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Mai 9 21

Feuer rinnt hinab

Sie singen leise vor sich hin,
um sich wieder gut zu werden.
Wer leiht ihnen Wort und Sinn,
wer die innigen Gebärden?

Die wie dünne Seide reißen,
feuchte Firnen auf den Matten.
Krokus, an dem Tropfen gleißen,
lüftet Morgenwind die Schatten.

Flocken auf des Dunkels Farnen,
weiches Schmelzen, zages Tändeln.
Zwitschern, Glanz von Zwillingsgarnen,
die leicht umeinander bändeln.

Feuer rinnt hinab zu Tale,
Seelen, auserkoren, fangen
es in blauer Knospe Schale,
gießenʼs aus den Scheuen, Bangen.

 

Mai 8 21

Die Taube äugt

Die Taube äugt im Morgengrauen
vom Dach nach Krümeln, kleinen Bissen.
Dann fliegt sie, mochte sich getrauen,
auf den Asphalt, sie aufzupicken.

Wer hat sie ihr wohl hingestreut?

Der Morgenstrahl verlockt den Dichter,
im Hang dem Ginster abzuschauen,
obʼs Blumenlippen sagen lichter,
dem Flieder, ob noch Verse blauen.

Wer hat die Liebe ihm erneut?

 

Mai 7 21

Durchs Knospendunkel

Durchs Knospendunkel wühlt der Strahl,
streift tastend tausend Perlen, feuchte,
von Wimpern um den blauen Gral,
daß wieder er von Wundern leuchte.

Ins Laub bläst Gold der Abendwind,
wo träumen hinter Schattengittern
die Sänger, die verzaubert sind
von Pan, und trunkne Flügel zittern.

Ins Fenster weht die Sommernacht
der alten Frau den Duft der Gärten,
sie sieht im Spiegel, scheu erwacht,
die Aura lang verblühter Zärten.

 

Mai 6 21

Die Träume kriechen unters Bett

Der Mond löscht seinen schwachen Span,
als hätte er die Erde satt.
Was hat der Teich ihm angetan,
der selbstlos ihn gespiegelt hat?

Der Wind schlüpft in ein Abflußrohr,
als wäre er des Schweifens müd.
Das Laub erstarrt. Warʼs nicht zuvor,
daß er sich fühle, aufgesprüht?

Der Blumenduft mischt sich mit Aas-
geruch, er ist das Locken leid.
Der Falter sinkt ins dürre Gras
und war zum Liebesmahl bereit.

Die Träume kriechen unters Bett
des Dichters, der nicht schlafen kann.
Die Leere macht der Glanz nicht wett,
der mit der kalten Träne rann.

 

Mai 5 21

John Donne, The Funeral

Whoever comes to shroud me, do not harm
Nor question much
That subtle wreath of hair, which crowns my arm;
The mystery, the sign, you must not touch,
For ’tis my outward soul,
Viceroy to that, which then to heaven being gone,
Will leave this to control
And keep these limbs, her provinces, from dissolution.

For if the sinewy thread my brain lets fall
Through every part
Can tie those parts, and make me one of all,
Those hairs which upward grew, and strength and art
Have from a better brain,
Can better do’it; except she meant that I
By this should know my pain,
As prisoners then are manacled, when they’are condemn’d to die.

Whate’er she meant by’it, bury it with me,
For since I am
Love’s martyr, it might breed idolatry,
If into other hands these relics came;
As ’twas humility
To afford to it all that a soul can do,
So, ’tis some bravery,
That since you would have none of me, I bury some of you.

 

Das Begräbnis

Wer immer einst das weiße Linnen um mich bindet,
tuʼs fraglos und nicht schnüre
den feinen Kranz auf, Haar, das meinen Arm umwindet,
geheimes Zeichen nicht berühre.
Ich wese noch in diesem Kranz,
dem Vizekönig mir, der zum Himmel schon gekehrt
ihm anheimgibt ganz
die Glieder, daß wie eignes Land sie bleiben unversehrt.

Wie Nervenstränge, die das Hirn
mir flicht durch alle Teile hin,
sie binden und mich halten wach wie fester Zwirn,
so können diese Haare, die freien Wuchses Kraft und Sinn
von einem bessern Hirn empfingen,
es besser leisten; oder sie war so gesinnt:
Schmerzen sollen mich erst recht bezwingen,
Gefangnen gleich in Fesseln, die zum Tod verurteilt sind.

Wie sieʼs auch meinte, Erde soll sie mit mir decken,
denn da ich ende
als Märtyrer der Liebe, könnten Götzenkult sie wecken,
gerieten die Reliquien in fremde Hände.
Wennʼs denn Ergebung war,
daß ich so alle Kraft der Seele gab,
wird eine kleine Kühnheit offenbar:
Nichts hast du von mir, ich nehm einen Teil von dir mit ins Grab.

 

Mai 4 21

Laßt uns die Abendstrahlen ehren

Laßt uns die Abendstrahlen ehren,
ins Wasser rieselt mattes Gold,
die Sommersonne war uns hold,
wie sollten wir den Schatten wehren.

Noch rinnt Gelispel Laubes Schwanken,
und schäumte Sang von Strömen groß,
bald sind wir grünen Wogens los,
wenn um das Kreuz sich Seelen ranken.

Laßt uns mit Dankestränen scheiden,
ins Wasser sinkt der volle Mond,
uns hat der Blumen Duft belohnt,
wie sollten wir die welken meiden.

Noch geht des Waldes Herzschlag leise,
und klopfte er der Sonne wild,
bald liegen wir von Tau gestillt,
sacht schließt sich goldnen Lichtes Schneise.

 

Mai 3 21

Was soll ich, Liebe, dir denn schenken

Was soll ich, Liebe, dir denn schenken,
ein sonnenwarmes Blatt der Linde
mag sich auf deine Stirne senken,
tropft Schlummer mit dem Harz der Rinde.

Es bleibt das Wünschen leer wie Bilder,
wo üppig Knospen duftlos blenden,
der Gabe Glanz sei matter, milder,
ein Schnee, der taut auf warmen Händen.

Was können wir uns Schöners geben
als Zweige auseinanderbreiten,
die Lichtung weisen süßem Leben,
zum Saum des Morgens es geleiten.

Wie Rosen über Zäune ranken,
ist liebenswürdig alles Gönnen,
mit hundertblättrigen Gedanken
magst selber dich beschenken können.

 

Mai 2 21

Wir warten, Herr, auf deinen Tag

Der Hort der Heimat liegt im Nebel,
die Seele beißt auf ihren Knebel.

Wir warten, Herr, auf deinen Tag,
auf deiner Taube Flügelschlag.

Vor bunten Kacheln baumeln Lämmer,
die Seele plätten heiße Hämmer.

Wir hoffen, Herr, auf deinen Blitz,
verblüffend selbst Titanenwitz.

Des Hoheliedes Lilien dorrten,
die Seele würgt an faulen Worten.

Wir harren, Herr, auf deinen Zorn,
fegt er die Spreu und liest das Korn.

Hier findet Grazie kein Wohnen,
die Seele mimen längst Dämonen.

Wir warten, Herr, auf deinen Tag,
auf deiner Taube Flügelschlag.

 

Mai 1 21

Was unsern Atem braucht

Ihr Weiheglocken, blauen Dämmers Mahnen,
wie Engel seid ihr uns verschollen,
versunken wie der Geist der Ahnen,
der einst im Maar emporgequollen.

Doch geht ein Angelus in Versen, reinen,
wenn helle Tropfen, weiche Reime,
die wie an Veilchenwangen niederweinen,
an Pulse rühren uns, geheime.

Ihr Ginsterfeuer in den Eifeltälern,
hat fahles Nachtmahr euch verschlungen,
welch Kummer könnte Lippen schmälern,
die grauem Schiefer Glut gesungen?

Doch manchmal weht aus alten Weisen,
als weckte Aschen auf ein Hauchen,
Gefunkel, Herzen, heiß zu preisen,
die um zu glühen unsern Atem brauchen.

 

Apr 30 21

Nur wer schweigt, vernimmt

Was sich aus stummer Erde speist,
des Blattwerks grüne Dauer,
hat sternenlose Nacht verwaist,
wie dunkeln Laubes Schauer.

Das grüne Leben wuchert hohl,
Traumadern, unerglühte,
bis es sich neigt vor dem Idol,
erzitternd weiße Blüte.

Das Leben, das sich selber schlingt,
im Kreis gebogne Schlange,
ist gnadenlosem Licht verdingt,
und vor sich selber bange.

Was sich dem Hauch der Rose neigt,
es stillt die Abendröte,
was sich verloren ist und schweigt,
vernimmt die Zauberflöte.

 

Apr 30 21

Weiße Knospe kreist allein

Weiße Knospe kreist allein
auf der Asphaltlache,
eingesprengt ein Glorienschein
in der grauen Sprache.

