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Nov 23 17

Philosophische Konzepte: Ich-Symbol

Wir beschäftigen uns hier mit dem Symbol für denjenigen, der Symbole herstellt, verwendet und liest – also das Subjekt der sprachlichen und zeichengeleiteten Handlungen. Wir nennen dieses Symbol zur besseren Charakterisierung auch Ich-Symbol, weil es die Realität des Subjekts oder den Gedanken des Subjekts an sich selbst vertritt.

Der Pfeil auf der Wanderkarte am Waldrand, zu dem die Legende am unteren Rand schlicht vermerkt „Ihr Standort“, ist ein Symbol in diesem Sinne. Der Pfeil hat keine Ähnlichkeit mit demjenigen, dessen Standort er markiert. Man könnte zu dem gewünschten Zweck auch ein anderes Zeichen verwenden wie einen farbigen Punkt oder ein Strichmännchen – auch dieses Emblem der menschlichen Figur hat ja nicht wirklich eine Ähnlichkeit mit dem bezeichneten Gegenstand, der personalen Identität dessen, den es repräsentieren soll.

Welche Ähnlichkeit mit welchem Gegenstand könnte die Position des Subjekts haben? Wenn wir aber keine Ähnlichkeit dieser Art ermitteln, wie sollten wir für die Position des Subjekts oder die Selbstgegenwart des Ich ein echtes Bild und Zeichen, ein originäres Symbol ausfindig machen?

Was heißt es aber ein Ich-Symbol zu verstehen? Wenn ich die Wanderkarte richtig lesen will, muß ich mithilfe des stellvertretenden Symbols, des Pfeils, meinen Standort oder meine Position im geographischen Umfeld oder Kontext ausmachen. Habe ich mich solcherart in der Umgebung symbolisch verortet, kann ich meinen Weg in die von mir gewählte Richtung fortsetzen, wozu mir die auf der Karte aufgezeichnete Umgebung die eine und andere Option eröffnet.

Die Karte ist ein alter Typus originärer Zeichen und Symbole für Gegenstände und Sachverhalte: Blaue Linien vertreten Bäche und Flüsse, blaue Flecken Seen, winzige Bilder von Tannen oder Laubbäumen Tannen- und Laubwald, kleine Kreuze einen Friedhof, ein abstrahiertes Geweih einen Forsthof oder ein Pokal ein Gasthaus.

Mit den Zeichen auf der Karte und den Erklärungen der Bedeutung der Zeichen in der Legende erfassen wir ein semantisches Ur-Muster der Relation von Zeichen und Welt.

Was stellt aber das Pfeil-Symbol dar? Gibt es uns die semantische Relation zwischen dem, der die Zeichen liest, und der Welt, die sie repräsentieren?

Verdeutlichen wir den Sinn der Frage an einem anderen Beispiel: Auf einer Abbildung, einer Zeichnung oder Fotographie, des vatikanischen Konferenzsaales, in dem der Papst Generalaudienzen abhält, befindet sich auf der Tribüne ein Sitz, der dem Papst vorbehalten ist. Könnte der Papst angesichts einer solchen Abbildung den abgebildeten Sitz als Ich-Symbol lesen und verstehen, indem er sich sagt: „Dieser Sitz ist einzig meiner Person vorbehalten“? Oder könnte die Königin von England das königliche Wappen als Ich-Symbol sehen und verstehen, indem sie sich sagt „Das Wappen repräsentiert mich in meiner königlichen Würde“?

Der Papst und die Königin (oder der König) von England sind singulär, insofern es zur selben Zeit jeweils nur ein Exemplar dieser besonderen Art von Würdenträgern gibt. In dieser Singularität entsprechen sie der Singularität der Position des Subjekts, auch wenn es faktisch Milliarden davon gibt, aber die jeweilige Subjektposition kann in Raum und Zeit jeweils nur von einem Exemplar unserer Gattung eingenommen werden, wie die Position des Subjekts jeweils von einem Wanderer vor der Wanderkarte eingenommen zu werden pflegt.

Ein Sitz in einem Konzertsaal oder das Wappen eines Vereins eignen sich mangels einer singulären Referenz nicht zu Ich-Symbolen. Dagegen bilden Fotos von Gesichtern oder Fingerabdrücke aufgrund ihrer substantiellen Teilhabe an den physischen Eigenschaften ihrer Träger keine Symbole, da ihnen die erforderliche semantische Bezugnahme fehlt.

Das Ich-Symbol des Pfeils auf der Karte zeigt mir nicht nur meine lokale Position, sondern steht für eine Virtualität von bestimmten Handlungen, die ich an dieser Position oder von ihr aus ausführen kann, nämlich von dieser Position aus in diese oder jene Richtung zu gehen. Es bedeutet so viel wie: Von hier aus kannst du weitergehen (einen Weg und eine Richtung deiner Wahl einschlagen). Hier sind wir geneigt, das Ich-Symbol als Verweis auf mögliche Handlungen zu verstehen.

Wenn wir die mögliche Handlung mit V abkürzen (dem Zeichen für eine beliebige Handlung, dem Verb) und denjenigen, der sie ausführt mit N (dem Zeichen für eine beliebige Person, dem Namen oder einer geeigneten Kennzeichnung), können wir eine allgemeine Formel aufstellen, die die Bedeutung des Symbols S (für das Subjekt) definiert:

S = V (N)

Wir können zusätzliche Indikatoren bei N einfügen, die die Person eindeutig definieren würden wie die Raumkoordinaten und die Ortszeit bei einer Kennzeichnung.

Im nächsten Schritt bezeichnen wir den Weg, den die Person einzuschlagen beabsichtigt oder tatsächlich beschreitet, beispielsweise mit dem Zeichen R (für Rheinhöhenweg) und erhalten die Formel für das erweiterte Symbol:

S = V (NL, T) R

Wir können diese Formel so lesen: Eine Person führt (am Ort L zur Zeit T) eine Handlung aus, die sich auf den Bereich R bezieht. Der Bereich, auf den sich das Handeln bezieht, ist das intentionale Objekt des Handelns, das wir einfach mit dem Buchstaben O für das direkte oder indirekte Objekt des Handelns oder den intendierten Sachverhalt bezeichnen. So erhalten wir schließlich die allgemeine Formel:

S = V (NL, T) O

Das intentionale Objekt umfaßt alles Mögliche: von Einzeldingen über Mengen von Gegenständen bis hin zu einfachen und komplexen Sachverhalten sowie anderen Personen.

Wir können mit der Formel das Handeln oder die Handlungsabsicht einer jeden Person an jedem beliebigen Ort zu jeder beliebigen Zeit sowie den Bereich erfassen, auf den sich ihre Handlung bezieht.

Diese allgemeine Formel gibt uns ein Muster der grammatischen Struktur der Sprache in die Hand, insofern sie semantisch offen ist: Werden die offenen Stellen oder semantischen Variablen durch Einsetzung geeigneter Begriffe und Namen geschlossen, erhalten wir einen sinnvollen Satz, der von einer bestimmten Person etwas aussagt.

Doch woher wissen wir, daß mit dem Symbol derjenige gemeint ist, der es gebraucht, woher wenn ich es benutze, daß ich selbst gemeint bin? In der Tat, mit dieser Formel und dieser Symbolik erfassen wir NICHT die Tatsache, daß es sich bei dieser Person um denjenigen handelt, der das Symbol gebraucht oder liest, um MICH SELBST. Wir erfassen demnach nicht die von uns angezielte allgemeine Formel für das Ich-Symbol.

Kehren wir also wieder zu unserer Ausgangssituation und zu dem ikonischen Zeichen für DICH und für MICH, den Pfeil auf der Wanderkarte, zurück. Wie gelingt uns die Projektion unserer Selbstgegenwart auf dieses Zeichen? Wie lesen wir das grafische Zeichen nicht nur als Symbol für die lokale Position einer beliebigen Person, sondern als Ich-Symbol, also als Zeichen für unsere Gegenwart?

Ziehen wir zur Verdeutlichung folgendes Beispiel heran: Ich finde in meiner untersten Schublade ein altes Typoskript, augenscheinlich tagebuchartige Aufzeichnungen, die jemand vor Jahren angefertigt hat. Da lese ich Sätze wie diese: „Nachdem mich V. verlassen hatte, suchte ich mir die leere Zeit durch lange Spaziergänge zu vertreiben. Ich wanderte den Rheinhöhenweg entlang und kam bis St. Goar.“ – Plötzlich erinnere ich mich daran, daß ich selbst die Person bin, von der in diesen Sätzen die Rede ist, daß es sich also um ein altes Tagebuch von meiner eigenen Hand handelt.

Was geschieht hier? Nun, ich erkenne in dem grammatischen Zeichen für die erste Person Singular das Ich-Symbol, das mich selbst oder meine (vergangene) Selbstgegenwart bedeutet.

Das Tagebuch hätte auch eine Autobiographie einer anderen Person oder eine fiktive Lebensbeschreibung eines Autors sein können (eines Autors, mit dem ich einmal befreundet war und der mir seine Notizen ausgehändigt hatte): Wären mir diese Umstände bekannt, würde ich in diesen Fällen das in den Aufzeichnungen verwendete grammatische Subjekt der ersten Person selbstredend nicht als Symbol meiner (vergangenen) Selbstgegenwart oder als mein Ich-Symbol lesen und verstehen.

Schließlich können wir die Möglichkeit nicht ausschließen, daß es sich bei den tagebuchartigen Aufzeichnungen nicht um echte autobiographische Notizen handelt, sondern wohl um tagebuchartigen Aufzeichnungen von meiner Hand, doch solche, die rein literarische Entwürfe zu einer fiktiven Lebensbeschreibung einer fiktiven Person in Ich-Form darstellen.

In all diesen Fällen vertritt das grammatische Subjekt der ersten Person Singular NICHT die Subjektposition dessen, der die Zeichen verwendet und liest: Wenn ich die Autobiographie eines anderen lese, komme ich nicht im geringsten auf die Idee, mich mit ihm zu verwechseln, nur weil ich seine Sätze in Ich-Form lese.

Wir können die Position des Subjekts auch nicht damit erklären, daß wir sie auf die Position des Sprechers festlegen, der gerade in der ersten Person Singular redet. Denn wenn ich meine Freunde zu einer Lesung der autobiographischen Bücher von Elias Canetti einlade, werden sie mich nicht mit dem Autor verwechseln, wenn ich seine in Ich-Form geschriebenen Sätze vortrage.

Übrigens finden wir in fiktiver Ich-Prosa naturgemäß auch all jene reflexiven oder rückbezüglichen Pronominalbildungen („mich“ und „mir“, „für mich“ oder das rückbezügliche „Ich“ der indirekten Rede: „Ich fragte mich, ob ich gemeint war“), ohne daß sich damit etwas an unserem grundsätzlichen Einwand gegen die Eigenständigkeit des Ich-Symbols änderte. Denn auch diese den Selbstbezug evident und augenscheinlich machenden Reflexivbildungen verhindern nicht, daß im konkreten Falle ihre Bezugnahme nicht auf mich, sondern auf den Autor oder den fiktiven Helden der Erzählung weist.

Blicken wir endlich auf den abweichenden oder (in Bezug auf den Normalgebrauch) parasitären Gebrauch des Pronomens der ersten Person Singular und Plural, der uns in den Masken der Schauspieler auf der dramatischen Bühne begegnet. Hier finden wir ein Doppeltes: Natürlich verliert der Schauspieler nicht seine personale Identität und Selbstgegenwart als Herr X oder Frau Y, wenn er die Rolle des Othello oder des Prinzen von Homburg und sie die Rolle der Prinzessin Orsina (in Lessings „Emilia Galotti“) spielt. Und auch der Zuschauer weiß, wen sie mimen und meinen, wenn sie auf der Bühne von sich, ihren Gedanken und Absichten, also von fremden Gedanken und Absichten, reden, als wären es die eigenen. Andererseits müssen gute Schauspieler doch in gewisser Weise so weit in der Rolle aufgehen und die Selbstgegenwart einer fremden Existenz so tief in sich aufnehmen, daß ihr Reden und Agieren glaubwürdig über die Bühne kommen. Keine Schauspielerin vermöchte glaubwürdig die Orsina zu geben, wenn sie nicht aus ihrem eigenen Selbst gewisse Anteile der erotischen Intrigantin und Femme Fatale zutage fördern könnte.

Die Maske des Ich verwendet keine anderen Ausdrucksmittel als das unmaskierte Normal-Ich. So finden wir es nicht nur bei Bühnenrollen, sondern leider auch bei Betrügern und Hochstaplern, die nur dann die innere Grenze des wahren und falschen Selbst überschreiten oder sich ganz vom parasitären Selbst gleichsam aufzehren lassen, wenn es sich um psychiatrische Grenzfälle des Borderliners oder Psychotikers handelt.

Gewisse Formenkreise der Depersonalisierung fassen wir in einer eigentümlichen Symptomatik: So reden manche Patienten manchmal von eigenen Erlebnissen oder Gedanken als von Erlebnissen anderer oder ihnen von Fremden aufgenötigten Gedanken – sie machen dann Äußerungen, in denen wir in der erste Person von uns reden würden, in der dritten Person.

Auch diese Beispiele und Fälle zeigen, daß wir im Gebrauch der ersten Person des Personalpronomens oder im sprachlichen Ausdruck der Selbstgegenwart auf unsicheres Terrain geraten können – die abweichenden Fälle und den Normalgebrauch mittels eines originären Ich-Symbols zu unterscheiden, dagegen mißlingt.

Wir kommen demnach, was die Möglichkeit angeht, eine sich selbst erklärende, unmittelbar evidente und aus sich selbst verständliche allgemeine Formel für das Ich-Symbol oder ein originäres Zeichen für die Selbstgegenwart des Subjekts zu bilden, zu einem negativen Ergebnis. Wir finden kein grafisches oder lautliches Symbol, das uns die Selbstgegenwart des Subjekts unmittelbar angibt oder unmißverständlich zeigt. Wie gesagt, ich kann „Ich“ sagen ohne mich zu meinen oder von mir zu reden.

Daraus folgern wir:

1. Wenn es kein eigenständiges, originäres Ich-Symbol gibt, ist die Position des Subjekts oder die Selbstgegenwart deiner und meiner Existenz keine sprachliche Tatsache, sondern eine sprachunabhängige Tatsache. Ich kann nicht ich zu sein lernen, indem ich „ich“ zu sagen lerne. Ist aber ich zu sein keine durch den Spracherwerb zu erlernende sprachliche Kompetenz, so auch keine erlenbare Fertigkeit wie die Fertigkeit, Fahrrad zu fahren oder Schach zu spielen. Ich kann die Regeln des Schachspiels im Laufe der Zeit vergessen, nicht aber meinen Daseinsmodus, ich selbst zu sein. Demnach kann die Position des Subjekts einzunehmen weder gelehrt noch gelernt werden.

2. Die semantische Leerstelle des Ich-Symbols enthebt freilich die Ich-Funktion oder den subjektiven Modus unseres Lebens nicht ihrer fundamentalen Bedeutung in sprachlichen und sprachpragmatischen Kontexten. Diese Bedeutung zeigt sich beispielsweise in der Gewichtung unserer sprachlichen Handlungen, wenn wir für unsere Äußerungen und Aussagen wie Ankündigungen, Zusagen oder Versprechen, Lügen, üble Nachreden und Verleumdungen geradestehen und uns für sie verantworten müssen. Nur kann diese Bedeutung dessen, was wir mit „ich“ meinen, sprachlich nicht adäquat mittels Verwendung originärer Ich-Symbole ausgedrückt werden. Sie muß sich aber in unseren sprachlichen und nichtsprachlichen Handlungen fortwährend zeigen.

3. Beim fiktiven Zeichengebrauch, in der Literatur und Dichtung, können wir die semantische Leerstelle des Subjekts, die durch das Pronomen der ersten Person, und zwar sowohl im Singular als auch im Plural, repräsentiert und offengehalten wird, jederzeit mit unserer Selbstgegenwart ausfüllen. Lesen wir ein Herbstgedicht des späten Hölderlin, so ist uns gleich, als wäre es unser Herbst, indem es unsere Blicke von der Aussicht des Turmes in die schwäbische Landschaft leitet, ist uns, als wäre es der Herbst unseres Lebens oder die goldene Fülle unserer Lebenszeit, wir sehen (auch wenn wir nicht wirklich sehen) das kühle Blau des herbstlichen Himmels über dem fiktiven Neckar des Gedichts, auch wenn in Wirklichkeit da draußen schon Schnee liegt und der Himmel verhangen ist. Wir lesen in den autobiographischen Büchern von Elias Canetti, und er führt uns nicht nur in die schneeverwehte Steppe seiner Kindheitslandschaft, sondern wir selbst sitzen mit auf dem Bock der Pferdekutsche und sehen (auch wenn wir nicht wirklich sehen) voller Schrecken, wie hungrige Wölfe die Pferde anspringen.

Ich-Symbole sind demnach Schein-Zeichen, die nicht wie alle anderen Sprachzeichen für Gegenstände und Sachverhalte originäre Bezüge aufweisen. Sie sind wie der Pfeil auf der Wanderkarte semantische Hülsen, denen wir selbst Leben einhauchen müssen, indem wir sie mit unserer Selbstgegenwart anfüllen.

Der Gebrauch unseres Alltagszeichens „ich“ zur Erfüllung der Leerstelle der Position des Subjekts ist auch nicht wie landläufig angenommen in jedem Fall irrtumsresistent: Lesen wir tagebuchartige Notizen in der Ich-Form, die wir aus der untersten Schublade hervorgekramt haben, können wir sowohl dem Irrtum aufsitzen, sie handelten von uns selbst, obwohl sie Entwürfe einer fiktiven Autobiographie eines fremden Autors darstellen, als auch dem Irrtum, sie handelten von einer anderen Person, obwohl sie Bruchstücke unserer eigenen Lebensbeschreibung von eigener Hand sind.

 

Nov 22 17

Zwei Schatten

Zwei Schatten
zwischen Wasser und Wind,
schmal und stumm,
zögernd oder
ineinanderfließend,
sich neigend oder
auseinanderzitternd.

Was uns blieb,
gespenstischer Äste
kahles Beben,
knisterndes Verdämmern
brauner Blätter
auf versiegeltem Grund,
trocknes Husten
verschluckter Kosenamen.

Zwei Schatten
zwischen Schnee und Mond,
schmal und stumm,
gewiegt vom zarten Knirschen
schäumender Kristalle,
vereiste Küsse
starrer Lippen,
o daß sie tauen
und Krokus leuchte,
Lilie blende,
schattenlos.

 

Nov 21 17

Philosophische Konzepte: Äußerung

Wir unterscheiden Äußerungen der ersten Person im Indikativ Präsenz von Aussagen der dritten Person (in beliebigen Zeitstufen). Wir geben ein paar Beispiele von Äußerungen:

1.1 „Ach!“
1.2 „Aua!“
1.3 „Mir ist übel!“
1.4 „Verflixt und zugenäht!“
1.4 „Wie schön diese Aussicht ist!“
1.5 „Ich fürchte, sie wird nicht kommen!“

Die aufgeführten Äußerungen der ersten Person haben den Charakter von Ausrufen, deshalb sind sie orthographisch mit einem Ausrufezeichen gekennzeichnet. Wir können Ausrufe dieser Art auch an der Intonation erkennen, wenn die Stimmführung beispielsweise lauter oder exaltierter als in gewöhnlichen Sätzen beschreibender Art ist.

Wir könnten sagen, diese Äußerungen sind jeweils der Ausdruck eines bestimmten seelischen Erlebens: „Ach!“ drückt vielleicht Erstaunen aus, „Aua!“ Schmerz, „Mir ist übel!“ physisches Unbehagen, „Wie schön ist diese Aussicht!“ die Freude am Anblick einer Landschaft.

Die Äußerung 1.5 scheint eine Besonderheit insofern aufzuweisen, als sie eine komplexe oder zusammengesetzte Aussage darstellt, die wir in eine einfache Form analysieren oder zerlegen können:

1.5.1 „Ich (fürchte), daß p“

Das Prädikat des übergeordneten Satzes referiert hier auf den Inhalt des Nebensatzes, der kein Einzelding, sondern einen Sachverhalt meint (die Tatsache, daß sie nicht kommt).

Wir haben das Prädikat eingeklammert, um anzuzeigen, daß wir den Ausdruck in der Klammer durch ein passendes psychologisches Prädikat wie „erwarten, hoffen, bedauern, wünschen, sich freuen“ ersetzen können, ohne daß sich die grammatische Struktur des Satzes ändert.

Es hat den Anschein, als würde der in den anderen Beispielsätzen vorausgesetzte, aber nicht ausgesprochene seelische Erlebnisinhalt in dem Satz 1.5 aus dem verborgenen Hintergrund des Erlebens ins Licht der Sprache auftauchen, denn hier wird er eigens durch ein psychologisches Prädikat benannt („ich fürchte“).

Wenn wir eine andere Person subjektive Äußerungen der genannten Art verlautbaren hören, verstehen wir, bei geeigneten Kontextbedingungen, ohne weiteres, was sie bedeuten oder meinen, kurz, was der Sprecher damit zum Ausdruck bringen möchte. Wenn unser Freund auf unsere unerwartete Mitteilung, daß wir die Freundschaft mit ihm beenden möchten, mit dem Ausruf „Ach!“ reagiert, wissen und verstehen wir, daß er damit sein Erstaunen, seine Verblüffung oder Enttäuschung zum Ausdruck bringt. Wenn er sich stößt und „Aua!“ ruft oder unreife Pflaumen gegessen hat und „Mir ist übel!“ äußert, wissen und verstehen wir ebensogut, was er meint, wie wenn er vergeblich ein kniffliges Rätsel zu lösen versucht und „Verflixt und zugenäht“ ausruft oder bei einem Spaziergang auf dem Rheinhöhenweg plötzlich innehält und ausruft: „Wie schön diese Aussicht ist!“ Und wenn er seine Befürchtung, daß unsere Freundin heute wohl nicht mehr zu uns stößt, äußert, wissen wir alles, was er gemeint hat, denn wir verstehen sowohl, in welchem seelischen Zustand (Befürchtung) er sich befindet, als auch, welchen Sachverhalt seine Befürchtung betrifft (das Ausbleiben unserer Freundin).

