Was ich war, was ich bin
Ich war das zottige Pferdchen
im Karussell der dörflichen Kirmes,
mit Holzwolle gestopft, mit Stroh.
Wie meine eisgraue Mähne emporflog
unter der heißen Hand eines Mädchens.
Der Unschuld quietschendes Kreisen steht still,
das Mädchen sitzt im Büro.
Mein Herz aus Pappe zerfällt
unterm raspelnden Nagen des Wurmes.
Ich war die lauernde Kuhle,
von Kinderhänden gebuddelt,
und schluckte begierig die Murmeln,
von Freudenfieber erwärmte.
Lang ist das Klicken verklungen,
nun bannen die Spieler Chimären
aseptisch befingerter Scheiben.
Kleines Leben ist’s, was ich nun berge,
die Waldmaus und ihre wispernde Brut.
Ich war im laubichten Dämmer
die gelbe Sonnenorange,
wilde Süße ward in mir reif
für schmachtend geöffnete Lippen.
Ich habe lang vergebens geglüht
in einem verlassenen Garten,
von Schatten schon überwuchert.
Bald fall ich, im Dunkel zu faulen.
Vielleicht, daß ein Vogel noch pickt,
ein Eichhorn die Kerne hinabschlingt.
Durus amor – grausamer Amor
Vergil, Georgica, 240–263
Omne adeo genus in terris hominumque ferarumque
et genus aequoreum, pecudes pictaeque volucres,
in furias ignemque ruunt: amor omnibus idem.
tempore non alio catulorum oblita leaena
saevior erravit campis, nec funera vulgo
tam multa informes ursi stragemque dedere
per silvas; tum saevus aper, tum pessima tigris;
heu male tum Libyae solis erratur in agris.
nonne vides ut tota tremor pertemptet equorum
corpora, si tantum notas odor attulit auras?
ac neque eos iam frena virum neque verbera saeva,
non scopuli rupesque cavae atque obiecta retardant
flumina correptosque unda torquentia montis.
ipse ruit dentesque Sabellicus exacuit sus
et pede prosubigit terram, fricat arbore costas
atque hinc atque illinc umeros ad vulnera durat.
quid iuvenis, magnum cui versat in ossibus ignem
durus amor? nempe abruptis turbata procellis
nocte natat caeca serus freta, quem super ingens
porta tonat caeli, et scopulis inlisa reclamant
aequora; nec miseri possunt revocare parentes,
nec moritura super crudeli funere virgo.
Menschen stürzen hin und die wilden Tiere des Erdreichs
und was wimmelt im Wasser, das Vieh und bunt schimmernde Vögel
in dies glühende Rasen: Amor ist allen gemeinsam.
Dies war die Zeit, da vergaß ihre Jungen die Löwin,
ungestüm streifend durchs Steppengras. Schwerfällige Bären
zogen hinter sich her eine blutige Spur in den Wäldern.
Wie der Keiler tobt, wie nie böser wütet der Tiger.
Wehe den Nomaden in der libyschen Wüste.
Siehst du nicht, wie der Pferde Flanken erbeben
unter solch Schauern, sie wittern den Ausdunst der Stute von ferne.
Niemandes Zügel hält sie zurück, nicht das Knallen der Peitsche,
weder Felsen noch enge Schluchten, auch nicht der Flüsse
Anprall, und nicht die Woge, die Brocken wälzt von Gebirgen.
Selbst der sabinische Eber rast und schärft seine Hauer,
wühlt die Erde auf und reibt am Baumstamm die Rippen,
beide Schultern verkrustet er sich gegen die Wunden.
Wie nun der Jüngling, dem in den Knochen Glut hat entzündet
grausamer Amor? Er taucht in von Stürmen durchtobter
Nacht noch spät ins schwarze Rauschen, da jählings ins Schloß fallt
über ihm die Pforte des Himmels, wenn brausen an Riffen
brechende Wellen. Nicht hört er den Ruf der elenden Eltern,
nicht das Mädchen, das aushaucht über dem greulichen Leichnam.
Anmerkung zum Verständnis:
Die Übersetzung bewegt sich atmosphärisch frei im hexametrischen Rhythmus, ohne sich beckmesserisch durch jedes Nadelöhr des Metrums fädeln zu müssen.
Der zentrale Begriff „amor“ bleibt unübersetzt, da ein Wort wie „Liebe“ den Aspekt archaisch-grausamer Gewalt verdunkeln würde. Bei dem Jüngling, der in der Sturmnacht im schwarzen Rauschen des Meeres versinkt, handelt es sich natürlich um den sagenhaften Leander, bei der Braut, die sich sterbend über den angeschwemmten Leichnam beugt, um Hero. Vergil nennt die mythischen Namen nicht, um das Überindividuelle des triebhaften Geschehens zu betonen und jeden idyllischen Beigeschmack zu vermeiden. Die semantische Pointe, daß Leander in eine Reihe mit den brünstigen Tieren gestellt wird, bricht nicht ab, auch nicht und gerade dann nicht, wenn wir der düsteren Flamme Amors gedenken, wie sie uns aus der Dido-Tragödie der Äneis entgegenschlägt.
Wind, Licht, Gesang
Was macht sie zittern, Anemonen,
im Kreis sie schwingend? Wind ist’s, Wind.
Er schüttelt Traum aus Blütenkronen,
Duft, den wir atmen, bringt der Wind.
Was macht sie weiter, Räume, Seelen,
als ginge auf ein Vorhang? Licht.
Wir können es nicht lang verhehlen,
löst uns den trüben Ernst das Licht.
Was macht vereiste Liebe schmelzen,
daß Rauschen glänzt im Dämmerhang?
Was von der Brust den Stein kann wälzen,
den Flammen küßten, Dankgesang.
Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!
Richard Wagner, Siegfried, 3. Akt
Brach nicht jäh
in deiner Schwermut Grotte
ins Leben rufend der Strahl?
O daß du sagen könntest:
Heil dir, Sonne!
Heil dir, Licht!
Stiegst nicht auch du
aus nächtigen Wassern
ans Ufer des Tags?
O daß du sagen könntest:
Heil der Mutter,
die mich gebar!
Ward erweckt dir nicht
die Seele, Fülle des Seins
zu empfinden?
O daß du sagen könntest:
Heil dir, leuchtender Tag!
Lang war mein Schlaf.
Sogst du nicht Honig
süßen Traums
aus des Gesanges Wabe?
O daß du sagen könntest:
Heil der Erde,
die mich genährt!
(kursiv: Zitat Libretto)
Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=3qiKfTnOi_o&list=RD3qiKfTnOi_o&start_radio=1
Was die Wunde kühlt
Im Laub der Sommernacht hört der Versehrte
ein sanftes Flüstern, das die Wunde kühlt,
wo sich Erinnerns Stachel müd gewühlt.
Ihm ist, als ob verirrte Liebe wiederkehrte.
Aus harter Kruste wundersam geflossen,
löst weiches Wasser ab der Seele Grind.
Den Gnadenglanz, für den sie lange blind,
sieht sie im Tau von traumgewiegten Sprossen.
Hauch, Dichter, in dein grünes Blattwerk Frische,
daß Frühling atmen, die sich drunter betten.
Laß auf die Müden Tropfen Lichtes wehen,
die sie vorm schwarzen Abgrund Schwermut retten.
Ins Blau des Himmels zarten Purpur mische,
wenn heim sie in die Abendröte gehen.
Schrei und Silberschaum von Tönen
Einer schreit, als stecke ihm im Kopf ein Messer,
schreiend geht er durch die Menschenmenge.
Niemand dreht sich nach ihm um.
*
Die Schwermut lehnt sich aus dem Fenster,
als wehe Duft der Sommernacht,
und atmet Aschenrauch, Erinnerung.
*
Du schreist entsetzt: „Was stinkt hier so barbarisch?“
Es ist der Rachen eines Ungeheuers,
worin dein heller Kopf ins Dunkel sinkt.
*
Auf der Bank sitzt, neben sich die Krücke,
Sappho, Aphrodites runzliges Gespenst,
und lallt obszöne Worte vor sich hin.
*
Rankengrüne Dämmerung,
als gingen, die sich lieben,
schweigend Hand in Hand
durch eine Birkenlichtung.
*
Auf eines Putto runden Wangen,
vom lauen Sommerabendwind
in Sanssouci sanft weggewischt,
gleisnerische Tränen.
*
Im Ohr der Müdigkeit,
einer dunklen Grotte gleich,
wo jäh die Nymphe taucht,
Silberschaum von Tönen,
die am Perlmutt der Lenden
sanft verklingen.
*
Als Proselyten blutiger Mysterien
kehrten kahlgeschoren sie aus Wien,
Mann wie Weib, zu künden uns am Rhein,
daß Sexus ohne Liebe einzig wahr,
Liebe ohne Fick neurotisch sei.
