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Dez 3 20

D. H. Lawrence, Bavarian Gentians

Not every man has gentians in his house
in soft September, at slow, sad Michaelmas.

Bavarian gentians, big and dark, only dark
darkening the day-time, torch-like with the smoking blueness of Pluto’s gloom,
ribbed and torch-like, with their blaze of darkness spread blue
down flattening into points, flattened under the sweep of white day
torch-flower of the blue-smoking darkness, Pluto’s dark-blue daze,
black lamps from the halls of Dis, burning dark blue,
giving off darkness, blue darkness, as Demeter’s pale lamps give off light,
lead me then, lead the way.

Reach me a gentian, give me a torch!
let me guide myself with the blue, forked torch of this flower
down the darker and darker stairs, where blue is darkened on blueness
even where Persephone goes, just now, from the frosted September
to the sightless realm where darkness is awake upon the dark
and Persephone herself is but a voice
or a darkness invisible enfolded in the deeper dark
of the arms Plutonic, and pierced with the passion of dense gloom,
among the splendour of torches of darkness, shedding darkness on the lost bride and her groom.

 

Bayrischer Enzian

Nicht jedermann hat Enzian in seinem Haus
im sanften September, am traurig säumenden Tag Michaeli.

Bayrischer Enzian, groß und dunkel, einzig dunkel
das Tageslicht zu verdunkeln, wie eine Fackel mit dem blauen Rauch aus Plutos Düsternis,
gezackt und fackelgleich, mit seiner Flamme aus blau gedehnter Dunkelheit,
hinab sich ebnend in Spitzen, geebnet unter weißen Tages Schwingung,
Fackel-Blume blau rauchender Dunkelheit, Plutos dunkelblaue Trance,
schwarze Lampen aus der Halle der Dis, loderndes Dunkelblau,
Dunkles dunstend, blaues Dunkel, da Demeters fahle Lampen Licht verhauchen,
leite mich denn, bahne den Pfad.

Einen Enzian reiche mir, gib mir eine Fackel!
Laß finden mich mit der blauen, gegabelten Fackel dieser Blume
den Weg hinab auf immer dunkleren Stufen, wo das Blau verdunkelt wird von Bläue,
wo Persephone soeben geht, jetzt, vom bereiften September
zum blicklosen Reich, wo Dunkelheit überm Dunkel erwacht
und Persephone selbst nichts ist als eine Stimme
oder eine Dunkelheit, unsichtbar umfaßt vom tieferen Dunkel
aus Plutos Umarmung, und durchbohrt von der Passion dichter Düsternis,
im Glanz von Fackeln der Dunkelheit, die Dunkelheit gießen auf die verlorene Braut und ihren Bräutigam.

 

Dez 2 20

D. H. Lawrence, Gloire de Dijon

When she rises in the morning
I linger to watch her;
She spreads the bath-cloth underneath the window
And the sunbeams catch her
Glistening white on the shoulders,
While down her sides the mellow
Golden shadow glows as
She stoops to the sponge, and her swung breasts
Sway like full-blown yellow
Gloire de Dijon roses.

She drips herself with water, and her shoulders
Glisten as silver, they crumple up
Like wet and falling roses, and I listen
For the sluicing of their rain-dishevelled petals.
In the window full of sunlight
Concentrates her golden shadow
Fold on fold, until it glows as
Mellow as the glory roses.

 

Gloire de Dijon

Wenn sie aufsteht am Morgen,
weilt mein Auge gern auf ihr.
Sie breitet den Bademantel unter das Fenster
und die Strahlen der Sonne greifen nach ihr
und schimmern weiß auf ihren Schultern,
während an ihren Seiten der weiche
goldene Schatten abwärts glüht, da
sie nach dem Schwamm sich bückt, und ihre geschaukelten Brüste
wiegen sich wie voll erblühte gelbe
Gloire-de-Dijon-Rosen.

Sie träufelt Tropfen über sich, und ihre Schultern
schimmern wie Silber, sie zerknittern
wie feuchte, sinkende Rosen, und ich lausche
auf das Sprühen der vom Regen zerwühlten Blüten.
Im Fenster, wo die volle Sonne steht,
verdichtet sich ihr goldener Schatten,
Falte um Falte, bis er glüht
sanft wie die Glorie der Rosen.

 

Dez 1 20

Goldene Reflexe

Goldene Reflexe
abendgrüner Teiche.
Blumenwinke, weiche,
Knospen, mondne Kleckse.

Holundertraubengitter.
Schwäne ziehen leise
traumgedehnte Kreise.
Silbriger Spinnenflitter.

Späte Rosen hauchen
Küsse, die erweichen.
Und die Blüten bleichen,
wenn die Schwäne tauchen.

 

Nov 30 20

D. H. Lawrence, Trees in the Garden

Ah in the thunder air
how still the trees are!

And the lime-tree, lovely and tall, every leaf silent
hardly looses even a last breath of perfume.

And the ghostly, creamy coloured little tree of leaves
white, ivory white among the rambling greens
how evanescent, variegated elder, she hesitates on the green grass
as if, in another moment, she would disappear
with all her grace of foam!

And the larch that is only a column, it goes up too tall to see:
and the balsam-pines that are blue with the grey-blue blueness of
things from the sea,
and the young copper beech, its leaves red-rosy at the ends
how still they are together, they stand so still
in the thunder air, all strangers to one another
as the green grass glows upwards, strangers in the silent garden.

 

Bäume im Garten

O in der Gewitterluft,
wie still die Bäume sind!

Und der Lindenbaum, lieblich und groß, ein jedes Blatt ist still,
kaum daß er noch mit letztem Atem duftet.

Und geisterhaft, wie Sahne fahl, mit weißen
Blättern, weiß wie Elfenbein, in all dem Grünen rings,
wie schwindend, blauschattender Holunder, auf grünem Grase zögernd,
als würd er unsichtbar im nächsten Augenblick
mit all dem graziösen Schaum!

Und die Lärche, eine Säule bloß, die Spitze außer Sicht,
und die Balsam-Kiefern, die blauen mit der graublauen Bläue
von Meeresdingen,
und die junge Kupfer-Buche, mit rosig-roten Blätterspitzen,
wie still sie miteinander sind, sie stehn so still
in der Gewitterluft, ein jeder fremd dem andern,
wo aufwärts grüne Gräser glimmen, Fremde im stillen Garten.

 

Nov 30 20

David Herbert Lawrence, Nothing to Save

There is nothing to save, now all is lost,
but a tiny core of stillness in the heart
like the eye of a violet.

 

Nichts zu machen

Da ist nichts zu machen, alles ist nun hin,
nur ein Fleckchen Stille blieb im Herzen
gleich dem Auge eines Veilchens.

 

Nov 30 20

David Herbert Lawrence, Self-Pity

I never saw a wild thing
sorry for itself.
A small bird will drop frozen dead from a bough
without ever having felt sorry for itself.

