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Jan 27 20

Sprache und Bewußtsein

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Bewußtsein“ ist ebenso wie „Sprache“ und aus ähnlichen Gründen ein Pseudo-Objekt, eine theoretische Fiktion, eine abendländische Mythe.

Das gleiche gilt für Begriffe wie „das religiöse (oder theologische) Zeitalter“, „die Aufklärung“, „die Epoche der Rationalität“ – dies sind Formen des okzidentalen Mythos. Die Griechen glaubten nicht an heidnische Götter; dies ist ein Etikett, das ihnen wenig gewogene christliche Theologen anhängten; Kopernikus glaubte an den Schöpfergott, Newton an alchemistische Magie, Einstein an die göttliche Spur in der kosmischen Ordnung aufgrund der Naturgesetze, der bedeutende Logiker Kurt Gödel entwarf vor nicht allzu langer Zeit einen ontologischen Gottesbeweis im Geist der mittelalterlichen Theologie.

Uns in einem irgend sinnvollen Verlauf historischer Ereignisse, Bezüge, Epochen zu verorten, an dessen glücklichem Ausgang die Vernunft, die höhere Moral, die Gerechtigkeit oder widrigenfalls der Teufel obsiegen, zeugt von der Überspanntheit akademischer Philosophen.

Man kehrt aus einer Ohnmacht ins Bewußtsein zurück, man ist sich der Folgen einer Tat nicht oder nur vage bewußt, man bemerkt die Passanten, aber achtet im flüchtigen Vorbeigang kaum auf ihre Mienen, man wählt bewußt die Lieblingsblumen zum Geschenk – aber man HAT kein Bewußtsein, wie man eine Hand, ein Gehirn, Geld in der Tasche hat.

Kaum erwacht, findet man sich im Bett liegend in einem Dämmerzustand wieder, der noch nicht den Gedanken daran ins „Licht des Bewußtseins“ dringen läßt, wer man ist, was hier los ist, was man hier soll. Dann klingelt das Telefon, und sofort erinnert man sich an die Verabredung, die man verschlafen hat. Jetzt wird einem klar, daß man derjenige ist, der vor einigen Tagen dem Freund versprochen hat, an diesem Morgen gemeinsam in dessen Wohnung zu frühstücken.

Das Leibgefühl, anhand dessen man sich der eigenen Position im Raum vage bewußt wird, kommt ohne sprachliches Vermögen aus; anders die Erinnerung an das gegebene Versprechen und die versäumte Verabredung, die man nur hat, wenn man beispielweise vor sich hin murmelt: „Verdammt, ich habe den Termin verschlafen!“

Ich kann den Satz „Ich habe den Termin verpaßt“ nicht sinnerhaltend durch den Satz „N. N. hat den Termin verpaßt“ ersetzen, wobei N. N. der Eigenname des Sprechers wäre. Es könnte jemanden des gleichen Namens geben, aber dieser ist nicht gemeint, auch wenn es zufällig der Fall wäre, daß auch er gerade einen Termin verpaßt hat; doch ist es so gut wie ausgeschlossen, daß er diesen, den hier einzig relevanten, Termin verpaßt hätte.

Dies ist der Kern der subjektiven Bezugnahme, der allen natürlichen Sprachen eignet und die Asymmetrie der Aussagen der ersten Person Singular zum Rest aller Äußerungen erzeugt, widrigenfalls sie keine Sprache in dem uns geläufigen Sinne wären.

Eine Sprache ohne systematische Verwendung von Personalpronomina ist keine natürliche Sprache, sondern ein künstlicher Code.

Zum Ausdruck der Subjektivität bedarf es eines spezifischen semantisch-grammatischen Distinktionsmerkmals, das von Sprache zu Sprache unterschiedliche Gestalt annehmen kann („Ich ging gestern im Park spazieren“ „cras per hortos ambulavi“).

Sich seiner Empfindungen, Äußerungen und Taten mehr oder weniger bewußt sein ist keine Form von Wissen; wir wissen etwas, wenn wir hinreichend gute Gründe auffinden können, die den Sachverhalt erklären; insofern können wir uns auch irren, wenn wir nach den falschen Gründen greifen: Doch wir können uns nicht irren, wenn wir uns im Halbschlaf im Bett liegend wiederfinden.

Wenn wir glauben, wir sind in einer Wohnung erwacht, in der wir vor Jahren einmal gewohnt haben, handelt es sich nicht um eine vag bewußte Empfindung, sondern um einen wenn auch verschwommenen Gedanken, dessen in klare Gestalt gerückte Aussage leicht widerlegt werden kann.

Wie der Grund der Logik ist der Grund der Sprache, der sich in Äußerungen der ersten Person Singular kundgibt, nicht wieder begründbar oder ableitbar, sondern erscheint uns unmittelbar evident und einsichtig.

Ich muß vom Grund der Logik unmittelbare Evidenz im Nachvollzug gültiger Argumente erhalten haben, um Argument an Argument reihen zu können; ich muß vom Dasein meiner selbst unmittelbare Evidenz erhalten haben, um weitere Äußerungen in der ersten Person machen zu können.

Aufgrund der korrekten Anwendung der logischen Junktoren gelangen wir von als wahr angenommenen Prämissen zu gültigen Folgerungen. Die wahre Konklusion können wir nicht anders „begründen“ als durch den erneuten Nachvollzug des vorliegenden Arguments.

Wenn wir einen Bekannten auf der Straße zu erkennen meinen, können wir nicht aus unserem Gesichtskreis heraustreten, um zu überprüfen, ob wir richtig sehen, sondern nur genauer hinschauen. Freilich können wir ihn fragen; doch auch seine Aussage ist uns einsichtig (oder auch nicht), ohne daß wir aus unserer Umwelt heraustreten könnten, um sie von einem neutralen Ort aus zu überprüfen.

Wie bekannt, könnte uns eine neutrale oder objektive Weltbeschreibung ohne Verwendung der Ich-Aussage weder einen Nachweis der Tatsache erbringen, daß es sich bei dem Bekannten, den ich auf der Straße erkenne, um MEINEN Bekannten handelt, noch einen Nachweis der Tatsache, daß es sich bei der Person, die den Passanten auf der Straße als ihren früheren Bekannten erkennt und anspricht, um MICH handelt.

Erinnerungen nennen wir die Vorkommnisse der Vergangenheit, die wie die Farben der Dinge in unserem Gesichtsfeld mit ihrer Tönung, Stimmung und Bedeutung unmittelbar zu uns sprechen; ein an Demenz Erkrankter liest die Briefe seiner Jugendliebe, doch die Blätter bleiben ihm nichtssagend und gleichsam leer.

Wir können den Grad der Bewußtheit sprachlicher Äußerungen beispielsweise nach dem Grad skalieren, in dem wir für sie zur Verantwortung gezogen oder haftbar gemacht werden können, wie bei einem Versprechen, einer geschäftlichen Abmachung, einer Verleumdung, einer vorsätzlichen Lüge, einer Falschaussage vor Gericht, einem Meineid.

Das Bewußtsein ist wie der Schein einer Taschenlampe, mit der wir uns im Dunkeln orientieren; freilich, die Dinge um uns sind vorhanden, auch wenn wir sie nicht beleuchten. Doch uns sind sie nur so gegeben, daß wir sie frontal oder seitlich, als Momenteindruck oder im zeitlichen Wandel, im Ganzen oder im Detail, als Ding oder Zeichen, als Maske oder Gesicht betrachten.

Vom Logischen können wir nur einsehen, daß es da ist; und ebenso vom Subjekt.

Was außerhalb des Lichtkreises liegt, tangiert uns nicht; es ist nicht wie im Freudschen Unbewußten auf gespenstische Weise abwesend und doch anwesend.

Die Dinge tauchen gleichzeitig mit dem Ich aus dem Nichts auf.

Die Dinge sind, was sie sind, kraft der Negation alles dessen, was sie nicht sind.

Wir können nicht mit den Augen und dem Bewußtsein eines anderen sehen.

Unsere subjektive Sicht oder unser Bewußtseinspol besteht nur als dynamische Negation aller anderen möglichen subjektiven Sichten und Bewußtseinspole.

Lesen wir von fremdem Leben, in Biographien, historischen Berichten oder Romanen, sehen wir nicht die zeitlich oder fiktiv entrückte Figur an unserer statt, sondern uns an ihrer statt.

Die Kosmologie, die Physik, die Biologie, die Evolutionstheorie, die Soziologie geben uns objektive Berichte über Dinge und Ereignisse, in denen wir nicht als wir selbst, sondern nur als marginale Repräsentanten und Schemen theoretischer Entitäten vorkommen.

Wir leben nicht nur, sondern erleben unser Dasein mehr oder weniger klar oder dunkel, spezifisch wie der wahrgenommene Farbton oder diffus wie das Schneelicht.

Wir finden keinen alle Teile und Formen unseres Erlebens umspannenden Gesamtsinn; es ist wie bei einem bemalten Fächer, ganz ausgefaltet zeigt er vielleicht ein hübsches Blumenmuster, doch mehr und mehr eingeklappt läßt er nur seltsame Flecken erkennen, zugeklappt wie naturgemäß im Endzustand ist er gleichsam bedeutungslos und blind.

 

Jan 26 20

Gesang der Nacht

Wie scheint in diese Dunkelheit
ein Lächeln traumverloren,
von Liebe auserkoren
die Blume der Vollkommenheit.

Das Moos der Nacht, von Tränen weich,
und sanftem Schmerz entquollen,
schien Liebe ja verschollen,
Gesang wie aus dem Totenreich.

Des Menschen Sinn, im Leid versteint,
kann hohe Nacht erweichen,
dem Gnadenquell sich gleichen,
der unterm Gras der Träume weint.

 

Jan 25 20

Endzeitwahn

In der Gosse schwillt der Regen.
Die Welt geht unter!

Ein Apfel fiel vom Baum.
Hat die Erde nicht gebebt?

Er hängt so schief, der Mond!
Gleich plumpst er in den Teich!

Dort, ein Kometenschweif!
Daß er die Wälder nicht entzünde!

Das Gurren ist verstummt.
Die Taube fiel vom Dach!

Rieselt nicht der Putz?
Ein Cherub geht ums Haus.

Der Horizont, ein blutiger Lappen,
getunkt in Wunden des Leviathans!

Haben Worte Zähne, Därme?
Würmer, die das Hirn zerfressen.

Tinnitus, Moral-Geklingel:
Nie mehr Stille, Abendfrieden!

Einer Göre Zöpfe hüpfen:
Der greise Weltrat ist gebannt.

Der Tau zerfrißt das Blatt.
Die Tränen der Persephone!

Asche an den Schläfen!
Der Dämon hat gesalbt.

Sind es Tropfen, sind es Trommeln?
Melodie endloser Nacht.

Ein Gnom hockt auf der Brust.
Schläfers Traum vom Röcheln.

Demeters fromme Kuh
verhext die Warzenfee.

Ob Honig, Beeren, Bohnen,
alles schmeckt nach Staub.

Der verwaiste Mund
im Lächeln einer Totenmaske.

Sagen, Singen, Seufzen
verprassen Endzeitluft.

Ob Sonne, Regen, Pollen,
Flocken: Endzeitwetter.

In der Gosse schwillt der Regen.
Die Welt geht unter!

 

Jan 24 20

Charakterbilder

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Jemand bekommt den Spitznamen „Katze“ angehängt, sei es aufgrund der Wendigkeit, Anmut und Spannkraft seiner Bewegungen, sei es wegen der Listigkeit und Gerissenheit seiner Einfälle, Ausfälle oder Überfälle (er könnte ein Tänzer, Diplomat oder Dieb sein).

Wir sprechen von Charakteren und Typen wie dem Schwätzer und dem Schweiger, dem Besserwisser und dem Nörgler, dem Karrieristen und dem Jammerlappen, dem Intriganten und dem Muttertier, dem Geizigen und dem Prasser, dem Schelmen und dem Miesepeter, der Kindfrau und der Dame, dem Ritterlichen und dem Egoisten, dem Kämpfer und dem Schwanzeinzieher, dem Grandseigneur und dem Betrüger und noch manch anderem.

Der Charakter steht wie eine Statue auf ihrer Basis, die Basis besteht aus genetischem Material, die Gestalt wurde von Hammer und Meißel des sozialen Drucks geformt.

Charaktere wie der Scharlatan und Weltverbesserer, der Besserwisser und Schwadroneur, der Geizige und Erbschleicher, der Liebeskranke und Heiratsschwindler sind der Stoff der Komödie eines Plautus, Terenz und Molière, den sie zwischen den Mahlsteinen der Intrige zur allgemeinen Erheiterung zerreibt.

