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Jan 31 23

Konfusionen und Klärungen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Manche älteren Männer wirken bodenständig, tüchtig, hirnschwielig, Beruf, Familie, Herkunft stehen solide hinter ihnen, und gesammelte Mineralien, Versteinerungen, Sanduhren auf den Regalen hinter dem Schreibtisch scheinen vom Herdfeuer einer gehüteten Passion zu sprechen. Man redet kopfnickend über den Krieg in der Ukraine und die Frage, ob das russische Reich einen autonomen Kulturkreis bilde und dies erweiternd über den Krieg überhaupt als historische Konstante. Doch plötzlich berührt man einen empfindlichen Nerv, ein Stichwort genügt, Seele oder Aura oder Metempsychose, und es scheint den biederen, pausbäckigen Kerl, der eben noch mit beiden Beinen auf der Erde stand, ein Schwindel zu ergreifen, er hebt ab, verliert sich in ein Tohuwabohu irrlichternder Begriffe, zwielichtiger Mythen, Wahnideen. Wittgensteins Memento, nicht über Dinge zu reden, die Schweigen gebieten, wird bei Strafe des schmählichsten Strauchelns und Taumelns ins Bodenlose mißachtet.

Spiegelbildlich dazu ist das Erlebnis, einen philosophisch Dilettierenden und Delirierenden mit einem rhetorischen Kniff, dem Stichwort „Perserkriege“ oder „Schwellenzeit“ auf den Boden des Sagbaren, begrifflich Erhellten, argumentativ Erfüllbaren zurückzuholen.

Wer zu viel überblickt, kann nichts mehr sehen. Dies ist das Verhängnis des spätzeitlichen Wucherns abstrakter Begriffe und universalistischer Ansprüche in Theorie, Politik und Moral.

Die begriffliche Konfusion, als könne man eine Moral universalistisch aufbauen und begründen, verkennt die fatale Eigenschaft unserer Begriffe, nicht vollständig durchsichtig zu sein oder wie hübsch präparierte Puzzleteile ein ganzes, alles erklärenden Bild ergeben zu können; bei der Moral fahren wir schon nicht schlecht, wenn wir von Präzedenzfällen des Rechts und seiner Übertretung ausgehend zu Ähnlichkeiten menschlicher Verfehlungen in anderen Bereichen des Handelns gelangen, um hieraus probeweise Kriterien für unser moralisch-kasuistische Urteilskraft abzuleiten.. Doch abstrakte, allgemeine Regeln, Postulate, moralische Gesetze, die ungeachtet der spezifisch menschlichen, kulturellen und historischen Situation in allen Ecken und Winkel der Welt, allen Ländern und Kulturkreisen, zu allen Zeiten ihren eisernen Dienst für die Kritik und moralische Zurechtweisung ausüben könnten, suchen wir vergebens.

„Der Angriff Rußlands auf die Ukraine war ein imperialer Überfall und ist zu gemäß Völkerrecht zu ächten.“ – Doch in wessen Interesse und zu welchem Behuf wird dies Recht ausgelegt und beschworen? Warum soll es keine imperialen Ausdehnungen eines Großreichs geben, zumal der Angegriffene im Bündnis mit Fremdmächten sich längst bewaffnet und innerhalb des eigenen Territoriums Regionen unter Beschuß genommen hat, die Rußland wie die Krim und das Donezbecken nicht ohne historisch-strategischen Grund für sich beansprucht. Rußland weiß und fühlt sich seit Jahrzehnten durch die zunehmende Umzingelung durch die Westmächte bedroht, zumal deren Verbündeter oder Vasall, die Ukraine, die Option sowohl zur Mitgliedschaft in der EU als auch in der NATO zugesprochen erhielt. Je näher und länger man hinschaut, um so unklarer und zweideutiger wird die Lage, ein eindeutiger, moralisch unabweisbarer Grund, mit ins allgemeine Kriegsgeschrei auszubrechen, scheint nur moralisch überhitzten Gemütern (und ironischerweise darunter besonders kriegshysterischen Frauen) das absolute Gebot der Stunde.

Wir verstehen, wenn das Gesagte mit einer erhellenden Geste verbunden ist. „Dort kommt Peter!“ – Am Klang der Stimme erkennen wir, daß der Sprecher eine Begegnung unbedingt vermeiden möchte.

Ohne die begleitende Geste verstehen wir meist nur, was man Satzradikal nennen könnte, die semantische Hülle: „Der uns da entgegenkommt, heißt Peter“; aber dies ist im konkreten Falle nicht gemeint.

Die gewöhnliche Dummheit (den linken Handschuh über die rechte Hand stülpen zu wollen) ist harmlos gegenüber der philosophischen Konfusion und der kategorialen Verwirrung.

Die Konfusion in der modische Behauptung, was wir den freien Willen nennen, gründe in der Unberechenbarkeit von Quantenereignissen (im Gehirn).

Die kategoriale Verwirrung in der Identifikation von Physischem und Mentalem: „Das Gehirn denkt, rechnet, entscheidet, erinnert sich.“

Die Konfusion in der Verwechslung von Absicht und Voraussage: „Ich werde morgen kommen“– aber er kommt dann doch nicht, weil er verhindert ist, weil er dich belogen hat.

Die Verwirrung in der Identifikation von Ursache und Grund oder die begriffliche Unklarheit aufgrund der Äquivokation beim Gebrauch der Konjunktion „weil“: „Er hat ihn getötet, weil er sich paranoid von ihm verfolgt glaubte.“ – „Er hat ihn beleidigt, weil er ihn verachtete.“ – „Wir gehen nicht spazieren, weil es regnet.“ – „Wir gehen spazieren, obwohl es regnet.“

Daß es morgen regnen wird, können wir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit voraussagen, wissen können wir es erst, nachdem es geregnet hat.

Ein Modell dessen, was wir nach menschlichem Ermessen NICHT voraussehen können, gibt Thomas Mann in seinem „Zauberberg“: Alles sieht danach aus, als handele es sich bei dem Duell zwischen dem geschwätzigen Humanisten und eitlen Philanthropen und dem verkrachten Visionär des Untergangs und des reinigenden Terrors um eine zwar düstere, aber doch durch konventionelle Regularien abgesicherte Angelegenheit; dann aber zielt Naphta nicht auf den verhaßten Settembrini, sondern erschießt sich selbst.

Die Konfusion durch den Begriff der Ähnlichkeit: Der Sinn der naturalistischen und realistischen Malweise besteht nicht in der Ähnlichkeit mit den abgebildeten Dingen; denn die Blumen auf den Bildern, und wirkten sie auch wie Sinnestäuschungen, duften nicht und locken keine Bienen an.

Worin besteht die Ähnlichkeit zwischen dem Kruzifixus auf Golgotha und dem von Konstantin gebrauchten Kreuz als Siegeszeichen bei der Schlacht an der Milvischen Brücke?

Die begriffliche Konfusion in der Verwechslung von Negation und Abwesenheit: Der Freund, mit dem wir uns im Park verabredet haben, ist nicht gekommen. Doch die Situation, in der wir den Park als leer empfinden, obwohl er von Besuchern wimmelt, die Wege als labyrinthisch und den offenen Ausgang als zugeschlagenes Tor, ist nicht in der Feststellung enthalten, daß der Freund nicht gekommen und unsere Verabredung mißglückt ist, sondern in der mysteriösen Faktizität der Abwesenheit des anderen.

Die Konfundierung der Prädikate notwendig und hinreichend: Hätte man in einem Labor alle Bedingungen chemisch-physikalischer Natur hergestellt, die für das Entstehen von Leben notwendig sind, bliebe immer ungewiß, ob sie ausreichen, eine spontan reproduktionsfähige Erbsubstanz hervorzubringen. Genauso kann man sagen: Er hatte alle Chancen, beruflich erfolgreich zu werden, die Angebetete zu erobern, eine neue Erfindung zu machen, doch hat er sie leider nicht genutzt.

Die Konfusion in der Verwechslung der Begriffe „Ich“ und „Bewußtsein“ oder „Selbstbewußtsein“: Im leichten Gespräch, im seichten Geplauder, ja selbst bei der Befragung vor Gericht oder im gelehrten akademischen Diskurs wählen und setzen wir die Worte nicht nach reiflicher Überlegung und in einer vorbedachten bewußten Entscheidung; und dennoch werden unsere Verlautbarungen uns auf die Weise zugesprochen und angerechnet, daß wir sie zu verantworten haben und nötigenfalls auf Nachfrage zu bestätigen, zu begründen, zu rechtfertigen wissen. Wir sind es, die reden, aber zugleich konnte Heidegger mit bäurischen Schläue behaupten, es sei die Sprache, die spricht; denn die grammatische Struktur, die wir mit unseren Äußerungen gleichsam ausfüllen, reicht in Dimensionen, die sich unserem Bewußtsein entziehen.

Die Intuition ist das Senkblei, das die Tiefe unserer Erfahrung ermißt.

Was wir Seele nennen, ist die Atmosphäre, die um jede Person weht, und deren Vibrationen und Ausstrahlungen wir mit dem Seismographen und Lichtmesser der Intuition unmittelbar, vorbewußt, ohne Zuhilfenahme von sprachlichen Begriffen registrieren.

Die Äußerungen und Selbstdeutungen oder Selbstbilder einer Person können mit dem, was wir als ihre Ausstrahlung und Atmosphäre wahrnehmen oder wittern, bis zu Formen pathologischer Selbsttäuschungen in Widerspruch stehen.

Der eine sieht nur ein tropisch-wirres Geranke, der andere den Tiger, der darin lauert.

Die beiden Lichtungen in der Abenddämmerung der abendländischen Kultur, in denen sie den irisierenden Zauberquell und die lunare Gestalt der Anmut hinterließen: Mozart und Goethe.

Die Sicherheit des Taktgefühls in den Versen Goethes, die einem durchsichtig schimmernden Gewande gleich die leisen Regungen noch der zartesten Empfindung erahnen lassen.

Kein poetisches Metronom vermag diesen Takt zu zählen.

Das Sprachgenie, das alle Regeln der Syntax und Semantik aus dem FF kennt, wird begriffsstutzig, wird dumm aus der Wäsche schauen, wenn es nicht ahnt, was es bedeutet, wenn die Geliebte sich in Schweigen hüllt.

Es gibt keine Regel, keine Konvention, keinen sprachanalytischen Feinschnitt für die Mannigfaltigkeit der Situationen, in denen durch die Rinde des gemeinsam gewachsenen Verstehens gleichsam das Harz des Schweigen sickert.

Der Aspekt am Gesehenen, der uns unvermutet aufgeht, wie beim Umschlag des Hasenbilds ins Entenbild, kann nicht vorausgesehen, nicht vorausgesagt werden.

Die Pointe besteht nicht darin, daß uns ein Licht aufgeht, das einen Winkel, der im Dunkel lag, plötzlich erhellt, sondern darin, daß wir das Ganze in einem neuen Licht sehen.

Die Griechen sahen wohl das funkelnde Gewirr am nächtlichen Sternenhimmel, doch dann sahen sie die Sternbilder, den Orion, die Zwillinge, den Schützen, den Stier, den Wagen und all die anderen.

Physiognomisch sehen heißt ein Gesicht sehen, wo von einem Tier die Maske animalischer Funktionsbedeutung für Freund und Feind, Artgenosse und Beute, Drohung und Furcht wahrgenommen wird.

Das Gesicht ist ein Kryptogramm der seelischen Gestalt.

Die Landschaft, das Bild, das Gesicht – sie bleiben nicht unberührt von der Art, wie wir sie betrachten.

Die Konfundierung des Begriffs der Reflexion mit dem Modell der Spiegels; doch wir sehen uns nicht durch ein inneres Augen im inneren Spiegel unserer Gedanken, sondern sehen, wie die Landschaft, das Bild, das Gesicht den Blick zurückgibt, den wir auf sie werfen (oder es verwehren und unseren Blick gleichsam absorbieren und verschlucken).

Wir können oft, was uns an Gedichten der Meister rätselhaft vorkommt, durch noch so angestrengtes Deuten und Grübeln nicht ausfindig machen; dann werden wir der Sache überdrüssig, die lyrische Gestalt verblaßt, das fremdartige Gesicht zerrinnt, wir sind müde, dösen, träumen. Plötzlich schrecken wir auf und es wird uns klar: Ja, der Vater konnte das Kind vor dem Dämon, dem Erlkönig, nicht retten; er erweist sich als der väterlichen Güte und Macht überlegen. Und dies Dämonische und Unbezwingliche, welches der Kultivierung, Zähmung und Sublimierung sich nicht fügt, hat Goethe mittels dramatisch-epischer Verdichtung der Volkssage in ein symbolisches Bild verwandelt, gemäß dem das Dämo­nische in der Seele des Kindes liegt, also unser aller Seele.

Wenn wir alltäglich die Sprache wie den Hammer und das Zeug Heideggers gebrauchen, und sie dient unseren Zwecken und setzt deren Erlangung durch Unbotmäßigkeit oder kleine und größere Macken keinen Widerstand entgegen, bemerken wir nicht die Feinheit und Vielschichtigkeit ihres Aufbaus. So entgeht uns, wenn wir unseren Freund Peter mit seinem Namen herbeirufen oder er uns mit unserem, die außergewöhnliche Tatsache, daß wir überhaupt Namen haben und sie mit der Art unserer spezifisch humanen Lebensweise aufs innigste und nahtlos verknüpft und verwoben sind.

Plötzlich wird klar, daß, wer namenlos ist wie das Tier (denn unserem Hund gaben WIR den Namen und er versteht ihn nicht als Namen, sondern als klangliches Reizschema), nicht von sich reden kann, kein autobiographisches Gedächtnis oder die Möglichkeit hat, sich über die Kette der Namen seiner Ahnen mit der Geschichte zu verbinden.

Das Stöhnen und der Schrei sind Ausdruck und inhärenter Bestandteil des Schmerzes; der Ausruf des Erstaunens wie „Aha!“ oder „Na klar“ ist Ausdruck und inhärenter Bestandteil der Erkenntnis. Keins von beiden ist ein Bericht, eine deskriptive Darstellung des Schmerzes oder der jähen Einsicht.

Die wir unvermutet in alten zerlesenen Büchern finden, gepreßte Blüten, mögen eine Erinnerung heraufbeschwören, doch den Glanz, den Duft, die Heiterkeit des Tages, an dem sie gepflückt und ins Buch eingelegt wurden, hat sie eingebüßt.

Der Flügel des schöpferischen Augenblicks streift unversehens die Blätter, unter deren Schatten wir wandeln, und ein Schauer glänzender Tropfen geht auf uns nieder, der uns gleichsam aus dem Schlaf des ziellosen Gangs durch die Dämmerung aufweckt.

Die Sprache wird saftlos, trocken, papieren, gerät sie unter die Herrschaft der intellektuellen Mandarine, die an den Schaltstellen der Ämter, der Katheder, der Redaktionen den Ton angeben. Schon wer eines ihrer porösen, durchsichtigen Blätter lächelnd oder grimmig zwischen den Fingern reibt, daß es knistert und knirscht, macht sich verdächtig; die gar darangehen, sie mit zynischer Heiterkeit zu zerreißen und die Schnipsel auf die öde Chaussee der öffentlichen Meinung zu schütten, haben um ihren Ruf, ihre Stellung, ihre soziale Existenz zu fürchten.

Die ausgelaugte Sprache der Intellektuellen wird zum Fetisch, den die Pädagogen, Redakteure und Kirchendiener in öffentlichen Buß- und Gedenkzeremonien anbeten. Weh dem, der abseits steht und lacht, weh dem, der nicht krähend ins Knie bricht und den Staub der großen Wahrheit küßt.

Die Ablösung und Auflösung des schöpferischen Ausdrucks durch den toten Algorithmus ist der Pyrrhussieg der technisch-rationalen Zivilisation.

Der intellektuelle Jargon der Mandarine bewahrt uns vor den Flammen, in denen das Genie der Sprache das Erz der Dichtung aus dem Urgestein der Erde schmilzt.

Der subtile Gärtner pfropft das edle Reis auf die wild sich der Sonne entgegenreckenden Glieder des archaischen Stamms.

Jedes Ursymbol wurzelt, wie Spengler sah, im Boden einer ursprünglichen Landschaft. So auch die Dichtung, in der das Symbol meist unwillkürlich ausstrahlt. Der Dichter bildet, erfindet, konstruiert es nicht, das Symbol macht ihn sich zu eigen, es spricht und singt durch ihn, wie die Gesänge der Ströme in Hölderlins Hymnen.

Kein Wunder, wenn die gerodete, planierte, asphaltierte Landschaft, keine Gesänge hervorbringt, sondern nur das Geheul der Klage über ihren Verlust.

 

Jan 30 23

Daß der Anmut wir gedenken

Et virides Baccho colles et amoena fluenta
Subter labentis tacito rumore Mosellae.

Hänge für Bacchus ergrünend, darunter die lieblichen Wellen,
wie sie strömen dahin im leisen Rauschen der Mosel.

Ausonius, Mosella

 

Rinnt er auch hin ins Blütenlose,
gespiegelt hat er uns den Strahl
des Monds, das stille Licht der Rose,
der Fluß im rebengrünen Tal.

O daß wir noch den Atem fühlten,
der feuchten Glanz aufs Gras gehaucht ,
Gestirne unsre Sehnsucht kühlten,
gleich Schwänen, die ihr Haupt getaucht.

Und tropften schon von Schattengittern
der Orchis Tränen in die Nacht,
ihr Schimmern und ihr süßes Zittern
hat uns den Abschied schwer gemacht.

O daß der Anmut wir gedenken,
mit der die Blüte uns entzückt,
die du, aufs Wasser sie zu senken,
mit holder Geste hast gepflückt.

 

Jan 29 23

Nadelstiche und Muster

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir können nur Objekten und Ereignissen Existenz zusprechen, die wir auch identifizieren können. Identifizieren können wir Objekte und Ereignisse nur anhand ihrer raumzeitlichen Lokalisierung. In diesem Lichte betrachtet, ist es nicht erstaunlich, daß wir zögern, Photonen und Quanten Existenz zuzusprechen; aber auch klar, daß wir nicht die Existenz Gottes, aber seine Nicht-Existenz beweisen können, wenn wir die Inkonsistenz der ihm traditionell zugeschriebenen Prädikate wie Unkörperlichkeit und Ubiquität vor Augen haben, denn ein Dunst mag sich gleichmäßig in der Küche verteilen, aber kann nicht unkörperlich sein.

Der Sonnentag der Eintagsfliege; der Weltentag eines Kopernikus, Kepler, Newton und Kant, der eine Stabilität der kosmischen Ordnung voraussetzt, die wir angesichts der Singularität von Schwarzen Löchern und der Fluktuationen der kosmischen Hintergrundstrahlung zu bezweifeln gute Gründe haben.

Die poetischen Ordnungsgefüge der klassischen Ode und Elegie bezeugen im Lichte der Jahrtausende, die sie in der okzidentalen Kultur durchwandert und überlebt haben und in immer neuer Gestalt wiederaufgetaucht sind, eine wunderliche Stabilität, die im Zusammenhang mit Tiefenschichten der grammatischen Strukturen der indogermanischen Sprachen zu stehen scheint.

Der Tod ist ein Schwarzes Loch, das Fetzen der Seele schon zu Lebzeiten in den Strudel der alles zermalmenden Vernichtung reißt.

Hätten die Griechen die Perser, die Römer das alexandrinische Reich, die Germanen den Ansturm der Osmanen nicht zurückgedrängt, wäre Europa längst schon verschleiert und im orientalischen Gewande einhergeschritten; im Lichte des demographischen Drucks und der ungezügelten Migration aus den Ländern des Orients scheint sich diese Metamorphose bald auf „friedliche Weise“ zu vollziehen.

Ein aussagekräftiger Indikator für den Niedergang ist das Vergessen; das Vergessen der Jugendträume für den individuellen Verfall, das Vergessen der klassischen Bildung für den kollektiven.

Ein anderer Indikator für den Niedergang der okzidentalen Hochkultur ist das Erkalten der religiösen Leidenschaft und das Absterben oder Verwässern der überkommenen Riten, aber auch die Flucht in Ersatzreligionen wie den Humanitarismus oder neue Formen und hohle Masken der Naturfrömmigkeit.

Die Überlegenheit des westlichen Imperiums beruhte zuletzt auf der Rationalität und Effizienz seiner technischen Erfindungen und der Anwendung mathematisch kalkulierter Verfahren der Produktion, Distribution und Verwaltung durch den analytischen Verstand weißer Männer; die Durchsetzung der Frauenquote auch in den naturwissenschaftlich-technischen Instituten und Laboren und der ideologische Kampf gegen die Suprematie der eigenen kulturellen Begabungen („white supremacy“) werden dem über kurz oder lang ein Ende bereiten.

Der Kampf wider das kulturelle Erbe wird mit den Verfehlungen der Erblasser begründet; indes, die Verwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Atomtheorie zur Herstellung und Zündung einer Bombe, deren zerstörerischer Kraft Hekatomben zum Opfer fielen, diskreditiert nicht die Leistungen der Erfinder der Theorie; der Mißbrauch schulischer Disziplin zur Befriedigung der sadistischen Neigungen einzelner Lehrer nicht ihren allgemeinen pädagogischen Wert.

Wir leben zusammen mit Pflanzen und Tieren gleichsam im Laboratorium der Sonne.

Je ausgehöhlter der religiöse Sinn, umso wuchernder, verwegener und dreister das Sektierertum.

Die Verkünder des Dritten Reichs bildeten eine Art atheistischer Sekte, nicht minder die fanatischen Prediger und Plastiker des Neuen Menschen, des Homo sovieticus; beide hinterließen eine kulturelle und seelische Wüste. Die zeitgenössischen Sektierer der westlichen Metropolen, die erfolgreich die Massenmedien, die Parlamente und internationalen Organisationen mit der Hefe ihres humanitären Geschwätzes durchsäuern, kommen auf Taubenfüßen daher, doch verbergen sich hinter ihrer süßlichen Maske des guten Menschen nicht weniger destruktive Impulse, die zutage treten, wenn sie die Identität des eigenen Volkes, der eigenen Kultur, der eigenen Sprache dem höheren Zweck ihrer politischen Moral opfern.

Der konservative Denker wird, auch wenn er sich als Agnostiker oder Atheist bekennt, die traditionelle Frömmigkeit und den Ritus der Alten Messe verteidigen.

Der beim Kult um die Opfer von Krieg und Verbrechen reichlich entzündete Weihrauch wölkt meist durch die Verliese und muffigen Korridore der inneren Leere.

Das staatlich organisierte und monopolisierte sogenannte Gedenken dient der politischen Überwachung und Diskreditierung jener, die sich ihm nicht fügen.

Die Traumatisierung kindlicher Seelen und die Einschüchterung jugendlicher durch die mediale und pädagogische Dauer-Konfrontation mit der Schuld der Ahnen.

Mit Hitler findet der Ignorant ein bequemes moralisches Ruhekissen, auf dem er sich theatralisch hin- und herwälzen kann.

Die Verführung durch Neuerer und Revolutionäre bedient sich eines Blankoschecks auf eine ungewisse Zukunft, der, wenn er denn wie üblich verfällt, schon längst in Judas- und Blutgeld eingetauscht worden ist.

„Bildung für alle“ – die Schwachköpfe krakeelen in den vorderen Reihen, während sich die Hochbegabten in den hinteren langweilen.

Muster sind gleichsam Apriori-Regulatorien für Handlungen; ein Farbmuster dient zum Abgleich und zur Auswahl farbiger Stoffe und Vorlagen. Sie sind auf den sensorischen Bereich beschränkt, für den die Handlung vorgenommen wird. Mit dem grafischen Muster eines Stuhls kann man Sitzgelegenheiten ausfindig machen, mit dem Muster eines rechtwinkligen Dreiecks rechtwinklige Dreiecke. Das Muster eines Stuhls ist kein idealer Stuhl, das Muster eines Dreiecks kein ideales Dreieck.

Ein grammatisches Muster ist gleichsam ein Apriori- Regulatorium zur Erzeugung von sinnvollen Sätzen. a (P) ist das Muster zur Erzeugung singulärer Prädikationen; hier können wir von einem idealen Muster sprechen.

Eine beliebige empirische Aussage wie „Die Erde ist ein Planet der Sonne“ kann als grammatisches Muster genommen werden, beispielsweise, indem wir das Subjekt durch eine Variable ersetzen. Dann können wir anhand dieses Musters Sätze ableiten wie „Die Venus ist ein Planet der Sonne.“

Dagegen finden wir Aussagen, die nicht als Muster verwendet werden können, wie die Aussage: „Ich heiße Peter“, denn wenn Hans sagt: „Ich heiße Hans“, sagt er etwas ganz anderes.

Dummheit verkündet, alles könne anhand von Mustern, Programmen, Lehrplänen gelernt werden; keiner werde zurückgelassen. Doch für wesentliche Fähigkeiten, wie die künstlerische, musikalische und dichterische Intuition, gibt es keinen Lehrplan und kein mustergültiges Verfahren ihrer Aneignung und Ausprägung.

Der Unbegabte kann noch so lange üben, ihm bleibt die sublime Interpretation des Schubert-Liedes versagt.

„Er hat den Dreh raus“ – damit meinen wir Fertigkeiten, wie nach Gehör Klavier zu spielen, eine Angelrute oder ein Fischernetz auszuwerfen, einen Ball ins Eck zu schlenzen. Wer Schuberts „Nacht und Träume“ nur schön singt, mag Applaus ernten, wer es aber bewegend, berührend, ergreifend vorträgt, bekommt jubelnden Beifall. – Für die Vortragsweise, die wir bewegend, berührend und ergreifend nennen, gibt es keine Mustervorlage, sondern nur Beispiele von Meistersängern.

Für eine musikalische Innovation vom Range des Tristan-Akkords gibt es keine Anleitung.

Philosophische Ignoranz wähnt, sprachliche Verständigung werde in einem vorurteilsfreien Raum vernünftiger Diskurse erlangt. Indes, zu glauben, jemand meine mit der Äußerung „Du bist wahrlich ein Genie“, was er sagt, wo es doch das gerade Gegenteil ist, zeugt nicht von intuitivem Verständnis.

Was der Gesprächspartner nicht nur mit verbalen Äußerungen, sondern mit Blicken, Mienen, Gesten, Tonlagen und Akzenten zum Ausdruck bringt, läßt sich kaum in Sprache fassen, geschweige denn rational rekonstruieren; und dennoch gehört es zur Essenz des Mitgeteilten.

So verhält es sich auch mit der Essenz von künstlerischen Werken, Musikstücken und Gedichten; die Essenz des Mitgeteilten liegt nicht unmittelbar in den Materialien und Kompositionen zutage, sondern entspricht dem, was im Dialog auf die Rechnung von Blicken, Mienen, Gesten, Tonlagen und Akzenten geht.

Der Nazarener schweigt vor Pilatus; in diesem Schweigen sagt er mehr, als in einer langatmigen Apologie zu sagen möglich wäre.

Die ungeheure Klangwoge der Brucknerschen Sinfonie steigt bis zu einer Höhe empor, wo sie von einem jenseitigen Licht beglänzt zu werden scheint; dies ist nicht zu beschreiben, kaum musikanalytisch nachweisbar, doch kann es in einem verschwiegenen Wissen erahnt, erfühlt werden.

Wenn wir lesen „2 = 2“, können wir die Formel der numerischen Identität nicht beschreiben, erklären oder ableiten; versuchten wir es, müßten wir sie wiederum voraussetzen. Nur Torheit fragt hier weiter nach Gründen. Denn das Gemeinte zeigt sich, oder, wie Wittgenstein sagt, die Logik muß für sich selber sorgen.

Der Grund, aus dem wir stammen, woraus Kunst und Dichtung schöpfen, bleibt verschwiegen, breitet sich aber hell vor uns aus wie die Fluren und Hänge der heimatlichen Landschaft unter einem blauen Sommerhimmel, strömt und tönt wie verborgene Quellen unter uns fort.

Das verschwiegene Wissen, aus dem die Intuition und das Verstehen schöpfen, gleicht dem wirren Fadengestrüpp auf der Rückseite des mit Ranken, Ornamenten und floralen Motiven prachtvoll gewebten Teppichs.

Das Verstehen liegt vor dem propositionalen Wissen in den organischen Hintergründen einer differenzierten Sensitivität.

Die Haut denkt.

Das ans Licht der Mitteilung dringende Verstehen bedient sich gewisser Zeichen, deren primitiver Ursprung Symbole darstellen, die jeweils von kulturellen Gemeinschaften sehr unterschiedlich hervorgebracht werden, wie das Labyrinth der Minoer, Türsturz und Burg der Mykener, die Tempelsäule der Athener, Ionier und Korinther, das Melos der Lesbier, die Grabhügel der Etrusker, die Bundeslade der Hebräer oder das Kreuz der Christen.