 

Selbstmitleid

Nie sah ich je ein wildes Sein
sich selbst bedauern.
Erfroren fällt ein kleiner Vogel tot vom Zweig
und fühlte für sich selbst doch nie Bedauern.

 

Nov 29 20

David Herbert Lawrence, Autumn Rain

The plane leaves
fall black and wet
on the lawn;

the cloud sheaves
in heaven’s fields set
droop and are drawn

in falling seeds of rain …

 

Herbstregen

Laubes glatte Hände
dunkeln, nasse Narben
durchziehn das Grün;

Im Himmelsgelände
sinken Wolkengarben,
die Tropfen sprühn,

fallende Regen-Samen.

 

Nov 28 20

Nein

Er ging umher, mit einer Armbanduhr, mit einer Aktentasche, mit einer prall gefüllten Tüte, er grüßte, ward gegrüßt und grübelte nach des Passanten Namen, er tat, was alle tun, die Bilder streiften ihn wie Zweige oder Halme, er kehrte abends heim und pflückte sie ab, als fegte er von seinem Kleide Fusseln, Distelsamen, die sich blind verfingen.

Er tat so, wie die andern tun, doch wandte er sich ab, und keiner weiß, er selber nicht, warum. Nun haust er wie der Seele Schatten in einem Keller, Verlies, wo nur die Funzel seiner Armut knistert, von Grünspan schimmernd haben rings die Wände Löcher, in denen manchmal Augen flackern, flehen, dann kommt ein Wärter oder ist es seine alte Mutter und klopft und stellt ihm eine Schüssel vor die Tür, da kriegt er täglich seine warme Suppe, durch eine schmale Luke an der Decke fällt unwirklich- mattes Licht, Gespenster staken, huschen, eilen, erlöscht es, wird es still, so hat er Tag und Nacht, wenn Wasser glucksen, Frühling, schreien Kinder, Sommer, wenn Kastanien knallen, Herbst, und wenn das Licht wie Schnee gefriert, ist es sein Winter.

Er ist ein Dichter, ein Verzweifelter, der sich dem Reim verweigert auf das Große Nein, den Widerruf der Schöpfung, als würgte seine Kehle unsichtbar ein Engel, der Wein verlor, einsam geschlürft, sein Gold, der Klang den Schimmer, Mein und Dein, sie rannen ihm in eins wie unterm Tauwind Tropfen in einer trüben Pfütze, und was die Milch der Stille und der Sanftmut schüttete auf seines Duldens reinen Schnee, war nur ein toter Stein.

 

Nov 27 20

Ja

Ja, einmal wirst du wieder heben
dein müdes Antlitz aus dem Staub.
Tropft nicht durchs heimatliche Laub
die Traube, glimmen nicht die Reben?

Dort setz auf sanften Liedes Schwelle
den Moos erfühlenden bloßen Fuß.
Winkt nicht der Hyazinthen-Gruß
des Himmels, lächelt nicht die Helle?

Und bleibst du einsam auf den Hügeln,
wo dir wie blauen Abgrunds Gischt
das Lied sich mit dem Azur mischt,
schwebt hoch dein Schmerz auf Adlers Flügeln.

Löst Duft der Veilchennacht die Seele,
wölkt bleich der Mond an Schlafes Saum.
Schwebt nicht das Lied herab wie Flaum,
daß dir ein Abschiedskuß nicht fehle?

 

Nov 26 20

Berlin, April 1945

Ein Kind zieht auf dem Leiterwägelchen
sein eigenes Gerippe
in den Schutt des Abendlands.

Im Dauerbeschuß von Granaten
kniet ein altes Weib und reckt die Hände
in den durchlöcherten Himmel.

Der blinde Führer eines großen Volkes
wartet auf den Durchbruch
einer Armee von Gespenstern.

Aus dem brennenden Fenster
einer Mietskaserne kippt eine Leiche,
die noch schreit.

Der schmutzige Schnurrbart kratzt
über die Hand seiner schönen Schreiberin
und läßt Nacht und Nacht aus seiner Schläfe rinnen.

Abertausend gottverlassene Frauen
tun sich selbst Gewalt an,
um nicht vergewaltigt zu werden.

Auf der langen schwarzen Mauer
um den Friedhof heimatloser Seelen
steht mit Kreide grell: Berlin bleibt deutsch.

Unterm verkrüppelten Lindenbaum
flötet auf dem Schenkelknochen
einer verkohlten Nymphe Pan.

Die Gezeichneten wühlen im Dreck
nach einem Lächeln,
einem verschütteten Angesicht.

Der Zeiger seiner alten Seelenuhr
bleibt diesem Volk für immer
stehen auf Mitternacht.

Der von Ostern weht, der Rauch,
legt sich wie Mehltau auf die Blüten
deiner Veilchen, Mörike.

Unverweslich ist allein die Asche,
die von Stund an sinkt und sinkt
in deine Mondnacht, Eichendorff.

 

Nov 25 20

Die Knospe Wort

Das Wort wird wie die Knospe sein,
die aufgeht unter sanftem Hauchen,
ein Tropfen oder weißer Stein,
die glänzen, wenn die Gipfel rauchen.

Das Lied wird wie die Trauben sein,
die süß im Mond des Herbstes funkeln,
wird munden wie ein alter Wein,
wenn feuchte Veilchen um uns dunkeln.

Und schwebt im Abend Schwanensang,
mag lang Geahntes uns betören
wie Liebende, die selig-bang
im Dunkel Flügel rauschen hören.

Wird uns im Sterbehaus das Wort
zu einer Kerze hellem Schimmer,
geht auch das Lied zum Totenort,
streut seine Rosen: „Dir für immer.“

 

Nov 24 20

Morgengruß

Unterm Tauwind leises Knirschen,
Glucksen von behauchtem Schnee
dringt in deine Dunkelheit.

Blütenschaum auf grünen Wogen,
Schimmer weißen Schwanenflaums
schwimmt ans Ufer deines Schlafs.

Flüstern aus dem Vlies des Dämmers,
goldner Glocken Widerhall
hebt dich auf den Saum des Lichts.

 

Nov 23 20

Unverhofft

Unscheinbare Butterblume,
die den Riß im Asphalt fand,
im Verschlag geduckte Seele,
die den Schrei der Eule hört.

Tropfen, die im Dunkel glänzen,
unsichtbarer Wolke Gruß,
Rufe, die durchs Dickicht dringen,
Angelus im Morgenrot.

Zarte Flamme auf dem Grabstein,
die vom Unerfüllten spricht,
Träne, unverhofft geflossen
auf das grüne Blatt des Traums.