Die Charaktere der Komödie neigen zur karikaturhaften Zuspitzung, wenn sie einander spiegeln oder einer sich im Zerrspiegel des anderen begegnet, der Liebessüchtige sich an das leichte Mädchen hängt, der bigotte Fanatiker in eine Gruppe von Anarchisten gerät oder der vom Glauben abgefallene Priester Seelsorge bei einem reumütigen Verbrecher ausüben soll.

Es gibt Charaktere, die sich unmittelbar zu ihrer schicksalhaften Lage verhalten, wie dem Alter oder der Geschlechtlichkeit; so der verbitterte Alte oder der die Spuren des Alters übertünchende Beau.

Der schicksalhaft eingepflanzte Charakter ist die Hohlform für die Maske der historischen Persönlichkeit, so der heroisch tatendurstige und ruhmsüchtige Charakter eines Caesar, Napoleon oder Mussolini.

Charakterzüge können kohärent oder auf paradoxe Weise mit den Begabungen zusammenspielen; der selbstverliebte Schwätzer wiederholt nur gängige Phrasen, der Stotterer Demosthenes wird ein origineller Redner.

Ohne den Tatmenschen-Charakter eines Caesar können wir keinen Rubikon überschreiten.

Neurose und Psychose betreten ihr Machtgebiet und Imperium über die Schwelle des Charakters; der Gewalttäter hat sich schon als Kind an den Tränen des Spielkameraden geweidet, dem er das Spielzeug wegnahm und zertrümmerte; der Geizige, der Schüchterne, der Eckensteher neigt eher zur paranoiden Psychose als der Verschwender, der Frauenheld, der Anführer.

Der Spieler möchte die Allmacht des Todes überlisten; da er keine Bande des Ernstes und keine ernsten Bindungen knüpft und eingeht, das Feld der Verantwortlichkeiten ungesät und wüst hinterläßt, hofft er das Zerreißen der Lebensfäden nicht hören, das Verderben der Frucht nicht mitansehen zu müssen.

Fruchtbarkeit ist das Kennzeichen des reifen Charakters; doch kann er sie nicht wählen, wie die zur rechten Zeit eingesenkte Saat bedarf er des guten Wetters.

Der Gierige haut sich den Magen voll, kippt den Wein herunter; doch die subtile Harmonie der Gewürze, die Blume des edlen Geschmacks entgeht ihm.

Wir finden auch hier die Lehre Heraklits vom Ausgleich der Gegensätze bestätigt.

Der eine hat mit tausend Frauen geschlafen, doch keine geliebt; sein einsamer junger Freund bewundert ihn und wird von Mißgunst zernagt und Selbsthaß; sie sind beide elend.

Der fanatische Weltverbesserer ist unglücklich, denn sein eigenes Dasein ist ihm zuwider, doch daran bessert er nichts.

Der schüchterne Vergil, der weltkluge Horaz, der verweichlichte Ovid – das sind bonmothafte Charakterisierungen, die nur andeuten, aber nicht erschließen.

Die antike Komödie führt Charakterbilder aus, Plutarch und die französischen Moralisten der Klassik beschreiben sie; doch wie und inwiefern wir solche Bilder und Beschreibungen verstehen, ist noch unentdeckt.

Die Beschreibung des Charakters zu verstehen ähnelt dem Mit- und Nachvollzug der Grundlage des Denkens, der Denkerfahrung der gültigen logischen Folgerung. Wenn alle Spielernaturen sich der sozialen Verantwortung entziehen, und alle, die sich der Verantwortung entziehen, unreife Charaktere sind, sehen wir unmittelbar ein oder dünkt es uns unmittelbar evident, daß alle Spielernaturen unreife Charaktere sind. Doch können wir diese korrekte logische Folgerung nicht durch eine weitere Beschreibung begründen, ohne daß wir von der formalen Struktur gültiger Schlüsse – Gilt: Alle A sind B, und gilt: Alle B sind C, so folgt: Alle A sind C – nicht wiederum Gebrauch machen.

Hier greift die Lehre von der Evidenz, die nicht nur in der Grundlage der Logik, sondern auch in der Psychologie ihre Anwendung findet.

Den Charakterzug der Gier können wir nicht ausfindig machen und beschreiben, ohne daß wir etwa sagen: „Er hat den Wein gierig heruntergekippt“ oder: „Er hat das Mädchen gierig geküßt.“

Wir finden die Form der Evidenz ebenso im ästhetischen Urteil; wir können die Anmut eines Ganges, die Grazie einer Pose nicht beschreiben, ohne zu sagen, daß ihr Gang anmutig war, die Neigung ihres Kopfes Grazie ausstrahlte.

Wir können solche Beschreibungen nicht begründen, sondern nur verdichten, indem wir sie in ein Netzwerk korrespondierender Zuschreibungen und verwandter Begriffe verflechten; so sagen wir: „Im Gegensatz zur Anmut ihres Ganges wirken seine Bewegungen daneben steif, hölzern, gravitätisch.“ Oder: „Die Grazie ihrer Haltung gleicht der Duftigkeit und Frische einer Blume, die eben ihre von Tau benetzte Knospe entfaltet.“

Anders als Idealisten und Platoniker glauben, ist der Zusammenhang der Begriffe keine überzeitlich starre Konstellation, sondern die einen gehen auf, während sich andere verdunkeln, und dies für Rassen, Völker und Epochen; so sind uns ästhetische Prädikate wie schön, anmutig, graziös oder elegant, die der klassische Geschmack als Stilmerkmale zu schätzen pflegte, hinter der Nebelbank und den schwefligen Wolken barbarischer Unwetter entschwunden.

Aufgrund des naturalen Kerns sind Charaktere gleichsam unschuldig; wir beurteilen sie moralisch nur aus der hohen Warte wechselnder sozialer Normierungen. So erscheinen die von Livius geschilderten heroischen römischen Krieger, aber auch Heroinen wie Lucretia, die sich für die Ehre des Vaterlands oder der Vätersitte opfern, einem verweichlichten Geschlecht grundlos oder aus fadenscheinigen Gründen idealisiert.

Der männlich-heroische Charakter der Antike wird durch das diffuse Kerzenlicht des weiblich-empfindsamen Ideals des christlichen Mittealters bis hin zur Romantik verdunkelt; danach verblaßt auch dies unterm fahlen Schein der Petroleumlampe des geschäftstüchtigen Bürgers und im grellen Neonlicht der Laboratorien nüchterner Ingenieure.

Gewiß wären Charakterzüge und Haltungen wie tapfer, fromm, besonnen und gerecht von den Griechen, für beide Sphären empfänglich, das Ethische und das Reflexive, nicht ohne die exemplarischen Gestalten der Ilias und der Tragödie kanonisiert worden. Ihr fernes Echo vernehmen wir ein letztes Mal in der deutschen Klassik und Romantik. Bei Hölderlin sind sie noch einmal von ätherischem Licht angestrahlt, bei Kleist umgibt sie schon die Düsternis des Orkus.

Nur die jüdischen Patriarchen und Heroinen schweben über dem Strom der Zeiten, selbst wenn er sich rot färbt vom Blut der Opfer.

Ja, die christlichen Märtyrer und Heiligen werden im großen Hymnus noch beschworen; aber ihre Bildnisse sind zumeist zu Kunstobjekten herabgesunken.

Freilich, ein Volk ohne tragische Glut, ohne geweihte Flammen, die um die verehrten Bilder der Heroen und Heiligen flackern, geht in eine lichtlose Zukunft.

 

Jan 23 20

Wie ein Hauch die Halme rührt

Wie ein Hauch die Halme rührt,
wenn vom Grase Tropfen triefen,
habe ich in Traumes Tiefen
deinen warmen Mund gespürt.

Und dein Duft war wie Gesang,
wenn des Mohnes Knospen schwingen,
weicher als mit Wassers Ringen
Echo mir das Herz umschlang.

Tönen Blätter nicht wie einst,
als uns Schlummer brachte Regen,
sagt dein Auge nicht von Segen
und von Liebe, weil du weinst?

Wenn wie Schnee um meinen Leib
deine Schwingen Federn schmiegen,
sollen deine Küsse siegen,
daß mein Herz ins Dunkel treib.

 

Jan 22 20

Sie und er

„Sieh die Morgenröte,
denk nicht an den Tod!
Lies im Buch von Goethe,
iß dein Abendbrot!“

„Alles, was ich lese,
tut mir eins nur kund,
daß mein Geist verwese.
Brot nährt meinen Schwund.“

„Hör die Wasser rauschen,
Erde hat noch Lust,
Blick mit Blicken tauschen
öffnet dir die Brust!“

„Mir ging auf ein Schweigen,
Mond aus dunklem Teich,
wo sich Blumen neigen
blind ins Schattenreich.“

„Blüten, die dir geben
Duft von süßem Wein,
hielt ich in dein Leben,
trinke ihren Schein!“

„Weiß auch jeder Schimmer
mir ein tiefes Weh,
will ich doch, daß nimmer
schmilzt der Blütenschnee!“

 

Jan 21 20

Noch einmal

Noch einmal will ich hören,
von Schattenfarn umhüllt,
was dunkle Qualen stillt,
Gesänge, die betören.

Noch einmal will ich schauen,
wenn schon die Sonne schweigt,
vor dem der Geist sich neigt,
beschneiter Gipfel Blauen.

Noch einmal soll mir scheinen,
ist auch das Herz schon grau,
der Rose scheuer Tau,
wenn alle Veilchen weinen.

Und bang ins Gras verkrochen
vor Mondes Sichel schmal,
fühl ich ein letztes Mal
das Herz der Erde pochen.

 

Jan 20 20

Der Lauf der Dinge

Gold – Silber – Eisen. Atlantis – Sparta – Athen.
Seide – Wolle – Polyester. Porphyr – Perlmutt – Glas.
Wappen – Siegel – Trikoloren. Trauben – Gerste – Cola.
Lorbeer – Weinlaub – Pappmaschee. Lyra –
Laute – Leierkasten. Herme – Stele – Gartenzwerg.
Byzanz – Konstantinopel – Istanbul, ist das der Lauf,
der aus waldichter Höhe und geheimem Hain
über Klippen und Kaskaden (glitzerndes Schäumen
von Perlen und Ideen) im Flach- und Sumpfland
mündet? Immerhin, ein Verlauf in tausenden
Jahren. Gotischer Dom – Pferdestall – Museum,
Kaiser – Tribun – Heermeister, Krone – Dreispitz –
Baseballkappe, der andere Gang oder derselbe,
der Spengler recht gibt, Hesiod und Daniel?
Ein Verlauf in hunderten Jahren. Hohe Frau – Gnädigste –
Genossin. Vates – Vagant – Bänkelsänger – Slam-Poet.
Volk – Masse – Meute. Marmor – Gips – Plastik.
Lilie – Lattich – Gras, jetzt läuft es schon glatter,
Ordensstern – Parteiabzeichen – Tattoo, glatter,
schneller, will atemlos der Ebene zu, verlöschen,
sich verdünnen, panschen, manschen, das Gesicht
verlieren, mechanisch gehen, reden, zeugen
und sterben, namenlos an Orten ohne Namen
versinken, wo eine Hand noch aus dem Schlamm
das Siegeszeichen reckt und überm Dung
ein Mückenschwarm im Abendlichte webt.

 

Jan 19 20

Mir sang das Wasser grünes Dämmern

Mir sang das Wasser grünes Dämmern,
du sprachst mit goldnen Tropfen Licht,
der Glockenblumen weiches Hämmern
trieb dir ein Lächeln aufs Gesicht.

Wir flogen über Mohnes Wunde,
aus der das Blut ins Dunkel rann,
ins tiefe Blau der Meeressunde,
wo Mond die Silbernetze spann.

Wer wäre je dem Land entronnen,
wo jeder Kuß ein Rinnsal ist,
bald ausgezehrt von wüsten Sonnen,
wenn Tod das schwarze Banner hißt?

 

Jan 18 20

Zeiten, Blumen, Träume

Frühling war ein weiches Gehn
auf bemoosten Pfaden,
krokuslichte Gnaden,
roter Mohn und Veilchenflehn.

Sommers stand der Mond so weiß
über unsern Herzen,
Dankes stille Kerzen
von Lupinen, Ehrenpreis.

Herbst hat dir sein Gold gesprüht
in des Leides Mulde,
daß sie alles dulde,
Rose ist so sanft verglüht.

Winters ist ein Traum geschlupft,
silbern von Kristallen
tönten blaue Hallen,
Flocken, Küsse, flaumbetupft.

 

Jan 17 20

Und als du gegangen

Die als du gesungen,
aus dem Dunkel sanken,
wilde Feuerranken,
rote Flammenzungen.

Und als du gegangen,
wurden auf dem Wasser
alle Rosen blasser,
zarte bleiche Wangen.

Die als wir uns küßten,
uns mit Rauschen meinten,
eins ins andre weinten,
blauen Dämmers Küsten.

Und als du entschwunden,
gurrte eine Taube
in der Fenstergaube
dumpf von Liebeswunden.