Demnach sieht es so aus, als könnten wir subjektive Äußerungen gemäß einer allgemeinen grammatischen Umformungsregel beliebig in objektive Aussagen verwandeln, und es gelte beispielsweise die Bedeutungsgleichheit folgender Sätze:

2.1 „Ach!“                                              = „Er wundert sich.“
2.2 „Aua!“                                              = „Er hat Schmerzen.“
2.3 „Mir ist übel!“                                   = „Er hat Bauchweh.“
2.4 „Verflixt und zugenäht!“                   = „Er kann das Problem nicht lösen.“
2.5 „Wie schön diese Aussicht ist!“       = „Er freut sich über die Aussicht.“

Diese Umformungen machen augenscheinlich, daß die landläufige Annahme, das Seelenleben fremder Personen sei für Dritte eine Terra incognita oder nur mittels ausgefuchster wissenschaftlicher Methoden wie der Methode der Psychoanalyse oder der Verhaltenspsychologie zu enträtseln, nichts weiter als ein Mythos im Gefolge der kartesischen Unterscheidung von Körper und Geist darstellt. Das Seelenleben liegt gleichsam auf der Oberfläche von Mimik und subjektiven Äußerungen der Person zutage, und die vielbeschworene epistemische Asymmetrie zwischen erster und dritter Person löst sich wie ein Nebel in der klaren Luft des Alltagsverstehens auf.

Die epistemische Symmetrie zwischen Äußerungen der ersten Person und Aussagen der dritten Person beruht auf der Tatsache, daß jemand, der die objektive Aussage macht „Er hat Schmerzen“, in der Lage sein muß, die subjektive Äußerung „Ich habe Schmerzen“ zu machen.

Dennoch treffen wir, wenn nicht auf eine epistemische, so doch auf eine logisch-grammatische Asymmetrie zwischen den erwähnten Äußerungen der ersten Person und ihren Umformungen in Aussagen der dritten Person. Denn im Prinzip können wir viele von uns als objektiv gekennzeichnete Aussagen der dritte Person wiederum in andere bedeutungs-, aber nicht sinngleiche Aussagen umwandeln, dergestalt, daß wir die subjektiven Ausdrücke, die in den Aussagen 1. Stufe enthalten sind (wie die Rede von Schmerzen oder Freude) eliminieren. Nehmen wir folgendes Beispiel:

3.1 „Er hat Schmerzen.“
3.2 „Die C-Fasern im Gehirn der Person X werden stimuliert.“

Wir können nicht wissen, ob jemand, dessen C-Fasern stimuliert werden, notwendigerweise Schmerzen empfindet. Und wir können nicht folgern, daß jemand, dessen C-Fasern stimuliert werden, notwendigerweise den Ausruf „Aua!“ verlauten lassen wird – denn wir wissen, daß jemand, auch wenn er Schmerzen empfindet, nicht notwendigerweise „Aua!“ rufen muß.

Demnach wüßten wir in einer Welt, in der Personen nur objektive Aussagen der genannten Art verlautbaren könnten, nicht, was die Äußerung „Aua!“ in unserer Welt bedeutet.

Die Möglichkeit, dem anderen als dritte Person und in der grammatischen dritten Person das Erlebnis von Schmerzen zuzusprechen, setzt voraus, sich selbst als erste Person und in der grammatischen ersten Person das Erlebnis von Schmerzen zuzusprechen. In unserer Welt ist demnach die Grammatik von Äußerungen der ersten Person primär und originär gegenüber der Grammatik von Aussagen der dritten Person – denn ich kann dem anderen das Haben von Schmerzen nur zusprechen, wenn ich weiß, was der Ausruf „Aua!“ bedeutet.

Sich über die Aussicht auf eine schöne Landschaft zu freuen oder das Ausbleiben der Freundin zu befürchten hat jeweils keine spezifische Ursache, wie wir sie beim Erlebnis von Schmerzen annehmen, falls einer sich gestoßen hat oder seine C-Fasern im Gehirn stimuliert werden. Die Freude angesichts des Anblicks der Landschaft könnte daher rühren, daß der Betreffende sich an schöne Tage seiner Kindheit erinnert, die er dort verlebt hat, und die Befürchtung hinsichtlich des Ausbleibens unserer Freundin hat ihren Grund vielleicht darin, daß der Betreffende in sie verliebt ist.

Wir sprechen bei der Beurteilung von subjektiven Äußerungen von den Motiven und Gründen, die zu ihnen Anlaß geben. Der Horizont des Verstehens, in dem uns Äußerungen in der ersten Person zugänglich und verständlich werden, ist der Horizont der Motive und Gründe, die sie haben zu äußern, was immer sie äußern.

Wenn uns die Befürchtung unseres Bekannten hinsichtlich des Ausbleibens unserer Freundin unverständlich ist, so beispielweise aus dem Grund, weil wir nicht wissen, daß er in die Frau, mit der ihn bisher eine herzliche, aber nichterotische Freundschaft verband, neuerdings verliebt ist.

Der Gebrauch psychologischer Prädikate in subjektiven Äußerungen ist entgegen der landläufigen Annahme von ihrer logischen Irrelevanz oder Irrationalität in ein dicht verwobenes Netz logischer Beziehungen eingebettet. Die Gründe für unser Erleben können wie das Verliebtsein irrational sein, doch der Zusammenhang der Gründe für die Zuschreibung unserer Erlebnisse mittels angemessener psychologischer Prädikate ist es nicht. Wer befürchtet, daß etwas geschieht, hofft oder wünscht, daß es nicht geschehe. Wer befürchtet, daß etwas nicht geschieht, hofft oder wünscht, daß es geschehe. Wer sich am Anblick einer Landschaft erfreut, wäre enttäuscht zu erfahren, daß er dabei einer verklärenden Illusion aufgrund der berauschenden Wirkung des von ihm zu reichlich konsumierten Weins oder anderer Stimulantien aufgesessen ist. Wer die Absicht äußert, etwas zu tun, impliziert das Wissen oder die begründete Vermutung, daß er durch die Wahl geeigneter Mittel seine Absicht verwirklichen und bei der Wahl ungeeigneter Mittel seine Absicht verfehlen kann, er hofft oder wünscht, durch den Erfolg seiner Handlung einen Zweck zu erreichen, und befürchtet, ihn infolge der Wahl unzuträglicher Mittel zu verfehlen.

Der Zusammenhang der Gründe für die Zuschreibung psychologischer Prädikate in Äußerungskontexten ist demnach ein logischer Zusammenhang von Implikation und Folgerung.

Äußerungen, wie Äußerungen des Erstaunens und der Verblüffung, des Wohlbehagens oder der Mißstimmung, des Mitempfindens oder des Erschreckens, sind auch die psychologische Grundlage unseres Verstehens von künstlerischen Artefakten wie Gemälden, Musikstücken, Dramen oder Gedichten. Wenn wir nicht über die Möglichkeit verfügten, unserem von der Betrachtung eines Bilds oder dem Hören von Musik erweckten seelischen Erleben in Äußerungen der genannten Art, die naturgemäß Äußerungen der erste Person sind, zumindest virtuell Ausdruck zu geben, bliebe uns der Zugang zu diesen Artefakten versagt.

Wir sprechen hier von der ästhetischen Anmutung, die sich in der angemessenen Verwendung psychologischer Prädikate in Äußerungskontexten kundtut. So geben uns die in Partituren klassischer Werke den einzelnen Stücken oder Abschnitten vorangestellten Vortagsbezeichnungen wie „accelerando“, „adagio“, „furioso“, „gracioso“ oder „vivace“ erhellende Fingerzeige auf das, was wir unter ästhetischer Anmutung verstehen.

Kommt uns beim Hören des mit andante con moto bezeichneten zweiten Satzes von Schuberts Trio op. 100 ein „Oh, ja!“ melancholisch-leidenschaftlicher Ergriffenheit über die Lippen, scheint unsere Reaktion auf die musikalische Anmutung nicht unangemessen, wie sie wäre, wenn wir ein gelangweiltes „Ach, nein!“ zu äußern willens wären. Es wirft auf die Grundlage ästhetischer Werturteile ein erhellendes Licht, daß wir geneigt sind, die erste Äußerung als Ausdruck einer angemessenen Erfassung der ästhetischen Anmutung der Musik anzusehen, während wir die zweite bestenfalls als die Folge geistiger Zerstreuung oder schlimmstenfalls als die Folge roher Unbildung erklären würden.

Wir können unsere virtuellen ästhetischen Äußerungen ohne weiteres explizieren und kommen so von einem interjektiven „Oh, ja!“ zu einer Aussage über Leidenschaft, Eros und Melancholie, die wir einander in hoffentlich geistreichen Plaudereien in den Konzertpausen mitteilen mögen. Auf diese Weise machen wir uns klar, daß auch objektive oder sachliche Aussagen, wie sie uns mehr oder weniger gediegene, mehr oder weniger langatmige Interpretationen von künstlerischen Artefakten wie Musikstücken anbieten, letztlich aus der Quelle von subjektiven Äußerungen der ersten Person schöpfen.

Natürlich liegt der tiefere Grund dafür, daß wir Zugang zur Kunst über die Explikation unserer subjektiven Äußerungen in der ersten Person gewinnen können, in dem Umstand verborgen, daß das Kunstwerk selbst, wie beispielsweise das andanto con moto im Trio Schuberts nicht ohne die künstlerische Äußerung eines wenn auch unausgesprochenen „Oh, ja!“ des Komponisten selbst zustande gekommen wäre, eine Äußerung, die er fähig war, in seiner Partitur auf feinsinnige und ergreifende Weise zu explizieren.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=000tLGbhdjg

 

Nov 20 17

Philosophische Konzepte: Beschreibung (Teil II)

Einen wichtigen Anteil an für unser Leben bedeutsamen Beschreibungen bilden die Handlungsbeschreibungen oder Handlungsanweisungen, also Beschreibungen von Handlungen, die wir ausführen wollen, sollen oder müssen. Dazu zählen Kochrezepte, Beipackzettel von Medikamenten, Markierungen auf Wanderwegen, technische Pläne von Baustatikern, chemische Formeln für Pharmakologen, ärztliche Unterlagen wie Arztberichte und Röntgenaufnahmen für Chirurgen.

Wir können sagen, Beschreibungen der genannten Art und viele andere von solcher Art haben einen sachlichen Gehalt und erfüllen einen praktischen Zweck. Das Kochrezept enthält eine Liste der Lebensmittel und Zutaten und zugleich genaue Anleitungen, was man mit ihnen anstellen soll, um ein wohlschmeckendes Gericht zu erhalten. So zeigt die Röntgen- oder MRT-Aufnahme dem Chirurgen die genaue anatomische Lage und Struktur des krankhaft veränderten Gewebes zu dem Zweck, einen chirurgischen Eingriff zu planen, durch den er die Geschwulst entfernen kann. Die Röntgenaufnahme und die ihm vorliegenden Arztberichte geben dem Chirurgen keine expliziten Anweisungen, wie er bei der OP vorzugehen hat – diese Kenntnisse muß er mitbringen (sie können als detaillierte Beschreibungen medizinischen Handbüchern entnommen werden).

Für Beschreibungen mit empirischem Gehalt zur Erfüllung praktischer Zwecke gilt die Maxime: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Damit der Kuchen gelingt, sind die Angaben seiner Zutaten nötig, aber die zusätzliche Beschreibung ihrer Herkunft und der Methoden ihres Anbaus oder ihrer chemischen Zusammensetzung ist überflüssig.

In Reiseführern über die Landschaft der Eifel finden wir naturgemäß Beschreibungen der Maare, jener Gewässer, deren Entstehung sich der geologischen Besonderheit der Gegend, dem Vulkanismus, verdankt. Anders als in Lehrbüchern zur Geologie des Vulkanismus beschränken sich die Exkursionen zur Erdgeschichte in den Landschaftsbeschreibungen von Reiseführen auf jene wissenschaftlichen Informationen, die dem Seherlebnis des Reisenden gleichsam Tiefe und Hintergrund verleihen.

Der kunstgeschichtliche und theologische Laie wird angesichts einer gotischen Kathedrale an der Seine oder am Rhein staunend, aber hilflos auf die steinernen Figuren der Propheten des Alten oder der Apostel des Neuen Testaments im Innern des Kirchenportals, die große Rosette und die spitzgiebeligen Fenster aus mit eigentümlichen religiösen Motiven bunt bemaltem Glas, das zierliche Maßwerk der Fialen oder die Kreuzblumen der Türme starren. Weil ihm die kunstgeschichtlichen und theologischen Begriffe und deren künstlerischer Gehalt fehlen, wird er die mit ihnen bezeichneten typischen Formen gotischer Architektur nicht erkennen, ja in gewisser Weise nicht sehen. Fehlen ihm aber die Begriffe, kann er das Gesehene auch nicht beschreiben.

Der Baedeker und andere kunsthistorische Reiseführer liefern so betrachtet nicht nur detaillierte Beschreibungen von Kunstwerken und Gebäuden verschiedener Stilepochen, sondern geben auch Anleitungen und Hinsichten, wie sie zu sehen seien.

Kommen wir zu den philosophisch bedeutsamen Beschreibungen, die wir täglich gleichsam unter der Hand ständig und spontan von Benehmen und Gebaren unserer Zeitgenossen geben und außeralltäglich beispielsweise in den charakterisierenden Beschreibungen der Protagonisten von Romanen und des Gebarens von Schauspielern in Theaterstücken (im Einklang mit ihren Regieanweisungen) oder auch in Portraits und Selbstportraits von Malern finden.

Wir konzentrieren uns hier auf Umgang und Redeformen unseres Alltags. So sagen wir etwa:

1.1 „Er ist rot geworden vor Zorn.“
1.2 „Sie krümmte sich vor Leibschmerzen.“
1.3 „Vor Aufregung zitterten ihm die Hände.“
1.4 „Vor Verlegenheit verschlug es ihm die Stimme.“
1.5 „Er schleppte sich wie unter einer schweren Last dahin.“

Wir sagen nicht:

2.1 „Er war zornig und wurde rot.“
2.2 „Sie hatte Schmerzen und krümmte sich.“
2.3 „Er war aufgeregt und seine Hände zitterten.“
2.4 „Er wurde verlegen und schwieg.“
2.5 „Ihn bedrückte ein schwerer Schicksalsschlag und er schleppte sich dahin.“

In der zweiten Reihe von Sätzen geben wir die traditionelle philosophische Sicht wieder, wonach ein seelisches Ereignis wie das Vorkommnis eines bestimmten Erlebens, eines Affekts oder einer inneren Empfindung (Zorn, Schmerz, Erregung, Verlegenheit, Depression) sich in einem körperlichen oder physiognomischen Ausdruck manifestiere. Nach dieser auf Descartes zurückgehenden Sichtweise sind wir gehalten, aus den einzig uns zugänglichen äußeren Verhaltensphänomenen oder dem Gebaren einer Person auf deren uns prinzipiell unzugängliches inneres Erleben zu schließen.

Nach dieser Auffassung sind wir beim Verständnis unserer Mitmenschen auf induktive Schlüsse angewiesen. Wir verfügen dieser Sichtweise gemäß bei der genannten Schlußfolgerung über folgende Prämissen:

I. die Beobachtung des Verhaltens und Gebarens, die wir in einer möglichst genauen Beschreibung festhalten

II. eine allgemeine Regel, wonach typische Verhaltensmuster von einem typischen seelischen Erleben oder einer typischen Verhaltensdisposition verursacht werden

Ein induktiver Schluß dieser Form sieht dann etwa so aus:

I. Die Person ist rot geworden.
II. Wenn Menschen zornig sind, läuft ihr Gesicht gewöhnlich rot an.

Ergo:
Die Person ist (wahrscheinlich) in Zorn geraten.

Natürlich ist dies eine Folgerung, die auf wackligen Beinen steht, denn Leute können aus allen möglichen Gründen rot werden, aus Scham, Verlegenheit, Wut oder wegen überhöhten Blutdrucks.

Warum die Person in diesem Fall aus Zorn errötet ist, können wir der in 2.1 angehängten Beschreibung, daß sie rot wurde, nicht entnehmen – auch nicht, wenn wir sie durch künstlerisch oder technisch ausgefeilte Beschreibungstechniken verfeinerten (wenn wir beispielsweise das Gesicht der Person mit einer Videokamera filmten).

Dagegen enthält unser Eingangssatz 1.1 gleichsam miteinander verzahnt oder verwoben sowohl das affektive Moment als auch das physiognomische Phänomen:

„Er ist rot geworden vor Zorn“

Wenn wir sehen, wie sich unsere Freundin (nach dem Verzehr von unreifen Pflaumen) vor Magenweh krümmt, beschreiben wir das, was wir sehen, mit dem genannten Satz 1.2:

„Sie krümmte sich vor Leibschmerzen.“

Wir würden nicht ausgehend von der Beobachtung und Beschreibung ihres Schmerzgebarens die Vermutung oder Hypothese aufstellen, daß sie vielleicht Magenschmerzen haben könnte. Denn wenn wir das beschriebene Verhalten von dem (uns unzugänglichen) inneren Schmerzerleben trennen, müßten wir auch die Hypothese oder den Zweifel zulassen, daß sie nur so tut, als habe sie Schmerzen, daß sie uns am Ende etwas vormache oder Schmerzen simuliere. Doch einen solchen Zweifel schließen wir unter den gegebenen Umständen einfach aus.

Wenn wir dagegen in einem Theaterstück den Helden von einem Pistolenschuß aus einer Schreckschußpistole scheinbar getroffen sich unter Schmerzen winden sehen, können wir sinngemäß und korrekt sagen:

„Er schien sich vor Schmerzen zu krümmen.“

In diesem Fall gehen wir rechtens davon aus, daß der Schauspieler keine echten Schmerzen hat – doch wir bezweifeln seine Schmerzäußerung nicht in der Weise, wie wir einem notorischen Simulanten die Echtheit seiner Krankheit und seines Unwohlseins in Abrede stellen.

Indes, weder im Fall des Schauspielers auf der Bühne noch in dem Fall des Schauspielers im Leben (des Simulanten) nehmen wir die kartesische Position des Skeptikers und des skeptischen Zweifels ein, denn die Trennung von innerem Erlebnis und äußerem Gebaren ist uns hier nicht problematisch (weil sie aus der Unsicherheit des induktiven Schlusses resultierte), sondern sei es konventionell, weil sie der Konvention von Bühnenaufführungen entspricht, sei es pathologisch, weil sie zum neurotischen Krankheitsbild des Simulanten gehört.

Wir gewinnen damit eine freie Sicht auf das Verhältnis von Erlebnis und Ausdruck oder Gebaren, das sich uns nicht mehr unbefragt als Verhältnis von Innen und Außen darstellt. Wir können es schlicht so ausdrücken, daß wir sagen: Der menschliche Körper ist immer auch ein Teil der menschlichen Seele, oder der Körper ist umso durchlässiger für die seelische Realität, je mehr sie in den Regungen und Bewegungen des Körpers Sprache findet.

Wer schwer an seiner Schicksalslast zu tragen hat, wandelt nicht leichtfüßig seines Wegs, sondern schleppt sich schwerfällig oder gekrümmt dahin, wie es unser Beispielsatz 1.5 ausdrückt:

„Er schleppte sich wie unter einer schweren Last dahin.“

Wir können hier dem kartesischen Skeptiker und dem gleichsam bis zur Willkür oder Schamlosigkeit radikalen Zweifler keine Sichtschneise mehr offenhalten, wenn er das seelische Erleben der Depression von seinem körperlichen Ausdruck abtrennt, um das Erleben als eine Vermutung unter anderen hinzustellen und der Beschreibung der gebeugten Haltung, des schleppenden Gangs und des niedergedrückten Wesens der Person eine kausale Erklärung nachzureichen. Könnte angesichts der von uns in Satz 1.5 gegebenen Beschreibung ein Zweifel zurückbleiben?

Wir verwenden in dem Satz eine der Dichtung vertraute vergleichende Metapher. Und es ist uns augenscheinlich, daß all unsere Beschreibungen seelischer Zustände, je genauer und nuancierter sie ausfallen, nicht ohne metaphorische Wendungen auskommen – und diese greifen ohne Ausnahme auf physische Eigenschaften und Ereignisse (wie in unserem Beispiel die schwere Last) zurück.

 

Nov 19 17

Philosophische Konzepte: Beschreibung (Teil I)

Folgender Satz gelte als einfache Form der Beschreibung:

1.1 „Eine rote Rose stand in einer Vase auf dem Tisch.“

Um seine Aussage empirisch überprüfbar zu machen, würden wir ihn in folgender Weise mit Orts- und Zeitangaben versehen:

1.2 „Eine rote Rose stand (am XX.XX.XXXX um XX.XX Uhr MEZ) in einer Vase auf dem Tisch (der Küche der Wohnung des Hauses in der X-Straße 2. Stock links in der Stadt Y)“

Nehmen wir nun an, der Satz stamme nicht aus dem Erinnerungsbericht eines Besuchers desjenigen, der in der Wohnung lebt, in der am angegebenen Tag eine Rose in einer Vase auf dem Tisch stand, sondern sei der Beschreibung eines Gemäldes entnommen, das eben eine solche Genre-Situation einfängt und abbildet: Tisch mit Vase, in der eine Rose steckt.

In diesem Falle würde der Besucher der Galerie, in der das Bild hängt, folgenden Satz äußern:

2.1 „Eine rote Rose steht in einer Vase auf dem Tisch.“

Im Unterschied zum ersten Satz können wir diesen Satz nicht durch Hinzufügung passender Orts- und Zeitangaben in eine Aussage verwandeln, die sich empirisch nachprüfen ließe. Die einzig plausiblen Zeit- und Ortsangaben, in die wir den Satz einbetten können, betreffen nicht die auf dem Bild dargestellte Situation, sondern den Ort der Galerie, wo das Bild ausgestellt ist, und die Zeit, zu der der Besucher es in Augenschein nimmt.

Im ersten Satz weist das Verb die Vergangenheitsform auf, im zweiten steht das Verb im Präsens. Doch welche Art der Gegenwart hier gemeint ist, bleibt diffus: Ist es die Gegenwart der gemalten Situation, ist es die Gegenwart, die so lange währt, wie das Bild existiert?

