Ein betrunkener Riese schläft an der Seite
des Jongleurs ein, und der Hundskopf-Junge schleicht
davon, um mit der Schlangen-Dame die Nacht zu verbringen.
Wind fegt Fahrkartenschnipsel über den Weg.
Der Tote Mann lädt seinen Koffer auf den Laster.
Aus einem Container am Parkgelände
schallt die Wettervorhersage für morgen,
während ein Clown in einen Ankleidespiegel starrt,
eine Schachtel herausnimmt und die Schminke entfernt.

 

Jun 11 24

Epigramme auf finsteren Steinen

Pochend aufs Recht geht er durch, der Mensch, und einzig durch Pflichten
hält man ihm noch im Zaum seinen wild schnaubenden Trieb.

*

Unheil schwelt aus Schwärmerei, Gewürm der Dämonen,
das ihnen Tag und Nacht schmatzend die Hirne zernagt.

*

Lallt ihre Phrasen er nach, heften dem Dichter Juroren
Orden an seine Brust, Grab der erloschenen Glut.

*

Knospe und Flamme, sie waren die Zeichen erhabener Dichtung,
Überdruß löschte die Glut, Gähnen zerpflückte den Kelch.

*

Einstmals schritten wir hin auf dem Teppich des Worts, dem geblümten,
wie uns die Schwermut gedämpft Duft eines himmlischen Sinns.

*

Besser der bittere Trank aus dem Steinkrug der Wahrheit
als jener süßliche Schleim, der aus den Lautsprechern trieft.

*

Einst war die Dichtung ein Hort für die Sprossen der Liebe,
nun eine Wildnis, in der niemand die Namen mehr kennt.

*

Wo wir einst gingen, im Abendlichte weich rankender Zeichen,
ist gerodet der Hain, stumm glänzt der graue Asphalt.

*

Spuren im Schnee gleich nächtlichen Chiffren, undeutbar dem Tage,
was du geschrieben, sieh, wie es jäh schmilzt unterm Strahl.

*

Irrsinn trieft aus Mündern, die von der Gnade verlassen,
doch es dünket sie gut, was ihre Lippen zerfrißt.

*

Fast zerbissen von Zähnen des Lärms, erflehen wir Stille,
doch einem Grabstein gleich lastet sie dann auf der Brust.

*

Bilder schreienden Lichts, sie sind wie blutige Stacheln,
die nur der Tod aus dem Fleisch endlich uns endlich uns zieht.

*

Wem den Geist hat verbrannt der Strahl der wachsenden Wüste,
sehnt sich zum Schattenhain, kühlender Quelle des Lieds.

 

Jun 10 24

Was Blitze künden

Der Farn hat sich gerollt, der Geist ist blind,
ins Dunkel zieht das Rauschen kalter Quellen.
Des Himmels Blick will sich uns nicht erhellen,
uns, die zu wandern schon zu müde sind.

Erinnern ist ein aufgewirbelt grauer Staub,
der wieder sinkt, die Bilder zu verhüllen.
Kein Vogelsang mag uns die Leere füllen,
vom Talg des Grams ist unsre Seele taub.

Es künden Blitze jäh von hohen Wettern,
das Tuch der Dämmerung, es liegt zerschnitten,
der Odem Gottes weckt das Ungemeine.

Die Verse zittern gleich zerwühlten Blättern,
ans Licht kommt, was wir liebten, was wir litten,
die Runen lies auf regennassem Steine.

Jun 10 24

Dana Gioia, The Burning Ladder

Jacob
never climbed the ladder
burning in his dream. Sleep
pressed him like a stone
in the dust,
and when
he should have risen
like a flame to join
that choir, he was sick
of travelling,
and closed
his eyes to the Seraphim
ascending, unconscious
of the impossible distances
between their steps,
missed
them mount the brilliant
ladder, slowly disappearing
into the scattered light
between the stars,
slept
through it all, a stone
upon a stone pillow,
shivering, Gravity
always greater than desire.

