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Mrz 2 24

Hüter der Schwelle

Die, was unberührbar, sollen wahren,
rufen Heilige an und Engelscharen,
daß der hohe Geist mit ihnen sei.
Und sie hüten des Altares Schwelle
vor der Trübsal seufzend-grauer Welle
und gemeinen Jammers Litanei.

Still verborgen unter Schattenlauben
schwellen süßen Liedes goldene Trauben,
und die Perle schläft im Muschelschaum.
Nur erwählte Hand darf sie uns pflücken,
nur dem Meister kann die Kelter glücken,
und das Kleinod ziert der Schönsten Saum.

Pöbelgeist soll nicht den Duft verseuchen,
Unzucht nicht bei Hymnenknospen keuchen,
so verschleiert Weisheit ihren Blick.
Denen Efeu an den Klagemauern
Lüfte blauer Tiefen überschauern,
Frommen zieht den Schleier sie zurück.

Es vermaßen feierlich Auguren
mit dem Krummstab die geweihten Fluren
für den Tempel, das geheime Bild.
Gläubig bitten Schatten nicht vergebens
um das lichte Wort erfüllten Lebens,
Licht, das aus der Liebe Wunde quillt.

 

Mrz 1 24

Erweckt aus Finsternissen

Gesichter, rissiger Lehm und matter Ton,
die bangen bröckeln und die dumpfen starren,
die einen wie die andern Todes Narren,
der leere Blick spricht vollem Munde Hohn.

Doch jene straffte, hellte auf ein Strahl,
das Lied, das sie erweckt aus Finsternissen,
und goldener Glanz wie Tau auf Blütenkissen
hat sie gelockt zum abendlichen Mahl.

Die ausgebleichten Larven fallen ab,
wenn Flügel dunkler Engel Nachtwind fächeln,
die Sonnengeste läßt die Frommen lächeln,
da Brot sie ihnen, Wein der Liebe gab.

Schab, Dichter, ab den Grind der trocknen Silben,
laß unbeweint die Knospe Lied nicht gilben.

 

Feb 29 24

Flucht in die Wüste

Die Wüste glüht, dann kühlt des Mondes Glanz.
Es engt den Dichter im Metaphernkleide,
sieht funkeln er der hohen Nacht Geschmeide,
den Prunk des Nichts, verzückter Sonnen Tanz.

Huscht auch die Wüstenmaus, kreuzt der Skorpion,
wischt zuckend eine Schlange ihre Kreise,
das Sandmeer rauscht wie Dichters Verse leise,
weit vom Geschrei der Schlacht um Ilion.

Vers-Wandel ist wie Dünung monoton,
sieht er auch manchmal wie in grünem Glase
fern Palmen wehen: eine Wahn-Oase –
ihm hat den Durst gestillt der Nachttau schon.

Schneid, Dichter, ab den medialen Faden,
geh einsam auf den Spuren von Nomaden.

 

Feb 28 24

Der Teufel als Dichter

Ein Falter klebst du dumpf an Blumenlippen,
da schon das Gift brennt zwischen Herz und Rippen.
Der Dämon tändelt, bis sein Kotmund küßt.
Wenn Feuerzungen deine Stirn umschnalzen,
mußt bald ins Abseits du mit Schatten walzen.
Wild ist der Wirbel, daß du dein vergißt.

Und hängst dem Gaukeldenker du am Munde,
träuft lichte Tropfen er in deine Wunde,
die dunkler gluckst, in stummer Nacht allein.
Diabolos mag mit Metaphern protzen,
den Widersinn dem wahren Sinn abtrotzen.
Was schön, verblaßt, was schmutzig, leuchtet rein.

Im Hecheln und im Sirren soll nicht dauern
der reine hohe Ton, soll niederkauern
vorm grellen Stimmenwirrwarr Babylon.
Den Spiegel zu zerschlagen blauer Stille,
den Vers in bunte Splitter ist sein Wille,
er quetscht das Wort wie ein Akkordeon.

Von Todesschwulst siehst du den Versfuß schleimen,
ein Popanz will auf Talmiglanz sich reimen:
Der Teufel schäumt, ein Dichter dionysisch.
In süßem Schwindeln dreht sich aus der Mitte
der Sinn des Worts, als ob’s zum Orkus glitte.
Besessenen duftet Vers-Dung paradiesisch.

 

Feb 27 24

Spät auf dem Dornenpfad

Dem Andenken an Charles Baudelaire

Spät ächze ich noch auf dem Dornenpfad,
allein, gesanglos, ohne Weggefährten.
Verfallen sind der Ahnen Rebengärten,
der Wein des Einsamen, er schmeckte fad.

Aus der Erinnerung dumpfem Fluidum,
wie wölken auf die Bilder, gleisnerische:
Die Schatten dort an ländlich-kargem Tische,
sie bricht das Brot, er küßt die Stirn ihr stumm.

Und wie die Schöne mir das Bild gezeigt,
das Marterbild, den Dichter der Franzosen.
Der Mutter Antlitz, hell vom Brand der Rosen,
und war ihr Herz ins Dunkel schon geneigt.

Laß wölken hin, der Pfad steigt himmelan,
daß ich vom Rand noch mag im Abgrund schauen
den Strom der Heimat in der Dämmerung grauen,
weiß nicht, wann mir zu rauschen er begann.

Weiß nicht, wann mich das Rauschen hat betäubt
und konnte nicht der Worte Sinn mehr fassen,
den Faden, der mich hielt, mußt fahren lassen,
und ward ein Sproß, von fremdem Keim bestäubt.

Und komm ich dann zur Höhe, atemlos,
glänzt sie wie eine Muschel, mondenhelle,
im hohen Grase noch, die Waldkapelle –
das Haupt, o birg es in der Jungfrau Schoß.

 

Feb 26 24

Hinabgestoßen

Was dir das Aug hat überfeuchtet,
du weißt es nicht und fühlst es kaum.
Mir aber hat es noch geleuchtet
in einem wirren, bangen Traum.

Wie Münzen matt und abgegriffen
sind Worte um- und umgewandt.
Die Sinnkristalle, lichtgeschliffen,
hat überweht des Chaos Sand.

Das Gras, da wir ihn sahen rinnen,
den goldnen Tau, ist abgemäht.
Der Rosen purpurrote Minnen
zerriß die Hand, die sie gesät.

Umrankte Runen, unlesbare,
ergrauten Herzens Jugendschrift.
Des Liedes Zug ins Heiter-Klare,
erlahmt auf überwachsner Trift.

Wie Muscheln, die sich nächtlich schließen,
wer weiß, ob eine Perle reift,
stößt uns hinab ins dunkle Fließen
der Meergott, der, was glänzt, ergreift.

 

Feb 25 24

Zürnen, wem Zorn gebührt

Die uns ständig auf der Nase tanzen,
was wir denken sollen und wie sprechen,
uns zu dekretieren sich erfrechen:
Bonzen, Parasiten, Medien-Schranzen.

Die obszön vor uns die Glottis schlagen,
schamlos uns bedrängen, all dem abzuschwören,
was wir Papageno haben singen hören,
Mephistopheles soll sie zum Blocksberg jagen.

Geistig Pervertierte, die uns zwingen,
das Gesetz polarer Zeugung zu verneinen,
daß nur Mann und Frau sich echt vereinen,
sollen in den Abort der Chimären springen.

Die das Muttertum, die Ahnenehre ächten,
Unfruchtbare, die den Trost bespeien,
den sich gleichen Schoßes Schößlinge verleihen,
sollen einem Mannweib Zöpfe flechten.

Und die Kinder pädagogisch schänden,
Schamgefühles zarte Haut zerfetzen,
ihren holden Sonnensinn zersetzen,
mögen wie die Hex im Märchen enden.

Die in edlen Geistes blaue Venen
der Gemeinheit Lymphe injizieren,
daß der Dichter kriecht auf allen Vieren,
werfen wir zum Fraß vor den Sirenen.

Die uns Fusel in den Wein der Dichtung kippen,
was wie Stromgesang noch konnte gleißen,
mit barbarischem Gekreisch zerreißen,
stoßen wir von Lores schroffen Klippen.

Fragen magst du, was der Herr wohl dazu meinte:
War sein Zorn das Rückgrat nicht der Güte?
Denk, was ihm gemäß den Pharisäern blühte,
wenn er auch, was uns versagt, um Zion weinte.

 

Feb 24 24

Das späte Glück

Es rieselt über Moos und Steine,
dir ist, als ob die Waldnacht weine,
weil ihr kein Mond geschienen hat.
Am Quietschen ferner Straßenbahnen,
dem Knattern morscher Wetterfahnen
hört sich die Wehmut niemals satt.

Auf Kindheitsfotos zu betrachten,
wie die geschminkten Masken lachten,
es macht dich froh und etwas bang.
In Jugendbriefen zu entziffern
die albern-süßen Liebeschiffern
läßt fühlen dich verklungnen Klang.

Vernimmst du die chinesische Flöte,
den Zauberton von Hafis-Goethe,
bist du erfüllt vom Augenblick.
Gehst du im Abendrot selbander
mit ihr in stillem Traummäander,
umhaucht es dich, das späte Glück.

 

Feb 23 24

Das Verstummen der Gesänge

Wie in der Dämmerung Wasser singen,
als wollten sie uns Kunde bringen
von reinen Ursprungs dunkler Qual.
Die Blüten, die auf ihnen treiben,
sind wie Geliebte, die nicht bleiben,
und ihre Wangen werden fahl.

Und in den Nächten rieseln leise
durch zartgebognen Grases Schneise
Gesänge, hell und rätselsüß.
Die wunde Liebe will sie deuten,
den Schaum der Linderung erbeuten,
und sinkt ins stumme Herz-Verlies.

 

Feb 22 24

Gestalt des Lebens

Du siehst an Baum und Blatt, an Blütenblicken
kein Zeichen, das ins Grübeln will verstricken,
ob die Gestalt des Lebens sich verneint.
Mag heißer Strahl, die Peitsche Sturm es quälen,
kein Leben mag den Schatten sich vermählen,
auf daß es liebeskrank sich selbst beweint.

Wenn Schicksal eine Pfote auch zerfetzte,
der treue Hund reckt hin die unverletzte,
und offen glänzt sein Auge deinem Blick.
Der Dorfidiot, dem nie ein Weib sich schenkte,
fand Trost, wenn sich der Pferdenacken senkte,
ein Schnauben hielt vorm Abgrund ihn zurück.

Doch die ihn suchen, werden ihn nicht finden,
der Sinn kann sich nur wie die Ranke winden
um einen Stamm, den dunkle Erde nährt.
Die eitel eignes Mark zerdachten, fliehe,
ihm danke, daß er dich ins Blaue ziehe,
dem Duft des Worts, der allen Zweifeln wehrt.

 

Feb 21 24

Wie träumerisches Blumenstecken

Wie durch das Riedgras weich die Schneise
entführte dein Gesang uns leise,
als gaukelte der Mond im Ried.
Das Gras hat aufwärts sich gebogen,
als wär es aus dem Nest geflogen,
entschwand es uns, das süße Lied.

Wie träumerisches Blumenstecken,
mit dunklem Mohn die Rose necken,
war, was du sagtest, schwerelos.
Und mußten all die Blüten fallen,
das lichte Wort mit Schatten wallen,
es blieb der Nacht Tauglanz im Schoß.

Wie Kinder sich im Nebelgrauen
auf dunklem Pfad nicht weitertrauen,
schien uns, daß wir verloren sind.
Doch sahen wir die Schleier reißen
und Blüten rings, die blau und weißen,
trug fernen Sang uns zu der Wind.

 

Feb 20 24

Gezählte Takte

Wer wie der Dichter sieht mit wachen Ohren,
der weiß, des Lebens Takte sind gezählt,
nicht geht das Jawort ihm, das Ach verloren,
wenn sich die Liebe mit dem Tod vermählt.

Verzückter Seelen gleichgestrichne Saiten,
smorzando führt den Bogen er, Zigan.
Die in das Schilf der Dämmerung muß gleiten,
der Welle Elegie, sie schäumt dem Schwan.

