Skip to content


Feb 18 19

Distichen, herb und hold

Krank ist ein Mensch, der seine Laster zur Schau stellt,
ohne Würde ein Volk, das seine Lästerer ehrt.

*

Singen, sagt man, sei ein Zeichen glücklicher Menschen,
aber was hörst du hier? Kreischen, Gejohle, Gekrächz.

*

Nektar troff die sapphische Weise, sie aber schlürfen
bitteren Geifer mit Lust, Widersinn hebt sie empor.

*

Über Wände, kahl und zeichenlos, huschen die Schatten,
aber sie nennen es Spiel, bis sich die Flamme verzehrt.

*

Grazien sind verbannt von den blutig triefenden Brettern,
Anmut steht unter Verdacht, seelisch verkrüppelt zu sein.

*

Liebe, sie leuchtet wie Schnee und kitzelt mit schmelzenden Flocken
Wimpern dunkelnden Blicks, Tropfen des sinkenden Lichts.

*

Liebe, Tau für die Seele, flatternd um dämmernde Rosen,
Träume suche im Glanz, der an den schlafenden rinnt.

*

Seelen, Bienen der Nacht, verweht in verwilderte Gärten,
in der Barke des Monds leuchten euch Waben des Schlafs.

*

Seid ihr Gespenster des Wassers, Phantome des Schnees, ihr
Schwäne, umgeisterter Flaum, gleitet in Stille davon.

*

Blitzen die Augen, spitzt sie schelmisch die Lippen, verwehrt ihm
Küsse auf Wange und Mund, liebender hüpft ihr das Herz.

*

Schlafe, schlaf, mein Kind, auf warmen Singsangs gebauschten
Kissen, mit Federn gefüllt, Schwingen des luftigen Lieds.

 

Feb 17 19

Der einsame Engel

Wie am öden Kindergrab
der Engel einsam steht.
Sein Trauern wurde Patina,
die Seele auch vergeht.

Ihm rauscht kein Flügel sacht,
und keine Flamme hebt
er aus der grauen Nacht,
daß sie durchs Dunkel schwebt.

Er hält in einer Hand
die Lilie so beherzt.
Der Lilie Duft entschwand,
die Blüte ist geschwärzt.

Doch schenkt er dunkle Hut
in seines Busens Loch
dem Spatz und seiner Brut,
die haben Hoffnung noch.

 

Feb 16 19

Die grüne Aussicht ging verloren

Die grüne Aussicht ging verloren,
der Wimpernschlag des schönen Blicks.
Der Most der Schmerzen ist vergoren,
herb schmeckt der Wein des kargen Glücks.

Verschollen sind die lichten Knospen,
der Astern Augen zugetan.
Der Weide Haar graut auf den Wogen,
Gespenst des Wassers, fahler Schwan.

Du flehst um Tau, dem Glanz zu dienen,
und tastest dürres Brunnenmoos.
Auf leeren Waben schlafen Bienen,
stumm nun der süß umsummte Schoß.

 

Feb 15 19

Alles sagt die Nacht

Alles sagt die Nacht. Was unsichtbar,
weht Seele dir im Duft.

Nacht weiß Älteres als Tag.
Das Wasser spricht im Traum.

Stille ist ein bleicher Mond,
ein Moos, das dunkel tropft.

Alles sagt der Stein. Was untertags,
den Wurm hat er gewärmt.

Sage, die von innen glüht,
ein Rosenblatt versank.

Geh zur Lichtung, preß das Ohr
auf heimatlichen Löß.

Hörst du noch das Hirtenlied,
das Tröpfeln der Schalmei?

Geh ans Fenster, leg die Stirn
ans überhauchte Bild.

Denkst du noch die Augen sanft,
das Lächeln eines Kinds?

Alles sagt der Glanz, der so scheu
von deiner Wimper rinnt.

 

Feb 14 19

Hier ist schon Seufzens Flaum

Hier ist schon Seufzens Flaum
über Nebel-Hecken hingeweht.

Geträuf von abgeschmolzner Klage
küßt dir des Morgens Wiese hell.

Gefieder hebt sich aus dem Dunst,
mit kleiner blauer Augen Samt-Getupf.

Ist Rascheln noch im Schilf des Schlafs,
zupft schon ein Wind das wache Gras?

Der Strahl reißt dir den Schleier los,
Gespinst der starren Spinne Nacht.

Sie glüht, die lange dein geharrt,
Rose glüht dich an und Tulpe schwingt.

Bist allein nicht mehr, so Heimat dir,
wie Lindenblatt ein Schwesterherz zufliegt.

Und rauscht von Abschied Wasser stets,
die Lerche singt verzückt im Abendrot.

 

Feb 13 19

Unterreich

Dunkel knirscht das Unterholz,
die Spreu von Schuld und Gram,
auf immerdar verflucht,
im eignen Dung zu wühlen,
lichtscheue Assel,
Wurm im Lebenssatz,
von weichem Kot beglänzt,
Aas für Geier und Schakal,
zerfressner Erde Herz
in Mulch und Angstgestrüpp.

Hier seufzt ein Wasser schwarz
mit faulicht ausgehauchtem Strunk,
der blöde auf ihm schwappt.

Aus wirren Wurzeln schwitzt
in das Gerank der Schatten
braunen Klage-Taues Gift.

Des Auges Ei zerhackt
der Schnabel böser Blicke,
ja eigner Blicke Messer
metzelnd kehrt zurück,
der weiche Dotter,
noch warm vom Brüten
mütterlicher Liebe,
fließt aus, fließt aus.

Keucht hier noch eins,
so unterm Würgegriff
des Unsagbaren,
zischt hier noch eins,
so aus dem Mund von Rauch,
der schwarzen Viper Nest.

Woraus die Rose spricht
ihr Purpurwort ins Blau,
den Humus des Verwesten
durchstochert
hager wie ein Eremit
der Bettel-Finger
unerlösten Schweigens.

 

Feb 12 19

Verstehen und Erklären

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Was wir verstehen, können wir meist nicht erklären, und können wir es erklären, wird unser Verständnis deshalb nicht notwendig vertieft.

Wir hören einen Mißklang in einer Melodie und den Wohlklang eines Goetheschen Verses, wir sehen die farbliche Harmonie in einem Gemälde von Vermeer oder Franz Marc, ohne uns explanatorische Rechenschaft über unseren ästhetischen Eindruck geben zu müssen oder zu können.

Wir wissen, was einer meint, der uns nach der Zeit fragt, ohne über eine physikalische Theorie der Zeit zu verfügen.

Ein farbenblinder Physiker kann eloquent über die Brechung des Lichts und das dabei auftretende Farbspektrum dozieren, aber nicht über das, was Goethe die sittliche Wirkung der Farben nannte.

Der Astronom erklärt die Entstehung von Sternen und Galaxien, nicht aber der Welt, in der wir leben.

Die Physiologie des Gehörs und der neuronalen Verarbeitung der akustischen Wahrnehmung erklärt nicht den Sinn des einfachen Sprechakts der Aussage, Frage oder Aufforderung.

Wir verstehen, warum das Kind weint, wenn es sich am glühenden Herd die Finger verbrannt hat, und ebenso, warum die Frau den Mann anschreit, der sie betrogen hat. Doch handelt es sich um zwei unvergleichliche Zusammenhänge, einen kausalen und einen psychologischen. Die Frau könnte auch, anders als das Kind, in einem grollenden oder dumpfen Schweigen erstarren.

Wir erklären die Verfinsterung des Mondes durch seine Stellung zu Erde und Sonne, also unter erklärender Zuhilfenahme eines astronomischen Modells; wenn sich aufgrund deiner abfälligen Äußerung das Gesicht deiner Freundin verfinstert, verstehst du dies unmittelbar, ohne Zuhilfenahme von wissenschaftlichen Hypothesen.

Phänomene, die wir als sinnvoll betrachten, können wir nicht mittels Anwendung von Hypothesen oder Theorien erklären.

Wenn der neurowissenschaftlich fehlgeleitete Philosoph das von uns als schön erachtete aufgeschlagene Rad des Pfaus mit dem evolutionären Vorteil der Attraktivität des Hahns für die Verbreitung seiner Gene erklärt und daraus eine allgemeine Hypothese über den Sinn und Wert künstlerischer Schönheit glaubt ableiten zu können, verwechselt er ästhetische Schönheit, die nichts Objektives oder Gegenständliches meint, mit sinnlichen Reizen und grellen Effekten und beweist damit sein Banausentum in Sachen Kunst.

Erklärt man Kunst als Form sinnlicher Überwältigung, wäre Pornographie ihr letzter Schrei.

Verstehen ist das Lebenselement des zu sich selbst erwachten Bewußtseins oder Selbstseins, das sich in einem Medium wie dem gestischen und mimischen Ausdruck oder der Sprache mehr oder weniger deutlich zu erkennen gibt und transparent wird.

Einer mag sich unter der Maske eines Jargons verstecken, ja unter der Maske einer Sprache, die gleichsam über sein wahres Gesicht gewachsen ist, vor sich selbst verborgen bleiben.

Das Kind malt die Sonne als lachendes Gesicht. Wir sagen, es atmet die freie Luft des metaphorischen Verstehens.

In der Welt der Moleküle oder der Neuronen gibt es kein Bild.

Es bezeugt ein sprachliches Mißverständnis und den Mißbrauch einer Metapher oder Analogie zu sagen, das Gehirn interpretiere die visuelle Information als ein Bild und die akustische Information als eine Frage oder Warnung.

Innerhalb der Physik oder Biologie können wir die Schwelle zum Sinn nicht überschreiten.

Wir sagen, wir seien uns sicher oder gewiß, warum unser Freund ein finsteres Gesicht macht, aber wir können es nicht in dem Sinne wissen, wie wir wissen, weshalb sich der Mond verfinstert.

Wir bedürfen keiner erklärenden Hypothesen über das Seelenleben unseres Gegenübers, um zu verstehen, was er sagt.

Wenn die Fensterklinke verrostet ist und wir das Fenster nicht öffnen können, achten wir auf die Widerspenstigkeit des Dings, das uns ansonsten unter dem trüben Fluß des alltäglichen Weltumgangs verborgen bleibt.

Der Sonderling liebt es, den lichten Raum des Gesprächs mit Brocken seltsamer, sperriger oder abstruser Redewendungen zu verdunkeln, die er dann auf unsere Bitten hin wie voll Mitleid mit unserer Begriffsstutzigkeit durch langatmige und tautologische Erklärungen gnädig wieder ausräumt.

Die Transparenz der Zeichen in Gesten und sprachlichen Äußerungen, Gepflogenheiten und Riten auf einen geteilten Horizont verständlichen Sinns ist das Charakteristikum einer gemeinsamen Kultur.

Seelische Gebrechen und Geisteskrankheiten sind Krankheiten des Sinnverstehens.

Der Paranoiker, der wähnt, man wolle ihn vergiften, steht mit einem Fuß außerhalb der gemeinsamen Kultur, wenn wir die Tischgemeinschaft als eines ihrer stärksten Symbole auffassen.