Die Gestalt kann mehrdeutig sein; die christliche Sekte der Ophiten sah in der Schlange nicht, was der Autor der Genesis in ihr erblickte.

Gewiß können das Symbol und die Gestalt als Mustervorlagen verwendet werden, bis der Kruzifixus und der Engel in der Massenproduktion für den Kitsch der Verkaufsstände an Klöstern und Heiligtümern degradiert werden.

Aber die Gestalt der ionischen Säule wurde nicht als Muster zur Reproduktion von neuartigen Gebäudetypen auf dem Reißbrett von Architekten und Ingenieuren planmäßig entworfen.

Der eine sieht die Ente, der andere den Hasen im Ente-Hasen-Rätselbild; derselbe sieht zuerst das eine, dann plötzlich das andere.

Wir sehen das Lächeln auf dem Gesicht, doch dann die Traurigkeit, Verzagtheit oder Verzweiflung, die es kaschiert. Wir sehen das Lächeln, doch dann seine ironische Tönung, sehen die Träne, doch dann den erstorbenen, abwesenden Blick.

 

Jan 28 23

Traumgesicht am Uferpfad

Wenn wir den Pfad am Ufer gehen,
fühl ich, wie deine Haare wehen
mir an die Wange sacht.

Wie Tropfen an den Halmen zittern,
sie fallen, schluchzend hinzusplittern,
sind wir im Traum erwacht.

Haucht uns nicht an die blaue Welle,
glüht südlich nicht die Mirabelle,
ja, sagt der laue Wind.

Dort sieh, an Kähnen, muschelweißen,
der Liebe goldnes Wappen gleißen,
als folgten sie uns blind,

das Melos holder Lippen, Flöten
und der Eroten Silbertröten,
und eine Schöne winkt

uns zu mit einem Strauß von Veilchen,
bleib, Zauberbild doch noch ein Weilchen,
die Sonne aber sinkt.

Ich seh an deiner Wimper schweben
die Träne und vor Schauern beben
die blasse Knospe Mund.

Wenn wir zurück vom Ufer gehen,
scheint mir, ich kann Verlaine verstehen,
den traurig-frohen Hund.

 

Jan 27 23

Das kulturelle Unbewußte

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn wir von unbewußten, vorreflexiven Determinanten unseres Redens und Handelns sprechen wollen, müssen wir die schon habituell gewordene Blickrichtung nach innen, die Introspektion oder die Psychoanalyse hinter uns lassen und uns der Tiefenschicht des Äußeren, den Ablagerungen kultureller Formen, der Sprache, den sittlichen Gepflogenheiten, den Symbolen, zuwenden.

Das Ereignis Luther oder der Abfall von Rom, der die Religionskriege bis hin zum Dreißigjährigen Krieg zur Folge hatte, ist ins kulturelle Unbewußte der europäischen Geschichte aufgrund der kontingenten Tatsache eingeschrieben, daß Rom und die Cäsaren jene Gebiete Europas kolonisierten, in denen die Weintraube gedieh wie Iberien, Gallien und das südliche Germanien, das durch den Limes von der unbeherrschbaren Wildnis der nördlichen Stämme und Wälder eingehegt war. Als die Bischöfe die zugleich geistliche und weltliche Herrschaft auszuüben begannen, blieben diese Regionen gleichsam die Kronlande des Heiligen Stuhls.

Die alte Bruchlinie des Limes konfrontierte aufs Neue Preußen und Habsburg.

Das individuelle Bewußtsein schwimmt wie eine Schaumkrone auf der unbewußten Woge der Sprache.

Daß wir den anderen sowohl auf Augenhöhe begegnen als auch in der Distanz mehr oder weniger kühler Beobachtung, ist ein Reflex der grammatischen Struktur indogermanischer Sprachen, ihn mit „du“ anreden und mit „er“ und „sie“ beschreiben zu können.

Der auf dem schmalsten Grat sich tänzerisch bewegende Somnambule stürzt ab, wenn er erwacht und in den Abgrund blickt.

Der ganz ins Bewußtsein erhobene schöpferische Prozeß versiegt.

Das kulturelle Unbewußte kann als das Weltbild und die es tragende Ontologie zutage treten, das von bestimmten rätselhaften Äußerungen vorausgesetzt werden; so sagt das kleine Mädchen, es wolle nicht mehr in seinem Bett schlafen, weil in seinem Zimmer die Träume wohnen, die es erschrecken; oder der kleine Junge sagt, Gott müsse existieren, er habe ja einen Namen. Das kindliche Weltbild, das wir anhand solcher Äußerungen rekonstruieren können (wie es unter anderen Jean Piaget und Karl Bühler getan haben), geht von einer Art mythischer Personalität der Träume aus, wie wir sie auch im antiken Mythos finden; desgleichen von der Annahme, allem, was einen Namen habe, müsse eo ipso auch Existenz zugesprochen werden.

Der sich als harmloser Friedensstifter maskierende Dämon der uniformen Weltzivilisation ist angetreten, das kulturelle Unbewußte der Völker und Sprachen dem grellen, zerstörerischen Licht der Aufklärung, der technischen Verwaltung und globalen Überwachung auszusetzen.

Sprachen sind Organismen, denen man nicht ungestraft lebenswichtige Organe amputieren und sie durch künstliche ersetzen kann.

Wer alle Sprachen beherrschte, würde nichts mehr verstehen.

Die unvergleichlich verschiedenartige Metaphorik in den Redewendungen und Bildern der einzelnen Sprachen verbindet die Sprecher mit subkutanen Erregungsleitungen, die zwischen unbewußten kulturellen Zentren und Epizentren verlaufen, wie der Linie zwischen Moskau und Byzanz, Warschau und Paris, Wien und Venedig, Berlin und Königsberg, Belgrad und dem Amselfeld.

Das Nächste, das unseren Weg kreuzt, das Ähnliche und Verwandte, das uns verzerrt spiegelt, weckt unser Mißtrauen, unser Unbehagen, unseren Haß, nicht das Exotische, Fremde, uns ganz Unähnliche; Kain und Abel.

Die in ihren Metaphern und Bildern sedimentierte Mythologie der Sprache, die das Denken sowohl durch Trugbilder und Phantasmen verhexen als auch durch sinnvolle Wegmarken auf die Spur bringen kann.

Sprache ist wie die Gesellschaft eine Struktur und kann nicht von einem Zentrum aus gesteuert werden.

Die Idiolekte und Semantiken der verschiedenen sozialen Gruppen können nicht in eine ideale Metasprache übersetzt werden, auch wenn Medien und Politik dies für sich beanspruchen oder vortäuschen, alle Äußerungen durch das Stahlbad einer einheitlichen Hypermoral sich ineinander spiegeln zu lassen.

Wolke und Kristall – Extreme dichterischen Ausdrucks.

Die Ordnung der chemischen Elemente, die Kombinatorik der Atome und Moleküle, die Taxonomie der pflanzlichen und tierischen Organismen: die Taxonomie der grammatischen Strukturen der natürlichen Sprachen.

„Hier bin ich“ – der Kern der sprachlichen Pragmatik; „Dort geht er“ – der Kern der beschreibenden Rede; „Dort ging er“ – der Kern der historischen Darstellung (und der fiktiven Prosa).

„Hier bin ich“ – diese Äußerung bezeugt sich selbst, sie bedarf keiner Bestätigung und keines Beweises. „Dort geht er“, „Dort ging er“ – diese Äußerungen bedürfen, wenn sie sich auf eine bestimmte Person beziehen, der Bezeugung und Bestätigung.

Je verdichteter, konziser, kristalliner der dichterische Ausdruck, umso rätselhafter und erregender, je minutiöser, ausführlicher, redundanter, umso langatmiger und fader.

Wenn die Person, die sich an einem bestimmten Datum zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort aufhält, Peter heißt, können wir den Namen Peter durch die Formel P (l, t) (wobei t und l die spezifischen Zeit- und Ortsangaben angeben) ersetzen. Dagegen können wir den Ausdruck „Ich“, wenn die Person namens Peter von sich spricht, durch die genannte Formel nicht ersetzen.

Eine Äußerung in der ersten Person ist unter normalen Äußerungsbedingungen ein eindeutiger Indikator oder ein Kriterium für das Dasein einer ihrer selbst bewußten Person.

Allerdings ist die Äußerung des Kleinkindes Peter „Peter Schoß“ nur scheinbar eine Äußerung in der dritten Person, meint aber: „Ich will auf dem Schoß sitzen.“

Die personale Ordnung ist sphärisch: Wir lokalisieren und temporalisieren uns in der Mitte einer ontologischen und epistemologischen Kugel. Objekte und Ereignisse in der Nähe des Zentrums nennen wir unser eigen, wie die Leib- und Sinnesempfindungen, die Wahrnehmungseindrücke und die Erinnerungen oder Träume, die fernsten, die wir nur vom Hörensagen oder aus dritter Hand kennen, die japanischen Inseln oder Hannibals Zug über die Alpen, umkreisen uns wie die Planeten das Zentralgestirn.

Der ontologische Druck der Ereignisreihen, der Strukturierung der Handlungsfolgen: wie wir uns anziehen, die Schnürsenkel binden, einen Brief lesen, einen Brief schreiben.

Der ontologische Druck der Schwerkraft auf unsere Aktivitäten und Gebilde: Stehen, Gehen, Tanzen; Bauen, Konstruieren, Figurieren.

Kunst als scheinbare Überwindung der Schwerkraft: das Gewölbe, die Kuppel, Apsis und Fenster der gotischen Kathedrale; der schwingende Rhythmus des Verses und die Flügel- und Wolkenmetapher des Gedichts.

Die Vergöttlichung der Sonne und die Verehrung des Lichts in den semitischen und indogermanischen Hochkulturen von Indien bis Israel, von Persien bis Griechenland und Rom verstehen wir angesichts der Tatsache, daß einzig die Lichtstrahlung unseres Zentralgestirns – das Zweite Gesetz der Thermodynamik in der Gnadenfrist seines Bestehens aushebelnd – zur Entstehung des Lebens auf der Erde und der immer feineren, das Phantastische streifenden Differenzierung der Organismus verholfen hat.

Auch die Sprache kann als Organismus betrachtet werden, der sich mittels Aufrechterhaltung seiner semantisch-grammatischen Homöostase im System der Umwelt stabilisiert und durch Differenzierung seiner Organe weiterentwickelt. Die Verschiedenheit der sprachlichen Differenzierung entspricht den unterschiedlichen Umweltbedingungen; daher die ungeheure Vielfalt menschlicher Sprachen.

Der Untergang der solaren Herrschaft, wie wir sie vom Imperium der Cäsaren, dem Sonnenkönigtum der Bourbonen oder dem römisch-deutschen Kaisertum kennen, deutet, wie es jedenfalls Spengler sah, auf den Einbruch einer Weltnacht oder eines Zwielichts, dem man das Bestreben nach Auflösung der Staaten und Nationen, der Sprachen und Kulturen im Schmelztiegel der homogenen Weltzivilisation zuordnen kann, in der nur noch die hochgezüchtete Technik in der Verwaltung und Überwachung der Metropolen ein höheres Maß an Differenzierung des Denkens und der Kommunikation gewährleistet.

Der Sonnen- und Lichtgott ist keine Erfindung, sondern ein Symbol, das spontan aus dem fruchtbaren Humus des kulturellen Unbewußten entsprossen ist.

Wir bilden einen Satz auf dem Hintergrund der zahllosen Sätze, die nicht oder niemals ins Bewußtsein treten.

Die Äußerung „Ich habe mich vorgestern mit Peter im Park verabredet“ impliziert alle möglichen Sätze über eine Person namens Peter, über die Zeit, die Zeiteinteilung und den Kalender, die Natur eines Parks als Kulturform gegenüber den Naturformen von Wildnis und Wüste, die Institution der Übereinkunft oder der Zusage mittels performativer Sprechakte. Aber auch die zahllosen Negationen wie „Peter ist nicht der Peter, den du kennst“, „Der Park liegt im Westen, nicht im Norden“, „Vorgestern, nicht gestern“ werden von der Äußerung impliziert.

Jede Äußerung bildet einen Kreuzungspunkt von Sätzen, die der logischen Ordnung von Kohärenz und Konsistenz unterstehen.

Intuitionen, aus denen Sätze und Wendungen aufsteigen wie „Und Gott sah, daß alles gut war“, „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird nimmermehr dürsten“, „Die Rose Schönheit soll nicht sterben“, „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn/Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, sind wie Blitze am nächtlichen Himmel, die für einen Augenblick des Schreckens oder Erschauerns eine nie gesehene Landschaft enthüllen.

Betrachten wir einmal den Lebenskeim, den Faden der DNA und die von ihm ausgelösten Proteinsynthesen, als einen seiner Gestaltungsmacht nicht bewußten Autor phantastischer Erzählungen, tragischer und komischer Geschichten.

Die Mythologie der Hellenen oder der Indianer ist ein Gewächs oder eine Wucherung am Stamm der Sprache, ähnlich den Pilzen, Misteln, Efeuranken am Stamm und Wurzelgeflecht der Eiche.

Anders als die griechische steht die germanische Mythologie unter dem Bann des drohenden Zusammenbruchs der kosmischen und sittlichen Ordnung.

Es ist die gleiche Amsel, die im Garten eines Keats oder Goethe sang, und heute singt in deinem.

Die gleiche Not, den gleichen Schmerz beim Zerreißen des Geflechts verschlungener Minnen, wie Goethe es empfand, können wir in der gleichen Lage aufgrund ihrer Beschwörung durch seine Marienbader Elegie nachempfinden.

Aber wir können es auch, wenn wir frohen Sinnes oder frisch verliebt die Elegie lesen. Hier tritt die lyrische Substanz der Empfindung in der Maske des schönen Singens und Sagens entgegen, ohne ihr Echtheitssiegel einzubüßen.

Seltsam ist, daß wir durch den Anblick fiktiver Schrecken und imaginärer Umarmungen zu echten Tränen gerührt werden können.

Der romantische Mond eines Eichendorff, Brentano oder Novalis spiegelt sich in einem fahlen, gespenstischen Lichtstreif auf dem dunklen Wasser unserer Seele, auch wenn wir ihre Gedichte im heiteren Licht eines Sommertages lesen.

Das Zeitbewußtsein Gottes wäre wie das der Eintagsfliege, die vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang den einen Weltentag erlebt.

Der unbewußte klimatische Horizont oder Index der Sprachen und Kulturen; die poetischen Deklinationen von „Schnee“ und „Eis“ bei den Bewohnern der Polarregionen, die poetischen Deklinationen von „Licht“ und „Sand“ bei den Wüstenbewohnern.

Hätten die Griechen die Perser bei Marathon und Plataiai, Octavian Antonius und Kleopatra bei Actium nicht besiegt, ginge Europa verschleiert im orientalischen Gewande einher.

Sind historische Ereignisse wie die genannten mehr oder weniger wahrscheinlich und kontingent, können wir den Aufbau und Wandel der Kulturen nicht vollständig auf allgemeingültige Gesetze einer geschichtlichen Morphologie zurückführen, wie es Spengler intendiert hat.

Ähnlichkeiten führen uns oft in die Irre: Das Selbstbildnis van Goghs sieht van Gogh ähnlich, aber diese Art der Ähnlichkeit ist nicht, was den Sinn des Selbstbildnisses ausmacht. Das Bild van Goghs „Weizenfeld mit Raben“ ist dem Foto eines Weizenfeldes, aus dem eine Schar Raben auffliegt, eher unähnlich, ja aufgrund der von den stürmischen und ekstatischen Pinselstrichen hervorgerufenen visionären Kraft gänzlich verschieden.

Der Kult der Juden um das Heilige Buch sieht der Verehrung der Heiligen Schrift durch die Christen wohl ähnlich, doch ist er durch den Glauben an die Autorschaft Gottes und seinen Gegensatz zur Lehre von der Inspiration gänzlich unterschieden.

Geflügelte Wesen kennt auch der griechische Mythos, beispielsweise Pegasus und die Eroten; aber sie mit den Engeln der Ikonen vergleichen zu wollen wäre töricht.

Per analogiam ihrer scheinbar sinnvollen und zielgerichteten Bewegung haben die antiken Kosmologen den Planeten fälschlicherweise Willensimpulse zugeschrieben, die alten Christen ließen sie gar von Engeln bewegen.

Es sieht so aus, als würde sich der Pawlowsche Hund daran erinnern, daß es Futter gibt, wenn kurz vor der Fütterung ein Licht- oder Schallsignal ausgegeben wird, so daß er nach wenigen Wiederholungen der Versuchsanordnung schon speichelt, wenn er nur das Licht sieht oder das Signal hört; doch sieht dieses Verhalten dem, was wir Erinnerung nennen, wohl ähnlich, ist aber in Wahrheit als eine Form des bedingten Reflexes gänzlich von ihm verschieden.

Nimmt man Formen der Rationalisierung und Perfektionierung von Techniken und Verfahren zum Modell, erliegt man gern der Illusion, die neuere Geschichte der Menschheit könne im Sinne eines fortschreitenden Prozesses der Zivilisation gedeutet werden. Aber Äußerungen wie „Die Menschheit wird sich in einer friedlichen Weltzivilisation von den barbarischen Relikten der Vorgeschichte wie Nationen, Kriegen zwischen Nationalstaaten, sozialen und rassistischen Vorurteilen befreien“ oder „Der Weg von der Freiheit weniger zur Freiheit aller und die Errichtung einer gerechten und egalitären Gesellschaft unter Anleitung eines herrschaftsfreien Diskurses“ sind impotente Reflexe einer dekadenten Elite und Residuen eines Weltbildes, das dem kulturellen Unbewußten entstammt, welches man mit Oswald Spengler und Max Weber ausschließlich der faustischen Kultur und der abendländischen Rationalität zuordnen kann, einer Kultur, die, aufgrund ihr innewohnender destruktiver Impulse und des Ausgreifens außereuropäischer Mächte geschwächt, dazu verurteilt scheint, allmählich in Bedeutungslosigkeit zu versinken; vor allem, wenn das imperiale Amerika daran scheitert, seine Einflußzone bis zur Ukraine auszudehnen, und schließlich, von den Herausforderungen im pazifischen Raum bedrängt, Europa sich selbst überläßt.

 

Jan 26 23

Zweierlei Oden

Ode des Südens

Serenade,
blaue Schwüle,
Schaumgebilde,
Lunas milde
Wasserspiele
südlicher Gestade,
wo von Pan bespritzt
auf der Muschel sitzt
kichernd die Najade,
wo die Abendröte
lockt die laute Kröte,
daß sie jäh verstummt,
rhythmisch eingemummt,
hin zum Wellenbade,
wo die Veilchenblüte leuchtet
auf an zartem Stile,
weichen Munds befeuchtet,
daß sie glücklich fiele
in den Schoß, der zittert,
wenn der Klangkristall,
Amors Purpurball,
wie ein Stern zersplittert.

*

Ode des Nordens

Wie im wachen Schlaf ein Schwan
trunken das Gefieder spreiten,
Mondes Lächeln untertan,
auf dem Wasser leise gleiten
sei des Vates holder Wahn,
alles schöne Leben
glühend preisgegeben
einem frühen Tode,
und nur was entrückt,
wie im Schlaf ein Schwan,
wem verhauchend schon
süß ein Singen glückt,
leih der Ode ihren Ton,
der Verzagende verzückt.

 

Jan 25 23

Augen, die sich feuchten

Die Blüten, wenn sie schneien,
erhellen manches Grab.
Schnee, sink wie Benedeien
auf unsern Schmerz herab.

 

Weshalb wir sollen danken,
hat sich uns nicht enthüllt,
bis Blick in Blick wir sanken,
von Tränen sanft gestillt.

Wie deine Lippen blaßten,
als ging der Weg durchs Moor,
wie sich die Hände faßten,
daß keines sich verlor.

Ein geisterhaftes Glimmen
stieg wie aus morschem Grund,
ein Flüstern kam von Stimmen,
die hatten keinen Mund.

Ein Tau hat uns umflossen,
die Tropfen schmeckten schal,
der Mond hat aufgeschlossen
die Knospe aschenfahl.

O folgten wir zusammen
des Kranichs Wolkenspur,
zu wärmen uns an Flammen
im südlichen Azur,

gewiegt vom Samt der Meere,
zu lösen Saum für Saum,
entbunden aller Schwere,
zu rinnen Schaum in Schaum.

Doch mußten wir ihn tragen,
den Himmel hart wie Erz,
und konnten uns nicht sagen
den unsagbaren Schmerz.

Und war ein kaltes Eisen,
das ihn entzwei uns hieb,
den Tanz von lichten Kreisen,
wo alles Mitte blieb.

Den Kanon, den zerschnitten
der Parze Klapperlied,
kein Seufzen kann ihn kitten,
gehst einsam du durchs Ried.

Die Augen, die sich feuchten
vor ferner Liebe Bild,
sind blind von einem Leuchten,
das aus dem Abgrund quillt.

 

Jan 24 23

Liebe, sag es keinem

Da sie wehten, Erlen,
tropften lichte Perlen
dir ins offne Haar.

Aus dem Morgengrauen
tauchte blauer Pfauen
wunderliche Schar.

Von geneigten Zweigen
pflückten wir das Schweigen,
süße Lotusfrucht.

Und wie Muscheln rauschen,
wenn wir kindlich lauschen,
rief es uns zur Bucht.

Schimmernd grüne Seiden
mochten uns umkleiden,
und die Welle trug.

Licht, das wir getrunken,
Aug in Aug versunken,
war, es war genug.

In der Abendröte
weinte eine Flöte,
die dem Tag nachsann.

Sank dein Mund von meinem,
Liebe, sag es keinem,
wie die Träne rann.

 

Jan 23 23

Als wärst du wieder da

Wenn im Morgengrauen
scheue Veilchen blauen,
bist, Ferne, du mir nah.

Sehe ich, wie Strahlen
Wasserzeichen malen,
vergeß ich, was geschah.

Wenn Lichttropfen spritzen
surreale Skizzen,
ist mir, als ob du singst.

Gurren in den Lauben
wie im Traum die Tauben,
fühl ich, woran du hingst.

Seh den Schwan ich gleiten,
sein Gefieder spreiten,
vergeß ich, was geschah.

Wenn der Abendschimmer
Rosen streut ins Zimmer,
bist, Ferne, du mir nah.

 

Jan 22 23

Das Phantasma und die Leere

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das oft oder meistens mittels Formen der Zerstreuung und Unterhaltung oder forcierter Arbeit verdeckte Gefühl für die Fremdheit – die eigene und die der Welt – ist ursprünglich gegeben und uns eigen, weil es der Struktur des personalen Bewußtseins entspringt, nämlich man selbst und zugleich nicht man selbst zu sein, sich gleichsam von innen und zugleich von außen zu sehen. Um das Gefühl der Fremdheit mithilfe eines Surrogats loszuwerden, wenn auch nur auf eine gestundete Zeit bis zu seiner krisenhaften Auflösung, deuten wir die Fremdheit als eine Art innere Leere, die durch ein Phantasma, ein Supplement des infantilen Phantasmas der mütterlichen Imago, ausgefüllt werden kann.

Der Zwiespalt des personalen Bewußtseins, man selbst und zugleich nicht man selbst zu sein, zeigt sich unter anderem darin, daß wir all das, was wir fühlen, denken und glauben aussprechen können, die Sprache aber kein Konstrukt und keine Projektion unserer mentalen Fähigkeiten, sondern ein angeeigneter Fremdkörper, nämlich eine über Jahrhunderte gewachsene soziale Institution darstellt.

Kleist drückt den Zwiespalt im personalen Bewußtsein in seinem berühmten Aufsatz über das Marionettentheater in dem Sachverhalt aus, daß wir die ursprüngliche Anmut der Geste, des Ausdrucks, der Bewegung, wie sie der Unmittelbarkeit der Marionette eignet, verloren haben; indes ist, so meinen wir, das Bild der Unmittelbarkeit und Anmut im Ausdruck der Marionette eben jenes Phantasma, mit dem wir den leeren Zwischenraum des Bewußtseins vergebens zu füllen versuchen.

Wir treffen auf den Zwiespalt auch in der Verdoppelung des Bewußtseins, die Welt als Spielraum unserer Subjektivität und zugleich als neutralen und objektiven Ort von Dingen und Ereignissen, ja uns selbst als empfundene Totalität und zugleich als Ding unter Dingen wahrzunehmen.

Am fühlbarsten wird, was wir meinen, vielleicht im technischen Weltumgang, der im Begriff ist, immer weitere Felder der Intersubjektivität zu durchsetzen oder zu ersetzen: Wir handhaben das Smartphone, aber folgen seinen Anweisungen, wir führen die Maschine als Instrument unserer Zwecksetzung, und zugleich führt sie uns, und weit über unsere individuellen Zwecke hinaus.

Wir sind im Gespräch und Umgang mit dem anderen und zugleich unaufhebbar bei uns selbst.

Eine der Faszinationen der revolutionären Massenbewegungen scheint in der Illusion zu liegen, durch Unterwerfung unter das Charisma ihres Führers oder die von ihnen verkörperten Ideale im Strom des Kollektivs untertauchen, mit ihm verschmelzen und den Zwiespalt loswerden zu können.

Von den Chören der Engel, in deren hymnischen Gesang sich der Erlöste und Erwählte einstimmt, bis zu den Jubelchören im Fackelschein unter den Balkonen des Herrschers ist es wohl ein großer Sprung, doch einer auf derselben anthropologischen Ebene.

Formen und Methoden der Aufhebung und Auflösung des konstitutiven Zwiespalts des personalen Bewußtseins zu ersinnen, war ein elementarer Antrieb vor allem der idealistischen Philosophie; man denke an die universale Monas des Leibniz, das absolute Ich Fichtes oder das absolute Wissen Hegels.

Die Lust an der Entweihung ist gleichursprünglich mit dem, was Menschen als heilig, schön und erhaben verehren.

Satan scheint manchmal eínem Heiligen wie aus dem Gesicht geschnitten. – Die dämonische Schönheit bei Milton und Baudelaire.

Die Faszination des Häßlichen und des Bösen rührt aus seiner Macht, die Strahlungen des gesunden, schönen Lebens zu verdunkeln.

Der Triumph des Bösen, Gebilde, die über lange Zeit emporwuchsen oder mit großer Mühe, Verstandeskraft und ästhetischer Sensibilität errichtet wurden, einen alten Eichenhain, eine wundersam verschlungene Laube, einen Garten mit Beeten, Sträuchern und Obstbäumen, einen Tempel, eine Kirche oder Kapelle dem raschen Verzehr der Flammen anheimzugeben.

Die Schändung von Grabmalen und heiligen Stätten, das Verbrennen von Ikonen – Formen der Desakralisierung, die bösartig sind, nicht bloß, weil sie destruktiv sind und vernichten, sondern ihren dämonischen Reiz aus der Vernichtung des Hohen, Erhabenen, Göttlichen schöpfen.

Der revolutionäre Impuls im Ikonoklasmus der Puritaner, Sansculotten, der Bolschewisten, der Roten Garden.

Der Haß auf das vornehme Leben, den Adel, den Reichtum erlangt eine perverse Freude, wenn er ihre Villen und Schlösser, ihre Bilder und Bücher vernichtet, deren Schönheit und Brillanz die eigne Dürftigkeit und Armseligkeit umso bewußter fühlen läßt.

Der Häßliche kann den wohlgeformten Leib, das schöne Angesicht, das feuchte Feuer der Augen nicht ertragen. Er ist besessen vom Phantasma eines ihm unerreichbaren Glücks.

Die Lust an der Deformation, Zergliederung und Entstellung der menschlichen Gestalt in der modernen Kunst.

Hitler, Goebbels, Göring, die sich gegenüber der strahlenden Imago und dem leuchtenden Phantasma der schönen, blonden Bestie angesichts ihrer eigenen Gebrechen und Defekte als minderwertig fühlten, taten alles, ihre Verkörperung, die männliche Jugend des eigenen Volkes, im großen Opferbrand des Krieges der Vernichtung preiszugeben.

„Schaut doch, die Welt ist ein Ort der Verwüstung und Verwesung, das Leben sinnlos, der menschliche Geist von Grund auf verwirrt, die Seele polymorph-pervers und von Jugend auf dem Bösen geneigt – also kann die Kunst, soll sie wahrhaftig sein, nicht schön, sondern muß schmutzig, häßlich, provozierend abschreckend sein“, sagen die Philister des marktkonformen Nonkonformismus, deren parfümierter Verwesungskitsch zu Höchstpreisen versteigert wird.

Die Perversionen modischer Selbstentstellung und masochistischer Selbstverstümmelung werden als Rebellion gegen die bürgerliche Gesellschaft und hilfloser Aufschrei der von ihr Traumatisierten verklärt und vermarktet.

Die Fleurs du mal und ihre Düfte, die nicht Bienen locken oder Falter zu befruchtender Bestäubung, sondern unversehens Passanten betören und betäuben, in einem Maße, daß sie vergessen, zu welchen Zielen sie aufgebrochen sind, und wie Trunkene auf dem Rasen niedersinken, um mit offenen Augen von einem Paradies der Ruhe, Schönheit und Wollust zu träumen, während auf der Bank in ihrem Rücken ein einsamer Greis röchelt und in Agonie fällt.