 

Die brennende Leiter

Jakob
hat nie die Leiter erklommen,
die in seinem Traum gebrannt. Schlaf
drückte ihn wie einen Stein
in den Staub,
und als er
sich hätte erheben sollen
wie eine Flamme, dem Chor
sich zu einen, war er krank
vom Unterwegssein
und schloß
seine Augen vor den Seraphim,
die emporstiegen, ohnmächtig
angesichts der ungeheuren Abstände
zwischen ihren Schritten,
schlief
ununterbrochen, ein Stein
auf einem steinernen Kissen,
zitternd, Schwerkraft
überwiegt stets das Verlangen.

 

Jun 9 24

Die Somnambule

Ihr Herz glüht wie das Blatt herbstlicher Reben,
ihr Blick, aus Wassern taucht er dunkelgrün,
was er berührt, scheint wieder aufzublühn,
und hätte welkend es sich aufgegeben.

Und was sie sagt, kommt nicht aus lauten Zonen,
wo sich des Willens Saite überspannt,
es trieft wie Schaum im faltigen Gewand
der Nymphen, die in stillen Grotten wohnen.

Nein, weine nicht, sie kann ja nicht verweilen,
da schon auf Mondes zitternden Spiralen
ein heller Tau von Sternenauen rinnt.

Sie kehrt traumwandelnd auf umrankten Zeilen
des Lieds zu dir zurück. O küß die Strahlen,
die sie um ihres Tanzes Knospe spinnt.

 

Jun 9 24

Dana Gioia, Unsaid

So much of what we live goes on inside–
The diaries of grief, the tongue-tied aches
Of unacknowledged love are no less real
For having passed unsaid. What we conceal
Is always more than what we dare confide.
Think of the letters that we write our dead.D

 

Ungesagt

Im Innern staut sich viel von unserem Leben –
die Tagebücher des Grams, die stummen Schmerzen
unerwiderter Liebe sind nicht weniger wirklich,
blieben sie auch ungesagt. Was wir verbergen,
ist mehr stets als das mutig Anvertraute.
Denk an die Briefe, die wir unsern Toten schreiben.

 

Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=mVcidx0Kpdk

 

Jun 8 24

Das Blut des Heils

„Fühlst du es auch, wie taumelnd wir hinleben,
wie jedes Wort mit unserm Atem schwindet,
an feuchtem Glanz ein jeder Blick erblindet?
Sieh, wie im Dämmerlichte Veilchen beben.

Strömt Abschied nicht in allen warmen Venen?
Der Arm, vom Schnee der Küsse überzittert,
ist schon, ein morscher Ast, von Moos verwittert,
Sieh, bleich im Zwielicht, Morgenrot-Verbenen.“

„Laß uns noch einmal auf den Hügel gehen,
und birgt er auch verblichene Gebeine,
ein zartes Gras ist schon dem Mark entsprossen.

Laß, Dichter, vor dem Kreuz uns schweigend stehen.
Dann zünd das Licht der Liebe an und weine.“
Ist denn das Blut des Heils umsonst geflossen?

 

Jun 8 24

Dana Gioia, Prayer

Echo of the clocktower, footstep
in the alleyway, sweep
of the wind sifting the leaves.

Jeweller of the spiderweb, connoisseur
of autumn’s opulence, blade of lightning
harvesting the sky.

Keeper of the small gate, choreographer
of entrances and exits, midnight
whisper travelling the wires.

Seducer, healer, deity or thief,
I will see you soon enough—
in the shadow of the rainfall,

in the brief violet darkening a sunset—
but until then I pray watch over him
as a mountain guards its covert ore

and the harsh falcon its flightless young.

 

Gebet

Echo des Glockenturms, hallender Schritt
auf der Gasse, Wind-
stöße, die das Laubwerk durchsieben.

Juwelier des Spinnenwebs, Genießer
herbstlicher Fülle, blitzende Sense
bei der himmlischen Mahd.

Wächter der kleinen Pforte, Choreograph
der Auftrtte und Abgänge, Mitternacht-
flüstern, das durch die Leitungen schwirrt.

Verführer, Heiler, Gottheit oder Dieb,
bald schon seh ich dich, bald –
im Schatten des Regenschauers,

im Streifen Violett am Saum des Abendrots –
bis dahin, fleh ich zu dir, behüte ihn,
wie der Berg das verborgene Erz,

wie der herbe Falke sein Junges im Nest.