Des Orpheus Leier, treibend auf den Fluten,
tönt noch, am Strahl des Silbermonds erwacht.
Die Rosen Rilkes scheinen zu verbluten,
als tropften Verse aus der Wunde Nacht.

Reiß, Dichter, zwischen Ja und Nein die Lücke
aus blauer Stille, daß sie uns entrücke.

 

Feb 19 24

Das Heil in der Flucht

Wir rütteln Sankt George auf im Grabe,
ob er ein Heilkraut für die Schwären habe,
wovon die Muttersprache faulig näßt.
Ein müder Wink kommt nur, es sei vergebens,
er habe schon die Glut des Dichterlebens
umsonst auf den Gespenstermund gepreßt.

So müssen wir das Kauderwelsch ertragen,
wenn irre girrend sie die Glottis schlagen,
hinunterschlucken, was zum Speien reizt,
verschleiern Herthas nordisch-blonde Locken,
daß keine dumpfen Zwitterhaften stocken,
wenn sie mit Funken nicht und Blicken geizt.

Vielleicht, daß wir mit jenen kindlich Frommen
in das Verlies, das dämmernde, entkommen,
wo lichtes Wort die Dunkelheit bezwingt,
daß wir auf fernen unentweihten Auen
wie Eremiten graue Zelte bauen,
dort, wo der Wind dem Grase Psalmen singt.

 

Feb 18 24

Vor und hinter den Kulissen

Der Himmel veilchen- oder fliederblau,
Hügel davor, zerlaufene Soufflés.
Nicht auch ein Bach? Ach was, ein Teich,
Blumen von Monet? Nein, von O’Keeffe.

Der Junge liegt im Gras. Im Heu? Im Gras.
Die Waden nackt, die Bluse offen, liest.
Kleines weißes Knäuel gleich daneben,
Hündchen, das nach Mücken schnappt.

Was mag der Bub wohl lesen?
Der Titel ist verdeckt, muß heiter sein,
das Büchlein, hin und wieder
hört man ihn lauthals lachen.

Hinrollt das Knäuel und es bellt
herzzerreißend im Diskant.
War’s ein Hase, der vorbeigehoppelt?
Das Dickicht ist recht hoch. Lugt dort ein Löffel?

Kleine weiße Wolke auf azurnem Grund,
sie färbt sich langsam rot.
Es will, scheint’s, Abend werden, Vers um Vers,
peu à peu, auch ohne Reim.

Geht denn der Junge nicht nach Haus?
Noch nicht. Kramt einen Apfel
aus der Tasche, reibt ihn am Ärmel ab.
Hört man das Fruchtfleisch knacken?

Nein, den lauten Biß deckt Rauschen zu,
das nun durch Büsche geht und Bäume. Verschluckt
sogar das Schlabbern, wenn die rote
Hundezunge übers weiche Wasser leckt.

Da, er wirft den Grotzen hinter sich,
das Knäuel pest gleich hintennach.
Der Junge aber pfeift durch seine Finger.
Es rast, der Butzen fällt ihm aus dem Maul.

Sie gehen heim, zwei Kameraden,
die Tasche baumelt an der Schulter.
Dann und wann springt das Tier danach,
alle Viere in die Luft gestreckt.

Endlich nimmt der Bub etwas heraus.
Der Hund sitzt andachtsvoll und gibt die Pfote.
Er hält’s ihm hin. Ein Würstchen? Wir können’s
aus so weitem Abstand nicht erkennen.

Jetzt sind sie nur noch kleine Flecken
in der Ferne. Da muß das Dorf sein
mit dem Zwiebelturm der Kirche. Ob Früh-,
ob Spätbarock, zu spät, die Dämmerung obsiegt.

Wie Tropfen Milch, die man in dicker
brauner Schokolade hat verrührt,
im dunklen Trank verschwinden,
sind sie verschwunden.

 

Feb 17 24

Das Weltbild

Wie Pulse von des Lebens Fülle künden,
muß seine Strahlkraft im Geheimnis gründen,
was wir bezeugen, sang in unserm Blut.
Das blanke Wasser kann getreu uns spiegeln,
der Wolke Schatten wird das Bild versiegeln,
der Pfeil des Blicks, er kehrt zurück und ruht.

Aus Nebeln tauchen Spiele, Rituale,
im Abendlicht erglänzt die Opferschale,
und goldner Tropfen rinnt zur Erdennacht.
Das zähe Wort löst sich in Traumgesängen,
gedämpfter Flötenklang aus Tempelgängen,
dem Starren ward ein weicher Hauch entfacht.

Ein Dichter-Philosoph mag es erschauen:
Wie Ströme sind wir, die durchs Dunkel blauen,
die Welle, sie begrünt und sie zernagt.
Ans Ufer schwemmen wir die fremden Keime,
wie an der Verse Ränder leise Reime,
bis uns das Schilf des Dämmers überragt.

 

Feb 16 24

Dämmern, Zögern, Säumen

Wir wandeln Pfade nun, die sacht sich winden,
wie Ströme, die in blaue Tiefe münden,
und was wir fühlen, ist so leicht wie Luft.
In uns ist Nacht, umstrahlen uns auch Sonnen,
wir schweigen, rauschen dunkel ferne Bronnen,
und was wir sagen, schwindet hin wie Duft.

Und mögen Worte uns wie Laubwerk streifen,
wir sehen nicht die Frucht des Lichtes reifen,
wir zögern, wenn die Dämmerung noch singt.
Die zarten Blüten mag nur Gluthauch pflücken,
ihr Schneien kann den Säumenden entzücken,
wie heller Ton, wenn Porzellan zerspringt.

 

Feb 15 24

Geduld des Dichters

Wie fauler Fusel nach dem Saufgelage
stinkt jedes Wort, vom Ahnengeist geliehen,
das sie gegurgelt und dann ausgespien,
im Abort schäumen Mär und Wundersage.

Barbaren, die auf Herthas Veilchen spucken
und Romas edlen Lorbeer niederreißen,
Gedichte, die wie Schnee auf Gipfeln gleißen,
und sich nicht in ihr Phrasendickicht ducken.

Doch sagt ein Wehen schon vom Ungewitter,
und stumme Blitze sind wie Götterboten,
daß auferstehen aus der Nacht die Toten,
hell blühen wird das Wort am Schattengitter.

In Katakomben harre mit den Frommen,
bis, Dichter, deine Engel wiederkommen.

 

Feb 14 24

Indianer spielen

Sie strahlten blau und rot und grün, die Federn,
wie eine Aureole um dein Haupt.
„Howgh!“ rufen, das war damals noch erlaubt,
verzierter Tomahawk, ein Gürtel, ledern.

Von Mutters Schminke bronzen Stirn und Backen,
darauf geritzt die Runen edlen Stamms,
und Fransen flatterten am Kriegerwams,
auf Ärmeln und Schlaghosen wilde Zacken.

O Tanz-Geheul ums wachtraumhelle Feuer,
das Herz des Wandlungszaubers hat gebrannt.
Von Sittenwächtern ward der Spaß verbannt:
Indianer spielen – Frevel ungeheuer.

Wir wollen fesseln sie an Marterpfählen,
den Skalp von ihren hohlen Schädeln schälen.

 

Feb 13 24

Tau des Nachtgesangs

Wenn wir dem Leid des Tags nachsinnen,
hat’s auch in Farben sich zerstreut,
schenkt Dämmerung uns Trost erneut,
mag Tau des Nachtgesanges rinnen.

Gedenken wir, die von uns schieden,
gleich Blüten, barsch vom Wind gepflückt,
blieb uns ein Duft, der sanft berückt,
zu wähnen, daß sie ruhn in Frieden.

Wenn wir sie niedersinken fühlen
des Lebens hohe Knospe auch,
mag währen noch ein süßer Hauch,
ein Vers, das heiße Herz zu kühlen.

Noch lauschen wir dem leisen Tropfen
in schwanken Schlafes Schattenlaub,
doch Wirbel sind wir, trunkner Staub,
wenn dunkler Erde Adern klopfen.

 

Feb 12 24

Wie Sang aus Jugendtagen

Und jenseits abendlicher Schatten: Töne,
als fließe in die Ferne süßes Klagen,
als ströme goldner Sang aus Jugendtagen,
doch keiner hört es noch, das Schmerzlich-Schöne.

Als woge Rauschen aus versunkenen Gärten,
gesprudelt von verzückten Schaum-Delphinen,
als träufe Traum Wohlklang von Sonatinen
ins Herz der Liebenden, der Weggefährten.

Nun gehst du einsam auf verwaistem Pfade,
kein Laut ist als das Knistern dürrer Halme,
verdüstert wird das hohe Blau vom Qualme,
kein Strahl bricht durch, kein Stern sagt dir von Gnade.

Magst, Dichter, du die Töne noch vernehmen,
im Blut, das singt, erlösen blasse Schemen.

 

Feb 11 24

Dichters Elend

Sanfte Matten, überblaut,
hüllt ein Schnee der reinen Stille.
Daß er glitzernd niederquille,
Frühlingsluft hat ihn getaut.

Und das Glitzern rinnt zu Tal,
früher Veilchen Glocken schwingen,
Quellen haben Lust zu singen,
seufzen darf die stumme Qual.

Doch der tief im Elend liegt,
tief in Traumes dunklem Bronnen,
fühlt nicht, was aus Licht gesponnen
sich um seine Schläfen schmiegt.

Gleiten schon auf grünem Teich
weiße Schwäne, Blütenschalen,
seine Lippen müssen fahlen,
und sein Antlitz ist so bleich.

Milde Flamme wurde Rauch,
die den Schatten ihn entrückte,
der erweckende erstickte,
holder Muse süßer Hauch.

 

Feb 10 24

Der falsche Hase

Es war einmal ein Hündelein,
das Fell wie Schnee, kohlschwarz die Nase,
Da rief es jählings: „Nennt mich Hase!“
Es mocht partout kein Hund mehr sein.

Die Katze fragte: „Lieber Hund,
was findest du am Hasentume?“
Sprach’s: „Duftest bald wie eine Blume,
lebst du vegan, ißt dich gesund.

Es ist nicht gut, nach Katzenart
von Blut und Fleisch sich nähren,
die Seele, sagen Weisheitslehren,
wird nur durch Halm und Blüten zart.“

Da ging es hin ins Wiesengrün
und rupfte Gras, schlang Immortellen,
hat leis geschnieft, statt laut zu bellen,
sprang hold ein Häschen zu ihm hin.

Am Abend lief’s zum Frauchen heim,
es mochte kaum das Pfötchen heben,
ach, das vegane Hundeleben
gab ihm bloß einen mageren Reim.

Das Frauchen hat es lieb geküßt,
sein wirres Fell ihm glattgestrichen,
es schien ein Spuk von ihm gewichen,
als sanft es eingeschlummert ist.

Am Morgen hielt ein Würstelein
sie ihm vor seine Schnuppernase,
vergessen war der Buddha-Hase,
es bellte laut, das Hündelein.

 

Feb 9 24

Faden und Knoten

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das leicht verständliche Bewegtbild setzt sich ja, ohne daß wir es bemerkten, aus vielen Einzelbildern zusammen. Das einzelne Bild in der Filmrolle ist uns dagegen ein Rätsel – oder noch weniger als dies.

Fröre die Geste plötzlich ein, verstünden wir sie nicht; oder mißverstünden wir sie.

Der Satz oder die satzartige Äußerung müssen, um verständlich zu sein, eine abgeschlossene semantische Gestalt bilden, nicht unbedingt eine vollständige grammatische Gestalt. Denn „Bitte schön!“ oder „Wie bitte?“ genügt schon.

Er hat im Schlaf gesprochen. – Wirklich? Können wir von Sprache reden, wo wesentliche Bedingungen sprachlicher Äußerungen fehlen? Einer bittet im Traum den Partner, der ihn verlassen hat, zu ihm zurückzukehren. Aber dies ist keine echte Bitte; eine echte Bitte kann bewilligt oder abschlägig beschieden werden.

Was im Traum gesprochen wird, hat nicht das semantische Gewicht der alltäglichen Rede; mag es auch bisweilen hohen symbolischen Rang einnehmen (Wahrsageträume, Träume in der griechischen Tragödie, in der Bibel).

Über stumme Dinge reden, ohne ihren ontologischen Rang zu verzerren.