Die Idylle der Vorgeschichte mündet nach der tiefsinnigen Erzählung der Genesis in die historische Existenz, die nicht nur von der Mühsal und Plackerei unter Disteln und Dornen, den Wehen der Geburt und der Angst vor dem Tode, sondern auch vom Einbruch des Bösen in Gestalt des Brudermordes gekennzeichnet ist.

Die Utopien der Nachgeschichte, ob im Chiliasmus des Mittelalters, den eschatologischen Heilsbewegungen der Reformationszeit oder den faschistischen und kommunistischen Idolatrien eines neuen Menschen, sie alle trugen das Gift mörderischer Instinkte in sich, die sich in terroristischen Exzessen der Auslöschung der Ungläubigen und Unwürdigen ausgetobt haben.

Die beißende, schäumende, funkelnde Intelligenz des Bösen, wie sie die großen Vernichter de Sades bekunden.

Im Sadismus finden wir die Lust an der Erniedrigung, Entstellung und Vernichtung um ihrer selbst willen; in den im Terror der Auslöschung gipfelnden sozialrevolutionären Bewegungen des 20 Jahrhunderts versteckt sich das Böse hinter den Masken des guten Willens, den Parolen von Gleichheit und Gerechtigkeit.

In der verführenden Rede, wie jener des Mephistopheles an Faust, bringt sich der böse Wille mittels der Irreführung des anderen durch die Lüge zur Geltung, Lüge, die ihn an seinen Grundüberzeugungen, am Sinn des Lebens, ja an seiner Identität irre werden läßt. Die irreführende Lügenrede zieht den Irregeführten an den Rand eines Abgrunds, und der Schwindel der Angst, der ihn ergreift, macht ihn geneigt, statt des Normalen das Abnorme, statt des Guten das Perverse zu fühlen, zu denken, zu tun.

Die pervertierte Sprache ist unfruchtbar wie die Sexualität des Perversen.

Der Wahrheit als Frucht der normalen Sprache entspricht das Kind als Frucht der normalen Sexualität.

Das Phantasma ist die Scheinfrucht der perversen Sprache.

Die Intelligenz des Bösen zeigt sich in den raffinierten rhetorischen Techniken zur Übersteigerung, der metonymischen Verzweigung und metaphorischen Verdichtung, des Phantasmas.

Die verführende Rede des Mephistopheles überhöht in den Augen des verführten Faust die banale Existenz des Bürgermädchens Gretchen durch die Aura jener mythischen Bilder, in denen Helena erscheint. Helena ist das Phantasma der Margarete in der perversen Rede des Mephistopheles.

Die böse Absicht der perversen Rede des Mephistopheles verwirklicht sich dadurch, daß sie die Rede des Faust mit ihrem Phantasma infiziert, und Faust seinerseits das Phantasma auf Gretchen überträgt, die dafür mit ihrem Untergang büßen muß.

Das Phantasma der perversen Rede eines Hitler oder Goebbels hieß „Ratte, Parasit, Jude“, das Phantasma der perversen Rede eines Lenin oder Stalin „Aristokrat, Bourgeois, Kulak“.

Der schlechte Schüler wird vom Lehrer korrigiert, wenn er einen Satz verpatzt, indem er die Grammatik verletzt oder eine schiefe Metapher verwendet. Die perverse Rede kann auf solche Weise nicht korrigiert oder kritisiert werden, denn der Rhetor der Vernichtung befleißigt sich einer grammatisch untadeligen Ausdrucksweise und einer geradezu raffinierten Hyperbolik des metaphorischen Ausdrucks.

Das böse Mädchen reißt der Puppe den Arm ab, durchsticht ihre Augen mit einer Nadel, zündet ihre Haare an; der böse Junge quält die Katze, indem er sie in eine enge Kiste steckt und in sie heißes Wasser einleitet. Der Frauenmörder verwandelt sich in ein wildes Tier, indem er (wie in der Erzählung „Der Hahnenkamm“ von Friedrich Georg Jünger) die monströse Maske eines Hahns überstülpt und nach Gockelart scharrend und krähend junge Mädchen an dunklen Orten angeht. – Ist es, wie hausbackene Psychologie annimmt, unerfülltes, verletztes, traumatisiertes Liebesverlangen, was die Täter zu ihren Taten motiviert? Doch den übersättigten Leonce in Büchners Lustspiel kitzelt es, aus lauter Überdruß und Langeweile die Sterne wie Luftballons vom Himmel zu schießen.

Die Kreativität des Bösen, wie sie sich in der Erfindung von immer raffinierteren und effizienteren Techniken der Vernichtung zeigt, von den Kreuzigungen der Antike über die Daumeschrauben und Streckmaschinerien des Mittelalters bis zur Verwendung von tödlichen Chemikalien in den Lagern; die schauerliche Phantasie und der Einfallsreichtum in der Erfindung von Foltermethoden wie der Rattenkammer der Bolschewiken oder des tropfenden Wasserhahns der Chinesen.

Wie kreativ aber ist die künstlerische Phantasie eines Dante oder Poe, die immer neue Variationen und Monstrositäten ersinnen, wie das Opfer erniedrigt, gequält, zum Verstummen gebracht werden kann.

Wenn der Hang zur Grausamkeit eine anthropologische Konstante ist, wie seine Kontinuität durch alle Zeitalter unter Beweis stellt, zeugt die moralisch hochgestelzte Sonntagspredigt darüber, daß die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, und wir dem Bösen durch sanfte Pädagogik und radikalen Umbau aller Institutionen endlich den Nährboden entziehen müssen, von begrifflichem Unsinn, der wohl hübsch glänzen mag, aber nur wie blechernes Falschgeld.

Die Möglichkeit, das Unwahre zu behaupten, ist eine strukturelle Fähigkeit der menschlichen Sprache; die Möglichkeit, das Böse zu tun, eine strukturelle Fähigkeit der menschlichen Person.

Man kann die böse und grausame Tat nicht pauschal auf einen Mangel an Empathie von Seiten des Täters zurückführen; die neue Folterwerkzeuge erfinden und anwenden, um ihre Opfer zu quälen, haben ja ihren Qualen vorgefühlt und vorgedacht.

Böse Taten sind vielfach kein Ausfluß mangelnden moralischen Bewußtseins, sondern im Gegenteil Ausdruck einer Hypermoral, wie sie sich etwa im Tugendterror der Revolutionäre von 1789, der RAF oder von 9/11 geäußert hat.

Die böse Tat erklärt sich bisweilen aus dem Trieb, die Leere, die Fremdheit des In-der-Welt-Seins, gewaltsam mit dem Phantasma einer erträumten Nähe zu füllen.

Das Phantasma einer Befriedung der Welt mittels globaler Angleichung und moralischer Überwachung treibt die Unterworfenen der Pax universalis zu Aufständen und neuen Bürgerkriegen und macht aus treuherzigen Pazifisten engstirnige Bellizisten.

Die böse Tat kann auch als wahnhafter Versuch verstanden werden, die uns qua Geburt übermachte oder angewachsene Fremdheit des Daseins durch einen Gewaltstreich oder Coup d’état auszuräumen.

Das erwachsene oder ernüchterte Denken hat das metaphysische Phantasma aufgelöst und aufgegeben, wonach wir durch eigne Anstrengung, kollektive revolutionäre Tat oder auch dank göttlicher Gnade oder der Wiederkunft der Götter, geschweige denn der Ankunft eines messianischen Weltenretters, aus dem düsteren Wald der Entfremdung in die offene Lichtung einer gegen alle Gefahren und Erschütterungen abgesicherten Heimat gelangen könnten.

Sicher, wir können auf Erden „dichterisch wohnen“, wenn wir der Vorstellung das prophetisch-messianische Pathos nehmen; denn dazu genügt es, den Tisch mit Blumen zu schmücken, Freunde zu bewirten und einen guten Tropfen aus dem Keller zu holen oder vor dem Bild der Verstorbenen eine Kerze anzuzünden.

Der Zweck des vegetabilen und animalischen Lebens ist sein Fortleben in der nächsten Generation, belehrt uns der Evolutionsbiologe, und die Organe der Pflanzen und die Verhaltensprogramme der Tiere scheinen der Erfüllung dieses Zwecks untergeordnet zu sein; doch es gibt einen Überfluß in der Schönheit der Blumen und in der Gestaltenfülle der Tiere, die uns über die triviale Zweckerfüllung der Vermehrung hinauszugehen scheinen.

Auch wenn wir annehmen, daß der genetisch verankerte biologische Zweck der Fortpflanzung auch Menschen zukommt, kann er nicht mittels instinktsicherer Ausführung ererbter Verhaltensprogramme erlangt werden: Die Nachteile der frühen Geburt und die Instinktunsicherheit des Menschen erfordern den Schutz und die Erziehung des Kindes in einer nicht nur natürlichen, sondern sozial geprägten Institution, der Familie, die keine Brutstätte, sondern eine Form der Kommunikation zwischen Eltern und Nachkommen darstellt.

Die Erfahrung der Fremdheit und Leere infolge der Geburt fangen elterliche Fürsorge und familiäre Häuslichkeit auf; das Kind entwickelt das Phantasma der Geborgenheit vor allem anhand der mütterlichen Imago, das die Leere ihrer Abwesenheit zu füllen vermag. Doch muß das Kind nach und nach das infantile Phantasma der Fülle aufgeben, wenn es sich den anderen, dem Vater und den Geschwistern, und hernach den Freunden und Schulkameraden, zuwendet.

Erfolgt aufgrund der Pubertät eine Zuwendung zum anderen Geschlecht, ist die Bahn, den engeren Kreis der Familie und der Herkunft zu verlassen, schon eröffnet; der Wunsch, das Eigene zugunsten des Fremden aufzugeben, ist bei männlichen Jugendlichen oft mit einer Abwehr der Werte und Gepflogenheiten des Herkunftsbereichs verbunden, der sich bis zur Ablehnung und trotzigen Verwerfung alles Hergebrachten steigern kann. Hier finden wir den Entstehungsherd eines neuen Phantasmas, das bisweilen die grelle Färbung des Exotischen, Utopischen oder Radikalen annehmen kann. Das pubertäre Phantasma dient dem Zweck, die Leere und Fremdheit einer gleichsam metaphysischen Heimatlosigkeit zu kompensieren. Unschwer erkennbar ist, wie es sich politisch instrumentalisieren läßt.

Das Stigma der menschlichen Geburt ist die Einsamkeit.

Das pubertäre Phantasma aufzugeben verlangt die Reifung zu der Einsicht, daß die Fremdheit des Daseins unaufhebbar ist und die Leere der todgeweihten existentiellen Einsamkeit mit keinem noch so faszinierenden Idealbild gefüllt werden kann.

 

Jan 21 23

Gerard Manley Hopkins, Not, I’ll not, carrion comfort (Version II)

Not, I’ll not, carrion comfort, Despair, not feast on thee;
Not untwist — slack they may be — these last strands of man
In me ór, most weary, cry I can no more. I can;
Can something, hope, wish day come, not choose not to be.

But ah, but O thou terrible, why wouldst thou rude on me
Thy wring-world right foot rock? lay a lionlimb against me? scan
With darksome devouring eyes my bruisèd bones? and fan,
O in turns of tempest, me heaped there; me frantic to avoid thee and flee?

Why? That my chaff might fly; my grain lie, sheer and clear.
Nay in all that toil, that coil, since (seems) I kissed the rod,
Hand rather, my heart lo! lapped strength, stole joy, would laugh, chéer.

Cheer whom though? the hero whose heaven-handling flung me, fóot tród
Me? or me that fought him? O which one? is it each one? That night, that year
Of now done darkness I wretch lay wrestling with (my God!) my God.

 

Nicht, ich will nicht, Lust am Aas, Verzweiflung, dich feiern, nein,
will lösen nicht – locker sind sie schon – Fäden, die Gattung spann
in mir, todmüd nicht schreien: Ich kann nicht mehr. Ich kann.
Etwas könne, hoffe, wolle, Tag, o komm, nicht wähle, nicht zu sein.

Doch ach, doch o, du Schrecklicher, warum wälzt du roh den Stein,
den rechten Fuß deiner Wider-Welt auf mich? Preßt mir die Löwenklaue an?
Schickst den geknickten Knochen deiner Hungerblicke finsteren Bann?
Umfächelst nach den Blitzen den Gefällten, mich, so wild darauf, dich los zu sein?

Weshalb? Daß fliege meine Spreu. Mein Korn mir liege rein und klar.
In all dem Wirken, Wirren, seit ich (scheint’s) geküßt die Rute, ja, die sie schwang,
die Hand sogar, sieh, gewann mein Herz an Kraft, stahl Freude, mochte lachen, jubeln gar.

Wem jubeln doch? Dem Helden, dessen Himmels-Hand mich stürzte, der mich niederzwang
mit hartem Huf? Oder der ihm wehrte, mir? O welchem? Beiden gleich? Diese Nacht, dies Jahr
war das dunkle Jetzt, da ich (mein Gott) mit meinem Gott, ich Armer, rang.

 

Jan 20 23

Fernwehkrank

Tönt aus dem Moos der Nacht ein Quellen,
mag sich dein Angesicht erhellen,
das schon ins Dunkel sank.

Du siehst im Dämmerried ein Glimmen
von Blüten, die auf Wassern schwimmen,
und seufzest fernwehkrank.

Als läg es unterm Schnee im Garten,
sehnt sich das Herz nach großen Fahrten
in südliches Gefild.

Und mußt du Alpen überwinden,
die Purpurrose willst du finden,
der hohen Liebe Bild.

 

Jan 19 23

Das Haar in der Suppe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die individuelle Handschrift ist nicht nur Ausdruck einer Persönlichkeit, sondern ein Mittel ihrer Bildung und Profilierung.

Was der Egalitarismus auf der politisch-kulturellen Ebene, ist die Uniformierung und Verflachung der Gesten, Mienen und Sprechweisen auf der individuellen.

Der Triumph der Phrase, der Parole, der Schlagzeile und das Verstummen des Dialekts, des Volkslieds und der Individualsprache.

Wer die geläufigen Phrasen nicht widerkäut, wer ins Schweigen oder in die Verweigerung eines rätselhaften Sprechens emigriert, gilt als verdächtig und gefährlich, als Träger eines bösartigen Virus, den man mit der Quarantäne medialer Ausschließung belegen muß.

Die sublime Feinheit und das unnütze Rätsel des dichterischen Ausdrucks sind das Haar in der Suppe des Zeitgeistes, an dem er würgt, das er angewidert ausspuckt.

Selbstverwirklichung ist nun das Ideal der innerlich Hohlen und Perversen, Selbstentfaltung das der tauben Nüsse und faulen Keime.

In dem Urinal, das als Kunstwerk deklariert wurde, hat man zuvor die Rose Schönheit überpinkelt.

Schönheit ist das Ziel einer universalen menschlichen Neigung; sie zeigt sich in der ästhetischen Ordnung des Haushalts, im Dekor der Wohnung, den Mustern von Teppich und Tapete, in den kleinen Ritualen des Alltags und den großen des Feiertags; sie wird fühlbar in der stillen, meditativen Weise, wie das kleine Mädchen das Haar der Puppe kämmt.

In der epidemischen Verbreitung des Lärms, der die Ohren und Herzen massakriert, im grunzenden Wühlen in Schlamm und Morast, der die Fibern und Fühler sublimen Empfindens verklebt, triumphiert der Geschmack von Leuten, die ihre Bildung der Gesamtschule verdanken und ihre Reifeprüfung bei Herrn Lehrer Gleichgesinnt und Frau Lehrerin Wohlgemut absolviert haben.

Der Vers, der Worte wie Perlen an der Kette des leicht schwingenden Rhythmus aufreiht.

Vers, dem zu grünen bestimmt ist, wenn er sich den Mustern hoher Dichtung auch nur wie ein dämmriger Farn in den leuchtenden Rosenstrauß fügt.

Heute bekommt kein Künstler einen Preis, der seine sogenannte Kreativität nicht durch tätliche Angriffe auf den guten Geschmack und jede Form von Dezenz unter Beweis gestellt hat.

Als Meister gilt, wer dem zarten Verlangen nach Verständlichkeit und stiller Anmut des Ausdrucks mit dem Hammer berserkerhafter Schreie und aufrührerischer Flüche den Schädel zertrümmert hat.

Der neue Biedersinn ist die Geschmacklosigkeit, die neue Konformität die Meterware des Nonkonformismus.

Sie lärmen, schreien, kreischen, angeblich, weil es ihnen höhere moralische Mächte befehlen, in Wahrheit, weil sie keine Wahrheit haben, die sich wohlartikuliert, stilsicher und mit gedämpfter Stimme vorbringen ließe.

Kultur des modernen Lebens – wenn sich Häßlichkeit mit dem Stumpfsinn paart.

Der Apfel, die Orange, die Zwetschge, die Ähre – die Feinheit der Ummantelung, der köstliche Teint der Haut, die zarte Befiederung, die Symmetrie der eingeschreinten Fruchtkörner und Samenhülsen – die Schönheit der Früchte, die leuchtende Intensität und farbige Fülle des Lebens, wie sie die großen Stillebenmaler der Klassik und Romantik bis auf Juan Gris und Cézanne erfaßt und ins Bild gebannt haben.

Die gefleckten, bunt gesprenkelten und wohlgeformten Eier der Vögel, der kunstvolle Aufbau und die schillernde Pracht ihres Gefieders, der Zauber und die magische Bannkraft ihrer Schautänze, die aerodynamische Perfektion der Flügel und die Artistik ihres Fluges, schließlich die wundersamen Arien ihres Morgen- und Abendgebets – all dies erfüllt uns mit Wohlgefallen und Freude, läßt unser Antlitz in einem geheimnisvollen Lächeln erstrahlen, während uns der Gang durch ein Museum zeitgenössischer Kunst mit ernster oder säuerlicher Miene trostlos in der Dürre urbaner Wüsteneien zurückläßt.

Die leuchtende Anmut und die in ihr heiliges Dämmern ladende Würde der antiken Tempel mit ihren lebensvollen Göttergestalten und die vernichtende Kälte und hohle Selbstgefälligkeit der Banktürme, in denen dem Gott des Molochs Stadt, dem Kapital, gehuldigt wird.

Der Stumpfsinn verlangt nach immer schärferen Reizen, Stacheln und Schocks, auf daß er sein erstarrtes Haupt ein wenig noch aus dem Sumpf der Langeweile und Indifferenz emporrecke. Daher das Hämmern der Boxen, das Krakeelen der Ghettopoeten, das brutale Flackern und Fletschen der Videobilder.

Ein sinnender Blick auf einen Haufen Kehricht am Straßenrand, geschweige denn die Betrachtung eines Stillebens von Francisco de Zurbarán, ist belebender und erhellender als ein Blick in die Zeitung.

Das Leben der Rose kennt, wie Angelus Silesius sagt, kein Warum. So auch wir, wenn wir uns im freien Rhythmus des Selbstgefühls oder des dichterischen Worts bewegen.

Kritik ist schon Verstrickung, Widerwort Unwortes Echo – nur Verschweigen ist Verwinden.

Wirkmächtiger als das Gegenbild ist das Verblassen der grellen Lichtreklame des eigenen Selbstbildes.

Lied des Lebens, das auf dem äußersten Grat seines Wogens, bevor es ins Dunkel stürzt, Schaumkronen schillern läßt.

Um uns selbst zu wissen impliziert die tragische Gewißheit, sterblich zu sein.

Unser Selbstempfinden und Selbstgefühl ist eine Form der Verdichtung des Lebens und der Ekstase, wie sie uns in elementarer Weise im Schrei des Adlers, im Gesang des Wals, ja im rhythmischen Aufschwung der Qualle begegnet.

Allerdings ist, wie Heidegger betont, die Ekstase des menschlichen Daseins zeitlich strukturiert, während das, was wir animalischem Leben an Selbstgefühl zusprechen, punktuell auf den Augenblick gerichtet bleibt.

Die Tatsache, daß der Hund keine Biographie nach Art seines Herrchens hat, ist eine Folge seiner Unfähigkeit, mittels einer semantisch hinreichend strukturierten Sprache und der grammatischen Temporalformen des Verbs auf vergangene Ereignisse Bezug zu nehmen.

Auf vergangene Ereignisse Bezug zu nehmen erfordert ihre Individuierung anhand des Begriffs, der sie bezeichnet. Der Hund kann sich nicht daran erinnern, daß er vor einer Woche mit Herrchen zum ersten Mal morgens im Stadtwald war, weil er den Begriff „Stadtwald“ und „mein Herrchen“ nicht erfassen und anwenden kann, geschweige denn die Begriffe „Tag“, „Morgen“ oder „Woche“.

Sprachliche Bezugnahme ist Bezugnahme auf die Identität eines Begriffs; wir verstehen, daß „Morgenstern“ und „Abendstern“ „Venus“ bedeuten, wenn wir wissen, daß sie sich auf denselben Begriff beziehen.

Das Eichhörnchen hat sich gemerkt, wo es die Nüsse versteckt hat; aber es verfügt nicht über das Wissen, das uns sagen läßt, daß es sie vor einer Woche im Wurzelgrund der Eiche in unserem Garten vergraben hat. Das animalische Gedächtnis ist eine Verzeichnung von Merkmalen, aber kein Wissen oder Glauben hinsichtlich raumzeitlich identifizierbarer Fakten.

Wir stützen unsere Annahmen über vergangene Ereignisse auf Gründe; wir meinen, unser Freund habe das Konzert vorzeitig verlassen, weil es ihn gelangweilt habe oder weil ihm unwohl war. Wenn er auf Befragen einen dieser Gründe anführt, halten wir unsere Annahme für gerechtfertigt.

Dagegen vermuten wir, daß sich unser Hund von der Leine losriß, weil er die Spur eines Kaninchens aufgenommen hat; die Witterung aber war die Ursache seines Verhaltens.

Die Bedeutung der Konjunktion „weil“ ist zweideutig und äquivok, sie kann einen Satz einleiten, der einen Grund oder eine Ursache angibt; ähnlich wie die Konjunktion „wenn“, die eine zeitliche Bestimmung oder eine logische anzugeben vermag.

„Weil es zu regnen begann, beschlossen wir, zu Hause zu bleiben.“ – Der Regen ist nicht die Ursache unserer Entscheidung, sondern ihr Anlaß. Der Grund für unsere Entscheidung, nicht spazierzugehen, ist unsere Besorgnis, naß zu werden und uns zu erkälten.

Aus dem Satz „Dann und nur dann, wenn sich die Erde um sich selbst dreht, gibt es den Wechsel von Tag und Nacht“ folgt der Satz „Wenn es keinen Wechsel von Tag und Nacht gibt, dreht sich die Erde nicht um sich selbst.“ Dies ist offenkundig kein empirischer Satz, sondern eine logische Folgerung, deren Gründe wir uns bewußt machen, wenn wir sie durch die Anwendung der Regeln für gültige Schlüsse rechtfertigen.

Kaum daß der Freund dir versehentlich auf den Fuß getreten ist, sagt er „Entschuldige!“ – Er könnte seine Äußerung mit der Konvention begründen, die uns Höflichkeit oder ziviler Umgang auf den Leib geschneidert hat. Doch ist seine Äußerung weder eine Art unwillkürlichen Reflexes noch hat er sie aufgrund von reiflicher Überlegung gemacht, die sich durch plausible Gründe rechtfertigen läßt.

Auch Äußerungen, Gesten, Verhaltensweisen, denen keine Überlegung und bewußte Entscheidung vorausgehen, können wohlbegründet sein und post festum durch gute Gründe gerechtfertigt werden.

Sie wirbeln Staub auf und beschweren sich über die schlechte Sicht.

Leiden, meint der Erwählte, ist die Quelle der Einsicht, Freude, der ekstatische Mystiker, die Quelle der Liebe. Beide Quellen können getrübt werden, durch Einlaß von Tranquilizern oder von Halluzinogenen, wie sie die Apotheke und die Unterhaltungsindustrie für uns bereithalten.

Die Kultur erblüht mit der Rose Schönheit im Garten der Musen, sie welkt dahin, wenn der Garten mangels hegender Hände verwildert oder unter den Fußtritten einfallender Barbaren verwüstet wird.

Durch dieselbe Geste, denselben Seufzer, denselben Augenaufschlag fühlt sich der Glückliche erhoben, der Unglückliche vernichtet.

Die Entlarvung großer religiöser Versprechen im Kitsch.

Die ihren Hyperion, ihren Empedokles, ihre Diotima dem Sturmwind (oder war es ein lähmender Scirocco?) auf den „Tausend Plateaus“ von Paris aussetzten, auf daß ihre Syntax wie Weidenbüsche zerriß und ihre Semantik wie trübe Tropfen von den Sprossen der Rhizome rann, sind heute kaum noch als Staubkörner in der zurückgebliebenen Wüste erkennbar.

Alle wissen um das Haar in der Suppe, alle warten darauf, daß einer es erwischt und angewidert das Gesicht verzieht.

 

Jan 18 23

Der Alte steigt die Treppe hoch

Gezwitscher über Morgenauen,
und Birken sprühen Silber, Erlen,
sie winken sich wie junge Frauen,
von Tau beglänzt, von Perlen.

Und auf der Treppe hörst du Stöhnen,
der kranke Alte klimmt empor,
er klammert sich an das Geländer,
tief hängt der Kopf ihm auf die Brust.

Nun gehen durch die Binsen Schauer,
und Wasser schimmern zwischen Schatten,
ein Hauch aus Eden färbt sie blauer,
die Blutorange rollt auf die Matten.

Der Alte zieht den Einkaufswagen
die Stufen hoch in dumpfem Takt,
befüllt mit REWE-Schnellgerichten,
hält hustend inne, keucht und keucht.

Jetzt knüpfen ihre Liebeszeichen
die Falter an die Knospenschließen,
und Fühler sind, die träumend streichen,
und Kelche, Licht zu gießen.

Fahl knistert unter morschen Rippen
erloschner Sonnen Aschenglut,
der Greis erreicht die öde Schwelle,
wo keiner Blüte Tau ihm perlt.

 

Jan 17 23

Begriffliche Klärungen III – die Fledermaus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir können mittels empirischer Daten nur vergangene Sachverhalte bestätigen; Voraussagen dagegen sind Wechsel auf die Zukunft, die durch die eingetretenen Sachverhalte entweder gegen bare Münze eingetauscht oder durch nicht oder anders eingetretene Sachverhalte zur Makulatur entwertet werden.

„Ich werde kommen“ ist keine Voraussage eines zukünftigen Verhaltens, sondern eine Zusage oder Absichtserklärung, deren Einlösung lobenswert, deren Verabsäumung tadelnswert ist; dagegen ist das Eintreffen oder Nichteintreffen eines vorausgesagten Ereignisses weder lobenswert noch tadelnswert, mag es auch bejubelt oder beklagt werden.

Der Fanatiker ist eine emblematische Figur krisenhafter Übergangszeitent, er kann vom äußersten Rand bis in die mediale und politische Mitte vordringen, wie es Mussolini, Hitler, Lenin und Mao taten.

Der Fanatismus ist in dem Maße beängstigend und bedrohlich, wie er Ausdruck extremer Angst und des Gefühls der äußersten Bedrohung ist. Das destruktive Moment korrespondiert dem paranoiden.

Der Skeptiker scheint, wie es der selbst vom Fanatiker zum Skeptiker geläuterte Cioran bezeugt, gegen Anfälle von Phrenesie und weltanschaulich bedingter Paranoia gefeit zu sein; so wird er, mißtrauisch gegen jedwede Form von Weltuntergangsbeschwörung, den Demonstrationszug der johlenden Weltenretterjugend mit süffisantem Lächeln vom Balkon aus betrachten.

Die sich absoluter Gewißheiten rühmen, geraten leicht ins Zetern, Keifen, Brüllen.

Zuerst verschweigt man peinliche Dinge vor den anderen, schließlich vor sich selbst.

Klänge, die nicht ins eigene Tonsystem passen, erheitern oder befremden; nur wenige locken sie zu neuen musischen Abenteuern.

Zeigen ist auf gestischer Ebene, was Benennen auf verbaler Ebene ist.

Zeigen ist wie Benennen eine absichtsvolle Handlung.

Auf etwas anderes zu zeigen, als uns im Sinne lag, ist ein Versehen; Sache und Begriff zu verwechseln, ein Irrtum.

Die Zeigegeste ist keine motorische Willkürbewegung, die wir nachträglich in der Absicht, etwas zeigend im Umfeld zu diskriminieren, mit Sinn aufladen; die Benennung ist keine willkürliche Lautgebung, die wir nachträglich mit der Bedeutung des Gemeinten aufladen.

