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Mai 27 18

Christina Rossetti, A Better Resurrection

I have no wit, no words, no tears;
My heart within me like a stone
Is numb’d too much for hopes or fears;
Look right, look left, I dwell alone;
I lift mine eyes, but dimm’d with grief
No everlasting hills I see;
My life is in the falling leaf:
O Jesus, quicken me.

My life is like a faded leaf,
My harvest dwindled to a husk:
Truly my life is void and brief
And tedious in the barren dusk;
My life is like a frozen thing,
No bud nor greenness can I see:
Yet rise it shall–the sap of Spring;
O Jesus, rise in me.

My life is like a broken bowl,
A broken bowl that cannot hold
One drop of water for my soul ‘
Or cordial in the searching cold;
Cast in the fire the perish’d thing;
Melt and remould it, till it be
A royal cup for Him, my King:
O Jesus, drink of me.

 

In Schönheit auferstehen

Klug plaudern, weinen kann ich nicht.
Mein Herz liegt taub in mir, ein Stein.
Kein Wunsch, kein Bangen färbt mein Licht.
Schau rechts, schau links, ich bin allein.
Ich heb das Aug, von Kummer matt,
ich sehe keine ewigen Hügel.
Ich bin, das fällt, das welke Blatt:
O Jesus, gib mir Flügel.

Mein Leben ist ein fahles Blatt.
Von meiner Ernte blieb nur Stroh.
Ich hab das leere Leben satt,
das in den öden Dämmer floh.
Mein Leben ist gefrorene Kraft,
kein Blühen, keine grüne Stelle.
Noch soll er sprudeln, Frühlings Saft.
O Jesus, sei die Quelle.

Mein Leben ging zu Bruch, ein Glas
in Scherben, birgt es keinen Trank,
woran die Seele einst genas,
der Traube Blut, wenn Schneelicht sank.
Ins Feuer mit dem toten Ding.
Schmelz um, form neu, daß schöner dir
für meinen Herrn ein Kelch geling.
O Jesus, trink aus mir.

 

Mai 26 18

Christina Rossetti, Good Friday

Am I a stone, and not a sheep,
That I can stand, O Christ, beneath Thy cross,
To number drop by drop Thy blood’s slow loss,
And yet not weep?

Not so those women loved
Who with exceeding grief lamented Thee;
Not so fallen Peter, weeping bitterly;
Not so the thief was moved;

Not so the Sun and Moon
Which hid their faces in a starless sky,
A horror of great darkness at broad noon –
I, only I.

Yet give not o’er,
But seek Thy sheep, true Shepherd of the flock;
Greater than Moses, turn and look once more
And smite a rock.

 

Karfreitag

Bin ein Schaf ich nicht, nur roh ein Stein,
daß unter deinem Kreuz, o Herr, ich stehe,
tropfenweis Dein Blut verrinnen sehe,
und keine Träne wein?

Anders jener Frauen Liebesschar,
die zur Trauerklage sich vereinte.
Anders Petrus, da er fiel und bitter weinte.
Anders sah das Herz des Schächers wahr.

Anders Mond und Sonne, als verblich
ihr Angesicht im sternenlosen Grauen,
Schrecken dämmerte im hellsten Blauen.
Nur ich, nur ich.

Noch wende das Geschick,
hol heim Dein Schaf, du Hirt, treu alle Tage,
Du mehr als Moses, gnädig schau zurück,
den Felsen schlage.

 

Zur Sinnerhellung siehe 4. Buch Moses, Kapitel 20, 1–11:
1 Und die Kinder Israel kamen mit der ganzen Gemeinde in die Wüste Zin im ersten Monat, und das Volk lag zu Kades. Und Mirjam starb daselbst und ward daselbst begraben.
2 Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich wider Mose und Aaron.
3 Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach, daß wir umgekommen wären, da unsere Brüder umkamen vor dem HERRN! 4 Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in diese Wüste gebracht, daß wir hier sterben mit unserm Vieh? 5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, da man nicht säen kann, da weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und dazu kein Wasser zu trinken? 6 Mose und Aaron gingen vor der Gemeinde zur Tür der Hütte des Stifts und fielen auf ihr Angesicht, und die Herrlichkeit des HERRN erschien ihnen.
7 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 8 Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet mit dem Fels vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben. Also sollst du ihnen Wasser aus dem Fels bringen und die Gemeinde tränken und ihr Vieh. 9 Da nahm Mose den Stab vor dem HERRN, wie er ihm geboten hatte. 10 Und Mose und Aaron versammelten die Gemeinde vor den Fels, und er sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch Wasser bringen aus jenem Fels? 11 Und Mose hob seine Hand auf und schlug den Fels mit dem Stab zweimal. Da ging viel Wasser heraus, daß die Gemeinde trank und ihr Vieh.

 

Mai 26 18

Christina Rossetti, De profundis

Oh why is heaven built so far,
Oh why is earth set so remote?
I cannot reach the nearest star
That hangs afloat.

I would not care to reach the moon,
One round monotonous of change;
Yet even she repeats her tune
Beyond my range.

I never watch the scatter’d fire
Of stars, or sun’s far-trailing train,
But all my heart is one desire,
And all in vain:

For I am bound with fleshly bands,
Joy, beauty, lie beyond my scope;
I strain my heart, I stretch my hands,
And catch at hope.

 

De profundis

Warum ist Himmel uns so fern,
warum die Erde ihm entrückt?
Ungreifbar ist der nahste Stern,
der meerwärts zückt.

Der Mond macht mich nicht sehnsuchtsbang,
der fort und fort dem Wechsel weicht,
und leiert doch denselben Sang,
der mir nicht gleicht.

Ich achte nicht, wie streuen Glut
Gestirne, nicht wie Sonne flieht.
Ich brenne nach dem hohen Gut,
das sich entzieht.

Ich bin in Fleisches Qual gestreckt,
o schönes Leben, Lied im Wind.
Das Herz gespannt, die Hand gereckt,
verhoff ich blind.

 

Mai 26 18

Christina Rossetti, Consider the Lilies of the Field

Aus: Goblin Market and Other Poems

Flowers preach to us if we will hear:

The rose saith in the dewy morn:
I am most fair;
Yet all my loveliness is born
Upon a thorn.

The poppy saith amid the corn:
Let but my scarlet head appear
And I am held in scorn;
Yet juice of subtle virtue lies
Within my cup of curious dyes.

The lilies say: Behold how we
Preach without words of purity.

The violets whisper from the shade
Which their own leaves have made:
Men scent our fragrance on the air,
Yet take no heed
Of humble lessons we would read.

But not alone the fairest flowers:
The merest grass
Along the roadside where we pass,
Lichen and moss and sturdy weed,
Tell of His love who sends the dew,
The rain and sunshine too,
To nourish one small seed.

 

Seht die Lilien auf dem Feld

Hört, die Blumen predigen das wahres Leben.

Die Rose sagt vom frühen Tau geweiht:
Ich bin die schönste Zier.
Doch all meine Lieblichkeit
ist eines Dornes Kleid.

Unter Ähren spricht der Mohn:
Will mein Purpurhaupt ich heben,
ernte ich nur lauter Hohn,
doch birgt ein Saft voll Zaubermacht
meines Kelches grelle Pracht.

Die Lilien sagen: Seht, wir künden
stumm ein Leben ohne Sünden.

Die Veilchen aber flüstern
in eignen Blattes Düstern:
Unsren Duft trinkt man wohl hier,
doch will uns keiner ehren,
wenn wir der Demut Gnade lehren.

