Seufzen nach versiegten Quellen
Wer in Gefahr schwebt, Argwohn hält ihn wach.
Im Rücken fühlt er Feindes Blicke bohren,
des süßen Lebens Licht ging er verloren,
den Schatten, die sich längen, sinnt er nach.
Sein Bauch setzt an kein Fett, und nicht sein Geist.
Kein Caesar lädt ihn ein wie jene Dicken,
die sich in wohlgenährte Knechtschaft schicken.
Er scheint ein Irrstern, der im Abgrund kreist.
Und ist er Dichter, schreibt er keine Oden,
die Blüten streuen auf den jähen Grat,
als würd ihr Schnee die Finsternis erhellen.
Er hört gemeine Gier die Wälder roden,
wo er sich barg auf Mnemosynes Rat.
Ihm bleibt nur Seufzen nach versiegten Quellen.
Erläuterung zu Caesar:
„Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.“
William Shakespeare, Julius Caesar (1. Akt, 2. Szene)
Sommers letzte Spende
Woraus der Anmut Zartsinn wohl erwächst?
Sie öffnet sich dem hohen Blau wie Blüten,
verschließt sich vor der Nacht, den Duft zu hüten,
daß er der Unschuld Träume nicht behext.
Warum wohl Liebe Tau auf Rosen gleicht?
Im Glutstrahl will sie noch auf Milde sinnen,
läßt kühlen Glanz auf heiße Wangen rinnen.
Vor ihrem Blick scheint selbst der Dorn erweicht.
Nimm, Dichter, Tau als Sommers letzte Spende
und salb damit der Worte mürbe Haut,
bis sie im Abendlicht noch einmal glänzen
und süßer Reim den herben Vers vollende.
Die Schwester nahet, die verlassene Braut:
Sie mag Verschwiegnes zarten Hauchs ergänzen.
Als Wahn entlarvt
Das Netz des Glaubens, zart gewebt,
worein sich müder Geist verfangen,
daß einmal er zum Äther schwebt,
zur Heimat wieder wird gelangen,
zerriß in gnadenlosem Sturm,
in Erdnacht fiel ein blinder Wurm.
Das Bild der Hoffnung, Hen kai Pan,
verehrt, gemalt wie einst Ikonen,
ein Antlitz, Schnee auf goldnem Plan,
wo wir vereint mit Engeln wohnen,
hat kalter Einsicht Kalk verätzt,
das Gold ward grauer Staub zuletzt.
Das Mahl der Liebe, Brot und Wein,
die uns noch Dichterworte priesen,
als könnten wir Geschwister sein
auf Abendlichtes stillen Wiesen,
hat Schwermut abgetan als Spleen,
als Wahn entlarvt ein Arzt aus Wien.
Am Rand der Nacht
Wie Glanz an zarten Wimpern, Abendtau,
muß in den dunklen Schoß der Rose rinnen,
sind Blumen, bunt gestreut ins Lied der Minnen,
bald fahl, wenn Schnee der Schwermut dämmert grau.
Wie aus verwaisten Nestern lichten Flaum
der Herbstwind bläst auf öde Auen,
muß Euphrosynes goldnes Haar ergrauen,
zerrann am Fels der Trübsal Liedes Schaum.
Blieb, Dichter, dir am Rand der Nacht kein Wort,
als Sternbild es zu schleudern in die Leere,
daß es uns leuchte auf des Irrsals Pfaden?
Vergebens hofften wir auf einen Hort,
wo Glut von Rosen unsre Angst verzehre,
im Rauschen kühlen Quells den Schmerz zu baden.
Dichters Tageszeiten
Nachts weckt aus dem Hof dich Schmatzen
schlingender Hyänen.
Sang der Anmut knackt, ein Knöchel
zwischen ihren Zähnen.
Morgen schlägt wüst an die Pforte
wie mit Eisenhämmern.
Könntest du, gelähmt vom Mohne
stumm den Tag hin dämmern.
Mittags auf der Parkbank, fahles
Laubvlies, ausgewrungen.
Tau, statt Wortes Sproß zu feuchten,
leckten Flammenzungen.
Lockt der Abend nicht mit Stimmen,
blauen Abgrunds Boten?
Du verstopfst das Ohr der Seele
vorm Gesang der Toten.
Von Reben nimm das Grün
Von Reben nimm das Grün, Tauglanz von Moosen,
den goldnen Abendschimmer klaub von Trauben,
fühl Schlaf im Schnee am Flaum von Turteltauben.
Des Morgenrotes Küsse geben Rosen.
Das Hoffen lern an sanfter Tropfen Pochen,
von stillen Gräsern, die im Wind sich wiegen,
wie niedersinkend Demut kann obsiegen.
Doch Schauer flöße ein die Gruft der Knochen.
An Ufern, Perlen quellend aus Geysiren,
trinkt das Gedicht ein träumerisches Raunen.
Aus Nestern, die verlassen, pflückt es Daunen,
zu retten Schwermutkranke vorm Erfrieren.
Der Zauberring
Stein, dem eingesprengt das Erz,
aus der Erdnacht mußt ihn hauen.
Goldnes Wort, es wird dir tauen,
schmilzt die Flamme, flammt der Schmerz.
Daß im Dunkel Rose glüht,
muß dein Herz ihr Funken schlagen,
Glut die Rinde Angst zernagen,
die aus deiner Esse sprüht.
Schmiede uns den Zauberring,
der uns hebt, wenn wir ihn drehen,
ins Gefild, wo Blüten flehen:
Seufze, Mund der Liebe, sing.
Daß dein Puls nicht werde schwach,
kannst du trunkne Bilder saugen
aus der Muse feuchten Augen.
Träumend bleibst du, Dichter, wach.
Unterm Pflaster der Strand
Sous les pavés, la plage
(Parole des Pariser Mai 68)
Sous les pavés,
wütend aufgebrochen,
glomm kein goldner Sand,
schimmerte kein Schnee.
Was bei Abortratten
le désir noch fand,
war ein Louisdor,
Glanz erloschner Schatten,
den Marie verlor,
Münzgeld für die Reise.
Charons Boot war leck,
Nacht war ihre Schneise.
Tausend bleiche Knochen
sah des Aufruhrs Sohn,
balsamiert von Dreck,
klirrend „Marchons, marchons“,
Schädel, augenlose,
doch kein Licht der Rose.
Unter den Talaren,
Pöbel riß sie nieder,
Ungeist hat gespien,
klang von ferne wider
Dichtung der Scholaren,
Walthers Minnelieder,
Goethes Elegien.
Anmut ist verpönt,
nur das Schrille gilt.
Würde wird verhöhnt,
wenn der Phallus schwillt.
Frucht von tausend Jahren
warf ein dumpfes Meinen
in den Trog von Schweinen.
Unter dem Asphalt
ward der Quell erstickt.
Dichters Herz, vergebens
sucht es nach dem Spalt,
daß den Vers erquickt
süßer Tau des Lebens.
Wiesen, die planierten,
baumlos starrend Hügel,
Haut von Tätowierten,
Eros Mißgestalt
mit zerrissenem Flügel
spotten allem Sang,
der aus Tiefen drang.
Rose im Winterlicht
Wie einsam sie noch blüht im Winterlicht,
verschmäht von klugen Gärtners jäher Schere.
Sie schien zu müd ihm, eine Bajadere,
der’s für den Tanz des Winds an Mut gebricht.
Und doch verströmt sie töricht ein Arom,
süß, Falter, die schon taumeln, anzulocken.
Aufs Antlitz aber schweben Ascheflocken,
ihr blasser Mund schmeckt Bitternis von Chrom.
Ist, Dichter, nicht dein Vers wie diese Blüte?
Sein Sommer ward vom Dunst der Angst entrückt.
