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Nov 18 19

Die zerbrochene Äolsharfe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Gründe, Vernunft, Argumente, Theorien: Fetische der Philosophen, die mit ihnen – vergebens – die fatalen Wahrheit verdecken und bannen wollen, daß wir grundlos leben und nur in Zweifelsfällen wägen, was wir tun und sagen.

Wir reden so dahin, ohne zu wissen, was wir sagen.

Auch wenn wir nicht gemäß dem rationalen Muster leben und handeln und reden, wie es die Philosophen von Sokrates bis Kant und Habermas gutheißen oder uns vorschreiben, folgt daraus nicht, daß wir Gefahr liefen, wie Musikautomaten angesehen zu werden oder Papageien einer eingebauten biologischen Partitur.

Die Philosophen lassen sich vom verführerischen Bild des Grunds und Fundamentes, auf dem ein Gebäude steht, gern zu theoretischen Annahmen letzter Begründungen inspirieren; doch das Firmament und Himmelszelt ruht nirgends auf, die Gestirne schweben gleichsam losgelöst und frei im Leeren.

Wir spielen, voller Unschuld, doch manchmal mit tödlichen Folgen, Schicksal miteinander.

Wenn die soziale Maske auf das biologische Muster paßt, verstehen wir einander wie Mann und Frau oder Kinder und Greise intuitiv.

Die perfideste Rache: den anderen in den Wahnsinn treiben.

Der perfekte Mord: den anderen in den Selbstmord treiben.

Ikonographie des Alltags: Das Kind läuft dem roten Ball nach, die Alte schiebt ihren Rollator vom Supermarkt, der Bettler hält die Schale hin.

Grundformen der Kommunikation: zwei, die Güter tauschen oder Worte; einer schenkt dem anderen ein Gut oder ein erfreuliches Wort; einer raubt dem anderen sein Gut oder die Möglichkeit, sich auszudrücken; einer raubt dem anderen sein Gut und zerstört es.

Tausch, Gabe, Raub und Zerstörung bilden die Bilanz der menschlichen Kommunikation.

Aller Ehren wert ist die Illusion der Unsterblichkeit der Seele, wenn sie sich aus der Hoffnung nährt, den vom Tod aus den Armen gerissenen Geliebten wiederzusehen.

Bedenklich, ja verächtlich ist diese Illusion, wenn sie aus dem Ressentiment des gekränkten, zukurzgekommenen und übervorteilten Lebens aufkeimt, um seine jenseitige Rache an dem stärkeren, reicheren oder verbrecherischen Leben zu ermöglichen.

Die dumpfe Hefe der Religionen gärt vom Ressentiment der Rache und Vergeltung.

Was sollen dem alten Weib, das mit zitternder Hand in der Gnadenkapelle eine Kerze entzündet, die dogmatischen Lehren eines Athanasius oder Augustinus?

Wasserspiele, Trompe-l’œil, Irrlichter, farbige Schatten, perspektivische Täuschungen, rätselhafte Echos, kurz: köstliche Spiele zwischen Sein und Schein locken in den Garten der Kunst.

Rokoko, bezaubernde Tändeleien, durchschimmernd wie Porzellan, Serenaden auf schwankenden Booten, in denen die Geige aus perlenden Schäumen der Flöte nixenhaft auf- und niedertaucht, im Sommerduft des Parks verhauchte Arien, Schäferspiele zwischen seufzenden Wassern und rosenüberwachsenen Pavillons, neckendes Spiel der Blicke hinter bunten Fächern, zitternd wie vom Trinken und Schillern ermüdete Falter, enge Mieder, künstlich inniger zu schluchzen, weite blumenbestickte Röcke, lüsterne Spiele des Winds.

Wie dumpfer Seele Schwere sich löst in wehenden Zweiges Schatten, dem zarte Fäden webenden Licht des Abends, dem leise in der Dämmerung des Grases glucksenden Wasser, in Sonnenflecken auf milchiger Birkenhaut.

Alter Baum, der für sich steht auf weitem Feld, knorrige Fäuste gegen die unbarmherzige Sonne reckend, gebeugt unter den nassen Flüchen des Winds, als rausche in seinen Zweigen noch das Lied des Hirten, der vor Zeiten sich schläfrig an seinen Stamm gelehnt hat.

Mag der Dichter die Äolsharfe der Sprache in den Wind des Zufalls halten, besser als sie für eine Partitur gezinkter Noten zu mißbrauchen.

Die sich groß dünken und als Frucht ihrer Bemühungen die Stücke der eigenhändig zerbrochenen Windharfe ins johlende Publikum halten.

In den Maaren steigen am Rande noch Bläschen aus der Tiefe der Vergangenheit dieser Vulkanseen; so die Erinnerungen aus der Seele des Dichters.

Aus der Vergangenheit steigt bisweilen ein Name auf, völlig abgelöst vom Bild und der Stimme seines Trägers, wie im Dunst über grauem Wasser ein voller Mond; mag es uns dermaleinst mit dem eigenen Namen ebenso ergehen.

Glück war, aus dem Wirbeln und Stäuben des Schnees mit glühenden Händen und Ohren sich als Kind in die Stube der Großmutter zu flüchten und die kalten Füße in den zahnlosen Rachen des gußeisernen Herds zu stecken.

Glück auch, nach dem strengen Aufstieg aus dem Moseltal sich in der Höhe zwischen kitzelnde Gräser zu legen und wie in Trance zu den ziehenden Schneebergen der Wolken zu blinzeln, während einzelne große Schweißperlen über die Wange in den Mundwinkel rannen – ihr Salz zu schmecken und an das Meer zu denken.

Glück, sich in die Frische und sich erneuernde Macht des Wassers zu neigen, sich von seinem murmelnden Schweigen überrinnen zu lassen, sein immer altes, immer neues Lied aus dem Ächzen von Röhricht und Binsen herauszuhören.

Ja, Glück der Ungewißheit in diesem jähen Wehen der Zweige und Flattern der Blätter, wenn schneller graue Wolke aufziehen, erste Tropfen wie winzige Warnschüsse auf fettem Kohl und dürrem Reisig platzen, wird man noch rechtzeitig trocken heimkehren, und die Lust wandelt einen wie eine süße Ohnmacht an, reglos auf der Wiese liegen zu bleiben, sich von Blitzen grüßen zu lassen, sich segnen zu lassen von warmen Sommerschauern.

Bange Seligkeit des einsamen Kindes auf dem Rücken des Pferds, das sich immer schneller dreht, und die da winken an der Seite des Karussells, sind es noch die Eltern, die Freunde noch, und die kleine Hand, die sich ängstlich an die harten Roßhaare geklammert, gibt sich frei und schwankt auf und ab im Wind wie eine vom Gitter gerissene Ranke.

Glück sogar, ist der Tod ein guter Tänzer, der dich in einem letzten rauschenden Walzer dreht und herumwirbelt, und seitlich an den immer weiter zurückweichenden Wänden winken die Freunde, die Geliebten, selbst einige finstere Gesichter sind darunter, die sich nun ein wenig aufhellen.

Gewiß ist die Monarchie die würdigste Regierungsform, wenn bis in den Dämmerwinkel der Köhler, Diebe und leichten Mädchen goldene Schimmer der kaiserlichen Embleme dringen und die schönen Parkanlagen um die Hofburg selbst das feinnervigste Sensorium der Musiker und Dichter mit dem Plätschern ihrer Brunnen, dem duftigen Schaum ihrer Fontänen und den Wohlgerüchen ihrer exotischer Blüten zu Werken inspirieren, deren süße Geheimnisse bestricken und deren Teint durchsichtig schimmert wie die zarte Haut der jungen Kaiserin.

Banges Glück, wenn der Einsame unterm schrägen Dach schlummerlos liegt und aus ebenso einsamer Höhe der Nacht blaue Kühle durch das kleine offene Fenster strömt, unvermutet indes wie über das Ufer schlagende Wellen ferne Glocken den Morgen verkünden, den Anbruch des Tages, zu dem sie einladen wie weich dahinziehende Wasser den mutigen Kahn.

 

Nov 17 19

Ermattende Terzinen

Wir wollen schweigend in den Abend gehen,
wenn über uns die dunklen Kronen schwanken
und gelbe Blätter auf den Pfaden wehen,

die wilden Rosen, die sich umeinander ranken,
weil späte Strahlen sie ins Leben heben,
sie glühen noch wie große Herz-Gedanken.

Die Hände, die wir uns wie Blinde geben,
durchströmt, was schmale Lippen uns versagen,
des Blutes Sang mit veilchenleisem Beben.

Wir wollen eins des andern Wehmut tragen,
als liehe Nacht uns blauer Flügel Schatten,
mit denen wir in bangen Pulsen schlagen,

bis wir in weicher Küsse Tau ermatten.

 

Nov 17 19

Abschiedsterzinen

Noch rieseln lächelnd goldene Tränen
auf unsern Pfad aus Abends Dämmerkronen,
wir lassen schweigen alles Wollen, Wähnen,

als möchte uns der Geist der Zeit verschonen,
verbergen Schimmer uns und Dunkelheiten,
daß dort im Heimattale Menschen wohnen,

die unser harrend schon das Mahl bereiten,
ihr Kuß mag uns den Reif vom Herzen hauchen.
Doch wollen weiter wir ins Brachfeld schreiten,

bis einsam wir ins kalte Sternlicht tauchen,
einsamer noch wie Schnee im Mondlicht sehen
Jasmin, den wir nicht pflücken und nicht brauchen,

mit Liebeszeichen wieder heimzugehen.
Uns bleibt nur zarter Halme leises Rauschen,
die süßen Worte, die so bald verwehen,

die Abschiedsworte, die Hand in Hand wir tauschen.

 

Nov 16 19

Horaz, Ars poetica, 156–178

Aetatis cuiusque notandi sunt tibi mores,
mobilibusque decor naturis dandus et annis.
Reddere qui uoces iam scit puer et pede certo
signat humum, gestit paribus conludere et iram
colligit ac ponit temere et mutatur in horas.               160
inberbus iuuenis tandem custode remoto
gaudet equis canibusque et aprici gramine Campi,
cereus in uitium flecti, monitoribus asper,
utilium tardus prouisor, prodigus aeris,
sublimis cupidusque et amata relinquere pernix.               165
Conuersis studiis aetas animusque uirilis
quaerit opes et amicitias, inseruit honori,
commisisse cauet quod mox mutare laboret.
Multa senem circumueniunt incommoda, uel quod
quaerit et inuentis miser abstinet ac timet uti,               170
uel quod res omnis timide gelideque ministrat,
dilator, spe longus, iners auidusque futuri,
difficilis, querulus, laudator temporis acti
se puero, castigator censorque minorum.
Multa ferunt anni uenientes commoda secum,               175
multa recedentes adimunt. Ne forte seniles
mandentur iuueni partes pueroque uiriles;
semper in adiunctis aeuoque morabitur aptis.

 

Jeglichen Alters Ethos solltest fein du verzeichnen,
schneidere jedem Charakter altersgemäße Kostüme.
Worte plappert der Knabe schon nach, seine Fußspur
zeigt sich im Lehm, er spielt gern mit Freunden, und übermannt ihn
Zorn, ist er gleich wieder brav, ein rollender Spielball der Stunden.                160
Flaumlos noch der Jüngling, den Aufpasser endlich vom Halse,
tollt er mit Pferden und Hunden, im Gras des sonnigen Spielfelds,
Wachs in der Laster Hand, für Moralapostel wie Leder,
sieht nicht, was morgen zählt, und zählt nicht, was heut er verjubelt,
gierend nach Hirngespinsten verstößt er das Herz seines Herzens.                165
Neuen Zielen geneigt strebt das reife Alter nach Geltung,
bildet Freundeskreise, stellt sich in den Dienst eines Amtes,
scheut vor Dingen zurück, die man nicht so leicht wieder loswird.
Manch Beschwernis umlauert den Greis, kaum hat er gefunden,
was ihm im Sinn war, läßt miesepetrig erʼs liegen, er scheut die                170
Nähe oder faßt alles nur bang an, mit fröstelnden Händen,
zaudert, vag hoffend und schlaff, das Morgen sollʼs bringen,
heikel, ein Krittler, voll des Lobs für verflossene Zeiten,
da er noch jung war, geißelt er, brandmarkt die Unart der Jugend.
Vieles Angenehme bringen sie uns, die kommenden Jahre,                175
vieles rauben die scheidenden wieder. Doch was den Alten
ziemt an Rollen, laß Jugend nicht spielen, nicht Knaben wie Männer,
stets wird man bleiben bei dem, was jedem Alter gemäß ist.

