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Aug 17 22

Du bist nicht tot

Dort ist die Bank, wo wir oft saßen,
und Strahlen küßten dich und mich,
und von den Stullen, die wir aßen,
hast du gebrockt dem Täuberich.

Die Glockenblume tönt noch immer,
die wie dein Blick ins Blaue schweift,
und deiner Wangen weicher Schimmer
tropft an der Beere, die dort reift.

Und was in Wipfeln schilpt und schaukelt,
von Zweig zu Zweig schlaftrunken schlüpft,
ist wie dein Flattern, hauchumgaukelt,
bist Amsel du im Gras gehüpft.

Rührt sie der Wind, und Veilchen weinen,
verblaßt im Traum das Abendrot,
fühl ich, dein Schatten sinkt auf meinen,
fühl ich, du lebst, du bist nicht tot.

 

Aug 16 22

Wie aus der Ferne

Wer ruft uns aus der Ferne noch?
Sirene nicht, erloschen ist die Sonne Homers,
erloschen ist der Schaum der Wiederkehr.

Kein Engel reicht uns mehr den Becher,
woran ein Tropfen Himmel perlt,
auf diese Schädelstätte.

Und jener Tau, der unterm stummen Mond
dem Kelch der Lilie entquoll,
am blütenlosen Tag ist er verdampft.

Das Lied, das aus dem Quell des Helikon
auf Sapphos Perlmuttschimmer floß,
erstickte schwarzer Teer, Asphalt.

Da ist ein Wehen in der Dunkelheit,
wenn du am offenen Fenster stehst,
versunkener Gärten Duft und Schmerz.

Da ist ein Seufzen in der Dämmerung,
wenn du allein am Waldrand sitzt,
grau unter junger Eichen Grün.

Da ist ein Singsang in der tiefen Nacht,
wenn einsam du und traumkrank liegst,
von einer Liebe, die entschlafen lang.

 

Siehe:
Robert Schumann, Davidsbündlertänze, 17, Wie aus der Ferne
https://www.youtube.com/watch?v=IBVCAD4TzR0

 

Aug 15 22

Frauenleben

Als sängen feinste Adern in der Haut,
als schluchzten ihr im Schoße Venen.
Im ersten Blick hat sich die Glut gestaut,
den zweiten schon verdunkelt Sehnen.

Ein Kuß bog Rosen über ihr Gesicht
und Lächeln hat es übergossen.
Ihr erster Blick hielt einen Kelch ins Licht,
dem zweiten war Nachttau entflossen.

Sie hat gleich Wicken seinen Arm umrankt,
um zwischen Tag und Nacht zu schweben,
doch Liebe war, was über Wassern schwankt,
ein Boot, dem Mast und Planken beben.

Sie sah, wie aus dem Mund der Blume kroch
der Falter mit geflammten Streifen,
sie sah aus einem blauen Wolkenloch
den krummen Schnabel nach ihm greifen.

Im Schilf, als er von fernen Inseln sprach,
hat sie den goldenen Ring verloren.
Und als er ging, ließ schon mit Klopfen nach
das Kind, das sie ihm nicht geboren.

Sie warf den Schmuck von sich wie schnöden Tand,
schnitt sich das Haar, um klar zu sehen,
sie ließ der Treueschwüre loses Band
im schwarzen Wind des Abschieds wehen.

Doch alt zu werden, einsam, ohne Kind,
gefesselt nur an eigne Sorgen,
war Schorf auf einer Wunde, tauber Grind,
und Träumen hieß von Fremden borgen.

Allein ging sie mit ihrem kleinen Hund
am See entlang, das Herz zu kühlen.
Der blasse Mond ließ sie, vollkommen rund,
die Trümmer ihres Lebens fühlen.

 

Aug 14 22

Antoine Watteau, Gilles

Auf Grabeshügeln sitzen wir und träumen,
es scheint uns zwischen Aschenwolken Licht
aus einer andern Welt, aus einer goldenen.
Dort schwebt ein Rosenblatt, es ist ein Mund,
den er gemalt, der liebliche Watteau,
und diese zart gesproßte Liebesknospe
ist einer Hirtin hingegebene Brust.
Doch jenes blasse Blau, das uns am Abend
in Wellen noch umspielt und leerem Schaum,
lockt zwischen Meer und fahlem Himmel schwappend
höfisch-feine Damen nach Kythera,
der Insel, wo ihr holdes Gegenbild,
die Göttin aus der Wundermuschel stieg.
Und über alles dieser feuchte Schimmer
von Bernstein, geronnen aus dem Purpurblut
urzeitlich-dunkler Bäume, der ferne Blick
der trunknen Puppe Gilles, o welche Mücke,
welche Biene ist ihm eingeschmolzen
und saugt ihm alle heißen Tränen weg.
Die Komödiantin schaut uns an, die Muse,
gewandet ins Perlmutt des keuschen Schnees,
des kalten, der das Herz gefrieren macht,
das kindliche des traurigen Pierrot.
Wer hat den Hut ihm aufgesetzt, die Haube,
hat ihm mit rotem Band den Schuh umneckt?
Colombine mit rötlich-blonden Locken,
die auch die Hände ihm geküßt, die Waisen,
von eignem Werk verlassen, fremdem Dienst,
um müßig nur ins süße Nichts zu baumeln.
Und die Geselligen, die Lustgefährten,
sie machen mit dem tumben Esel Jux,
ihn schert es nicht, der allem abgewandt.
Hat auch dich bespuckt, mit Kot beworfen
der puritanisch-rohe Geist, der Sansculotte,
der grelle Flicken hißt statt Lilienbanner,
weil du ein Décadent, ein Müßiggänger
den frommen Eiferern erschienst, die jauchzend
zuletzt der Pastorale graziösen Hirten
und seine Diana aufs Schafott gezerrt?
Gilles, dein Gott, es ist der Faun, der grinst,
jäh bricht er durch die Rokokogirlanden
mit dem Gehörn des Bocks, des tragischen,
und einer Flöte silberkühlen Tau
träuft er ins taube Ohr der Langeweile.
Dann flattern dir die Hände, Harlekin,
wie Vögel, die ihr Nest nicht wiederfinden,
und deine Füße zucken, bis du tanzt,
dann schließt du deine Augen, schmerzlich-froh.
Ja, sitzen wir auf Grabeshügeln, träumend,
weht uns ein Lied aus alten Gärten an
und mischt den Honig mit der herben Asche.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_(Gem%C3%A4lde)

 

Aug 13 22

Der Herbst der Liebenden

Daß uns das Licht ein wenig länger halte,
wie Falter jäh am Kelch der Orchidee,
nur zögernd uns ins Dunkel Abend falte,

der Mond sehr leise sage: Traum, verweh!
Daß wir nicht wie durch blinde Spiegel irren
wie flockenaufgescheuchtes Wild im Schnee,

und hören wir die Schwalben ferner sirren,
des Sommers denken, der uns angelacht
mit roten Beeren und mit grünen Myrrhen,

der Traubengluten, die der Herbst entfacht,
wenn Tränen scheu von Lilienwangen gleiten.
Bevor wir sinken in die hohe Nacht,

soll Arm in Arm mit uns die Grazie schreiten
im Park Watteaus, wo auf dem feuchten Grün
die Schwäne ihre Flügel zitternd breiten,

und Vogelrufe, Zwielicht teilend kühn,
das Herz Pierrots in blaues Dämmern tragen,
bis schwärmerische Blicke sanft verglühn.

Und wächst das Schweigen, wollen wir nicht klagen,
es birgt ein süßes Lied wie eine Rinde,
in Blüten singt es fernen Sonnentagen.

Daß uns das Licht in leisen Reimen münde.

 

Aug 12 22

Der Tag des Liebenden

Wenn Tauglanz weicht die Nacht,
die Schwalben heller sirren,
des Himmels Kelche klirren,
hab ich dein längst gedacht.

Geh ich im Mittagsstrahl,
den wirren Sinn zu tunken
in hohen Geistes Funken,
blaßt schon der Mond, dein Mal.

Und werden Schatten lang,
gedämpfter tönen Saiten,
wenn müde Hände gleiten,
wird um dein Lied mir bang.

Komm ich am Abend heim,
fließt mir im dunklen Zimmer
von deines Auges Schimmer
noch Licht in einen Reim.

Und schweigt die Nacht, ist mir,
als gingen deine Schritte
durch meines Herzens Mitte,
als tät sich auf die Tür.

 

Aug 11 22

Das Verstummen der Vögel

Alles stumm. Reckt auch Tentakel fern
die Sonne schon und stülpt sie gierig
um die Holunderbüsche deines Traums,
sie knistern, schrumpeln, trockne Larvenhäute.
Und bist du wach und siehst, wie Rosenglut
in wirren Fasern an der Decke fiebert,
wie sich in schwülem Hauch der Vorhang bläht,
scheint dir von einem Kokon leeren Brütens
die Welt umsponnen, stumm ist alles, stumm.
Kein Vogelruf, nicht einer, dem seit Stunden
du harrst entgegen. Frohe Amsel, wo,
was machte dir dein Morgenlied zuschanden,
ihr Schwalben, wurden euch die Flügel steif,
wollt ihr den Sommer nicht mehr herrlich künden
mit eurem Schwirren, eurem Sirren heiß,
sind hier die Krümel Staub geworden, Spatzen,
daß keines flattert mehr und schrillt und pickt,
was hat das Gurren euch verleidet, Tauben?
Die Sonne, die mit Feuerzungen wühlt
im Krug des Liedes, findet keinen Tropfen.
Zerbrochen liegt der Krug, den Nacht für Nacht
uns angefüllt mit süßem Tau das Leben.
Und Zwitschern färbte blauer blaue Luft,
daß Atem noch den Geist des Dumpfen hellte,
die wunde Seele tauchte ein ins Bad
von Kräutern, Harz und Wohlgeruch der Wälder.
Kein Vogelsang, kein Freudenruf, wie tot
und leer die Zeit, als wär’s der Zeiten Ende,
als wär im Lebensteppich ausgerupft
von der Harpyie krummer Rachekralle,
des Unheilvogels, der nicht singen kann,
das schönste seiner Muster. Lose Fransen,
die dir geblieben wie ein Büschel Gras –
kein Gott kann sie ins schöne Bild mehr weben.

 

Aug 10 22

Angelus novus

Des Edlen harren wir, des Gottgesandten,
in dieser Nacht, bis uns sein Sternenwort
aufgeht, heim trägt sein Fittich den Verbannten.
Der Seele Reis, verwildert, schon verdorrt,
wird er mit seinem Gnadentau berücken
zu neuem Blühen im erfrischten Blau,
am Tage, da die leisen Gesten glücken,
Geranke um den holden Strophenbau
des Lieds, das wir um Veilchen scheu ergänzen.
Er geht durchs Dunkel und das Dunkel glimmt,
er taucht in Wasser und die Wasser glänzen,
er ist es, der vom Grab die Kerze nimmt
und stellt sie uns ans Fenster, still zu brennen,
daß an die Tür pocht, wer da einsam ist.
Er ist es, den wir von den Hymnen kennen,
die deutschen Dichters keuscher Mund geküßt.
Der Knospe gleich, vorm Nachthauch bang verschlossen,
treibt unser Geist auf sternenlosem See.
Daß sie, vom Sang des Hohen überflossen,
sich auftut, und ihr Leuchten ist wie Schnee.
Doch gleichen wir der Knospe, die, erfroren,
gespenstisch glitzert, und ihr Herz ist taub,
sind auch dem Frühlingsboten wir verloren,
und taut uns auf sein Hauch, bleibt nurmehr Staub.

 

Aug 9 22

Am Waldrand auf der Bank

Du senkst den Blick, ich atme leise,
ein Schatten geht durchs Gras,
schon tönt des Wassers Abschiedsweise,
Luft klirrt, ein grünes Glas.

Leg, Schwester, deinen Kopf an meinen,
und sprich uns wie im Traum.
Daß unsre Herzen endlich weinen,
weh, Vogelsang, vom Baum.

Wenn eins im andern wir uns fühlen
und Quellgeist niedertaut,
wir sind noch warm, mag Dunkel wühlen
im Haar, das schon ergraut.

Und scheinen wir, den Mund versiegelt,
im Bann der Nacht zu sein,
fliegt auf das wilde Herz, beflügelt
vom ersten Sonnenschein.

 

Aug 8 22

Zeichen und Sein

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Du wirfst eine Münze in den Musikautomaten und nach einer Weile ertönt das Musikstück, das du ausgewählt hast.

Dein Freund bittet dich, das Lied zu singen, das er so gerne hört und du so gut zu intonieren verstehst; du lächelst, besinnst dich eine Weile und fängst zu singen an.

Du schaust dir halb vergilbte Fotos aus Jugendtagen an; da sind die Kameraden, die Pfade, die Abtei, das Eifelmaar, das Lagerfeuer – und du erinnerst dich an das Lied, das ihr um das Feuer sitzend gern gesungen habt.

Hat das Foto von der Lagerfeueridylle eine Funktion im Mechanismus deiner Erinnerungen analog der Münze, die du in die Musikbox einwirfst oder analog der Aufforderung deines Freundes, ihm sein Lieblingslied vorzusingen?

