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Aug 17 19

Der Teppich der Seele

Die rückwärts nur der Seele Teppich sehen,
bestürzt sind sie, verstört,
und findenʼs unerhört,
wie kreuz und quer die krausen Fäden gehen.

Die seine Blumenpracht und Ornamentik
im Mond-, im Sonnenlicht
voll tiefen Sinns besticht,
wie feuchtet goldnen Taues sich ihr Blick.

Dem Dichter tun sich beide Seiten kund,
vom Glück gebannter Strahl,
die Quasten wirrer Qual.
O wehes Lied, erblüht am trunknen Mund.

 

Aug 17 19

Die Angst der Welt

Fern verdämmert uns der Rosen Schein,
blauer Enzian,
leichten Sanges Schwan.
Tragen wir die Angst der Welt allein?

Blieb kein Wort, das golden sich ergießt
in den Kelch der Brust,
sanfter Tropfen Lust?
Gartenpforte, die sich kreischend schließt.

Ist kein Flügel, der ein Rauschen bringt
jener fernen Zeit
in die Einsamkeit,
Vogel, der im Schilf des Schlafes singt?

 

Aug 17 19

Die leeren Gänge der Erinnerung

Gelbe, rote Blätter treiben dort im Park
auf totem Dämmerteich,
es schimmern geistergleich
Aphrodites Brüste wie zerlaufener Quark.

In den leeren Gängen der Erinnerung,
im großen Spiegelsaal
liegt noch ein weißer Schal,
schweben keine Masken mehr im Walzerschwung.

Wispern zeugt von Lebenslust aus weichem Pelz,
bestreicht der Dielen Glanz
ein nackter Ringelschwanz,
Mäuseschwof, als blende noch der Geige Schmelz.

 

Aug 16 19

Ansichten eines reaktionären Melancholikers

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der rigide Anspruch von Rationalität und universeller Moral erzeugt im Labor der Metropolen die widrigsten und provinziellsten Monstren, die ihm Hohn sprechen und den Garaus machen.

Der kommende Bürgerkrieg der Ethnien könnte entweder zu ihrer lokalen und kulturellen Segregation und Regimen der Apartheid oder zur Aufrichtung eines europäischen Cäsarismus führen, der auf Bergen von Schädeln thronend die neue Pax Europaea verkündet.

Wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, war das Motiv Rassismus; im umgekehrten Falle brach sich die angestaute Wut eines schwer traumatisierten Opfers Bahn.

Schon der widrige Umstand, in Massenquartieren mit unbekannten Nachbarn hausen zu müssen, erweckt natürliche Haltungen von Abwehr und Mißtrauen; wenn aber Krethi und Plethi gezwungen wird, Haus und Hof, Wasser und Brot mit Ali und Hussein zu teilen, erzeugt dies natürlicherweise Ressentiments und Pogromstimmung.

Wenn wir mit Nietzsche und Spengler Kulturen unterschiedlichen und sich ausschließenden Regimen des Instinkts und der Triebmodellierung zuordnen, ob wir sie nun apollinisch, dionysisch oder faustisch nennen (der Name tut nichts zur Sache), folgt daraus, daß ihre in ein enges Quartier zusammengepferchten Träger im günstigsten Falle einander ignorieren und mit dem ironischen Lächeln dumpfen Überlegenheitsgefühls begegnen, im ungünstigsten Falle einander mißtrauisch beäugen oder die Köpfe einschlagen.

Wir fühlen es nicht mehr, daß wir uns uneigentlich ausdrücken, wenn wir vom Gesang der Vögel reden oder davon, daß das Hundchen an der Leine vor dem Supermarkt auf sein Frauchen warte.

Warten ist kein Erlebnis oder Seelenzustand wie der Schmerz oder die Furcht: Schmerz und Furcht haben eine gewisse Dauer und Intensität. Doch wenn ich auf dich warte, muß ich nicht ständig an dich denken – ich kann etwas lesen, ohne an dich zu denken, in der stillen Erwartung, daß es demnächst klingeln werde.

Kinder, die einen Ausflug auf einen Bauernhof machen, treffen sich nicht mit den Kühen, sondern treffen auf Kühe. Wenn wir uns mit jemandem treffen, gilt beispielsweise, daß der Betreffende uns erwartet oder auf uns wartet. Tiere warten auf niemand.

Der Hund an der Leine vor dem Supermarkt kann nicht hoffen, daß sein Frauchen, obwohl es schon geraume Zeit ausgeblieben ist, endlich wieder erscheinen werde.

Tiere warten weder auf jemanden noch hoffen sie auf etwas.

Der Pawlowsche Hund erwartet oder hofft nicht aufgrund des akustischen oder visuellen Signals, ihm werde gleich das leckere Futter gereicht. Das Signal wirkt als bedingter Reflex oder Auslöser einer Verhaltensweise wie Speichelabsonderung; der Speichelfluß ist ein internes Symptom dessen, was wir Appetit oder Hungergefühl nennen.

Wir fühlen nicht mehr, daß wir uns uneigentlich ausdrücken, wenn wir sagen, der Orang Utan baue sich abends aus abgerissenen Zweigen und Laub ein Schlafnest oder die Schimpansenhorde führe Krieg gegen ihre Nachbarn.

Tiere bauen nicht, sie wohnen und arbeiten nicht, sie führen weder Krieg gegeneinander noch leben sie mit ihren Nachbarn im Frieden.

Um Krieg führen zu können, muß man über den Begriff des Krieges verfügen und beispielsweise verstehen, was es heißt, eine Kriegserklärung zu machen.

Um Krieg zu führen, müssen wir über eine Sprache verfügen, in der wir die einen als Freunde und Bündnispartner, die anderen als Feinde bezeichnen.

Blütenpflanzen und Insekten leben in einer sexuellen Symbiose, sexuelle Befruchtung finden wir allenthalben im Tierreich, von den Fischen über die Vögel bis zu den Säugern; aber nur Menschen leben als Mann und Frau.

Es gibt nur zwei menschliche Geschlechter; der Rest sind Varianten oder Deformationen im Rahmen dieser Polarität.

Wir können auch sagen, wir existieren als geschlechtliche Wesen auf gewissen Punkten der Wahrscheinlichkeitskurve, die vom Ausgangspunkt des idealtypischen Mannes zum Endpunkt der idealtypischen Frau verläuft; wobei Mann und Frau eben biologische und psychische Idealtypen darstellen, die von keinem Exemplar rein und unvermischt dargestellt werden.

Seele und Geschlecht sind insofern eine Einheit, als idealtypisches Mannsein sowohl biologisch durch die Funktion der Samenproduktion und -ejakulation als auch psychologisch durch Formen der Expansion und Aggression ausgezeichnet ist; während idealtypisches Frausein sowohl biologisch durch die Funktion der Produktion fruchtbarer Eier und der Schwangerschaft als auch psychologisch durch Formen der Bewahrung und Hege ausgezeichnet ist.

Das väterliche Ideal bildet die Urformen der Religion des Lichts, der Höhe, des Wortes aus; das mütterliche Ideal die Urformen der Religion der Nacht, der Tiefe und des Schweigens.

Das Bild des Mannes greifen wir nur in der Reihe seiner kulturellen Variationen, im Herren von Haus und Hof, im Krieger und Priester, im Eigentümer und Erblasser, im Redner und Sänger. Entsprechend das Bild der Frau als Hüterin von Herd und Feuer, Ernährerin und Erzieherin, Erzählerin und Muse.

Ein jedes Bild ist mit seinem Schatten behaftet, der Herrscher und der Tyrann, der Krieger und der Zerstörer, der Priester und der Inquisitor, der Eigentümer und der Vergeuder des Erbes, der Redner und der Schwätzer, der Sänger und der Krakeeler.

Im Tierreich finden wir Männchen und Weibchen, aber weder Mann noch Frau in der kulturellen Funktion von Vater und Mutter.

Die Aufgaben des Erbes und des Erblassers im Rahmen der römisch-rechtlichen Sittlichkeit verpflichten den pater familias und den Herrscher darauf, die materiellen und kulturellen Güter der Familie, der Sippe, des Landes nicht nur zu pflegen und zu bewahren, sondern sie auch zu vermehren und den Nachkommen möglichst unbeschadet, ja glänzender zu überliefern.

Das Charisma der matrona als Hüterin und Hegerin des Hauses vermochte es auf lange Dauer das ungezügelte und von Natur gewalttätig-polygame Wesen des Mannes bisweilen im Gehäuse der Monogamie und der ehelichen Treue zu zähmen und zu kultivieren. Daß es in finsteren Ekstasen immer wieder ausbricht, zeigt die Chronik der Massaker und Vergewaltigungen.

Eine spezifische natürliche Mitgift der männlichen Mitglieder der weißen Rasse, die Fähigkeit zur Entfaltung einer formal nuancierten und logisch differenzierten Intelligenz, bahnte von der Logik des Aristoteles und der Geometrie des Euklid über die Algebraisierung der Mathematik durch Leibniz und Newton bis zur neuen Logik von Frege und Russell den Weg zur technischen Durchdringung der Weltzivilisation.

Die germanischen Eroberer wußten mit der komplexen Technik der römischen Wasserversorgung nichts anzufangen; in den verwahrlosten Wohnstätten begann es zu stinken. Der massenhafte Zustrom geistig minderbemittelter Mitglieder nichtweißer Kulturen führt unweigerlich zum Niedergang der westlichen Zivilisation; der Gestank des Niedergangs ist schon allerorten wahrnehmbar.

Das korrekte Ergebnis einer Addition oder Multiplikation beschreibt keine Tatsache in der Welt, sondern ist die Exemplifizierung normativer Vorgaben.

Auch die Logik und die Grammatik beschreiben keine Tatsachen in der Welt, von denen wir zu sagen geneigt wären, sie seien ideale Formen oder Paradigmen einer idealen Sprache.

Zu sagen, der Hund hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit seinem Herrchen, ist nicht falsch, weil wir unter dem Scanner im Hirn des Tieres nicht jene neuronalen Abläufe identifizieren könnten, die bei uns im analogen Falle der Erwartung eines Freundes statthaben; es ist unsinnig, weil wir psychologische Prädikate wie hoffen und erwarten nur auf Teilnehmer einer reziproken Kommunikation anwenden, bei der einer, der auf den anderen wartet, hofft, daß der Betreffende sich bemüht, seine Erwartung zu erfüllen, während dieser wiederum befürchtet, den anderen zu enttäuschen, würde er sie nicht erfüllen.

Das Kriterium für die Erfüllung einer Erwartung ist nicht die Kausalität eines seelischen Sättigungserlebnisses, sondern die grammatische Möglichkeit, den Satz „Er wartet darauf, daß sein Freund komme“ durch den Satz „Seine Erwartung wurde durch das Kommen seines Freundes erfüllt“ zu ersetzen.

Der Hund kann die Entschuldigung seines Herrchens, die erklären würde, weshalb er sich verspätet hat, nicht annehmen.

Erinnern ist kein Erlebnis oder ein innerer Seelenzustand, auch wenn es mit Erlebnissen und Seelenzuständen verknüpft sein mag.

Sich zu erinnern glauben, heißt nicht, sich zu erinnern.

Wenn ich mich zu erinnern glaube, gestern im Park eine Seerose gesehen zu haben, kannst du mich korrigieren und behaupten, es handele sich um eine Lilie. Ich glaube dir eher als meinem Gedächtnis, denn du bist Botaniker.

Kluge Biologen sind dumme Philosophen, wenn sie meinen, an den Veränderungen neuronaler Muster im Nervensystem einer Meeresschnecke dem Phänomen, das wir Erinnerung oder Gedächtnis nennen, auf die Spur gekommen zu sein, wenn diese Veränderungen aufgrund kausaler Wirkungen systematischer Reizstimulationen zustandegekommen sind. Erinnerung kann nicht mit einem kausalen Vorgang im neuronalen System identisch sein, sonst könnten wir nicht sagen, daß ich mich verrechne, wenn ich mich aufgrund einer systematischen, aber leider fehlerhaften Lernkonditionierung angesichts der Aufgabe einer Addition immer an dieselbe falsche Lösung erinnere.