Noch immer schrie im Kahn der Fischer,
sinkend in die Flut: „O Loreley!“
*
Krächzt die Krähe,
schweigt die Nachtigall.
*
Gilt der Blinde auch als große Leuchte,
gibt hier vor den hohen Takt der Taube,
preist der Lahme Pindars Sonnenflug,
zupft Euterpes Laute gichtiger Finger:
Die vom Zotenschnaps gegerbte Zunge
spuckt den Wein der Hymne aus.
*
Das Gift der Phrase
tropft in die Honigwabe
Hölderlins.
*
Im Frost der Nacht vereist
Gesanges Purpurwolke
zu einem dünnen Zapfen
grauen Klirrens.
Der Schwermut Spleen
durus amor
grausamer Amor
Vergil, Georgica, 3, 259
Im Wellendunkel geistert auf ein Licht,
wie Glanz von Muscheln, ferner Sehnsucht Weinen.
Doch blitzt nur Schaum. Poseidon rettet keinen,
wo den Delphin der spitze Dreizack sticht.
Der Seele Mund hat Salzflut schon geschluckt,
mag ihr von Heimkehr süßes Bild auch gaukeln.
Es stillt kein Traum ein wahngepeitschtes Schaukeln,
wenn triefend Tritons schwarze Flosse zuckt.
Kein Vers ist wie der Abschiedsschrei Leanders,
als tot ihm Heros Liebesfeuer schien.
Ans Niemandsland speit aus den Atemlosen
das Rauschen dumpfen Bluts, der Schwermut Spleen.
Die stille Anmut aber blüht woanders,
bei Goethes Lilien oder Rilkes Rosen.
Licht von fernen Sonnen
Wahn will an Gaias Brüsten Schlummer saugen,
hinsinken auf das weiche Vlies der Nacht.
Doch wälzt der Geist sich, um den Schlaf gebracht,
streift ihn der Blick der Angst in ihren Augen.
Den Dichtern, die von Edens Früchten singen,
spricht der Prophet vom kargen Abendmahl
und was ins Leere ragt, vom Holz der Qual,
worein des Todes kalte Nägel dringen.
Blüht dir ein Vers noch auf in irdener Schale,
laß Schwermut ihn mit bittrem Glanz besprengen,
der aus dem Kelch von Golgotha geronnen.
Daß er nicht wie des Toten Antlitz fahle,
halt ihn empor, wenn sich die Schatten längen,
als wecke ihn ein Licht von fernen Sonnen.
Gaukeleien
Wenn die Luft vor Hitze flimmert,
sieht der Durst im Wüstensand
Wasser, süßes Wasser fließen.
Schwermut, die am offnen Fenster lehnt,
Orions Winterlicht zu schauen,
atmet längst erloschener Rosen Duft.
Auf des Kranken heiße Stirne
sinkt im Fieberwahn herab
der Sanftmut kühle Hand.
Verwilderten Wortes fahler Sproß
lockt noch Gesumm der Sehnsucht an,
kann auch kein Nektar sie mehr stillen.
Im aufgelassenen Wingert
Schieferbruch im aufgelassenen Wingert
ist noch warm vom Sommertag.
Im Staub der Schwermut aber schreit die Grille.
Wie eine Muschel schluchzender Schlick
verdunkelt der Kapelle Bergkristall
die Wucherung der Ackerwinde.
Runzlig gleich den Wangen
greiser Witwen fahlen Trauben,
die keines Dichters Lied mehr pflückt.
Auf grauem Schotter starrt die Echse,
als wäre jählings sie versteinert
am Gorgonenblick des Monds.
Geflock verglühter Dankgesänge
Sirrendes Geschmeiß ringsum –
schwingt kein Horaz
die Fliegenklatsche?
*
Siehst du im Wald die Bakchen schweifen?
Sie kehren wie der Mond zurück,
wenn seine Lenden schwellen.
Doch die deinen Samen nahm,
wird ihre Frucht zerreißen,
sie einem wüsten Oger opfern.
*
Der Schnee auf Hymnengipfeln
schmolz unter Satans schwarzer Sonne.
Ein Wirbel steigt aus stummen Furchen,
Geflock verglühter Dankgesänge.
*
Der Herbst hat dir den Mund verstopft
mit Büscheln trockener Gräser.
Statt Augen blitzen, die dir eingesetzt
die Meute, blinder Sehnsucht Scherben.
Ins Schambein hat man dir gerammt,
das keinem Hochfest je geschallt,
ein Widderhorn.
Die Krähe höhnt auf deiner Schulter
der lächerlichen Vogelscheuche.
*
Gedämpfte Stimmen,
Murmeln wie von Pilgern,
die ins hohe Gras der Hymnen sanken.
Vom Abendwind verschluckte Vogelrufe,
ein leises Schluchzen nur,
als tropfe Harz
aus einer Rinde,
nachdem der bronzene Klang
der Axt im Laub der Dämmerung
verwehte.
*
Als ob der Sprachstrom münden wollte,
ward über ihm der Himmel weit,
und weicher glitt der azurgrüne Vers.
Leichter, wie das Bild der Wolken,
trägt er nun der Schwermut schwarzen Schaum.
Und was ihm dämmernd Ufer streuten,
des Sommers leer gesungene Nester,
ausgepreßter Früchte Schalen,
der Blüten Purpur, den verblaßten,
hüllt ein er wie die dunkle Göttin
alles Unerlöste
in einen Nimbus gnädigen Verrauschens.
Ihm ist, er dürfe endlich schlafen,
nachdem sie Salz geschmeckt,
die lange heimatlos gelallt, die Lippe.
Der Dichter und die Pest
Wie giftiger Keim im Speichel von Waranen
die Lebensgeister lähmt, verbluten läßt,
macht uns zu Siechen fauliger Phrasen Pest,
zersetzt sie wachen Sprachsinns Nervenbahnen.
Wie mit den gleisnerischen Tropfen Mücken
in ihr Verderben lockt der Sonnentau,
wird Einfalt, von utopisch stillem Blau
gebannt, jäh blitzender Messer Nacht zerstücken.
Halt, Dichter, fern dich von den Ungetümen,
an deren Lefzen glitzernd Lethe trieft,
von Fleurs du Mal, mag purpurn ihr Schoß auch blenden.
Der Unschuld Schnee, der Hoffnung Grün zu rühmen,
ward dir von Mnemosyne früh verbrieft –
doch mußt den Blick du ab von Sodom wenden.
Es weiß die Rose nicht um ihren Duft
Das Wasser weiß von Venus’ Schimmern nicht,
nicht, daß der Mond sein trübes Seufzen trinkt.
Der Anmut Lächeln gleicht, geht sie vorbei,
dem Schaum, der über dunklem Wasser schwimmt.
Es weiß die Rose nicht um ihren Duft,
nicht, wie des Falters Schillern sie entfacht.
Der Sehnsucht Anhauch gleicht, wenn er uns streift,
dem Wehn, das hellen Schmerz mit Nacht umwölkt.
Es weiß, der aus dem Quell des Helikon
geschöpfte Vers nicht, ob den Durst er stillt
dem Pilger, wenn ins Gras des Schlafs er sinkt,
ob seinem Traum der Heimat Strom nicht rauscht.
Ob aber Glut noch unter Liedes Asche schwelt,
weißt, Dichter, du, reicht noch dein Odem hin,
ein Feuer anzufachen für der Liebe Herz,
das friert und deiner Flammenküsse harrt.
Schwarze Flocken stäuben
Den Schmerz, der fragt wozu, kann Rose nicht,
kann keines Festmahls goldner Wein betäuben.
Und schimmert noch der Anmut Angesicht,
des jähen Todes schwarze Flocken stäuben.
Der Wange zarte Haut für Eros Kuß
hat dürren Alters Dorngestrüpp zerstochen.
Die Schlange fraß das Kraut an Uruks Fluß,
das jung zu bleiben Gilgamesch versprochen.
Der Klage Fittich stieg um Enkidu
und sank bald schlaff herab auf die Gebeine.
So deckt ein Bahrtuch Dichters Antlitz zu,
die Verse Moos, daß keine Muse weine.
Mag hingerissen von der Lerche Sang
die wilde Sehnsucht in die Sonne taumeln,
im Dämmerschilf verirrt flicht sie den Strang,
am ächzenden Geäst der Nacht zu baumeln.
Der verdorrte Feigenbaum
Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn.
Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hinzu und
fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nie mehr wachse
Frucht auf dir in Ewigkeit! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.
Matthäus 21, 18–19
Üppiger Blätter Glanz
überwuchert das Dunkel,
verheimlicht die Leere.
Falsche Fülle verdeckt
die geistige Öde,
trunkenes Rascheln
gesanglose Dürre.
Nicht Glanz nährt,
sondern Frucht.