Lilienblasses Angesicht
auf gestärktem Linnen,
einer Träne kleines Licht
will ins Jenseits rinnen.

Dunklem Wasser hingestreut
Schnipsel weher Briefe,
daß die Schrift sich noch erneut
aus des Urleids Tiefe.

Kranker Puppe zugetan
schaukelt Kind die Wiege,
summt herbei sich Flaum vom Schwan,
daß sie weicher liege.

 

Apr 29 21

Robert Burns, My heart’s in the Highlands

My heart’s in the Highlands, my heart is not here,
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer;
Chasing the wild-deer, and following the roe,
My heart’s in the Highlands, wherever I go.

Farewell to the Highlands, farewell to the North,
The birth-place of Valour, the country of Worth;
Wherever I wander, wherever I rove,
The hills of the Highlands forever I’ll love.

Farewell to the mountains, high-cover’d with snow,
Farewell to the straths and green valleys below;
Farewell to the forests and wild-hanging woods,
Farewell to the torrents and loud-pouring floods.

My heart’s in the Highlands my heart is not here,
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer;
Chasing the wild-deer, and following the roe,
My heart’s in the Highlands, wherev’r I go.

 

Mein Herz ist in den Highlands

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz, es ist nicht hier,
mein Herz ist in den Highlands, es jagt das wilde Tier,
es jagt das wilde Tier, es folgt dem scheuen Reh,
mein Herz ist in den Highlands, wo immer ich auch geh.

Lebt wohl, ihr meine Highlands, mein Nordland, lebe wohl,
du Hort des Heldenmuts, des hohen Sinns Idol.
Wo ich auch wandern mag, wohin ich auch vertrieben,
die Hügel meiner Highlands, sie will ich immer lieben.

Lebt wohl, ihr Bergesgipfel, beglänzt von hohem Schnee,
ihr Täler, grüne Mulden, ich rufe euch ade,
lebt wohl, ihr Wälder und ihr schroffen Waldeshänge,
lebt wohl, ihr wilden Wasser und Wassers wilde Sänge.

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz, es ist nicht hier,
mein Herz ist in den Highlands, es jagt das wilde Tier,
es jagt das wilde Tier, es folgt dem scheuen Reh,
mein Herz ist in den Highlands, wo immer ich auch geh.

 

Vertonung Arvo Pärt:
https://www.youtube.com/watch?v=6UadEvSJMrQ

 

Apr 28 21

Jules Supervielle, Encore frissonnant

Encore frissonnant
Sous la peau des ténèbres
Tous les matins je dois
Recomposer un homme
Avec tout ce mélange
De mes jours précédents
Et le peu qui me reste
De mes jours à venir.
Me voici tout entier,
Je vais vers la fenêtre.
Lumière de ce jour,
Je viens du fond des temps,
Respecte avec douceur
Mes minutes obscures,
Épargne encore un peu
Ce que j’ai de nocturne,
D’étoilé en dedans
Et de prêt à mourir
Sous le soleil montant
Qui ne sait que grandir.

 

Noch fröstelnd
unter der Haut der Finsternis
muß ich jeden Morgen
einen Menschen neu erdichten
aus all dem Wirrwarr
meiner abgelebten Tage
und dem bißchen, was mir bleibt
von jenen, die noch kommen.
Erneut Gestalt geworden,
gehe ich zum Fenster,
zum Lichte dieses Tags,
und komm ich aus dem Zeitengrunde,
ehr ich voller Milde
meine dunklen Augenblicke,
spare mir ein wenig auf
von dem, was mir die Nacht
an Sternen lieh im Innern
und an Kredit fürs Sterben
unterm Anstieg einer Sonne,
die nur eins kennt: älter werden.

 

Apr 28 21

Wozu wieder aufgewacht

„Ist es Abend, ist es Nacht,
will nur rasch durchs Fenster sehen,
ob noch Menschenschatten gehen,
wozu bin ich aufgewacht.“

Wie steht voller Mond für sich allein,
doch dein Kummer sieht ihn nicht,
sprössen ihm in seinem fahlen Licht
Blüten milder als im Sonnenschein.

„Wurde wach ich, weil es tropft
in das hohle Messingbecken,
süßer wäre mein Erschrecken,
hätt wer an die Tür geklopft.“

Wie von siechem Warten taub
hörst du nicht den Regen rinnen,
Geister, die dein Herz umspinnen,
den Kokon aus wachem Staub.

„In der Flasche blinkt noch Wein,
Tränen, ihr könnt schöner funkeln,
mich zu retten vor dem Dunkeln,
wollest, Schlaf, du endlos sein.“

Schlafe nur, der Engel wacht,
magst des Morgens Knospe sehen,
ihre Schauer fühlen und verstehen,
wozu du wieder aufgewacht.

 

Apr 27 21

Das warme Blut

Die scheue Maus, sie duckt sich unters Laub.
Daß nur nichts raschelt, nur nichts bauscht.
Doch eine schwarze Beere lag im Staub.
Wie sie sich wiegt, als wäre sie berauscht.

Ins Dornendickicht ist der rote Ball gerollt.
Die weiche Hand, sie zuckt zurück, belehrt.
Wie sich der Knabe unbekümmert trollt.
Das warme Blut, es blieb ihm unversehrt.

Die Greisin sitzt am offnen Fenster lang,
das weiße Haar gelöst im Abendwind.
Aus dunklem Blattwerk kommt Gesang,
weil kleine Sänger ihre Schwestern sind.

 

Apr 26 21

Heimkehr im Winter

Der blaue Blick kommt wieder mir entgegen
des Knaben, der statt meiner einst gespielt
und singend schritt und tänzelte im Regen,
beglückt, wenn herrisch Wind im Haar gewühlt.

Ist nicht der Glanz der Iris milchig eingetrübt
vom Gang durchs Dickicht wirrer Zeichen?
O, hätte ich den Knaben mehr geliebt,
wär’s ihm gelungen, ganz mir zu entweichen.

War nicht das Kreuz des Südens ihm bestimmt
und der Lagune Schein im Blütenfeuer?
O, hätte ich den Scheuen, daß er schwimmt,
hinabgestoßen in den Strom der Abenteuer.

Nun kam in meinen Winter er zurück,
nur kleine Flammen hab ich, ihn zu hegen,
doch manchmal singt er noch mit trübem Blick,
was er gesungen hatte einst im Regen.

 

Apr 25 21

Manchmal sprüht die Flosse

Vergeßnes fällt aus alten Briefen,
vertrocknet blaß ein Blütenblatt,
ein Knittertüll von zarten Riefen,
die einst ein Aug gewässert hat.

Ward auch die Träne Dunst im Grabe,
dem Glanz des Blicks, vom Wurm verdaut,
hat einmal Sommers Wundergabe,
die Akelei am Weg geblaut.

Wir gehen taub am Trost vorüber,
den krankem Kind die Puppe spricht,
das graue Rauschen ist uns lieber
als helles Wort, ein Dorn, der sticht.

Doch manchmal sprühet uns die Flosse
im Marmorbecken eines Traums,
es weckt uns manchmal ein Genosse,
der Troubadour im Laub des Baums.

 

Apr 24 21

Die Lektion des Kindes

Eine Antwort auf die Krähe von Ted Hughes

Die Trübsinn-Nebel, öder Träume Dunst,
die uns die nahe Sicht, den Sinn, benehmen,
des Moorlands feuchte Schleier lichtet Kunst,
die Sonne scheucht die trügerischen Schemen.

Wenn wilde Krähe nicht von Liebe spricht
und weiße Haie in die Tiefe biegen,
gebricht’s dem Schöpferworte nicht an Licht,
um unsern Unflat schwirren ja die Fliegen.

Reißt uns des Dämons Wut vom Wunder los,
und sehen wir im Blütenblatt nur Wunde,
die Rose bebt, ein unbewußter Schoß,
ihr Duft erleichtert Kranken manche Stunde.

Entgeistert Mann und Weib ein Schattenreich,
wenn sie sich Haut und blinder Stachel sind,
der blaue Blick des Sommers macht sie weich,
die Frucht am Zweig, der überhängt, das Kind.

Das Kind spricht Liebe, ihm galt die Lektion,
und sei es nur zerzauste Puppe, die es küsst,
zu denken, daß sein Lächeln blind, ist Hohn,
die Liebe sieht es schön, was Rohen häßlich ist.

 

Apr 23 21

Ted Hughes, Crow’s First Lesson

God tried to teach Crow how to talk.
‘Love,’ said God. ‘Say, Love.’
Crow gaped, and the white shark crashed into the sea
And went rolling downwards, discovering its own depth.

‘No, no,’ said God. ‘Say Love. Now try it. LOVE.’
Crow gaped, and a bluefly, a tsetse, a mosquito
Zoomed out and down
To their sundry flesh-pots.