 

Nov 15 19

Letzte Rosengluten

Verlöschen letzte Rosengluten
und neigen Blüten sich zur Erde
in weicher Schmerzgebärde,
dann send uns, Abend, blaue Fluten.

Verebbt der Ruf der Purpurreiher,
Erinnerung an den Süden
bezwang das Herz der Müden,
dann webe, Traum, den zarten Schleier.

Klirrt dumpf der grüne Geisterspiegel,
aus denen Schwäne tranken,
des Lebens bunte Bilder sanken,
dann hüll uns, Nacht, in sanfte Flügel.

 

Nov 14 19

Schubert

Wo deine große Seele singt,
rührt sich an der hohen Mauer
Efeu, grünen Lebens Trauer,
dem weicher Regen Funkeln bringt.

Im Moos, der dunklen Erde Schlaf,
hörst du, Traum ward alles Sinnen,
Tropfen zitternd niederrinnen,
den Ton, der dich im Herzen traf.

Und weitet sich des Atems Gang,
seufzen Wasser, die schon sinken,
Rosen haben wieder Trinken,
und die Verzagten lauschen bang.

Im kargen Dasein unerreicht,
Liebe kommt, dich anzuschauen,
gib die Veilchen ihr, die blauen,
denn Liedes Tau hat sie erweicht.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=-FEODPzkKSw

 

Nov 14 19

Erfrorene Bienen

Daß unter Himmels grauer Leere,
Schnee deckt der Halme Rauschen zu,
des Mundes Blume wiederkehre,
das Leid im Liede atme Ruh!

Von Leichentüchern sind die Schwellen
zu Lebens Triften bleich verhüllt,
verebbt sind grünen Lichtes Wellen,
die dunkle Herzen angefüllt.

Des Gartens bienen-goldnes Singen
erfror in Kelchen aus Kristall.
Wo wir durch rote Tulpen gingen,
rollt eines Mondes weißer Ball.

Daß frostbehauchte Totenaue,
Reif glitzert kalt auf Kreuz und Gruft,
der Liebe Träne wieder taue,
der laue Abend atme Duft!

 

Nov 13 19

Das weite Tal des Gleichmuts

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Warum um Himmels willen soll denn ALLES auf EINES (oder überhaupt auf ETWAS) hinauslaufen, das strömende Chaos sich in eine höhere Ordnung ringeln und kringeln, die schlammigen Flüsse ins Meer des Lichtes münden, die bunten sybillinischen Blätter der Seele auf der dünnen Leine einer grauen Allegorie zum Bleichen aufgehängt werden, die tausend Geschichten der Perser, Griechen, Römer, Germanen im preußischen Licht einer blassen sittlichen Sonne als EINE Geschichte lesbar werden?

Nur Sätze haben Sinn, das Dasein der Menschheit hat keinen.

Die von sich behaupten, alles von Adam bis Adolf übersehen zu können, sind blind für die Abgründe, die sich zwischen den Zeiten, den Völkern, den Sprachen auftun.

„Geschichte der Stadt Osnabrück“ – na schön; „Geschichte der Philosophie“ – das riecht schon nach Betrug.

Gewiß, wir können Abgründe der Zeit überspringen: Wenn Horaz von den unterschiedlichen Rollen, Charakteren und sittlichen Masken spricht, wie sie auf der Bühne der Welt und des Schauspieles auftreten und vom Dichter geformt werden sollen (ars poetica, 156 ff.), verstehen wir genau, was er meint; denn wie die biologische Polarität der Geschlechter stattet uns auch der natürliche Prozeß des Alterns mit den immer gleichen habituellen Gepflogenheiten, mit den bis zur Monotonie gleich gedrechselten und geschnitzten Phrasen und Physiognomien aus.

Der Kleinbürger vermag den Graben zwischen seinem idyllischen Traum von der Gartenlaube (oder bei bierseliger Laune den obszönen in derselben) und den mythischen Größenphantasien der Cäsaren oder der Vision der Symbolisten von der reinen, vollkommenen lyrischen Sprache, die leer, ohne Inhalt ist wie der rosige Schimmer der Nachmittagssonne auf welken Hortensien, nicht zu überspringen.

Unüberbrückbare Welten liegen zwischen den ohne Mörtel verfugten Quadern der Sprache Cäsars und den leise plätschernden Seufzer-Wellen Brentanos.

Seltsamerweise verbindet bisweilen das Absurde, das Irrationale, der Albtraum Menschen fernster Zeiten und Regionen mehr als Sippenangehörige die Gemeinschaft des Blutes. Denn es ist dasselbe Feuer, das in der Hölle der Buddhisten, Christen und Mohammedaner die Verdammten brät, auf daß sich die Erlösten an ihren Qualen und Schreien delektieren.

Horaz deutet an (ars poetica 203 ff.), wie der von den Griechen übernommene Aulos (eine Art Doppel-Oboe) von einem primitiven Ding aus Holz oder Knochen zu einem raffinerten Musikinstrument aus Metall mit Klappen verfeinert wurde, sodaß die auf ihm im Theater zu Gehör gebrachten Melodien präziser ausgeführt und ausdrucksreicher vorgetragen werden konnten. Dieses Detail ist in ein größeres Mosaik kulturgeschichtlicher Betrachtung eingefügt, wonach sich der schlichte Geschmack eines noch bäurisch geprägten Theaterpublikums subtilisiert, ja dekadenter Übersteigerung zugeneigt habe, nachdem sich aus einem Bauernvolk in Waffen nach der Niederwerfung der Karthager, des römischen Hauptfeindes, in der ihr zugewachsenen Muße eine Elite verwöhntester Ansprüche herausgebildet hat:

Postquam coepit agros extendere uictor et urbes
latior amplecti murus uinoque diurno
placari Genius festis impune diebus,
accessit numerisque modisque licentia maior.

Darauf begann der Sieger das Land zu vergrößern, die Städte
dehnten den Mauerring aus und an festlichen Tagen ward straflos
schon am hellen Tage getrunken, ein Hoch auf den Genius,
da sind Versmaß und Melodie ins Kraut aufgeschossen.

Horaz blickt auf die Phänomene einer luxurierenden Selbstfeier der Elite, vielleicht im Schatten der konservativen Augusteischen Kulturpolitik, ersichtlich skeptisch, der wackere, biedere Mann ist ihm, dem Artisten auf dem lyrischen Hochseil, lieber als der Spätling, der, den Kopf in farbig ausgeleuchteten Klangwolken, den Boden unter den Füßen zu verlieren droht.

Die Zügel im Zeichen der großen Freiheit schleifen lassen führt in Verwahrlosung, Verluderung und Verbrechen; sie unter dem Banner der starren Ordnung eng um Seele und Leib zu schnüren, macht fühllos und stumpf.

Erst ließen sie Haare und Nägel wachsen, und stank es auch in der Bude, sie gaben sich genialisch; dann kamen sie kahlgeschoren in härenen Hemden nach Haus und knallten dir die radikale Phrase vor den Kopf.

Die Weisheit der Antike sieht den Moment im Wechsel und Fluß und weiß um seine Wiederkehr, auf Regen folgt Sonnenschein, erst herrscht der Monarch, dann eine Elite, schließlich der Pöbel, dann geht es wieder von vorne los. Die Borniertheit der Moderne sieht den Moment als Phase eines zielhaften Laufs, der im Idealzustand oder mindestens in der eigenen Selbstgefälligkeit gipfelt.

Weil gewisse Kleingeister abstrakte Kunst und atonale Musik für entartet ansehen, bin ich nicht gehalten, sie zu schätzen oder zu lieben.

Zwischen den Gipfeln der Neigung und Abneigung dehnt sich das weite Tal des Gleichmuts, wo die Betrachtungen stiller und flüchtiger schön die Wolken sich zeigen.

Auf dem Kuhfladen schimmern purpurne Mücken.

Hätte er anders handeln können? Wir wissen es nicht; das entbindet uns nicht der Pflicht, ihn zu maßregeln oder zu bestrafen, falls er eine Untat beging.

Der bissige Hund wird noch ärger wüten, wenn wir ihn von der Kette nehmen.

Sie überschwemmen die Seiten mit freien Versen, weil sie das Wasserzeichen der Strophe nicht fanden.

Die großmäulig und hemdsärmelig die Konventionen von Metrum und Rhythmus mißachten, grüßen brav ihren Verleger und überreichem dem Lektor einen Blumenstrauß.

De Sade wird nicht dadurch erträglich, daß beschriebener Kot nicht stinkt.

Autoren, die mit Worten ringen und ihre Niederlage penibel zu Protokoll geben, können Scharlatane oder Märtyrer sein, manchmal findet man nicht heraus, was von beidem.

Frauen wurden als das schwächere Geschlecht deklariert, weil sie fühlender als der Mann dem Sturm nachgeben, an dem dieser zerbricht, länger leben und weniger bereuen, das Schicksal aus ihren Augen blitzt und ihr Schoß die Lebensmacht birgt.

Des Mannes Ohnmacht ist seine Potenz.

Wer den Kreislauf der Eliten beschleunigen möchte, soll sich auch offen zu den Spänen bekennen, die das große Hobeln erzeugt.

In den finsteren Katakomben der Macht hält der Machthaber vor dem Wurm seine Shakespeare-Monologe.

Man muß gleichmütig wie Diogenes werden, um sich unter dem schlechten Atem der moralischen Erpressung nicht zu übergeben.

Das Monster zu Füßen, zu Häupten den Engel, das macht noch kein Weltendrama.

Zwischen nächtlichem Schweigen und dem Lärm des Tages die grauenden Nebel, in denen fremd und unverständlich Rufe hallen, man weiß nicht, wem sie gelten.

Hat alles gelesen, sinkt sprachlos ins Grab.

Wir kneten unsere Zeichen nicht in den Lehm der Natur; diese muß mitschwingen, damit sie uns mitteilen und tragen.

Das Spielkind lugt erst scheu hinter der Schürze der Mutter hervor, dann lächelt es, reißt sich los und läuft auf die Spielkameraden zu.

Das Spielkind kann bis ins hohe Alter unvermutet wieder lächeln und sich plötzlich wieder losreißen.

Bittere Armut beschmutzt die Seele genauso wie obszöner Reichtum.

Die Verklärung des Hungerleiders und Depravierten ist die Christentum und Sozialismus gemeinsame Dummheit.

Was den moralisch immer Empörungsbereiten in Harnisch bringt: ein zufriedenes Leben, das sich um andere nicht schert, sondern im Stillen sich an den Früchten des eigenen, sorgsam eingehegten Gartens gütlich tut.

 

Nov 12 19

Frostige Terzinen

Gefrorene Tropfen, Lichtkristalle hängen
an toten Fäden, blitzen, wenn sie beben.
Es ist, als ob die weißen Schalen klängen,

die überm Schlaf der Weidenbüsche schweben,
und weicher lösen Bilder sich in Teichen.
Die Schwermut will den dunklen Blick nicht heben –

er haftet fern am Gold von Sonnenreichen –
nicht eignen Schmelzens bunte Schlieren schauen,
die unterm wilden Flockenfluge bleichen.

Und Träne wird den Schmerzkristall nicht tauen.

 

Nov 11 19

Mimnermos, Distichen

τίς δὲ βίος, τί δὲ τερπνὸν ἄτερ χρυσῆς Ἀφροδίτης,
τεθναίην ὅτε μοι μηκέτι ταῦτα μέλοι,
κρυπταδίη φιλότης καὶ μείλιχα δῶρα καὶ εὐνή,
οἷ᾽ ἥβης ἄνθ εα γίγνεται ἁρπαλέα
ἀνδράσιν ἠδὲ γυναιξίν: ἐπεὶ δ᾽ ὀδυνηρὸν ἐπέλθῃ
γῆρας, τ᾽ αἰσχρὸν ὁμῶς καὶ κακὸν ἄνδρα τιθεῖ,
αἰεί μιν φρένας ἀμφὶ κακαὶ τείρουσι μέριμναι,
οὐδ᾽ αὐγὰς προσορῶν τέρπεται ἠελίου,
ἀλλ᾽ ἐχθρὸς μὲν παισίν, ἀτίμαστος δὲ γυναιξίν,
οὕτως ἄργαλέον γῆρας ἔθηκε θεός.