Einer lacht während einer Trauerfeier, der Aufführung von Goethes Iphigenie auf Tauris oder der Kindertotenlieder von Gustav Mahler. – Gefragt, was mit ihm los sei, antwortet der ungehobelte Kerl: „Ich lache, wenn es mir paßt! Und solche Anlässe haben auf mich nichts weniger als eine besinnliche und erbauliche Wirkung, sondern im Gegenteil die ästhetische Wirkung, mich auf unwiderstehliche Weise zu kitzeln!“

Wenn die Bedeutung von Zeichen, also auch jener rituell-gestischen der Trauerfeier, jener dramatisch-verbalen des Goetheschen Schauspiels und jener liedhaft-tonalen von Mahlers Liedern, identisch mit ihrer ästhetischen Wirkung wäre, was könnten wir dem schamlosen Lacher entgegenhalten oder mit welchen guten Gründen ihm sein ungebührliches Betragen zum Vorwurf machen?

Wer sich des Lachens nicht erwehren kann, wenn er ästhetisch gekitzelt wird, den können wir nicht rügen. Ist die Bedeutung ästhetischer Zeichen nichts anderes als ihre Wirkung, können wir den Lacher nicht tadeln und eines Mißverständnisses oder einer Mißdeutung der dargebotenen Zeichen zeihen.

Wirkungen lassen sich verstärken, wenn wir die sie verursachende Kraft vergrößern; doch mögen wir immer lauter schreien oder immer grellere Symbole malen, der Begriffstaube oder Begriffsblinde wird darum nicht besser verstehen, sondern überhaupt nicht.

Worte, die umso eindringlicher wirken, je leiser man sie spricht.

Die Bedeutung kann nicht identisch mit der akustischen, visuellen oder ästhetischen Wirkung der sie übermittelnden Zeichen sein.

Die Bedeutung ist keine Wirkung einer die Darbietung des Zeichens begleitenden akustischen oder visuellen Ursache.

Der Neurologe oder Psychiater, den wir im beschriebenen pathologischen Fall zu Rate ziehen, könnte sich folgendermaßen äußern: „Der Klient zeigt eine seltene Verknüpfung und Verschaltung von neuronalen Synapsen, die zur Folge haben, daß er bei Anlässen, die beim Durchschnitt der Rezipienten eine eher kontemplative oder traurige Stimmung hervorrufen, im Gegenteil zu ausgelassener Heiterkeit und Lachanfällen neigt. Diesen Sachverhalt können wir aufgrund experimenteller Untersuchungen in einer kausalen Erklärung seines Verhaltens wissenschaftlich darstellen.“

Wenn das Lesen und Verstehen von Zeichen, also die Interpretation von Bedeutung, nicht durch wissenschaftlich-kausale Erklärung auf ursächliche Vorgänge und Mechanismen reduziert werden können, müssen wir folgern, daß sie nicht als Verhaltensdispositionen aufgefaßt werden dürfen.

Wird der Schwellenwert seiner Belastbarkeit erreicht, zerbricht das Glas. – Wird Wasser auf 100 Grad Celsius erhitzt, beginnt es zu verdampfen.

Wird dem Amusischen zum x-ten Male die Sonate von Mozart vorgespielt, versteht er genausowenig wie beim ersten Mal.

Der musisch Begabte kann auf dem Klavier nach dem ersten Anhören über das Sonatenthema frei improvisieren.

Wird der Hund auf die Wahrnehmung des visuellen oder akustischen Signals als Zeichen für Futter konditioniert, läuft ihm schon der Speichel, wenn er nur das Blinken der Lampe oder das Klingeln der Glocke wahrnimmt.

Ein Signal teilt uns seine Botschaft, einen Hinweis, eine Warnung oder Aufforderung, mit, wenn wir danach handeln. Ja, man könnte sagen, ein Signal lesen heiße, dem Hinweis folgen, die Warnung nicht in den Wind schlagen, die Aufforderung beherzigen.

Das Emblem mit dem Umriß eines weiblichen Körpers an der Tür sagt Männern, daß sie hier nicht eintreten sollen.

Man könnte sagen, als Männer – zumindest Ehrenmänner – definieren sich diejenigen Personen, die sich diesem Hinweis gemäß verhalten.

Der Hinweis seiner Assistentin, daß sich im Wartezimmer keine Person mehr aufhält, mag den Arzt veranlassen, die Praxis zu schließen; der Blick auf die leere Leinwand mag dem Maler ein Anreiz sein, seine Farben zu mischen oder seinen Bleistift zu spitzen und anzusetzen.

Die Feststellung, daß es nicht regnet, kann die Aufforderung implizieren, jetzt einen Spaziergang zu unternehmen.

Die Negation einer korrekten Verknüpfung von Wortzeichen bedeutet keinen negativen Sachverhalt: „Niemand ist im Zimmer“ heißt nicht, wie im Wunderland von Alice, daß jemand namens Niemand dort weile.

Die Verbindung zwischen dem Klingelsignal und dem Speichelfluß des Hundes ist kausal konditioniert; dagegen ist die Verbindung zwischen dem Laut oder Schriftzeichen „Rose“ und der Rose konventionell und erlernt.

Das Warnsignal mit den herabstürzenden Felsbrocken teilt uns mit, daß es auf der Wegstrecke zu Ereignissen kommen kann, die für Passanten und Autofahrer gefährlich sind. Solche Ereignisse sind mögliche Tatsachen.

Das Wortzeichen „Rose“ teilt uns nichts Faktisches über die Blume, die es bezeichnet, mit.

Nur die satzwertige Verbindung von Wortzeichen wie „Rosen sind Blumen“ teilt uns etwas Faktisches mit.

Dagegen teilt uns die dichterische Wortverbindung „Blumen des Bösen“ nichts Faktisches über Blumen mit.

Der Unterschied zwischen dem faktischen und nichtfaktischen Sinn von Wortzeichen und ihren satzwertigen Verbindungen liegt nicht immer auf der Hand. Der Satz „Johannes schenkte seiner Frau einen Strauß Rosen“ kann der wahrheitsgemäße Eintrag in einem Tagebuch sein oder der fiktive Bericht in einem Roman.

Das Verhältnis von Zeichen und Sein, Bedeutung und Faktizität ist eine Funktion des Verwendungszusammenhangs der Zeichen.

Der mit einer Zeigegeste auf eine Nelke erfolgte Hinweis „Das ist keine Rose“ bezieht sich nicht auf eine nichtvorhandene Tatsache oder auf die Negation einer Tatsache, sondern auf die Unzulässigkeit, das konventionelle Zeichen „Rose“ zu verwenden. Er ist ein Hinweis auf den Verwendungszusammenhang des Zeichens „Rose“.

Der mit einer Zeigegeste auf eine Rose erfolgte Hinweis „Das ist eine Rose“ ist sowohl die Erklärung der Bedeutung des Zeichens „Rose“ als auch die Unterrichtung über seine korrekte Verwendung.

Der mit einer Zeigegeste auf eine Rose erfolgte Hinweis „Das ist eine Nelke“ enthüllt uns ein mangelndes Sprachverständnis oder eine gravierende Fehlsichtigkeit. Wir dürfen uns im ersten Fall herausnehmen, den Sprecher zu korrigieren.

Wäre die Verwechslung der Zeichen „Rose“ und „Nelke“ eine ankonditionierte Verhaltensdisposition, könnten wir den Sprecher nicht ohne weiteres tadeln und korrigieren, sondern müßten ihn der Prozedur einer Umkonditionierung unterziehen.

Zu Zeiten der alten Plattenspieler machten sich die Leute einen Jux daraus, die Geschwindigkeit der Grammophonplatte willkürlich zu verlangsamen oder zu beschleunigen, um sich an dem verzerrten Klangbild zu verlustieren.

Den Musiker oder Sänger, der das in der Partitur vorgeschriebene Tempo und den angegebenen musikalischen Ausdruck wie Andante oder Allegro verpatzt, pflegen wir einer Unaufmerksamkeit zu bezichtigen oder einer interpretatorischen Unfähigkeit zu verdächtigen.

Der Sänger, der nicht anders singen könnte als eine Grammophonplatte Töne erzeugen, gälte uns für keinen Sänger.

Einen Apparat, der die Notenschrift automatisch ablesen und in entsprechende Töne und Akkorde zu übersetzen vermöchte, würden wir nicht als korrekten Interpreten des Musikstückes bezeichnen. Würde er die Partitur nicht korrekt ablesen, sagten wir von ihm nicht, daß er einen Fehler begangen habe, sondern daß sein Mechanismus nicht mehr richtig funktioniere.

Der Papagei kann sich nicht versprechen. – Er kann auch das soeben Geplapperte nicht widerrufen.

Der Papagei kann sich nicht sagen: „Er liegt mir im Schnabel, der Laut, den ich von mir geben will.“

Der Papagei und der digitale Roboter können weder aus Versehen die Unwahrheit sagen noch absichtsvoll lügen.

Unsere Fähigkeit, Zeichen mißbräuchlich oder inkorrekt zu verwenden, ist eine Mitgift unserer sprachlichen Kompetenz.

Wer dank eines untrüglichen psychologischen Mechanismus unfähig wäre, die Bedeutung eines Zeichens zu verkennen, hätte es nie verstanden.

Aus diesen Erwägungen folgern wir, daß unsere Fähigkeit, Zeichen wahrzunehmen, zu lesen und zu interpretieren, nicht auf einem Mechanismus beruhen kann, sei er uns psychologisch ankonditioniert oder genetisch-neuronal in unserem Gehirn verdrahtet.

Die Wahrnehmung des Zeichens „Rose“ ist epistemisch völlig verschieden von der Wahrnehmung des Gegenstandes, den es bezeichnet.

Das Sein der Zeichen ist ontologisch völlig verschieden vom Sein der Dinge oder Sachverhalte, die sie bezeichnen.

Anzunehmen, ästhetische Zeichen, ob nun dichterischer, malerischer oder musikalischer Natur, übten eine Wirkung ähnlich der von Signalen aus, ist semantischer Unfug.

Die Rose des Gedichtes duftet nicht.

Wo befindet sich die Himmelsrose? In der Göttlichen Komödie Dantes; der Astronom weiß nichts von ihr und der Botaniker lächelt, wenn ihn das Kind fragt, wieso sie in seinem Pflanzenbuch nicht vorkommt.

Freilich, die Bedeutung des Zeichens Himmelsrose befindet sich nicht in Dantes Gedicht, wie das Erinnerungszeichen der vertrockneten Rosenblüten zwischen den Buchseiten liegt.

Die Deixis im Gedicht ist imaginär.

Wenn Baudelaire in dem Gedicht Invitation au Voyage mit den Versen anhebt:

Mon enfant, ma sœur,
Songe à la douceur
D’aller là-bas vivre ensemble !

Kind du, Schwester mein,
laß die süßen Träume ein,
wie dorthin wir gehen, um vereint zu leben!

weist er mit dem deiktischen Ausdruck là-bas nicht auf einen realen Ort, an den mit ihm zu reisen er die Geliebte auffordert, sondern auf einen imaginären oder mythischen Ort, ein utopisches Gefilde, das wir auf keiner Landkarte ausmachen können.

Die Zeit der Ankunft der Götter, die Hölderlins späte Hymnen beschwören, ist kein Datum im realen Kalender, und die Tages- und Jahreszeiten, die er in seinen Elegien oder in seinen Turmgedichten evoziert, sind mythische Zeiten im Leben der Seele, der Seele, die keinen realen Sitz in der Person des Dichters hat, sondern einzig einen imaginären im gedichteten Ich.

 

Aug 7 22

Das Lied des Lebens

Als Tropfen nachts auf Blatt und Blüte fielen,
und auch im Dunklen war ihr Klingen hell,
erregten Rhythmen uns in Wechselspielen,
als höbe, senkte sich ein sanfter Quell.

Wir sahen spiegelbildlich Blattes Spreiten
und Blüte, die mit Blüte sich verzahnt,
daß Ströme münden in den Meeresweiten,
hat uns ans Sängerglück Homers gemahnt.

Ja, noch die Gräser, die im Wind sich wellten,
sie machten fühlbar uns des Epos Gang,
und selbst die Schreie, die vom Abgrund gellten,
hat es verwandelt uns in Lobgesang.

Und Sappho sah in Augen dunkle Gluten
und hat gespiegelt sie im Gartenteich
von Versen, wo rings wilde Rosen bluten
und Veilchen weinen, von Selene bleich.

Und lagen wir vom Gras der Nacht umschlungen
und fühlten pochen Herz am Herzen heiß,
ist neben uns des Lebens Lied entsprungen,
ein klarer Quell, umkränzt von Edelweiß.

 

Aug 6 22

Was uns blieb

Uns blieb ein Flüstern aus versunkenen Gärten,
wie einem, der am Weg noch lauschend steht,
da schon das gelbe Laub des Lieds verweht,
und wählt das Schweigen sich zum Weggefährten.