Er aber duftet innig wie im Traume,
als hätte ihn der Anmut Herz erblickt,
als ob an ihrem Hauch er neu erglühte.
Doch wacht er auf an öden Schneefelds Saume.
Die Lerche und die Nachtigall
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Ein Kokon ist das hohle Wort,
worin der Sinn verbleicht und abstirbt,
und dünkte eingesponnen
im Dämmerlicht sich sicher.
*
Die Flocke Glück schmilzt hin
beim ersten zarten Anhauch,
des Unglücks Scheite
beugen bald der Anmut
zarte Schultern.
*
Euphrosynes leise Töne
dringen durch das harte Wachs
des Stumpfsinns nicht.
*
Was sich mühsam hochgerankt
am fremden Stamme,
Efeu,
stürzt mit dem erstickten
nieder.
*
Glaube, Liebe, Hoffnung spricht:
„Es ist die Nachtigall“,
nüchterne Einsicht:
„die Lerche!“
*
Sprache,
Netz mit den eingefangenen Fliegen,
die noch träumerisch sirren,
schwingt es im Abendlicht,
bis der Schatten
jähen Verstummens
herankriecht.
*
Ist es dieselbe Rose,
die in der Ode geglüht
und nun fahl verdämmert
in der Elegie?
*
Was unabdingbar ist
für den Eindruck des Sublimen,
das „Je ne sais quoi“,
übersteigt die Kunst des Talents.
*
Charme
ist die Mitgift einer Braut,
die sich Märchenritter
oder reine Toren erwählt.
*
Das Fatum wägt
die Frucht der Tat
gegen den Unrat der Untat.
*
Der Beifall der Menge
klirrt im Ohr
argwöhnischen Feinsinns.
*
Der Stoiker stopft sich
vor dem Lärm der Welt das Ohr
mit demselben Wachs,
das die Gefährten des Odysseus
taub machte
gegen den Zaubergesang der Sirenen.
*
Im Auge des Nüchternen
ist der Maskenzug der Bacchanten
nur eine lächerliche Farce.
*
Die Tränen sind kein Symptom,
sondern ein echter Bestandteil der Trauer,
während die Unfähigkeit zu weinen
ein echtes Symptom der Melancholie ist.
*
Die spirituelle Seelensubstanz eines Platon
oder Descartes hat sich uns in die leibhaftige
Physiognomie der Person aufgelöst.
*
Arglose Jugend beschwingt das Lied der Lerche,
Gesang der Nachtigall lindert die Meditatio mortis
des Alters.
*
Kindlich und liebenswürdig ist das antike Bild
vom immer schon verflossenen goldenen Äon
einer sich mütterlich schenkenden Erde;
kindisch und gefährlich die neuzeitliche Idee
eines von Menschenhand zu erbauenden zukünftigen.
*
Die Tristesse des Alters tröstet sich damit,
den Weltuntergang nicht mehr erleben zu müssen.
*
Die Früchte, die sie nicht pflücken konnten,
erachten die vom Schicksal Benachteiligten
für wurmstichig und faul.
*
Qui auget scientiam auget et dolorem.
Wissen mehrt den Schmerz.
Der Mohn des Vergessens
lindert ihn nur vorübergehend.
Deshalb macht die Musik Wagners
oder die Dichtung Baudelaires
Schwermütige süchtig.
*
Der Schwermütige lauscht des Nachts
der Quelle unschuldiger Wasser.
*
Die Flamme der Hestia ist hierzulande
fast gänzlich erloschen. Doch der Brand
der Steppe dringt näher und wird die Laren,
die Bilder der Ahnen, nicht verschonen.
*
Die Sorge ist die Mutter der Wissenschaft,
aber auch die Amme des Aberglaubens.
*
Der Genius loci verwahrloster, vermüllter Plätze.
*
Alles ist sinnvoll geordnet, vom Kristall bis zur Blüte,
von der Hand bis zum Auge, vom Gedanken
bis zu seinem sprachlichen Ausdruck.
Was als Chaos zerstörerisch wütet, auch dies gehorcht
Gesetzen ewiger Metamorphose.
*
Den unwillkürlichen Versprecher, der Lachen hervorruft,
kann Freud mittels Gesetzen des Traumlebens erklären.
Den Unsinn, den Philosophie bändeweise hervorbrachte,
weiß Wittgenstein auf unwillkürlich wirkende Muster der
Sprache und Fallstricke des Denkens zurückzuführen.
*
Mythologische Aperçus auf den Untergang des Abendlands:
Poseidon, der nach Homer zu den Aithiopiern gegangen ist,
kehrt nicht mehr zurück.
Die blonden Götter unterliegen den schwarzgelockten.
*
Die lichten Götter starben nicht; sie kehrten als Schatten und
Gespenster der Seele zurück.
*
Wer von Liebe spricht, darf vom Haß nicht schweigen;
denn demjenigen, der liebt, gebührt es auch zu hassen, wenigstens
das, was dem Geliebten Schaden zufügen oder es verletzen möchte.
*
Gute Geister, wie man sie nennen mag, weilen, wo ein Flecken Lands, ein See, ein Berg, ein Baum, ein Quell nicht nur menschlichem Bedarf dienen muß, sondern sich selbst oder der Gottheit gehören darf, die bei ihm wie die Dryade des Baums oder die Nymphe des Sees verweilt. Daher die Trostlosigkeit und seelische Öde der Stadt, aber auch der industrialisierten Landwirtschaft.
*
Sinn, Glück, Erfüllung sind keine Artikel im Warenkatalog; sie kommen nicht auf Bestellung, sind nicht käuflich; sie locken nicht mit dem Glanz der Reklame. Unscheinbar bisweilen gleich dem sich unter unseren Schritten biegenden Gras bleiben sie von uns unbemerkt; doch ist das Gras versengt und häßlich geworden die Erde, freilich, dann sehen wir es.
O Dorn des Verses
Schon schweben wieder Flocken, die Spur verweht,
vom flüchtigen Wild nachts hinterlassen.
Dein Vers auch, Dichter, wird verblassen,
den Zeichen gleich, die keiner mehr versteht.
Die vor Ikonen Honigduft entsandt,
geweihter Kerzen Flammen, wie sie zittern.
So neigen sich an fahlen Dichtwerks Gittern
die Rosen, ist ihr Herz erst ausgebrannt.
Dir bleiben Blüten, wie sie Witwen sacht
ins Album kleben. Süß ist es, zu trauern
und Zeilen, die der Ferne schrieb, zu küssen.
Der Schwermut Auge sieht in blauer Nacht
die goldne Locke Euphrosynes schauern.
O Dorn des Verses, der sie ihr entrissen.
Kühlung fächelnder Vers
Die dicke Matrone, wie elend sie schwitzt,
und neben ihr japst das Hündchen und hechelt.
Selbst schuld, wenn sie schlapp in der Sommerglut sitzt.
Dein Vers sei Labsal, wenn er Kühlung ihr fächelt.
Dem Hündchen stellst einen Blechnapf du hin:
Schlürft Jamben, schlabbert Trochäen die Zunge.
Wie sprühende Woge der Daktylus rinn
am Busen entlang, Zephyr atme die Lunge.
Dann wieget sie Morpheus gnädig in Schlaf,
das Hündchen streckt alle Viere.
Schön, daß ein fühlendes Herz er noch traf,
dein Vers, verständlich selbst einem Tiere.
Erstickt rings auch das Wort in Gebrüll
und schleudert der Pöbel verächtliche Blicke,
es schirmet die beiden ein spätes Idyll,
den Dichter und seine Muse, die dicke.
Das Festmahl des Übermenschen
Schillernder Aussatz des Lichts,
linkischer Buhle der Nacht.