 

Jan 16 20

Der elende Mensch

Die Hausmaus, die vom Käse stibitzt,
ins Loch huscht, um ihn redlich zu knabbern,
denn rings wispern die Kleinen um Milch,
sie lebt die Fülle des Lebens, wie die Eule,
die nachts das Rascheln vernimmt und stürzt
lautlos herab und birgt die Feldmaus im Nest,
schneeigen Dunenkugeln zur Atzung,
wie die der Königin dient, die schwänzelnde
Biene, sie weist den Schwestern den Weg
zu bunten Quellen des Nektars für die wartende
Brut in ihren sexagonalen Bauten,
sie haben den Sinn des Lebens erfüllt.
Nicht so der Mensch, der Gaffer, Schlawiner,
Nichtsnutz, Parasit urheiligen Wachstums,
die ewige Bläue verhunzend mit bemalten Schirmen
greller Eitelkeit, grauen Zeichen blutlosen Schriftsinns,
die Herzen vergiftend mit der ausgespuckten Galle
seines obszönen Verstands, der Gelangweilte
mitten unter den Sängen von Wasser und Wind,
Verleumder des Schönen, Kloake der Nachwelt
aus häßlich gekreuzten Rassen, Sprachen und Klängen,
Eau de Cologne mit Kampfer, Rosen in Urin,
Wanze des Geldes, die sich stinkend vermehrt
und auch unter Gas nicht vom Blatt fällt,
dem grünen der Linde, das sie verunziert,
der die Vorwelt anschwärzt, der Ahnen wallende
Nebelbärte standrechtlich durchsiebt, von Wappen
mit grindigem Fingernagel kratzt und von Emblemen
Lilien, Adler, Löwen, pfeifend Sickergruben aushebt,
wo unter Kotes Glucksen am Fäulnisgrund
unterschiedslos liegen Tiara, Krone und Monstranz ,
der die Mitwelt behelligt, irreführt oder beklaut,
an Hauseingänge pinkelt und dummdreiste Phrasen
auf Tore schmiert und Tempelwände, Mensch,
der plumpen fühllosen Fußes in die Natur tritt,
der Heimat vergißt, des blühenden Einst,
selbst ohne Kern, gesichtslos und leer,
senkt er keinen Samen in die fruchtbare Erde,
weder ein sinnreiches Wort in das Herz
der Gemeinde noch ein Lied in den Traum
des schlummernden Kinds, denn kinderlos
bläht es sich dreister, wie gleicht er dem Gras,
das im Strahl der wirklichen Sonne,
unter Gottes leuchtendem Antlitz erbleicht,
und seufzend neigt es sich nieder.

 

Jan 16 20

Da des Nachts du fortgegangen

Und die wie zu Sonnen sangen,
blutgenährte Blüten,
sind, die still verglühten,
da des Nachts du fortgegangen.

Doch wo deine Knie streiften,
sprühten Herzgedanken
aus des Vorhangs Ranken,
die dir nach ins Dunkel schweiften.

Und am Morgen fallen Flocken,
Schnee von weißem Flieder,
auf das Linnen nieder,
bis des Herzens Rufe stocken.

 

Jan 15 20

Die Entrückten

Was genossen hat der Geist,
goldne Tage, blaue Stunden,
ist von Efeu nun umwunden,
blaß von Mondes Tau umgleißt.

Abenddämmers Veilchenhauch,
kaum gestreifte Mädchenwangen,
ist in Schatten nun verfangen,
leerer Träume kalter Rauch.

Herbstes goldgetriebne Frucht,
zarte Hände, die sie pflückten,
sind die geisterhaft Entrückten,
die dein Mund vergebens sucht.

 

Jan 14 20

Denkzettel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Dem Andenken an Jakob von Uexküll

Dem noch Kuhmist an der Sohle hing, sprach von der großen Reinigung.

Im Maul der Aktualität verklumpt alles Bedeutsame zu einem klebrigen Einheitsbrei.

Wachset und mehret euch! Nein, nur die Guten, Edlen, Begabten.

Die heutigen Pazifisten und Europa-Fanatiker, Wölfe im Schafspelz, wollen die kulturelle und ethnische Auslöschung der Völker unter dem fadenscheinigen Vorwand, solange sie bestünden, wäre die Gefahr des Krieges nicht gebannt.

Die keine Völker, Kulturen, Stilformen mehr anerkennen, träumen von der apokalyptischen Zerstampfung und Zermatschung aller Unterschiede im Mörser des allmächtigen Weltstaates.

Promiskuitive Vermischung als neues Heil der Völker im Darkroom des evangelischen Kirchentags.

Der gemischt-ethnische Pöbel ist die Wahrheit der europäischen Idee.

Die barbarischen Ausdrucksmuster des gesichtslosen gemischt-ethnischen Demos liegen längst in Elementen und Mustern der Werbe- und Pop-Art, den Klangfratzen von Jazz und Techno oder den Glossolalien der Slam-Poetry bereit.

Sicher, man muß den Menschen entkleiden, auskultieren, durchleuchten und sezieren, damit man die Wahrheit des Körpers, der Organe, ihres Schwellens und Verfallens sowie den Unterschied von Mann und Weib, also den animalischen Sinn des Lebens, erkennt. Aber daß er in urbanen Kreisen nicht nackt, sondern bis ins Putzige, Absonderliche oder Abgeschmackte verkleidet herumläuft, ist eben ein Erkennungszeichen seiner sonderbaren Artung.

Anders als Elias Canetti glaubte ist die Schia keine Religion der Klage; jedenfalls, insofern Klage Trauer meint und Trauer bewältigter, verinnerlichter Schmerz, wie wir es im frühen Christentum vor Konstantin gewahren, das sich um seine Märtyrer scharte. Die schiitische Klage dagegen ist aufs peinlichste und gräßlichste vermengt mit Wut, Abscheu und Niedertracht.

Es ist eine Wesensunterschied, den eigenen Körper im Abbild eines Fotos zu erkennen oder ihn bei geschlossenen Augen im Halbschlaf innerlich zu spüren, ohne daß man seiner genauen Ausmaße innewird.

Wir zeigen auf ein Foto, auf dem wir in heiterer Runde mit Freunden um einen gedeckten Tisch sitzen. Wir sagen dem Betrachter: „Erinnerst du dich, damals beschlossen wir unseren literarischen Salon zu gründen?“ Der Entschluß ist ebenso wie die Absicht, die Erinnerung, die Erwartung und viele andere psychologische Zustände oder Vorgänge nicht auf einem Foto auszumachen; psychologische Tatsachen, die wir anhand psychologischer Prädikate benennen, scheinen in keinem Medium abbildbar, außer der Sprache, wenn wir beispielsweise unsere Absicht kundtun und ankündigen: „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Wegen dieser gleichsam versteckten Daseinsform kommen wir zu der mythologischen Annahme, solche Zustände und Vorgänge seien unsichtbare Modifikationen einer Seele genannten unsichtbaren Substanz.

Das Foto zeigt dich als Knaben mit einem Verband um den linken Daumen. Du hattest dich geschnitten und die Wunde schmerzte. Die Verletzung war ein Ereignis in dieser physikalischen Welt; aber der Schmerz? Er ist kein Ereignis der Art wie die Verletzung, die ihn hervorruft.

Wir können keine energetische, biosemantische oder libidinöse Gesamtbilanz des Lebens ziehen, die uns berechtigte, ständig optimistisch in den Tag zu grinsen oder defätistisch vor dem nächstbesten Passanten auszuspucken.

Die genaue, geduldige, sorgsame Betrachtung der vegetabilen, animalischen und ästhetischen Rhythmen und Gestalten, Muster und Strukturen entschädigt für so manchen Webfehler im eigenen Dasein.

Das Kind wirft den Ball an die Wand und fängt den zurückprallenden wieder auf; dem rational konstruierten Außerirdischen erschiene dieses Verhalten widersinnig oder unverständlich, doch wir verstehen, was uns daran spielerisch-selbstvergessen anmutet.

Ein Grund, unter dem stets zum Zuschnappen bereiten Riesenmaul des Molochs Stadt unglücklich zu werden, ist es, als Kind unter den sanften Blütenlippen des heimatlichen Gartens glücklich gewesen zu sein.

Das Lächeln der Kurtisane verrät ebenso viel über das Wesen der Frau wie der Schleier der Nonne.

Wir finden kein allgemeines Gesetz wie das Streben nach Lust oder die Vermeidung von Unlust, welches uns das Seelenleben nackt auf den Labortisch höbe. Aber wir stoßen auf psychologische Regeln, Muster, Sinnfälligkeiten wie die Kompensation, den Kontrast, die Umkehrung, die Verneinung, das Surrogat, die Assoziation und Anspielung oder die Verzerrung, die seltsamerweise mit manchen Gestaltungsmustern dichterischer und musikalischer Sprache übereinstimmen.

Ein Messer läßt sich nicht physikalisch beschreiben; es ist das Gebrauchsding, dessen Bedeutung darin besteht, daß wir damit Äpfel und Kartoffeln schälen oder eine Figur schnitzen können.

Der Mensch ist nicht das Tier, das werkelt oder spricht; er ist das Tier, das handeln und sprechen KANN.

Das handwerkliche, sprachliche und künstlerische Können des Menschen ist keine funktionelle Antwort auf die Frage und Reizbedeutung der Umwelt, wie es der Wabenbau oder Schwänzeltanz der Biene darstellt, sondern Ausdruck in frei gewählten Mustern und Rhythmen.

Wenn der Töpfer die halb geformte Figur verwirft, handelt er aufgrund besseren Wissens; wenn der Biene der Bau der Wabe mißlingt, ist sie erkrankt.

Wir sehen dem Messer an, was wir damit verrichten können; dem Menschen nicht, was er zu tun und zu sagen in der Lage ist. Wir erkennen es, wenn er handelt und redet oder seine Absichten kundtut.

Was eine Blume, ein Tier für sich sind, wissen wir nicht; wie die Rosen, die wir in der Vase ordnen oder auf dem Stilleben bewundern, wie die Amsel, deren Gesang wir bewundernd lauschen, nehmen wir sie als Elemente in die Struktur unserer Welt auf. Doch leben sie in eigenen Welten, von denen wir weder wissen noch uns durch Einfühlung ein Bild machen können.

Wir können die fremden Welten der Pflanzen und Tiere konstruieren, wie wir eine geometrische Figur konstruieren.

Wie schälen wir eine Kartoffel? Wir müssen geschickt das Messer handhaben, es genau mit seiner scharfen Schneide ansetzen und die Schale möglichst dünn rund um die ganze Frucht wegschneiden. Wir benutzen dabei unsere Augen, unseren Tastsinn, die Ennervationen unserer Arm-, Hand-, Fingermuskulatur versorgen uns mit den fast unwillkürlich wirkenden Impulsen, die Kartoffel in der einen Hand zu halten und harmonisch gemäß dem Schälverlauf zu drehen. Wenn wir sehr geübt sind und uns die Sache wie spielend von der Hand geht, können wir, während wir die Kartoffel schälen, uns unseren Gedanken und Phantasien hingeben, Musik hören, etwas singen, uns mit einem Gast unterhalten.

Wir können immer fragen, wozu. Wir schälen die Kartoffel, um sie zu kochen, wir kochen sie, um sie zu essen, wir essen sie, um unseren Hunger zu stillen, wir stillen unseren Hunger, um zu leben. Doch hier bricht das Fragen ab, denn es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, wozu wir leben.

So ist es mit allem. Wir gelangen fragend stets an die Grenze des Sagbaren und stoßen an eine unübersteigbare Grenze, die uns manchmal wie die Wand am Ende einer trivialen Sackgasse erscheint, manchmal wie das Dorngestrüpp eines Rätsels, oder je nach Blickwinkel, bald so, bald so.

Gewiß sehen wir dem geflügelten Vogel an, daß er wohl fliegen, mit seinem Schnabel die Erde aufwühlen und Würmer picken kann, am Hörorgan und den Krallen der Eule, daß sie wohl das Huschen und Wispern der Mäuse auch im Dunkeln registriert und sich zielscharf auf ihre Beute stürzen kann. Doch was sagen uns Augen, Ohren und Mund des Menschen, was seine Hände und Beine und Füße, was seine Geschlechtsorgane? Nun, einen elementaren biologisch-funktionellen Sinn und Gebrauch der Organe zum Sehen, Hören, Reden, Greifen, Laufen und zur sexuellen Vermehrung können wir postulieren. Aber nicht aus der physiologischen Beschreibung kulturelle Tatsachen ableiten wie Malerei, Plastik und Musik, das Vergnügen an perversen sexuellen Ausschweifungen oder den freiwilligen Verzicht zugunsten mönchisch-kontemplativer Askese.