Doch sind die hohen Schönen nicht allein:
Ja, das Gras sogar,
das Zeuge unsrer Schritte war,
Flechte, Moos und dürres Kraut
will von Seinen Liebesgaben sagen,
von Tau, von Regen- und Sonnentagen,
woran der Sämling sich erbaut.

 

Mai 25 18

Ernest Christopher Dowson, O mors!

O mors! Quam amara est memoria tua
homini pacem habenti in substantiis suis

Exceeding sorrow
Consumeth my sad heart!
Because to-morrow
We must depart,
Now is exceeding sorrow
All my part!

Give over playing,
Cast thy viol away:
Merely laying
Thine head my way:
Prithee, give over playing,
Grave or gay.

Be no word spoken;
Weep nothing: let a pale
Silence, unbroken
Silence prevail!
Prithee, be no word spoken,
Lest I fail!

Forget to-morrow!
Weep nothing: only lay
In silent sorrow
Thine head my way:
Let us forget to-morrow,
This one day!

 

O mors!
Wie bitter ist, Tod, deiner zu gedenken für jene,
die ihren Frieden nur im Eignen finden

Ich habe Sorgen,
die mir am Herzen nagen.
Denn wir müssen morgen
Lebwohl uns sagen,
ich kann die Sorgen,
nicht verjagen.

Tritt aus der Spiele Kreis,
wirf den Becher fort:
Wende um dich leis,
ich warte dort.
Tritt doch aus der Spiele Kreis,
kalt oder heiß.

Keiner sage mehr ein Wort,
keiner weine: Laß im Dämmerschein
Schweigen fort und fort,
Schweigen alles sein.
Sag doch keiner mehr ein Wort,
das uns macht gemein.

Vergiß das Morgen!
Weine nicht: Schmiege deinen
Kopf ganz ohne Sorgen
an den meinen.
Vergessen wir das Morgen
diesen Tag, den einen!

 

Mai 24 18

Dämon

Denkbild für Stefan George

Flammen.
Zeichen.

Feuer-Schrift
an Mauern,
die zitternd liest
die Nacht.

In seiner Esse
starrt
Gestalt,
die zu atmen er
gesalbt.

Vates mit dem Hauch,
der löst und bannt.

Haupt und Krone,
Mund und Spruch,
Samen-Sinn.

Was an Blüten Tau,
tropft aus seinem Kelche.

Ihm wächst Urgebild
aus Angst und Lymphe
wie windgetriebene Schale
aus dem weichen
Muschel-Fleisch.

Er zerbricht
früher Spiele Form
mit Blitzen.

Er befiedert
junge Seele,
bläst sie
über Meeres Tiefen.
Zu andern Ufern
singt sie hin.

Er bringt von Inseln,
Lotusblüten,
die auf dem Schaum des Mondes
kreisen,
wilden Duft
und Pollen-Gold
in heimatliche Brache.

Glänzt sie einmal noch
sich heiter
unter Tränen
wie Lea mit den matten Augen
in Jakobs Armen,
in heller Kinder Schar?

 

Mai 24 18

Ernest Christopher Dowson, After Paul Verlaine

Spleen

Around were all the roses red,
The ivy all around was black.

Dear, so thou only move thine head,
Shall all mine old despairs awake!

Too blue, too tender was the sky,
The air too soft, too green the sea.

Always I fear, I know not why,
Some lamentable flight from thee.

I am so tired of holly-sprays
And weary of the bright box-tree,

Of all the endless country ways;
Of everything alas! save thee.

 

Trübsinn

Rings flammte rosenrot der Tag.
Und Efeu brachte tiefe Nacht.

Als, Liebste, du dich wandtest zag,
ist all mein Unglück aufgewacht.

Der Himmel war zu blau, zu lind.
Die Luft zu süß, zu grün die Bucht.

Ich bebe ständig seelenblind
vor einem Abgrund, deiner Flucht.

Wie bin der Palmen Glanz ich leid,
beschnittnen Buchses mattes Licht.

Und all die Pfade endlos weit,
und alle Dinge! Ach, dich nicht.

 

Vergleiche:
http://www.luxautumnalis.de/paul-verlaine-spleen/

 

Mai 24 18

Ernest Christopher Dowson, Extreme Unction

Upon the eyes, the lips, the feet,
On all the passages of sense,
The atoning oil is spread with sweet
Renewal of lost innocence.

The feet, that lately ran so fast
To meet desire, are soothly sealed;
The eyes, that were so often cast
On vanity, are touched and healed.

From troublous sights and sounds set free;
In such a twilight hour of breath,
Shall one retrace his life, or see,
Through shadows, the true face of death?

Vials of mercy! Sacring oils!
I know not where nor when I come,
Nor through what wanderings and toils,
To crave of you Viaticum.

Yet, when the walls of flesh grow weak,
In such an hour, it well may be,
Through mist and darkness, light will break,
And each anointed sense will see.

 

Letzte Ölung

Man salbt auf Augen, Lippen, Füße,
aller Sinne Tor und Borne,
der Sühne Öl, damit die süße
Unschuld kehre, die verlorne.

Die Füße, die eben noch gerannt
nach Lüsten, ruhen sanft gebunden.
Die Augen, stets von Trug gebannt,
sind schön versiegelt und gesunden.

Von wirrer Sicht, von Lärm erlöst –
wenn solche Dämmerstunden hauchen,
wird Bild das Leben, wird entblößt
von Schatten Todes Wahrheit tauchen?

Gefäße der Gnade! Öl zum Heil!
Ich weiß den Ort nicht, da ich stehe,
den Weg nicht, den ich ächzend eil,
wenn ich um deine Wegzehr flehe.

Wenn aber Fleisches Mauer bricht,
zur ernsten Stunde magʼs geschehen:
Durch Dunst und Dunkel strahlt das Licht,
und die gesalbten Sinne sehen.

 

Mai 23 18

Sara Teasdale, Less than the cloud to the wind

Less than the cloud to the wind,
Less than the foam to the sea,
Less than the rose to the storm,
Am I to thee.

More than the star to the night,
More than the rain to the tree,
More than heaven to earth
Art thou to me.

 

Weniger als dem Wind die Wolke

Weniger als dem Wind die Wolke,
weniger als der Welle der Stein,
weniger als dem Sturm die Rose
gilt dir mein Sein.

Mehr als der Nacht der Stern,
mehr als dem Trinker der Wein,
mehr als der Saat die Sonne
gilt mir dein Sein.

 

Mai 23 18

Sara Teasdale, Snowfall

“She can’t be unhappy,” you said,
“The smiles are like stars in her eyes,
And her laughter is thistledown
Around her low replies.”
“Is she unhappy?” you said–
But who has ever known
Another’s heartbreak–
All he can know is his own;
And she seems hushed to me,
As hushed as though
Her heart were a hunter’s fire
Smothered in snow.

 

Schneefall

„Sie kann nicht traurig sein”, sagtest du,
„sie lacht, als ob ein Stern erglimme,
als ob vom Flaum der Distel taut
die leise Stimme.“
„Ist sie traurig?“, fragtest du.
Doch wer hat in Herzen je geschaut
den tiefen Kummer?
Der eigne nur ist uns vertraut.
Und diese scheint mir so gedämpft
und so entrückt,
als wär ihr Herz das Feuer eines Jägers,
im Schnee erstickt.

 

Mai 23 18

Sara Teasdale, Wisdom

It was a night of early spring,
The winter-sleep was scarcely broken;
Around us shadows and the wind
Listened for what was never spoken.

Though half a score of years are gone,
Spring comes as sharply now as then -
But if we had it all to do
It would be done the same again.

It was a spring that never came;
But we have lived enough to know
That what we never have, remains;
It is the things we have that go.