Der geregelte Austausch von Gesten, Zeichen, Dingen ist die Grundlage gemeinsamer Kultur. Die Regel ist das Quidproquo, daß ich deine Frage beantworte, deine berechtigte Forderung begleiche, mein Versprechen einlöse. Aus der auf Dauer gestellten Regel erwächst die Sitte, die Sitte sondert gleichsam aus dem weichen Fleisch fließender Verständigung die Muschelschale des Rechts und der Rechtsüberlieferungen ab.

Wir können die Vielfalt des Sprachgebrauchs, der Sitten und Gebräuche nicht in der Weise systematisch klassifizieren und rubrizieren, wie es der Botaniker Linné mit den Pflanzen getan hat.

Der Mann kann seiner Frau nicht damit kommen, er lebe polygam, weil er auf diese Weise seine Gene besser verbreiten könne; die Frau kann ihm nicht sinnvoll erwidern, sie bestehe auf einer monogamen Beziehung, weil auf diese Weise das Wohl ihrer Kinder ein sicheres Haus und Dach habe. Der Wille (oder Unwille) zur Einehe kann nicht als evolutionäre Anpassung erklärt werden, sondern ist ein Ausdruck gewünschter kultureller Veredelung (oder Verrohung) der intimen Beziehung von Mann und Frau.

Die Sprache kann nicht aus der Funktion zur Verständigung in kooperierenden Gruppen erklärt werden; unter Bienen funktioniert diese Kooperation mittels chemischer Signale ohne semantischen Gehalt – und so ohne die Gefahr all jener Mißverständnisse und falscher Deutungen, mit denen wir uns abquälen.

Warum soll ich den Sinn deiner Abweisung verstehen, selbst wenn du mir die Tür vor der Nase zuschlägst?

Kulturelle Gemeinschaften kittet nicht nur der geteilte Sinn ihrer Zeichen, sondern auch, wenn sie eine geschichtliche Dauer erlangen, ihr Gedächtnis, das sich ursprünglich in sakralen Orten wie Hainen und Tempeln und dort vollzogenen Riten, sodann in für sakrosankt erachteten Sammlungen von Sprüchen, Mythen, Legenden verdichtet, dem Archiv ihres überindividuellen Gedächtnisses, das mehr und mehr von der Kaste der Priesterschreiber kodifiziert wird.

Der aus der Priesterkaste austritt, um neue Sprüche, Mythen, Legenden zu formen: der Dichter.

Du willst nach alter Sitte der Dame den Vortritt lassen oder die Türe offenhalten? Die Höflichkeit solcher Gesten wird von den Theoretikern der Macht ihres Eigensinnes beraubt und mittels Entlarvung der darin kaschierten männlichen Dominanz und also plausibler Erklärung ersatzlos gestrichen.

Erklärungen des Sinnverstehens gipfeln in seiner Vernichtung durch Algorithmisierung.

Die Reproduktion des visuellen Eindrucks durch algorithmische Verteilung von Pixeln auf dem Bildschirm erzeugt kein Bild.

Die beruhigende und kontemplative Wirkung des Stillebens kann man nicht damit erklären, daß der lauernde Appetit auf jene delikaten Früchte vor dem Imaginären abblitzt.

Jemand lächelt, das sehen und verstehen wir; ob aber aus froher Stimmung oder Verlegenheit, muß sich erst zeigen.

Wir sehen in den kunstvoll verteilten Farben und Linien auf der Fläche ein Bild; so verstehen wir, daß hier etwas gezeigt wird; und wenn auf dem Stilleben einige Dinge im Schatten liegen und ihre Konturen im Zwielicht verschwimmen, sehen und verstehen wir, daß dies gezeigt wird.

Wir sind inkarnierte Monaden oder Selbstbezüglichkeiten, die weder in eingemauerten Innerlichkeiten füreinander verschlossen hausen noch durch biologische Adaptionen miteinander verhaltenssynchron agieren, sondern durch Zeichengebrauch mehr oder weniger einander transparent und durchscheinend leben.

Wir mögen nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein; doch daß jemand traurig ist, der weint und über den Grund seiner Betrübnis klagt, verstehen wir.

Wir können in der Betrachtung eines Stillebens auch den Augenblick der Stille und Gelöstheit erfahren, der uns an den Topos vom Paradies erinnert, wie er uns von der Tradition im Bild- und Spracharchiv unserer Kultur überkommen ist, das vor Auslöschung, Verunstaltung und sinnentstellender Deutung zu bewahren, zu den vornehmsten Pflichten gehört.

Jene Bilder der heiligen Überlieferung stehen nicht zur beliebigen Disposition beliebiger Inszenierung; anders als Markendosen oder Urinale, die ihrer originären Verwendung wieder zuzuführen wir nicht verschmähen.

 

Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=zF5X9amkH2s

 

Feb 11 19

Grüne Lache Licht

Grüne Lache Licht
wird schon abendfahl,
leises Abschiedslied,
Lallen leiser Qual.

Lilienblauer Schein,
Sommers weher Duft,
und dich meint allein
ferner Glocke Ruf.

Schattenzart Gerank
um ein Flackern mild,
Träne glänzt von Dank,
der das Leiden stillt.

Fiel dir Blatt um Blatt
auf des Schlafes Schnee,
Blüten schon so matt,
tut dir nicht mehr weh.

 

Feb 10 19

Der Wind greift ins Blattwerk

Der Wind greift ins Blattwerk,
es erschauert,
ist wieder still.

Der Mondstrahl liegt stumm
auf dem Teich
und wird nicht naß.

Die Knospe geht auf,
geht lautlos auf
und duftet.

Eines Menschen Schrei verhallt,
verhallt im Dickicht
ohne Spur.

 

Feb 9 19

Kohlenstaub Erinnerung

Der weiße Kot im Taubenschlag,
auf schiefen Hühnerleitern,
dunklen Gurrens Morgengruß,
des Abends Schattenflattern,
Kohlenstaub Erinnerung
an feuchten Kellerwänden –

bei Vater auf dem Kindersitz
vorn auf der Fahrradstange,
Sonntagsausflug, Moselpfad
nach Güls und Winningen,
sein Atem mir im Nacken,
er legte mich ins hohe Gras,
ein Findelkind, das Plätschern
kam aus grüner Muschel Spalt,
der sich mir schloß im Schlaf –

Forellen klatschten im Bassin
des Traums, und dort am Grund
wie Rätselknäuel Aale,
Vater konnte sie nicht fassen,
so arg ich flehte, weinte –

ein dunkler Trost war Dämmerung,
Geläut der Vesperglocken,
der Kerze banges Flackern
vor dem Andachtsbild,
wenn die alten Treppenbohlen
unter Gespensterschritten ächzten –

dann prasselten Kartoffelfeuer,
ihr Wächter war das Hünenmal
basalten auf dem Eifelfeld,
und aus dem Schoß der Erde
riß Flamme meine Seele
mit nachtgeweihten Funken
in wehen Jubels Sprühen.

 

Feb 8 19

Das Ruder ist zerbrochen

Das Ruder ist zerbrochen,
und höher geht die Flut,
am Ufer knien Schatten
am Grab erloschner Glut.

So lassen wir uns treiben,
und zittert auch das Boot,
wir halten uns die Hände
im fahlen Abendrot.

Wir liegen auf dem Rücken,
zu lauschen dem Gesang
des Wassers in der Tiefe,
und weinen Wang an Wang.

Ob einmal jäh ein Ufer
uns in sein Dickicht bannt?
Ob einmal sanfte Woge
uns hebt auf goldnen Sand?

 

Feb 7 19

Koblenz in Flammen

Geläut von Kastor und Liebfrauen,
o Stadt in Flammen,
die Glocken schlagen Cherubim
mit harten Schwertern.

Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und was um ihn verglüht und schreit,
alles schmilzt er in sein Schweigen ein.

Die in den feuchten Kellern hocken,
ich hör sie jammern,
der Greis, den Rosenkranz in Händen,
ich hör ihn beten.

Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und all der Augen Bitter-Glanz,
Tränen schlürft er auf wie herben Wein.

Von morschen Ästen stürzen Vögel,
o Todeszwitschern,
in schwarzen Gärten brennen Rosen,
o Aschenküsse.

Dunkel fließt der Sagenstrom, der Rhein,
und was an ausgerauschtem Blatt und Sang
meerwärts er getragen, weiß nur er allein.

 

Feb 7 19

Der Sturz des Engels

Gefieder, Schnee,
gesprenkelt mit Blut,
vom gelangweilten
Finger des Winds
hin- und hergerührt.

Dickicht, Nacht,
durchwirkt von Gold-
fäden Knabenhaars,
gewickelt um Knospen
erstickter Glut.

Dunstfetzen, Vlies
gerupften Schaums,
aufs Wasser gespuckt,
ausgeraubte Nester
schwankenden Lichts.

Doppelklinge, Blitz,
ausgezischter Bote,
in den Uferschlick gerammt,
vom Schweigen der Muscheln
bald überkrustet.

 

Feb 6 19

Die Seiten umgewendet

Ein Windstoß, trocknes Rascheln,
die Seiten umgewendet,
mußt du dich rückwärts lesen.

Vom überquellenden Kelch
kehrst zum Schimmer der Beere,
zum Laube leerer Schatten
kehrst wieder du zurück.

Vom Gartenfest des Lichts
sind dir aus hoher Vase
zwei, drei blasse Blüten
hinab aufs Bett gestürzt.

Von blauer Blicke Mohn,
von Sommernacht umwimpert,
hängen kaum gefühlte
Tränen dir am Lid.

Von warmer Lippen Sang,
der mit Faltern nächtlich schwirrte
um einen Mund voll Honig,
blieb kindisches Gelall.

Von stiller Kerzen Glut,
um die dein Schatten summte
Gebete süßer Düfte,
beißt dich ein kalter Rauch.

Von weichen Lächelns Glanz,
der dich wie Krokus taute,
zittern kalte Tropfen
in einem Spinnenweb.

Des leisen Glückes Lampion,
der mit Vogelstimmen schwebte,
grinst aus trübem Spiegel,
die hohle Maske Mond.

 

Feb 6 19

Das Wort ist unser täglich Brot

Das Wort ist unser täglich Brot,
das wir teilen, um zu bleiben,
das wir sparen, um zu wandern
einen schweren Gang zur Nacht –
oder auf der Fensterbank
des Überdrusses faulen lassen.

Die Geste gibt dem Wort den Sinn,
wozu das Brot wir schneiden,
wenn dankend für Gesang wir Vögeln
Brocken streuen in den Schnee –
oder im schwülen Pferch der Angst
ein fettes Grunzen füttern.

Das Salz der Wanderschaft
macht durstig nach dem Quell,
der fern aus Traumes Spalten stäubt.
Doch ungesalzen glänzt
das Brot in reiner Hand,
die es erwachten Herzen bricht,
sein Sinn bleibt ihnen ganz.

 

Feb 5 19

Wie sich das blind Gesagte staut

Wie sich das blind Gesagte staut
und überschäumt gleich Pollen
den bangen Saum
von Blumenbechern
in schwarzen Schweigens Gras,
um fern zu schimmern
der Andacht eines blauen Blicks,
dem bald die Nacht die Lider
niederdrückt.