Kein Dummkopf, der glaubt, Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, bemerkt oder stört sich an der Inkonsistenz, die darin liegt, daß er ohne Zuhilfenahme der begrifflichen Bipolarität von Mann und Frau, was er sagen will, nicht ausdrücken könnte; er könnte von einem dritten nicht reden, wenn er das erste und zweite Geschlecht nicht heimlich oder verschämt mitgezählt oder als natürliches Muster vorausgesetzt hätte.

Zu behaupten, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion ist ähnlich begrifflich konfus und abgeschmackt, wie zu behaupten, eigentlich sähen wir keine Stühle und Tische, Hunde und Katzen, sondern konstruierten, was wir so nennen, aus den visuellen Wahrnehmungen von Farbflecken, oder zu behaupten, wir hörten nicht eigentlich, was der andere sagt, sondern interpretierten seine Worte und Äußerungen aus der akustischen Wahrnehmung der von ihm ausgesandten Geräusche.

Ich sehe die Angst, die Scham, die Verlegenheit eines Menschen unmittelbar an seinem Gesichtsausdruck und seinen Gebärden; ich muß nicht aufgrund der sensorischen Daten, die mir die visuelle Wahrnehmung seines körperlichen Verhaltens liefert, auf einen inneren Geistes- oder Seelenzustand schließen.

Die Scham enthüllt sich gleichsam hemmungslos im plötzlichen Erröten. Natürlich könnte ich mich im Einzelfall irren, wenn es sich in Wahrheit um einen unterdrückten Wutausbruch handelt, aber nicht im Normalfall, wenn ich die Umstände berücksichtige, beispielsweise eine mir entfahrene verstörende Bemerkung oder das Auftauchen einer Person, die beim Betroffenen peinliche Erinnerungen wachruft.

Die Revolution der Denkungsart, wonach die Natur Kern und Schale, das Äußere die Manifestation des Inneren und die Grammatik ein kontingentes Apriori oder Normengeflecht unseres sprachlichen Weltumganges darstellen, ist mit den Namen Goethe, Nietzsche und Wittgenstein verbunden; die von ihr hervorgerufenen Verwerfungen alter Deutungsschichten und die Möglichkeiten eines neuen Denkens treten in der Gegenwart nur erst bruchstückhaft ans Licht.

 

Aug 15 19

Pflück von meinem Lied den roten Mohn

Schmeckst du Erde auf der Zunge schon,
knirschen dir im hastigen Biß
harte Körner der Bitternis,
pflück von meinem Lied den roten Mohn.

Ward dein Pfad des Ginsterlichts beraubt,
Falters bunte Seligkeit
trat die taube Sohle breit,
senk in Mohnes weichen Schoß das Haupt.

Wenn der Liebe Abschiedsblick dich traf,
o aus feuchter Augen Blau,
an den Wimpern hing schon Tau,
such in Mohnes Schatten dumpfen Schlaf.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=HbA5bp-26NA

 

Aug 14 19

Von Traumkristall umglost

Zarter Wasserfäden Schimmer fallen
in die Muscheln grüner Nacht,
Mondlicht hat ein Schaum gebracht.
Kühlen Rätselhauches Lippen lallen.

Weiße Blüten schwappen auf und nieder,
unter Locken sinkt Narziß
in des Spiegels zarten Riß.
Duftend kehrt im Blumenschoß er wieder.

Moose glimmen auf den Schwermutsteinen,
Tau ist herber Erde Trost,
hell von Traumkristall umglost.
Laßt uns mit den weichen Quellen weinen.

 

Aug 13 19

Der Liebe zarte Lettern

Wenn Dämmerdickichts Gnome ihre Zipfel-
mützen traurig schwenken,
magst du mein gedenken,
verrauschter Lieder kühler Ahornwipfel.

Wo sanft uns rannen von den Efeublättern
goldne Liebestränen,
magst aus Mondes Strähnen
du streifen meiner Liebe zarte Lettern.

Vertröpfeln überm grünen Schlaf der Moose
Pans durchschluchzte Röhren,
mag dich Hauch betören,
mein Liebesgruß vom Morgenrot der Rose.

 

Aug 12 19

Schmerzachat

Laß uns auf den Wal der Woge springen,
Geifers Lefzen,
Schaumes Seufzen,
wenn aus blauen Tiefen Schatten singen.

Nymphen wringen Zöpfe, Muscheln blenden,
Purpurschalen,
Qualspiralen,
Tritons Horn dreht Schlangen um die Lenden.

Wassers Schmerzachat ist Mondes Spiegel,
goldner Tropfen
weiches Klopfen,
und mein Lied schenkt uns den schwarzen Flügel.

 

Aug 11 19

Sanften Feuers Zungen

Wie wehen Duft des Abends Rosen hauchen,
ferner Firn der Hügel,
weißer Tauben Flügel,
will unser Herz ins Herz der Blumen tauchen.

Wenn Blüten in die Nacht des Wassers sinken,
Todes Lied vom Leben,
heller Schwäne Schweben,
will unser Mund vom Mund der Erde trinken.

Wie Falter ihren bangen Traum bekennen,
blumenleicht bezwungen,
sanften Feuers Zungen,
will unser Herz mit Rosenherzen brennen.

 

Aug 10 19

HIngegebenheiten

Wir wollen durch den grünen Dämmer schreiten,
auf Mooses Schoß, dem feuchten,
nur deine Locken leuchten,
die Herzen heiß von Hingegebenheiten.

Wie blau umhaucht sich Farn und Ferne weiten,
mag deiner Augen Glänzen
mein dunkles Wort ergänzen,
wenn unsre Herzen sanft durch Schilfe gleiten.

Wir wollen dort am Wasser Blumen breiten,
die wir am Ranft uns pflückten,
wir leicht vom Licht beglückten,
die Herzen weich vom leisen Fluß der Zeiten.

 

Aug 9 19

Metamorphosen

Die einsame Seele, sie gähnt.

Die auf dünnen Lianen des Wassers wandelt
zu Blumenschwestern des Lichts,
die Mücke ist selig.

Des grünen Echos Welle
hebt, ein Blatt, das rötlich erglänzt,
den singenden Mund
aufs Ufer der schweigsamen Moose.

Nackte Arme sind Stümpfe
ohne das ihnen entgegenwehende
Rauschen der Blätter.

Wangen, verrunzelten Äpfeln,
strafft die Furchen der Mond,
der sie ins weiche Wasser
des Abendlieds rollt.

Die müden Füße, gekitzelt
von neckenden Gräsern,
zucken zum Trommeln der Tropfen,
tänzeln mit Flammen
seufzender Rosen.

Die Herzen aber, sie knistern
wie entzündete Reiser sich zu,
und als käme ein barscher Hirt,
er stochert mit seinem Krummstab
im träumenden Feuer,
jetzt hebt er die aufgeschreckten Gluten
wie Masken des Winds
und stülpt sie über die schwarzen Büsche der Nacht.

Oder wie Käfer sprühen wir uns ins Dunkel,
wickeln die glühenden Fäden
unsrer luftigen Bahnen und Schneisen
umeinander zum lichten Knäuel,
bis die Eulenlider des Dämmers
Funke um Funke bedecken.

Oder der gelbe Azteke der Schlucht,
der Krieger blutiger Blumen,
reißt mit dem muschelgeschmückten Messer
aus Obsidian
den Schlummerumschlungnen
die Brust auf,
gedämpften Stöhnens Schale,
doch unsre Herzen sind schon
Nachtigallen,
die in Herthas Tempel entflattern,
leise bebend hocken wir
Flügel an Flügel
auf den Gesimsen des Traums,
unsre fernen Körper aber gleiten,
als wären sie unversehrt,
wie Schatten über das Wasser.

 

Aug 8 19

Die durchgeschnittene Seele

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Luft auf Straßen und Plätzen, in den Cafés und Straßenbahnen ist voller Wahnpartikel, die bei den meisten ungefiltert ins Hirn dringen.

Zeitgenössische Kunst ist der Anus der Politik, der sich im Rhythmus öffentlicher Erregung aus- und einstülpt.

Daß die heutigen Pfaffen spirituelle Kastraten sind, beweist ihre Kapitulation vor einem religiösen Massenwahn, der die von ihm Befallenen nötigt, mehrmals täglich rituell Staub zu fressen.

Milliarden von Bakterien im Darm des Leviathans.

Sublime Gedanken haben ihr Glitzern vom Schweiß der Passion.

Massengeschmack oder die Idolatrie der Servilen.

Untergang der heimischen Kultur? Ach ja, sie haben dir in den Garten geschissen und eine Hermesstatue geköpft.

Der wohlgelittene, besorgte Nachbar wird einem zuwider, wenn er einmal zu oft klingelt.

Daß sie keine Unterschiede gelten lassen – geistloser Stumpfsinn oder moralische Heuchelei, gleichviel.

Der seelische Unterschied oder besser gesagt der Graben zwischen Mann und Frau resultiert aus dem Unterschied ihrer Physiologie; die Anzahl der fruchtbaren Eier sind eine der Huld und Obhut anheimgestellte natürliche Mitgift, die Unzahl der Samen, die ein Mannesleben lang aus den Gonaden sprudeln, besteht aus Geißeltierchen, die sich verantwortungsblind durch den Morast jedweder Gemeinheit schlängeln.

Buschmann und Börsianer, Hindu und Kopfjäger, Ptolemäer und Kopernikaner, Dichter und Journalist – Männer und Frauen.

Wie viele Glaubensüberzeugungen sind Messer, die wie Lämmergeier über dem Fleisch der Unschuld schweben.

Moralischer Tropismus oder Sonnenkult des Guten – doch die Wurzeln treiben im Dunkel.

Wozu darüber nachsinnen, wie ein Volk mittels Amputation der leprösen Gliedmaßen zu retten wäre, wenn jede Nachricht über sein politisches und kulturelles Dahinsiechen einen darauf stößt, daß die Hirnsubstanz zerfressen ist.

Die Gemeinen verachten das Edle, die Häßlichen das Schöne, die Lasterhaften die Unschuld, die Söhne des Chaos die Ordnung, die innerlich Zerrissenen die musikalische Harmonie und die Enterbten den alten Reichtum.

Die Stupidität des städtischen Lebens hintern den synthetischen Gardinen, auf den zugemüllten Straßen, unter den verschmierten Häuserwänden und den obszönen Lautsprechern der Supermärkte, vor dem dämonischen Flimmern der Bildschirme.

Das wilde, schöne Leben der Kindheit auf dem Lande unter den Gesängen des Regens auf dem Dach der mütterlich bergenden Laube, dem Zucken der Blitze auf freiem Feld, den betörenden Düften des herbstlichen Gartens.

Die feinsinnig und feinmotorisch Vertieften, der Weber und die Näherin, der Töpfer und der Bildschnitzer, der Gärtner und der Stillebenmaler – sie sind die Bewahrenden; die von Blut, Herz und den Aromen des Lebens Emanzipierten, die Schreiber und Pamphletisten, die Intellektuellen und Journalisten, die Partei- und Sektenbonzen – sie sind die Zerstörer.

Die Pädagogen, die ihre Zöglinge dem Sturm der Zweifel und Ungewißheiten aussetzen und sie im Sumpf der Freizügigkeit und Orientierungslosigkeit untergehen lassen, sind die eigentlichen Kinderschänder.

Dem fatalen Schnauzbart sei Dank, er füllt noch den geistig Enterbten die innere Leere mit der Illusion moralischer Überlegenheit.

Wäre unsere nichtige Existenz wie jene Schattenrisse blutleerer, halbverwester Puppen – doch von den Faltern, die ihnen entschlüpft sein könnten, sehen wir nichts.