 

Weisheit

Eine Nacht im ersten Frühling,
Winterschlaf, den wir verjagten.
Um uns die Schatten und der Wind
lauschten nach dem Ungesagten.

Wie viele Jahre sind vergangen,
wie einst bricht Frühling Herzen noch –
doch ließen wir uns wieder fangen,
wir säßen wohl im selben Loch.

So blieb uns dieser Frühling fern.
Doch wußten wir uns klug zu fassen:
Das Ungreifbare glänzt – ein Stern.
Die Blumen, die wir schnitten, blassen.

 

Mai 22 18

Sara Teasdale, The Wine

I cannot die, who drank delight
From the cup of the crescent moon,
And hungrily as men eat bread,
Loved the scented nights of June.

The rest may die—but is there not
Some shining strange escape for me
Who sought in Beauty the bright wine
Of immortality?

 

Der Wein

Ich kann nicht sterben, da ich Wonne
aus Mondes weißem Becher trank.
Die macht satt das Korn der Sonne,
mich Duft der Juninächte krank.

Den Rest ins Grab – doch ist mir kein
fernes Eden prophezeit,
der Schönheit glomm wie goldner Wein
der Unsterblichkeit?

 

Mai 22 18

Sara Teasdale, The Shrine

There is no lord within my heart,
Left silent as an empty shrine
Where rose and myrtle intertwine,
Within a place apart.

No god is there of carven stone
To watch with still approving eyes
My thoughts like steady incense rise;
I dream and weep alone.

But if I keep my altar fair,
Some morning I shall lift my head
From roses deftly garlanded
To find the god is there.

 

Der Schrein

Mein Herz hat keinen Herrn erwählt,
es ist ein Schrein des Namenlosen,
da winden Myrten sich um Rosen,
sehr fern von dieser Welt.

Dort sieht kein Gott im Marmorstein
mit gütig-stillem Blick mein Flehen
im Weihrauch meiner Opfer wehen.
Ich weine, träum allein.

Doch halt ich meinen Altar rein,
heb ich mein Haupt in Dämmer-Stunden,
von Rosenknospen zart umwunden,
und schau den Gott im Schrein.

 

Mai 22 18

Sara Teasdale, The New Moon

Day, you have bruised and beaten me,
As rain beats down the bright, proud sea,
Beaten my body, bruised my soul,
Left me nothing lovely or whole—
Yet I have wrested a gift from you,
Day that dies in dusky blue:
For suddenly over the factories
I saw a moon in the cloudy seas—
A wisp of beauty all alone
In a world as hard and gray as stone—
Oh who could be bitter and want to die
When a maiden moon wakes up in the sky?

 

Neumond

Tag, hast mich geschlagen, mich verletzt,
wie Regen frohen Meeresglanz zerfetzt,
zerquetschtest die Seele, schlugst den Leib,
daß nichts liebenswert, nichts heil mir bleib.
Doch ward mir dein Juwel zum Raub,
Tag, der du stirbst in blauem Staub:
Über Schloten stand mit einem Mal
der Mond im Wogenwolkental.
Der Hauch der Schönheit ganz allein
in einer Welt so hart, so grau wie Stein.
Wer sehnte bitter sich in Grabesnacht,
wenn mädchenhaft der Mond erwacht?

 

Mai 22 18

Sara Teasdale, In Spring, Santa Barbara

I have been happy two weeks together,
My love is coming home to me,
Gold and silver is the weather
And smooth as lapis is the sea.

The earth has turned its brown to green
After three nights of humming rain,
And in the valleys peck and preen
Linnets with a scarlet stain.

High in the mountains all alone
The wild swans whistle on the lakes,
But I have been as still as stone,
My heart sings only when it breaks.

 

Frühling in Santa Barbara

Zwei Wochen war das Glück mir hold,
mein Liebster trat auf meine Schwelle.
Die Luft bringt Silber nur und Gold.
Glatt wie Achat ist jede Welle.

Der Erde Braun hat Grün umrankt,
drei Nächte bauschte Regens Seide.
Und in den Tälern pickt und prangt
der Fink mit rotem Halsgeschmeide.

Hoch in Schluchten wild-allein
sind Schwäne, die auf Teichen flehen.
Doch ich war schweigsam wie ein Stein,
mein Herz singt erst im Untergehen.

 

Mai 22 18

Sara Teasdale, Evening: New York

Blue dust of evening over my city,
Over the ocean of roofs and the tall towers
Where the window-lights, myriads and myriads,
Bloom from the walls like climbing flowers.

 

Abend in New York

Blauer Abendstaub auf meiner Stadt,
überm Ozean der Dächer und der Türme Masten,
die Lichter der Fenster, tausend, abertausend,
blühen auf wie Winden, die nach oben tasten.

 

Mai 21 18

Wie wenig rein sind wir gestimmt

Wie wenig rein sind wir gestimmt.
Wirre Fäden hängen Träumen gleich
wir in den Tag, das Sonnenlicht,
Schatten, die nicht tönen, Schatten.

Oder ausgekehrt vom lauen Wind,
Wahngeweb und Hülsen leerer Saat,
aus Scheuern dumpfer Dämmerung,
Stoppeln, die nicht trieben, Stoppeln.

Und ist ein Auge frei, das dir erglänzt
wie eine Frucht, gereift am hohen Strahl,
trüben es, kaum daß du sprichst,
Tränen, die nicht schmelzen, Tränen.

 

Mai 21 18

Sara Teasdale, Sappho

Your lines that linger for us down the years,
Like sparks that tell the glory of a flame,
Still keep alight the splendor of your name,
And living still, they sting us into tears.
Sole perfect singer that the world has heard,
Let fall from that far heaven of thine
One golden word.
Oh tell us we shall find beside the Nile,
Held fast in some Egyptian’s dusty hand,
Deep covered by the centuries of sand,
The songs long written that were lost awhile
Sole perfect singer that the world has heard,
Let fall from that far heaven of thine
This golden word.

 

Sappho

Deine Lieder wölken über Gipfeln der Zeit,
voll Funken, die von Flammen-Glorie künden
und deines Namens Leuchte uns entzünden,
da sie leben, sind unsre Augen tränenweit.
Du Sängerin in traumentrückter Bucht,
reich uns aus deinem fernen Himmelsgarten
eines Wortes goldene Frucht.

Sag, am Strand des Nils läßt sich noch finden,
umklammert von eines Ägypters staubiger Hand,
ganz bedeckt von dem Jahrhundert-Sand,
manch Blatt, um das sich deine Züge winden.
Du Sängerin in traumentrückter Bucht,
reich uns aus deinem fernen Himmelsgarten
eines Wortes goldene Frucht.

 

Mai 21 18

Sara Teasdale, Alone

I am alone, in spite of love,
In spite of all I take and give—
In spite of all your tenderness,
Sometimes I am not glad to live.

I am alone, as though I stood
On the highest peak of the tired gray world,
About me only swirling snow,
Above me, endless space unfurled;

With earth hidden and heaven hidden,
And only my own spirit’s pride
To keep me from the peace of those
Who are not lonely, having died.

 

Allein

Im Liebesbund bin ich allein,
allein bei allem Hab und Gut –
und ist all deine Sanftmut mein,
manchmal gefriert mein junges Blut.

Ich bin allein, auch auf den Berg
der müden alten Welt gelangt,
wo mich nur Schnee umflockt,
und über mir die Leere prangt.

Verhüllt die Erde, Himmel verhüllt,
und nur mein stolzer Geist verbot
den Schritt zu jenen im Friedensreich,
die nicht allein sind, sondern tot.