Er wähnte, sacht wie der Pardel
auf moosigem Grund dahinzuschweben
oder nackt zwischen kitzelnden Halmen
bacchantisch zu tanzen.
Doch ihm blieb nur, starr wie der Felsen,
auf dem einzig Moose und Flechten sich wandeln,
in das neblige Tal
versteinerter Gegenwart zu blicken,
und zum Unterschlupf die Höhle
des Eremiten, den er erschlagen,
einzig das Zwielicht des Irrealen
und der Schlund des Nichts,
den umsonst er stopft
mit den Innereien der Unschuld
und den dürftigen Gaben
einer verkarsteten und zur Steppe
gewordenen Erde.
Beim dumpfen Gelage
mit den längst zu Schatten entwesten
alten Kämpen der großen Endschlacht
wider den Sinn des Daseins,
dem Teufelsgeiger, dem fetten Falstaff des Geifers
und dem Alchemisten der tödlichen Schmelze,
füttert er zuerst die schuppige Echse,
die zwischen seinen zitternden Knien schwänzelt,
mit blassenden Herzen von Nymphen,
die ihm die Angel mit dem Köder
gleisnerischer Verheißung
ihrer Erlösung vom Bann
gefischt hat,
daß von Liebe sie lispelt,
die giftige, widrige Lippe.
Oger, sein Meisterkoch,
garniert die Festtagsplatte
mit zierlichen Füßen
abgetriebener Föten.
In der trüben Suppe
schwimmen die glasigen Augen jener,
die seinetwegen geweint,
Saphir und Aquamarin
unter exotischen Wimpern,
verschleierter Sklavinnen,
die nicht er,
der Impotente,
sondern Oger entjungfert.
Die zarte Lende,
honiggolden mit Sirup überstrichen,
mundet ihm bestialisch,
hat er gestreichelt sie,
sanft mit Küssen bedacht
doch gestern noch,
als er die Keuschheit der Kindfrau verhöhnte.
Beeren, Pilze, Trüffel,
sie atmen den Humus der Beete,
die er sorgsam gedüngt
mit dem Aas von Schakalen
und den Zungen von Nachtigallen.
Edel glimmt der Bernstein des Weins.
Den Pokal haben einst die Frevler
geraubt aus dem Tempel des alten Gottes,
dessen Tod er prahlerisch verkündet,
indes würgt ihm seine Asche
die Kehle noch lange.
Einen neuen Gott aber fand er sich nicht,
dem die düster schwelende Glut
animalischer Leidenschaft zu opfern
den Sinn veredelte,
nur eine Fratze zusammengeleimter Mythen.
Endlich lehnt er sich rülpsend zurück,
und seine altersfleckige Haut
schwitzt glitzernde Perlen
sentimentalen Gefühls aus,
ein Aroma verströmend
aus Veilchen und Urin.
Ein Schnalzen, ein Händeklatschen,
schon ist sein Dichter zur Stelle,
in seiner dunkelsten Ängste Abgrund
lilafarbene Blüten und purpurnes Blattwerk
lieblicher Oden zu streuen.
O Grauen
in den Labyrinthen des Traums,
worin er vergebens dem nahen
und fernen und wieder nahen
Brüllen des Minotaurus
zu entfliehen sucht.
Heimkunft gibt es keine
Stimmen, die ins Schweigen gleiten,
wenn dem Kahn, dem ruderlosen,
Schaum des Monds und Schlaf von Rosen
schwarzen Wassers Wogen breiten.
Ferner Heimat Melodien
mahnen weicher Wehmut Waisen,
wenn durch Zwielichts Dämmerschneisen
sie an fremde Ufer fliehen.
Heimkunft, sprachst du, gibt es keine.
Auf die Lauben goldner Sonnen
war schon matter Tau geronnen,
daß es schien, die Sehnsucht weine.
Laß uns, sprach ich, hier nur liegen.
Moose seufzten, und uns kühlten
Abendlüfte. Was wir fühlten,
war wie dunkler Schilfe Wiegen.
Ausgelöschter Sehnsucht Sonnen
O Veilchen, die im frühen Frost erbleichen.
Tröster dunkler Schwermut, holder Schimmer,
gingst verloren du für immer?
O Veilchen, die im frühen Frost erbleichen.
Wo magst, Dichter, Träume du noch pflücken,
daß dir zarten Dufts der Vers kann glücken?
O Tropfen Lichtes, die am Morgen glänzten.
In ein fahles Dämmern hingeronnen,
ausgelöschter Sehnsucht Sonnen.
O Tropfen Lichtes, die am Morgen glänzten.
Blauen Blumen noch auf fernen Auen,
dir den Vers zu heben aus dem Grauen?
O Augen, feuchter Glanz für trübe Blicke.
Quellen in Oasen, nahen, fernen,
ausgetrocknete Zisternen.
O Augen, feuchter Glanz für trübe Blicke.
Wird ins finstre Tal noch Gnade leuchten,
Träne stillen Danks den Vers dir feuchten?
Dichten ist ein Pilgertum
Liebe ist ein Opfergang.
Wüsten hat sie schon durchschritten.
Heilt ihr milder Quelle Sang
all die Wunden, stumm erlitten?
Sehnsucht wandert durch die Nacht.
Ferne sieht sie Blüten leuchten.
Wer hat ihr den Wahn entfacht,
daß sich dürre Auen feuchten?
Schwermut ist erstarrt im Eis.
Gottes Sonne sieht sie schweben.
Wird ihr Herz je wieder heiß
unter Gnadenstrahlen beben?
Dichten ist ein Pilgertum.
Schweigend geht es zwischen Schreien.
Vers, dreht er ins Licht sich um,
wenn ihm sanfte Hymnen schneien?
Schlüssel und Schloß
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Deutschland soll den Deutschen gehören. Aber ist es sinnvoll zu behaupten, mit der deutschen Sprache verhalte es sich ebenso?
Haus und Hof, Gemarkung und Land können als Rechtstitel den Eigentümer und Besitzer wechseln, können verpachtet, vererbt oder versteigert werden. Aber die Sprache?
Haus und Hof können enteignet, die brandig gewordene Hand amputiert werden. Aber die Sprache; aber das Bewußtsein?
Die amputierte Hand kann dennoch schmerzen. Ist der Wortschwall des Psychotikers mit dem Phantomschmerz vergleichbar?
Nationalsprache heißt Sprache einer Nation. Aber mein staatenloser Freund spricht auch Deutsch.
Man spricht sinnigerweise von den Sitten und Gebräuchen eines Volkes. – Wirkt es deshalb ein wenig albern, wenn Heidegger manchmal mit einer Baskenmütze herumlief?
Manch einem verstockten sich jeder humanistischen Läuterung oder der Wiedertaufe durch einen Charismatiker der Vielfaltssekte verweigernden Reaktionär bleibt es für immer rätselhaft, wie aus exotischen Kulturkreisen Hereingeschneite gemäß dem ihm einzig adäquat scheinenden Prinzip der nationalen Zugehörigkeit, dem ius sanguinis, zu Deutschen sollen mutieren können.
Als wäre das Bewußtsein eine Art Fenster, durch das wir auf die Landschaft des Wirklichen sehen. – Doch können wir die Ohnmacht, den Schlaf, den Tod mit einem Fenster vergleichen, das jählings verschlossen wird?
Als wäre das Bewußtsein eine Art Leinwand, auf die Bilder projiziert werden. – Wer aber sieht sie, versteht oder mißversteht sie dann? – Ein Bewußtsein zweiter Stufe, ein Meta-Bewußtsein? Wohin soll das führen?