Man sagt, ein Bild habe einen angesprochen. Eine verfängliche Metapher.

Sätze als Bilder der Sachverhalte verstehen, die sie meinen, ist der erste, fatale Schritt in die semantische Mythologie.

Das Bild der Rose zeigt die Rose, das Wort „Rose“ zeigt nichts. Die Aussage „Diese Rose ist weiß“ zeigt nichts, auch wenn sie in der gegebenen Situation wahr sein mag.

Es ist augenfällig, daß negative Aussagen wie „Der Regen hat aufgehört“ nichts zeigen, aber je nach Lage der Dinge entweder wahr oder falsch sein können.

Die stumme Geste, jemandem die Tür aufzuhalten, ist aus sich heraus verständlich, nämlich als Akt höflichen Entgegenkommens. Dabei „Bitte sehr“ zu äußern verstärkt die stumme Geste. Doch „Bitte schön!“ zu sagen, ohne die Höflichkeitsfloskel in den Rahmen einer Geste einzufügen, bedeutet nichts.

„Er hatte furchtbare Schmerzen.“ – Wir wissen nicht, was das heißen soll. Steht der Satz in einem Roman, wissen wer, daß er nicht wahr ist, denn er handelt von fiktiven Schmerzen einer fiktiven Figur; freilich kann er äußerst sinnvoll sein. Finden wir den Satz in einem Tagebuch, können wir seine Wahrheit unterstellen, falls es von einem seriösen Menschen geführt worden ist, der unter einem bestimmten Datum vom Leiden seines Freundes berichtet.

„Der Mond ist der einzige Erdtrabant.“ Ist dieser Satz immer wahr, gleichgültig, wo er steht, von wem er geäußert oder gedacht wird? (Diese Annahme bildet den ersten, fatalen Schritt in den semantischen Idealismus.) – Wäre der Satz die deutsche Version einer Äußerung des Bewohners eines erdähnlichen Planeten in einem entfernten Sonnensystem, der keinen Mond hat, wäre er falsch.

„Ich mußte den ganzen Tag an ihn denken.“ – Was heißt das? Gibt es im Geist eine Art inneren Kompaß, der einen Tag lang in diese bestimmte Richtung gezeigt hat?

An etwas denken heißt nicht etwas denken.

Glauben, hoffen, befürchten und erwarten haben einen anderen zeitlichen Horizont als Sehen und Hören.

Ein kurzes Aufleuchten des Gesichts genügt, um sagen zu können: „Sie hat gelächelt.“ – Wie lange muß man unruhig im Zimmer auf- und abgehen, wie oft aus dem Fenster schauen, daß ein Beobachter sagt: „Er wartet auf jemanden“? – Aber er kann auf jemanden warten und ganz ruhig dasitzen und in seinem Buch lesen.

Wir müssen den Gegenstand unseres Glaubens, Erwartens, Hoffens und Befürchtens nicht wie eine noch so schwache Phantasie unentwegt vor unser geistiges Auge halten.

Wir können den Bauplan des Lebewesens nachzeichnen, indem wir seine DNA im Labor analysieren. Um den Bauplan der menschlichen Seele nachzuzeichnen, steht uns kein Labor zu Verfügung. – Doch gibt es so etwas wie den Bauplan, die Gliederung, die Struktur der menschlichen Seele.

Können wir die Seele analysieren, in ihr lesen wie in einem Buch, darin blättern? In welcher Sprache ist es geschrieben?

Wir haben nur den Leitfaden unserer gewöhnlichen psychologischen Begriffe wie Glauben, Erwarten, Hoffen und Befürchten oder Beabsichtigen – oder ist er ein Fadenbüschel, ist er ein Netz aus Fäden, die sich an gewissen Stellen verknoten? Gibt es Grundbegriffe und davon abgeleitete Begriffe?

Nähmen wir mit den idealistischen Philosophen an, das Bewußtsein, das Selbstbewußtsein, die Subjektivität oder das transzendentale Ego sei ein Grundbegriff. Indes, können wir psychologische Begriffe wie Hoffen, Befürchten und Erwarten auf ihn beziehen, von ihm ableiten? – Ich glaube, hoffe, befürchte, erwarte, daß mich heute mein Freund besuchen wird. Bin ich mir der Tatsache, daß ich in den genannten seelischen Zuständen bin, die ganze Zeit über bewußt, jede Minute, jede Sekunde?

Ich habe den Tag über dies und jenes unternommen, an dies und jenes gedacht – und dennoch kann ich sagen, ich habe den ganzen Tag lang auf die Ankunft meines Freundes gewartet (sie erhofft oder befürchtet).

Man könnte sagen, der Faden der Befürchtung oder Hoffnung schlingt sich hier um den Faden der Erwartung, ohne daß sich beide mit den Fäden anderer seelischer Zustände berühren oder gar verknoten.

Naturalistische Philosophen glauben, alle seelischen Zustände, alle psychologischen Begriffe auf einen psychologisch primitiven oder elementaren Zustand und Grundbegriff zurückführen zu können. –
Eín Modell dieses Verfahrens bildet bekanntlich die Psychoanalyse mit der Annahme des sexuellen Triebs oder Begehrens als des elementaren Begriffs. Der Trieb ist hier nicht das bewußte erotisch-sinnliche Verlangen, sondern eine unbewußte Struktur, die sich allerdings in allerlei Maskeraden des Bewußtseins gefällt, wie sich insbesondere an Fehlleistungen und Traumbildern, an die wir uns erinnern, zeigt.

Wittgenstein machte Anstalten, die aufgeregte Diskussion im Wiener Kreis vorzeitig zu verlassen; der Gastgeber versuchte ihn aufzuhalten; er fragte ihn, warum er schon so früh gehen wolle. Wittgenstein gab zur Antwort: „Der Lärm und die aufgeheizten Reden stören mich, ich gehe nach Hause, denn ich bin im Moment sehr ruhebedürftig.“ – Die Antwort fußt auf einer Begründung, deren Berechtigung man nicht anfechten kann. Wittgensteins Absicht zu gehen ist für diese Gründe gleichsam transparent; sie ist keine Maske für etwas „Tieferes“, das sich der oberflächlichen Kenntnisnahme entzöge. – Natürlich könnte der Philosoph die genannten Gründe nur vorgeschoben haben, um seine eigentliche Absicht zu verbergen, etwa um eine Verabredung mit einer in diesem Kreis unbeliebten Person einzuhalten; doch dann wäre die vorgeschobene Absicht, hach Hause zu gehen, nicht die Maske der wahren, sondern ihre schlichte Verhüllung.

Die Erklärung des Bewußtseins als Protuberanz oder Maske des Unbewußten ist nicht weniger mythologisch als die Annahme, die Welt sei dem göttlichen Ur-Ei entsprungen.

Die Psychoanalyse (vor allem in ihrer von Carl G. Jung vertretenen Version) ist noch ein Teil oder Reflex des Mythos, den sie zu erklären versucht.

Als würden alle begrifflichen Fäden Schleifen bilden, um sich in einem Grundbegriff zu verknoten: gordischer Knoten der idealistischen und naturalistischen Philosophie, der nicht aufgelöst, sondern nur zerschlagen werden kann.

Die Feststellung eines Teilnehmers bei der erregten Sitzung des Wiener Kreises „Herr Wittgenstein hat die Absicht zu gehen“, ist semantisch nicht gleichsinnig mit der Äußerung dieser Absicht aus dem Munde Wittgensteins: „Ich gehe jetzt!“

Wittgenstein hat die Absicht, die Gesellschaft zu verlassen, schon vor geraumer Zeit gehegt, aber aus Rücksichtnahme auf den Gastgeber noch länger in der Situation ausgeharrt, bevor er den Entschluß faßte, mit dem er seine Absicht in die Tat umgesetzt hat.

Vom Entschluß können wir auf die Absicht schließen; dagegen hegen wir mancherlei Absichten, die niemals spruchreif werden, wie die Absicht, trotz mangelnden Talents ein umjubelter Pianist zu werden oder Frau N. N. bei der nächsten Begegnung einmal gehörig die Meinung zu geigen.

Manch einer wälzt sich nachts schlaflos auf dem Kissen, aufgepeitscht von blutrünstigen Rachephantasien, doch tagsüber gilt er seinen Mitarbeitern und Bekannten als die Sanftheit und Freundlichkeit in Person.

Die Deutung des Gebarens einer Person als das Hegen einer Absicht kann fehlgehen; während die Äußerung eines Entschlusses („Ich gehe jetzt!“) die Verwirklichung der Absicht darstellt; die Äußerung ist ein inhärentes Moment des Entschlusses.

Die Aussage über das Verhalten einer Person, die es als Hegen einer Absicht deutet, ist eine Vermutung oder Hypothese, die wahr oder falsch sein kann. Kommt die Person zu dem Entschluß, ihre Absicht in die Tat umzusetzen, indem sie sagt „Ich gehe jetzt“, und dann geht sie, können wir die Mitteilung ihres Entschlusses einschließlich seiner Verwirklichung als Beleg für die Wahrheit unserer Vermutung auffassen. – Hier ist der springende Punkt, daß wir aufgrund der Interpretation von Äußerungen über die Wahrnehmung („Er packt seine Sachen zusammen, er schaut mehrfach nervös auf seine Uhr“) als Hypothese über seelische Zustände („Er hat die Absicht, gleich aufzubrechen“) auf den Begriff der Wahrheit oder Falschheit stoßen, der für diese Überlegungen unverzichtbar und elementar ist, auch wenn wir ihn nur im engeren Sinne als Möglichkeit guter oder plausibler Belege auffassen.

Zu sehen, wie einer seine Sachen packt und mehrfach nervös auf die Uhr schaut, und aus dieser Wahrnehmung auf einen seelischen Zustand der Person zu schließen, ist etwas anderes, eine andere Art des Sehens, als in einer Galerie Bilder zu betrachten.

Wenn uns einer freundlich die Tür offenhält, vermuten wir in dieser Geste nicht die Absicht oder Verwirklichung der Absicht, freundlich oder höflich zu sein, sondern sehen sie als ein Moment oder Teil dessen, was wir Freundlichkeit und Höflichkeit nennen.

Die Äußerung des Entschlusses macht die Absicht wahr; doch ist sie nicht wahr im Sinne der Wahrheit eines Satzes, sondern authentisch und wahrhaftig.

Der Entschluß ist kein Scheitelpunkt der ansteigenden Kurve, in der sich das Hegen einer Absicht abbilden würde; Wittgenstein war schon in der Tür, da hat er sich angesichts der bedauernden Miene von Friedrich Waismann eines Bessern besonnen und ist doch noch geblieben.

Dem Triebtäter oder Geisteskranken rechnen wir die Tat wohl zu, aber nicht im Sinne einer freien Handlung, insofern sie zwar auf einer Absicht beruhte, aber nicht Folge eines Entschlusses war, den er hätte revidieren können.

Wer alle Eventualitäten, Unwägbarkeiten und Gefahren bei der Ausführung einer Absicht, und sei es nur, in den Supermarkt einkaufen zu gehen, unentwegt hin- und herwälzt, wird seine Wohnung nicht mehr verlassen und Hungers sterben.

Die Fäden des Zweifels, der Angst und des Selbstzweifels verschlingen sich zum Knoten unauflösbarer Apathie oder Katatonie.

Die Psychose macht die Äußerungen und Absichtserklärungen des Kranken nicht unwahr, sondern raubt ihnen den Sinngehalt und die Authentizität.

„Ich bin ganz mager, an mir ist nichts dran, ich bin innen hohl“ oder „Ich bin giftig, ich bin aus Glas“ sagt die schizophrene Angst dem Bekannten oder dem Psychiater, der ihr als gefräßiger Beutefänger erscheint.

Wenn der Geist der Unzucht Farben anrührt und vor der Leinwand steht, malt er den aufgeschnittenen weiblichen Unterleib, aus dem das Gekröse quillt, in das sich der verhaßte Embryo aufgelöst hat.

Eine Weltkultur kann es nicht geben, nur eine Weltzivilisation. – Kulturen sind wie ihre Sprachen, Sitten und Kulte regional, völkisch, provinziell.