Und wo die Musen Hesiod gelächelt,
im Antlitz Glanz vom Quell des Helikon,
hat Schwermut uns getropft von schwarzem Mohn,
des Irrsinns dürre Zunge uns gehechelt.

Uns blieb ein Seufzen von verwunschenen Wogen,
wie einem, der das Ruder hingestreckt,
da schon das morsche Boot, das schwanke, leckt,
und sieht im lichten Staub, die Götter trogen.

Wo um das Bild der Liebe Flammen sangen,
daß Sappho schwitzte und zugleich doch fror,
stieg uns ein kalter Hauch aus einem Moor,
und war kein Bild, das Feuer konnte fangen.

 

Aug 5 22

Daß uns die Kreatur noch rette

Ihr Haar floß über eine Brücke,
sie dachte: „Stürz ich mich hinab!
Daß nur die Seele mir zerstücke,
sei Wasser du mein weiches Grab!“

Da hörte sie ein winselnd Klagen,
das Hündchen schaute an sie groß,
es hatte treu im Maul getragen
die Zeitschrift, doch ließ nun sie los.

Und seine dunklen Augen sprachen:
„Tat dir auch weh die böse Welt,
und hat, als ihre Stacheln stachen,
die Liebe dir die Lust vergällt,

gedenke doch, bevor du springst,
der Kreatur, dir einzig treu,
daß du sie nicht ins Elend bringst,
ihr sanfter Blick dich noch erfreu!“

Da ward ihr zum Geländer Weinen,
das Hündchen bellte schon voraus,
die Wasser nagten an den Steinen,
ein Wedeln lockte sie nach Haus.

 

Aug 4 22

Der abwesende Gott

Wir sehen sie, als lichteten sich Nebel,
als hauchte dunklem Laub ihr Odem Gold,
als täten Ranken ihrem Blick sich auf.
Und ist es auch antiker Vase Bildnis,
gegraben, halb geborsten, aus dem Schutt,
von Moosen wie von Schatten überwachsen,
die fein geschwungene Linie scheint zu zittern
und matt zu glänzen noch ein Inkarnat,
um das ein Wasserschleier weicher Falten
ein Träumen aus geheimer Quelle gießt.
Als schluchzte unterm Schritt der Bakchen Gras,
und Wein, der aus dem trocknen Felsen sprudelt,
wird er geweckt von heißem Thyrsosstab,
fängt die Entrückte auf in blanker Schale.
Und tönt es nicht im Wind, der ihre Locken
aufdreht und gierig zerrend am Gewand
die volle Brust entblößt, und taumelt nicht
Silen, der Becher, den er kaum noch hält,
umtropft von Glut, doch wo ist er, der Gott,
dem Urzeitrausch bekränzt das Haupt mit Reben,
Dionysos? Entflohen zu den Musen,
heißt es, ins Dichterland Erinnerung,
wo ihn noch eine Weile Purpurtrauben
am Rebstock eines Distichons verlocken,
und zärtlich noch umfächeln Fittiche
der schwermutwilden deutschen Elegie.
Auch sagt man, er sei in einen See gestürzt,
die Wassernymphe trank den Feuergeist.
Ist jener es, wo sich die Schwäne wiegen,
ein Schnee umsäumt von Sapphos Blütenschnee,
ist jener es, wo abends hell im Schilf
die Woge schäumt und Seufzen sie verdunkelt,
als käme aus der Tiefe Klagesang?

 

Aug 3 22

Vom Abgrund her

O pflücke ab, wie eine staubige Beere,
die Seele mir vom Wildwuchs toter Zeit,
heb mich aus dumpfen Wucherns Dämmersphäre
in deine wolkenlose Ewigkeit.

Laß nur des jähen Abschieds Wunde bluten,
wo du vom mütterlichen Zweig mich reißt,
die Tropfen tauchen blind in blaue Fluten,
wo deiner Blüten stilles Schneelicht gleißt.

Und seh ich Augen noch auf fernen Auen,
wie Veilchen schauern sanft im Abendwind,
fühl ich der Liebe Bilder niedertauen,
weiß, wer sie malte, jenes blasse Kind.

O höher, immer höher laß mich steigen,
fern von der Menschen hassensblankem Blick,
und bin ich würdig nicht der Reinen Reigen,
laß unterm Kreuz des Südens mich zurück.

Vom Abgrund rufe ich und hoffe Flügel,
zu tragen mich zum Freudentag empor,
doch löst kein Gott der Schwermut Rätselsiegel,
an das mein trübes Sinnen sich verlor.

 

Aug 2 22

Tränen, nein

Schwingen, ja, doch grinsend abgeschnitten,
und brüsk zerstreut der Federn Grau und Blau.
Und was noch schwebt und was noch schwirrt inmitten,
sinkt auf sterile Halden und wird grau.

Worte, ja, doch wie ein Schwarm von Mücken,
metallisch funkelnd auf enthaartem Aas.
Und was wie Wollust fletscht, ist das Entzücken,
wenn jedes sich ergötzt am Fäulnisgas.

Lieder, nein, denn heiße Hämmer stampfen
ein Loch ins Wurzelreich, ins dunkle Moos.
Und was du schluchzen hörst, ist das Verdampfen
von Blüten unter Feuerzungen, Stoß um Stoß.

Tränen, nein, nur Öl und Säure tropfen
aus der Maschine aufgerissenem Lid.
Und keine Früchte sind, aufs Gras zu klopfen,
wie ehedem im herbstlich-stillen Ried.

 

Aug 1 22

Tau der Stille

Wenn wir uns gegenüberstehen,
die Tränen, die von Blüten rinnen
aus einem wehbetauten Innen,
kann ich sie fühlen, du sie sehen?

Die Worte, die wie Bienen schwärmen,
sie suchen in der süßen Fülle,
was ein sie schläfert, Tau der Stille,
wer mag um herbes Harz sich härmen.

Im Dämmer, da wir blindlings tasten,
erglimmen zwischen Zweigen droben
uns Blicke, die das Dunkel loben,
wie leicht des Abends Schatten lasten.

Und hat der heiße Tag geblendet,
schon wollen Dunkelfalter flügeln,
die weichen Wasser Traumlicht spiegeln,
o hohe Nacht, die uns vollendet.

 

Jul 31 22

Wellen, Wolken, Worte

Keiner kann das Schicksal wenden,
ob er jäh zusammenbricht,
während er noch spricht,
ob er lächelnd darf den Satz vollenden.

Die ferne Linie sieh, das blaue Band,
noch hörst du nicht die Wellen,
wie sie schäumen, wie sie schwellen.
Sinkt je dein Fuß in jenen warmen Sand?

Wie die Schwalben tiefer streichen
unter dunklen Wolkenkissen.
Ob Tropfen uns den Mund noch küssen,
ob harte Stirnen sie erweichen?

Die Rebe, die zur Sonne drängt,
und was an Feuer birgt die Traube,
glüht es um deines Abends Laube,
verzehrt, was deine Schläfe engt?

Die Ranke Nacht, ums Herz gezweigt,
mag süßer Blicke Tau noch tragen.
Das letzte Dunkel, alles schweigt –
wirst du ein Wort des Dankes sagen?

 

Jul 30 22

Gedankenlyrik

Hölderlin

Der golden-stille Rauch
stieg abendlich aus deutscher Elegie.
Dann kroch ein kalter Hauch
aus Knochengruben und rief: Flieh!

*

Mann und Weib

Das ließen sie nicht gelten.
Wer? Die anstatt zu zeugen,
unters Kreuz der Liebe sich zu beugen,
das Leben um die Zeche prellten.

*

Das Lied

Heroisch war der erste Ton,
da eines Mannes dunkles Sehnen
die Flöte schnitt, umkränzt mit Mohn
das Blau des Dämmers blauer sich zu dehnen.

*

Das Leid

Ja, Fatum ist, daß Leid geschieht.
Doch wollen wir es tragen,
solange uns das Lied
Licht schenkt an dunklen Tagen.

*

Vater und Mutter

Schrillt weh in ihrem Ohr,
wie nächtlich-wildes Weinen.
Daß Liebe führt der Sorgen Chor,
dünkt lästig den Gemeinen.

*

Gott Vater

Ein Vater spricht den Frommen Gott
im Strahl, im Schattenspiele.
Für Stern und Blume hat nur Spott
der Feind der Schöpfung, der sterile.

*

Imago Dei

Verätzt von eines Dämons Spucke,
der Anmut, reiner Liebe Bild.
Daß Geilheit am Gemächte jucke,
ward es gehäutet wie ein Wild.

*

Salz und Wort

Daß wir das Wahre wahrer schmecken,
gesalzen hat des Wortes Brot der Geist.
Nun werden wir mit schalen Wecken,
von Lüge überzuckert, abgespeist.

*

Post festum

Wir sehen umgestoßen Krug und Vase
und Schatten ranken an bemalter Wand,
auf nackten Fliesen bauscht laszive Gaze,
als hätte abgestreift sie bange Hand.

*

Des Schauens müde

Und sind des Schauens wir am Abend müde,
die Bilder fahlen und das Licht wird Schaum,
und was uns zittert am erschlafften Lide,
woher die Träne rührt, wir ahnen’s kaum.

So tasten wir die Lippen uns wie Blinde,
erflehen Trank von hingeneigtem Mund,
und bricht ein Seufzen durch des Dunkels Rinde,
ist es wie Wein, der kühlt, was innen wund.

Wir wollen mit geschlossenen Augen lehnen
am offenen Fenster hoher Sommernacht,
und ferne Quellen singen unser Sehnen,
und Gärten sind, die süßen Duft gebracht.

*

Die trübe Lache

Die Quelle, die in frühen Liedern singt,
ist ungetrübt und zweifelt nicht,
weil sie der Erde dunklem Schoß entspringt,
trägt sie der Jugend Blütenlicht.

Der Knabe, der an Sevillas Brunnen saß,
er schwang den Arm, der Kehle Krug
ergoß den Strahl so heiß und doch voll Maß,
das Herz, es schrie: Genug, genug!

Die trübe Lache, die ein Abraumwind
auf dem Asphalt zum Kräuseln bringt,
zeigt uns, wie dumpf wir ohne Musen sind,
o Lied, das siech nach Atem ringt.

 

Jul 29 22

Immer ferner, immer fremder

Daß wir in hellen Augen Schatten sehen,
und uns den Wohlgeruch des Worts, den süßen,
sogleich ins Blütelose treibt ein Wehen,

und wie uns freundlich frische Menschen grüßen,
die fremd uns sind wie Bäume, längst verdorrte,
und auch wir selbst, wenn wir die Türe schließen

und reden vor uns hin, sind uns die Worte
wie eines andern, den wir kaum gekannt,
und hausen doch mit ihm am selben Orte

und fühlen keine Faser ihm verwandt.
Dünkt es uns nicht wie eine von den Sagen,
daß jene alte Frau, aufs Bild gebannt,

das wir am Herzen durch das Dunkel tragen,
in ihrem Leib uns barg neun Monde lang?
O könnten wir der Liebe Schatten fragen:

In welchen Fernen mündet unser Gang?

 

Jul 28 22

Das Heimchen

In der Nacht, plötzlich, war es da.
Dort im staubigen Gras,
am dürren Halm der Asphaltnarbe,
einsam, unsichtbar,
heroisch das Dunkel sich öffnend,
ins weiche Blatt der Dunkelheit
die Seufzerbrücke,
den Notenschlüssel
seiner Nachtmusik
ritzend.

Ein Flügel die Harfe,
ein Flügel, der sie streicht.
Ein Flügel mit hornigen Rippen,
ein Flügel, der sie vibrieren macht.

Es ist das männliche Tier,
und männlicher Drang,
männliches Sehnen und Segnen
bringt das Lied in die Welt,
und wie ein Tau goldener Lust,
was uns an Schönheit betört.

Plötzlich, inmitten der Nacht,
und von einem geflügelten Nichts
zittert die Dunkelheit.

Und du, der aus dem Fenster gelehnt
den süßen Wehsang vernahmst,
den gaukelnd-gedehnten,
den bangend-entrückten
Zwieklang animalischer Muse,
stockend-verlockend,
klagend-behagend,
der durch die Sprach-Membran
dunkelsten Selbstgefühls sickert,
hast du das Salz deiner Einsamkeit
schluchzend nicht aufgelöst,
den Schmerzkristall nicht
in Meergesängen der Nacht?

Eros öffnet der Nacht
den Mund sich zum Lied,
Lied, das wirbt und das rühmt.
Eros der Sänger,
wenn girrend die Grille nachts zirpt,
Eros, wenn aufseufzt das Dunkel,
der die Harfe sich bog,
den sausenden Flügel sich flocht,
Eros.

Vergehend Ton um Ton,
verzückte Grille, sie rühmt,
umwirbt sie ihr Gegenbild,
sich selbst und was sie sich schuf,
von Gestirnen umkränzt,
Liebesmacht,
die tausend Grillen
aus einem Lied erschafft,
auf daß ihr Ruhm ertöne
tausendfach.

 

Jul 27 22

An die Himmlische

Daß wir an deinem Blick die Höhe finden,
und krümmt sich unter Unsinnsbrocken auch
das schwache Wort, laß es empor sich winden
zu deinem Mund, zu deiner Lilie Hauch.

