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Apr 21 18

Anemonen

Von eigner Süße lächeln
eure Blütenkronen.
Ihr seufzt um unsre Seelen,
kleine Anemonen.

Ihr habt wie zarte Frauen
tränenholde Wangen.
Ihr löst wie Feen Kindern
dunkler Märchen Bangen.

Dem Wilden seid ihr Küsse,
harscher Firne Tauen.
Dem Milden seid ihr Fenster,
weichen Schnee zu schauen.

Wie könnt ihr selig hauchen
Anmut in dies Wüten?
Ihr seid an Dichters Pfaden
fernen Gottes Blüten.

 

Apr 20 18

Die Kastanie

Abseits ragt ein großes Leben,
das mit Schatten niederrauscht.
In den Schatten tropft von Kerzen
weißer Blüten weißes Licht.

In den hohen Blattgewölben
steigen Sterne auf und ab.
Kleinen Lebens Flaumgefieder
schüttelt Tau und schluchzt im Traum.

Aus den Wurzeln stummer Qualen
steigt der Hoheit reines Blut,
das in grüne Stachel-Schalen
rinnt, in braunen Nüssen klopft.

Schlanke Dienste, wie in Domen
Säule sich an Säule flicht,
hebt sich dankend unser Schweigen,
Herrin, in dein Kronenlicht.

 

Apr 20 18

Gehst du mit mir durch diese Nacht?

Gehst du mit mir durch diese Nacht,
in der uns einzig leises Rauschen
ferner Wogen Weisung gibt?

Hältst am bemoosten Stein du Wacht,
mit mir den Hauch zu tauschen,
wenn Trauer mich herniederzieht?

Laß mir zum Abschied nur das Wort,
von Nachtviolenduft verhangen,
das Wort, das jede Wunde schließt.

Und schreitest hoheitsvoll du fort,
erspäh ich noch der Locken Prangen,
wenn erster Strahl in ihnen spielt.

 

Apr 19 18

Die erloschenen Kerzen

Wir sind wie Kerzenstummel vor Altären,
wo Disteln wuchern, Gras und Reiser,
erloschen vor der Zeit in grauer Luft.

Doch brannten wir einmal vor sanften Bildern,
und Betern sangen wir den Dank aus Herzen,
die sich zum Lamm des Hirten hingeschmiegt.

Die Bilder wurden schwach und wurden dunkel,
der Dank ward ausgekehrt wie Flocken Asche
vom Sturm, der Dunst von Teer und Trübsinn spie.

Auch wenn wir heimatlos im Leeren liegen,
wir harren immerfort der sachten Schritte
des Kinds, an dessen Herz der Docht erglimmt.

 

Apr 19 18

Aus der Nacht der Rose

Die weiße Hand der Lilie
konnte mich nicht halten,
ich war nicht Flaum genug.

Der blaue Duft der Gärten
konnte mich nicht heben,
mein Schmerz war schon versteint.

Die holde Knospe Liebe
konnte nicht erblühen,
mir tropfte Harz der Dorn.

Der Sehnsucht Ringeltaube
fand mir keine Zweige,
verschollen war mein Schiff.

Nur aus der Nacht der Rose
troff von zarten Wimpern
aufs graue Herz ein Tau.

 

Apr 18 18

Dichters Stunde

Sachte klopft sie an
und leise tritt sie ein,
einer Hirtin gleich
mit begrüntem Weidenstab
und offen wallt das Haar,
in dem noch Blüten haften.

Sie legt sich ihm zur Seite,
der sich schon bettelnd
in die Dämmerung gekrümmt,
und schüttet ihrer Locken
Wogen über sein Gesicht,
und alle Ufer schwinden.

Sie öffnet ihr Gewand
und führt die ausgeblühte Hand
an ihre weiche Brust,
die Hügel eines Abends,
wo warme Lämmer weiden,
und öffnet ihm ein Tal,
sich weinend hinzubreiten.

Sie löst von Wimpern Tau,
der rinnt von Laub und Wangen
in die sanfte Nacht,
eine Quelle gibt sich ihm der Mund,
und ergeben trinkt er
Abschieds stillen Kuß.

 

Apr 17 18

Brief an den Verlag Rowohlt Hamburg zu dem Buch „Der Fortführer“ von Botho Strauß

An die Herausgeber des Buches „Der Fortführer“ von Botho Strauß

Sehr geehrte Damen und Herren,

auf der Seite 42 des von Ihnen dankenswerterweise verlegten neuen Buches von Botho Strauß „Der Fortführer“ mußte ich als ehemals ins Große Latinum mit Brille und in kurzen Lederhosen hinaufgezüchteter Knabe den wohl im atemlosen Aufflug des Parnass-Adlers den Klauen entfallenen hasenpfotigen Greuel „scintillae acrissimae“ gewahren. Ich hoffe, man hat Ihnen schon von berufenerer Seite geflüstert, wie die korrekte Bildung lautet (scintillae acerrimae). Wenn schon dem von mir geschätzten Autor, der gerne einem ausgefuchsten Graecisten und Latinisten wie Rudolf Borchardt auf nahem Gipfel zuzuwinken geruht, dieses Mißgeschick horribile dictu unterlief – hatte auch das Lektorat Ihres berühmten Hauses bei der Prüfung dieser Stelle ein homerisches Schläfchen befallen?

Ein Buch, dessen Verdienst nicht zum wenigsten darin liegt, Tauben Noahs über den Sintflutabgrund deutscher Geschichte und den immer längere Schatten werfenden Babelturm der Gegenwart in ein verheißenes Land der Dichtung unter dem entrückten Blau Goethescher Heiterkeits- und Hamannscher Rätselwolken hinausschicken zu wollen, sollte mit keinem Makel behaftet sein, der seinen edlen Einband wie der Tintenklecks eines Schülers entstellt, der sich unter dem ins Schulzimmer dämmernden Sirren der Sommerabendschwalben am Nachsitzenmüssen beinahe träumerisch rächt.

Ne spinae acerrimae, sed roris scintillae rosarum poetae animam lustrent.

 

Anmerkung: Bislang keine Reaktion des Verlags Rowohlt Hamburg.

 

Apr 17 18

Laß zu Flocken uns erstarren

Nicht wollen wir von Todesdünsten
leuchten wie die grünen Mücken.
Sternenwind soll uns entrücken.

Schlüpfen wir in stumme Muscheln,
daß uns in den Tiefsee-Mulden
Tintenfisch und Qualle dulden.

Laß uns vor Geliebten flüchten,
die mit unsern Seufzern weiten
Pforten lauer Zärtlichkeiten.

Laß zu Flocken uns erstarren
und vom Sturm ins Abseits wälzen,
bis uns Gnadensonnen schmelzen.

 

Apr 17 18

Wir wollen nur des Rauschens achten

Laß uns bei den Quellen schweigen,
Sonne sagt schon Lebewohl,
färbt in zarten Dämmers Zweigen
später Trauben Karneol.

Wollen nur des Rauschens achten,
das aus unsren Herzen dringt,
Brunnen, die vor Fülle schmachten
nach dem süßen Mund, der trinkt.

Reißen letzte Himmelsfäden
stumme Blitze in den Wald,
starren über toten Städten
Augen toter Sterne kalt,

wollen wir beisammen liegen,
Herz an Herz, wie Knospen tun,
die sich überm Grabe wiegen,
wo die hohen Ahnen ruhn.

 

Apr 16 18

Schönes Leben, menschenfern

Tulpe, Rose oder Veilchen
schlafen noch ein stilles Weilchen,
dann weckt sie eine scharfe Schere,
und ihr Träumen knickt ins Leere.

Gras und Klee und wilde Kräuter,
Fraß für schmerzenspralle Euter.
Sinnend kauen Kühe wieder.
Keiner singt die Abschiedslieder.

Wohl, daß uns nicht in Tales Garten
Edelweiß und Enzian erwarten,
daß an menschenferner Bläue
Steinbock, Gams und Aar sich freue.

 

Apr 15 18

Schatten-Gitter

Sentenzen und Aphorismen

Das Erinnerungsbild ist kein Foto. Diesem fehlt die Empfindung dessen, der den Auslöser gedrückt hat.

Eine allein stehende Erinnerung hat etwas Glotzendes und Verschlingendes wie das eine Auge des Zyklopen. Besser das Facettenauge verfugter Erinnerungen.

Die Worte des Gedichts sind unvermutet erwachte Rufe, Vogelstimmen gleich, die sich da und dort in den Zweigen unter weichem Gefieder regen, geht einer nachts leise knirschend durch den Wald.

Der im Garten der Musen Gesäugte, der fällt ihn das taedium vitae wie alle Sterblichen an sich der Betrachtung der Steine des Brunnens und der frischen Knospen widmet, Steinen, denn sie leben nicht und ihre Schönheit hat Dauer, Blumen, denn sie leben und ihre Schönheit ist vergänglich.

Traum: In der Bahn. Der Kontrolleur kommt und sagt angesichts der ihm brav entgegengestreckten Fahrkarte: „Die ist ja schon entwertet!“ (Nimm die Fahrkarte für einen Lebensberechtigungsnachweis, Menschenskind!)

Am Lebensende: eine Tür sein, der man das Schloß herausgebrochen hat; sie schwebt frei in den Angeln, doch ihr Sinn und Zweck ist dahin.

Epigonen: Alles wiederkäuen, was schon beim ersten Male fad schmeckte.

Die zum eigenen Schattenriß verflüchtigte Seele: Alles auf- und wegräumen, als sei man nie dagewesen. Als wäre, was man dazugetan hat, wie die von der Zigarette auf den Tisch gefallene Asche.

Das Abgelebte, Aufgesprungene, Abgeblätterte wie eine halb abgerissene Tapete im Zimmer der Kindheit zeigt die echten Spuren der Erinnerung.