Wie die Amöbe sieht
blind mit dem ganzen Leib,
der sich für grünes Wasser
rhythmisch einwärts stülpt,
höhlt sich das Wort ein Auge
unterm Schmerzensstrahl.

Was wie Kerzen hat gebrannt
und schmelzend gab sich hin
für einen Trost aus Licht,
für einen Kranz aus Rauch,
war Honig des Gesangs.

 

Feb 4 19

Wie Gaze hell gebauscht

Wie Gaze hell gebauscht
vom Morgenhauch
legt Wind sein Nebeltuch
auf das noch Unvertraute.

Dort hängen Tropfen
eines Traumverschwiegnen
an Halmes Spitzen,
salzige Körner von Licht
an Wimpern
bang geschlossner Augen.

Sie zittern im Erwachen
und Tropfen fallen
ins erstaunte Gras.

Der aus dem Abgrund kommt,
der Strahl ist wie ein Messer
und zerschlitzt das Tuch.

Auf die helle Haut der Birken
schreiben Flammen
die Losung hohen Tags.

Der Schatten eines Flügels
trägt den Schmerz
ins blaue Ungewisse.

Was sternt dich an
aus zarter Knospen
aufgetaner Nacht?

Der Schleier riss entzwei
in gelbe Blüteninseln,
von Ginsters Lippen
atmest du dir zu.

 

Feb 4 19

Was soll ich dir denn schreiben

Was soll ich dir denn schreiben:
die hier nicht duften, Rosen,
als könnten sie sich neigen
in Winds erstarrten Tanz?

Soll sich der Tau dir reichen
auf letterntrocknen Moosen,
kann dir den Sinn erweichen
an Silben schwarzer Glanz?

Wie klaffen Verses Furchen,
daß goldnes Korn sie fülle,
wie ließ die Saat sich gießen
aus Reimen ohne Tülle?

Auf Blattes Schnee sind Küsse
wie ein zerrupfter Mohn,
die ich auf Metren hisse,
Waldreben blassen schon.

 

Feb 3 19

Wie zarte Halme

Das hohe Tun
kommt aus dem tiefen Ruhn.

Wie zarte Halme
biegen sich die Namen
im fremden Hauch.

Sich selber unbekannt
vor ihrem Leuchten
sagt ein Mund von Blüten.

Jedes Wort ist Frage,
Samen, der vom Summen träumt,
das ihn ins Offne trägt.

Die Flocken fallen aus der Nacht
und füllen Riß und Furche,
bis Glanz den Schmerz verbirgt.

Keiner weiß die Rose ganz,
doch woraus sie spricht,
liegt vor dem Bild im Duft.

 

Feb 2 19

Mystische Tageszeiten

Der Morgen ließ uns stehen,
eine blaue Pfütze Licht.

O der kleine Sperling,
der aus ihr sich Süße trank.

Der Mittag strich unsern Schatten
aus der Weide starrem Haar.

Wie schlief der Schmerz in ihm,
die Witwe mit dem Kind.

Ins Moos der Abendstunde
weinten wir den weichen Glanz.

O nackter Pilgerfuß,
dem kleine Seufzer es gehöhlt.

Wir stiegen über Efeus Beben
in Mondes Schattenlaub.

O daß in seinem Rauschen
die wirre Seele Ruhe fand.

 

Feb 2 19

Komm in mein Lilienlicht

Lies mich in Blatts Geäder
und im Schorf des Winds
auf Schiefer und Basalt.

Komm in mein Lilienlicht,
es tropft an dir herab
wie Honig eines Worts.

Faß heiß nach meiner Hand,
die aus der Furche winkt,
wie grünen Schlafs Gerank.

Was dort ins Blaue wölkt,
gab deiner Stirn noch Glut,
die Asche, mein Gedicht.

 

Feb 1 19

Die Schrift des Lichts

Ja, die unteren Wasser sind dunkel,
es liest sich aber auf ihren Wogen
einmal auch die Schrift des Lichts.

Das in den Brunnen gerufene Weh
gibt sein Echo zurück wie ein Wort
aus vergessener Liebe Mund.

Aus dem vom Blitz gespaltenen Stamm
heben grüne Fingerspitzen Augen,
die um Tränen betteln, Glanz.

Die Äpfel leuchten dem Pfad des Abends,
wie Blüten aber die Vogelstimmen
gehen auf im Blau der Nacht.

 

Jan 31 19

Liebesgaben

Die an Mauern überhangen,
und sie mildern dir mit Duft
deinen Gang ins leere Heim,
Rosen dir, der bangen!

Die das Herz der Veilchen füllen,
und sie geben weichen Glanz
deinem kindlich scheuen Blick,
Tränen dir, der stillen!

Das die Nacht im Fliedergarten
süßer noch als Duft erfüllt,
wenn dein hoher Stern verweilt,
Zwitschern dir, der zarten!

Die auf Mooses Wehmut weinen,
Quellen, kühl und unberührt,
wenn dein dunkler Schmerz sie hört,
Lieder dir, der einen!

 

Jan 31 19

Der Gesang der Toten

Du warst aus trübem Schlaf erwacht,
da saß sie auf der Fensterbank,
und ihr Antlitz war so bleich.

Wie in der Nacht des Mondes Strahl
geht übers Wasser geisterhaft,
strich über dich ihr ferner Blick.

Ja, es war die Sommerzeit,
ihren Locken hauchte lau die Luft,
und ihre Füße wippten nackt.

Was hat dich mit dem Schmerz versöhnt,
was mit Tränen dir beglänzt den Gram?
O du tauchtest weich ins Dunkel und sie sang.

 

Jan 30 19

Der Geist der Liebe

Wie kleine Monde schimmern
Eier im Nest der grünen Dämmerung,
gehalten von zartem Flechtwerk
im Schilf, das kaum fühlbar zittert,
wenn Wolken auf den Wellen gehen.

Sie sind noch warm und warten
auf die Wiederkehr der Eltern.
So bang die Halme, atemlos
wie die ins Dunkel äugt, die Angst.

Sie kommen nicht zurück.

Der Geisterschatten einer Wolke,
der Blitz aus einem Eulenauge
hat sie hinweggeschreckt,
das rote Zischen einer Schlange.

So liegt in bunt gefleckter Schale
das Wort im Nest der Dämmerung,
das im kalten Winde schwankt,
der ihm die kleine Wärme nimmt,
und kann nie ausgereift ans Licht,
ins Freie kommen, nicht den Flug
zum Schnee der Gipfel wagen,
jenen, der im Abgrund schläft,
mit süßem Zwitschern nicht erwecken.

Der Liebesgeist hat es verlassen.

Was hat ihn töricht denn verschreckt,
vor welcher Schlange, welchen Dämons
bösem Blick ist er ins Heimatlose
ferner Gärten ausgewandert,
wo er im Feuer wilder Rosen,
im Samenvlies der Disteln
das ungetane Werk erblickt
und bitteren Eingedenkens
sich Glanz von Tränen leckt?

O es war der Schrei aus einem Maul
aus Stahl, das Hämmern glühender
Gestänge, obszönes Quietschen
von Gummimuskeln, das Glotzen
von Gier und Wahn aus Plastikfratzen.

 

Jan 29 19

Das verirrte Reh

Schauern noch der Abendstunde Ranken
Schatten der Erinnerung?
Hat der Sanftmut golden-grünes Danken
Atem noch im Laubenlicht?

Wie auf Wassern weiße Blüten flossen
stille Bilder durch den Geist.
Wenn die scheuen Kelche sich ergossen,
warst bei Veilchen nicht verwaist.

Nun mußt du wie kahle Bäume halten
leere Hände in den Schnee.
Dürre Wurzeln gräbt aus harschen Spalten
dein Erinnern, ein verirrtes Reh.

 

Jan 28 19

Der blöde Gast

In der ausgewaschenen Luft der Museen
erkenne ich nichts.
Wie hängen all die Bilder
blind an einer Wand
aus fein poliertem Totgebälk.

In den Katakomben des Traums,
wo heimlich eine Kerze
vorm Bildnis eines Engels singt,
will ich mit ihr lodern.

Unter der auswattierten Muschel des Saals
flattern die Klänge
wie bange Schwalben aus dem Nest
der Geigen und Hörner
und finden kein Fenster
offen in die blaue Nacht.

Unterm Sternenlicht der Heckenrosen
will ich wie mit Flammen
auf den roten Zungen
der Nachtigallen zittern.

Beim Geklirre aufgeprallter Kehlen
und kalten Lachens Tropfen
auf den Feiertischen
klebt meine Seele starr
als Fliege an der Wand.

Wenn Abend wieder öffnet
seiner Hoheit goldene Waben,
will im Flug ich dunkle Süße finden
dem scheuen Mund des Lieds.

 

Jan 27 19

Wahrheitsinjektionen und Liebespillen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dem Angeklagten und dem Zeugen vor Gericht verpaßt man vor ihrem Verhör intravenös eine Substanz, die im Gehirn alle neuronalen Impulse unterdrückt, die sich in Lügen und Falschaussagen niederschlagen, sodaß die ihnen entlockten Äußerungen entweder immer wahr oder zumindest nicht falsch sind.

Weshalb scheuen wir davor zurück, in diesen Fällen den Sprecher als echten Wahrheitszeugen anzusehen, auch wenn er nichts als die Wahrheit sagt, die reine Wahrheit?

Wir vertrauen allererst den Äußerungen eines Sprechers, der uns das Wahre mitteilt, obwohl er fähig wäre, die Unwahrheit zu sagen, weil wir unser Vertrauen auf seinen guten Willen setzen, uns nicht hinters Licht zu führen.

Ein Freund, der geistig zurückgeblieben und zu dumm ist, uns zu belügen oder zu verraten, und daher keinen guten Willen bemühen muß, es nicht zu tun, gilt uns nicht als echter Freund. Er ist eher wie ein braves Hündchen, das nur immer neben uns laufen mag.

Äußerungen, die aufgrund der Manipulation des Nervensystems des Sprechers nicht falsch sein können, lassen wir nicht ohne weiteres als wahre Aussagen durchgehen, sie haben bloß den Schein des Wahren, wirken auf uns aber wie Masken einer ontologischen Unaufrichtigkeit.

Wenn wir aufgrund der Evolution des Gehirns in der Weise determiniert wären, daß wir nur Wahres zu sagen fähig wären, lebten wir in einer Art Traum- und Wahnwelt, die den Irrtum a priori ausschlösse.

Aus der Tatsache, daß ein allwissender Roboter sich in der Zuordnung der Namen zu den Gesichtern ihrer Träger nicht irren könnte, schließen wir, daß die Maschine die Gesichter nicht sieht, wie wir ein Gesicht sehen und uns auf den Namen der Person besinnen.

Wenn der Roboter auch stets das Wahre ausspuckte, würden wir ihm nicht die Fähigkeit zubilligen, wahre Aussagen zu machen, weil er selbst in den mitgeteilten Informationen gleichsam nicht enthalten ist, auch wenn er die Formel „Ich sehe, daß es sich bei dieser Person um N. N. handelt“ benutzen würde, die wir ihm zuvor einprogrammiert haben.