Du schwebst im Azurlicht, im wolkenlosen,
und neigen wir umdüsterten Gemüts
zur Erde uns wie ausgeblühte Rosen,
heb an die müde Knospe Herz, schon blüht’s.

Wie Schleier heiter, Flammenvliese wallen,
wenn um dich singt der Flügel weicher Wind,
genüge uns der Lieder leises Lallen
in dunkler Schlucht, wo dir noch Quellen sind.

 

Jul 26 22

Die Heimsuchung

Sie ragte schwebend schon, als ich erwachte,
falls ich erwachte, ragte schimmernd auf,
als ob im schlaffen Flausch des Vorhangs Zwielicht
Novemberdämmerung verhieß. Die Haut,
so weiß wie Kalk – doch war es Haut, nicht Firnis
toten Lichts, nicht Mehl des Geistermahls,
zerrieben zärtlich von Persephone?
Und eine aufgebrochne Purpurfrucht,
ein Mund, der nur in Tropfen reden konnte,
die dünne Schlieren formten, trüben Schmelz,
im fahlen Inkarnat zur Aber-Frucht,
die bitter ward, verrunzelt und verblaßt.
Und nenne Augen nicht, was keinen Blick,
was einen grauen Strahl mir zwischen wirrem
Tang des Haars und spröden Büscheln trieb
ins Angesicht, daß es von Pusteln juckte.
Was wollte sie von mir, die Schwärmerin,
lebendig tot, was ich ihr schuldig blieb,
was sie vergessen hat wie ein Geschmeid
in meinem Bett, bevor sie schied, ein Flattern
wie eines Flügels, der ins Leere flog?
Ich wußte es, mein Herz war das Geschmeide,
das sie vermißte, das warme Blut im kalten
Schattenreich, und als ich’s blitzen sah,
war es ein Messer, krumme Harpyienklaue,
da schrie ich auf und berstend war mein Schrei,
daß jäh ein Wind das Fenster aufgeschlagen
und wirbelte das Grauen aus dem Raum,
des Albtraums hohle Maske und Gespinst.
Kam‘s nicht wie Blumenodem ferner Gärten,
von Auen einer längst verwelkten Welt,
da liebend wir gewandelt Hand in Hand
und uns das Herz geküßt ein Duft von Veilchen?
Und hielten wir des Krugs umflorten Mund
der Quelle hin, schwang sich aus dunklem Glucksen
Nymphenton, und Lippen glänzten feucht.
Und ist ja dieses Kythera gebannt,
seit deine Taube ihr Genist verließ,
ein anderes am Acheron zu bauen,
so fern, kein leises Gurren dringt herüber,
leb ich in kahlen Verliesen dumpf dahin,
wo meiner Feigheit Seufzer widerhallen,
umsonst die Hoffnung, daß du wiederkehrst,
Ikone du des Ungelebten, o Gespenst,
mein Herz entreißend mich von mir erlöst.

 

Jul 25 22

Das Wasserzeichen blieb

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Auf einem immer unruhiger werdenden Strom in einem kleinen Boot treiben, in banger Erwartung des nahenden Wasserfalls.

Im Boot der Sprache, ruderlos.

Oder nimm den Strom für die Sprache: Manche, die lange darin schwammen, steigen ans Ufer, um dort für eine Weile auszuruhen. – Andere kehren, gleich Eremiten, nicht wieder zurück.

Manche, die, in Panik geraten, überhastete Schwimmbewegungen machen, gehen unter.

Strom, nach dessen Quelle wir nicht fragen, in dessen Gegenrichtung wir nicht schwimmen können.

Dichten gleicht eher dem Tauchen als dem Kunstschwimmen.

Der Strom der Sprache mündet ins Schweigen.

Oder: der Strom das Schweigen, die Sprache das schwankende Boot.

Der Traum, der Traum des Gedichts, gleicht der Wolke, die sich im Wasser spiegelt.

Die Antwort ist ein Spiegelbild der Frage.

Der sinnlose Satz gleicht einem blinden Spiegel.

Die ausführende Handlung ist keine Folge der Aufforderung, sondern ein Zeichen dafür, daß sie verstanden wurde.

Du verstehst, was ich von dir verlange, aber dein Verständnis bezeugt kein mentales Bild, das dir vorschweben mag, sondern das, was du tust.

Die Reflexion oder die Illusion, ein Gedanke und der ihn ausdrückende Satz könnten sich selbst enthalten, ist die Chimäre der idealistischen Philosophie.

„Wer?“ und „Was?“, „Wo?“ und „Wann?“ sind elementare Fragen; aber ihre Beantwortung mittels deiktischer Ausdrücke wie „dieser“ und „jenes“, „dort“ und „dann“ schwebte im Leeren, wäre sie nicht in einem Koordinatensystem verankert, dessen Nullpunkt wir mittels des deiktischen Indikators „ich“ angeben.

Wir können die Orts- und Zeitangaben mittels festgelegter Koordinaten objektivieren, nicht aber den Nullpunkt.

Jede raumzeitliche Lokalisierung hat nur Bedeutung in dem per definitionem festgelegten Rahmen eines Meßverfahrens. Wir können den zeitlichen Anfang des Universums auf diese Weise spezifizieren, aber ohne unserer Messung ein definites Meßverfahren zuzuordnen hat der ermittelte Wert keine Bedeutung.

Der Herbst, von dem das Gedicht Hölderlins, Verlaines oder Trakls spricht, die Jahreszeiten, die im japanischen Haiku nicht fehlen dürfen, verlangen nach keiner objektiven Datierung im Jahreskalender.

Die Jahreszeiten des Gedichts haben keine Daten im Kalender einer meßbaren Realität, sie sind Jahreszeiten der Seele in den Annalen einer mythischen Welt.

Wortfüllsel und Sprachhülsen im Gedicht sind die Watte, womit der hilflose Schreiber die undichten grammatisch-gedanklichen Gelenkstellen verstopft.

Schmachtfetzen, über lyrischen Leichnamen wehend.

Wo kein Inkarnat mehr schimmert, sollen fetthaltige Metaphern und schlüpfrige Vergleiche herhalten.

Bleiche Knochen, aus dem Morast der Sprache gescharrt, denen der Lampion eines Jahrmarktmonds einen gauklerischen Schimmer verleiht.

Wie lange kann ein Koloß aus Metall, Plastik und Silikon auf den dünnen gläsernen Beinchen einer irre klirrenden Sprache Richtung Zukunft staken?

Freilich, einem Autor, der sich nur von Fettbrühen ernährt, rinnt das Schmalz von den Zeilen; doch einem, der den Asketen im Dienste der Welterlösung mimt, klappert des Verses dürres Totengerippe.

In der Ariadne auf Naxos paaren sich Opera buffa und Opera seria, die leichtlebige Zerbinetta ist die Doppelgängerin der tragisch liebenden Ariadne, Bacchus aber zugleich Hermes, der Todesbote, ein Todesbote indes, der Ariadne zu den Jenseitsblumen der Jenseitsauen geleitet.

Im dichterisch-musikalischen Laboratorium, wo die Liebenden gleich chemischen Substanzen mittels des Katalysators eines ineinander fließenden Wechselgesangs zu unvorhergesehenen Metamorphosen angeregt werden.

Die sublime Sprache des Gedichts ist eine Form der indirekten Mitteilung; die Evokation der Tageszeiten löst der bang aufseufzenden und von schweren Traumgesichten heimgesuchten Seele die Zunge und läßt ihre Erwartung sich am Tau des Morgens erquicken, den hohen Strahl die Knospe ihrer Lust öffnen und die Angst des Vergehens weich im Laub der Dämmerung verzittern.

Wenn man all den Auswuchs journalistischer Phrasen und zeitgeistiger Begriffe jätete – was bliebe? Die Sprache Goethes, Lichtenbergs, Wittgensteins? Oder ein Aschenhäuflein des Ungesagten?

Wittgenstein floh vor dem metaphysischen Geschwafel der Akademien und dem geistreichen Weibergeschwätz der Salons in den teuflischen Lärm der Schützengräben des Ersten Weltkriegs und die stillen Wälder Norwegens. Vor den ideologisch-perversen Glossolalien der Hochschulkatheder und dem pornographischem Geschnatter der digitalen Medien rettet uns heute nur der Exodus in die monastische Wüste des Schweigens.

Als würden die Schriftzeichen auf den vergilbten Briefen der Liebe sich wie unter einem Geisterhauch auflösen, als bliebe nur, gespenstisch schimmernd, das Wasserzeichen.

Was denn blieb von dem Knaben, der du warst, einsam am Strom, und hast Kieselsteine darüber hüpfen lassen, was von dem silbernen Ton der Stimme, die in das Te deum zur Apsis emporstieg, was von der irdenen Bronze der Hand, da sie sich Nüsse gesammelt, geschält?

Hat die Erinnerung ihr Bild bewahrt, gleich der Ikone in der Nische des Treppenaufgangs, wo ihr die Kerze geflackert? Die Ikone ward schwarz von Ruß, die Kerze erlosch.

Die Deixis des Gedichts weist auf einen imaginären Ort, in eine mythische Zeit.

Das Leid ist ewig, ewig die Klage, und der Duft der erloschenen Rose schwebt noch über dem Abgrund der Stille.

Die Stille sinkt, wie nach den Blitzen feiner Regen, und was wir nicht gesagt, als Wipfel dunkel rauschten, ertönt mit heller Tropfen Widerhall von regungslosen Blättern.

Und fällt auch Schnee auf Schnee, löscht Bild das Bild, bleibt in der Dämmerung ein matter Abglanz uns, die einsam Arm in Arm ins Schweigen weiterwandern.

 

Jul 24 22

Ariadne auf Naxos

Kam der neue Gott gegangen,
hingegeben war ich stumm.

(Hugo von Hofmannsthal, Libretto zur Oper von Richard Strauss)

 

Verschmachtend liegt die Schöne an dem Strand,
im Inselschilfe dämmert rings die Welle,
und lüstern lüpft der Wind ihr das Gewand.

Najadenanmut schäumt aus Porphyrquelle,
Dryade rankt ihr Flüstern um ein Reis,
und Echo legt es auf der Lippen Schwelle.

Doch Ariadnes Herz ist starr wie Eis,
weil Theseus sie verriet, ist es erfroren,
und weder Seufzen süß noch Hauchen heiß

kann Tropfen wecken in den tauben Poren.
Und einer Muschel Leere fühlt ihr Schoß,
die Perle schmolz, vom Kuß des Monds geboren.

Da glänzt im Abendrot das dunkle Moos,
als hätte seinen Purpurwein vergossen
der wilde Gott, der singt, Dionysos.

Und sie erwacht, zum Tode schon entschlossen,
und er erglüht, wie einer Traube Blut
ist er in eines Herzens Grab geflossen.

Die Gottheit kommt in hoher Flammenflut,
doch wer mag, sterbensmüd, sie überstehen,
und stumm sich geben nicht der schönen Glut –

o Aschen, die stumm ins blaue Nichts verwehen.

 

Jul 23 22

Singen im Regen

Wir hören den Regen auf Blättern,
uns seufzen die Tropfen im Moos.
Im Herzen rieseln die Lettern,
stumm bleibt, voll Rätsel, der Schoß.

Wir gehen im Regen, wir gehen,
das Auge erfrischt sich am Glanz,
den Zweige und Ranken verwehen,
den Tropfen versprühen im Tanz.

Wir singen im Regen, wir singen,
am Feuchten erquickt sich der Reim.
Wo heitere Tränen entspringen,
bei Wolken sind wir daheim.

Wir finden nicht, was wir suchen,
wir suchten nicht, was uns fand.
Und rauschen im Wetter die Buchen,
faßt deine Hand meine Hand.

Wir sind wie zitternde Lauben,
wo weiche Dämmerung tropft.
Als flatterten auf wilde Tauben –
o Herz, das ans Schwesterherz klopft.

 

Jul 22 22

Die Rose sinkt

Die Rose sinkt,
der Sonne gleich,
die untergeht.
Und auch ihr Duft,
der uns belebt
die graue Luft,
verweht.

O laß vom Abendrot
dir sagen,
groß ist ihr Tod.
Auf Wolkenmatten
blüht wie süßes Klagen
um geliebte Schatten,
glüht wie Gipfelschnee
jungfräulichen Tagen,
makellosen,
ein Korallensee
von Rosen.

Der Liebe Lied,
ein Geisterschwan,
das wir gehört,
als alle Welt
im Tau entschlief,
am grellen Lärm
ist es zerschellt
wie Porzellan.

Der einsam
kehrte auf den Stern
der Stille heim,
vernahm
noch einen leisen Reim,
doch fern, sehr fern.

 

Jul 21 22

Eskapistisch

Hier fleckt den Schnee der Krokuswangen
ein Sud aus Ruß und Gas,
und süßes Nachtigallenbangen
wird schwarzer Galle Fraß.

Laß uns die Stirn im Glitzern baden
Saharasternennacht,
nomadendunkle Lieder laden
ins Zelt, das Glut bewacht.