Nehmen wir nun an, der beschreibende Satz entstamme einer literarischen Darstellung wie einer Novelle oder einem Roman. Er bezöge sich auch in diesem Fall wie beim Gemälde auf eine fiktive Situation. Doch weil in fiktiven Geschichten in der Regel die erzählende oder narrative Zeitstufe des Imperfekts vorherrscht, lautet unser Satz wieder genauso wie Satz 1.1:

2.2 „Eine rote Rose stand in einer Vase auf dem Tisch.“

Auch solche Beschreibungen oder Teilausschnitte längerer fiktiver Beschreibungen lassen sich nicht mit konkreten Orts- und Zeitangaben versehen – wenn es sich nicht um historische Romane im engeren Sinn handelt. In sogenannten naturalistischen oder realistischen Romanen, denken wir an Romane von Balzac, Zola, Tolstoi oder Thomas Mann, könnten wir gegebenenfalls mehr oder weniger vage, weil fiktive Orts- und Zeitangabe einfügen oder besser vermuten, die sich auf den erzählten Ort und die erzählte Zeit beziehen, also entweder die auktoriale Perspektive des alles Geschehen überblickenden Erzählers oder seines fiktiven Stellvertreters in der Geschichte (beispielsweise des fiktiven Erzählers Serenus Zeitblom im Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann) oder die fiktive Perspektive der fiktiven Protagonisten der Geschichte wiedergeben (wie die Perspektive von Thomas Buddenbrook im Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann).

Das Eigentümliche der Verwendung des Imperfekts zur Gestaltung der erzählten Zeit in epischen Kontexten zeigt sich an dem Umstand, daß sie den Lesern die Gleichzeitigkeit mit dem Erleben der Figuren eröffnet: Wenn in Büchners Erzählung davon die Rede ist, daß Lenz durchs Gebirge ging, dann geht er im Moment, da wir davon lesen, durch das Gebirge unserer Vorstellung und wir gehen gleichzeitig mit ihm. Der Gebrauch des Imperfekts durch den Erzähler löst demnach das erzählte Geschehen nicht von uns ab, sondern vergegenwärtig es uns unmittelbar. Aus diesem Grund kann die Verbform des narrativen Imperfekts bei der Schilderung erregter und dramatischer Momente in das sogenannte historische Präsens umschlagen.

Was ist also der Unterschied nichtfiktiver und fiktiver Beschreibungen oder besser von Beschreibungen nichtfiktiver und fiktiver Situationen? Es ist ein logisch-grammatischer oder semantischer Unterschied: Beschreibungen nichtfiktiver Situationen und Ereignisse können wir unter Zuhilfenahme von spezifischen Indices wie Orts- und Zeitangaben (es gibt noch viele andere wie geographische Angaben, Informationen zu Masse, Gewicht und anderen physikalischen oder chemischen Eigenschaften) in Aussagen mit empirischem Gehalt umwandeln, so daß wir unter günstigen Umständen in der Lage sind, das von ihnen Behauptete als gerechtfertigt und wahr (oder falsch) oder zumindest als sehr wahrscheinlich (oder unwahrscheinlich) zu kennzeichnen.

Nehmen wir als Beispiel die Farbe der Rose in unserem Beispielsatz: In der Beschreibung der realen Situation ist die Kennzeichnung der Rose mit dem Farbwort „rot“ eine Funktion des regelhaften Gebrauchs von Farbwörtern unter Normalsichtigen in normaler oder Durchschnittsumgebung. Die Prädikation drückt demnach eine logisch-grammatische oder semantische „Notwendigkeit“ aus, die letztlich in den Rahmen der natürlichen Tatsachen eingebettet ist, in dem von beleuchteten Objekten bestimmte Lichtstrahlen spezifischer Frequenz reflektiert werden.

Wir würden deshalb nicht sagen, daß jemand, der angesichts einer roten Rose ihren Farbwert mit „blau“ angibt, sich irrt (falls er nicht fehlsichtig ist), sondern daß er die Grammatik der Verwendung unserer Farbbegriffe nicht korrekt erlernt hat.

Anders, das heißt von anderer logischer Grammatik und Semantik, müssen wir beim Gebrauch von Farben oder Farbbegriffen in der Kunst oder literarisch-fiktiven Kontexten sprechen: Hier bietet sich der alte Begriff der künstlerischen „Notwendigkeit“ an, um damit auszudrücken, daß die Verwendung von Farben und Farbbegriffen anderen logisch-grammatischen Regeln gehorcht als bei Beschreibungen der Realität. Je nach Gusto oder künstlerischem Entwurf oder je nach dem Effekt, den er hervorrufen will, ist es beispielsweise dem Maler freigestellt, die Blume rot oder weiß, ja auf unrealistische oder antinaturalistische Weise blau oder grau zu malen.

Beschreibungen fiktiver Situationen und Ereignisse haben demnach keinen empirischen Gehalt, sie sind weder wahr noch falsch, weder mehr oder weniger wahrscheinlich noch unwahrscheinlich.

Mangelndes Kunstverständnis, das dazu neigt, ungewöhnliche, weil von der Grammatik gewöhnlicher Beschreibungen abweichende Darstellungen abzuwerten, kann man demgemäß oft (nicht immer) auf einen Mangel an Sinn für die Semantik künstlerischen Ausdrucks zurückführen (oder den Mangel an diesbezüglich relevanter Bildung).

Was die etwas wolkige Rede von der Freiheit der künstlerischen Gestaltung präzisiert, resultiert aus der Neutralisierung des logisch-grammatischen Zwangs im künstlerischen Kontext, sprich des Zwangs oder der Regelkonformität, Beschreibungen realer Vorkommnisse nicht ohne ein Minimum von empirischem Gehalt auszustatten.

Indes finden wir eine gewisse Freizügigkeit auch bei der Wahl realitätsgetreuer oder empirisch gesättigter Beschreibungen im Rahmen der Variationen, die sie gestatten. Wir können nämlich jeden deskriptiven Satz als Variante einer beliebigen Reihe von Beschreibungen auffassen.

Betreten wir einen Raum, in dem eine rote Rose in einer Vase auf einem Tisch steht, oder erinnern wir uns an einen solchen Raum, steht uns eine ganze Bandbreite von möglichen Beschreibungen zur Verfügung. Wir könnten etwa solche Sätze (aktueller Beschreibungen oder Beschreibungen von Erinnerungen) bilden:

2.1 „Das Fenster steht (stand) offen.“
2.2 „In dem Raum ist (war) es dämmerig.“
2.3 „Im dem Zimmer steht (stand) ein Tisch.“
2.4 „Es liegen (lagen) verschiedene Gegenstände auf dem Tisch, Bücher, Zeitungen, ein Laptop.“
2.5 „Auf dem Tisch steht (stand) eine Vase.“
2.6 „In der Vase steckt (steckte) eine Rose.“
2.7 „Die Rose ist (war) rot.“

Die Konjunktion der Sätze 2.5, 2.6 und 2.7 ergibt offensichtlich unseren beschreibenden Ausgangssatz.

Dagegen wären uns Sätze folgender Art als empirisch gehaltvolle Beschreibungen realer Situationen, die in Erdnähe stattfinden, suspekt:

3.1 „Der Tisch schwebt unter der Decke.“
3.2 „Der Tisch steht kopf und schwebt unter der Decke.“
3.3 „Auf dem umgedrehten Tisch steht eine Vase mit einer Rose.“
3.4 „Die Rose ist blau.“

Indes sind uns beschreibende Sätze dieser Art, wenn sie sich auf Sujets surrealistischer Maler oder auf Inhalte außergewöhnlicher Träume oder auf drogeninduzierte Visionen beziehen, durchaus vertraut.

Wir könnten uns denken, daß der besondere Aspekt des Gemäldes, das ein Zimmer mit einem Tisch zeigt, auf dem eine Vase mit einer roten Rose steht, darin bestünde, daß es auf der gegenüberliegenden Wand des gemalten Raums ein Bild zeigt, also ein Bild im Bild, auf dem dieselbe Situation zu sehen ist: Tisch mit Vase, in der eine Rose steckt.

Mit dieser Spiegelsituation können wir die abweichende Grammatik von Beschreibungen fiktiver Kontexte verdeutlichen. Gewöhnlich kennzeichnen wir einen gespiegelten Gegenstand als unwirklich in Hinsicht auf das reale Objekt, das er spiegelt. Doch im Falle fiktiver Beschreibungen ist ja schon das Ausgangsobjekt, die gemalte Situation mit Tisch und Vase, nicht real, sondern beruht auf der visuellen Illusion, die das gemalte Bild hervorruft. Wir könnten angesichts des Dargestellten genausogut das Umgekehrte behaupten: daß der im Vordergrund gemalte Tisch samt Vase und Rose ein gespiegeltes Bild des auf die gegenüberliegende Wand gemalten Bilds darstellt.

Es ist merkwürdig, daß die Irrealität künstlerischer und literarischer Fiktionen mit denselben Beschreibungen ausgedrückt werden kann, die wir benutzen, um reale Situationen und Ereignisse festzuhalten.

Ist es die besondere Atmosphäre, gleichsam eine unwirklich-wetterleuchtende, von der Anwendung kunstvoller Mittel auf den gesamten Text der Novelle Büchners geworfen, die einem schlicht beschreibenden einzelnen Satz wie „Lenz ging durchs Gebirge“ die Anmutung verleiht, als gleite er gleichsam auf dem wirbelnden Schaum des zwar fiktiven, aber um nichts weniger (be-)rauschenden Erzählflusses dahin?

 

Nov 18 17

Licht und Schatten

Sentenzen und Aphorismen

Licht und Schatten sind ewig ineinander verschlungen wie Gut und Böse, Liebe und Haß, Freude und Trauer. Sie bilden den Grundton und den Urrhythmus unseres Lebens.

Die da unten hausen, die Zwischen- und Schattenwesen, die Elenden, Dämonen und Kobolde der Nacht sind immerdar auf die obere Sphäre bezogen, wo die Seligen, die Begnadeten, die Götter wohnen und thronen – gebannt durch Sehnsucht und Eifersucht.

Nichts keimt ohne Licht, doch im Schatten ruht die Frucht, um auszureifen.

Die Macht, die den Tag schuf, zog sich in die sternenübersäte Nacht zurück.

Licht und Schatten – Rhythmus des Lebens, der Seele, der Kunst.

Das lichtvolle Wort erblüht aus dem Schattengrund der Stille.

Der Schnee auf dem Gipfel der sonnenhaften Gottheiten blendet gegen den dunkelblauen Schoß des Himmels.

Die goldkörnigen Samen des Reims in den schwarzen Furchen der Verse.

Seelenfunken, die wie Glühwürmchen durch das Dunkel schwirren.

Kerze, die vor dem Gnadenbild flackert. Angst vor dem Dämon des Winds.

Sich verjüngende Schatten, wachsende Schatten. Grundstimmungen der Seele.

Lichtvolles Auge, doch die Mitte ist dunkel.

Die Macht des Gedankens, die das Ungesehene beleuchtet, macht das Unsichtbare umso fühlbarer.

Von Gnaden einer ihr unbekannten Sonne: Herzenswärme, die uns jene liebenswürdig macht, die wir lieben.

Das ängstliche Kind, hat auch die Mutter es liebevoll zugedeckt, bittet darum, die Tür einen Spalt breit offen zu lassen, damit noch Licht einfalle, Licht der Anwesenheit der Nächsten, Licht ihrer Stimmen.

Als wäre er noch nicht ganz ins Reich der Schatten gesunken, zünden wir dem Toten ein Licht an.

Wie die Sonne des Lebens aus den Bildern scheint – im byzantinischen Goldgrund, in der Aura der Heiligen, auf den taubeglänzten Wangen von Pfirsich, Aprikose und Granatapfel, in Blüten der Zweige und Bäume, in den Wundmalen des Heils.

Auf dem dunklen Wasser der verblassende Mund eines Blütenblatts.

Verklärtes Antlitz der Erwählten – wie von Liebesreflexen eines überirdischen Schnees.

Die schattenzerfurchten Fratzen der Ungeliebten, der Liebelosen – Dämonen der gotischen Kathedralen und Chorgestühle, des Höllengesindels auf den Bildern des Gerichts.

Dem Zurückgewiesenen verdunkelt sich die Stirn.

Die Freude der Kinder am Lichterfest der Heiligen Nacht.

Vor der Krippe niederknien, aus der ein Kind Strahlen der Vergebung und grenzenloser Huld aussendet.

Der Stern der Erlösung – brennendes Schwert eines Engels über Wegen an finsterem Abgrund.

Die giftigen Fackeln der Eisenhütten und Raffinerien, die sich in das menschenlose Dunkel des Himmels hineinfressen.

Das Licht, das sich in den Arien Bachs in die scheuen Blüten eines Dornbuschs träumt – oder aufseufzt wie die begeisterte Woge des anfänglichen Chaos.

Das große Ja Zarathustras kann nicht im schattenlosen Augenblick unterm Zenit verharren.

Die ganz keusche, reinweiße Leinwand ist tot, ein Strich, ein Fleck, ein Schatten – und Leben regt sich.

Die wimmelnden Schatten des Totenreichs der Aeneis: Erst wenn sie vom leuchtenden Opferblut getrunken haben, können sie – reden.

Das helle Mysterium – das Licht.

Zwielicht des Eros, Mohn der Dämmerung, Rose über dunklem Moos.

Blutstropfen auf dem schwarzen Samt des Schweigens.

Die arischen Sonnengötter, verfinstert vom dunklen Licht auf Golgatha.

Zeitenwende: der Strahlenkranz Apolls, zerhackt von der Guillotine.

Die Vision Tarkowskis in „Nostalghia“: wie besessene Pilger das flackernde Licht einer Kerze, von der Hand bang behütet, durch die sumpfigen Bäder von Lucca tragen.

Nach dem nüchternen Licht Lessings, hebt, so Hugo von Hofmannsthal, in Deutschland ein nächtlicher Schwall an.

Dämonisches Licht aus der Gärung faulender Seelen.

Teiresias, erloschenen Auges das Dunkel durchdringen.

Hölderlin, Wetterleuchten der Hymnen, mildes Gold der Turmgedichte, das sich mit herbstlichen Blättern auf das Wasser des Neckars senkt.

Der rußige, hinkende Gott, voll Eifersucht auf die leuchtenden Rosenblüten Aphrodites, die auf fremde Betten niederregnen.

Kindheit: singender Umzug mit lieblichen Fratzen, aus Rüben geschnitzt, darin leuchtete eine Kerze – als schritten die Ahnen der Etrusker und Römer an unserer Seite.

Glücklichsein: rings stockdunkle Nacht, in die Glut des Kartoffelfeuers starren, das wir mit Reisig nährten, und Tränen in den Augen vom Qualm.

Glück, Licht trinken im Auge der Geliebten.

Ist Liebe Flamme, mag sie verzehren, ist sie Flut, mag Blüten sie ins Uferlose tragen.

Wort der Dichtung, Katzengold, glimmend unter den verlorenen Schritten des Knaben.

 

Nov 17 17

Philosophische Konzepte: Erinnerung (Teil II)

Auf dem Tisch liegt ein Notizzettel, darauf eine Liste mit den nötigen Konsumartikeln wie Käse, Milch, Obst, Eier, Taschentücher. Wenn ich den Einkauf noch nicht erledigt habe, handelt es sich um einen Merkzettel oder eine Gedächtnisstütze. Während des Einkaufs kann ich jederzeit, falls ich mich an die Reihe der Lebensmittel nicht genau oder vollständig erinnere, den Zettel zu Hilfe nehmen. In solchen Fällen wäre Erinnerung der Rückgriff auf ein Inventar oder Muster von Zeichen, die mich anweisen, dies und das zu tun, zum Beispiel ein Stück Butter aus dem Regal zu nehmen.

Wenn ich den Einkauf getätigt habe, kann ich die Reihe der Lebensmittel mit der Liste auf dem Zettel abgleichen: Ist die Eins-zu-Eins-Relation vollständig, verwandelt sich mein Zettel aus einer Gedächtnishilfe in eine kleine Archivalie, ein Dokument über das Ergebnis meines Einkaufs.

Wir sprechen demnach sowohl davon, uns zu erinnern, wenn wir uns daran erinnern, was wir tun wollen, als auch, wenn wir uns daran erinnern, was wir getan haben.

Dem Musterbild (Zettel, Aufzeichnung) ist nicht unmittelbar zu entnehmen, ob er eine Gedächtnisstütze oder ein Zeugnis einer abgeschlossenen Handlung darstellt.

Woran erkennen wir die Echtheit oder Gültigkeit eines Zeugnisses und die Authentizität einer Archivalie? Wir vertrauen (blindgläubig) einer beglaubigenden Paraphe, einer Unterschrift, einem amtlichen Stempel, einem amtlichen Siegel. Wir finden am Rand des Einkaufszettels ein Datum mit der Bemerkung „erledigt“. Wir finden an den Zettel den Kassenzettel des Supermarkts mit allen nötigen Eintragungen angetackert. – Doch all diese scheinbar die Echtheit bestätigenden Zeichen könnten gefälscht sein (wie wir es beim Betrüger nicht anders erwarten, wenn er seine Zeugnisse und Diplome fälscht). Der Kassenzettel könnte der weggeworfene Belegabschnitt einer anderen Person sein, der zufällig mit den Angaben auf dem Merkzettel übereinstimmt, ohne daß ein einziger Artikel besorgt worden wäre.

Woran erkennen wir echte Erinnerungen? Sind echte Erinnerungen dem Merkzettel in der Weise vergleichbar, daß auch sie bei Gültigkeit eine vollständige Eins-zu-Eins-Relation aufweisen derart, daß jedem Erinnerungssatz ein wahrgenommenes Ereignis der Raum-Zeit entspricht?

Mit diesem scheinbar plausiblen Modell der Erinnerung können wir eine ihrer wesentlichen Eigenschaften, die darin besteht, etwas nicht bloß erkannt, sondern wiedererkannt zu haben, nicht gerecht werden – es sei denn, wir gehen wie Platon davon aus, daß alles Erkennen Wiedererkennen ist. Dann würde ich mich nicht nur daran erinnern, meinen Freund Manfred gestern im Park gesehen zu haben, sondern ihn im Park zu sehen implizierte bereits, mich daran zu erinnern, daß diese Person mein Freund Manfred ist.

Dagegen reden wir nicht von Erinnerung, wenn wir uns nach Jahren wieder aufs Fahrrad setzen und merken, daß wir der früh eingeübten Fertigkeit des Radfahrens noch immer mächtig sind. Wir erinnern uns an einen Fahrradausflug vor Jahr und Tag, aber nicht an unser Vermögen, Fahrrad fahren zu können.

Indes, haben wir einen Namen auf der Zunge, etwa den Namen der Hauptstadt von Australien, doch fällt er uns im Moment partout nicht ein, und plötzlich fällt er uns wieder ein, erinnern wir uns in der Tat an etwas, was wir einmal gelernt haben, etwa, wenn wir in der Schule die Namen der Hauptstädte der wichtigsten Länder eingetrichtert bekommen haben.

Wenn wir aufs Land fahren und die Stätten der Kindheit aufsuchen, werden wir uns bei allen Veränderungen des Bildes der Landschaft und des Heimatortes bald wieder an die alten Wege erinnern, die wir mit den Freunden und Schulkameraden gegangen sind. Hier scheint Erinnerung auf eine Art Abgleich der aktuellen Gesichtswahrnehmung mit eingeprägten Mustern früherer Erfahrungen hinauszulaufen. Doch scheinen wir diese Muster nicht bewußt aus unserem Gedächtnis aufzurufen, wie in dem Falle, wenn wir unterwegs einen alten Schulfreund treffen und sein Gesicht wiedererkennen: Wir haben es nicht mit dem Bild seines Gesichts, das wir aus der untersten Schublade unseres Gedächtnisses umständlich hervorgekramt hätten, eigens verglichen.

Wenn wir uns an die alten Wege erinnern, die wir einst in heimatlicher Landschaft allein oder mit Freunden gingen, erinnern wir uns (wie wir sahen) nicht daran, daß WIR es waren, die jene Wege beschritten, sondern, daß wir eben diese und keine anderen Wege zurücklegten.

Die Subjektivität unseres Daseins, die Tatsache, daß unsere Erinnerungen Teil dessen sind, was wir das autobiographische Gedächtnis nennen, ist kein Produkt dieses Gedächtnisses, sondern seine notwendige Voraussetzung. Diese ontologisch notwendige, also psychologisch nicht ableitbare Voraussetzung ähnelt den sprachlichen Handlungen, mit denen wir mittels der Verwendung von Personalpronomen von uns selbst im Unterschied von anderen sprechen: Wir könnten nicht von uns reden, wenn wir nicht das Subjekt unseres Sprechens wären. Ebensowenig wie wir lernen können, Erinnerungen als unsere Erinnerungen zu identifizieren, wenn sie nicht schon unsere Erinnerungen sind, können wir lernen, wir selbst zu sein, indem wir von uns reden, ohne vorauszusetzen, daß wir es sind, von denen wir reden.

Wir lernen wohl, wie die Dinge und die Welt um uns beschaffen sind, nicht aber, wir selbst inmitten dieser Dinge zu sein. Wir machen beliebig viele Erfahrungen von unserer Welt, Erfahrungen, an die wir uns erinnern, um in der Lage zu sein, neue Erfahrungen zu machen, aber wir erfahren nicht, daß wir es sind, die diese Erfahrungen machen: Denn wäre nicht a priori vorausgesetzt, daß WIR sie machen, existierten sie nicht.

Erinnerungen sind ein wesentlicher Zug des subjektiven Lebens, insofern sie uns in die objektive Welt einbetten, in der wir erwarten, daß der heutige Tag in groben Zügen dieselben Umweltmerkmale aufweist wie der gestrige. Wir erwarten daher nicht, daß uns die Schwerkraft mit einem Male heute keine Mühe macht, aufzustehen, aufrecht zu stehen und das Gleichgewicht beim Gehen zu halten. Daher versorgen uns Erinnerungen mit Gründen, etwas zu tun oder zu lassen, beispielsweise die Erinnerung an eine Brandverletzung, die Finger von der heißen Kochplatte zu lassen, oder die Erinnerung an den angenehmen Geschmack von Erdbeermarmelade, wieder ein Glas davon einzukaufen.

Erinnerungen sind ein wesentlicher Zug des subjektiven Lebens, insofern sie uns in die soziale Welt einbetten, in der wir erwarten, von unserem Bäcker oder Schneider oder Kioskbesitzer gegrüßt zu werden, weil er sich an uns erinnert. Desgleichen erfüllen wir die Erwartungen anderer, indem wir den Nachbarn oder den Freund mit der Grußformel grüßen, an die wir uns ohne weiteres erinnern. Sollte uns der Nachbar plötzlich nicht mehr grüßen, gehen wir nicht davon aus, daß er über Nacht vergessen hat, wer wir sind, sondern daß er damit seinen Unmut über unser störendes Verhalten wie wiederholtes nächtliches Lärmen zum Ausdruck bringt.