Welche Genialität hat in jenem begnadeten Volk das Auge aufgeschlagen für den erhabenen Triumph der dorischen und den stillen Wuchs der ionischen Säule, für den grenzenlosen Ozean epischen Rauschens und die feinen Düfte lyrischer Blüten?

Das trügerische Gewäsch der Philosophen von der Wahrheit, die wir leider wie eine schnöde Vorortbahn wieder einmal verpaßt oder wie kleine Fische mit einem Netz nicht einfangen konnten, dessen Maschen zu grob geraten sind.

Warum den Schlafwandler auf dem schmalen Grat mit einem Zuruf wecken, wird er doch aufgeschreckt das Gleichgewicht verlieren und in den Abgrund stürzen. – Soviel zum moralischen Ansinnen der Aufklärung.

Demokratische Kunst ist eine contradictio in adiecto.

Künstlerische Freiheit und Größe gedeihen nicht im Morast staatlicher Alimentierung und Bevormundung, wohl aber in der lichten Atmosphäre kunstsinnigen Mäzenatentums.

Die große Kunst, ob die hohe Lyrik eines Goethe und George oder die sinfonische Dichtung eines Beethoven, Bruckner und Mahler, durchzieht wie ein versteckt fließender Bach die üppig blühende Au die Reminiszenz volkstümlichen Sinnens, Sagens und Singens.

Mit dem Absterben der volkstümlichen Wurzeln verlischt auch die Blüte der hohen Kunst.

Der Traum der Kunst fluoresziert nicht in der Dämmerung wie ein Pilz auf dem morschen Stamm des Problematischen.

Es gibt keine tiefen Probleme oder unauflöslichen Fragen; was uns so vorkommt, sind Verknotungen unserer Sprache, in denen das Blut des Sinnes stockt.

Der heitere, gelöste Geist ist die Antwort, die den Dunst müßiger Fragen nach dem Sinn des Daseins lichtet.

Das unendlich aus und in sich mäandernde Band des keltischen Ornaments hat keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende.

Die kurzen Musikstücke Anton von Weberns sind der auf den irisierenden Tropfen des Augenblicks kondensierte lange Atem einer Sinfonie Mahlers oder Bruckners.

Schneide den Wurm entzwei, er ringelt sich weiter und wächst ins Ganze zurück; so auch die Seele, die wie die Mandelbrot-Menge oder die Monade des Leibniz in jedem ihrer Teile sich ganz enthält.

 

Aug 7 19

Mystische Lampe

Versöhnerin der Schatten,
die gleich zögernden Libellen
und somnambulen Faltern
auf deinen bunten Blumen schweben,
Blumen jener Gärten,
die wir aus Märchen kennen
und von bemalten Sonnenschirmen
trauriger Prinzessinnen
aus den galanten Gedichten Verlaines.

Den Atem der Gardine,
glühende Käfer ausseufzend,
gibst dem Schmerz der Seele du zurück,
dein Licht ist Trost,
der wie bernsteinhelles Harz
aus der Borke Bangen rinnt.

Den vom Tag der ächzenden Strahlen
allzu müden Augen,
die sich in dein warmes Abendsummen neigen,
betaust die Wimpern
du mit sanftem Traum.

Unter deinem runden Schirm
von Liebe zart beschworener Flammen
tritt der Tod als schöner Knabe
den Grauschopf an,
streicht mit kühler Hand
über die gefurchte Stirn
und schließt die Lider ihm,
die dünnen gemaserten Blätter
ausgeblühten Seins.

Auf deinen zart verwebten Schimmern
wandern der Liebeswonne
weiche Blicke wie Mücken
über das Wasser des Mondes
hin und wieder.

Laß uns, wenn im Dom der Nacht
rings die Kerzen nach und nach verlöschen
und wie ein Karfreitagstabernakel
das Dunkel die Tore der Abwesenheit öffnet,
Hand in Hand,
Wange an Wange,
Herz an Herz
unterm geisterhaften Frühlingshimmel
der bunten Lampe harren,
bis die Auferstehungsglocke tönt
und die Libellen, Käfer und Falter
ihre Flügel recken
und sich aus dem Bann des Glases
in die Lüfte schwingen.

 

Aug 6 19

Das leere Fenster

Wo am Fenstergriff die Pflanze hing
mit ihren fetten Sukkulentenwulsten
zwischen fraulich gerafften Gardinen,
saß oft wie eine Porzellanfigur
die kleine graue Katze
und sah mit faden Blicken einer Göttin
höhnisch mir durchs Vakuum der Iris,
auch wenn ich feixte
und die Zunge streckte,
den Ranzen auf dem Rücken
mit dem wollnen blauen Läppchen,
neckisch baumelnd an der Schiefertafel.

Einmal ragte dort der verschrobene Rumpf
einer dürren alten Frau,
sie preßte fast die Stirne an die Scheibe,
der Atem ihres Schimpfens malte Flecken,
der lange schwere Zopf,
den sie sich wand,
stob wieder auseinander,
ein Sturzbach voller weißem Schaum
und Tang von Schatten,
und drohte mir mit krummem Finger,
fauchend huschte die Katze vom Sims.

Eines Tages war das Fenster leer,
fort die Pflanze, die Gardinen,
nur das Band, das sie gerafft,
das rote Seidenband
hing nun schlaff am Fenstergriff.

Der helle Kalk des kahlen Raums
zerfloß wie Milch am trüben Glas.

Wo war die Katze?

Mehr hab ich nicht gedacht
und wußte plötzlich um die Leere,
die alle Wesen, alle Dinge
unwiederbringlich
in sich zurücknimmt,
als wär ihr Dasein Dunst,
von Mücken des Wahns durchwirrt,
vom Gift der Sonne zerfressen.

Sieh, wie im Morgengrauen
die feinen Nebel überm Wasser,
den seltsamen Gespensterrauch
mit lässiger Gebärde
die kalte Majestät des Lichts zerstäubt.

 

Aug 5 19

Wir waren in der blauen Bucht

Schöner waren Nachmittage
voller Sonnenflecken,
die wie Purpurmücken
um den Brunnen zuckten,
die wie goldne Münzen
in das graue Wasser stürzten.

Wasser mit dem toten Schwanken
gelber Küsse, Birkenblättern.

Wir waren in der blauen Bucht,
die Herbst sich in die Wolken hauchte,
kleiner Vögel leiser Schrei.

Uns tropfte, was ihr Liebe nennt,
von dunkler Beeren Schlummer zu,
und was von Mund zu Munde rann,
war sanfter Flammen Wein.

Der Herzen Bangen ward gedämpft
im Farn des Abendwinds,
die Becher weißer Ackerwinden
füllten sich mit Wassern
geschmolzener Erinnerung,

Das zarte Fleisch der Wehmut,
dem keine Perle wuchs,
verschloß wie Muschelschalen
Geläut von Abendglocken.

Rührung kam uns wie ein Wehen,
das in Blättern Schatten weckt,
und abgelöster Tropfen zwei,
die Glanz in Glanz sich spiegeln,
fielen wir einander zu.

 

Aug 4 19

Blumenlied

Weißer, blauer Enzian,
der in weichen Mulden kauert,
zart bei nackten Steinen dauert,
deine Düfte bannen Pan.

Roter, gelber, schwarzer Mohn,
unterm Hauch des Mondes bebend,
ganz der Sonne Kuß sich gebend,
Falterträumen schwanker Thron.

Veilchen, hell- und dunkelblau,
schenkest hold den müden Seelen,
die umsonst die Stunden zählen,
feuchte Blicke einer Frau.

Rose schwebend auf dem Teich,
Tropfen, die an Lidern glimmen,
Blüten, die ins Dunkle schwimmen,
machest harte Augen weich.

Lilie unter Lächelns Bild,
Gnadenkind reicht sie der Reinen,
Gottes Engel müssen weinen,
hast den Schmerz mit Duft umhüllt.

 

Aug 2 19

Tritt ans Ufer sacht

Ruhig liegt der See
im moosigen Schoß der Nacht.
Komm, tritt ans Ufer sacht,
zitternd wie ein Reh.

Schaue, was dich rief,
im Wasser klagt der Strahl
des Monds von süßer Qual,
Seele still und tief.

O die Woge deckt
dir hold das Auge zu,
entatmend findet Ruh
Liebe roh geneckt.

Seegras schlingt sich rund
ums Antlitz lilienbleich
und Abschiedsküsse weich
sprudelt Abgrunds Mund.

 

Aug 1 19

Symbole der Dichtung

Wassers weiche Wange, die der Strahl der Sonne ritzt.

*

Kelch, gehalten unter eines Brunnens Mund.

*

Auge, das im Andrang eines Unsagbaren dunkelt.

*

Gras, das sich vorm Lied des Windes beugt.

*

Mund, der seine Knospe öffnet einem großen Ja.

*

Wolke, die nicht weiß, ob sie aus Sehnsucht,
ob aus Übermut in leisen Reimen
und im Tropfenglanz sich ausweint
überm Dämmern später Rosen.

*

Das wogende Haar und der Tropfen,
der in seinen Lockenwirbeln
wie ein Funke verlischt.

*

Das Ei des Monds, das aus dem Nest der Waldnacht rollt.

*

Voller Mond,
Brunnen,
dunkles Schluchzen.

*

Mond, und der Saum des Efeus brennt.

*

Mondes schmale Sichel,
die den blauen Abgrund mäht.

*

Sonnentupfen, Bienen des Lichts,
die auf dem Stamm der Buche schwirren.

*

Schatten, der zu Schatten von der Glut des Sommers singt.

*
Die trügerischen Rosen, die an Dämmers Saum der Schmerz sich pflückt.

*

Der Tropfen Harz, geronnen um die Knöchel einer Urzeit-Seele.

*

Phrasen und Dogmen des Wahns,
Verband um eine Wunde,
die ihn ständig näßt.

*

Schwamm des Geistes, gedörrt
unterm monotonen Singsang
heißen Wörterschwalls, geschält
durchs goldene Messer der Sonne
von der Borke des Schlafs.

*

Rose, die im Dunkel scheint,
Duft, der sanft den Schmerz umhüllt,
Rose, die im Dunkel weint,
Dorn, woran ein Tropfen schwillt.

*

Quelle, dunkler Erde helles Lied,
das in sanften Rätseln traumwirr rauscht,
Wasser, das vom Grund zum Abgrund flieht,
Quelle, der verloren Liebe lauscht.

*

Schnee auf äußersten Gipfeln des Schweigens,
Glanz unter Rosen göttlichen Neigens.

*

Des Hochwalds kühler Hauch,
wenn durch grünen Schlummers Stille
unterm zarten Fuß des Rehs
ein dürres Reisig knackt.

 

Jul 31 19

Ich und mein Schatten

Wir brauchten nicht viel, ich und mein Schatten,
den ich Bruder hieß und wieder Schwester,
ein Wasser, uns darin zu spiegeln,
wie wir uns die Köpfe tauschten,
einen Stein, der munter drüber flutschte:

Bist du der Stein, bin ich die Hand,
bin ich der Stein, sind wir gebannt,
grüner Strudel, der uns abwärts lockt,
blaue Tiefe, wo die Nixe hockt.

Mädchen, Strumpfhosenhochzieherinnen
mit Antilopenhufen, die über Gummischnüre
hüpften und auf den Lehmboden klatschten.
Sie röteten mir die Wangen mit ihren Reimen,
die wie Ohrfeigen auf mich niederprasselten:

Im Hexenhaus, da geht es lustig zu,
von selber bindet sich der rote Schuh,
von selber dreht der Löffel sich im Topf,
der Hexe flicht ein Gnom den roten Zopf.

Ich und mein Schatten suchten das Weite,
er saß mir auf der Schulter, sie ließ
die Beine baumeln, riß mir aus das Haar,
wir wateten durchs Wasser, uns stachen
Bremsen und Küsse, Vögel sangen:

Tirili, tirilo, schaut, dort gehn die zwei,
tirilo, tirili, oder sind es ihrer drei.
Euch des blauen Sommers Fülle,
euch die wehverlorne Stille!