Beobachten wir den Orchestermusiker bei einer Aufführung, nehmen wir den Geiger, gewahren wir, wie die Bewegungen der Hände und Finger bei der Führung des Bogens und dem Gleiten und Drücken der Finger auf die Saiten einen Tast- und Greif-Raum bilden; gleichzeitig muß der Musiker sein Tun mit dem Hör-Raum integrieren, in dem er sich hörend mit den von seinen Mitspielern hervorgebrachten Tönen synchronisiert; dabei ist sein Seh-Raum gleichsam aufgefaltet durch Blicke zu den Anweisungen des Dirigenten und auf die Partitur.

Der Geiger vollzieht sein Tun nicht mechanisch, als könnte man die von ihm erzeugten Töne durch eine mechanische Spieluhr oder einen künstlichen Apparat hervorbringen. Vielmehr interpretiert er das Musikstück. Er achtet also beispielsweise auf die vom Komponisten angegebenen Vortragsformen und Ausdruckswerte wie Allegro oder Adagio, Legato oder Vibrato und gibt sie in einer Weise wieder, daß wir im besten Falle sagen können, er habe den Geist des Stückes erfaßt und wiedergegeben. Dieser Geist ist nichts Mystisches, sondern die gleichsam molekulare Organisation und sublime Verdichtung der Zeit, in der das Stück verwirklicht und interpretiert wird.

Die einfachste Organisation der Zeit ist das Intervall, das wir als Strecke zwischen zwei betonten akustischen Zeichen definieren. So tun wir es beim Hören von regelmäßig fallenden Wassertropfen oder Glockenschlägen. Wir hören eine Melodie im Vogelgesang aufgrund der intervallförmigen Organisation der Zeit; weil wir schon als Kinder Lieder gesungen und später viele Melodien gehört haben, erkennen wir im Vogelgesang eine musikalische Form der Zeitverdichtung. – Was immer der Vogel hören mag, der des Nachbarn Zwitschern vernimmt, ist funktionell durch sein Geschlecht bestimmt: Dem Männchen sagt das Geräusch nichts Musikalisches, sondern: „Bleib weg, hier ist mein Land!“, dem Weibchen: „Komm zu mir, ein Nest habe ich schon gebaut!“

Der Musiker muß mittels Integration und Synchronisierung seines akustischen, haptischen und visuellen Raums mit dem seiner Mitspieler im Takt und im Rhythmus bleiben. Es ist kein Zufall, daß der Zeit-Zähler, das Metronom, wesentlich für unsere Auffassung des musikalischen Taktes ist. Hier können wir einen Bogen schlagen von der Taktung der musikalischen Zeit zur Fähigkeit des Menschen, nach gemessenen Einheiten überhaupt zu zählen. Die Zahl könnte man das grundlegende Zeichen und die operationelle Form für die Organisation der Zeit nennen; sie bewegt sich, wie jede taktförmig gegliederte Partitur belegt, auf der Grenze zwischen visuellem und akustischen Raum.

Die Platane, die Buche, die Birke, die Eiche, der Apfelbaum – jedes dieser Gewächse verbreitet eine eigene Atmosphäre von Licht und Dunkel, Farbigkeit und Duft, Offenheit und Dichte der Gestalt, in jedem, könnte man sagen, schwingt eine eigene Melodie. So auch, wenn sie gesund sind, sich aus angestammten Wurzeln nähren und grüne Worte und reife Taten treiben, der Mensch, die Familie, das Volk.

Das Unglück des Einzelnen entstammt entweder seinem nicht zur Reife und Harmonie gediehenem angeborenen Charakter oder ist der Schatten seiner gestörten oder zerstörten kulturellen Umwelt.

Der Refrain auf die kulturelle Zerstörung der westlichen Kultur scheppert als industriell erzeugte und triebkonform konfektionierte Klangmaske aus den Lautsprechern der Cafés, Warenhäuser, Supermärkte, Fahrstühle.

Plastik, Beton, Blech, Asphalt – die empfindungslose Haut dieser zur Barbarei verdammten Zivilisation.

Verschmierte Bilder, gequetschte Klänge, geschundene Phrasen – mentaler Abfall ohne Lokalfarbe, ohne atmosphärische Spannung, ohne natürlichen Zungenschlag.

Das Messer und jedwedes Gebrauchsding reduziert sich uns nicht ontologisch auf die Summe seiner akzidentellen (Farbe, Ornament) und essentiellen Eigenschaften (Griff und Schneide), sondern es geht als Wirk-Ding ein in die Welt unseres Tuns. Desgleichen sind wir selbst und der Mitmensch ontologisch nicht reduzierbar auf die Eigenschaften eines homo sapiens oder animal rationale, sondern begegnen uns als Mann und Frau, Vater und Kind, Freund und Geliebter, Kamerad und Kollege. Wir verwirklichen uns in der Rolle, die wir spielen, mit der Maske, die wir tragen, wenn die Bühne, die Kulisse und das Stück, kurz unsere kulturelle Umwelt, die gegebene Situation tragen, stimmig und transparent machen.

Ein sicheres Anzeichen dafür, daß uns die Situation nicht mehr trägt und unsere kulturelle Umwelt gleichsam Risse und Löcher hat, ist das Gefühl der Einsamkeit, Verlorenheit, Orientierungslosigkeit.

Tiere, Kinder, Primitive scheinen vor dem von Mystikern wie Blaise Pascal und Endzeitdenkern wie Emil Cioran ins Metaphysische gesteigerten Gefühl der kosmischen Einsamkeit verschont zu bleiben.

Der große Künstler malt keine Berge, Bäume, Tiere, sondern ihren Rhythmus.

Die Polarität von Teilchen und Welle erscheint nicht nur physikalisch ein gutes Modell zur Erklärung der Lichtphänomene, sondern auch psychologisch als eine Gesetzmäßigkeit des Seelenlebens. Auf der einen Seite finden wir differentielle Minima und Maxima der Empfindung, der visuellen und akustischen Wahrnehmung, bei denen gleichsam punktförmig die Schwelle des Bewußtseins unter- und überschritten wird. Auf der anderen Seite breiten sich die Muster, Rhythmen und Gestalten des Empfundenen und Wahrgenommenen wellenförmig zwischen Intervallgrenzen aus.

Das Gesehene ist physiologisch ein Produkt aus der Wirkmacht der Lichtwellen und der Merkkraft unserer Nervenbahnen; psychologisch ist es die Erprobung und Bewahrheitung einer Bedeutung, wenn wir (zurecht oder irrtümlich) den Ausdruck eines Gesichts als lächelnd oder traurig, eines Gartens als öde oder romantisch, eines Gemäldes als heiter oder kitschig verstehen.

Wir können das Gesehene, Gehörte, Gelesene mißverstehen und uns eines besseren belehren lassen; diese Fähigkeit zum Irrtum und zur Korrektur ist eine spezifisch humane Exzellenz.

 

Jan 13 20

Wenn Asphodelen winken

Nur roten Mundes Liebekauen
auf mürben Nervensträngen,
nur Küsse gefiederter Frauen
macht blaue Zapfen wieder tauen,
die harsch ins Herzgewölbe hängen.

Mit Worten nicht, auf grünen Blättern,
in denen Liebesseufzer wehen,
soll Lied auf Sonnenhügel klettern,
und zischt der Blitz aus dunklen Wettern,
muß barhaupt es im Regen stehen.

Die Blüten, die auf Wellen steigen, sinken,
sie stechen nicht wie Wortes Spitzen,
die Herzen, so Geistes Trauben trinken,
erreicht, wenn Asphodelen winken,
der Ahnen Singen, die am Ufer sitzen.

 

Jan 12 20

Durchsonnten Flaumes Schneelichtreine

Durchsonnten Flaumes Schneelichtreine,
die Äpfel, die im Dämmer glühen,
die Schwäne, die wie schlafend ziehen,
sind nicht der Grund, weshalb ich weine.

Die Kleine, die ich hinken sehe,
die Lachen auf zerlesenen Briefen,
die Stimmen, die ins Dunkel riefen,
sind nicht der Grund, weshalb ich gehe.

Der ging im Ahnenkrug zur Neige,
des Traumes Wein, die starren Zeichen,
die keiner Klage Tau erweichen,
sie sind der Grund, weshalb ich schweige.

 

Jan 12 20

Der schwermütige Polytheist

Jahrhundertlang liegt eines Gottes
Kadaver in der Dome Leichenhallen
und ist noch immer nicht verwest,
noch steigen der Verwesung Dünste,

in ihnen aber grauenhaft Bazillen,
die selbst das Hirn des edlen Manns
befallen, daß er den Schneid verliert,
geschlagen hält die andre Backe hin.

Ein Gott, der aller Völker Gott sein will,
ist nicht mein Gott, ich kenne Ares wild,
schön Aphrodite, die Zeichen ziehen,
mit Feuer er und sie mit Blumenblicken.

Ich kenn der Quelle Mund, der anders singt
in der Oase, anders am Helikon,
und meiner Schwermut dunkles Veilchen,
das weicher haucht als weiße Lilien.

Und sind die Quellen stumm, die Rosen
zerpflückt, von roher Hand die Veilchen,
bleibt mir die wilde Flamme noch,
in der ich einsam mich verzehre.

 

Jan 11 20

Der Patriot ohne Vaterland

Fehlt aber wesentliche Not,
grinst aus speckigen Falten der Bürger,
die Füße auf der Zeitung preist
er Geldes Promiskuität und Geistes.

Der Arsch, der auf Embleme scheißt,
wenn darauf keine Ziffern protzen,
reißt alle Dämme ein, der Flut
Gejohle kitzelt ihm sein schmutzig Lüstchen.

Des Welten-Spielers Leidenschaft:
Gesichter aufeinanderpressen,
bis sie wie platte, graue Nullen sind,
die immer blöde grinsen wie er selber.

Sein Stricher ist der Nihilist,
der weiß, kein Ali, Mahmut, Ahmet
wirft das Buch ins Maul der Hunde
für Peter, Hans, Siglinde oder Magda.

Wenn aber Ares mit des Fingers Glut
vom Kuß der Erde auf kalte Stirnen
das Zeichen ritzt: Freund oder Feind,
mag wieder ich das Land der Väter schauen.

 

Jan 11 20

Der neurotische Theologiestudent

Nur lesen, lesen, aus Feigheit vor dem Leben,
aus Angst vorm eigenen Geschlecht und vor
den Frauen, ein Flimmern grau auf weißen Seiten,
das in der Träume Schneesturm untergeht.
Und vor dem Kelchblatt eines roten Mundes,
in einer Locke mondbeglänzter Kluft
vom Jenseits der gefallnen Welt zu lallen,
vom Licht, das dunkler ist als Sein und Sagen
und fruchtbar nur verzagten Herzen scheint,
nicht wie die Sonne Satans Totgeburten.
Und sie, sie seufzt, die Knospen ihrer Brust,
sie streben auch ins Licht, sich zu entfalten
wie Blumen, die Nektar einer Bienenschar
gesummter Küsse schenken, er aber mag
das müde Haupt in ihren Schoß nicht neigen,
nur übers Dorngestrüpp der schroffen Schrift.
Verhaßt ist ihm der Freund und muß ihn lieben,
der ihm die Schönheit des erblühten Manns,
des holden Weibs auf Renaissancegemälden,
die Dichtung zeigt, die süßes Leben trank
aus Gaias Brust, aus Traubenblutes goldnen
Gefäßen aber wilden Drang zu Tanz
und blinder Umarmungen taubeträufeltem Flechtwerk.
Er aber fühlt, die nie sein Aug benetzt,
wie Tränen über all die Zeichen rinnen,
um alles, was er je gelesen hat,
in lächelnde Chimären aufzulösen.