Tautropfen,
hohlen Wortes Geglitzer
zerrinnt im Abendhauch.
Süß ist die Frucht,
die im Laube der Dämmerung nachglüht
und in die Nacht der Schwermut noch lächelt.
Feuchtes Lallen
gleisnerischer Lippen
verstummt
unter des Meerwinds salzigen Küssen.
Vor dem Meister,
heilig-nüchternen Blicks,
ist der Unzucht fauliges Prangen,
der triefende Wortwuchs
im Moraste des Wahns
längst schon verdorrt.
Was willst du, Dichter, hier
Was willst du, Dichter, hier
im babylonischen Gewimmel
all der Blicke, Schreie, Lichter, Schatten,
die sich blindlings umeinanderwinden,
unfruchtbaren Zwittern gleich,
um wie ausgedörrte Schlangenhäute
bleich ins Nichts zu fallen.
In dir aber brennt die Glut der Steppe
und der Schwermutödnis unbefleckter Schnee.
In dir wühlt der Strahl der grünen Tropen
und ewigen Eises klirrender Dolch.
Hier spulst du ab den Rosenkranz
der immer gleichen Worte,
kahl und glatt geschabt.
Hier reißt die Kette jählings auseinander
Traum und Tod.
Wie die Perlen sprühend klackern
auf den kalten Fliesen
mit ihren stummen Blumenornamenten.
In dir aber brüllt der Sturm der Meere,
seufzt der Moose Abendtau.
In dir schlagen heiße Dschungel Trommeln,
schwingt den dumpfen Fittich Dämmerung.
Hier graviert man dir ins Herz
Namen, Maß und Zahl,
hängt der Wohlfahrt feiste Amme
dir die Karte um den Hals,
damit du heim noch an die Krippe findest.
Hier ist das Planquadrat schon angekreuzt,
wo man dir die Grube schaufelt.
In dir aber wehen namenlose Aschen,
in deinen Abgrund rinnt ein Strom aus Teer.
In dir singen Quellen sich ins Uferlose,
vom Silberhuf des Flügelpferds geschürft.
Rose, vorm Abendgrauen zitternd
O Dämon Mensch,
Blut aus Schädeln schlürfend,
verzückt von einem süßen Hauch
aus Eden.
Worauf wir ruhlos wandeln,
der Erde Kruste schwimmt
auf einem Meer aus Flammen,
einer dunklen Gottheit
lodernde Qual.
Sieh, wie der Schönheit Rose
vorm Abendgrauen zittert.
In den Falten der Gewandung
leicht lebender Gestalten
hoher Tempelfriese
rinnt ein bitterer Tau,
die Tränen unerhörter Klage.
Den Glanz der Ähren
in den Opferschalen
umschatten Seufzer
ungestillten Hungers.
Der Zug der Völker
von Assur, Ninive und Babylon
versank im Wüstensand,
in mythischen Gebirges Schnee
verwehte
Hellas hymnischer Gesang.
Sieh, wie der Schönheit Rose
vorm Abendgrauen zittert.
Die Tische mit den schimmernden Krügen
goldenen Weins
stieß das Horn des wilden Stiers,
den keine Anmut zähmt,
in den Morast der Finsternis.
Die leuchtende Lilie,
Liebe hält sie in der Hand,
zerrupft ein Drache,
aus jenem Sumpf gekrochen,
den kein Heros trockenlegt.
Der Grund, auf dem wir stehen, schwankt.
Der Worte Spiegel ist getrübt,
unter Schlieren des Verschwiegenen
verwischt sich uns der klare Sinn.
Dem Panzer der Kröte gleich
schleppen wir das Leben hin,
die Zunge reckend in ein lichtes Grün,
vor der Nacht uns bergend
in die Höhle des Traums.
Doch im Dunkeln wurzelnd
sagt die Rose uns,
was dem Sommertag gelang.
Kein Entkommen, nirgends
Es wuchern um der Ähren Glanz bald Schatten,
erlahmt der Arm, läßt Hand die Harke sinken.
So wird nach Fäulnis schwarzer Wortwuchs stinken,
wenn Schnitters Sinne schwermutschlaff ermatten.
Die vor dem Bild der Liebe sollten blauen,
die Veilchen welken. Pfleglich sie zu tränken
vergißt ein Herz, das bittre Träume kränken,
in denen kalter Lethe Wasser grauen.
Dir aber, Dichter, scheint ein Duft zu wehen
durch der Erinnerung Fenster, fern aus Gärten,
mild wie von Rosen hingehauchte Zärten,
als würde Anmut deinen Schmerz verstehen.
Doch war es gleisnerischen Dunstes Schwüle,
die dir den Atem hat, das Wort benommen.
Schließ zu. Du kannst dem Dämon nicht entkommen:
Bald zerrt dich Traum ins Ächzen seiner Mühle.
Daß Stille kehrt im Dämmerlichte
Im Halbschlaf ist es noch wie leises Pochen,
als frage Sehnsucht, ob ein Herz hier weile,
das sie vermißt auf sonnenfernen Pfaden,
ein warmes Lächeln ihr entgegeneile.
In Traumes Schluchten ist es wildes Brausen,
als würden Brunnen schmerzlich überquellen,
als wölke Gischt von aufgepeitschten Wassern
am Fels der Angst, wo sie zum Abgrund schnellen.
Der Tag indes ist nur ein ödes Ächzen
in ungeölten Angeln loser Pforten,
die dumpf im Wind der Langeweile schlagen,
nur Wiederkäuen von entseelten Worten.
Daß endlich Stille kehrt im Dämmerlichte,
muß edler Geist der Torheit Mund verstopfen,
das Blut, das ihren Wangen Rosen malte,
in dunkler Schwermut Kammern niedertropfen.
Durchs Gehölz verdorrter Worte
Durchs Gehölz verdorrter Worte,
schief gewachsen
unterm scharfen Strahl Apolls,
Krüppelstümpfe,
sacht umwickelt da und dort
von Selenes stillen Moosen,
geht hin dein schmerzender,
dein ausgetanzter Fuß.
Verglühter Oden
trockenes Laub
weht herab nur dürres Rascheln.
Vom Aronstab,
der wie aus Psalmenzwielicht starrt,
tropft ein blasser Reim.
Wohin denn, Dichter,
führt Schwermut dich
zu später Stunde?
Spricht dir geisterhaftes Schimmern
zwischen Dorngestrüpp und Eichenstrunk
von einer Lichtung noch,
betaut vom dunklen Glanz
der Elegie?
Da ist bloß ein Geweb von Spinnen,
wo unterm schwärzlichen Grind
der Todgeweihten
im kalten Mondlicht
lacrimae rerum glimmen.
So leg dich hin,
wo Melde kriecht
und Löwenzahn um Disteln bleckt.
Kaum eingeschlafen
fühlst du Tau
von den Lidern
nie geküßter Himmelsrose
auf die Stirn dir rinnen.
Breitet Nacht ein Vlies
für unerfüllter Liebe
hoffnungslose Klage?
Ist es noch Dämmerung,
ist es schon Traum,
als würden ferner Heimat,
bitterer Legende Brunnen
überfließen?
Es ist das Gurren einer wilden Taube,
die bangen Schwunges flattert,
wenn herniederweht
der Eule Schatten.
Kein Adoneus,
kein Iambus
kann den Riß ermessen
durch süßer Minne Lied,
der Waldmaus jähes Todesschrillen.
Es ist vorbei.
Dich reißt das Heulen der Motoren,
der Moloch mit dem Schlund aus Stahl
und gläsern-tränenlosen Augen
aus der Mulde
vergilisch-grünen Dämmers.
Stopf den abgerupften Vers,
Holunders schwarze Glykoneen
in den Rucksack
eines biederen Studienrats
auf Bildungsreisen.
Schlepp dich durch Attrappen
totgereimten Walds
ins städtische Büro.
Die nichts nährt
als deinen Überdruß,
der Phrasen harte Kruste
würg hinunter.
Müdigkeit
Wird schon schlaff der Parze heikler Faden,
sieh, wie flockenzart der Traum entschwebt.
Laß ins Dunkel Wortes Falter taumeln,
der am Honig süßen Sinns geklebt.
Müdigkeit läßt hin die Ruder fahren,
und die Wellen werden langsam glatt.
Daß an Ufern fern noch Geister winken,
hofft dein Herz nicht mehr, vom Schaukeln matt.
Boten dunkler Abkunft, wie sie knistern,
Motten, von der Kerze Schein gelockt.
Verse kommen nicht, nur dumpfes Stöhnen,
wenn auf deiner Brust der Nachtmahr hockt.
Quellen, Blüten aus der Jugend Auen,
lang verrauscht, im Abendzwielicht fahl.
Aschengrau das goldne Haar der Frauen,
taub der Mund, den du geküßt einmal.