Aufgrund unserer Erinnerungen an geteilte Erfahrungen und gemeinsame Erlebnisse werden Nachbarn, Kollegen, Freunde zu einem Teil unseres Lebens. Nur aufgrund der bleibenden Erinnerung an eine Verbindlichkeit, ein Versprechen oder eine Schuld weitet sich der soziale Raum unseres Daseins zu einer moralischen oder sittlichen Dimension aus, die uns mit starken Gründen versorgt, ein Versprechen zu halten oder uns wegen eines nicht eingehaltenen Versprechens schuldig zu fühlen.

Nur weil wir aus dem Vorrat unserer Erinnerungen schöpfen, sind wir in der Lage, uns und anderen immer wieder in immer neuen Variationen Episoden unseres Lebens zu erzählen. Auch wenn wir schlicht berichten, was wir gestern gekocht oder wen wir getroffen und gesprochen haben, wie wir uns gefühlt haben, als wir vom Tod eines Freundes oder der Geburt des Kinds eines befreundetes Paares erfahren haben, stets wählen wir unsere Erinnerungen so aus und beleuchten sie derart, daß wir mit ihrer Erzählung ein Bild implizieren oder mehr oder weniger bewußt und gekonnt hinstellen und ausmalen, das wie ein Selbstportrait anmutet.

Es mag, je nach Gelegenheit und je nach Gesprächspartner dieses Bild von uns selbst, das wir aus dem Stoff und Vorrat unserer Erinnerungen gestalten, kleiner oder größer, grau oder farbenfroh, in Schwarz-Weiß oder Aquarell, naturalistisch oder abstrakt aussehen – in jedem Falle erweisen wir uns als mehr oder weniger dilettantische, mehr oder weniger geniale Künstler der Selbstdarstellung. Wir können diese Weise der kreativen Leistung auch mit den hauseigenen Begriffen literarischer Klassifikation kennzeichnen und bemerken, daß einer dazu neigt, seine Erinnerungen auf die dramatische Bühne zu heben, ein anderer sie in die vage und wolkige Atmosphäre lyrischer Stimmung zu versetzen, wieder einer sie in einen epischen Strom zu tauchen, der sich in viele Nebenflüsse verzweigt. Gewiß treffen wir auch öfters auf einen, der alles Erlebte ironisch auf den harten Fels einer Pointe auftreffen läßt, mit der er es wie unter einem geheimen Zwang wieder und wieder tragisch oder tragikomisch auf die ihm unzuträgliche, doch unabkömmliche Urerinnerung eines Traumas zurückführt.

Hier kommt der Hochstapler, Scharlatan oder Betrüger ins Spiel, der sein Leben als Roman erzählt, den freilich er selbst, doch nach fremden Vorlagen geschrieben hat. Diese Vorlagen sind vielleicht ihrerseits Romane wie Kitschgeschichten aus der Yellow Press oder wenn er hoch hinauswill eine komödiantische Maske wie Felix Krull von Thomas Mann. Wie färbt die mit fremden Erinnerungen aufgehübschte Biographie seine eigenen Erinnerungen ein? Jedenfalls muß der Hochstapler vorgeben, Erinnerungen zu haben, die in Wahrheit nicht die seinen, sondern die eines anderen oder erfundene Erinnerungen sind.

Machen wir ein Gedankenexperiment und stellen uns vor, jemand habe hinsichtlich einer bestimmten Periode seines Lebens sein Gedächtnis verloren und es bestehe aus medizinischer Sicht keine Hoffnung, daß er seine verlorenen Erinnerungen je wieder auffrischen und wachrufen könnte. Unter seinen Freunden gibt es nun einen, der als geborener epischer Erzähler über seine Umwelt und daher auch von den Begegnungen und ihm zugetragenen Lebensereignissen des unter partieller Amnesie Leidenden minutiöse Aufzeichnungen angefertigt und sogar auf Hörkassetten aufgesprochen hat. Der tapfere Sucher nach seinen verlorenen Erinnerungen hört sich nun Tag und Nacht die ihn angehenden Kassetten an. Unter diesen sind auch solche, die eine leidenschaftliche Affäre beschreiben, die er mit einer schönen Dame der Gesellschaft unterhielt, deren Name ihm freilich wie zu befürchten rein gar nichts sagt. Auch wenn er die eingehenden Schilderungen seiner amourösen Begegnungen auswendig lernte – er wird doch daraus nie eine lebensvolle Erinnerung an den verführerischen Duft des erotischen Augenblicks und der fleischlichen Wärme der echten Umarmung sich einverleiben können, wie sie derjenige hätte, der jene Schöne tatsächlich in den Armen gehalten hätte, obwohl und gerade weil unser bedauernswerter Patient sie im Arm gehalten hat. Er könnte sich am Ende einbilden, solche lebendigen Erinnerungen gehabt zu haben – aber glauben, sich an etwas zu erinnern, was man nicht erlebt hat, heißt nicht, sich daran zu erinnern.

Übertragen wir das Szenario auf den Hochstapler. Bei ihm wäre es nun umgekehrt so, daß er als hartgesottener Renommist vorgibt, eine Affäre mit einer schönen, eleganten Dame der besseren Gesellschaft gehabt zu haben (eingerahmte Bilder von ihr hängen sogar in seinem Büro), über die er infolge heimlicher Recherchen (Schnüffeln in fremder Leute Geheimnissen gehört ja zu seinem Metier) pikante Dinge zu flüstern weiß. Doch wie wenig fiktive oder gefälschte Erinnerungen inneres Leben zu gewinnen vermögen, zeigte sich beispielsweise daran, daß er jene angebliche frühere Geliebte, würde sie an ihm vorübergehen oder ihm im Café gegenübersitzen, nicht erkennen würde.

Wir schließen daraus, daß die Rede von fiktiven Erinnerungen in die Irre führt. Wir können von vorgeblichen Erinnerungen sprechen, wie beim Betrüger, der sich angeblich an die aufregende Disputation erinnert, in der er seinen gefälschten Doktorgrad erworben haben will. Ansonsten müssen wir von Wahnideen sprechen, wenn einer die Szene halluziniert, in der er mit dem Doktorhut versehen wurde, und von diesem Scheinerlebnis auftrumpfend berichtet.

Der souveräne Erzähler, und hier berühren wir den eigentlichen Bereich sprachlicher Kunst, behandelt den Erinnerungsstoff seines Lebens wie der japanische Maler das eine Motiv des Berges Fuji oder der großen Meereswoge oder Cézanne das eine Motiv des Berges Sainte Victoire, das er in zahllosen, nie sich erschöpfenden Variationen einem immer neuen Spiel von Licht und Schatten, Nähe und Ferne, Dichte und Transparenz unterwirft: Er erzählt den Roman seines Lebens oder sein Leben als Roman, dessen Autor zugleich immer als eine seiner erzählten Personen oder Masken auftaucht, die sogar wie ein Vogel aus dem Rahmen des Bildes zu entflattern scheint oder wie ein der ganzen Spiegelfechterei überdrüssiger Don Quichotte sich in die Stille der Entsagung flüchtet.

 

Nov 16 17

Philosophische Konzepte: Erinnerung (Teil I)

Wir nehmen das Gegenwärtige mit den Sinnen wahr, das Vergangene können wir nicht wahrnehmen: Es sind die mehr oder weniger frischen, mehr oder weniger verblaßten Eindrücke und Wahrnehmungen von Ereignissen, die wir als vergangen kennzeichnen, die den Stoff und Inhalt unserer Erinnerungen bilden.

Wir können den gegenwärtigen Sinneseindruck mit einem Gesprächspartner teilen, indem wir sagen: „Siehst du, dort geht unser Freund Manfred!“ Unser Gesprächspartner kann unseren Gesichtseindruck bestätigen oder korrigieren, wenn er erkennt, daß es sich meinerseits um eine Täuschung, in Wahrheit um eine andere Person handelt.

Wir können unsere vergangenen Sinneseindrücke oder Erinnerungen nicht in der gleichen Weise teilen. Wenn wir gestern zusammen im Park waren und ich dich frage: „Erinnerst du dich, wie ich glaubte, dort sei Manfred gegangen?“, kannst du meine Frage genauso gut bejahen als verneinen, wenn du die Begebenheit vergessen hast.

Wir können uns auf die Gegenstände der Wahrnehmung gegenseitig aufmerksam machen, indem wir auf sie zeigen. Ich zeige in die Richtung einer Person, die im Park spaziert, um deine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

Wir können nicht auf unsere Erinnerungen wie auf Bilder einer Galerie zeigen, um unseren Gesprächspartner auf sie aufmerksam zu machen. Wollen wir seine Aufmerksamkeit auf unsere Erinnerung lenken, sind wir gehalten, davon zu berichten oder zu erzählen.

Etwas berichten, etwas erzählen sind sprachliche Handlungen sui generis, die wir auf unterschiedliche Stoffe und Themen anwenden, auf wirkliche Begebenheiten genauso wie auf erfundene oder fiktive. Denn auch wenn wir uns in phantastische Geschichten einspinnen oder wenn wir lügen, können oder wollen wir den Eindruck erwecken, daß wir von etwas berichten oder etwas erzählen, das sich tatsächlich ereignet hat.

Wir erwähnen nur am Rande, daß die eigentümliche Mischung von Faktum und Fiktion, Historie und Fabel, Bericht und Mythos oder Märchen am Anfang der erzählerischen Tradition liegt, die wir das epische Erzählen nennen, wie wir es als mündliche Überlieferung oder Vorstufe der redigierten Texte des homerischen Epos voraussetzen.

Erinnerungen sind demnach Aussagen über vergangene Sinneseindrücke und Erlebnisse dessen, der spricht (oder schreibt). Er rechnet sich die Gegenstände der Erinnerung, also die Bedeutungen und Referenten der Erinnerungssätze, als Subjekt vergangener Wahrnehmungen zu – auch wenn er dies nicht ausdrücklich macht durch Worte wie: „Dann sah ich“, „Darauf hörte ich“, „Nachher spürte ich“.

Wir können die Semantik von Sätzen der Erinnerung in zwei Formen aufstellen:

1. Wir sagen, Sätze über Erinnerungen sind Sätze über vergangenes Wissen. Dann fassen wir die Erinnerung des Sprechers, er habe gestern seinen Freund Manfred im Park gesehen, als Bericht über die bewußte Wahrnehmung dieses Ereignisses auf. In diesem Falle wäre die Frage, woher er dies wisse, sinnlos. Diese veridische Semantik der Erinnerungssätze ist unproblematisch. Hier ist derjenige, der spricht und von vergangenen Erlebnissen erzählt, offenkundig als identisch mit der Person vorausgesetzt, die genau die Erlebnisse hatte, die sie erwähnt.

2. Wir setzen fest, daß Sätze über die Vergangenheit keinen Index veri et falsi an der Stirn tragen. Dann müssen wir die Semantik von Erinnerungssätzen der Form typischer Glaubensaussagen anpassen. So wird aus dem Satz:

Ich sah, wie Manfred durch den Park ging

der Satz:

Ich glaubte zu sehen, wie Manfred durch den Park ging.

Dieser Satz ist bedeutungsgleich mit folgendem sprachlichen Ausdruck:

(Ich erinnere mich) Manfred ging durch den Park.

Der Satz „Manfred ging durch den Park“ kann ebenso gut in einem Roman stehen wie in einer Autobiographie. Steht der Satz in einer Autobiographie können wir zu seiner Verifikation adäquate Verfahren der Historiographie und ihrer Hilfswissenschaften wie Geographie oder geometrisch-numerische Methoden der Raum-Zeit-Messung anwenden. Damit ist es uns möglich, sämtliche Wege, die eine Person in einem ausgewählten Zeitabschnitt (theoretisch in ihrem ganzen Leben) zurückgelegt hat, in einem idealen Musterplan mit variablen Koordinaten der Raum-Zeit einzutragen und exakt zu fixieren. Wenn sich die rekonstruierte Linie des Wegs, den Manfred an einem bestimmten Tag und einem bestimmten Zeitkorridor der Vergangenheit zurückgelegt hat, mit derjenigen Linie kreuzt, die den Weg rekonstruiert und die Blickrichtung dessen beschreibt, der die Aussage „Ich erinnere mich, Manfred ging durch den Park“ gemacht ist, scheint sie verifiziert zu sein.

Wir zögern zu sagen, der Satz der Erinnerung sei in der Tat bewahrheitet, denn es könnte sein, daß die genannte Rekonstruktion wahr ist, aber der Sprecher in dem Moment, als seine Blickrichtung den Weg Manfreds kreuzte, an etwas anderes dachte oder so abgelenkt und geistesabwesend war, daß er seinen Freund nicht erkannt hat, also zwar eine Person wahrnahm, doch ohne ihre Identität auszumachen. Der Sprecher könnte sich nach einer Weile, nachdem die Person schon aus seinem Blickfeld verschwunden ist, fragen: „War das nicht mein Freund Manfred?“ Hier handelt es sich demnach nicht um eine Erinnerung an eine Wahrnehmung, sondern um die Erinnerung an eine Vermutung.

Wir stoßen hier auf den bedeutsamen Fall, daß unsere Aussagen über Erinnerungen rein zufällig genau das meinen, was sie sagen, ohne daß wir sie als echt, authentisch oder wahr kennzeichnen würden.

Sätze über Erinnerungen können also in dem Fall, daß wir sie semantisch als Glaubenssätze oder Annahmen auffassen, nur dann als wahr oder im hohen Grade wahrscheinlich gekennzeichnet werden, wenn wir ihnen unabhängige Zeugnisse Dritter an die Seite stellen. Um einen Satz der Erinnerung zu falsifizieren, benötigen wir höchstens ein unabhängiges Zeugnis. Wenn der Patientenbericht bezeugt, daß unser Freund Manfred an besagtem Tag zu einer ambulanten Behandlung im zuständigen Krankenhaus anwesend war, ist die Erinnerung falsifiziert. Um ihn zu verifizieren, benötigen wir mindestens ein unabhängiges Zeugnis. Wenn außer dem Sprecher seine Freundin bezeugt, Manfred im Park gesehen und erkannt zu haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Erinnerung zutrifft. Dennoch könnte auch diese Zeugin sich irren, und es handelte sich um eine Person, die Manfred sehr ähnlich ist, die beide zu erkennen geglaubt haben.

Erinnerungen und Sätze über Erinnerungen setzen die Identität der Person dessen, der sich erinnert und spricht, voraus. Wir geraten in semantische und begriffliche Konfusionen, wenn wir annehmen, wir seien gleichsam das Resultat all der Erinnerungen, die wir in unserem Gedächtnis gespeichert haben. Wenn wir uns daran erinnern, unseren Freund im Park gesehen zu haben, erinnern wir uns nicht daran, daß wir es waren, die im Park gewesen sind, in dem Sinne, wie wir uns daran erinnern, daß wir gemeinsam mit unserer Freundin im Park gewesen sind.

Wären wir das Resultat oder das psychologische Kontinuum unserer tatsächlich uns zugänglichen Erinnerungen, müßten wir eine andere Person werden, wenn uns beispielsweise Zeitgenossen und Zeugen unseres Lebensganges auf Ereignisse stoßen, die wir in der Tat erlebt, aber vergessen haben und nun unserem aufgefrischten Gedächtnis hinzufügen. Umgekehrt stehen wir nicht an, die Annahme als begrifflich konfus zurückzuweisen, gemäß der jemand, der aufgrund einer Amnesie Teile seiner Erinnerungen verloren hat, nunmehr seine Identität verändert oder verloren habe.

Demnach sind Erinnerungen nicht, wie vielfach angenommen, das Substrat der persönlichen Identität und Sätze der Erinnerung nicht semantisch ein Grund dafür, ihren Sprecher von demjenigen abzulösen, über und von dem er spricht.

Es ist konfus, auf den Satz der Erinnerung „Ich habe gestern unseren Freund Manfred im Park gesehen“ mit der Frage zu reagieren: „Erinnerst du dich auch genau daran, daß du es warst, der gestern Manfred gesehen hat?“ Im Gegensatz zur Äußerung des plausiblen, weil aufgrund von Indizien oder Zeugen begründeten Zweifels: „War es vielleicht eine andere Person, die du gesehen hast?“

Wenn die Erinnerung valide ist, daß Manfred gestern im Park war, dann nicht deshalb, weil wir aufgrund ihrer Mitteilung nun annehmen, Manfred sei gestern im Park gewesen. Auch wenn uns dies nicht mitgeteilt worden wäre, verlöre die Erinnerung nichts an ihrer Korrektheit. Ebensowenig konstituiert die Erinnerung, daß ich Manfred gestern im Park gesehen habe, die Tatsache, daß ICH es war, der ihn gesehen hat.

Kennzeichnen wir Erinnern als Form und Funktion des Bewußtseins, kommen wir zu dem bedeutsamen Ergebnis, daß die Identität dessen, der sich erinnert, weder eine Ableitung seiner Erinnerungen noch eine Funktion des Bewußtsein ist (wie vielfach angenommen), sondern das Bewußtsein eine Funktion der personalen Identität.

Wenn jemand sich richtig daran erinnert, seinen Freund Manfred gestern im Park gesehen zu haben, muß derjenige, der sich JETZT daran erinnert, DIESELBE Person sein, die ihren Freund gestern im Park gesehen hat. Aber die Tatsache, daß sie dieselbe Person ist, resultiert nicht aus ihrer Erinnerung.

Wenn mir all deine Erinnerungen durch eine medizinische Prozedur an deinem und meinem Gehirn übertragen werden könnten, würde am Ende meine Identität gegen deine ausgetauscht? Das wäre allerdings gemäß der pseudophilosophischen Annahme gewisser Neuropsychologen dann der Fall, wenn deine und meine Identität vollständig als Resultante und Funktion unserer Erinnerungen erklärt werden könnte.

Nach unserer Annahme aber wäre das Ergebnis dieser Science-Fiction-Prozedur weniger aufregend und trivial: Ich hätte den Eindruck, mich an Ereignisse zu erinnern und Erlebnisse gehabt zu haben, die ich in der Tat nicht hatte, sondern die du wahrgenommen und erlebt hast. Doch würde ich nicht aufhören derjenige zu sein, der zuvor bescheiden mit dem dürftigen Vorrat seiner eigenen Erinnerungen gehaushaltet hat – und nun über mehr davon verfügt, als ihm bekömmlich ist.

 

Nov 15 17

Die Schwalbe

Dem Andenken an Peter Kurzeck

Ach, ohne Schwalben
bringt Sommer uns kein Glück.

Ja, das Glück des Sommers saß auf einer Wäscheleine,
angetan mit cremefarbener Weste,
schwarzblauem Frack
und einem kastanienbraunen Schal,
spreizte die Frackschöße
und sang.

Es war ein zart gefiederter Pfeil,
geschnellt von Dianas Bogen,
den sie an die nackte Brust gepreßt,
er ritzte die blaue Seide der Luft,
und die Seide riß wie Wollustzischen,
jählings stürzte er zur Erde nieder,
verschwand im Beerendunkel der Holunderbüsche.

Abends flogs ein blauer Schatten
am offenen Fenster rasch vorbei,
schrill schnarrend,
pickte im Fluge Mücken aus der Korona
der schiefen Gaslaterne vor dem Haus,
baute sich ein Nest aus dem Stroh,
wo du als Kind die Astgabel
einer Schleuder verstecktest.

Im Heuschober klebten oben im Gebälk
die lehmbraunen Schalen,
aus denen nickend kleine Schnäbel lugten,
der Altvogel kreiste zweifelnd um den Knaben,
neben dem die warme Milch im Eimer schwappte,
hohes Zwitschern, das stumpf abbrach
wie der Ton gerissener Geigensaiten,
und hurtig schnellte er zurück ins Nest.

Es trudelte wie Flaum verliebter Träumerei
auf den Schnee der Einsamkeit herab,
der schmolz wie unter warmen Lippen
und wurde Tau dem wilden Moos,
des Sommers Abschiedsgruß,
gefleckt erglänzte dort
wie zartes Porzellan
ein weißes Schwalbenei.

Das Stroh, die Scheune, all die kleinen Nester,
die Eier, bräunlich-rot gesprenkelt,
Gefieders blauer Flaum, der alte Hof,
die Gaslaterne, die Kinderschleuder
und des Holders Fliedertraum sind längst
von einer riesigen Schnauze aus Eisen
geschleift, zermalmt und plattgewalzt.

Wie das geschah? Warum es mußte sein?
So fragen Heuchler – oder Desperados.
Der Bauer, der plumpe Ochs, Verräter
an Blut und Ahnengeist,
roch seinen Reibach und gab alles dran,
und wurde doch am Ende selbst gefressen
vom Immobilienhai.

Geopfert ward dem wahren Gott der Zeit,
ein Tempel ihm errichtet aus Beton und Glas,
ein Salon, eine Garage, eine Waschanlage,
ein Zubringer zur Autobahn, eine Tankstelle,
die Tag und Nacht Gestank und Stoff abgibt
für blecherne Phrenesie über totem Teer,
asphalterstickten Gärten, Gas-Ekstase
zum Massaker an Hase, Reh und Igel
und Alpenmatten abzugrasen trüben Blicks.

Oder breitet seine gespenstischen Flügel
dort ein Windrad aus,
das mit Lerchen, Staren, Nachtigallen
den letzten Schwarm der Schwalben
gehäckselt und zerschreddert hat?

Ach, ohne Schwalben
bringt Sommer uns kein Glück.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=TDk85DO0A44

 

Nov 15 17

Das bißchen Leben

An den Lippen flüchtig Hauch,
der kommt nicht weit,
verscheucht vom Wind,
doch dringe er mit einem Ach
und einem Kosewort,
mit einem Kusse dring er tief,
wenn nur ein Herz ihm auftut
seine wilde Rose.

Das dünne Purpurblatt,
ein scheues Rouge erglühten Sinns,
das von der Wange fällt,
bald, denn Frost kommt über Nacht,
doch ströme hin sein Sommerduft
bis in die weiße Nacht des Freunds
und bleibe lang an einem Veilchen treu,
das eine Freundin
in die dunkle Erde gräbt.