Wir stoßen hier, wenn auch blindlings, auf den internen Zusammenhang zwischen dem semantisch-logischen Raum, in dessen Mittelpunkt ein jeder in der ersten Person sagt, was er meint, und der Wahrheitsbedingung des Irrtums und der Negativität, ein Zusammenhang, der einer tieferen Erhellung harrt.

Nur wenn wir Absichten mit unseren Sprechakten verbinden können, sagen wir über den einen, er lüge, über den anderen, er spreche die Wahrheit.

Wer nicht lügen kann, kann nicht die Absicht haben, die Wahrheit zu sagen.

Wenn wir annehmen, daß unsere in der Rede zum Ausdruck kommenden Absichten Funktionen unserer Wünsche, Interessen und unbewußten Antriebe sind, wären wir wiederum in einer Traum- und Wahnwelt eingeschlossen, in der oder von der zu reden eine überschwengliche Variation des Schweigens wäre.

Der Marxismus und die Psychoanalyse sind theoretische Traum- und Wahnwelten dieser Art, obwohl sie uns angeblich versprechen, den ideologischen Schein und Verblendungszusammenhang zu durchbrechen oder von neurotischen Realitätsverzerrungen und Wahnbildern zu heilen.

Wenn der Überbau letztlich von den unbewußten Kräften und Formationen der gesellschaftlichen Basis determiniert ist, sind meine Gedanken nicht meine Gedanken.

Wenn das Unbewußte die eigentliche Sprache darstellt, habe ich nichts mehr zu sagen.

Wir müssen sowohl die Absicht oder den Willen als auch den intentionalen Gehalt in die Struktur einer jeden Äußerung einführen oder die Form der Äußerung als jeweilige Figur des Selbst auffassen.

Ich verstehe, daß du mich etwas fragen willst, wenn du den Ton am Satzende hebst.

Ich verstehe, daß du mir etwas zeigen oder mich auf etwas aufmerksam machen willst, wenn du dich der grammatischen Formen der Demonstrativa und der hinweisenden Wörter wie „hier“, „dort“, „dieser“, „jener“, „neben“ oder „später“ bedienst.

Ich verstehe, daß du mich zu etwas aufforderst oder um etwas bittest, wenn du diese Sprecherabsichten in die Form von Aufforderungssätzen und Imperativen kleidest, die das ausdrücklich machen, worum es dir geht

Ich verstehe, daß du gewillt bist, mich zu unterhalten oder zu amüsieren, wenn du dich für eine Anekdote, eine Schnurre, einen Witz der entsprechenden Erzählweisen und der grammatischen Form des narrativen Imperfekts bedienst.

Ich verstehe, daß du dich mit einer Notlüge über die Peinlichkeit und Verlegenheit hinwegsetzen willst, in die du geraten bist, weil du wieder einmal zu spät gekommen bist oder dein Versprechen nicht gehalten hast.

Ich verstehe, daß du mit dem überschwenglichen Lob eines nichtsnutzigen oder dummen Scharlatans weder dir noch mir etwas vormachen willst, sondern die rhetorische Form der Ironie mit der Absicht ins Spiel bringst, die Nichtsnutzigkeit des Nichtsnutzes und die Dummheit des hohlen Schwätzers in ein desto grelleres Licht zu heben.

Antike Dichter wie Horaz und Properz spielen gern auf das Treiben von Hexen und Zauberinnen an, die Salben, Tinkturen und mit oft blutrünstiger Braukunst gewonnene Säfte jenen Verliebten feilboten, die die Gunst und erotische Hingabe der begehrten Person sich durch heimliche Verabreichung dieser Aphrodisiaka erzwingen wollten.

Was sollen wir von dem gestammelten Liebesbekenntnis eines Mannes halten, das sich ihm unter dem Einfluß einer solchen Droge entrang?

Und vor allem: Welches moralische Gewicht soll die Verliebte, die den Gegenstand ihres Verlangens mit der Verabreichung einer Liebespille sich gefügig gemacht hat, seinem Liebesbekenntnis geben?

Sie wird es nicht für bare Münzen nehmen, denn es war in Abwesenheit guten Willens und redlicher Absicht nur ein dem erotischen Rausch entfahrener flatus vocis, ein Wölkchen, das morgen am nüchternen Tag im grauen Himmel der Verachtung oder Gleichgültigkeit verflogen sein wird.

In veneno veritas – das scheint allerdings für Tristan und Isolde zu gelten. Oder für Richard Wagner, der aus dem Abgrund erotischer Verfallenheit den Duft trunken machender Akkorde steigen ließ, die den Betörten wie den vom Wind leicht abgeschüttelten Tropfen hineinstürzen lassen.

In der Absicht, den Geliebten in die Bedachtsamkeit der Sorge und die Huld des Schenkens und Dankens aufzunehmen, unterscheidet sich das Liebesbekenntnis vom Stammeln und Lallen des Eros.

Hätte die Evolutionspsychologie recht, wäre die Sprache der Liebe nur die Larve des mehr oder weniger sublimierten Triebs und das Bild des Geliebten das Zerrbild im Spiegel eines Verlangens, das mit jedem Seufzer und jedem Keuchen sich tiefer in den Abgrund der Vernichtung wühlt.

Nach Ansicht der Naturalisten sind wir Puppen in der Hand der Evolution, die deren ursächlich zweckfreie Impulse als illusionäres Spiel eigener Zwecke und Absichten verkennen. Am Ende erweisen sich die leidenschaftlich mit mehr oder weniger harmlosen Mitteln verfolgten Absichten und vorgespiegelten Gründe als Masken natürlicher Ursachen.

Doch die Wahrheit deiner Äußerung, daß der Regen aufgehört hat und die Sonne wieder scheint, hat keine Ursache in dem Wetterphänomen, sondern ihren Grund in deiner Wahrnehmung des Sonnenscheins und der Absicht, mich indirekt zu einem Spaziergang aufzufordern.

Die naturalistische Theorie ist ein Wiedergänger des kartesischen Dämons und ihre unmittelbare Folge einer radikalen Wahrheitsskepsis findet einen Einspruch in der Instanz nicht des „Ich denke“, sondern des „Du sprichst mit mir“.

Du sprichst mit mir, also existierst du.

In dem, was du mir sagst, kann ich eine Redeabsicht und einen Anspruch an mich erkennen, mich auf eine gemeinsam bewohnte Welt zu beziehen. Du fragst, ich antworte, du bittest mich darum, mit dir spazierenzugehen, und ich hole meine Jacke.

Unser Gespräch ist in eine gemeinsame Welt der Wahrnehmungen und Bedeutungen eingebettet, wenn sie uns auch nie vollständig epistemisch und sprachlich erschlossen ist. Diese Welt, deren Bewohner wir beide sind, ist dasjenige, worüber wir reden und worum es uns geht.

Meine Antwort auf deine Frage macht einen Unterschied für die Art und Weise, wie wir in der von uns geteilten Welt zueinander stehen, je nachdem, ob sie sinnvoll oder absurd, richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen, erhellend oder irreführend ist.

Ich könnte freilich träumen und dich im Traum sehen und deine Stimme hören. Doch es wäre in der Traumwelt ohne Belang, wenn meine Antwort auf deine Frage sinnvoll oder absurd, richtig oder falsch, aufrichtig oder verlogen, erhellend oder irreführend wäre.

 

Jan 26 19

Figuren des Selbst

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die uns mit enigmatischen Sprüchen kommen, können von einer Gegend der Sprache Zeugnis ablegen, die unseren Horizont übersteigt, oder Betrüger und Scharlatane sein, die unsere Verblüffung nutzen, um uns heimlich etwas aus der Tasche zu stibitzen, uns zumindest Zeit und Aufmerksamkeit zu rauben.

In manchen Fällen bleiben wir ein Leben lang im Zweifel, welche dieser Alternativen zutreffen mag.

Er sagt heute so, morgen so. Wir ignorieren sein Geschwätz und schenken dem Sprecher kein Vertrauen.

Warum ist die Wahrheit und Richtigkeit einer Mitteilung ein Prüfstein für unser Vertrauen? Weil sie uns über Hindernisse hinweghalf oder ans Ziel gelangen ließ.

Er sagt heute das Gegenteil dessen, was er gestern vollmundig verkündete. Der Widerspruch und die logische Inkonsistenz sind für uns ein Kriterium der Entscheidung dafür, dem Sprecher unser Vertrauen zu entziehen oder ihm mit Mißtrauen zu begegnen.

Das aufgrund wichtiger und richtiger Auskünfte bei uns gekeimte und angewurzelte Vertrauen in den Sprecher enthebt und entlastet uns der Mühe, jede seiner künftigen Mitteilungen auf die Waagschale peinlicher Prüfung und Abwägung zu legen.

Dem Fremden, dem unsere Muttersprache mit ihren eigentümlichen Wendungen und feinen Anspielungen nicht ins Blut übergegangen sein kann, begegnen wir schon auf sprachlicher Ebene mit Argwohn, wenn es sich um Fragen von Sein und Nichtsein handelt.

Der Intellektuelle will uns verblüffen und sich eitel spreizen, indem er ohne Not vom üblichen Sprachbrauch abweicht.

Er hält es für schick oder ein Zeichen von Esprit und geistiger Überlegenheit, sich in trivialen Angelegenheiten unverständlich auszudrücken.

Der faule, doch auf die Menge bannend wirkende Zauber der Wortverdreher und Sprachwürger, die sich für Poeten ausgeben oder gar für Philosophen.

Das schlichte Wort ist oft der edelste Schmuck.

Höllenflamme, die Hütten und Werke des Lebens in Brand steckt, zischende Schlange des Paradieses, die zur Verleumdung des Wahren, Guten und Schönen anstiftet: die menschliche Zunge, wie es der Brief des Jakobus beschreibt.

Der Austausch von Worten läßt sich nicht à la Sorbonne auf den Diskurs der Macht abbilden oder reduzieren: Der Bezug auf Wahrheit ist ihm ursprünglich einbeschrieben, und wir vertrauen auf den Sprecher, der ihn zu wiederholten Malen hergestellt hat, und mißtrauen dem Lügner und dem Scharlatan, der sich mit der Larve des Richtigen und Wahren tarnt.

Vor dem offensichtlich Unwahren scheuen wir zurück und weisen es gelassen ab. Die Bosheit braucht die Maske des Wahren, jenes verführerische Schillern und Blenden erlesener oder aufgehübschter Worte, um in Herz und Mark zu dringen.

Der Lügner redet im Schatten der Wahrheit, um die er weiß, der Scharlatan in der Sonne des Bösen, das er verkennt.

Der Lügner ist gerissen und schlau, weiß er doch dem Schein den Anstrich des Echten zu geben. Der Scharlatan ist inspiriert und besessen, breitet er ja um die innere Leere den Nimbus des Geheimnisvollen und in die geistige Nacht die Schimmer dämonischer Fäulnis.

Um am Gespräch teilzunehmen, etwas zu behaupten, zu fragen, zu erzählen, müssen wir uns selbst vertrauen. Dies ist die ursprüngliche Intuition des Ich: Es lauscht gleichsam in sich hinein auf sein eigenes Lebenslied.