 

Jul 30 19

Dies Land ist nicht mein Land

Die Ranken über der Laube
am glitschigen Saum einer Grube,
wo Schädel von Nachtigallen
und Knochen von Ungeborenen schimmern,
sind Zungen rußiger Flammen
und was sie lecken
sind Trauben schlafloser Augen.

Hier wandern Todesschreie
blasser Knaben, sommersprossiger Mädchen,
von Beduinen geschächtet und Mamelucken,
unterm blitzenden Halbmond gemäht,
vom Zischen der Ratten weiter und weiter gehetzt,
durch die Abflußrohre der Kloaken
in den Siphon der Westendküche,
wo ihr ersticktes Schluchzen
eines Rohköstlers Rülpsen übertönt.

Die weiße Muschel der Marienkapelle,
überwuchert von bacchischen Blättern,
von siechem Blumendunst erfüllt
und dem Zucken hilfloser Kerzen,
schwimmt auf dem Blutstrom der Nacht,
die bunten Scheiben erblinden
unterm Hohngelächter der Blitze,
und die Nacht, sie hat keine Ufer.

Hier starren runzlichte Gesichter,
Mottenkugeln unterm Lid,
aus den Schränken der Witwen,
blecken gelbe Gebisse der Ahnen
aus dem Ornament der Tapete,
der Einsamkeit ausgerissene Haare
wehen, wenn Nachtluft sie bläht,
in der Gardine des Dichters,
kindlichem Lächeln ausgerupfte Wimpern
kleben im verstaubten Album,
das ein betrunkener Bote
in den Schlitz des Traumes quetscht,
und auf der Terrasse sitzt
die mit Kassenzetteln und Rezepten
ausgestopfte Puppe einer Greisin
und leiert Namen um Namen,
Rose, Aster, Lilie, Flieder, Gladiole,
Tote ihres asphaltierten Gartens.

 

Jul 29 19

Brunnenheiliger

Steht noch, steht, aber schief,
als habe sich ihm in die Weiche
das harte Knie der Zeit gedrückt,
fleht noch, fleht, aber schrill,
wie ein im Dornicht verfangener Vogel,
der wild nach dem Muttertier schreit,
so verwuchs der Mund sich zum Schnabel,
als habe die Zange des Dämons
ihn scherzend gegen den Sinn gedreht.

Und in die einfache Schale,
die seine Demut noch hält,
doch mit verwitterter Hand,
dem Stummel eines Leprösen,
rinnt wie vor Zeiten der Strahl,
singt seinen Hymnus Kristall.

Der Rücken ist ihm zerfurcht,
zerklüftet vom Spottlied der Schauer,
von Elegien-Schnee verbrannt,
die Augen gab er dahin,
die blöden Tropfen der Liebe,
die schrecklichen Spiegel des Leids,
zusammensackte das Antlitz,
Sand vor den Wogen des Monds,
Teig unterm Walken des Lichts,
zum Ausdruck dümmlichen Staunens.

Und am Rand der einfachen Schale,
die er wie schlafend noch hält,
sitzt ein junger Sperling,
nippt vom Wasser des Lebens,
taucht ein und plustert sich frisch,
ein zwitschernder Schatten verweht.

 

Jul 28 19

Bleistiftskizzen

Schau diesen an, er sinkt ins Knie,
das Wandern hat ein Ende.
Und was heroisch er geschleppt
auf seiner krummen Schulter,
der Sack, er reißt nun auf und rings-
um purzeln tote Steine.

*

Hör diese an, sie zählt entrückt
die Blüten ihrer Jugend,
worauf sie tritt mit taubem Fuß,
ist Mohnes grüne Kapsel.
Die Poren seufzen auf und rings
tropft Milch auf schwarze Samen.

*

Drei Schwarze grinsen auf der Bank
bei einer hohen Eiche.
Sie lauschen Raunens Munde nicht,
das Blatt spricht hölderlinisch.
Sie glotzen auf ein Handy-Bild,
Flugsand der Wurzellosen.

*

Die weiße Elite, Pack im Frack,
grinst auf dem grünen Hügel,
ein nackter Mann-Weib-Neger tanzt
ein Venusberg-Durchwühler.
Sie blendet, was dem Gral entweht,
Treibsand der Heimatlosen.

 

Jul 26 19

Wenn deine Tränen mich im Schlafe netzen

Wenn deine Hand im Schlafe mir entgleitet
wie fortgeschwemmt ein dünnes Blatt,
ist meine Stirn ein Ufer kahl und glatt,
auf dem der Schmerz sein ödes Rauschen breitet.

Bog nicht des Abends Silberkantilene
in grünen Schilfen unsern Schlaf?
Dort, wo der Sichelmond sie traf,
schwillt auf der Schaum, zerfällt der Lenden Lehne.

Wenn deine Tränen mich im Schlafe netzen
wie weicher Knospen Schmerzenstau,
seh ich der Lilie hohen Flammenbau,
auf den der Dunkelfalter zwei sich setzen.

 

Jul 25 19

Wenn Knospen sich mit Tropfen füllen

Ist überm schmalen Saum, dem grünen,
uns noch ein Abendlicht gespart?
Als wäre dort das Atmen zart,
wenn Schatten uns zur Laube dienen.

Wenn Schatten uns zum Schlafe laden,
tut Traumes Rose auf den Schoß.
War nicht der Mond des Abschieds groß
auf unsern schmalen Abendpfaden?

Ist in dem Dämmer-Tal, dem stillen,
ein Wasser, das uns weich beweint?
Als wären wir von Duft umschreint,
wenn Knospen sich mit Tropfen füllen.

 

Jul 24 19

Die ethische Ursituation

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Noli me tangere – das wollen wir als urtümliche Forderung verstehen, aus der Recht und Moral entspringen.

Das animalische Verlangen nach der Unversehrtheit des Leibes und der Sicherung des primitiven Eigentums artikuliert und sedimentiert sich in Regeln, Vorschriften und Gebräuchen, die den sozialen Abstand regulieren und organisieren.

Soziale Nähe und Ferne sind habituell zu Haltungen geronnen, die wir Vertrauen und Mißtrauen nennen. Dem Freund reichen wir die Hand, dem Feind verschließen wir die Tür.

Vor der Differenz von Nähe und Ferne liegt die embryonale Situation des Eingetaucht- und Umhülltseins im mütterlichen Uterus. Die Mutter ist die Vertrauensinstanz, der wir blindlings, so sie uns wäscht und wickelt, säugt und wiegt, die Verfügungsgewalt über Leib und Leben anheimstellen.

Diese äußerste und gefahrvollste Form blinden Vertrauens und entäußerter Hingabe nährt unseren animalischen, wenn auch nicht sexuellen Begriff der Liebe.

Liebe kann man nicht vom Sexus her verstehen, aber gewiß nähren sich viele Formen gesunder und perverser Sexualität aus dem reinen oder vergifteten Brunnen der Liebe.

Das Maß des Vertrauens offenbart sich im Grad, in dem wir bereit und geneigt sind, uns von dem Vertrauten berühren lassen.

Die primitive Berührungsfurcht wird demnach nicht, wie Elias Canetti annahm, im paradoxen Sprung in die enthemmte Masse überwunden, sondern in dem durch Bräuche, Rituale und Gepflogenheiten abgedichteten Schutzraum sozialer Nahe- und Intimbeziehungen.

Vertrauen und Mißtrauen sind reziproke Begriffe, deren relationalen Sinn wir auf mannigfache Weise wiedergeben können, beispielweise wenn wir sagen, daß wir jemandem etwas anvertrauen können oder eben nicht anzuvertrauen wagen, etwa ein Geheimnis oder unser Haus, unseren Garten, unser Fahrrad, unser Kind.

Jemandem ein Gut anzuvertrauen impliziert das Versprechen und die Verpflichtung der Gegenseite, das anvertraute Gut unversehrt wieder auszuhändigen, auch wenn es nicht ausdrücklich in einem Sprechakt expliziert oder durch einen Vertrag festgesetzt worden ist. Hier fassen wir den noch informellen und vorinstitutionellen Grund der rechtlichen Obligation.

Die primitive Gestalt sozialer Nähe wird durch das Haus, das einmal eine Höhle oder Grotte war und auch ein Zelt, eine Baracke oder ein Container in Tokio sein kann, bezeichnet und symbolisiert. In der Behausung des Frühmenschen brennt ein Herdfeuer und sein Ein- und Ausgang wird von einem Hund bewacht oder vom Abwehrzauber von Schädeln und Fratzen. – Die Wärme des Feuers und seine gebändigte Gewalt, die das rohe Fleisch gar werden läßt, sind urtümlich und symbolisch mit der das Feuer hütenden Mutter und den über dem Herd ikonisch vergegenwärtigten Ahnengeistern verknüpft, die gefahrvolle Übergangszone der Schwelle mit der väterlichen Wachsamkeit und Gewalt.

Vater, der Mann, der zeugen und töten können muß.

Der Grund des Ethos liegt in der Natur des Menschen, insofern er in der frühesten Lebensphase auf Nahrung, Pflege und Schutz der Eltern angewiesen und von Kindesbeinen an Gefahren durch Übergriffe, Verletzungen und Irreführungen ausgesetzt ist.

Wenn wir nach den lautlichen und sprachlichen Urformen des menschlichen Ethos fragen, stoßen wir auf den Ausdruck des Dranges und Verlangens, der Bedürfnisse und Wünsche, die sich um Nahrung, Pflege und Schutz drehen; so hört die Mutter den Schrei des Kindes und versteht, daß es um Nahrung, Nähe, Trost bittet.

Der Ausdruck und die Sprache des natürlichen oder primitiven Ethos sind Bitten und Forderungen, Wünsche und Klagen, Ansprüche und Einsprüche. Das Kind meldet seine Forderungen dem Elternteil gegenüber an, von dem es ihre Erfüllung erwartet; oder besser gesagt, auf dessen Bereitschaft, seine Wünsche zu erfüllen, es vertraut.

Wird der Anspruch des Kindes nicht gehört, findet sein Hilfe-, Not- oder Klageruf kein Gehör oder wird die Verlautbarung seines Verlangens mißverstanden (weil die verwahrloste Mutter taub dagegen ist), wird sich eine Unsicherheit und ein Zwiespalt gegenüber seinen eigenen Wünschen und ihrer Artikulation im Kinde aufbauen, was im ungünstigen Fall sich pathologisch in Formen psychischer Unreife und Labilität oder gar einer dystonisch-schizothymen Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann.

Das unreife Selbst ist unfähig, seine Wünsche in angemessener Form und gegenüber den ihm nahestehenden und zugeneigten Sozialpartnern zu äußern oder sie überhaupt deutlich zu verspüren und lebhaft und energisch zu vergegenwärtigen, sodaß sie sich diffus und bis zur Unkenntlichkeit mit Ängsten und Selbstzweifeln vermischen. Aber der durch frühe Kränkung seelisch Erkrankte zeigt auch Unreife, wenn er in unangemessenen Situationen und die nötige soziale Nähe und Intimität verweigernden Personen gegenüber in übermäßig drängendem, ja bisweilen schrillem und hysterischem Maße seine Wünsche und Ansprüche zur Geltung bringt, ausagiert und einklagt.

So erkennen wir in der angemessenen Erfüllung der berechtigten Forderungen der ethischen Ursituation die Voraussetzung einer gesunden seelischen Entwicklung. Die Einschränkungen durch die Kriterien der Angemessenheit und des berechtigten Anspruchs sind deshalb wesentlich, weil die Überfütterung, Verhätschelung und Verzärtelung des Kinds sowie die gluckende Indulgenz und Willfährigkeit gegen seine maßlosen Ansprüche nicht weniger verstörend und neurotisierend wirken können als die unverhältnismäßige Härte kränkender Versagung.