Du löst eine Fahrkarte und nimmst den Zug, um da und dort, in dieser oder jener Stadt deinen Freund zu besuchen. – Du träumst, du wirst von dem Bahnangestellten am Schalter gefragt, wohin die Reise denn gehen soll, und du erinnerst dich nicht an den Namen der Stadt. – Sind wir hier nicht geradewegs in Kafkas Traumwelt versetzt?
Als wäre die Welt einteilbar in Ich und den Rest. Oder wie die Philosophen sagen: Subjekt und Objekt. – Aber ist die Sprache ein Moment des Ich-Bewußtseins, ein Ding der Umwelt? Weder das eine noch das andere.
Im Labyrinth der Zeichen herumirren, ohne es zu wissen.
Schopenhauer teilt mit seinem Erzfeind Hegel jenseits aller weltanschaulichen Differenzen wie Optimismus und Pessimismus, ohne es zu bemerken, dieselben in sprachlichen Mustern und Bildern tief eingesenkten Vorurteile; die aus der Grammatik abstrahierten Funktionen von Subjekt und Objekt, ich, du und er, sie, es, Zeitformen des Verbs usw.
Die Schamlosigkeit und Frivolität, welche die einen als Liberalität feiern, verachten ihre Feinde als Symptome von sittlichem Verfall. – Sollte es hier keine objektive Sicht auf die Dinge geben, nun, dann bleibt nur der kulturelle Kampf.
Wir können in dem von Menschen betretenen Mond weder Selene noch Luna mehr wiedererkennen.
Was der Dichter, der die Ode auf eine griechische Urne schrieb, beklagte, was der Dichter der Hymnen an die Nacht beschwor, ist uns zur Wüste des Geistes geworden.
Der Schlüssel mit dem richtigen Schlüsselbart paßt ins Schloß. – Doch nur im Märchen schließt der Zauberspruch „Sesam, öffne dich“ die geheimnisvolle Höhle auf.
Obwohl er den passenden Schlüssel bei sich trägt – hat er es vergessen, vergessen, daß er selbst der Schlüssel ist? – versucht er, herrisch die Tür mit Gewalt aufzuschlagen; oder er kniet davor, sklavisch-devot um Einlaß bettelnd.
Mit der richtigen topographischen Karte gelangt der Wanderer an sein Ziel. – Freilich, er muß sie zu lesen verstehen.
Das Bild von Schlüssel und Schloß oder der richtigen Passung ist kein Bild für ein adäquates Verstehen. – Die sexuell optimal aufeinander abgestimmten beiden Geschlechter können ein Kind zeugen, auch wenn sie ansonsten aneinander vorbeireden oder vorbeileben.
Das Nächstliegende verhüllt uns der Schatten, den wir selbst darauf werfen.
Der scheinbar eingebürgerte gesetzestreue Jünger des Propheten führt Krieg gegen die Ungläubigen gerade in dem Land, das ihn großzügig aufgenommen hat, weil er es schon für sein eigenes erachtet und folgerichtig vom Abschaum all dessen, was nicht halal ist, reinigen will, ja, es davon zu reinigen sich berufen fühlt.
Am Ufer sitzen, verborgen im Schilf, und ungerührt wie im Traum schauen, was alles im aufgewühlten Strom der Zeit vorübertreibt: Blätter, Zweige, ausgerissene Baumstämme, Stühle, Tische, Schränke, Kronleuchter, Gemälde, Bücher, Kadaver von Tieren, abgeschlagene Köpfe von Menschen.
Warum sollte man das Praeteritum für ein Praescriptum nehmen?
Nichts, was geschehen ist, verpflichtet uns unmittelbar – weder zur Nachahmung noch zur Abwehr.
Ungezügelte Kindheit, gedankenlose Jugend, wichtigtuerische Reife, in Stumpfsinn versinkendes Alter.
Die Parallelen von Mann und Frau schneiden sich nur im nichteuklidischen Raum dichterischer Einbildungskraft.
Götter, Götzen, Idole – Phantome unerfüllter Sehnsucht, unerfüllbarer.
Es gibt keine höhere Instanz, die uns befiehlt, die Haltungen und Maßstäbe des gegenwärtigen Zeitalters anzubeten oder nachzuäffen.
Die nobelste Flucht ist jene in künstliche Paradiese.
Mozart, Schubert, Bruckner: auf daß wir die dämonischen Einflüsterungen der Schwermut übertäuben.
Noch der häßlichste Geist findet einen Spiegel, aus dem er sich entgegenlächelt.
Selbst des Nachts findet Trübsal in der schmutzigsten Lache noch ein Tröpfchen Glanz, ist nur der Mond ihr gewogen.
Die meisten wachsen über ihren angeborenen physiognomischen Typus nicht hinaus zu nur ihnen eigentümlichen Zügen.
Die zeitlosen physiognomischen Typen von Mann und Frau lesen wir von den mythologischen Bildern der griechischen Götter und Heroen, Göttinnen und Heroinen ab. – Auch die römische Komödie läßt sie Revue passieren.
Einer intelligenten flinken Ratte gleich springt der Psychoanalytiker über die labyrinthischen Abwasserkanäle der Seele.
EIN Los mußtest du ziehen; ein unbeschriftetes gelte dir nicht als Niete, denn leer auszugehen ist hier und heute vorteilhafter als mit einem Los versehen worden zu sein, auf dem ANMUT steht, GRÖSSE oder GENIALITÄT.
Genialität wird ja lange schon verächtlich gemacht, der Begriff Genie als billiges Klischee für ein verlottertes, verdächtig schillerndes Bohèmeleben mißbraucht.
Heute schätzt man den Künstler als einen Bruder des Ingenieurs, der sein Werk nicht schöpferisch hervorbringt, sondern planmäßig konstruiert, nicht aus der spontanen Intuition schöpft, sondern es wie die Tüftler serieller Kompositionen einem technischen Verfahren unterwirft.
Schopenhauer, einer der letzten Apologeten des Genies, war selber eines, das man als verschroben, selbstherrlich, dem Fortschrittsglauben abhold, obendrein misogyn und antierotisch abgetan und aus den akademischen Curricula getilgt hat.
Man folgt den angeblichen Meisterdenkern, die ihre Trivialität hinter einem rhetorisch aufgeputzten Blendwerk cachieren.
Anmut, Schönheit, Genialität – diese Trinität des höheren Daseins, die heute nichts als Verachtung, Häme und Argwohn auf sich zieht.
Hölderlins Dichtung gewann Größe und Tiefe TROTZ Hegel, Fichte und all den idealistischen Schrullen aufgrund seiner Versenkung in Pindar und Sophokles.
Notzüchter der deutschen Sprache wollen das Licht Goethes unter den Scheffel ihres mediokren Gender-Gewäschs stellen.
Ein nicht gerade reinrassiger Straßenköter pinkelt an das Denkmal des Sprachpuristen Karl Kraus.
Edle Diktion gilt für das Feigenblatt vor einer Genitalverkümmerung.
Die einst liebevoll gepflegten Beete mit den Veilchen und Anemonen eines zarteren dichterischen Empfindens sind von den quiekenden Schnauzen der ausgebrochenen Vulgarität zerwühlt worden.
Der neurotische Deutschlehrer, durch den wir auf die Spur eines Trakl, Rilke und Celan gelangten, stand des öfteren sommertags während des Unterrichts am offenen Fenster und versank bei schwirrendem Vogelgezwitscher in Absencen; er wurde seines Postens enthoben, weil er – so ging das Gerücht – während einer Klassenfahrt auf wohl ziemlich lächerliche, unbeholfene, gleichwohl als sexuelle Belästigung ausgelegte Weise pubertär kichernden Mädchen zu nahe gerückt sein soll.
Die Tinte, womit man die großen Worte Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit über die Bekenntnisschriften und Pamphlete geschrieben hatte, war noch nicht trocken, als sie von den Flammen des von ihnen inspirierten Schreckens zerfressen wurden.