 

Was wär Leben, Genuß ohne Aphrodite, die goldne,
lieber wär ich tot, wäre dies mir abhold,
heimliches Kosen und schmeichelnde Gaben und Freuden des Bettes,
Blüten der Jugendzeit sind so voller Reiz
Männern wie Frauen: Wenn aber kummerbeladen das Alter
anrückt, das häßlich macht und entwürdigt den Mann,
reißen den Geist in Stücke ihm die widrigen Sorgen,
und sein Herz erquickt nicht mehr der Sonnenschein,
Knaben ist er verhaßt, nicht achten seiner die Frauen,
solche schwere Last häufte dem Alter der Gott.

 

Nov 11 19

Winter-Terzinen

Nun sieht man tote Blätter, Hülsen treiben
auf trüben, sonnenfernen Teichen, Funken
aus Aschen stieben, Blicke, die nicht bleiben.

Das Gold des Herbstes ist hinabgesunken,
verschüttet ist der lichte Tau der Trauben,
des Glückes Wein, den ich nicht ausgetrunken.

Wie einsam ist das Gurren der Turteltauben,
wie einsam ist das Herz, es pocht ins Leere,
gespenstisch starren Sommers kahle Lauben.

Daß Mondes kalte Sichel wiederkehre,
es wie verdorrte Halme hinzumähen,
und heim zur Erde fiele alles Schwere.

Dann kommt und schlinget, Schnäbel wilder Krähen!

 

Nov 11 19

Rauschen, versickern

Wie könnt es ein Lächeln geben ohne Augen
und Mund, Gesichtes Wahrheit am menschlichen Körper,
doch lächelt kein Körper, sondern ein menschliches Wesen.

Ist Lächeln wie Weinen Ausdruck seelischen Lebens
und kann verleibt nur lächeln der Mensch, so wissen
wir, Plato lag falsch, unkörperlich ist keine Seele.

Wie könnt es Gedanken geben ohne die Zeichen
für richtig und falsch, den falschen Satz verneinen,
den wahren bejahen wir sprachbegabten Tiere.

Ist Reden wie Denken Ausdruck gemeinsamen Lebens
und werden in Zeichen Gedanken sichtbar, so wissen
wir, fehl ging Descartes, rein innerlich ist kein Gedanke.

*

Wir leben die Jahreszeiten der Seele, wurzelnd
im Mutterboden der Sprache, fruchtend, verdorrend.
Gefrorene Quellen unterm Bogen wechselnder Monde

sind ausgesetzt wir auf verschneiten Gipfeln des Schweigens.
Kommt gütig der Strahl und taut uns, rinnen wir rauschend
einander entgegen, doch müssen wir wieder versickern.

 

Nov 10 19

Weißt du noch

Weißt du noch die jähen Regenschauer,
als uns alte Gräber eitel fanden,
weißt du noch den Efeu an der Mauer,
als an Kreuzen wir verlegen standen,

und das schöne Weib, das kleine Kerzen
pflanzte auf des schmalen Grabes Moose?
Sind wie Wolken ihre, unsre Schmerzen
ganz entrückt, wie dunkler Duft der Rose?

Bleibt von allem, was wir innig fühlen,
denn kein Rest als dumm ein Fleck von Tränen,
wenn wir in vergilbten Briefen wühlen?
Was, am Ende bleibt nur ödes Gähnen?

 

Nov 9 19

Die Flucht vor der Leere

Schau jene heimlich an,
die sich einsam wähnen,
sie stehen lose dumm herum,
wie vor gischtendem Wasser
mit eingezogenem Schwanz
der zitternde Hund.
Sie spielen mit der Kippe
im asphaltierten Hinterhof,
oder an der Haltestelle,
wenn es dunkel wird,
zählen sie die Lichter,
die dort im Hochhaus
flackern eines nach dem andern auf:
Keiner ist ja innerlich erfüllt,
selig in sich selbst,
nein, Augen schweifen,
Blicke irren, ob es wo
doch irgendetwas gibt,
das erregt, des dumpfen Fühlens
Laken, das schlaff herabhängt,
ein heißer Windstoß bläht,
Schläfe, wo der Schlummer pocht,
ein süßer Faustschlag weckt.
Weint da nicht ein Kind,
fällt vom Dach kein Vogel,
wird kein Mensch geschlagen,
schreit es nicht im Untergrund,
quillt aus keuschem Mund kein Blut?
Dann und wann genügt ein Blatt,
das vorm Winde raschelnd rollt,
das monotone Tropfen
eines Wasserhahns,
ein dummer Gassenhauer,
den ein Witzbold pfeift –
schöner freilich wäre,
schwebte ihnen jählings
wie Dämmerlaubes Pfirsich
einer Wange weicher Flaum.
Der Käfer, der unter der Bank
aus dem Dunkel krabbelt,
ist auch sein Horn
ein Abendrot aus Ebenholz,
ist allzu fern und kann den hohlen
Geist mit seinen kleinen
Augenpunkten nicht erfüllen,
schon wirft ein eleganter Schuh
seinen Schatten über ihn,
und es knirscht.
Tötungslust ist unausrottbar
ein Trieb, seine Wurzeln
saugen Tropfen der Bitternis
aus einer Luft,
in der die Bläue nicht mehr träumt.
Denn alle Leere in der Welt
wird uns zur Hohlform einer Gier,
für die kein Reiz mehr abfällt,
Gier des nimmersatten Ohrs und Blicks,
Mutwillen, dem kein Kitzel
die Haare aufstellt,
lauernde Trübsal,
der nichts klingt und klatscht
wie wilden Sinns geworfner Stein
aus schwarzem Brunnenloch.
Es hockt der Dämon schon
am Tor des Lebens
und darüber steht:
„Die ihr tretet ein,
laßt alle Hoffnung fahren!“
Doch kein Vergil gibt uns Geleit,
und Beatrice hebt uns
auf die Schwelle nicht,
wo Gnadenstrahl erwärmt.
Uns ist des Daseins Hölle ohne Sinn
der Flammen, die bestrafen oder sühnen,
Inferno ist uns Langeweile,
das ohne Feuer brennt,
wenn flammenlos
die Seele Ödnis dörrt.
Das müde Erz des Willens schmiedet
dieser Dämon zum Hammer um
und zerschlägt die Schale
eines tauben Eis,
das voller Luft und unfruchtbar.
Man schnippt die Kippe weg,
heilfroh, wie trunken
unters Surren der Maschinen
sich zu ducken,
in den Pferch des flatternden
Geschwätzes sich zu zwängen,
man seufzt erleichtert auf,
wenn der Nachtbus hält,
seines Grinsens blöde Maske
der Nachbar ins grelle Licht uns rückt.
Nur das Kind ist nicht allein
mit des eignen Atems
Wogen oder Wolken,
im Tropfen und im Blatt,
im Käfer und im Lied
findet es sein Ebenbild,
nur der Genius ist einig
einsam mit sich selbst,
sprüht auch wunderlich
der Seele Scheit
ein letztes Mal,
bevor es ausgeglüht
zum Abgrund stürzt.

 

Nov 7 19

War schwer das Leben

Noch einmal gehen Hand in Hand
wir durch den alten Garten,
und häuft sich rings auch schon der Sand,
die liebe Sonne kann noch warten,
noch lädt der Hyazinthen süßer Schein
uns zu verweilen ein.

War schwer das Leben, machte wund
und wirr bei Tag und Nacht.
Und kam doch manches gute Wort aus deinem Mund,
und war dein Lächeln doch so sacht,
es achtete ja nicht sein,
wie jener Hyazinthen süßer Schein.

Und war es dunkel, war es licht zugleich,
wie deine Tränen, Liebe war ihr Funkeln.
So gehen wir noch einmal bis zum Teich
und schauen, ob noch kleine Vögel trinken,
bevor die hohen Blätterkronen dunkeln
und Herz an Herz wir aneinandersinken.

 

Nov 7 19

Horaz, Oden, Buch IV, 12

Iam veris comites, quae mare temperant,
impellunt animae lintea Thraciae,
iam nec prata rigent, nec fluvii strepunt
hiberna nive turgidi.

Nidum ponit, Ityn flebiliter gemens,
infelix avis et Cecropiae domus
aeternum obprobrium, quod male barbaras
regum est ulta libidines.

Dicunt in tenero gramine pinguium
custodes ovium carmina fistula
delectantque deum, cui pecus et nigri
colles Arcadiae placent.

Adduxere sitim tempora, Vergili;
sed pressum Calibus ducere Liberum
si gestis, iuvenum nobilium cliens,
nardo vina merebere.

Nardi parvus onyx eliciet cadum,
qui nunc Sulpiciis accubat horreis,
spes donare novas largus amaraque
curarum eluere efficax.

Ad quae si properas gaudia, cum tua
velox merce veni! Non ego te meis
inmunem meditor tinguere poculis,
plena dives ut in domo.

Verum pone moras et studium lucri,
nigrorumque memor, dum licet, ignium
misce stultitiam consiliis brevem:
dulce est desipere in loco.

 

Frühlingsboten, des Meers Wogenschwall sänftigend,
machen Segel nun prall, Luftgeister Thrakiens,
nicht mehr starren von Frost Wiesen, nicht rauscht der Fluß
von Schmelzwasser geschwollen.

Sein Nest baut, Jammers voll, Itys beweinend,
der Unglücksvogel nun, ewige Schmach dem Haus
der Kekropen, der so schrecklich gerächt hat des
Königs wilde Begehrlichkeit.

Im weich wogenden Gras spielen die Hirten der
fetten Schafe ihr Lied auf ihrer Flöte dem
Gott zur Freude, der gern schaut auf das Vieh und die
dunklen Hügel Arkadiens.

Solch ein Wetter, Vergil, macht einen durstig. Doch
willst du kosten vom Wein, frisch aus den Kellern von
Cales, ein Schützling du adliger Jugend, so
gib mir Narde dafür im Tausch.

Schon ein Onyxgefäß, nardegefüllt, entlockt
den Krug, ruhend im Hort noch des Sulpicius,
reichlich spendet er uns Hoffnung, die Bitternis
des Kummers aber spült er fort.

Willst du solchen Genuß, eile herbei mit dem
Kaufpreis! Nicht sollst du mir, mein ich, umsonst aus den
Bechern netzen den Mund, kommst du doch nicht in ein
Haus, das von Reichtum nur so strotzt.

Also zaudere nicht, laß von der Gier nach mehr,
denke bitte daran: Flamme läßt Asche nur.
Lüfte deinen Verstand mit etwas Albernheit:
Unsinn treiben tut manchmal gut.

 

Nov 6 19

Horaz, Oden, Buch IV, 2

Pindarum quisquis studet aemulari,
Iulle, ceratis ope Daedalea
nititur pinnis, uitreo daturus
nomina ponto.

Monte decurrens uelut amnis, imbres
quem super notas aluere ripas,
feruet inmensusque ruit profundo
Pindarus ore,

laurea donandus Apollinari,
seu per audacis noua dithyrambos
uerba deuoluit numerisque fertur
lege solutis,

seu deos regesque canit, deorum
sanguinem, per quos cecidere iusta
morte Centauri, cecidit tremendae
flamma Chimaerae,

siue quos Elea domum reducit
palma caelestis pugilemue equomue
dicit et centum potiore signis
munere donat,

flebili sponsae iuuenemue raptum
plorat et uiris animumque moresque
aureos educit in astra nigroque
inuidet Orco.

Multa Dircaeum leuat aura cycnum,
tendit, Antoni, quotiens in altos
nubium tractus; ego apis Matinae
more modoque

grata carpentis thyma per laborem
plurimum circa nemus uuidique
Tiburis ripas operose parvus
carmina fingo.

Concines maiore poeta plectro
Caesarem, quandoque trahet ferocis
per sacrum cliuum merita decorus
fronde Sygambros;

quo nihil maius meliusue terris
fata donauere bonique diui
nec dabunt, quamuis redeant in aurum
tempora priscum.

Concines laetosque dies et urbis
publicum ludum super impetrato
fortis Augusti reditu forumque
litibus orbum.