 

Mai 21 18

Ernest Christopher Dowson, Dregs

The fire is out, and spent the warmth thereof.
(This is the end of every song man sings!)
The golden wine is drunk, the dregs remain,
Bitter as wormwood and as salt as pain;
And health and hope have gone the way of love
Into the drear oblivion of lost things.
Ghosts go along with us until the end,
This was a mistress, this, perhaps, a friend.
With pale, indifferent eyes, we sit and wait
For the dropt curtain and the closing gate:
This is the end of all the songs man sings.

 

Abschaum

Die Flamme tot, die Wärme lang verweht.
So verhaucht das Lied aus Menschenmund!
Der goldene Wein getrunken, nur Abschaum gleißt,
bittrer als Wermut, als Salz die Wunde beißt.
Und Glück wie Hoffen den Pfad der Liebe geht
in trostlosen Vergessens dunklen Schlund.
Nur Geister rings, bis Dämmerung sie bleicht,
hier eine Freundin, dort ein Freund vielleicht.
Wir sitzen und harren, blöden Blickes vor
dem Vorhang, daß er fällt und hallt das Tor.
So verhaucht das Lied aus Menschenmund!

 

Mai 20 18

Ernest Christopher Dowson, Spleen

I was not sorrowful, I could not weep,
And all my memories were put to sleep.

I watched the river grow more white and strange,
All day till evening I watched it change.

All day till evening I watched the rain
Beat wearily upon the window pane.

I was not sorrowful, but only tired
Of everything that ever I desired.

Her lips, her eyes, all day became to me
The shadow of a shadow utterly.

All day mine hunger for her heart became
Oblivion, until the evening came,

And left me sorrowful, inclined to weep,
With all my memories that could not sleep.

 

Trübsinn

Ich hatte keine Tränen, wußte keinen Kummer.
Und meine Geister wiegte ich in Schlummer.

Den Fluß sah heller ich und seltsam schäumen.
Bis Abend wurde, sah ich wie in Träumen.

Ich hörte bis zum Abend Regentropfen
zart an die Fensterscheiben klopfen.

Ich war nicht traurig, mich zog nur kein Verlangen
zu all den Dingen, woran mein Herz gehangen.

Ihre Lippen, ihre Augen wurden Schatten,
die jener letzten Schatten Leere hatten.

Mein Hunger auf ihr Herz, er war vergangen,
vergessen schon, da Abend mich umfangen

und mir die Tränen ließ, den Kummer
und meine Geister. Die fanden keinen Schlummer.

 

Mai 20 18

Ernest Christopher Dowson, My Lady April

Dew on her robe and on her tangled hair;
Twin dewdrops for her eyes; behold her pass,
With dainty step brushing the young, green grass,
The while she trills some high, fantastic air,
Full of all feathered sweetness: she is fair,
And all her flower-like beauty, as a glass,
Mirrors out hope and love: and still, alas!
Traces of tears her languid lashes wear.

Say, doth she weep for very wantonness?
Or is it that she dimly doth foresee
Across her youth the joys grow less and less,
The burden of the days that are to be:
Autumn and withered leaves and vanity,
And winter bringing end in barrenness.

 

April, du hohe Frau

Tau auf dem Kleid, in loser Locken Beben.
Der Augen Zwillingstropfen. Sieh, den Schritt,
der voll Anmut durch die jungen Gräser glitt.
Als ob sich bunte Federn luftig heben,
singt sie Märchenweisen. O schönes Leben!
Wie aus Spiegeln blickt ihr Blumenhaupt mit
Zuversicht und Liebe. Doch sieh, sie litt,
daß Tränen ihr an müden Wimpern schweben.

Sag, weint sie, ein launiges Kind so sehr,
oder ist es, weil sie dunkel fühlt,
der Jugend Freuden blassen mehr und mehr,
hat sie das Bild der Zukunft aufgewühlt:
Herbst, Fäulnis, Hauch, den Abschied kühlt,
Winter, da alles endet, kahl und leer?

 

Mai 20 18

Ernest Christopher Dowson, Transition

A little while to walk with thee, dear child;
To lean on thee my weak and weary head;
Then evening comes: the winter sky is wild,
The leafless trees are black, the leaves long dead.

A little while to hold thee and to stand,
By harvest-fields of bending golden corn;
Then the predestined silence, and thine hand,
Lost in the night, long and weary and forlorn.

A little while to love thee, scarcely time
To love thee well enough; then time to part,
To fare through wintry fields alone and climb
The frozen hills, not knowing where thou art.

Short summer-time and then, my heart’s desire,
The winter and the darkness: one by one
The roses fall, the pale roses expire
Beneath the slow decadence of the sun.

 

Hingang

Ich geh ein Weilchen noch mit dir, mein Kind,
Und lehn mein schwaches, müdes Haupt an dich.
Der Abend kommt: Rauh atmet Winterwind.
Die Äste starren schwarz, das Laub verblich.

Noch eine Weile zwischen uns das Band,
wo Gold die Ähre auf den Äckern wiegt.
Dann Schweigen, schicksalshaft, und deine Hand,
die matt und einsam in das Dunkel biegt.

Noch eine Weile Liebe, karge Frist
für Liebe, die erfüllt. Und du enteilst.
Im Schneefeld streunen, einsam, Hügel trist
erklimmen, und nicht wissen, wo du weilst.

Der jähe Sommer, der dem Herzwort weicht:
o Winternacht. Und Rose um Rose sinkt
dahin, die Rosen hauchen aus, gebleicht,
im Abendrot, das dunkle Schauer trinkt.

 

Mai 20 18

Ernest Christopher Dowson, Venite descendamus

Let be at last; give over words and sighing,
Vainly were all things said:
Better at last to find a place for lying,
Only dead.

Silence were best, with songs and sighing over;
Now be the music mute;
Now let the dead, red leaves of autumn cover
A vain lute.

Silence is best: for ever and for ever,
We will go down and sleep,
Somewhere beyond her ken, where she need never
Come to weep.

Let be at last: colder she grows and colder;
Sleep and the night were best;
Lying at last where we cannot behold her,
We may rest.

 

Venite descendamus

Laß alles fahren hin. So Wort als Lallen,
Worte sind der Seele Kot.
Besser in die dunkle Ecke fallen,
endlich tot.

Am besten stumm sein, Lied und Weh verhaucht,
die Melodie, die traute.
In totes, rotes Laub des Herbstes sei getaucht
die leere Laute.

Am besten stumm sein: für jetzt und allezeit.
Hinab, dem tiefen Schlaf uns einen.
Wo sie nicht findet hin, im Trauerkleid
um uns zu weinen.

Laß fahren hin. Nach und nach wird sie erkalten.
Am besten Schlaf, am besten Nacht.
Und liegen da, wo ihre Blicke uns nicht halten,
es wär vollbracht.

 

Mai 19 18

Ernest Christopher Dowson, Valediction

If we must part,
Then let it be like this;
Not heart on heart,
Nor with the useless anguish of a kiss;
But touch mine hand and say;
‘Until tomorrow or some other day,
If we must part.’

Words are so weak
When love hath been so strong.
Let silence speak:
‘Life is a little while, and love is long;
A time to sow and reap,
After harvest a long time to sleep,
But words are weak.”