In der Lehre der abgemagerten Asketen ist der fette nagende Wurm die Quintessenz des Fleisches.
Eine Gottheit existiert, insofern man ihr Opfer darbringt.
Moloch wird, je mehr mißliebige Embryonen man ihm schlachtet, zur neuen grausamen Gottheit des matriarchalen Zeitalters ungezügelter sexueller und ethnischer Vermischung aufsteigen.
Schläfer auf dem lecken Kahn
Wie das zarte Blatt unterm Feuer sich krümmt,
muß der Geist vorm Spiegelbild sich winden.
Wenn die Knospe bang sich des Abends schließt,
läßt, was ephemer ist, Dämmerung erblinden.
Säulen stehen wir, salzige, erstarrt
vor der Feuersbrunst in Sodoms Mauern.
Unsre Herzen sind, Lavaklumpen gleichend, fahl,
Glut, erloschen unter Ascheschauern.
Wie die Blüte des Lichts dunkle Woge wiegt,
muß der Geist auf wilden Wellen reiten.
Fiedriger Pollen nur, sanft umhaucht von lauer Luft,
wird zur schwesterlichen Knospe gleiten.
Ach, wir schliefen ein auf dem lecken Kahn,
und uns träumt von Avalon, wo goldne Äpfel wuchsen.
Schwarzer Abgrund, der jählings sich aufgetan,
fesselt uns mit stygisch-süßem Glucksen.
Der Engel blickt auf Sodom
Rechtsfromm straft den Verstoß gegen die Schrift des Herrn
des Propheten Gezücht. Huris, sie lächeln schon,
wischen Märtyrers Blut von
seiner Stirne im Paradies.
Warum führt er den Krieg wider die Heiden hier
auf den Straßen des Lands, das ihn willkommen hieß?
Schon als eigenes gilt’s ihm:
es zu reinigen dünkt ihm Pflicht.
Heuchelei ist der Gram über die Opfer, Hohn
Trauerrede, Gebet jener, die rückgratlos
Tür und Tore geöffnet,
Blumen streuten, die Wahn gepflückt.
Wer den Phallus des Ich schamlos zur Sonne reckt,
nackt torkelnd und verzückt ruchlose Zeichen schwingt,
muß wohl rechnen damit, daß
Allahs Krummdolch ihn jäh kastriert.
Aller Anmut Gespött feiern sie dämlich-stolz
das sich brüstende Nichts. Finsteren Angesichts
blickt auf Sodom der Engel:
Keiner, den er erretten mag.
Gedächtnis atmet auf
Frühe Namen hat fast schwülstiger Abschiedshauch
später Blüten erstickt. Salziger Wind vom Meer
riß ihn fort, und dir atmet
wieder frisch ein Gedächtnis auf.
Scheint auch bäurisch die Form, fahl schon das blaue Zeug,
lang in Truhen verwahrt: wasche, polier es gut,
und mit herbstlichem Most ge-
füllt, weht dich Mnemosyne an.
Überwuchert von Moos, ward unlesbar die Schrift.
Rätsel munkelt der Spruch, muß an Fragmenten sich
müde tasten das Auge.
Schab den Wildwuchs vom Stein und lies.
Trügend hat uns ein Bild, dunstigem Schleier gleich,
Wortes offenen Sinn mystisch verhüllt. Es glänzt
transparent nur ein Tropfen,
kondensiert er, sagt Wittgenstein.
Doch braucht dürres Gemüt, rätselzerfurchte Stirn,
Wunde, brennend für nichts, Wandern im wüsten Land
Schatten dichteren Wortes,
grünes Laub, das von ferne rauscht.
Chaos: schillernder Dung
Jede Lippe ein Wulst, glitzernd von Silberdraht.
Ohr und After gepierct, taub ist das Fleisch, der Geist.
Stumpfsinn schüttelt die Glieder,
Stumpfsinn geifert von Blick zu Blick.
Jugend, die sich entstellt, spuckt auf die Anmut, glotzt
Ärschen, wackelnden, nach, Brüsten, die angeklebt
weibisch kreischenden Männern,
jubelt, wird nur beschmutzt die Scham.
Greis, verkleidet als Hund, hechelt dem Beau hinterher.
Welke Vettel auf Pumps leckt sich die Nippel hart.
Geiler Affe umtänzelt
wild mit zuckendem Schweif die Schar.
Nacktheit hat sich obszön übergestülpt, was blind
dumpfes Dasein vergötzt, Streifen der Perversion,
Iris Bogen, den Goethe
als den Abglanz des Lebens sah.
Dieser Schandfleck entstieg Abwässern, kotverseucht,
Zeichen raschen Verfalls, Fetisch des Untergangs
jener, die zeugen nicht wollen,
Onanisten vorm Spiegelbild.
Hauch des Wortes: Gestank, Zeichen, daß Sodom stürzt.
Doch kein Engel, kein Lot, seiner Errettung wert.
Feuer, sie legten es selber:
Gottes Asche versprüht noch Glut.
Pro domo
Ihr weißen Blüten, Grazien zarten Dufts.
Wie sie auf Stilen schweben, perlenden Kelchen gleich.
Zum Strauß magst du sie pflücken, daß ein
Antlitz, verdunkelt von dir, sich aufhellt.
Von all den Worten, sorgsam gefügt zum Vers,
ist keins aus fremden Quellen dir zugeströmt.
An Hertas Brüsten saugst du Milch ja,
schmeckt sie bisweilen auch bitter: Trinke!
Ihr weißen Flocken, Boten der Winternacht,
wie machen harte Grenzen des Tags sie mild.
Voll Unschuld sind gedämpfte Schritte.
Falten der Trübsal, sie glättet Neuschnee.
Von all den Bildern, Fenstern weit aufgetan,
hast jedes du mit sehender Hand gemalt.
Die Farben liehen Luft und Wasser,
Erde und Feuer, sie mischte Sehnsucht.
Mythos und Schrift
Bang hat sich in den Quell, fliehend vorm blonden Gott,
Kastalia gestürzt. Pindar beschwört ihr Gold,
als Apollon die Locken
wusch im schillernden Schaum des Lichts.
Delphis Grotte ist nah, Pythia trunknen Munds,
Rätsel raunend in Trance, Schicksal dem Ödipus:
Retter Thebens, der hinkte,
blinder Bettler im Hain Athens.
Giftig schwirrte sein Pfeil. Heilung dem siechen Geist
sandte manchmal sein Lied, wenn ein Horaz es sang.
Doch um Marsyas Flöte
fahlt des Satyrs geschundne Haut.
Seine Schwester ist keusch, aber genauso wild.
Opfer ward der Voyeur, der sie beim Bad erspäht.
Lächelnd sah sie Aktaion
bluten, eigener Meute Riß.
Schlaf im blendenden Strahl spendet die Rebe kaum,
wie es Nietzsche gewähnt, der an Migräne litt.
Bruder Christi war Bacchus
nicht. Hob ER doch den Wein ins Licht.
Daseins Zwiespalt und Angst sinnt uns der Mythos an.
Gibt uns göttliche Schrift Zeichen der Gnade noch,
daß von Hoffnung uns singen
Quellen rein wie das Schöpferwort?
Chimäre der Sehnsucht
Wie, ein Klopfen am Tor schreckte dich auf des Nachts,
etwer hätte gepocht gegen das Fensterglas?
Es war Herbststurmes Fußtritt,
eines Flügels verirrter Schlag.
Wie, der Liebe Gesicht stieg aus dem Dunkel auf
und von Tränen ein Glanz hätte gezittert bang?
Die Chimäre der Sehnsucht
hat dich, närrisch vom Wein, gefoppt.