Gegenstrebige Fügung
Heißes Blut erträumt sich einen Götzen,
der die wilden Herzen niederringt,
laues sehnt sich nach dem Blitz der Peitsche,
unter der erschlaffte Ader springt.
Anmut schmiegt sich an des Scheusals Kralle,
bis sie ihrer Lenden Taft zerfetzt.
Unschuld lockt es in die Labyrinthe,
wo ein Stiermensch sie zu Tode hetzt.
Feuchter Glanz steigt in der Liebe Auge,
würgt sie kalte Hand der Phrenesie.
Der Ophelia sterbensbleiche Lippen
rötet wilder Schwermut Elegie.
Dionysisch läßt sich Unzucht feiern,
Geifer ätzt vestalisch reine Haut.
Freies Wort durchbricht den Firn der Phrase,
wenn Apollos hoher Strahl ihn taut.
Der gewandert durch La Douce France,
schritt im bittern Staub auch der Vendée.
Dem des Wortes Rose glomm auf Wolken,
fand den Enzian nicht mehr im Schnee.
Erläuterungen:
Gegenstrebige Fügung ist die Übersetzung des heraklitischen Ausdrucks palintonos harmonie.
Das heiße Blut ist orientalischer Herkunft; es hat sich die Religion der Unterwerfung verordnet.
Unschuld: Ariadne kehrt ins Labyrinth des Ungeheuers zurück.
Ophelia liebt den Prinzen Hamlet, wird von diesem aber zurückgewiesen. Sie verfällt nach
dem tragischen Tod ihres Vaters von Hamlets Hand dem Wahnsinn und geht ins Wasser.
Georg Heym, Arthur Rimbaud und Peter Huchel schrieben Gedichte über das traurige Schicksal Ophelias.
Auserlesene Jungfrauen, Vestalinnen, hatten als römischen Staatskult das Herdfeuer im Vestatempel zu hüten.
La Douce France: Herkunft aus dem altfranzösischen Rolandslied, findet sich auch bei Stefan George.
Hölderlin wanderte von Nürtingen bis Bordeaux, auf dem Rückweg durchquerte er auch die Vendée, deren Aufstand gegen den Terror der Jakobiner von diesen blutig niedergeschlagen worden war.
Blumen und blecherne Monster
Wie droben Rosen blühen im Gipfelschnee,
besang ein Dichter, den wir verehrt schon früh.
Ein Hauch, jäh war sein Herz entrückt auf
Inseln, umrauscht von den Hymnen Pindars.
Und trieben Blüten leuchtend auf Wassern hin,
die aufgetan ihm Kelche geheimen Dufts,
trug sanfter Welle gleich sein Lied sie
seufzend ins Dämmern geneigter Schilfe.
Wir aber kamen, grauenden Herzens schon,
als blind ein Rinnsal über die Hänge floß,
Schmelzwasser, fahl herniederschäumend,
allzu getrübt, um den Vers zu waschen.
Wo einst sich Blumen wiegten geschwisterlich,
starrt jetzt Asphalt und ölige Lache glänzt.
Brutale Schnauzen recken geistlos
blecherne Monster hybrider Inzucht.
Seufzen nach versiegten Quellen
Wer in Gefahr schwebt, Argwohn hält ihn wach.
Im Rücken fühlt er Feindes Blicke bohren,
des süßen Lebens Licht ging er verloren,
den Schatten, die sich längen, sinnt er nach.
Sein Bauch setzt an kein Fett, und nicht sein Geist.
Kein Caesar lädt ihn ein wie jene Dicken,
die sich in wohlgenährte Knechtschaft schicken.
Er scheint ein Irrstern, der im Abgrund kreist.
Und ist er Dichter, schreibt er keine Oden,
die Blüten streuen auf den jähen Grat,
als würd ihr Schnee die Finsternis erhellen.
Er hört gemeine Gier die Wälder roden,
wo er sich barg auf Mnemosynes Rat.
Ihm bleibt nur Seufzen nach versiegten Quellen.
Erläuterung zu Caesar:
„Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.“
William Shakespeare, Julius Caesar (1. Akt, 2. Szene)
Sommers letzte Spende
Woraus der Anmut Zartsinn wohl erwächst?
Sie öffnet sich dem hohen Blau wie Blüten,
verschließt sich vor der Nacht, den Duft zu hüten,
daß er der Unschuld Träume nicht behext.
Warum wohl Liebe Tau auf Rosen gleicht?
Im Glutstrahl will sie noch auf Milde sinnen,
läßt kühlen Glanz auf heiße Wangen rinnen.
Vor ihrem Blick scheint selbst der Dorn erweicht.
Nimm, Dichter, Tau als Sommers letzte Spende
und salb damit der Worte mürbe Haut,
bis sie im Abendlicht noch einmal glänzen
und süßer Reim den herben Vers vollende.
Die Schwester nahet, die verlassene Braut:
Sie mag Verschwiegnes zarten Hauchs ergänzen.
Als Wahn entlarvt
Das Netz des Glaubens, zart gewebt,
worein sich müder Geist verfangen,
daß einmal er zum Äther schwebt,
zur Heimat wieder wird gelangen,
zerriß in gnadenlosem Sturm,
in Erdnacht fiel ein blinder Wurm.
Das Bild der Hoffnung, Hen kai Pan,
verehrt, gemalt wie einst Ikonen,
ein Antlitz, Schnee auf goldnem Plan,
wo wir vereint mit Engeln wohnen,
hat kalter Einsicht Kalk verätzt,
das Gold ward grauer Staub zuletzt.
Das Mahl der Liebe, Brot und Wein,
die uns noch Dichterworte priesen,
als könnten wir Geschwister sein
auf Abendlichtes stillen Wiesen,
hat Schwermut abgetan als Spleen,
als Wahn entlarvt ein Arzt aus Wien.
Am Rand der Nacht
Wie Glanz an zarten Wimpern, Abendtau,
muß in den dunklen Schoß der Rose rinnen,
sind Blumen, bunt gestreut ins Lied der Minnen,
bald fahl, wenn Schnee der Schwermut dämmert grau.
Wie aus verwaisten Nestern lichten Flaum
der Herbstwind bläst auf öde Auen,
muß Euphrosynes goldnes Haar ergrauen,
zerrann am Fels der Trübsal Liedes Schaum.
Blieb, Dichter, dir am Rand der Nacht kein Wort,
als Sternbild es zu schleudern in die Leere,
daß es uns leuchte auf des Irrsals Pfaden?
Vergebens hofften wir auf einen Hort,
wo Glut von Rosen unsre Angst verzehre,
im Rauschen kühlen Quells den Schmerz zu baden.
Dichters Tageszeiten
Nachts weckt aus dem Hof dich Schmatzen
schlingender Hyänen.
Sang der Anmut knackt, ein Knöchel
zwischen ihren Zähnen.
Morgen schlägt wüst an die Pforte
wie mit Eisenhämmern.
Könntest du, gelähmt vom Mohne
stumm den Tag hin dämmern.
Mittags auf der Parkbank, fahles
Laubvlies, ausgewrungen.
Tau, statt Wortes Sproß zu feuchten,
leckten Flammenzungen.
Lockt der Abend nicht mit Stimmen,
blauen Abgrunds Boten?
Du verstopfst das Ohr der Seele
vorm Gesang der Toten.
Von Reben nimm das Grün
Von Reben nimm das Grün, Tauglanz von Moosen,
den goldnen Abendschimmer klaub von Trauben,
fühl Schlaf im Schnee am Flaum von Turteltauben.
Des Morgenrotes Küsse geben Rosen.
Das Hoffen lern an sanfter Tropfen Pochen,
von stillen Gräsern, die im Wind sich wiegen,
wie niedersinkend Demut kann obsiegen.
Doch Schauer flöße ein die Gruft der Knochen.
An Ufern, Perlen quellend aus Geysiren,
trinkt das Gedicht ein träumerisches Raunen.
Aus Nestern, die verlassen, pflückt es Daunen,
zu retten Schwermutkranke vorm Erfrieren.
Der Zauberring
Stein, dem eingesprengt das Erz,
aus der Erdnacht mußt ihn hauen.
Goldnes Wort, es wird dir tauen,
schmilzt die Flamme, flammt der Schmerz.
Daß im Dunkel Rose glüht,
muß dein Herz ihr Funken schlagen,
Glut die Rinde Angst zernagen,
die aus deiner Esse sprüht.
Schmiede uns den Zauberring,
der uns hebt, wenn wir ihn drehen,
ins Gefild, wo Blüten flehen:
Seufze, Mund der Liebe, sing.
Daß dein Puls nicht werde schwach,
kannst du trunkne Bilder saugen
aus der Muse feuchten Augen.
Träumend bleibst du, Dichter, wach.