Wir können nicht in dem Sinne, in dem wir auf unseren Freund Peter auf der anderen Straßenseite zeigen, auf uns selbst zeigen. Wir können nicht in dem Sinne und auf die Weise, wie wir von Peter sprechen, über uns selbst sprechen.

Die Äußerung „Dort ist Peter“ kann nicht mittels einfacher grammatischer Umformung in die Äußerung „Hier bin ich“ umgewandelt werden.

Die Äußerung „Dort ist Peter“ setzt ein grammatisch-semantisches Koordinatensystem voraus, bei dem die Äußerung „Hier bin ich“ auf den Nullpunkt verweist.

Frage ich Freund Peter auf seinem Weg zum Zahnarzt, ob er Zahnschmerzen habe, antwortet er: „Ja!“ Er mußte dazu keine Form der Introspektion oder Sichtung seiner bewußten Erlebnisinhalte vornehmen. Weiß er so sicher und gewiß um sein Befinden, weil ihm der Schmerz wie man sagt auf den Leib gerückt ist? Doch läßt der Schmerz allmählich nach, wird er dessen nicht weniger deutlich inne.

Wenn ich mich mit Peter zu einem Spaziergang verabrede, teilen wir dieselbe Absicht; unsere Absichten, gemeinsam frische Luft zu schnappen, laufen nicht wie zwei Schatten synchron und parallel neben uns her.

Peter kann freilich mit der Absicht, sich mit mir zu einem Spaziergang zu treffen, die weitere Absicht verfolgen, mich während unserer Plauderei um ein kleines Darlehen zu bitten. Die Absichten sind gleichsam verschweißt, wird die eine durchkreuzt, weil ich ihm das Darlehen verweigere, stößt auch die andere ins Leere.

Peter kann sich nicht über die eigne Absicht verwundern, nur darüber, daß ich ihr ohne große Umstände nachkomme oder sie ohne Angabe von Gründen zurückweise.

Freilich können wir uns über unsere eigenen Befindlichkeiten verwundern, so über eine unerklärliche Heiterkeit oder Gelassenheit trotz einer tristen oder aussichtslosen Lage.

Der Verehrer hegte die Absicht, seine Angebetete durch das kostspielige Geschenk eines Brillantringes zu erfreuen; doch wurde seine Absicht vereitelt, sie reagierte unwillig und wurde ungehalten. Hier liegt seitens des überschwenglichen Verehrers kein Irrtum vor, sondern ein Mangel an Intuition, eine Art Instinktlosigkeit.

Dem Verehrer oder dem Liebhaber liegt im Sinn, daß die Geliebte seine Absicht erkennt und honoriert; er will, daß sie will, was er will. – Etwas hochgestochen können wir von der Dialektik der Liebe sprechen.

Das sexuelle Begehren findet auch in der Anonymität, auch in der Einsamkeit seine Erfüllung, wenn es nicht erwidert wird.

Der übereifrige Verehrer kann seine vorschnelle Handlung bereuen, auch wenn ein Mangel an Intuition, eine gewisse Instinktlosigkeit, sie ihm eingebrockt hat; der Exhibitionist kann sich seiner Entblößung schämen, auch wenn ein perverser Antrieb sie ihm aufgenötigt hat. Der leidenschaftliche Liebhaber kann hoffen, daß ihm die Angebetete seinen überhasteten Vorstoß nachsieht; der Exhibitionist kann daran verzweifeln, daß er seine perversen Antriebe einmal unter seine Kontrolle bringen wird. – Diese Formen des Könnens, Reue und Scham, Hoffnung und Verzweiflung, sind spezifisch human.

Der Hund kann sich darin irren, daß die vor ihm geflüchtete Katze sich noch unter dem Laub des Baumes versteckt. Er kann eines Besseren belehrt werden, wenn sie plötzlich hinter ihm faucht. – Aber der Hund kann nicht einsehen, daß die Annahme, die Katze sitze auf dem Baum, falsch ist, weil sie durch die Tatsache, daß sie hinter ihm faucht, falsifiziert wird: Vielleicht könnte, meint der Hund Baudrillards, die Katze, die so gehässig hinter seinem Rücken faucht, ein Doppelgänger oder ein Simulacrum der Katze sein, die immer noch versteckt im Baum sitzt und ihr Double ausgesandt hat, um ihn zum Narren zu halten.

Der Hund ist aufgebracht, wenn die Katze plötzlich hinter seinem Rücken faucht, aber nicht beschämt, weil er sich an der Nase herumgeführt fühlt.

Das Eichhorn kann sich daran erinnern, wo es die Nüsse versteckt hat; aber es kann sich nicht daran erinnern, daß es sie kurz nach dem Tod seines Geschwisters versteckt hat.

Wir gedenken, wenn wir in der Schublade kramen und auf das Amulett mit ihrem Bildnis stoßen, des Todes unserer Mutter.

Mit der Familie tauchen wir in die Sippe ein, mit der Sippe in die kulturellen Traditionen und Eigenheiten einer sprachlichen, landsmannschaftlichen, bäuerlichen, handwerklichen, urbanen, kultisch-religiösen Gemeinschaft; auf dem Hintergrund dieser ineinandergeschachtelten Herkünfte und Bezüge schreiben wir ein Leben lang an unserer Autobiographie.

Der Pfau spreizt sein prächtiges Rad. Tut er dies in der Absicht, die Henne zu beeindrucken? Und zeigt die Henne seiner Absicht die kalte Schulter, wenn sie weiter gleichmütig vor sich hin pickt?

Der Vordermann blinkt und wir entnehmen dem Signal die Absicht des Fahrers, in die nächste Seitenstraße einzubiegen; freilich kann es sich um ein Versehen handeln, und er fährt weiter.

Wir entnehmen dem Gebaren des Gastes, er hat schon ein paarmal gegähnt und rückt jetzt seinen Stuhl, die Absicht, nach Hause zu gehen. Doch eine Mitteilung seiner Absicht, uns zu verlassen, läge nur in ihrer verbalen Ankündigung.

Das Blinken mit dem Zeiger folgt einer Regel (einer Vorschrift der Straßenverkehrsordnung); die beschädigte Stelle des Mosaiks ergänzen wir anhand der Muster des vorhandenen Materials; doch die Lücke im Autographen Mozarts oder Goethes läßt sich nicht aus dem vorhandenen Material ableiten. Dies weist auf ein Merkmal schöpferischer Leistung.

Wir können wissen, was andere fühlen und denken: Sie zeigen es mit ihrer Mimik, ihren Gesten, ihren Worten.

Das Innenleben der anderen ist kein Verlies, in dem ein mysteriöser Geist oder das Gespenst einer unfaßbaren Seele haust.

Wir wissen, wie es ist, nachts durch ein zwielichtiges Stadtviertel zu gehen, nämlich ungemütlich, bedrohlich, unheimlich. Zu insinuieren, daß es unmöglich ist zu wissen, wie es für Peter oder Marianne ist, durch dieses Viertel zu gehen, zeugt von Begriffsstutzigkeit, doch daraus folgern zu wollen, daß es unmöglich ist, überhaupt zu wissen, wie es ist, Peter oder Marianne, geschweige denn eine Fledermaus zu sein, von begrifflicher Konfusion.

Peter kann wohl sagen: „Ich fühle mich heute echt daneben!“ Doch kann ich nicht sagen: „Ich möchte mal wissen, wie es ist, Peter zu sein – nur für einen Tag!“

Könnte ich, auf welch vertrackte Weise immer, in Erfahrung bringen, wie es ist, Peter zu sein, wäre ich ja Peter, und könnte also nicht wissen, wie es ist, er zu sein. – Dies gilt naturgemäß für alle mehr oder weniger sensorisch begabten Wesen, und für exotische wie Fledermäuse a fortiori.

Wenn Peter schon errötet, wenn nur der Name Marianne fällt, wissen wir, was mit ihm los ist, wir vermuten nicht nur, daß es ihn gepackt hat.

Nur KI-Besessenheit und Hollywoodkitsch konnten „Philosophen“ zu der Frage verleiten, ob wir alle Gehirne an den Drähten eines dämonischen Spaßmachers sind.

Wenn wir erfahren wollen, was und wie andere empfinden, fühlen, denken, nun, so fragen wir sie danach oder lesen die Gedichte von Goethe, Trakl oder Rilke.

Wir wohnen keinem Schauspiel bei und das Leben ist kein Theater; der erstochene Polonius erhebt sich flugs hinter dem Vorhang, schleicht von der Bühne und geht in die Kantine, während der von einer Kugel getroffene Soldat nicht mehr aufsteht.

Man kann nicht die Rolle einer Mutter spielen, sondern nur eine Mutter sein. – Freilich, das kleine Mädchen spielt mit der Puppe Mama und Baby, doch kann es dies nur vor dem faktischen Hintergrund seiner biologischen Fähigkeit, selbst einmal Mutter zu werden.

Sehe ich diesen Baum, sehe ich nicht mein Sehen des Baumes oder daß ich ihn sehe; es sind meinen Empfindungen und Wahrnehmungen keine reflexiven Spurenelemente beigemischt, und wenn keine reflexiven, so auch keine nichtreflexiven. Wenn ich mich allerdings frage, ob der Baum eine Tanne oder Fichte ist, reflektiere ich, könnte man etwas gestelzt sagen, über das, was ich gesehen habe.

Ich bezweifle nicht, daß ich den Baum sehe; aber nicht deshalb, weil meine sensorischen Wahrnehmungen unbezweifelbare Gewißheiten darstellen, sondern weil ich Sehen nicht mit Hören, Riechen oder Sicherinnern verwechsele.

Ich kann nicht so tun, als erscheine mir der Baum als visuelles Bild in einem nach außen abgeriegelten solipsistischen oder phänomenologischen Theater; denn sage ich „Er ist eine Fichte“, redet mir gleich mein Freund drein und belehrt mich darüber, daß er eine Tanne ist.

Wir können die Realität oder die Feststellungen über bestehende und nicht bestehende Sachverhalte nicht, wie Husserl meinte, aus dem „phänomenologischen Bewußtsein“ ausklammern und dennoch zu einem klaren Begriff von Wissen oder Bedeutung gelangen.

Was ich sehe, ist kein neuronal generiertes Bild des Baumes; ich sehe den Baum, nicht sein Bild. Bilder von Bäumen sehe ich nur auf Gemälden oder Fotos.

Ein Bild als ein Bild erkennen und wahrnehmen ist wie eines zu malen eine spezifisch menschliche Fähigkeit.

Aber es könnte sich um die Halluzination eines Baumes handeln! Doch hat der Begriff einer Wahrnehmungstäuschung, einer Illusion oder Halluzination nur Sinn, wenn ich auch über den Begriff des realen Baumes verfüge, wie der Begriff des Traumes nur Sinn hat, wenn er im Wachbewußtsein gebraucht wird.

Wir können nicht sagen, was wir empfinden und wahrnehmen, habe stets den Aspekt der unmittelbaren Gewißheit und Zweifelsfreiheit; es ist sinnlos, von Gewißheit zu reden, wo aller Zweifel ausgeschlossen ist. Gewißheit über eine Sache zu haben impliziert die Möglichkeit, ihrer auch ungewiß zu sein.

Der Begriff des Wissens setzt den Gegenbegriff möglichen Nichtwissens voraus; ein absolutes Wissen kann es, pace Hegel, nicht geben.

Wer weiß, daß 2 + 2 = 4, weiß es doch mit absoluter Gewißheit! Aber vielleicht weiß er nicht, daß
2 + √4 = 4.

„Der Kuchen schmeckt mir ausgezeichnet!“ – Bisweilen garantiert die Wahrhaftigkeit des Sprechers die Wahrheit seiner Äußerung. Dies gilt nicht für Äußerungen, die auf unseren intellektuellen Fähigkeiten beruhen: „Ich weiß (oder ich erinnere mich genau daran), daß wir dort waren.“

Wir müssen, was wir fühlen, denken, beabsichtigen, nicht in dem Sinne begründen, wie wir Gründe für unsere Meinung über das anführen, was andere fühlen, denken, beabsichtigen. Doch müssen wir die Begriffe dessen, was wir fühlen, denken, beabsichtigen, im gleichen (und nicht bloß analogen) Sinne auf uns selbst wie auf andere anzuwenden lernen.

Wir sehen die Absicht des Vordermannes, nach rechts abzubiegen, wenn er den Blinker gesetzt hat (und dann tatsächlich abbiegt), weil wir dies auf gleiche Weise tun würden. Wir können nach Gründen fragen, die ihn zu seinem Tun bewogen haben (in dieser Richtung liegt sein Wohnort); wenn wir selbst abbiegen, fragen wir nicht nach Gründen (rechts geht es nach Hause).

Der Simulant, der sich leidend stellt, um seiner Pflicht nicht nachzukommen, mag uns täuschen, ja sich selber etwas vormachen; aber die Simulation kann uns kein begriffliches Modell für das psychologische Verstehen überhaupt an die Hand geben, als wäre das manifeste Gebaren die äußere Hülle eines verborgenen Inneren, zu dessen geheimen Motiven und latenten Inhalten wir uns mühsam mittels hermeneutischer Deutungstechniken (wie in der Traumdeutung Freuds) vorarbeiten müßten.

Hinter den Tränen des Trauernden suchen wir nicht nach verborgenen Motiven, sondern sehen sie schlicht als Zeichen der Trauer an.

Es gibt allerdings eine reiche Mannigfaltigkeit von Weisen, in denen wir uns voreinander gleichsam verbergen und uns gewollt oder ungewollt ein Rätsel bleiben. Wir verheimlichen unlautere Absichten, ambivalente und gehässige Gefühle oder peinliche Dinge, aber auch etwas, womit wir den Freund überraschen wollen; der Scharlatan, der Intrigant, der Denunziant gehen in der Maske der Unschuld und Ehrbarkeit einher, während sie ihre Fallstricke auslegen. Bisweilen wissen wir nicht, was den anderen umtreibt, weil er es selbst nicht genau weiß; der Unentschiedene, Zerrissene, Neurotische läßt uns mit unseren Zweifeln und Befürchtungen allein; die treue Desdemona wird das Opfer des Eifersuchtswahns Othellos; die treulose Helena bezaubert am Ende den Hahnrei Menelaos.

 

 

Jan 16 23

Wehmut wandelte durch Lauben

Auch in Träumen hast du wahr empfunden,
Herz, bist auch ergraut du schon,
Efeu hat sich um das Lied gewunden,
fahl umflammt von welkem Mohn.

Und die Wehmut wandelte durch Lauben,
hold von mondnem Tau geküßt,
wie sie dunkel gurrten, Turteltauben,
Lied, es floh ins Herzgenist.

Hände waren, die sich bang verschränkten,
Blick, der sich im Blick verfing,
Tränen, die ein schwaches Glänzen senkten,
das im Wortgestrüpp zerging.

Deiner Lider Monde wurden blasser,
und ich schöpfte aus dem Lauf
dir der Quelle klar ertöntes Wasser,
und du schlugst die Augen auf.

 

Jan 15 23

Nachtgang zum Maar

Dort hüllten uns die Schatten und was klang
wie Rieseln kühlen Wassers zwischen Gräsern
und Zwitschern aus den Zweigen, windgewiegt,
kam aus dem Quell des Traums, dem Herzgenist.
Damit im Dämmerwald wie Kindern uns
nicht bange ward, hast du vom süßen Brot
die Krümel ausgestreut, und Vögel kamen
um zu picken, ach, ihr trautes Rascheln
und ihr warmes Flattern gab uns Halt.
So gingen wir zum Ufer, wo das Schilf
der runden Bucht im Morgenwind gezittert,
er kam von Süden schon, sein Hauch war lau,
und Schaumgekräusel wogte auf dem Maar
wie zarte Spitzen, die er blind geklöppelt
und wieder löste, wenn er höher klomm
und Federn klaubte aus den Wolkenkissen.
Wer warst du denn, die Blüte aufzuheben,
die rötlich schimmerte am Ufersaum,
vielleicht Hibiskus, vielleicht Oleander,
wer war ich denn, sie dir ins Haar zu flechten,
worin noch perlend troff der nächtige Tau.
Daß wir es waren, die den Kahn bestiegen,
der geisterhaft im Röhricht hat geschwankt,
und trieben ruderlos auf einem Abgrund
eingeschreinten Feuers, und du schmiegtest
an meine Wange deine Wange. Glocken-
klänge, die vom andern Ufer wehten,
als riefen mütterlich sie uns zurück,
o innig angeschlagne fromme Bronzen.
Daß wir die Rufe hörten, wir sie hörten!

 

Jan 14 23

O grüne Nacht

O grüne Nacht der Jugendzeit. O Rinnen
von lichten Wasserkugeln über Locken,
die sich mänadentrunken ausgeschüttelt,
da lau in Binsen blies der Sommerwind.
Und Stimmen, Stimmen, liebesschwanker Nester,
gewiegt von Wellen, weichumflaumtes Lied,
o Wirbel, purpurn, in durchsummter Luft,
und auf den Wasserrosenblättern gingen
in seidnen Schnabelschuhen bunten Lichts
die Boten Edens, nackt und kußumwölkt.
Und Lippen waren, feuchte Siegel, rot
geflammt von gnadenfroher Psalmenlohe,
die süß durch Gras und Strauch geknistert
ein Lächeln über dunkle Wogen sprühte.
Wie ist all dies herabgesunken, bröckelt
wie welker Putz von Vorkriegsziegelmauern
im tristen asphaltierten Hinterhof,
wenn wankend wir am Fenster stehen, weiß
das Haar und grau das Herz, der schwarze Samt
der Nacht befleckt vom Grünspan eines toten
Steins. Und was da aus den Winkeln steigt,
aus dem Morast des abgetanen Lebens,
ist es das bange Fiepen einer Maus,
um die sich schon die kalte Tatze schmiegt?
Ist es der Wehruf der Erinnerung,
die einer Glucke gleich, die ihre Küken
um sich schart, und fühlt den Schatten schon,
den tödlichen, bevor er niederstürzt?

 

Jan 13 23

Begriffliche Klärungen II – Prüfen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die sittliche Norm kann sich auf natürliche Tatsachen stützen, aber wird durch diese nicht gerechtfertigt; wie sich die Zügelung des Eros durch die familiäre Liebe und die monogame Ehe auf die natürliche Tatsache stützen kann, daß nur ein Mann und eine Frau Kinder zeugen können, doch ist die eheliche Gemeinschaft eine kulturelle Einrichtung, keine natürliche Tatsache.

Wer in geselliger Runde oder in intimem Tête-à-Tête munter und unbefangen erzählt, tut dies ungezwungen und beiläufig; keinem seiner Worte geht ein bewußter Willensakt oder eine rationale Entscheidung voraus, und dennoch beugt er sich mit jedem Wort und jedem Satz unter das sanfte Joch syntaktischer Wohlgeformtheit, grammatischer Korrektheit und semantischer Deutlichkeit der natürlichen Sprache, sofern er der Höflichkeit, die dies ihm abverlangt, durch seine Geistesgegenwart und sprachliche Begabung nachzukommen vermag.

Die menschliche Sprache ist eine hybride Entität aus natürlicher Tatsache und kultureller Institution.

Ein grammatischer Fehler darf gerügt, eine Schwäche des verbalen Ausdrucks oder ein schiefes metaphorisches Bild können nur bemängelt oder bedauert werden.

Der Ausruf „Halt, es ist Rot!“ hat die natürliche Fähigkeit der Farbwahrnehmung und die kulturelle Konvention der Signalgebung zur Grundlage (wenn letztere sich auch wiederum auf die natürliche Assoziation der Farbe Rot mit der Ahnung oder Wahrnehmung einer Gefahr stützen mag).

Die Begriffsfelder, die unser Dasein als natürliche Wesen und unser Dasein als sprachlich-kulturelle Wesen umfassen, sind nicht deckungsgleich, sondern überschneiden sich, aber nicht im Sinne eines simplen Natur-Umwelt-Dualismus.

Wir sprechen von natürlicher Anmut und schreiben sie bevorzugt Haltungen, Gangarten, Gesten des weiblichen Geschlechts in der Zeit der Mädchenblüte zu. Gewiß ist der üppige Haarbusch, der im Rhythmus ihres tänzerischen Schrittes wippt, ein mütterliches Erbteil; doch die schelmisch-verführerische Art, wie die Kindfrau die Wimpern niederschlägt und die vollen Lippen schürzt, hat sie der gekünstelten Mimik ihres angebeteten Starlets abgeschaut.

Das biologische Schicksal irrt durch das Labyrinth des sozialen Lebens. – Der geistig minderbemittelte Dorftrottel schlich an den Häuserfronten entlang, verdingte sich bei den Bauern als Knecht beim Einfahren der Ernte oder beim Holzhacken; meine Großmutter reichte ihm durch das Fenster der Wohnstube ab und an eine Schmalzstulle; natürlich hatte er kein Mädchen, keine Kinder, nicht einmal einen Hund, aber manchmal saß er abends auf der Bank unter der großen Linde vor der Kirche und spielte auf der Mundharmonika. Und waren seine Melodien auch abgehackt und kunstlos, es ging doch eine Art schmerzlichen oder wehmütigen Zaubers von ihnen aus.

Nur Mozart hatte dieses mozartisch-überfeinerte Ohr, das sowohl die silbern perlenden Tropfen am Bug des Schiffs in der neapolitanischen Nacht vernahm als auch das Glucksen und Schluchzen der Schicksalswogen in der Nacht der eigenen Seele.

Die Tränen der Kleinen, deren Puppe sich ein Bein brach, künden uns von der verletzlichen Welt der menschlichen Seele; die Tränen Vergils, sunt lacrimae rerum, von der Tiefe dichterischen Empfindens.

Der Hund ist betrübt, wenn sein Herrchen ihn verläßt; aber nur Menschen trauern um den Verlust ihrer Liebsten, nur Menschen errichten auf den Fundamenten eines natürlichen Gefühls die kulturellen Mahnmale des Totengedenkens.

Auch wenn sein Herz schon heimlich für das Idol einer neuen Leidenschaft brannte, der Witwer trug nach lange die schwarze Binde am Ärmel.

Der Bahnbedienstete prüft unter Vorgabe einer amtlichen Liste über die zulässigen Werte die Angaben auf dem Wagenzettel.

Der Laie überprüft die Gültigkeit des Schemas eines Schlusses oder einer Formel, indem er probeweise die Variablen durch Argumente und spezifische Daten ersetzt, der Fachmann, indem er sie aus anerkannten Axiomen ableitet.

Die Mannigfaltigkeit von Prüfverfahren: die Elastizität und Tragfähigkeit einer Schnur durch Dehnen und Belasten prüfen; den Zustand der Räumlichkeiten in Augenschein nehmen; die Identität des Täters mittels Gegenüberstellung, anhand von Indizien, aufgrund eines DNA-Abgleichs in der Datenbank ermitteln; die Zuschreibung eines Manuskripts aufgrund eines Vergleichs mit anerkannten Autographen bestimmen; den vorlauten Schüler einer geharnischten Prüfung seiner Grammatikkenntnisse im Lateinischen unterziehen; den Agenten, den Kameraden, den Freund hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit, Loyalität und Treue auf Herz und Nieren prüfen.

Das nüchterne Geschäft des Philosophen oder desjenigen, der in seine Fußstapfen tritt: Begriffe auf ihre Anwendbarkeit, Aussagekraft, Kohärenz und Konsistenz prüfen.

Aus der Tatsache, daß wir den Begriff einer Seele nicht auf physische Entitäten anwenden oder mittels Gehirnscan verorten können, zu folgern, er sei ein Scheinbegriff ist ebenso verfehlt und töricht, wie aus der Unsichtbarkeit dessen, was wir eine Fähigkeit oder Disposition nennen, wie die Fähigkeit, Gleichungen zu lösen, oder die Disposition, auf visuelle oder auditive Signale sachgemäß zu reagieren, auf ihre Irrealität und Scheinexistenz zu schließen.

Die Adäquatheit der Anwendung eines Begriffs zu prüfen erfordert seine Einordnung in ein Begriffsfeld, dessen einfachstes Modell aus dem Begriff und seinem Gegenbegriff besteht.

So scheinen wir mit dem Begriff der Lust und seinem Gegenbegriff Unlust ein einfaches Modell zur Interpretation tierischen und menschlichen Verhaltens in Händen zu halten; so glaubten es jedenfalls antike Denker wie Epikur, Platon und Aristoteles und neuzeitliche wie die englischen und französischen Empiristen und Aufklärer, aber auch Freud und seine Schüler.

Doch bei näherer Betrachtung zerfällt der Begriff der Lust in eine Mannigfaltigkeit von Begriffsschattierungen und Bedeutungen, die wir nicht mehr in ein polar aufgespanntes Begriffsfeld einordnen können: Menschen kennen jedenfalls, um nur diese Varianten zu nennen, das sinnliche Vergnügen aufgrund der Befriedigung eines physischen Mangels als auch das ästhetische Vergnügen bei der Betrachtung eines Kunstwerks oder beim Hören von Musik.

Das sinnliche Behagen und ästhetische Vergnügen des Gourmets an den verlockenden Gerichten der Haute Cuisine und dem sublimen Geschmack des Rheingauer Weines ist keine bloße Variation und Modifikation des schmatzenden Behagens, mit dem sich ein ausgehungerter und durstiger Mensch über eine Schmalzstulle und ein Glas Wasser hermacht.

Wir gehen nicht ins Konzert, um einen ästhetischen Mangel zu beheben, wie wir ins Restaurant gehen, um unseren Appetit zu stillen.

Wir haben einen guten Grund, ins Konzert zu gehen, wenn wir uns die Interpretation der Klaviersonate durch den vielgepriesenen neuen Virtuosen zu Gemüte bringen wollen; doch ein solcher Grund ist nicht mit dem triebhaften Verlangen des Säuglings nach der Mutterbrust zu vergleichen.

Weil normative Begriffe wie die Verpflichtung, das Versprechen, die Verantwortung oder die Loyalität ein autonomes Begriffsfeld aufspannen, kann das sogenannte Lustprinzip kein allgemeiner Begriff sein, unter den sich alle Formen und Varianten menschlichen Verhaltens als Arten und Unterarten subsumieren ließen.

Wer dem sinnlichen Behagen nicht widerstehen konnte, das ihm das weiche Kissen und die wärmende Decke spendeten, war schlicht zu faul, sich aus den Federn zu erheben, um seiner Verpflichtung und Verantwortung als Lehrer, Krankenschwester oder Busfahrer nachzukommen, und wird von uns zurecht getadelt.

Wären Lust, Vergnügen und sinnliches Glück, ja Glück überhaupt und sans phrase, dasjenige, was Menschen zu ihrem alleinigen Zweck und Ideal erheben sollten (wie es in der Tat die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die amerikanische Verfassung vorsehen), fänden wir allerdings Erfüllung in jenem amoralischen Utopia des letzten Menschen, dessen Gehirn vom Rest des Körpers befreit in einer klinischen Nährlösung für eine technisch eroberte Unsterblichkeit aufbewahrt und von einer raffinierten künstlichen Intelligenz mit allen erdenklichen Reizen stimuliert wird, denen halluzinatorische Bilder, Klänge und Düfte von paradiesischer Schönheit unmittelbare Erfüllung und Entspannung gewähren.

Freude unterscheiden wir von Lust, insofern ihr ein Moment überwundener Mühe oder Angst, gleichsam ein Sieg über die Schwerkraft, innewohnt.

Die Perversion ist nicht das bloße Übermaß sinnlicher Genüsse, sondern ihre Ablenkung von fruchtbaren Zielen durch die mehr oder weniger starke Beimischung des Sterilen, Destruktiven und Bösartigen. So ist die Schadenfreude die Perversion der echten uneigennützigen. Fetischismus, Voyeurismus und Exhibitionismus sind Scheinbefriedigungen am Surrogat und imaginären Objekt, Masochismus und Sadismus Formen der Entpersönlichung und Entstellung im Schmerz, den man sich selbst oder anderen zufügt.

Die philosophische Betrachtung der Perversionen führt uns wie überhaupt die Psychopathologie zur Vertiefung, Differenzierung und Erweiterung des Begriffsfelds, in dessen Zentrum der Begriff einer Person steht.

Pervers können wir (und dies ist im hohen Grade bemerkenswert) sowohl mit den biblischen Autoren als auch mit Sigmund Freud das vom letzten Ziel der Fruchtbarkeit abgelenkte Begehren nennen; freilich ist Perversion kein deskriptiver, sondern ein normativer Begriff, er orientiert sich daher nicht am Regulativ der natürlichen Neigung zwischen Mann und Frau, sondern an den kulturellen Rollen von Vater und Mutter, auch wenn diese nur auf dem Hintergrund der natürlichen Funktionen von Zeugung und Geburt definiert werden können.

Bekanntlich heißt Vater zu sein mehr als gezeugt zu haben; väterliche Autorität in liebender Fürsorge und weiser Vorsorge auszuüben geht über die natürliche Mitgift väterlicher Zuneigung hinaus.

Das Erbrecht ist die Bahnung zur Hochkultur.