Wie, dein Herz fand den Takt, rhythmisch wie Sapphos Sang,
klar in heiterem Maß sagte dein Schmerz sich aus?
Es war Schäumen des Blutes,
als die Lunge umkrallte Angst.
O, Freund, kehre ins Licht, dulde dein Schattenbild,
arglos wandle den Pfad, mündet in Nacht er auch.
Grüßt wer lächelnd, so schenke
ihm die Blume des Munds, den Vers.
Da sternlos die Nacht
War nicht blühend der Ort, heiter umwogt von Gras,
wo an Gräbern entfacht Kerzen getreuer Sinn?
Nun so anders und fremd, wenn
unter Schatten der Name fahlt.
Der den Palmzweig gereckt über Entschlafne hin,
Engel, kauernd im Gras, kotig von Frevlers Haß.
Also haben Barbaren
uns geschändet der Toten Hort.
Könntest, Dichter, du doch wandern wie Hirten einst
unter Augen der Nacht weit bis zum Quell des Heils,
Hoffnung daraus zu trinken,
daß dir Gnade noch Heimkehr gönnt.
Nun, da sternlos die Nacht, birg dich im Schilf des Stroms,
hör, wie huldvoll dir rauscht Verse das Wasser zu,
und gedenke der Quelle,
die vergessen sich will im Meer.
Down by the Salley gardens
my love and I did meet;
She passed the salley gardens
with little snow-white feet.
She bid me take love easy,
as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish,
with her would not agree.
In a field by the river
my love and I did stand,
And on my leaning shoulder
she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy,
as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish,
and now am full of tears.
Drunten bei den alten Weiden
entbot ich der Liebsten den Gruß.
Sie lief unter den alten Weiden,
weiß wie Schnee war ihr Fuß.
Sie bat mich, die Liebe leicht zu nehmen,
wie am Zweig die Blätter es sind.
Ich aber, jung noch und töricht,
schlug ihre Mahnung in den Wind.
An einer Bucht des Flusses
war’s, daß sie nahe mir stand.
Und auf die Lehne meiner Schulter
legte sie ihre schneeweiße Hand.
Sie bat mich, das Leben leicht zu nehmen,
wie Gräser auf den Wehren es sind.
Damals hat mich Jugend geblendet,
nun bin von Tränen ich blind.
Vertonung von Herbert Hughes, interpretiert durch den großen irischen Tenor John McCormack:
https://www.youtube.com/watch?v=KF3vyrArIFo&list=RDKF3vyrArIFo&start_radio=1
Anmut und hohles Pathos
Altersblässe cachiert Angst vorm Verfall mit Rouge.
Eitler Beau, schon ergraut, Silber durchwirkt sein Haar.
Kalte Lippe der Wollust
gaukelt Liebe mit feuchter Glut.
Anmut aber erblüht, leise erweckt vom Strahl.
Welkt die Blume dahin, neigt sie das Angesicht
scheu zur Erde, verbirgt es
in den Schatten des Laubs, das grünt.
Hohles Pathos umstrickt Lügen mit Talmiglanz.
Abgrund schüttet umsonst Kehricht der Phrase zu.
Von Parfum überdeckte
Fäulnisdüfte enthüllt der Schweiß.
Tief aus nächtigem Laub dringt der Violen Duft.
Lang verschwiegenes Wort quillt aus dem Vers ans Licht,
gleich der Träne, sanft schimmernd
auf der Wange, wie Schnee, der taut.
Gesang ströme das Blut
Berg aus Knochen und Zeit, willst du, zu Hause fremd,
darauf errichten dein Zelt? Steige herab und geh
als ein Dichter ins Stromtal,
nah sich fühlend stets Quell und Meer.
Erinnerung, wie grau macht sie die Asche noch.
Wie ein bitterer Rauch süßes Gefühl dir raubt.
Hier, wo singen die Wellen,
wasche die Schwermut dir ab der Fluß.
Wüst bekritzeltes Blatt, Zeuge verstörten Geists,
wie Liebe es tut, sieht sie Betrügers Schrift,
zerreiß, was dich verzerrt hat,
sieh im Wasser dein Spiegelbild.
Fandst du Ruhe im Schilf, strömt dir Gesang das Blut.
Rhythmen ewigen Sinns tragen dich fort von dir,
fort vom Wirrwarr des Herzens,
zum Geheimnis des Ursprungs heim.
Kehr ins Lichte zurück
Sicher wähnt sich, wer kriecht. Aufrechten droht der Fall.
Doch auf schwindligem Grat wandelt der Kühne hin.
Mag er zittern, er trinkt aus
dem kristallenen Kelch das Licht.
Der Gebückte verbirgt Unglück und Leid umsonst,
von der Rute, die schlug, blutet die Seele noch.
Was von Liebe er lallt, ist
trüb wie Blüten auf faulem Grund.
Vom Rauch der Lüge gewürgt, Kehlen, sie röcheln schon Tod.
Doch die gesalbt mit Öl, klebrigem Fusel des Wahns,
säuseln, schöner sei Leben,
das im Kehricht des Unwerts wühlt.
Kehr ins Lichte zurück, schlug dich das Schicksal auch.
Im Traum glänzen sie noch, Trauben verheißnen Weins.
Lieder mögen sie pflücken,
keltern odische Rhythmen bald.
Heimkehr ist Abschied auch
Dem Andenken an Friedrich Georg Jünger
Klagepsalm, Elegie: Tod war der Musaget.
Taubheit fragt nach dem Sinn. Ariel schweb hinan
in den blauenden Äther,
unsrer sinkenden Sehnsucht Bild.
Wärmt kein Feuer den Lar? Heimkehr ist Abschied auch:
Geht sie heiter des Wegs, sieht sie vermüllt den Teich,
wild verwuchert den Friedhof,
auf dem Grabstein verblaßt die Schrift.
Was gesungen Homer, Woge, sie rauscht es noch,
und was Sappho gefühlt, ritzt noch ins Mark ihr Vers.
Leiden stiftet Gedächtnis,
Verse, dürftige, düngt der Schmerz.
Schaum glänzt, Blüten des Sturms. Was wir gedacht, war Schaum.
Lieblich scheint er im Licht, gräßlich, speit Nacht ihn aus.
Geist der Liebe: Gespenst, saugt
an der Vene der Schwermut Alb.
Welle um Welle Gesang, Feuchte, die Zungen löst:
Ebben die Pulse der Lust, stottert ein trockner Mund.
Doch die Wellen Homers, sie
rauschen jenseits des Menschen noch.
Ephemer
Ephemeres Geschlecht, Falter im Kerzenschein,
wähnend, was sie erblickt, was sie erregte so heiß,
künde ewiges Sein. Er-
lahmend knistert, was sanft geschwirrt.
Offne Knospen des Tags drehten sich sonnenwärts.
Sie verschließen ihr Herz, Liebe, verstoßner, gleich.
Wenn sie träumen, erglänzen
Tränen, kühlender Tau des Monds.
Früchte, leuchtend im Laub herbstlicher Dämmerung,
eine finstere Hand greift nach den edlen, Wind,
und sie fallen ins Dunkel,
Moose seufzen, es seufzt das Gras.
Worte, flüsternd gehaucht, Schreie der Angst, der Qual:
Flecken grauen Papiers. Grämliche Lippe spuckt
Rätselbitteres aus. Fahl
schimmern Oden von Hölderlin.
Gaukle, Luftgeist
Gaukle, Luftgeist, hinan, Ariel, traurig-froh,
lächelnd flattere auf, bläht dir das Flügelpaar
Hauch noch südlicher Buchten.
Laß uns fühlen, wie leicht der Vers,
wenn er Anmut und sanft Sehnsucht besingt und Schmerz,
heißes Vogelgeschrei, kühl unterm Mond den Tau,
der an Wimpern erzittert,
findet Schlummer die Liebe nicht.