Und feuchter Glanz des Blicks,
den bald der Star des Alters trübt,
den Gram des Alters trocknet,
kleine Muschel berge ihn,
o weiches Wort,
und eine Träne Licht,
das einen Stern entzünde
deiner Nacht,
die weiße Margerite.

 

Nov 14 17

Am Ofen

Flamme, die bläulich-rot aufzuckte,
die gußeiserne, kreisrunde Abdeckung
mußtest du mit dem Schürhaken im kleinen Loch
fest greifen und mit einem Ruck beiseiteschieben,
scheppernd und klirrend eierte sie
auf der glänzenden Ofenplatte,
die du bei halber Nacht geschmirgelt hattest,
dann in das Gähnen der versiegten Glut
Scheite, gut gehauene, stürzen,
feurige Splitter und Funken sprühten auf.

Dämmerte es, wanderte das Flackern
aus den Fugen und Ritzen zur Decke
und floß wie aus Krügen geschütterter
roter Wein die Wände herab.

Immer blieb die zehrende Mühe des Feuers
wie ein Schlürfen wölfischer Zungen,
ein Nagen von Biberzähnen lebendig,
wurde das feuchte Eingeweide des Holzes
von der Flamme zerkaut, hörtest du
des Waldes schluchzende Elegie,
das seufzende Schilf, niedergetreten von Pan,
wenn ein Holzklotz die zerrissene Aura
des versengten Leibs aus letaler Ohnmacht
aufbäumte und die blubbernde Hülle,
bläulich schraffiert von zarten Venen,
ächzend in sich zusammenstürzte,
zischten manchmal aus der weißen Asche
kleine Feuervipern.

Wenn du spät am Abend die Ofenklappe aufsperrtest
und mit dem Schürhaken den kokelnden Glutbrei
durchquirltest, seine Wülste und Buckel zerdeppertest,
und mit einem dicken Lederhandschuh bewaffnet
den Rost am Boden tüchtig rütteltest,
wurde die dämmernde Küche
für Augenblicke gespenstisch erhellt,
bitterer Ruß vermischte sich mit süßlichen Aromen
und Stöhnen entquoll der Atemnot des Holzes.

Regen klopfte mit knöchernen Fingern eines Bettlers
an die Scheiben oder rief mit zartem Hämmern
kindlicher Fäuste Erinnerungen wach
an morastige Wege,
wo uns die Weiden mit nassen Ruten
ins Gesicht schlugen,
wir trugen Leinensäcke auf der Schulter,
prall gefüllt mit Kastanien oder Nüssen
heim ins Dorf, das talwärts mit den trüben Funzeln
der Fenster die Schritte wies,
und hinter uns gluckste die Dunkelheit.

Oder wenn Frost die Scheiben mit dem weißen Staub
steriler Blüten verklebte, hörten wir im Knistern
und Keuchen des Feuers Stimmen verstorbener Lieben
Träume erzählen, träumend Tote singen
von lauen Sommernächten, als die Birnen
in den Brunnen des Gartens stürzten
und Ginster Blüten streuten in den Schlaf.

Heiligabend roch es nach Tannengrün und Harz,
dem Honig frommer Kerzen, vom Ofen her
nach Kräutern, Mandeln, Ingwer, Zimt und Kardamom,
wenn Neuschnee knirschte unter eiligen Schritten,
gingst du dem Läuten nach zur Krippe
sternerhellten Sinns,
doch der Alte lag am Ofen krank,
und versank ins Spiel der Flammen an der Decke,
das wie Flügels warmes Wehen
ihm die Botschaft brachte.

 

Nov 13 17

Die Amsel

Sie sitzt am Rand des Daches, ruhig,
Wasserfarbenblau quillt
zwischen rot getönten Wolken,
wie von Mennige zart bestäubt,
Novemberfrost, kalter Wind,
das macht ihr nichts,
sie biegt den Schnabel manchmal wie witternd
in die leere Luft der Vergangenheit zurück,
sitzt wieder ruhig da, ruhig,
auch wenn Krähen herabschießen,
drohend Schreie Schatten speien,
das macht ihr nichts,
sie putzt sich unterm Flügel, rasch,
Wind sträubt am Hals den weichen Flaum,
Krähen schreien, schreien,
das macht ihr nichts,
ruhig sitzt sie da, am Rand des Daches,
zwischen dem Rosen-Quarz der Wolken
verflüssigt der Opal des Augenblickes sich
ins reine Blau der Ewigkeit,
ruhig sitzt sie da,
ein Automotor heult elend auf,
das macht ihr nichts,
sie bleibt, sie bleibt …

O Bild, von Trübsals Firnis unverstellt,
erhelle mir die Weile eines lieben Blicks,
Amsel, hock ein Weilchen bloß
auf schwankem Zweige des Gedichts.

Gott ist nah,
es schwebet Daseinsfreude
der kleinen Kreatur
eine Weile
über all dem Dunkel,
das verschlingt,
eines weich umflaumten Wortes
kleine Weile.

Dann stürzt sie, schrilles Flattern,
jählings aus dem Bild.

 

Nov 12 17

Philosophische Konzepte: Reden

Wir reden miteinander und es gibt kein Reden und keine Rede, die nicht demjenigen, der sie vernimmt und der sie vernehmen soll, dasjenige zu übermitteln sucht, was der Redende zu sagen beabsichtigt. Wir hegen aber die unterschiedlichsten Absichten mit unserem Reden: Wir möchten plaudern, tratschen, uns unterhalten, wir wollen schildern, berichten, informieren, wir wollen uns rechtfertigen, eine Anschuldigung zurückweisen, ein Fehlverhalten verschleiern, wir möchten etwas zu tun vorschlagen, empfehlen oder davon abraten.

Die Art und Weise, wie wir reden, ist eine Funktion der sozialen Rolle, die wir dem Hörer oder Gesprächspartner gegenüber einnehmen (sowie vice versa dessen sozialer Rolle uns gegenüber) und der Situation, in die unser Reden eingebettet ist: Die Mutter tröstet das Kind, der Vater rät dem Sohn, etwas zu tun oder zu lassen, der Offizier befiehlt dem Untergebenen. Manches Wort verhallt mit der Luft, die es ans Ohr des Hörenden trägt, wie die Bitte des Bettlers an der Straßenecke, ein anderes wirkt kraft der Autorität des Redenden unmittelbar wie das Wort des Priesters oder Standesbeamten bei der Eheschließung, durch das die Ehe in Kraft tritt, und wie das Wort des Diktators, durch das der Krieg erklärt wird, oder es wirkt kraft der eindeutigen Situation des verbalen Schlagabtauschs wie die Beleidigung des Gegners, durch die eine Fehde oder tätliche Auseinandersetzung in Gang gesetzt wird.

Mit Worten können wir redlich und bieder unsere Absichten kundtun oder tückisch und verschlagen unsere wahren Absichten hinter der Wortmaske wohlmeinenden und heuchlerischen Geschwätzes verschleiern.

Wir können unsere wahre oder scheinbare Redeabsicht dem Adressaten mit Hilfe einer Eingangssequenz signalisieren, indem wir unsere Absicht, einen Rat zu erteilen, einleiten mit den Worten „Ich rate dir“, unsere Absicht, ihm ein Versprechen zu machen, einleiten mit den Worten „Ich verspreche dir“ oder unsere Absicht, ihm ein Versprechen abzunehmen, einleiten mit den auffordernden Worten „Versprich mir“.

Der Ort der Rede im Leben ist uns durch das persönliche Schicksal in Gestalt der Muttersprache und der kulturellen Herkunft vorgezeichnet. Wir sind als Deutsche Bayer, Hesse, Sachse oder Friese – sie alle verständigen sich dank der Entwicklung zur deutsche Hochsprache im Gefolge von deutschem Humanismus, Luthers Bibelübersetzung und der einmal durch Schullektüre selbstverständlichen Inokulation der Sprache der Klassiker auf die alten regionalen Sprachäste und Sprachstämme in einem mehr oder weniger kultivierten und gepflegten Neuhochdeutsch. Doch wie die zunehmende Verwahrlosung der Hochsprache durch ungezügelte Übernahme englischer oder pseudoenglischer Begriffe zeigt, kann und wird es nie eine Lingua franca oder Lingua universalis der zwangsglobaliserten Menschheit geben können, weil man in dieser nicht reden kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Nur der Anglist und derjenige, der länger im englischsprachigen Raum gelebt hat, kann englisch reden, ohne das zu Sagende zuvor deutsch gedacht zu haben, kann englisch reden, weil er englisch zu fühlen und zu denken begonnen hat.

Im Weltbürgerkrieg dieses Jahrhunderts geht es auch um das Recht jedes Volks und jedes Volksgenossen, so reden zu können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, um das Recht auf die eigene Sprache, das eigene Land, die eigene Kultur. Intellektuelle Bonzen und bürokratische Apparatschiks, deren Lippenbekenntnis Diversität heißt, die aber selbst nur ein monotones Kauderwelsch ohne Macht des Bilds, ohne Duft der Nuance daherreden, fördern in Wahrheit und Tat mit Hilfe aufs Mittelmaß geschorener Einheitscurricula und stromlinienförmig gebürsteter Medien das Entstehen eines kulturell grauen Einheitsbreis und eines hoffnungslos ausdrucksarmen Esperantos politisch korrekt kastrierten Jargons, gegen den der sich seinen regionalen und nationalen Überlieferungen verpflichtet wissende Dichter mit dem Eigensinn seines individuellen Redens und Schreibens Einspruch erhebt.

Gewiß kann der Bayer oder Hesse sich als Tourist auf der nordfriesischen Insel oder etwa der britischen Insel Man (von den Hebriden zu schweigen) einmal auf Hochdeutsch einmal mit seinem Schulenglisch nach der Wetterlage erkundigen, das wird knapp und stichwortartig über die Bühne gehen. Doch wird er niemals wie der Friese oder der Brite mit seinesgleichen über das Wetter plaudern, spekulieren und sinnieren können. Schon hier berühren wir demnach die Grenze der mündlichen Verständigung, die durch das Schicksal der Herkunft scharf gezogen wird: das Schicksal Insulaner, Friese oder Brite zu sein. Andererseits wird ein Rinderzüchter auf dem schottischen Hochland sich eher mit einem schwarzen Farmer der Bantu, wenn dieser denn über genügend Brocken Englisch verfügt, über ihre ländliche Lebensweise verständigen können als der Hamburger Hafenarbeiter mit dem feinen Schnösel aus Blankenese, und sie werden sich beim gemeinsamen Fischessen bald anschweigen. Die Greisin aus Dresden, die die Apokalypse der Stadt bei Kriegsende miterlebt hat, und die hippe Bankerin aus dem Frankfurter Westend, was hätten sie groß miteinander zu bereden, was denn letztere mit der kurdischen Putzfrau, die abends ihren Schreibtisch in der Bank wischt? Wieviel schicksalhafte Begrenzung der mündlichen Rede in der Zugehörigkeit zu Rasse und Geschlecht, zu den Altersklassen, zu sprachlichen, religiösen und kulturellen Herkünften, aber auch in dem Unterscheid von strotzender Gesundheit und geistiger oder körperlicher Versehrtheit steckt, wollen wir nur benennen, nicht vertiefen.

Der Ursprung des Redens liegt naturgemäß in der intimen oder Nahkommunikation der Familie. Dabei ist der Zusammenhang von Gesichts- und Stimmerkennung entscheidend: Die Stimme der Mutter, die mir schon als Embryo vertraut wird, verknüpfe ich mit dem Bild ihrer Gesichtszüge. Die „gute“, das heißt für uns wohlklingende und wohlwollende Stimme der Mutter ist das auditive Muster, an dem wir Vertrauen lernen: Diese Stimme kann nichts Böses, Heimtückisches, Irreführendes, Falsches verlautbaren – das ist der Grundgedanke. Wird dieses Vertrauen gestört oder zerstört, wenn die gute Stimme immer wieder umschlägt und etwas Böses sagt, also das Kind schilt, beschimpft, anschreit, kann das bisweilen pathogen wirken und eine schwere oder untragbare Bürde für den Heranwachsenden darstellen, die seine intimen Kontakte ein Leben lang zu beeinträchtigen vermag. Wir halten auch die Annahme, eine Diskrepanz zwischen Stimme und Gesicht, eine Verzerrung zwischen der Absicht, die das Gesicht und der Blick, und der Absicht, die die Stimme ausdrückt, könne desgleichen pathogen wirken, nicht für völlig aus der Luft gegriffen. Denn sicher wirkt der Eindruck des „lieben Gesichts“, aus dem eine „böse“ Stimme erschallt, wie auch umgekehrt der Eindruck der Diskrepanz von schmeichelnder Stimme und eines von Wut und Haß verzerrten Gesichts sinnverwirrend und desorientierend auf das Kind.

Wir sprechen von einem offenen Gesicht, wenn Stimme und Mimik, Sagen und Blicken harmonieren; von einem larvierten, maskierten, undurchdringlichen Gesicht, wenn die Mimik die Stimme nicht begleitet, sondern isoliert oder wie beim sardonischen Lächeln oder spöttischen Grinsen in Frage stellt und torpediert. Indes sind wir auch in der Lage, unsere Stimme tonlos, fahl, ausdruckslos klingen zu lassen, dadurch kann sie dem Gesagten, einem freundlichen Zuspruch oder einer Ermunterung und herzlichen Beipflichtung, bis zur Karikatur und Negation zuwiderlaufen. Wiederum vermögen wir mit lustig plätscherndem Singsang und einem aufgerissenen Lachmund die Mitteilung schrecklicher und grausamer Dinge und Ereignisse ins Bodenlose und Wahnhafte zu verzerren.

Wenn wir gesprächsweise etwas schildern, berichten und erläutern, treten Mimik und Stimmführung in ihrer Bedeutung für die Kommunikation in den Hintergrund, ja sie können und sollen wie beim sachlichen Vortrag möglichst reserviert und verhalten sein. Beim mündlichen Bericht sind wir meist genötigt, auf unser individuelles Gedächtnis zurückzugreifen, das uns mit den Daten und Fakten über die erwähnten Ereignisse oder das zur Kenntnis genommene Wissen beliefert.

Hier machen wir die interessante Beobachtung, daß die mündliche Rede kein gezielt einsetzbares Speichermedium ist – im Gegensatz zur Grafik und zur Schrift. Die Rede, und sei sie noch so holprig, radebrechend und konfus, enthält in Wortschatz und Syntax natürlich einen kaum auslotbaren Schatz an Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten, der über alle Generationen der sprachlichen Entwicklung kollektiv angehäuft wurde. Wir erwähnen hier nur die hohe Relevanz idiomatischer Ausdrücke, die dazu dienen, bestimmte Züge und komplexe Sachverhalten des objektiven und subjektiven Daseins zu verdichten und prägnant zu machen. Denken wir an das Wortfeld von „Rede“ und „reden“, stoßen wir auf eine Vielfalt von Varianten und Varietäten: plaudern, schwatzen, tratschen, palavern, disputieren, mitteilen, berichten, schildern, ausmalen, fabulieren – um nur diese zu erwähnen.

Wesentlich sind auch all die Dinge, die wir mit und mittels Reden bewerkstelligen können, wie etwas überzeugend oder flüchtig, wahrheitsgemäß oder lückenhaft, präzise oder phrasenhaft darzustellen. Wir können in der Rede stocken, langatmig werden oder uns vergaloppieren. Wir können die Rede abbrechen, das Wort dem anderen überlassen oder sie schlicht widerrufen. Wir können die Rede auf etwas lenken, Rede und Antwort stehen, uns in Rede und Gegenrede erproben und jemanden zur Rede stellen. Wir fragen, wovon die Rede ist oder ob davon die Rede sein kann. Wir sagen, daß jemand nicht mit sich reden läßt, daß man einen, der Unsinn redet, nur reden lassen soll oder daß jemand, der etwas Bemerkenswertes ausgerichtet hat, von sich reden macht. Jemand, der dem anderen wohlfeile Ratschläge erteilt, hat gut reden, wenn er von der mißlichen Sache nicht berührt ist. Man kann viel reden, wenn der Tag lang ist, und jemandem nach dem Munde reden, wenn man keine Lippe riskieren mag.

Nie wird der Gleichgültige oder Stumpfsinnige die begeisterten Auslassungen des Verliebten oder religiösen Enthusiasten über den Gegenstand seiner Verehrung und Anbetung verstehen, nie der Geldmensch, den täglich die Börsenwerte und die Renditekurven mit den Kollegen durchzuhecheln geistig erregt, die Predigt des Zen-Mönchs über die Nichtigkeit aller menschlichen Dinge, nie der gierige Baulöwe, der auf den Hof und den uralten Garten der Bauersfrau spekuliert, ihre anrührenden Erzählungen von der schweren, aber innerlich reichen Kindheit in einer vom Geist der Ahnen gesegneten Umgebung.

Im Gegensatz zur mündlichen Rede ist die Schrift an und für sich ein Medium der Konservierung von Informationen, ein Gedächtnisspeicher. Der vor Gericht von einem Zeugen verlautbarte Bericht über den Tathergang zählt als Dokument erst, wenn er protokolliert und abgezeichnet worden ist. Das schriftliche und heutzutage leicht digitalisierbare Dokument ist nicht wie die mündliche Äußerung nur dem unmittelbaren Hörerkreis (und den Neugierigen, die sie gerüchteweise und das heißt meist verzerrt aufschnappen) zugänglich, sondern potentiell jedermann oder jedem in dem betreffenden Sprach- und Kulturkreis.

Mit der grafischen oder plastischen Darstellung, der Schrift und der schriftlichen Dokumentation entsteht die exzellente Form des Wissens, die wir Wissenschaft nennen. So erkennen wir in den keilschriftlichen Listen der alten Hochkulturen oder den in Stein gehauenen Berichten der Herrscher über ihre Taten (Res gestae) die Keimformen der Historiographie, in den steinzeitlichen Steinkreisen und Megalithen sowie der Himmelsscheibe von Nebra die Keimformen der Astronomie.

Mit der bildnerischen und schriftlichen Aufzeichnung kommt anders als beim rasch verfliegenden Hauch der mündlichen Rede der Gedanke an die Nachwelt ins Spiel, der Nachwelt, von der man aufgrund des gediegenen und wahrheitsgemäßen Gehalts der ihr vermachten Aufzeichnungen rühmend oder lobend oder mit Hochachtung genannt werden möchte. Sicher kann man als berühmter Redner nicht nur das Forum oder das Parlament zu Lebzeiten beeindrucken, aber wer rühmte heute noch die Beredsamkeit eines Cicero, hätten sich seine Reden, diese leidenschaftlichen Flammen, gebannt in kühl glänzenden, mit rhetorischen Figuren ziselierten Silberschalen, nicht in schriftlicher Aufzeichnung erhalten?

Die in den Affektstrom der Aktualität eingetauchte Rede auf das sichere Ufer der von Blicken, Erwartungen und Zumutungen des Gegenübers oder des Publikums unabgelenkten, unaufgeregten und unbestochenen Besonnenheit, Bedachtsamkeit und Wahrhaftigkeit zu retten, ist Sache des gemeinen Mannes, vulgo TV-Moderators, Volksredners und Politikers, nicht. Es ist Sache dessen, der nach Klarheit, Sachlichkeit und Objektivität strebt, Werten, derer er sich mittels schriftlicher Aufzeichnungen und ihrer geduldigen Revision und Überarbeitung bis zu dem ihm möglichen Maß der Vollendung in Diktion und Sachgehalt zu versichern bemüht.

Klarheit, Sachlichkeit und Objektivität sind Grenzwerte des Strebens nach Wahrheit, das sich über die schicksalhaften Grenzscheiden der mündlichen Rede hinwegzusetzen bemüht. Wir finden sie selten und nur bei freien, durch Selbsttäuschung und Ideologie nicht vergifteten Geistern. Diese außerordentlichen geistigen Haltungen sind nur mühsam mittels Disziplin und lebenslanger Selbstprüfung zu erringende Tugenden. Sie ragen selten als tief verwurzelte einsame Eichen über den Nebel des allgemeinen Tagesgeredes hinaus. Bei manchen gedeihen die Keime nur zu fragilen Gewächsen, die bald unter den launischen Winden des Massengeschmacks, des Drangs nach Prestige, Karriere und schnellem Ruhm in Schieflage geraten, bald von den Raupen und Motten der Selbstanfechtung, Müdigkeit und Gleichgültigkeit angefressen und entstellt werden.

Das Medium der Klarheit und Sachlichkeit ist das nüchterne Wasser der Prosa, das wie ein glatter und glänzender Spiegel die immer ziehenden Wolken der Ereignisse rein abspiegelt, wie wir es in den Werken von Herodot und Thukydides, von Sallust, Cicero und Tacitus finden. Die prägnante und lapidare Diktion der epigrammatischen Inschrift ist bei ihnen gleichsam auf den weiten Mantel der historischen Erzählung aufgestickt.

Das Wildwasser des immer regen, geschäftigen, unruhigen Redens und Geredes unseres vom Dunkel des Zweifels und des Todes gleichsam umwucherten Daseins findet niemals Genüge und Ruhe in sich selbst – es sei denn dann und wann stürzt es in den Abgrund des Schweigens.

Und dieses Schweigen kann wiederum beredt sein: Wir finden es zwischen den Zeilen der Gedichte von Goethe, Hölderlin oder Trakl. In der blauen Luft, dem blendenden Gipfelschnee oder in der Schlichtheit der auf dem blanken Tisch der unverhofften Ankunft glänzenden Gaben von Brot und Wein – in solchen Versen findet die von Leid und Leidenschaft bedrängte und aufgewühlte Rede ein nicht weiter über sich hinaus fragendes Innehalten, ein sanft in sich zitterndes Verweilen oder eine stillende Berührung, wie das bange Kind still wird unterm Wiegenlied.

 

Nov 11 17

Gespenster

Gespenster kriechen Würmern gleich
und Spinnen aus den Winkeln, aus den Ritzen
der Nacht, der feuchten Dunkelheit,
wo Grünspan geistreich scheint
und faule Lappen allegorisch tun.

So hat die Seele Moder,
Fäulnisduft aus Labyrinthen,
die unter ihr der Maulwurf grub,
der sich vom Aas vergilbter Bilder nährt.

Als ob der Kindheit alte Gartenmauer,
auf deren Firste grüne Scherben zucken,
die gelbsuchtkranke Haut verdorrter Moose,
den fahlen Putz verblaßten Laubs
abkratzen, schälen
die blauen Nägel eines jungen Winds.