Hier seufzt in Schilfen, die versanden,
der Sehnsucht mürbes Herz,
die Kränze, die Eroten wanden,
vergrämt Frost noch im März.

O laß in hohe Luft uns steigen,
bis Dunst und Trübsal sinkt,
wo milden Strahlen wir uns neigen,
Traum aus Kristallen trinkt.

 

Jul 20 22

Charlotte Corday

Das du am Busen bargst, Corday,
das blanke Messer, blieb dort kalt,
doch wurde es, von Blut umwallt,
in kaltem Herzen heiß, Corday.

Es sank die Feder dir, Marat,
sie schnitt durch Adern, schmatzte laut,
du fühltest sterbend deine Haut
noch jucken nach mehr Blut, Marat.

Als dich der Karren trug, Corday,
zum Orgienort des Hochgerichts,
da wußtest du, es war für nichts,
doch recktest du dich stolz, Corday.

Verklärten Bilder dich, Marat,
zum Märtyrer erlöster Welt,
starbst du im Bad doch, großer Held,
und nicht auf Golgatha, Marat.

Suchst Hochsinn du, schau auf Corday,
der Normandie getreues Kind,
fragst du, was Heroinen sind,
denk an Lucile, denk an Corday.

 

Anmerkungen zum Verständnis:
Charlotte Corday, Sproß aus einem alten Adelsgeschlecht der Normandie, wurde am 17. Juli 1793 in Paris durch das Fallbeil hingerichtet, nachdem sie vier Tage zuvor den Revolutionsführer Jean Paul Marat im Bad seiner Wohnung erstochen hatte.
Lucile Desmoulins starb am 13. April 1794 unter der Guillotine, nachdem sie während der Exekution ihres Mannes Camille Desmoulins das Volk zum Aufstand gegen die jakobinische Terrorherrschaft aufgerufen hatte. Georg Bücher verleiht ihr in seinem Drama Dantons Tod das Pathos romantischer Liebe, die dem Geliebten in den Tod folgt, und läßt sie angesichts der Hinrichtung ihres Mannes ausrufen: „Es lebe der König!“

 

Jul 19 22

Kußhand für Verlaine

Aus bemoosten Felsenspalten
troff ein Singsang wunderlich,
und aus Brunnens Rieselfalten
tratest du und küßtest mich.

War uns fliehen dunkle Wonne
in der Liebe Labyrinth,
unsren Schatten sagte Sonne,
daß sie eines Wesens sind.

Wo verlöschend Rosen sanken
auf des Wassers Indigo,
überwuchsen Purpurranken
zarter Gitter Rokoko.

Kosten unter der Fontäne
Schimmer Putto und Delphin,
zogen glasgehauchte Schwäne
eines trunknen Dichters Spleen.

Gaukler, die verschmitzt uns grüßten,
Süßholzraspler, Pansgesicht,
Schranzen, die den Trank versüßten,
schlüpften aus Verlaines Gedicht.

Dir gefiel’s, Pierrot zu necken,
mir, Emilien mittels Kuß
in den Nacken sanft zu wecken.
Schrie Dottore: „Jetzt ist Schluß!“

 

Jul 18 22

Auf ruderlosem Kahn

Dort waren deine Locken übersprenkelt
von Tropfen eines kristallinen Lichts,
sie rannen auf den dunklen Pfad herab,
und meine somnambulen Augen tranken.
Und was im Rascheln lichter Lauben spielte,
war nicht der Heimathauch der Sommernacht,
es floß aus topasblauen Sphären nieder,
quoll über sterngesäumten Brunnenrand.
Das Seidentuch, das deinen Leib umspannte,
hat sich, von meiner Stirn kaum angerührt,
ins Rieseln aufgelöst von Wasser-Falten,
die sie gekühlt wie goldner Flosse Taft.
Und schäumte uns die Nacht wie Träumern trunken
ihr Indigo am ruderlosen Kahn,
zog über uns der Hochgesang der Wolken,
schwieg unter uns der süßen Blüten Schnee.
Und stieß uns einer Nymphe tiefes Seufzen
das Boot ins Schilfrohr, flatterte jäh auf
der kleinen Sänger Schar, und es erbebte
ihr Nest, des Röhrichts heimliches Gespinst.
Ja, deine Hand nahm meine Hand, die bange,
du führtest uns, die alles vorgefühlt,
auf eine Lichtung, nahe bei der Weide,
die ihre Trauer schlaff ins Wasser hing,
hobst auf das Schimmern der Fasanenfeder,
und hast, bevor du schiedst, sie stumm geküßt.
Fern glomm noch Licht in deinem Haar, verglomm.
O dies geschah, und wie des Wunders Zeuge
ist mir die Feder, die ich aufbewahrt.

 

Jul 17 22

Fahle Sonnen

Von Moos bewachsen dämmern die Figuren,
der Jugend Weggefährten, erstarrt zu Stein.
Der Asphalt hat erstickt die Sommerfluren,
wo du gewandelt bist, zu zweit, allein.

Vergilbter Briefe fieberhafte Züge,
mit schmerzgedehntem Zwischenraum,
und vieler Diminutive süße Lüge,
du lächelst und verstehst sie kaum.

Das mußt du sein, auf Fotos, halb verblaßten,
das Kind, der Knabe, der reife Mann,
frag nicht, warum die Wimpern dunkler lasten,
ein grader Blick sich senken kann.

Wie kann es sein, daß die du früh gesungen,
die himmelhelle Melodie,
kaum ist der Schrei der Kraniche verklungen,
nun wölkt wie eine Elegie?

Die Sonne, deinem Hochsinn einst gewogen,
ein Lampenflackern auf dem Boot,
das jenseits schon ins Uferschilf gebogen,
wie fahl und fahler wird ihr Rot.

 

Jul 16 22

Fata Morgana

Kaum haben wir zu Lebens schmalen Pfaden,
im Wahn, daß golden uns ein Leuchten labe,
des Schlafes wilde Ranken auseinander-
gebreitet und beschnitten, stehen wir
allein vor einem transparenten Himmel,
um Schatten flehend, Wolken, Gnadentropfen.
Ich trug den Durst wie einen hohen Krug,
gleich Frauen, die sich müd der Anmut recken,
auf meiner Schulter, doch ihn mir zu füllen
fand nirgends ich der Quelle keuschen Mund.
Da traten Schatten aus dem Tor des Traums
und wehten mir zur Seite, schwarze Flügel,
die leise rauschten: „Wir, die Schmerzgefährten,
wir wollen zu dem Wasser dich geleiten,
das deiner Seele dürren Wurzelstock
erquickt, bis ihm entsprießt dein Immergrün.“
Wir flogen über Schründe hin und Steppen,
Land, ausgemergelt von der Gottheit Glut,
ich aber sah die Kreaturen in der Tiefe,
wie sie verschmachtend eins des anderen Haut
aufritzten, sich an fremdem Blut zu stillen,
wie Zungen schnalzend Tränen, erpreßte, leckten
und Blicke sich von Wimpern Schatten rupften.
Und glänzte lächelnd schon wie Paradieses
Fata Morgana grasumstrotzt der Teich
und flossen Melodien in mein Herz
vom Liebesfest der goldnen Trunks Gestillten,
riß los ich mich aus der Harpyien Fängen
und stürzte auf den Ufersand, der stündlich
wächst und glimmt des Nachts wie Sternensalz –
o laß verschäumen Sehnsucht auf dem Meer.

 

Jul 15 22

Noch glühen Rosen

Noch glühen Rosen in der Dämmerung,
doch hat den Duft gedämpft ein kühler Mond,
als käme Hauch von herberen Gestaden,
wo tief im Schilf des Abends, wenn es singt,
ein kleiner Junge nach den Nestern späht,
nach Teichrohrsängers milchigen Schalen, erdbraun
gesprenkelt, ob es vier sind oder fünf.
Nun fühlt sein Fuß den Sand noch sonnenwarm,
du aber hörst, hörst Wellen klatschen, siehst,
wie er die Muschel aufhebt an das Ohr,
und du erkennst, da sich im Blau der Augen
der Feenschein des Meeres schäumend bricht,
erkennst im Kind, das einsam Atem holt
und allem haucht, dich selbst in früher Zeit.
Und wieder andre Abendstunden tun
sich auf wie Fenster, Waben süßen Lichts,
wo sich der Anmut weiche Ründe wölbt,
wo Schatten blauen auf der Schultern Schnee,
und Flattern wie Erstaunens jäher Flügel
die Hand durch Ranken gelber Rosen streift.
Und reckt sie sich, des Haares wildes Wasser
zu stauen auf in strenger Flechten Bett,
erkennst du sie, die welker Sehnsucht Blatt
dir feuchten konnte mit dem Glanz der Nacht.

 

Jul 14 22

Kreuzweg

Laß nur der Stille Schimmer tauen
auf Knospen, die Gott schließt.
Uns seufzt das Gras auf Trauer-Auen,
wo keusches Wasser fließt.

Und flattern auf noch Geisterschatten,
o Herz, so klopfe wild.
Was stumm versinkt auf Wolkenmatten,
ist Mondes Grabesbild.

Vorbei an den Passionskapellen
zieht uns hinan ein Schein.
Es sind der Wunden Gnadenquellen,
Blutrose bricht den Stein.

Daß dunkler uns das Kreuz noch rage,
streust du der Lilie Schnee.
Aus Gärten ferner Jugendtage
flammt Schmerz, die Orchidee.

 

Jul 13 22

Der Kokon der Erinnerung

Wie wankten müde wir von all den Funken,
die ausgeseufzt der sagenträge Rhein,
wie lallten wir von Sommerluft betrunken,
die süßer kitzelte als perlender Wein.

Und als wir unter abendroten Lauben
dem Gurren lauschten, nah beim alten Teich,
wo zarte Zungen tunkten Turteltauben,
verwirrten sich zwei Schatten, Ranken gleich.

Was aber uns von Herz zu Herz geflossen,
wie Knospe, die auf Knospe niedertaut,
hat in ihr Dunkel Erde eingeschlossen
und zwitschert noch am Himmel, wenn er blaut.

Und mußten scheiden wir am Pavillon,
die Namen bleichte aus schon Morgenlicht,
blieb mir im Schilf des Schlafes ein Kokon,
was darin zagt und zittert, weiß ich nicht.

 

Jul 12 22

Gerard Manley Hopkins, To seem the stranger lies my lot

To seem the stranger lies my lot, my life
Among strangèrs. Father and mother dear,
Brothers and sisters are in Christ not near
And he my peace my parting, sword and strife.

England, whose honour O all my heart woos, wife
To my creating thought, would neither hear
Me, were I pleading, plead nor do I: I wear-
y of idle a being but by where wars are rife.

I am in Ireland now; now I am at a third
Remove. Not but in all removes I can
Kind love both give and get. Only what word

Wisest my heart breeds dark heaven’s baffling ban
Bars or hell’s spell thwarts. This to hoard unheard,
Heard unheeded, leaves me a lonely began.

 

Fremdheit legt mir auf mein Los, mein Leben ist
eins unter Fremden. Vater und Mutter, die mich beglückt,
Brüder und Schwestern, in Christus entrückt,
und er, mein Friede, ist Abschied, Schwert und Zwist.

England, dessen Ehre mein Herz o ganz umwirbt, küßt
wie eine Frau mein Werk, doch mich bedrückt,
daß es nicht hört, ob ich flehe oder schweige. Zerpflückt
ist mir das Schattenlaub, Licht nur, wo man das Banner hißt.

In Irland bin ich nun. An Rückzugs dritter Pforte.
Doch auf jeder Schwelle gleiche Güte kann
ich nicht geben und erlangen. Nur das weiseste der Worte,

das brütet aus mein Herz, löst dunklen Himmels Rätselbann,
durchkreuzt den Fluch der Hölle. Daß ich Ungehörtes horte,
fast Verhauchtes hörte, macht mich zum unbehausten Mann.

 

Jul 11 22

Vom Nomos der Dichtung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Auf metrisch und strophisch knapp bemessenem Raum die Worte so positionieren, stellen und entgegenstellen, daß sie ihn wie das Gitter eines Kristalls strukturieren; eines Kristalls, der vom einfallenden Licht zum Leuchten, Funkeln, Irisieren gebracht wird.

Welches Licht fällt in den Raum des Gedichts; und durch welches Fenster?

Der Strahl, der ins Fenster des Gedichtes fällt, kann vom Mond herrühren, auch wenn du das Gedicht am hellichten Tage oder unter der grellen Neonlampe liest.

Freilich gibt es Stoffe, die das Licht wie ein Sieb durchseihen oder vollständig absorbieren. In beiden Fällen gibt uns das Gedicht den Eindruck der gedämpften und getrübten Atmosphäre einer unheimlichen oder unergründlichen Dämmerung.

Etliche Gedichte Trakls sind von dieser Art.

Keiner wird ein Möbel, erlesen an Zierrat und Intarsien, vor das Fenster stellen.

Wie geistreich ist Goethes Wort vom Gedicht als bemalter Fensterscheibe (wenn wir die Anmutung des Gotisch-Butzenscheibenhaften von ihm ablösen).