Ethisch nennen wir die frühkindliche Situation, weil die sie strukturierenden Wünsche und Erfüllungen, Ansprüche und Antworten zwar biologischen Ursprungs, aber keine animalischen Reiz-Reaktions-Mechanismen, sondern von Erwartung, Absicht und gegenseitiger Spiegelung geprägte Weisen des Verstehens darstellen. Die ethische Ursituation der frühen Kindheit birgt den semantischen Keim, der sich in der sprachlichen Vollform von wechselseitigen Aufforderungen und Erwiderungen, von Fragen und Antworten, Rede und Widerrede entfalten kann.

Die ambivalente Position des Vaters als Hüter der Schwelle zeigt sich im Janusköpfigen seines und allen männlichen Wesens, hinaus- und hereinzublicken, nach draußen in für das Kind unbegreifliche Fernen aufzubrechen und heimzukehren – im Glücksfalle mit Geschenken und Geschichten. Das erregend-exotische Fluidum, das den Vater umgibt, kann auf unheimliche Weise faszinieren.

Die häusliche Kultur, die das Kind formt, ist ein mehr oder weniger harmonisch verschmolzenes Amalgam zwischen der Gruppe, welcher der Vater, und jener, welcher die Mutter entstammt. Spannungen und Konflikte zwischen diesen Gruppen werden meist auf Kosten des Kindes ausgetragen.

Aus DEMSELBEN Grund, warum es nicht DEN Vogel gibt, sondern Hühner, Spatzen, Enten, Raben und Nachtigallen, gibt es nicht DIE Sprache, sondern Latein, Deutsch, Russisch, Japanisch und Suaheli. Wie Vögel der Schnabel wächst gemäß dem Futter, das sie picken, so wächst den Völkern und Ethnien der Schnabel gemäß dem natürlichen und kulturellen Lebensraum, in dem sie ums Überleben kämpfen.

Argwohn und Mißtrauen gegen alles Fremde oder Xenophobie ist eine angeborene Disposition, die der Sicherung der eigenen Lebensform und Identität dient. Dies zu leugnen, ist ein Zeichen von öfters leider akademisch ausgezeichneter Dummheit, es mit vollmundiger Humanitätsrhetorik beschönigend zu verwischen oder denjenigen, der die schlichte Wahrheit auszusprechen wagt, zu verketzern, ein Zeichen von verantwortungsloser und gefährlicher Heuchelei.

Gründe, weswegen wir fallen: Wir verstehen den Freund nicht, der uns den rechten Weg am Abgrund vorbei weist, oder wir können seine Zeichen nicht lesen; derjenige, der uns den rechten Weg weisen möchte, ist nicht in der Lage, dies mittels eindeutiger und uns verständlicher Zeichen und Winke zu vollbringen; derjenige, der vorgibt, uns den rechten Weg zu weisen, kennt ihn selber nicht und ist ein falscher Priester und Scharlatan; derjenige, der uns vorgeblich den rechten Weg zeigt, ist ein uns feindlich gesinnter Lügner und Betrüger, der uns schaden und zu Fall bringen will.

Pater semper incertus. Das kleine Kind weiß manchmal nicht, ob der Mann, der das Haus verließ, derselbe ist, der wieder nach Hause kommt.

Dem Kind ist das Bild vom Vater bisweilen in Zwielicht getaucht.

Je weniger Familienähnlichkeiten die Sprachen in Lautung und Syntax aufweisen, umso ferner stehen sie zueinander in Hinsicht auf das, was Humboldt ihre innere Form und Weltansicht nannte.

Was würde der Rabe hören, vermöchte er dem Gesang der Nachtigall zu lauschen?

Der Rabe findet Wohlgefallen an seinem Krächzen, wenn es uns auch garstig dünkt.

Die Familie oder die ethische Ursituation erhält ihren Sinn nur als Glied in der Kette der Generationen.

Zeugung und schöpferische Tat – der Rest ist stille Ergebung in das Unzulängliche oder Ödnis des Weiterlebenmüssens.

Die Familie ist die natürliche Lehrerin der Muttersprache und die wichtigste Übermittlerin der kulturellen Techniken und des primären Ethos, das die Bräuche und Sitten der Gruppe für die Nachkommen verbindlich macht.

Nach dem Grad der Verschiedenheit der Sprachen hinsichtlich ihrer inneren Form und Weltansicht bemißt sich die lokal und kulturell verteilte Variationsbreite des familialen Ethos.

Sowohl sehr entfernte als auch allzu nahe genetische Verwandtschaft der Elternteile führen zu ungünstigen oder minderwertigen Genmischungen bei der Nachkommenschaft. Deshalb hat das familiale Ethos auch die Selektion der generativen Partner mittels Steuerung von sozialer Nähe und Ferne zu bewältigen. Dabei muß der Degeneration aufgrund von Inzest nicht eigens durch Verinnerlichung eines Tabus vorgebeugt werden; die frisch aufkeimenden Neigungen und Leidenschaften klettern von sich aus gerne über den Gartenzaun und über Gräben und Mauern.

Ödipus und Elektra, Inzesttabu und Kastrationsangst – Schreckgesichter von Medusen und Megären, die durch das ornamentale Schlinggewächs des Wiener Jugendstils auf feine Damen im atemraubenden Korsett und eitle Snobs mit zartem Oberlippenbart in mit grünem Samt und Brokat ausgeschlagenen Salons starren.

Die Schwarze, die an blauen Fjorden friert und kein Wort für das Schneegestöber hat; der Eskimo, der im Schweiße seines Angesichts sein Iglu vergebens im Wüstensand zu fixieren versucht.

Jedes tragende Ethos ist lokal, provinziell und engstirnig; der Kopfjäger hat keine schlechteren Motive als der Vegetarier.

Gewiß finden wir in gewachsenen, hierarchischen, ausdifferenzierten Institutionen wie im Militärwesen, der Verwaltung, dem Großunternehmen jeweils adaptive und formalisierte Regelwerke und Kodizes des Verhaltens; doch ebenso wie in ihnen die Sprache gesprochen wird, die jeder im familiären Zusammenhang erlernt hat, nur mit einem erweiterten und ausgeklügelten Wortschatz, müssen ihre Angehörigen die Lehrjahre im Elternhaus erfolgreich absolviert haben, sollen sie in den offiziellen Kreisen nicht versagen.

Bei denen, die sich das Gesamtwohl der Menschheit angelegen sein lassen, verhungert während ihrer Vortragsreise zur Bekehrung der Ungläubigen der Kanarienvogel in der Küche.

Ein Wüstenprophet mit Sonnenstich verkündet die welterlösende Kraft des Rituals seines Waschzwangs.

Doch ein paar Philosophen aus der hessischen Provinz übertreffen ihn noch durch die hybride Annahme, ihr Dialekt-Kauderwelsch sei die moralische Lingua franca.

 

Jul 23 19

Der Samurai und der Bettelmönch

Der Samurai trägt mit Stolz seinen glänzenden, gehörnten Helm, seinen wehrhaften Panzer, sein Schwert und seinen Schild, auf dem ein schreckliches Wappen prangt, das mehr sagt, als sein Mund je sagen könnte.

Der Bettelmönch steht kahl geschoren und schwankend in einem zerschlissenen Gewand auf hölzernen Latschen, einen Regenschirm in der einen, eine Bettelschale in der anderen Hand.

Wenn er sein Schwert zückt und es die Zähne fletschend durch die Luft zieht, daß sie schwirrend tönt, ist das Gesicht des Kriegers mit dem struppigen Bart eine Maske des grinsenden Tods.

Manchmal sitzt der Mönch am Wegesrand, die Schale zwischen den gekreuzten schmutzigen Füßen, seine Glatze ist wie die Schwester des vollen Monds, die ihn von ferne grüßt; er hört, wie die Schale blechern tönt, wenn einer der Passanten eine Münze einwirft, doch schaut er nicht auf, das Lächeln, das wie ein Tränenschleier sein mumienhaftes Gesicht erleuchtet, sendet er keinem nach.

Der Samurai stößt einen Schrei aus und es ist, als ob glühende Lava seinem weit aufgerissenen Mund entquelle, und er beugt sich halb stehend über das Haupt seines Pferdes, dessen Stirn einen sternförmigen Fleck hat und dessen große schwarze Augen seitwärts rollen, und der Schnee ihres verborgenen Inneren erglänzt; der Reiter aber ist wie ein aus dem schwarzen Wehen der Mähne plötzlich emporgetauchter Dämon, die tierische Seele des Schnaubens, Wieherns, sich Bäumens.

Der Mönch nimmt einen Schluck aus dem rohen Krug, den er mit dem bitteren Wasser des Brunnens gefüllt hat, und schlurft in den leeren Abend einer Einsamkeit, die schärfer ist als die Sichel des sinkenden Monds, schwärzer als der Saum des Walds, härter als der Kieselstein, der ihm die Ferse ritzt.

Der Samurai hockt mit seinen Kumpanen um ein loderndes Feuer, aus dem das Fett eine Lammes spritzt, das sie aus dem rauchenden Stall eines angezündeten Gehöfts gezerrt haben; nahebei dringt aus dem dämmernden Röhricht des Ufers das Stampfen der Pferde, und die Glut ihrer großen Herzen dampft in hellen Dünsten aus dem Fell. Über das weiße Gitter seiner harten Zähne rinnen bronzene Tropfen verschütteten Weins in das Dickicht des Barts, und die Lippen des Samurais sind voller Blut, wenn er singt.

Der Mönch kaut langsam und leeren Blicks seinen nassen Reis, den ihm die junge Bäuerin mit ihrem fleischig-nackten Arm gab, doch er sah nur die Ader in der Beuge, die wie eine dunkle Prophezeiung anschwoll, dazu zwei geröstete Fische, und er nimmt einen davon und wirft ihn der Katze hin, der einzigen Gefährtin dieser trostlosen Nacht.

Die Ringeltaube, die auf dem bemoosten Gemäuer leise gegurrt hat, und ihr kleiner Kopf ruckte rhythmisch auf und nieder, liegt ein blutiger Kadaver unter dem Schnabel der Krähe, die bedächtig feine helle Röhren aus dem Gedärm des Leichnams zieht. Der Samurai schnarcht neben der erlöschenden Glut des Feuers, schwere Regentropfen fallen herab und die aufsprühende Glut gießt ihm über das schwarze Blattwerk der herabgefallenen Locken und die breite Stirn den roten Gischt eines quälenden Traums.

*

Man erzählt, der Samurai und der Bettelmönch seien sich, als der Niedergang des Shoguns sich wie Mehltau auf das Land und seine Bewohner legte, an einem Kreuzweg begegnet; der Trupp der alten Krieger schlug sich beherzt, aber vergebens mit den frisch ausgehobenen Soldaten der neuen kaiserlichen Armee. Die einen sagen, der Samurai sei, durch einen Flintenschuß schwer verletzt, auf einer Bahre an dem Mönch vorbeigetragen worden. Als der nun sah, daß der Verwundete im Sterben lag, sei er geradewegs auf ihn zugeschritten und habe ihm die Lider der noch immer verzweifelt in das ferne Flackern der Sterne starrenden Augen mit einer leichten Geste zugedrückt, wie es der Meister des Tones macht, der an der schon vollendeten Büste mit angefeuchtetem Finger den sehenden Blick wieder schließt, um dem Antlitz die Anmut des Schlafs zu verleihen.

Andere dagegen sagen, wohl sei es wahr, daß der Samurai und der Mönch sich am Rande der Entscheidungsschlacht begegnet seien; doch habe der verwundete Krieger auf der Bahre, als er des Mönches gewahr wurde, wie er sich mit dem bleichen Antlitz der Auszehrung über ihn beugte, ihn für einen Feind erkannt und im Aufbäumen letzter Lebenskraft die schweren Hände gleich unaufhaltsamen Tentakeln eines Kraken um seinen Hals geschlungen und ihn erwürgt.