Geschichte beginnt, wenn der Sohn über dem Grab des Vaters ein Mal errichtet.

Idealistische und religiös inspirierte Denker von Platon und Augustinus bis zu Descartes und Kant stützten die Idee der Unsterblichkeit der Seele auf den Begriff ihrer Unteilbarkeit; was wie Materie geteilt werden kann, falle der Auflösung und Vernichtung anheim, die Seele aber, als bestünde sie aus einer ätherischen Substanz, sei unteilbar. Farb- und Klangeindrücke, die uns ständig geschehen, sind freilich nicht in einem irgend plausiblen Sinne teilbar, sie vergehen, verlöschen, verklingen. Der Begriff der Teilbarkeit und Unteilbarkeit ist auf das, was wir Seele nennen, nicht anwendbar. Folglich gibt uns das Argument ihrer Unteilbarkeit keinen Grund, ihre Unzerstörbarkeit und Unsterblichkeit anzunehmen.

Der Satz des Pythagoras, der Modus ponens und die Gültigkeit der binomischen Formeln können nicht anhand empirischer Belege überprüft, bestätigt oder widerlegt werden.

Wissenschaft ist die Aufstellung von Hypothesen zur Erklärung und Voraussage von Sachverhalten; sie können anhand empirischer Belege überprüft, bestätigt oder widerlegt werden.

Menschen sind keine Verbindungen von Seele und Leib, Körper und Geist, sondern Personen, denen wir seelische, geistige und körperliche Zustände zuschreiben.

Personen sind raumzeitlich lokalisierbar, nicht aber ihre seelischen und geistigen Zustände, auch wenn wir ihre neuronalen Korrelate lokalisieren können.

Der Begriff einer Person gehört verschiedenen, sich überschneidenden Begriffsfeldern an wie denen des Rechts, der Psychologie oder Kriminologie. Ihre Einheit resultiert aus der Möglichkeit, Personen anhand spezifischer Kriterien zu identifizieren wie der von ihnen durchlaufenen Raum-Zeit-Kurve, ihrer DNA oder der Eindrücke, die sie bei anderen Personen hinterließen, wenn diese auch nur den Wert von Hypothesen haben und problematisch bleiben.

Wir haben, ernüchtert durch das Geschäft begrifflicher Klärungen, keine ewigen metaphysischen Wahrheiten oder grandiosen Ausblicke auf eine geläuterte Menschheit zu verkünden, keine Gewißheiten zu bestätigen, keine Ideologien zu vertreten. Der Geschichtsphilosoph marxistischer oder hegelianischer Provenienz ist uns fremder als ein sibirischer Schamane, der Diskursethiker und Moralphilosoph kantianischer Prägung fremder als ein antiker Gnostiker, der postmoderne Ekstatiker nietzscheanischen Zuschnitts fremder als ein Dionysospriester des Altertums.

Begriffsjongleure sind keine Denker, sondern käufliche Artisten auf dem lärmenden Markt der gängigen Meinungen.

Man wittert die Absicht und wendet sich ab von dem süßlichen Geruch des Menschelns und Scharwenzelns, um das Freie zu suchen. Bläst dort auch der kalte Wind der Einsamkeit, er bringt uns doch die unentbehrliche Frische und Kühle geistiger Klarheit.

 

Jan 12 23

Die verschollene Knospe

Wenn Wasser schimmern unter Weidenranken
von einem Mond, der schon verrinnt,
will unser Schmerz auf trunknen Wellen schwanken
mit Knospen sacht im Abendwind.

Es schwirren noch im Röhricht heiße Stimmen,
ein Kuckuck ruft sein „Komm zurück!“,
die Knospe mag ins süße Dunkel schwimmen,
verschließen ihren Sehnsuchtsblick.

Und kommt die Nacht mit sanft erhellter Stille,
kann Venus selbst nicht mehr verstehn,
daß ihr im Traum die bleiche Träne quille.
Das Herz vergaß, weshalb, um wen.

Magst rosenfingrig nach ihr tasten wollen
im Laubwerk, Eos, um den See,
die Knospe hoher Dichtung ist verschollen,
Schmerz taute auf den Blütenschnee.

 

Jan 11 23

Was ins Leere pocht

Da ist die Decke, dich zu hüllen,
das Kissen für das müde Haupt,
sind Rosen, wo noch Tropfen quillen,
bist selbst verdorrt du auch, entlaubt.

Die Tauben sind nicht mehr gekommen,
die oft, was du gestreut, gepickt,
des Herbstes Farben sind verglommen,
Schnee hat die Glut der Frucht erstickt.

Wie Schatten geisterhaft aufwehen,
tropft einer Kerze Honigdocht,
und hörst du dumpfe Schritte gehen,
dein Herz ist, was ins Leere pocht.

Gedachtest du der Jugendtage,
da dir umsungen hat den Kiel
die Woge lichter Liebessage,
wie schmerzlich-süß war das Gefühl.

Nun ist in hoher Nacht erschienen
Gestirn, das dich ins Schweigen weist,
der Flamme glaubtest du zu dienen,
kalt ist der Geist, ist schon vereist.

 

Jan 10 23

Die beiden

Er barg in seiner Hände weiße Schale
das Angesicht, das knospengleich
so trocken ward und welk und wüst vom Strahle,
und war einmal im Lächeln weich.

Sanft hat herab die Hände sie gebogen
wie Zweige, und wo Laub noch war,
ist helles Flattern hin- und hergeflogen,
der Küsse kleine Vogelschar.

Und streckte er ins Gras die müden Glieder,
den hohlen Bienenkorb, das schwanke Haupt,
das Summen, nein, das süße kommt nicht wieder,
die Waben, sie sind ausgeraubt.

Sie hat, als wär es Staub von Schmetterlingen,
ihr Mal gehaucht auf seine Stirn,
und schlief er schon, er hörte sie noch singen,
wie Wasser schluchzt, taut auf der Firn.

 

Jan 9 23

Begriffliche Klärungen I

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Zuerst kommt die Beobachtung der Tag- und Nachtfolge, der Bestimmung des Monats anhand der Mondphasen, des Jahres anhand der Jahreszeiten und des Wechsels in den Tagesdauern; der reinen Beobachtung folgt die immer verfeinerte Zeitmessung anhand von technischen Erfindungen und Meßgeräten von der Sonnenuhr und Sanduhr über die feinmechanische Uhr bis zur Atomuhr.

Vom Begriffsfeld der Chronometrie unterscheiden wir dasjenige, in dem sich unser Umgang mit Zeit niederschlägt: Zeit und keine Zeit haben, sich sputen, die Zeit vertrödeln, die Zeit einteilen, Zeit schinden, Tagebuch führen, Jahresberichte und Annalen anlegen, nach dem Terminkalender leben, von Termin zu Termin hetzen, der Muße pflegen, sich langweilen.

Vom Chronos und Kairos der Griechen bis zur Subjektivierung der Zeit als inneres Erlebnis beu Augustinus, als reine Form der Anschauung, der Zeit als innerer Sinn bei Kant, des Zeitbewußtseins bei Husserl und gleichsam wieder zurück zum Chronos und Kairos im Seinsereignis bei Heidegger.

Die Subjektivierung der Zeit als Ablesung gleichsam einer inneren Uhr folgt der trügerischen Fährte der Modellierung des menschlichen Geistes anhand epochaler Techniken: vom Modell des Uhrwerks über das Modell der telefonischen Schaltzentrale bis zum Computermodell.

Das Begriffsfeld, in das wir die historische Zeit einteilen, beruht auf den Begriffen, die uns die Arten der Zeiterfassung und die Chronologie bereitstellen, aber seine Bedeutung ist davon unabhängig.

Die Vereinheitlichung der Weltzeit ist ein Niederschlag des Siegs der europäischen Kultur und der westlichen Technik über den Rest der Welt. – Sie könnte mit dem Zerfall der westlichen Zivilisation selbst zerfallen, und die lokalen und regionalen Chronologien, wie wir sie bei Juden und Arabern finden, könnten wieder zur Geltung kommen.

Uns betört der schluchzende Gesang der Nachtigall, und seine süßen Töne hallen wider in der Dichtung des Abendlands. – Der Evolutionsbiologe erklärt uns, daß ästhetische Qualitäten oder das, was wir schön nennen, der Steigerung von männlicher Attraktivität bei der sexuellen Selektion und Partnerwahl durch die Weibchen dienen, also der Optimierung der genetischen Fitness. – Gut und schön. Aber Keats schrieb sein Gedicht an die Nachtigall nicht, um welche Frau auch immer von seiner genetischen Fitness zu überzeugen.

Den Dichter fasziniert der Gesang der Vögel gerade deshalb, weil er in ihm eine Form der absichtslosen Mitteilung und des rational nicht gebundenen Ausdrucks findet.

Die Funktion erklärt nicht die Bedeutung.

Die Funktion der Verehrung von Gottheiten und des Charismas des Heiligen, erklären uns die Aufklärer von Epikur und Lukrez bis zu Feuerbach und Freud, ist psychologisch die Bannung der Todesangst und soziologisch die Stabilisierung der Gruppenidentität. – Aber Johannes vom Kreuz reißt den Frommen in die Nacht der Seele und der heilige Franz führt seine Schar aus den schützenden Mauern der Civitas unter den freien Himmel barfüßiger Pilgerschaft.

Philosophieren besteht nicht in der Ausbildung von Theorien.

Theorien sind Hypothesen über das Zustandekommen und Funktionieren eines bestehenden Sachverhalts und die Suche nach empirischen Belegen für ihre prognostische Aussagekraft. – Die physikalische Theorie erklärt die bekannten Eigenschaften von Wasser mit der Annahme, daß es aus Molekülen mit zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht. Die Theorie erklärt die Tatsache, daß Wasser unter 0 Grad Celsius gefriert, mit der Annahme, daß sich unter diesen Bedingungen die Atome des Wassers kristallförmig anordnen.

Der Ökonom erklärt die Veränderungen des Preises einer Ware auf dem freien Markt der Konsumgüter im Lichte der Annahme, daß Marktteilnehmer Konsumenten und damit bedarfsorientierte Wesen sind, die beispielsweise im Winter einen höheren Bedarf an Mänteln, Schals und Handschuhen oder Heizmitteln haben als im Sommer; bei gleichbleibendem Angebot steigen aufgrund gestiegener Nachfrage die Preise. Der Preisanstieg veranlaßt wiederum die Produzenten und Lieferanten von Mänteln, Schals und Handschuhen oder Heizmitteln, mehr Güter dieser Art auf den Markt zu werfen; aufgrund des gestiegenen Angebots aber fallen die Preise und stabilisieren sich auf einem mittleren Niveau.

Der Philosoph hat dem Physiker oder dem Ökonomen und anderen Vertretern wissenschaftlicher Theorien nicht dreinzureden und ins Handwerk zu pfuschen.

Wenn ihm allerdings der Evolutionspsychologe mit der Theorie kommt, das Schönheitsempfinden sei eine evolutionäre Zutat bei der sexuellen Selektion oder die Monogamie sei eine evolutionäre Strategie, die Menschen einem polygamen Verhalten deshalb vorziehen, weil sie bessere Aufzuchtbedingungen für den Nachwuchs bietet, weist er ihn rechtens in die Schranken, indem er auf begriffliche Konfusionen in seiner Theoriebildung hinweist: Denn die Bedeutung der Dinge, die wir als schön oder ästhetisch wertvoll erachten, läßt sich nicht auf ihre sexuelle Funktion reduzieren, und Monogamie ist kein Begriff einer natürlichen Tatsache, sondern einer sittlichen und rechtlichen Norm.

Der Philosoph bedarf zu seinem Geschäft der begrifflichen Klärung keiner empirisch-wissenschaftlichen Theorie, er vertraut auf die genaue Beobachtung und kritische Beleuchtung des Sprachgebrauchs und der Analyse begrifflicher Felder, ihrer Kongruenzen und Differenzen..

„Philosophische Theorie“ – schon steigt der rhetorische Nebel aus den Sümpfen in Fäulnis übergegangener Begriffe.

„Philosophen“ erklären uns, was wir Ich, Selbst, Bewußtsein und Selbstbewußtsein nennen, sei eine von neuronalen Prozessen verursachte Illusion und hausgemachte Selbsttäuschung. Aber wenn wir sagen „Ich verspreche dir, das geliehene Geld am Ende des Monats wieder auszuhändigen“, unterliegen wir keiner Illusion und Selbsttäuschung; es sei denn, wir täuschen uns über die Aufrichtigkeit unserer Intention oder wir täuschen den anderen, wenn wir von Anfang an die unlautere Absicht hegen, unsere Zusage zu brechen.

Von Täuschung und Illusion können wir nur im Rahmen eines Begriffsfeldes sprechen, in dem auch die korrespondierenden Begriffe wahrer Einsicht und korrekter Darstellung ihren konzeptuellen Ort und ihre systematische Stelle haben.

Wir sehen, der visuelle Cortex sieht nichts; seine neuronale Aktivität ist die conditio sine qua non, daß wir etwas sehen.

Der Philosoph, der eine Theorie über das Bewußtsein oder den menschlichen Geist entwirft und den Geist als Bewohner des Körpers (oder Kopfes) oder als Epiphänomen der Hirnaktivität beschreibt, verkennt die wesentlichen begrifflichen Unterschiede: Ich sage „Ich habe Kopfweh“ oder „Mein Kopf tut weh“, nicht aber: „Hier ist ein Kopf, der Schmerzen hat.“

Bios und Ethos, biologische und moralische Begriffe bilden Begriffskreise, die sich schneiden, aber nicht deckungsgleich sind.

Wäre die vaterrechtlich verfaßte Monogamie eine uns eingepflanzte natürliche Neigung, warum fühlte sich Augustus berufen, der Zersetzung der Ehe in den besseren Kreisen seiner Zeit mittels verschärfter Ehegesetze Einhalt zu gebieten, warum finden wir Völker, die ihre Verwandtschaftslinien nicht patrilinear ausrichten?

Wenn uns natürliche Scheu vor der Blutschande abhält, ist die Theorie über den Ödipuskomplex inkonsistent.

Das Gebot „Wachset und mehret euch!“ ist kein biologischer, sondern ein messianischer Auftrag an Abrahams kleine Schar, es galt dem Wachstum des einen Stammes, auf daß er das edle Reis, die einzigartige Blüte hervorbringe.

„Philosophen“ wie Habermas vermischen auf unzulässige, aber seriös anmutende Weise pseudowissenschaftlichen Jargon mit politisch-moralisch korrekten Bekenntnissen. Daher das trügerisch Schillernde ihrer Diktion, die sich von wissenschaftlichen Theorien wie denen der Soziologie unverdiente Lorbeeren abgreift und sie mit dem Weihrauch pseudoreligiöser Verkündigungen und Prophetien auf eine von den Lastern des Kapitalismus und den zweckrationalen Diskursen des Bourgeois zur Endlos-Talk-Show befreite Menschheit umwölkt. Daher auch ihr ungeheurer Erfolg bei der leichtgläubigen Menge.

Schon immer haben Philosophen, den Theologen darin nicht unähnlich, dem Alltagsleben, den Technikern, den Naturkundlern oder Historikern auf unlautere Weise Methoden und Konzepte entwendet und sie begriffsblind auf Felder übertragen, wo sie nicht anwendbar sind und versagen müssen; man denke nur an den Seelenwagen Platons, die Atomtheorie mentaler Vorgänge wie des Sehens bei Epikur und Lukrez, die zwischen Geist und Körper korrespondierende Drüse des Descartes, das monadologische Uhrwerk bei Leibniz, den sich in historischen Persönlichkeiten wie Cäsar oder Napoleon verkörpernden und sich in übergesetzlichen und übermoralischen Staatsaktionen austobenden Weltgeist eines Hegel, den Élan vital eines Bergson, die Kausaltheorie der Wahrnehmung bei Russell, die pseudowissenschaftliche Metaphysik eines Whitehead, die Computertheorie des Geistes der Funktionalisten, das egoistische Gen, die Biomaschine und die Meme eines Dawkins oder die Identität von Geist und Gehirn der Neurophilosophen.

Ich schreibe meinem Freund eine Mail in der Absicht, ihn zu einem Treffen einzuladen; die Aktivitäten der Neuronen in meinem Gehirn, die diesen Vorgang als eine conditio sine qua non begleiten, sind nicht die Ursache meiner Absicht; sie wäre sonst keine Absicht, sondern eine kausale Folge dieser Aktivitäten.

Absichten sind keine mehr oder weniger wahrscheinlichen Voraussagen über zukünftiges Handeln.

Wäre mein Geist mein Gehirn, müßte ich, nachdem ich die Mail geschrieben habe, mir die offenkundig absurde Frage stellen können, ob ich mit ihrer Abfassung die Absicht verfolgt habe, meinen Freund einzuladen.

Begriffe wie Absicht, Wunsch, Erwartung, Erinnerung, Hoffnung oder Enttäuschung sind keine wissenschaftlichen Begriffe, keine theoretischen Terme.

Wäre mein Geist mein Gehirn, hätten alle Worte, die ich äußere, die Bedeutung der Laute, die ein Papagei nachplappert, nämlich keine.

Die Behauptung, Kunstwerke seien zumindest all jene Werke, die einer Ausstellung in einer Galerie oder einem Museum für wert befunden worden sind, ist ebenso töricht wie jene, zur geistigen Elite zählten zumindest all jene Personen, die eines akademischen Titels für würdig befunden worden sind; doch daß viele von diesen bei ihrer Examensarbeit oder ihrer Dissertation bloß zeitgeistigen Jargon abgesondert, gepfuscht oder abgeschrieben haben, ist längst kein Geheimnis mehr.

Das Gedächtnis ist keine mentale Galerie von Erinnerungsbildern und kein Archiv von Dokumenten über vergangene Ereignisse; es ist die Fähigkeit, einmal Erfahrenes, Gelerntes, Gewußtes zu vergegenwärtigen.

Erinnerung ist nicht die kausale, neuronal markierte Folge vergangener Ereignisse, sonst wäre der Schmerz in meinem Fuß, den ich mir vor Tagen bei einem Unfall gebrochen habe, eine Erinnerung an den Unfall.

Fake-Philosophen fragen, um zu erklären, was wir mit „Erinnerung“ meinen, nach dem Ort des Gedächtnisses im Gehirn. Aber Fähigkeiten und Dispositionen haben keinen Ort; Hirnregionen wie das Kleinhirn und die frontalen und temporalen Lappen sind die conditio sine qua non für unsere Fähigkeit, uns zu erinnern, wie der motorische Kortex und die Beine für unsere Fähigkeit, zu gehen und zu rennen.

Nicht: „Mein visueller Cortex sah“, nicht: „Meine Augen sahen“, sondern: „Ich sah.“

Die Zutaten der Suppe, die wir ein Leben lang auszulöffeln haben, entstammen der Hexenküche der Biologie, wie die Tatsache, daß wir Männer oder Frauen, intelligent oder begriffsstutzig, feinfühlig oder stumpfsinnig, draufgängerisch oder ängstlich, introvertiert oder extrovertiert sind. Ist auch der Grad der Fähigkeit, moralisch zu handeln, uns in die Wiege gelegt?

Wir können nur sagen, daß Normen, die sich in Gesetzen, Vorschriften, Regeln oder Direktiven manifestieren, nicht zum Begriffsfeld erklärender Hypothesen und statistischer Wahrscheinlichkeiten gehören. Die Hypothese über mangelnde oder ausreichende Begabung erklärt das Versagen des einen und den Erfolg des anderen Schülers. Der begriffsstutzige Schüler vermag die Gleichung nicht zu lösen, Tadel ist in seinem Falle nicht nur zwecklos, sondern unangebracht; der intelligente, der es könnte, ist zu faul oder renitent und kann aus diesem Grund getadelt werden.

In der Welt der Maschinen, ob zweckdienlicher Roboter oder administrativer Staatsmaschinen, gibt es keine Moral.

Die Fähigkeit, eine moralisch angemessene oder unangemessene Entscheidung zu treffen, sprechen wir der einzelnen Person, keinem Kollektiv und keinem Apparat zu.

Moralisch wertvolle Taten können durchaus spontan sein; der aufmerksame Passant, der das Kind, kurz bevor es in das heranrasende Auto gerannt wäre, auf den Bürgersteig zurückriß, ließ seiner Tat keine zeitraubenden moralphilosophischen Überlegungen vorangehen, er hat nicht aufgrund wohlweislicher Erwägung eine Entscheidung getroffen, er hat gar keine Entscheidung getroffen und spontan oder instinktiv gehandelt. Auch was wir spontan oder instinktiv tun, kann sich a posteriori als moralisch richtig erweisen. Wir können nicht jede moralische Tat zuvor auf ihre Konsistenz mit dem moralischen Imperativ eines Immanuel Kant prüfen.

Wäre der aufmerksame Passant ein Mafioso und erkennte in dem gefährdeten Kind den Sprößling des Chefs der mit der seinen auf Leben und Tod verfeindeten Bande, des Anführers, der kürzlich seinen jüngeren Bruder auf heimtückische und bestialische Weise ermordet hat – wir scheuen uns, das Entsetzliche zu notieren. – Daraus aber folgt, daß selbst der Anteil unseres moralischen Empfindens, der sich in spontanen Handlungen kundtut, nicht tief im menschlichen Geist oder ungleich tief in verschiedenen Individuen verwurzelt ist.

Dem vom grauen Star Heimgesuchten legt sich ein Schleier über die Farben des Lebens. Der vom trüben Geist des baudelaireschen Ennui Heimgesuchte hat den lebendigen Bezug zu ihnen verloren, und habe er auch auf die Inseln der Seligen und in das üppige Prangen der tropischen Paradiese gefunden.

Wir können uns im Farbwert des Gesehenen täuschen, aber nicht darin, daß wir etwas sehen.

Zu sagen, alles, was wir sehen, ist eine Illusion, denn die wahre Realität, die aus Atomen und Quanten besteht, sehen wir nicht, ist in etwa so töricht, wie zu sagen, wir könnten nie wissen, was ein anderer mit dem meint, was er sagt, weil die Bedeutung, die er den Worten gibt, von derjenigen, die wir ihnen geben in einem Maße abweichen kann, das uns für immer verschlossen bleibt.

Wir töricht, der Paradoxie in der Behauptung nicht inne zu werden, unser mentales Leben sei das notwendige Produkt einer unhintergehbaren Selbsttäuschung.

Ich habe keinen Grund für die Äußerung zu vermelden, daß ich Schmerz empfinde; dagegen kann ich den einen oder anderen Grund nennen, warum ich von einem anderen sage, offensichtlich habe er Schmerzen oder er simuliere nur Schmerzgebaren.

Ich vermag echte von Krokodilstränen zu unterscheiden; aber nicht, weil die ersten unmittelbar aus der Innenwelt des anderen rinnen, während die zweiten sie verbergen. – Die falschen Tränen sind nicht weniger aussagekräftig als die echten.

Wir wissen nicht oder verkennen, was andere im Schilde führen, die ihre Absichten und Regungen geschickt vor uns verheimlichen. – Aber ein falsches Lächeln, ein Versprecher, eine schiefe Geste können ihre geheimen Absichten schlagartig zutage fördern.

Der Heiratsschwindler bedient das gleiche Repertoire an Gesten der Zuwendung in erniedrigender Absicht, das den Liebhaber in den Augen der Angebeteten zu erhöhen vermag.

Der Physiker kann voraussagen, wie sich die Eigenschaften und Aggregatzustände von Wasser unter modifizierten Bedingungen verändern; doch die statistischen Annahmen des Ökonomen lassen keine Voraussage über das Verhalten der einzelnen Marktteilnehmer zu; der eine kauft bei einbrechender Winterkälte Handschuhe, Schal und Mantel, der andere verkriecht sich hinter den Ofen.

Die Äußerungen und das Gebaren anderer sind uns oft unzugänglich und rätselhaft, doch nicht, weil die mentalen Zustände ihres Geistes im Gegensatz zu unseren eigenen uns nie zu unmittelbarer Kenntnis gelangen, sondern weil sie etwa selbst nicht wissen, was sie meinen und was sie wollen, weil sie sich über ihre Absichten im unklaren sind oder sich über ihre Gefühle und Antriebe täuschen.

Der Unsichere vollführt schlackernde, fahrige, zweideutige Bewegungen.

Wäre der Hund in der Lage, eine Autobiographie zu schreiben, sein Herrchen würde sich darin nicht wiedererkennen.

Tiere leben nicht in der Zeit des Menschen; der Hund könnte sich nicht sagen: „Hoffentlich kommt Herrchen morgen nicht wieder so spät nach Hause!“

Den Toten ein Zeichen zu setzen, ein Mal zu errichten, markiert den Anfang der menschlichen Kultur.

Das Mißtrauen sieht die klaren Farben des Lebens durch einen dunstigen Schleier.

Der Empfindliche hört noch einen verächtlichen Ton im leicht hingeworfenen „Lebe wohl!“.

Der Paranoide schmeckt im Kuß das Gift.

Der Wirrwarr und die Unaufgeräumtheit der menschlichen Seele, von denen die alten Theologen meinten, sie entstammten der Ursünde, geben uns den Stoff und die Motive sowohl der Komödien als auch der Tragödien, die in unseren Wohn- und Schlafzimmern stattfinden.

 

Jan 8 23

Im Laub der Dämmerung

Das Lied, das dunklem Grund entquollen
und hat geglänzt im Morgenrauch,
im Laub der Dämmerung verschollen
ist uns sein Licht, sein Laut, sein Hauch.

Die Blüten, die an Zweigen sprossen,
die sich dem grünen Strom geneigt,
ein Raub des Winds sind sie geflossen
in Fernen, wo die Muse schweigt.

Die Freunde, die am Feuer sangen
und küßten sich mit feuchtem Blick,
ins Südlicht sind sie fortgegangen,
als Schatten kehren sie zurück.

Dir, Liebe, ist im Schlaf geronnen
die Träne vom entrückten Lid,
und war er dunkel auch, der Bronnen,
sie hat im fahlen Mond geglüht.

 

Jan 7 23

Laß uns mit den Flüssen eilen

Laß uns mit den Flüssen eilen
bis zum offnen Ozean,
laß im blauen Glanz uns weilen,
Tropfen auf dem Enzian.

Liegt das Veilchen auf der Schwelle,
hast es du mir ja gepflückt,
ich gab dir die Mirabelle,
daß ihr Leuchten dich entzückt.

Laß uns mit den Nebeln steigen
ins azurne Mittagsblau,
laß im Abendrot uns schweigen,
träumend rinnen mit dem Tau.

Mußte auch das Veilchen blassen
und die Wange ward dir bleich,
süße Glut hat uns gelassen
Fleisch der Frucht, von Sonnen weich.

 

Jan 6 23

Nasenstüber – Diurnum philosophicum IV

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wie ein Nasenstüber sei, was uns weckt und zu denken anregt.

Opposition und Widerspruchsgeist stabilisieren die Zustände.

Der Opponent ähnelt nach und nach dem, wogegen er anrennt.

Der Fromme gleicht mehr und mehr dem Unhold, den er bekämpft, in Grund und Boden predigt, mit Weihrauch zu ersticken sucht, vor dem er das Kreuz schlägt.

Ah, die Schlingen des Begriffs abwerfen, Subjekt und Objekt, Wesen und Erscheinung; doch selbst darin noch, im Abwerfen und Loswerden, welches Würgen, welches Röcheln.

„Der Schein trügt: Auch wenn er ein korrektes Deutsch spricht, von Haus aus ist er Engländer, und seine Muttersprache ist das Englische.“ Hier geht alles mit rechten Dingen zu, und was wir auf solche und ähnliche Art äußern, ist sinnvoll, wenn auch trivial.

Dagegen: „Du bist wohl ein Mensch, aber in Wahrheit bist du eine von einem genetischen Programm aufgebaute und von neuronalen Prozessen gesteuerte biologische Maschine.“ – Auf diese Weise können nur Philosophen die Sprache mißbrauchen.

Der Säugling schreit, sein Schreien, sagen wir, ist ein unmittelbarer und unwillkürlicher Ausdruck seiner Befindlichkeit, von Hunger, Durst, Unbehagen, Angst. – Die Mutter eilt herbei, um ihn zu stillen, zu säubern, zu wiegen, zu beruhigen. Dieser Vorgang wiederholt sich. Schließlich sind wir geneigt zu sagen: Der Säugling schreit nach seiner Mutter, er schreit, damit seine Mutter zu ihm komme.

Aber diese Deutung geht fehl, solange das Schreien des Säuglings das Verhalten der Mutter unwillkürlich und nicht durch eine willkürliche Signalisierung auslöst.

Wenn unsere Verlautbarungen und Sprechakte das Verhalten anderer willkürlich oder willentlich aufgrund ihrer zweckdienlichen Ausrichtung und Formung auslösen, treten wir in den semantisch-logischen Raum des sprachlichen Handelns, in dem gilt: Wir hätten auch schweigen können.