Werbung ums Weib entpuppte sich zu einem poetischen Genre; Werbung ums Portemonnaie nicht.

Männer ohne Ehrgefühl heucheln Entsetzen vor den von ihnen eingeladenen Vagabunden, deren Ehre auf Messers Schneide blinkt.

Wer entscheidet: Tabletten, 8. Stock oder Strick? – In der Regel das Geschlecht.

Woran und an wen dachten, die in die Gewehrmündungen des Erschießungskommandos blickten?

Das Leben des Vaters wird vom Leben des mißratenen Sohnes widerlegt.

Sie suchen irregeleitet von einer Schonbezugs-Psychologie in Traumata der Kindheit Gründe für ihre Mißempfindungen und Devianzen. Der wahre Grund ist in vielen Fällen Kinderlosigkeit.

Erlöschen wie ein Bild, das lange nicht angeschaut worden ist – und sei es von Ignoranten oder Bösewichtern.

Abgegriffene Münzen, Erinnerungen.

Manchen schmeichelt es, wenn man vor ihnen ausspuckt.

Dem Mann von Ehre ist es peinlich, für eine gute Tat gelobt zu werden.

Wie Klein-Hänschen sich das Genie malt: ein Uhu mit Uhu-Brauen, die Blicke Blitze, den Kopf lautlos einmal im Kreis herumdrehend, durch Schatten schattenhaft gleitend, um sich auf die Maus eines genialen Einfalls zu stürzen.

Gegen dieses Zerrbild rennen die Tüftler und Ingenieure des Geistes an: Schaffen sei nur langes Gaffen auf fremde Bestände, Schöpfen sei Kröpfen aus kollektiven Töpfen.

Der erste Takt einer Sonate Mozarts widerlegt sie, auch wenn wir wissen, was die Form des Sonatensatzes an tradierten Mustern umrankt.

Der in der Leugnung von Natur und Herkunft am weitesten fortgeschrittene Soziologe verbreitete ein eigentümliches Odeur in seiner stammelnden, sich gleichsam erbrechenden Vortragsweise, das von dem Kuhfladen herrührte, in den er als Kind in seinem Heimatdorf getreten war.

Ruhig wie der Schatten des Gitters über den Sand wandert von Morgen zum Abend der Schatten des Gedichts über die Landschaft der Seele.

Die Tränen des Vaterlands sammelten sich in einem Gärtchen am Neckar in einer Mulde, in der sich der Vogel der Nacht badete.

Klein-Lieschen malt sich „Heimat“ mit pausbäckigen Wolken über einer Zwiebelturm-Kirche nebst Linde, scheckigen Kühen auf der Weide links und einem Schmetterlings- und Bienengärtchen rechts.

Gegen diese Schein-Idylle rennen die wurzel- und instinktlosen Stadt-Schreiber an, die zu stumpf sind, um zu begreifen, daß Hölderlins lesbische und arkadische Blüten sich von den Tränen des Vaterlands nährten.

Natürlich fehlt in den nostalgischen Heimat-Ansichtskarten-Kitschbildchen, was man nicht malen kann, der strenge Geruch aus den Schweinekoben und der betörende von Lindenblüten, das angsteinflößende Brüllen der Kühe, die das pralle Euter schmerzt, der Schmutz von faulen Blättern und faulen Lügen, der bei Tauwetter in der Gosse gleich neben der Kirche schwillt.

Zeilen, über denen wie über halb eingestürzten, halb überwucherten Zäunen alter Gärten oder Friedhofe die Müdigkeit lang gewanderter Wolken hängt.

Worte, die nachhallen wie das Glucksen eines Brunnens, der gerade erloschen ist.

Worte, die sich betend wie Kelchblätter über ihre knospenhafte Verschlossenheit wölben.

Schwalben im tiefen Flug, nicht einmal Schwalben, Schatten von Schwalben. Das Schluchzen kleiner Wasserwege über der Erde, nicht einmal Schluchzen, leises Rinnen über nächtliches Laub.

Worte, die wie Kinder wach werden in der Nacht und im Schein der Kerze seltsame, einander neckende, fangende und sich verfangende, haschende und sich fliehende Figuren der Finger und Hand an die Wand werfen, bis sie wieder müde sind und eines die Kerze ausbläst.

Andere Worte, die wie unglücklich Verliebte nicht schlafen können und den über die Decke wandernden Lichtstreifen vorbeifahrender Autos wie einen immer wieder verlöschenden Abschied widerspiegeln oder das ferne Quietschen einer Straßenbahn als immer wieder überfahrene Ankunft.

Worte, denen man wie gesprungenen Vasen die noch frischen Blumen entnimmt und sie in die Rumpelkammer abstellt.

Andere Worte, die wie jene Rosen von Jericho lange verkümmert und unscheinbar in der Schale liegen, aber stellt sie einer wie aus Versehen auf den Fenstersims, nach einem Regenschauer eine köstliche Blüte hervortreiben.

 

Apr 14 18

O Herr, ich bin bereit

Zerreißen deine Blitze, Herr,
meines Leibes dürftig Kleid,
übertäuben deine Donner, Herr,
meiner Seele kindisch Wort,
wisse, Herr, ich bin bereit.

Trägt dein Atem mich hinfort,
die zarte Schwalbe wolkenweit,
dein blauer Abgrund ist mein Port,
in deine Stille mündet mein Gesang,
o Herr, ich bin bereit.

Geh ich am alten Garten lang,
Busch und Brunnen sind verschneit,
der graue Himmel macht mich bang,
giftig schwebt des Mondes Frucht,
o Herr, ich bin bereit.

Es blökt ein Lamm in tiefer Schlucht,
die Sonne brennt, ein Opferscheit,
sei Hirt ihm, den es lang gesucht,
sein Blöken still an deinem Wort,
o Herr, ich bin bereit.

 

Apr 13 18

Das verworfene Erbe

Das Erbe wog leicht
auf der Schulter
wie eine Feder.

Und dennoch brach
der Sohn ins Knie.

*

Er schlug das Erbe aus.
Der Arme das reiche.

Es hätte beschämt
die Fülle den Dürftigen.

*

Singt die Nachtigall,
schließt er das Fenster.

Ist sie verstummt,
schreit er in die Dunkelheit.

*

Die Nachtigall vor seinem Fenster
war durch so viel Dunkelheit geflogen,
sie machte auf dem Wege Rast
auf einem Totenschädel.

So schloß er rasch das Fenster,
war ihr Gesang auch schön.

*

Sie wusch ihn wieder und wieder.
Der Ahnin feingewirkter Schal
roch immer noch nach Blüten
fernerloschner Gärten.

Sie konnte ihn nicht tragen.

*

Sie streifte den Ring entgeistert
vom Finger, er brannte
wie die Kellerloch-Erinnerung
an Feuerstürme.

*

Wie diese Briefe lesen
in einer Rätselschrift,
wo sich Schattenraupen
in zart gezackte Blätter
dunklen Wehens fraßen.

*

Eine unscheinbare Knospe
aus Papier war sein Erbe.
„Sie geht auf“, so war
im Testament zu lesen,
„wenn du sie aufs Wasser legst.
Doch muß das Wasser
aus deinen Augen stammen.“

Er hatte Wassers nicht genug.

*

Wie vieler Küsse
verzagte Schimmer,
wie viele Sonnenuntergänge
im Laub des Herbsts.

Er kehrte es mit hartem Besen,
vom Tau der Wehmut feucht
mochte es nicht brennen.

 

Apr 13 18

Das Blatt des Gedichts

Sterne, Blicke eines jungen Gotts,
du spiegelst, Blatt, sie wieder
im Tau der Sommernacht.

Sonne, Falter eines leisen Glücks,
du hauchst auf seine Wange
den bunten Staub des Tags.

 

Apr 12 18

Verzischte Funken

Damals spielten wir Kinder
wildes Leben unter Gottes Himmel
und rupften Löwenzahn aus
und Sauerampfer. Vor der Höhle
eines Bunkerstollens hielten wir
einen Blechnapf ins offene Feuer.

Siehst du noch die blonden und
die braunen Zöpfe im Wiesenschaum
hüpfen, dicke Flechten, gewundene
Wünsche, die darauf warteten,
vom Wind ausgewickelt zu werden?

Gingen die Streichhölzer aus,
hättest du sagen können,
haltet einen Halm an mein Herz.

Wenn ein Schauer uns überraschte
und die Pferde sich unter das Laub
des Nußbaums flüchteten,
zischten die Feuerzungen im Holz,
und für jeden gab es ein Handtuch
und Hände, die atemlose kleine
Körper trockenrieben.

Siehst du im Dunst des Sommerregens
über dem Asphalt den Lebenshauch
der Pferde noch wölken aus dem Fell?

Siehst du noch im langen Dunkel
zwischen Abend- und Morgendämmerung
den hellen Streifen Mond,
der aus dem Augenwinkel brach,
wenn sie sich wiehernd bäumten?

 

Apr 11 18

Die leere Muschel der Zeit

„Ich …“ – schon bist du verstrickt
im Gewebe der Vergangenheit
oder stolperst über einen Wurzelstrang,
toter Erinnerung Gebein.

Im Luftzug leben von Geistern
unter Dämmerns schrägem Dach,
und keine Handvoll Licht
in der Fensterluke, den Rufen
Gesicht und Aufenthalt zu geben.

Barherz stehen im Schäumen
nächtlicher Wasser
am Katarakt der Zeit,
und keines Rauschens Muschel
birgt ein gekörntes Wort.

Im Winseln von Flammen,
die aus dem Loch der Schläfe züngeln,
gebohrt vom Dorn der Jenseits-Rose,
mit tauber Hand den Spruch
des Tages müdeschreiben,
bis er sich über das Zeilenende
ins Schmerzensgitter rankt.