 

Nov 22 20

Das Exil

Verklungen war das Lied der Erde,
und keines Strahles heißer Pflug
brach den Asphalt auf, Teer der Nacht
gespensterhaften Wahngewimmels.
Ich schlich in das Verlies hinab,
wo sich von Fliegen nährt der Meister,
vom Geifer seiner wilder Psalmen,
der Magier von Grünspan und Gestank.
Er sah mir, wie der Uhu einer Maus,
die vor dem rätselstarren Blick erzittert,
das Ungemach, das leere Leben an
und sprach: „Es gibt im östlichen Gefilde
ein Sumpfgebiet, das am Karfreitag
ich matten Flügelschlags durchfliege,
dorthin versetz ich dich zur Jüngerschar
der Molche, Quappen, Lurche, Frösche,
dort schmeckst am bittern Naß du Heimat
und schwärmst von Mückenbein. Und was
dir blieb an lyrischem Gesang, sei Quaken.“
So hocke ich, schiefmäulig, es schwitzt
die Pockenhaut der Inbrunst Schleim,
in Reih und Glied mit den Verbannten
im Abendlicht und quake, quake.

 

Nov 21 20

Wunder

Als bröckelte der Putz der Mauer,
auf die du dumpfen Banns gestarrt
in dieser langen Winternacht,
wie unter einem Frühlingsatem
erblühen Blumen da und dort,
ein altes Fresko leuchtet auf.

*

Nichts als das monotone Rauschen
im Schilfrohr einer öden Insel,
nichts als der weiße Schaum der Angst,
wenn seine Muscheln sucht der Mond,
und plötzlich eine Spur im Sand,
als wär dein Schiffbruch nur geträumt.

*

Die Fenster dieses Hinterhofes
sind Augen, wimpernlos und blind,
die Sonne nicht, nicht Sterne spiegeln,
doch einmal öffnet sich dir eins,
und eine Frau steht wunderbar
und hält im Arm ein zartes Kind.

 

Nov 20 20

In sternloser Leere das Kreuz

Das dumpfe Brüten der Welt
durchsticht ein blutiger Dorn,
der Wehlaut des Hinkefußes,
Ödipus.

Der Schicksalsversehrte steht schief,
ins Abseits blickend,
nicht geblendet vom Schnee des Olymps
gewahrt er das Untere,
das graue Wogen
der Styx.

Die lichtgemeißelten Karyatiden
tragen den Porphyr des Himmels,
dulden den Grabkranz der Nacht
leicht auf knospenden
Locken.

Einsam ragt aus dunkler Erde
in sternloser Leere das Kreuz,
einzig die Trauer der Mutter hört,
der nicht endet,
den Schrei.

 

Nov 19 20

Weiße Apfelblüten

Weiße Apfelblüten,
gestreut auf Mondes
silberne Schale.

*

Warte, bis das Wort Rose
sich auftut wie die Rose,
bis sein Duft entrückt.

*

Willst alles in allem du sagen,
schmilzt die Schrift auf dem Blatt,
ein Wasserzeichen nur bleibt.

*

Das Gold des Abends floß hin,
gebeugt schläft eine Knospe,
nur Duft blieb deinem Traum.

*

Warte, bis das Wort Schnee
den Mohn des Sommers
deine Lippe kühlt.

*

Die Zeichen werden unsichtbar
wie Glanz des Taus am Glas,
wie neuer Schnee im Schnee.

 

Nov 18 20

Der Mond des Einsamen

Blüten des Apfelbaums
im blauen Abendgrund
geistiger leuchtend.

*

Stimmen unter Lampions,
die leicht im Winde schwanken,
fern in Gärten der Erinnerung.

*

Melodie des Wassers
über bemoosten Stein
in vage Träume rinnend.

*

In Dämmers Zweigen glühend
wie geisterhafte Frucht
der Mond des Einsamen.

*

Auf Schlafes Wange schmelzend
aus Wolken süßen Leids
herabgeseufzte Flocken.

 

Nov 17 20

Der Knoten löst sich

Als läg es auf der Zunge,
dies lang gesuchte Wort,
du lallst, du stotterst,
doch wars bloß ein dünnes Haar,
und hast du endlich es erwischt,
ist alles gut, das Missen,
Fragen, Zagen weicht
dem schönen leeren Selbstgefühl,
und alles löst sich auf
in Schweigen, Schweigen.

*

Die Welt ist ohne Frage,
das Sein gibt keinen Halt,
wonach du fragst,
ist wie dein Schatten,
der mit dir wandert,
vom Morgen bis zum Abend,
doch stehst du einmal still
im hohen Mittag,
ist sie verschwunden,
ist schattenlos
der stille Augenblick.

*

Da steht wer auf dem Markt,
ein tätowierter Muskelmann,
und stemmt Gewichte,
schreib auf die harten Kugeln
„Gott“ und „Welt“ und „Tod“,
sag ihm dann „Laß sie fallen“,
sie fallen plump zur Erde,
und jener wischt den Schweiß
sich von der Stirn und geht
zunächst verblüfft und dann
ein Liedchen pfeifend heim
und braut sich eine gute Suppe.

*

Der Gast hat auf der Schwelle sich
den Unrat von den Sohlen abgewischt,
dann tritt er ein und läßt mit seinem Gruß
und seinem Lächeln alle Fragen hinter sich,
die wie gläserne Kugeln dumpf tönend
zwischen den Gläsern, Tellern, Vasen
über den Tisch des Freundschaftsmahls
am Rand ins Leere rollen würden.

*

Ein zu eng geschnallter Gürtel
ist manches Sinnen, mancher Wunsch,
ein vom eignen Atemdunst
beschlagnes Fenster manches Träumen,
ein Faden, überzählig, starrt ein Wort
aus einem fein gewebten Muster,
wie leicht löst sich der Knoten,
und schön strömt, ziehst du
die Nadel, Lockengold herab,
wie unbeschwert geht nackt
dein Fuß auf Grases Teppich.

 

Nov 16 20

Der Kanon bricht entzwei

Des Wortes Blume siecht,
dem blauen Blick, der wandert
mit dem Licht, den Schatten,
schnitt man die Wimpern ab.

Weh, daß die Lilien und die Rosen
höher ragen als das Gras,
der dunkle Schmelz des Holzes
tiefer sinkt als Blech und Zimbel.

Der Sinn der Unterscheidung,
der sanfte Pfade bahnt,
im Nebelland des Lallens
erblindet er und fällt.

Weh, daß im blonden Haar des Sommers
Tupfen prangen roten Mohns,
das Melos einer Nachtigall
süßer schmerzt als Eulenschrei.

Der Kanon bricht entzwei,
wenn Wirrer und Verwirrte
die Stimmen guten Fugs
ins Unbehauste locken.

Weh, daß die Sonne Königin
und ihren Schleier trägt der Mond,
geheimer Quell der Nächte
wahrer spricht als Marktes Lärm.

 

Nov 15 20

Die Hoffnung

Das von der Birke kam, das Licht,
zerbröckelt, eine mürbe Rinde.
Des hohen Sommers Lobgedicht,
es raschelt, dürres Laub im Winde.

Wir stehen wie das Kreuz allein,
wenn um uns Herbstes Bilder sinken.
Wir lesen Trauben für den Wein,
den unsre Enkel nicht mehr trinken.

Das Harz des Glaubens wurde hart,
der Liebe Schleier weht in Fetzen.
Nur kindlich blieb die Hoffnung zart,
wenn heiße Tränen uns noch netzen.