Freilich, manchmal geraten wir in eine vollgestopfte Besenkammer, die nur ärmlich vom Dämmerschein erhellt wird, der aus der halbgeöffneten Dachluke sickert.

Ökonomie des Gedichts: Knappheit der Mittel – Höchstmaß der Wirkung, wie es Nietzsche so stilvoll wie elegant im Kapitel „Was ich den Alten verdanke“ in seiner „Götzendämmerung“ beschrieb.

Der Kiesel gehört dem Vaganten, der Smaragd dem Kaiser.

Gedicht: Kiesel, der wie ein Juwel funkelt.

Reim, Rhythmus, Strophe – Fesseln, Peitschen, Züchtigungen, die den Ausdruck zur Verdichtung, den Gedanken zu höchster Konzentration nötigen.

Welchen ungeheuren Druckes, freilich über Äonen, bedarf es, damit aus der Kohle der Diamant hervorzuschimmern beginnt.

Hunde, die frei herumlaufen, beginnen zu verwildern.

Gedichte ohne den Zügel des Nomos (den Hirten des Seins, um es mit dem weisen Gnom aus dem Schwarzwald zu sagen) sind wie entlaufene Schafe, die aus der erstbesten Schlammpfütze saufen.

Die Bindung, die Verpflichtung, das Opfer – Ökonomie der poetischen Sublimierung.

Der fast Verschmachtete erblickt in der Wüste des Daseins die Fata Morgana.

Dürsten, schmachten, sich verzehren – Dichters Exerzitien.

Die aus Ägypten in die Wüste Entkommenen erahnen in der Ferne das verheißene Land, wo Milch und Honig fließt. Und war es für Moses nicht eine Art Fata Morgana?

Mag der Dichter nur ausgebrannt sein – die Glut des Gedichts aber sprühe Funken in die Nacht.

Die fremde, gefährliche Schöne, die wie Salome unter Schleiern tanzt, sie, die nach dem Haupt des Dichters verlangt.

Die fette Hure in ihrer nackten Häßlichkeit genügt dem hündisch-satirischen Trieb.

Die wesentliche Aussage ist wie das Gelispel des Quells in der Abenddämmerung kaum hörbar; sie wird durch den Lautsprecher entstellt, den elektronischen Verstärker verzerrt.

Je leiser das Wort, je gehauchter, umso eindringlicher die Aussage.

Je leichter, anmutiger die Form, umso gewichtiger der Sinngehalt.

Die Anmut des Gedichts kommt auf Taubenfüßen. Sagte ähnliches nicht, der dummer- oder tragischerweise wähnte, mit dem Hammer philosophieren zu müssen?

Unter milchig-zarter Haut siehst du das Delta blauer Venen.

Der gekrümmte Rücken des Psalms trägt die Glorie der Welt.

Gegen die Tagesnorm des alternierenden Verses wirkt der verschlungene Rhythmus eines Klopstock nächtlich, mystisch, okkult.

Das munter plätschernde Rinnsal des Jambus im Delta odisch brausender Rhythmen.

Die Erneuerung des deutschen Verses durch Klopstock erfolgte im Zuge nicht nur der Hinwendung zur griechischen Ode, sondern auch zum hebräischen Psalm; ähnlich der Erneuerung des Sprachdenkens bei Hamann aus dem Geist der Prophetie.

Weshalb klammert sich Hopkins verzweifelt an die strenge Form des Sonetts, obwohl die geisterhafte Flut seines sturmgepeitschten Verses über sie hinwegschäumt?

Die „terrible sonnets“ des Poet-Priest Hopkins kann man freilich als Symptome klinisch reiner Depression entziffern. Aber sagt das mehr über ihren dichterischen Gehalt als die kleingeistig-professorale Lektüre eines Gedichts von Baudelaire als Dokument des literarischen Exotismus und der erotischen Libertinage oder eines Gedichts von Trakl als Zeugnis seiner Drogen- und Liebessucht?

Die Partikel „aber“ – ein Stigma an der Hymne Hölderlins, das den Bruch der Stimme oder den plötzlichen Schaum auf der Woge anzeigt, die dem jähen Katarakt entgegenrollt, wo der Gesang sich im Rauschen verliert.

Es bedurfte der sorgfältigen Beobachtung und minutiösen Anwendung von immer ausgefeilterer mathematischer Physik, um das alltägliche Phänomen der Tages- und Jahreszeiten, der Dauer von Monat und Jahr in die Struktur des verläßlichen Kalenders einzubauen und zu berechnen. Eratosthenes, Ptolemäus, Caesar, Augustus, Julian, Gregor und die immer genauere Datierung des Osterfestes durch die Astronomen des Mittelalters und der Neuzeit sind nur einige Stationen auf diesem Weg.

Es ist dies der Weg des Abendlands, denn die Kulturen des Judentums, der Antike und des Christentums haben ihn gleichermaßen gebahnt – man denke an die Institution des Sonntags, den römisch-germanisch gemischten Ursprung der Namen der Wochentage, die den christlichen Glauben bezeugende Festlegung und Taufe der hohen Festtage und ihren teleologischen Richtungssinn (Geburt, Tod, Auferstehung) innerhalb der kosmisch-zyklischen Wiederkehr.

Sicher, man kann den Frühling Herbst nennen; doch wird der neue Herbst keine Früchte reifen und der neue Frühling keine Knospen schwellen lassen.

Sicher, der Mann kann sich Frau, die Frau sich Mann nennen; doch wird der neue Mann keine Kinder gebären und die neue Frau keine zeugen können.

Wie der deutsche Idealismus über die Torheiten des epistemologisch-sozialen Konstruktivismus zum ideologischen Etikettenschwindel verkam.

Wie der Kalender das Erbe der großen Entdecker und Forscher des Abendlandes ist der Nomos der abendländischen Dichtung das Erbe der Sprachschöpfer Israels, Ioniens, der äolischen Inseln, Attikas und Roms.

Sicher kann man die strenge Form lockern; doch nestelst du lange genug am Mieder der Schönen, steht sie endlich nackt da. Venus mag’s erfreuen, doch die Muse der Dichtung kleidet ein schimmerndes Gewand, das sich dem Fleisch des Worts wie Wasser auf dem Teppich von Moos und Gräsern anschmiegt, und doch, mag es auch transparent sein, verhüllt, was der gemeine Geschmack als nackte Wahrheit preist.

Wie der Nomos des dichterischen Worts von den strengen Fügungen und kunstvollen Gewölben eines Horaz, eines Klopstock, Goethe oder Hölderlin zur Trümmerlandschaft verkam, wo zwischen den zerschlagenen Formen dürftiges Gras in den trüben Himmel der nackten (sozialen, politischen) Wahrheit sprießt.

 

Jul 11 22

Gerard Manley Hopkins, Spring

Nothing is so beautiful as spring –
When weeds, in wheels, shoot long and lovely and lush;
Thrush’s eggs look little low heavens, and thrush
Through the echoing timber does so rinse and wring

The ear, it strikes like lightnings to hear him sing;
The glassy peartree leaves and blooms, they brush
The descending blue; that blue is all in a rush
With richness; the racing lambs too have fair their fling.

What is all this juice and all this joy?
A strain of the earth’s sweet being in the beginning
In Eden garden. — Have, get, before it cloy,

Before it cloud, Christ, lord, and sour with sinning,
Innocent mind and Mayday in girl and boy,
Most, O maid’s child, thy choice and worthy the winning.

 

Nichts schöner als die Frühlingszeit –
wenn Kräuter, kringelnd, sprießen, lang, voll Liebessaft.
Drosseleier bilden kleine Himmel, der Zweige Schaft
zittert vom Drosselsang, der Ohren wie ein Kleid

wässert, wringt. Hören ist von Blitzen benedeit.
Birnbaumblatt und -blüte sind wie transparenter Taft,
wo Blau des Himmels tropft herab. Die Bläue rafft
des Reichtums Saum. Und Lämmer springen anmutweit.

Was all der Schmelz, all dies Behagen?
Hall süßen Lieds der Erde, das aus Gärten wiederkehrt,
aus Eden. – Pflück die Frucht, bevor die Wünsche zagen,

bevor umwölkt sie Christ, der Herr, Sündensäure sie versehrt,
Unschuldssinn in junger Liebe Maientagen,
zuhöchst, o Kind der Magd, dein Wille, Lorbeerkranzes wert.

 

Jul 10 22

O küß sie nicht

Wie großem Durst die Wüste plötzlich flimmert,
als wölkte Schaum von Schwänen auf dem See,
hat deiner Nacht die Blüte weiß geschimmert,
und was du schriebst, war Duft von süßem Klee.

Wie scheiden wir vom Wahnbild ab das wahre?
In beiden weint die Wolke, singt das Licht.
Der Schönen strömen Locken von der Bahre,
sie lächelt geisterhaft, o küß sie nicht.

Wie blanke Kiesel knirschen unter Schritten,
knirscht Wortes Dürre zwischen Zahn und Zahn.
Kein feuchtes Auge schaut, was du erlitten,
kein Tau weckt aus dem Dunkel Enzian.

Du horchst: Die Nacht hat Stimmen wie von Feen,
gefesselt von Gerank, vom Mond gebannt.
O gib dich nur dem wunderlichen Flehen,
doch geh nicht hin, dein Herz, es wird verbrannt.

 

Jul 10 22

Gerard Manley Hopkins, Patience, hard thing

Patience, hard thing! the hard thing but to pray,
But bid for, Patience is! Patience who asks
Wants war, wants wounds; weary his times, his tasks;
To do without, take tosses, and obey.

Rare patience roots in these, and, these away,
Nowhere.   Natural heart’s ivy, Patience masks
Our ruins of wrecked past purpose. There she basks
Purple eyes and seas of liquid leaves all day.

We hear our hearts grate on themselves: it kills
To bruise them dearer.  Yet the rebellious wills
Of us we do bid God bend to him even so.

And where is he who more and more distils
Delicious kindness?—He is patient.  Patience fills
His crisp combs, and that comes those ways we know.

 

Geduld, wie schwer! Das Schwere, um das es gilt
zu beten, bitten, ist Geduld! Geduld, die fleht
um Waffen, Wunden. Vom Dienst gekrümmt nach Hause geht.
Verwirfst du sie, wirf dich unter Würfelwurfes Bild.

Geduld blüht nur solch einsamem Gefild,
sonst nirgends. Geduld, nackten Herzens Efeu, weht
über unsrer Träume Trümmern. Und dort seht
ihre Purpurfrucht, Laubes lichten Fluß, der stündlich schwillt.

Wir hören unsre Herzen an sich selber schaben. Tod
wär, härter sie zu pressen. Trotz, der uns verroht,
soll, bitten wir, Gott gleichwohl an sich schmiegen.

Und wo ist jener, der feiner mahlt das Schrot
köstlicher Güte? – Er ist geduldig. Das süße Brot
bäckt ihm Geduld, es duftet schon auf unsren Stiegen.

 

Jul 9 22

Unter Lauben der Dämmerung

Wir wollen unter Lauben uns ergehen,
wo wie zum Lebewohl Goldregen niederfließt,
und scheuer atmen keuscher Knospe Flehen,
die ihre bleichen Augenlider schließt.

Wenn aber Dunkel aus den Büschen quillt,
bahnt mir den Weg dein kindlich-frommes Singen,
und ist der Liebe Antlitz ganz verhüllt,
die Lampe deines Herzens seh ich schwingen.

Versiegt der Quell, der unserm Tag geblaut,
hinangerettet ward ein Schimmer Süße,
wenn deines Blickes Güte niedertaut,
o feuchter Augen hyazinthenblaue Grüße.

Verblaßte schon des Dämmers Feenschein,
Gesang der Nachtigall, blind rauscht das Blatt der Stille.
Daß Morgensonne ihren Purpurwein
uns in des Traumes graue Krüge fülle!

 

Jul 8 22

Gerard Manley Hopkins, No worst, there is none

No worst, there is none. Pitched past pitch of grief,
More pangs will, schooled at forepangs, wilder wring.
Comforter, where, where is your comforting?
Mary, mother of us, where is your relief?

My cries heave, herds-long; huddle in a main, a chief
Woe, wórld-sorrow; on an áge-old anvil wince and sing —
Then lull, then leave off. Fury had shrieked ‘No ling-
ering! Let me be fell: force I must be brief.’

O the mind, mind has mountains; cliffs of fall
Frightful, sheer, no-man-fathomed. Hold them cheap
May who ne’er hung there. Nor does long our small

Durance deal with that steep or deep. Here! creep,
Wretch, under a comfort serves in a whirlwind: all
Life death does end and each day dies with sleep.

 

Des Argen Tiefpunkt? Nein. Tiefer steigt das tiefe Leid,
Faust lehrt die Faust, wilder noch zu wringen,
Tröster, wo nur sind, wo deine Schwingen?
Maria, unsre Mutter, wo rühr ich an dein Kleid?