 

Jan 10 20

Vier Farben Heimat

Mir blieb an Heimat nur Erinnerung,
die weiß gekalkte Wand des Hühnerstalles,
der Duft der Leinentücher, ausgebreitet
auf Sofa, Sesseln in der guten Stube,
die man nur sonntags abzog und für Gäste,
sie schimmern nach in jedem weißen Blatt,
das unbeschrieben wahrer bliebe, schöner
als wirren Ganges Spur im Schnee des Schlafs.
Das stillste Glück, an einer Stulle kauend,
am Hoftor sitzen auf dem Schemelchen,
wenn auf die Gosse schwoll im lauten Regen,
zu lauschen und zu schmatzen und voll Andacht
den weißen Blütenspitzen nachzublicken,
die auf dem Wasser trieben, Gott weiß wohin.
Die Kirschen und die Beeren und vom Küssen
war rot der Mund, wieʼs in der Fibel hieß,
auch am Verband der Fleck von einer Wunde,
die gluckste, näßte, und im Sonnenschein
die Strähne in Vaters Haar, wie dunklen Blutes
an Halmen zitternd rote Tropfen: Mohn.
Und all dies kehrt zurück, wenn Dämmerzweige
ins stille Zimmer Purpurlichtes Wein
mir schütten auf das Laken Einsamkeit.
Das frische Gelb, das falbe Grün von Birnen,
Zitronen, Stachelbeeren und Likör
aus Mirabellen, Kartoffeln, an den Händen
der Staub und Grind der Erde, wenn im Herbst
wir auf den Feldern jäteten und rupften.
Doch unterm Asphalt liegt mein Ginster nun,
und was von Tau an seinen Wimpern schwebte,
umsonst geweinte Träne war es ja.
Das zarte Grau, das auf den Schieferdächern
im Sommerregen und am Henkelkrug
für Most und Milch, an irdenem Becher blaute,
war weich wie Wassers Taft im Eifelmaar,
kein Flieder, Iris nicht und keine Veilchen
berückten mehr, nicht flammend Rittersporn,
als deiner Augen träumerische Blicke,
wenn Feuchte sie mit Sanftmut überglomm
und über meines Herzens grauer Mulde
ihr Kuß den reinen Azur hat gewölbt.
Im Hinterhof in einer schmalen Pfütze,
wenn laue Luft das Leichentuch des Schnees
allmählich auftrennt, seh den Widerschein
der Heimat ich mit Wolkenfetzen leuchten,
im Farbenspiel der Kerze vor dem Bild
versunkner Zeit, wenn ich in hohen Nächten
am Fenster stehe und aus dem Schmerz der Nacht
herabgebeugt des Mondes blasse Blume
in meiner Sehnsucht schwarzes Wasser sinkt.

 

Jan 9 20

Welten entfernt

Wenn ein Löwe sprechen könnte,
wir könnten ihn nicht verstehen.
Ludwig Wittgenstein

Da ist nicht EINE WELT, die wie der Himmel
sich über uns wölbte, nicht DIE GLEICHE SONNE,
die über der Linde des schwäbischen Pfarrhofs auf-,
der Palme des afrikanischen Kraals unterginge.

Der Schöpfer des Moses und Hesiods Gaia
verstehen einander nicht, die Nachtigall
nicht Keatsʼ „Ode to a Nightingale“,
auch wenn sie lesen könnte.

Für eine Mücke ist das Glas mit Wein
ein Ozean, in dem ihr Summen erstickt,
uns ist der Pazifik ein blauer Refrain
zwischen Wladiwostok und San Francisco.

 

Jan 8 20

Die Unke

Die Angel kreischte und die Tür schlug zu.
In einer Krypta tropfte vom Gewölbe
Salpeterlicht, ein Knappe in einer Livree
aus fleckigem, roten Samt, die Fasanenfeder
an seinem Barett, sie wippte „Dich meine ich“,
zog ihn an einem dünnen Seidenfaden,
der aus dem Nabel ihm gesprossen war,
er war ja nackt, zur Mitte hin, wo golden
ein Thron erglänzte, auf diesem aber saß
die fette Unke und schluchzte Wiegenlieder,
die warmen Töne rannen an seiner Haut
herab, ein Saft von wilden süßen Beeren,
der Knappe wickelte die Seidenschnur
ihr zärtlich um das Horn, den Purpurauswuchs,
der aus der Stirn ihr ragte, sie aber sprach:
„Du kommst zur rechten Zeit, in deiner Küche
hat meiner Ratten Heer ja schon das Brot
der Unschuld halb zerfressen, und meiner Vipern
gespaltene Flammenzungen umlecken jetzt
den Schoß der Liebsten, die aufzuckt unter ihnen
und fast vergeht. Nun nimm, was gnädig wir
dir zugedacht, den blauen Becher, kennst du
den schönen noch, den einst beglückt dein Ahn
an seinen Mund geführt, und trink, o trinke,
des Lebens Wonne schwappt in ihm, das Blut,
das wieder dich erwärmt zu hohen Fahrten,
erblühter Lippen Duft und Liedes Kuß.“
Er trank den Becher aus und Rufe von Vögeln,
wie in der Nacht vom Waldbrand aufgescheucht,
zerfetzten, singende Dolche, ihm das Herz.

 

Jan 7 20

Komm, gehen schweigend wir ins Abendrot

Komm, gehen schweigend wir ins Abendrot,
der Amsel Schläge werden zagend matter
und ins Gefieder hüllt der Schwan sein Haupt.
Schon fühlen wir von Hand zu Hand die Pulse,
die wie an Schilfe ferner Ufer schäumen,
und unsern Blick beglänzt die Dunkelheit.
Wie könnten Worte uns die Lippen feuchten,
die stumme Duldsamkeit dem Kuß entwöhnt,
und alles noch Gesagte wirkt verblichen
wie unter unsern Schritten toter Sand.
Und leise bebend Veilchen, selbst im Staube
des Wegesrandes Disteln sagen hell,
was uns ein dunkler Schmerz wie eine Muschel
verhüllt an zartem Schmelz. Doch rinnen weich
wie lichtes Wasser die späten Abendstrahlen
dir auf das Angesicht, wölbt sich mein Mund
wie Meereswelle auf zu leisem Stöhnen.
So setzen wir uns auf den grünen Fels,
wo über uns der Wipfel Schatten summen,
und lehnen Herz an Herz und werden blind
vor Tränen, wenn Geisterhände Rosen streuen
auf den Altar der hohen Mutter Nacht.

 

Jan 7 20

Der letzte Flug der Taube

Im Dämmerlicht glitt ich gefiedert
ein Täuberich durch rote Ahornzweige,
vom Duft der welken Blätter blähte sich
mein weicher Hals. Des Lichtes letzte Tropfen,
an blauer Disteln Blütenspitzen zitternd,
sog ich mit hohlen Blicken in mein Herz.
Ich sank in einer krummen Eiche Wipfel
herab, um ihrer alten Seele moos-
gedämpftem Seufzen lange nachzulauschen.
Der laue Nachtwind, der mein Federkleid
berückte, brachte mir aus Rosenfernen
der Träume Schmerzenstau, geheimnisvoll
den Flüsterhauch verzagter Liebe von Lippen,
die zart verblaßt das Bild des Sommers rührt.
Gesprenkel böser Augen schien der Himmel
mir einer Schleiereule gefleckter Taft,
die trägen Herzens im dunklen Dickicht lauert,
und graut der Tag in stummer Schwingen Sturz
die Täubin schlägt, die sich im Grase duckte.
Der erste goldne Strahl ist mir Geheiß,
noch einmal an den alten Strom zu fliegen,
wo im Gestrüpp einst schwebte das Genist,
und leise, leise vor mich hin zu gurren,
dort wo die Liebe kam, die Liebe ging.

 

Jan 6 20

Der Glanz verlischt

Da ist wie scheues Lächeln noch ein matter Glanz
auf jenem Teich, wo wir vorübergingen,
nun aber, da es Regen gibt, verlischt er ganz,
als löste sich dein Bild in weichen Wasserringen.

Doch ragt es eine Stele kalt ins Abendlicht,
gibt mir der schlanken Birke dürres Sirren
zu hören, was die dunkle Gottheit spricht:
Ihr mußtet eins im Labyrinth des andern irren.

Dies nackte Prasseln ist wie Lachen ohne Sinn,
wie dumpf die Erde schluchzt, und drunten grauen
schon Nebel über tote Gärten hin,
als würden Veilchen nie, nie wieder Veilchen blauen.

 

Jan 6 20

Verhüllter Schmerz

Wir wollen uns nicht mehr befragen,
die Blicke nicht mehr zwängen
durch zarter Wimpern Engen,
des Atems Welle mag uns tragen.

Wir wollen nicht vor Blitzen springen,
den Mythen der Motoren,
und wandeln selbstverloren
an Strömen, die von Meeren singen.

Wir wollen selber uns verschweigen,
auf Abendhügeln hören
die Glocken, die betören,
verhüllten Schmerz wie Rosen neigen.

Wir wollen nicht uns selbst betrügen,
der Augen feuchtes Funkeln
mit Wortes Dunst verdunkeln,
die Träne mag den Stein besiegen.

 

Jan 5 20

Träume, dünne Zwirne

Träume, Fäden, dünne Zwirne,
die mir in den Nächten weben
Geister um ein fremdes Leben,
aus dem Nabel, aus dem Hirne.

Dringen leicht durch Kalk und Mauern,
schlingen sich um Bauch und Haare
banger Kinder, heißer Paare,
künden zitternd mir von Schauern,

zarter Nester dunklem Schwanken
in den Schilfen, die noch klingen
von des Wassers grünem Schwingen,
kükenwarmen Brutgedanken.

Manchmal zucken sie wie Ruten,
hat ein Fischweib angebissen,
könnt ich es ins Freie hissen,
doch zergehtʼs in Mondes Gluten.

Manchmal überfüllt mit blauen
Blasen mich ihr Lustgezitter,
Blüten zärtlicher Gewitter,
die an meinen Lippen tauen.

Morgensonne lacht des Wilden,
der von Fäden ganz umsponnen,
wie die Raupe, die begonnen,
sich zur Puppe umzubilden.

 

Jan 4 20

Richard George, The Mermaids of Brobdingnag

It was every zoologist’s dream.
In this fjord-Iceland
the other side of the New World,
Sirenians, sea cows
but narwhal-dwarfing, mountainous -
and here he was, Georg Steller,
administering baptism.
Through chilly April sunsets
where only the sky’s yellow-ochre
spoke of Spring, he watched them mate,
feeling for the one hither-
thithered by his lover’s
double-ballet, catch me, catch me not.
They even slept on their back. He thought:
‘How little divides us’.

But what do you eat, in Kamchatka?
How do you keep warm?

He went with the hunters.
The details tore his heart out:
the massive hook, the ropes,
the beating, and the desperate
devotion of the male
‘even when she was dead’
as he told the clean white page
(the fat burned without smoke).

In Europe, he petitioned.
Siberia’s longitude
intervened. He fell
twenty years before his mermaid:
an Arctic mercy.

In 1962,
off Cape Navarin, far to the north,
a pod of black giants perplexed
a whaling ship. Science
helter-skeltered from Moscow.

You can’t fast-net an echo.

 

Die Meerjungfrauen von Brobdingnag

Es war der Traum eines jeden Zoologen.
In diesem Land aus Eis und Fjorden,
der anderen Seite der Neuen Welt,
Sireniae, Seekühe,
die den Narwal in den Schatten stellen, groß wie Berge –
und hier war er, Georg Steller,
der sie aus der Taufe hob.
Während kühler Sonnenuntergänge im April,
da nur des Himmels gelbe Ockerfarbe
von Frühling sprach, sah er ihrem Paarungstanz zu,
fühlte ihr nach im Hin und Her beim Doppel-Ballett
mit ihrem Liebhaber, fang mich, fang mich nicht.
Sie schliefen sogar in Rückenlage. Er dachte:
„Wie wenig trennt uns.“

Doch was ißt man in Kamtschatka?
Wie hält man sich warm?

Er zog aus mit den Jägern.
Die Einzelheiten rissen ihm das Herz heraus:
der gewaltige Fanghaken, die Stricke,
das Schlagen und die verzweifelte
Ergebenheit des Männchen,
„selbst noch, als sie tot war“,
wie er es der reinen weißen Seite anvertraute
(das Fett brannte ohne Rauch).

In Europa verfaßte er eine Bittschrift.
Die ungeheure Ausdehnung Sibiriens
trat dazwischen. Er ging
zwanzig Jahre vor seiner Meerjungfrau zugrunde:
er, ein Segen der Arktis.

Im Jahre 1962
hat beim Kapp Navarin, hoch im Norden,
eine Schule von dunklen Riesen ein Walschiff
in Staunen versetzt. Wissenschaft
aus Moskau: holterdiepolter.

Ein Echo läßt sich nicht mit Netzen fangen.

 

Anmerkungen zum Verständnis:
Titel: „Brobdingnag“ heißt das Land in Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“, in dem der Protagonist alle Dinge ins Riesenhafte vergrößert wahrnimmt.

Der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller nahm in den Jahren 1737 bis 1743 an der zweiten Expedition zur fernöstlichen russischen Halbinsel Kamtschatka unter Leitung des dänischen Kapitäns Vitus Bering teil, nach dem die Bering-Insel und die Bering-Straße benannt sind. Steller verfaßte ein naturkundliches Werk über die botanischen und zoologischen Funde und Entdeckungen, die er während der Expedition machte. Neben den nach ihm benannten Tieren wie dem Diadem-Häher oder dem Stellerschen Seelöwen beschrieb er als erster die Seekuh (Sirenia), die bald darauf im Zuge massiver Bejagung durch Pelztierjäger (zu Nahrungszwecken) ausgestorben ist. Steller ist während der Rückreise von Kamtschatka im sibirischen Winter 1746 im Alter von 36 Jahren an den Folgen der jahrelangen Strapazen seines abenteuerlichen Forscherlebens verstorben.