So finden wir ein spätes Wort,
wie Enzian tief unter Firnen.
Und reißt uns auch der Abgrund fort,
wir kreisen fern mit Traumgestirnen.

 

Nov 14 20

Schmerzgefährten

Müßt in unbekannte Fernen,
Freunde, ihr dann gehen,
will ich einsam stehen
unter stummen Himmels Sternen.

Kommt ihr zu den grünen Senken,
wo die Wasser glänzen,
sollen euch bekränzen
weiche Veilchen, mein zu denken.

Wenn auf den verwaisten Teichen
lose Knospen schwimmen,
hör ich leise Stimmen
im Gezweig, die euren gleichen.

Seh ich über grauen Gärten
wie ein letztes Winken
Mondes Blüte sinken,
denk ich eurer, Schmerzgefährten.

 

Nov 13 20

Träumen, dämmern, schweigen

Wie müde sich die Knospen neigen,
des Sommers blaue Melodie
rief zartem Flügel fliehe, flieh.
Wir wollen träumen, dämmern, schweigen.

Du siehst im Gras nicht mehr die Mulden,
wo sich die Liebe ausgestreckt,
ein Kuß ihr Sonnen-Ja geweckt.
Wir wollen still das Dunkel dulden.

Die Knospen, die das Wasser säumen,
verblassen wie ein roter Mund,
nur Seufzen tut noch Liebe kund.
Wir wollen schweigen, dämmern, träumen.

 

Nov 12 20

Happy End

Rufen, Horchen, Stille.
Das ist die Zeit, der leere Kern.

Schlachten, Schlingen, Sterben.
Das ist der Leib, der hohle Ernst.

Blicke, Blitze, Aschen.
Das ist die Lust, der böse Scherz.

Äcker, Städte, Karste.
Das ist der Geist, das helle Nein.

Blüten, Ströme, Schatten.
Das ist das Glück, das dunkle Ja.

Früchte, Fäulnis, Dämmer.
Das ist der Gang, das Happy End.

 

Nov 12 20

Masken

Wie Buschmänner träumerisch summend
Muscheln und Perlen auf Schnüre reihen,
klirren die Worte, schillernde, blassere,
leise im Vers zusammen.

Wer trägt die Kette? Der sie mit Inbrunst
und naivem Kunstsinn verschönte
oder die sanft ihm lächelt, an üppiger
Brust die braune Geliebte?

Wer krächzt nackt im Federbusch
goldener Vögel um lechzende Flammen,
springt im Fleckenfell des Geparden
über das Feuer ins Dunkel?

Der Jäger mit dem giftigen Pfeil,
nerviger Hand, zu schinden geschickt,
oder kräht geköpft noch der Hahn,
schnellt die durchschnittene Sehne?

Was am dunklen Verse uns schimmert,
sind umsonst geweinte Tränen,
seufzt durchbohrt des Tänzers Mark,
fallen die Masken wie Blätter.

 

Nov 11 20

Was uns rauschte

Waren, die uns rauschten,
Wasser heimatlich,
wie abends sie ans Ufer
unsrer Kindheit schwollen,
und Früchte, rote, gelbe,
flammten und Knospen
auf dem Dämmervlies
der Wellen,
der vergehenden Wellen …

Waren, die uns riefen,
Glocken der Erinnerung,
und die geistige Luft,
ein blaues Zittern,
tränkte unser Dunkelsein
mit Glanz wie Veilchentau,
mit so süßer Müdigkeit,
daß unsre Seufzer
wie Tränen unbewußt
ineinander-,
ineinanderflossen …

Waren, die uns streiften,
der Liebe zarte Wimpern,
Traumfarne der Vorzeit,
die sich einrollten
über den Schlaf unsrer Herzen,
Gräser versunkener Lust,
mondgeweihte Tropfen
die an ihnen langsam,
langsam
herniederrannen …

 

Nov 10 20

Wenn der Nebel sich lichtet

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir gehen Schritt für Schritt; doch ab und an machen wir einen Sprung.

Wir begutachten und zählen die Bestände, wo eine Lücke klafft, verweilen wir länger.

Die Schatten, die uns im dichten Nebel narren, geben keinen Anlaß zur Hoffnung.

In groben Zügen wissen wir, was kommt; aber die Überraschung läßt nicht lange auf sich warten.

Wir können die Trivialitäten und die billigen Kupfermünzen des Lebens abzählen wie die Kardinalzahlen; aber die Höhen und Tiefen, die Goldtaler und die gefälschten Scheine, sind wie die Reihe der Primzahlen nicht vorhersehbar.

Aus dem Labyrinth des Lebens führt uns kein Zauberfaden in eine helle Lichtung des Seins; am Ende wartet der gefräßige Minotaurus.

Es läßt sich nicht beweisen, daß der Mensch, der eben aus dem Bett aufsteht, derselbe ist, der sich gestern Abend hineingelegt hat; aber wir gehen fest davon aus. Täten wir es nicht, bräche unser System der Verständigung und Kommunikation zusammen; denn wer wollte demjenigen seine Schulden begleichen, von dem er nicht mit Sicherheit zu wissen meint, daß eben er und kein anderer es ist, der ihm das Geld geliehen hat.

Wenn wir keine Unterschiede und Brüche wahrnehmen, gehen wir umstandslos von der Kontinuität der Ereignisse aus. So hören wir das langsame Tropfen des Wasserhahns in einer kontinuierlichen Abfolge von Takten. So spinnen wir den Faden der Erinnerung, auch wenn wir nicht wissen, ob es stets derselbe ist.

Wenn wir allem mißtrauen, müssen wir auch uns selbst mißtrauen; so kommen wir zurück zur Gewißheit, nämlich davon, daß unser Mißtrauen da und dort nicht unangebracht und unser Vertrauen hie und da gerechtfertigt sein mag.

Die Sprache ist uns wie eine Erhebung in der Urlandschaft des Daseins; sie gewährt einige Aussicht, einigen Überblick; wer mutwillig in die Ebene absteigt, riskiert mit dem Verstummen die geistige Verdunkelung.

„Radikale Sprachskepsis“: Das heißt, mit dem Unkraut zweideutiger Begriffe auch die fruchttragenden Pflanzen roden und die schönen Blüten knicken.

Der korrekte sprachliche Ausdruck impliziert die Möglichkeit des nicht korrekten, das Verstehen das Mißverstehen, die Güte die Feindseligkeit, die Rede das Verstummen.

Die Lautgestalt der Worte mag arbiträr sein, nicht aber die grundlegenden grammatischen Strukturen, wie die Zeitformen oder die Modi des Verbs. Denn daß wir etwas als vergangen ansehen und etwas als möglich, gehört zu unser Art zu sein.

Aus der Relativität der Zeitmessung folgt nicht, daß wir darüber Zweifel hegen könnten, daß du nicht der Vater deines Vaters bist.

Das System unserer grundlegenden Überzeugungen ist wie die Erde, die sich weiterdreht, auch wenn wir schlafen.