Schläfst du, Hirte, im Gras, Ganymed, sprich im Schlaf,
sag, wie Luna dich liebt, deiner gedenkt, wenn schon
neidisch Eos emporäugt,
dich mit stachligen Küssen weckt.
Du auch, Sänger der Nacht, singe uns noch im Traum,
hat auch schmelzender Ton keinerlei Widerhall
zwischen Mauern der Trübsal
und dem blechernen Mund des Lärms.
Das untergegangene Bild
Die Ozeane, schäumend, saugt Mond sie an,
die übers Ufer treten, Ströme, umschilft von Nacht,
was Leben hat erdichtet, Wasser,
Spuren im Sande, löscht aus es wieder.
Die hohen Male, gleißend im Strahl des Ruhms,
wo hieratisch goldene Chiffre glänzt,
sie schwanken schon, sind unterspült vom
Glucksen der Wellen und dunklem Seufzen.
Die Flammen aber, züngelnd im trocknen Gras,
ins Waldreich fräsen gierig sie Schneisen ein.
Der einst sie barg für Vestas Herde,
wischt sich vergebens den Ruß vom Antlitz.
Als Satans Fackel ragt das Gipfelkreuz
und kündet, Asche werde des Lebens Baum.
Die man ihm nahm, des Laubwerks Schatten,
können des Sterbenden Stirn nicht kühlen.
Wir Dämmertrunknen trauern dem Bild nicht nach,
das Lethe schluckt, verrunzelt vom Funkenfraß.
Was einst ikonengleich gelächelt,
wurde zernarbt vom Geschmeiß des Zeitgeists.
Brodem schwarzer Bitternisse
Sehr fern und leise tönen Kristallen gleich
Gesänge, wie von Kelchen ein Widerhall,
die festtagsfreudig überschäumten:
Tropfen entflammten den Schnee der Höhen.
Du hörst sie, Dichter, noch in den Nächten, wenn
sich schlaflos wälzt die Seele und bangend fragt,
wohin entschwand, was Schönes liebte,
Schwan ward und Leda mit Traum umflockte,
aus Quellen tauchte, schuppiger Nymphe Glanz,
entführte tief in Grotten Horaz hinab,
doch triefend stieg empor er wieder,
bergend die Muschel, der Verse Perlmutt.
Entfloh auch Daphne schauernd vorm Gott des Lichts,
war Kuß der Strahl, der goldene, schon dem Schoß,
zum Lorbeer wurde sie verwandelt,
daß als Bekränzter Apollon singe.
Uns scheint verhängt, ein Grabtuch der Nacht, das Vlies,
gewebt aus Fäden schäbigen Garns, gebläht
vom Brodem schwarzer Bitternisse:
Taub sind die Finger der Morgenröte.
Der Schlüssel bist du selber
Der Schlüssel bist du selber. Sobald dein Bild
im Blau von Augen zarter als Dunst verschwebt,
an deiner Seite Anmut schreitet,
hat sich schon leise die Tür geöffnet.
Die Knospe Mund, verschlossen, vom Mond gekränkt,
sie tut sich auf, haucht flüsternd dein Mund sie an.
Und wenn du ihren Duft einatmest,
nährt sich dein Geist am Gewölk des fremden.
Stehst aber du vor Hieroglyphen starr,
vorm kalten Funkeln nächtlicher Sterngewalt,
erahn, wie tauend niederperlten
Eisblumen: Heiß ging im Schlaf dein Atem.
Doch sei vor Gauklern, Worttürmern, auf der Hut,
sie stopfen wunde Herzen mit Phrasen voll,
als wär ein Passepartout, was glitzert:
einmal gedreht, schon entzweigebrochen.
Die begrünte Schwelle
Sieh, die verwaist, die Schwelle begrünt ein Moos.
Was aber Lippen seufzten, geküßt im Schlaf,
ist aufgeblüht noch in der Nacht dem
sinnenden Herzen, das wach geblieben.
Der Schatten wandert neben dem Einsamen.
Und taucht den Blick der Dürstende, sieht er sich,
ein trunknes Bild des weichen Wassers.
Milde befeuchtet den Mund der Erdgeist.
Schloß auch die Knospe traurig die Lider schon,
es schwebt ein Duft noch lange im Dämmer fort.
Dort mögen schweigend Arm in Arm
Liebende wandeln, gewiegt von Träumen.
Dich aber Dichter nähret ein Honiglicht
und des Erinnerns liebliches Schattenspiel.
Gestillt vom Blut der Verse scheint
selbst noch zu lächeln des Dämons Fratze.
Wohin denn Dichter
Wohin denn Dichter, watest du nicht längst im Sumpf,
sind nicht Gespenster, Wahn, was dir Fäulnis wölkt?
Wie kannst du deine Furchen ziehen,
fällt, was du säst, was du hoffst, ins Dunkel?
Gedenkst du aber Abrams Geschick und willst
in Auen wandern, selig begrünt vom Licht,
klafft jäh ein Abgrund auf, kein Engel
reißt dich hinan und kein Flügelrauschen.
So mag ein Schilf dich bergen, wenn schon der Mond
steigt fahl empor, o schwebendes Totenmal.
Da ächzt das Röhricht unterm Kiele.
Klebt noch zum Fahrgeld ein Vers am Gaumen?
Blindenschrift
Die Knospen rufen, bis die Nacht sie schließt.
Aufs Blatt schreibt Licht und Dunkel Hieroglyphen.
Die Seelen, die in zarten Schalen schliefen,
du schlägst sie, weckst sie, Dichter, auf und liest.
Doch liest du nicht mit Augen, sondern blind,
wie Blindenfinger eingekerbte Zeichen
hellsichtig, dunkel fühlend überstreichen,
ob Boten sie des Unsichtbaren sind.
So zieht den Träumer hohen Mondes Gang
ins Fluten aufgeschäumter Meereswellen.
So wird das Schweigen Gottes zum Gesang
in Davids Psalmen, der Oase Quellen.
O mürbes Blatt, zernagt von Parasiten,
das dich verstummen macht, den Eremiten.
Finis Hesperiae
Gepanschten Wein hat Narren man kredenzt,
doch Fusel kann die Wahrheit nicht erwecken.
Als Frau hofiert man schamlos, was geschwänzt.
Ein Dildo soll, was unfruchtbar, verdecken.
Den weißen Schaum um Aphrodites Lenden
bepißt ein Neger, dem sie Freibier spenden.
Der Wohllaut frühen Sanges ist verhaßt,
die Chöre, die ins Morgenrot geschritten.
Die zarten Rosen Walthers sind verblaßt,
umsonst hat Trakls Herz die Nacht durchlitten.
Nun zucken Schatten in obszönen Gesten,
Wahnschrei entquillt von Lippen, längst verwesten.
Der Haß auf alles Edle ist uralt,
der Neid ein Erbteil dunkler Erddämonen,
wenn Lachen aus den hohen Sälen schallt,
wo leichten Lebens blonde Götter wohnen.
Das Gift ist in die Blutbahn schon gedrungen,
verdüstert selbst, die einst das Licht besungen.
Nun geh ich diesen Pfad allein
Das Schilf des Ufers seufzte weich,
als Arm in Arm wir sind gegangen,
vor uns die Wolke, lilienbleich
wie deine Lider, deine Wangen.
Wind hat noch scheuen Duft gebracht
von Rosen, die schon halb verschlossen,
aus Gärten, wo die Huldin Nacht
des süßen Schweigens Tau ergossen.
Dir hat, barg auch das Herz noch Glut,
ein kühler Hauch den Mund versiegelt.
Ich schwamm auf deines Schweigens Flut,
wo sich des Mondes Glanz gespiegelt.