‘A final try,’ said God. ‘Now, LOVE.’
Crow convulsed, gaped, retched and
Man’s bodiless prodigious head
Bulbed out onto the earth, with swivelling eyes,
Jabbering protest–

And Crow retched again, before God could stop him.
And woman’s vulva dropped over man’s neck and tightened.
The two struggled together on the grass.
God struggled to part them, cursed, wept–

Crow flew guiltily off.

 

Krähes erste Lektion

Gott wollte Krähe beibringen zu sprechen.
„Liebe“, sprach Gott, „sag: Liebe.“
Krähe starrte, und der weiße Hai krachte in das Meer
und rollte weiter abwärts, seine eigene Tiefe zu finden.

„Nein, nein“, sprach Gott. „Sag: Liebe. Versuch es jetzt: LIEBE.“
Krähe starrte, und eine Schmeiß-, eine Tsetse-Fliege, ein Moskito,
schwirrten hervor und abwärts
zu ihren diversen Fleischtöpfen.

„Letzter Versuch“, sprach Gott, „jetzt: LIEBE.“
Krähe schüttelte sich, starrte, würgte und
des Mannes körperloses Monster-Haupt
kollerte auf die Erde, mit verdrehten Augen,
Einspruch brabbelnd –

Und wieder würgte Krähe, bevor Gott sie daran hindern konnte.
Und des Weibes Vulva fiel auf des Mannes Nacken und zog sich zusammen.
Die beiden rangen miteinander im Gras.
Gott rang darum, sie zu trennen, fluchte, weinte –

Krähe flog schuldbewußt davon.

 

Apr 22 21

Jean Moréas, Je songe à ce village

Je songe à ce village assis au bord des bois,
Aux bois silencieux que novembre dépouille,
Aux studieuses nuits, — et près du feu je vois
Une vieille accroupie et filant sa quenouille.
Toi que j’ai rencontrée à tous les carrefours
Où tu guidais mes pas, mélancolique et tendre,
Lune, je te verrai te mirant dans le cours
D’une belle rivière et qui commence à prendre.

 

Ich denk an jenes Dorf, am Saum des Walds entrückt,
am stillen Wald, ihm raubt das Laub Novemberwind,
wo hohen Sinns die Nacht, da seh ich sie gebückt,
die Alte, überm Feuer, wie sie den Faden spinnt.

Dich, die ich an jedem Wegkreuz wiedertraf,
wo du mir nachgeblickt, schwermutsvoll und zart,
Mond, ich seh dich wieder, wie du dich beugst herab
auf schönen Baches Spiegel, der schon im Frost erstarrt.

 

Apr 21 21

Thomas Hardy, Afterwards

When the Present has latched its postern behind my tremulous stay,
And the May month flaps its glad green leaves like wings,
Delicate-filmed as new-spun silk, will the neighbours say,
“He was a man who used to notice such things”?

If it be in the dusk when, like an eyelid’s soundless blink,
The dewfall-hawk comes crossing the shades to alight
Upon the wind-warped upland thorn, a gazer may think,
“To him this must have been a familiar sight.”

If I pass during some nocturnal blackness, mothy and warm,
When the hedgehog travels furtively over the lawn,
One may say, “He strove that such innocent creatures should come to no harm,
But he could do little for them; and now he is gone.”

If, when hearing that I have been stilled at last, they stand at the door,
Watching the full-starred heavens that winter sees,
Will this thought rise on those who will meet my face no more,
“He was one who had an eye for such mysteries”?

And will any say when my bell of quittance is heard in the gloom,
And a crossing breeze cuts a pause in its outrollings,
Till they rise again, as they were a new bell’s boom,
“He hears it not now, but used to notice such things?”

 

Hernach

Verriegelte die Gegenwart die Türe hinter meinen bangen Tagen,
und wirbelt Mai die grüne Freude, Blatt um Blatt, gleich Schwingen,
wie frisch gesponnen filigrane Seidenkringel, wird mancher Nachbar fragen:
„War er ein Mann, der gern den Sinn umhüllt mit solchen Dingen?“

Stürzte durch die Dämmerung geräuschlos, wie sich Lider senken,
des Abendtaues Falke, bög die Schatten kreuzend ein
auf Hochlands windgekrümmten Dorn, mag werʼs sieht sich denken:
„Ihm muß dieser Anblick wohlvertraut gewesen sein.“

Wandelte ich durch Nacht, die von Faltern schwarz und warm,
und huschte durch das Gras der Igel voller Bangen,
mag einer sagen: „Ihm lag daran, solch unschuldigen Kreaturen geschehe kein Harm,
doch er konnte wenig für sie tun und nun ist er gegangen.“

Stünden auf der Schwelle, die hörten, daß ich im Frieden schied dahin,
und schauten auf zum voll besternten Himmel einer Winternacht,
käm ihnen, die nimmer sehn mein Angesicht, wohl in den Sinn:
„Für solche Mysterien war sein Auge wie gemacht“?

Wird einer, tönt im Finstern meine Sterbeglocke, sagen,
da ein Windhauch einbricht in ihr langsames Verklingen,
bis es wieder schwillt, als würde neue Glocke angeschlagen:
„Er hörtʼs nicht mehr, doch offen war sein Sinnen solchen Dingen“?

 

Apr 20 21

Das glückliche Osterhäschen

Ostersonntag in der Frühe,
Rauhreif funkelt auf dem Grase,
nach dem Melker muhen Kühe,
spricht zum Jüngsten Mutter Hase:

„Häschen, gutes Häschen mein,
trag den Korb mit bunten Eiern
zu den lieben Kinderlein,
denn sie wollen Ostern feiern.
Bist du auch noch zart und klein,
deine Löffel wedeln lang,
laß von keinem Schrat dich schrecken,
mache dich kein Unhold bang.
Magst die Eier listig stecken
zwischen Halme, Osterglocken,
Kinder sollen sie entdecken,
werden lachen und frohlocken,
weil mein bester Hasenmatz
brachte diesen bunten Schatz.“

Häschen hoppelt, Häschen eilt,
mit dem Korb auf seinem Rücken,
trägt ihn treulich unverweilt,
doch die Schulterriemen drücken.
Siehtʼs von Moosen sanft umfaßt
eine Mulde voller Veilchen,
wirft es ab die schwere Last,
hier zu dösen – nur ein Weilchen.

Doch kaum ist es eingenickt,
kommt ein Zwitschern aus den Blättern,
und das Häselchen erschrickt,
denn die Lerche hört es schmettern:

„Häschen, gutes Häschen mein,
trag den Korb mit bunten Eiern
zu den lieben Kinderlein.
denn sie wollen Ostern feiern!“

Häschen hoppelt, Häschen düst,
ist von frischem Mut beseelet,
doch im Wald, o weh, begrüßt
es ein Schrat, sein Auge schwelet.
Bis zum Knie wallt seine Mähne,
einen Pflock umkrallt die Faust,
spricht der Unhold, fletscht die Zähne,
daß es unserm Häschen graust:

„Hier verlischt das Licht der Freude,
meiner Seele rauhe Haut
kennt nur Stacheln, kennt nur Räude,
hast die Eier wohl geklaut,
gib sie mir, will sie zerschlagen,
pfeife meine Füchse her,
sollen dich zum Teufel jagen.“

Mut hat da kein Häschen mehr,
doch sie kommt gar wundersam,
Rettung kommt aus grünem Laube,
wird sogar der Wilde zahm,
spricht herab die Turteltaube:

„Meinem Hasen sollst du lassen
Liebes- und nicht Diebesgut,
sonst wird alle Welt dich hassen,
selbst des Unholds wilde Brut.“

Läßt der Schrat den Stecken fallen,
seht, wie unser Häschen springt,
Häschen, glücklichstes von allen,
das den Kindern Freude bringt.

Kommt es heim, sinkt müd ins Bettchen,
froh getaner Hasenpflicht,
reicht die Mutter Kräuterblättchen.
Die Geschwister lauschen fein,
Ohr an Ohr geneigt im Kreise,
was erzählt das Brüderlein
von der ersten Osterreise.
Nein, vom Unhold spricht es nicht,
nur von einer Lerche Singen,
nur von einer Turteltaube,
Taube mit den holden Schwingen,
die gegurrt aus grünem Laube.

 

Apr 20 21

Nereide

Ein grüner Schatten, Nereide,
wenn Blütenkronen leiser gleiten,
als ob ihr feuchter Blick uns miede,
fällt es wie Schnee auf graue Weiten.

Das dunkle Rauschen ist geflohen
in eine harte Muschelschale,
die Geisterflammen, die fern lohen,
erstickt ein Schrei mit einemmale.

Sie sinkt in Krämpfen einer Qualle,
als stürze sie zur Schwester nieder,
zum hohen Purpur der Koralle,
der Blütenschaum kehrt heller wieder.

Uns quält ein Schweigen wie am Grabe,
kein Trösten schenkt die Lilienreine,
des kühlen Mondes Totengabe,
doch Tränen hat Poseidon keine.