Wie beim Hören oder Lesen von Sätzen müssen wir auch beim Hören einer Melodie unserem Bewußtsein vertrauen: So hören wir nicht nur die Abfolge jeweils singulärer Töne, sondern den Verlauf und die eigentümliche Bewegung der Tonlinie, wobei das soeben Gehörte in der mehr oder weniger ausgedehnten Gegenwart des Bewußtseins resoniert und das noch kaum Angeklungene wie eine akustische Aura bereits in die Gegenwart des Bewußtseins hineinzustrahlen scheint.

Wir hören die Melodie auch in den winzigen Lücken von Stille und über den Abgrund des Innehaltens hinweg, in denen es kein akustisches Ereignis gibt: Wir füllen die Lücken der Stille mit der imaginären Linie der von uns spontan aus dem Klangmaterial erzeugten Melodie.

Eine jede von unserem Bewußtsein spontan aus dem gegebenen akustischen Material erzeugte Melodie ist eine musikalische Figur des Selbst – so wie wir auch aus dem Porträtbild, der gemalten Landschaft oder dem Stilleben eine Figur des Selbst erwecken.

Wenn wir aus dem von unserem Gesprächsteilnehmer vorgegebenen akustischen Material spontan die Satzgestalt einer Frage oder Aufforderung erzeugen, erfahren wir an dem Gehörten eine semantische Gestalt des Selbst.

Wir könnten sagen: Wie wir uns im einen Falle musikalisch innewerden, so werden wir uns im anderen Falle semantisch inne.

Wir sind in der von uns als semantische Gestalt der Frage oder Aufforderung gehörten und verstandenen Äußerung auf analoge Weise existentiell enthalten, wie die Folgerung eines korrekt gebildeten Schlusses in den Prämissen logisch enthalten ist.

Wir gelangen aus der Virtualität des dämmernden oder schlafenden Bewußtseins in die Aktualität einer Figur des Selbst, wenn wir uns im akustischen, visuellen, taktilen, olfaktorischen, gustatorischen und motorischen Material oder Phänomen spontan innewerden.

Es gibt kein Gesehenes oder Gehörtes, das nicht ein von dir oder mir Gesehenes oder Gehörtes wäre. Es gibt kein gesagtes oder geschriebenes Wort, das nicht jemandes Wort wäre.

Wir trauen jenem, der das Wahre, mißtrauen jenem, der das Falsche sagt. Das Vertrauen wächst, je mehr wir durch den einen auf gangbare Wege, das Mißtrauen wächst, je mehr wir durch den anderen auf abschüssige Pfade gelenkt werden.

Das Vertrauen ist der Baustoff unserer einfachen Sittlichkeit in den Formen der Freundschaft und Liebe; das Mißtrauen ist der Sprengstoff, der die gewachsenen Institutionen des alltäglichen Umgangs zum Einsturz bringt.

Das gesunde Mißtrauen kommt dem Betrüger und Scharlatan auf die Schliche; das kranke sieht in jedem Spiegelschatten auf dem Fensterglas den Verfolger, die Fratze seiner eigenen Nichtigkeit.

Das gesunde Mißtrauen ist der Spiegel der moralischen Welt, in der Fortuna oder das Fatum die ethischen Fähigkeiten der Verläßlichkeit, des Verantwortungsbewußtseins, des Pflichtgefühls, der Pietät und der Treue auf eklatante und skandalöse Weise ungleich ausgeteilt hat.

Die ungleiche Verteilung der moralischen Fähigkeiten steht im umgekehrten Verhältnis zur ungleichen Verteilung der geistigen Fähigkeiten: Der Betrüger ist gerissener und schlauer als der Betrogene, wenn der Betrogene auch moralisch begabter sein mag als jener, der ihn ums Ohr haut.

Nicht nur die ungleiche Verteilung der intellektuellen Begabungen ist eine unüberwindliche Hürde für diejenigen, die sich des Endspurts ins Paradies der Freien und Gleichen unterfangen, sondern mehr noch die ungleiche Verteilung der moralischen Gefühle und Fähigkeiten.

Jedes Bewußtsein existiert in der Dauer eines Augenblicks, die mit dem Glockenschlag nicht untergeht.

Der Augenblick des Bewußtseins ist die Ewigkeit, in der sich alle Zeiten immerdar neu versammeln, überkreuzen und wieder auslöschen.

Der Augenblick, in dem wir für uns erwachen, hat keine physikalisch meßbare und chronometrisch taxierbare Ausdehnung. Er ist in sich unendlich, diffus und grenzenlos verfließend.

Die schlichten Tatsachen unseres Daseins sind unerklärlich und können bloß erfaßt und umschrieben werden wie das Licht, das jäh durch die bunte Scheibe fällt und einen blutigen Fleck auf den Kacheln malt, oder der Duft, der unvermutet aus dem Garten durchs offene Fenster ins Zimmer weht.

Daß jemand eine Katze auf dem Fenstersims zu sehen wähnt, obwohl dort keine Katze ist, erklären wir aufgrund der Tatsache, daß er dem Wein über die Maßen zugesprochen oder LSD eingenommen hat; doch die schlichte Tatsache, daß wir dort auf dem Fenstersims wirklich eine Katze sehen, können wir nicht erklären. Denn die echte Wahrnehmung der Katze ist die Voraussetzung dafür, die scheinbare Wahrnehmung der Katze als Halluzination zu verstehen.

Der Sinn des Gesagten läßt sich unmittelbar oder intuitiv erfassen und verstehen, aber nicht durch kausale Theorien über neuronale Prozesse erklären; während wir den Unsinn einer Äußerung aufgrund der kausalen Theorie, daß der Sprecher betrunken oder verrückt ist, erklären können.

Wenn wir die Wahrnehmung der Katze aufgrund der Tatsache zu erklären glauben, daß das Katze genannte physische Objekt Lichtstrahlen reflektiert, die über unsere Retina zur neuronalen Verarbeitung eines visuellen Datums oder Seheindrucks im Gehirn gelangen, gehen wir semantisch in die Irre, denn es kann per definitionem im neuronalen Netzwerk oder im physikalischen Raum kein Bild geben; wir nehmen ja kein mentales Bild wahr, sondern die Katze vor unseren Augen, die dort auf dem Fenstersims wirklich und wahrhaftig schnurrt.

Wir können die physiologischen Voraussetzungen des Sehens erklären, aber treffen im physikalischen Raum nirgends auf einen Seheindruck oder ein Bild.

Alles könnte auf das Gleiche hinauslaufen und die neuronalen Vorgänge störungsfrei ablaufen, ohne daß wir von einem Seheindruck sprechen würden, wenn wir das Traumbild der Katze auf dem Fenstersims wahrnehmen. Ein Seheindruck kann sich ja als Täuschung erweisen, aber können wir uns in der Wahrnehmung von Traumbildern irren?

Das Ich ist keine psychische Kapsel oder mentale Monade, sondern gleichsam in die Welt des Erlebens ergossen.

Die Figuren des Selbst verschwimmen nicht im Fluidum des phänomenalen Bewußtseins, sondern entwerfen sich in den Linien des Gesehenen und Gehörten; so sind wir ein Teil der von uns gesehenen Landschaft, so steigen und sinken wir mit dem Verlauf der von uns gehörten oder gesungenen Melodie.

Du kannst im Verlauf eines Gesprächs der Schatten der Figur deines Gesprächspartners werden, ähnlich dem Spiegelbild auf dem Wasser, das wieder verschwimmt und verlöscht, wenn es aufgerührt wird vom Wind, wie dein Schatten vor der Leidenschaft deiner Frage oder deines Ausrufs erbleicht.

Die Figur des Selbst wird charismatisch, wenn sie ungetrübt vom gleichsam atemlos innehaltenden Wasser einer Kollektivseele gespiegelt wird. Dies gespannte Innehalten ist ein Ausdruck der Not, der Angst oder einer überschwenglichen Hoffnung.

Wenn wir uns unterhalten oder gemeinsam spazierengehen, sagt jeder seine Sätze, setzt jeder seine Schritte, doch die Sätze sind als Fragen und Antworten getragen vom Strom des Gesprächs, die Schritte werden Teile eines gemeinsamen Wegs.

Wie die Freundschaft keine sichtbare und kausal erklärbare Entität darstellt, sondern nur in gewissen Gesten und rituellen Handlungen beschreibbar ist, so auch das Wir des Gesprächs, das Wir des gemeinsamen Gangs.

Der Ring des Wir umfaßt alle, zu denen wir „Du“ sagen, wenn es sich um eine verschworene Gemeinschaft oder eine Brüdergemeinde handelt; alle, zu denen wir „Sie“ sagen, wenn es sich um eine formale Organisation wie einen Verein oder ein Unternehmen handelt.

Aus dem rituellen Umgang im Ring des Wir entsteht das gemeine Recht, das gegenüber dem ausformulierten Gesetz des Staates in impliziten und informellen Regeln daherkommt. Die Riten der Gemeinschaft sind einander spiegelnde, tragende, verwobene Figuren des Selbst, die wir mit den verteilten Stimmen eines Kanons vergleichen können.

Riten sind durch Wiederholung und Variation ästhetisch und sittlich geordnete Gesten, Sprechakte und Handlungen, deren Sinn als Figuren des gespiegelten Selbst wir unmittelbar oder intuitiv erfassen: Der Gastgeber empfängt den Gast auf der Schwelle des Hauses durch Handschlag und Gruß, die der Gast rituell beantwortet.

Der Sinn der schönen Künste von der Architektur über den ornamentalen Schmuck bis zu Lied und Musik erschließt sich aus der Erfüllung der Aufgabe, diesen rituellen Figuren des sich spiegelnden Selbst einen ästhetisch geordneten Resonanzraum zu geben.

Die Verhäßlichung der schönen Künste durch eine globalisierte und wurzellose künstlerische Elite, der Architektur durch die Reduktion ihrer Formen auf den funktionellen Zweck mittels Beton, Glas und Aluminium und die Zerstörung des ornamentalen Dekors sowie der Musik durch Denunzierung des singbaren Lieds und des tonalen Systems als sentimentalen Kitsch und abgestorbenen Klangkörper ist ein verhängnisvoller Angriff auf das sich in den rituellen Figuren gemeinschaftlicher Ordnung spiegelnde Selbst.

 

Jan 25 19

Das verdeckte Blau

Es sind die gleichen Flocken,
die dich an den Wimpern kitzeln,
wie jene, die als Kind du fingst
auf dreist gestreckter Zunge.

Wie seltsam ging dies Kind
durch dich hindurch
ins Land der stummen Schatten.

Es sind die gleichen Äpfel
in der Schale, wie jene, die Mutter
dir ins Krankenhaus gebracht,
und einen hat sie dir geschält.

Wie verflog ihr heimatlicher Duft,
die Süße, die wie einer Knospe
Licht aufbrach – wohin?

Es ist der Augen gleiches Blau,
das du im Spiegel siehst,
wie jenes, das im Gartenteich
der Kindheit zwischen Wolken schwamm.

Wie schon lang hat eines Linden-
blattes Schattenherz
das Blau vor dir verdeckt.