 

Siehe auch Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=_S8cfaEyNVA

 

Jun 7 24

Die Flucht der Dichter

Sonnt sich das krumme Holz in eitlem Recht,
es wird kein blühend Reis mehr an ihm sprossen.
Ins Nichts sich blähend Hybris hat gegossen,
in Gnomen-Hirne Dämon, Gottes Knecht.

Reißt von der Leine sich der Grobian,
wird er die Anmut, wird die Schönheit schänden.
Es rieselt Talmigold von klammen Händen
dem Künder neuen Werts, dem Scharlatan.

Darf Dummheit dreist durch Megaphone brüllen,
die Perversion nackt auf den Straßen tanzen,
muß Scham und frommer Sinn das Haupt verhüllen.

Sie wollten Licht aus reinen Quellen schöpfen,
die Dichter fliehen nun in dunkle Stanzen
vom Markt der Schreier mit den Lügenkröpfen.

 

Jun 7 24

Dana Gioia, The stars now rearrange themselves

The stars now rearrange themselves above you
but to no effect. Tonight,
only for tonight, their powers lapse,
and you must look toward earth. There will be
no comets now, no pointing star
to lead where you know you must go.

Look for smaller signs instead, the fine
disturbances of ordered things when suddenly
the rhythms of your expectation break
and in a moment’s pause, another world
reveals itself behind the ordinary.

And one small detail out of place will be
enough to let you know: a missing ring,
a breath, a footfall or a sudden breeze,
a crack of light beneath a darkened door.

 

Nun wechseln die Sternkonstellationen,
doch bleibt die Wirkung aus. Heute Nacht,
nur heute Nacht geht ihre Kraft ins Leere,
du mußt den Blick zur Erde richten. Nun fällt auch
kein Komet, kein Leitstern
weist dir den Weg, den du zu gehen hast.

Schau eher nach kleineren Zeichen, die schöne
Verwirrung in der Ordnung der Dinge, wenn jählings
die Rhythmen deiner Erwartung springen
und im augenblicklichen Stillstand eine andere Welt
sich, jenseits der gewöhnlichen, offenbart.

Nur ein kleines Etwas, fremd am Ort, genügt,
dich wissen zu lassen: ein verlorener Ring,
ein Atemzug, ein hallender Schritt, ein überraschender Lufthauch,
ein Lichtspalt unter einer verdunkelten Tür.

 

Siehe auch Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=CgOjqfoLuis

 

Jun 6 24

Feuer in der Nacht

Die Wolke schwebt, von zartem Hauch getragen.
Die Knospe mag vom Tanz der Biene schauern,
auf schwanken Fingers Kuppe kann sie dauern.
Uns hemmt, die Hand am Türgriff, das Verzagen.

Der Hund scheint, japsend nach dem Ball, zu fliegen.
Wie unverdrossen gurren Turteltauben,
der Amselschlag, er zeugt von tiefem Glauben.
Uns reut, daß wir vor Kummer nicht geschwiegen.

Was, Dichter, kann den Vers ans Licht dir heben,
irrst du im Dickicht blütenloser Zeichen,
Gestrüpp, wo nachts nur blinde Mücken glimmen?

Das Feuer sieh, dort, wo noch Hirten leben,
ihr trunknes Singen, eil, es zu erreichen,
bevor des Wachtraums Bilder dir verschwimmen.

 

Jun 5 24

Was die Katze denkt

Du dünkst, o Mensch, dich einzig hier,
und blickst voll Schwermut, ist ein Funken
aus meinem in dein Aug gesunken.
du Taggespenst, halb Geist, halb Tier.

*

Du stellst mir den zermatschten Schmaus
in einem Napf stolz vor die Nase.
Doch dämmert es. lieg ich im Grase
und fang sie mir, die ganze Maus.

*

Nichts eint dein fahriges Verlangen
mit meinem sichern Wohlgefühl.
Ich bin im Augenblick am Ziel,
dir zittert noch die Lust vor Bangen.

*

Ich bin daheim, wenn deine Hand
mich streichelt, träumerisch und mild.
Dir ist die Heimat unbekannt,
steht auch dein Name auf dem Schild.