Unterm Pflaster der Strand
Sous les pavés, la plage
(Parole des Pariser Mai 68)
Sous les pavés,
wütend aufgebrochen,
glomm kein goldner Sand,
schimmerte kein Schnee.
Was bei Abortratten
le désir noch fand,
war ein Louisdor,
Glanz erloschner Schatten,
den Marie verlor,
Münzgeld für die Reise.
Charons Boot war leck,
Nacht war ihre Schneise.
Tausend bleiche Knochen
sah des Aufruhrs Sohn,
balsamiert von Dreck,
klirrend „Marchons, marchons“,
Schädel, augenlose,
doch kein Licht der Rose.
Unter den Talaren,
Pöbel riß sie nieder,
Ungeist hat gespien,
klang von ferne wider
Dichtung der Scholaren,
Walthers Minnelieder,
Goethes Elegien.
Anmut ist verpönt,
nur das Schrille gilt.
Würde wird verhöhnt,
wenn der Phallus schwillt.
Frucht von tausend Jahren
warf ein dumpfes Meinen
in den Trog von Schweinen.
Unter dem Asphalt
ward der Quell erstickt.
Dichters Herz, vergebens
sucht es nach dem Spalt,
daß den Vers erquickt
süßer Tau des Lebens.
Wiesen, die planierten,
baumlos starrend Hügel,
Haut von Tätowierten,
Eros Mißgestalt
mit zerrissenem Flügel
spotten allem Sang,
der aus Tiefen drang.
Rose im Winterlicht
Wie einsam sie noch blüht im Winterlicht,
verschmäht von klugen Gärtners jäher Schere.
Sie schien zu müd ihm, eine Bajadere,
der’s für den Tanz des Winds an Mut gebricht.
Und doch verströmt sie töricht ein Arom,
süß, Falter, die schon taumeln, anzulocken.
Aufs Antlitz aber schweben Ascheflocken,
ihr blasser Mund schmeckt Bitternis von Chrom.
Ist, Dichter, nicht dein Vers wie diese Blüte?
Sein Sommer ward vom Dunst der Angst entrückt.
Er aber duftet innig wie im Traume,
als hätte ihn der Anmut Herz erblickt,
als ob an ihrem Hauch er neu erglühte.
Doch wacht er auf an öden Schneefelds Saume.
Die Lerche und die Nachtigall
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Ein Kokon ist das hohle Wort,
worin der Sinn verbleicht und abstirbt,
und dünkte eingesponnen
im Dämmerlicht sich sicher.
*
Die Flocke Glück schmilzt hin
beim ersten zarten Anhauch,
des Unglücks Scheite
beugen bald der Anmut
zarte Schultern.
*
Euphrosynes leise Töne
dringen durch das harte Wachs
des Stumpfsinns nicht.
*
Was sich mühsam hochgerankt
am fremden Stamme,
Efeu,
stürzt mit dem erstickten
nieder.
*
Glaube, Liebe, Hoffnung spricht:
„Es ist die Nachtigall“,
nüchterne Einsicht:
„die Lerche!“
*
Sprache,
Netz mit den eingefangenen Fliegen,
die noch träumerisch sirren,
schwingt es im Abendlicht,
bis der Schatten
jähen Verstummens
herankriecht.
*
Ist es dieselbe Rose,
die in der Ode geglüht
und nun fahl verdämmert
in der Elegie?
*
Was unabdingbar ist
für den Eindruck des Sublimen,
das „Je ne sais quoi“,
übersteigt die Kunst des Talents.
*
Charme
ist die Mitgift einer Braut,
die sich Märchenritter
oder reine Toren erwählt.
*
Das Fatum wägt
die Frucht der Tat
gegen den Unrat der Untat.
*
Der Beifall der Menge
klirrt im Ohr
argwöhnischen Feinsinns.
*
Der Stoiker stopft sich
vor dem Lärm der Welt das Ohr
mit demselben Wachs,
das die Gefährten des Odysseus
taub machte
gegen den Zaubergesang der Sirenen.
*
Im Auge des Nüchternen
ist der Maskenzug der Bacchanten
nur eine lächerliche Farce.
*
Die Tränen sind kein Symptom,
sondern ein echter Bestandteil der Trauer,
während die Unfähigkeit zu weinen
ein echtes Symptom der Melancholie ist.
*
Die spirituelle Seelensubstanz eines Platon
oder Descartes hat sich uns in die leibhaftige
Physiognomie der Person aufgelöst.
*
Arglose Jugend beschwingt das Lied der Lerche,
Gesang der Nachtigall lindert die Meditatio mortis
des Alters.
*
Kindlich und liebenswürdig ist das antike Bild
vom immer schon verflossenen goldenen Äon
einer sich mütterlich schenkenden Erde;
kindisch und gefährlich die neuzeitliche Idee
eines von Menschenhand zu erbauenden zukünftigen.
*
Die Tristesse des Alters tröstet sich damit,
den Weltuntergang nicht mehr erleben zu müssen.
*
Die Früchte, die sie nicht pflücken konnten,
erachten die vom Schicksal Benachteiligten
für wurmstichig und faul.
*
Qui auget scientiam auget et dolorem.
Wissen mehrt den Schmerz.
Der Mohn des Vergessens
lindert ihn nur vorübergehend.
Deshalb macht die Musik Wagners
oder die Dichtung Baudelaires
Schwermütige süchtig.
*
Der Schwermütige lauscht des Nachts
der Quelle unschuldiger Wasser.
*
Die Flamme der Hestia ist hierzulande
fast gänzlich erloschen. Doch der Brand
der Steppe dringt näher und wird die Laren,
die Bilder der Ahnen, nicht verschonen.
*
Die Sorge ist die Mutter der Wissenschaft,
aber auch die Amme des Aberglaubens.
*
Der Genius loci verwahrloster, vermüllter Plätze.
*
Alles ist sinnvoll geordnet, vom Kristall bis zur Blüte,
von der Hand bis zum Auge, vom Gedanken
bis zu seinem sprachlichen Ausdruck.
Was als Chaos zerstörerisch wütet, auch dies gehorcht
Gesetzen ewiger Metamorphose.
*
Den unwillkürlichen Versprecher, der Lachen hervorruft,
kann Freud mittels Gesetzen des Traumlebens erklären.
Den Unsinn, den Philosophie bändeweise hervorbrachte,
weiß Wittgenstein auf unwillkürlich wirkende Muster der
Sprache und Fallstricke des Denkens zurückzuführen.
*
Mythologische Aperçus auf den Untergang des Abendlands:
Poseidon, der nach Homer zu den Aithiopiern gegangen ist,
kehrt nicht mehr zurück.
Die blonden Götter unterliegen den schwarzgelockten.
*
Die lichten Götter starben nicht; sie kehrten als Schatten und
Gespenster der Seele zurück.
*
Wer von Liebe spricht, darf vom Haß nicht schweigen;
denn demjenigen, der liebt, gebührt es auch zu hassen, wenigstens
das, was dem Geliebten Schaden zufügen oder es verletzen möchte.
*
Gute Geister, wie man sie nennen mag, weilen, wo ein Flecken Lands, ein See, ein Berg, ein Baum, ein Quell nicht nur menschlichem Bedarf dienen muß, sondern sich selbst oder der Gottheit gehören darf, die bei ihm wie die Dryade des Baums oder die Nymphe des Sees verweilt. Daher die Trostlosigkeit und seelische Öde der Stadt, aber auch der industrialisierten Landwirtschaft.
*
Sinn, Glück, Erfüllung sind keine Artikel im Warenkatalog; sie kommen nicht auf Bestellung, sind nicht käuflich; sie locken nicht mit dem Glanz der Reklame. Unscheinbar bisweilen gleich dem sich unter unseren Schritten biegenden Gras bleiben sie von uns unbemerkt; doch ist das Gras versengt und häßlich geworden die Erde, freilich, dann sehen wir es.
O Dorn des Verses
Schon schweben wieder Flocken, die Spur verweht,
vom flüchtigen Wild nachts hinterlassen.
Dein Vers auch, Dichter, wird verblassen,
den Zeichen gleich, die keiner mehr versteht.
Die vor Ikonen Honigduft entsandt,
geweihter Kerzen Flammen, wie sie zittern.
So neigen sich an fahlen Dichtwerks Gittern
die Rosen, ist ihr Herz erst ausgebrannt.
Dir bleiben Blüten, wie sie Witwen sacht
ins Album kleben. Süß ist es, zu trauern
und Zeilen, die der Ferne schrieb, zu küssen.
Der Schwermut Auge sieht in blauer Nacht
die goldne Locke Euphrosynes schauern.
O Dorn des Verses, der sie ihr entrissen.
Kühlung fächelnder Vers
Die dicke Matrone, wie elend sie schwitzt,
und neben ihr japst das Hündchen und hechelt.
Selbst schuld, wenn sie schlapp in der Sommerglut sitzt.