 

Lebewohl

Wenn wir uns denn trennen,
laß es so geschehen:
Wir wollen Herz an Herz nicht brennen,
an Küssen nicht, die sinnlos flehen.
Faß einfach meine Hand und sag:
„Bis auf Morgen oder einen anderen Tag,
wir müssen uns wohl trennen.“

Ach Worte, welch Gebrechen,
war Liebe voller hoher Schauer.
So laß das Schweigen sprechen:
„Kurz ist das Leben, die Liebe ist von Dauer.
Erst kommt die Saat und dann die Mahd.
Und nach der Ernte Schlafes große Gnad.
Ach Worte, welch Gebrechen.“

 

Mai 19 18

Ernest Christopher Dowson, Moritura

A song of the setting sun!
The sky in the west is red,
And the day is all but done;
While yonder up overhead,
All too soon,
There rises so cold the cynic moon.

A Song of a Winter day!
The wind of the north doth blow,
From a sky that’s chill and gray,
On fields where no crops now grow,
Fields long shorn
Of bearded barley and golden corn.

A song of an old, old man!
His hairs are white and his gaze
Long bleared in his visage wan,
With its weight of yesterdays,
Joylessly
He stands and mumbles and looks at me.

A song of a faded flower!
‘Twas plucked in the tender bud,
And fair and fresh for an hour,
In a Lady’s hair it stood,
Now, ah! now,
Faded it lies in the dust and low.

 

Moritura

Ein Lied vom Sonnenuntergang.
Im Westen tauchen rote Flügel.
Verschollen ist des Tages Klang.
Doch drüben auf dem dunklen Hügel,
wie früh, wie bald,
schwebt grinsend schon der Mond so kalt.

Ein Lied von winterlichen Tagen.
Der kalte Wind vom Norden weht,
aus kühlen Höhen, die grauend ragen,
auf Felder, wo kein Halm mehr steht,
behaucht von Eis,
von Ähren kahl und goldnem Mais.

Das Lied eines greisen Wichts.
Sein Haar ist weiß und er blickt
aus trüben Augen, fahlen Gesichts.
Von der Last all der Tage bedrückt,
steht er, kümmerlich,
steht da, nuschelt und schaut auf mich.

Ein Lied von bald verblaßten Blüten.
Die zarten Knospen hat man abgepflückt.
Und da sie noch ein Weilchen glühten,
den Locken einer Schönen eingedrückt.
Nun liegen sie, ach, schau,
verblaßt im Staub und werden grau.

 

Mai 19 18

Ich habe nichts als Schimmer

Ich habe nichts als Schimmer
einer Träne, die zersprang
am Rosendorn.

Flügel, der auf Laubes Dämmer
das Glas des Windes schleift,
das blaue Glas.

Die Seele abgenutzter Dinge,
den grünen Käfer, der im Staub
der Vase liegt.

Ich habe nichts als Schimmer
eines Sternes, der zerstob
im Nachtgesang.

 

Mai 18 18

Ernest Christopher Dowson, Exchanges

All that I had I brought,
Little enough I know;
A poor rhyme roughly wrought,
A rose to match thy snow:
All that I had I brought.

Little enough I sought:
But a word compassionate,
A passing glance, or thought,
For me outside the gate:
Little enough I sought.

Little enough I found:
All that you had, perchance!
With the dead leaves on the ground,
I dance the devil’s dance.
Little enough I found:

 

Eins ums andere

Ich gab all meine Habe,
ich weiß, es ist nicht viel.
Schlichten Reimes hohle Wabe,
Schneelichts Widerspiel:
Rosen. Alles, was ich habe.

Ich zog das Zarte vor,
ein Wort, das mitgelitten,
Schimmer vor dem Tor,
Gedanken, schon entglitten.
Ich zog das Zarte vor.

Wie arm sind meine Funde.
Dir gab sich Glück ja ganz!
Auf welken Laubes Grunde
tanz ich den Teufelstanz.
Wie arm sind meine Funde.

 

Mai 18 18

Ernest Christopher Dowson, Beyond

Love’s aftermath! I think the time is now
That we must gather in, alone, apart
The saddest crop of all the crops that grow,
Love’s aftermath.
Ah, sweet,–sweet yesterday, the tears that start
Can not put back the dial; this is, I trow,
Our harvesting! Thy kisses chill my heart,
Our lips are cold; averted eyes avow
The twilight of poor love: we can but part,
Dumbly and sadly, reaping as we sow,
Love’s aftermath.

 

Hernach

Der Liebe späte Lese! Nun ist die Zeit
da wir allein die Frucht der Früchte klauben,
die traurigsten von allen hält der Herbst bereit,
der Liebe letzte Trauben.
O süßes Einst, wer kann zurück es schrauben,
das blind wird unter Tränen? Ein matt Geschmeid,
die Ernte! Deiner Küsse dunkle Lauben,
der Lippen Frost. Die Dämmerung entzweit
die liebeshellsten Blicke: entflogne Tauben,
stumm und bleich. Wir ernten süßes Leid,
der Liebe letzte Trauben.

 

Mai 17 18

Malen wir den Wind

Dem Andenken an Ernst Gundolf (1881–1945)

Malen wir den Wind.
Lassen wir die Flausen.
Werden wir sein Kind
in hohen Himmels Sausen.

Schreiben wir aufs Wasser.
Lassen wir den Kloß.
Immer heller, immer blasser
tropft der Tau am Moos.

Jenseits aller Worte
singt die Nachtigall.
Öffnen wir die Pforte,
Odem überall.

Gehen wir ins Feuer.
Holen wir das Schrot
aus der dumpfen Scheuer.
Flamme, reiner Tod!

 

Mai 17 18

Ernest Christopher Dowson, The Moon Maiden’s Song

Sleep! Cast thy canopy
Over this sleeper’s brain,
Dim grow his memory,
When he wake again.

Love stays a summer night,
Till lights of morning come;
Then takes her winged flight
Back to her starry home.

Sleep! Yet thy days are mine;
Love’s seal is over the;
Far though my ways from thine,
Dim though thy memory.

Love stays a summer night,
Till lights of morning come;
Then takes her winged flight
Back to her starry home.

 

Lied der Mondesfee

Schlaf, breite deine Schleier hin
über dieses Schläfers Nacht,
Erinnerns süßes Bild verrinn,
wenn er abermals erwacht.

Eine Sommernacht nur weilt
die Liebe, bis das Frühlicht siegt
und sie in hohem Flug einteilt,
in ihre Sternenheimat fliegt.

Schlaf! Deine Tage sind noch mein,
wenn dich der Liebe Siegel hüllt.
Geh auf fernen Straßen ich allein,
verdunkle der Erinnerung Bild.

Eine Sommernacht nur weilt
die Liebe, bis das Frühlicht siegt
und sie in hohem Flug einteilt,
in ihre Sternenheimat fliegt.

 

Mai 17 18

Ernest Christopher Dowson, Flos lunae

I would not alter thy cold eyes,
Nor trouble the calm fount of speech
With aught of passion or surprise.
The heart of thee I cannot reach:
I would not alter thy cold eyes!

I would not alter thy cold eyes;
Nor have thee smile, nor make thee weep:
Though all my life droops down and dies,
Desiring thee, desiring sleep,
I would not alter thy cold eyes.

I would not alter thy cold eyes;
I would not change thee if I might,
To whom my prayers for incense rise,
Daughter of dreams! my moon of night!
I would not alter thy cold eyes.

I would not alter thy cold eyes,
With trouble of the human heart:
Within their glance my spirit lies,
A frozen thing, alone, apart;
I would not alter thy cold eyes.

 

Flos lunae

Dein Augen-Glanz sei immer kalt,
nicht flecke deiner Quelle Singen
der Schatten meiner Mißgestalt.
Er kann dir in das Herz nicht dringen.
Dein Augen-Glanz sei immer kalt.