Tum meae, si quid loquar audiendum,
uocis accedet bona pars, et: ‘O sol
pulcher, o laudande!’ canam recepto
Caesare felix;

teque, dum procedis, io Triumphe!
non semel dicemus, io Triumphe!
ciuitas omnis, dabimusque diuis
tura benignis.

Te decem tauri totidemque uaccae,
me tener soluet uitulus, relicta
matre qui largis iuuenescit herbis
in mea uota,

fronte curuatos imitatus ignis
tertius lunae referentis ortum,
qua notam duxit niueus uideri,
cetera fuluus.

 

Pindar eifert einer nur nach, wer auffliegt,
Iullus, mit des Dädalus Kunstwerk, Flügeln,
fein mit Wachs verpicht, um Namen zu geben
spiegelndem Meere.

Wie vom Berge stürzet herab der Fluß, den
Schauer über sichere Ufer schwellten,
tost und braust aus unauslotbaren Tiefen
Pindar hernieder,

ihm gebührt der Lorbeer Apolls, weil er
neue Wortgetüme hoch wälzt auf kühne
Dithyramben, stürmisch wogen ihm Verse
über die Maße,

weil er Götter singt und die Helden, ihrem
Blut entsprossen, und ins Gericht sinken
ließ durch sie Kentauren, sinken Chimäras
Grausen, die Flamme,

oder jene singt, die elischer Palmzweig herrlich
heimgeleitet, Sieger im Faustkampf oder
Wagenrennen, seine Gabe wiegt mehr als
hundert Skulpturen,

oder Tränen weint für den Jüngling, seiner
armen Braut entrissen, sein Leben macht er,
Geist und Daseinsglanz zum Sternbild, dem dunklen
Orkus mißgönnt erʼs.

Hohe Lüfte heben den Schwan der Dirke,
spannt, Antonius, er seine Flügel über
Wolkengipfeln, wie matinische Bienen
aber treib ich es,

die den süßen Thymian sammeln, mühsam
wimmelnd, so beim Hain und den feuchten Tiber-
ufern form ich schwachen Geistes die Waben
meiner Gedichte.

Du, ein Dichter größeren Atems singst dem
Cäsar, wenn er einmal die wilden schleppt zum
Weihehügel, die Sygambrer, geehrt mit
Blättern von Lorbeer.

Nichts, was größer, besser als dieser gab
Schicksal je dem Erdkreis, nie geben wieder
so die guten Götter, kehrten zurück auch
goldene Zeiten.

Frohe Tage wirst du besingen, Spiele
offner Stadt, da endlich Augustus heimkehrt
mächtig, und das Forum ruhet verwaist vom
Streit der Parteien.

Dann mag meiner Stimme Gewicht mitschwingen,
wenn ein Ohr sich neigen ihr mag, so sing ich
„O du schöne Sonne, sei mir gepriesen!“
glücklich vor Cäsar.

Nicht nur einmal rufen Triumph wir, wenn du
aufwärts schreitest, dein der Triumph, rufen
alle Römer, und wir opfern den Weihrauch
gütigen Göttern.

Dein Gelübde lösen zehn Stiere ein und
ebensoviel Kühe, ein zartes Kalb, längst
eine Waise, rupfend saftige Kräuter
für mein Gelübde,

auf der Stirn das Zeichen des Sichelmondes,
der am dritten Tag wieder aufgeht, solch ein
Mal, wie reiner Schnee so glänzet es auf, doch
goldbraun der Körper.

 

Anmerkung zur metrischen Wiedergabe:
Die Übersetzung bedient sich der sapphischen Strophe in der Version Hölderlins (Wechsel des Daktylus im dritten Vers).

 

Nov 5 19

Horaz, Oden, Buch IV, 7

Diffugere nives, redeunt iam gramina campis,
arboribus comae;
mutat terra vices et decrescentia ripas
flumina praetereunt;

Gratia cum Nymphis geminisque sororibus audet
ducere nuda chors.
Inmortalia ne speres, monet annus et almum
quae rapit hora diem.

Frigora mitescunt Zephyris, ver proterit aestas
interitura, simul
pomifer autumnus fruges effuderit, et mox
bruma recurrit iners.

Damna tamen celeres reparant caelestia lunae:
nos ubi decidimus,
quo pater Aeneas, quo dives Tullus et Ancus,
puluis et umbra sumus.

Quis scit, an adiciant hodiernae crastina summae
tempora di superi?
Cuncta manus auidas fugient heredis, amico
quae dederis animo.

Cum semel occideris et de te splendida Minos
fecerit arbitria,
non, Torquate, genus, non te facundia, non te
restituet pietas;

infernis neque enim tenebris Diana pudicum
liberat Hippolytum,
nec Lethaea valet Theseus abrumpere caro
vincula Pirithoo.

 

Schnee ist weggeronnen, schon grünen wieder die Felder,
wieder belaubt sich der Baum.
Erde wechselt ihr Antlitz, und sanfter gehend an Ufern
strömen die Wasser dahin.

Anmut wagt vor den Nymphen und Zwillingsgeschwistern
nackt hinzuschreiten im Tanz.
Hoffe nichts über den Tod hinaus, mahnt das Jahr und die Stunde,
löschend das liebliche Licht.

Milder wird es, weht es von Westen, Frühling, er weicht vorm
Sommer, auch dieser vergeht,
wenn die Äpfel goldener Herbst verstreut, und da nahet
Gähnen erregend der Frost.

Mondes verdunkeltes Angesicht, voll strahlt es ja wieder,
wir aber, sanken wir hin,
wo weilet Vater Äneas, wo der prächtige Tullus und Ancus,
Staub sind wir, Schatten nur noch.

Wer denn weiß, ob die hohen Götter der Spanne des Heute
fügen ein Morgen hinzu?
Alles das zerrinnt in den gierigen Händen des Erben,
was du dir glücklich vergönnt.

Bist du aber tot, hat Minos den glänzenden Richtspruch
über dich einmal gefällt,
dient, Torquatus, Adel dir nicht, nicht strömendes Wort noch
fromme Gesinnung zum Heil.

Weder entreißt der Finsternis drunten Artemis ihren
keuschen Hippolytos je,
noch kann Theseus von Schlingen an Lethes Ufern erlösen
seinen geliebten Peirithoos.

 

Nov 4 19

Sommers Farben sind verblichen

Sommers Farben sind verblichen,
in den Rinnen trudeln lose
weiße Blüten einer Rose,
schöne Zeichen durchgestrichen,
Sommers Farben sind verblichen.

Herbstes Nächte sind voll Bangen,
enger stehen kahle Mauern,
Stunden, die so lange dauern,
Liebe ist früh ausgegangen,
Herbstes Nächte sind voll Bangen.

Wintertage sind wie Schleier,
Schnee erstickt die fernen Glocken,
Tag versinkt im Traum der Flocken,
Mond erglüht zur Totenfeier,
Wintertage sind wie Schleier.

Könntest du auf Frühling hoffen,
wenn die blauen Veilchen schauen
wie die Augen zarter Frauen,
o dein Herz hätt wieder offen,
könntest du auf Frühling hoffen.

 

Nov 4 19

Bote bin ich

Ich bin die Lerche, die dich hebt
auf weichen Fühlens Schwingen
in blauen Abgrunds Singen,
Schwirren bin ich, das belebt.

Ich bin die Sonne, die dir blitzt
auf wehmutdunklem Weiher,
aufsteigen Feuerreiher,
Lichtdorn bin ich, der dich ritzt.

Ich bin die Windsbraut, die dir wirrt
ins Gras des müden Herzens
die Wirbel wilden Scherzens,
Luftgeist bin ich, der dich kirrt.

Ich bin der Schauer, der dir netzt
die Karste fahlen Glimmers
mit Tropfen frohen Schimmers,
Wolke bin ich, die dich letzt.

Ich bin der Adler, der dich schickt
auf hohen Fühlens Flügel
zu Himmels blauem Hügel,
Bote bin ich, der entrückt.

 

Nov 3 19

Gras war unsres Fühlens Zittern

Zärtlich sind die leisen Lieder
zwischen Mond und Laub geflossen,
Duft gab unsrer Liebe Flieder,
Tau hat Anmut ausgegossen.

Perlmutt hat die lichte Hülle,
wo die zarten Perlen prangen,
einer Muschel weiche Stille,
kühlend Kusses heiße Wangen.

Gras war unsres Fühlens Zittern,
unser Seufzen dunkle Moose,
und aus deines Herzens Gittern
brach der Purpurstrahl der Rose.

 

Nov 3 19

Was sollen mir Rosen

Was sollen mir Rosen,
was mir Narzissen,
mir sagenʼs Dornen,
ich muß dich missen.

Was Lichtes Locken,
was Taugefunkel,
mein Mund ist trocken,
mein Herz ist dunkel.

Mir gurrt die Taube,
als würd sieʼs wissen,
im Schattenlaube,
ich muß dich missen.

 

Nov 3 19

Ferner, immer ferner

Fremder tönt der Dome dumpfes Läuten,
und der deutschen Ströme blaue Wellen,
die den Vers der großen Dichtung schwellen,
sind verstummt im Ohre fremder Meuten.

Ferner, immer ferner leuchten Blüten,
die im Garten deutscher Lieder standen,
Rosen, die zum Reime sie sich wanden,
wo undichterische Hände wüten.

Näher, immer näher gellen, schrillen
Kehlen, die vom Weine ungewaschen,
Ratten wühlen in den Ahnenaschen,
Kerzen flackern um die Schar der Stillen.

 

Nov 2 19

Im Märchenland

Wohin denn, Liebe, fliehen?
Ins Märchenland,
wo die Orangen glühen.

Kann ich sie dir auch pflücken?
Mit sanfter Hand
magʼs dir wohl glücken.

Wie sollen wir dorthin gelangen?
Uns trägt der Strahl,
der unser Herz umfangen.

Kann unser Herz denn fliegen?
Die Schwermut fahl
wird Morgenrot besiegen.

Ob uns die Früchte munden?
Wie Küsse süß,
an denen wir gesunden.

Und werden sie uns stillen?
Was sie uns wies,
das Lied wird in uns quillen.

 

Nov 2 19

Weiß nicht, wie mir ist

Fernher sommerblaues Flirren,
weiß nicht, wie mir ist,
nah von Schwalben hohes Sirren.
Hast du mich geküßt?

Ward ich unter Blumen-Lidern
oder Tränen blind,
matt an schlummerwarmen Fiedern,
die wie Locken sind?

Tropfen, die von Halmen fallen
auf des Schlafes Saum
wie ein liebetrunknes Lallen,
ach, ich hör sie kaum.

 

Nov 1 19

Der Sinn des Lebens

Wenn Staub auf Herz und Halmen liegt,
die Träume sind im Dunst verschollen,
sieh, wie der Pfad ins Blaue biegt,
wo Veilchen deine Seufzer wollen.

Der Sinn des Lebens fällt als Nuß,
gehst du im Herbst auf feuchten Wegen,
dir unvermutet vor den Fuß,
so dumpf der Klang, er kündet Segen.

Und ist das Nest des Herzens leer,
entflogen sind des Sommers Vögel,
blitzt plötzlich überm grauen Meer
der Schwermut dir ein Möwenflügel.

Macht stumme Fron kein Weltgedicht,
nicht Traumes Wahn und Tages Harmen,
o Blume öffne dein Gesicht,
dein Lächeln schenkt das Lied den Armen.

 

Okt 31 19

Schimmer

Ich hab noch wenige Schimmer
Goldes mir aufbewahrt,
in einem nebligen Wiesental
von Abendsonnen gemalt.

Und eines Klanges reinen Kristall
in gehärteten Tropfen,
die unterm Wintermond erglühn
und auf Frühlinge hoffen.

Ich hab von grünem Schweigen
Moos auf die Schwelle getan,
wenn lieblich Astern sich zeigen,
kehrst heim du auf sonniger Bahn.

 

Okt 31 19

Seelen, Flammen

Umeinander züngelnde Seelen,
wollet euch das Opfer bringen,
müßt mit Küssen euch verfehlen,
Flammen, die vergebens singen.

Hände, die zu Herzen fühlen,
Lippen, die sich Dunkles sagen,
müßt an blauer Nacht erkühlen,
dunkler tönt der Quelle Klagen.