Unser Glaube, daß sich unser Gesprächspartner nicht plötzlich in einen Jaguar verwandelt, steht fest, doch nicht auf demselben Boden wie unser Wissen, daß er, falls er Junggeselle ist, nicht verheiratet sein kann.

Um etwas zu wissen, müssen wir etwas und noch einiges mehr glauben.

Unser Wissen ist wie die Kleidung, die wir ausbessern oder wechseln können; unser Glaube ist wie die Haut, aus der wir nicht schlüpfen können. Es sei denn, sie wird uns abgezogen, wie die derben alten Griechen von der Erziehung sagten, sie sei eine Art der Schindung (Menander).

Unsere Meinungen sind wie gekochte und gewürzte Speisen, unsere tiefen oder trivialen Überzeugungen dagegen Rohkost.

Wenn wir die Rohkost unserer alltäglichen Gewißheiten würzen und kochen, macht uns der Genuß unpäßlich.

Unser Weltbild, das wir nicht artikulieren, sondern unserer Erfahrung und unserem Weltumgang stillschweigend synthetisch einverleiben, kongruiert mit den sprachlichen Distinktionen, wie jenen von unbelebten Stoffen, Pflanzen und Tieren; solche Distinktionen halten wir konstant, auch wenn die wissenschaftlichen Erklärungen ihres Ursprungs wie die von Aristoteles, Lamarck oder Darwin variieren.

Die Rosen, die wir kaufen, sind nur Blumen; die wir verschenken Rosen und Zeichen.

Zeichen sind eine Funktion dessen, was wir tun, nicht ein Gegenstand der Wahrnehmung.

Stille Tragödie eines Gelehrtenlebens: Kant nahm an, Sätze der Arithmetik und der Geometrie seien synthetische Sätze apriori, denn die reinen Formen der Anschauung, Zeit und Raum, kämen in ihnen zur Anwendung. Frege nahm an, die Sätze der Arithmetik seien analytisch, denn er glaubte, die Zahlen auf Mengen von Mengen zurückführen zu können. Russel wies ihm einen Widerspruch in dieser Erklärung nach, denn sie impliziert den Begriff einer Menge, die sich nicht selbst enthält, und damit den inkonsistenten Begriff der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten; denn diese Menge muß ja, wenn sie sich selbst nicht enthält, sich per definitionem selbst enthalten, und umgekehrt. Kurze Zeit vor seinem Tod kehrte Frege resigniert zur Auffassung Kants zurück.

Die Tatsache, daß wir die Reihe der Primzahlen nicht voraussagen oder mittels Axiomen ableiten und konstruieren können, ist ein Beleg für die Annahme, daß die Sätze der Arithmetik nicht durchgängig analytisch sind; doch kein Beleg dafür, daß sie durchgängig empirisch sind, denn wir können apriori jede Zahl darauf überprüfen, ob sie prim ist oder nicht.

Um rechnen zu können, müssen wir nicht wissen, was Zahlen sind, wie wir nicht, um jemanden zu versprechen, daß wir morgen zu ihm kommen, wissen müssen, was Zeit ist.

Die Dinge, derer wir gewiß sind, müssen wir nicht begründen; und zumeist lassen sie sich nicht begründen.

Der Grund dafür, daß ich die Treppe benutze, ist nicht meine Gewißheit davon, nicht einfach das Fenster öffnen und wegfliegen zu können, sondern meine Absicht, etwas einkaufen zu gehen.

Wenn der geistige Nebel sich lichtet, gewahren wir, daß da und dort, wo wir Bäume oder Sträucher vermuteten, nichts als Schatten waren; mit der Klarheit weichen Zweifel, Unbehagen und Angst. Der Himmel ist klar, wolkenlos und still; das scheint wenig zu sein, doch es ist alles, was uns vergönnt ist.

Die meisten tun so, als wüßten sie, was sie sagen, als hätte, was sie tun, überragende Bedeutung. Daher die verzerrten Mienen, daher die menschliche Komödie.

Rhetorik statt Philosophie, Phrasen statt Gedanken: das wilde Schütteln von Zweigen, an denen keine Früchte hängen.

Die Wahrheiten, die bleiben, sind bescheiden, wie die Tropfen, die sich bilden, wenn sich der Nebel lichtet; ja sie bleiben nicht einmal, sondern schwinden allmählich dahin (und werden von anderen abgelöst), wie die Tropfen, die unter der steigenden Sonne verdunsten.

Die Philosophie gibt keine Manifeste heraus, die von einem smarten Tagesrebellen vor der jubelnden Menge hinausgeschrien werden könnten.

Wenn der Nebel sich lichtet, warten in der Lichtung des Seins keine prächtigen Bilder auf uns, keine Idole, keine Siegeszeichen; da ist nur das ewige Gras, das unscheinbare Gras, das sich im Wind bewegt, dem ewigen Wind.

 

Nov 9 20

Flockenblind

Der Schnee der hellen Nacht hat weich
die schmalen Pfade zugedeckt,
auf Himmels blauer Tafel malt
das Schweigen zarte Wolken hin.

Der Rauch, der in die Fremde weht,
zeigt dir, dein müdes Herz, es singt,
der Schleier ist wie einer Braut,
und wie dein Lied reißt er bald auf.

Und wie du gehst, zeugt dir der Schnee
vom Ungesagten, wenn er knirscht,
und wenn du endlich niedersinkst,
entrückt ein Traum dich, flockenblind.

 

Nov 8 20

Um was wir weinen

Meeres weißer Schaum und Schwingen,
die unsre Ferne meinen,
sind wie weher Duft von Dingen,
um die wir leise weinen.

Gräser, die ins Blaue ragen,
und die sich sanfter neigen,
Rosen, die nach Tropfen fragen,
vertiefen unser Schweigen.

Wasser, die mit Schwänen schwanken,
und seufzen, wenn sie trinken,
Blumen, die wie Träume ranken,
sind Bilder, die versinken.

Kerzen sind, die lieblich zittern
auf moosbedeckten Steinen,
Seelen sind, die still verbittern,
um die wir leise weinen.

 

Nov 7 20

Abschiedssegen

So legt uns, dunkle Quellen,
damit wir leichter schlafen,
ein Rauschen auf die Schwellen,
wo wir die Liebe trafen.

So küß uns, weicher Regen,
die Scheiben sind die Wangen,
des Liedes Abschiedssegen,
wir gehen ohne Bangen.

So fallet, Rosenblätter,
auf unsre blassen Lippen,
bohr dich, o Dorn, du Retter,
in das Verlies der Rippen.

 

Nov 5 20

Muschel und Mänade

Kristall gewordener Dunst des Lebens,
an den Strand geworfen,
aus dem Abgrund der Dunkelheit
auf Lichtes flimmernden Sims,
schön gewunden
um eine pulsende Innigkeit,
die schneller pochte mit der Flut
und langsam abnahm wie der Mond,
leer wie dein Herz,
doch fernen Echos voll,
wenn du nur
geschlossenen Auges
lauschest ihm nach.