Wir können voraussagen, daß der Säugling, bedrängt vom Gefühl des Mangels, schreien wird; wir können nicht voraussagen, ob der Angeklagte vor Gericht reden oder schweigen wird.

Wenn der Angeklagte die Absicht hegt, vor Gericht zu schweigen, macht er keine Voraussage über den Eintritt eines mentalen Zustandes, der ihm die Rede verunmöglicht; denn nicht sprechen können heißt nicht schweigen.

Das Wörterbuch kann als Instrument der Verständigung, aber auch als Repräsentation des Sprachschatzes zweier natürlicher Sprachen betrachtet werden.

Die topographische Karte kann als Instrument und Mittel der Orientierung, aber auch als projektive Abbildung einer bestimmten geographischen Fläche betrachtet werden.

Das Gedicht kann als Mittel betrachtet und benutzt werden, den Hörer oder Leser in einen bestimmten mentalen Zustand, eine seelische Gestimmtheit, zu versetzen; aber unabhängig von jeder konkreten kommunikativen Situation betrachtet ist es ein Gewebe von mehr oder weniger ungewöhnlichen Wörtern und Wendungen, die in einen eigentümlichen Rhythmus eingebettet sind, der sich von Vers zu Vers und Strophe zu Strophe wiederholt.

„Ich bin hier“ ist die Grundaussage sprachlicher Pragmatik.

„Ich bin hier“ – töricht zu fragen, ob sich der Sprecher nicht vielleicht irre, sinnlos, Zeugen für das Gesagte ausfindig machen zu wollen.

„Ich war dort“ ist die Grundaussage sowohl des autobiographischen Berichts wie der erzählenden Prosa.

„Ich war dort“ – hier können wir, wenn es sich um einen autobiographischen Bericht handelt, nach den zeitlichen und räumlichen Koordinaten fragen, aber auch nach Zeugen, die eine solche deskriptive Aussage bestätigen oder nicht bestätigen.

„Auch ich war in Arkadien“ – hier erfassen wir den imaginären Charakter mythischer Raum-Zeit-Koordinaten und zugleich den fiktiven Charakter der Sprecherposition des Gedichts. Töricht, nachprüfen zu wollen, ob der Sprecher wirklich dort gewesen ist, wo niemand gewesen sein kann.

Wir können aus den Beschreibungen im sechsten Buch der Äneis eine Karte der mythischen Jenseitslandschaft mit ihren Wegen und Flüssen, Sümpfen, Hainen und Inseln der Seligen mit denselben Darstellungsmitteln entwerfen, die wir für die Erstellung einer topographischen Karte Irlands verwenden. Der Unterschied liegt in der Art ihrer Verwendung: Die Karte der mythischen Unterwelt dient uns zur Orientierung bei der Lektüre Vergils, die Karte Irlands der Orientierung bei unserer Wanderung von Dublin nach Connemara.

Ich glaubte, gestern auf der anderen Straßenseite Peter zu erkennen; doch wie sich herausstellte, war es sein Zwillingsbruder Paul. Dagegen ist es unsinnig sich vorzustellen, Odysseus sei bei den Phäaken nicht Nausikaa, sondern ihrer Zwillingsschwester begegnet.

Dem Astronomen hilft sein Wissen über den Mond keinen Deut, um Goethes Gedicht „An den Mond“ zu verstehen.

Der Physiologe, der den neuronalen Hintergrund der Bewegungen unserer Sprechwerkzeuge untersucht, und der Physiker, der die von ihnen hervorgebrachten Luftschwingungen und Klangfrequenzen analysiert, helfen uns keinen Deut bei der Erhellung unserer Fähigkeit, die Bedeutung des Verlautbarten zu verstehen.

Die Erklärung der Bedeutung von Aussagen durch ihre psychologische Funktion ist nicht falsch, sondern unsinnig und verfehlt.

Die Erklärung der Bedeutung eines Gedichts durch seine psychologische Funktion, etwa eine Stimmung, ein Gefühl, eine visuelle Vorstellung hervorzurufen, ist nicht falsch, sondern verfehlt.

Wäre sie falsch, könnte man an den Psychologen die unsinnige Erwartung richten, eine bessere Erklärung zu finden.

Das Auge ist ein Teil der Welt, die es sieht.

Was Augen sehen, das Ding, die Landschaft, das Bild, ist weder im Auge noch im Kopf. Es ist gleichsam nirgendwo.

Wo ist, was Ohren hören, der Klang, das Wort, der Satz? Nicht in den Schwingungen der Luft, nicht in den Schwingungen des Trommelfells, nicht im Feuern der Neuronen.

Wir bewohnen das Haus, aber nicht unseren Körper.

Nur kleine Kinder glauben, sie werden unsichtbar, wenn sie die Augen schließen.

Wir können nicht sagen, wir hören den Klang und das Wort, wir verstehen den Satz, ohne daß ein anderer sagen könnte, er hört den Klang und das Wort und versteht den Satz.

Wir können die Tatsache, daß es regnet, nicht verstehen, ohne den behauptenden Satz, daß es regnet, bilden zu können. Freilich, wir können die Hand zum Fenster hinausstrecken und Regentropfen auf ihr empfinden. Doch die Empfindung der Nässe auf der Hand ist nicht die Feststellung der Tatsache, daß es regnet.

Freilich gelangen wir ohne die Empfindung der Nässe oder die Wahrnehmung der fallenden Regentropfen nicht zur Feststellung der Tatsache, daß es regnet.

Tatsachen existieren nicht ohne das Korrelat der Sätze, die ihre Existenz aussagen. Freilich, ihre Bestandteile wie Regentropfen existieren unabhängig davon, ob wir sagen, daß es regnet.

Der Zusammenhang von Empfindung und Wahrnehmung mit der Bildung von Sätzen, die einen bestehenden oder nicht bestehenden Sachverhalt ausdrücken, ist nicht kausal – also nicht naturwissenschaftlich mittels kausaler Erklärung ableitbar.

Wir hören Tropfen rieseln und denken, daß es regnet; aber der Nachbar im ersten Stock gießt seine Blumen auf dem Balkon.

Wir stellen bedauernd fest, der Freund sei trotz seiner Zusage nicht zu unserer Verabredung gekommen. Was nicht eingetreten ist und nicht existiert, die Tatsache, daß der Freund nicht erschienen ist, kann keinen kausalen Einfluß auf das ausüben, was wir sagen.

Wären wir nichts als durch genetische Codes aufgebaute und von neuronalen Prozessen gesteuerte biologische Maschinen, müßte nicht nur die sprachliche Kompetenz überhaupt, sondern die aktuelle Bildung und Äußerung von Sätzen mit rein naturwissenschaftlichen Methoden erklärt werden können. Aber der Satz „Wir können die Bildung und das Verstehen von sprachlichen Bedeutungen mit naturwissenschaftlichen Methoden kausal erklären“ kann mittels einer naturwissenschaftlichen Methode nicht kausal erklärt werden. Daraus folgt, daß wir keine rein biologischen Maschinen sind.

Wir können Sätze bilden, die Sachverhalte, die nicht bestehen, als bestehend behaupten; solche Sätze sind entweder falsch oder weder wahr noch falsch, sondern Bestandteile von fiktionalen Texten wie Märchen und Fabeln, in denen Tiere sprechen, wie Mythen, in denen Götter mit Menschenfrauen Halbgötter zeugen, wie Legenden, in denen Tote lebendig werden, oder wie Gedichte, in denen Quellen klagen und Blumen seufzen.

Die Annahme, die Muse habe Homer inspiriert, ist keine erklärende Hypothese für die in der Ilias verwendeten Sätze, die weder wahr noch falsch sind, weil sie dem Bereich mythischer Rede angehören. In welchem Labor, mit welchem Experiment sollte sie erhärtet oder widerlegt werden?

Um zu verstehen, was ein Sprecher meint, wenn er sagt: „Vorsicht, Stufe“, müssen wir die Äußerung als Warnung interpretieren; wenn er sagt „Die Sonne scheint“, je nach Kontext als Einladung zu einem Spaziergang oder als Feststellung einer Tatsache auf dem Hintergrund beispielsweise jener Tatsache, daß es soeben noch geregnet hat.

Doch der begriffliche Rückgang auf die Sprecherintention ist kein Universalschlüssel für jede Art sprachlichen Verstehens. Mag der Freund, der uns darüber aufklärt, daß dieser Baum keine Fichte ist, wie von uns angenommen, sondern eine Tanne, die Absicht haben, uns zu belehren, wir verstehen, was er meint, auch ohne Rückgriff auf die Sprecherintention.

„Jeder Mensch ist ein Künstler.“ – „Das An sich wird zum Für sich.“ – „Alle Menschen werden Brüder.“ – „Die Zahl 1 ist definierbar als die Menge aller Mengen, die nur ein Element enthalten.“ – „Der sinnvolle Satz ist ein Bild eines möglichen Sachverhalts.“ Wir können die Falschheit oder Sinnlosigkeit von Sätzen verstehen, ohne die Intention dessen zu kennen, der sie äußert.

Das expressive und das appellative Moment unserer Verlautbarungen (das nach der Mutter schreiende Kind) haben wir mit den Tieren gemein.

Anzunehmen und zu versuchen, Natur, Geschichte und Kultur mittels einer universalen Methode zu Leibe zu rücken und zu erklären, führt zu einem Mißbrauch der Sprache, mag er auch die Errichtung eines grandiosen Kartenhauses inspirieren wie bei Hegel; ein Hauch von philosophischer Sprachkritik, und es fällt in sich zusammen.

Mag die Vermehrung und Ausbreitung von Pflanzen und Tieren mittels darwinscher Prinzipien der Fitnessoptimierung hinreichend erklärbar sein, die Tatsache, daß gewisse Menschengruppen auf dem Höhepunkt der Vorsorge und Lebenssicherung durch Wohlstand und Technik ihre Fortpflanzungsbereitschaft mehr und mehr einschränken, entzieht sich diesem Typ naturwissenschaftlicher Erklärung.

Es ist absurd und zeugt von begrifflicher Konfusion anzunehmen, daß die Entdeckung des zyklischen Umlaufs der Erde und der Planeten um das Zentralgestirn der Sonne, die kopernikanische Wende, einen kausalen oder internen Zusammenhang mit unseren Lebensfragen habe; denn ob nun die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne kreist, Fragen wie die nach dem, was wir für gut, richtig und schön oder für das Gegenteil ansehen, werden davon nicht berührt.

Nicht die Sprache überhaupt, sondern die Fähigkeit, bestehende und nicht bestehende Sachverhalte oder ontologisch irrelevante logische Relationen und mythische Sphären sprachlich und symbolisch darzustellen, ist das spezifische Humanum.

Was wir mit „Denken“ meinen, kann weder psychologisch noch neurologisch erfaßt, geklärt und erklärt werden.

Überkommen mich Zweifel, heißt dies nicht, daß gewisse Neuronen schwächer feuern (vielleicht im Gegenteil).

Wenn ich an jemanden denke, ist die Wahrheit oder Falschheit meiner Erinnerungen an die Person unabhängig von dem Motiv, das mir die Erinnerung eingeflößt hat.

Gedanken sind keine unsichtbaren seelischen Vorkommnisse oder mentalen Entitäten, keine Modifikationen einer ätherischen Substanz in einer für andere unzugänglichen Innenwelt.

Wir können sehen, was einer denkt.

Jemand geht unruhig auf und ab, schaut immer wieder auf die Uhr, wirft einen nervösen Blick aus dem Fenster, setzt sich hin, blättert in einem Buch, läßt es rasch wieder fahren, geht erneut im Zimmer auf und ab. Wir sehen, daß er wartet, einen Besucher erwartet, und was immer ihm dieser mitbringen mag, es scheinen keine Blumen zu sein.

Der Säugling, der nach der Mutter schreit, wird als kleines Kind gelernt haben, seine Mutter zu rufen.

Der durch den Nasenstüber zum Denken Erwachte wird den Drang, nach jemandem zu rufen, hinunterschlucken, auch wenn er im Sterben liegt.

Über Nacht ist Schnee gefallen, die Stille, Weite, Frische des Eindrucks. Erlöst vom Zwang, etwas zu sagen, etwas zu verstehen. Dann gewahrst du die feinen Risse, die Mulden der ersten Tropfen, das aus dämmernder Tiefe glucksende Wasser.

 

Jan 4 23

Der Abglanz heller Innigkeit

Daß stille Kerzen uns noch schenken
den Abglanz heller Innigkeit,
wenn wir der Liebenden gedenken,
und was sie trennte, Dunkelheit.

Und Schatten geistert an die Wände
der Nachtwind, schauernd mit dem Schein,
wir wölben ihnen Segenshände,
daß sie nicht ruhlos sollen sein.

Daß lichte Trauben uns noch schwingen
in krokusblauem Frühlingshauch,
gedenken wir des Dichters Singen,
und was ihn würgte, Aschenrauch.

So pflanzen wir auf seinem Grabe
den Enzian vom Gletscherfels
und netzen ihn mit heller Labe,
den Tropfen eines keuschen Quells.

 

Jan 3 23

Diurnum philosophicum III

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die leisen Gesten, die uns vom Geheimnis sagen, Geheimnis, das wird sind, nicht kennen, sind wie zarte Schimmer im jungfräulichen Schleier über morgenkühlen Teichen.

Die das Wort traktieren, die Popularen, schwadronieren von großen Dramen, die uns läutern, uns in die Peripetie einer letzten Entscheidung reißen.

Doch werden wir ganz undramatisch von Wellen, die uns wiegen, von Klängen, die uns lösen, gleichsam uns selbst zurückgegeben.

Freilich sind wir Tropfen nur in einer Welle, die steigt und fällt und fällt und steigt, mag sie bisweilen auch in einer öden Wüstenei versickern.

Was zwischen Geburt und Tod uns widerfährt, ist dramatisch nur in der Wiederkehr uralter Rituale, der Rites de passage zwischen Kindheit und Jugend, Jugend und Reife, Reife und Alter.

Der philosophische Trug, das Proton Pseudos, beginnt mit dem dämonischen Glauben an die wahrheitskonstitutive Macht der Geschichte, mit Hegel und Marx.

Die Torheit im Glauben an das, was sie Freiheit und Entwurf nennen, Fichte, Hegel, der frühe Heidegger, Sartre, als könnten wir den formlosen Teig des Lebens in die selbstentworfene Plastik unserer eitlen Selbstvergötzungen transfigurieren.

Der individuelle Entwurf führt zur Erstarrung und den Karikaturen des amusischen und akademischen Daseins, der kollektive mündet in Terror oder dem Wahnwitz des computergesteuerter sozialen Lebens.

Sie hassen oder verachten das Provinzielle, das in überlieferte sittliche Ordnungen ruhig eingebettete Dasein; der rastlose Trieb wütet in ihnen, durch den Goethe Mephistopheles sich in die große Staatsaktion hat stürzen lassen, vor deren Fortschrittssegnungen die zeitlos-schlichten Gestalten von Philemon und Baucis zu weichen hatten.

Die Progressiven hassen oder verachten den freien Bauern, den schweigsamen Winzer mit dem ewigen Grind unter den Fingernägeln, die ernst, fromm und streng eingefügt leben in die Rhythmen der ewigen Wiederkehr der Jahreszeiten, von Aussaat und Ernte, und mit dem eigenen Land, Wingert und Erbe der Macht der Überlieferung huldigen.

Die Revolutionen sind die epileptischen Anfälle und Krämpfe des Molochs Stadt.

Wer dem Fortschritt, ob zur egalitären Demokratie oder zum Thermitenstaat des Kommunismus, beide sind ja in ihrer Art totalitär, rein aufgrund seines provinziellen Gebarens im Tun und Reden auch nur den Schatten eines Widerspruchs entgegenhält, wird bald vom gnadenlosen Strahl der höheren moralischen Wahrheit ihrer herrschenden Eliten ausgetilgt.

Wie Hegel der Kunst nur die befremdlich-museale Schönheit abgeworfener Schlangenhäute zubilligte, während der Weltgeist schon innerlichere Gemächer zur Behausung aufgesucht habe, verwirft der Fortschrittler die plumpen, ranzigen und etwas ungut riechenden alten Kulturen, ihre rätselhaften Sitten, ihre abergläubischen Frömmigkeitskulte, Litaneien und Wallfahrten, ganz zu schweigen von ihrem Gallimathias an unverständlicher Rede.

Ihre gesinnungsethisch reingewaschenen Pädagogen wittern den geringsten Rest von Dung und provinzieller Schlacke, der dir am Fuß, und sei es am Versfuß, kleben mag.

Der provinzielle Dung und der unaustilgbare Schmutz des Lebens sind der Einspruch wider den moralischen Purismus der Aufklärung und die Sozialhygiene der technisch verwalteten und überwachten modernen Welt.

Der Argot, die Zigeuner- und Gaunersprache machen dem Dichter noch ein wenig Hoffnung.

Die rhetorischen Nebel eines unfruchtbaren grauen Lifestyle-Jargons senkten sich über den dichterischen Geist, er atmete noch, doch vernahm man nur mehr ein rhythmisches Röcheln.

Die Karikatur und Parodie des religiösen Heilsgedankens in den messianischen Prophetien einer revolutionär erhitzten pubertären Jugend.

Sprache dient nicht nur und nicht einmal hauptsächlich der Verständigung. Du nimmst ein Wörterbuch zur Hand, um dich im fremden Land verständlich zu machen und was geredet wird zu verstehen; das Wörterbuch dient dir zur Verständigung, aber es ist mehr als ein Instrument der Kommunikation, nämlich eine Repräsentation einer beliebig großen Anzahl von Wörtern der fremden und der eigenen Sprache. Ähnlich der topographischen Karte, anhand derer du einen Weg zu einem bestimmten Ziel zurücklegen kannst: Sie ist mehr als ein Instrument der Orientierung, nämlich die projektive Abbildung einer Gegend mit ihren Straßen und Wegen, Orten und Sehenswürdigkeiten, Wäldern und Flüssen mittels ikonischer und symbolischer Kennzeichnungen.

Wir geben mit Äußerungen wie dem Schmerzensausruf und der Klage, der Freude und des Behagens unserem Befinden Ausdruck, wir nehmen mittels performativer Sprechakte wie der Aufforderung, der Frage, des Hinweises gezielt und zweckgerichtet Einfluß auf den Willen und die Willensbildung unserer Gesprächspartner; das ist angesichts unserer biologischen Konstitution und unserer sozialen Einbettung nicht weiter verwunderlich. Doch daß wir etwas verlautbaren, sagen und aufschreiben, was bedeutsam und sinnreich anmutet, aber unmittelbar keinem Zwecke dient und keine Absicht verfolgt wie einen Erinnerungs- oder Traumbericht, eine Anekdote, eine Fabel, ein Gedicht, dies ist das eigentliche Wunder der menschlichen Sprache.

Sine ira et studio, sagt Sallust, und er meint eben dies: historische Objektivität des Berichts und eine möglichst genaue und ausgewogene Geschichtserzählung.

Das Gedicht ist wie jeder literarisch-fiktionale Text kein Mittel der Verständigung, sondern ein Spiel mit Worten.

Manchmal gleicht es der einsam gelegten Patience, manchmal dem munteren Ballspiel der Kinder, bei denen es keine Gewinner und Verlierer gibt, aber Kombinationsgabe, wacher Sinn für Anspielungen und Andeutungen sowie Freude an der Eleganz und Anmut der Bewegungen gefordert und gern gesehen sind.

Der Geist des Spiels weht bereits als kleine Brise oder duftiger Hauch in die Täler unserer gewöhnlichen Unterhaltung, wenn wir sie durch einen Witz, ein Bonmot, eine Anekdote würzen oder durch eine Erinnerung, eine kleine Geschichte, eine Fabel erhellen.

Die Sprache ist nicht die ancilla rationis, die Dienstmagd der Vernunft.

Die Vernunft ist nur ein Zweig am großen Baum des Lebens, und wenn er Blüten treibt, werden sie von Wurzeln genährt, an die sie nicht heranreicht.

Das Leben hat wohl Ursachen, die uns Biologie und Genetik vor Augen führen, aber es muß sich nicht durch Gründe rechtfertigen wie Hypothesen, die nach der Rechtfertigung ihrer Plausibilität und Wahrscheinlichkeit verlangen.

Sprache ist wie ein pflanzlicher Organismus eigenen Gepräges, der je nach dem fruchtbaren Boden, dem er entwächst, sehr verschiedene, immer aber einzigartige Blüten und Früchte hervorbringt.

Wir können die Wörter einer fremden Sprache mit denen unserer Muttersprache übersetzen, aber nicht die grammatische Struktur, an der sie hängen wie Früchte an rätselhaft verschlungenen Ranken.

Die vermessene Dummheit, an den Formen der grammatischen Struktur einer Sprache herumzulaborieren, gleicht jener, die sich an der Erbsubstanz zu schaffen macht.

Die ins Unbewußte des organischen menschlichen Lebens eingesenkte Sprache ist seine kulturelle Erbsubstanz.

Der von rationalen und moralischen Absichten geleitete Eingriff in die sprachliche Erbsubstanz erzeugt Monster und Chimären.

Der echte Dichter kann nur seiner eigenen Sprache dienen, keinem Globalesisch oder einem gesinnungsethisch gereinigten Esperanto.

Der echte Dichter inspiriert sich an den großen Dichtungen zumindest der alten europäischen Völker, und doch muß er, um die eigene Stimme zu finden, ein sprachlicher Nationalist und Liebhaber seines mütterlichen Idioms sein oder er bleibt ein hohles Windei.

Das Geschwätz der Parlamente vermag nur Einfaltspinsel oder das Projekt der Moderne feiernde Philosophen darüber zu täuschen, daß es von Sprechpuppen im eigenen Interesse geführt wird, das mittels hochtrabender Phrasen von Menschenrechten und Zukunftsvisionen geschickt als Allgemeinwohl getarnt und verkauft wird.

Das tumultuarische, verräucherte Palaver der Stammkneipenrunde, die diskrete Unterredung der Attachés und Diplomaten, das Gemauschel der Teppich- und Diamantenhändler, die Besprechung zwischen Richter und Staatsanwalt, das heimliche Geflüster der Liebenden und tausend andere Dialogsituationen zeigen: Es gibt kein allgemeines, einheitliches oder allein verbindliches Schema und Ethos des Diskurses und Gesprächs; jeder Dialog hat sein eigenes Lokalkolorit, seinen eigenen psychosozialen Hintergrund, sein eigentümliches Idiom.

Es gibt keinen rationalen Dialog zwischen Habermas und seinen Opponenten wie Lyotard, Foucault und Deleuze, die ja die Idealität des herrschaftsfreien Diskurses in Frage stellen.

Welches Grauen oder welche Lachanfälle überkommen einen angesichts von pseudomephistophelischen Visagen oder verlogenen Frömmigkeitsmasken solcher, die sich rühmen, sich selbst verwirklicht zu haben.

Normen wie die des Ausgleichs, der Vergeltung, der Wiedergutmachung oder der Ahndung des Unrechts hat nicht Vernunft in steinerne Tafeln gemeißelt, sondern entspringen der Verletzlichkeit der Lebenssubstanz. Vernunft kann sie nicht begründen, sondern nur praktikable Folgen und angemessene Mittel ableiten, die der Durchsetzung von Normen dienen, wie Arten der Vergeltung oder der Bestrafung.

Nur der einzelne Täter trägt seine individuelle Schuld, freilich im Mythos und bei den Deutschen auch die Eltern, die ihn zeugten, oder seine Nachbarn, ja seine ganze Sippe, auch wenn sie der Tat nicht einmal beiwohnten.

Aus deiner Verpflichtung, mir das geliehene Geld zurückzuerstatten, folgt mein Recht, es einzufordern, solltest du den ausbedungenen Rückgabetermin verstreichen lassen. – Aus der Pflicht folgt das Recht, nicht umgekehrt.

Je mehr Rechte man der von archaischen Impulsen getriebenen und von Aufrührern leicht entzündbaren Masse einräumt, umso mehr verwildert der amtlich gepflegte öffentliche Garten der Pflichten.

Die moderne Demokratie hat keinen singulären Anspruch auf Rechtsstaatlichkeit, auch die Sklavenhaltergesellschaft der Römer, das imperiale England und das über Pickelhauben thronende Preußen waren Rechtsstaaten.

Gut, ich bin immer noch verpflichtet, dem Nachbarn, der mir Geld geliehen hat, die Summe wie ausbedungen zu erstatten; nicht aber, nachdem er mich als arbeitsscheuen Parasiten bei Krethi und Plethi und meinen Freunden verleumdet hat, ihm mit Hochachtung zu begegnen; habe ich meine Schuldigkeit getan, besteht meine Form der Anteilnahme an seinem Schicksal darin, ihn zu ignorieren.

Die angeblich allgemeine Norm, die mich dazu verpflichtet, Hinz und Kunz in gleicher Weise wie meinen Freund und Wohltäter zu achten, haben lebensfremde Theologen oder doktrinäre Gesinnungsethiker wie Kant und Habermas ausgebrütet.

Gott bewahre uns vor dem Weltethos eines Hans Küng oder Jürgen Habermas, denn es ist die alle Lebensfrische und schöpferische Lust erstickende Gärung über der kulturellen Einebnung der lokalen und nationalen Kulturen. Ach nein, es ist nur der süßliche Fäulnishauch über der Verrottung der eigenen nationalen Kultur.

Die Athener hatten ihren Ostrakismos, der die Verbannung des Verurteilten nach sich zog; unser Scherbengericht besteht in der Ächtung der Person und ihren Ausschluß aus der medialen Öffentlichkeit. – Dem Scherbengericht freilich, das Jürgen Habermas über Ernst Nolte einberief, folgte allerdings nicht nur seine Ächtung und sein Ausschluß aus der Öffentlichkeit, sondern auch sein Exil.

Wer dem hohen Ethos der Eliten nicht willfahrt, wird zunächst zur Persona non grata abgestempelt, dann für einen Geisteskranken erklärt, mit dem ein vernünftiges Gespräch zu führen ganz unmöglich sei.

Hegel und Marx: die Paten; Lenin, Mussolini, Hitler, die Enkel und Erben.

Die zugleich absurde und faszinierende Idee: Das Ich, der Geist, die Menschheit durchlebe und durchleide das Drama der Entäußerung und Entfremdung bis zum höchsten Grade des Selbstverlustes, der die Peripetie, den Umschwung der Wiederaneignung in der absoluten Selbsterkenntnis oder der befreienden Tat der Avantgarde einleitet. Die Avantgarde und ihre Schergen können dann, vom Weltgeist oder dem Gesetz der Geschichte autorisiert, getrost darangehen, den leider noch verbliebenen Rest an Äußerlichkeit und Fremdheit, der den reinen Selbstgenuß verdirbt und verhindert, den Bourgeois, den Kulaken, den Juden auszumerzen.

 

Jan 2 23

Was uns an Versen blieb

Das Glück war uns wie Mondes Schwanken
auf Wellen, die ins Dunkel gleiten,
ein goldner Wink aus Rebenranken,
daß wir zur Waldkapelle schreiten.

Und war die Schwelle auch geborsten,
die Lilien welk, verrußt das Bildnis,
noch stiegen Nebel aus den Forsten,
noch rann der Purpur in die Wildnis.

Und ward die Heimat uns genommen,
da unter Lauben wir gesungen,
spät ist ein Schwan ins Schilf geschwömmen,
die Knospe Lächeln aufgesprungen.

Was uns an Versen blieb, der Schauer
von Nachttau in der irdnen Schale,
er wölkt zu Efeus trunkner Trauer,
verzehrt vom gnadenlosen Strahle.

 

Jan 1 23

Mit Flammenzungen singen

Daß wir mit Flammenzungen singen,
der Sang sich wölkend moduliert,
wenn Ambra wir und Weihrauch bringen,
noch Glut die Abschiedshymne schürt.

Frag nicht, woher die Flammen nehmen,
schläft unterm Schnee das Herz vereist,
ob Blitze fahren in die Schemen,
die uns ersticken Mut und Geist.

Daß wir in Sommernächten schwanken
mit Knospen, die sich aufgetan
dem vollen Mond, sich Stimmen ranken
sanft um den weißen Muschelkahn.

Frag nicht, ob uns das Dunkel weiten
noch Rosenlicht und Fliederschaum,
ob Schimmer auf dem Wasser gleiten,
rinnt Mondes Tau im Schwanenflaum.

 

Dez 31 22

Wir sind ein Faden nur

Wir sind ein Faden nur, gesponnen
in bunten Teppichs Rankenspiel.
Wir sind ein Tropfen nur, zerronnen
in dunklen Strömen ohne Ziel.

Der Teppich, dem zum Zwirn wir dienen,
zeigt goldner Knospen Wiederkehr,
bald glänzen Siegel voll Rubinen,
bald schatten Reben, traubenschwer.

Es heben uns die hohen Wogen
für Augenblicke an das Licht,
für Augenblicke schäumt der Bogen,
bis ihn der Teer der Nacht verpicht.