 

Jul 22 19

Vom Ähnlichkeitssinn

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Von der begrifflichen gelangen wir zur gewöhnlichen, alltäglichen Sprache, also vom künstlichen Idiom eines Sokrates, der nach dem Wesen einer Sache wie der Frömmigkeit fragt, zum natürlichen Ausdruck der Verwunderung, die jemand fragen läßt, ob die Person, die er an einer Liturgie oder einem Kult teilnehmen sieht, wirklich fromm sei – denn es handelt sich um einen guten Bekannten, der ihm gegenüber noch neulich antireligiöse Affekte kundgetan hat – oder ob dieser Mensch seine wahren Ansichten augenscheinlich gut versteckt habe oder ob er etwa jüngst konvertiert sei.

Wenn wir so fragen, enthüllen sich uns wichtige Aspekte dessen, was wir an Einstellungen und Handlungen fromm oder religiös bezeichnen, nicht aber, wenn wir nach einer Definition des Begriffs Frömmigkeit fragen.

Begriffliches Verstehen beruht auf einem Mißverstehen, wenn es vorgibt, wesentliche Aspekte einer Lebensweise wie die Frömmigkeit aufgrund der Anwendung eines Allgemeinbegriffs verständlich machen zu wollen; wir versinken in den Strudel der Tautologie oder im Sumpf der Trivialität, wenn wir etwas fromm nennen, weil es den Begriff der Frömmigkeit exemplifiziere.

Wenn wir dagegen einen menschlichen Grundzug wie die religiöse Konversion herausgreifen, sehen wir beispielsweise, daß der Konvertit Handlungen, die er vor der Konversion als gleichgültig oder harmlos ansah, nunmehr als sündhaft bezeichnet. Er wendet eine neue Sprache an, die ihm die Dinge in einem anderen Licht zeigt.

Wir könnten auch dem Aspekt der möglichen oder unmöglichen Verheimlichung des religiösen Bekenntnisses nachsinnen und fragen, ob wie im Falle der Verfolgung der Religiöse von seinem Selbstverständnis her berechtigt ist, seinen wahren Glauben zu verbergen und gleichsam die gewöhnliche Sprache der Umgebung nachzureden, oder ob das Risiko und die demütige Hinnahme von Spott, Drangsal und Heimsuchung eine wesentliche religiöse Forderung darstellen.

Wir können Geschichten erzählen von Leuten, die im frommen Milieu groß wurden und ihm wie tauben Eierschalen entwuchsen oder von einer Tradition, Kirche oder Sekte zu einer anderen übergingen; wir haben an den heiligen Schriften des AT und NT, den liturgischen Büchern oder Predigten, um nur diese zu nennen, aber auch an den Biographien, Legenden, Dokumenten der Selig- und Heiligsprechungen, um wieder nur diese zu nennen, einen ungeheuren Reichtum an Zeugnissen dessen, was wir fromm nennen. Doch wenn wir all dies einzig unter dem Argwohn betrachten, es handele sich um Belege individueller geistiger Deformationen und seelischer Krankheiten oder kollektiver Illusionen, entschlüpft uns die Bedeutung dessen, was wir fromm nennen, wie dem skeptischen Philosophen die Welt der Dinge, wenn er annimmt, Aussagen über sichtbare Objekte seien undurchschaute Aussagen über rein subjektive Phänomene des Gesichtsfelds.

Der Patient, der angibt, er habe eine Erscheinung einer strahlend schönen Frau gehabt und diese habe sich ihm als Jungfrau Maria offenbart, und der Psychiater, der ihm das Bild durch Hinweis auf verdrängte erotische Motive auflösen will, reden nicht über dieselbe Sache.

Der Verliebte, der glaubt, die Angebetete sehe einer Engelsfigur auf einem Fresko von Giotto ähnlich, gewahrt diese Ähnlichkeit, auch wenn WIR sie nicht bemerken. Sie ist deshalb kein Trugbild, sondern verkörpert die Wahrheit einer Empfindung oder das Zeugnis einer starken Leidenschaft.

Die Theorie will das Phänomen durch einhellige kausale oder funktionale Verknüpfung mit erklärenden Hypothesen in den Griff des Begriffs zwingen; so erklärt der religionswissenschaftliche Funktionalismus das Gebaren des Menschen, der einen Nagel in eine Tonfigur bohrt, als Form von Magie, der freudianische Analytiker das Gebaren des Verliebten, der das Bild der Geliebten küßt, als Form von Fetischismus. Doch beiden entschlüpft das Phänomen vor der Hand und vor den Augen. Genausowenig wie das Kind glaubt, den Stein, an dem es sich gestoßen hat, zu bestrafen, wenn es ihn aufrafft und wütend ins Wasser wirft, glaubt der Verliebte, die Neigung der Geliebten zu verstärken oder wiederzuerwecken, wenn er ihr Bild küßt. Vielmehr ist beider Gebaren ein lebendiger und in sich sinnvoller Ausdruck ihres Empfindens und ihrer Leidenschaft.

Der Religiöse entzündet eine Kerze und kniet betend vor dem Bild des Heiligen nieder, er stellt Blumen auf den Altar und benutzt Räucherwerk, um die ihm gemäße Stimmung zu erzeugen oder zu verstärken. Die Blumen, das Räucherwerk, das Gebet sind sichtbare Formen der Hingabe und des Opfers. Durch das, was er materiell opfert, wird er seelisch reicher.

Wesentliche Sachverhalte, die unser Dasein prägen, können wir nicht durch Begriffsbestimmungen und Definitionen erfassen oder mittels Hypothesen aus allgemeinen Gesetzen und Regeln ableiten; wir müssen sie anhand von exemplarischen Vorkommnissen erläutern, mittels prägnanter Vergleiche erörtern und erhellen.

Vergleiche und Exemplifikationen für einen Sachverhalt finden und spüren wir mittels der Kraft und Tätigkeit unseres Ähnlichkeitssinnes auf; wir sehen die Ähnlichkeit zwischen dem magisch genannten Verhalten des Indigenen, der die Tonfigur seines Feindes mit einem Nagel durchsticht, und dem von seiner untreuen Geliebten im Stich gelassenen oder düpierten Liebhaber, der ihr Bild, das er vor Tagen noch geküßt hat, zerreißt.

Wir sehen die Ähnlichkeit nicht auf der Folie und dem Hintergrund eines allgemeingültigen Modells, das wir etwa definieren, indem wir von einer Art regelhaftem rituellen Gebaren ausgehen, bei dem das Abbild oder ein echter Teil eines verhaßten oder zum Ärgernis gewordenen Lebewesens zum Gegenstand gezielter Beschädigung oder Zerstörung herhalten muß. Denn wir müßten die so definierte allgemeine Regel des Verhaltens wiederum aufgrund ihrer Ähnlichkeit auf das individuelle Vorkommnis eines solchen Verhaltens anwenden. Wir drehten uns im hermeneutischen Kreise.

Die Ähnlichkeitswahrnehmung, so müssen wir folgern, erfolgt unmittelbar und intuitiv.

Es handelt sich demnach auch nicht um einen Analogieschluß, demzufolge der Sachverhalt A dem Sachverhalt B ähnlich sieht, weil beide einem dritten Sachverhalt C ähnlich sind.

Wenn der Verliebte glaubt, seine Angebetete sehe einer Engelsfigur auf einem Fresko von Giotto ähnlich, muß er dieser Ähnlichkeit unmittelbar und intuitiv innewerden: Wenn er uns ein Foto seiner Geliebten und eine Reproduktion des Giotto-Engels vorlegt, mögen wir ihm beipflichten, daß beide sich ähneln, oder es auch nicht zugeben; aber wir können zur Bestätigung oder Widerlegung unserer übereinstimmenden oder nicht übereinstimmenden Wahrnehmung keinen objektiven Beleg einfordern oder ersinnen.

Wenn wir als Beleg das Galton-Verfahren anwenden und die beiden Fotos, der Frau und des Engels, übereinanderlegen, sehen wir vielleicht, daß sich weder die Konturen noch die Profile der Gesichter ähneln. Der Verliebte könnte daraufhin sagen, so meine er es nicht, er sehe die Ähnlichkeit im sanften Ausdruck der Augen und der Weichheit und Demut des Blicks.

Goethe verglich Blätter verschiedener Pflanzensorten und sein Ähnlichkeitssinn brachte ihn zum Aperçu der Wahrnehmung ihres inneren Zusammenhangs, den er Urphänomen nannte.

Nach Goethe kann man sagen, es sei der ewige Gestaltwandel, den wir mit unserem Ähnlichkeitssinn erfassen, wobei das Urphänomen nicht als genetisches Original zu betrachten ist, sondern als der jeweilige dimensionale Bereich, in dem die Metamorphose des Blatts und anderer Gestaltvariablen immer neue Formen hervorbringt, die gleichsam übereinandergelegt unserem Ähnlichkeitssinn gewisse Grundformen oder Muster durchschimmern lassen.

Was Goethe mit der vergleichenden Morphologie natürlicher Formen und Gestalten an Erkenntnis und Einsicht gewann, machte Wilhelm von Humboldt auf dem weiten Feld der vergleichenden Morphologie der Sprachen fruchtbar. Bemerkenswert bei dieser Form der Sprachbetrachtung, die nicht nur die Wortfeldforschung, sondern besonders den grammatischen Bau der Sprachen betrifft, ist seine Entdeckung der strukturellen Ähnlichkeiten und Unterschiede der in den Sprachen sedimentierten Weltbilder.

Wir können diesen Gedanken auch auf alle Formen der ästhetischen Produktion übertragen und von den Urphänomenen beispielsweise der dichterischen Grundformen des Lieds, der Hymne oder der Klage sprechen. Die historische Morphologie des Epigramms zeigt uns den Gestaltwandel von der Grabschrift über die monumentale Inschrift bis zu den geistreichen Versen eines Lessing.

Wie sollen wir im Deutschen den Verbmodus des Optativs oder den temporalen Aspekt des Aorists aus dem Altgriechischen adäquat wiedergeben? Wir müssen uns mit künstlichen Umschreibungen wie „Es drängte ihn, zur Waffe zu greifen“ oder „In diesem Moment zückte er sein Schwert“ behelfen und können somit nur eine dem Original ähnliche, doch keine vollkommen adäquate Übersetzung erreichen.

Die Hellenen hatten nicht nur einen scharfen logischen, sondern ebenso einen hellsichtigen analogischen Sinn, der sie anregte, nicht nur wie Aristoteles morphologische Studien im Bereich der Pflanzen und Tiere und im Aufbau des Dramas, sondern auch wie Plutarch im typologischen Vergleich von Biographien zu treiben.

Die frühen christlichen Theologen wandten den typologischen Vergleich auf die prophetischen Figuren des AT an, mit dem Ziel, sie als Vorformen, Schattenrisse und Präludien des Messias zu deuten.

Gewiß wird der orthodoxe Rabbiner den Kopf schütteln und sich weigern, in Moses und den Propheten Präfigurationen Christi zu sehen. Nicht daß er sie unter anderen Umständen nicht sehen KÖNNTE, in dem Kontext, den seine Lebensweise und religiöse Sprache bestimmen, WILL er sie NICHT sehen. Das verweist uns auf den Anteil des Willens und den voluntativen Aspekt der Aufmerksamkeit in dem, was wir sehen und als ähnlich und unähnlich gelten lassen.

Die Grenze der typologischen Betrachtung von Biographien bemerken wir im Verfahren Freuds, das individuelle Leben unter dem allgemeinen Gesetz der von ihm definierten sexuellen Stadien und der in ihnen maßgeblichen, mehr oder weniger gelungenen Bewältigung typischer Spannungen und Konflikte wie des ödipalen Konflikts oder die Trauminhalte unter dem allgemeinen Gesetz der Traumarbeit von Verdichtung und Verschiebung zu betrachten. Wir gewahren die Grenze insbesondere, wenn die individuelle Stimmung des Träumenden ausgeklammert wird. Warum sollte der Traum eines Mannes vom erquickend empfundenen Untertauchen in die blaue See als Symbol der Kastration dechiffriert werden und nicht als Symbol seelischer Erneuerung und Vertiefung?