 

Apr 19 21

Der Heimat ferne

Gehen wir auf weichen Moosen
unter Mondes banger Leuchte,
rote Tropfen dort sind Rosen,
Veilchen deine Augen, feuchte.

Tauchen wir die spröden Hände,
Wellen, die sie sanft umfangen,
weiße Tupfen dort sind Schwäne,
Schnee, der dämmert, deine Wangen.

Liegen wir, der Heimat ferne,
Herz an Herz auf Grases Strähnen,
stumme Funken dort sind Sterne,
alles sagen deine Tränen.

 

Apr 19 21

Wenn die Rosen fahlen

Laß, Weide, deine Silbersträhnen fließen,
und mildern Schatten stumme Glut des Lebens,
will ich der Bilder müd die Augen schließen.

Schenk, Wasser, sanftes Rauschen nicht vergebens,
an Blüten, die im trüben Monde schwanken,
will letztes Glück ich fühlen, Huld des Schwebens.

Hüll, Abend, mich in deine Rosenranken,
rinnt auch ihr Blut in dunkle Opferschalen,
sie sind die Gaben, hoher Nacht zu danken.

O Schlummer finden, wenn die Rosen fahlen.

 

Apr 18 21

Chor der Dinge

Saft der Beere, goldenes Licht des Honigs,
Traubendunkel, ihr auch, scharfe Bisse der Zitrone,
holde Boten unsichtbarer Erde,
daß ein frommer Sinn noch in uns wohne.

Sirren einer Mücke, Zwitschern, Blöken, Rauschen,
Tosen, stehst du auf basaltener Brücke,
die auf Farn und Blättern trommeln, Hagelschlägel,
Chor der Dinge reiße dir das Herz in Stücke.

Weiße Spitzen, die der Frost zur Nacht geklöppelt,
transparente Vliese auf bemoosten Steinen,
die im Schlafe zucken unter starrem Spiegel, Flossen,
atme, glühe, bis ans Licht sich Anemonen weinen.

Pflaumen, Kirschen, Aprikosen, mütterlich hat Regen
blank gewaschen Früchte, so dem hohen Sommer glücken,
aber die wie Mondes geisterhafte Blüte schweben,
Liedes scheue Knospen wollen wir im Herbst des Lebens pflücken.

 

Apr 17 21

Blind für das Wunder

Erinnerungen an Gemälde von Monet,
Watteau, Mantegna, Poussin und Chardin

Den Flügel hat geformt der Wind,
Gesang schwebt über weichen Wellen.
Wir torkeln für die Wunder blind
und hören nur die Narrenschellen.

Die kleinen Blüten leuchten groß,
Monet sah sie im Dunkel scheinen.
Wir sagten uns vom Wunder los,
von Tränen, die um Schönes weinen.

Der weiße Knabe von Watteau,
im heitern Himmelslicht verloren,
wir werden seines Blicks nicht froh,
der sanfte Herzen sich erkoren.

Der harte Leib des toten Herrn,
Mantegna sah den Krampf der Hände,
uns Lauen rückt das Wundmal fern,
das blutige Linnen um die Lende.

Den Himmel malte Poussin grell
vom Blitz, den Schrei des Unglücks finster.
Wird uns die Liebe einmal hell,
sind Lippen es von fahlem Ginster.

Dem Silberkelch gab matten Glanz
Chardin, dem Pfirsich Purpurschimmer.
Wer macht den Kelch uns wieder ganz,
sind Scherben wir, verblaßt für immer?

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=monet+seerosen&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwj21Z33iYbwAhWkgP0HHeCcCNQQ_AUoAXoECAEQAw&biw=980&bih=519

https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_(Gem%C3%A4lde)

https://de.wikipedia.org/wiki/Beweinung_Christi_(Mantegna)

https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/gewitterlandschaft-mit-pyramus-und-thisbe

https://www.meisterdrucke.com/kunstdrucke/Jean-Baptiste-Simeon-Chardin/694795/Stillleben-mit-Pfirsichen,-einem-Silberkelch,-Trauben-und-Waln%C3%BCssen.html

 

Apr 17 21

Die kranke Seele

Ins Dunkel schimmert heim der Bach,
dort harrt des Wilds die Futterkrippe,
ein Hunger hält die Seele wach,
o nährte sie die Blumenlippe.

Es lädt der Abendstern zum Fest,
was Atem hat, in Waldes Kühle,
kein Flaum blieb in der Seele Nest,
o daß sie Hauches Wiegen fühle.

Wellt sich der dunkelblaue Saum,
wenn Engel an die Glocken klopfen,
die kranke Seele hört es kaum,
o Tränen, Milde ihr zu tropfen.

Den dunklen Schlaf des Walds erhellt
das trunkne Lied der Nachtigallen,
was hat die Seele so entstellt,
o schenke, Mond, ihr noch ein Lallen.

 

Apr 16 21

Wird eine Sonne dort auch scheinen

Wird eine Sonne dort auch scheinen,
an Wasser weich ein Pfad sich schmiegen,
Schneeglöckchen lächeln, Veilchen weinen,
wo du und ich im Grase liegen?

Doch müssen wir als Schatten leben
im Uferschilf an trübem Flusse,
laß uns wie Dunkelfalter schweben,
die um sich taumeln wie im Kusse.

Wird dort ein Hündchen munter hüpfen,
den Ball mir legen vor die Füße,
ein Kätzchen auf den Schoß dir schlüpfen,
sein sanftes Fell dir schmeicheln, Süße?

Doch duldet kein Bellen, kein Miauen
das stille Reich der Lilien, der Rosen,
mag man uns Engel anvertrauen,
zwei kleine, die mit uns scherzen, kosen.

 

Apr 15 21

Jean Moréas, Mélancolique mer que je ne connais pas

Mélancolique mer que je ne connais pas,
Tu vas m’envelopper dans ta brume légère ;
Sur ton sable mouillé je marquerai mes pas,
Et j’oublierai soudain et la ville et la terre.

O mer, ô tristes flots, saurez-vous, dans vos bruits,
Qui viendront expirer sur les sables sauvages,
Bercer jusqu’à la mort mon cœur, et ses ennuis
Qui ne se plaisent plus qu’aux beautés des naufrages ?

 

Meer du voller Schwermut, ich kenne dich ja nicht

Meer du voller Schwermut, ich kenne dich ja nicht,
doch hüllest du mich ein in deine Nebelfahnen.
Auf deinen weichen Sand setz ich die Schritte dicht,
und ich vergesse bald die Stadt, der Erde Bahnen.

O Meer, o Trauerfluten, könnt ihr mit euren Sängen,
die sich so rasch verhauchen über kahler Küste,
mein Herz zu Tode wiegen und seine kranken Lüste,
die nur Gefallen finden an schönen Untergängen?

 

Apr 15 21

Jean Moréas, Adieu, la vapeur siffle

Adieu, la vapeur siffle, on active le feu ;
Dans la nuit le train passe
ou c’est l’ancre qu’on lève ;
Qu’importe ! on vient, on part ;
le flot soupire : adieu !
Qu’il arrive du large ou qu’il quitte la grève.

Les roses vont éclore, et nous les cueillerons ;
Les feuilles du jardin vont tomber une à une.
Adieu ! quand nous naissons,
adieu ! quand nous mourons
Et comme le bonheur s’envole l’infortune.

 

Leb wohl, der Dampfer pfeift

Leb wohl, der Dampfer pfeift, man schippt, der Kessel ist noch hohl.
Der Zug rast durch die Nacht.
Man zieht die Ankerkette, Stück für Stück.
Wer fragt danach! Man kommt, man geht.
Der Flut seufzt auf: Leb wohl!
Kommt sie vom hohen Meer, rinnt sie vom Strand zurück.

Die Rosen brechen auf, wir pflücken sie bald ab.
Blatt für Blatt wird man im Garten fallen sehen.
Leb wohl! So kommen wir zur Welt.
Leb wohl! So sinken wir ins Grab.
Das Glück, das Unglück, sie verwehen.

 

Apr 15 21

Ein Hund die Seele

Du hörtest noch die Wasser singen,
der Blume Ohr am weichen Moos,
eratmetest den Hauch von Dingen,
gesproßt aus gnadendunklem Schoß.

Nun sind die hohen Stimmen stumm,
am Waldsaum knirschen Eisenzähne,
das Leben schleicht am Ufer krumm,
im Grauen schmolz der Schnee der Schwäne.

Du wußtest noch vom Trost der Trauer,
im Duft des Abends wurde mild
der Strahl des Tags und grüne Schauer
umkränzten dir das Gnadenbild.

Nun sind die Bilder dir entstellt
von Hohnes Speichel, Ruß der Öfen,
ein Hund die Seele, der nachts bellt
in asphaltierten Hinterhöfen.

 

Apr 15 21

Grau weht der Staub

So dämmert uns das Wesenlose,
und was noch schimmert in der Nacht,
ist stummes Sinken einer Rose,
die Liebe, da sie schied, gebracht.