Sind es die Musen, sind es Moiren,
die uns verweben in das Bild,
schmilzt Schnee auf Gipfeln, ungeheuren,
von denen unser Dasein quillt?

 

Dez 30 22

Schattenspiele – zum Tod von Dieter Henrich

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Irrwitz triumphiert nicht trotz seiner Absurdität, sondern wegen ihrer.

Je absurder die Idee, umso faszinierender und wirkmächtiger.

Die Idee, daß die Bedeutungen der Wörter die Schatten der Dinge sind, die sie bezeichnen, die Idee, daß wir aus dem Gebaren des anderen erraten, was wir an uns selbst mit Gewißheit erfahren, die Idee, daß wir immer wieder in Selbstgespräche verwickelt als Monaden existieren, die Idee, daß es eine innere Erfahrung gebe, die wir mittels derselben Methoden und Metaphern beschreiben können wie die äußere Erfahrung.

Man kann vor dem eigenen Schatten erschrecken. Dann gewahren wir, daß er stets mitwandert, und beginnen wie mit einem treuen Begleiter mit ihm zu sprechen, ja ihm die intimsten Geständnisse zu machen. Schließlich haben wir den Gipfel erklommen, und im Zenit des Mittags schwindet er für selige Augenblicke dahin – wir verstummen. Die Sonne zieht weiter, der Schatten taucht wieder auf, und wir setzen das Zwiegespräch fort. Die Sonne sinkt, der Schatten wird länger, fragiler, zerfranst an den Rändern und verschwimmt endlich in der einbrechenden Dämmerung mit all den anderen Schatten, bis wir, selbst Schatten unter Schatten, uns im Schilf der Nacht verirren.

„Wer hält mit Wache?“ – „Ich!“ Nicht das eitle Geschwätz in Ich-Erzählungen zählt, sondern das Wort, zu dem einer steht.

„Ich fühle mich matt“, „Ich habe Peter gestern im Park getroffen“, „Ich erinnere mich nicht an den Namen meines ehemaligen Lehrers“ – diese Sätze versteht jeder, der sie oder ihnen ähnliche bilden und aussprechen könnte.

Wenn wir mit einiger Gewißheit annehmen, daß es sich bei dem Sprecher um keinen Simulanten handelt, können wir davon ausgehen, daß er mit dem Satz „Ich fühle mich matt“ ausdrückt, was er meint.

Aber teilt er uns damit eine unbezweifelbare Wahrheit oder unerschütterliche Gewißheit mit? – Nein, denn es gibt keine unbezweifelbaren Wahrheiten oder unerschütterlichen Gewißheiten, es sei denn, es handele sich um schlichte Tautologien; aber dieser Satz ist nicht tautologisch.

Wir können nicht sagen, daß uns jemand, der ein bestimmtes Empfinden oder eine bestimmte Wahrnehmung ausspricht, etwas Wahres mitteilt. Der Satz „Es hat geregnet“ kann wahr oder falsch sein, die Äußerung „Ich glaube, es hat geregnet“ entzieht sich dieser Alternative.

Wir können aus dem wahren Satz „Es hat geregnet“ folgern, daß die Straße naß ist. Aus dem Satz „Ich fühle mich matt“ können wir dagegen nichts folgern.

Derjenige, der den wahren Satz „Es hat geregnet“ äußert, tut etwas kund, was er weiß. Wissen bedeutet, über eine wahre Information verfügen, eine Information freilich, die uns auch entgangen oder vorenthalten und verschwiegen worden sein könnte, eine Information, die wir auch hätten in den Wind schlagen können. Mit der Äußerung „Ich fühle mich matt“ tun wir nichts kund, was wir wissen, und also auch nicht wissen könnten. Denn wir äußern mit diesem Satz keine Information, die uns auch hätte entgehen oder vorenthalten und verschwiegen werden können, keine, die wir in den Wind hätten schlagen können.

Es ist eine absurde, freilich von Philosophen gern aufgegriffene und verbreitete Idee, Äußerungen in der Ich-Form als informative, deskriptive oder wahrheitsfähige Sätze zu nehmen und sie in Analogie zu jenen Sätzen zu behandeln, mit denen wir kundtun, was wir wissen oder zu wissen glauben.

„Ich weiß, daß p“ ist kein informativer Satz über p, sondern über eine Glaubensgewißheit des Sprechers; denn es könnte auch gelten: nicht-p.

Man vergißt, daß „ich“ kein Begriff für ein etwas, sondern ein Wort der Umgangssprache zur durch Deixis geleiteten Orientierung im sprachlichen Lebensraum ist. „Wer hat das Heft verloren?“, fragt der Lehrer vor der Klasse. „Ich!“ Oder, was damit kongruieren kann und auf den Spielraum der Übersetzbarkeit von Äußerungen der ersten und dritten Person verweist, Hilde antwortet: „Peter!“

„ich“ ist kein Substantiv, es vermehrt seine Bedeutung nicht dadurch, daß wir es substantivieren.

„ich“ ist kein Nomen, sondern ein Pronomen.

Wir unterscheiden die Ich-Funktion als biologisch bis ins urzeitliche Leben reichende Leistung sowohl vom Bewußtsein als auch von der Sprache. Schon der Einzeller, die Amöbe, lebt gleichsam im Schatten der Ich-Funktion, wie jeder Organismus, der durch osmotisch atmende Hautgrenzen vom System seiner Umwelt unterschieden und im ununterbrochenen chemischen und sensorischen Austausch mit ihr im Gleichgewicht oder gleichsinnig mit ihr ist.

Es gibt keinen originären Anfang des Denkens, man kann mit jedem beliebigen Ding beginnen. Du nimmst einen Krug zur Hand und wandelst mit ihm durch Räume und Zeiten, vom Symposion Platons bis zur Hütte Heideggers.

Ich bin immer irgendwann irgendwo, aber nicht „in mir“, „im Kopf“ oder „in einem mentalen Zustand“. – Bin ich freilich im mentalen Zustand des Erinnerns, dann bezieht er sich auf ein Ereignis in der Welt, an dem ich irgendwann irgendwo Anteil hatte. Davon kann ich berichten; mein Freund aber kann einwenden: „Nein, damals waren wir nicht am Bodensee, sondern am Walchensee.“

Sätze, die mit „Ich“ anfangen oder in der Ich-Form auftreten, sind meist nicht aus sich selbst heraus verständlich. „Veni, vidi, vici“ verstehen wir erst, wenn wir wissen, wer es bei welcher Gelegenheit gesagt hat.

Das präreflexive Moment an dem Wörtchen „ich“ ist nur der Niederschlag der Tatsache, daß wer es spielend-leicht wie aufgrund subkutaner Intuition ausspricht, seinen korrekten Gebrauch der in früher Kindheit ausgereiften biologischen Ich-Funktion verdankt.

Erst sagt der kleine Peter: „Peter müde!“, später dann „Ich bin müde“; dies verweist auf keinen Zuwachs an Einsicht, sondern an Beherrschung der Normalsprache.

Wir sprechen uns keine aktuellen mentalen Zustände zu, sondern haben sie.

Wir sagen: „Ich bin zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen“; dagegen: „Gestern war ich zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen“; in diesem Falle berichten wir von jener Person (und sprechen ihr den betreffenden mentalen Zustand zu), die gestern hätte sagen können: „Ich bin zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen.“

Unsere Empfindungen sind mehr oder weniger intensiv, aber sie entbehren im Unterschied zu unseren Wahrnehmungen der Kriterien von richtig und falsch. Ich sage „Das ist eine Fichte!“; der botanisch beschlagene Freund korrigiert: „Das ist eine Tanne.“

Das Grundübel des deutschen Idealismus, das sich der Phänomenologie und dem Existenzialismus weitervererbt hat, sein Ausgang vom welt- und sprachlosen Subjekt, ist seinerseits ein Erbe der kartesianischen ontologischen Differenz zwischen res cogitans und res extensa. Hier ist die Sprache, die sprachliche Lebenswelt, unterschlagen. Ich lerne ja die Dinge benennen, und kann darin korrigiert werden, statt Tanne Fichte zu sagen. Doch bliebe ich meinem Fehler verhaftet, vertiefte sich mein Kontakt zu den Dingen nicht aufgrund der Rede der Sprachgemeinschaft, der ich angehöre.

Daß die Bedingung, der Grund, der Reflexion nicht wiederum Reflexion sein kann, diese logisch-epistemische Trivialität wird uns als tiefe Einsicht verkauft.

Welche absurde Mystifikation, welch ein Taschenspielertrick liegt in der Annahme, das sogenannte Ich habe sich selbst „gesetzt“. – Als habe man das Sophisma von der Selbsterzeugung Gottes vom Himmel der Transzendenz ins Zwielicht der Immanenz verlegt.

Das fatale Wirken schiefer Bilder und verfehlter Metaphern: als wäre meine Aufmerksamkeit darauf, was mir widerfährt, wenn mich eine Empfindung beeindruckt, dem Sehen mit einem inneren Auge zu vergleichen.

Freilich schenken wir dem, was wir für uns so treiben wie Lesen oder Schreiben oder eine Rechenaufgabe lösen, mehr oder weniger große Aufmerksamkeit. Wir lesen einen Satz Fichtes wie „Dem Ich ist ein Auge eingesetzt“ und fühlen, wir haben ihn nicht verstanden, wir lesen erneut mit größerer Aufmerksamkeit; allerdings vergebens – oder vielmehr, wir verstehen, es dämmert uns, weshalb er unverständlich ist.

Mit der Fähigkeit, ich zu sagen, betreten wir den sozialen Raum der Kontrolle, Normierung, Verpflichtung und Verantwortung. Deiner Zusage, mir das geliehene Buch morgen auszuhändigen, muß der korrespondierende Sprechakt in Form der ersten Person vorausgegangen sein. Die psychotische Störung dieser Fähigkeit entlastet den Sprecher, auch wenn er den korrekten Sprechakt geäußert haben sollte, von seiner Verantwortung, sollte er seine Zusage nicht eingehalten haben.

Der sprachliche Lebensraum, in dem wir Ich-Sätze äußern, ist alles andere als subjektiv, nämlich der intersubjektive Raum der gemeinsamen Sprache und der sprachlich übermittelten Bedeutungen sowie die objektive Lebenswelt der materiellen und immateriellen Güter, der sozialen Gepflogenheiten und Institutionen.

Weil sie die erhabenen und tröstlichen Gefühle, die der alte Glaube oder ihr Kinderglaube vermittelt hat, auch nach seiner Zersetzung durch Bibelkritik und Aufklärung nicht ganz missen wollen, finden gewisse Philosophen im trüben Verlies der Innerlichkeit ein winziges Oberlicht, in das bisweilen die Sonne heiterer Jugendtage hineinzublinzeln scheint.

Aber diese Sonne strahlt nur auf einer kitschigen Tapetenwand in der Rumpelkammer der Erinnerung.

Wie töricht, danach zu fragen, wie das Ich wahrzunehmen oder zu erkennen sei! „Ich“ ist eben jene Instanz, der wir das Wahrnehmen und Erkennen zusprechen.

Ich nehme nicht MICH wahr, sondern beispielsweise die Bewegungen meiner Hand, wenn ich einen Schnürsenkel binde.

Wie anders töricht wiederum, Ich und Bewußtsein unmittelbar zu verbinden: Der Rezeptionsraum meines Empfindens ist groß genug, daß ich noch an seinem Rand (dem Rand des Gesichtsfeldes, des Hörfeldes, des Tastfeldes) winzige Lichtflecken, verschwebende Klangfarben oder minimale Temperaturschwankungen bemerke, von denen ich allerdings nicht sagen könnte, daß ich sie bewußt wahrgenommen habe.

Es ist Unsinn, das Modell der Wahrnehmung und speziell der visuellen Wahrnehmung (der Beobachtung) auf das zu übertragen, was wir Selbstgefühl nennen; was wir erleben, wenn wir uns die Finger verbrennen oder der Wein uns mundet. Das Schmerz- und das Lustempfinden sind unmittelbar mit dem, nicht abtrennbar von dem, der sie hat.

Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis sind philosophische Chimären.

Man lernt sich nicht kennen, wenn man die Augen schließt.

Ich erkenne meinen Freund Peter auf der anderen Straßenseite anhand der Wahrnehmung seiner individuellen Gesichtszüge und seines eigentümlich schleppenden Ganges; aber es ist unsinnig zu sagen, daß ich mich anhand meiner individuellen Gesichtszüge oder dem eigentümlichen Leberfleck am Hals im Spiegel erkenne.

Man kann Peter mit Paul verwechseln, wenn beide eineiige Zwillinge sind; aber man kann sich selbst nicht mit einem anderen verwechseln.

Die mathematische Gleichung zeigt uns, daß der Wert links vom Gleichheitszeichen identisch mit demjenigen rechts vom Gleichheitszeichen ist; doch die Formel Ich = Ich, die hochtrabende Rede von der Selbstidentität oder von der Einheit des Bewußtseins mit sich selbst sind philosophischer Nonsense.

Wie lernt man sich kennen? Nun, seine Fähigkeiten, indem man eine neue Sportart oder Sprache erlernt; seine Empfindungsfähigkeit, indem man sich dem Genuß exotischer Weine oder chinesischer Gedichte hingibt; seine intellektuellen Möglichkeiten und Grenzen, indem man wieder einmal Wittgensteins Traktat liest.

Was Philosophen Bewußtsein und Selbstbewußtsein nennen, ist nicht das Ergebnis einer Erkenntnis, die sich auf einen ominösen inneren Beobachtungsgegenstand bezieht; solche Benennungen sind nur eine hochgestochene Redeweise, ein rhetorischer Nebel um die schlichte Tatsache, daß ich auf die Frage: „Hast du gesehen, daß die Ampel auf Rot gesprungen ist?“ mit „Ja!“ antworte und damit meine: „Allerdings, das ist mir nicht entgangen.“

Es gibt nichts, dessen ich gewahr oder mir bewußt sein könnte, ohne die korrespondierende Empfindung oder Wahrnehmung; es ist daher unsinnig zu behaupten, ich wäre meiner selbst in einem absoluten Sinne, unabhängig von aller Erfahrung, bewußt.

Ich ziehe meine Hand instinktiv zurück, um sie vor dem Feuer zu schützen; ich könnte mir eine siamesische Lebensform mit einer anderen Person ausmalen, bei der ich die Hand dieser mit mir neuronal verdrahteten Person spontan vor dem Feuer zurückziehe. Aber handelt es sich dann noch um IHRE Hand?

Der Unterschied zwischen meinem Schreibtisch und meinem Körper besteht darin, daß jener mein Eigentum, dieser aber ein Teil meiner fühlenden und empfindenden Person ist.

Du hast mir das Buch zurückgegeben: Das Buch ist wieder im Besitz dessen, der als Eigentümer von Dingen die Person ist, die einzig von ihnen sagen kann: „Sie gehören mir.“ Dagegen sagen wir nicht von Gliedern unseres Körpers, daß sie uns gehören, höchstens, daß sie zu uns gehören (wie wenn Kinder „Hände-Übereinanderklatschen“ spielen).

Wenn wir den Satz äußern „Das Buch gehört mir“, setzen wir eine ganze sprachliche Lebenswelt von rechtlichen Institutionen und juridischen Sprechakten voraus, innerhalb deren Personen auftauchen, die sagen können: „Ich kaufe das Auto“, „Ich leihe dir das Buch“, „Ich erhebe Anspruch auf Wiedergutmachung“ und tausend andere Wendungen mehr.

Wer „ich“ sagt, hat noch gar nichts gesagt.

Die Rede vom Selbstverhältnis gehört zu den Mystifikationen der idealistischen Philosophie. Ich mag ein heimliches Verhältnis mit meiner Nachbarin haben, ich habe vielleicht ein gebrochenes Verhältnis zu bestimmten Personen aus meiner Vergangenheit, aber ich habe kein Verhältnis weder mit mir noch zu mir.

Statt sich in gestelzter Rede ein problematisches Selbstverhältnis zuzuschreiben, könnte einer sagen: „Als ich sie mit ihrem neuen Geliebten sah, wollte ich im Erdboden versinken“, „Mir ist, als würde ich mit Prothesen fühlen“, „Früher wußte ich, was ich wollte, heute bin ich ein Schatten meiner selbst“ oder „Allem, was ich tue und sage, fehlt die lebendige Frische.“ – Hier müßten sich Betrachtungen über die pathogene Macht von Gefühlen und Haltungen wie Scham, Willensschwäche und Schwermut anschließen; ohne Rückgriff auf objektive Daten der sozialen und sprachlichen Lebenswelt aber sind sie nicht zu leisten.

Wenn wir vor den Sophismen des Subjektivismus zurückschrecken, lockt uns nicht das angeblich sichere Fundament einer objektiven Wissenschaft oder das abstruse Projekt einer Naturalisierung des Subjekts und des Bewußtseins; vielmehr öffnet sich uns das weite Spielfeld der sprachlich aufgebauten und mitgeteilten Bedeutungen.

Eines Tages entdeckten wir, daß Walfische keine Fische, sondern Säugetiere sind; wir mögen sie weiterhin Walfische nennen, aber setzen das Wort gleichsam in Anführungszeichen. Könnte Philosophen etwas ähnliches mit dem Wörtchen „ich“ widerfahren?

 

Dez 29 22

Die elbische Nacht

Wenn abendblaue Schatten gleiten
auf schneeverwehtem Teich,
willst du ans Ufer mich geleiten,
still schwebend, schwanengleich.

Ich wußte nicht, woher noch füllen
das Wort, den hohlen Krug,
den Brunnen, die den Sommern quillen,
war Schneelicht nicht genug.

Du hast mit Schmelz von zarten Flocken
gesalbt mir Stirn und Mund,
mein Fühlen glühte, unerschrocken,
Nacht tönte hell im Grund.

Und bist du elbisch auch entschwunden
im mondgeküßten Dunst,
das Schweigen hast du mir entbunden,
den tiefen Quell der Kunst.

 

Dez 28 22

Diurnum philosophicum II

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Schritt, Trab und Galopp, die drei Gangarten des Pferdes. Der überzüchtete Mensch kennt deren mehr, wie das Staken des Mannequins, das feierliche Schreiten des Priesters, den Stechschritt des Soldaten, Wandeln, Gehen, Hasten, Laufen, Rennen, Springen, Sprinten, Schleichen, Pirschen, Schlurfen, Schlendern, Stolzieren …

Gewisse Insekten mit Facettenaugen sehen in Farbräume, die uns für immer verschlossen sein mögen. Doch welche andere Gattung erfand Farbpaletten wie die eines Tizian, Tintoretto, Pontormo Rubens oder Monet?

Der Schwerttanz männlicher Kampfesfreude, der Schwanentanz weiblicher Anmut.

Die mythisch-expressive Polarität von Schilfrohr und Schildkrötenpanzer, Flöte und Laute, Pan und Apollo, Musik und Dichtung.

Zwei Arten von Dummheit, die des Instinkts und die des Verstandes; die erste weiß nicht, wohin sie will, die zweite nicht, wie sie dahin gelangt.

Die erste Art ist die gravierende, obwohl die zweite in den Formen von Schusseligkeit, Zerstreutheit, Vergeßlichkeit und Borniertheit eher ins Auge sticht. Denn nicht zu wissen, was man will, ist ein Kennzeichen der Entwurzelung und Degeneration, wogegen kein Kraut gewachsen ist; dem auf dem Weg Verirrten kann durch eine gute Wanderkarte ein Licht aufgesteckt werden.

Der Mann unterliegt bekanntlich mehr der Gefahr, Zweck, Sinn und Ziel seines Treibens aus dem Auge zu verlieren, als die Frau, die stärker unter den gleichsam konventionellen Formen von Dummheit zu leiden pflegt.

Die instinktíve Gewißheit bedarf keiner Gründe der Rechtfertigung, während sie von der intellektuellen meist eingefordert werden können.

Wir üben gestische und verbale Formen der Begrüßung; wer fragt, warum, wird rechtens mit der Antwort abgespeist: „Weil wir Höflichkeit für eine Tugend halten.“ Wer weiter fragt, macht sich lächerlich.

Das helle Tier wittert die Gefahr, zumal im widrigen Gestank verrotteten Fleisches, wenn es sich nicht gerade um Aasfresser handelt; der degenerierte Mensch wird vom Fäulnisgeruch des Untergangs wie die Fliege vom glitzernden Dung angelockt.

Die Schärfe männlichen Verstandes ist eine Funktion taktiler und visueller Orientierung; so gelang die frühe Meisterung der Jagd- und Kriegstechniken oder der Geometrie.

Der tödliche Pfeil Apollos trifft ins Herz, ebenso der anders tödliche, der Pfeil des Eros.

Das Flechtwerk, die gewebten Muster, die fluiden Ornamente rinnen rhythmisch aus weiblicher Hand, ihr Kennzeichen: Sie haben nicht Anfang noch Ziel, sie kehren in sich selbst zurück.

Die sehende Hand des Töpfers und Malers, die fühlende der Liebkosung, die sprechende der Gestikulation.

Das Zeigen ist ein Äquivalent des Sprechens.

Der unendliche Dialog zwischen Auge und Hand ist nicht sokratisch-dialektisch; hier werden keine überflüssigen oder Wesensfragen gestellt, die Hand folgt der Führung durch den Blick , das Auge ist der Hand immer einen Sprung, einen Deut voraus; doch manchmal überläßt das Auge die Hand auch ihrer blinden, gleichsam somnambulen und traumtänzerischen Fühlungnahme und Handhabe der Dinge oder den Routinen und Automatismen des Werkzeuggebrauchs. Das Thema der Unterredungen zwischen Auge und Hand sind die zu handhabenden Dinge wie Messer und Gabel, Schnürsenkel und Türklinken, Schlüssel und Tasten, Seife und Handtuch und die zu bewältigenden Stoffe (oder Substanzen) wie Wasser, Erde oder Feuer, Teig, Leim oder Holz.

Der Schlüssel muß ins Schloß passen, öffnet nur rohe Gewalt die Tür, ist das Schloß zerstört.

Es ist fatal, statt auf die Bremse auf das Beschleunigungspedal zu treten; unklug, die Dame im Schachspiel ohne Deckung zu lassen; blamabel, die ironische Frage als wörtliche mißzuverstehen.

Es ist töricht, wenn auch verbreitete philosophische Unart, anzunehmen, ähnliche Wörter würden auf dieselbe oder analoge Art und Weise Bedeutung vermitteln oder verleihen; aber Herr Müller ist kein Müller, das Bewußtsein ist kein Sein, Ich ist kein Name, die Farbe hat keine Ausdehnung, das Bild ist nicht sein Gegenstand.

Man wird nicht leichter, wenn man sich wie eine Balletteuse auf die Zehenspitzen stellt.

Man wird nicht verständlicher oder glaubwürdiger, wenn man statt mit der platten Wahrheit herauszurücken einen rhetorischen Spitzentanz aufführt.

Der eingebildete Kranke ist krank; nur leidet er nicht an der körperlichen Krankheit, die sich seine Hypochondrie ersann, sondern einer seelischen.

Ein Dichter, der nie den Vers hinschreibt, den er eigentlich schreiben wollte; und so schreibt er weiter.

Das Farbspektrum, das die Physik Newtons zerlegt, ist eigentlich unsichtbar.

Zu fragen, wie die Welt des Tastbaren, Fühlbaren, Sichtbaren, Hörbaren, kurz die Welt der Empfindung, unsere Welt, in die farblose, unsichtbare, stumme Welt der Objekte paßt, ist ähnlich unsinnig wie die Frage, wie man mit toten Figuren wie denen des Schachs ein geistreiches Spiel spielen kann.

Unsinnig, wie zu fragen, was toten Buchstaben den lebendigen Hauch verleiht, sodaß wir verstehen, was wir lesen.

Der Irrtum Kants, daß Anschauung und Begriff verschiedenen kategorialen Ordnungen angehören. Ich sehe keinen Farbklecks, der sich mir mithilfe des Verstandes als Rose entpuppt, sondern eine Rose, und weiß ich nicht, um welche Blumenart es sich handelt, doch eine Blume.

Es gibt kein geistiges Mysterium derart, daß ein an sich unsichtbares, gestaltloses, farbloses, geruchsloses, stummes Etwas sich in eine duftende Rose oder einen verständlichen Lautkomplex verwandelt.

Es gibt kein An sich, das sich in ein Für mich verwandelt. Dies ist der Irrweg der idealistischen und existentialistischen Denker von Hegel bis Sartre.

Wir wissen nicht, ob „Gott“ Gott bedeutet, so wie wir wissen, daß „Mond“ den einzigen planetarischen Trabanten der Erde bedeutet und Wasser H2O.

Die Erde ist zu groß, das Leben zu abgründig, die Sprache zu komplex, als daß wir begreifen oder auf den Begriff bringen könnten, was wir hier treiben.

Homer hatte keine Ahnung davon, daß er in der antiken Welt lebte; wie können wir uns vermessen, anzunehmen, wir lebten in der Neuzeit, der Moderne, der Postmoderne?

Du mußt nichts Besonderes sein oder anstellen – du atmest weiter, solange der Atem nicht aussetzt.

Das kleine Mädchen sagt: „Die Puppe schläft“ und meint damit, wir sollen leise sein, um sie nicht aufzuwecken. Sie zeigt auf ihr schlafendes Brüderchen: Meint sie dasselbe, wenn sie sagt: „Peter schläft“?

Wir verstehen unter „schlafen“ einen Zustand, aus dem man erwachen kann. Meint das Kind dies, wenn es die Puppe mit dem intelligenten Mechanismus hochhebt, der sie die Augenlider aufschlagen läßt, und sagt: „Jetzt ist die Puppe wach!“?

Es gibt keinen Dietrich für alle Zimmer im Grand Palais Abgrund, keinen Universalschlüssel für alle Fragen des Lebens.

Ähnlich wie der Name Berlin an sich nichts bedeutet, sondern Bedeutung erst in Sätzen annimmt wie „Berlin liegt an der Spree“, verhält es sich mit den Personalpronomina, allen voran dem der ersten Person; denn „ich“ und seine deklinierten Formen bedeuten nichts, es funktioniert als Bedeutungsträger erst in Sätzen wie „Ich gehe jetzt nach Hause“, „Gib mir doch bitte Deine Telefonnummer“, „Ich habe Schmerzen“ oder „Ich erinnere mich nicht an seinen Namen.“

Wenn ich sage, daß ich Schmerzen habe, spreche ich, wie Wittgenstein betont, keinem obskuren Wesen eine spezifische Empfindung zu; darin könnte ich mich irren. Nicht aber in meinem Schmerzempfinden.

Wir können den deskriptiven, also wahrheitsfähigen Satz „Er hat Schmerzen“ nur jener Peter genannten Person zuschreiben, wenn wir davon ausgehen, daß Peter nach seinem Befinden gefragt sagen könnte: „Ich habe Schmerzen“, aber auch „Mir geht es gut.“

Wir schreiben Peter spezifische mentale Zustände zu; Peter nicht sich selbst.

Die Fähigkeit, ich zu sagen, weist per se und unmittelbar auf nichts Höheres, Tieferes, Metaphysisches hin, wie die Idealisten und Dieter Henrich meinen, sondern ist das Kennzeichen für die Tatsache, daß ein mit Wahrnehmung und Empfindung begabtes Lebewesen perspektivisch zentriert ist. Diese Tatsache muß auch für Tiere gelten; auch wenn sie nicht in unserem Sinne über Sprache verfügen, wird ihr Wahrnehmen und Empfinden bis zu einem vielleicht schattenhaft-rudimentären Grade zentriert sein.

Es ist kein metaphorischer Gebrauch des Reflexivpronomens, wenn wir sagen: „Der Hund freut sich, sein Herrchen wiederzusehen“, „Die Maus flüchtet in ihr Erdloch, denn sie fürchtet sich vor der Wildkatze“ oder „Die Katze gähnt und langweilt sich.“

Wir drücken mit der Interjektion „Aua!“ aus, was der getretene Hund durch sein Gewinsel kundtut.

Nur Verrückte oder Philosophen haben, was man ein einheitliches Weltbild nennt; der Paranoiker glaubt, daß alle ihm an den Kragen wollen, ja, daß Gott ihn in diese Welt voller Gefahren und Anfechtungen verbracht hat, um ihn zu bestrafen oder zu seinem eigenen voyeuristischen Vergnügen zu foltern; die paranoische Methode dechiffriert alle Erfahrung auf diesen trüben, armseligen Gehalt. Hegel wähnte, der Weltlauf sei eine zwar vertrackte und verwackelte, aber mit der dialektischen Methode zu dechiffrierende Verlaufsbahn von Ereignissen, die in seiner eigenen Existenz mündet.

Die ursprüngliche Mannigfaltigkeit der Methoden zur Bewältigung und Lösung von Schwierigkeiten, Problemen, Fragen: Wegmarken und Karten führen den Wanderer an sein Ziel, mit der veralteten Karte bleibt er stecken; mittels des Umwegs von Einsetzungen und Umstellungen lösen wir die Gleichung, bloßes Raten führt hier nicht weiter; durch Abgleich mit ähnlichen Stellen im Gesamtwerk des lateinischen Dichters vermag der Philologe die Lücke im Manuskript zu schließen, reine Intuition kann ihn in die Irre leiten.