*

Ich bin die wahre Gott-Natur,
das Stirb und Werde eines Goethe.
Im Schnee der Nacht bist du die Spur,
die hinschmilzt in der Morgenröte.

 

Jun 5 24

Dana Gioia, Insomnia

Now you hear what the house has to say.
Pipes clanking, water running in the dark,
the mortgaged walls shifting in discomfort,
and voices mounting in an endless drone
of small complaints like the sounds of a family
that year by year you’ve learned how to ignore.

But now you must listen to the things you own,
all that you’ve worked for these past years,
the murmur of property, of things in disrepair,
the moving parts about to come undone,
and twisting in the sheets remember all
the faces you could not bring yourself to love.

How many voices have escaped you until now,
the venting furnace, the floorboards underfoot,
the steady accusations of the clock
numbering the minutes no one will mark.
The terrible clarity this moment brings,
the useless insight, the unbroken dark.

 

Schlaflosigkeit

Nun hörst du, was das Haus zu sagen hat,
Rohre scheppern, Wasser, das im Dunkel fließt,
die verpfändeten Wände rucken voll Unbehagen,
und Stimmen schwellen an, ewiges Brummen
und kleines Klagen, so klingt Familienleben,
das all die Jahre du zu überhören lerntest.

Nun mußt du Dingen lauschen, die dir eigen,
für die geschuftet du die letzten Jahre,
es murmelt dein Besitz und sein Verfall,
die losen Teile, die noch unerledigt blieben,
und die zerknüllten Laken erinnern an all die
Gesichter, die zu lieben du unfähig warst.

Wie viele Stimmen dir bislang entgingen,
Ventilatoren, Knarzen, tritt wer auf Dielen,
die unermüdlichen Anklagen einer Wanduhr,
Minuten zählend, doch zählt niemand mit.
Die schreckliche Klarheit dieses Augenblicks,
die nutzlose Einsicht, Dunkel, das nicht wich.

 

Siehe auch Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=6uJ6v43wrpk

 

Jun 4 24

Dana Gioia, The Lost Garden

If ever we see those gardens again,
The summer will be gone—at least our summer.
Some other mockingbird will concertize
Among the mulberries, and other vines
Will climb the high brick wall to disappear.

How many footpaths crossed the old estate—
The gracious acreage of a grander age—
So many trees to kiss or argue under,
And greenery enough for any mood.
What pleasure to be sad in such surroundings.

At least in retrospect. For even sorrow
Seems bearable when studied at a distance,
And if we speak of private suffering,
The pain becomes part of a well-turned tale
Describing someone else who shares our name.

Still, thinking of you, I sometimes play a game.
What if we had walked a different path one day,
Would some small incident have nudged us elsewhere
The way a pebble tossed into a brook
Might change the course a hundred miles downstream?

The trick is making memory a blessing,
To learn by loss the cool subtraction of desire,
Of wanting nothing more than what has been,
To know the past forever lost, yet seeing
Behind the wall a garden still in blossom.

 

Der verlorene Garten

Wenn je wir diese Gärten wiedersehen,
verging der Sommer – zumindest unser Sommer.
Und andre Drosseln singen Serenaden
in jenen Maulbeerbäumen, andre Reben
erklimmen steil die Wand, bis sie entschwinden.

So viele Pfade, die den alten Grund gekreuzt –
glanzvollerer Epochen Land der Anmut –
so viele Bäume, Zwielicht dem Kuß, dem Zwist,
die Fülle Grüns für eine jede Stimmung.
Welch ein Vergnügen, traurig hier zu wandeln.

Im Rückblick jedenfalls. Sogar der Kummer
scheint ja erträglich, betrachtet aus der Ferne.
Und sprechen wir von unserm eignen Leiden,
birgt schon den Schmerz, die gut ausgeht, die Fabel,
als handle sie von einem gleichen Namens.

Selbst dein gedenkend, spiel ich gern ein Spiel.
Was, hätt uns einmal andrer Pfad verlockt,
ein kleiner Störfall unsern Schritt gewendet,
dem Kiesel gleich, der in den Bach geschleudert,
im fernen Tal den Flußlauf ändern mag?