Meine Schreie schwellen, drängen herdenweit
zum Wehruf „Welten-Leid“. Zucken auf dem Urwelt-Amboß, singen –
dösen dann, lassen ab. Wut hat gekreischt: „Wollt ihr springen,
laßt mir das Grimmen, Schärfe hat den Schneid.“

Der Geist auch, Geist hat Hügel, Schauergründe,
schroff, auslotbar nicht mit Menschen-Lot.
Wer grinst, hing nie im Leeren. Nicht ermißt die Schründe

der kurze Faden unsrer Frist. Kriech, Kot-
Wurm, doch ins Loch, o Trost im Wirbelwinde:
Alle tötet Tod, und jedem Tag ist Schlaf ein Tod.

 

Jul 7 22

Gerard Manley Hopkins, My own heart let me more have pity on

My own heart let me more have pity on; let
Me live to my sad self hereafter kind,
Charitable; not live this tormented mind
With this tormented mind tormenting yet.

I cast for comfort I can no more get
By groping round my comfortless, than blind
Eyes in their dark can day or thirst can find
Thirst’s all-in-all in all a world of wet.

Soul, self; come, poor Jackself, I do advise
You, jaded, let be; call off thoughts awhile
Elsewhere; leave comfort root-room; let joy size

At God knows when to God knows what; whose smile
‘s not wrung, see you; unforeseen times rather — as skies
Betweenpie mountains — lights a lovely mile.

 

Mein Herz, mehr Mitleid habe doch mit mir. Laß
meinem sauren Selbst mich einmal Süße sein,
Erlaben. Nicht leben dieses Geistes Folterpein,
womit gequälter Geist sich selber quält voll Haß.

Ich suche Trost, und finde weniger was,
tast ich umher in meinem Trostlossein,
als blinde Augen Tag bei Nacht und Durst den Wein,
wo jedem Durste lacht die Lippe naß.

Ach, Seele, armer Hans, ich will anheim dir stellen:
Du, Matte, laß es sein. Sieh eine Weile Sinnen walten
woanders. Laß Trost-Saat keimen, Freude schwellen,

Gott kennt die Zeit, Gott kennt das Ziel. Aus Falten
glänzt Lächeln auf, wie deins. Unverhofft – wie blaue Hellen,
Flocken zwischen Hügeln – grüßen Lichtgestalten.

 

Jul 6 22

Walther von der Vogelweide, Got, dîner trinitâte

Leich A

Got, dîner trinitâte,
die beslozzen hâte
dîn fürgedank mit râte,
der jehen wir: mit drîunge
diu driu ist ein einunge,
ein got der hôhe hêre.
Sîn ie selb wesende êre
verendet niemer mêre.
der sende uns sîn lêre.
die sinne ûf menge sünde
der fürste ûz helle abgründe
uns hât verleitet sêre.

 

Gott, deine Dreifaltigkeit,
die der Schoß der Weisheit
barg in Ewigkeit,
bekennen wir: in der Dreifalt
die Drei ist einzig Einfalt,
ein Gott, hochheilig, mild,
Quell, der ursprünglich quillt,
ihn fängt auf nie ein Bild,
den Geist send, der uns stillt.
Wir irren im Dunkel der Sünde,
der Fürst der Höllenschlünde
hat uns das Licht verhüllt.

 

Jul 6 22

Walther von der Vogelweide, Saget mir ieman, waz ist minne?

Saget mir ieman, waz ist minne?
weiz ich des ein teil, sô west ich es gerne mê.
der sich baz denne ich versinne,
der berihte mich, durch waz sie tuot sô wê.
Minne ist minne, tuot sie wol;
tuot sie wê, sô heizet sie niht rehte minn
sus enweiz ich, wie sie denne heizen soll.

Ob ich rehte râten kunne,
waz die minne sî, sô sprechet denne jâ.
minne ist zweier herzen wunne:
teilent sie gelîche, sô ist die minne dâ.
Sol sie aber ungeteilet sîn,
sône kan sie ein herze aleine niht enthalden.
owê, woltestû mir helfen, vrouwe mîn!

Vrouwe, ich trage ein teil zuo swære,
wellest dû mir helfen, sô hilf an der zît.
sî aber ich dir gar unmaere,
daz sprich endeclîche, sô lâz ich den strît
Und bin von dir ein ledic man.
dû solt aber einez rehte wizzen, <vrouwe>,
daz dich lützel ieman baz geloben kan.

Kan mîn vrouwe süeze siuren?
wænet sie, daz ich ir liep gebe umbe leit?
solt ich sie dar umbe tiuren,
daz sie sich kêre an mîn unwerdekeit?
Sô kunde ich unrehte sprechen.
wê, waz rede ich ôrlôser und ougen âne?
swen die minne blendet, wie mac der gesehen?

 

Kann einer mir, was Liebe ist, sagen?
Weiß ich ein wenig davon, so wüßt ich gerne mehr.
Wer tiefer als ich sie konnte befragen,
belehr er mich, warum sie schmerzt so sehr.
Liebe ist Liebe, wonnevoll,
schmerzt sie aber, heißt man rechtens sie nicht Liebe.
Ich weiß nicht, wie man sie dann nennen soll.

Will die Deutung mir glücken,
was die Liebe sei, so gebt mir euer Ja.
Liebe ist zweier Herzen Entzücken:
Ist jedem gleich der Teil, Liebe, sie ist da.
Teilt man sie aber nicht durch zwei,
so kann ein Herz allein sie nicht enthalten.
O weh, meine Herrin, steh mir bei!

Herrin, zu schwer ist meine Last,
willst du mir helfen, kürz ab den Lauf.
Bin ich dir aber ganz verhaßt,
sag es nur unverblümt, so geb ich es auf
und scheide von dir, ein freier Mann.
Eins aber präge dir ein, meine Herrin,
keiner wird höher dich preisen als ich es getan.

Darf mir die Herrin verbittern das süße Leben?
Glaubt sie, ich schenke ihr Lieder, sie dafür Leid?
Soll ich sie rühmend erheben,
daß hündisch ich krieche unter ihr Kleid?
So war mein Spruch ein Versehen.
Weh, was rede ich noch, taub und erblindet?
Wen aber die Liebe blendet, wie könnte der sehen?

 

Jul 5 22

Walther von der Vogelweide, Dich lobet der hôhen engel schar

Leich D

Dich lobet der hôhen engel schar,
doch brâhten si dîn lob nie dar,
daz ez volendet wurde gar,
daz ez ie wurde gesungen
in stimmen oder von zungen
ûz allen ordenungen
ze himel und ûf der erde,-
des mane dich, gotes werde:
Wir bitten umb unser schulde dich,
daz dû uns sîst genædiclîch,
sô daz dîn bete erklinge
vor der barmunge urspringe.
sô hân wir den gedinge,
diu schulde werde ringe,
dâ mit wir sêre sîn beladen.
Hilf uns, daz wir si abe gebaden
mit stæte wernder riuwe
umbe unser missetât,
die nieman âne got und âne dich ze gebenne hât!

 

Dich preiset der hohen Engel Schar,
doch brachten dein Lob sie nie so dar,
daß es schon ganz vollendet war,
so wird es immer gesungen
von Geistern, von Menschenzungen,
aus allen Chören erklungen
im Himmel und auch auf Erden,
magst, Gott nahe, du des inne werden.
Wir bitten dich ob unsrer Schuld,
daß du uns schenkest deine Huld,
auf daß dein Bitten höher schwelle
bei des Erbarmens Quelle,
voll Hoffens, daß die Welle
der Schuld uns bald zerschelle,
der Seele Last von schwarzen Aschen.
Hilf uns, sie abzuwaschen
mit steter Reue Tränen
über unsre Missetat,
die keiner außer Gott uns tilgen kann und deine Gnad!

 

Jul 4 22

Walther von der Vogelweide, Maget und muoter

Leich B

1

Maget und muoter, schouwe der kristenheite nôt,
dû blüende gert Aarônes, ûf gênder morgenrôt!
Ezechiêles porte, diu nie wart ûf getân,
dur die der künig hêrlîche wart ûz und in gelân!
Als diu sunne schînet durch ganz gewürhtez glas,
alsô gebar diu reine Krist, diu magt und muoter was.

2

Ein bosch der bran, dâ nie niht an
besenget noch verbrennet wart:
Breit unde ganz dâ beleib sîn glanz
vor fiures flamme unverschart.
Daz was diu reine magt aleine
diu mit megetlîcher art

3

Kindes muoter worden ist
ân aller manne mitewist,
wider menschlîchen list
den wâren Krist
gebar, der uns bedâhte.
Wol ir, daz si den ie getruog,
der unsern tôt ze tôde sluog!
mit sînem bluote er ab uns twuog
den unfuog,
den Even schulde uns brâhte

4

Salomônes hôhen thrônes
bist dû, frouwe,
ein selde hêre und ouch gebieterinne!
balsamite,
margarîte,
ob allen magden bist dû,
maget, ein magt, ein küniginne!
Gotes lambe was dîn wambe
ein palas reine,
da er eine lag beslozzen inne.

5

Daz lambe ist Krist,
der wârer got ist,
dâ von dû bist
gehôhet und geêret.
Dem lambe ist gar
gelîch gevar
der megde schar.
nû nemt sîn war
und kêret, swâr ez kêret!
des bist dû, frouwe, geêret.
nû bitte in, daz er uns gewer
durch dich, des unser dürfte ger.
dû sende uns trôst von himel her,
des wirt dîn lob gemêret.

 

1

Jungfrau und Mutter, blick auf die Christenheit in Not,
du Aarons blühender Stab, aufgehendes Morgenrot!
Du Tor Hesekiels, das nie ward aufgetan,
durch das der König nur nahm herrlich seine Bahn.
Wie Sonne bricht durchs Glas, das ganz bleibt, wie es war,
so Christus die Reine, die Jungfrau und Mutter, gebar.

2

Ein Busch im Brand, doch wie gebannt
das Feuer hat ihn nicht verzehrt:
Voll und ganz blieb sein Glanz
von der Flamme unversehrt.
Das war allein die Jungfrau rein,
die jungfräulich beschert

3

das Kind, keusch Mutter worden ist,
und war kein Mann, der sie geküßt,
ist kein Verstand, der es ermißt,
den wahren Christ
gebar, der Nacht uns hellte.
Heil ihr, daß sie ihn trug,
der tot den Tod uns schlug!
Er wusch mit Blut, er gab genug,
uns ab den bösen Zug,
womit uns Evas Schuld entstellte.

4

Dem hohen Thron des Salomon
bist du, Herrin,
ein hehres Haus, gebietest selbst darin!
Balsam immer,
Perlenschimmer,
Jungfrau aller Jungfrauschaft,
bist Jungfrau du die Königin!
Gottes Lamm in dir fand wundersam
sich Weilens Reine,
wo es sich barg, der Weisheit Sinn.

5

Das Lamm ist Christ,
der wahrer Gott ist,
er, von dem du bist
erhöht und hochgeehrt.
Vom Lamme wunderbar
hat ihre Farbe klar
Jungfrauenschar.
Nehmt es nun wahr
und kehrt euch um, wohin es kehrt!
So bist Herrin du geehrt.
Nun bitte ihn, daß er uns gewähr
dir zulieb, wes wir bedürfen sehr,
du sende uns Trost vom Himmel her,
so wird dein Lob vermehrt.

 

Jul 2 22

Die Hefe des Denkens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Zu dem Fest, bei dem alle willkommen sind, möchten wir nicht eingeladen werden.

Und wenn es der Gott wäre, der seine Engel die Einladung zum Völker- und Friedensfest an Krethi und Plethi um den Erdkreis bestellen ließe, wir blieben beim Klange der Posaunen im Bett liegen.

Nur wo Gefälle ist, fließt das Wasser. Nur wo Spannung herrscht, strömt das Leben.

Quietismus des Gefühls, Bigotterie des Empfindens, Sentimentalität: Verkennung oder Leugnung der notwendigen Lebensspannung.

Frieden das Tal, Kampf die Steigung.

Größe des Ruhms ist nicht meßbar an der Bekanntheit des Namens.

Die Erde ist klein gemessen an der Größe der Sonne, groß gemessen am Sandkorn ihres Meeresstrands.

Die Entfernung der Erde von der Sonne ist klein gemessen an der Entfernung der Sonne vom Mittelpunkt der Galaxis.

Wenn jeder Gegenstand nur klein oder groß gemessen an der Größe anderer Gegenstände genannt werden kann, folgt daraus, daß wir nicht sagen können, das Universum sei groß. Woran sollten wir es messen?

Länger leben heißt nicht besser leben.

Tausend Dunstatome und immerhin ein Tröpfchen, abertausend Worte und nicht ein Gedanke.

Heroisch: dahingerafft die Blüte der Jugend, doch herrlich ging sie auf. Bürgerlich: echsenalt im Siechenhaus, im Dämmerlichte vegetierend.

Wie man sagt, es ist zu viel passiert, es sind zu viele Tränen, ist zu viel Blut auf beiden Seiten geflossen, eine Versöhnung, ein Völkerfest, eine Friedensfeier: unmöglich; nach Jahren, da der Efeu über den Gräbern die Namen verdeckt hat, bleibt ein scheues Grüßen mit den Augen die äußerste der Annäherungen.