Der Sieg der Weltzivilisation ist der Untergang der menschlichen Kultur.

Der Wein von den Hängen der Mosel schmecket anders als der Wein aus Südafrika.

Ohne dialektalen Zungenschlag und provinzielle Einfärbung ihrer Bilder, ohne jegliches Nachwehen der Melodien des Volkslieds stirbt die Dichtung aus.

Keine Kultur ohne ihr ethnisches Substrat. – Die Chinesen löschen die tibetanische Kultur aus, nicht nur, indem sie ihre Tempel schänden, ihre Kulte verbieten und ihre Sprache unterdrücken, sondern auch, indem sie systematisch Han-Chinesen in das von den Ureinwohnern besiedelte und von ihnen okkupierte Land verpflanzen.

Der aufstrebende Homo globalis ähnelt dem digitalen Homunculus seiner Technologie; er hat keinen Eigengeruch, keine prägnante Physiognomie, keine erdverwurzelte Sittlichkeit, keine dichterische Sprache.

Panschen, Verdünnen, Verwässern – Unarten geistloser Universalisten und Globalisten: nach Art von Barbaren schütten sie billigen Fusel in edlen Riesling.

Im Geschrei der Slogans und Parolen hört man sie nicht mehr, die dichterische Nachtigall.

Parolen und Phrasen sind vom Zeitgeist konditionierte Reflexe der anonyme Masse.

Die Engstirnigen predigen Weltoffenheit, die Perversen preisen naturgemäß die Zügellosigkeit, die Eunuchen und Unfruchtbaren verordnen sich Maßnahmen zur sexuellen Verhütung.

Die Amusischen verpflichten die Kunst auf moralische Inhalte und politische Programme.

Der Wahn, alles sei machbar, der Wahn, alles sei beliebig zu konstruierende und wieder zu dekonstruierende Konvention, ob nun Symbol und Zeichen, Kleidung und Geste oder Charakter und Geschlecht, steht am Ende der westlichen Zivilisation.

Am Anfang finden wir die Harmonie der gegensinnigen Kräfte, Bogen und Leier, Himmel und Erde, Sonne und Mond, Licht und Dunkel, Mann und Frau, Systole und Diastole, Leib und Geist; wenige haben sie, in den Spuren eines Mozart, eines Goethe, bis auf die Schwelle der Gegenwart hinübergerettet.

Die Pervertierung des natürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Geschlechtern, aber auch zwischen Eltern und Kindern zu einem rein sozialen Rollen- und Maskenspiel deutet auf die endgültige kulturelle Auflösung in einem apokalyptischen Karneval und einem blutigen Satyrspiel.

Die Öffnung der letzten Festung der weißen Rasse, der Wissenschaft, für das trojanische Pferd der Ideologie wird am Ende auch ihre Waffe, die Technik, schwächen und zu einem stumpfen Schwert machen.

Hoffnungslos, auf Esperanto Gedichte hervorbringen zu wollen wie die Römischen Elegien oder die Sonette an Orpheus.

 

Feb 8 24

Sterne wie Blumen

Frühling, wozu denn erwacht?
Knospe und Wort, schon verloren.
Still aber hat uns die Nacht
Sterne wie Blumen erkoren.

Wem aber liebend ein Blick,
wenn ihn bald Feuchte verschleiert?
Liebe ist mehr als das Glück,
das unter Sonnen sich feiert.

Sommer, o Brandung des Lichts,
schäumend von glühenden Bildern,
Süße, vertropfend ins Nichts,
kann uns die Weltangst nicht mildern.

Glimmend im dämmernden Laub,
Beere, sie schwillt, um zu schwinden.
Verse, wie goldener Staub,
wehen mit nachtblauen Winden.

Herbstliche Milde im Strahl,
wenn sich mit Rosen verklären
dornige Wege ins Tal,
wo wir zu Schatten heimkehren.

Über den Gräbern der Dunst,
Kerzen, ihr mögt ihn erhellen.
Sternbilder hat nur die Kunst,
harrt sie auf dunkelnden Schwellen.

Winter, o Linnen so weiß,
unseren Schmerz zu umhüllen,
brennt auch die Wunde noch heiß,
Mond hoher Nacht mag sie stillen.

 

Feb 7 24

Im Dämmerlicht

Dem Andenken an Ludwig Ch. H. Hölty

… aber ich wende mich,
suche dunklere Schatten,
und die einsame Träne rinnt.

 

Einsam steigst du herab, wo still im Schilf verebbt,
was dir dunkel gerauscht, was wie von Schwestermund
dir im Wachtraum genannt ward,
süße Namen verwelkter Pracht.

Streck dich hin in das Gras, atme noch einmal tief,
tief den Hauch, wenn er kühl über die Stirn hin weht,
und empfinde noch einmal,
wie ihr Atem getan, ihr Wort.

Schlummer ein nur, schlaf ein, Schlaf ist ein trunknes Blatt,
fällt so haltlos herab, Blatt oder müdes Lid,
wimpert’s rings auch von Schatten,
schwimmt es leicht doch auf feuchtem Glanz.

Wenn du erwachst, ist es Nacht, Nacht unterm vollen Mond,
geh nun, geh nun den Pfad, den Hand in Hand ihr gingt,
bis zur Bucht, wo der Kahn schon
dunkel schaukelt im Dämmerlicht.

 

Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=EStzNNv-e7I

 

Feb 6 24

Dämmernde Stanzen

Uns bleibt nur, Liebe, dumpfe Runden drehen
im Hof der Angst, wo uns ein trübes Licht
läßt dürre Halme, tote Wände sehen.
Und leuchtet manchmal schwach dein Angesicht,
als würden Düfte in das Dumpfe wehen,
war es ein Hauch vergessenes Gedicht.
O Wasser, die in abgelebten Jahren
den Mond gespiegelt und uns Mütter waren.

Uns bleibt nur, wie in blumenlosem Grunde
gleich bangen Waisen schlingen Hand in Hand,
die Narbe küssen auf der alten Wunde
und ohne Hoffnung auf das Heimatland
dem Seufzen folgen in die Dämmerstunde,
wo sich Camena keine Öffnung fand.
O daß wir einst in lichte Ebenen schauten,
wo Saaten grünten und die Ströme blauten.

 

Feb 5 24

Umschattetes Gefühl

Geheimnis, es mag leise beben,
behauchter Blätter Schattenspiel,
was rauschend will zur Sonne schweben,
verwirrt ein zartes Sinngefühl.

Schlaftrunkener Strahl läßt Liebe lächeln,
ein Kuß ist ihr schon Dämmerung,
der Hauch des Liedes wie das Fächeln
des Fächers der Erinnerung.

Der Abend mag die Früchte hüllen,
die gelben Sonnen voller Saft,
Nacht sie in blaue Schalen füllen,
beglänzt von Mondes weichem Taft.

Hat sie die Katze unter Fauchen
gerollt auch bis zum Überdruß,
die wahre wird empor noch tauchen –
o suchet Schatten, Lied und Kuß.
.

 

Feb 4 24

Mephistopheles spricht

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Mephistopheles sagt: „Das Bild des Schöpfergottes und Inspirators des menschlichen Geistes ist das Fundament der Illusion, ein freier, mit Selbstbewußtsein begabter Mensch zu sein, der befähigt (wenn auch nicht gezwungen) ist, ein mehr oder weniger sinnvolles Leben zu führen.“

Einer namens Hans, ein schon älteres Semester, sagt: „Gestern ging Hans im Stadtpark spazieren, die erste Frühlingssonne tat ihm gut.“ – Und wir würden verstehen oder hinter vorgehaltener Hand darauf hingewiesen, daß er von sich selber spricht und auf diese Weise stets von sich zu sprechen pflegt. – Denn fragt man Hans, ob er gestern im Park gewesen sei, antwortet er: „Ja, Hans ist gestern im Park gewesen“ und wir zögern nicht, ihm zu unterstellen, daß er damit meint: „Ich bin gestern im Park gewesen.“

Das kleine Mädchen mit dem Kosenamen „Mädi“ zeigt auf die große Puppe im Schaufenster und ruft: „Mädi Püppi“ und meint damit: „Gib (resp. Kauf) mir die Puppe.“ – Hier nehmen wir keinen Anstoß, denn wir kennen diese Ausdrucksweise als normales Phänomen der sprachlichen Entwicklung beim Kinde.

Anders steht es um Hans; seine seltsame Art zu reden ist kein Rückfall in die frühkindliche Sprechweise, sondern deutet auf einen semantischen Bruch oder eine semantische Verwerfung, die das ganze sprachliche Feld durchzieht. Der Psychiater versteht die semantische Abweichung als Zeichen einer Psychose.

Wir verspüren eine gravierende Veränderung im Leben eines Freundes, doch könnten wir kein besonderes gestisches oder sprachliches Verhalten aufzeigen, um unsere Intuition zu belegen. Nur eine beunruhigende Wahrnehmung läßt uns nicht los: Uns scheinen seine Augen wie erloschen, sein Blick seltsam hohl und leer.

Ein von künstlicher Intelligenz generierter Text wird uns ohne Mitteilung über seine Entstehung vorgelegt. Zunächst erscheint er unauffällig, sprachlich ohne grammatische Fehler und sachlich zwar spröde und bisweilen ungelenk, doch insgesamt stichhaltig. Allerdings beschleicht uns bei längerer Betrachtung ein Gefühl, das jenem ähnelt, welches uns bei der Wahrnehmung eines maskenhaften, erstarrten Gesichts mit leerem Augenausdruck überkommt.

Der lebendige sprachliche Ausdruck, wie er uns in der alltägliche Rede oder in Gedichten begegnet, ist kein an sich totes Material (Laute, Wörter, Sätze), dem man gleichsam wie durch künstliche Beatmung Leben eingehaucht hätte.

Hans sagt, die Frühlingssonne habe ihm gutgetan; der physiognomische und sprachliche Ausdruck elementarer Empfindungen und Wahrnehmungen kann nicht ohne jemanden gedacht werden, der diese Empfindungen und Wahrnehmungen gehabt hat.

Dieser Jemand bist du oder ich, kein niemand, dessen Glaube, jemand zu sein, eine Projektion geistloser Gehirnströme wäre.

Empfindungen und Wahrnehmungen sind, anders als die ihnen zugrundeliegenden neuronalen Ereignisse, keine raumzeitlichen Sachverhalte.

Erinnerungen sind keine Informationen über vergangene Ereignisse; hätte Hans in sein Tagebuch notiert: „Hans ging am 12.1.2024 durch den Stadtpark von N. N.“, könnten wir nicht schließen, daß er, läse er den Eintrag zwei Wochen später, sich dabei daran erinnert, an diesem Tag in jenem Park gewesen zu sein.

Man kann ebensowenig sagen „Dort ist eine Rot-Empfindung“ wie man sagen kann „Hier gibt es Zahnschmerzen.“

Man kann nicht annehmen, eine künstlich geschaffene Biomaschine stocke in der Rede aus Verlegenheit, weil sie fürchtet, bei einer Lüge ertappt zu werden, oder weil sie sich ihrer anmaßenden Ausdrucksweise schämt.

Mephistopheles, der radikale Nihilist und Naturalist, sagt: „Verlegenheit und Scham sind wie Liebe, Vertrauen und Ehrfurcht nichts als emotionale Konstrukte, das Ergebnis sozialer Dressur oder Ausdruck gesellschaftlicher Mythen. Entjungfere den kindlichen Geist mittels frühkindlicher Sexualisierung und pervertierender Zugriffe durch eine vulgäre und kriminelle Zeitgeist-Pädagogik, und alle Scham wird sich verflüchtigen.“

Wir aber wissen, die Scham ist, anders bei Jungen, anders bei Mädchen, eine natürliche Form der Scheu und Zurückhaltung, eine schützende Schale der Intimität des noch zarten seelischen Lebens, die mutwillig zu zerbrechen eine kriminelle Form des Mißbrauchs genannt zu werden verdient.

Die tote Seele oder den in tiefe Depression gefallenen Patienten können wir nicht durch mechanische oder chemische Eingriffe wiederbeleben; Medikamente lindern, doch heilen nicht (sie verdecken die Symptomatik).