Dein Vers sei Labsal, wenn er Kühlung ihr fächelt.
Dem Hündchen stellst einen Blechnapf du hin:
Schlürft Jamben, schlabbert Trochäen die Zunge.
Wie sprühende Woge der Daktylus rinn
am Busen entlang, Zephyr atme die Lunge.
Dann wieget sie Morpheus gnädig in Schlaf,
das Hündchen streckt alle Viere.
Schön, daß ein fühlendes Herz er noch traf,
dein Vers, verständlich selbst einem Tiere.
Erstickt rings auch das Wort in Gebrüll
und schleudert der Pöbel verächtliche Blicke,
es schirmet die beiden ein spätes Idyll,
den Dichter und seine Muse, die dicke.
Das Festmahl des Übermenschen
Schillernder Aussatz des Lichts,
linkischer Buhle der Nacht.
Er wähnte, sacht wie der Pardel
auf moosigem Grund dahinzuschweben
oder nackt zwischen kitzelnden Halmen
bacchantisch zu tanzen.
Doch ihm blieb nur, starr wie der Felsen,
auf dem einzig Moose und Flechten sich wandeln,
in das neblige Tal
versteinerter Gegenwart zu blicken,
und zum Unterschlupf die Höhle
des Eremiten, den er erschlagen,
einzig das Zwielicht des Irrealen
und der Schlund des Nichts,
den umsonst er stopft
mit den Innereien der Unschuld
und den dürftigen Gaben
einer verkarsteten und zur Steppe
gewordenen Erde.
Beim dumpfen Gelage
mit den längst zu Schatten entwesten
alten Kämpen der großen Endschlacht
wider den Sinn des Daseins,
dem Teufelsgeiger, dem fetten Falstaff des Geifers
und dem Alchemisten der tödlichen Schmelze,
füttert er zuerst die schuppige Echse,
die zwischen seinen zitternden Knien schwänzelt,
mit blassenden Herzen von Nymphen,
die ihm die Angel mit dem Köder
gleisnerischer Verheißung
ihrer Erlösung vom Bann
gefischt hat,
daß von Liebe sie lispelt,
die giftige, widrige Lippe.
Oger, sein Meisterkoch,
garniert die Festtagsplatte
mit zierlichen Füßen
abgetriebener Föten.
In der trüben Suppe
schwimmen die glasigen Augen jener,
die seinetwegen geweint,
Saphir und Aquamarin
unter exotischen Wimpern,
verschleierter Sklavinnen,
die nicht er,
der Impotente,
sondern Oger entjungfert.
Die zarte Lende,
honiggolden mit Sirup überstrichen,
mundet ihm bestialisch,
hat er gestreichelt sie,
sanft mit Küssen bedacht
doch gestern noch,
als er die Keuschheit der Kindfrau verhöhnte.
Beeren, Pilze, Trüffel,
sie atmen den Humus der Beete,
die er sorgsam gedüngt
mit dem Aas von Schakalen
und den Zungen von Nachtigallen.
Edel glimmt der Bernstein des Weins.
Den Pokal haben einst die Frevler
geraubt aus dem Tempel des alten Gottes,
dessen Tod er prahlerisch verkündet,
indes würgt ihm seine Asche
die Kehle noch lange.
Einen neuen Gott aber fand er sich nicht,
dem die düster schwelende Glut
animalischer Leidenschaft zu opfern
den Sinn veredelte,
nur eine Fratze zusammengeleimter Mythen.
Endlich lehnt er sich rülpsend zurück,
und seine altersfleckige Haut
schwitzt glitzernde Perlen
sentimentalen Gefühls aus,
ein Aroma verströmend
aus Veilchen und Urin.
Ein Schnalzen, ein Händeklatschen,
schon ist sein Dichter zur Stelle,
in seiner dunkelsten Ängste Abgrund
lilafarbene Blüten und purpurnes Blattwerk
lieblicher Oden zu streuen.
O Grauen
in den Labyrinthen des Traums,
worin er vergebens dem nahen
und fernen und wieder nahen
Brüllen des Minotaurus
zu entfliehen sucht.
Heimkunft gibt es keine
Stimmen, die ins Schweigen gleiten,
wenn dem Kahn, dem ruderlosen,
Schaum des Monds und Schlaf von Rosen
schwarzen Wassers Wogen breiten.
Ferner Heimat Melodien
mahnen weicher Wehmut Waisen,
wenn durch Zwielichts Dämmerschneisen
sie an fremde Ufer fliehen.
Heimkunft, sprachst du, gibt es keine.
Auf die Lauben goldner Sonnen
war schon matter Tau geronnen,
daß es schien, die Sehnsucht weine.
Laß uns, sprach ich, hier nur liegen.
Moose seufzten, und uns kühlten
Abendlüfte. Was wir fühlten,
war wie dunkler Schilfe Wiegen.
Ausgelöschter Sehnsucht Sonnen
O Veilchen, die im frühen Frost erbleichen.
Tröster dunkler Schwermut, holder Schimmer,
gingst verloren du für immer?
O Veilchen, die im frühen Frost erbleichen.
Wo magst, Dichter, Träume du noch pflücken,
daß dir zarten Dufts der Vers kann glücken?
O Tropfen Lichtes, die am Morgen glänzten.
In ein fahles Dämmern hingeronnen,
ausgelöschter Sehnsucht Sonnen.
O Tropfen Lichtes, die am Morgen glänzten.
Blauen Blumen noch auf fernen Auen,
dir den Vers zu heben aus dem Grauen?
O Augen, feuchter Glanz für trübe Blicke.
Quellen in Oasen, nahen, fernen,
ausgetrocknete Zisternen.
O Augen, feuchter Glanz für trübe Blicke.
Wird ins finstre Tal noch Gnade leuchten,
Träne stillen Danks den Vers dir feuchten?
Dichten ist ein Pilgertum
Liebe ist ein Opfergang.
Wüsten hat sie schon durchschritten.
Heilt ihr milder Quelle Sang
all die Wunden, stumm erlitten?
Sehnsucht wandert durch die Nacht.
Ferne sieht sie Blüten leuchten.
Wer hat ihr den Wahn entfacht,
daß sich dürre Auen feuchten?
Schwermut ist erstarrt im Eis.
Gottes Sonne sieht sie schweben.
Wird ihr Herz je wieder heiß
unter Gnadenstrahlen beben?
Dichten ist ein Pilgertum.
Schweigend geht es zwischen Schreien.
Vers, dreht er ins Licht sich um,
wenn ihm sanfte Hymnen schneien?
Schlüssel und Schloß
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Deutschland soll den Deutschen gehören. Aber ist es sinnvoll zu behaupten, mit der deutschen Sprache verhalte es sich ebenso?
Haus und Hof, Gemarkung und Land können als Rechtstitel den Eigentümer und Besitzer wechseln, können verpachtet, vererbt oder versteigert werden. Aber die Sprache?
Haus und Hof können enteignet, die brandig gewordene Hand amputiert werden. Aber die Sprache; aber das Bewußtsein?
Die amputierte Hand kann dennoch schmerzen. Ist der Wortschwall des Psychotikers mit dem Phantomschmerz vergleichbar?
Nationalsprache heißt Sprache einer Nation. Aber mein staatenloser Freund spricht auch Deutsch.
Man spricht sinnigerweise von den Sitten und Gebräuchen eines Volkes. – Wirkt es deshalb ein wenig albern, wenn Heidegger manchmal mit einer Baskenmütze herumlief?
Manch einem verstockten sich jeder humanistischen Läuterung oder der Wiedertaufe durch einen Charismatiker der Vielfaltssekte verweigernden Reaktionär bleibt es für immer rätselhaft, wie aus exotischen Kulturkreisen Hereingeschneite gemäß dem ihm einzig adäquat scheinenden Prinzip der nationalen Zugehörigkeit, dem ius sanguinis, zu Deutschen sollen mutieren können.
Als wäre das Bewußtsein eine Art Fenster, durch das wir auf die Landschaft des Wirklichen sehen. – Doch können wir die Ohnmacht, den Schlaf, den Tod mit einem Fenster vergleichen, das jählings verschlossen wird?
Als wäre das Bewußtsein eine Art Leinwand, auf die Bilder projiziert werden. – Wer aber sieht sie, versteht oder mißversteht sie dann? – Ein Bewußtsein zweiter Stufe, ein Meta-Bewußtsein? Wohin soll das führen?
Du löst eine Fahrkarte und nimmst den Zug, um da und dort, in dieser oder jener Stadt deinen Freund zu besuchen. – Du träumst, du wirst von dem Bahnangestellten am Schalter gefragt, wohin die Reise denn gehen soll, und du erinnerst dich nicht an den Namen der Stadt. – Sind wir hier nicht geradewegs in Kafkas Traumwelt versetzt?