Im Schnee der Blendung,
versunkene Liebespfade, gewühlt
durch Sommers Blumenschutt,
die Kreuzungen vermint
von Splittern blinder Blicke,
das Dunkel rupfen,
den schwarzen Mohn
aus der Achselhöhle
einer kalten Puppe.

 

Apr 10 18

Vom Sinn des Ritus

Sentenzen und Aphorismen

Das Sprach-Leben erscheint in den rituellen Gesten und Redewendungen, die Gruß und Abschied begleiten.

Ja, ohne diese Riten und Zeremonien gäbe es keine Ankunft und keinen Abschied. Sie wären weniger als Dazustoßen und Fortschleichen.

Das Sprach-Leben erscheint ebenso in den rituellen Gesten und Redewendungen, mit denen wir jemandem etwas schenken oder etwas zeremoniell überreichen und aushändigen.

Das Ding, das wir darreichen, bliebe nichtssagend und stumm, würden wir ihm nicht mit der angemessenen Geste und Rede Leben einhauchen.

Die ursprüngliche religiöse Geste zeigt sich im Ritus des Opfers oder der Gabe, die Menschen den Göttern darbringen. Hier ist die Rede, die dem Gegenstand des Opfers, Tier oder Blume, Leben einhaucht, das Gebet.

Opfer und Gebet setzen den Abstand zwischen Mensch und Göttern voraus; sie überwinden diesen Abstand und bestätigen ihn zugleich.

Die ursprüngliche staatlich-sittliche Geste ist die Gabe oder Darbietung eines Geschenks an den Herrscher. Sie ist mit zeremoniellen Redewendungen des Herrscherlobs und der Verdemütigung des Spenders verbunden.

Aufgrund der göttlichen und menschlichen Hierarchien erhält das Leben seine eigentümliche gravitas und dignitas.

Das ursprüngliche Geschenk bei der Bewillkommnung ist das dargereichte Mahl. Es wird wie wir gern von Homer erfahren begleitet von zeremoniellen Reden über das Woher und Wohin, Herkunft und Zukunft. Oft kannten sich die Väter und Großväter schon, so wird die Tischrede geprägt von den Überlieferungen der Familien. Je weiter sie in die Vergangenheit reichen, umso enger verflechten sich die Linien, umso dichter umgibt sie der scharfe Odem des Heroenzeitalters, ja in exklusiven Fällen stoßen sie auf die göttliche Abkunft von Gast und Gastgeber.

Das rituelle und zeremonielle Tun und Reden ist das hervorragend menschenwürdige.

In den Reden des Konfuzius findet sich als idiomatisches Sprachzeichen für eine der von ihm gepriesenen Kardinaltugenden, die Pietas der Jungen gegen die Alten, der Kinder gegen die Eltern, der Lebenden gegen die Ahnen, die hierarchisch übereinander gestellten Zeichen für „alt“ und „jung“.

Der Herrscher thront auf erhabenem Sitz. Die ihm huldigen, knien nieder oder verbeugen sich. Dieses archaische Bild ging ein ins Zentrum der christlichen Heils- und Jenseitsvorstellungen, Gott huldigen die Scharen der Engel und Heiligen.

Die Musik ist der alten Kirche eingesegnet, bilden die Engel und Heiligen doch Chöre himmlischen Gesangs.

Die Erfahrung des Heiligen strömt nicht nur aus der Unantastbarkeit des göttlichen Herrschers, sondern ebenso aus dem Wissen um das Furchtbare, ja Schreckliche, das mit ihm verbunden ist. Vor dem Thron des irdischen Herrschers können Haufen von den Feinden abgetrennter Schädel aufgeschichtet sein; in der höllischen Unterwelt des Gnaden-Gottes finden schreckliche Folterungen und Torturen statt.

Die Redewendungen, die eine solche Erfahrung ausdrücken, sind vielfach von Pathosformeln durchsetzt; denn Pathos oder Ergriffenheit bezieht sich auf das über dem Ergriffenen schwebende, thronende, erhabene Heilige.

Kein Heiligtum ohne Blut und Schmerz. Und wenn es nur die Knie sind, die den Beter schmerzen.

Nur das als Opfer dargebrachte Leid oder der geheiligte Schmerz ist sinnvoll.

Das frühe Dichterwort ist wie die auf Schalen dargebrachten Früchte und Blumen Opfergabe.

Es ruft das im Tempel- und Altarbild erscheinende göttliche Sein an.

Erst spät sinken die Anrufungen des gedichteten Gebets zu Beschreibungen dieses Bildes herab; die Beschreibungen werden schließlich Schnörkel und unverständliche Epitheta.

Das frühe Wort der Dichtung ist rituell und zeremoniell, seine Blüte und seine Frucht sind die Anrufungen oder Evokationen des göttlichen Namens.

In alten Schriftkulturen wie denen der Maya und Juden finden wir die Vorstellung vom Schöpfer als göttlichem Schreiber; die geschaffenen Dinge sind die Zeichen der Ur-Schrift.

Das Flache, Schäbige und Öde des modernen Lebens ist die Kehrseite der Verdrängung und Zerstörung des rituellen Sinns infolge von Vulgarisierung und Egalisierung aller Lebensbereiche.

Was sie als Sieg der Demokratisierung feiern, ist in Wahrheit die geistige Verschmutzung der Quellen des Lebens.

Dies gilt auch für das Verhältnis der Geschlechter: Seine von rituellem und hierarchischem Abstand geprägte dignitas versinkt in den Sümpfen vulgärer Gleichstellung.

Dichterische Zeugnisse des rituellen Umgangs der Geschlechter finden sich im Minnesang und in Goethes Liebeslyrik.

Ohne Magna Mater oder Maria als verborgene Aura verblaßt die Frau zum sexuellen Allerweltsding oder zur geschwätzig-banalen Tippse; der Mann ridikülisiert sich zum radebrechend-sportiven Kerl oder schwadronierenden Intellektuellen. Hedonistisch der spirituellen Hierarchie der Fruchtbarkeit entronnen wird die Frau zur unfruchtbar-burschikosen Viertel-Lebensgenossin des Mannes oder zur gehetzten Betreuerin einer Zufallsgeburt, der Mann infantilisiert zum zeugungsunfähigen, traurigen Penisartisten.

Mit dem Abklingen der rituellen und hierarchischen Spannung zwischen Mann und Frau beginnt der Roman.

Der Sinn der wie Ranken ineinandergeflochtenen Rituale ist die Harmonie der Lebensvollzüge.

Wir können nicht mehr sagen, als daß sich uns das Leben in seinen wesentlichen Zügen und Aspekten offenbart und zeigt. Es genügt, darauf zu weisen, sie zu beschreiben, ohne etwas erklären zu wollen oder zu müssen.

Wie man jemanden darauf hinweist, einen Gruß bei der Ankunft oder beim Abschied nicht zu vergessen, und auf seine Frage: wozu? schlicht zu antworten: So ist es bei uns gang und gäbe.

Was üblich ist, was als Gepflogenheit und Sitte gilt, macht die Würze des Lebens aus; fehlen sie, schmeckt es fade.

Dichtung kommt aus dem Geheimnis, denn womit sie die Stimme erhebt, die Namen der Götter, sind Bruchstücke einer Sprache jenseits des Menschen.

Doch auch die schlichten Dinge sind geheim. Das Feuer, das Wasser, die Erde, die Luft. Die Blume, das Tier. Der Himmel, die Wolke. Der Regen und was er singt. Der Wind und was er klagt. Der Baum und was er haucht.

Sicher strömt wie der Traum aus dem Brunnen das Geheimnis des Todes in den kleinen Becher der Lebenszeit.

Wie wenn zwei sich aus der Ferne zurufen und heftig gestikulieren und sie sind aufs höchste angespannt und erstaunt. Sich näher und nahe gekommen, schmeicheln ihnen die Worte wie kleine Kätzchen um die Knie und beide sehen sich schon müde vor Einverständnis kaum noch an.

Im Geistigen werden die Dinge in der Ferne größer, tiefer, bedeutsamer.

Warum die dichterische Wiederholung? Weil sich das dichterische Wort wie die Welle auseinander- und wieder ineinanderfaltet. Wie die rituelle Begehung um das Bild, das Feuer, die Quelle kreist, ohne ihnen näherzukommen, ohne sie auszudeuten und zu erschöpfen.

Warum die Trinität? Weil das Eine, um sich zu begreifen, an sein jenseitiges Ufer aufbricht und ewig zu sich zurückkehrt.

Wie das Zwischen von Du und Ich, die Atmosphäre, die das Gesagte und das Nichtgesagte umhüllt.

Die Triade Plotins, die Trias des Gebets, die dreifach gefalteten Hymnen Hölderlins.

In der Ferne verzweigen sich die Rufe, die Blicke, die Gesten.

Fern gehen die Blitze, den Schoß der Erde zu öffnen.

In der Nähe droht Klumpenbildung, Verzwitterung, Phrasenverschlierung.

Der Ritus vermißt die Entfernung von Blume und Licht, Wort und Duft, Höhle und Sonne.

Die üblichen kausalen und intentionalen Erklärungen des Ritus als Formen der Handlung scheitern an eben jenem, was ihre rituelle Pointe ausmacht, der Wiederholung und dem Zwielicht des Echten und Fiktiven, des Realen und Geträumten, in das sie sich vor dem scharfen analytischen Blick hüllen.

Hätte das rituelle Opfer und Gebet den kausalen und intentionalen Sinn, die kosmische Verlorenheit und Daseinskontingenz zu kompensieren, warum sich dann nicht einfach betrinken und die Decke über den Kopf ziehen, statt eine Handlung zu vollziehen, die arg viel Aufwand und Zeit erfordert und die skrupulöse Beobachtung altüberlieferter Regeln?