Die tote Sprache können wir nicht mittels Injektionen aufputschender Rhetorik oder einer ideologisch verlogenen Phraseologie wiederbeleben; Parolen, Bekenntnisformeln, grelle Phrasen sind nur bunte Spruchbänder am Leichnam des Worts.

Mephistopheles sagt: „Das Bild vom seinem Werk zugetanen Schöpfergott, das Bild vom Erlösergott, der seinen Sohn zur verirrten Herde hinabschickt, um die verlorengegangenen Schafe einzusammeln, ist der vergebliche Einspruch gegen die todgeweihte Verlorenheit des Menschentieres und die unaufhebbare Einsamkeit des menschlichen Herzens.“

Indes, zu dem wahrhaft Gläubigen und Frommen sprechen in Liedern und Legenden, in rituellen Gesten und kultischen Zeremonien der in der Sprache aufbewahrte Geist der Ahnen und der hohe Sinn der Heiligen.

Einsamkeit oder das Zerreißen der mit einem Kollektiv verbindenden und scheinbar Halt verleihenden Fäden ist die notwendige Bedingung der Wahrhaftigkeit, nämlich dafür, man selbst zu sein und was man sagt und tut nicht in der Maskerade und einzig im Auftrag einer fremden Macht auszuführen, ob es nun eine Partei ist, eine Organisation oder eine Ideologie.

Achilleus kämpft für die Hellenen, zieht sich aber, gekränkt durch ihren Anführer Agamemnon, vom Kriegsgeschehen zurück, bis die ohne seinen Schutz über alle Grenzen brandende Woge der feindlichen Angriffe schließlich auch seinen Freund Patroklos verschlingt. Er, der Einzige, rächt seinen Tod, er, der Einzige, gibt den Leichnam des von seiner Hand gefallenen Hektor dem Flehen des trauernden Vaters heraus. – Obwohl er um seinen frühen Tod weiß, entzieht sich Achilleus nicht feige der Gefahr; er wählt das kurze, intensive Leben, weist verächtlich ein langes, aber glanzloses von sich. Achilleus verkörpert, was die Griechen unter dem Adel heroischen Daseins verstanden.

Wir können eine vornehme Haltung aber schon in der Weigerung des Einzelnen sehen, in der scheinbar bergenden, in Wahrheit verschlingenden Flut der anonymen Masse unterzutauchen.

Der depressive Hans hat sich verloren, weil ihm die Fähigkeit zu Schaden kam, vertrauend und liebend du zu sagen.

Maschinen, auch demnächst einmal biologisch zu konstruierende, werden nicht gezeugt und nicht geboren, sondern von Menschen entworfen und geschaffen, sie sterben nicht, sondern gehen kaputt.

Wir freuen uns wie an einer aufgegangenen Knospe am Lächeln des geliebten Menschen, wir trauern um seinen Verlust. – Wir mögen erfreut feststellen, daß die Algorithmen ausführen, was wir mittels Tastatur befehlen, aber wir trauern nicht, wenn die Maschine ihren Geist aufgegeben hat.

Mephistopheles sagt: „Ich habe Faust vorgeführt, wie der Homunkulus in der Retorte erwacht und munter zu plappern beginnt. Und Helena gar, ist sie nicht eine Chimäre seines monomanischen erotischen Begehrens, aus dem Totenreich heraufbeschworen, und doch Gegenstand seiner glühenden exaltierten Liebesrede? Müßte er nicht beim Verlust dieser Illusion in tiefe Schwermut versinken, würde sie am Ende nicht die Erscheinung Margaretes, der aufgrund seiner erotischen Obsession tragisch ums Leben gekommenen frühen Geliebten, ebenfalls von den Toten erstanden, ja selbst der Madonna ersetzen?“

Die Depression des Patienten mutet wie die Folge einer Kastration des Organs der Ich-Empfindung an.

Verlust der lebendigen Sprache: Er gleicht der Austrocknung und Verkarstung des nährenden Bodens, sodaß die Flora nach und nach abstirbt.

Mephistopheles sagt: „Was da immer schwatzt und schwadroniert, palavert, plappert und parliert, ist wie das unausgesetzte Ticken einer alten Standuhr auf dem dunklen Korridor. Doch diese Uhr, sie kann nur einmal aufgezogen werden.“

Das Ticken ist mechanisch, das Sprechen nicht. Wäre Sprechen eine Art Mechanismus, verlöre die Rede von Wahrheit und Bedeutung jede Berechtigung.

Der alte Meister, der mit Mephistopheles Umgang pflog, erlebte nicht eine Pubertät allein, sagt er, sondern neues Sprossen von Sprache und Empfindung auf unterschiedlichen Altersstufen.

Das Kind spricht mit der Puppe, weil die Puppe mit ihm spricht.

Mephistopheles sagt: „Betrachtet euch als Marionetten in der Hand des großen Puppenspielers, und ihr versinkt in einen wüsten Traum, aus dem kein Wort der Liebe euch erweckt.“

Wir werden zur Einsicht gelenkt und dürfen wohl an ihr festhalten, daß eine Mannigfaltigkeit von originären Begriffen, Urbegriffen im Bereich der Sprache, nicht unähnlich den Urphänomenen Goethes im Reich von Licht und Schatten, Knoten in einem Netz darstellen, die nicht aufeinander noch auf andere Begriffe zurückgeführt werden können. Zu diesen gehören Begriffe wie Bedeutung und Sinn, Wahrheit und Falschheit, Ich und Er (oder die entsprechenden Vertreter der 1. und der 3. Person im jeweiligen Sprachsystem), aber auch Gut und Böse, Schön und Häßlich.

Mephistopheles sagt: „In der Polarität der Begriffe und Phänomene muß auch die dämonische Macht von Negation und Zerstörung walten. Der Anziehung entspricht die Abstoßung, der Liebe die Abneigung, der Ordnung das Chaos. Mögen Begriffe elementar und urtümlich sein, nichts hindert, das Netz, in dem sie hängen, zu beschneiden, zu verzerren, auseinanderzureißen.“

Werden Welten, Körper, Sprachen und Kulturen auch zerfallen, erlöschen, verstummen, die Kräfte, die sie aus dem Chaos und aus dunklen Stoffen ins Licht der Gestaltung und klarer Strukturen heben, sind nicht weniger mächtig als ihre Gegenkräfte.

Mephistopheles sagt: „Mögen diese polaren Kräfte schon in der Urnacht des Universums geistern, betrachten wir sie als gleichen Wesens, als rein physikalische nämlich, dann wird die alte Ehrfurcht vor den kosmischen und organischen Ordnungen und Strukturen verblassen und das philosophische Staunen als archaischer Reflex des unreifen Menschen entlarvt werden.“

Was wir als Ordnung und Struktur in Galaxien und Planetensystemen wahrnehmen, in den Perioden der chemischen Elemente und der Abbildung ihrer atomaren und subatomaren Gliederungen und Prozesse durch mathematisch präzise Modelle, in den subtilen Aufbauten von Gen und Zelle, Organ und Organismus, Blüte und Blatt, schließlich in den logischen Strukturen der Zahlensysteme und der Aussagetypen, aber auch den kristallinen Gebilden in Kunst, Musik und Poesie – all das läßt sich nur mutwillig, unter Vernachlässigung der in ihnen waltenden logischen Mannigfaltigkeiten, in das Schema einer einzigen Bestimmung, wie der physikalischen, zwängen.

Wären alle Phänomene, einschließlich der geistigen, physikalisch-naturalistisch reduzierbar und erklärbar, verlören die für unsere Lebenswelt konstitutiven Begriffe wie Bedeutung und Wahrheit, Sinn und Unsinn, Maß und Unmaß, Recht und Unrecht, Wohltat und Verbrechen, ja selbst die Ausdrücke für Empfindungen und Gefühle all ihren Wert und Rang und müßten am Ende als überflüssiger mythologischer Dekor von der anonymen Festplatte der Evolution und unserer angeborenen und adaptiv optimierten natürlichen Verhaltensprogramme getilgt werden.

Indes, um zu deklarieren, daß diese und jene Begriffe und Konzepte notwendig als illusorisch, trügerisch, mythologisch zu tilgen seien, müssen wir die Wahrheit und Bedeutsamkeit der Aussagen unterstellen, die sie verneinen. Wir können aber nicht behaupten, Begriffe wie Wahrheit und Bedeutung seien auf physikalische Vorgänge zu reduzieren, ohne uns zu widersprechen.

Mephistopheles sagt: „Ich bin der Geist, der stets verneint! und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.“

Der Tod ist kein Einspruch wider das Leben dessen, der ihn notwendig erleidet.

Das Wissen um die Tatsache, daß in ein paar weiteren hundert oder tausend Jahren die Menschheit und die Kulturen von der Erde verschwunden sein werden und also Gedichte nicht mehr gelesen, Sonaten nicht mehr gehört und Gemälde nicht mehr angeschaut werden, ist für den schöpferischen Menschen kein Grund, sie nicht zu schreiben, sie nicht zu komponieren, sie nicht zu malen. – Gibt einer aber diesen Umstand für einen solchen Grund aus, bezeugt dies nur, daß er in Wahrheit unschöpferisch ist und er ihn zum Vorwand nimmt, um sein mangelndes Talent oder seine Faulheit zu bemänteln.

Die Schönheit steigt in ihrem Wert, je fragiler, vergänglicher und unwahrscheinlicher uns ihr Dasein anmutet.

Den mephistophelischen Bedeutungsskeptizismus kann man nicht unter Zuhilfenahme eines neu zu entfaltenden Konzepts der Natur, das anders als die bestehende Naturwissenschaft den Begriff des Geistes ab ovo enthält, widerlegen, sondern mittels klarer semantisch-logischer Überlegungen.

Ohne Entstehen und Vergehen, ohne in die zeitlichen Verläufe und Prozesse des Wachsens und Reifens, Blühens und Welkens, Erinnerns und Vergessens eingebettet zu sein, wäre unser Dasein ein schales, unwirksames Salz, ein fahles Bild ohne Schatten, eine Fuge ohne Kontrapunkt.

 

Feb 3 24

Skulptur des Winds

Skulptur des Winds,
stumm auf das stumme Moos
hinabgeflügelt,
Ranken lechzen schon,
wo es noch bebt,
Schatten.

O Symmetrie aus fiedrigem Gespinst,
Maßwerk, das in die Blaue träumt,
dem Hauch vermählter Flaum,
o grauen Sturmes
Wappen lilienhell.

Wo ist dein Pindar,
wo ist dein Horaz?

*

Wort und Kristall,
sie tauen auf zum Glanz,
um haltlos hinzurinnen
in all die Mulden
undeutbaren Traums.

*

Und tiefer in der Nacht
gefriert der Liebe Tau,
o reiner Schmerz,
zum Traumkristall.

*

Noch harret ungesagt,
was in grünen Adern sinnt,
von Rauhreif keusch verdeckt.

Mag nur der bunte Tag
mit Quellen plaudern,
gurren mit den Tauben.

Verschwiegen bleibt,
was Erde dunkel quält,
was an süßem Duft
der armen Menschenseele
die Sonnenknospe
vor dem Mond verschließt.

 

Feb 3 24

Charles Baudelaire, Recueillement

Sois sage, ô ma Douleur, et tiens-toi plus tranquille.
Tu réclamais le Soir ; il descend ; le voici :
Une atmosphère obscure enveloppe la ville,
Aux uns portant la paix, aux autres le souci.

Pendant que des mortels la multitude vile,
Sous le fouet du Plaisir, ce bourreau sans merci,
Va cueillir des remords dans la fête servile,
Ma Douleur, donne-moi la main ; viens par ici,

Loin d’eux. Vois se pencher les défuntes Années,
Sur les balcons du ciel, en robes surannées ;
Surgir du fond des eaux le Regret souriant ;

Le Soleil moribond s’endormir sous une arche,
Et, comme un long linceul traînant à l’Orient,
Entends, ma chère, entends la douce Nuit qui marche.

 

Einkehr

Sei klug, mein Schmerz, magst stiller noch dich halten.
Du riefest nach dem Abend; sieh, er sinkt ins Tal:
Die Stadt umhüllen schon des Zwielichts Dämmerfalten,
den einen Frieden bringend, den andern neue Qual.