Am Dorn verklebter Distelsamen,
ein Mond, der Totenlinnen webt,
verlor Erinnern Duft der Namen,
des Lichtes Blüte, taubelebt.

Es hoben wohl die warmen Strahlen
uns in ein lächelndes Gesicht,
doch müssen seine Wangen fahlen,
der Hauch des Veilchens färbt sie nicht.

Vertrocknet liegt der Quell der Lieder,
uns streift ein unbeseeltes Laub,
ein banger Flaum fällt vor uns nieder,
der früh geglänzt, grau weht der Staub.

 

Apr 14 21

Paul Verlaine, Écoutez la chanson bien douce

Écoutez la chanson bien douce
Qui ne pleure que pour vous plaire,
Elle est discrète, elle est légère :
Un frisson d’eau sur de la mousse !

La voix vous fut connue (et chère !),
Mais à présent elle est voilée
Comme une veuve désolée,
Pourtant comme elle encore fière,

Et dans les longs plis de son voile
Qui palpite aux brises d’automne,
Cache et montre au cœur qui s’étonne
La vérité comme une étoile.

Elle dit, la voix reconnue.
Que la bonté c’est notre vie.
Que de la haine et de l’envie
Rien ne reste, la mort venue.

Elle parle aussi de la gloire
D’être simple sans plus attendre,
Et de noces d’or et du tendre
Bonheur d’une paix sans victoire.

Accueillez la voix qui persiste
Dans son naïf épithalame.
Allez, rien n’est meilleur à l’âme
Que de faire une âme moins triste !

Elle est en peine et de passage
L’âme qui souffre sans colère.
Et comme sa morale est claire !…
Écoutez la chanson bien sage.

 

Vernehmt das Lied, das süße

Vernehmt das Lied, das süße,
das nur weint, um zu erfreuen,
mit Winken naht es, zärtlich-scheuen,
als ob im Schauer Schaum zerfließe.

Ihr kennt die Stimme, die so teuer,
ist sie euch jetzt auch wie verhüllt,
wie eine Witwe, gramerfüllt,
nährt sie wie diese kühnes Feuer,

in ihres Schleiers feinen Spitzen,
wie sie im Hauch des Herbstes wallen,
birgt sie den Stern der Wahrheit allen,
die staunend sehn hervor ihn blitzen.

Die wohlbekannte Stimme spricht:
Die Güte ist das Brot des Lebens,
Haß und Lust sucht es vergebens,
sie fliehen, tritt der Tod ins Licht.

Sie spricht auch von der großen Ehre,
schlicht zu leben, ohne Ungeduld,
von goldner Hochzeit, sanfter Huld
aus Frieden, glorreich ohne Heere.

Hört die Stimme, was sie schildert
im naiven Hochzeitsliede:
Der Seele wird der wahre Friede,
die einer Seele Trauer mildert.

Es übersteht die dunkle Reise
die Seele, leidend ohne Zorn.
Ihr Tugendsinn ist Lichtes Born.
Vernehmt das Lied, das weise.

 

Apr 13 21

Le parfum de la melancholie

Le cierge vacille à la haute image,
brûlant comme de la nostalgie,
s’il sʼéteignait à nous l’avantage
d’adorer l’obscurité qui brille.

Par des tendres tiges scintille la mer,
où s’enfoncèrent autant de soleils,
autant de songes elle fut messagière,
méduses mutiques, hymnes demi-sommeil.

Au calice de rose la rosée trépide
de ruisseler sur le sein mou de la terre,
le souffle du matin est encore tépide,
le cœur veut enflammer lʼéther.

Le boeuf arrache dans l’ombrage vert,
sa corne comme de la lune courbée,
avec des fleurs volants s’amuse l’air,
le parfum de la melancholie se fut dissipée.

 

Apr 13 21

Duft der Wehmut

Die Kerze flackert hohem Bild,
als würde Heimweh sie verzehren,
löscht sie auch aus, wir sind gewillt,
den Glanz im Dunkel zu verehren.

Durch zarte Halme glänzt das Meer,
so viele Sonnen sind versunken
so viele Träume trug es her,
Medusen stumm und Hymnen trunken.

Am Kelch der Rose zittert Tau,
in weicher Erde Schoß zu münden,
der Hauch der Frühe ist noch lau,
der Mittag wird das Herz entzünden.

Im grünen Schatten grast das Rind,
sein Horn ist wie der Mond gebogen,
in losen Blüten tändelt Wind,
der Duft der Wehmut ist verflogen.

 

Apr 13 21

Das weiße Hündchen

Der kleine weiße Hund, er geht
so still an seinem Silberband,
auf seiner Stirn ein dunkles Mal,
all meine Liebe ist verweht,
ich schau nur zu vom Straßenrand.

Und als des Mädchens Blick mich traf,
o Sterne, wie so bald verglüht,
hob ich ihm auf den bunten Schal,
ich sehne mich nach Mohn und Schlaf,
nach Schlaf im Mohn, der sterbend blüht.

Und denk der Trauben ich am Rhein,
der Möwe, die sein Blauen wiegt,
scheint mir das Leben grau und kahl,
das Leben ohne Freund und Wein,
wo trüber Quell den Durst betrügt.

Das weiße Hündchen kommt zurück,
o kleines Leben, schon vergnügt,
im Gras zu schnüffeln, das so fahl,
wie tauscht ich gerne ein dein Glück,
mein Herz mit deinem, das nicht lügt.

 

Apr 12 21

Dunklen Knechtes Flehen

Ihr Wunderstimmen ferner Chöre,
die wie aus blauem Abgrund dringen,
daß sie des Tages Schmach bezwingen,
ich sie in Truges Lärm noch höre.

Ihr Veilchen weich, behaucht vom Taue,
die auf den fernen Gräbern weinen,
daß sie mir sanfte Augen scheinen,
die ich im Abenddämmer schaue.

O Weihkelch auf brokatner Decke,
von Hymnen lilienweiß umzweiget,
daß er dem dunklen Knecht sich neiget,
ich Tropfen goldnen Lichtes schmecke.

 

Apr 11 21

Über begriffliche Unterschiede

Bemerkungen zur Sprachphilosophie
Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Auf einem Bein kann man nicht stehen.

Ein Punkt oder Fleck auf der weißen Seite ergibt noch kein Zeichen, während wir zwei beliebig positionierte Punkte bereits in mehrfachem Sinne lesen können: als zwei Endpunkte einer imaginären Strecke, als zwei Punkte auf der durch sie führenden unendlichen Linie, die in einer Euklidischen Ebene zugleich durch die beiden Punkte definiert wird; als zwei durch die Leere auf immer voneinander getrennte Orte oder Seelen oder als Andeutung eines Augenpaares.

Das Zählen beginnt mit der Zwei, daher sollte man sie nicht als die Summe zweier Einheiten auffassen.

„Links“, „rechts“, „oben“, „unten“, „vorne“, „hinten“ können nicht als Solitäre existieren.

„Ja“ kann man verneinen; nicht so „links“ oder „rechts“, nicht links kann ja nicht nur rechts, sondern oben oder unten meinen.

So unterscheiden wir komplementäre Begriffe wie rechts und links, oben und unten, Mann und Frau und konträre Begriffe wie rot und grün oder schwarz und weiß von gegensätzlichen oder kontradiktorischen wie ja und nein, Licht und Finsternis, sehen und blind sein.

Im Unterschied zu einem einsamen Punkt oder Fleck auf dem weißen Blatt impliziert ein einzelner horizontaler Strich unterschiedliche Bedeutungen: Er kann eine Grenze zwischen hier und dort, diesseits und jenseits, unten und oben oder die Horizontlinie zwischen Erde und Himmel oder Meer und Himmel suggerieren.

Entscheidend ist, daß wir es sind und niemand sonst, der sagen kann: „ja“ und „nein“, „links“ und „rechts“, „rot“ und „grün“, „Mann“ und „Frau“.

Wer sind wir? Du oder ich? Nein, du und ich; mindestens zwei.

Kein Zeichen ohne den Unterschied zu (mindestens einem) anderen Zeichen. Um den Übergang zu regeln, brauchen wir das rote Licht, das Halt gebietet, und das grüne, das den Weg freimacht.

Daß wir die Kontrastfarben Rot und Grün einsetzen, um Gefahr und Sicherheit zu signalisieren, geht auf natürliche Assoziationen oder Ähnlichkeitsrelationen zurück; doch werden wir dieses naturalen Hintergrundes der Zeichen im täglichen Verkehr kaum noch gewahr. Insofern er verblaßt ist oder nur noch als Rudiment mitschwingt, können wir von den Farbwerten als konventionellen Zeichen sprechen.