Siehe auch:
www.luxautumnalis.de/die-seekuh/

https://www.amazon.de/Nachts-flogen-die-Gomuli-Kamtschatka/dp/373573717X/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=joachim+ruf&qid=1578203186&s=books&sr=1-1

 

Jan 3 20

François Couperin

Weiche Wellen, reine Klänge,
die ins Uferlose fließen,
nur sich selber zu genießen,
Seelenauf- und -untergänge.

Wimpern schatten, Blicke saugen,
wird der Mund des Liedes trocken,
rinnen Tränen, schmelzen Flocken,
Veilchen öffnen feuchte Augen.

Will der Nymphe Schuppengleißen
aus den grünen Tiefen dringen,
hebt das Wasser an zu schwingen,
ohne daß die Bilder reißen.

Wo einander Hirten rufen,
flockt ein fahles Vlies von Lämmern
und in Mondes Wolkendämmern
steigt das Lied auf Blumenstufen.

Augen, die im Dunkel scheinen,
kann ein schwarzer Glanz verschönen,
Herzen mit der Nacht versöhnen
Lieder, die aus Liebe weinen.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=3-7BHzUtaYU

 

Jan 3 20

Die Sonne Homers

Der Wein des Liedes, er schäumt,
Licht aus den Adern der Nacht,
sich zu verwandeln in Blut.

Die Sonne Homers, sie brennt
uns den Durst nach dem Mund
kirschroter Küsse ins Herz.

Der Flügel des Eros, er rauscht
von wildem Honige tropfend
über die Halme des Schlafs.

Die Flamme Apollos, sie singt
vom Gaumen leckend den Schmelz
ein Loch in die Schläfe des Traums.

Die Salzflut des Dulders, sie blaut
jenseits zerrissener Segel
sich kräuselnd wie Sirenengesang.

 

Jan 2 20

Die Flügel des Eros

Gefieder der Nacht,
dunkler rauschend als irdener Mund,
du stäubest silberne Asche
in die Funken der Lust,
wenn Ledas Blütenkelch
zerpflückt der Schnabel des Schwans.

Tönende Schwinge des Winds,
heller als perlmuttschillernde Muscheln,
du legst wie der Schatten der Eule
ein Seufzen über das Gras,
das sich unter dir biegt,
wenn von ihm abperlt wie Träume der Tau.

Tauender Fittich des Lieds,
süßer tropfend als Ariels Locken,
du hüllest Zwielicht-Samt
um des Einsamen Herz,
das weicher unter dir pocht,
als vernähme es fernes Gezwitscher im Schlaf.

 

Jan 1 20

Blaue Seide, schwarzer Lack

Blaue Seide, himmelweit gespannt,
weißer Wolken knospende Bordüren,
und sie bauscht zum Scherz ein Wind,
Ranken, Schilfe, Blätter
streuen ihren grünen Dämmer
auf die trägen Wellen,
die wie Liebende,
Blick aus Blicken trinkend,
seufzen immerfort.

Haut aus rotem Abendhauch,
blind von Perlenglanz,
schaukelt Rose sich in Schlaf,
hört nicht mehr das weiche Glucksen,
wenn im dunklen Wasser
Schwanenfedern fließen.

Aus dem schwarzen Lack der Nacht,
wo ein Nagel ihn geritzt,
quillt des Mondes Milch,
Tropfen, der allmählich,
wie ein Kuß,
der keinen Mund mehr fand,
niederrinnt.

 

Dez 31 19

Kehrst du wieder mit dem Duft

Kehrst du wieder mit dem Duft,
schneit Holunder schon,
weiche Lippe wölbt die Luft,
wie Oboenton.

Summt am Wegessaum im Kraut
dumpf die Hummel, hat
deine Locke Gras betaut,
Sonne küßt sie alsbald matt.

Gehen wir zum See, wenn weich
Wind die Weide wiegt,
und am Ufer schwanengleich
sich dein Hals mir biegt.

Stimmen, die aus Zweigen gießt
Abendsonnenschein,
schenken uns, die Welt zerfließt,
goldnen Liedes Wein.

Schwebt in wirren Ranken groß
Monds Orangenfrucht,
Herzens Taue lassen los,
ruft die blaue Bucht.

 

Dez 31 19

Unter der Asche Glut

Was immer wer mit Herzblut nähret,
es ward vom Schicksal ihm bestimmt,
daß einst ein Sinn im Finstern glimmt,
wenn sich die Frucht zur Erde kehret.

Sei nur wie Wachs für eine Kerze
dein leises Lied, sei dein Gesang
die Flamme, daß nicht Liebe bang,
nicht irre wird am Abschiedsschmerze.

Sieh, wie der Waller mit dem Stecken
in Aschen rührt, und sein Gesicht
wird hell im aufgesprühten Licht,
mag so dein Wort die Glut verdecken.

 

Dez 30 19

Über Geschmack

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Über Geschmack läßt sich trefflich streiten – mit jenen, die welchen haben.

Wie wir metaphorisch aufsteigen von den elementaren Geschmacksempfindungen bis zu den Subtilitäten in der Verteilung von Licht und Schatten, Linien und Farbtupfern, Mustern und Ornamenten.

Geschmacklos nennen wir ungezuckerte Flüssigkeiten, ungesalzene Speisen, und können auch fade dafür sagen, öde, lau, spanungslos, schal oder matt – wir können den Eindruck visualisieren und sehen eine in Nebel gehüllte platte Kuhweide oder eine postmodern gequetschte Glasfassade; wir können den Eindruck Zeile für Zeile nachschmecken an einem Börsenbericht oder einem Abituraufsatz.

Wenn in der Friedhofskapelle neben dem Sarg des Toten zu seinem Angedenken die Jazz-Combo aufspielt, so nennen wir auch dies geschmacklos, und da es eigentlich pietätlos ist, sehen wir die Grenze zwischen dem Ästhetischen und Ethischen verwischt und durchlässig.

Männer, die nicht in Würde altern können und sich über die Glatze keck ein Base-Cape schieben.

Manche Völker scheinen Geschmack im Blut zu haben, wie die Japaner oder die alten Griechen.

Wegen mangelnder Lektüre der Klassiker leider kein Schulstoff mehr: in der Diktion geschmackvoll oder wenigstens nicht geschmacklos daherkommen.

Sublimer Geschmack: viel mit wenig Worten sagen; vulgärer Geschmack: wenig mit einem Bombast von Worten.

Leeres hauchgraues Blatt, nur eine Linie, einer zarten Maserung gleich, einem feinen Riß, einer zitternden Grenzscheide zwischen Ja und Nein.

Die Vulgären schmieren mit dicken Quasten oder drücken gleich ganze Tuben aus.

Die Tuben, die sie hastig ausdrücken, um von sich selbst zu künden, erstehen sie im Supermarkt um die Ecke.

Die Vulgarisierung des Geschmacks beginnt mit dem scharfen Epochenschnitt der Guillotine.

Wahrhaft allegorisch und sinnbildlich für die Ausbleichung der volkstümlichen Identitäten und nationalen Kulturen durch die suizidale Europa-Idee (wer heute Europa sagt, will die physische und kulturelle Auflösung zumindest des eigenen Volkes) oder die parasitären Politchargen in Brüssel und Straßburg ist die Geschmacklosigkeit, Fadheit und Verwaschenheit im Design der Euro-Scheine, aus dem jeder eigentümliche Charme, jede legendäre und stilistische Eigenheit zugunsten öder Ikea-artiger Mustervorlagen ausgeschwemmt und ausgewetzt worden ist.

Die Geschmacklosigkeit der ästhetischen Anmutung der Nationalflaggen ist ein Niederschlag republikanischer Gesinnung – man halte das schöne Lilienwappen der Bourbonen neben das ästhetische Nichts der Trikolore. Nur Flaggen, in denen sich ein Rest der alten Adelsgesinnung und des Mythos des Volkes spiegelt, wie im Sonnenemblem der japanischen, haben einen gewissen ästhetischen Reiz behalten.

Unten, am Gezeitenstrom des Blutes, der Geburts-, Hochzeits-, Beerdigungs-, Kampf- und Festrituale des Volkes finden wie den sicheren, starken, elementaren Geschmack im intuitiven Ausdruck der großen Lebensmächte; oben, im blauen, bisweilen heiteren, bisweilen scharfen Luftstrom zwischen Herrschaft und Dienst, finden wir den reinen und sublimen Geschmack des Adels im höfischen Zeremoniell, dem Dekor von Fayence, Orchideen, Vignetten, Wandteppichen, in wohlduftenden Essenzen, wohlgesetzten Tanzschritten und zierlichen Worten.

Dazwischen: serielle Fertigung von Kleidern, Möbeln, Tapeten, Tassen und Tellern, Häusern, Bildern, Musik, Texten – der Ort, an dem wir jetzt hausen.

Geschmacksfragen bewegen sich im umfassenden Rahmen des Sittlichen und Ästhetischen.

Eine Bemerkung diskreditieren wie als geschmacklos, wenn wir sie als ungehörig, beleidigend, schamlos verwerfen.

Wider den guten Geschmack: was das Auge, das Ohr beleidigt. Wessen Auge, wessen Ohr? Nun, halten wir uns an die sensitiv Genialen, einen Goethe, einen Nietzsche, einen Stefan George oder Ludwig Wittgenstein.

Mit dem deutschen Expressionismus in Malerei und Dichtung nimmt der Formverlust bisweilen apokalyptische Ausmaße an.

Man könnte seinen Kirchenaustritt etwas hochtrabend mit dem Hinweis darauf begründen, die Dogmen hätten sich einem als taube Eier erwiesen, weil sie auf der Übernahme einer sei es falschen sei es sinnlosen antiken Metaphysik der körperlosen Seele beruhen. Doch robuster und schlagender ist der Hinweis auf den Verfall der pastoralen Formen durch dem Zeitgeist nachschwätzende Pfaffen und die Entweihung der Liturgie mittels geschmackloser musikalisch-szenischer Darbietungen.

Guter Geschmack ist erfahrbar, bildbar, erlernbar, falls man sich der gediegenen Traditionen des Kunsthandwerks, seiner Technik und Weisheit, in stiller Betrachtung widmet und den Wert der schönen Gebilde der Töpferkunst und Vasenmalerei, des Goldschmiedehandwerks und der Glasmalerei, der Seidenstickerei, der Webkunst und des Teppichknüpfens, der Kalligraphie oder der Buchmalerei schätzen lernt.

Die sensorischen Distinktionen der Geschmackserlebnisse scheinen zunächst recht simpel, wenn wir nur süß und sauer, bitter und fade, mild und scharf unterscheiden; doch gehen wir bei einem echten Weinkenner in die Lehre und erfahren, wie viele Nuancen der Gaumen und die Zunge zu bemerken und herauszuschmecken in der Lage sind.

Das Volkslied gleicht in den eigentümlichen Valeurs seiner Klänge und Farben, seiner Bilder und Stimmungen den wohlschmeckenden Gerichten der regionalen Küche; werden sie mit beliebigen Gewürzen und exotischem Schnickschnack verrührt und vermanscht, geht ihr einmaliger Geschmack, ihr unnachahmlicher Duft verloren.

Keine Rose der großen Dichtung ohne das Gras und die Kräuter des Volkslieds, die um sie sprossen.

Gewiß, statt der Rose kann es auch ein Veilchen sein, ein Krokus, ja ein Hahnenfuß oder eine Distel – immer haben die Blumen der Dichtung ihren Ort, ihre Herkunft, ihre Lust des Pollenflugs oder ihre Trauer, sich vor der Zeit den Schatten zu ergeben, kurz, ihre Schicksalslinie, nicht nur in den Träumen, Sehnsüchten und Leidensgeschichten der Dichter, sondern zuallererst in den Wundern, den Offenbarungen, den Passionen des dichterisch inkarnierten Logos.

Der Gärtner und die feinfühlige Hausfrau sind es, bei denen wir uns Auskunft zu holen haben über die Arten und Kulturen der Pflanzen, das Arrangement und den Schmuck der Blumen in Vasen und Schalen – kurz, über die Möglichkeiten, den Geschmack des Dichters zu bilden und zu verfeinern.

Gewiß geht es nicht bloß um Idyllen. Jede Lebensmacht hat ihren Gott oder ihre Himmel und Erde umspannende Wahrheit, und jeder Gott seine Blume, seine Frucht, das vegetabilische und biotische Reich seines Wirkens, das die Dichtung in Evokationen seelischer Wirklichkeiten verwandelt, wie die Trauben des Rausches, das Wasser der Ernüchterung, den Efeu des Gedenkens, den Mohn des Vergessens. Hier werden die Lebensmächte des dionysischen Rausches, der apollinischen Nüchternheit, der Muse der Erinnerung oder der Göttin des Schlafs, Mächte, die Schelling mythische Potenzen nennt, leicht als allegorische Figuren in antikem Gewand sichtbar.