Und lecken all die ruchlosen, die Mißgestalten,
geschunden von der Geißel Lust, dem Schinder Baal, ,
Tropfen der Bitternis, trunkne Fliegen in Abortspalten,
reich, o mein Schmerz, hier ganz entrückt, mir, deinem Gemahl,

die Hand. Sieh beugen sich die abgelebten Jahre
von Brüstungen des Himmels, allen Schmuckes bare;
sieh lächelnd das Bedauern überm Meergrund schweifen,

sich sterbend Sonne betten unterm Felsenbogen,
als ließ gen Osten sie ein langes Grabtuch schleifen,
kommt, sieh doch, Liebe, kommt die süße Nacht gezogen.

 

Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=z7hxOcoUoic

 

Feb 2 24

Jenseits von Kitsch und L’art pour l’art

Auffordernd-schlüpfrig mit dem Versfuß wippen,
mit parfümierten Reimen Hirne lähmen
gleicht Strichers Zischen, Feuchten fetter Lippen,
Spruchbändern, die den Leichnam Wort verbrämen.

Die Feder schweben lassen in der Leere,
im blauen Abgrund bleichen Wortes Wolke
macht schwindeln wie auf Charons schwanker Fähre,
erbrechen wie der Trank verschäumter Molke.

Der Muschel und was rauschend Meerflut reimte
darf des Gedichtes reine Hülle gleichen,
doch hoffen wir, es wird, was in ihm keimte,
der Perle Glanz, Perlmutt des Sinns uns reichen.

Verachten wir, was hurt mit feilen Phrasen,
uns schenke Duft, was ragt aus schlanken Vasen.

 

Feb 1 24

Gang ins Blütenlose

Wir gehen Wege, dunkle, blütenlose,
kein Tau glänzt und kein Mond erglüht
Wir fragen nicht mehr nach der Himmelsrose,
nicht ob das Reis am Dorn erblüht.

Die uns beseelt, erloschen sind die Feuer,
zerbrochen Bildnis und Altar,
wo sich gerankt einst Hymnen, das Gemäuer
ragt öde, aller Ranken bar.

Uns blieben Worte, Knospen, wie von blasser
feenhafter Hand im Traum gepflückt,
doch haben keine Schale wir, kein Wasser,
daß uns ein Sinngedicht noch glückt.

O Duft, den jene Knospen einst verhießen,
kein Gnadenstrahl ist, sie uns aufzuschließen.

 

Jan 31 24

Der sentimentale Maulwurf

Ein Maulwurf mußte weinen,
als jäh aus dunklem Schacht
ihn hob hinan ein Scheinen,
des Himmels blaue Pracht.

Es konnte Weite fühlen,
ein Wehen grenzenlos,
der immerdar muß wühlen
sich durch der Erde Schoß.

Den Duft, wenn Blüten zittern
im lauen Sommerwind,
aufseufzend durfte wittern
der Blinzler farbenblind.

Es sang im Abendfrieden
ein Vogel wunderbar,
dem Leben abgeschieden
die stumme Gruft nur war.

Ein Säuseln süßer Schauer
hat ihm das Fell erquickt,
der haust in Grabluft, grauer,
dem Rosenduft entrückt.

Da schreckte auf Wehklagen
den Maulwurf, der fast schlief,
ein Wehlaut voll Verzagen,
der winselnd nach ihm rief.

Die Schwester war’s, die kleine,
die früh heut ausgebüxt,
Blut troff ihr von dem Beine,
hat albern nur geknickst.

„Ach, Bruder, laß uns tauchen
und schlüpfen in das Loch,
hörst du das wilde Fauchen,
sie frißt am End mich noch,

die Unholdin, die Katze,
sie hat mich schon verletzt
mit ihrer Mördertatze,
die Zähne schon gewetzt

an meiner zarten Hüfte.
Fluch auf die Blumenwelt,
saugt Traum auch ihre Düfte,
von eitlem Glanz erhellt.

Es lauern Nacht-Dämonen
in ihrem Lichtgefild,
die unsres Volks nicht schonen,
wenn Dunkel es nicht hüllt.“

Sie huschten flugs, die beiden,
zum Hort der Finsternis,
das Böse zu vermeiden –
im blauen Bild der Riß.

 

Jan 30 24

Der schlaue Floh

Es war ein Flöhlein zart,
hat bitterlich gefroren,
das Weiche wurde hart,
es gab sich schon verloren.

Kein Vieh hat sich erbarmt,
sie wedeln’s aus den Ställen,
ein Engel hätt’s umarmt,
doch gehn sie nicht in Fellen.

Da hat der Floh erblickt
ein Hündchen einsam trotten,
sein Pelz hat ihn bestrickt,
zwar räudig und voll Zotten,

er tänzelt vor dem Hund.
Als hätt er Musengaben,
floß es aus seinem Mund,
wie Honig fließt aus Waben:

„Du schönes Fabeltier,
wie glänzt dein Aug, die Pfoten
sind samtene Polster vier,
wie seidenfein sich knoten

die Locken dir im Haar.
Laß mich am Ohr dir schmachten,
mit Hymnen wunderbar
in Schlaf dich wiegen, sachten.

Dein Hauch ist wie Parfüm,
gepreßt im fernen Osten
aus blauendem Geblüm,
das nur die Schönsten kosten.

So vornehm, wie du bist,
magst einen Floh dir halten,
der auch ein Sänger ist,
zu rühmen Lichtgestalten,

der Ahnen edlen Stamm,
dem Mond und Sonne glühten,
dich als das Kalligramm
aus seinen schönsten Blüten.“

Solch schmeichelndem Gesumm
kein Hund kann widerstehen,
von Lobgelalle dumm,
die Augen mußt verdrehen.

Und schwupp war schon der Floh
ihm in das Fell gedrungen;
der Hund ward sein nicht froh,
hat nie ein Lied gesungen.

Er zwickte ihm ins Ohr,
wie widrig war sein Schmatzen,
Vernichtung er ihm schwor,
doch half kein Schnappen, Kratzen.

Der Floh, er hat es warm,
die Musen, sie entschweben,
dumpf, ohne ihren Charme
geht hin ein Hundeleben.

 

Jan 29 24

Abschied vom Strom

Und wir gingen ohne Hoffnung
auf der Liebe Wiederkehr
dort am Uferschilf entlang,
wo der Strom uns einst berauschte.

Sprache flattert noch ein wenig
Menschen, die sich nicht mehr küssen,
einem zarten Vogel gleich,
der verwaist im Dunkel singt.

„Lieber“, sagtest du (ja, Lieber),
„wo sich unsre Bahnen kreuzten,
klafft ein leerer Ort für immer,
ihn zu füllen bleibt kein Bild.“

Und es streifte deiner Hand
blasser Flügel durch die Halme,
der alsbald versank, zu müde
für den Flug ins Abendrot.

„Liebe“, sagte ich (ja, Liebe),
„wo dein Blick sich hat gefeuchtet,
als mein dunkelnder ihn traf,
glänzt mir Tau am schwarzen Mohne.“

Und ich pflückte wie im Traume,
von der Hasel, die schon blühte,
fern sah ich die Welt, verschwommen,
fühlte bang den Flaum der Knospe.

Alter Strom, er rauschte weiter,
doch wir hörten es nicht mehr,
und wir gingen stumm wie Fremde
in die Dämmerung, die Nacht.

 

Jan 28 24

Die Parze lächelt

Du leitest sie beim ersten Rendezvous
um einen blauen See im Kreise,
du wölkst um sie das edelste Geschwätz,
doch geht sie dir, geht nicht ins Netz,
ach, es klebt dir unterm rechten Schuh
die stinkende, die Hundescheiße.

*

Haltung nennen einen Stock,
den man würgend hat verschluckt,
kleben wie an Mutters Rock
an den Phrasen, frisch gedruckt.

*

Fadenscheinig Verses Hülle,
schimmert durch die schlaffe Haut,
abgegriffen, ohne Fülle,
eine Metze, keine Braut.

*

Frühlingswind weht hin Verlaine,
der gespielt in weichen Locken,
aufgewühlt hat Mondes Flocken
aus dem Schlummer trunkner Schwäne.

Doch ihm blieb nicht lange trocken
seine Zunge, manche Träne
brachte Liebe ihm, Hyäne,
ihr Geheule ließ ihn stocken.

*
Die Parze lächelt, spinnt den Faden
sie summend weiter noch für einen,
der bang im Dunkel hofft auf Gnaden,
Gestirne, die nur Dichtern scheinen.

Sie lächelt, blitzt die Silberschere,
um das Gespinste zu zerschneiden,
verworrenes Leben, dunkle Märe
von weher Lust, verzückten Leiden.

*

Zitternd hob er an die Schale,
zart bemalt, aus Porzellan,
wie zum Dank beim Opfermahle
ein Horaz es einst getan.

Und die Tropfen fielen golden
auf der Erde dunklen Grund,
doch erschienen nicht die Holden,
die ihm früh gesalbt den Mund.

*

Und hatten Schatten wir am Sonnentage,
die still sich um die Hügel drehten,
und Lauben, die uns Funken wehten,
strömt dir ins Lied nur immer dunkle Klage.

War noch das Leuchten einer fernen Quelle
in unseren Worten, Blicken, Gesten,
uns Seelen nah, die unverwesten,
legt schwarzen Mohn dein Lied uns auf die Schwelle.

Und gingen Hand in Hand wir auch am Strome,
aufs Wasser Blüten hinzustreuen,
daß sich das Bündnis mocht erneuen,
ein Engel weint dein Lied, verwaist im Dome.

 

Jan 27 24

Das Hündchen der Mulattin

O wenn goldene Tropfen glimmen
auf den erdenbraunen Lenden,
möchte um mein Fell sich wenden,
feucht mein Demutsblick verschwimmen.

Warf sie mir den Ball, den roten,
bin ich nur noch Japsen, Hecheln.
Lockt mich feenhaft ihr Lächeln,
leg aufs Knie ich ihr die Pfoten.

Freudig stürz ich nach dem Stöckchen,
weit geschleudert in die Wellen.
Atem hab ich kaum zu bellen,
klingt am Fuß das Silberglöckchen.

Harr ich vor verschlossener Türe,
dringt von drinnen Seufzen, Stöhnen,
übertönt nur von dem Dröhnen,
das im Herzen ich verspüre.

Ist der Fremde doch verschwunden,
darf ich auf dem Schoß ihr liegen,
will sie summend mich einwiegen,
träuft ihr Lied Schlaf in die Wunden.

O sie singt von fernen Landen,
wo im Mond die Blüten schauern
und an lotusweißen Mauern
Wogen trunknen Lichtes branden.

Ach, ich möchte sie gern fragen,
ob dort atmen Hündlein Stille
auch in blauen Liedes Hülle,
winseln kann ich nur, nichts sagen.

 

Jan 26 24

Falstaff

Ich will saufen, schlafen, saufen,
wenn ich einmal auf mich recke,
süßen Duft des Abends schmecke,
muß ich mir die Haare raufen.

Hör ich Tauben voll Entzücken
dunkel gurren, lieblich schwirren,
Mädchen kichern, Mädchen girren,
will den Erdball ich zerdrücken.

Fühle ich das heiße Rasen
schwellen meine schlaffen Venen,
will ich mich ins Dunkel lehnen,
Sonne soll mein Furz ausblasen.

Was anämisch Dichterlinge
von der Rose Glut geschrieben,
laß in Flocken ich zerstieben,
bis mir Schnee ein Grabtuch bringe.

Daß es unterm Strahl nicht taue,
will ich bergen mich im Schatten,
wie es tun die schlauen Ratten.
Gramverfettet Herz, ergraue.

Ruft empor mich die Posaune,
will ich, daß der Wanst mir bleibe,
Hüpfburg am verklärten Leibe,
hebend schlanker Engel Laune.

Gottes Milde wird verzeihen,
daß ich aus dem Lot geraten,
roch ich einen fetten Braten,
lüstern-dumm nur konnte freien.

War auf Erden schon ein Büßer,
dank der Damen Spott und Höhnen,
doch mich kann ein Kuß versöhnen,
eines Cherubs himmlisch-süßer.