Stiege uns nur der liebliche Duft der Rose in die Nase und ermangelten wir der Witterung für das Faule, Verdorbene, wir könnten auch den Rosenduft nicht als lieblich wahrnehmen. Verfügten wir nur über eine Geschmacksnote, nur süß, nicht aber sauer, bitter oder fade, könnten wir kein schmackhaftes Gericht zubereiten. Könnten wir den Gefühlsunterschied von rauh und weich nicht ertasten, könnten wir weder, was rauh, noch was weich ist, erfassen. Mit nur einem Farbwert können wir kein Landschaftsbild malen. Mit Grau ließe sich wohl malen, doch nur mit einer differenzierten Skala von Grautönen. Hätten wir keinen Sinn für den Unterschied zwischen laut und leise, allegro und andante, könnten wir weder, was laut klingt, hören noch was leise, weder wie schnell die Töne aufeinanderfolgen noch ob sie gemächlich dahingleiten.

Wir bedürfen zur Positionierung, Identifikation und Benennung von olfaktorischen, gustatorischen, taktilen, auditiven und visuellen Wahrnehmungsmerkmalen spezifischer Skalen und Muster, auf denen wir sie mehr oder weniger kontinuierlich abtragen oder einschreiben. Diese Skalen und Muster verkörpern wie die Skala der Geruchs-, Geschmacks-, Tast-, Farb- und Klangwerte die Möglichkeiten unseres differenzierten und nuancierten Riechens, Schmeckens, Tastens, Sehens und Hörens, die unsere natürlich bedingte und kulturell stilisierte Lebensform ausmachen.

Die Pflanze reckt ihre Blüte ins Licht, ihr Wachstum hat, was man Tropismus nennt, einen natürlichen Richtungssinn. Könnte sie auf unsere Frage, warum sie sich so verhalte, antworten, würde sie sagen: „Ich wachse lieber nach oben, denn meine Bestimmung ist es, mit der Energie des Lichtes Blüten zu treiben und Bestäuber anzulocken, mit deren Hilfe aus mir Einzelwesen eine Vielzahl von Nachkommen entstehen.“ Ist, was wir dem Verhalten und dem imaginären Selbstzeugnis der Pflanze entnehmen können, eine Form subjektiven Daseins? Nun, in gewisser, mehr als nur metaphorischer Weise.

Wir könnten nicht von uns sprechen, wäre es uns versagt, von anderen zu reden; wir könnten nicht von anderen reden, wäre es uns versagt, von uns selbst und im eigenen Namen zu sprechen.

Das grammatische Muster, das uns Struktur und Gliederung der Personalpronomina vor Augen führt, ist das sprachliche Analogon der natürlichen und kulturell überformten Skalen, die wir bei der sinnlichen Organisation unserer sensorischen Empfindungen vorfinden, formen und verfeinern.

Die Struktur und Gliederung der Personalpronomina verkörpern die uns gegebenen Möglichkeiten personaler Ansprache; sie sind die Inkarnation unserer sprachlich stilisierten Lebensform als Personen.

Wir machen einen wesentlichen begrifflichen Unterschied, wenn wir sagen, daß wir traurig sind, und wenn wir sagen, daß unser Gesprächspartner mißmutig dreinblickt; desgleichen unser Gesprächspartner, wenn er sagt, daß ihn unsere Bemerkung erstaunt, und wenn er anmerkt, daß wir über seine Bemerkung verdutzt sind.

Die Tatsache, daß wir unterschiedliche Gefühlswerte anhand unserer bewährten Skalen und Muster sensorischer Wahrnehmung benennen, weist uns auf den Ursprung des metaphorischen Sprachgebrauchs; so sprechen wir vom bitteren Nachgeschmack einer unglücklichen Liebesbegegnung, von den schweren Bürde, die uns die Entfremdung der eigenen Kinder auferlegt, oder der großen Erleichterung, die uns durch ein versöhnliches Wort widerfuhr.

Die Engländer siezen sich, auch wenn alle Welt meint, daß sie sich duzen; wir lassen uns aber dadurch täuschen, daß der Sinn höflicher Ansprache, der im englischen „you“ enthalten ist, allmählich und in dem Grade verblaßte, wie das eigentliche englische Du, das Wort „thou“, das wie unser Du nachbarliche und intime Nähe zum Ausdruck bringt, seit den Zeiten Shakespeares nach und nach außer Gebrauch gekommen ist.

Soziale Distanzen und Rangunterschiede lassen sich mit den situativ angewandten Pronomina „Sie“ und „du“ (und dermaleinst auch durch das Pronomen „er“, mit dem der Herr den Knecht ansprach) markieren. Deshalb ist der Gebrauch des höflichen Sie bei stillosen Barbaren und egalitären Hassern von Rangunterschieden verpönt.

Wir können ein grafisches Zeichen, beispielsweise das Verkehrsschild, das vor Erdrutsch warnt, in Pixel zerlegen und diese wiederum in den digitalen Code umformen; doch können wir eine solche in ihrer Anmutung verwirrend mannigfaltige tabellarische Anordnung von Nullen und Einsen nicht als grafisches Zeichen und intuitiv, das heißt auf den ersten Blick, als Warnhinweis lesen und verstehen, ohne die Code-Zahlen wiederum mittels geregelter Transformation in Pixel und ein sinnhaltiges Bild verwandelt zu haben.

Daher handelt es sich bei der Annahme, die in den binären Computercode als Reihen von Nullen und Einsen transformierten sprachlichen Zeichen seien ihrerseits echte Sprachzeichen, um einen Fehlschluß: Sie sind keine echten, sondern nur virtuelle sprachliche Zeichen, die der Umformung bedürfen, um von uns gelesen zu werden.

Wenn wir etwas wahrnehmen oder lesen, etwas zeichnen oder aufzeichnen, dann registrieren oder setzen, rezipieren oder positionieren wir begriffliche Unterschiede, Unterschiede hinsichtlich der korrekt an die Phänomene gehaltenen Skalen von sensorischen Merkmalen wie Farbwerten, lautlichen und grafischen Charakteristika.

Die Tiefe und Weisheit der christliche Theologie zeigt sich, könnte man sagen, darin, daß in ihr die Einheit zugleich als Dreiheit, die Monas zugleich als Trinität gedacht wird; daher ist der Gott der Christen nicht vergleichbar mit dem Gott der anderen monotheistischen Religionen. Vom „hen kai pan“ Heraklits, Plotins und Hölderlins erfassen wir jeweils einen Aspekt, den wir getrost und ohne ungebührlichen Distanzverlust, aber auch ohne das Dunkel völlig transparent zu machen, mit den Metaphern von Vater, Sohn und Geist benennen können.

Ein Marmorstumpf macht noch keine Säule, wir benötigen eine Basis und ein Kapitell; aber eine Säule macht auch noch keinen Portikus, wir benötigen eine ganze Reihe.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, ein einzelnes Wort noch keine Aussage.

Für eine sinnvolle Aussage benötigen wir mindestens zwei Wörter oder bedeutsame Lautgebilde, die syntaktisch wohlgeordnet sind, wie „Peter arbeitet“, um das Bestehen des Sachverhaltes zu bestätigen, daß Peter arbeitet, oder „Arbeitet Peter?“, um nach dem Bestehen oder Nichtbestehen des Sachverhaltes zu fragen, ob Peter arbeitet.

Bei der Aussage: „Während Anna schläft, arbeitet Peter“ handelt es sich um die Verbindung zweier semantisch gehaltvoller Sätze: „Anna schläft“ und „Peter arbeitet“ (die Inversion im Hauptsatz ist eine Besonderheit der deutschen Grammatik). Wir können die Einzelsätze und den Gesamtsatz als deskriptiv auffassen und davon ausgehen, daß sie das Bestehen zweier gleichzeitiger Sachverhalte beschreiben.

Dagegen stellen wir mit der Aussage „(Immer dann,) wenn Anna schläft, (ist es der Fall, daß) Peter arbeitet; Anna schläft, also arbeitet Peter“ nicht das Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes fest, sondern die logische Verknüpfung zweier semantisch gehaltvoller und syntaktisch wohlgeordneter Aussagen (nämlich: „Anna schläft“ und „Peter arbeitet“) und die sich daraus ableitende logisch zwingende Folgerung. Denn wir können aus dieser Aussage mittels Negation die Aussage folgern: „(Immer dann,) wenn Anna nicht schläft, arbeitet Peter nicht; Anna schläft nicht; daher gilt: Peter arbeitet nicht“, ungeachtet der Tatsache, ob nun eine Person namens Anna schläft oder nicht schläft, eine Person namens Peter arbeitet oder nicht arbeitet, ja ungeachtet dessen, ob die Personen namens Anna und Peter existieren oder nicht existieren.