Trost aus Erinnerung schöpfen ist die List,
und am Verlust die Subtraktion des Wunsches
die kalte, lernen, nur wollen, was geschah,
wohl wissen, vergangen heißt für immer, und
doch hinter Mauern den Garten blühen sehen.

 

Siehe auch Rezitation durch den Dichter;
https://www.youtube.com/watch?v=HMg05f7hrMI

 

Jun 3 24

Hoffnung für Dichter

Ist es schon Herbst, hier liegen Blätter, fahle.
Ich hab so lang geschlafen und mir war,
der volle Mond stand überm Totenmaar,
ein Blütenblatt sank in die runde Schale.

Als könnte noch ein süßes Wort mir reifen,
schien eine Frucht im dunklen Laub erglüht,
ein starrer Schatten, der umsonst sich müht,
konnt ich nach ihrer Lebensglut nicht greifen.

Duftloses Blühen wie an blauen Scheiben,
bizarres Ranken mag dich Verse lehren,
die wie der Schwermut schwarzes Blut gerinnen.

Doch sollst du, Dichter, nicht im Finstern bleiben:
Wenn ihn die Küsse jungen Lichts verzehren,
wird dir der Vers im Blumentau zerrinnen.

 

Jun 2 24

Proserpinas Bote

Wie Veilchenschlummer will der Himmel scheinen,
Erinnerung steigt schon im Duft der Wiesen
aus lang begrabnen Kindheitsparadiesen,
der Lerchen Jubel macht mich weinen.

Gewiß, nur Wasser sprudelt aus der Quelle,
und doch ist mir, als sänge eine Tote,
wie Proserpinas schwermuttrunkner Bote,
süß flüsternd auf des Schlafes banger Schwelle:

„Laß, Dichter, dich von meinem Schaum berücken.
Wie einst an mütterlich gewährten Brüsten
magst du Vergessen aus der Quelle trinken.

Ich will des Liedes Knospe sanft zerpflücken.
Mit weißen Blüten, still vom Mond geküßten,
sollst du in meine dunkle Schale sinken.“

 

Jun 2 24

Ezra Pound, In a Station of the Metro

The apparition of these faces in the crowd:
Petals on a wet black bow.

 

In einer Metrostation

Sie scheinen auf, Gesichter in der Menge:
Blüten eines Zweiges, naß und schwarz.

 

Siehe auch die Interpretation durch Dana Gioia:
https://www.youtube.com/watch?v=V5QGdlGAQBM ab 18:09

 

Jun 1 24

Der Engel des Propheten

Gleich Fenstern, wenn sie trübe Dünste flecken,
ist uns die Sicht vom eignen Hauch verschwommen.
Vom eitlen Pochen unsres Bluts benommen
kann uns der Hymnen Anruf nicht mehr wecken.

Wie jene Jünger, die am Ölberg dösten,
da bittern Trank der Meister hat getrunken,
vergaß das Herz, in fahlem Traum versunken,
die Worte, die es aus dem Banne lösten.

Hörst, Dichter, du das Knirschen nicht der Bohlen,
die Schritte auf dem Gang, die aufgewehten
nicht an die Scheibe schlagen, Efeuzweige?

Daß deine Lippen mit der Glut von Kohlen
entsiegle jäh der Engel des Propheten,
dein Haupt sich seinem Flügelrauschen neige!

 

Mai 31 24

Fronleichnam

„Ihr Huldigungen, Anmut der Gebärde!
Wenn Kinder Blüten streuen auf den Wegen,
den Blumenteppich breiten hohem Segen,
der Licht bringt in die Sündennacht der Erde.

Wir ziehen wie einst Wanderer durch Wüsten
dem Schimmer nach, dem Wunderprunk der Wolke.
Das Brot des Heiles flockte hin dem Volke –
daß einmal Engel uns am Tor begrüßten!“

„Siehst du am Rand den bleichen Dichter stehen,
gehüllt ins Dämmergrün der Weidenruten?
Er neigt sich wohl solch mystisch-heiterm Bildnis,

doch ist zu krank, gen Eden mitzugehen.
Ihn rufen schon im Traum der Lethe Fluten,
darauf kein Blatt mehr schwimmt, die Schattenwildnis.“

 

Mai 30 24

Laß Tränen sprechen

„Es war wohl Sommer, grünen Lichtes Weben,
da gläubig wir uns Blick an Blick gehalten,
die keine Schatten werfen, Traumgestalten,
schien uns ein süßer Duft emporzuheben.