So kriecht dir unters nasse Laken,
zahnlos mümmelnd,
glasig trüben Augs,
der Brüste wurmstichig verhutzelte Äpfel
unter die empörte Nase schiebend,
die schöne Fee der Sommernacht,
die ihren goldenen Kamm dereinst
in deinem Schuh zurückgelassen.

So siehst du dort im Dämmerlicht
ein Kind mit weißen Stäben spielen,
es legt, die Zunge vorgeschoben,
die Stirn in greisenhaften Falten,
ein Rätselwort auf deiner Küche Fliesen,
du starrst und liest,
mühsam entzifferst du die bleichen Schimmer,
und liest den eignen Namen,
die Grabesschrift der Knochen,
rundum blank und klar,
wie zärtlich abgenagt von schönen Zähnen
zwischen blutig roten Lippen.

 

Nov 10 17

Wie hoch ist jener blaue Bogen

Wie hoch ist jener blaue Bogen,
der zart den Schmerz der Erde säumt.
Wir sind durch Gram und Gras gezogen
und hätten fast das Blau verträumt.

Dort mildern uns die weißen Blumen,
vom Weinen manchen Kinds genährt.
Dort lockern wir des Herzens Krumen,
Schlummer sei dem Schmerz gewährt.

Dort schweigen wir uns heim mit Augen,
das Dunkel trinkt der Träne Licht.
Wir wollen Taues Sage saugen,
die trunken Mund der Rose spricht.

Tönt noch Kristall der reinen Quelle,
ist Seufzen nah verwehtem Duft?
Weht Blüten es von Schlafes Schwelle
dem Faltertraum der blauen Luft?

 

Nov 8 17

Philosophische Konzepte: Absicht

Du bist bei Freunden zu Gast, willst nach der Tasse greifen und greifst daneben, sodaß sie zu Boden fällt. Du siehst, was passiert ist, und stößt einen kleinen, kaum hörbaren Fluch aus. Die Verwünschung gilt dir selbst, auch wenn du deshalb danebengegriffen hast, weil im Moment, da du zugreifen wolltest, das Fenster durch einen unvermuteten Windstoß mit einem Knall zufiel, der dich erschreckte.

Du sagst: „Mist, ich habe danebengegriffen!“ Du sagst nicht: „Meine Hand hat danebengegriffen.“ Auch wenn der Schreck dich übermannte und so die äußere Ursache für deinen Fehlgriff darstellte, entschuldigst du dich bei deinen Gastgebern, weil du die Tasse hast auf den Boden fallen lassen. Du könntest gleichsam mildernde Umstände geltend machen, indem du auf die äußere Ursache deines Verhaltens hinweist, aber du wirst, vor allem wenn es sich um eine kostbare Tasse aus edlem Porzellan handelt, dennoch deinen Gastgebern anbieten, so oder so für den Schaden geradezustehen.

Lebten wir in einem geschlossenen deterministischen Universum, würdest du nicht sagen „Ich habe danebengegriffen“, ja nicht einmal „Meine Hand hat danebengegriffen“, sondern „Diese Hand hat danebengegriffen“.

Hätte dein lebhaftes Hündchen, das du mit zu deinen Gastgebern gebracht hast, sich frech an die Tischkante gelehnt, um Krümel vom Tisch zu stibitzen, und die Tasse dabei beiseitegefegt und sie wäre auf diese Weise zu Bruch gegangen, könnten die Gastgeber dich als Hundebesitzer gleichsam für die Missetat des Tiers in Haftung nehmen, und es wäre so, als hättest du selbst die Tasse zu Fall gebracht, wenn du wie Anstand es heischt den Schaden wiedergutmachst.

Indes würden wir niemals sagen: „Du mußt für den Schaden aufkommen, dein Hund hat danebengegriffen und so ist die Tasse zu Boden gefallen.“

Der Hund hatte natürlich weder die Absicht, die Tasse zu ergreifen, und ist dabei kläglich gescheitert, noch hatte er die Absicht, die Tasse vom Tisch zu fegen, um besser die restlichen Krümel von der Tischplatte zu lecken. Hunden wie Tieren überhaupt unterstellen wir keine Absichten, sondern Motive, Wünsche, Antriebe, gewisse Bedürfnisse zu erfüllen. Und wenn sie dabei scheitern, sprechen wir nicht von Versagen oder Fehlverhalten, sondern von Unvermögen und Mißerfolg.

Absicht ist ein Konzept, das wir philosophisch aus dem trivialen Grund nennen, weil es unsere menschliche Art zu leben in wesentlicher und spezifischer Weise kennzeichnet: Würde es aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch mutwillig getilgt oder verschwinden, wären wir nicht diejenigen, die wir zu sein vorgeben. Denn beispielsweise automatenhaft oder wie ein Automat absichtslos Worte und Sätze äußern heißt nicht leben, wie wir als Sprecher einer natürlichen Sprache leben.

Um bestimmte Absichten zu verwirklichen, bedürfen wir bestimmter Fertigkeiten und Routinen, wie zu gehen, zu greifen, Handwerkszeug oder Maschinen oder Geräte wie Fahrräder und Autos zu benutzen oder Spiele zu spielen. Aber eine Absicht zu verwirklichen ist nicht dasselbe wie eine Fertigkeit auszuüben. Wenn wir beabsichtigen, mit dem Fahrrad eine kleine Tour durch den Park zu machen oder einen Freund zu besuchen, können wir unsere Absicht freilich nicht verwirklichen, wenn wir nicht Fahrrad fahren können. Aber bloß mit dem Rad zu fahren, weil man gerne Rad fährt, ist etwas anderes als es als Mittel für einen weitergehenden Zweck zu nutzen.

Wir weisen auf den eigentümlichen Umstand hin, daß unser Versagen bei dem Versuch, eine absichtsvolle Bewegung wie das Greifen nach der Tasse auszuführen, uns wie eine Quasi-Absicht zugerechnet wird, denn wir werden für den Schaden haftbar gemacht, der aus unserem Versagen folgt. Dies gilt sogar, wenn wir im Gedränge einem anderen aus Versehen auf die Füße treten, denn wir entschuldigen uns für unser Fehlverhalten, sogar wenn wir sagen: „Entschuldigung, das war nicht meine Absicht!“

Der Hund, der mittels erfolgreicher Dressur gelernt hat, die Frisbeescheibe im Flug aufzufangen, verhält sich auf seine geschickte Weise nicht, weil er die Absicht hat, seinem Herrchen seine Kunstfertigkeit zu beweisen, sondern weil das Fangen der Scheibe einen Stimulus darstellt, den adäquat zu beantworten ihm eine Belohnung wie ein Leckerli oder die Streicheleinheit seines Besitzers in Aussicht stellt. Wenn es ihm mißlingt, die Scheibe zu schnappen, unterstellen wir ihm nicht einen Mangel an Willen oder gar die Absicht, sein Herrchen zu ärgern, sondern ein Versagen, das ihn vielleicht als blutigen Anfänger in der Ausübung dieser Fertigkeit ausweist.

Natürlich können wir die Absicht, unseren Freund zu besuchen, mit dem Vergnügen an einer angeregten Unterhaltung verbinden, die das Zusammensein mit ihm in Aussicht stellt. Aber das in Aussicht gestellte Vergnügen ist nicht der Stimulus, der uns dazu antreibt, uns aufs Fahrrad zu schwingen, und bliebe es aus, weil wir unseren Freund in einer traurigen Verfassung vorfinden, würden wir deshalb nicht unverzüglich das Weite suchen und ihn seiner mißlichen Lage überlassen. Hier stoßen wir auf ein weiteres Konzept, Freundschaft und andere sittliche Institutionen, die unsere Art, zu leben und Absichten zu fassen oder absichtsvoll zu handeln, prägen.

Der Unterschied zwischen Stimulus (Reiz, Antrieb) und Absicht erschließt sich uns aus der einfachen Tatsache, daß wir als biologische Lebewesen oft und Tiere im allgemeinen genötigt sind, den Stimulus durch adäquate Reaktionen zu beantworten, wie wenn wir unseren Hunger stillen – indes auch auf die unmittelbare Befriedigung elementarer Bedürfnisse wie des Hungers sind wir zu verzichten willens und in der Lage, wenn beispielsweise unser Freund uns vor aufgetischtem leckeren Kuchen vom plötzlichen Tod eines nahen Angehörigen berichtet, der ihm augenscheinlich nahegeht und uns aus Hochachtung und Höflichkeit gebietet, nicht gleich herzhaft zuzulangen.

Wir können die Verwirklichung von Absichten nicht nur aufschieben, sondern auch unterlassen. Wir hatten die Absicht, eine Reise anzutreten, unterlassen dies aber und bleiben bei unserer alten Mutter, deren Gesundheitszustand sich plötzlich verschlechtert hat und die zur Zeit auf unsere Pflege angewiesen ist.

Der Zeitraum zwischen dem Fassen einer Absicht und ihrer Verwirklichung ist unbestimmt und hat für ihren Zusammenhang keine kausale Relevanz. Wir können eine Frage wie aus der Pistole geschossen spontan und ohne zu zögern beantworten; die Spontaneität unserer verbalen Reaktion weist sie aber nicht als absichtslos aus, denn wenn wir beispielsweise als Zeuge vor Gericht auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob wir den Diebstahl mit eigenen Augen beobachtet haben, wie aus der Pistole geschossen antworten, wir seien zur fraglichen Zeit gar nicht am Tatort gewesen (um unseren Freund und uns selbst zu decken), können wir des Meineids beschuldigt werden, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, daß wir Komplize des Täters waren.

Wir können die Absicht hegen, einmal die Uffizien in Florenz zu besichtigen, aber ihre Verwirklichung immer wieder aufschieben, bis wir sie endlich nach Jahr und Tag in die Tat umsetzen.

Betrachten wir nunmehr die semantische Form der Sätze, mit denen wir Absichten äußern, im Unterschied zu Aussagen, in denen wir uns über unsere mentale oder emotionale Befindlichkeit auslassen.

Betrachten wir folgende Aussagen:

1.1 „Ich will ins Kino gehen, um mir den neuen Film mit dem Schauspieler X anzusehen.“

1.2 „Ich habe die Absicht, ins Kino zu gehen, weil ich mir den neuen Film mit dem Schauspieler X ansehen will.“

1.3 „Ich gehe ins Kino, weil ich mir den neuen Film mit dem Schauspieler X ansehen will.“

2.1 „Ich will ins Kino gehen (und nicht spazieren gehen), weil es regnet.“

2.2 „Ich würde ins Kino gehen, wenn ich kein Kopfweh hätte.“

3.1 „Mir ist übel, weil ich Kopfweh habe.“

Die Aussagen unter 1 sind gleichbedeutend, denn sie drücken dieselbe Absicht aus, indem sie denselben Grund dafür anführen, diese Absicht zu hegen. Hier stoßen wir auf den grundlegenden oder konzeptuellen Unterschied zwischen Grund und Ursache, den der homonyme Wortgebrauch der deutsche Konjunktion „weil“ verschleiert. Der Gebrauch von „weil“ in 1.2 und 1.3 ist rein deskriptiv in Hinsicht auf den Grund und Inhalt der geäußerten Absicht, während der Gebrauch von „weil“ in 2.1 rein kausal in Hinsicht auf die Ursache der Entscheidung des Sprechers für eine bestimmte Handlungsoption und der Gebrauch von „weil“ in 3.1 rein kausal in Hinsicht auf das Befinden dessen ist, der ihn äußert.

Semantisch interessant ist die konditionale Aussage in 2.2. Sie setzt die Absicht, ins Kino zu gehen voraus, und gibt zugleich den Grund an, weshalb der Sprecher sie nicht verwirklicht. Wir können nämlich 2.2 so umformen:

2.3 „Ich habe zwar die Absicht ins Kino zu gehen, gehe aber nicht, weil ich Kopfweh habe.“

Semantisch interessant ist dieser Fall, weil die Angabe des intentionalen Grunds, die Absicht nicht zu verwirklichen, mit der Angabe einer nichtintentionalen Ursache übereinstimmt. Denn der Grund, den der Sprecher für seine Verwerfung der Absicht, ins Kino zu gehen, anführt, ist eine physische Ursache, die Tatsache, daß er Kopfweh hat.

Klar ist, daß Satz 3.1 gegenüber den vorstehenden Sätzen eine völlig andere semantische Form aufweist. Wir analysieren ihn so:

3.2 „Mir ist übel. Ich habe Kopfweh.“

Kopfweh zu haben ist eine Form des Unwohlseins. Der Satz beschreibt demnach nichts weiter als eine spezifische Form des gefühlsmäßigen Befindens oder Selbstgefühls, nämlich des Unwohlseins – eben diejenige, welche durch Kopfschmerzen hervorgerufen wird. Der Gebrauch der Konjunktion „weil“ scheint uns hier keine eigentliche kausale Rolle zu spielen, er ist semantisch redundant, denn Kopfweh zu haben ist eben eine spezifische Form des Unwohlseins. Der Satz gibt eine Beschreibung der emotionalen Verfassung des Sprechers.

Diese Analyse klärt uns darüber auf, daß semantisch scheinbar analoge Sätze wie 2.1 „Ich will ins Kino gehen (und nicht spazieren gehen), weil es regnet“ keine Beschreibung der emotionalen Verfassung des Sprechers liefern. Denn wir können den Satz nicht in analoger Weise ersetzen durch die Umformung:

Ich will ins Kino gehen. Es regnet.

Oder kurz: Absichten sind keine Emotionen und Sätze über Absichten kein Ausdruck und keine Beschreibung von Emotionen.

Auf diesem Fehlschluß, daß Absichten Emotionen und Sätze über Absichten Beschreibungen von Emotionen darstellen, beruht das neuropsychologische Mißverständnis, Absichten oder die mentalen Zustände, die sie verkörpern, als physische oder Hirnzustände anzusehen, die in bestimmte Reizmuster oder neuronale Stimuli analysiert werden können.

Wäre dem so, ist zu fragen, wo der neuronale Impuls desjenigen „überwintert“, der in jungen Jahren die Absicht hegt, einmal die Uffizien in Florenz zu besuchen, und seine Absicht, an die er über Jahre nicht einmal mehr gedacht hat, im hohen Alter doch noch verwirklicht.

Absichten, bemerken wir, können wie bei wohlbedachten Vorhaben und Planungen genau umrissene Gedankeninhalte sein, können aber auch vage bleiben oder völlig ungreifbar wie in allen Fällen, in denen wir gefragt, warum wir tun, was immer wir gerade tun, antworten: „Weil mir danach ist“, „Weil ich es gerne mache“ oder „Besser als sich zu langweilen“.

Echte Gründe von Absichten liegen vor, wenn wir etwas tun, um etwas anderes damit zu bezwecken oder zu bewirken. Das, was ich bezwecke, erklärt, warum ich tue, was ich tue; wenn ich den Wasserhahn aufdrehe, um die Kanne damit zu füllen; wenn ich den Schalter drücke, um das Licht anzuschalten; wenn ich die Schuhe anziehe, um nach draußen zu gehen. Diese Fälle unterscheiden wir von denjenigen, die vorliegen, wenn ich etwas unwissentlich oder versehentlich tue und damit etwas bewirke, was ich nicht gewollt und beabsichtigt habe; wenn ich versehentlich gegen den Schalter gerate und das Licht geht an; wenn ich meinen Freund anrufe, aber eine fremde Stimme meldet sich, weil ich eine falsche Nummer eingegeben habe; wenn der Attentäter zwar die Absicht hatte, den Präsidenten zu ermorden, er aber einen anderen erwischt, weil der Präsident sich an diesem Tag sich wieder einmal bei der Fahrt im offenen Wagen von einem Double vertreten ließ.

Wenn der weiße oder schwarze Attentäter den schwarzen oder weißen Präsidenten aus Haß auf die andere Rasse ermordet, sprechen wir von niederen Beweggründen, die wie Habgier oder Heimtücke zu den Merkmalen des Kapitalverbrechens zählen. Wenn der Attentäter ein gedungener Mörder ist, der die Tat im Auftrag einer fremden Regierung oder politischen Macht aus purer Geldgier ausführt, rechnen wir die eigentliche Absicht seinen Auftraggebern zu; er selbst muß natürlich die Absicht haben, die Tat auszuführen, um sich das Blutgeld abholen zu können, er muß sich somit die Absicht der anderen zur eigenen Absicht machen, auch wenn ihn die Gründe seiner Auftraggeber für die Absicht, den Präsidenten des verfeindeten Staates zu töten, nicht scheren oder er sie sogar ablehnt.

Der Auftragskiller kann aufgrund seiner kriminellen Vorgeschichte oder seiner kriminellen Verstrickungen ein willenloses Instrument in den Händen seiner Auftraggeber sein, die ihn zur Ausführung der Tat unter Androhung schwerwiegender bis tödlicher Strafen bei Nichtbefolgung nötigen. Auch in diesem Falle muß der Killer die Absicht hegen, die Tat auszuführen, um sie überhaupt ausführen zu können, denn er wird einen Mordplan schmieden, Waffen besorgen oder den als Tatort geeigneten Aussichtspunkt an der Straße ausfindig machen. Auch wenn der Täter den Mord als willfähriges Werkzeug in den Händen seiner Dienstherren begangen hat, wird er durch die Tat moralisch und rechtlich schuldig, denn er handelte nicht ohne eigene Absicht oder eigenen Vorsatz. Dieser Fall führt uns zu der wichtigen Unterscheidung zwischen absichtlich und freiwillig, denn wie gesehen, können wir etwas absichtlich, aber unfreiwillig tun. Unfreiwillig bedeutet dabei nicht unwillentlich, denn auch der gedungene und unter Zwang handelnde Killer agiert nicht wie ein Roboter, der sein eingespeistes Programm abspult.

Der Roboter weiß im Gegensatz zu dem Killer nicht, was er tut. Wissen, in einem schwachen Sinne von Gewahrsein oder Bemerken, ist ein internes Merkmal von Absichten und absichtsvollem Handeln. Deshalb werden mildernde Umstände vor Gericht geltend gemacht, wenn das Bewußtsein oder die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung beim Täter aufgrund von Hirnschädigung oder drogeninduzierter Bewußtseinstrübung eingeschränkt oder zeitweise ausgeschaltet ist.

Absichten können kohärent sein und gleichsam logisch konzentrische Kreise bilden, wie die Absicht nach dem Vortrag im intimen Freundeskreis noch einen gemeinsamen Umtrunk zu nehmen. Die Absicht, sich den Vortrag anzuhören, und die Absicht, mit den Freunden einen trinken zu gehen, sind kohärent und gleichsam logisch konjunktiv verknüpft, sie bedingen oder begründen einander aber nicht, sind also gleichsam logisch nicht implikativ. Denn sich den Vortrag anzuhören ist nicht notwendig die Bedingung dafür, sich anschließend mit den Freunden zu treffen (man könnte auch nachträglich zu ihnen stoßen), und die Absicht, mit den Freunden einen trinken zu gehen, ist – von Ausnahmefällen abgesehen – nicht der hinreichende Grund für die Absicht, sich den Vortrag anzuhören.

Man könnte sagen, ein großer Teil dessen, was wir das menschliche Drama nennen dürfen (und seine literarische Verdichtung und Zuspitzung im Schauspiel und zwar sowohl in der Komödie als auch in der Tragödie, am überzeugendsten in beider Verschmelzung, der Tragikomödie) besteht in der Larvierung und Verschleierung unserer wahren Absichten – ob nun vor den anderen oder vor uns selbst. Denn wir sind nicht nur fähig, etwas zu beabsichtigen und absichtsvoll zu tun, sondern auch unsere wahren Absichten vor anderen und vor uns selbst zu verbergen. Im ersten Fall sprechen wir von Tücke, Heuchelei, Betrug oder Scharlatanerie, im zweiten Fall von Selbsttäuschung, Bigotterie, uneigentlicher Existenz (Heidegger) oder Unaufrichtigkeit (mauvaise foi, Sartre).

Der Betrüger, der Hochstapler, der professionelle Don Juan und der Heiratsschwindler sind die bekanntesten Typen, die von unserer Fähigkeit profitieren, unsere eigentlichen und das heißt zumeist schäbigen, egoistischen oder destruktiven Absichten hinter dem Schleier der Menschenfreundlichkeit, Zuneigung und Liebe zu verhüllen. Betrüger sind oft überdurchschnittlich intelligente, feinfühlige und zugleich gerissene und hinterlistige Exemplare der Gattung, sie haben umso leichteres Spiel, als sie mit den intimsten und empfindlichsten Gefühlen ihrer Opfer spielen.

Ein simples Modell der doppelten Absichten haben wir am Heiratsschwindler, der sein Opfer mit falschen Versprechen ködert, um seinen eigentlichen Zweck zu verwirklichen, nämlich es um seine Barschaft und sein Vermögen zu erleichtern. Der Schwindler ist Schauspieler in nuce, denn er spiegelt der Frau echte Gefühle von Zuneigung und Liebe vor, auch wenn er innerlich kalt bleibt. Das bis zur Genialität sich erheben könnende Talent zur Mimikry falscher Absichten beruht auf der intimen Kenntnis jener wahren Absichten, die der wahrhaft Verliebte oder Liebende seiner Angebeteten entgegenbringt.

Uns zeigt der Fall, daß die Äußerung von Absichten in einer gewissen sozialen Situation, beispielsweise das Heiratsversprechen, einen sittlichen Wert annimmt, der rechtlich geltend gemacht werden kann, denn ein Heiratsversprechen in unsittlicher Absicht gilt vor dem Gesetz für strafwürdig. Der Heiratsschwindler trägt die Maske einer Rolle, die er nicht ausfüllt und zu erfüllen nicht willens ist. Wir stoßen demnach auf Äußerungskontexte von Absichten sittlich-sozialer Natur, die den Sprecher mehr oder weniger mit der Aufgabe oder Pflicht behaften, für ihre Erfüllung Sorge zu tragen. Dieser Charakter der Verbindlichkeit ist nur solchen Absichtserklärungen eigentümlich, die das soziale Dasein des Angesprochenen treffen und verändern. Ansonsten gilt nämlich für unsere Absichten und ihre Verlautbarungen, daß wir sie aufgeben und in den Wind schlagen können, wie es uns beliebt, wir vergessen sie meist, werden ihrer müde und überdrüssig, und lächeln süffisant oder selbstironisch über ihre Vereitelung wie über die vor der ganzen Freundesschar geäußerte Absicht, im nächsten Jahr das Rauchen ganz bestimmt aufzugeben.