Worin besteht der Unterschied der Sätze „Während Anna schläft, arbeitet Peter“ oder „Anna schläft und Peter arbeitet“ und „(Immer dann,) wenn Anna schläft, (ist es der Fall, daß) Peter arbeitet; Anna schläft, also arbeitet Peter“? Das erste Satzpaar ist syntaktisch mittels der Konjunktion „während“ beziehungsweise der (nichtlogischen) Konjunktion „und“ verbunden, das zweite Satzpaar mittels des logischen Junktors „wenn – dann“. Hierbei handelt es sich um einen begrifflichen Unterschied, den Unterschied zwischen Wahrnehmungs- oder Beobachtungsaussage und Gedanke.

Den begrifflichen Unterschied der Satztypen des deskriptiven und des logischen Satzes ersehen wir aus der unterschiedlichen Rolle der Negation: Wir können aufgrund von Beobachtung ja die Gültigkeit des Gesamtsatzes feststellen: „Anna schläft nicht und Peter arbeitet“; während wir durch analoges Einsetzen der Negation im zweiten Gesamtsatz einen gedanklichen Widerspruch zur Ausgangsannahme erhalten. Denn wenn gilt: „Immer wenn Anna nicht schläft, arbeitet Peter“, dann kann nicht gelten „Peter arbeitet“, wenn wir als Prämisse den Satz akzeptiert haben: „Immer wenn Anna schläft, arbeitet Peter.“

Daraus ersehen wir ebenfalls, daß logische Sätze oder Gedanken weder Wahrnehmungs- oder Beobachtungssätze sind noch aus Wahrnehmungs- oder Beobachtungssätzen abstrahiert werden können. Der logische Satz oder der Gedanke „Immer wenn Anna schläft, arbeitet Peter; Anna schläft, also arbeitet Peter“ ist auch keine Hypothese über mögliche Wahrnehmungen und Beobachtungen, denn er gilt im logischen Raum der Gedanken, selbst wenn uns die Beobachtung über das Bestehen des Sachverhaltes in Kenntnis setzen sollte, daß eine Person namens Anna nicht schläft und (zur gleichen Zeit) eine Person namens Peter arbeitet.

Sensorische Distinktionen sind keine gedanklichen. Dagegen repräsentieren die Skalen und Muster, in die wir sie eintragen und einschreiben, wie die Geschmacks- und Tonskala oder das Farbmuster Unterschiede des Begriffs, eben des Begriffs von Geschmack, Ton und Farbe.

Wir können nur mit „Rot“ antworten, wenn wir gefragt werden, welche Farbe diese Rose hat. „Farbe“ aber ist der Begriff, mit dem wir das relevante Muster herausgreifen und von den Skalen der Tast-, Geschmacks- und Tonwerte unterscheiden.

Wenn wir eine Tanne mit einer Fichte verwechseln, hat uns nicht die Wahrnehmung aufs Glatteis geführt, sondern unsere Unfähigkeit, die beiden Bäume im Rahmen des Linnéschen Klassifikationssystems begrifflich voneinander zu unterscheiden.

Wenn wir wohl die Modulation des musikalischen Themas in der Klaviersonate hören, aber als Grund für den Wahrnehmungsunterschied nicht sein erstes Vorkommen in C-Dur und seine darauffolgende Modulation in a-Moll anzugeben wissen, hat uns nicht die Feinheit unseres Gehörsinnes im Stich gelassen, sondern unser Mangel an musikalischen Begriffen.

Sollte jemand, dessen Freund ihm das Bürogebäude zeigt, in dem er arbeitet, ihm mit der Frage kommen: „Nun hast du mir dein Büro gezeigt, zeigst du mir auch das Gebäude des Unternehmens, für das du arbeitest?“, würden wir bei ihm keinen Wahrnehmungsdefekt diagnostizieren können, wohl aber einen gehörigen Mangel an begrifflichem Vermögen, den Art-, Mengen- oder Klassenbegriff von den Objekten zu unterscheiden, die ihn exemplifizieren.

Der Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person macht gegenüber dem Gebrauch der Pronomina der anderen Personen einen begrifflichen Unterschied; denn die Selbstauskunft „Ich bin traurig“ hat einen anderen grammatisch-logischen Status als die Aussage „Er ist traurig“. Die erste ist, die Redlichkeit des Sprechers vorausgesetzt, vor Irrtümern gefeit und muß sich keine ungehörigen Nachfragen gefallen lassen, während die Aussage in der dritten Person auf einem Mißverständnis oder einer Fehldeutung beruhen kann, das durch Nachfragen aus dem Weg geräumt werden kann.

Auch die Verwendung der Tempora verbi konfrontiert uns mit begrifflichen Unterschieden; denn die Äußerung: „Ich verspreche dir, das geliehene Buch morgen wieder auszuhändigen“ hat einen anderen grammatisch-logischen Status als die Aussage: „Ich hatte ihm versprochen, das Buch am nächsten Tag wieder auszuhändigen.“ Die erste Aussage ist, die Redlichkeit des Sprechers vorausgesetzt, ein faktisches Versprechen, während es sich bei der zweiten um das Eingeständnis handeln kann, die Zusage nicht eingehalten zu haben.

 

Apr 11 21

Kindheitsbilder, fast verblichen

Zigan, du mit der alten Laute,
du schürtest Feuer in der Kehle,
damit es keinem Sange fehle
an Funken, wenn der Abend graute.

Du bist um unser Haus gestrichen,
und taubengleich sind helle Hände
geflattert, brachten dir die Spende.
Ihr Kindheitsbilder, fast verblichen.

Die Greisin, die auf ihrem Schoße
das Lieblingshuhn so sanft gehalten,
wie ferngerückt sind die Gestalten,
sie trieben hin auf Charons Floße.

Die Narbe, die ich tasten konnte,
Großvaters Siegel aus den Schlachten,
sie dunkelt wie des Lichtes Frachten,
Obst, Beeren, Knospen, hold besonnte.

Ach, machte blind mich Schluchzen, Weinen,
daß meine Gräber überzogen
von Moos und grauen Efeus Wogen,
die Namen blassen auf den Steinen.

Die Osternacht, als Herzen glühten
und wir das Lumen Christi priesen,
brach Krokus aus den Dämmerwiesen,
auf dunklen Rhein gestreute Blüten.

Wir wollen unsre Augen schließen
und lauschen, ob die müden Venen
die alten Hymnen uns noch dehnen
und sanfte Rhythmen herzwärts fließen.

 

Apr 10 21

Der Blicke ungerührtes Gleiten

Der Blicke ungerührtes Gleiten
ist haltlos wie ein feiner Staub,
der kaum gestreift das Sommerlaub,
der Wind treibt auf des Meeres Weiten.

Wir sehen leuchten wohl die Reben,
noch in der Dämmerung den Schein,
die Glut der Trauben für den Wein,
doch reicht uns keinen Kelch das Leben.

Wie durch Verlieses schwarzes Gitter
gebrochen sickert uns der Strahl,
und an den Wänden, grau und kahl,
erinnerungslos sinkt hin der Flitter.

Wir fühlen, wie die Serenade
des Herzens trockne Schwelle leckt,
es ist vom Andrang zu erschreckt,
daß es sich in der Fülle bade.

Wie Muscheln sind wir, gramversiegelt,
in denen keine Perle reift,
wie Puppen, die im Frost versteift,
woraus kein Liebestraum geflügelt.

 

Apr 10 21

Liebesstrahlen

Und deiner Blicke Liebesstrahlen,
die mir das kalte Antlitz wärmen,
ich sehe sie im Abschied fahlen,
die Rose sich im Dunkel härmen.

Es heißt uns trunken sich verschwenden,
wie Wasser wiegen Schwanenschlummer
und von uns weichen Gram und Kummer,
wenn sanfte Blicke Segen spenden.

Ihr Augen, abendgrüne Teiche,
an euren Wimpern will ich fühlen
die Gräser, die mit Tropfen kühlen,
daß Tages harter Sinn erweiche.

Sind Winters Stoppeln nur, die kahlen,
geriet ich in das Blütenlose,
vereiste Pfade ohne Rose,
denk ich noch an die Liebesstrahlen.

 

Apr 9 21

Schlummer unter weißem Flieder

Wir wollen nicht von weitem schauen
der Flamme Tanz, der Flamme Sprühen,
die Wange soll von ihr uns glühen,
der Reif auf unsern Herzen tauen.

Wir sehen gern von fernen Wogen
den Schaum im Wind, ein blaues Leuchten,
doch wollen uns die Augen feuchten,
umwölbt uns zart der Regenbogen.

Im Schlummer unter weißem Flieder
ist uns, als ob die weichen Ranken
von süßem Hauche niederschwanken,
als kehrte Liebe uns noch wieder.

Hat uns zum Trost an Abendstrahlen
der Mohn sich einmal noch entzündet,
sind erste Tropfen schon gemündet
aus Mondes Kelch in Dämmerschalen.

 

Apr 8 21

Ausgesetzt

Ausgesetzt an eines Abgrunds Rand
und Nacht um Nacht das Rauschen hören,
das aus der Tiefe dringt,
kann schwache Kreatur nicht leisten.