Die schäbige Dummheit, dummdreiste Vulgarität der Psychoanalyse, als wäre der Sinn des Ritus als Form der Zwangsneurose zu erklären.

Die heiligen Gerätschaften, Kelch, Lichtträger, Gewandung in den symbolischen Farben des Jahreskreises, die Zeremonien des Opfers und der Wandlung – von der Formkunst der Dichtung und Musik öffnet sich wie zwischen Falten und Schatten ein Lichtstreif.

Ohne den liturgischen Ritus der alten Kirche keine Vollendung musikalischen Ausdrucks von Jubel und Schmerz, Trauer und Freude, Aufbruch und Wiederkehr sich polyphon verzweigender und ineinanderrankender Stimmen bei Desprez, di Lassu, Palestrina, Ockeghem, Schütz.

Der Sinn des Ritus liegt jenseits von Vernunft und Unvernunft, von Gut und Böse.

Wie lesen in der Schrift des Blatts, in den Glyphen der Blitze, in den Wasserzeichen von Wolken und Regenschauer, in den Runen der Flammen?

Aber die Tiere, die Raupe, der Falter, das Pferd, die Echse, sie lesen ja schon.

Der Sinn des Ritus ist der Sinn für das Wunder.

Welches Wunder? Das Dasein der Dinge, der Urphänomene.

Wer sich grußlos verabschiedet, gilt für unhöflich. Es könnten aber auch Enttäuschung und Verzweiflung aus ihm sprechen.

So mag aus dem schönen Abschiedsgruß nicht nur Höflichkeit sprechen, sondern Dankbarkeit und die Geste der Großzügigkeit, die Verlassenen mögen heiter weiterleben.

Der Sinn des Ritus bestürzt das Denken durch einen Abgrund, über den hinaus es nicht trägt; es kann sich, darf sich aufgeben und diesseits des Geredes von Problemen und Zweifeln dem zur Hingabe Fähigen einen Atemraum öffnen, der von der strengen, aber belebenden Atmosphäre der Grundlosigkeit des Daseins erfüllt ist.

Dem Ritus geneigte Völker: die antiken wie Griechen und Römer, die Juden, die Asiaten.

Ohne den rituellen Umgang im gehüteten Garten, ohne Kunst des Schön-Schreibens, Kunst des Blumensteckens, ohne Teezeremonie nicht die Blüten, der Schnee und das hohe Blau zwischen den Zeilen der japanischen Poesie.

 

Apr 10 18

Herthas Lied

Und wie Hertha grün,
Sind sie die Kinder des Himmels.


Nicht wird der Barbaren Schreien
deutschen Geistersang entweihen.
Die dem Sinn zerstücken
Blume, Kelch und Schrein,
nie wird sie berücken
meines Liedes Wein.

Ferne meiden Flügelboten,
die zerkratzt die Schrift der Toten.
Die in Asche wetzen
weiße Lilien grau,
niemals wird sie letzen
meines Liedes Tau.

Engel, die mein Eden hüten,
Flammen sind es keuscher Blüten.
Die mit feilen Posen
wirbeln bunten Schaum,
niemals wird sie kosen
meines Liedes Flaum.

 

Apr 9 18

Sommermüdigkeit

Windgefiedert stemmen Ähren
ihr haariges Gewicht.
Blauen Sund durchwühlen Fähren,
Wolken schleppen Licht.

Kuckuck ruft nach Dunkelheit,
leise blutet Mohn.
Müde macht die Sommerzeit,
Veilchen schlafen schon.

Wollen wir uns wehrlos betten
Herz an Herz ins Moos?
Uns ans Schwanenufer retten,
winden Herz und Taue los?

 

Apr 8 18

Traumes Körner rinnen

Weiße Tupfen kringeln rankenfroh
auf abendblauem Linnen.
Hügel tragen Schatten-Bündel Stroh.
Traumes Körner rinnen

leise übers dünne Glas der Welt
wie Tau auf Grabessteinen.
Dem stillen Leben hat sich beigesellt
der Blumen stilles Weinen.

Sommers goldne Samen sind verpraßt,
die Feuerzungen schweigen.
Gelbe Quitte, roter Mund verblaßt,
wenn sich die Blumen neigen.

Stumme Blitze reißen Fransen los
an nächtlich-blauen Seiden.
Rose schließt den weichen Schoß,
ins Wasser sinken Weiden.

 

Apr 7 18

Den heimatlosen Seelen

Wo an bemoosten Grabesmalen
Säulen von Zypressen stehen,
wo aus irdnen Blumenschalen
weiße Abschiedsblüten flehen,
wollen wir den Seelen lauschen,
die in den Zypressen rauschen.

Wo abendrötlich-tiefe Strahlen
Taues buntes Glas durchgeisten,
wo Quellen strömen leise Qualen,
weil über ihnen Engel kreisten,
leihen wir den Seelen Stimmen
die in Glas und Wasser glimmen.

Wo Sperlinge in Pfützen baden,
Morgensonne lacht sie trocken,
wo heimatlose Seelen laden
zu Brot und Wein die Abendglocken,
wollen wir wie Vögel schweigen
in Gottes lichten Gnadenzweigen.

 

Apr 7 18

Den stillen Schatten

Die ihr wie Schatten geht
vom Morgen- bis zum Abendrot
um einem zarten Zweig,
und ist die Zeit des Blühens nicht.

Die ihr wie Tropfen fallt
vom Lide eines Blütenblatts,
wie süß ist euer Klang,
tönt wieder er aus grüner Nacht.

Die ihr wie Flocken schneit
aus einem Himmel wehmutgrau,
und lautlos schichtet ihr
die weißen Träume Flaum auf Flaum.

Die ihr wie Tränen rinnt
aus Augen weichen Liebeswehs,
von Glanz wie Edelstein,
und Dämmer löscht euch Stern um Stern.

 

Apr 6 18

Schatten und Rosen

Wort, das ohne Schatten schwebt,
trügt wie kahler Mittagsmond.
Hat Rose alle Lust verschäumt,
sinkt duftlos sie in Schlaf.

Brot, das seinen Duft verlor,
wird an der Rinde hart.
Rose, die auf Wassern träumt,
spiegelt Wolken leere Lust.

Mund, der unter Schatten singt,
birgt einer Quelle Glanz.
Rose, die Schatten Düfte gibt,
blüht auf einer Liebe Grab.

Wort, das auf den Gräbern blüht,
Rose ist es nachtbetaut.
Mund, der Schatten Rosen singt,
o küß die tote Liebe wach.

 

Apr 6 18

Lead, Kindly Light

Kardinal John Henry Newman

Lead, kindly light, amidst th’encircling gloom,
Lead Thou me on!
The night is dark, and I am far from home,
Lead Thou me on!
Keep Thou my feet; I do not ask to see
The distant scene; one step enough for me.

I was not ever thus, nor prayed that Thou
Shouldst lead me on;
I loved to choose and see my path; but now
Lead Thou me on!
I loved the garish day, and, spite of fears,
Pride ruled my will. Remember not past years!

So long Thy power hath blest me, sure it still
Will lead me on.
O’er moor and fen, o’er crag and torrent, till
The night is gone,
And with the morn those angel faces smile,
Which I have loved long since, and lost awhile!

Meantime, along the narrow rugged path,
Thyself hast trod,
Lead, Saviour, lead me home in childlike faith,
Home to my God.
To rest forever after earthly strife
In the calm light of everlasting life.

 

Du geh voran, o süßes Licht

Du geh voran, o süßes Licht, und führ
mich aus der Nacht!
Fern von zu Haus ist es so dunkel hier,
geh du voran!
Gib du mir Halt, der Schimmer ferner Saat
verlockt mich nicht, ich bleib auf meinem Pfad.

So war ich früher nicht und bat Dich nie:
o leite mich!
Ich bahnte trotzig mir den Weg, doch sieh:
ich bitte Dich!
Ich prahlte furchtlos mit dem Glitter-Kleid
des Ruhms, o denke nicht der alten Zeit!

Hältst deine Hand Du über mich, so geht
mein Gang im Lot.
Durch Moor und Marsch und Fels und Flut, bis weht
das Morgenrot.
Und Engel lächeln mir am goldenen Tor,
der Kindheit Bilder, die ich einst verlor.

Den schmalen Pfad hast selber du gebahnt
durch Wahn und Graus.
Geleite, Retter, mich ein Kind, das Gott geahnt,
in Gottes Haus.
Auf daß ich nach dem erdendunklen Streben
in deinem stillen Licht darf ewig leben.

 

Siehe:
https://gloria.tv/video/n1FUXzSxsArD1PEqQ33pyqRuK

Vergleiche:
http://www.luxautumnalis.de/john-henry-newman-pillar-cloud/

 

 

Apr 5 18

Heinrich Schütz

Wie in Ströme Bäche münden,
und sie bringen Zweig und Blatt,
die von kalten Sonnen künden
und von Monden seufzermatt,

so mischen sich die edlen Stimmen
wie Sommers Blut und Tau im Wein,
so wollen Glut und Schmerz verglimmen
in Harmonien, reich und rein.

Wie Taues Tropfen glänzend rinnen
von Blütenwangen weiß und rot,
und Blüten gleiten auf das Linnen
des dunklen Flutens in den Tod,

so haben weiche Klänge Weinen
in des Kreuzes hoher Nacht,
und nähren auch der Lilie Scheinen,
die am leeren Grabe wacht.

 

Siehe:

Ebenso:

 

 

 

Apr 5 18

Sporen

Sentenzen und Aphorismen

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

 

Je wirrer, desto Intellektueller.