Der dichterische Geschmack ist, so könnten wir sagen, das Vermögen der ausgleichenden Disposition und Anordnung ästhetischer Urqualitäten wie des Schönen, Erhabenen, Grotesken, Idyllischen in einer harmonisch-intensiven Ganzheit zur Gewinnung einer sittlich und geistig läuternden Wirkung.

Der dünne Stiel des Verses, der unter der üppig aufgeschossenen Blütenkrone überschwänglicher Bedeutung einknickt.

Der süßliche Kitsch heilloser Heilsverkünder geht uns ebenso wider den Geschmack wie der saure arroganter Lebensverleumder.

Hier die stickige Atmosphäre verstaubten Gerümpels, dort die sterile einer aseptisch glänzenden Leere.

Die meisten sind so von sich eingenommen, daß sie nicht bedenken, in welchem Maße ihre Empfehlung eines Schriftstellers, Musikers, Malers sich wie ein Siegel auf ihrem Qualitätsbewußtsein, dem kulturellen Niveau ihres Geschmacks ausnimmt.

Unser unaufhaltsamer Fortschritt in der Geschmacksbildung: vom sublimen, leisen Rausch der Mandelblüten eines van Gogh bis zu den feministischen, mit fader Ekstase herausgekitzelten Farbejakulaten des Mädchen-Mal-Vereins aus Klein-Kleckersheim.

Wo die rituelle Wurzel abgeschnitten ist, verdorrt die Kunst.

Ist der mit den Wellen der Nacht, den Ähren der Sonne wogte, der Refrain der alten Lieder verhallt, kriecht die müde Schnecke der Poesie auf dem Asphalt trockener, banaler Selbstbekenntnisse.

 

Dez 29 19

Poetologisch III

Silberbrosche am Revers,
von der Zeit schon angedunkelt,
Stein, der in der Dämmerung funkelt,
Blick, von allen Bildern leer.

*

Blaue Kanne, milchverschäumt,
Hand, sie zitternd anzuheben
an den Mund, ihm rasch zu geben,
was das graue Herz geträumt.

*

Abendwindes blaue Hand
schreibt ein Flackern in die Gräser,
tönen fernhin grüne Gläser,
sickert Wein in Schlaf und Sand.

*

Sieben Töne hat der Sang
wie der hohe Leuchter Kerzen,
siebenmal seufzt er in Schmerzen,
doch sein Geist ist Überschwang.

*

Wo in grüne Wasser neigt
sich des Sommers Blütenkrone,
schläft im wehen Duft von Mohne
Liebe, und die Amsel schweigt.

*

Regennacht, im Hinterhof
tropft der Tod in trübe Pfützen,
Wolken klöppeln weiße Spitzen,
Sichelmond, ein Apostroph.

 

Dez 27 19

Heim ins Unvordenkliche

Am Ufer wartend
glaubte ich die Fähre zu sehen,
doch unter mir wogte es längst,
und was auf mich zukam, war
was mich heim
ins Unvordenkliche trug
der ungeheure Nebel.

*

Ich sah durchs Fenster,
ebenerdig also sollte ich wohnen,
doch hier wohnte schon wer,
ein Grauschopf, der da
zwischen Wand und Wand
Hände auf dem Rücken
stumpfsinnig hin- und herging,
dann trat er ans Fenster
und sein Blick schnitt mich auf
wie ein Messer die Frucht.

*

Alles war festlich erleuchtet,
doch war ich zu spät
und hatte doch das Geschenk
für den Ehrengast zu überbringen,
da beugte er sich schon herab
mit seinem Augurenlächeln,
aber was ich verlegen
aus der Hosentasche zog,
war ein Damenstrumpf
mit einer langen Laufmasche,
in meinem Rücken fühlte ich
Johlen und Zischen
wie Picken von Schnäbeln,
als ich über die Schwelle glitt,
war es Applaus,
ein feuchter Sommerwind.

 

Dez 27 19

Als ich unter Ranken

Als ich unter Ranken
Lichtes Sinn verlor,
als aus braunem Moor
rauchten Wahngedanken,
hat sich mir verhüllt
dein geliebtes Bild.

Kam ich in den Garten,
war der Himmel blau,
sah ich es genau,
schien auf mich zu warten,
schwebend auf dem Teich,
Blüte, zart und bleich.

Als in toten Städten
blaues Gas mir schmolz
meiner Jugend Stolz,
lag in fremden Betten
Puppe augenlos,
stummgeweinter Schoß.

Fielen mir die Flocken,
Blumen tatenʼs kund,
auf den warmen Mund,
lugte unter Locken
tränenhell ein Blick,
Lied, es sang vom Glück.

 

Dez 26 19

Alba

Ach weh,
bist du noch immer wach,
mir träumte von dem grünen See,
wo wir die Jugendzeit verbracht,
da fiel mit einem Male Schnee,
dir war von Flocken weiß das Haar
und deine Tränen sprachen klar,
daß unser Sommer vorüber war.
Nun naht der Tag.

Ach weh,
sind, Liebster, wir auch alt,
und unser Sommer ist vorbei,
entstellt die schöne Wohlgestalt,
brach unsre Liebe nicht entzwei,
ich sah in dieser Nacht, wie leicht
das Blattwerk unterm Mondlicht bleicht,
doch hatʼs mein Herz noch nicht erreicht.
Nun naht der Tag.

Ach weh,
im alten Garten sah die Glut
ich reifer Frucht im dunklen Laub,
wie tat die Dämmerung uns gut,
betaute sie des Herzens Staub.
Es sprühten Funken wunderbar,
bot sich der Mücken Lichtkreis dar,
warʼs deiner Küsse Bienenschar?
Nun naht der Tag.

Ach weh,
lieh, Liebster, uns die Nacht ein Nest,
von weicher Träume Gras gefüllt,
uns blieb von Sommerduft ein Rest,
das graue Haupt wär uns verhüllt,
das Winter aus dem Brachfeld hebt.
Auch eine bleiche Lippe bebt,
die Blume, auf der Nachttau schwebt.
Nun naht der Tag.

 

Dez 24 19

Du wogst schon weit

Und wieder fühlst wie Taues Tropfen
auf eines süßen Pfirsichs Flaum
der Abendsonne Lied du niederglimmen,
wie bang im Dämmer Herzen klopfen,
du wogst schon weit vom Ufersaum,
wie Blüten, die im Abschiedsgolde schwimmen.

Laß seufzen alle Lust in Wellen,
mit Muscheln sinken alles Weh,
das Lied haucht dir mit letzten warmen Strahlen
leb wohl in leisen Ritornellen,
du treibst schon fern im Blütenschnee
wie Schwäne, die im vollen Monde fahlen.

 

Dez 24 19

Der Gummibaum

Ich bin der schiefe Gummibaum,
umhegt, gewässert
und Blatt für Blatt geputzt
von guter Frauenhand,
an einem Stecken aufgebessert
mit einem Seidenband,
hat aber alles nichts genutzt.

Und Blatt um Blatt ist mir vergilbt,
fiel ab, fiel ab, ganz still,
wie Glaubens leerer Tand,
der nicht mehr schimmern will,
und groß war meine Scham,
als jene mit sanfter Hand
es seufzend auf vom Boden nahm.

So ist mir worden häßlich-alt
wie eine kahle Stele
des Lebens grünende Gestalt,
und wie zum Hohne zittert
ein einzig Blatt mir noch
am dürren Holze und verwittert,
o pflück es ab, du liebe Seele.

 

Dez 23 19

Vor der Krippe

Nein, kein Über-Vater kann uns retten,
der als Doppelgänger seinen Sohn
hieß Maria in die Krippe betten
und sich opfern auf der Schande Thron.

Und noch immer will das Bild uns rühren,
Ochs und Esel, Hirten auf dem Feld,
Weise, die vom Stern sich lassen führen,
doch ein Schatten hat das Bild entstellt.

Ja, wir selber sind es, die ihn werfen,
unser Herz, das noch kein Wort erlöst
aus den Netzen wahngezerrter Nerven,
unser Geist, der an den Grenzstein stößt.

Und wir starren stumm ins Ungeheure,
wenn ein Lächeln Licht ins Dunkel gießt,
denn wir wissen um die böse Säure,
die mit weißer Milch auf ewig fließt.

Ward uns auch das schöne Bild verdunkelt
von der Wehnacht ohne Gnadenstern,
sehen blind wir noch, wie Liebe funkelt
in dem Blick des todgeweihten Herrn.

 

Dez 22 19

Wir wollen uns in Halme ducken

Wir wollen uns in Halme ducken,
die zart den grellen Tag vergittern,
wir wollen mit den Mücken zucken,
bevor die Herzen uns verwittern,

Pans-Arien auf Gräsern pfeifen,
die wir an Schlafes Ufern rupfen,
wenn Purpurwolken uns ergreifen,
in grünen Dämmers Nester schlupfen.

Und kommt die Nacht der weichen Sänge,
die wie geküßte Lippen schimmern,
durchwandeln wir die Laubengänge,
in denen Sternenblüten flimmern.

 

Dez 22 19

Mein Lied hat nur die sanften Wellen

Mein Lied hat nur die sanften Wellen
unter seinem schmalen Kiel,
die manchmal sich vom Mond erhellen,
Knospe, die ins Schweigen fiel.

Es schaukelt noch mit weißen Blüten
zwischen Dämmerung und Nacht,
auch wenn die Rosen schon verglühten,
die ihm süßen Schmerz gebracht.

Und siehst wie matte Flügel schleifen
du die Ruder auf dem Teich,
wie Serenaden, die ergreifen,
Seufzen macht das Wasser weich.

 

Dez 21 19

Ein schöner Rhythmus weiß vom Glück

Ein schöner Rhythmus weiß vom Glück,
entströmt er einer dunklen Quelle
und wird am grünen Ufer helle,
läuft bebend in sich selbst zurück.

Das Lied, von ihm getragen, träumt
von Zweigen, die im Winde schwanken,
von Augen, die ihr Dunkel tranken,
ein Mond, der blaß auf Wellen säumt.

Es ist ein Tropfen Glanz am Blatt,
und Tropfen wollen niederrinnen,
wie Tränen, die sich nicht besinnen,
bevor die Herzen werden matt.

 

Dez 20 19

Lied des verirrten Weihnachtsmanns

Weh, die Flocken, wie sie stieben,
weh, du armes Christenkind,
Sturm hat mich vom Weg getrieben,
ohne Sternlicht irr ich blind.

Wo sind nur die Gnadenlichter,
da sie horchen auf den Klang,
süßes Lied der frommen Dichter,
horchen, harren, warten bang?

Hoch in Wolken seh ich wehen
meines Bartes weißen Flaum
und entzwei den Schlitten stehen
an dem kahlen Eichenbaum.

Und auf einer Tannenspitze,
ach, die Glatze leuchtet bloß,
winkt die rote Zipfelmütze.
Wer riß meine Bommel los?

Fern der Fleck wie einer Mücke
schwarz auf blauem Tuch, mein Ren-
tier, nach Lappland fliegtʼs zurücke,
schad, doch wunderlich zu sehn.

All die bunten Liebesgaben,
guten Herzen zugesagt,
liegen in dem finstern Graben,
wo ein Mäuslein knitternd nagt.

Nun hab ich zum Kind geflehet,
das da lächelt mild im Stroh,
daß es meine Not ansehet
und die Weihnacht macht noch froh.

Schnee, ich seh ihn freudig blitzen
und wie Hoffens milden Schein
Engel auf dem Schlitten sitzen,
davor Ochs und Esellein.

Sieh, ein Eichhorn bringet wieder
mir die Mütze quastenschwer,
zart die Taube im Gefieder
meines Bartes Mannesehr.

So kann ich den Kindern bringen,
Tier und Engel hat sie gern,
all die Gaben, daß sie singen
Lieder unterm holden Stern.

 

Dez 20 19

Wenn im Zwielicht zarte Blumen bangen

Wenn im Zwielicht zarte Blumen bangen,
schon versinkt der blaue Hauch,
der ihr süßes Dasein hielt umfangen,
fühlst das Herz du zweifeln auch.

Es verrauscht des Lebens Dankesfeier
und verstummt, was Liebe spricht,
legt das Dunkel fühllos seinen Schleier
dir aufs bleiche Angesicht.

Und in Traumes schneebestäubten Auen,
deine Sonne ist so fern,
siehst auf blasser Wange du ergrauen
einer Träne hellen Stern.

Wird noch an den hohen Schattenmauern,
brach des Liedes Kelch entzwei,
dir beglänzt von Tau der Efeu schauern,
wecken dich der Stare Schrei?

 

Dez 18 19

Vielleicht

Vielleicht –
daß wir uns einmal wiedersehen,
wenn Flieder und Forsythien blühen
und blaue Lüfte lieblich wehen.

Vielleicht –
stehst du in einem roten Kleide
dort unter jener dunklen Weide,
wo wir uns küssend weinten beide.