So geh zur Mitte, wo die Erde dampft,
zum Baume geh, dich anzulehnen.
Und ist ein Lächeln nicht,
das auf dem Feld entgegenblüht?

Ermüdet Qual der Sonne, Lichtes Fron,
macht Menschenrede würgen,
leg dich in stillen Abends Gras
und lausch dem Seufzen in den Wurzeln.

Hat Dämmerung dich eingehüllt,
ein wenig Glut schwelt in der Asche,
doch ist kein Atem dir, sie aufzuwecken,
flehst du um eines Flügels Wehen.

Und sind erloschen Glut und Gram
und trocken liegt der Brunnen,
steigt es wie Murmeln in den Schlaf
von Wassern der Erinnerung.

 

Apr 8 21

Bei einem Engel in der Lehre

Wollest, Herr, mir einen Engel schicken,
einen aus den hohen Chören,
die um deinen Thron hold schwirren,
mit Gesang Mariens Herz erquicken
und Franziskus selbst betören,
sende, Herr, mir einen
in des dunklen Lebens Wirren,
einen zarten kleinen
oder, Gott, auch einen rosenfarben dicken.

Will ihn recht verwöhnen,
reiche Kuchen ihm und gieße Milch,
ist er auch ein zarter Knilch,
kann er doch die Lieder singen,
jene nachtigallenschönen,
die wie Äolsharfen schwingen
und zu deinem Ruhm ertönen.

Ist mein Haar, mein Herz auch grau,
will am Ende ich noch lernen,
was als Hochgesang dort gilt
unterm Blütenkranz von Sternen,
als des Wohllauts Duft ins Himmelsblau
Blumenlippen keusch entquillt.

Welche Maße, Reime, Strophen
feinste Ohren wohl erlaben,
an Metaphern, schlichten, hypertrophen,
ob an Zeilensprüngen sie Gefallen haben,
das soll mir der Engel weisen,
denn im Dickicht dieses Jammertales
fand ich Odensonnenschneisen
nicht, nur Geisterflackern, fahles.

Herr, ich brauch des Engels Lehre,
denn hier ritzen Wahnes Dornen,
und das schwarze Blut fließt hin in leere
Furchen für die Feier stummer Nornen,
was den Vetteln sie entrichten,
also hat dein Himmel sich verdunkelt,
Fluch und Schreie, die auf Sinnes Reim verzichten,
als hätt Sehern nie dein Stern gefunkelt,
preist man hier als großes Dichten.

Ja, hier gilt als Fluch der Zeiten,
immer mit sich selbst im Zwist
abzuschwören deinen blauen Ewigkeiten,
wo der Zwist der Liebe süße List,
ja, hier sind die Furchen voller Stoppeln,
lesen heißt dich keuchend hoppeln,
schimmertʼs zwischendrin wie edler Stein,
war es bloß ein abgenagtes Totenbein.

O, es wolle, den du sendest,
mir dein Engel in den Abendsonnen
auf dem Fenstersimse stehen,
und von Fäden Lichts umsponnen,
daß mein Schicksal du noch wendest,
kindlich mit den Flügeln wehen,
denn das ist die Art der Deinen,
daß sie lieben, die da lächelnd weinen,
sind sie dunklem Weh entronnen.

Ach, sein Abschied wird mir leicht,
kann ich meine Augen schließen,
fühle seinem Lied entfließen
Tau, der meinen Schmerz erweicht.

 

Apr 7 21

Louis Le Cardonnel, Ville morte

Lentement, sourdement, des vêpres sonnent
Dans la grand’paix de cette vague ville ;
Des arbres gris sur la place frissonnent,
Comme inquiets de ces vêpres qui sonnent.
Inquiétante est cette heure tranquille.

Un idiot qui va, revient, et glousse,
Content, car les enfants sont à l’école ;
À sa fenêtre une vieille qui tousse ;
À l’idiot qui va, revient et glousse,
Elle fait des gestes, à moitié folle.

Murs décrépits, lumière décrépite
Que ce Novembre épand sur cette place :
Sur un balcon du linge froid palpite,
Pâle, dans la lumière décrépite.
Et puis le son des cloches qui se lasse…

Tout à coup plus de cloches, plus de vieille,
Plus de pauvre idiot, vaguement singe,
Et l’on dirait que la ville sommeille.
Plus d’idiot, de cloches ni de vieille…
Seul, maintenant, le blanc glacé du linge.

 

Tote Stadt

Träg und dumpf ertönen Abendglocken
im großen Frieden dieser Stadt aus Schemen.
Auf dem Platz erschauern wie erschrocken
die Bäume vor dem Klang der Abendglocken.
Die stille Stunde will Stille nicht annehmen.

Ein Irrer hastet hin und her und prustet,
froh, denn die Kinder sind noch in der Schule.
Die Alte lehnt am Fenster und sie hustet.
Dem Irren, der da hastet, der da prustet,
winkt sie zu wie eine Somnambule.

Mauern bröckeln, es bröckelt auch das Licht,
das der November auf den Platz verschleppt:
Auf dem Balkon zuckt Wäsche, reifverpicht,
fahl in diesem Staub gewordenen Licht.
Und der Klang der Glocken, der verebbt …

Und plötzlich keine Glocken, keine Alte mehr,
kein armer Irrer mehr, ein Affe fast,
als wenn die Stadt ganz eingeschlafen wär.
Kein Irrer, keine Alte, keine Glocken mehr …
Nur noch der Wäsche eisig-weißer Glast.

 

Apr 7 21

Erwacht

Als wär uns Leuchten aufgespart,
wenn wir auf Dämmerpfaden gehen,
es ist wie helles Flügelwehen
und Blicke, uns zu leiten zart.

Als machte Moos die Steine weich,
und Bäume sprächen wahr im Laube,
ein Gurren tropft, die Turteltaube,
und Schwäne gleiten, blütengleich.

Und sinket Schwachheit in die Knie,
wie wollen milde Händen tragen,
ein Rosenwort dem Müden sagen,
es labe süßen Dufts Magie.

Und hüllet uns ein kalter Mond
mit seinem weißen Leichenlinnen,
wir fühlen goldne Tropfen rinnen
und still den Himmel, der verschont.

Wo Seufzen aus dem Moore dringt
und nach uns lecken Flammenzungen,
ein Fittich ward um uns geschlungen,
wir harren, bis die Lerche singt.

Und stimmen ihre Schwestern ein,
sind wir der Dunkelheit entronnen.
O wärmten dort uns Gnadensonnen,
und sanfte Hand göß uns den Wein.

Doch fröstelnd sind wir aufgewacht,
die Schatten schleichen aus dem Zimmer,
die Möbel starren stumm wie immer,
ein Blatt liegt welk, o Traum der Nacht.

 

Apr 6 21

Gideon

Das auf der trocknen Tenne lag,
das wollige Vlies des Opferlammes,
ward in der Nacht, die Engel sangen,
von Schöpfergeistes Tau benetzt.

So wurde kund dir, Gideon,
daß deiner Schwachheit hilft die Höhe,
ein Inbild uns der weißen Lilie,
vom Segensglanz der Nacht betaut.

Zur Schale höhlten sie die Hand
und schöpften Trank sich aus den Wassern,
sie bliesen, daß Dämonen wankten,
mit reinem Mund das Widderhorn.

Aus Traumes Bläue fiel das Brot
und riß das Zelt der Schwärmer nieder,
uns funkelt auf geweihtem Steine
in Liebeskelchen goldner Wein.

 

Apr 6 21

Iason

Das Rauschen trinke, Gischt der Welle,
das Brausen nimm, des Windes Schwinge,
daß dir die Überfahrt gelinge,
zu heißer Küsten Blütenhelle.

Hast du nicht Chirons Schweiß geschmecket,
Kentaurenblicke nicht bestanden,
die trübem Dickicht dich entwanden,
hat dich sein Hufschlag nicht gewecket?

Umtosen dich die Symplegaden,
und züngeln grell gefleckte Schlangen,
kein Abgrund machet dich befangen,
du darfst in Orpheus Sängen baden.

Bespreng mit Blut das fahle Leben
und küsse blind die Zauberin,
du kannst, rinnt auch die Träne hin,
auf goldnem Vliese heimwärts schweben.
 

Apr 5 21

Lasset uns wie Bettler danken

Lasset uns wie Bettler danken
für das goldne Abendlicht,
das vom Geist der Liebe spricht,
schimmernd durch des Dämmers Ranken.

Muß die Sonne uns auch sinken,
lasset uns wie Rosen tun,
daß versöhnt mit Gott wir ruhn,
ihre letzten Strahlen trinken.

Blüten gleich soll Einfalt gleiten
auf den Wassern dieser Nacht,
Hauchen hat noch Duft gebracht,
Knospen, die im Mond sich weiten.

Wenn schon Traumes Flocken fallen,
hüllend alles Ungemach,
bleibet uns das Herz doch wach
vom Gesang der Nachtigallen.

 



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