Die natürliche Ungleichheit der menschlichen Individuen zeigt sich nicht nur an der Singularität des Fingerabdrucks, der Handschrift oder der Gehirnwindungen, sondern offensichtlicher noch an der weiten Skala unterschiedlicher Fähigkeiten, Begabungen und Neigungen – von den motorischen Leistungen über die Grade der Aufmerksamkeit bis zu sexuellen Vorlieben und Perversionen; jeder hat sein spezifisches Sensorium, jeder seine eigenwillige Idiosynkrasie.

Dichter, nicht Schriftsteller, ist jener zu nennen, der mit einer Sonderbegabung hinsichtlich der Wahrnehmung von Düften, Farben, Klängen, Gestalten und Rhythmen ausgestattet oder auch geschlagen ist. Indes, wenn ihm die alltäglichen Worte und Wendungen wie Pilze im Mund zerfallen, bleibt er Dichter nur, wenn er eben diese Sprachnot wie Hofmannsthal in seinem berühmten Brief an Lord Chandos in geistreicher und ausdrucksvoller Weise kundzutun vermag.

 

Dez 27 22

Zigeunerspuk

Sie, deren Lieder uns gezogen
hinab zu leuchtenden Korallen,
wie Geister sind sie aufgeflogen,
uns blieb nur schiefergraues Lallen.

 

Der Liebe nachtbetaute Daunen,
wie glänzen sie in Mondes Mulden.
O wollet unsrer Öde raunen,
ihr wehmutdunkler Jugend Hulden.

Und die um Flammengarben stampfen
mit den nomadennackten Ballen,
laßt Seufzer aus den Kehlen dampfen,
in weiche Herzen Triller krallen.

Mit zarten Muschelgriffen Klingen,
die wie vereiste Schmerzen blitzen,
sie schneiden durch die Luft und singen,
und Schatten flackern, die sie ritzen.

Uns aber faßt ein süßes Grausen,
wenn mennigrote Brüste starren,
uns bannt ein somnambules Brausen
von Hirtenflöten und Gitarren.

Im Wind der Seidenfächer scherzen
der trunknen Blicke Schmetterlinge,
sie taumeln um den Kelch der Herzen,
und wenn sie schlürfen, stäubt die Schwinge.

Wir schmecken bittrer Wollust Schauer,
wenn ihre Becher klirrend kreisen.
Die kaum sich aufgetan, die Trauer,
senkt ihre Knospe, da sie reisen.

 

Dez 26 22

Auf dem Pilgerpfad

Wie ist das Sternbild uns verhangen,
im Dickicht unsrer Angst entrückt,
es hüllt kein Schimmer unser Bangen
von Rosen, die das Lied gepflückt.

Doch sehen wir, daß Tropfen flossen
von Blüten, erdwärts schon gebeugt,
und ewig in sie eingeschlossen
den Glanz, der hohen Sinn bezeugt.

Ward uns der Strahl, der Geist, genommen,
das Rauschen ferner Quellen auch,
scheint fahl ein Mond, im Dunst verschwommen,
im dürren Grase seufzt ein Hauch.

Wie fühlen wir uns ganz verlassen,
auf sternenlosem Pfad allein,
wir können Duldens Sinn nicht fassen,
Moos dunkelt um den toten Stein.

Wir fanden keine Weihestätte,
nicht Kelch noch Kreuz, nicht Gral noch Grab,
wo uns gegrünt, geblühet hätte
der eingesenkte Pilgerstab.

So mögen uns die Wellen tragen
zu Ufern ohne Wiederkehr,
wo blasse Asphodelen ragen
in einen Himmel wüst und leer.

 

Dez 24 22

Ein Tropfen Licht

Es ist ein Zittern nur, ein Tropfen Licht
an nächtlich blauem Glase,
es ist ein Mund, der sich ins Dunkel spricht
in schmerzlicher Ekstase.

Die Blüte, die den lichten Tropfen trank,
will einmal noch sich röten,
das Wort sagt monderhellten Quellen Dank,
die es zum Lied erhöhten.

Es ist ein Seufzen nur, ein Hauch der Nacht
in schwanken Uferschilfen,
es ist ein Herz, das bang im Dunkel wacht
bei Ariel und seinen Sylphen.

Undine, sanft vom Abendstern geküßt,
sie mag noch einmal weinen,
das Herz, das geisterhafter Sang umfließt,
will sich mit ihr vereinen.

 

Dez 23 22

Diarium philosophicum I


hilosophische Sentenzen und Aphorismen

Was versteht der Blindgeborene, der ein gutes Deutsch gelernt hat, wenn du sagst: „Ah, dort über dem bewaldeten Hügel steht der Vollmond.“?

Das Kleinkind hat schon die sprachliche Stufe erreicht, auf der es Komparative wie „wärmer“, „schwerer“ oder „schöner“ verstehen oder anwenden kann; dann sagt es aber statt „besser“ „guter“ – ein solcher und andere Fehler sind ein Indikator für die Tatsache, daß eine strukturelle Komponente der grammatischen Struktur aktiviert ist.

Unsere Fähigkeit, bestimmte Fehler zu machen, zum Bespiel Rechenfehler oder grammatische Patzer, dokumentiert bisweilen einen mehr oder weniger hohen Grad von Intelligenz.

Die Einwortsätze des Kleinkindes sind keine Interjektionen, sondern der Ausdruck eines Gedankens, wie der Einwortsatz „Mama“ die Bedeutung haben kann: „Hier ist sie ja, die Mama!“ oder „Es wäre schön, wenn Mama da wäre!“

Was wir Willensfreiheit nennen, zeigt sich in der grammatischen Möglichkeit zur Bildung von irrealen Bedingungssätzen: „Hätte ich nicht so lange getrödelt, wäre mir der Bus nicht vor der Nase weggefahren.“

Denken heißt nicht bloß, an etwas denken; wenn ich an den verreisten Freund denke, impliziert dies ja den Gedanken, daß er verreist ist.

Denken heißt ebensowenig, einen wahren Gedanken haben; denke ich an den verreisten Freund, könnte es sich herausstellen, daß er in diesem Moment schon wieder nach Hause zurückgekehrt ist.

Nehmen wir also an, denken heiße, an einen möglichen Sachverhalt denken, wie an den Freund, von dem ich annehme, er sei verreist, obwohl er schon wieder zurückgekehrt ist.

Könnte indes der verreiste Freund nicht gleichsam einen Doppelgänger losschicken, der „statt seiner“ die Heimreise angetreten hat.

Wir zweifeln, ob wir Freund Peter I, der noch in London weilt, in seinem Doppelgänger Peter II, der an unserer Tür geklingelt hat, ansprechen sollen und identifizieren können.

Im Unterschied zum Kleinkind vermischen wir nicht den realen mit dem fiktiven Namen, nicht den Wolf im Tiergehege mit seinem fiktiven Doppelgänger namens Isegrim aus dem Märchen.

Die Semantik des Namens „Gott“ ist noch nicht geschrieben.

Würde der von Geburt Blinde, der die Blindenschrift erlernt und die Gedichte Eichendorffs und Brentanos gelesen hat, wenn er durch ein Wunder in der Nacht seine Sehkraft erlangte und den Schein des Mondes im Fenster gewahrte, ausrufen können: „Ah, das ist also der von den Dichtern vielbesungene und von den Hunden vielbejaulte Mond!“?

Es ist eleganter Unsinn zu behaupten, „luna“ oder „la lune“ oder „the moon“ bedeute „der Mond“, während die schlichte, aber schwer zu fassende Wahrheit in der Aussage ausgedrückt wird: „luna“, „la lune“, „the moon“ und „der Mond“ bedeuten den Mond oder den einzigen planetarischen Trabanten der Erde.

Hermeneutische Frömmler und Sinnpietisten, die das Wort zwar nicht wie ehedem die Schriftgläubigen ins Kloster, aber dafür in die labyrinthischen Verliese der Texte und Texte über Texte, der Bücher und Bücher über Bücher stecken, aus dem es bei Strafe des Sinnverlustes kein Entrinnen geben könne.

Sie schwätzen nach, was der Herr Papa (der Lehrer, der Priester, der Doktorvater) schon immer gesagt hat, um sich als würdig zu erweisen, seinen Posten zu übernehmen. Oder sie widersprechen dem alten Herrn in einem fort auf schnoddrige und impertinente Weise, um sich pubertär aufzuspreizen und trotzig sich in jene Büsche zu schlagen, vor deren Dunkel der senile Angsthase stets gewarnt hat. – Aber im Dickicht wird ihnen nicht bange, denn hier warten schon jene Brüder der Horde, von der Doktor Freud nicht zu unrecht viel Aufhebens gemacht hat; der Horde, die die alte Elite um den realen oder symbolischen Kopf kürzer zu machen gedenkt.

Abertausende in abertausend Generationen müssen den Mond gesehen und gesagt haben „Dort geht der Mond auf“, damit endlich der Astronom mit der Feststellung aufwarten kann: „Der Mond ist der einzige planetarische Trabant der Erde.“

Daraus folgt: Die Subjektivität des Wahrnehmungsurteils, die durch den deiktischen Ausdruck „dort“ angezeigt wird, ist die Voraussetzung der objektiven kosmologisch-physikalischen Aussage.

Nur Organismen mit spezifischen sensorischen Fähigkeiten kommen zu Aussagen wie „Das fühlt sich rauh an“, „Der Ton ist schrill“, „Das Bier schmeckt fade“, „Da geht der Mond auf“. Das verhindert nicht, nein, ist sogar die Voraussetzung dafür, daß dieselben Organismen Wissenschaft treiben, womit sie ihren subjektiven Wahrnehmungen einen objektiven Gehalt verschaffen.

Aber verschafft uns der objektive Gehalt von Begriffen wie Mond, Stern, H2O und Aussagen wie der Pythagoräische Lehrsatz den Ruhm, den Horaz beanspruchte, weil seine Stirn das Funkeln der ewigen Sternbilder gestreift habe?

„Dem halb Ertaubten klingt der Ton, der dir schrill vorkommt, aber weniger schrill, ja sanft.“ – Nun gut; doch hat er noch eine auditive Wahrnehmung, die er entsprechend qualifizieren mag.

Die Rose duftet, „Rose“ nicht.

Seine Musik hat sich auf den Klang des Namens Mozart wie durch einen seltsamen magischen Zauber übertragen.

Herr Grieskram könnte sich eine solche magische Aufladung seines Namens durch noch so große Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit wohl kaum erwerben.

Das Muster der Tapete, das man im Katalog besieht, sieht der Tapete zum Verwechseln ähnlich. Ja, es ist öfters ein Stück derselben Tapete, die man schließlich käuflich erwirbt und zu Hause an die Wand klebt. Wir werden aufgefordert, einen Probeschluck des delikaten Weins zu wagen, und was wir schmecken, unterscheidet sich in keiner Weise von dem uns kredenzenten vollen Becher, Das Musterhaus ist so, wie das Haus, das man erwerben kann, nur daß hier keiner wohnt.

Das Schema der Sonate, der Fuge, des Sonetts, der Terzine ist keine Sonate, keine Fuge, kein Sonett und keine Terzine. Freilich ähnelt das Schema der Sonate der echten von Schubert im Aspekt einer spezifischen Projektion ihres formalen Aufbaus.

Der Name Berlin bedeutet nichts, es sei denn wir verwenden ihn in Sätzen wie „Berlin liegt an der Spree.“ Und nur ein solcher Satz beglückt uns mit einem sinnvollen Gedanken.

Daraus folgt die semantische Sigularität unserer Art, sprachlich in der Welt zu hausen: Nur mittels grammatisch korrekt geformter Sätze öffnet die Aussage ihr Negligé, zumindest soweit, um das Schimmern ihres köstlichen Inkarnats zu erhaschen.

Der deutsche Idealismus ist eine hybride Scheinfrucht aus der Vermischung der echten und trivialen Verwendung von Begriffen wie „Ich“, „Bewußtsein“ und „Geist“ und ihrer mystifikatorischen in Schein-Aussagen wie „ich ist Ich“ oder „Im menschlichen Bewußtsein kommt der Weltgeist zu sich selbst.“

Man kann nicht alles nach derselben Methode behandeln, wie der Quacksalber Hegel meinte.

Man kann natürlich ein Grafikprogramm entwerfen, mit dem sich eine topographische Karte erzeugen läßt, auf der der Name „Berlin“ neben einem Symbol für Großstadt und der Name „Spree“ neben einem Symbol für Fluß steht; aber für das Programm hat der Satz „Berlin liegt an der Spree“ keine Bedeutung.

Welchen Reichtum an Typologien des weiblichen Geschlechts enthüllt uns der antike Mythos: Nymphe, Dryade, Sirene, Megäre, Mänade, Moira, Muse, Bacchantin, Sylphe, um nur diese zu nennen, oder welchen Reichtum an weiblichen Charakteren die Epen und Dramen, Penelope und Helena, Antigone und Klytämnestra, Elektra, Andromache, Ariadne … Das Ergebnis der urbanen Zivilisierung und Emanzipation des weiblichen Geschlechts ist seine Verflachung, Banalisierung, Entzauberung.

Zu den letzten Kennern der archaischen und mythischen Dimension des weiblichen Geschlechts zählen Baudelaire, Hugo von Hofmannsthal, Knut Hamsun und Friedrich Georg Jünger.

Der gelehrte Mann, das Idol der Aufklärung, ist kurzsichtig, rachitisch, ohne feineren Geschmack für Nuancen, abgedichtet im Verlies der Bibliotheken sowohl vom Blumenhauch wie vom Sturmwind des Lebens. Was soll man über gelehrte Frauen sagen …

Die Katze Baudelaires, die Sylphe Mallarmés und die fade Sinnlichkeit einer Madame Bovary.

Dummheit muß man sich erst leisten können, als Studienrat oder Feuilletonchef beispielsweise, denn sie zeugt vom Mangel und einer Verkümmerung des Instinkts, der in der Wildform des Daseins den stumpfen, vom Knäckebrot der Moral genährten Magersinn, der die Gefahr nicht erkennt, schon vor dem Schatten eines Schattens zurückschrecken läßt, angesichts der Herrscher der Straße, den neuen Nomaden und ihrem keifenden Anhang mit devoten Verbeugungen scharwenzelt und zurückweicht, um in den nächstbesten Gully zu stürzen.

Nicht einmal das jeden scharfen männlichen Syllogismus schlagende Argumentum ad hominem der Frauen, Tränen, lassen sie mehr gelten.

Die Liebesgedichte, die nach der großen Zeitenwende durch die Entdeckung der Alterität und Willkür der sexuellen Zuschreibungen geschrieben werden, wissen sich keinen Reim mehr auf das zu machen, was die großen Dichter der Vergangenheit als Passion und Verhängnis, Treue und Verrat, Faszination und Steigerung aus dem bipolaren Dunkel ans Licht ihrer Sonette und Elegien gehoben haben.

Der elegante Unsinn, dem ganze Generationen zum Opfer gefallen sind, drückt sich in Scheinsätzen aus wie: „Alles ist Interpretation.“ Wie wäre aber dieser Satz zu interpretieren? Nun, er müßte eine Wahrheit zutage fördern, die selbst keiner Interpretation mehr unterläge – und auf diese Weise sich selbst ad absurdum führen.

„Achtung!“, „Vorsicht!“, „Geh zurück!“ sind Ausrufe, die in der entsprechenden Situation von Bedrohung und Gefahr geäußert unmittelbar verständlich sind. Natürlich deuten sie wiederum auf eine propositionale Wahrheit, die sich in Sätzen darstellen läßt wie: „Von links rast ein Auto heran“, „Hier ist eine steile Stufe“ oder „Das ist kein Weg, sondern ein Holzweg.“

Daß objektive Wahrheiten wie die Wahrheit, daß Berlin an der Spree liegt, ihre Relevanz allererst gewinnen, wenn sie in subjektiven Kontexten Verwendung finden, mindert ihre Objektivität nicht im geringsten.

Als Titanenrufe gehandelte Sätze der Philosophie wie „Alles fließt“, „Alle Menschen streben nach Glück“, „Homo homini lupus“ „Gott ist tot“ – wie verflacht, ausgehöhlt und schäbig werden sie alle infolge ihrer Verramschung auf dem Markt der Meinungen.

Widerlegt mittels Zitierung. – Am gründlichsten widerlegt scheint, was am häufigsten zitiert wird.

Der Hase rettet sich vor dem Rachen des Wolfs, indem er einen großen Hymnus auf seinen Erzfeind anstimmt, sich in immer phantastischere Beschwörungen seiner Schönheit, Weisheit und Güte steigert, sodaß Isegrim zunächst aufs höchste geschmeichelt die Pfoten kreuzt und in seiner Eitelkeit gekitzelt den Schweif behaglich hin- und herwiegt, dann aber von der unversieglichen Lobpreisung seiner Tugenden zwar bis zu Tränen gerührt, aber auch gelangweilt und ermüdet wird, schließlich zu gähnen beginnt und träumerisch-versonnen das Haupt senkt und einschläft.

 

Dez 21 22

Versunkenes Leben

Wenn aber Schleier niederwehen,
geküßt vom Abendlicht,
kannst du den blauen Schatten sehen,
der sich um deinen flicht.

Wie Rieseln in verschneiten Auen
umwölkt dich Traumgelall,
du willst wie Schnee der Liebe tauen,
o schmelzender Kristall.

Und Hauch hebt an die Schneegirlanden,
die blind der Mond gewebt,
du hörst in fernen Meeres Branden,
wie eine Stimme bebt:

„Wir lauschten nachts dem Spiel der Wellen,
dem Lockruf aus dem Grund,
die Worte schwirrten wie Libellen
an stummem Blumenmund.

Mit Muscheln hast, mit weißen Steinen,
die Namen du gesät,
daß sie zur Inschrift sich vereinen,
doch war es schon zu spät.

Ich tauchte in den Schaum der Wogen,
in der Korallen Bann,
die grüne Nacht hat mich getrogen,
dein Traum zog mich hinan.“

O daß die Schleier weicher weben,
von Wehtau hold genährt,
jungfräulich um versunknes Leben,
bis es der Tod verklärt.

 

Dez 20 22

Im Wald der Sprache

Wenn es im Wald der Sprache dunkelt,
wie blicken staunend wir empor,
hat wunderbar Gestirn gefunkelt
durch Laubes zarten Dämmerflor.

Uns spricht das geisterhafte Brausen
noch von Dianas Einsamkeit,
wir starren voller Urzeit-Grausen,
wenn über uns die Eule schreit.

Und hören wir aus kühlen Gründen,
wie eine Quelle selig singt,
will unser Vers in Auen münden,
wo süßen Hauchs die Knospe schwingt.

Doch plötzlich bricht sich dumpfes Ächzen,
ein Splittern in die Versgestalt,
titanisch scharfe Messer lechzen
nach Klarheit im Metaphernwald.

Es stürzen Ulmen, Buchen, Eichen
für odemlosen Teerbelag,
die hellen Herzen müssen weichen
vor einem trüben Menschenschlag.

Ob weiße oder schwarze Hände
zersägen ihr das lichte Bein,
nur Liebe pries der Birke Lende,
nur deutscher Vers trug Laub so rein.

 

Dez 19 22

Abendlichtes Schneise

Folg nur des Abendlichtes Schneise
ins Dunkel, das da ewig währt.
Was du noch sagst, o sag es leise,
verhüll die Wunde, die noch schwärt.

Im Schilf des Ufers magst du liegen,
wo träumend schwankt der schmale Kahn,
der grauen Wasser Sang soll wiegen,
o wiegen dich, du blasser Schwan.

Will Mond sein Silberhorn ausgießen
ins schmachtend rieselnde Gerank,
mußt, das vergebens späht, du schließen,
das Aug, vom Tau der Wehmut krank.

Mag sanfte Hand dich Blinden leiten
zum Kahn, der deiner harrt. O Hand
der Liebe, die in abgelebten Zeiten
den Kranz von Mohn und Veilchen wand.

 

Dez 18 22

Verwehte Spuren

Spuren, frisch im Schnee, wo Hasen sprangen,
und wieder Schnee, das Bild wird blind.
Lieder, die uns milde Flammen sangen,
die Seele taut, der Tau verrinnt.

Muscheln hat der Mond zum Strand getragen,
sie blassen, wenn die Sonne sinkt.
Bunten Schaumes Knistern, was wir sagen,
der Schaum des Lichts, den Trübsal trinkt.

Blitzend schält die Schneide Aprikosen,
kühl ist der Griff von Elfenbein.
Ach, dein Lächeln brachte mir noch Rosen,
die späte Glut im Schattenhain.

Birkenanmut wurde umgehauen,
das Gras erstickte im Asphalt.
Fahle Himmel, wollet nicht mehr blauen,
das Herz ist grau, die Lippe kalt.

 

Dez 17 22

Die Knospe Hoffnung

Laß fliehen uns zur Waldkapelle,
noch thront sie droben muschelbleich,
ward brüchig auch die Marmorschwelle,
der Benedeiten Blick ist weich.

Du, Liebe, magst im Stillen sinnen,
ich zünde uns zwei Kerzen an,
und wenn an ihnen Tropfen rinnen,
mag schmelzen auch der Schwermut Bann.

Uns hüllen huldvoll Schattenranken,
worein der Schein des Mondes bricht,
wir fühlen uns auf Wassern schwanken,
umgeistet hold von Rosenlicht.

Und gehen wir durch Dämmerungen,
wird uns zum Abendstern das Lied,
von zarten Sängers Schmerz gesungen,
das Dunkel küß, bis Liebe sieht.

Uns ist, als hab sich süßem Wehen
die Knospe Hoffnung aufgetan,
daß wir im Tal noch schimmern sehen
wie Schnee im Schilf der Nacht den Schwan.

 

Dez 16 22

Geknetet und behaucht

Geknetet und behaucht wird warm
der Lehm in schmutzig-kleinen Händen.
Wie Falten Wassers glänzt der Charme
an transparenten Verses Lenden.

*

Heiß in Muscheln, Formen und Figuren
pressen Kinderhände feuchten Lehm.
Streicht durch Zeilenklüfte und Zäsuren
Odem, flötet schon das Urphonem.

*

Daß sie trocknen, schlafen nasse Ziegel
in Gelassen winddurchseufzter Darren.
Dichter, noch ein Kuß, dein feuchtes Siegel,
daß die weichen Verse nicht erstarren.

*

Töpferscheibe muß sich, muß sich drehen,
und die schlanke Vase wächst heran,
Lüfte sanft durch Blüten wehen, wehen,
durchs Gerank der Zeilen schwimmt ein Schwan.

*

Wasser, sprach der anmutfrohe Weise,
magst du, Dichter, träumerisch dir ballen,
doch er wand sich selbst in dunkler Schneise
Flammenkränze, um im Licht zu wallen.

*

Geformt aus Lehm, ein wahres, schlichtes Bild
für unsre schwache, sterbliche Gestalt.
Daß aber Othem Gottes darin quillt,
macht uns bestürzt, wir taumeln ohne Halt.

*

Die Woge schwillt, die Woge schäumt,
ein Seestern zackt und schwappt am Strand.
Der Stern, den sich ein Vers erträumt,
im nächsten ist er schon verbrannt.

*

Es schüttet seinen goldenen Wein
aus klirrenden Kristalles Schalen
der Abend hin, du trinkst allein,
doch zittern nach die Traumspiralen.

*

Brackwasser läuft in lehmige Mulden
auf Muschelhorn und Ammoniten.
Gefäße, die nur zarte Schatten dulden,
sind in des Urschlamms Nacht geglitten.

 

Dez 15 22

Wie Schwalben ziehen

Wie Schwalben ziehen zu den milden Strahlen
an veilchenblauer Buchten Meer,
streu Irisblüten ich in irdne Schalen,
doch kommst du, Liebe, kommst nicht mehr.

Und Stimmen sind, in Purpurwolken schwebend,
wie fernes Zittern von Kristall,
mir aber tönt, aus dunklen Grotten bebend,
ein Gong, ein dumpfer, aus Metall.

Wie jene kehren heim und rupfen Gräser
und flattern auf und ab im Spiel,
stell auf den Tisch ich hin zwei Gläser,
doch eins ist, Liebe, eins zu viel.

Und Düfte sind, die dunkle Süße quillen,
um Buch und Lampe Traumgerank,
mir aber will den Durst, den heißen, stillen
die Nymphe mit dem bittern Trank.

 

Dez 14 22

Bündisch, einst

Erinnerung an den Nerother Wandervogel

Wehen, Brüder, euch noch Fahnen
in die Ferne bunt voraus,
hört ihr noch den Ruf der Ahnen,
überall sind wir zu Haus?

Bündisch einte uns ein Fühlen,
wenn des Nachts die Flamme sang,
Herz, es konnte kaum uns kühlen
Traube Mond im Rebenhang.

Glitzern, Schwestern, euch noch Locken,
überhaucht von Sternentau,
sagen euch noch Blütenglocken,
Liebesblicke leuchten blau?

Bündisch einte uns ein Glauben,
über dunkler Wogen Schaum
bringen uns der Anmut Tauben
grüne Zweige, Silberflaum.

 

Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/eifelpfade-xxvii

 

Dez 13 22

Leiser Widerhall

Du früher Quellen leiser Widerhall,
muß ich auf dürren Pfaden schreiten,
du weißer Apfelblüten Taumelfall,
die mir aufs Nachtmoos Schneelicht breiten.

Wenn ich im Winter aus dem Fenster seh
zum Milchfleck Mond, das Herz gefroren,
ergreift mich fernen Dufts ein süßes Weh,
von Inseln her, wo du geboren.

Und streune einsam ich am Ufer lang,
das Schilf, es seufzt, das Herz muß schweigen,
hör ich, wenn Wogen schäumen, deinen Sang
aus grünem Schmelz von Muscheln steigen.

In tausend Blicken, traumblind aufgetaucht
im Einkaufsgetto, such ich einen,
von Liebreiz blau, von Unschuld überhaucht,
der mich erheitern könnte: deinen.

 

Dez 12 22

Metanoetisch

Morgens lallst du, trunken zu vergehen,
blinden Saugens, Schluchzens Tülle.
Abends nennst du sehend, die bestehen,
Dinge hohen Glanzes, eigner Fülle.

Frühling war ein Hecheln, Wirren, Wühlen,
Schlaf in Düften, die betäuben.
Herbst läßt dich die blaue Stille fühlen,
in die Worte, Pollen stäuben.

Wie sie leckten, heißen Sanges Zungen,
Schnee von Brüsten der Mänade.
Spät erlischt die Glut, erst, da gesungen
Kühlung plätschernd die Najade.

Sehnsucht, im Gestrüpp der Angst das Lauern,
bang umklammern, was uns kettet.
Und es löst dich gnädig ein Erschauern,
Strahl der Liebe, der noch rettet.

Wintersonne, Bild und Male fahlen,
was vergessen schon, die losen
sammle, Dichter, in kristallne Schalen,
blasse Blätter später Rosen.

 

Dez 11 22

Dunkle Grotte, Rosenhelle

Und manchmal hört man in den Nächten weinen,
als wäre in der dunklen Waldesgrotte
erwacht die Nymphe auf bemoosten Steinen,
die längst verstummte vor dem lichten Gotte.

Dann magst du, Dichter, in die trocknen Furchen
das sanfte Rieseln und das Seufzen leiten,
mag noch mit Schlangen, mit gescheckten Lurchen
das Lied dir lispeln und durch Gräser gleiten.

Bisweilen kratzen auf des Schlafes Schwelle
die schrillen Töne einer Traumzikade,
und Eos hält zurück die Rosenhelle,
wenn Liebe schmerzt der Schmelz der Blütenpfade.

So magst du, Dichter, dich mit Ruten schlagen,
die dunkle Liebe aus dem Strauch geschnitten,
der süß erblühte in den Sommertagen,
wie Grillen schreien, was das Herz gelitten.

 

Dez 10 22

Die fahlen Sonnen der Erinnerung

Wenn fahle Sonnen in den Zweigen schweben,
der Aprikosen Licht im Tal
Erinnerung, ein Traubengold von Reben –
wie schmecken alle Worte schal.

Laß trinken mich von deiner Anmut Ranken
den feuchten Schimmer Morgenlicht,
mich auf dem Plätschern deines Singsangs schwanken –
ein Falter schwirrt noch ums Gedicht.

Wo wir den Weinbergschiefer leicht erklommen
und schauten in der Tiefe blau
den Strom, wo abendrötlich Rosen glommen –
wie werden alle Bilder grau.

In Halme, aus dem bittern Löß gezogen,
flicht deine süßen Veilchen ein,
mit Kerzen heb den Kranz auf weiche Wogen –
zu leuchten auf dem dunklen Rhein.

 



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