Dein Augen-Glanz sei immer kalt.
Nicht lächeln sollst du und nicht weinen.
Wenn auch mein Sein ins Dunkel wallt,
nach Schlummer lechzend, deinem Scheinen,
dein Augen-Glanz sei immer kalt.

Dein Augen-Glanz sei immer kalt.
Nicht glühen hätt ich ihn gemacht,
daß Weihrauch wölke aus dem Spalt.
Des Traumes Kind, mein Mond der Nacht,
Dein Augen-Glanz sei immer kalt.

Dein Augen-Glanz sei immer kalt.
Verdunkelt nicht von meinen Qualen.
Dein Strahl gibt meinem Geist den Halt,
der einsam glüht, in Eises Schalen.
Dein Augen-Glanz sei immer kalt.

 

Mai 17 18

Sieh, wie alles quillt

Sieh, wie alles quillt,
wie alles horcht und äugt.

Die Blume hat den Tau.
Der Schwan den Morgenhauch.
Die Wolke lächelt sich im Teich.

Und alles geht bis an den Rand
der Welt, wo Liebe trinkt
der ausgesungene Mund.

Ich aber hab verzwirnt
den Faden dünnen Sinns
an einer Öse Zittern.

Ich neige meinen Mund
dem grünen Rand,
das Wasser weicht zurück.

Sieh, wie alles strömt,
wie alles haucht und rinnt.

Das Blut kreist warm ums Herz.
Die Blume hat den Wind.
Den goldnen Wein das Lied.

Mir aber ist der Weg
der Heimkehr schroff verstellt
von stummen Grabessphinxen,
die kein Herz erwärmt,
kein Hauchen rührt,
kein Lied erweckt.

Wie bin ich denn verwaist
vom schlichten Sein des Dings,
gefallen aus dem Licht,
das wahre Rosen zieht.

So will ich Wasser sein,
das jenen Mund erquickt.
Blut und dunkler Schauer,
der jenes Herz bezwingt.

So will ich nackt sein Wind,
der sanft die Gräser biegt,
dem hohen Gast der Wein,
daß öder Tag ergrünt,
die Nacht von Seelen schwingt.

 

Mai 16 18

Ernest Christopher Dowson, To One in Bedlam

With delicate, mad hands, behind his sordid bars,
Surely he hath his posies, which they tear and twine;
Those scentless wisps of straw, that miserably line
His strait, caged universe, whereat the dull world stares,

Pedant and pitiful. O, how his rapt gaze wars
With their stupidity! Know they what dreams divine
Lift his long, laughing reveries like enchanted wine,
And make his melancholy germane to the stars’?

O lamentable brother! if those pity thee,
Am I not fain of all thy lone eyes promise me;
Half a fool’s kingdom, far from men who sow and reap,
All their days, vanity? Better than mortal flowers,
Thy moon-kissed roses seem: better than love or sleep,
The star-crowned solitude of thine oblivious hours!

 

Einem in Bedlam

In zarten Wahnsinns-Händen hält er seine Binsen,
die er hinter Elendsstäben zupft und flicht,
duftlose Büschel Stroh, im kümmerlichen Licht
des Kerkerlochs gesprossen. Dumpfe Leute grinsen

ihn an, Mitleids-Krämer. Wie seines Blicks Entzücken
ihren Stumpfsinn straft! Unwissend, daß ein Schein
des Himmels seinen Traum durchglüht wie Götterwein
und dunkle Stunden ihn zur Sternenbahn entrücken.

O armer Zwillingsbruder! Wenn jene dich bedauern,
will ich um alles, was dein Blick verheißt, nur trauern.
Des Narren Reich, fern von Saat und Mahd, der Last
der Menschen, Vanitas? Deine Mondes-Rosen
beschämen irdische. Lust und Schlaf verblaßt
vor deiner Sternen-Einsamkeit, o trunknes Kosen!

 

Mai 16 18

Ernest Christopher Dowson, Seraphita

Come not before me now, O visionary face!
Me tempest-tost, and borne along life’s passionate sea;
Troublous and dark and stormy though my passage be;
Not here and now may we commingle or embrace,
Lest the loud anguish of the waters should efface
The bright illumination of thy memory,
Which dominates the night; rest, far away from me,
In the serenity of thine abiding place!

But when the storm is highest, and the thunders blare,
And sea and sky are riven, O moon of all my night!
Stoop down but once in pity of my great despair,
And let thine hand, though over late to help, alight
But once upon my pale eyes and my drowning hair,
Before the great waves conquer in the last vain fight.

 

Seraphita

Nicht jetzt sollst Traumgesicht du mir erscheinen,
da mir in Stürmen heiß die Lebenswoge schreit.
Zerrt mich auch Qual und Sturm in Dunkelheit,
nicht hier und jetzt soll dunkles Schmelzen uns vereinen,
daß mir nicht trübe Schmerzenswassers Weinen
dein helles Bild, Erinnerungs-Geschmeid,
das in der Nacht mir glänzt. Schlafe, ach so weit,
in deiner fernen Haine Heiterkeit.

Doch wenn um Sturmes Gipfel Donner tosen
und Himmel klafft und Meer, o Mond du meiner Nacht,
magst du mir einmal gnädig in mein Elend glosen.
Und wär es auch zu spät, soll deine Hand mir sacht
die blassen Lider und die feuchten Haare kosen,
bevor die Woge steigt, die meines Lebens lacht.

 

Mai 16 18

Ernest Christopher Dowson, The Days of Wine and Roses

Vitae summa brevis spem nos vetat incohare longam

They are not long, the weeping and the laughter,
Love and desire and hate:
I think they have no portion in us after
We pass the gate.

They are not long, the days of wine and roses:
Out of a misty dream.
Our path emerges for a while, then closes
Within a dream.

 

Die Reben- und die Rosen-Feste

Das alles währt nicht lange, Lachen, Weinen,
die Liebe, Sehnsucht und das Hassen:
Schließt sich die Pforte endlich, scheinen
wir all dies hinter uns zu lassen.

Sie schimmern auf, die Reben- und die Rosen-Feste,
aus eines Traumes Dunkel.
Wir waren eines Sommertages späte Gäste
und sinken hin in Traumes Dunkel.

Mai 15 18

Ernest Christopher Dowson, Terre Promise

Even now the fragrant darkness of her hair
Had brushed my cheek; and once, in passing by,
Her hand upon my hand lay tranquilly:
What things unspoken trembled in the air!

Always I know, how little severs me
From mine heart’s country, that is yet so far;
And must I lean and long across a bar,
That half a word would shatter utterly?

Ah might it be, that just by touch of hand,
Or speaking silence, shall the barrier fall;
And she shall pass, with no vain words at all,
But droop into mine arms, and understand!

 

Terre Promise

Gerade hat ihr Haar voll dunkler Düfte
die Wange mir gestreift. Wie ihre Hand
hingleitend auf der meinen Stille fand.
Von Ungesagtem zitterten die Lüfte!

Ich weiß es längst, es hüllt nur zarter Rauch
das Land der Seele, doch er will nicht schwinden.
Muß mein Sehnen sich um Gitter winden,
die brächen unter eines Wortes Hauch?

Ach fiele, wenn sich Hände zärtlich streifen,
wenn Schweigen spricht, die Grenze fort.
Und käme jene ohne leeres Wort
mir in den Arm zu sinken, zu begreifen!

 

Mai 15 18

Ernest Christopher Dowson, The Dead Child

Sleep on, dear, now
The last sleep and the best,
And on thy brow,
And on thy quiet breast
Violets I throw.

Thy scanty years
Were mine a little while;
Life had no fears
To trouble thy brief smile
With toil or tears.