 

Jan 24 19

Liegengebliebene Trauben

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

In dem Laut, der demjenigen, der ihn äußerte, mit einem Ja oder Nein zurückgegeben wird, kommt das Wort zur Welt und das Spiel mit Worten.

Das Ja kann auch ein Ding sein, wie das Buch, das du demjenigen zurückgibst, der es dir geliehen hat und darum bittet.

Das Nein kann auch das Verstummen und das Schweigen sein, worin sich die Verweigerung oder die Zurückweisung ausdrückt.

Das zurückgegebene Ding ist nicht nur dieser physische Gegenstand, sondern ein Zeichen, ein Zeichen für die Erfüllung und Ablösung einer Verpflichtung – der Zusage oder des Versprechens, es auszuhändigen.

Worte und Dinge als Zeichen der Verflochtenheit menschlicher Bezüge in gegenseitigen Verpflichtungen, Bundeszeichen, die durch Erfüllung geehrt, durch Verrat entweiht werden.

Das Ja kann auch ein Lächeln sein.

Das Lächeln ist nicht nur der physiognomische Niederschlag eines neurochemischen Ereignisses, sondern ein Zeichen, ein Zeichen der Zustimmung, der Erleichterung oder Ergriffenheit.

Der gegebene oder mitgeteilte Laut ist nicht nur ein phonetischer Niederschlag eines neurochemischen Ereignisses, sondern ein Wort, wenn es vom Hörer angenommen oder zurückgewiesen wird.

Der Sprecher weist den Hörer auf etwas hin, was dieser bestätigen oder bestreiten kann.

Der Hörer kann kein natürliches Etwas wie den Schall und Klang annehmen oder bestreiten; das Gehörte annehmen oder bestreiten heißt den Sinn des Gesagten zu akzeptieren oder zurückzuweisen.

Der Sprecher kann auch wortlos in eine Richtung zeigen. Der Hörer ist dann derjenige, der den Sinn der Zeigegeste versteht, annimmt oder verwirft.

Mit dem Verstehen der Zeigegeste verstehen wir uns zugleich als Bewohner der sprachlich erschlossenen Welt.

Der Weg, in dessen Richtung der Sprecher weist, muß ein Weg sein, den der andere gehen oder zu gehen ablehnen kann.

Der Zeigende muß den Weg kennen oder schon gegangen sein, um das Vertrauen zu verdienen, das der andere in seine Geste zu setzen bereit ist.

Der Hörer, der das gegebene oder mitgeteilte Wort annimmt, bezeugt mit der Annahme das Vertrauen, das er in den Sprecher setzt.

Der Hörer, der die Mitteilung verwirft, bezeugt mit der Ablehnung entweder sein Wissen oder seine Vermutung von der Unrichtigkeit des Mitgeteilten oder sein Mißtrauen in den Sprecher.

Aufgrund der Tatsache, daß sich das Mitgeteilte zu wiederholten Malen als unrichtig oder unwahr erwies, erwächst beim Hörer ein Mißtrauen gegenüber dem Sprecher. Feindschaft kann in schwerwiegenden Fällen der Irreführung oder des Vertrauensbruchs die Folge sein.

Aufgrund der Tatsache, daß sich das Mitgeteilte zu wiederholten Malen als richtig oder wahr erwies, erwächst beim Hörer ein Vertrauen gegenüber dem Sprecher. Freundschaft kann in Fällen lebenswichtiger Orientierung die Folge sein.

Vertrauen und Mißtrauen, Freundschaft und Feindschaft, Treue und Verrat sind dem Wesen des Sprechens ursprünglich einverwoben. Wie töricht, allein aufgrund sprachlicher Verständigung sich eine allgemeine Menschheitsverbrüderung zu erwarten und auf riesigen Theorieprospekten auszumalen.

Je näher wir als Hörer dem Sprecher durch Blutsverwandtschaft, Stammes- und Volkszugehörigkeit sowie kulturelle Tradition stehen, umso höher taxieren wir die Wahrscheinlichkeit, daß er uns durch das Mitgeteilte nicht in die Irre führt, zum besten hält, belügt und betrügt. Allerdings ist, wie die oft auf familiären Verstrickungen beruhende griechische Tragödie zeigt, allemal Vorsicht geboten.

Der gute Wink und Hinweis leitet uns in eine Gegend, wo uns die Huld des Weilens vergönnt ist.

Der Freund kann den Freund auf einem Stück des Weges, nach dem dieser ihn gefragt hat, begleiten.

Der ausgetretene Pfad mag ins Offene oder die Wildnis münden. Was dann?

Sie könnten es wagen, im unbekannten Gelände eine neue Spur zu legen.

Der eine dreht um, sich im Bekannten zu bergen, der andere unternimmt das Wagnis, ins Unbekannte oder Ungesagte vorzudringen. So muß er sich von dem Freund verabschieden, um allein weiterzugehen.

Die notwendige Einsamkeit des Dichters und Propheten.

So ging Heidegger mit den alten Sprachmeistern den Weg des Denkens, bis er Abschied nahm, um in das Offene oder die Wildnis einer kaum gesagten oder ungesagten Welt weiterzugehen.

Heidegger sprach nicht mehr von Subjekt und Objekt, sondern von Dasein, Zeug und Vorhandensein, nicht mehr von Dasein und Welt, sondern von den Sterblichen und dem Geviert, nicht mehr von Aussage und Urteil, sondern von Sage und Andenken.

Wie jenem vertrauen, der vom Gang eines Weges spricht, den vor ihm noch keiner ging?

Wir haben nur die ungewohnten oder nie gehörten oder unerhörten Worte, in denen er von demjenigen berichtet, was er auf seinem Denkweg ins unbekannte Gelände gesehen hat.

Wir haben aber auch den Ton, das Timbre oder das Gewicht der Worte, die umso schwerer wiegen, je mehr der Sprecher sie mit einem eigentümlichen Pathos der Stimme äußert. Dieses Pathos nehmen wir für bare Münze und schenken dem Gesagten Vertrauen, wenn es von einem tief Erlittenen Zeugnis zu geben scheint.

Dagegen erzeugt das hochfahrende Fuchteln mit grellen und schreienden Neologismen, womit uns Leute im Ohr kitzeln, die von unerhörten Maskeraden auf zwielichtigen Bühnen faseln, in uns ein instinktives Mißtrauen, da wir es nicht als Zeugnis eines tief Erlittenen auffassen, sondern als eitel schimmernde Wortblasen in erfahrungsleeren Räumen.

Manche kehren wieder von abenteuerlichen Reisen und sitzen bleich und stumm in der Ecke.

Manche bringen Samen wunderlicher Blumen mit, aber sie wollen im heimischen Garten nicht keimen.

Manche packen stolz sonderbar schimmernde Steine aus dem Rucksack, doch als Schmuck getragen verursachen sie Ausschlag auf der Haut.

Manche kommen mit blutigen Striemen nach Hause, doch haben sie nicht groß zu sagen, wovon sie gelitten, sie waren nur im nahen Wäldchen in den Brombeerbüschen.

Wieder andere verbergen scheu die zerkratzten Hände, doch stehen selten schöne Rosen in der Vase, die sie uns aus fernen Gärten mitgebracht.

Hölderlin sah auf seinen Wegen ins unbekannte Gelände Ströme des Gesangs unter purpurnen Wettern in den blauen Abgrund der Stille münden. Das Pathos seiner versagenden Stimme ringt uns unbedingtes Vertrauen in sein Zeugnis ab.

Moses brachte zwei beschriebene Tafeln von seiner Reise ins unbekannte Gelände mit, eine hoch gelegene Zone, in der sich schwer atmen ließ, und das Pathos seiner zornigen Stimme schien sein Zeugnis zu bekräftigen, daß die von ihm mitgebrachten Sätze offenbart worden seien.

Platon und die von ihm inspirierten Maler und Dichter bezeugen die Erfahrung eines Wegs in unbetretene Landschaften unter einem übernatürlichen Licht durch die Schönheit ihrer Bilder und Verse.

Die Schönheit des Gesagten, die aus sich selber strahlt und ihr Licht nicht aus den sich eitel spiegelnden Augen der Bewunderung stiehlt, öffnet dem Hörer das Ohr des Vertrauens.

Manche bringen nur eine Handvoll Trauben nach Hause, doch ein unscheinbarer Glanz von Tau auf ihnen erweckt in uns das Vertrauen in die zeichenhafte Wahrheit, daß sie vom Tisch eines Gastmahls stammen, an dem Heroen und Götter teilnahmen.

Die tauglänzenden Trauben stehen für Worte eines Gesprächs, zu dem sie uns verlocken oder einladen.

Der Denkweg, den Heidegger ging, weist in eine Gegend der Sprache, unter deren stillen Lauben und heiteren Schatten, auf deren sanften Anhöhen mit ihren schönen Aussichten wir gerne weilen und lustwandeln möchten.

Das Zeugnis für Gehalt und Gewicht dichterischer Sprache ist ihr indirekt mitgeteiltes Versprechen, ihre zwischen den Zeilen ergangene Einladung, unter dem stillen Zug ihrer Wolken ein gemeinsames Bleiben und Wohnen zu finden.

Wie nicht jeder mit jedem reden kann, so im gesteigerten Sinne auch nicht wohnen. Die Katze darf ins Körbchen, der Wachhund bleibt draußen in der Hütte.

Wenn wir den Sittichen das Fenster öffnen, können sie vielleicht im Freien eine Weile leben, der verstoßene Hund muß verwildern oder ist dem Tode geweiht.

Wohin führt der Weg? Immer nach Hause, wie Novalis sagt. Doch Heimat ist nicht nur ein Ort des Wohnens mit der je eigentümlichen Topographie zugehöriger Menschen, Bauformen und Sitten, sondern auch ein Gefüge des Sprechens mit seiner je eigenen Grammatik, seinen Idiolekten, Stilformen und Ausdrucksgesten.

Das sich besinnende Denken sieht auf die von ihm gegangenen Wege und Spuren in der ins Licht der Betrachtung gehobenen Sprache. Diese Wege sind weder ein chaotisches Wirrwarr noch bilden sie ein starres Raster, sondern weisen auf eine Vielfalt sich wiederholender, variierender, fugenförmig ineinander geschachtelter Motive und Muster – Muster einer geheimen und gleichwohl offenbaren Ordnung, die uns in nuce in der Struktur des Organismus wie in der Wohlgeformtheit des sinnvollen Satzes oder des sinnreichen Gespräches vorschwebt.

 

Jan 23 19

Überquellend

Flirrend Sommersonnenstaub,
Pollenschleier, Flockenschaum
überm schwanken Pfad der Sage
Blätterrätsel wild gezackt.

Aufgeplatzte Trauben, beeren-
rote Fülle und vom Geist der Luft
frei gesprochen Sporen
rieseln auf das Moos des Worts.

Körner dunklen Wissen schaufelt
eines grünen Käfers Horn
aus dem Dung der abgetanen
Wesen, Scharlachfeuchte glänzt.

Und im Wirrwarr Harmonien
lauen Seufzens, blauen Glucksens,
irdener Schale harschem Mund
überquellend Wassers Sang.