Freilich darf das Suchen nach Ähnlichkeiten nicht zum blinden Fuchteln mit dem Zauberstab der Analogie entarten. Wenn wir in einem Gedicht von Benn ähnliche Farbwörter und Blumennamen wie in einem Gedicht Mörikes finden, könnte dies auf eine tiefere Differenz statt auf Anähnelung hinweisen, eine Differenz der geistigen Haltung, die sich bei Benn beispielsweise als Ironie oder Sarkasmus geltend macht.

Der Ähnlichkeitssinn ist ein Teil unserer natürlichen Ausstattung wie das Auge, das Ohr oder die fühlend-sehende Hand. Aus diesem Grund können die von uns gefundenen und in alltäglicher und poetischer Rede verwendeten Ähnlichkeitstopoi, die Metaphern, auf dem Grund unserer Intuition aufruhen, falls sie nicht durch Willkür, Mißverstand und Bedeutungsblindheit verzerrt oder verfehlt werden.

Eine neuartige und kühne Anwendung des Gedankens der vergleichenden Morphologie wäre die Anwendung auf sprachliche und Verhaltensformen, die wir dem Recht und der Moral zuweisen. Wir könnten uns mit diesem Verfahren von der stets noch unbewältigten Erblast der kantischen Voraussetzung einer überhistorischen oder dem diskurstheoretischen Geltungsanspruch einer universellen normativen Basis von Recht und Moral dispensieren.

Würden wir unsere vergleichende Morphologie sinnigerweise mit den alten Begriffen vom damnum oder der obligatio, der Schädigung und des Schadens sowie der Verpflichtung im rechtlichen und moralischen Sinne beginnen, verließen wir bald die engen Gleise der auf die Herkunft verengten nietzscheanischen Genealogie der Moral und gewännen die weite Aussicht der Goetheschen Metamorphose in der vergleichenden Betrachtung ihrer Gestaltungen und Umgestaltungen in den unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Lebensformen.

Gewiss, es muß gemäß der Struktur des menschlichen Lebens Institutionen, Konventionen und Formen rechtlicher Vereinbarung und Sicherung sowie moralischer Verpflichtung geben; aber nicht DAS Recht, nicht DIE Moral, sondern die den unterschiedlichen Humboldtschen Weltbildern korrespondierende Mannigfaltigkeit von Rechtsauffassungen und Moralen.

 

Jul 20 19

Tau des Erinnerns

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Durch Fäulnisprozesse am Grund wimmelt es rings von Schwebstoffen, die das reine Element trüben; das Licht dringt nicht durch. Du mußt lange warten, bis sich die kleinen Teilchen allmählich setzen und das Wasser transparent wird.

Die Schwebstoffe sind auch das Gerede, die allzu vielen Worte, die trügerischen Bilder; du mußt also warten, bis sie sich setzen und Stille einkehrt und Klarheit.

Stille und Klarheit – die Transparenz der Seele.

Der Vogelflügel ist ein sprechendes Symbol der Luft; und der Flügel der menschlichen Seele, die Sprache?

Im Händedruck fühlen wir uns selbst am anderen; die Ansprache und der Anspruch unseres Gegenübers setzen uns nicht nur in den grammatischen Akkusativ.

Im einen alles; im Wort die Sprache, in der Hand die menschliche Welt (Freundschaft und Feindschaft, Bildung und Zerstörung).

Jedes Ding zeigt sich uns, wie es ist; hält es ein Geheimnis hinter dem Rücken, gehen wir um es herum.

Wer solipsistisch meint, daß nur er etwas empfinde und wahrnehme, kann nichts meinen, das heißt seinen Worten eine Bedeutung zumessen; denn etwas zu meinen, was kein anderer (aber auch er selbst nicht) verstehen kann, heißt gar nichts meinen.

Erst kam Spinoza, dann Goethe, schließlich Nietzsche; und heute wimmelt es in den Hirnen von Hinz und Kunz mehr als je von pseudoreligiösen Idealen und den Gespenstern einer höheren Gesinnung, heißen sie nun Gerechtigkeit, Gleichheit oder Diversität, und die Hohepriester, die auf ihrem Altar das sacrificium intellectus darbringen, nennen sich ungeniert Philosophen.

Wenn man ihre Ideale mit aristophanischem Spott übergießt oder mit melancholischer Galle verätzt, wird man wie weiland Spinoza als Verächter der Moral und Feind des Menschengeschlechts verketzert und von den Wächtern des Staates und der öffentlichen Meinung aus der Gemeinde der Rechtgläubigen ausgestoßen.

Mitten im Blitzkrieg aller lebendigen Mächte faseln sie von ihrem Friedensreich und verleugnen die Weisheit des Heraklit; enterbte Söhne des Chaos und häßliche Töchter der Gaia predigen Gleichheit und verkennen das sardonische Lächeln Fortunas, die ihre Gaben, Schönheit, Anmut, Edelsinn, Größe und Klugheit, blindlings verstreut.

Schlafende Rose, die über der dunklen Tiefe des Wassers hingleitend sanften Welkens Düfte träumt.

Gott, Götzen, Ideale – das Echo der gequälten Leidenschaft an der Gefängnismauer der vom Schicksal Eingekerkerten.

Der Charme des Paradoxen: über den Höcker der eigenen Defekte spucken.

Die bedeutsamsten Unterschiede zwischen Menschen liegen in der Richtung, der Gestalt und dem Maß ihrer natürlichen Leidenschaften.

Die von ihren unglücklichen Leidenschaften Heimgesuchten vergiften das Leben.

Die Schriftgelehrten, die mit ehernem Finger lesen.

Graue Eminenzen, die des Lichtes farbenfrohen Abglanz feiern.

Enterbte, die singend und Fahnen schwingend in den Abgrund stolpern.

Der Gott des Schachers und Eigennutzes, der sie dorthin führen soll, was sie das gelobte Land nennen.

Verzerrte Mienen, verdrehte Augen, blutig gebissene Lippen künden dir von ihrem Paradies.

Was sie Gemeinwohl nennen, ist die Entschädigung, die sie für ihr verpfuschtes Leben einfordern.

Wimmelnde Parasiten des Eros.

Künstler, Rentner des Daseins, die ihre Zeit damit vertändeln, grelle Allegorien des Schreckens um die Mumie ihres Geistes zu wickeln.

Komödien des Eros, Masken der Lust.

Die Austreibung der Gebärmutter aus dem Leib der Frau als Gipfel der Zivilisation.

Der Phallus schwadroniert, der Uterus schweigt.

Das Wesen der Frau zeigt sich im Schimmer ihrer Blicke und im Schleier ihrer Tränen.

Jene, die sich auf ihren Instinkt und die Orakel ihres Körpers verlassen; jene, die ihnen mißtrauen und sich wankend und schwankend durchs Leben schleppen. – Zu den ersten gehören mehr Frauen als zu den zweiten.

Portentum sive natura.

Sagen wir mit Spinoza deus sive natura und entkleiden den deus seiner Divinität, bleibt ein Ungeheuer, in dessen Rachen wir leben – bevor wir von ihm verschluckt werden.

Lesen, was ein Skorpion in den Sand geschrieben hat.

Die Kinder hüpfen und springen ihren Bällen nach, wohin immer sie rollen; die Greise schlürfen und krallen sich an ihre Rollatoren, als wüßten diese die Richtung.

Der Dichter, der seine unbefleckte Empfängnis im wirbelnden Staub der Sommernacht findet, während der allergische Bürger das Fenster schließt.

Langer Reihen der gelassenen, genauen, feinfühligen Beobachtung bedarf es nach Goethe, bis irgendwann dem empfängnisbereiten Geist das Aperçu über ihren inneren Zusammenhang einleuchtet.

Von Weltliteratur salbadernde, weltoffene Intellektuelle, Silberfische im Spülbecken einer schäbigen Provinzkneipe.

Veilchen, die Pan mit seinem Huf zertritt; Tau, der sich mit den bitteren Tränen des Eros mischt.

Die das Vaterland veruntreuen, schänden auch die Muttersprache.

Alles offenbart sich am Menschen in der Art und Weise, wie er Abschied nimmt.

Der Blinde kann im Säuseln des Winds, im Vogelruf, im Donner und im Plätschern des Wassers den Sinn des Lebens und der Welt symbolisch erfahren.

Die geläufigen Begriffe, die Definitionen erfüllen, sind kahle Äste; die Begegnungen und Erfahrungen, die UNS erfüllen, sind Blätter und Früchte.

Wenn durch die Wolken der Dämmerung ein spätestes Purpurlicht sickert und wir liegen fast schlafend auf dem Moos des alten Walds und gewahren rings das Wehen der Farne und das fast schmerzliche Glimmen des Taus auf den Lippen des Ginsters – so zweifeln wir nicht, daß auch die Farne unserer Seele wehen, daß unsere Wimpern schwer sind vom Tau des Erinnerns.

 

Jul 18 19

Von der Sprache der Empfindung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Mit einem Wort ist die ganze Sprache da; in einer Empfindung die ganze Welt.

Wenn wir die Skala des tastend Fühlbaren zwischen 0 und 1 auftragen, kommen wir vom Grenzwert des noch nicht oder kaum Gefühlten oder des äußerst Subtilen (Betasten von Seide oder Spinnenweb) zum polaren Grenzwert des nicht mehr Fühlbaren oder äußerst Betäubenden (Eintauchen der Hand in Eiswasser).

Es ist bemerkenswert, daß wir analog zum Mikroskop für die Vergrößerung kleiner Objekte oder zum Megaphon zur Steigerung des Klangs keine Apparate zur Vergrößerung der Tastempfindung haben.

Wir sprechen sinnvoll vom allmählich sich steigernden visuellen Eindruck des Dunklen, wenn die Lichtquelle schwächer wird und versiegt. Ähnlich vom taktilen Eindruck des in seiner Gefühlsrasterung und Intensität abnehmend Tastbaren, wenn wir mit verbundenen Augen über Stoffe streifen, die von grobem Leinen über dichten Samt bis zu dünner Seide reichen.

Wir vergleichen die Tastwerte und ihre Benennungen wie fein und grob, weich und hart, fließend und starr mit der Palette der Farben und ihren Namen wie hellgrün und dunkelblau. Wir können nicht nur analog zum Farbkreis einen Tastkreis konstruieren, sondern mit einer solchen Gefühlspalette auch ähnliche sinnlich-sittlichen Wirkungen hervorrufen, wie sie Goethe den Farben zugesprochen hat.

Wir haben auf der einen Seite komplexe Empfindungen wie die Empfindung von hart, trocken und warm (Baumrinde), auf der anderen Seite die infinitesimale Abschattung sich stetig und kontinuierlich auffächernder Tasteindrücke wie vom Komplex „hart, trocken, warm“ in unendlich feinen Abschattungen zum Komplex „weich, feucht, kalt“ (Schwamm), analog den unendlich fein abgestuften Farbwerten zwischen rot und violett, hellgrün und dunkelgrün.

Wir können die von der Hand übermittelte Empfindung beim Abtasten der trockenen, von der Sonne beschienenen Baumrinde nicht anders beschreiben als durch den semantischen Komplex „hart, trocken, warm“.

Gewiß sind die sensorische Eindrücke uns vorsprachlich und vorbegrifflich gegeben; wollen wir sie aber beschreiben, müssen wir auf ADJEKTIVE wie süß und sauer, schwer und leicht, hell und dunkel, grün und rot, laut und leise, warm und kalt, fein und grob, weich und hart zurückgreifen.

Die Natur UNSERER Welt oder die Welt UNSERER Natur ist uns im Horizont qualitativer Begriffe erschlossen, die wir mit solchen Adjektiven abgrenzen und klassifizieren.

Wir können quantitative Begriffe wie den Begriff der Länge oder des Gewichts mittels unterschiedlicher Metriken wiedergeben (Meter oder Zoll; Gramm oder Pfund), ohne daß uns der Sinn des Gemeinten verlorenginge. Anders bei qualitativen Begriffe: Die Angabe des physikalischen Frequenzbereichs der Lichtschwingungen für einzelne Farbwerte vermittelt uns keine unmittelbaren visuellen Äquivalente.