Nun geh ich diesen Pfad allein.
Kein Duft, kein Stern ist, mir zu sagen,
wohin wie eines Grabes Stein
der Liebe Bildnis ich soll tragen.
Des Bewußtseins Fron
Nachts sickern Stimmen durch die Mauerfugen.
So klingen lebensfeuchte Zungen nicht.
Es sind die Ahnen, die das Dunkel trugen
und sich verzehrt nach sanfter Blicke Licht.
Nachts ächzen Dielen unbetretener Treppen.
So weckt kein mürbes Holz, was aufrecht geht.
Es sind Lemuren, die zur Tür sich schleppen,
wo ihres Grabes Schmach, dein Name, steht.
Und wenn du in der Sonne wandelst, heiter,
geht dir zur Seit, Obszönes mauschelnd, Hohn
auf Gottes Bildnis, Schatten, dein Begleiter.
O sinke wieder in den schwarzen Mohn,
daß dir den Kosmos löscht der Wahnbereiter,
für Stunden lockert des Bewußtseins Fron.
O Bruder Tod
Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Johann Wolfgang von Goethe
Die Drossel saß auf zart bemoostem Pfahl.
Die Schwester sang ihr Lied im Morgenrot.
Es wärmte sich das Herz am Liebesstrahl.
Die rote Lust des Bluts ahnt nichts vom Tod.
Die Drossel sang ihr Lied im Morgenrot.
Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Ein banges Pulsen schwang sich ein ins Lot,
als tropfe in den Adern Licht ins Blut.
Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Doch glimmt der stille Schnee im Abendrot,
seufzt unterm Eise hohen Lebens Flut.
Sanft komme, fleht das Herz, o Bruder Tod.
Dichters Meerfahrt
Wenn Trübnis auf der Seele Iris klebt,
wird auch kein Glanz in die Kajüte dringen.
Auf Schatten wogt das Wort, die Traum gewebt,
im Dunst des Hafens weiß es nicht zu singen.
Reib, Dichter, dir den Schlaf vom Seherauge,
daß es zur Sicht auf ferne Küsten tauge.
Schon schreit die Möwe, braust der Ozean,
die Insel schimmert, Gischt trinkt ihre Kreide,
der Azur aber, rein und diaphan,
umhüllt dein Lied wie blauer Sehnsucht Seide.
Bring heim die goldne Frucht in ihrem Bausche,
daß uns ihr Duft entrückt zu hellem Rausche.
Der Fäulnis Zwitterboten
In Erinnerung an Günter Eich
Das Herz ergraut, im Niemandsland geboren,
trieft bald der Mund von fadem Phrasenschleim.
Es ging der Ahnen lichtgezeugter Keim
als schwarze Blume auf, Gespött der Horen.
Was Wohlgeruch verströmen sollte, süßen,
daß Träume sich die edle Seele trinkt,
entartete, ein blühend Aas, das stinkt
nach kruder Verse ungewaschenen Füßen.
Um Anusrosen schwirrt Zeitgeist-Gelichter,
ekstatisch leckt es, die Todpollen koten,
und was es schlürft, sein Nektar ist Urin.
O schweigt vom Land der Denker und der Dichter.
Uns künden dreist der Fäulnis Zwitterboten,
sie glänze wie ein Vers von Hölderlin.
Das Fenster und der Turm
Dem Andenken an Friedrich Hölderlin
Das Fenster, wo er stand, dem Licht zu danken
und auf den lieblichen, den Neckarauen
den milden Glanz des Morgentaus zu schauen,
sieh, wie es fahle Schatten überranken.
Die sich zum blauen Äther aufgeschwungen,
zerkratzt von Schreien ward der Samt der Töne,
die er beschwor, daß sich der Geist versöhne,
verschluckt vom Dunst der Stern, den er besungen.
Wir hören schon das Turmgemäuer splittern,
als stießen einen Rammbock die Titanen,
sich Brachland, Wüsteneien zu erschließen.
Der barhaupt weilte unter den Gewittern,
ließ uns Enterbten nur ein dumpfes Ahnen,
wie Lichtgesänge jäh zum Orkus fließen.
Zarter Worte Schmerzensfalten
Ein welkes Blatt, das auf dem Wasser schwimmt,
und grüner Dämmer hat es schon verschlungen.
So wogt der Vers, der dunkle gibt und nimmt,
doch keiner weiß, ward er verschluckt, zersungen,
wird er versickern bald im Blütenlosen,
noch Feuchte bringen fernen Sommers Rosen.
Was durch das Uferschilf des Traumes glitt,
die stummen Schatten lassen sich nicht halten.
Ob kund sich tut, was einsam Liebe litt,
fühlt sich an zarter Worte Schmerzensfalten.
Die süß gelallten sind wie glatte Seide,
ihr Glanz tönt hell auf stummer Puppen Kleide.
Dort liegt die Muschel, weiß und keusch, im Sand.
Ob sie die Perle birgt, gleicht dem Versprechen,
das sich erfüllt nur, wenn verruchte Hand
es wagt, den Perlmuttschaum entzweizubrechen.
Wir aber wollen sanft ans Ohr sie heben,
zu lauschen, ob noch fern Sirenen leben.
Im Hungerwinter
Wie staubig war die Hand. Sie hat gewühlt
im trocknen Acker nach vergessenen Knollen.
Herbst war. Doch hat er Winter schon gefühlt,
als wär sein graues Herz im Schnee verschollen.
Und Winter kam. Es leckte wüst im Herd
die Hungerglut nach ferner Kindheit Brühen.
Und ächzten Scheite, hat er sich verzehrt
nach eines Mundes seufzendem Erglühen.
Doch hat er nur ein kaltes Glas behaucht,
das hoher Anmut Blumenantlitz schreinte.
Das Bild verschwamm, als wär es eingetaucht
in Wasser, die ein Quell im Dunkel weinte.
Der Herd erlosch. Ihm schien im Traum ein Wild
im Schnee zu scharren. Aus der Furche ragten
bloß Knochen. Unterm Huf sang orphisch mild,
was stumm die Geister trug, die es zernagten.
Vom Sinn dichterischen Sagens
Was dunkel wir erahnen, vag empfinden,
ist zarten Staubgefäßen, Pollen gleich.
Sie wehen hin. Doch haften sie an Fühlern weich,
wenn Falter sich ins Blumendunkel winden.
Wie sie den Keim zu ihren Schwestern tragen,
daß sie an fremder Schöne würden reich,
kann flügelnd dichterisches Wort uns sagen.
Wie Früchte, Dämmerlaubes späte Sonnen,
blieb, was wir heiß begehrten, ungepflückt.
Der Glanz von Tropfen, der uns früh entzückt,
im Abendschatten ist er hingeronnen.
Doch kann ein Dichter es uns wiedergeben.
Die Frucht ward ihm in Liedes Herbst entrückt,
von Reimen überglänzt das stille Leben.
Prüfe, wer aus Vollmacht spricht
Sieh, Finger aus dem Abgrund jäh gereckt,
sie zucken tierhaft, stummer Ängste Krallen.
Stumm, Dichter, bleibt auch deiner Schwermut Lallen,
der Sintflut Gischt, von Gottes Sturm geweckt.
Sieh auch, wie Gnade aus dem Abgrund reißt,
in Segensgesten löset sie die Krämpfe.
Daß dir den Schrei zu sanften Psalmen dämpfe,
der Wasser wandelte in Wein, der Geist.
Drum prüfe, wer dir in dein Dunkel spricht.
Verwirf des Hochmuts Girren, feiles Spotten,
das Diener hohler Götzen grinsen macht.
Das Schöpferwort erkennest du am Licht.
Laß es versengen Dämons trockne Motten –
ins Lied gehüllt führt es uns durch die Nacht.
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