Als wäre die Welt einteilbar in Ich und den Rest. Oder wie die Philosophen sagen: Subjekt und Objekt. – Aber ist die Sprache ein Moment des Ich-Bewußtseins, ein Ding der Umwelt? Weder das eine noch das andere.
Im Labyrinth der Zeichen herumirren, ohne es zu wissen.
Schopenhauer teilt mit seinem Erzfeind Hegel jenseits aller weltanschaulichen Differenzen wie Optimismus und Pessimismus, ohne es zu bemerken, dieselben in sprachlichen Mustern und Bildern tief eingesenkten Vorurteile; die aus der Grammatik abstrahierten Funktionen von Subjekt und Objekt, ich, du und er, sie, es, Zeitformen des Verbs usw.
Die Schamlosigkeit und Frivolität, welche die einen als Liberalität feiern, verachten ihre Feinde als Symptome von sittlichem Verfall. – Sollte es hier keine objektive Sicht auf die Dinge geben, nun, dann bleibt nur der kulturelle Kampf.
Wir können in dem von Menschen betretenen Mond weder Selene noch Luna mehr wiedererkennen.
Was der Dichter, der die Ode auf eine griechische Urne schrieb, beklagte, was der Dichter der Hymnen an die Nacht beschwor, ist uns zur Wüste des Geistes geworden.
Der Schlüssel mit dem richtigen Schlüsselbart paßt ins Schloß. – Doch nur im Märchen schließt der Zauberspruch „Sesam, öffne dich“ die geheimnisvolle Höhle auf.
Obwohl er den passenden Schlüssel bei sich trägt – hat er es vergessen, vergessen, daß er selbst der Schlüssel ist? – versucht er, herrisch die Tür mit Gewalt aufzuschlagen; oder er kniet davor, sklavisch-devot um Einlaß bettelnd.
Mit der richtigen topographischen Karte gelangt der Wanderer an sein Ziel. – Freilich, er muß sie zu lesen verstehen.
Das Bild von Schlüssel und Schloß oder der richtigen Passung ist kein Bild für ein adäquates Verstehen. – Die sexuell optimal aufeinander abgestimmten beiden Geschlechter können ein Kind zeugen, auch wenn sie ansonsten aneinander vorbeireden oder vorbeileben.
Das Nächstliegende verhüllt uns der Schatten, den wir selbst darauf werfen.
Der scheinbar eingebürgerte gesetzestreue Jünger des Propheten führt Krieg gegen die Ungläubigen gerade in dem Land, das ihn großzügig aufgenommen hat, weil er es schon für sein eigenes erachtet und folgerichtig vom Abschaum all dessen, was nicht halal ist, reinigen will, ja, es davon zu reinigen sich berufen fühlt.
Am Ufer sitzen, verborgen im Schilf, und ungerührt wie im Traum schauen, was alles im aufgewühlten Strom der Zeit vorübertreibt: Blätter, Zweige, ausgerissene Baumstämme, Stühle, Tische, Schränke, Kronleuchter, Gemälde, Bücher, Kadaver von Tieren, abgeschlagene Köpfe von Menschen.
Warum sollte man das Praeteritum für ein Praescriptum nehmen?
Nichts, was geschehen ist, verpflichtet uns unmittelbar – weder zur Nachahmung noch zur Abwehr.
Ungezügelte Kindheit, gedankenlose Jugend, wichtigtuerische Reife, in Stumpfsinn versinkendes Alter.
Die Parallelen von Mann und Frau schneiden sich nur im nichteuklidischen Raum dichterischer Einbildungskraft.
Götter, Götzen, Idole – Phantome unerfüllter Sehnsucht, unerfüllbarer.
Es gibt keine höhere Instanz, die uns befiehlt, die Haltungen und Maßstäbe des gegenwärtigen Zeitalters anzubeten oder nachzuäffen.
Die nobelste Flucht ist jene in künstliche Paradiese.
Mozart, Schubert, Bruckner: auf daß wir die dämonischen Einflüsterungen der Schwermut übertäuben.
Noch der häßlichste Geist findet einen Spiegel, aus dem er sich entgegenlächelt.
Selbst des Nachts findet Trübsal in der schmutzigsten Lache noch ein Tröpfchen Glanz, ist nur der Mond ihr gewogen.
Die meisten wachsen über ihren angeborenen physiognomischen Typus nicht hinaus zu nur ihnen eigentümlichen Zügen.
Die zeitlosen physiognomischen Typen von Mann und Frau lesen wir von den mythologischen Bildern der griechischen Götter und Heroen, Göttinnen und Heroinen ab. – Auch die römische Komödie läßt sie Revue passieren.
Einer intelligenten flinken Ratte gleich springt der Psychoanalytiker über die labyrinthischen Abwasserkanäle der Seele.
EIN Los mußtest du ziehen; ein unbeschriftetes gelte dir nicht als Niete, denn leer auszugehen ist hier und heute vorteilhafter als mit einem Los versehen worden zu sein, auf dem ANMUT steht, GRÖSSE oder GENIALITÄT.
Genialität wird ja lange schon verächtlich gemacht, der Begriff Genie als billiges Klischee für ein verlottertes, verdächtig schillerndes Bohèmeleben mißbraucht.
Heute schätzt man den Künstler als einen Bruder des Ingenieurs, der sein Werk nicht schöpferisch hervorbringt, sondern planmäßig konstruiert, nicht aus der spontanen Intuition schöpft, sondern es wie die Tüftler serieller Kompositionen einem technischen Verfahren unterwirft.
Schopenhauer, einer der letzten Apologeten des Genies, war selber eines, das man als verschroben, selbstherrlich, dem Fortschrittsglauben abhold, obendrein misogyn und antierotisch abgetan und aus den akademischen Curricula getilgt hat.
Man folgt den angeblichen Meisterdenkern, die ihre Trivialität hinter einem rhetorisch aufgeputzten Blendwerk cachieren.
Anmut, Schönheit, Genialität – diese Trinität des höheren Daseins, die heute nichts als Verachtung, Häme und Argwohn auf sich zieht.
Hölderlins Dichtung gewann Größe und Tiefe TROTZ Hegel, Fichte und all den idealistischen Schrullen aufgrund seiner Versenkung in Pindar und Sophokles.
Notzüchter der deutschen Sprache wollen das Licht Goethes unter den Scheffel ihres mediokren Gender-Gewäschs stellen.
Ein nicht gerade reinrassiger Straßenköter pinkelt an das Denkmal des Sprachpuristen Karl Kraus.
Edle Diktion gilt für das Feigenblatt vor einer Genitalverkümmerung.
Die einst liebevoll gepflegten Beete mit den Veilchen und Anemonen eines zarteren dichterischen Empfindens sind von den quiekenden Schnauzen der ausgebrochenen Vulgarität zerwühlt worden.
Der neurotische Deutschlehrer, durch den wir auf die Spur eines Trakl, Rilke und Celan gelangten, stand des öfteren sommertags während des Unterrichts am offenen Fenster und versank bei schwirrendem Vogelgezwitscher in Absencen; er wurde seines Postens enthoben, weil er – so ging das Gerücht – während einer Klassenfahrt auf wohl ziemlich lächerliche, unbeholfene, gleichwohl als sexuelle Belästigung ausgelegte Weise pubertär kichernden Mädchen zu nahe gerückt sein soll.
Die Tinte, womit man die großen Worte Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit über die Bekenntnisschriften und Pamphlete geschrieben hatte, war noch nicht trocken, als sie von den Flammen des von ihnen inspirierten Schreckens zerfressen wurden.
In der Lehre der abgemagerten Asketen ist der fette nagende Wurm die Quintessenz des Fleisches.
Eine Gottheit existiert, insofern man ihr Opfer darbringt.
Moloch wird, je mehr mißliebige Embryonen man ihm schlachtet, zur neuen grausamen Gottheit des matriarchalen Zeitalters ungezügelter sexueller und ethnischer Vermischung aufsteigen.
Schläfer auf dem lecken Kahn
Wie das zarte Blatt unterm Feuer sich krümmt,
muß der Geist vorm Spiegelbild sich winden.
Wenn die Knospe bang sich des Abends schließt,
läßt, was ephemer ist, Dämmerung erblinden.
Säulen stehen wir, salzige, erstarrt
vor der Feuersbrunst in Sodoms Mauern.
Unsre Herzen sind, Lavaklumpen gleichend, fahl,
Glut, erloschen unter Ascheschauern.
Wie die Blüte des Lichts dunkle Woge wiegt,
muß der Geist auf wilden Wellen reiten.
Fiedriger Pollen nur, sanft umhaucht von lauer Luft,
wird zur schwesterlichen Knospe gleiten.
Ach, wir schliefen ein auf dem lecken Kahn,
und uns träumt von Avalon, wo goldne Äpfel wuchsen.