Als simples Modell für die Selbsttäuschung bietet sich uns die zeitgemäße Form der Bigotterie in der Gestalt des Aufgeklärten an, der alles glaubt, was in seinem Tageblatt steht und in den „Tagesthemen“ kommentiert wird. Er erkennt sich und erkennt sich nur in jenen anderen wieder, die dasselbe auf dieselbe Weise daherreden wie er. Diejenigen, die sträflich von seinem Glauben und seiner Diktion abweichen, hält er für gefährliche Unruhegeister und Querulanten, die er mit dem alten Haß des religiösen Eiferers und politischen Denunzianten verfolgt. Er führt ständig religiös-moralisch angehauchte oder aufgeladene Begriffe wie „kritisch“, „modern“, „postmodern“, „tabulos“, „fragmentiert“, „dekonstruiert“, „grenzüberschreitend“, „homophob“, „xenophob“, „postkolonial“, „antikapitalistisch“, „frauenfeindlich“, „fremdenfeindlich“, „antisemitisch“ und tausend andere Vokabeln aus dem Wörterbuch des Zeitgeistes im Mund, all dies in der aufrichtigen Absicht, mithilfe dieses abgestandenen und ranzigen Jargons seine Zugehörigkeit zur geistigen Elite und künstlerischen Avantgarde zu demonstrieren. Daß hinter der Maske dieser marktschreierischen Absichtsbekundungen der alte deutsche Michel leibt und lebt, wie es sein gutes Recht ist, zeigt sich daran, daß der Aufgeklärte beim Gruppenzwang, atonaler Musik zu lauschen, ein Gähnen kaum unterdrücken kann, er vorgeblich die Dichtung Stefan Georges wegen ihrer autoritären Pose diskreditiert, in Wahrheit aber, weil sie ihm einen homophilen Schwindel erregt, er in der Dämmerung wie jeder vernünftige Mensch die Türen fest verriegelt und womöglich in ein ausländerfreies, piekfeines Stadtquartier umsiedelt, damit seine Kinder eine von Radau und pädagogischen Frivolitäten möglichst noch nicht heimgesuchte oder noch nicht ganz zerrüttete Schule besuchen können.

Die Selbsttäuschung des Aufgeklärten ist die typische Haltung des traditionslosen Nihilisten, der eigentlich an gar nichts glaubt, aber im nachträglich umso erbitterter bekämpften Dritten Reich und all seinen Dämonen oder in der Verteidigung der allein selig machenden Vulgokratie und all ihrer bunten Putten einen dicken Stöpsel für das Loch im Selbstwertgefühl gefunden zu haben wähnt.

Die Absichten, Absichtserklärungen und absichtsvollen Handlungen des Heiratsschwindlers können in einer logisch ziemlich konsistenten, rational verzweigten Hierarchie von Gründen aufgegliedert werden, doch ist der basale Grund, der das ganze Gebäude stützt, irrational: das lumpige, schmutzige, von nichts als lauter Angst vor der Vernichtung besessene Ego. Vor ihm, dem letzten Grund aller wahren Absichten und lügnerischen Absichtserklärungen, gilt die Welt für nichts, gilt vor allem das auserwählte Opfer für nichts. Der Schwindler ist deshalb auch eine tragische Figur: Abgetrennt zu sein von der Welt (und all seine Intrigen, Schleichwege und Komplotte verheimlichen zu müssen) verdammt ihn zur Einsamkeit. Zugleich ist seine Art, die Hände voller Blumen sentimentalen Schmonzes zu verzapfen und dabei zynisch den Wert seines Reibachs zu taxieren, von unfreiwilliger bizarrer Komik.

Dagegen ist der Selbstverblendete von so geringer Größe, daß wir ihm schlechterdings tragische Züge nicht zusprechen möchten. Doch seine Großmäuligkeit bei der Absicht, zu verbergen, daß er nichts Eigenes zu sagen hat, sein Wahrheitsfanatismus bei der Absicht, zu verbergen, daß er innerlich hohl und aller Wurzeln in tiefere Wahrheitsgründe bar ist, machen ihn immerhin zu einer grotesken Parodie auf den Ritter von der traurigen Gestalt, der man sich nur durch Lachen erwehren kann.

Wenn es dem Heiratsschwindler gelingt, durch Schmeichelei, erotische Zukost und leere Versprechen sein Opfer zu der ersten Luxusreise (auf ihre Kosten versteht sich) zu bewegen, stoßen wir auf die bedeutsame Tatsache, daß wir in der Lage sind, unsere Absichten mit den Absichten anderer abzustimmen, zu koordinieren und zu synchronisieren, um einen Zweck zu erreichen, der in unserem Falle nur scheinbar den Interessen aller Beteiligten, in Wahrheit dem Eigennutz des Intriganten dient.

In der Regel treffen wir auf vernünftige und gesunde Formen der Vergemeinschaftung von Absichten. Wir einigen uns in der Absicht, das längst brüchig gewordene Sofa aus der Wohnung zu schaffen und packen gemeinsam an; die Konzertbesucher kongruieren durch ihr aufmerksames und zurückhaltendes Gebaren in der gemeinsamen Absicht, die musikalische Darbietung zu goutieren; auf das bekannte Klingelzeichen hin eröffnet der Vereinsvorsitzende die aktuelle Sitzung des Taubenzüchtervereins; der Offizier gibt die ersten Töne vor, und das Bataillon setzt sich in Bewegung und singt im Marschrhythmus das Lied.

Wir bemerken abschließend, daß Absichten einer beliebig großen Masse von Individuen aufgrund autoritativer Funktionen oder mittels formal definierter Ein- und Ausschließungskriterien koordiniert werden können. Das Ergebnis bildet das, was wir eine soziale Institution nennen, sei es der Verein, die Schule, die Firma, die Behörde, die Armee, der Staat oder die Kirche.

 

Nov 7 17

Ergebung

Wir sehen bloß, was vor uns liegt,
ob Kot, ob Sonnenschein,
und wenn ein Vogel ferne fliegt,
so sind wir nicht allein.

Wir nehmen alles, wie es schmeckt,
den schalen Wein, das Brot,
den Veilchenduft, der Tränen weckt,
und auch den bittern Tod.

Das Bild, am süßen Licht erblüht,
verblaßt und dunkelt schon,
der Mund, von Küssen angeglüht,
sinkt hin wie roter Mohn.

Wenn Winter mit Kristallen sinkt
auf Lebens wüsten Traum,
ist uns, als ob die Liebste winkt
an weißer Lilien Saum.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=tpB6Aqqys5o
https://www.youtube.com/watch?v=VSTDibqXuGo

 

Nov 6 17

Kindergeplapper

Kleines Mädchen, es kramt aus seinem Rucksack ein Stofftier, ein wolliges Häschen mit allerliebsten Langohren und funkelnden kleinen Bernsteinaugen:

Mein liebes Schnuffelkind,
hast du dich wieder mal versteckt,
bist ins Dunkel du gekrochen
vor dem wilden Lärm der Autos,
dem Klingeling der Fahrräder,
wolltest du ein bißchen dösen
tief in meinem Beutel
unter meinem Wolleschmeichelschal,
als ich mit den andern Kindern
in der Schule hab gemalt
und einen Weihnachtsstern gebastelt,
hast du schön geträumt
im warmen Dunkel
von dem süßen Küchel
aus Mehl und Honig, Ei und Zucker,
das deine Freundin dir gebacken hat?

Die Kleine bewegt das Köpfchen des Hasen, als würde er beifällig nicken. Sie brockt von einem Lebkuchen ein Stück ab und tut so, als füttere sie das Häschen.

Sehnst du dich nicht
nach deinen Brüderchen
und Schwesterchen da draußen
im freien grünen Feld,
bist traurig, wenn sie über Gräser hoppeln,
und kennst hier nur den Teppich,
auf dem die blauen Bäche trockne Fäden sind,
und die weichen Kissen meines kleinen Betts,
doch sind sie nicht aus Moos
und duften nicht nach Thymian,
Lavendel oder Rosmarin,
sehnst du dich nicht nach ihnen,
wenn sie hüpfen über Ginsterbüsche
oder schwuppdiwupp,
die Mama hat gerufen,
in ihr Stübchen sausen
im gelben Lehm,
dort hinter dem Kastanienbaum,
und schlafen sie, klopft es auf die Erde,
das sind die dicken braunen Früchte,
mit denen sie gern spielen,
weil sie glatt sind, weil sie glänzen,
dann ist es wieder still in ihrer Höhle,
da pressen sie sich Fell an Fell,
dann ist es warm,
dann ist es schön.
Willst du, mein Herz, zu ihnen
wieder bald zurück?

Das Häschen wiegt das Köpfchen zaudernd hin und her und nickt dann seltsam träumerisch.

Willst du lieber bei den Deinen sein,
da saust der Wind ins Fell
und Regen tropft von einem Näschen,
das schimmert feucht,
da bist du immer nah bei Tante Mond,
die geht im Dunkeln gern am Fluß spazieren
und badet ihren großen blonden Schopf darin,
und schaut auch nach den Hasenkindern,
ob sie noch wach sind,
ob sie aus dem Fenster lugen,
da wohnt auch Onkel Kauz
im hohlen Baum,
du siehst, wenn seine Augen glühen im Geäst,
da zieht die Mutter gleich den Vorhang zu,
willst du mit den Geschwistern lieber
mit den Löffeln um die Wette wackeln,
morgens im Ringelreihen den Tau
von Gras und Butterblume schütteln,
willst du, willst du?

Das Häschen weiß nicht, soll es nicken, soll es leugnen, es hält das Köpfchen ziemlich schief und ist verlegen. Die Öhrchen baumeln hin und her.

Ach, mein gutes Schnuffelhäschen,
bleib lieber bei der Freundin hier,
kannst mit meinen andern Püppchen spielen,
da ist das weiße Schäflein Wilmeli,
klammerst du dich nur an seine Locken,
trägt es dich ein wenig durch das Zimmer
unter Tische, unter Stühle, ja sogar
auf die Terrasse, wo ein Kätzchen manchmal
Milch trinkt und euch harmlos anfaucht,
da ist das kleine Hündchen Wuffeli,
das dir so gerne zart am Ohre zaust,
da ist die brave kleine Kuh,
Carla heißt sie, ist recht gescheit,
kann auch wie ich für ihre Herzensschar
backen, brutzeln, kleine bunte Cocktails mischen,
und manchmal singt sie euch
ganz wunderliche Liedchen vor
vom Leben auf der Alm,
vom dicken Murmeltier,
das in die Fugen seiner Stube
Kräuterkissen stopft,
und dem stolzen Gemsenbock,
der auf dem Felsen steht und starrt.

Du bleibst doch lieber hier bei mir
und deinen treuen Freunden?

Das Häschen nickt wieder beifällig. Die Öhrchen wippen.

Denn draußen ist die Welt so schlecht,
weißt du, in den Wäldern,
unter Disteln, zwischen Holunderbüschen,
die im Regen wie Gespenster schweben,
dort hängen helle Fetzen eines Fells
an spitzen Dornen, weißt du, Kleiner,
da schleicht der Fuchs herum,
wenn die Sonne schlafen geht,
Meister Reinecke genannt,
er schmeichelt gern den Häschen,
wedelt mit dem roten Schweif,
verspricht den Kleinen Leckereien,
die seine Mutter für sie angerichtet
im Festsaal ihrer Felsenburg,
doch wehe den verführten Häslein,
sie erwartet dort nichts Gutes,
denn der Kochtopf,
in den die böse Alte Kräuter rupft,
wartet nur auf sie, die armen.

Du bleibst doch lieber hier bei mir
und deinen treuen Freunden?

Das Häschen nickt enthusiastisch, die Öhrchen fliegen.

 

Nov 5 17

Santoka Taneda

Gedichte eines wandernden Bettelmönchs – eine Blütenlese

Meine drei Grundsätze:
Vergeude nichts.
Ärgere dich nicht.
Beklage dich nicht.

Meine drei Vorsätze:
Übernimm dich nicht am Unmöglichen.
Bedaure nichts von dem, was du erlebt hast.
Beschimpfe dich nicht selbst.

Meine drei Freuden:
Studium.
Betrachtung.
Haiku.

*

Kein andrer Weg als dieser –
ich geh allein.

*

Der Wind in den Kiefern,
am Morgen, am Abend
trägt er den Klang der Tempelglocken.

*

Der Bottich ist voll vom Regen:
Für heute istʼs genug.

*

Feucht vom Morgentau,
ich geh, wohin ich will.

*

Dunkelheit,
feucht
vom Rauschen der Wogen.

*

Einsam seh ich den Mond
hinter den Bergen versinken.

*

Schnurgerade der Pfad,
voll von Einsamkeit.

*

Ich strecke meine Füße aus;
ein wenig Licht vom Tag ist übrig.

*

Ohne Ziel
wandere ich durchs verdorrte Gras.

*

Meine Bettlerschale
füllt sich mit fallenden Blättern.

*

Auch Hagelkörner
finden sich in meiner Bettlerschale.

*

Immer tiefer
und tiefer
gehe ich in die grünen Hügel.

*

Beschwipst;
die Blätter fallen
eins ums andere.

*

Kein Wölkchen rings;
ich nehme meinen Strohhut ab.

*

Libellen
sitzen auf meinem Hut,
während ich weiterziehe.

*

Liegt Frieden auf den Bergen,
nehme ich meinen Strohhut ab.

*

O, eine Kamelienblüte
hüpft von meinem Hut.

*

Ist dies Häufchen Asche
alles, was mir blieb
von meinem Tagebuch?

*

Heimatlos;
Herbst, tief und tiefer.

*

Täglich mehr eingerissen,
am Ende nur Flicken:
mein Reisegewand.

*

Mit dem Wasser strömend
ging ich in das Dorf hinab.

*

Mitten im Leben, im Tod,
unaufhörlich fällt Schnee.

*

Ich wandere im Glanz und
der Dunkelheit des Winds.

*

Am Fuß des Berges stehen
einige Grabsteine beieinander
im warmen Sonnenlicht.

*

Die Schwalben ziehen –
von nun an kommen mehr Fahrten;
ich schnüre mir die Sandalen.

*

Ich streckte meinen fiebernden Körper
auf der gefrorenen Erde aus.

*

So mag ich wohl mal sterben:
auf der kalten Erde liegend.

*

Aussaat im Frühjahr:
Bauern und Rinder,
beide schweißgebadet.

*

Scheint die Sonne, blökt sie;
ist der Himmel bedeckt, sie blökt –
die einsame Ziege.

*

Jetzt stehe ich hier,
wo das Blau des Ozeans
keine Grenzen hat.

*

Schöner Pfad,
er führt zu einem schönen Haus.
Es ist ein Krematorium.

*

Nur noch die lange Brücke
und ich bin in meinem Heimatdorf.

*

Nichts blieb von dem Haus
meiner Geburt –
Glühwürmchen.

*

Mein Heimatort – Hundehitze,
nichts blieb, nur Grabsteine.

*

Ich hocke mitten
in meinen Heimatdialekt.

*

Das Rauschen der Wogen hebt an –
mein Heimatdorf
entfernt sich mehr und mehr.

*

Sie blühte ergeben,
weiße Blume steht sie da.

*

O, die Laus,
die ich fing,
wie warm sie ist!

*

Die paar Fliegen, die noch da sind,
scheinen sich an mich zu erinnern.

*

Sonnenuntergang – der Schatten
des Pflügers wächst.

*

Den ganzen Tag im Gebirge,
auch die Ameisen wandern.

*

Gepäck, ich kann es nicht abwerfen,
so schwer vorne und hinten.

*

Die Disteln –
glänzend und frisch
gleich nach dem morgendlichen Regen.

*

Frieden für das Herz:
Leben in den Bergen.

*

Den ganzen Tag über schwieg ich –
das Rauschen der Wellen.

*

Spät in der Nacht:
der rauhe Ton des Kartenspiels.

*

Täglich treffen wir auf beide:
Dämonen und Buddhas.

*

Ich schütte Weihrauch
auf die Gedenktafel der Taneda –
alles was von meiner Familie blieb.

*

Ja, so ist es –
es regnet, ich werde naß und wandere.

*

Kirschblüten, wie sie schimmern,
Kirschblüten, wie sie wehen,
es tanzen die Menschen, tanzen.

*

Ich sitze in der verdorrten Schönheit
des wilden Grases.

*

Im Grunde ist es traurig,
allein zu sein –
die verdorrten Gräser.

*

Im Grunde ist es gut,
allein zu sein –
die wilden Gräser.

*

Wenn ich gehe, Samen von Kräutern;
wenn ich sitze, Samen von Kräutern.

*

Tau und
welke Blätter,
zusammen aufgekehrt.

*

Warum bläst Wind
mit Klagen?

*

Morgen mache ich mich auf;
Kirschblüten,
sie fallen, fallen.

*

Am Abend Einsamkeit,
wieder pflügt sie das Feld.

*

Im Frühlingsschnee
sind Frauen so schön.

*

Die wandernden Wolken
und der Glanz des Tempels
spiegeln das Wasser.

*

Ich bin weit gekommen;
ich trinke das reine Wasser und gehe.

*

Im dichten Gras
Pfützen rings um
die Ruinen des Tempels.

*

Endlich! Der Mond und ich,
wir sind in Tokio angelangt.

*

Nach langem Fortsein
fege ich den Garten aus;
die Heckenblumen blühen.

*

Während die Schalen meines Hutes bröckeln,
wachsen Reben und Gras.

*

Schwänze und Muschis,
sie kochen dicht an dicht
im überfüllten Bad.

*

In der ewigen Musik
des Wassers,
Buddha ist darin.

*

Ich rutschte aus und fiel –
die Berge bleiben ruhig.

*

Es ist genug;
ich kehre die welken Blätter auf.

*

Einen Stein als Kopfkissen
schwebe ich den Wolken zu.

*

Die Nacht ist frostig –
wo werde ich schlafen?

*

Den steilen Berg herabfließend:
das helle Wasser.

*

Die krächzenden Krähen,
die flatternden Krähen,
sie finden keinen Ort, sich zu sammeln.

*

Ich stürze mich
in die regenfeuchten Berge.

*

Ich bahne mir einen Weg durch das welke Laub
und scheiße gut in den Feldern.

*

Unter der glühenden Sonne:
Eisenbahngleise,
schnurgerade.

*

Keine Herberge für die Nacht –
der Mond weist den Weg.

*

Die trockenen, gerösteten Steine
rollen und rollen.

*

Eine Handvoll Reis,
empfangen und gegessen,
meine Tagesreise.

*

Die Tage sind kurz,
Abend kommt rasch;
mein Rucksack ist so schwer.

*

Es schimmert hell
im Sonnenlicht,
gekochter Reis, mein Essen.

*

Die Tropfen rinnen –
ich kann die Buchstaben
auf dem Wegweiser nicht entziffern.

*

Heute, noch am Leben;
ich strecke meine Füße aus.

*

Von der Stille der Berge
wird der Regen still.

*

Der Himmel im Abendrot –
ein Becher Sake,
das wär jetzt gut!

*

Müde kehre ich zum meiner Hütte,
der Mond füllt den Himmel ganz.

*

Felsen und hohe Klippen,
bedeckt von Purpurblättern.

*

Die Schönheit des Abendrots
trauert ums hohe Alter nicht.

*

Da sitze ich allein,
still, unterm Moskitonetz,
und esse meinen Reis.

*

Wenn nur einer das Feld pflügt,
hörst du bald ein Lied.

*

Allein am Neujahrstag –
sie haben Reiskuchen und Sake
und …

*

So glücklich, da zu sein,
öffnet das Kleine die Hände
und schließt sie wieder.

*

Der kalte Klang des Groschens,
den man mir zuwarf.

*

Gute Nachrichten,
schlechte Nachrichten;
Frühlingsschnee, er fällt.

*

Nur dieser eine Pfad;
Frühlingsschnee fällt.

*

Unter der Milchstraße tanzt
der Trunkenbold jede Nacht.

*

Der tiefe, kalte Mond
taucht zwischen den Häusern auf.

*

Mond! Berge!
Auf dieser Reise
wurde ich krank.

*

Welkes Laub –
tief im Wald
erblicke ich einen Buddha.

*

Winterhimmel –
ferne Träume,
zerrissen und verweht.

*

Frühling ist da –
sogar meine Küche
wird gut gefüllt sein.

*

Endlich hat es aufgeklart;
heute will auch ich die Wäsche machen.

*

Meine endlose Reise –
Schweißgeruch.

*

Ich eile auf dem Weg,
zurückblicken kann ich nicht.

*

Morgenrot, Abendrot;
nichts zu essen.

*

Im Sprung:
ein roter Frosch.

*

Nach und nach übernehme ich die Laster
meines toten Vaters.

*

Der Berg dunkelt,
ich lausche seiner Stimme.

*

Sommerhitze
durchfeuchtet
jedes Lebewesen.

*

Schweiß sammelt sich
in meinem Bauchnabel.

*

All das namenlose Gras
blüht auf einen Schlag – purpurne Röte.

*

Mittagessen heute:
nur Wasser.

*

Ich kann vom Sake nicht lassen:
die blühenden Bäume,
die blühenden Gräser.

*

Eine Libelle auf dem Fels,
Mittagsträume.

*

Frühling – mit leerem Magen
gehe ich meines Wegs.

*

Mein neues Gewand:
voll von Sonnenlicht und Wärme.

*

Auberginen, Gurken;
Gurken, Auberginen:
das ist alles, was ich esse – die Kühle.

*

Mittagsstunde – im tiefen Gras
der Schrei eines Froschs,
der von einer Schlange verschluckt wird.

*

Ich pflücke die namenlose Blume
und bringe sie Buddha dar.

*

Die Kakerlaken haben
auch nichts zu beißen;
haben sie meine Bücher verspeist?

*

Mein Geist ist klar;
ich pflücke den überfrorenen Rettich.

*

Ich habe gelogen;
ein einsamer Mond taucht auf.

*

Abendrot füllt mein Gesicht;
ich habe mir Geld geliehen
und kehre zum Wind des Flusses zurück.

*

Froh, am Leben zu sein,
schöpfe ich Wasser.

*

Das Leuchten des Schnees
erfüllt das Haus mit Stille.

*

Gibt es etwas, das ich vermisse?
Die Blätter fallen.