Augen, die einander glänzen,
Teiche eingetauchter Sonnen,
könnt das Bild euch nicht ergänzen
mit dem Golde stummer Wonnen.

Todestrunkne Schauer sprühen
und die müden Flammen sinken,
Rosen, die dem Schmerz erblühen,
geben euch den Tau zu trinken.

 

Okt 30 19

Giovanni Pascoli, Temporale

Aus: Myricae

Un bubbolìo lontano…

Rosseggia l’orizzonte,
come affocato, a mare:
nero di pece, a monte,
stracci di nubi chiare:
tra il nero un casolare:
un’ala di gabbiano.

 

Gewitter

Grollen fernher gezogen …

Der Horizont rötet sich grell,
wie entflammt, die Wogen
des Meeres pechschwarz, hell
Wolkenstreifen am Hügel,
im Dunkeln Tores Bogen,
ein weißer Möwenflügel.

*

Grollen aus Fernen dringt …

Der Horizont rötet sich grell,
wie entflammt, das Branden
des Meeres pechschwarz, hell
am Hügel Wolkengirlanden,
eine Hütte in Dunkels Banden,
ein Möwenflügel schwingt.

 

Okt 30 19

Beiseite gesprochen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Komödianten des Elends, die mit dem Glanz ihrer Wunden prunken.

Manche stehen mit langem Gesicht am Bühnenrand, kurz bevor der Vorhang fällt, sie haben sich einen tosenden Applaus erwartet, auch wenn es nur eine stumme Rolle war, die sie spielten.

Es genügt nicht, Talent zu haben, es muß zum Trieb werden, damit es keimt und aufblüht, sich entfaltet und endlich mit einem unverwechselbaren Duft bezaubert.

Die im Spiegel der anderen leben, erlöschen, sobald er beschlägt.

Man kann den Charakter eines Menschen im Dunkeln erraten – an seiner Stimme.

Manche Gedichte sind wie feines Gras, vom Windhauch beschrieben.

Manche wie Dorngestrüpp, woran am frühen Morgen Tropfen glimmen.

Andere wie Kerzen, die bei jedem leisen Luftzug flackern, daß man Angst bekommt, jetzt gingen sie aus.

Wieder andere sind wie zu dicht gestopfte Pfeifen, man hält die Lunte daran und zieht und zieht, aber sie wollen nicht angehen.

Die Anmut der schlichten Geste: das Pflücken des Apfels, der Birne, der Blume, das Brotschneiden, das Winken mit der Hand oder dem Taschentuch, das Entzünden des Grablichts, das Zögern auf der Schwelle, der Willkommens- und Abschiedsgruß, das Blumengießen, der leise Kuß auf die Stirn, das Niederdrücken der Lider eines Toten.

Der Sämann weiß nicht, wohin die Samen fallen, der Dichter nicht, ob die Worte aufgehen.

Kastraten, die Aphrodite als Flittchen schmähen.

Schürzenjäger, die ihre Mutter vergöttern.

Kritiker sind wie Spielverderber, und Spielverderber wie Fliegen auf der Geburtstagstorte.

Farbenblinde Maler, die dem Zeitalter des Trübsinns und der Dämmerung als wahre Zeugen gelten.

Taube Komponisten, die in den Zeiten des großen Lärms als einzige die kosmischen Harmonien vernehmen.

Kleine Kuß-Teufel, die ihren und seinen Mund immer zur Seite biegen.

Er war so empfindsam geworden, daß er Blumen als Geschenke verschmähte, um sie nicht welken sehen zu müssen.

Er las sich sein Lebtag durch seine riesige Bibliothek, die aus Abteilungen mit Werken verschiedener Sprachen bestand, bis er im Alter vergessen hatte, welches seine Muttersprache war.

Natürlich kann der Pferch der Familie, wie Kafkas Erzählung zeigt, eine Hölle sein; aber sie ist ein Paradies im Vergleich zum bindungslosen und promiskuitiven Nomadendasein.

Die erhabensten Bilder versunkener und in ein goldenes Abendlicht heraufbeschworener antiker Stätten entstammen der Feder deutscher Dichter, die das Mittelmeer nie mit eigenen Augen gesehen haben.

Den Mißmutigen stört die Mücke an der Wind. Der Paranoide glaubt sich von ihr beobachtet. Der Lebensfrohe öffnet das Fenster und sie schwirrt hinaus.

Die ernsten Gesichter der großen Dichter des Fin de Siècle in ihren Maßanzügen, Hofmannsthal, George, und dann kommt Brecht in seiner Joppe daher, im schiefen Maul den Stumpen.

Wir suchen oder bauen, ersinnen oder erträumen, wie es der Dichter Giovanni Pascoli ausdrückt, immer ein Nest, das es wie die Haut unsere Eingeweide und der Schädel unser Hirn unser Dasein schützend umhülle.

Doch der Feind ist listig, das Böse ist unbesiegbar, es greift von innen an, während wir heiteren Sinnes aus dem Fenster die lachende Erde betrachten, nagt schon der Wurm im Eingeweide und die Mücke der Angst krabbelt in den Hirnwindungen umher.

Wir sind gemischte Wesen. Ein jedes geht mit seinem Schatten, die einen nennen sich Freigeister und spotten seiner, andere suchen ihn kindisch zu beschwören und zu beschwatzen, daß er sie freigebe und verlasse, wieder andere haben den Kampf aufgegeben und ziehen sich in einen Winkel der Nacht zurück, und die ganz Schlauen finden glücklich die Stelle des blendenden Mittags, wo die Sonne im Zenit steht, doch sogleich wieder wachsen die Schatten.

Verließe man sich auf die Vernunft des Leibes, könnte man manchen Dachschaden vermeiden oder beheben.

Der alternde Körper, der nach wenigen Schritten Atem holt, aber dabei gerne in das Blau des Himmels gafft, giert nicht danach, seine Runzeln und Falten bei athletischen oder erotischen Schaukämpfen zu entblößen, geschweige denn danach, ewig zu leben; denn das hieße, wie jener mythische Tor immer weiter zu schrumpfen und zu zerknüllen, bis ein Fliegendreck bliebe, den der erste frische Morgenwind auseinanderstiebt.

Nein, eine höhere Gerechtigkeit ist nicht in Sicht. Es ist der trübe, alles verdüsternde Gedanke des schwachen, kränkelnden und vor den Kopf gestoßenen Rangniederen an eine jenseitige Rache für erlittenes Unrecht, physisches und moralisches Leid eben jener Hinkefuß, auf dem die strengen religiösen Lehren nicht geradestehen und weswegen ihre Anhänger nicht mit einem sanften oder ironischen Lächeln vom Leben Abschied nehmen können.

Immer schwingt, was wir Seele nennen, im leiblichen Ausdruck mit, im Tonfall der Rede, in der Anmut oder Plumpheit des Schritts, im trüben oder irisierenden Glanz der Augen.

Der geht, als habe er eine Last von Scheiten zu tragen, der, als schiebe der Windhauch ihn an.

Mit Woyzeck kommt der Typus des gehetzten, besessenen, verrückten Triebtäters auf die Bühne; mittlerweile hat er den durch Schmerzen geläuterten Geist einer Iphigenie oder eines Lear, den sich aus Intrigen der Gesellschaft und den Schlingen der Liebe schwermütig lösenden Charakter des Schwierigen fast gänzlich verdrängt.

Büchners Woyzeck kann man leicht vulgarisieren, Iphigenie, Lear und den Schwierigen kaum.

Man müßte die Theater und Ausstellungen für Gegenwartskunst für dreißig Jahre dicht machen, um dann mit einer neuen Generation neu zu beginnen.

Warum soll ich unbedingt wissen, welche Völker sich im wilden Kurdistan die Köpfe einschlagen, ja anhand bluttriefender Bilder unmittelbar mich daran delektieren?

Der große Geist verehrt in den Ordnungen der Natur und der Sprache seine eigene geheimnisvolle Herkunft und Bestimmung. Er vermag bei sich selbst zu bleiben, wie Seneca sagt, und wohin immer es ihn verschlägt, zu Hause zu sein.

Die Elenden aber halten es nicht bei sich aus, zurecht, möchte man sagen, und suchen Reize, Gifte, exotische Ausblicke, um sich zu vergessen.

So auch die Lektüre der meisten; sie ist ihnen der Ausschank am Wegesrand, ob von erlesenen Weinen oder billigem Fusel, doch der Wirt ist der alte Gevatter mit dem höhnischen Grinsen.

Alle streben nach Lust, nach Tugend, nach Wissen; das sind törichte Sätze, so wie es töricht ist, alles über einen Kamm scheren, alles auf ein Prinzip zurückführen zu wollen.

Wenn wir Sätze dieser Art als Hypothesen nehmen, vernichten sie sich selbst im Regreß auf weitere prinzipielle Annahmen.

Die einen legen sich aufs Ohr, wenn Müdigkeit sie übermannt, die anderen kämpfen dagegen an, weil sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben. Die einen greifen hemmungslos nach Kuchen und verschlingen beim ersten Hungergefühl Würste und Knödel, die anderen fasten, um den Geist spartanisch zu stählen oder asketisch zur Andacht zu beflügeln.

Ach, der Schlemmer und Fresser rührt heute die Würste nicht an? Nein, er handelt nicht aus der besseren Einsicht, daß der von faulen Dünsten nicht behelligte Geist klarer sieht; er hat sich den Magen verdorben, morgen wird er wieder zulangen.

Wir handeln meist nicht aufgrund besserer Einsicht oder gewichtiger Argumente. Der immer gähnende Faulpelz rafft sich plötzlich zu asketischen Nachtwachen auf? Sein neuer Freund ist Anhänger einer strengen Glaubensgemeinschaft und ihn will er beeindrucken.

Wir bewohnen keine Seele und kein Bewußtsein, keine Innenwelt, sondern sind gleichsam draußen, in den primitiven Regungen des Leibes, wenn uns heiß wird und Schweißperlen von der Stirne rinnen, ja in der lauen Frühlingsluft, die sanft über unsere Haut streicht. Wir sind gleichsam, was wir sagen, und unsere Äußerung schreiben wir keiner vom Sprechakt losgelösten Instanz der Selbstrepräsentation zu, vielmehr sind unsere Wort als Fleisch von unserem Fleisch beglaubigt, weil unser Gesprächspartner auf sie eingeht, sie ernstnimmt oder maßregelt.

Die Berührung der einen Hand wiegt leicht wie ein Schatten, bei der Berührung der anderen zuckst du zusammen oder es überlaufen dich Schauer.

Kinder fragen Sachen wie: Wo sind die Winde, wenn sie nicht wehen? Vielleicht im Sack des Aiolos. Philosophen fragen: Wo ist das Subjekt, wenn es schläft?

Plötzlich riß die Wolkendecke auf und das heiterste Blau wurde sichtbar. Plötzlich wurde ihr Gesicht von der milden Sonne beschienen und sie lächelte.

Als fühlende Wesen sind wir unschuldig, denn in den Horizont der Gefühle treten wir wie aus einem dämmerigen Wald auf eine Lichtung. Erst wenn wir in den zweideutigen Zustand einer Person mit der Fähigkeit gelangen, etwas von uns zu halten, beginnt das Maskenspiel oder die Komödie, und mit der Unschuld hat es ein Ende.

Wir werden zu einer lächerlichen Figur, wenn wir mehr von uns halten als uns zusteht, zu einer tragikomischen, wenn weniger.

Er dünkt sich einen geistreichen Kopf, aber es sind, was er abspult, nur breitgetretene Phrasen. – Er hält sich für einen großartigen Liebhaber, aber Frau und Geliebte, heimlich verbündet, zerreißen sich hinter seinem Rücken die Mäuler. – Der alte Herr wird im Alter sentimental und plaudert mit seinem Diener auf Augenhöhe. – Hier bekäme der Diener in der klassischen Komödie seinen Einsatz, um sich ironisch über die Altersschrullen seines Herrn auszulassen, und dies mittels Beiseitesprechen Richtung Publikum.

Er hat mit Kompositionen wunderlich versponnener Quartette sein Talent bewiesen, aber tritt auf der Party vor dem Salonlöwen und Homme à femmes zurück, der seine schnulzigen Kadenzen auf die Tasten schmiert. – Sie fühlt sich zu dem jüngeren Mann hingezogen und ihm geistesverwandt, aber vor der hübschen, ungeniert vor sich hin schwadronierenden Rivalin, die ihm das Wasser nicht reichen kann, weicht sie resigniert zurück. – Hier würde in der alten Komödie die Zofe beiseite sprechen, und zwar mit gepfefferter Rede.