Lie still, and be
For evermore a child!
Not grudgingly,
Whom life has not defiled,
I render thee.

Slumber so deep,
No man would rashly wake;
I hardly weep,
Fain only, for thy sake.
To share thy sleep.

Yes, to be dead,
Dead, here with thee to-day,–
When all is said
‘Twere good by thee to lay
My weary head.

The very best!
Ah, child so tired of play,
I stand confessed:
I want to come thy way,
And share thy rest.

 

Das tote Kind

Schlummer soll dich wiegen,
mein Herz, zur letzten Lust,
auf deinen süßen Zügen,
auf deiner stillen Brust
sollen Veilchen liegen.

Rasch ist die Zeit vergangen,
da mich dein Atmen freute.
Doch deines Lächelns Prangen
ward keiner Furcht zur Beute,
nicht Tränen auf den Wangen.

Ruhe sanft und entrinn
als ein Kind der Ewigkeit.
Ohne allen Groll im Sinn,
dein Leben ward ja nicht entweiht,
gebe ich dich hin.

Find in dunklen Hainen
Schlaf, den keiner stört.
Lautlos will ich weinen,
will von deinem Schlaf betört
mich deinem Dunkel einen.

Ja, sterben wär ein Segen,
tot zu sein mit dir zugleich,
das Wort verwehte auf den Wegen,
und mein Haupt, so bleich,
neben deines hinzulegen.

Das wäre mir die Fülle!
Ach, Kind, so müd von allem Spiel,
ja, da ist mein letzter Wille:
zu folgen deines Pfades Ziel,
zu sinken hin in deine Stille.

 

Mai 14 18

Aus der Tiefe

Rostige Späne fallen abends
vom dunkelroten Himmel.

Aus dem Hahn der Küche
tropft Geseufz von Toten.

Die Amsel, die am Firste singt,
ist eine Spieluhr des Geschicks.

All die Worte, all die Worte
fliegen aus der Asche nicht.

Wessen Gottes Odem
haucht die Seele neu?

(Graue Mücke, die im Staub
der Zimmerecke sirrt.)

 

Mai 14 18

Ernest Christopher Dowson, In Spring

See how the trees and the osiers lithe
Are green bedecked and the woods are blithe,
The meadows have donned their cape of flowers,
The air is soft with the sweet May showers,
And the birds make melody:
But the spring of the soul, the spring of the soul,
Cometh no more for you or for me.

The lazy hum of the busy bees
Murmureth through the almond trees;
The jonquil flaunteth a gay, blonde head,
The primrose peeps from a mossy bed,
And the violets scent the lane.
But the flowers of the soul, the flowers of the soul,
For you and for me bloom never again.

 

Im Frühling

Schau der Stämme und der Weidenranken
frisches Grün, der Wipfel frohes Schwanken,
die Wiesen kleidet buntes Blumenleben,
die Luft ist weich von süßen Maies Weben,
und Vögel singen ihre Lieder:
Doch der Frühling der Seele, der Frühling der Seele,
er kehrt zu dir, zu mir nie wieder.

Emsige Bienen summen wie in Träumen
in Blüten von Mandelbäumen,
Narzisse, die ihr blondes Köpfchen reckt,
die Primel späht, im Moos versteckt,
und der Veilchen Düfte sprühen.
Doch die Blumen der Seele, die Blumen der Seele,
werden dir und mir nie wieder blühen.

 

Mai 14 18

Paul Verlaine, Beams

Aus: Romances sans paroles

Elle voulut aller sur les bords de la mer,
Et comme un vent bénin soufflait une embellie,
Nous nous prêtâmes tous à sa belle folie,
Et nous voilà marchant par le chemin amer.

Le soleil luisait haut dans le ciel calme et lisse,
Et dans ses cheveux blonds c’étaient des rayons d’or,
Si bien que nous suivions son pas plus calme encor
Que le déroulement des vagues, ô délice !

Des oiseaux blancs volaient alentour mollement
Et des voiles au loin s’inclinaient toutes blanches.
Parfois de grands varechs filaient en longues branches,
Nos pieds glissaient d’un pur et large mouvement.

Elle se retourna, doucement inquiète
De ne nous croire pas pleinement rassurés,
Mais nous voyant joyeux d’être ses préférés,
Elle reprit sa route et portait haut la tête.

 

Beams

Lustwandeln mochte sie am Meeresstrand,
und da die Winde lau ins Blaue stiegen,
so mochten wir uns ihrer Laune fügen,
gingen den Pfad, der sich ins Bittre wand.

Am wolkenlosen Himmel stand die Sonne,
im Blondschopf glomm ihr eine goldne Schnur,
so glitten wir in ihrer Tritte Spur,
die leiser als die Wellen ebbte, welche Wonne!

Um uns der weißen Vögel weiches Schweben
und ferne weißer Segel leichtes Neigen,
Seegräser wogten auf in dichten Zweigen,
wir flossen hin, als würde Flut uns heben.

Sie dreht sich um, von Bangen hold geneckt,
ob wir noch gläubig folgten ihren Schritten,
wie sie uns sieht, die frohen Favoriten,
spaziert sie weiter, stolz das Haupt gereckt.

 

Mai 13 18

Risse der Erde

Nach Bildern von Neo Rauch

Triefenden Glanzes Gewürm
bricht es aus der Erde,
leckt nach unbehaartem Fleisch.

Es steht in flackernden Fahnen
über Büschen, über Bergen,
ausgestülpt wie Därme.

Lautlos schießen Dornen
aus den Eutern, aus den Brüsten,
blutend an den Spitzen.

Laute verkleben Lippen,
Schweigen schäumt am Mund,
Sinn platzt auf wie Eiter.

Risse der Erde, Himmelsschründe,
donnernd kreißt die Nacht,
Blitze spalten den Schoß.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=neo+rauch+bilder&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwin8b3BwoPbAhVE6CwKHWJuAFEQ_AUICigB&biw=1120&bih=595#imgrc=QajApkDeXGKcsM:

 

Mai 13 18

Scheue Boten

Wolken, blaue Atemzüge,
die ein Vogelherz
überm Laub des Schlafes wiegen.

Keiner kann den Schatten rollen,
der dem Mund entquillt,
Traumgesagtes, schon verschollen.

Stacheln wie von Porzellan
lähmen das Gefühl,
Flaum und Distel, abgetan.

Keiner mag die Flammen halten
mit des Liedes Span,
Blüten, die im Dunst erkalten.

In die blaue Leere springen
Fische aus dem Teich,
Flossen, die wie Silber klingen.

Keiner fängt die scheuen Boten,
Flocken mit dem Mund,
doch sie schmelzen bei den Toten.

 

Mai 13 18

Paul Verlaine, Noël

Aus: Liturgies intimes

Petit Jésus qu’il nous faut être,
Si nous voulons voir Dieu le Père,
Accordez-nous d’alors renaître

En purs bébés, nus, sans repaire
Qu’une étable, et sans compagnie
Qu’une âne et qu’un bœuf, humble paire ;

D’avoir l’ignorance infinie
Et l’immense toute-faiblesse
Par quoi l’humble enfance est bénie ;

De n’agir sans qu’un rien ne blesse
Notre chair pourtant innocente
Encor même d’une caresse,

Sans que notre œil chétif ne sente
Douloureusement l’éclat même
De l’aube à peine pâlissante,

Du soir venant, lueur suprême,
Sans éprouver aucune envie
Que d’un long sommeil tiède et blême…

En purs bébés que l’âpre vie
Destine, — pour quel but sévère
Ou bienheureux ? — foule asservie

Ou troupe libre, à quel calvaire ?