Am Tau der Dämmerung
erwachtes Elfenbein,
über das zitterndes Funkeln
niederrinnt,
ins Brausen dunkler Anrufung
gelöstes Haar,
über Nacken und Schultern flackernder Schrei,
das fließende Gewand,
durchsichtiges Wasser der Ekstase,
aber schäumt unter dem Hauch
nächtiger Flöten
in seufzenden Falten auf,
und der Gürtel, der bange, gleitet
zu Boden beim Tanz,
als hätte ein Kuß ihn gelockert.

 

Nov 4 20

Die heilsame Wunde

Der Duft, der Pollen hat den Wind
für seine Botschaft, seine Reise.
Und du, mein Herz, wie gingst du irr,
riß nicht das Wort dich aus dem Kreise.

Die Blume schlägt die Lider auf,
ihr Blick kann manchen Pfad erleuchten.
Und Liebe du, wer kennte dich,
tät sich das Auge dir nicht feuchten.

Die uns durchs Dickicht lockt, die Frucht,
ist wie der Mond, der sich gerundet.
Und Seele du, wie wärst du blind,
hätt dich die Strahlung nicht verwundet.

 

Nov 3 20

Holder Wahn

Des Engels Flügel spendet Hauch,
und der im Sprachdunst niedersank,
besinnt sich auf das eigne Wort.

Der kindisch mit dem Schatten spricht,
dem Bild, das ihm im Wasser graut,
es reißt ihn los der Schmerz, ein Blitz.

Das Blut, von trägem Sinn verdickt,
wogt auf und schäumt am dunklen Rand,
pocht frei das Herz im Gegentakt.

Schwärzt das Gemeine Stirn und Traum,
ein Regen kommt, ein Hochgesang,
und wäscht dem Geist den Unrat ab.

 

Nov 2 20

Ungelebtes Leben

Die Glorie des Morgens schäumt
auf Wassers grünem Bett,
schon fingert neckisch Sonne
am Flechtenbart des Steins.

Nur du, du möchtest weiter
im dunklen Zimmer schmollen
und deckst die träge Geliebte,
die Schwermut, wieder zu.

Der Ruhm des Mittags schwirrt,
ein blaugefiederter Pfeil,
ins dunkle Herz der Erde,
und Seufzen quillt hervor.

Nur du, du mußt verkniffen
den grauen Faden der Worte
um Verses Schwanken winden,
damit die Knospe hält.

Der Brunnen des Abends rauscht,
und alle Atmenden knien,
um Schlaf und Traum zu trinken
aus ihrem irdenen Krug.

Nur du, du kannst ja unterm
gespensterhaften Knirschen
im Angstgebälk nicht hören,
wie fern die Nachtigall singt.

 

Nov 1 20

O blütenloser Dorn

Das Lied ging bis an Abgrunds Rand,
jetzt hört man nur das dumpfe Prasseln
von losen Steinen in der Nacht.

Die Frucht, vom Kuß der Sonne rot,
ruft, ihren Schlaf entzweizuschneiden,
die helle Sichel an des Monds.

Das Licht, das seine Stirn gefleckt,
ist edlem Wild im Blut erloschen,
dem Liebestrunk des dunklen Feinds.

Die Zungen blieben taub und schwer,
ein Stern schwebt über kahlem Holze,
die Hostie unsagbaren Leids.

Das Wort schlug seine Lider auf,
als Pfades Knospe uns zu leuchten,
nun grautʼs, o blütenloser Dorn.

 

Okt 31 20

Nicola Gardini, Qualcosa

Forse qualcosa in quell’acqua
per la prima volta che chiama
come se fosse l’ultima volta
di là da qualsiasi chiarore

di ogni chiarissimo nome –
Qualcosa che è la stessa cosa
che chiama irrimediabilmente
eppure non vuole farsi ricordare –

Scherzi dell’acqua sfiorata
dallo sguardo e non capita
che forse non era un’acqua

neppure e in quel qualcosa
comunque continuerà, ancora
per nessuno tenterà una parola.

 

Etwas

Vielleicht etwas in jenem Wasser,
wenn es zum ersten Male ruft,
als käme es zum letzten Mal
dorther von einer Helligkeit

eines jeden hellsten Namens –
etwas, was dieselbe Sache ist,
die ohne Hoffnung auf Rettung ruft
und doch sich der Erinnerung verweigert –

Gaukelei des Wassers, gestreift
vom Blick und nicht verstanden,
das vielleicht nicht einmal

Wasser war und wieder übergeht
in jenes Etwas, was keinen
in Versuchung eines Wortes bringt.

 

Okt 31 20

Die Flocke Wort

Wir teilen diesen Nebel nicht
mit Worten, die sein Schatten sind,
er quillt nur immerfort dem Blick,
der schlaff das Ungesagte streift.

Nenn nur die Wolken Schaum des Nichts,
Ruhm des Winds, sie regnen nicht,
verdorrt dein Herz, sie schneien Licht,
fliehst du ins Schilf der Dämmerung.

Du fühlst, wie auf der Lippe schmilzt,
die blauem Abgrund, weißer Nacht
entsank, und glänzte süß und schmeckt
nach nichts, die Flocke Wort.

 

Okt 30 20

Nicola Gardini, L’ultima foglia

Io sono per il tempo,
che tolga e non rimetta
e non ricolma un’orma.

Il nulla non è tanto
povero se assomiglia
all’opera del vento.

Io sono con il tempo,
e la morte sarà
solo l’ultima foglia,

del vortice la forma
finalmente perfetta,
la sete senza voglia.

Io do ragione al tempo.
Lo guardo mentre prende
tutto, manco si sente.

E tutto prenda, il moto
e i volti e, un giorno, il vuoto.
Io non rivoglio niente.

 

Das letzte Blatt

Ich bin für die Zeit,
die tilgt und nicht zurückgibt,
und keine Spur erfüllt.

Das Nichts ist nicht so
arm, wenn es dem Werk
des Windes ähnelt.

Ich bin mit der Zeit,
und der Tod wird nur
das letzte Blatt sein,

von Wirbels Gestalt,
endlich vollkommen,
der Durst ohne Pein.

Ich gebe der Zeit recht.
Schaue, während sie alles
nimmt, wie kaum sie sich fühlt.

Mag sie alles nehmen, Schwung und Schwere,
die Gesichter und, eines Tages, die Leere.
Ich will nichts zurück.

 

Okt 30 20

Nicola Gardini, Nomi

Quanti nomi si danno
Al tempo giorno ed anno
Secolo e settimana
Oggi ieri e domani

Sabato o lunedì
Secondo la distanza
L’altezza e l’estensione
Ma il tempo è solo qui

Nella segreta stanza
Delle varie persone
È un battito profondo
Tutti i cuori del mondo

 

Namen

Namen welche Schar
für die Zeit, Tag und Jahr,
Jahrhundert und Woche,
heute, gestern und morgen,

Samstag oder Montag,
je nach den Säumen,
der Höhe und der Breite.
Doch die Zeit allein,

die in geheimen Räumen
Personen, ganz entzweite,
in ein Pochen aus der Tiefe stellt,
umfaßt alle Herzen der Welt.