Der schwermütige Denker macht es mit sich selber ab, blickt als eigener Knappe und Diener hinter die Maske seines erhöhten Ego, um wie in der Commedia dell’arte hinter vorgehaltener Hand sich selbst als beinahe schon eingeschlafenes Publikum mit ironischen Sticheleien über seinen tragikomischen Auftritt noch einmal für eine letzte Lachsalve aufzuwecken.

 

Okt 28 19

Giovanni Pascoli, X agosto

Aus: Myricae

San Lorenzo, io lo so perché tanto
di stelle per l’aria tranquilla
arde e cade, perché sì gran pianto
nel concavo cielo sfavilla.

Ritornava una rondine al tetto:
l’uccisero: cadde tra spini:
ella aveva nel becco un insetto:
la cena de’ suoi rondinini.

Ora è là, come in croce, che tende
quel verme a quel cielo lontano;
e il suo nido è nell’ombra, che attende,
che pigola sempre più piano.

Anche un uomo tornava al suo nido:
l’uccisero: disse: Perdono;
e restò negli aperti occhi un grido:
portava due bambole in dono…

Ora là, nella casa romita,
lo aspettano, aspettano in vano:
egli immobile, attonito, addita
le bambole al cielo lontano.

E tu, Cielo, dall’alto dei mondi
sereni, infinito, immortale,
oh! d’un pianto di stelle lo inondi
quest’atomo opaco del Male!

 

Der 10. August

Heiliger Lorenz, ich weiß, warum so viel
Sterne glimmen auf blauen Wogen
und versinken, weiß, warum so viel
Tränen glitzern am Himmelsbogen.

Die Schwalbe kehrte zur heimischen Flur:
erschossen fiel sie in Dornenhecken.
Im Schnabel hielt sie einen Wurm,
der sollte ihren Kleinen schmecken.

Nun liegt sie da, wie am Kreuz, und reckt
dem fernen Himmel den Wurm entgegen.
Ihr Nest, das ihrer harrt, ist im Dunkel versteckt,
immer leiser und leiser wird das Quieken.

Auch ein Mensch kam heim in sein Nest:
erschossen, sagte: Wollt mir verzeihen!
Einen Schrei hielten die offenen Augen fest.
Hatte zwei Puppen dabei für die Kleinen.

Ist nun da, im Haus, das verwaist,
wo sie nach ihm sich sehnen, umsonst sich sehnen:
Er aber hält erstarrt wie ein Geist
dem fernen Himmel die Puppen entgegen.

Und du, Himmel, vom hohen Paradies,
so heiter, ohne Enden, ohne Sterben,
die Tränen, ach, der Sterne doch gieß
auf diese Kleinen, die am Bösen verderben.

 

Anmerkung zum Verständnis:
In der Nacht zum 10. August 1867, dem Tag, der dem Hl. Lorenz geweiht ist, wurde der Vater des Dichters, wohl von Banditen, ermordet. Ruggero Pascoli war auf dem Heimweg und hatte zwei Puppen dabei, die er seinen Kindern schenken wollte. Die Form der italienischen Schreibweise des Datums weist auf das im Gedicht beschworene Kreuz hin.

 

Okt 28 19

Todes Bruder ist der Schlaf

Geh nach Haus, die Tür schließ zu,
laß der Nacht die wirren Stimmen,
deiner Angst der Kerze Glimmen,
denn der Geist hat keine Ruh.

Gib dem dunklen Wunsch nicht nach,
lausche nicht ersticktem Weinen
aus den fernen Schattenhainen,
wo der Dorn die Liebe stach.

Wenn ihr Schluchzen dich auch traf,
aus dem Weine Blicke funkeln,
lasse Tränen dich verdunkeln,
Todes Bruder ist der Schlaf.

 

Okt 27 19

Tierische Plaudereien

I

Kater: „Wenn ich schreite, istʼs wie Nurejew, wenn du trottest, istʼs nur wie Hund.“

Hund: „Wenn ich heule, dann um meinetwillen unterm hellen Mond, wenn du jammerst, dann um die Katz in finsterer Nacht.“

II

Pfau: „Mein Schrei ist gräßlich, doch mein Rad ist schön.“

Spatz: „Dein Rad hat schöne Augen, doch du kannst damit nicht fliegen.“

Nachtigall: „Ich bin unscheinbar wie du, mein Spatz, doch mein Gesang ist himmlisch.“

Huhn: „Bin weder schön noch kann ich singen, doch zu Ostern färbt man meine Eier und versteckt sie für das gute Kind.“

III

Lipizzaner: „Mein Schritt hat Anmut, Würde hat mein Trab.“

Hund: „Doch mußt im Kreis du an der Leine laufen; derselbe Mensch, um den devot du kreist, läßt mich auf seinem Kissen dösen.“

Lipizzaner: „Mußt doch das Stöckchen, das er wirft, ihm apportieren.“

IV

Möwe: „Ich segle kühn auf wilder Wellen Schaum, mich dauert nicht der Schiffbruch kleiner Menschen.“

Taube: „Schreckt mich auch Sturm und Wildnis, Blattes grüne Hoffnung trug ich einst im Schnabel.“

V

Esel: „Ein Roß, das fliegen kann, na gut. Doch schleppe ich auf krummem Rücken Scheiter oder Früchte, Dinge, die dem Menschen nützen.“

Pegasus: „Ich schlug mit meinem Huf die Quelle auf, die schön den Dichtern singt.“

Esel: „Amphoren, die ich trage, bergen nicht der Erde Sinn allein, denn im Weine funkelt tief die Sonne, wahren Dichters klarer Rausch.“

Pegasus: „Ich trug den großen Heros, daß er das Unheil der Chimäre niederringe.“

Esel: „Ich trug das Heil der Welt, daß des Lebens Dunkelheit ein reiner Wein erhelle.“

VI

Frosch: „Mein Sommerabend ist laut quaken für die Liebe.“

Grille: „Ist deine Liebe denn halb taub, daß du so schreien mußt?“

Frosch: „Ich singe laut, weil auch mein Nachbar quakt, und werde lauter, ihn zu übertönen, so gehtʼs reihum, bis Lied und Kehle platzen.“

Grille: „Ich zirpe fröhlich durch die Nacht, wer möchte Frohsinn überschreien?“

Leuchtkäfer: „Meine Liebe, sie ist stumm, doch leih ich ihrer Nacht ein Leuchten, daß man ihr Wunder schaut.“

 

Okt 26 19

Giovanni Pascoli, La mia sera

Aus: Canti di Castelvecchio

Il giorno fu pieno di lampi;
ma ora verranno le stelle,
le tacite stelle. Nei campi
c’è un breve gre gre di ranelle.
Le tremule foglie dei pioppi
trascorre una gioia leggiera.
Nel giorno, che lampi! che scoppi!
Che pace, la sera!
Si devono aprire le stelle
nel cielo sì tenero e vivo.
Là, presso le allegre ranelle,
singhiozza monotono un rivo.
Di tutto quel cupo tumulto,
di tutta quell’aspra bufera,
non resta che un dolce singulto
nell’umida sera.
È quella infinita tempesta,
finita in un rivo canoro.
Dei fulmini fragili restano
cirri di porpora e d’oro.
O stanco dolore, riposa!
La nube nel giorno più nera
fu quella che vedo più rosa
nell’ultima sera.
Che voli di rondini intorno!
Che gridi nell’aria serena!
La fame del povero giorno
prolunga la garrula cena.
La parte, sì piccola, i nidi
nel giorno non l’ebbero intera.
Né io… che voli, che gridi,
mia limpida sera!
Don… Don… E mi dicono, Dormi!
mi cantano, Dormi! sussurrano,
Dormi! bisbigliano, Dormi!
là, voci di tenebra azzurra…
Mi sembrano canti di culla,
che fanno ch’io torni com’era…
sentivo mia madre… poi nulla…
sul far della sera.

 

Mein Abend

Am Tage war alles Leuchten,
nun strahlen Sterne nah,
schweigend. Frösche auf feuchten
Wiesen tönen qua-qua.
Der Pappeln Silber-Zittern
ist so herzerlabend.
Der Tag, welch Leuchten! Glittern!
Wie friedevoll der Abend!
Die Sterne öffnen dem Himmel
Knospen, sprühender Kuß.
Dort, beim Froschgewimmel
schluchzt eintönig ein Fluß.
Von all dem dumpfen Glucksen,
von all dem wirren Radau
bleibt nur ein süßes Schluchzen
im abendlichen Tau.
Dies uferlose Tosen
mündet im Delta der Lieder.
Aus glimmenden Himmelsrosen
sinkt Purpur-Wolke hernieder.
O müder Schmerz, schlaf ein!
Aus Tages grauendem Staube
wird ein rosiger Schein
im sinkenden Abend-Laube.
Wie die Schwalben schwärmen!
In heiterer Luft dies Sirren!
Des ärmlichen Tages Härmen
freut sich, wenn Teller klirren.
Der Happen, so klein, die Küken,
sie wurden am Tage nicht satt.
Wie ich … das Flattern, das Quieken,
welche Klarheit mein Abend hat!
Ding … dong …. Sie rufen, schlaf,
singen mir, schlaf, lispeln so lau,
schlafe, flüstern sie, schlaf,
Stimmen aus dämmerndem Blau …
hauchen Wiegenlieder mir her,
daß ins tiefe Einst ich mich wende,
die Mutter höre … dann nichts mehr …
der Abend neigt sich dem Ende.

 

Okt 25 19

Giovanni Pascoli, Il tuono

Aus: Myricae

E nella notte nera come il nulla,
a un tratto, col fragor d’arduo dirupo
che frana, il tuono rimbombò di schianto:
rimbombò, rimbalzò, rotolò cupo,
e tacque, e poi rimareggiò rinfranto,
e poi vanì. Soave allora un canto
s’udì di madre, e il moto di una culla.

 

Der Donner

Wie das Nichts in finsterer Nacht,
jäh von steilem Abhang fiel ein Rumpf
in Stücke, Donner brüllte, echoreich,
und brüllte, dröhnte, rollte dumpf,
schwieg, neue Welle, brach sogleich,
verebbte ganz. Dann ein Singen weich,
ein Wiegenlied aus einem Munde sacht.

 

Okt 25 19

Giovanni Pascoli, Novembre

Aus: Myricae

Gemmea l’aria, il sole così chiaro
che tu ricerchi gli albicocchi in fiore,
e del prunalbo l’odorino amaro

senti nel cuore…

Ma secco è il pruno, e le stecchite piante
di nere trame segnano il sereno,
e vuoto il cielo, e cavo al piè sonante

sembra il terreno.

Silenzio, intorno: solo, alle ventate,
odi lontano, da giardini ed orti,
di foglie un cader fragile. È l’estate,

fredda, dei morti.

 

November

Es funkelt die Luft, die Sonne gleißt,
du denkst, da müßten Aprikosenblüten sein,
und der Duft des Weißdorns, der beißt,

gehe in dich ein …

Doch trocken ist der Strauch, die dürren Reiser
kreuzen wie schwarze Fäden die Luft,
den leeren Himmel, Schritte hallen heiser

wie über hohler Gruft.

Stille rings, nur im Windgewühle
hörst du fern in Gärten, ausgelohten,
der Blätter zartes Fallen. Es ist der kühle

Sommer der Toten.

 

Okt 24 19

Giovanni Pascoli, Lavandare

Aus: Myricae

Nel campo mezzo grigio e mezzo nero
resta un aratro senza buoi che pare
dimenticato, tra il vapor leggero.

E cadenzato dalla gora viene
lo sciabordare delle lavandare
con tonfi spessi e lunghe cantilena.

Il vento soffia e nevica la frasca,
e tu non torni ancora al tuo paese!
quando partisti, come son rimasta!
come l’aratro in mezzo alla maggese.

 

Wäscherinnen

Auf dem Acker, gräulich-schwarz gefleckt,
liegt vergessen ein Pflug ohne Gespann,
der Nebel hat ihn wohl versteckt.