Und hörten wir nicht aus der Höhe tönen
die weiße Muschel einer Waldkapelle,
als strömten Hymnen aus azurner Quelle,
uns mit der Nacht der Schwermut auszusöhnen?“

„Nun, Liebster, da der Winter uns geschieden
und zwischen uns gehäuft sind weiße Hügel,
sind nah wir uns, wenn die Kristalle tauen.

Laß Tränen sagen, ruh in Gottes Frieden.
Es rausche noch Gesanges sanfter Flügel,
daß meine Blüte bebt auf lichten Auen.“

 

Mai 29 24

Der Aufflug aus dem Lärm

„Geschrei, Gedudel, Klirren und Gepolter,
wer kann vorm Lärm des Lebens sich verkriechen,
versickert dort das Röcheln eines Siechen,
quillt Schluchzen hier in dunkler Lüste Folter.

Und wähnst du in der Nacht die Seele sicher,
als könne Traumes Talg das Ohr versiegeln,
hörst du Lemuren über Leichen flügeln,
und, dich zu foppen, Amors Wahngekicher.“

„Nur in der Dichtung Maß, der Metren Fuge,
kann sich des Lebens Wirrklang jählings lichten,
sich läutern trüber Ton zu blauer Woge.

Des Azurs Schaum teilt es im hohen Fluge,
doch auf die Heimkehr muß das Lied verzichten.
Fern tönt sie schön, die Flöte der Ekloge.“

 

Mai 28 24

Stäbe für die Blinden

„Das Herz, den Puls fühl ich, den Vers erlahmen,
beim Wandern, einsam, durchs Gebirg der Zeichen,
kein Helikon kann mir den Quelltrunk reichen,
kein Zion mir die Inschrift hoher Namen.

Das Beste wäre wohl nicht weitergehen,
sich hinzulegen in den Abendschatten,
den Geist in süßem Singsang zu ermatten,
im Rauch erloschner Feuer hinzuwehen.“

„Es ist zu suchen nichts und nichts zu finden,
die Zeichen sind nur schwachen Odems Brücken,
und unter ihnen strömt die graue Lethe.

Das A und O sind Stäbe für die Blinden,
ins Dunkel vorzutasten Seelenkrücken,
nie glänzt der Reim wie Tau im Blumenbeete.“

 

Mai 27 24

Gang ins Abendrot

Ins Abendrot, wenn sich die Schatten längen,
ist uns ein Gang zu zweien noch beschieden,
als blaue Abgrundtiefen Gottes Frieden,
als tropfe goldnes Licht in Abschiedssängen.

Das Ungesagte quillt wie Tau der Rose
in deiner Augen Dunkelglanz und Feuchte,
daß wieder mir dein sanftes Lächeln leuchte,
tut sich der Himmel auf, die Herbstzeitlose.

Hat auch die Bläue Wolke überquollen,
macht dunkles Brausen Laub und Gräser zittern,
scheint Mondes zarte Barke wie verschollen,

wir halten eins am andern uns gleich Ranken,
die fromm sich kreuzen wie zu Schweigegittern,
wenn ihre Blüten auch im Winde schwanken.

 

Mai 26 24

Traum im Schnee

Als könnte nie das Herz dir wieder tauen,
als wehten Flocken, tote Sporen Lichts,
stapfst du im Schnee der Nacht durchs helle Nichts,
der Heimat fern, fern von den Sonnenauen.

Da ist kein Wort, das dir noch könnte dienen
zu Stab und Stecken in der blinden Hand,
kein Bild, zu leuchten dir als Unterpfand,
daß deiner Heimkunft Rebenblätter grünen.

Und jählings hörst du im Gestöber Singen,
als würden Kinder fröhlich Blüten streuen,
dem Heil der Welt den Teppich hinzubreiten.

Du schläfst im Schnee, umhüllt von warmen Schwingen,
dir träumt, wie Sprossen sich im Licht erneuen
und Herzen sich wie Rosenknospen weiten.

 



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