Vielleicht –
magst lächelnd meiner du gedenken,
wenn letzte Blicke Rosen schenken
und stumm die Glut ins Wasser senken.

Vielleicht –
kann ich dein Bild im Dämmer fassen,
es eine Weile schimmern lassen,
bevor mir Sinn und Lippen blassen.

Vielleicht –
weht dir ein rotes Blatt zu Füßen,
als möchten dich aus Fernen grüßen
die Flammen, die ins Dunkel fließen.

Vielleicht –
daß wir uns einmal wiedersehen,
wenn Flieder und Forsythien blühen
und blaue Lüfte lieblich wehen.

 

Dez 18 19

Wenn er keinen mehr hochkriegt – Horaz, Epode 8

Rogare longo putidam te saeculo,
viris quid enervet meas,
cum sit tibi dens ater et rugis vetus
frontem senectus exaret
hietque turpis inter aridas natis
podex velut crudae bovis.
sed incitat me pectus et mammae putres
equina quales ubera
venterque mollis et femur tumentibus
exile suris additum.
esto beata, funus atque imagines
ducant triumphales tuom
nec sit marita, quae rotundioribus
onusta bacis ambulet.
quid? quod libelli Stoici inter Sericos
iacere pulvillos amant,
inlitterati num minus nervi rigent
minusve languet fascinum?
quod ut superbo provoces ab inguine,
ore adlaborandum est tibi.

 

Du fragst, grad du, von einem langen Leben welk,
warum er mir denn nicht mehr steht,
ist dir der Zahn doch schwarz und über deine Stirn
zieht Furchen grauen Alters Pflug
und scheußlich klafft dir zwischen Runzeln am Gesäß
das Loch wie einer Kuh voll Blut.
Doch stachelt mich der Brüste faules Fleisch etwa,
wie einer Stute Zitzen spitz,
der aufgequollne Bauch, der Schenkel, welcher dürr
auf feister Waden Blase steckt?
Sei nur beglückt, daß man bei deinem Leichenzug
siegreicher Ahnen Masken trägt
und keine Frau mit schweren Klunkern kommt daher,
die so perfekt geschliffen sind.
Was denn, weil gern ein Stoiker-Traktätchen ziert
dein Kissen aus Chinesen-Taft,
bockt, Lesens ganz unmächtig, das Gemächt nicht mehr,
hängt schlaff nicht mehr herab der Schwanz?
Damit du ihn hervorlockst aus der Hoden Pracht,
darfst du nicht faul sein mit dem Mund.

 

Anregungen zur Interpretation:

Das iambisch stoßsichere Gedicht über das schlaffe Glied im Bett einer lang dahingewelkten Schönen wurde von Übersetzern (wie „Dingsda“ für „Schwanz“) und Kommentatoren aus ersichtlichen Gründen schamhaft behandelt oder gleich ganz verschwiegen; natürlich durften damit die holden Wangen der pubertär zur Erregung neigenden Knaben humanistischer Gymnasien, geschweige denn der Zöglinge kirchlicher Internate oder von Klosterschulen, nicht zum Erröten gebracht werden.

Man schlüpfe einmal kurz in die von keinem Kuß betaute Haut eines Benediktinermönches, der es zur Zeit der Karolingischen Renaissance abschrieb – und vielleicht eine winzig hingekritzelte Kopie heimlich mit auf seine Zelle nahm.

Das Gedicht ist ein Monolog, auch wenn es ihn in den fiktiven Rahmen eines Dialoges rückt, als Antwort auf die den Betroffenen offensichtlich bestürzende und von Madame keck vorgebrachte Frage aller Fragen, warum er schlaff bleibt. – Sie sagt kein Wort, er sagt alles, hart, scharf, gnadenlos. Im Angriff versteckt ist aber die Verteidigung verletzter Mannesehre, das Kreisen um den einen wunden Punkt. – Er kann nicht, und sie ist schuld. Er spitzt den Mund, um ihr moralisch die Luft zu nehmen, sie soll den ihren ründen, auf daß er ihm wieder anschwelle.

Die reimlose antike Lyrik bedient sich metrisch-rhythmischer Einheiten, um den Ausdrucksgehalt des Verses plastisch zu modellieren und ihn gleichsam mit einem Muskel- und Nervenspiel zu umhüllen, zu begaben. In der 8. Epode des Horaz finden wir dieses Spiel (nach dem Muster des griechischen Iambendichters Archilochos) verdichtet auf einen sechshebigen iambischen Langvers, dem jeweils ein vierhebiger iambischer Kurzvers (Epodos = der Nachklang) folgt.

Horaz war etwa 35 Jahre alt, als er das kleine Buch der Epoden herausbrachte; nach antiken Begriffen nicht mehr jung (ab 40 galt man als senex), doch in der vollen Reife seines Schaffens, das stufenweise von den Sermones (Satiren) über die Epoden zu dem großen Zyklus der Oden und dem Alterswerk der Briefe, allen voran des Briefes an die Pisonen (Ars poetica) in die Höhe singulärer Sprachkunst stieg; er war seit kurzem Mitglied des Freundeskreises um Maecenas und konnte die Parfumwolken der elitären Salons und die Höhenluft der römischen Machtzentrale um Augustus atmen.

Greift der antike Dichter zur Lyra oder Laute, um seinem Vers einen hohen, erhabenen, funkelnden oder auch weichen, zarten, schimmernden Klang zu verleihen, so bedient er sich der iambischen Maße als eines Floretts, um gezielt unliebsame Zeitgenossen, Neider, Sittenstrolche, Scharlatane und Miesepeter mit pointierten Hieben und entlarvenden Vergleichen anzugreifen und zur Strecke zu bringen. Im Gegensatz zu seinem griechischen Vorbild ist Horaz freilich zurückhaltender und nennt selten einmal Roß und Reiter; auch in unserer Epode bleibt die angegiftete Dame anonym. Daß sie oder ihr Typus seine Wege gekreuzt haben muß, dafür spricht das heiße Blut der Verse, auch wenn oder gerade weil es dem fatalen Gliede mangelt.

Auch wird ihre soziale Stellung deutlich markiert: Wenn bei ihrer Leichenfeier, die der Dichter während dieser wenig galanten Bettszene die Chuzpe hat, ihr kaltherzig vor Augen zu führen, Totenmasken der Ahnen, die sich eines Triumphzuges auf dem Forum rühmen durften, vorangetragen werden, wissen wir, daß wir in allerhöchste senatorisch-elitäre Kreise vorgedrungen sind; bei der Dame handelt es sich demnach um die Ehefrau (marita) eines mächtigen Mannes, die sich einen jüngeren Liebhaber hält. Der Hinweis auf ihr kostbares Geschmeide, das so leicht keine andere Dame der besseren Gesellschaft vorzuzeigen hat, macht das Bild komplett.

Horaz kann als Poeta doctus, als Dichter der gesteigerten sprachlichen Bewußtheit und der erlauchtesten Distinktion in der Auswahl seiner dichterischen Ausdrucksmittel und der durch raffinierte Wendungen und überraschende Bilder erzielten poetischen Wirkung bezeichnet werden. Wir erläutern dies an zwei Beispielen:

femur tumentibus/exile suris additum
dürrer Schenkel, schwellenden Waden aufgesteckt

Zunächst erkennen wir die für die römische Lyrik typische Stilfigur des Hyperbatons oder der Sperrung von Substantiv und zugehörigem Attribut: femur … additum, wodurch ein Spannungsbogen entsteht, in dem die Füllung: tumentibis/exile suris (die selbst ein Hyperbaton darstellt: tumentis … suris) gleichsam zusammengepreßt und als kompakte Sinneinheit umschlungen wird.

Als zweites Beispiel betrachten wir folgende Zeilen:

quid? quod libelli Stoici inter Sericos
iacere pulvillos amant,
inlitterati num minus nervi rigent
minusve languet fascinum?

Was denn, weil gern ein Stoiker-Traktätchen ziert
dein Kissen aus Chinesen-Taft,
bockt, Lesens ganz unmächtig, das Gemächt nicht mehr,
hängt schlaff nicht mehr herab der Schwanz?

Wir erfahren, daß die augenscheinlich hochgebildete Dame (wenn sie solch geistigen Höhenflüge nicht nur prätendiert) der damaligen Mode huldigt, sich seelisch an stoischer Lebensweisheit und ihrer kontemplative Ruhe predigenden Resignation aufzurichten; und ein Traktat über die Seelenruhe oder die resignative Hinnahme und Bewältigung profaner Widerborstigkeiten und fataler Verluste, wie sie Unglück, Krankheit, Alter zeitigen, findet der gereizte Liebhaber ausgerechnet auf ihrem mit kostbaren Seidenkissen gepolsterten Lager der Lust. Ein gewollter Mißklang zwischen stoischer Bedürfnislosigkeit und verwöhntem Luxusleben.

Doch was der Dichter polemisch zuspitzt, das Alter und das welke Fleisch suche vergebens Zuflucht in unverweslichen Werten, wird uns dadurch nicht weniger sinnfällig oder seiner edlen Intention beraubt.

In der kühnen Wendung: inliterati … nervi (Lesens nicht mächtig … das Gemächt) können wir eine ins Ironisch-Paradoxe gesteigerte Personifikation ausmachen: das männliche Glied, von dem mit scheinbarem Bedauern oder galliger Pointierung prädiziert wird, daß es nicht lesen könne, ein Analphabet sei oder immerdar höherer Bildung sich verschlossen zeige, geschweige denn, daß es sich von glitzernden Perlen und seidenen Kissen zu neuem Hochsinn erwecken ließe.

Einen Anflug dieser ironischen Personifikation vermittelt auch die Wendung: languet fascinum, als würde das männliche Glied nicht nur biologisch betrachtet abschlaffen, sondern psychologisch gedeutet lustlos sein. Die Frage sei nur angerissen, ob der Penis fascinum heißt, weil ein Amulett in phallischer Gestalt um den Hals getragen böse Geister abschrecken sollte oder eher umgekehrt, das pralle Glied sein eigenes Faszinosum hat …

Da hilft nur noch Fellatio: ore adlaborandum est tibi, so die gleichsam moralische Pointe der Epode, eine Aufforderung an die Dame, von der man gerne wüßte, ob sie bei ihr Lächeln, Widerwillen oder Spott hervorgerufen hat.

Wir merken auch dieses an: Die abstoßende und das sexuelle Begehren des Mannes verkühlende Häßlichkeit des welken Frauenkörpers wird ungeschminkt und derb ausgemalt; dabei tun Tiervergleiche ein Übriges; der Hintern klafft zwischen runzligen Pobacken wie der blutverschmierte einer Kuh, die Brüste baumeln welk herab wie die Zitzen einer Stute.

Soll man nun moralisch hochmögend und auf der Seite der anständigen Gesinnung von Kleingeistern und blutlosen Intellektuellen kundtun, hier werde ein bedauernswertes altes Weib von einem Liebhaber, der angesichts seiner abstoßenden Erscheinung (der schwarze Zahn, die schlaffen Brüste, der geblähte weiche Wanst) keinen hochkriegt, auf eine unser Feingefühl zutiefst verletzende Weise geschmäht, verhöhnt, diskreditiert? Nein. Denn das Gedicht verbleibt ja ohne Zimperlichkeit und Augenwischerei in jenem unzweideutigen Dunstkreis, in dem die hier maßgebliche Beziehung von Mann und Frau angesiedelt ist, dem des erotischen Spiels und des sexuellen Verkehrs. Hier ist das Fleisch in seiner Blüte und seiner Fäulnis der einzige Wahrheitszeuge, der spricht, ob er jubelt oder klagt, lobpreist oder flucht, seine Üppigkeit besingt oder seine Auszehrung verwünscht.

Gewiß, die Sprache der Liebe ist dies nicht; umso mehr verstehen wir im Kontrast zu dieser grellen Verlautbarung des verstörten Eros ihre eigentümliche Wahrheit, deren Zeugen nicht die Geschlechtsteile sind, sondern die Augen und ihre gütigen Blicke, die in den Falten und Runzeln des Alters nichts Häßliches, sondern den Aufruf zu Nachsicht und Milde angesichts des Todes sehen, die Hände und ihr versonnenes Streicheln, ihr Winken zum Willkommen und Abschied und ihre schenkenden Gesten, das Herz und seine sanfte Glut der Anteilnahme, des Gedenkens, der Hingabe.

Entfliehen wir im gleichsam schönen hesperischen Dämmerlicht der Liebe der gnadenlosen Wahrheit der biologischen Tatsachen, die der Frau die erotische Strahlkraft, dem Mann die Zeugungskraft für immer auslöschen? Aber sind nicht, können wir fragen, bis ins hohe Alter selbst noch den sublimsten Formen der Liebe Spuren der biologisch subkutan wirksamen Eigenschaften eingesenkt, die aus der mütterlichen Zuneigung und der väterlichen Sorge für das Kind entspringen?

 



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