 

Okt 30 20

Nicola Gardini, Se si sbaglia

Il tempo è l’arte di contare
Le notti e i giorni dall’inizio
È dunque arte stellare
Che vuole gran giudizio

Non lasciare incontata notte alcuna
E un giorno non aggiungere alla somma
Una e` la storia del sole e della luna
Se si sbaglia ricorrere alla gomma

 

Wenn man sich verzählt

Die Zeit ist die Kunst zu zählen
die Nächte und die Tage seit Anbeginn,
Kunst, Sterngebilde zu erwählen,
große Gerechtigkeit im Sinn.

Laß keine Nacht sein ungezählt,
keinen Tag darfst du zuviel addieren,
Sonne und Mond hat einer Sage sich vermählt,
einen Fehler mußt du ausradieren.

 

Okt 30 20

Nicola Gardini, Ripetere

Prendi la penna e scrivi
Scrivi qualunque cosa
Dovunque arrivi arrivi

La penna adesso posa
Ecco in quei segni brevi
Hai ripetuto gli evi

 

Wiederholen

Nimm den Stift und schreibe,
schreibe irgendwas hin,
überall findest du Bleibe.

Mit solch kleiner Zeichen Sinn,
die jetzt dein Schreiben belohnen,
holtest du wieder Äonen.

 

Okt 30 20

Nicola Gardini, Adesso

La pioggia cade e intanto è già caduta
È presente e passata nello stesso
Momento
Così il tempo
Accade adesso
Ed è pure la vita già vissuta

 

Jetzt

Der Regen fällt, doch ist er schon gefallen,
ist da und war, im selben
Augenblick.
So geschieht
jetzt die Zeit
und doch ist das Leben schon vergangen.

 

Okt 29 20

Modicum lumen

Die Einsamkeit der Agrippina,
des Monstrums, das ein Monstrum
der ewigen Roma einst gebar,
sie deutet Tacitus,
der vielsagende Verschwiegene,
mit den Worten modicum lumen,
schwaches Licht oder Funzel, an,
die Einsamkeit, Verlorenheit,
niedergebrannte Lebensgier,
Dämmerlicht im Villenzimmer,
dem Todeskabinett, in das die Häscher
im Auftrag ihres Sohnes Nero
dringen, sie wie ein Tier zu schlachten,
und sie reckt den Leib,
dem Sohn verfallene Mutter,
dem finalen Schwerthieb
theatralisch hin.

Wer hat dies Dämmerlicht,
das um verglühte Herrschaft schwebt,
ungeheuren Lebens
verdüsterte Aura,
je gemalt?

Spukt es nicht wie Herbstgespenst
aus faulem Laubwerk eines Gartens,
der zwischen morschen Pfählen,
der Sonne überdrüssig,
die Totengöttin Mond erwartet,
die ungepflückte Niemands-Frucht,
runzlig und verblaßt,
ihr darzureichen?

 

Okt 28 20

Im Krankenzimmer

Und wenn es dunkel wird im Krankenzimmer,
wie einsamer atmet Stille dann,
ohnmächtiger surrt der Schmerz,
immer leiser,
wie eine in der Gardine verfangene Mücke,
und die Lichter der Stadt,
sie gehen auf wie hoffnungslose Augen,
die in die Ferne schauen,
ohne einander zu erblicken,
unter ihnen aber jenes eine,
das wie an Grases Wimper
ein Tropfen zögernd glimmt,
wie an einer Wimper
jenes eine.

Und wenn Mitternacht, die dunkle Glucke,
ihre schwarzen Flügel
auf die zitternde Brut des Lebens senkt,
die sich ergeben duckt,
erlöschen alle fremden Augen
unter müde gebebten Lidern,
und ein fremdestes geht auf,
wie eine Jenseits-Knospe,
die am Acheron erblühte,
weiß wie Schnee,
duftlos wie ein Traum,
der volle Mond.

 

Okt 27 20

Geistiger Nebel

Der geistige Nebel
verwischt die Profile,
löscht den Unterschied aus
und füllt den Abgrund zwischen den Wesen,
das Unendliche,
mit monotonen Floskeln,
mit monochromen Flocken,
die an der Wimper kleben
wie Schlaf.

Bilder aus Todesverlangen und Dunst
schneien aus grauen Himmeln
auf erblühte Einsamkeiten,
die sich behauchen und
einander entsprechen,
auf die singenden Spitzen der Halme,
die flüsternden Schatten der Gräser,
in Wellen schwingende Knospen,
und ersticken zwiefältigen Einklang
unterm Grabtuch des Schweigens.

Entwirklichung kommt,
entgeistertes Verstummen,
wie endloses Schneien,
wie farbloses Wehen,
und alle Dinge schlafen
unter denselben weißen Mützen,
alle Falten retuschiert
derselbe Staub aus Kristallen,
alle Widrigkeiten, alle Schmerzen schlüpfen
in denselben jungfräulichen Handschuh,
alle Augen blendet
dasselbe traumstarre Glitzern.

 

Okt 26 20

Gegenwärtig und gewärtig

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Jetzt wärmt uns die Sonne; aber daß sie auch gestern schien, hat für uns das Gewicht einer Fabel.

Aus der Tatsache, daß die Sonne schon sehr lange geschienen hat oder das Universum aus einer kosmologischen Singularität entstanden ist, können wir unmittelbar für unser Dasein nichts folgern.

Kann sich eine res cogitans ihrer oder ein unkörperlicher Geist seiner bewußt sein? – Wie könnte er rufen: „Hier bin ich?“

Wenn Gott existiert, kann er nicht reiner Geist sein. – Ein reiner Geist kann nichts denken und nichts wollen, nichts beabsichtigen und keine Absicht verwirklichen.

Wir haben keinen Körper in dem Sinne, wie wir ein Haus, ein Auto, einen Freund haben.

Sterben ist nicht wie ein endgültiger, irreversibler Verlust in dem Sinne, wie wir ein Vermögen oder einen Freund verlieren.

Bewußt zu leben ist eine Funktion der merkwürdigen Tatsache, verkörpert zu sein, aber nicht, einen Körper zu haben.

Verkörpert zu sein heißt gegenwärtig zu sein; und dies in infinitesimalen Abschattungen des Bewußtseins.

Das subjektive Dasein läßt sich nicht adäquat in ein kartesisches Koordinatensystem eintragen; es ist eine trügerische Beschreibung, wenn man die eigene Existenz mit dem Punkt gleichsetzt, der sich kontinuierlich auf einer Strecke bewegt: Unsere Vergangenheit ist keine hinter uns zurückbleibende durchgehende Linie, die wir more geometrico in ihren Abmessungen und ihrem Verlauf überblicken könnten.

Wenn man vom Ich-Punkt oder dem Jetzt-Punkt redet, hat man schon die fiktive Linie mitgedacht.

Wir teilen miteinander keinen Zeitraum in dem Sinne, wir uns zusammen in einem Zimmer aufhalten.