 

Jan 22 19

Auf der Schwelle

Auf des Abends Schwelle sitzen,
wo die Schatten lautlos wehen,
wo in Tages letzten Schimmern
Leid und Träume untergehen.

Gelbe, rote Blätter treiben,
und die weißen Wolken fliehen,
mit den Blättern ist kein Weilen,
mit den Wolken mußt zu ziehen.

Ferner Liebe sind die Flammen,
die auf stillen Gräbern zittern,
sie verlöschen schon wie Lampen
in umrankten Fenstergittern.

Sind dir auch der Heimat Blumen
in der Nächte Gram verblichen,
gehst du wie im Bann von Rufen
unter dunklen Bogenstrichen.

 

Jan 21 19

Falsche Kunst und echte Tränen

Mir ist die greise Witwe lieb
dort überm Apennin,
die vor dem Plastik-Jesus kniet,
sie murmelt zahnlos vor sich hin,
und bunte Lämpchen blinken.

Sie faßt, wird alles um sie Nacht
und ihre Kräfte sinken,
nach jener Wunden-Hand
um einen Kuß so sterbenssacht.

Lieber ist die mir, so kindisch
Gott in Gips Gebete lallt,
und tropft sein Herz von purem Kitsch,
ihr graues Herz ist ja nicht kalt
und schön die weibliche Ekstase,
lieber als der Snob-Tourist, der arrogant
die kultivierte Nase
rümpft vor solch naivem Tand,
seine Brille wischt und rückt
vor Mantegnas Cristo in scorto
und im Kunstbuch blätternd tut
so philiströs verzückt.

Indes il suo cuore è morto,
für den Beweinten hat er keine
Träne übrig, daß er wie
die blöde Alte niederknie
und sein vergessen weine.

 

Jan 21 19

Im Zwielicht-Tal

Ich hab dich nicht gesucht:
In diesem Zwielicht-Tal
erschien dein Antlitz fahl
wie Mondes bittre Frucht.

Ich wurde nicht gefragt:
Im Dickicht sang ein Paar
von Vögeln wunderbar,
dein Lied blieb mir versagt.

Ich hab dich nicht benannt:
Aus Brunnen Rauschen tief
ward mir, das nimmer schlief,
und hat mein Lied gebannt.

Ich bin dir nicht erwacht:
Ein Helm aus Bronze war
mein Traum gedrückt ins Haar
und sank ins Gras der Nacht.

 

Jan 20 19

Was einst ich sah

Ich sah an einem Pfad im Gras
ein rohes Kreuz errichtet
aus dem Basalt des Eifellands,
und nah der Inschrift saß
die Amsel, die dort munter sang.

Da hoben Kinder auf den Strom,
die Wellen wurden dunkel,
ein Bötchen aus Papier und Holz,
und in die Ferne trug
es einer Kerze gläubig Lied.

Ich sah im Schein des Ginsterlichts
am Kreuz zwei Engel schweben,
sie hielten jeder einen Kelch,
des Heilands Wunderblut
zu bergen für der Seele Durst.

 

Jan 19 19

Quellen grüner Nacht

Ihr gabt der Seele Scheinen,
Blüten blauer Nacht.
Nährt dich denn kein Weinen,
schauervolle Macht?

So langsam rollt der Mond
auf Schattenhügeln hin.
So langsam brennt der Docht
zu Ursprungs dunklem Sinn.

Ihr gabt dem Liede Schimmer,
Quellen grüner Nacht.
Weiß ich euch denn nimmer
Veilchen küssen sacht?

So rasch versinkt der Mond
in wirrem Traumgerank.
So rasch verlöscht der Docht,
der Lust aus Waben trank.

 

Jan 19 19

Schale auf dem Tisch

Wie leicht der Apfel in der Schale liegt
und rings um ihn gedrängt die Trauben,
es glänzt ein Tau, wo sich die Birne schmiegt
mit gelbem Duft aus Sonnenlauben.

Das weiße Tuch ist wie ein Schnee voll Licht,
und unterm Schnee die Wasser funkeln
um zarte Wurzeln, Ranken dornendicht,
die von der Lust der Beeren dunkeln.

Kastanie, warm noch von der Kinderhand,
sie schenkt dem Weiß ihr braunes Lachen,
die roten Blätter, die sich Anmut fand,
als sollten sie ein Herz entfachen.

 

Jan 18 19

Maskentanz

Weiße Flügel, hoheitsvoll,
der weichen Perlen Prunken.
Sang des Wassers, Wassergong,
gestiegen und gesunken.

Marmorschale, Schimmer nur,
und silbern Efeus Gleiten.
Seele füllt sich die Figur,
wenn hohe Masken schreiten.

Feuerschein im Schnee der Haut
und Flammenflaum der Lenden,
Blicke, aus der Nacht getaucht,
die sich dem Licht verschwenden.

Tau der Wimpern, Liedes Glanz
verrinnen und verhauchen.
Masken, die verblaßt im Tanz
in Traum und Nebel tauchen.

 

Jan 17 19

Auf grauen Fluren

Auf grauen Fluren
zerschnittene Laken
Schnee

Mond
wie angebissener Apfel
bräunlich schon

Wolke
blauer Leere
Schwanenflaum

Verweinter Briefe
Dämmerung

Milch
vergossener Stille

Wie aus Schränken
Lavendelduft
Erinnerung

Blasse Blume
auf dem Wasser
dein Gesicht

 

Jan 17 19

Willst du über Wasser wandeln

Willst du über grünen Liedes
Wasser wandeln, tritt auf Schaum,
auf den Blättern, die dich halten,
auf den Knospen schwankst du kaum.

Heb dein Herz auf einen Flügel
warmer Gladiolenpracht,
laß es unter Käferfühlern
zittern in den Duft der Nacht.

Willst du im Gesumm der Stille
Seufzer sammeln, biege rund
ihr zur Laube deinen Schatten,
pflücke sie von ihrem Mund.

Lege deinen Schmerz in Baumes
blindes Aug wie einen Brief,
Tau der Sonne mag ihn lesen,
Träne, die im Schneelicht schlief.

 

Jan 16 19

Wie Wassers Leuchten

Wie Wassers Leuchten tönt
im Traumgestrüpp
des Eremiten
schlichte Weidenflöte.

Schöner noch das Gras,
das lächelnd seufzt,
vom Wind gewellt.

Wie ein Gong aus Licht
tönt Himmel blau
und Flügel breiten
Schatten auf sein Beben.

Schöner noch das Herz,
das träumend singt,
von Dank erfüllt.

 

Jan 16 19

Der Traum der sterbenden Rose

Da sie nun welk dem wüsten Griff
des Windes neigt sich hin,
kommt jenes Knaben zarte Hand
ihr wieder in den Sinn,

der süße Tropfen seines Bluts
an bang gezücktem Dorn,
und machte dunkel ihr den Duft,
der aber ging im Zorn.

Ach, hätte er sie nur gepflückt,
in einem blauen Krug
wär ihrem Schoß des Nachts entströmt
des schönen Traums genug,

sie hätte Blatt um Blatt gestreut
sich haltlos in sein Haar,
gerötet Wange ihm und Stirn,
die weiß wie Mondlicht war.

Daß sie mit Blüten ihm nicht gab
den weichen Morgenkuß
auf kühlen Fliesen hingeweht
für seinen nackten Fuß!

So weint verwelkt sie ödem Hauch
gesparte Tränen hin,
und Überdruß pflückt ab der Tod,
die Blüten ohne Sinn.

 

Jan 15 19

Rosen im Schnee

Hier auf den Laken geht es nicht,
da glimmt im Dunkel noch ein Haar,
ein goldenes der Mädchenzeit,
ein silbernes, wo Schwermut war.

Hier an dem Ufer geht es nicht,
da singt das Wasser mir sein Lied,
ein heiteres der Jugendzeit,
ein trauriges, da Liebe schied.

Hier in dem Keller geht es nicht,
da schimmert mir in Gläsern Frucht,
die Kirschen jener Sommerzeit,
die Beeren, die du mir gesucht.

Hier in dem Garten magʼs geschehn,
da schläft im Schnee die Rose schlicht,
die weiße ist mein Totenkleid,
die rote ist mein Grabeslicht.

 

Jan 14 19

Das leibhaftige Ich

Philosophische Sentenzen und Aphorismen über das inkarnierte Selbst

Die Ausdrücke „mein Buch“, „mein Garten, „meine Heimatstadt“ oder „mein Freund“ gehorchen einer anderen Grammatik der Verwendung als die Ausdrücke „meine Hand“, „mein Gesicht, „mein Leib“ oder „meine Erinnerung“.

Ich kann meinen Freund im Getümmel mit deinem Freund verwechseln, aber nicht meine Erinnerung mit deiner Erinnerung.

Ich kann in meinem Porträt das Bild eines Fremden sehen, aber die Träne auf deiner Wange nicht mit demselben Gefühl der Trauer oder Erschütterung wie die Träne auf meiner Wange spüren.

Wenn ich sage: „Das Auto kam knapp vor mir zum Stehen“, meine ich, daß der Wagen haarscharf vor meinem Körper anhielt.

Ich kann in grammatisch ausgezeichneten Sätzen die Ausdrücke „ich“, „mir“ und „mich“ durch die Ausdrücke „mein (meinem/meinen) Körper“ ersetzen.

In einer objektiven Weltbeschreibung kann ich zwei Objekte derart in Raum-Zeit-Koordinaten eintragen, daß die schnelle Bewegung des einen abgebildet wird, die vor dem anderen anhält. Doch findet sich keine objektive Methode der Projektion, sodaß die Ausdrücke „ich“ oder „mein Körper“ genau einem dieser Objekte zugeschrieben werden könnten.

In der wissenschaftlichen Weltbeschreibung können wir für den Fahrer des Wagens den Ausdruck „menschlicher Organismus“ mit der ihn identifizierenden DNA-Sequenz und für den Fußgänger den entsprechenden Begriff mit der diesen identifizierenden DNA-Sequenz einführen und definieren.

Doch die Ausdrücke „menschlicher Organismus mit der ihn identifizierenden DNA-Sequenz“ und „mein Körper“ sind weder semantisch gleichwertig noch grammatisch äquivalent.

Das Ich oder Selbstbewußtsein ist keine spirituelle Aura um einen objektivierbaren Gegenstand, sondern die Art und Weise, wie eine Seele verleibt oder inkarniert ist: Wenn ich dir entgegenlächle, weil du meiner Einladung zu einem gemeinsamen Spaziergang gefolgt bist, tust du gut daran, mein Lächeln nicht als Verzerrung meiner Gesichtsmimik aufgrund neuronaler Impulse zu beschreiben, sondern es als seelischen Ausdruck zu lesen und als gestische Mitteilung und kommunikatives Zeichen meiner Gestimmtheit zu verstehen.

Hättest du mich lange warten lassen, könntest du meine verdüsterte Miene ohne weiteres als Zeichen der Mißstimmung und Mißbilligung lesen und verstehen.

Ich kann dir mein Buch ausleihen, aber nicht meine Hand.

Meine Hand ist nicht in dem Sinne mein Eigentum, wie es mein Buch ist.