Vom schäumenden Mühlbach dringen
klatschend Schläge der Frauen heran,
die waschen und gedehnt dabei singen.

Die Winde wehen, die Blätter stieben,
noch wendest du dich nicht zu deinem Land!
Und als du schiedst, wie bin ich da verblieben!
Dem Pfluge gleich, der auf dem Brachfeld stand.

 

Okt 24 19

Vom Sinn der Namensgebung

Eine philosophische Notiz zum Tier-Mensch-Unterschied

Der Mensch ist das einzige unter allen Lebewesen, das sich Namen gibt und mit Namen ruft.

Martin ist kein Junge, weil er Martin getauft wurde und so gerufen wird, und Martina kein Mädchen, weil alle, Familie, Tanten, Freundinnen, es sich zur Gewohnheit gemacht haben, sie so und nicht anders zu rufen.

Der Junge wurde Martin getauft, weil er kein Mädchen, sondern ein männliches Exemplar der Gattung ist, das heißt, einen Körper mit Testikeln und Penis hat, die ihn befähigen, in einem sexuellen Zeugungsakt die zyklisch aus den Ovarien durch den Eileiter gewanderte Eizelle einer Frau mit seinem Samen zu befruchten; weil er ein Gehirn mit testosterongesteuerten neuronalen Schaltungen und entsprechende Charakter- und Intelligenzmerkmale wie Neugierde, Abenteuerlust, Kühnheit, Tapferkeit und Aggressionsbereitschaft sowie ein hervorragendes visuelles Orientierungs- und begriffliches Abstraktionsvermögen aufweist.

Das Mädchen wurde Martina getauft, weil sie kein Junge, sondern ein weibliches Exemplar der Gattung ist, das heißt, einen Körper mit aktivierbaren Milchdrüsen und einer Gebärmutter hat, die sie befähigen, eine von einer männlichen Samenzelle befruchtete Eizelle in sich reifen zu lassen, ein Kind zu gebären und zu säugen; weil sie ein Gehirn mit östrogengesteuerten neuronalen Schaltungen und entsprechende Charakter- und Intelligenzmerkmale wie Aufmerksamkeit, Feinfühligkeit, Geduld und Leidensfähigkeit sowie ein hervorragendes Vermögen zu Empathie und sozialer Verantwortung aufweist.

Die beiden, Junge und Mädchen, sind, vor allem nach Eintritt der Pubertät, denkbar verschieden, in der Art sich zu bewegen, sich zu geben, zu handeln, in der Art zu fühlen, zu reden, zu denken; sie einigt aber dies: einen Namen zu haben und damit als Personen in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen zu sein.

Das humane Identifikationskriterium ist demnach nicht wie beim Unterschied der Geschlechter ein natürliches, sondern ein kultürliches, nämlich das Merkmal, einen Namen zu tragen, beim Namen genannt zu werden und wiederum anderen Namen zu geben und sie beim Namen zu rufen.

Dennoch ist die Art und Weise der Benennung an die Natur des Namensträgers gebunden, weshalb wir den Jungen Martin, das Mädchen Martina nennen. Aber die Tatsache, daß wir überhaupt als Menschen aufgrund der Namensgebung in einem kulturellen Raum persönlicher Biographien von Namensträgern existieren, macht den Unterschied zur anonymen Welt der Tiere aus.

Freilich, Kinder mögen ihrer Lieblingspuppe den Namen Martina geben und Hundebesitzer ihren Liebling Fips rufen; doch die Puppe hört nicht wirklich auf ihren Namen (und das weiß das Kind, wenn es an ihrer statt antwortet), und der Hund kommt wohl gelaufen, wenn sein Herrchen ihn mit Namen ruft, aber Fips weiß weder, daß er Fips noch daß sein Herrchen Martin heißt. Für den Hund ist sein Name ein Synonym für einen Komplex von Reizen, und ihre Stillung besteht meist in einem Leckerli oder einem liebevollen Kosen; doch für Menschen hat der persönliche Name, weder der eigene noch der anderer, keine ursprüngliche Reizbedeutung.

Demnach macht nicht die Physiologie oder ein darwinistisch-evolutionäres Kriterium den Unterschied von Tier und Mensch aus, nicht der Unterschied von Hirngewicht und Dichte und Komplexität der neuronalen Vernetzung, weder Intelligenz und Gedächtnis noch unterschiedliche Formen der Motorik, der Motivation oder Antriebssteuerung; die Darwinisten und die neurowissenschaftlich orientierten Philosophen sind auf der falschen Spur. Vielmehr sind es kulturelle Formen der Bezeichnung, Markierung und Zuweisung wie die Namensgebung, die das einzelne menschliche Individuum einer Familie, einer Sippe, einer sozialen Gruppe oder der geschichtlichen Sprachgemeinschaft zuordnen.

Die namentliche Zuordnung erhellt auch aus der Tatsache, daß nur Menschen im eigentlichen Sinne WOHNEN, während wir von Tieren sagen, daß sie nisten, hausen oder da und dort ihr Revier haben. Wir würden nicht einmal metaphorisch etwa von Vögeln, Bären oder Bienen sagen, daß sie da und dort wohnen; vielmehr sagen wir, sie hätten da und dort ihr Nest, ihren Bau, ihren Stock.

Wir können ein Hochhaus mit einem wimmelnden Bienenstock oder einem Ameisenhaufen vergleichen; aber nicht einen Bienenstock oder einen Ameisenhaufen mit einem Hochhaus, denn die dort befindlichen Klingelschilder und Briefkästen mit ihren jeweiligen Namen sind das für menschliches Wohnen Charakteristische, sie machen den Unterschied aus.

Die Geschichte beginnt mit dem Wohnen der Menschen; die Wohnung und Behausung sind der Mikrokosmos des sozialen Makrokosmos; der Name ist für die menschliche Existenz, was die Wohnung für die soziale oder die Haut für die leibliche Existenz bedeutet.

Es ist auch nicht das Sprachvermögen strictu sensu oder die Fähigkeit zur logischen und epistemischen Unterscheidung von wahr und falsch, woran wir den Tier-Mensch-Unterschied in Anschlag bringen: Wir können uns durchaus denken (oder entdecken), daß höhere Primaten zwischen eßbaren und unverdaulichen Früchten nicht nur unterscheiden, sondern auf diesen Unterschied auch, ob gestisch-mimisch oder in einfacher Lautgestalt, hinweisen; ja, daß sie irrtümlich eine ungenießbare Frucht mit einer bekömmlichen verwechseln und diesen Irrtum durch eine Geste oder Interjektion mit der Bedeutung der Negation des irrtümlichen Hinweises feststellen könnten: Sie würden demnach das Wahre und Falsche an der Form der Behauptung in wie rudimentärer Weise auch immer vergegenwärtigen.

Auch wenn wir nicht von der Wahrscheinlichkeit einer solchen Annahme ausgehen: Sie führte uns dennoch nicht in die Richtung, in der wir den Unterschied von Tier und Mensch bezeichnen und verständlich machen können.

Denn mittels der Namensgebung wollen wir vorderhand keine logisch-epistemischen Zusammenhänge bilden; mit dem Namen bewegen wir uns zunächst nicht im logisch-diskursiven und explanatorischen Raum der Wahrheit, sondern in der rein deskriptiven Dimension des Sinns.

Es ist nicht unwahr, den Jungen Martina und das Mädchen Martin zu nennen, sondern unangemessen, unsinnig oder sinnwidrig. Der Mißbrauch, der mit dem einen oder anderen Spitznamen getrieben wird, mag unschön, unfein, verächtlich sein, aber er ist nicht falsch und widerspricht keinem irgend dabei geltend zu machenden Wahrheitsanspruch.

Einer ist kein Linné in der Bestimmung von Pflanzen und verwechselt Tannen mit Fichten; benennt er die Fichte als Tanne, hat er sich geirrt, und mit ein wenig Geduld kann man seine Wahrnehmung für den Unterschied der Wuchs- und Nadelformen der beiden Gewächse schärfen.

Doch einer, der den Unterschied der Bedeutung des Hundenamens Fips und des Mädchennamens Martina nicht begreift, ist für ein wesentliches Humanum bedeutungsblind. Das Mädchen mit seinem Namen zu rufen kommt dem Sprechakt nicht gleich, den Hund Fips bei seinem Namen zu rufen, beispielsweise in der Erwartung, er komme ohne weiteres auf das rufende Herrchen zugesprungen und mache Männchen.

Namen von Personen sind die entscheidenden Merkmale, deren korrekte Verwendung den Wert vor allem historischer, aber auch aller anderen Formen von Dokumenten wie Verträgen, Gutachten, Zeugnissen oder Ausweisen bezeichnet. Erst bei der zeugnisartigen Verwendung, nicht schon bei den Weisen der Namensgebung selbst treffen wir demnach auf die Relevanz zugrundeliegender Wahrheitsansprüche und Korrektheitsbedingungen. Denn ein auf den falschen Namen ausgestelltes Dokument kann für den Betreffenden fatale Folgen haben, wenn es den Stempel des Finanzamtes oder der Justizbehörde trägt.

Doch die explanatorische Funktion, die wir wissenschaftlich determinierten Annahmen oder Hypothesen zuweisen, ist auf die Verwendung von Eigennamen nicht angewiesen; im Gegenteil, auch wenn das Hochdruckgebiet in der Wettervorhersage „Martina“ heißt und das Tiefdruckgebiet „Martin“, sind diese Namen rein metaphorisch und tragen zur Erklärung der Wetterereignisse nicht das geringste bei. Anders, wenn wir erfahren, daß Caesar den Rubikon überschritt und Octavian der Sieger der Schlacht bei Aktium war: Hier zeigt sich die Singularität des Eigennamens an dem Umstand, daß die Beschreibung des historischen Geschehens unter Verwendung anderer Namen nicht nur wahrheitswidrig, sondern sinnlos würde.

Wir schreiben eine E-Mail und weisen unter Verwendung der ersten Person des Personalpronomens „ich“ darauf hin, daß wir das im Betreff angegebene Angebot gerne annehmen; der mit der Unterschrift, also dem eigenen Namen, abgeschlossene Brief erhält damit vertragswirksame Kraft.

Nur für die Verwendung des eigenen Namens gilt, daß sie ein Supplement für den Gebrauch des Pronomens der ersten Person Singular und umgekehrt der Gebrauch des Pronomens der ersten Person Singular eine Leerstelle für die Verwendung des eigenen Namens darstellt.

Die Fähigkeit, den eigenen Namen mit dem Personalpronomen der ersten Person Singular gleichsinnig zu verwenden, kann uns als ein Kriterium dessen gelten, was wir Bewußtsein oder Selbstwissen nennen.

Nur wer einen Namen hat, kann für das einstehen und zur Rechenschaft gezogen werden, was er gesagt und getan hat.

Homer hat diesen ursprünglichen Sachverhalt mit göttlicher Ironie getroffen, wenn er den listigen Helden Odysseus auf die Frage des von ihm geblendeten Polyphem, wie er heiße, auf daß seine Brüder an dem Namensträger Rache zu nehmen vermöchten, antworten läßt: „Niemand.“

Das Tier weiß nichts von seinen Ahnen, denn ihr Leben, ihre Gestalt, ihr Antlitz sind im Nebel des Namenlosen versunken.

Die Affen sitzen nicht in lauschiger Runde um das Feuer, von seinem Prasseln und der Glut der Traube berauscht, um sich die Geschichte ihrer Ahnen zu erzählen, deren mythische Macht von der feierlichen Litanei ihrer erhabenen Namen beschworen und in der eigentümlichen Bildung ihrer eigenen Namen vergegenwärtigt würde.

Wir aber verdanken die helleren Vibrationen und feineren Rhythmen der Seele, ihr Schweben über stygischen Wassern und ihren Flammengesang, ihre Gethsemanenacht und ihren Auferstehungstag, all den großen Namen, die aus der Tiefe der Vergangenheit mit dem Glockengeläut der heroischen Tat und den leisen oder jubelnden Weisen der Menschheitsdichtung widerhallen.

 

Okt 23 19

Die verlorene Botschaft

Der Rose Blättern im Gewitter
ist dein Leben, das versinkt,
Träume trüber Quellen trinkt,
nach Abschied schmeckend, süß und bitter.