Einen Weg miteinander zu gehen heißt nicht nur nebeneinander zu gehen.

Die miteinander einen Weg gehen, bleiben einander gegenwärtig – und dies in infinitesimalen Abschattungen des Bewußtseins. Einander heißt sowohl für sich als auch für einander.

Unterwegs zu sein impliziert die Beschreibungsform durch ein präsentisches Tempus, das den Verlauf ausdrückt, ob in der Gegenwart oder der Vergangenheit (we are walking, we were talking – keine äquivalente grammatische Form im Deutschen).

Die auf der topographischen Karte verzeichneten Wege sind gleichsam fiktiv und irreal im Verhältnis zu dem Weg, den wir jetzt allein oder gemeinsam gehen.

Die Wege, die wir in der Vergangenheit allein oder miteinander zurückgelegt haben, sind gleichsam fiktiv und irreal im Verhältnis zu dem Weg, den wir jetzt allein oder gemeinsam gehen.

Kein Dritter kann sehen, ob wir den Weg miteinander gehen oder nur (zufällig) nebeneinander herlaufen; der wesentliche Aspekt, der in diesem Falle der neutralen Beobachtung oder dem Experiment entgeht, ist das leibhaftige Gegenwärtigsein und Gewärtigsein.

Der Beobachter kann freilich die Zeit, die wir für den zurückgelegten Weg benötigt haben, mittels eines Chronometers objektivieren; doch handelt es sich dabei um ein Quantum der Vergangenheit, das gegenüber der uns gegenwärtigen Zeit der sich kontinuierlich in die Zukunft erstreckenden Gegenwart immer den Charakter des Irrealen und Fiktiven annimmt.

Wir hätten jene Abzweigung nehmen können und wären jetzt an einem anderen Ort als dem tatsächlichen; die Möglichkeit von Abzweigungen (aber auch von Verirrungen) gehört zum inneren Zeithorizont unseres Gewärtigseins und Gegenwärtigseins.

Jeder Augenblick, könnte man in einer Abwandlung eines geistreichen Wortes von Ranke sagen, ist unmittelbar zur Ewigkeit.

Wären wir biologische Roboter, existierten wir im Zeitlosen.

Maschinen haben keine Möglichkeit zur Zukunft.

Daß wir biologische Wesen sind, steht in einem notwendigen Verhältnis zur Tatsache, daß unsere Zeitwahrnehmung eine Funktion unserer Selbsterfahrung darstellt.

Wir können den Zeitpunkt nicht exakt definieren, von dem ab wir eine Reihe von Akkorden als Melodie oder eine Reihe von Wörtern als sinnvollen Satz verstehen.

Die Vergangenheit gleicht nicht einer Wegstrecke, die ein für alle Male in die Topographie unseres Lebens eingeschrieben wäre; wir empfanden die Melodie zuerst als pompös, plötzlich erschien sie uns in einem ironischen oder grotesken Licht; wir wähnten, eine echte Frage zu hören, doch dann erkannten wir ihren rhetorischen Charakter.

Wir können mittels einer damnatio memoriae oder der Zerstörung der Überlieferung den Namen des Horaz aus dem Gedächtnis der Deutschen tilgen, aber nicht den Wert seiner Werke mindern.

Dein Vater hätte deine Mutter nicht treffen können; aber diese Möglichkeit biologischer Nichtexistenz tangiert nicht den Wert deiner realen Existenz.

Historische Epochen sind nicht wie Altersphasen eines Individuums; Grundirrtum der idealistischen Geschichtsphilosophie – und ihrer materialistischen Umkehrung.

Nur in der Rückschau gruppieren sich die römischen Neoteriker zur Vorklassik, reichen wir Horaz und Vergil den klassischen Lorbeer.

Die Aufklärung erfüllt sich nicht in der Moderne, Mahler nicht in der atonalen Musik.

Gedichte, in denen die Jahreszeiten verschwimmen, der Schnee der Gipfel zu blühen beginnt, in denen Morgen und Abend sich mischen, ein blasser Mond im Mittag der Fülle steht.

 

Okt 25 20

O Deus miserere

Die Rose ist verblüht,
ihr Duft ist schon verflogen.
Das Wort, die goldne Frucht,
hat Fäulnis überzogen.

Was noch im Dunkel seufzt,
ist blinder Würmer Nagen.
Der zarte Fittich Lied,
er konnte uns nicht tragen.

Des Dichters blauer Blick
ward trüb in Schwermutpfützen.
Des Denkers feiner Strahl
zerstob in faden Witzen.

Wir tranken dunkle Glut,
uns leuchtete die Leere.
Wir fallen Aug in Aug,
o Deus miserere.

 

Okt 24 20

Antiphon

Jener im Zikadenhain
hörte sirrenden Sinns Figuren,
sah in bunten Schatten des Scheins
Liebesspiel sich sagender Naturen.

Uns zerrannen in grauser Nacht
Wort und Sinn und Wohlgestalten
und uns kann am Sternenabgrund
kaum der Duft der Rose halten.

Jene wurden aber Gesang,
da sie das Schwirren von Flügeln erfreute
und ihr Dunkel das süße Licht
kindlichen Lächelns huldvoll zerstreute.

Wir aber liegen versiegelten Munds
unterm Gewirr von Wolken, der Schwalben
stürzenden Schreien, und ist kein Gott,
uns die tonlosen Lippen zu salben.

 

Okt 23 20

Was blieb

Nun blieb vom hohen Marmorbogen
nur eine scheue Efeuranke,
ein Schatten fließt um Säulenstrünke,
ein blütenloser Herbstgedanke.

Die Bilder, die wie stille Gräser
ins Blau der Heimat aufgesprossen,
sind eingedunkelt wie von Kerzen,
von bittern Tränen überflossen.

Die Lilien, die mit Veilchen träumten
von zarten Händen, die sie pflückten,
sind stumm vom sanften Schoß geglitten,
o Düfte, die das Herz entrückten.

Die an den schlanken Pfeilern lehnten,
und ihre lichten Flügel tönten,
als sie das reine Wort erschauten,
sie sanken hin, da wir es höhnten.

 

Okt 22 20

Das Schicksal der Verse

Wie aus Nebeln graue Blöcke steigen,
Traumprofile tiefer Lebensangst,
feuchte Tücher weiß wie Schmerzen hängen
über kahlen Ästen und sie tropfen.

Verse, die wie bange Vögel schliefen
in den Nestern, weckt ein kaltes Licht,
und sie stürzen sich ins Freie, flattern
auseinander in ein Blau, das blendet.

Wie die Schatten dürrer Schilfe zittern,
Wasser wiegt die weiße Knospe Mond,
gießt den Duft ihm hin der Blütenbecher,
und sie schnappt, ein feister Hecht, das Dunkel.

Verse, die wie fremde Seelen leiser
atmen, ferner fühlen, rupft ein Gott,
und wie Gras sie malmend sinnt er über
seine öde Welt, erfüllt von Schmatzen.

 



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