Pöbel- und Sklavenseelen: Nur denken, was andere denken. Deshalb hängen sie am Tropf der Medien und der Meinung.

Auf dem Stuhle Petri sitzt der Antichrist. Aber kein Luther weit und breit.

Parteibonzen, Dozenten, Talarträger, Lohnschreiber, Funktionäre – Bauchredner in der Hand der Macht oder was auf dasselbe hinausläuft, der Lüge.

Nicht mit Herzblut schreiben sie, das gilt für unfein, sondern mit Limonade (damit die Vergnügungssüchtigen es leichter einschlürfen).

Je Pharisäer, desto Pastor.

Hält man Goethes Gedicht Harzreise gegen die Feuilleton-Dudelei Heines, glaubt man sich in einem anderen Land.

Besser der Rohrstock als gar keine Pädagogik.

Besser Knebel für doktrinäre Schreihälse und laszive Slam-Poeten als herrschaftsfreier Diskurs.

Nicht durch die Blume sprechen, sondern an ihrer statt.

Lohnschreiber – Hunde, die die Hand nicht beißen, die sie hätschelt, die sie lecken, wenn sie schlägt.

Die Begnadeten wissen um Gott, denn er spricht aus ihnen – auch wenn sie es nicht verstehen.

Die meisten Atheisten sind harmlose Flachköpfe. Gefährlich sind die Söhne des Chaos.

Der scharfsinnige Geist geht beim Wesentlichen in die Irre.

Das schlichte Herz, das sich der Anbetung opfert, ohne es zu wissen. Ihm gebührt die Krone.

Der Grad der Verachtung des Besiegten ist ein Maß für die Arroganz und Schamlosigkeit des Siegers.

Der Triumph des Siegers gipfelt in der Selbstverachtung des Besiegten.

Freies Volk auf freiem Grund – finis Germaniae.

Die Botschaft aus den Lüften oder den Spalten der Erde – Psalmen, Hymnen, Oden.

Aus den Sümpfen blubbert und lallt es ohne Maß und Reim.

1789 der Sündenfall, 1918 die Cherubim, 1933 Kain.

Mögen Schwaben am Neckar hausen und Eskimos im ewigen Eis, aber nicht umgekehrt.

Perversion der Diversity: Negerin im Dirndl, Bayerin im Hawaii-Baströckchen.

Wer auf ein integres und gedeihliches kulturelles Leben aus ist, kann ethnische Homogenität und jene Methoden, die sie befördern oder wiederherstellen, nicht grundsätzlich perhorreszieren.

Das hohe Wort der Dichtung kommt aus dem Geheimnis, nicht aus der Gosse.

Die Letzten, die der Duft des süßen Lebens umfing, Verlaine, Hofmannsthal, Rilke, George.

Von welchen Blumen wehte er? Sie blühten in höfischen Gärten wie denen des Vatikans, von Burgund, Versailles, Schönbrunn, Petersburg.

Der demokratische Pöbel hat darein gepinkelt.

Was heute als Kunst firmiert, entquillt der Assoziation von Nymphe und Nutte.

Entwürdigung der Frau durch Feminisierung des Mannes.

Der männliche Haß auf die Madonna rächt sich in der Kinderlosigkeit der Frau.

Damen sind so exotisch geworden wir Prinzessinnen.

In der Verächtlichmachung von Schillers „Würde der Frauen“ streckte der republikanische Pöbelinstinkt die Zunge heraus.

Das Kopftuch ist die Rache für die Pornographisierung des weiblichen Körpers in Romanen, Werbung, Film und Regietheaterexzessen.

Reich-Ranicki und Konsorten – die Rache eines gewissen Klumpfußes.

Die Rose, die Winde, der Efeu, sie ranken sich nicht ohne Pflege menschlicher Hand, sie bedürfen des schlanken Stabes oder zarten Gitters.

Ihr Geist wuchert haltlos ins Dunkel des Gestaltlosen, kriecht flachen Sinns und blütenlos am Boden dahin.

Das große Werk erkennst du wie die edle Rose am sublimen Duft.

Das Geheimnis des hohen Gesangs duftet wie die weiße Lilie erst in der Nacht.

Die hündisch Gesinnten kennen nur die Tradition der schmutzigen Ecken und Winkel, an denen ihre Ahnen sich entleert haben.

Es genügt ihnen, einmal nur auf die Schnelle die Aufmerksamkeit der Umstehenden zu erregen, dafür entblößen sie sich körperlich und geistig, und ist was sie zeigen auch voller Geschwülste und Schwären.

Zischen, Girren, Mauzen, Fletschen, Hecheln, Speien zählen als angenehme Begrüßungsrituale.

Das Geheimnis durchquert Gegenwart und Zeitgenossenschaft, um andernorts fruchtbare Erde und offene Ohren in anderer Zeit zu finden, den Sporen gleich, die auf Brücken des Wassers wandern, den Pollen und Samen, die an leichten Fäden der Luft der Zeit voraus segeln.

Was sie als Entmystifikation und Aufklärung feiern, gleicht in seiner Grellheit und entnervenden Selbstbeschneidung der Betäubung durch Äther.

Wie der Tod kein Einwand gegen das Leben, so Leid und Trauer kein Einspruch gegen Freude und Liebe, Nänie nicht gegen Ode, Tragödie nicht gegen Satyrspiel.

Sie schieben es auf den säkularen Wertverlust oder die inflationäre Idolen-Verramschung – doch in Wahrheit haben sie sich selbst enterbt.

Die Samenkapseln, die sich ans Fell der Tiere kletten – eine andere, vielleicht zwielichtige Form der Tradition, doch sie führt am weitesten.

Blatt und Wasser, Schnee und Unendlichkeitsblau, Locke und Rausch, Spiegel und Traum, Moos und Schwelle – ewige Sinnbilder dichterischen Daseins.

Nach Goethes mystischer Lyrik – ein schweigender Abgrund, an dessen heiklen Rändern vereinzelte Wild- und Wunderblumen aufsprießen, Novalis, Eichendorff, Hölderlin, Trakl, auf dessen lichten, doch steinigen Graten scheue Astern und Wehmut-Veilchen dämmern, Mörike, Rilke, Benn, Demus.

Geistige Luft – wehendes Band und bebendes Blatt der Erinnerung.

Es ist nur ein schlichtes Wort wie „Efeudunkel“, „Blattgeäder“, „Veilchen“, „Brot und Wein“, doch wie ein Tropfen blauer Farbe, der sich in einem Glas Wasser ausbreitet, bis es ganz davon tingiert ist, schwelgt bei seiner dichterischen Lautung die Atmosphäre alsbald vom Duft der Erinnerung.

Es gibt keine Universalsprache der Poesie, dann drohte am Ende die trübe Lymphe eines schwammigen Esperanto oder ein ohnmächtiges Pidgin-Lallen.

Das dichterische Wort keimt im Dunkel der Erde und öffnet seine Knospe dem hohen Licht. Die Erde der deutschen Minnesänger ist eine andere als die der provenzalischen Troubadours, das Licht des Nordens ist voller Geister und Ahnungen, das Licht des Südens kristallin und durchlässig für die steilen Gesten der Flamme und die Spiegelbilder des Wassers.

Die Triebe der Wurzellosen lasten leicht auf alten, morschen Stämmen und sinken mit diesen dahin.

Sie schreiben auf Wasser – ohne zu wissen, daß es Wasser des Styx ist.

 

Apr 4 18

Orlando di Lasso

Heb dich auf zum hohen Preis,
über deinem Schattengang
tönt der Lüfte blauer Klang,
Lippe blüht an Lichtes Reis.

Und willst du haltlos niedersinken
ins fahle Gras der Müdigkeit,
sieh, wie Lilienhände winken
durchs Gerank der Dunkelheit.

Beug zur Liebe dich hinab,
unter deinem Schattendach
wird ein helles Leben wach,
Trauben hat der Aronstab.

Und willst du lieber untergehen
als von Larven atmen Dunst,
sieh auf lichten Graten wehen
Klanggewächse hoher Kunst.

 

Siehe:

Ebenso:

 

 

 

Apr 3 18

Josquin Desprez

Schwebet, goldne Töne,
durch die Dunkelheit
heim in Ewigkeit.

Breitet eure Schöne
als ein weiches Kleid
über Zeit und Leid.

Polyphone Falten,
bunter Wogenschaum,
zartverzweigter Baum,

wollet hold uns halten,
wie verworrnen Flaum,
zwischen Tag und Traum.

 

Siehe:

 

 

Apr 3 18

Die Spur des Pan

Was mit lichten Sprossen
rief ins tiefe Blau,
ist ins Innere geflossen,
heim zum Schmerzenstau.

Hoch zu Schaumaltären
vor dem Sonnenthron
blickte zu verehren
groß der wilde Mohn.

Nacht mit Regengüssen
wusch die Träume blank,
troff von Blumenkissen
auf die Fensterbank.

Tief in Alpenschneisen
ging die Spur des Pan,
Schneelicht wird sie weisen,
blau der Enzian.

Gottes Purpurfunken
salbten Lippen rein,
Liebe hat getrunken
Liedes dunklen Wein.

 

Apr 2 18

Schließ die Türe leise zu

Noch einmal Sonne,
von abendstiller Träne
sanft umschlossen.

Noch einmal milde Glut,
aus Rosenkelchen
ausgegossen.

Lämmchen, deine Hand,
auf meiner Wangen-Weide
hingebreitet.

Dein Kinder-Schweigen,
von Lerchensang
ins Blau geweitet.

Noch einmal gelbe Quitte,
Mond der Schattenzweige,
traumgepflückt.

Noch einmal leise Quelle,
dunkler Moose Liebesreim,
taubeglückt.