Die unter Windes Scherzen nickten,
Lilien, süßer Jugend Gruß,
Gräser, die den nackten Fuß
des Liebesboten zärtlich zwickten,

ihr wart für kurzes Glück erkoren,
und ein rasch verwehtes Lied,
der es sang, wie ist er müd.
Der Bote hat den Brief verloren.

 

Okt 23 19

Giovanni Pascoli, Il gelsomino notturno

Aus: Canti di Castelvecchio

E s’aprono i fiori notturni,
nell’ora che penso ai miei cari.
Sono apparse in mezzo ai viburni
le farfalle crepuscolari.

Da un pezzo si tacquero i gridi:
là sola una casa bisbiglia.
Sotto l’ali dormono i nidi,
come gli occhi sotto le ciglia.

Dai calici aperti si esala
l’odore di fragole rosse.
Splende un lume là nella sala.
Nasce l’erba sopra le fosse.

Un’ape tardiva sussurra
trovando già prese le celle.
La Chioccetta per l’aia azzurra
va col suo pigolio di stelle.

Per tutta la notte s’esala
l’odore che passa col vento.
Passa il lume su per la scala;
brilla al primo piano: s’è spento…

È l’alba: si chiudono i petali
un poco gualciti; si cova,
dentro l’urna molle e segreta,
non so che felicità nuova.

 

Jasmin der Nacht

Es tun sich auf die Blumen der Nacht
zur Stunde, da ich gedenke der Meinen,
zwischen Schneeballbüschen sind erwacht
Falter, die durchs Dämmerlicht scheinen.

Längst sind alle Rufe verstummt:
Aus einem Haus allein noch Lallen.
Schlafes Nester, unter Flügeln vermummt
wie unter Wimpern Augenballen.

Aus offenen Kelchen schwebt
von roten Erdbeeren Duft.
Eine Kerze, die das Zimmer belebt.
Gräser sprießen über der Gruft.

Eine Biene, die surrend säumt,
findet die Waben vergeben.
Auf blauem Beet die Henne träumt,
die Sternküken quieken daneben.

Über die Nacht hin verlor
der Duft sich in luftigen Gazen.
Die Kerze steigt die Treppe empor,
glimmt im ersten Stock, ward ausgeblasen …

Morgen graut: Ein wenig zerknüllt
schließen sich die Blüten. Was in einer
Urne sanft, geheimnisumhüllt
brütet an neuem Glück, weiß keiner.

 

Anmerkung zum Verständnis:
„La Chioccetta“, die gluckende Henne, steht in Italien volkstümlich für das Sternbild der Plejaden.

 

Okt 22 19

Jacob Balde, Omnibus semper placuisse

Aus: Silvae 7,15 (sapphische Strophe)

Ad Andream Germanicum Tyrolensem
Adversus Criticorum judicia, ex Stoica Disciplina Arcanum

Omnibus semper placuisse, res est
Plena Fortunae: placuisse paucis,
Plena virtutis: placuisse nulli,
Plena doloris.

Si quid extremi tamen eligendi
Optio detur, medio relicto:
Praeferam nulli placuisse, quam Ger-
manice, cunctis.

 

Dem Andreas Germanicus aus Tirol
Wider die Urteile der Kritiker, ein Arcanum aus stoischer Lehre

Hast du immer allen gefallen, bist ein
Glückspilz du, wenn wenigen nur, so
warʼs Verdienst. Doch keinem gefallen, das bringt
große Betrübnis.

Soll ich wählen eins der Extreme, aber
fahren lassen weisliche Mitte, ist mir
keinem zu gefallen noch lieber als, Ger-
manicus, allen.

 

Okt 21 19

Dichters Not und Errettung

Ein Haufen Dung das Gestern glänzt,
und Morgen stinkt noch schlimmer,
drum werf ich Goldfischschimmer
ins Blau der Verse, reimgeschwänzt.

Ein Gras macht kein Gedicht mehr satt,
wo Tätowierte raufen,
rasch kommt ein Kind gelaufen,
bringt meinem Reim ein Ahornblatt.

Fürs Narrenhaus dein Lied dir spar,
zischt mir die schöne Natter,
doch dünkt ihr Hohngeschnatter
mir als Refrain ganz wunderbar.

 

Okt 21 19

Über Mondes Gartenreich

Unter lauer Lüfte Laubengängen
schwebten taubenleicht
unsre Herzen flaumerweicht
von ferner Flüsse Nachtgesängen.

Schwarzem Efeu goß die stille
Abendsonne roten Wein,
und er sog ihn bebend ein,
tropfend sang die Blätterfülle.

Und uns hob ein leiser Flügel
über Mondes Gartenreich,
grünen Blickes zwang der Teich,
wir stürzten in den tiefen Spiegel.

 

Okt 20 19

Lieder der leiseren Lust

Helleres Blut mag uns singen
Lieder der leiseren Lust,
Seufzer, kaum mehr bewußt,
die wie Falter sich schwingen

aus der Mulde des bangen
Schlummers der Sommernacht,
Lilien, zitternd erwacht,
leuchten, sie zu empfangen.

Dunkleres Blut mag uns sinnen
Sänge der süßeren Lust,
Reime, kaum mehr bewußt,
die wie Tropfen verrinnen

auf den Veilchen, weichen
Wangen im Mondeslicht,
noch erwachen sie nicht,
bis sie Bienen umstreichen.

 

Okt 20 19

Die Entscheidung

Not fordert die Entscheidung,
erdrosselt das Geschwätz,
denn wenn sich Eichen neigen
im Blitz das Schicksal spricht,
auf Mund und Scheitel flammend
das Schwert des Engels bricht,
muß eitle Phrase schweigen,
prophetisch quillt der Born
Befehle blauen Rauschens
und kein Sirenenton
wird harte Herzen tauen.
Dann heißt es: „Du kannst mit,
doch jene müssen weichen,
es schwärt an ihrer Stirn
wie Schorf Verrates Zeichen.“
Verächtlich kehrt der Tod
von schwarz beflaggten Plätzen
die Blätter feiger Schrift,
und an den Pfosten glänzen
die Male purpurrot.
Es wehen zarte Fetzen
an scharfer Schreie Dorn.

 

Okt 19 19

Im Gartenland

Der Fluß ließ unsre Seele leuchten,
Brausen schwoll im Tal,
und deinen Lippen, seufzerfeuchten,
lieh zarten Schmelz der Strahl.

Die schlanken Birken waren Frauen,
schüttelten ihr Haar,
daß unsre Herzen möchten tauen,
sang der Lerchen Schar.

Und als die Blüten um uns bebten,
Ginster war entbrannt,
war uns, daß wir schon einmal lebten
still im Gartenland.

 

Okt 18 19

Paul Verlaine, Effet de nuit

Aus: Poèmes saturniens

La nuit. La pluie. Un ciel blafard que déchiquette
De flèches et de tours à jour la silhouette
D’une ville gothique éteinte au lointain gris.
La plaine. Un gibet plein de pendus rabougris
Secoués par le bec avide des corneilles
Et dansant dans l’air noir des gigues nonpareilles,
Tandis, que leurs pieds sont la pâture des loups.
Quelques buissons d’épine épars, et quelques houx
Dressant l’horreur de leur feuillage à droite, à gauche,
Sur le fuligineux fouillis d’un fond d’ébauche.
Et puis, autour de trois livides prisonniers
Qui vont pieds nus, un gros de hauts pertuisaniers
En marche, et leurs fers droits, comme des fers de herse,
Luisent à contresens des lances de l’averse.

 

Nächtliche Impression

Die Nacht. Der Regen. Ein fahler Himmelstrich,
den mit Spitzen und Türmen, Stich um Stich,
gotisch die Stadt durchwirkt, von tiefem Grau ertränkt.
Die Ebne. Ein Galgen, Gehängte in Reih und Glied, verrenkt,
die Schnäbel gieriger Krähen schütteln die Leichen,
die tanzen im Dunkel Giguen ohnegleichen,
währenddessen Wölfe an den Zehen nagen.
Hier und da verstreute Disteln, Palmen ragen
und stechen links und rechts mit bösen Spitzen
im verrauchten Wirrwarr, wie auf flüchtigen Skizzen.
Und rings um drei Gefangene, totenblasse,
barfuß trottend, zieht der Hellebarden Masse
mit ihren langen Eisen, wie der Eggen Zinken,
die den Lanzen des Regens entgegenblinken.

 

Okt 17 19

Singen, Schweigen

Hier, wo der Erde klafft ein Mund,
gefurcht von nächtlichen Blitzen,
dringt aus bemoosten Ritzen
ein Rauch und wölkt zum blauen Grund.

Ein Fenster, und sein Schein ist bleich,
wie der vergessner Nelken,
die über Gräbern welken,
ein Singen ist, wie Wasser weich.

Und da von Wolken rinnt ein Blut,
vom Strahl zerrissne Linnen,
sind Vögel auf den Zinnen,
auf Rosen wirft ihr Schreien Glut.

Ein Garten, und sein Schein ist rot,
wie der vergessner Beeren,
die zwischen Blättern schwären,
ein Schweigen ist, wie Steine tot.

 

Okt 17 19

Paul Verlaine, Après trois ans

Aus: Poèmes saturniens

Ayant poussé la porte étroite qui chancelle,
Je me suis promené dans le petit jardin
Qu’éclairait doucement le soleil du matin,
Pailletant chaque fleur d’une humide étincelle.

Rien n’a changé. J’ai tout revu : l’humble tonnelle
De vigne folle avec les chaises de rotin…
Le jet d’eau fait toujours son murmure argentin
Et le vieux tremble sa plainte sempiternelle.

Les roses comme avant palpitent ; comme avant,
Les grands lys orgueilleux se balancent au vent,
Chaque alouette qui va et vient m’est connue.

Même j’ai retrouvé debout la Velléda,
Dont le plâtre s’écaille au bout de l’avenue,
Grêle, parmi l’odeur fade du réséda.

 

Drei Jahre später

Ich hörte noch der schmalen Pforte Wimmern
und ging im kleinen Garten für mich hin,
den eine frühe Sonne sanft beschien,
auf jede Blüte malend feuchtes Schimmern.

Alles wie einst. Da ist die kleine Laube wieder
unter wildem Wein, Korbstühle stehn im Rund …
Immer murmelt Wasserstrahles Silbermund,
immer seufzt die alte Espe Klagelieder.

Die Rosen zittern wie vor Zeiten. Und auch
die hohen stolzen Lilien wiegt ein Hauch.
Ich kenne alle Lerchen, wie sie eilen, weilen.

Da ist sogar die Statue der Veleda,
Gipsglimmer bröckeln, streuen auf die Zeilen,
dürr ist sie, fader Duft umweht sie von Reseda.

 

Okt 17 19

Paul Verlaine, L’angoisse

Aus: Poèmes saturniens

Nature, rien de toi ne m’émeut, ni les champs
Nourriciers, ni l’écho vermeil des pastorales
Siciliennes, ni les pompes aurorales,
Ni la solennité dolente des couchants.

Je ris de l’Art, je ris de l’Homme aussi, des chants,
Des vers, des temples grecs et des tours en spirales
Qu’étirent dans le ciel vide les cathédrales,
Et je vois du même oeil les bons et les méchants.

Je ne crois pas en Dieu, j’abjure et je renie
Toute pensée, et quant à la vieille ironie,
L’Amour, je voudrais bien qu’on ne m’en parlât plus.

Lasse de vivre, ayant peur de mourir, pareille
Au brick perdu jouet du flux et du reflux,
Mon âme pour d’affreux naufrages appareille.

 

Der Alb

Natur, du rührst mich länger nicht, nicht deine
satten Felder, der Sänge Purpurecho nicht
von Sizilien her, kein Prunk im Morgenlicht
noch das Schmerzensfest im Dämmerscheine.

Kunst? Ich lache. Menschheit? Ebenso. Ich spuck
auf Lied und Vers, Griechentempel, Turmspiralen,
die in den leeren Himmel recken Kathedralen,
ungerührt schweift über Held und Schelm mein Blick.

Gott? Sinnloses Wort. Ich lege übers Knie
Geist und Sinn, ich sag der alten Vettel Ironie,
der Liebe, daß sie sich ein für allemal empfehle.

Dem Segler gleich, lebensmüde, sterbensbang,
ein Spielzeug der Gezeiten, lichtet meine Seele
den Anker zu ihrem grauenhaften Untergang.

 



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