 

Jan 25 24

Fremd in der Fremde gehen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die heimische Zecke träumt nicht von exotischen Ländern, wo sie sich von einer Palme auf heiße braune Haut fallen ließe; sie bleibt, wo sie ist; sie saugt, was sie kann, und taumelt dann traumlos zur Erde.

Zeus schwebt nicht, sondern thront.

Das Leben ist ein unausgesetzter Disput zwischen der Schwerkraft und dem Licht. – Meist stirbt ihnen der Gegenstand ihres Streits unter der Hand weg.

Der Schwerkraft trotzend treiben Keime aus dem Dunkel der Erde ihre Sprossen hervor. Wie sie sich im Winde wiegen, den Schmelz des Lichts zu genießen.

Das Trauma der Geburt ward uns gnädig aus dem Gedächtnis getilgt; und dennoch gibt es Spuren in Empfindungen von Enge und Gefühlen von Ausweglosigkeit; Scheu vor grellem Licht; Verstörung durch den Lärm der Welt: in utopisch-religiösen Bildern vom Ausgang aus der Gefangenschaft durch ein lichtes Tor.

Die Heiterkeit und Abgeklärtheit, wie sie selbst Goethe und Nietzsche nur in seltenen Augenblicken erlebt haben, ist kein Wesensmerkmal des deutschen Charakters; das Lächeln Buddhas kein vorwaltendes Kennzeichen seiner Physiognomie.

Der brave deutsche Michel hat sich reumütig damit abgefunden, seinen Untergang durch Selbstzerfleischung masochistisch zu genießen oder in karnevalesken Bacchanalen zu feiern.

Drängten Millionen Angehörige der weißen Rasse in China oder Zentralafrika ein, sprächen die guten Seelen in Tönen hochmoralischer Entrüstung und scheinmoralischer Verzückung von kolonialistischer Invasion und genozidaler Barbarei; doch wenn umgekehrt …

Menschen sind natürliche, doch höchst problematische Lebewesen, weil sie dank der Sprache das Subtilste und Sublimste zum Ausdruck bringen, aber auch aufgrund semantisch bedingter Mißverständnisse und verzerrter Bilder in große Verwirrung gestürzt werden können.

Den kausalen Nexus zwischen ethnischem Substrat und sprachlich-kultureller Höchstleistung wie bei den alten Juden, Chinesen, Japanern, Spartanern, Kelten und Germanen und anderen Völkern zu sehen und zu analysieren, ja bloß zu konstatieren, gilt nunmehr schon als ein Kennzeichen verfemten Denkens.

Nicht anders steht es um die Weigerung, die seltenen Aberrationen zwischen den Polen des männlichen und weiblichen Geschlechts als exotische Blüten der Evolution zu verklären oder gar als konventionelle soziale Konstrukte zu klassifizieren.

Es bedurfte des jahrhundertelangen Phantasierens und Erzählens in germanischen Stämmen, bevor wir all die Märchen in Händen halten konnten, wie sie die Gebrüder Grimm gesammelt haben, und deren fiktionale Welt die reale des deutschen Waldes voraussetzt.

Liegen, Stehen, Gehen sind die allernatürlichsten Haltungen und Handlungen; sie steuern den Haushalt der Seele.

Aufstehen, doch wozu; Gehen, doch wohin; die grundlegenden Fragen, die aus der Natur des Menschen ins Metaphysische zu wuchern geneigt sind.

Geben und Nehmen, Zeigen und Verhehlen, Herrschen und Dienen, Lieben und Hassen – natürliche Gesten und Verhaltensweisen, die je eigene Bedeutungsvarianten ins Spiel bringen; so ist etwa die Gabe Geschenk, Gunstbezeigung, Huldigung oder eine Form der Demütigung.

Der Kampf mit der Schwerkraft ist ein Grundzug des menschlichen Dramas; Gleichgewicht – natürliche Disposition und zugleich seelisches, ja ästhetisches Ideal.

Die geniale Einsicht, daß selbst der beschwingte Flügel des Widerstands der Luft bedarf.

Intelligenz das Rinnsal, Dummheit der Ozean.

Will man den armen, aber frommen Juden unterm Dach nötigen, am Schabbes die üblen Dünste ranzigen Schweinefetts einzuatmen, die aus der unteren Wohnung der Gojim aufsteigen?

Jovialer Gleichmut und herrscherliche Gravität pflegen gern auf erhabenen Sitzen zu thronen; Dichtung und Musik nahe Geister wie Apoll und Eros zu schweben.

Der in unbekanntes Gelände vordringt, in zwielichtige, neblige Gefilde, tastet sich voran, die Festigkeit des Bodens prüfend, hält inne, um zu lauschen, lächelt, sieht fern er ein Licht. – So der Dichter, der ins unbekannte Gelände neuen dichterischen Ausdrucks vordringt.

Freilich, der Routinier stapft Gassenhauer pfeifend über ausgetretene Pfade.

Das Wort, das nicht leicht über die Lippen kommt, das Wort, das die Zunge kitzelt wie ein fremdes Haar.

Beneidenswert scheint, wem die Gemeinde andächtig lauscht; suspekt, wer ihr den gewohnten Happen darreicht.

Opern- und Liedsänger sind im Vorteil, weil ihr professionelles Training ihrer seelischen Gesundheit mittels reichhaltigen Ausdrucks aller möglichen Empfindungen und Gefühlslagen förderlich ist.

Während er schläft, unterreden sich Hirn und Herz, wie lange sie den Budenzauber noch mitmachen wollen. Das Hirn sagt: „Pumpst du weiter das Blut, was soll ich anderes tun als denken?“ – Das Herz: „Denkst du weiter Gedanken, die mich aufstören, quälen, erregen, was soll ich anderes tun als zittern und pochen?“

Das ameisenhafte Gewimmel in den großen Metropolen ist nicht Leben, sondern Gieren, Hasten, Raffen, Sorgen, um noch einen Tag zu leben und dann … noch einen Tag.

Jener errichtete sich das Monument seines Werks, um seinen Namen zu verewigen; nun ward es zu einem Mausoleum, halb eingesunken in den Schlick der Geschichte, überwuchert von einem Dornengestrüpp der Gelehrsamkeit, das seinen Eingang versperrt.

Die Metropole ist die Retorte, aus welcher der Homunculus hervorgeht.

Die Künstlerischen und Musischen, die Seltenen, sie hausen nun in düsteren Kammern, ähnlich den Frommen, die ihren alten Ritus verborgen und im Abseits, in Schuppen und Katakomben, feiern.

Das Tier erfüllt den Kreislauf des Daseins; der Vogel nistet, bebrütet das Ei, nährt die Jungen, bis sie flügge werden, und wenn das sinkende Herbstlicht das tiefe Gedächtnis weckt, hört man den jubelnden Schrei beim Aufflug gen Süden. – Was erfüllt des Menschen Dasein, auf daß er ohne Wehmut oder Groll Abschied zu nehmen vermöchte?

Die Hoffnung, in der Sprache die Nähe des Miteinanders zu finden, trog; nun flüchtet er in die Einsamkeit der Stille, nun muß er fremd in der Fremde gehen.

Als wären wir von außerirdischen Wissenschaftlern in eine virtuelle Welt versetzt, die der unseren aufs Haar gleicht, und sie machen mit uns Experimente: Wie wir auf verstörende und traumatisierende Begebenheiten reagieren: auf einen Verlust (unser Hund liegt morgens tot neben dem Bett), auf eine Drohung (man sendet uns beängstigende Mails), auf eine Trennung (unsere Liebe schickt uns einen Abschiedsbrief); für uns ist es Ernst, für sie wie für die olympischen Götter eine Komödie und ein neckend-unterhaltsames Gaukelspiel, dem die wissenschaftliche Maskerade nur zum Vorwand dient, eine andere Form des Voyeurismus zu befriedigen.

Unrecht ist die Negation von Recht. Unfall nicht die Negation von Fall, sondern eine Varietät in der unendlichen Reihe aller möglichen Fälle.

Unfälle, eine quantité négligeable der Philosophen, geschehen aus heiterem Himmel (uns fällt ein Dachziegel auf den Kopf) oder aus mangelnder Aufmerksamkeit (wir schneiden uns in den Finger); scheinbare Unfälle, wie der Verkehrsunfall, können sich im nachhinein als absichtsvolle Handlungen erweisen (wenn es sich um die Tat eines Amokläufers handelt). Kleinere Unfälle stecken wir weg (die Wunde am Finger heilt von selbst), größere führen zu einem Einschnitt in der Biographie (er kann nach dem Infarkt nur mehr unverständlich lallen).

Ein Mensch wird nach dem ersten psychotischen Schub, dem seelischen Unfall, zum psychiatrischen Fall; er sieht sein bisheriges Leben im Zwielicht der erlebten psychotischen Phänomene (es war klar, daß sie ihn loswerden wollten, sie haben sich von jeher gegen ihn verschworen; jetzt weiß er, warum sie ihn verlassen hat).

Ein Mensch sieht nach einem religiösen Erweckungserlebnis (ein Engel erscheint und zeigt ihm eine Tür, die ins Paradies führt; die Tür ist verschlossen, er muß den Schlüssel finden) sein bisheriges Leben als Irrgang durch ein Labyrinth; jetzt weiß er um den Ausgang, kann ihn aber noch nicht durchschreiten. Wo mag der Schlüssel sein; was mag der Schlüssel sein? Ist er es selbst, in verwandelter Gestalt? Wie die Wandlung herbeiführen? Durch Fasten und Beten, durch Singen und Psalmodieren, durch aufopfernde Caritas?

Manchmal können wir den psychiatrischen vom religiösen Fall nicht klar unterscheiden. – Gott mag es können.

Ein Merkmal des Traums liegt in dem Umstand, daß wir seine Schein-Wahrnehmungen während des Traumgeschehens nicht überprüfen können; während wir dies im Wachzustand ständig tun oder tun können (wir verbessern die grammatischen oder semantischen Fehler während des Redens und Schreibens). Die Ähnlichkeit des Wahns mit dem Traum zeigt sich in eben diesem Mangel an Eigen-Korrektur.

Ansonsten sehen wir den Verstand, selbst den scharfen, im Dienste des neuen Herren, des Wahns,arbeiten: „Er verfolgt dich nicht, er ist hinter uns schon vom Weg abgebogen.“ – „Das macht er aus List, um aus einer Seitenstraße wieder zu mir zu stoßen.“ – „Hier wohnen keine Juden, die dir nachstellen und dein Denken beeinflussen könnten.“ – „Sie sind sehr intelligent und arbeiten mit ferngelenkten Strahlen, die mich aus dem Smartphone heraus abtasten, durchleuchten und einzelne Organe angreifen.“

Man kann sinnvoll handeln und reden, denn eine Handlung kann auch mißlingen (eine Lampe an eine tote Leitung anschließen) und eine Rede kann bloß Kauderwelsch sein; doch läßt sich begrifflich genau vom Sinn des Lebens sprechen, und was wäre sein Gegenteil? – Nichtsein ist nicht die Negation des Seins, tot zu sein nicht der Schatten des Lebens.

Wer immer nur Wasser getrunken hat, kann eine wunderliche Erfahrung machen, wenn ihm zum ersten Male ein guter Wein kredenzt wird; doch wer immer nur Zeitung gelesen oder das stereotype Gerede der öffentlichen Medien aufgesogen hat, wird, zum ersten Male mit einem Gedicht von Stefan George oder Georg Trakl überrascht, nichts weniger als eine neue geistige Erregung empfinden.

Verseuchung des Geschmacks durch Schule, Fernsehen und Internet; George, Hofmannsthal oder Karl Kraus konnten vielleicht den einen oder anderen aus dem Sumpf der Zeitungssprache emporziehen; aber hier ist kein George, kein Hofmannsthal und kein Karl Kraus.

Kein Trost ist, wenn wir die dialektische Wahrheit sehen: Gold kann ohne hintergründige Dunkelheit nicht glänzen; das schöpferische Wort blüht nur am Abgrund der Vernichtung; der Liebe fehlt die Glut, spielt Nachtwind nicht mit ihrem Licht; kein Leben ohne Abschied, Tod, Zerfall, soll es nicht wie im Mythos von Tithonos als schrille Zikade und schrumpelnde Mumie dahinvegetieren; kein Gott, dem nicht Satan widerspricht, oder kein Gott, der sich nicht geistreich mit Satan unterhalten mag.