 

Weihnacht

Kleiner Jesus, so müssen auch wir sein,
wollen wir Gott den Vater schauen,
mögest du uns neues Leben verleihn

als kleine Kinder, nackt, im Grauen
eines Stalls, wo die beiden uns zur Seit
Ochs und Esel demütig kauen.

Ins Meer der Unwissenheit
tauch uns, in Ohnmacht ohne Maßen
wodurch das schwache Kind geweiht.

Laß uns auf der Unschuld Straßen
wandeln, wo Herzen nichts verstört,
auch wenn sie liebend sich vergaßen.

Unser trübes Auge werde nicht betört,
auch nicht von Frührots Strahlen,
das schmerzlich neuen Glanz beschwört.

Und wehen Abends Purpurfahnen,
laß uns keinen andren Trost
als langen Schlummers bleiche Bahnen.

Laß uns wie reine Kinder sein, erlost
vom bittren Leben – fürs Folterbette
oder die Seligkeit – von Engeln umkost

oder versklavt. Für welche Schädelstätte?

 

Mai 12 18

Ernest Christopher Dowson, April Love

We have walked in Love’s land a little way,
We have learnt his lesson a little while,
And shall we not part at the end of day,
With a sigh, a smile?

A little while in the shine of the sun,
We were twined together, joined lips forgot
How the shadows fall when day is done,
And when Love is not.

We have made no vows – there will none be broke,
Our love was free as the wind on the hill,
There was no word said we need wish unspoke,
We have wrought no ill.

So shall we not part at the end of day,
Who have loved and lingered a little while,
Join lips for the last time, go our way,
With a sigh, a smile?

 

Liebe im April

Uns blieben im Land der Liebe kurze Tage,
an ihrer Lehre durften wir uns weiden.
Werden wir im Abendlicht mit einer Klage,
einem Lächeln scheiden?

Im Schein der Sonne blieben wir umschlungen,
vergessend, Mund an Mund so dicht,
wie Schatten wachsen, wenn der Tag verklungen,
doch die Liebe nicht.

Wir schworen nicht, kein Schwur wird je gebrochen,
frei flog die Liebe uns wie Windes Saat,
kein Wort von uns, das besser ungesprochen,
keine böse Tat.

Warum nicht scheiden, wenn Abendlüfte wehen,
da wir uns liebten unter Frühlings Fächeln,
zum Abschied küßten, unsres Weges gehen,
mit einem Seufzen, einem Lächeln?

 

Mai 11 18

Scheingestalten

Laue Schauer,
Schlafes Laub,
Gräser glimmen
schon im Staub,
und vom Regen
glänzt die Mauer,
wenn im feuchten
Anhauch Stimmen,
graues Beben,
sich in Mulden legen,
und es leuchten
auf dem Teich,
hingegeben,
Schwänen gleich,
vom Nichts gehalten,
Lichter ohne Leben,
unsre Scheingestalten.

 

Mai 11 18

Totenspende

Nur der Edle kann das Leben preisen,
das in hell und dunklen Kreisen
sich um ihn ergießt.

Sanfter Wind hat ihm das Blatt entwunden,
Efeudunkel hoher Stunden,
da die Klage fließt.

Abend ruht, ein veilchenblauer Flügel,
auf des Herzens kleinem Hügel
wie auf einem Grab.

Nacht weht wie aus mütterlichen Händen
Tropfen Taus als Totenspenden
auf das Moos hinab.

 

Mai 11 18

Paul Verlaine, Credo

Aus: Liturgies intimes

Je crois ce que l’Église catholique
M’enseigna dès l’âge d’entendement :
Que Dieu le Père est le fauteur unique
Et le régulateur absolument
De toute chose invisible et visible,
Et que, par un mystère indéfectible,

Il engendra, ne fit pas Jésus-Christ
Son Fils unique avant que la lumière
Ne fût créée, et qu’il était écrit
Que celui-ci mourrait de mort amère,
Pour nous sauver du malheur immortel
Sur le Calvaire et, depuis, sur l’Autel ;

Enfin que l’Esprit saint, lequel procède
Et du Père et du Fils et qui parlait
Par les prophètes, et ma foi qui s’aide
De charité croit le dogme complet
De l’Église de Rome, au saint baptême,
En la vie éternelle. Vœu suprême.

 

Credo

Ich bekenne, was die katholische Kirche mich
von Kindesbeinen an gelehrt:
Gott den Vater, den Schöpfer wahrlich,
der lenkt und herrschet unversehrt
in allen Welten, sichtbar oder unsichtbar,
und durch ein Wunder, unantastbar,

Jesus Christus hat gezeugt, nicht gemacht,
den einzigen Sohn, bevor er rief
das Licht ins Sein, wie die Schrift es sagt,
da er in Bitternis entschlief,
uns zu erlösen vom ewigen Leid
auf Golgota, auf Altären allezeit;

den heiligen Geist, der ewig weht
vom Vater und vom Sohne her, der gekündet
durch Prophetenmund, was von Gnade lebt,
meinen Glauben, der in die Lehre mündet
von der Kirche Roms, vom Taufsakrament
und ewigem Leben. Wahres Testament.

 

Mai 10 18

Eulenspiegelei

Wie sind die Stunden hingegangen,
als wäre was wir litten
wie Tropfen abgeglitten
vom blassen Teint der Blütenwangen.

Die Worte sind uns lang zerronnen,
nur O und Ach, sie schweben
wie Trauben dunkler Reben,
die ungepflückten blauen Wonnen.

Uns netzt, wenn Tau und Dunkel fließen,
ein stummes Moos die Qualen,
wir harren süßer Strahlen,
die uns der Seele Schoß erschließen.

Der Morgen hat wie Eulenspiegel
uns aus dem Wahn gerissen,
er setzte auf sein Wissen
vom tauben Ei des Hinterns Siegel.

 

Mai 10 18

Paul Verlaine, Avent

Aus: Liturgies intimes

« Dans les Avents », comme l’on dit
Chez mes pays qui sont rustiques
Et qui patoisent un petit
Entre autres usages antiques,

« Dans les Avents les côs chantont »,
Toute la nuit, grâce à la lune
« Clartive » alors, et dont le front
S’argente et cuivre dès la brune

Jusqu’à l’aube en peu d’ombre, et ces
Chante-clair, clair comme un beau rêve,
Proclament jusques à l’excès
Le soleil… qui plus tard se lève,

Trop tard pour ceux qui sont reclus
Au poulailler, — tout comme une âme
Ne tendant que vers les élus,
Dans le péché, prison infâme, —

Et comme une âme les bons coqs,
Vigilants, tels au temps de Pierre,
Souffrent, mais, en dépit des chocs
D’ombre, chantent, et l’âme espère.

 

Advent

„In den Tagen des Advent“, so hallt
es in unseren Dörfern und Flecken,
wo erdenschwer die Zunge lallt
und bäurisch-rauhe Sitten schrecken.

„Im Advent die Gickerl gackern“
die ganze Nacht, weil dieses macht
der Mond mit seinem hellen Flackern
wie Silbermünzen bei der Nacht.

Gen Morgen wird sein Antlitz dunkel,
doch jene krächzen traumverklärt
im Überschwange vom Gefunkel
der Sonne, die später wiederkehrt,

für die im Hühnerstall zu spät,
sie sind gefangen, wie voll Bängnis
die Seele, die zu Engeln fleht
im sündendunklen Kot-Gefängnis.

Und gleich der Seele halten Wacht
die Hühner, wie zu Petri Stunde,
ihr Krähen trotzt der Schreckensnacht,
die Seele harrt der frohen Kunde.

 



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