Journalisten: Parasiten der rohesten Wahrnehmung, faulige Zungen, die über alles reden und das Wesentliche verschweigen.

Obszöne Sprache, die unter dem Vorwand der Information nur zeigt, was bluttriefend oder moralisch kurzatmig Sensation macht, und aus dem Schlamm der Ereignisse Fetzen Fleisches hervorzerrt, um niedere Instinkte wachzukitzeln.

Geknickte Zweige: nach dem Unsagbaren greifen, das Unsägliche pflücken.

Ein Volksresiduum kulturellen Mestizentums, ein Babylon amtlich verordneter Sprachvermanschung, dem das Gendersternchen als Symbol allseitiger Verständigung gilt, bringt keinen großen Dichter mehr hervor.

Journalist: das obszöne Auge des medialen Voyeurismus.

Die neue Venus, in sadomasochistischer Bondage-Fesselung aus der Plastikmuschel steigend.

„Soziologie“ als schicke Form der Verdummung: die Fäden wissenschaftlicher Erkenntnis aufgelöst und verwebt im modischen Kostüm knallbunter Gesinnung.

Sie hofieren das Abnorme, Abseitige, Widersinnige; wer im Chaos nach Ordnung, im Verfall nach gesund gebliebene Keimlingen, im Wahnsinn den verborgenen Sinn sucht, gilt ihnen für einen Gendarmen und Blockwart des Begriffs.

Meine Worte sind Mücken, die auf dem Dung von fremden Seelen funkeln.

Der Talmi-Dichter schießt mit seiner Poesie-Pistole: Es knallt recht hübsch, und die Geliebte, die nackend ihm posiert, fällt auch brav, mit beiden Händen hält sie sich die linke Brust, unter dem geheuchelten Entsetzensschrei des zahlenden Publikums, zu Boden. Doch es sind nur Platzpatronen.

Mit wem ich rede oder wem ich das Gespräch verweigere, das ist meine Sache, für die ich weder Gründe noch Vorwände geltend machen muß.

Bornierte Gesinnungseiferer oder Leute, die zu lange in Frankfurt Philosophie studiert haben, meinen, der Kern des philosophischen Denkens bestehe im Austausch von Argumenten; und wenn alle recht brav und regelkonform sich unterreden und ihre Krethi-und Plethi-Geschaftlhubereien miteinander aushandeln, würde das bessere Argument wie das Kaninchen aus dem Hut des Zauberers hervorspringen.

Doch die Annahme und die Forderung, die Philosophie auf den Austausch von Argumenten zu gründen, können selbst wiederum nicht durch ein Argument begründet und gerechtfertigt werden. Sie sind reine Glaubenssache.

Gott aber nannte, was er geschaffen hatte, gut; nicht schuf er, was sich ihm als gut bezeigte und was er zuvor argumentativ als bessere Alternative entwickelt und begründet hatte.

Der noble Leibniz hatte also unrecht, doch anders als der vulgäre Voltaire meinte.

Gott schuf das Licht. War es denn zuvor Nacht? Nein, wo kein Licht, da auch kein Dunkel.

Du grüßt, wen du des Grußes für wert befindest. Doch wer dich nicht oder nicht mehr grüßt, mindert nicht deinen Wert.

Die Frommen halten die Gebote, nicht weil sie unter der Sonne des moralischen Sittengesetzes und der kritischen Vernunft sich als die tunlichen, weil allgemeinverbindlichen erweisen, sondern weil sie Befehle Gottes sind.

Der Befehl, das Gebot, die Entscheidung, das Blut und der Eros stehen außerhalb der Ordnung des Diskurses.

Die Ordnung ist besser als das Chaos, das Licht besser als die Finsternis – das hat sich Gott nicht gedacht, denn es gab weder Ordnung noch Licht, als er darüber müßige Reflexionen hätte anstellen können.

Die Gefahr, das Risiko, das Abenteuer verlangen uns Entscheidungen ab, die wir intuitiv aus dem Gravitationsfeld und dem Anhauch des Augenblicks heraus gewinnen, nicht durch langwierige Begründungspirouetten, während derer uns die Bestie schon den Kopf abgerissen haben würde, das Boot untergegangen und der Rettungsweg abgeschnitten worden wäre.

Der Ursprung der totalitären Herrschaft liegt nicht im Mangel demokratischer Gesinnung, sondern in ihrer radikalen Vollstreckung. Das erweist der Terror der Französischen Revolution, also die radikal-avantgardistische Form plebiszitärer Volksherrschaft (die in Wahrheit natürlich immer die Herrschaft von Parteikadern, Rechtsanwälten, Lehrern und Gesinnungsjournalisten über das Volk ist). Der erste Schauprozeß, der den Blutrichtern der braunen und roten Volksbeglücker zum Vorbild diente, war der Prozeß der Sansculotten gegen Marie Antoinette, dessen Ausgang und Urteil von Beginn an feststanden.

Entscheidende Wahrheiten zeigen sich, wie die Blüten, die auf deine Schwelle liebende Hand gestreut, wie der Blitz der Nacht, dessen Zeichen der Dichter deutet.

Was den Liebenden bewog, die Blüten zu streuen, hat keinen Grund, kann nicht mittels Argumenten oder diskursethisch aufgeklärt werden; das Motiv der Liebesgeste ist eben, was wir Liebe nennen.

Die dichterische Deutung der Wahrheitszeichen wie des Blitzes durch Hölderlin ist ebensoweit entfernt von der physikalischen Erklärung des Naturphänomens wie die physiologische Erklärung der Liebesgeste von ihrer sich zeigenden symbolischen Wahrheit.

Die Physiologie der Geste kann ihre Bedeutung nicht erfassen. Die Physiologie der Lautbildung nicht die Semantik.

Die symbolische Wahrheit geht dem Diskurs und allem Gerede voraus.

Das Modell und Paradigma des philosophisch gefeierten argumentativen Diskurses ist der Gerichtsprozeß, bei dem Zeugen befragt und Indizien auf ihren Aussagegehalt hin gewichtet werden; das zu fällende Urteil ist im Lichte dieser wohlerwogenen Befunde und Erkenntnisse zu rechtfertigen.

Doch die Art und Weise, wie Leute alltäglich miteinander verkehren und reden, unter das Kuratel juristischer Verfahren der Begründung und Rechtfertigung zu stellen, grenzt an stupide Verkennung oder mutwillige Entstellung der menschlichen Situation.

Wir können Buridans Esel nicht mittels vernünftiger Argumente dazu überreden, einen, gleichgültig welchen, Heuhaufen aufzusuchen, um seinen Hunger zu stillen.

Dort verspricht uns die Aussicht einen Gang durch blühende Wiesen; dort der steile Anstieg einen herrlichen Gipfelblick. Wer sagt, der Faule nehme den Weg im Tal, der Tapfere wähle den Aufstieg, sitzt einem moralisch verzerrten Bild auf.

Die Modelle für moralische Entscheidungen sind oft das Ergebnis einer einseitigen Diät naheliegender oder exotischer Bilder und Metaphern (Platons Höhlenausgang, Herakles am Scheideweg, Kohlbergs Dilemma).

Der Sauerteig muß durch Zusatz von Hefe in Gärung gebracht werden, damit das Brot locker und bekömmlich gerät. – Der Sauerteig des Denkens bedarf der Hefe der Dichtung, oder sagen wir es nüchterner: des Spiels der Einbildungskraft, der Variationen der Phantasie.

Das Netz, das er geknüpft hatte, war nicht feinmaschig genug; die grauen Alltagsfische zappelten darin, die kleinen Wunderwesen an farbiger Pracht und ungewöhnlicher Musterung schlüpften hindurch.

Der Eros des Dichters senkt seine Netze in das grüne Wasser des Wunderbaren.

Die Liebe verführt durch Blicke und Lächeln, der Eros der Dichtung durch Rhythmus und Reim und den Schleier von Metaphern, unter dem bisweilen ein geheimnisvolles Lächeln schimmert.

Wozu verführt die Liebe? Zur Liebe. Wozu die Dichtung? Zum Schweigen.

Die Siegeslieder Pindars nennen nicht einmal den Namen des Jockeys, der das Rennen machte, sie rühmen aber den Namen des adligen Eigentümers des Pferdes und führen sein Geschlecht mythisch-genealogisch auf einen göttlichen Ursprung zurück.

Nicht der Jockey hat Pindar gemäß den Siegerkranz verdient; der Sieg war ja nicht sein Verdienst, auch wenn er ihn zu erlangen sein Bestes hatte geben müssen, sondern dort hat Hermes die Zügel ergriffen, hier Apollon die Säule der entscheidenden Wende mit Glanz übergossen.

Was uns Ruhmes wert dünkt, geht über die rein menschliche Tat und Leistung hinaus; zwar ist die schöne Form der Vase ein Ergebnis der Meisterschaft des Töpfers, doch ihre einmalig geglückte Harmonie und Vollkommenheit weist auf die Gunst der Stunde, den Kairos.

Wir können die glückliche Synthese von Sensualität und Sublimität, köstlicher Farbigkeit und Schatten gewordener Stille in den Gemälden eines Vermeer nicht erklären; sie weisen auf ein Ingenium, das auch dem Künstler in seinen letzten Tiefenschichten und seelischen Faltungen verborgen geblieben sein wird.

Die gefährliche Illusion der Diskursethiker besteht in der Überschätzung der Macht der Vernunft und der Verkennung von nicht lösbaren Spannungen und Konflikten, wie jenen zwischen Imperien, Kulturen und Ethnien.

Die Spannungen und Konflikte im Labyrinth der eigenen Brust sind nicht vollends aufzulösen; der Wein, die Droge, der Eros scheint sie für Augenblicke zu dämpfen oder in einem Strudel des schäumenden Selbstgefühls untergehen zu lassen; doch nach einer Atempause kristallisieren sie neu und stehen frisch gewappnet uns wieder vor Augen.

Was ihm der Rausch der Nacht als Offenbarung zu diktieren schien, erwies sich beim nüchternen Tageslicht betrachtet als wirres Geranke toter Buchstaben.

Die Krim-Tataren sind die verblaßten und depravierten Relikte der Goldenen Horde, die im hohen Mittelalter ihre grausamen Orgien in den Reichen der Polen und Russen vollzog; ihr bitteres Schicksal unter den Deportationen Stalins vermochte dennoch nicht ihr kulturelles Selbstgefühl und ihre exotische Sprache und Kultpraxis völlig zu zersetzen.

Das Schicksal der Deutschen, aufgrund der militärisch-moralischen Überlegenheit der Siegermächte herausgerissen aus ihrer angestammten geographischen und historischen Mitte, in masochistisch-verzücktem Kotau vor den sogenannten Werten der freien Welt (also in politischer und kultureller Unterwerfung unter Washington, Brüssel und Straßburg), bleibt ungewiß, fragil und zweideutig.

Daß es allerdings mit der deutschen Kultur ein unrühmliches Ende nimmt, beweist schon die Tatsache, daß sich hiesige Künstler und Schriftsteller nicht scheuen, sich als „Kulturschaffende“ und „Literaturproduzenten“ ansprechen und anpreisen zu lassen.

„Documenta“: Kloake der Gegenwartskunst.

Dichtung ist nicht Literatur. Bei aller Meisterschaft und hohen Kunst, die den Vers eines Walther von der Vogelweide, eines Goethe oder Hölderlin auszeichnen, was an ihm sich wie das Aderngeflecht der Hand abhebt oder unterm Mond der Dämmerung hervorschimmert wie ein Bergkristall, ist kein bloß Gemachtes, sondern ein Angehauchtes und Zugesprochenes.

Wer denn wäre mit einer solchen Kraft der Einbildung begabt, eine Orchidee, einen Schmetterling, ja auch nur einen Wurm zu erfinden, zu konstruieren, zu ertüfteln?

Was die Bibel mit Schöpfung meint, kann nicht nach dem Modell handwerklicher Erfindung und technischer Konstruktion verstanden werden, auch wenn ihre lebensweltliche Metaphorik wie die vom Töpfer es bisweilen nahelegen mag; die dichterische Inspiration kommt dem in der Genesis Gemeinten schon etwas näher, auch wenn der Dichter aus der Fülle der Überlieferung zu schöpfen berufen ist.

Als müsse man den Pfeil geschlossenen Auges abschießen, damit er ins Schwarze trifft.

 

Jul 1 22

Worte, schon verhallt

Der Mandelblüten helles Bild,
es mache dunkler unser Schweigen.
Nicht Trank, der uns entgegenquillt,
das ferne Rauschen sei uns eigen.

Die Worte, sie sind schon verhallt,
wie Früchte, die auf Blätter klopfen.
Der Strahl, der sich die Knospe ballt,
löst sich in Taues stumme Tropfen.

Der Duft, der uns den Schmerz geweckt,
im Nachtwind wird er dumpf verwehen.
Ein Schatten hat die Schrift verdeckt,
sie leuchtet, wenn wir seitwärts gehen.

Der Mund, der mir sein Ja gesagt,
wird sich wie eine Rose schließen.
Ich weiß, was mir den Kuß versagt,
seh ich den Tau der Wimper fließen.

 



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