 

Apr 2 18

Palestrina

Ihr sanft erlösten Klänge,
aufgeblühten Mundes Hauch,
wellenweiche Übergänge,
gebet krummen Seelen auch
eure hohe Wohlgestalt.

Ihr Zweige reiner Töne,
wehend in blauem Jenseitswind,
lichtgeküßte Schöne,
führt das bange Menschenkind
in euren Wunderwald.

Ihr seligen Gefährten,
wandelnd Hand in Hand
in Edens Zaubergärten,
öffnet euer Gnadenland
uns armen Seelen bald.


Siehe:

 
 

 

Apr 2 18

Mutterbild

Nach einer alten Photographie

Mutter, mit Kopftuch, blütenfleckiger
Sommertag, im Schattenpfad der Gärten,
hatte wohl Beeren gepflückt,
Kartoffeln ausgebuddelt, gejätet,
und damals nur einen Mann
erkannt, dem Endsieg gefallen,
wie sie scheu und kokett die Hand
vor der Sonne an die Stirne lehnt,
die Hand, einem Flügel gleich,
der sich müde geflattert.

Wie einsam sie dahinstarb,
von sich selbst getrennt,
im Kemperhof, ich sah in der Dämmerung
durch das Fenster auf die Mosel,
das schlammige Fatumswasser:
Menschenskind, da drüben liegt Metternich,
ich sehe den Kirchturm von St. Johannes
und links das Denkmal auf dem Kimmelberg!
Sie sagte nichts, sie sprach nicht mehr,
ihr runzlig-kleiner Vogelkopf
durchsickerte schmutziger Saft,
den die Schrumpfleber nicht mehr auffrischen,
die Lungen, ölverklumpte Flügel
eines Strandläufers nach der Tankerhavarie,
nicht mehr mit dem Sauerstoff
der Erinnerung anreichen konnten.

Keiner begreift das Leben,
und sei es noch so klein und vogelleicht,
von Landwind gezaustes Wehmut-Gefieder,
gekrümmt ins Angstloch
unter hoch donnernden Todesgeschwadern,
geflüchtet in den Verlassenheitshinterhof,
wer schaut mich an,
als sie Großvater, deinen Vater, betrunken,
wieder einmal, und Großmutter, deine Mutter,
war jahrlang schon tot,
vor die Haustür legten,
womit habe ich das verdient.

Lächelnd, als dein Sohn, sauber gestriegelt,
das Gedicht aufsagte vor dem geistlichen Herren
oder vor dem Stimmbruch ein Purpurwölkchen
sein Kindersopran in den Chor hochkringelte –
weinend, zeternd, gellend,
als der faule Balken des Hauses nachtlang ächzte
und endlich nachgab, und man nichts mehr sah
vor Augen in all dem Qualm und Aschenruß
niedergestürzter Gelöbnisse und Schwüre,
womit habe ich das verdient,
und wieder anfangend, auf dem Fahrrad
mit neuer Frisur und flott behost,
auf der Karthause, wo ich Richtung Kühkopf
das Weite suchte, als dein Möhnenclub
sich fesch-bunte Hüte aufsetzte,
mit Plastikbeeren und Moos besetzt,
und obszön herabrinnende Schlieren
von Karnevalsschnulzen die Tapete verätzten.

Migriert von Wohnung zu Wohnung,
Metternich, Güls, Karthause,
Altstadt und zurück, Deutsches Eck
und wieder zurück, als wäre dort alles
anders und freundlich die Ansichtskartenwelt,
als wärest du dort anders
und ruhig das Leben,
ruhig das Herz.

Es begreift sich selber nicht,
das Herz, als wäre ihm von Anbeginn
eingewachsen eines dunklen Traums
vergifteter Stachel, den nur der Engel
des Todes gesenkten Blicks
dem ausgeträumten entwindet.

 

Apr 1 18

Satz, Anekdote, Plankton

Anmerkungen zur Philosophie der logischen und ästhetischen Form

Ein Satz ist die Variante aller möglichen Sätze mit derselben logischen oder grammatischen Form.

Man benötigt mehr als einen Satz derselben logischen Form, um diese singuläre Form zu sichten.

Vergleichen wir folgende Sätze:

S1: Die Farbe dieser Rose ist Gelb.
S2: Der Bruder dieses Mannes ist Schriftsteller.

S1 kann ich durch folgenden Satz ersetzen oder in folgenden Satz übersetzen:

S1.1: Diese Rose ist gelb.

Doch S2 kann ich NICHT in einen mit der logischen Form von S1 gleichsinnigen Satz ersetzen; denn dann käme der folgende FALSCHE Satz heraus:

S2.1: Dieser Mann ist Schriftsteller.

Aber laut Aussage ist nicht dieser Mann, sondern sein Bruder Schriftsteller.

Ich muß folglich S2 durch einen Satz derselben logischen Form ersetzen, beispielsweise durch diesen:

S2.2: Dieser Mann hat einen Bruder und dieser Bruder ist Schriftsteller.

Doch auch damit haben wir offenkundig nicht die logisch einwandfreie Variante des Satzes getroffen; denn wir müssen auch ausdrücken, daß der Mann nur einen einzigen Bruder hat, gesetzt, der Satz ist wahr.

Demnach gilt:

S2.3: Dieser Mann hat einen Bruder und kein anderer Mensch ist sein Bruder und dieser Bruder ist Schriftsteller.

Wenn wir die logische Form oder die Struktur mit einer chladnischen Figur vergleichen, deren symmetrische Gestalt durch die Einwirkung eines Magneten auf den lose auf einer Glasfläche aufgetragenen Sand entsteht, und die Sätze mit den Sandkörnern, können wir sagen:

Wir brauchen stets mehrere Sätze, um ihre logische oder grammatische Struktur zu sichten oder sichtbar zu machen.

Natürlich wird der Unterschied der logischen Formen unserer Beispielsätze transparent, wenn wir sie in bewährter Manier in logischer Syntax ausdrücken:

S1: a (P)
S2: a, b (R)

Dabei drückt P das Prädikat (Gelb) aus, das dem Gegenstand a (Rose) zugeschrieben wird, während R die Relation (ist Bruder von) bedeutet, die zwischen den Gegenständen a und b (Mann und Bruder des Mannes) besteht.

Damit wird offenkundig und sichtbar (evident), daß die beiden Sätze S1 und S2 Varianten unterschiedlicher logischer Formen darstellen.

Der Anfang von Sätzen wie S1 stellt die Weichen für ihren Verlauf. Er beruht auf einer Entscheidung, in diesem Falle die Entscheidung für den Ausdruck einer Wahrnehmung, und diese Entscheidung eröffnet eine Kaskade ihr folgender Entscheidungen, wie der Stoß gegen die in Reih und Glied aufgestellten Dominosteine die Kaskade ihres kontinuierlichen Fallens bewirkt. Wenn ich von der Farbe eines wahrgenommenen Gegenstandes wie dieser Rose ausgehe, bin ich semantisch auf eine Weise gebunden, daß ich von keinen anderen Eigenschaften reden oder keine anderen Prädikate verwenden kann als eben Farbeigenschaften und Farbprädikate.

Satz 2 schränkt mich semantisch auf die Erfüllung des Relationsausdrucks „der Bruder von“ in dem Sinne ein, daß ich nur Eigenschaften von Menschen wie „Schriftsteller“, nicht von anderen Spezies wie „Wiederkäuer“ prädizieren kann.

Demnach ist die Kaskade der semantischen Entscheidungen zur Bildung eines wohlgeformten Satzes eine Funktion seiner logischen oder grammatischen Form.

Betrachten wir folgende Sätze:

S3.1: Caesar überschritt den Rubikon.
S3.2: Octavian war der Adoptivsohn Caesars.
S4.1: Die Rose ist die Schwester der Lilie.
S4.2: Die Lilie ist die Tochter des Lichts.

Offensichtlich sind die Sätze S3.1 und S3.2 Sätze aus einem historischen Bericht über das Leben und Wirken Caesars und des Kaisers Augustus. Dagegen sind die Sätze S4.1 und S4.2 Sätze der Dichtung.

Uns treten die vergangenen Ereignisse nicht ohne weiteres oder unmittelbar, sondern nur in Form von Sätzen über diese Ereignisse entgegen. Grammatisches Kennzeichen für solche Sätze ist die Vergangenheitsform des Verbs. Logisches oder strukturelles Kennzeichen für solche Sätze ist die Verwendung von Eigennamen historischer Personen und die mögliche Datierung der dargestellten Ereignisse durch die Anreicherung der Sätze mittels Indices für den Ort und Zeitpunkt der genannten Ereignisse.

Wir gewinnen demnach anhand der Analyse von Sätzen wie S3 einen Begriff von derjenigen literarischen Form, in der sie verständlich und interpretierbar sind: der literarischen Form oder Gattung des historischen Berichts.

Satz 3.1 „Caesar überschritt den Rubikon“ gibt uns gleichsam die mikrologische Essenz dieser Form, die wir auch als Anekdote bezeichnen können. Die Anekdote übermittelt uns als Keimzelle des historischen Berichts die Einheit einer abgeschlossenen Handlung, denn Caesar hat gewiß zunächst beabsichtigt und war im Begriff, den Rubikon zu überschreiten, sodann überschritt er ihn mit seinen Legionen, und nachdem er mit ihnen am anderen Ufer angelangt war, hatte er den Fluß überschritten. Es ist dieser vollendete Handlungsbogen, den wir mit dem Begriff der Handlung erfassen, und von dem uns die Anekdote des historischen Berichts zumindest solch einen relevanten Ausschnitt zeigen muß, daß wir in der Lage sind, den Rest kohärent gedanklich auszufüllen.