Seinen Körper zu vermarkten oder zu prostituieren ist ungeachtet moralischer Erwägungen eine Verletzung des Eigenwertes subjektiven Daseins.

Die Inkarnation des Selbst oder die Verbindung von menschlichem Leib und Seele ist eine wesentliche und notwendige Verbindung und nicht wie sowohl Idealisten als auch Materialisten unterstellen eine kontingente und zufällige. Nach Platon und der Lehre von der Wiedergeburt indes kommt die Seele erst nach dem Verlassen des Körper-Gefängnisses zu sich und kann in beliebigen Körpern wieder inkarnieren, während sie der Materialist als zufälliges evolutionäres Nebenprodukt neuronaler Prozesse auffaßt.

Ich kann von meinem Leben reden, nicht so das Tier. Und anders als dieses kann ich es seiner überdrüssig wegwerfen oder einem höheren Wir aufopfern.

Tiere sind Exemplare ihrer Gattung, nicht so wir, die gleichsam singuläre Hohlräume oder Unterbrechungen der Leere im dichten Sein des natürlichen Gattungswesens bilden.

Das Tier ist in der Nahrungsaufnahme, dem Kampf, der Flucht und der Zeugung ganz erfüllt vom Leben der Gattung, durchsichtig auf das Dasein des Allgemeinen, nicht so der gleichsam ins Zwielicht von Sprache und Bewußtsein getauchte Mensch.

Die zärtliche Hingabe des Eros, das Geschenk, das Versprechen, das Gespräch oder der Gesang sind genuine Formen der Gemeinschaft von Ich und Du, die das Tier nicht kennt. Dies gilt auch für ihre Negationen, die Gewalt, den Raub, den Verrat und das Schweigen.

Der Soziologe muß methodisch die Singularität des inkarnierten Selbst ausklammern, um die Allgemeinheit von Aussagen über das Leben von Gruppen unter der institutionellen Kraft von Gewohnheiten, Regeln und Gesetzen zu gewinnen.

Das Leben in sozialen Gruppen stülpt dem inkarnierten Selbst aus der kalten Hand des Schicksals jene Maske über, in der sich die gleichsam naturwüchsige Macht der Klassifikation der Individuen in Geschlechter, Rassen, Klassen, Rangordnungen, Berufe und funktionell homogene Einheiten widerspiegelt.

Das soziale Leben – jenes Theater der Grausamkeit.

Verborgen wie die Eule im dämmernden Laub hausen die alten Götter, aus dem Blut der Leidenschaft gestiegene Dämonen, die nach den Opfergaben der Erinnerung lechzen.

Pietas heißt jene Göttin, die mit den Geisterstimmen der Ahnen den Lebenden in den Traum spricht, den keine Psychoanalyse entwirrt.

Die Verwachsenheit von Seele und Leib hat ein Bild im Eigennamen, diesem zugeflogenen flatus vocis, der wie ein Hund auf der Schwelle lauert und aufspringt, wenn man ihn ruft.

Nur wir als selbsthafte Wesen erfassen mit den Begriffen von Ich und Du, Mein und Dein den Begriff von Schaden und Schädigung, der von der Verletzung über den Diebstahl und Raub bis zur Beleidigung und Verleumdung sich spannt, und mit dem Gegenbegriff der Entschädigung den Keim des Rechts, seiner Rituale und Institutionen erschließt.

Ich und Du können ineinander verstrickt sein, als würde eine Kletterpflanze auf dem Rücken eines Baumes in die Höhe und zum Licht streben, und das Laub des Baumes verliert an Fülle und seine Früchte verkümmern. Doch werden die tragenden Äste und Arme schlaff, sinkt auch das Leben des Efeus, verblassen die Blüten der Winden.

Der Parasitismus der animalisch umschlungenen Seelen kennt ein Antidot in der Minne oder der Geduld der Liebe: „Und die Liebsten nahe wohnen, sehnsuchtsvoll, ermattet, auf/Getrenntesten Bergen …“

Es ist bedeutsam zu gewahren, daß die Geltung logischer Konsistenz mit dem Erwachen des Selbst gleichursprünglich ist: Ich kann (nicht im physischen, sondern logischen Sinn von Können) dich nicht herbeirufen und gleichzeitig erwarten, daß du weggehst, ich kann dich nicht wegschicken und gleichzeitig erwarten, daß du dableibst. Dabei setzt das ironische oder theologische Spiel mit der logischen Konsistenz („Je heftiger ich dich abweise, umso näher bist du mir“) ihre basale Geltung voraus.

Die logische Konsistenz waltet auch in der Symmetrie der gegenseitigen Zuschreibung von Absichten und der Erwartung ihrer Erfüllung. Du erwartest von mir die Einlösung eines Versprechens im Lichte dessen, daß es seine Gültigkeit durch die Absicht erhielt, es in der Tat einzulösen. Desgleichen verwirkt die Äußerung einer Zusage bei gleichzeitiger Absicht, sie nicht einzuhalten, aufgrund der Inkonsistenz von Intention und Aussage ihre Gültigkeit.

Das Dasein des Selbst ist in der Welt objektiver Tatsachen der Natur ein Mysterium, das mittels jener Methoden, die zur Erklärung der natürlichen Tatsachen entwickelt worden sind, auflösen zu wollen, widersinnig und absurd ist.

Sterben ist im Lichte des Selbst kein tierisches Verenden.

Der Tod vermag einen Schatten der Vergeblichkeit und des Grauens auf das durch Erinnerung und Erwartung immer tiefer in die Zeit verwobene und sich verlierende Ich zu werfen, ein meist mäßiger Schwimmer auf dem Strom der Vergängnis, der infolge zufließender Quellen aus Versagungen, Verlusten, Abschieden mehr und mehr anschwillt und den ohnmächtig Rudernden schließlich mitreißt, ehe er auf den entscheidenden Katarakt zustürzt.

Der Ursprung subjektiven Daseins, die Basis von Absicht, Erinnerung und Besinnung, ist das vage, dimensionslose und gleichsam träumende Selbstgefühl, noch vor aller Absicht, Erinnerung und Besinnung.

Es gibt nichts zu entdecken, nichts anzueignen, nichts zu behaupten, dieser Grund ist leer, doch unerschöpflich, wie zwischen den Klängen eines plätschernden Wassers die Stille und Leere, die wir mit einem kontinuierlichen Rauschen füllen, das sich in uns, in das wir uns verwandeln.

Man fühlt sich gleichsam wiedergegeben im weichen Beben der Lippen, zwischen denen wir Bruchstücke irgendeines naiven Liedes strömen lassen, vertrauend auf die Wiederholung der Töne, den Refrain im monotonen Rhythmus der Form.

Wir verbinden das subjektive Dasein nicht mit einem Zweck, einer Relevanz, einer Bedeutung, deren Formel oder Essenz es zu entschlüsseln und mitzuteilen gelte wie die DNA des individuellen Organismus. Darin gleicht es dem Kunstwerk, an dessen Schönheit wir uns interesselos erfreuen.

Von den Dramen seiner sozialen Anstrengungen und den Tragikomödien seiner moralischen Verwicklungen mag das exponierte Selbst eins ums andere Mal in die Abenddämmerung und den verwilderten Garten eines stillen Insichlauschens zurückkehren.

 

Jan 13 19

Trostlos ist der Mensch

Die Schimmer perlen ab,
des Taues matte Spur
verbleibt dem welken Blatt.
So trostlos ist der Mensch,
sein Grauen löst kein Wein.

Des Wassers ist Geschwätz,
bis wieder trocken liegt
des Schweigens bleiches Bett.
So trostlos ist der Mensch,
ihm lallt ein leerer Mund.

Was Rosen Blicke trübt,
aus Liebesbangen floß
es nicht ins Tagelied.
So trostlos ist der Mensch,
ihm weinen Augen blind.

 

Jan 13 19

Nun sind wir allein

Am Morgen sprach uns noch
vom Glanz der Meere Tau.
Hat Mittag nicht umsummt
Schlummers Dämmergrün?
Wie Mädchenmund gerührt
der Dahlie Knospe dich?
So verging der Nachmittag
unter weichen Wassers Licht,
das deine Hand umfloß,
hat bunter Schatten Schwatzen
ums Herz gerollt ein Blatt.
Und das Licht zerrann
wie Honig aus dem Bienenlied,
wie Gold im Sagenstrom,
auf harten Stein getropftes Harz.
Ein Flügelschlag der Eule
ward es Dämmerung.
Der hohe Sinn, im Blut der Beeren
aufgeschäumt, vom Sonnendorn
im Tanz geritzter Vers,
der hohe Mut, in Ranken
sanften Minnens ums blühende
Gebein des Bilds geschmiegt,
mit heißen Rufen durchs Gestrüpp
der dunklen Mythen sichelnd,
sie bluten hin und blassen.
Und was noch scheint, ist tot,
die umgestürzte Barke Mond,
und einsam, was noch singt,
in Märendickicht fern,
das Herz der Nachtigall.

 

Jan 12 19

Linien des Lebens

Wie Linien des Lebens sich verlieren,
im Porzellan die Risse vag,
der Schritte Einsamkeit im Schnee.

Und kreuzen Wege sich im Dunkel,
als wär ein Schmerz zuviel gesagt,
verhüllen Tränen ihre Spur.

Und wagen Verse Zeilensprünge
wie Mücken über Wassers Schlaf,
zieht Sehnsucht sie in Traum herab.

Was trank aus dunklem Ursprung Rauschen
und sang den Schmerz den Meeren zu,
verhallt im Labyrinth der Nacht.

 

Jan 12 19

Wohnen unter Sternen

Aus Löchern dumpfen Hausens flattern
die Fransen abgeschnittenen Traums
wie von der Schere graues Haar.

Die aber weilen hell und heiter
in Nestern über Windes Halm,
die zarten Meister des Gesangs.

In Odems Spalte eingesunken
verdunkeln sich das Himmelsblau
Gespenster ihres toten Tags.

Doch haben Wohnen unter Sternen,
die Flammenlied zum Tanz behaucht,
Geweihte einer hohen Nacht.

Die Erdentrückten aber zeigen
aus Masken wächsernen Gefühls
sich schwarze Zungen mit dem Wort.

Die unter dunklen Krumen glänzen
wie Veilchenaugen voller Tau
wiegt eines weichen Schweigens Hauch.

 

Jan 11 19

Tiefes Einst

Zwei, drei Münzen Gold
auf warmen Pflastersteinen,
herabgetropft von Schatten-
Zweigen der Erinnerung.

Ein Kätzchen spielt damit,
als klirrten sie ihm wild,
wollte sie sich fangen.

Blaue Kühle, die sich haucht
aus Ranken gotischer Fenster,
vom Altar der weißen Flieder-
büschel Flehensduft.

Die Kerzen seufzen auf,
als küsse sie der Wind,
daß sie sanfter sterben.

Schwarzer Brunnen aus Basalt,
das Lied der weichen Schauer
beglänzt in dunkler Mulde
Moos verschwiegenen Leids.

Ein Sperling hüpft darauf,
als necke ihn das Naß,
pickt er in die Tropfen.

 



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top