In den Säulenordnungen der Griechen, den Oden des Horaz, in Mozarts überirdischen Melodien und Harmonien sehen wir das Gestalt gewordene geistige, seelische und ästhetische Gleichgewicht; wir aber müssen fallen, kaum daß wir uns ein wenig emporgereckt.

Wie manche fallen, mitten in der Komödie des Lebens, wenn Satan ihnen ein Bein stellt.

Und sehen wir, in einem geisterhaften Licht der Dämmerung, uns selber im Wasserspiegel lächeln, rührt alsbald ein fataler Wind die glatte Fläche auf, und unser Bild erlischt.

Was Gestalt in Wort und Geist gewesen, wurde Brei. – Ähnlich den kunstvoll verschnörkelten Ranken und zierlichen Rokokoaufbauten aus Zimt und Marzipan und Zucker, die im gierige Zugriff des treuen Wachhunds zermalmt und zermatscht werden.

Gemüt Gedärm, die Seele Dunst, und Liebe eine Niete in der Todeslotterie.

Wirken wollen, Absichten hegen, Tendenz bekunden ist im Gebiet der Kunst Ausdruck niederer Gesinnung.

Uns genüge die daseiende Vollkommenheit in der reinen Geste des Gebets, dem wie der Mond auf dunkelnden Wassern sich spiegelnden Reim, der unbewußten Träne am zitternden Lid.

 

Jan 24 24

William Shakespeare, Orpheus

(aus: Henry VIII)

Orpheus with his lute made trees
And the mountain tops that freeze
Bow themselves when he did sing:
To his music plants and flowers
Ever sprung; as sun and showers
There had made a lasting spring.

Every thing that heard him play,
Even the billows of the sea,
Hung their heads and then lay by.
In sweet music is such art,
Killing care and grief of heart
Fall asleep, or hearing, die.

 

Orpheus singt und Blätterkronen,
Gipfel weiß, vereiste Zonen,
neigen sich der Lyra Weise.
Halm und Blüte, sie entspringen,
wie bezaubert von dem Singen,
daß stets Bläue sie umkreise.

Alles will, vom Klang benommen,
Wogen selbst, meerschaumumschwommen,
sanft sich betten, niederknien.
Hohe Kunst schenkt solche Schauer:
Würgt die Sorge, quält die Trauer,
stillen Orpheus’ Melodien.

 

Jan 23 24

Bitterer Mohn

Nun liegt im Dunst die Bläue ferner Buchten,
das Lächeln der Lagunen ward getrübt,
vom weichen Melos, das du früh geliebt,
blieb nur ein Seufzen in den Geisterschluchten.

Auf grünem Samte dämmern bunte Steine,
Seestern und Muscheln, leerer Jahre Staub
läßt blassen sie wie Mond herbstliches Laub –
dir ist, als ob ein Kind im Dunkeln weine.

Und keiner ist, zu lauschen deiner Klage,
die wie ein Quellen aus der Erde bricht,
umsonst fleht sie zur Nacht um Sternenlicht,
versickert schon, stumm vor dem lauten Tage.

Ein bittrer Mohn läßt dumpf den Schmerz nur fühlen,
o kalter Kuß, die Stirne wird er kühlen.

 

Jan 22 24

Orpheus und Eurydike

Die Schatten, Orpheus, wie sie abseits standen,
daß aus dem Abgrund Liebe konnte steigen.
Dein Lied, vor dem Sirenen sich verneigen,
hat schon gelöst sie aus des Todes Banden.

Sie schwebte wie ein Mond in deinem Rücken,
daß sich gespensterhaft dein Schatten längte.
Bang, ob dein Herz sich an Chimären hängte,
hat Zweifel dich verführt, zurückzublicken.

So lassen wir Eurydike den Schatten,
heischt Nacht uns, ihre Blicke zu entbehren,
ungläubig, daß im Licht sie wiederkehren,
uns, deren Augen allzu leicht ermatten.

Willst, Dichter, Schatten du ins Leben leiten,
den eigenen laß auf lichten Versen gleiten.

 

Jan 21 24

Die Rose Schönheit fahlt

Die Wahrheit kann der Starke nur ertragen,
der Seele Licht, geflossen uns aus Blüten,
kein Engel kann sein Dunkeln noch verhüten,
die Rose Schönheit fahlt in Wintertagen.

Doch sind wir schwach und wollen sie bewahren,
uns schmerzt der Blicke Flackern und Ermatten,
uns fröstelt, wenn sie Wimpern tief beschatten
und Schnee stäubt auf den Samt von schwarzen Haaren.

So bergen wir in edler Verse Schreinen
die goldenen Bilder und die Weih-Ikonen,
daß wir vorm bittern Nachttau sie verschonen,
und öffnen sie nur leise, wenn wir weinen.

Schenk, Dichter, uns die Blüten, die nicht blassen,
o streu sie, da die Heimat wir verlassen.

 

Jan 20 24

Verhalt den Atem, Dichter

Geschundene Haut hat fühlsam sich bemüht,
ach Tropfen, die zu armem Glanz ihr rinnen.
Dem ward das Mark vom Flammenkuß verglüht,
birg, Gottes Engel, ihn in keuschen Linnen.

Auf Rosen, alle Sehnsucht aufgezehrt,
siehst du den Säumer in die Leere gähnen.
Wem blieb vom Lärm der Urklang unversehrt,
mag sterbend lauschen Sterbesang von Schwänen.

Sind Worte auch wie Perlen aufgereiht,
sie sind nicht echt, sie schimmern nicht im Dunkeln.
Die unscheinbaren, zartem Schmerz geweiht,
der süße Tau der Nacht, er läßt sie funkeln.

Wie eine Kerze, Dichter, sei dein Sagen,
verhalt den Atem, durchs Dunkel sie zu tragen.

 

Jan 19 24

Die Sprachkatze

Der verliebte Nieswurz

Ranunculus bulbosus, der Stinke-Nieswurz,
hat in die Lilie unerhörterweise
sich verknallt. Sag’s, Dichter, aber leise,
die stolze Schöne hält den Wurz sich kurz.

Der Stinker soll die Duftende nicht frein,
der Adamskloß nicht steigen zum Olympus,
homerisch schallt Gelächter auf den Klumpfuß,
im Blick der Schönen schrumpft Herr Hanswurst ein.

*

Die Trüben und Vulgären

Licht soll sich Trübem mengen,
Ruß über Rosen streichen,
die Würdigkeit nach Rängen
konformem Grinsen weichen.

Es schneiden die Vulgären
des hohen Stiles Sprossen
mit klappernden Wut-Scheren,
bis aller Glanz zerflossen.

Nicht Zeugen und Gebären
soll Sinn dem Dasein geben,
nicht Retten und Verklären
dem Wort der Dichtung Leben.

Die Schatten mimen Dramen,
es kreißen die Sterilen,
aus Tunten werden Damen,
Goldmund aus Infantilen.

Nicht Mann, nicht Frau soll länger
des Lebens Spannung künden,
der Bund nicht, nicht der Sänger
des Daseins Kreislauf ründen.

So sollen wir zerfallen,
Geschlecht und Wort und Blume,
doch Sonne hat noch Krallen,
zu lockern auf die Krume.

*

Das betörte Stachelschwein

Im Frühling weht der Flieder,
da fühlt das Stachelschwein,
das muß wohl Liebe sein,
senkt seine Stacheln nieder.

Ein holdes Weib zu finden,
rennt es durch bittres Kraut,
vergißt den Duft, die Braut,
will einen Eber schinden.

*

Die Sprachkatze

Der Dichter will von Liebe singen,
kaum schreibt er „L“, muß wider Willen
„Langweile“ ihm den Versfuß füllen,
die „Schwingen“ zwackt ihm ab ein „Zwingen“.

Und wieder haucht ihn an die Muse,
ihn aber würgt’s wie Mundes Fäule,
statt „heiter“ schreibt er „Eiterbeule“,
kein „Busen“ fliegt, es flockt die „Fluse“.

Trittst du der Sprache auf die Tatze,
wird sie nicht mauzen, sondern fauchen,
willst schmachtend in ihr Auge tauchen,
trifft dich das Blitzen einer Katze.

 

Jan 18 24

Zu lichten Auen

Laß, Liebe, uns die Dämmerpfade gehen,
die holden Duftes Waisen heimwärts leiten,
wo uns das bange Herz Gesänge weiten,
die aus dem Abgrund, dem gestirnten, wehen.

Kein Bild des Unglücks, das wir mußten leiden,
soll uns die tränenfeuchten Blicke wenden,
den Wunden werden Hauch und Heilkraut spenden
der Hymnen Höhen und der Oden Weiden.

Und sink ich in die Knie, wenn schon die Schneise
sich öffnet auf die Lichtung blauer Blüten,
will deinen Abschiedsblick im Traum ich hüten,
vollende du, mein eingedenk, die Reise.

Sing, Dichter, wie sich in den lichten Auen,
den fernen, die Erwählten Hütten bauen.

 

Jan 17 24

Mich hieß das Dunkel singen

Mich hieß das Dunkel singen,
bis mir ein Stern erwacht,
blind in das Feuer springen,
bis Asche ich und Nacht.

Ich war dem Tag verloren,
dem Brausen heller Flut,
Nachteinsamkeit erkoren,
schwamm Mond in meinem Blut.

Den Schmerzenspfad gegangen,
ward mir die Haut zerfetzt,
wie Schnee schmolz das Verlangen,
o Wasser, das nicht letzt.

Den Lippen blieb nur Lallen,
der Worte fader Tau,
was sang mit Nachtigallen,
o Herz, so stumm und grau.

 

Jan 16 24

Es dämmert schon

Es dämmert schon – fühlst du es auch, das Wehen,
aus Gärten kommt es, die wir längst vergaßen,
von Flüssen, wo wir einst am Ufer saßen,
ach, könnten wir dorthin, dorthin noch gehen.

Ein Siechtum hält im Dunkel uns gefangen,
wir sind der hellen Sommerbilder müde,
uns schmerzt die Lust, das Liebliche am Liede,
das uns der Heimat Sonnenkinder sangen.

O schließ das Fenster, Liebe, und entzünde
die Kerze, daß im Tanze stummer Schatten
wir unser Leben sehen sanft ermatten,
bis es erlöschend in die Leere münde.

Laß, Dichter, laß, kein Vers kann sie besiegen,
die Dunkelheit, wo die Verzagten liegen.

 

Jan 15 24

Das Stigma

Das Tuch, das sich um deinen Hals geschmiegt,
ich raff es auf, ob ich noch Wärme fühle,
doch gibt es mir nur eine matte Kühle
von keuschem Schnee, wie er auf Gräbern liegt.

Als läg dein Hauch noch auf dem gelben Taft,
dein Wehmutblick im feuchten der Narzissen,
wühl ich den Kopf ins zartbestickte Kissen,
daß endlich hellen Fühlens Nerv erschlafft.

Es hallt von Traum zu Traum wie im Verlies
ihr Lebewohl, daß sie nicht wiederkehre,
als ob mit seiner Flamme mich versehre
des Cherubs Schwert, der uns aus Eden stieß.

Das Stigma brannte schon im Mutterleibe,
es leuchtet bis zum Grab – o Nacht, du bleibe.

 

Jan 14 24

Die Abzweigung

Wir zweigen ab vom totplanierten Pfad,
mag auch das Zwielicht uns ins Dickicht führen,
sich unsre Spur in Dunkelheit verlieren,
fern leuchte uns grün-goldner Verse Saat.

Und hören wir die Stimme, die uns meint,
im Abgrund nur, im blütenlosen, quellen,
soll Bangen dir das Antlitz nicht entstellen,
sie ist der Born, der nach dem Lichte weint.

Zersprang das Lied wie dünnes Porzellan,
schien Schrillen allen Wohlklang zu ertöten,
mag Purpur fließen still von Abendröten,
der Vers im Schnee erblühen, Enzian.

Und stürzen wir, kein Engel mag uns halten,
durchblitzt der Strahl uns noch gleich Schaumgestalten.

 



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