Ähnlich wie mit der Vielzahl von Sandkörnern bei den chladnischen Figuren benötigen wir stets mehrere Anekdoten, um jene literarische oder narrative Struktur sichtbar zu machen und zu erfüllen, deren funktionelle Bestandteile sie sind. So ist der Bericht über Caesars Überschreiten des Rubikon neben vielen anderen Berichten und Anekdoten ein Bestandteil der literarischen Form der Viten oder Lebensbeschreibungen, wie sie uns von den antiken Geschichtsschreibern Sueton, Plutarch und Cassius Dio überkommen sind.

Eine zeitgenössische und innovative narrative Form mit der epischen Keimzelle der Anekdote hat der Autor der berühmten „Deutschen Chronik“, Walter Kempowski, in seinen großangelegten Annalen der Jahre vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, dem „Echolot“, entwickelt. Hier dienen die Anekdoten nicht wie in der klassischen Historiographie als Mosaiksteine, um zuletzt das vollständige Bild einer geschichtlichen Vita wie der Caesars oder der des Augustus freizulegen, sondern als fragmentarische Protokolle eines kollektiven Erinnerns. Im Unterschied zur klassischen Biographie der historischen Einzelpersönlichkeit, bei der die Anekdote selbst transparent und verständlich wird aufgrund des Lichts, das die narrative Gesamtform auf sie wirft, gilt für die anekdotenhaften Lebensfragmente im „Echolot“ von Kempowski folgender Satz von Conrad Ferdinand Meyer, auf den der Autor selbst in seinen Tagebüchern aufmerksam macht:

Eine Weile gleitet das Leben vorbei als unverständliches Murmeln.

In der gleichsam polyphonen Zeitchronik des „Echolots“ scheint sich der historische Sinn und die historische Erkenntnis auf lange Bahnen von einen dichterischen Fluidum zu nähren, das Walter Kempowski „Plankton“ nennt. Plankton ist die flüchtige Substanz der Erinnerung, die im Meer des kollektiven Gedächtnisses lose herumwirbelt, bald von unsichtbaren Strömungen getrieben, bald an Korallen, Schwämmen oder verrotteten Schiffswracks angelagert.

Gewiß bedarf es des Autors als eines Sammlers und Archivars, der das frei flottierende oder unter der Oberfläche des Tagesbewußtseins versteckte und gleichsam lauernde oder vor sich hindämmernde Plankton aufspürt, herausfischt und sinnfällig nach ästhetischen Formwerten wie Kontrasten und Ergänzungen, fugalen Engführungen und mnemotechnisch gekrümmten Linien kompositorisch anordnet.

Plankton in diesem Sinne ist der eidetische Schaum und Algenschlamm, der im Zwielicht des Halbbewußten dämmert. Man fischt ihn kaum oder selten aus den eitlen Selbstaussagen im Scheinwerferlicht der Interviews mit Zeitzeugen, die meist vor das klare Zeugnis die trübe Linse einer unwillkürlichen Selbststilisierung schieben, sprich moralische Betroffenheit, dünkelhafte Schuldbekenntnisse oder auf Aufmerksamkeitsgewinn schielender Wunden- und Trauma-Exhibitionismus. Eher noch gelangen wir in die Tiefseegründe, wo das eidetische Plankton herumschwimmt, mittels poetischer Verfahren wie der freien Assoziation oder der somnambulen Meditation.

Es mag zuletzt neben aller Bewunderung und Hochachtung vor der gewaltigen Lebensleistung Kempowskis im Archivieren, Collagieren und seriellen Komponieren der Lebenszeugnis-Bruchstücke des „Echolots“ ein leises Bedenken uns anwehen, wenn wir feststellen, daß hier vielfach oder zumeist nicht auf seine narrative Dichte hin ausgesiebtes eidetisches Plankton, sondern ungefilterter Tang- und Algenschaum zutagetritt.

Betrachten wir zu guter Letzt die ästhetische Form des dichterischen Satzes anhand unserer Beispielsätze:

S4.1: Die Rose ist die Schwester der Lilie.
S4.2: Die Lilie ist die Tochter des Lichts.

Augenscheinlich sind diese Sätze FALSCH, wenn wir für wahr befinden, was uns das biologisch oder überhaupt das wissenschaftlich fundierte oder empirische Wissen an die Hand gibt. Denn eine Übertragung des in der menschlichen Lebensform begründeten Relationsbegriffs der familiären Verwandtschaft auf nicht menschliche Lebensformen wie die der Blumen oder auf unbelebte natürliche Phänomene wie das Licht ergibt gemäß dem genannten Kriterium des Wissens keinen evidenten Sinn. Deshalb flüchten wir uns gern zur weihevollen Umbenennung solch einer Übertragung als Metapher.

Uns fällt zunächst auf, daß dichterische Sätze der aufgeführten Art keine Bestandteile von Anekdoten sein können. Sie enthalten weder Eigennamen von Personen noch können sie mittels Verwendung von Indices für Ort und Zeit angereichert und einem vertieften Verständnis erschlossen werden.

Auch wenn dichterische Sätze Eigennamen und Daten für Ort und Zeit der in ihnen evozierten Ereignisse enthalten, wie beispielsweise Sätze der Gedichte Goethes oder Celans, sträuben wir uns mit Grund und Instinkt, sie als Bruchstücke historischer Berichte aufzufassen. Denn obwohl Goethe seine Dichtungen als Fragmente einer großen Konfession bezeichnet oder betrachtet haben mag, so verkörpern sie doch keine Berichte und Zeugnisse der Art, wie sie die klassischen Viten der genannten antiken Historiker enthalten.

Sodann wollen wir dichterische Sätze als Varianten einer ästhetischen Form auffassen, insofern sie durch beliebig viele gleichsinnige Sätze ersetzt werden können, die eine solche Form auszufüllen vermögen.

Der dichterische Satz „Die Lilie ist die Tochter des Lichts“ könnte durch den Anruf oder die Invokation „O Lilie, Tochter des Lichts“ ersetzt werden, und dann umgäbe uns die eigentümliche Atmosphäre einer rilkeschen Elegie oder eines Marienhymnus. Wir gewinnen somit durch unser Verfahren der sinngemäßen Variation die ästhetische Form, der wir die Sätze einzuordnen willens sind, in diesem Falle also die Form der Elegie oder des Hymnus.

Die ästhetische Form verbinden mit der logischen Form des Satzes die Möglichkeit seiner Variation durch alle sinnfälligen Sätze, die der gleichen Form angehören, und der Ausschluß aller Sätze, die aus dem kontextuellen Rahmen dieser ästhetischen oder dichterischen Form fallen.

Einen Satz wie „Hier wendet sich der Gast mit Grausen“ aus Schillers Gedicht „Der Ring des Polykrates“ umhüllt die gleichsam duftlos-strenge und kristalline Atmosphäre der ästhetischen Form der Ballade. Dagegen sind die folgenden Sätze, der „Nänie“ Schillers entnommen, in den wehmütig-weichen Duft der ästhetischen Form der nachantiken oder modernen Elegie getaucht:

Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,

Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Gewiß können wir die ästhetische Form leicht von außen identifizieren, wenn wir um Sinn und Funktion des elegischen Versmaßes, des Distichons, wissen. Doch erfahren können wir das Elegische oder die elegische Atmosphäre dieser von Schiller virtuos gemeisterten Form nur, wenn unser Atem gleichsam den wehmütigen Duft der Verse aufnimmt oder wir die leichte Beklemmung, die jeweils im zweiten Vers des Distichons infolge des Aufeinanderprallens der Akzente in der mittigen Zäsur eintritt, nachfühlen oder rhythmisch nachatmen.

Bei Rilke finden wir eine atmosphärische Mischung der elegischen und hymnischen Form, so in der zweiten Duineser Elegie, wo der klagende Ton unmittelbar nach einer hymnischen Evokation des angelischen Daseins einsetzt:

Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, – Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen; ach wir
atmen uns aus und dahin; von Holzglut zu Holzglut
geben wir schwächern Geruch.

Wir wollen es wagen und der Vermutung Ausdruck geben, daß auch die eidetischen Erinnerungsspuren, die wir in den visionären Anrufungen der Engel in Rilkes Dichtung gewahren, Plankton im Gezeitenstrom der großen See eines kollektiven Gedächtnisses darstellen, in diesem Falle des Überlieferungsstromes der abendländischen Dichtung und Visionsliteratur von den biblischen Propheten über die hymnische Dichtung der Alten Kirche bis zu den irisierenden Lichtauren der Symbolisten.

Gewiß bedarf es des Spürsinns, des Feingefühls und der historisch singulären Fern- und Gipfelsicht eines lyrischen Autors wie Rilkes, der seine Netze auswirft und seine Reusen mit jenen Bildern des eidetischen Gedächtnisses füllt, um sie einer bestimmten ästhetischen Form wie der elegischen oder hymnischen mit der Sorgfalt und schöpferischen Demut des Chronisten und Annalisten der Jahreszeiten seiner Seele und der Seele seines Volkes einzuschreiben.

 

Mrz 31 18

Karnacht

Wie zwischen Mond und Sonne
hüllt unendlich sich das Schweigen
zwischen deinen Schmerz und meinen.

Und deines Blutes Krone
schwebt wie ein roter Mond
über meinem dunklen Tod.

Doch ist ein Tropfen gnadenvoll,
der niederglänzt auf einem Strahl
auf mein verschneites Grab.

Wie zwischen Mond und Wolke
wechselt duftlos Licht und Dunkel
zwischen deinem Schmerz und meinem.

Und deines Blutes Rose
schwebt wie ein Abendrot
über meinem leeren Born.

Doch ist ein Duft geheimnisvoll,
der niederweht wie Nachtgesang
auf meine stumme Qual.