Schwarzer Abgrund, der jählings sich aufgetan,
fesselt uns mit stygisch-süßem Glucksen.
Der Engel blickt auf Sodom
Rechtsfromm straft den Verstoß gegen die Schrift des Herrn
des Propheten Gezücht. Huris, sie lächeln schon,
wischen Märtyrers Blut von
seiner Stirne im Paradies.
Warum führt er den Krieg wider die Heiden hier
auf den Straßen des Lands, das ihn willkommen hieß?
Schon als eigenes gilt’s ihm:
es zu reinigen dünkt ihm Pflicht.
Heuchelei ist der Gram über die Opfer, Hohn
Trauerrede, Gebet jener, die rückgratlos
Tür und Tore geöffnet,
Blumen streuten, die Wahn gepflückt.
Wer den Phallus des Ich schamlos zur Sonne reckt,
nackt torkelnd und verzückt ruchlose Zeichen schwingt,
muß wohl rechnen damit, daß
Allahs Krummdolch ihn jäh kastriert.
Aller Anmut Gespött feiern sie dämlich-stolz
das sich brüstende Nichts. Finsteren Angesichts
blickt auf Sodom der Engel:
Keiner, den er erretten mag.
Gedächtnis atmet auf
Frühe Namen hat fast schwülstiger Abschiedshauch
später Blüten erstickt. Salziger Wind vom Meer
riß ihn fort, und dir atmet
wieder frisch ein Gedächtnis auf.
Scheint auch bäurisch die Form, fahl schon das blaue Zeug,
lang in Truhen verwahrt: wasche, polier es gut,
und mit herbstlichem Most ge-
füllt, weht dich Mnemosyne an.
Überwuchert von Moos, ward unlesbar die Schrift.
Rätsel munkelt der Spruch, muß an Fragmenten sich
müde tasten das Auge.
Schab den Wildwuchs vom Stein und lies.
Trügend hat uns ein Bild, dunstigem Schleier gleich,
Wortes offenen Sinn mystisch verhüllt. Es glänzt
transparent nur ein Tropfen,
kondensiert er, sagt Wittgenstein.
Doch braucht dürres Gemüt, rätselzerfurchte Stirn,
Wunde, brennend für nichts, Wandern im wüsten Land
Schatten dichteren Wortes,
grünes Laub, das von ferne rauscht.
Chaos: schillernder Dung
Jede Lippe ein Wulst, glitzernd von Silberdraht.
Ohr und After gepierct, taub ist das Fleisch, der Geist.
Stumpfsinn schüttelt die Glieder,
Stumpfsinn geifert von Blick zu Blick.
Jugend, die sich entstellt, spuckt auf die Anmut, glotzt
Ärschen, wackelnden, nach, Brüsten, die angeklebt
weibisch kreischenden Männern,
jubelt, wird nur beschmutzt die Scham.
Greis, verkleidet als Hund, hechelt dem Beau hinterher.
Welke Vettel auf Pumps leckt sich die Nippel hart.
Geiler Affe umtänzelt
wild mit zuckendem Schweif die Schar.
Nacktheit hat sich obszön übergestülpt, was blind
dumpfes Dasein vergötzt, Streifen der Perversion,
Iris Bogen, den Goethe
als den Abglanz des Lebens sah.
Dieser Schandfleck entstieg Abwässern, kotverseucht,
Zeichen raschen Verfalls, Fetisch des Untergangs
jener, die zeugen nicht wollen,
Onanisten vorm Spiegelbild.
Hauch des Wortes: Gestank, Zeichen, daß Sodom stürzt.
Doch kein Engel, kein Lot, seiner Errettung wert.
Feuer, sie legten es selber:
Gottes Asche versprüht noch Glut.
Pro domo
Ihr weißen Blüten, Grazien zarten Dufts.
Wie sie auf Stilen schweben, perlenden Kelchen gleich.
Zum Strauß magst du sie pflücken, daß ein
Antlitz, verdunkelt von dir, sich aufhellt.
Von all den Worten, sorgsam gefügt zum Vers,
ist keins aus fremden Quellen dir zugeströmt.
An Hertas Brüsten saugst du Milch ja,
schmeckt sie bisweilen auch bitter: Trinke!
Ihr weißen Flocken, Boten der Winternacht,
wie machen harte Grenzen des Tags sie mild.
Voll Unschuld sind gedämpfte Schritte.
Falten der Trübsal, sie glättet Neuschnee.
Von all den Bildern, Fenstern weit aufgetan,
hast jedes du mit sehender Hand gemalt.
Die Farben liehen Luft und Wasser,
Erde und Feuer, sie mischte Sehnsucht.
Mythos und Schrift
Bang hat sich in den Quell, fliehend vorm blonden Gott,
Kastalia gestürzt. Pindar beschwört ihr Gold,
als Apollon die Locken
wusch im schillernden Schaum des Lichts.
Delphis Grotte ist nah, Pythia trunknen Munds,
Rätsel raunend in Trance, Schicksal dem Ödipus:
Retter Thebens, der hinkte,
blinder Bettler im Hain Athens.
Giftig schwirrte sein Pfeil. Heilung dem siechen Geist
sandte manchmal sein Lied, wenn ein Horaz es sang.
Doch um Marsyas Flöte
fahlt des Satyrs geschundne Haut.
Seine Schwester ist keusch, aber genauso wild.
Opfer ward der Voyeur, der sie beim Bad erspäht.
Lächelnd sah sie Aktaion
bluten, eigener Meute Riß.
Schlaf im blendenden Strahl spendet die Rebe kaum,
wie es Nietzsche gewähnt, der an Migräne litt.
Bruder Christi war Bacchus
nicht. Hob ER doch den Wein ins Licht.
Daseins Zwiespalt und Angst sinnt uns der Mythos an.
Gibt uns göttliche Schrift Zeichen der Gnade noch,
daß von Hoffnung uns singen
Quellen rein wie das Schöpferwort?
Chimäre der Sehnsucht
Wie, ein Klopfen am Tor schreckte dich auf des Nachts,
etwer hätte gepocht gegen das Fensterglas?
Es war Herbststurmes Fußtritt,
eines Flügels verirrter Schlag.
Wie, der Liebe Gesicht stieg aus dem Dunkel auf
und von Tränen ein Glanz hätte gezittert bang?
Die Chimäre der Sehnsucht
hat dich, närrisch vom Wein, gefoppt.
Wie, dein Herz fand den Takt, rhythmisch wie Sapphos Sang,
klar in heiterem Maß sagte dein Schmerz sich aus?
Es war Schäumen des Blutes,
als die Lunge umkrallte Angst.
O, Freund, kehre ins Licht, dulde dein Schattenbild,
arglos wandle den Pfad, mündet in Nacht er auch.
Grüßt wer lächelnd, so schenke
ihm die Blume des Munds, den Vers.
Da sternlos die Nacht
War nicht blühend der Ort, heiter umwogt von Gras,
wo an Gräbern entfacht Kerzen getreuer Sinn?
Nun so anders und fremd, wenn
unter Schatten der Name fahlt.
Der den Palmzweig gereckt über Entschlafne hin,
Engel, kauernd im Gras, kotig von Frevlers Haß.
Also haben Barbaren
uns geschändet der Toten Hort.
Könntest, Dichter, du doch wandern wie Hirten einst
unter Augen der Nacht weit bis zum Quell des Heils,
Hoffnung daraus zu trinken,
daß dir Gnade noch Heimkehr gönnt.
Nun, da sternlos die Nacht, birg dich im Schilf des Stroms,
hör, wie huldvoll dir rauscht Verse das Wasser zu,
und gedenke der Quelle,
die vergessen sich will im Meer.
Down by the Salley gardens
my love and I did meet;
She passed the salley gardens
with little snow-white feet.
She bid me take love easy,
as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish,
with her would not agree.
In a field by the river
my love and I did stand,
And on my leaning shoulder
she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy,
as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish,
and now am full of tears.
Drunten bei den alten Weiden
entbot ich der Liebsten den Gruß.
Sie lief unter den alten Weiden,
weiß wie Schnee war ihr Fuß.
Sie bat mich, die Liebe leicht zu nehmen,
wie am Zweig die Blätter es sind.
Ich aber, jung noch und töricht,
schlug ihre Mahnung in den Wind.
An einer Bucht des Flusses
war’s, daß sie nahe mir stand.
Und auf die Lehne meiner Schulter
legte sie ihre schneeweiße Hand.
Sie bat mich, das Leben leicht zu nehmen,
wie Gräser auf den Wehren es sind.
Damals hat mich Jugend geblendet,
nun bin von Tränen ich blind.
Vertonung von Herbert Hughes, interpretiert durch den großen irischen Tenor John McCormack:
https://www.youtube.com/watch?v=KF3vyrArIFo&list=RDKF3vyrArIFo&start_radio=1
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