*

Das grüne Gras!
Ich gehe barfuß heim.

*

Rauschen, Sinken,
Rauschen, Sinken,
später Herbst.

*

Ich kann gar nichts tun;
lauter Widersprüche,
aufgewirbelt vom Wind.

*

Ein wenig zu essen,
ein wenig für einen Rausch;
Regen auf den Wiesen.

*

Die toten Zweige knickend
an nichts denken.

*

Bettelarm – tauender Schnee
tropft langsam vom Dach.

*

Aus dem Dickicht
gleich in den Topf:
ein einziges Bambusrohr.

*

Aus dem mit Regenwasser gefüllten Eimer
schwappt das herrliche Wasser.

*

Es gibt immer noch etwas zu essen:
das kühle Wasser.

*

Die Blätter fallen;
von nun an
wird selbst das Wasser besser schmecken.

*

Betrunken schlief ich
bei den Grillen.

*

Was für eine herrliche Herberge!
Berge hüben und drüben
und gleich gegenüber ein Sake-Laden.

*

Ich halte eine Tomate hoch als Opfergabe
und lege sie für Buddha hin,
für meine Mutter und meinen Vater.

*

Grabsteine in einer Linie –
durchdringende Stille.

*

Aus der gefüllten Hand des Kindes
empfange ich jedes Reiskorn,
eins nach dem anderen.

*

Oben der Himmel,
der Reiskuchen in meiner Hand,
überall Sonnenlicht,
das helle Leuchten des Reises.

*

Weiter und weiter gehen
unter den grenzenlos
blühenden Amaryllen.

*

Durst nach einem Schluck Wasser –
das Rauschen eines Wasserfalls.

*

Manchmal halte ich inne mit Betteln
und schaue auf zu den Bergen.

*

In weiter, weiter Ferne
fliegt ein Vogel
über die schneebedeckten Berge.

*

Die fernen schneebedeckten Berge –
ganz abgeschnitten von der Welt der Menschen.

*

Menschen versammeln sich um den Toten;
keine Wolken am Himmel.

*

Der Einsiedler ist nicht da;
in seiner Abwesenheit
schlage ich seine Gebetstrommel.

*

Wenn ich meine Lumpen verkaufe
und dafür Sake kaufe,
wird immer noch Einsamkeit sein?

*

(Die Erkennungsmelodie meines Barts:)
Ein ungleiches Leben,
stehend und fallend.

*

In des Tages Hitze,
weinen oder lachen,
eines nur.

*

Ich habe Reis,
Bücher
und Tabak.

*

Ich will nur wandern,
und wandere mit vollem Rucksack –
Abendmond.

*

Zwielicht – der Klang
des traurigen Briefs,
der in den Kasten fällt.

*

Den ganzen Tag kein Wort geredet;
schlaflos –
mondhelle Nacht.

*

Fisch grillen,
manchmal auch die eigene Hand –
einsames Leben.

*

Im Sonnenlicht auf meinem Pult
schreibe ich einen langen, langen Brief.

*

Ganz ziellos
gehe ich zwischen den Grabsteinen umher.

*

Das tiefe, klare, blaue Waser
glänzt hell –
mein trauriger Schatten.

*

Aus den Bergen:
weiße Wildblumen
auf dem Tisch.

*

In den Lücken zwischen den Häusern –
schau auf das Grün der Berge!

*

Kalte
Wolken
eilen dahin.

*

Die Widerspiegelung im Wasser:
ein Wanderer.

*

Der Frühling brach an,
nahe beim Friedhof.

*

Der kalte, sternklare Himmel –
die nackten Bergasketen schlagen ihre Trommeln.

*

Der Mond geht auf –
ich warte auf nichts.

*

Herbst –
ich sitze im wilden Gras.

*

Pilger,
Pilger
strömen zuhauf, teilen.

*

Den Magen voll Wasser
schlafe ich gut.

*

(Begegnung mit einem alten Freund:)
Zwei alte Gesichter –
Schweigen.

*

Ich säe den Samen aus
im Morgenlicht,
bevor ich meine Reise beginne.

*

Schnee fällt
still
auf den Schnee.

*

Alle erzählen Lügen;
Frühling hat man davongejagt.

*

Nie wieder gehe ich
über diese Brücke;
weit und heftig weht der Wind.

*

Wahrhaftig ein gebirgiges Land!
Berge und noch mehr Berge,
und der helle Mond.

*

(Heimgekehrt:)
In der tiefen Stille –
der Staub auf dem Tisch.

*

Die Wunde heilt nicht,
sie wird kalt und schrundig.
Gefängnis Winter.

*

Die hungrige Katze schreit;
ich habe nichts zu essen für sie.

*

An nichts denkend
gehe ich durch einen Wald
von verdorrten Bäumen.

*

Wonach suchen?
Ich wandere im Wind.

*

Sogar der Klang der Regentropfen
ist älter geworden.

*

Mir ist nicht zu helfen;
mein altes Gewand
vermodert.

*

Verborgen
in einer zusammengestürzten Hütte
mein zusammengestürztes Leben.

*

Die Brise aus den Bergen
in den Windglöckchen
erweckt mir den Wunsch zu leben.

*

Heute gehe ich wieder, pudelnaß,
auf unbekannter Straße.

*

Roter Harn –
wie lange geht die Reise noch?

*

Dauerhusten –
keiner da, der mir auf den Rücken schlüge.

*

Kein Geld, keine Sachen,
keine Zähne –
ganz allein.

*

Mein Herz ist müde –
die Berge, das Meer,
sie sind zu schön.

*

Wann werde ich sterben?
Ich pflanze die Setzlinge ein.

*

Mir bleibt nichts als zu sterben;
die Berge verloren im Dunst.

*

Heimkehren um zu sterben –
dürre Gräser.

*

Heimkehren um zu sterben –
sprießende Gräser.

*

Ich klammere mich an den Tod;
der Pfeffer ist hellrot.

*

Die Ruhe des Todes:
ein klarer Himmel, Bäume ohne Laub.

*

Wenn ich sterbe:
Kräuter, Regen.

 

(übersetzt nach der englischen Vorlage von John Stevens, Mountain Tasting, New York, 1980)

 

Nov 4 17

Schönheitsflecke

Dem Andenken an Santoka Taneda

Eine große Warze mitten im Gesicht
gilt für abstoßend und häßlich.
Nicht so ein Schönheitsfleck
auf weißer Mädchenwange.

*

Mein Vers sei wie der weiße Fleck
der Rose auf des Wassers Nacht.

*

Ein nackter Stein, stumpf und grau,
der das reine Tuch des Schnees durchstach,
so ist des Menschen Einsamkeit.

*

Stummheit der gekränkten Seele
gleicht dem dürren Kraut des Ackers,
das wie zu seiner Schmach das Blitzen
der klingenden Sichel verschonte.

*

Wie stumpf das Grau des Schieferdachs –
welch milder Glanz,
wenn frische Tropfen fallen.

*

Unter der schmutzig-trüben Glocke
des Himmels im späten Herbst –
pickte eines Vogels Schnabel daran
oder woher mit einem Mal
der hohe reine Klang von Glas?

*

Die Biene, die im Becher schwamm,
der portugiesische Wein roch allzu harzig,
war tot – sie trudelte im honiggelben Kreis,
als würde sie im Schlafe trinken.

*

Die Mutter, die man aus dem Brunnen zog,
war sie des Bettelmönchs, des Sohnes,
Geisterwind, der Taneda Santokas Verse,
die blauen Veilchen, im Schnee begrub,
auf seinen Gängen mit der Bettelschale
und dem runden Mond des Huts?

*

Des Kiesels zarte Adern scheinen,
wenn sie Wasser überleckt.
Das Auge der Liebe schimmert,
wenn Tränen es befeuchten.

*

Uns rührt das Moos auf Steinen
mit der verwischten Inschrift,
Efeus Blätter sprechen wahr in uns,
spielt ihr Schatten auf dem Grab.

*

Die Flecken in den alten Büchern,
die wir, um nicht allein zu sein
an Abenden des Wehmutsterns,
sacht durchblättern nach Spuren
einer Seele, die wie wir gelitten,
von Kaffee oder Wein, vom Staub
der Blüten, einst ihnen eingelegt
von Händen, Staub wie jene nun,
wir lesen sie wie uns vertraute Verse.

*

O, jene Sommersprossen
auf den Wangen des Glücks
junger Mädchen, die eine Stulle
mit Marmelade kauen,
und der Sud der roten Beere
rinnt an ihrem Kinn,
sind schöner als der Venus
unbefleckte Marmorbacke.

 

Siehe:
https://en.wikipedia.org/wiki/Sant%C5%8Dka_Taneda#/media/File:Hofu_Santoka%27s_statue.jpg
https://en.wikipedia.org/wiki/Sant%C5%8Dka_Taneda

 

Nov 3 17

Fußstapfen im Schnee

Gnomische Verse und Sentenzen

Die Ameise kriecht unter deinem Fuß hervor.
Du hast sie angesehen. Sie dich nicht.
Nur du weißt von deinem und ihrem Leben.
Sie wackelt ihres Wegs nach Haus.
Und du? Dein Wissen führt dich
in die Obdachlosigkeit des Für-sich-Seins,
du schläfst auf Blättern der Sprache,
zusammengekehrt für eine Nacht.

*

Die Rose schenkt dir ihren Duft.
Doch weiß sieʼs nicht.
Du schenkst mir gern dein Lächeln.
So hab ich Duft genug.

*

Die blaue Luft des Traums
durchpflügt von Kranichschreien.

*

Fußspuren im Schnee,
Schicksalsschrift,
wie bald verweht.

*

Die Dichtung des Vates berührt sich mit dem Lesen der Haruspices in den Eingeweiden, der Auguren im Vogelflug, der Priesterinnen im Rauschen der Eichen von Dodona und dem Gurren der Tauben, nur liest der Vates der Moderne im Kompost der Gärten und im Abfall der Städte, im Wirbeln der Zeitungsfetzen, im Rauschen der Abflußrohre und im Schweigen von Anger und Brachfeld.

*

„Warum ist dein Rucksack so schwer?“
„Darin trage ich die Steine all der Klagen!“
„Soll man daraus einmal ein Mal errichten
auf deinem Grab?“

*

„Die Kröte hat den Augenblick höchster Wachheit,
wenn ihre Zunge nach der Fliege schnellt.“
„Und du?“
„Wenn ich in den glimmenden Abgrund des Auges
der Schicksalskröte blicke, bevor sie zuschnappt.“

*

Schicksals Stimme, wenn du im Rauschen
des Wassers deinen Namen rufen hörst.

*

Zwischen all den vorüberquellenden Wolken
der Worte reißt immer wieder unverhofft
das Blau der ewigen Stille auf.

*

Es hilft dir nicht, den Fußstapfen eines anderen im Schnee zu folgen, denn jener ist hier fremd wie du und hat sich wie du verirrt.

*

Sobald du nicht mehr keuchend
auf das scheinbar nahe Ziel losrennst,
das immer ferner, immer kleiner wird,
je mehr du es zu erreichen suchst,
hörst du, der schon lange sang,
den Vogel am Wegesrand.

*

Nur wenn du innehältst,
übertönt das Knirschen
deiner Schritte im Schnee
nicht der Lüfte hohes Sausen.

*

Der Gecko, der blitzschnell
die Zunge ausrollt und schlingt
das Insekt in sich hinein,
was sieht er wohl in ihm,
wenn nicht den Schatten
eines etwas, seiner selbst.

*

Die Löwin, die das Zebra reißt,
weiß nicht, was ein Zebra ist,
weiß nicht, was es bedeutet,
ein Löwe auf der Jagd zu sein.

*

Fußspuren im Schnee,
hier ging vor kurzem jemand –
so sehen wir Vergangenheit,
und Zukunft, wenn wir fragen
wie weit er heute kommen mag.

*

Ästhetisch sind wir nackt – auch wenn wir unsere Blöße im Kostüm buntfiedriger Metaphern verstecken.

*

Auch wenn man ihm das Maul stopft, er bleibt immer ein homo loquens.

*

Die Wahrheit wie Fußspuren im Schnee schlicht auszudrücken, ist nicht Sache eines schlichten Charakters.

*

Die Einfachheit des Ausdrucks
ist Ausdruck der Einfalt des Geistes –
Selbstüberwindung, wenn einer
das Gestöber der Flocken,
die seine Lippen zu allem Möglichen
kitzeln, lächelnd durchschreitet.

*

Die ersten Prägungen wie das fiat lux oder daß der Geist Gottes über den Wassern schwebte, sind Monumente des erwachten Menschen, unauslöschlich beinahe wie gekerbte Hölzer oder die in Stein gehauenen Inschriften, als wäre der Menschengeist selbst mit ihnen gekerbt und geritzt worden.

*

Als leuchtete der Engel des Todes
in die Krypta der Seele und wie alte Fresken,
die allzu jähem Licht ausgesetzt verblassen,
verschwimmen nach und nach die Engramme
des Erinnerns, geliebte Gesichter, gefürchtete,
und nur im dunkelsten Winkel bleiben einige
erhalten, Rätselsprüche und obszöne Bilder.

*

Sich selber gerecht zu werden, Großtat
des heroischen Geistes, der sich einmeißelt
in den Fries der Götter und Helden,
ob nun wie ein Fackelträger gelehnt
an des Dionysos Schulter oder als Hündchen,
das zu seinen Füßen kauert und geifert.

*

Das Leben abarbeiten und durchbuchstabieren
wie eine Bilderfibel, Lektion für Lektion,
und nur nicht an der letzten scheitern,
die nichts ist als die Umkehrung der ersten.

*

Wer gegen den Schneesturm ansteigt,
muß sich krümmen und schief gehen,
im Flockenwirbel wird alles unsichtbar,
nur noch die Einsamkeit des Ausgesetzten
und die verlöschende Spur der Sonne,
das schneller schlagende Herz.

*

Nicht mehr wissen, sind es Flocken Schnees,
sind es verwehte Blüten, und dabei singen,
nicht mit Kehle und Lungen, mit dem Blut
des Herzens, das schon wie aus ferner Quelle rinnt.

 

Nov 2 17

Abschied von der Sibylle

„Was willst du, Sibylle?“
„Ich will sterben.“

*
„Es gibt kein Leben nach dem Tod!“
„Gott ist gnädig!“

*

„Wir müssen nicht auferstehen ins Gericht!“
„Gott ist Liebe!“

 

Nein, es gibt kein Leben nach dem Tod,
Narren werden wir nicht an der Seele
wunderlichem Wandel, gespensterhaft,
als schwebte sie auf Wassern unterm Mond.

Und kriechen Schatten über deine Wand,
die Kerze flackert, blas sie aus, sie sinken.
Schatten hat nicht Blut noch Geist zu sagen:
Ich, er zehrt von fremdem Lebenslicht.

Abscheulich ist das Bild des Blutgerüsts
am jüngsten Tag, es spricht ja schon die Seele
schuldig, die es sich gemalt. Sie hält umsonst
sich schadlos für ödes Leben, ungesühnte

Kränkung. Ja, gekränkte Seele schielt
nach der verwehrten Schönen, ob sie welkte,
sie der Wange abgestorbne Blume
nicht und keiner, keiner pflücken könne.

Trübsal schwärzt des hohen Zornes Flamme,
ein Leben lang das Messer schartig sich
durchs eigne Herz zu wühlen. So träumt sie schwer,
den Bösewicht gleich in den Block zu legen,

der Erde mit dem Blut den Veilchenkranz
duftenden Lieds zu opfern für gesühntes Leid
und Ungemach, statt die nackte Göttin
zu verketzern, weil sie Blüten blind gestreut.

Es wäre gut, durch falsche Demut nicht
die Frechheit noch zu kitzeln, wäre besser,
ungesenkten Haupts das wüste Antlitz
mit dem Lächeln des Narziss zu löschen.

Hiesig ist Erlösung Heiterkeit,
die, ewig dunklen Abgrunds Rose, leuchtet
aus sich selbst und sich dem Auge schenkt,
das ihres Taues wert im Blick, der küßt.

Und bist du traurig von Geblüt, schicke
wie Noahs Taube deinen Blick über
der Trübsal graue Fluten, ob sie nicht
das Eiland finde und den grünen Zweig,

gedenk der Genien, die menschenfern
im Schneelicht gingen, ätherisch war
der Geist, ambrosisch troff der Mund,
doch Blut klebt am Altar Apollos auch.

Pflücken wir den Tag, bevor die Nacht
in wildem Tanz die letzte Glut zertritt,
und heben ohne grabesgrame Gier
des Lichtes Kelch, der einmal nur uns schäumt.

 

Dem Gott der Liebe, Vater, den wir meinen:
https://www.youtube.com/watch?v=buNNfhWL3EA

 

Nov 1 17

Terzinen vom versickerten Wein

Wie bald verschäumt die Fülle, ausgeschenkt
den Freunden als ein milder Wein,
wenn abends Flieder träumt und jeder denkt

an eine Seele, ferngerückt, ein Schein,
der weht, wie Mähne rot, am Waldesrand,
ob wohl die Wange noch die Blüte rein,

die ihm den Duft der Liebe zugesandt,
und ob des Haares gelben Phlox die Glut
des wilden Gotts zu Asche hat verbrannt.

Und jener denkt an das verpraßte Gut
der eignen Seele, das ihm anvertraut
der Ahnen rein bewahrter hoher Mut,

er hat es nicht in Gärten angebaut,
es keimte nicht in Brachen, nicht im Tand
des losen Worts, von Taten unbetaut.

Mich aber zieht der Fliederduft zum Rand
der Seen und Flüsse meiner Kinderzeit,
zum Hügel hin, wo die Kapelle stand,

wo manche Kerze lohte, zart geweiht
der Mutter und dem Kind von scheuer Hand,
der Dämon blies sie aus zu meinem Leid.

Wie sickert Wein in des Erinnerns Sand.

 

Okt 31 17

Terzinen aus der Dämmerung

Wie Wasser schauert, dunkel oder licht,
und Gräser zittern, Atem holt die Nacht,
so wandert Seele, bis der Dorn sie sticht.

Sie wiegen Rosen, Rosen weich und sacht,
sie küßt den Tau, verseufzt den wilden Duft,
und weht zur Erde mit der welken Pracht.

Den Nachtigallen Dickicht, färbt sich Luft
mit ihrer Abendklage Purpurstaub
und gräbt in Wolken blauen Schlafes Gruft.

Die Seele kleidet Himmels rotes Laub,
preßt sie der dunkle Gott am Traubenfest,
sie tropft am Becher, roher Lippen Raub.

Sie hat auf Steinen kahl und nackt ihr Nest,
doch nicht wie ihre Schwester warme Brut,
schwingt wie die Möwe nicht im Wind-Geäst.

Und dunkelt es, träumt Nebel schon das Blut,
und finden Schatten keines Liedes Mund,
streut sie aus Aschen letzte fahle Glut.

Wie dämmert, Seele, deines Wandels Grund.

 

Okt 30 17

Das Fanal

Verse auf die Asche des Frankfurter Goetheturms

Samstags auf dem weißen Boot der Primus-Line,
Tassen, Gabeln, Messer klappern,
Kinder laufen auf und ab,
hier ist die Aussicht besser, nein, hier.
Alles übertönt der Besser-Wisser-Lautsprecher,
der jedem, was er sieht, erklärt,
Alte Brücke, wo er ging – wie jung er damals war,
und was ihm aus dem Wellengrund des Mains
heraufsang grüner Nixenmund,
alles krümelklein, wie hoch der Turm der EZB,
die Kathedrale der Geld-Häretiker,
wie viel Kubikmeter Wasser birgt das Hafenbecken,
wie viele Leichen hat in der Schreckensnacht,
als das Herz der Altstadt brannte,
Vater Main traurig zugedeckt, nicht, das nicht.

Die Gerbermühle endlich,
alte Märchen schäumend,
leise knirschend, damals,
goldner Liebe Körner mahlend,
und ihr Rad, es sang
in weichen Takten
Ma-ri-an-ne …

Hier stieg ich immer aus,
stracks durch Oberrad,
wo ist das Heim der Tumben,
dort lebt die Schwester des alten Florentiners,
der mir seines Dichters Verse lallte
vom Irren von des Weges Mitte:

„Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura,
ché la diritta via era smarrita.“

(Es war in meines Lebensweges Mitte,
da fand ich mich in Waldes Dunkel wieder,
verwuchert waren mir die lichten Tritte.)

Roch sie den bittersüßen Qualm,
schmeckte rußig Sud verkohlter Stämme
oder sah mit feuchten Augen
eines aus dem Schlaf gezerrten Kinds
den roten Dämon lodern in der Nacht?

Ich floh zu den Toten herzlich gern
auf den Waldfriedhof
und dankte jedem Flackerlicht auf seinem Grab
für einer Wehmut Träne,
daß es Andacht leise angefacht
und zärtliches Gedenken.

Dort geht über karges Rinnsal der Steg,
schon fliegt von Würsten Duft heran,
da sind die Kinder, spielt ihre Munterkeit,
die Musikbox quält sich quäkend Gassenhauer ab,
da steht der ungeheuere Koloss.

All die lang zu Staub zerfallenen Hände,
die an ihm gebaut,
die Kehlen der Werker und Meister –
was sangen am Richtfest sie
unter luftig hüpfenden,
von bunten Bändern durchwundenen
Blättern der Birke, der Weide
dort in der Höhe einst?

Als hätte herb ein Wind
die Bohlen braun geküßt
in so viel Jahren, in so viel Jahren
das Geländer abertausend Hände
hell und glatt gerieben,
in so viel Jahren,
zupfte seine süßen Blüten Sommer,
bauschte Herbst sein goldenes Vlies,
blinkte Winters Spiegel blau,
abertausend Augen sind gewandert
über grüne, gelbe, rote Flecken
von Spessart, Taunus, Odenwald,
wie liebkosend Ferne heimatlich,
was ersehnend,
wem sich an die Schulter schmiegend,
wem die feuchte Wange wischend,
da sie auf ihres kleinen Lebens
rein umwölktes Bild geblickt
und auch die im Bild bewahrten,
die schon lange hingeschieden.

Nie wieder kehre ich dorthin zurück.

Meine Augen sind mir wie erloschen
unter der Endzeit-Beize schwarzer Dünste,
dem obszönen Spucken der Flammengischt,
dem Fanal des Untergangs
des Wahren, Guten, Schönen.

Nie wieder kehre ich dorthin zurück.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Goetheturm

 



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