 

Mrz 30 18

Flocken der Erinnerung

Meine Sonne scheint ins trübe Fenster
der Erinnerung und blaue Vögel
werden aus Tapetenmustern wach
und breiten ihre Dämmerflügel
über jenen fremden Schatten,
der dort am Fenster sitzt.

Mein Regen sind verwehte Tropfen,
die am grauen Schiefer
des Erinnerns niederrinnen,
Wasserglöckchen,
die wie Licht-Kristalle klingen,
wenn sie auf dem schrägen Dach
der Dunkelheit zerschellen.

Meine Rosen sind die weißen Inseln,
die auf Abend-Teichen
des Erinnerns langsam kreisen,
einsame Schwestern,
die einander Düfte senden,
blass wie kaum gefühlte Küsse.

Meine Flocken sind ein heller Schnee,
der auf Nymphen in Gärten
des Erinnerns niederrieselt,
und bald sind ihre Tanzgestalten
wie erstarrt im Banne
eines zart gestäubten Schlafs.

 

Mrz 29 18

Lied von ehedem

Weißt du nicht von wannen,
weißt du nicht von wem
ein Lied von ehedem
Blatt und Blut begannen?

Kann nichts hören,
bin alt und taub,
der Nächte dunkles Laub
kann mich nicht betören.

Siehst du nicht das Steigen
der Fluten grau und fahl,
des Wassers Schaumes-Qual,
der Rosen Abschiedsneigen?

Kann nichts sehen,
bin alt und blind,
und meine Träume sind
die Dornen weißer Schlehen.

Fühlst du nicht das Streichen
der Luft im weißen Haar,
die Träne unsichtbar
den trocknen Sinn erweichen?

Kann nichts fühlen,
mein Herz, den schweren Stein,
kann Gottes Sturm allein
aus seinem Grabe wühlen.

 

Mrz 29 18

Als ich um mich schaute

Nacht und grünes Wogen,
Tages blauer Bogen,
wo im Gras ich schlief.

Träumte, daß mich weckte,
weiße Hand sich streckte,
Mundes Rose sank.

Nacht und leise Wellen,
Tages Wolkenhellen,
Schlummer war nicht tief.

Als ich um mich schaute,
Wolke stand und graute,
wirres Blattgerank.

 

Mrz 29 18

De profundis

Ihr kleinen Blütensonnen
in Sommers wilden Mähnen,
ihr großer Nacht entronnen,
entzückte Sternentränen,
o scheint wie fromme Kerzen
ins Dunkel unsrer Schmerzen.

Ihr kleinen Sommersprossen
auf süßen Mädchenwangen,
ihr hoch ins Glück verschossen,
gekrönte Winden-Schlangen,
noch einmal wollet strahlen
ins Dunkel unsrer Qualen.

 

Mrz 28 18

Geheimes Leben

Λάθε βιώσας

Verrate nicht mit feuchten Blicken,
die sich um welke Veilchen winden,
den Schmerz an Lebens süßen Tücken,
weil Flamme sich und Falter finden.

Senk heimlich nur in Blumenschalen,
wo deine kleinen Blüten schwimmen,
die Kindertränen deiner Qualen,
die kurz wie scheue Küsse glimmen.

Geh durch die Menschen wie durch Dünste,
die keine Sonne je wird lichten,
ein Lied, ein Lächeln brauch als Künste,
zu bergen deine Liebe, dein Verzichten.

 

Mrz 28 18

Narrenlallen

Wie Tropfen einzeln rinnen
von stummen Blumenlippen,
ist unser hohes Sinnen
ein Schaum an Meeresklippen.

Wie letzte Flammen steigen
in welkend-laues Leben,
so müssen wir uns neigen
ins Glühen später Reben.

Und will ins Flockenfallen
sich groß ein Wort noch sagen,
ist es ein Narrenlallen,
vom Winde fortgetragen.

 

Mrz 28 18

Der Schmerzenskelch

Die Felder liegen furchenkahl,
am Rand die knorrigen Weiden,
so müssen wir es alles leiden
und hoffen auf der Rose leise Qual.

Erde gab das Herbe, das Süße,
Blumen das liebliche Licht,
du grünes Schattengesicht,
o tränenhelle Scheidegrüße.

Die Quelle wurde Eis zur Nacht,
ringsum die Binsen wie Speere,
die Träume gehen irr ins Leere,
viel Trübsal hat der Tag gemacht.

Himmel gab die Herbstzeitlose,
Wolken Sehnsuchtslicht,
Tropfen füllten das Gedicht,
den Schmerzenskelch der großen Rose.

 

Mrz 28 18

VON STILLE ZU STILLE

STILLE
SPIEGELNDE
SCHALE

WORTE
SCHWIMMENDE
BLÜTEN

BLICKE
SCHATTENLEICHTE
RANKEN

SCHRITTE
KLARGESCHRIEBENE
GRÄSER

GESTEN
NIEDERRINNENDE
TROPFEN

ANKUNFT
TAUBEMOOSTE
SCHWELLE

WEILEN
GELEHNT AN EINE
WOLKE

ABSCHIED
LEISERSINGENDER
REGEN

STILLE
SCHNEEVERBRÄMTE
ROSE

 

Mrz 27 18

STUFEN IN DIE LUFT

TRAUBENGOLDNES
GARTEN
TAL

SCHAUMGENECKTES
WASSER
SPIEL

FLAUMBEHAUCHTES
HIMMEL
BLAU

ANEMONEN
FEUCHTER
BLICK

ABENDROTER
GLOCKEN
TON

TRAUMUMGLÜHTER
TROPFEN
MOND

VEILCHENWEICHE
MULDE
SCHLAF

 

Mrz 27 18

BLUMENLEITER

FEUER
LILIE
BLUT

GINSTER
LIPPEN
MILCH

SONNEN
MOHNE
WEIN

HERBSTZEIT
LOSE
TAU

EFEU
RANKEN
NACHT

BLASSE
MALVE
MOND

BLAUE
IRIS
SCHLAF

ANE-
MONE
TRAUM

 

Mrz 26 18

HEN KAI PAN

BLÜTEN
IM
WIND

FEDERN
IM
GRAS

FEDERN
UND
BLÜTEN

TROPFEN
IM
WIND

BLÜTEN
IM
GRAS

BLÜTEN
UND
TROPFEN

SCHIMMER
IM
TAU

TROPFEN
AM
HALM

SCHIMMER
UND
TROPFEN

WOLKEN
IM
FLUSS

SCHATTEN
IM
SCHNEE

WOLKEN
UND
SCHATTEN

 

Mrz 26 18

Wer füllte uns die leeren Blicke

Wie kleine Blütenlippen fallen,
entsanken uns die letzten Stunden,
wie Rosenblut die äußerste von allen
hat rot noch deinen Mund gefunden.

Wie Ranken waren deine Locken
betaut um meinen Schmerz geflochten
und deine Seufzer, weiße Flocken,
sie schmolzen an den Flammendochten.

Wer füllte uns die leeren Blicke
mit eines Abgrunds grünem Spiegel,
wer preßte uns zum wehsten Glücke
das Herz aufs Herz zum Abschiedssiegel?

 

Mrz 26 18

Als säh ich dich von fern

Ein Rinnsal ist so bang verronnen,
ein Vogel jäh verstummt.
Ein sanfter Pfad ist abgebrochen
wie kaum ergrünter Zweig.

Doch fühl ich noch ein feines Wehen,
als löste sich ein Stern.
So bleibe ich am Rande stehen,
als säh ich dich von fern.

 

Mrz 25 18

Erwacht und nicht erdacht

Non factum sed genitum

Was uns entzückt mit blauer Lüfte Flügeln,
betauter Gärten Veilchen, Phlox und Flieder,
in dunklem Moose quellend helle Lieder,
kann keines Menschen grauer Sinn erklügeln.

Was rinnt wie eine große Träne nieder,
verflossner Schmerzensmond auf Abendhügeln,
was schmolz dahin in Sommers Sonnentiegeln,
ballt keines Menschen Hand ins Dasein wieder.

Die Dolde Glück im Beben leiser Stunden,
die zarten Dufts den Liebenden sich neigte,
ward unverhofft wie Gottes Hauch empfunden.

Warum Gerank die Schatten weich verzweigte
um eines kleinen Vogels kleine Klagen,
wer könnte ungeküßten Munds es sagen?

 

Mrz 24 18

Die Nacht der Rose

Zerblättert wie ein Liebesbrief
willst Rose du
den Schmerz der Nacht
mit deinem Duft betäuben.

Und stille steht die Nacht
sinnend wie am Rande eines Grabs
und hält die Lampe des Monds
über seine einsame Blume.

Und überfließt der Schmerz
in ihren dunklen Duft,
Gespenst des Sommertags,
das in fernen Tälern des Erinnerns irrt.

Da schließt sie ihre Lider,
von Wehmut zart bewimpert,
zu einer Knospe voller Schlaf,
und traumlos
duftet sie nicht mehr.

 

Mrz 24 18

Pigmente des Lebens

Meer aus Indigo,
muschelkalte Pracht.
Taubenflaum, das Vlies
der Zypressennacht.

Leerer Himmelsschrein,
Abgrund ultramarin,
blendende Monstranz,
da sein Stern erschien.

Veronesergrün,
atemweiser Wald,
Eulenflug umkreist
Ahnung und Gestalt.

Ocker braun und rot,
Haare, Fell und Stroh.
Licht für Tanz und Tod,
Höhle von Lascaux.

Blut und Karmesin,
Erosʼ Lied und Mund,
Mantelsaum am Thron,
Herrscherzeichen Grund.

Gipfelt sich die Zeit,
Purpur im Azur.
Uns ein grauer Traum,
Gott die lichte Flur.

 



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