Analysieren wir die Tastempfindung in die neuronalen Abläufe, die immer dann in unserem ZNS (zentralen Nervensystem) ablaufen, wenn wir den Empfindungskomplex „hart, trocken, warm“ haben, können wir von der physikalisch-chemischen Darstellung dieser Abläufe nicht auf den Tastwert schließen, den wir als „hart, trocken, warm“ benennen.

Wir können nicht ausschließen, daß sich ähnliche neuronalen Abläufe in unserem ZNS abspielen, die wir einem spezifischen Empfindungskomplex zuordnen, ohne daß wir diese Empfindung haben. Denn wenn wir beim Betasten der trockenen, warmen Baumrinde von einer Wespe gestochen werden, wird der Tasteindruck vom dadurch ausgelösten Schmerzgefühl überblendet oder neutralisiert.

Wir sagen von einem Mann, er habe ein weiches Gemüt oder einen trockenen Verstand oder ein hartes Herz; so übertragen wir Qualitäten des Tastsinns auf die Ebene psychologischer Prädikate. Die Verwendung sensorischer Qualitäten zur Bestimmung psychologischer Prädikate ist nicht zufällig, sondern intern und aufs Innigste mit der Struktur unserer Lebensweise verwoben.

Augenscheinlich betreiben wir Psychologie mit Qualitätsmerkmalen all unserer Sinnesempfindungen; so reden wir von einem schrillen Charakter oder einem Leisetreter (Klang), von einem hellen Kopf oder einer trüben Tasse (Gesichtswahrnehmung), einem sauertöpfischen Kerl oder einem süßen Mädchen (Geschmacksempfindung) und von einem Stinkstiefel oder von herber Männlichkeit (Geruchssinn).

Der sensorische Ausdruck psychologischer Eigenschaften geht über den metaphorischen Gebrauch hinaus: Denn wie wollen wir ein weiches Gemüt anders charakterisieren; es sei denn wir nennen es nachgiebig, mild und zart, und bedienen uns solchermaßen Merkmalen anderer sensorischer Herkunft.

Wir können demnach die Sprache der Empfindung weder quantifizieren noch begrifflich verallgemeinern. Wir können Empfindungswerte nur relativierend oder vergleichsweise gewichten, indem wir sagen, unser Freund habe ein überaus weiches Gemüt oder Peter sei vom Charakter nachgiebiger als sein Bruder Karl.

Die Sprache der Empfindung erschließt uns wesentliche Aspekte der menschlichen Natur.

Diese Natur ist nicht der Gegenstand einer Wissenschaft oder einer wissenschaftlichen Theorie, die seine wesentlichen Eigenschaften und Aspekte unter Zuhilfenahme von Gesetzeshypothesen und der Annahme empirischer Randbedingungen erklärt, sondern das unabsehbare Feld jener Beschreibungen, die durch Verwendung von Empfindungswörtern und psychologischen Prädikaten unsere schlichten Selbstbeobachtungen, aber auch die subtilen Ausdrucksformen der Dichtung möglich machen.

Die wissenschaftliche Theorie der neuronalen Prozesse, die unsere sensorischen Wahrnehmungen und Empfindungen funktional oder kausal erklären, kann in der Sprache der Empfindung nicht wiedergegeben oder übersetzt werden; sie bringt den qualitativen Gehalt unserer Erlebnisse und somit unsere eigentliche menschliche Natur ihrer theoretischen Funktion gemäß notwendig zum Verschwinden.

Das, was wir empfinden, erschließt uns nicht nur Aspekte der natürlichen Welt, in der wir leben, sondern auch wesentliche Aspekte unserer eigenen Natur. So erschließt uns die tastende Hand sowohl die Eigenschaften der besonnten Baumrinde, hart, trocken und warm zu sein, als auch die Eigenschaft dessen, der solche Empfindungen hat, eben genau auf diese Weise empfinden zu KÖNNEN.

Oft wird, was wir empfinden, moduliert, verfeinert, verfremdet oder in ein anderes Licht gerückt aufgrund dessen, was wir gleichzeitig noch empfinden oder wahrnehmen, so wenn wir die flaumigen Blätter der Rose betasten, deren Schönheit wir bewundern und deren Duft seltsame Ahnungen und Erinnerungen in uns wachruft. Oder wir sehen im Konzertsaal den Schlagzeuger vehement auf die Becken einschlagen und die Gruppe der Blechbläser sich erheben, um in die gewaltigen Akkorde in Bruckners 7. Symphonie auszubrechen.

Keine Empfindung ohne einen, der empfindet. Da wir uns im sensorischen Raum der Empfindung aber in einer vorbegrifflichen und vorsprachlichen Dimension aufhalten, sollten wir den mißverständlichen Gebrauch von Bezeichnungen wie Subjekt und Ich vermeiden und von einem bloßen Jemand sprechen, dem wir die Empfindung zuweisen. Jemand ist gewiß nicht niemand, aber auch noch nicht das seiner bewußte, sprechende Ich, das Sprachhandlungen mit einem anwesenden Gegenüber austauscht.

Ich kann als gleichsam anonymer Jemand etwas empfinden, ohne schon in der Lage zu sein, es zu benennen, zu beschreiben oder mein Gegenüber gestisch und verbal darauf hinzuweisen.

Wir gewahren den grundlegenden Unterschied zwischen dem Jemand, der empfindet, und dem Ich, das spricht, besonders deutlich am Unterschied der Empfindung und Wahrnehmung von Geräuschen und Klängen und dem Hören von artikulierten Lauten der menschlichen Sprache.

Das sprachmächtige Ich ist in eine gleichsam wetterwendische Atmosphäre intentionaler Spannungen eingetaucht, es integriert seine sensorischen Empfindungen und Wahrnehmungen kontinuierlich in den Horizont seiner Erinnerungen und Erwartungen.

So siehst du den Mond anders, wenn du ihn rein empfindend und ruhig betrachtest, als wenn du aufgrund deiner astronomischen Kenntnisse erwartest, daß er gleich in den Erdschatten treten wird. Dir schmeckt dasselbe Gericht anders, wenn du es für dich allein zubereitet hast, als wenn du es dir zu Gast bei einem Freund munden läßt. Der Duft der Blumen nimmt anders ein, wenn sie eine Freundin mitgebracht hat, und die weichen Modulationen einer Nocturne bezaubern anders noch, wenn die Geliebte dabei unversehens ihre Hand in die deine schmiegt.

Während das sprachliche Ich in ein kommunikatives Bedeutungsfeld eingelassen ist, so derjenige, welcher empfindet und wahrnimmt, in ein Aktionsfeld: Ich ziehe augenblicks die Hand vor der heißen Flamme zurück, halte mir die Ohren bei schrillen Geräuschen zu und beschaue länger die wohlgestalten Blumen, zumal wenn sie lieblich duften.

Je dichter uns die sprachlich vermittelten intentionalen Spannungen von Erinnerung und Erwartung umhüllen, umso mehr werden unser Gefühl und Gespür von der Nähe der Dinge abgezogen.

Dies gilt auch von den technisch und elektronisch durchformten und verwalteten Gehäusen, in denen wir wohnen und arbeiten; die Dinge verlieren ihre atmende Haut, und überstimulierte und überreizte Freizeitvergnügungen müssen als Surrogate eines gelassen-unschuldigen Empfindungslebens herhalten.

Die technische Welt entkoppelt schließlich die natürliche Resonanz von Klang, Farbe, Fühlbarem in konventionelle Schemata, so wenn wir den Signalwert der Ampelfarben kaum noch wahrnehmen oder von der lauen Luft und der atmosphärischen Anmut des Sommertags durch Glasscheiben der Bürotürme getrennt sind.

So müssen wir bisweilen mit jenen starken Reminiszenzen ursprünglicher und überströmender Empfindung in der Sprache der großen Dichtung eines Goethe, George oder Hofmannstahls vorliebnehmen.

 

Jul 17 19

Knäuel, Schlaufen, Maschen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Kritik“ ist die Ausrede des faulen und unproduktiven Geistes.

Kundgaben des Mißfallens, und seien sie berechtigt, zählen nicht in der Bilanz des schöpferischen Lebens.

Auch der Mißgünstige erkennt oder ahnt den Wert, doch nur der an ihm teilhat oder sich in ihm wiedererkennt, wird ihn preisen.

Das Grauen breitet sich unter uns aus, doch sollen wir kein Aufhebens davon machen; so schimmert und schweigt die Seerose über der dunklen Tiefe voller Trübsal und Schlamm.

Die Idolatrie des Außenseiters, der leidenden und gequälten Kreatur, des Kranken und Verrückten ist ein Symptom absteigender Kulturen.

Die falsche Verklärung der Armut im Dunstkreis eines falschen Christentums zeugt von vulgärem Geschmack.

Die großen Gauner und Halunken, die Verführer und Betrüger verfügen zumeist über ein hohes Maß an Intelligenz, wenn sich diese auch vorzüglich in Schlauheit und Gerissenheit Bahn bricht; das ist ein sicheres Anzeichen dafür, daß es keine einhellige Korrelation von Intelligenz und edlem Charakter gibt.

Wesentliche Züge wie Intelligenz und Charakter sind angeboren, einatmen kann man sie schließlich nicht; aber kaum, was man daraus macht.

Worte, deren Sinn man zu lange prüft, zerfallen auf der Zunge.

Wenn wir vom Anblick eines Gesichts abziehen, was wir an seinem Lächeln empfunden haben, bleibt eine hohle Maske.

Worte, die gleich getrockneten Blüten in einem Album ihren Duft verloren haben.

Der Künstler, der nichts zu sagen hat, wird laut.

Dem Kult des Fremden verfällt am ehesten, wer nichts sein eigen nennen kann.

Dem Idol des Unverständlichen, Bizarren, Rätselhaften opfern am meisten, die sich selbst nicht verstehen.

Es gibt keine adäquaten Übersetzungen, sondern nur Transpositionen in die eigene Sprache, die umso gelungener sind, je mehr sie diese um neue Ausdruckswerte, farbige Schatten und Nuancen des Je ne sais quoi bereichern.

Intellektuelle sind blutdurstige Opfer- und Hohepriester des abstrakten Ideals, während Dichter sich vor dem grellen Licht des Allgemeinen in den Schatten der konkreten Anschauung und Empfindung flüchten.

Erotische Metaphern – Goldkettchen, Armreife, Amulette auf der nackten Haut der Geliebten, die der Dichter der Römischen Elegien gerne abstreifen möchte.

Die Täuschung des Satzes ist bisweilen der Punkt.

Es gibt die Erfahrung des eigenen Lebens und die Gesetze der Physik; aber es gibt keine übergeordneten Gesetze, mit deren Hilfe sich diese Erfahrung auf die Gesetze der Physik abbilden läßt.

Wir sehen nicht die Farben Newtons.

Die Grammatik der Gene bestimmt die gesetzesartigen chemischen Umwandlungen, die sich in der Biologie unseres Körpers niederschlagen; aber es gibt keine übergeordneten Gesetze, mit deren Hilfe sich die Grammatik unserer Sprache und unseres Denkens auf die Grammatik der Gene abbilden ließe.

Sprachliche Bedeutungen sind durch Konventionen bestimmt; nicht so die Bedeutungen der physikalischen und chemischen Gesetze.

Der Tod ist nicht der Punkt hinter dem Satz unseres Lebens.

Die einschneidenden Widerfahrnisse des Lebens wechseln ihre Farbe im wechselnden Licht der Erinnerung.

Während Sigmund Freud den Traum im Licht einer Handvoll abstrakter Symbolismen zu dechiffrieren glaubte, hat sie der Dichter des Traums, Hugo von Hofmannsthal, in die Wildnis undeutbarer Zeichen heimgeholt.

Der Künstler schlägt moralisch höchste Töne an, das heißt, seine produktive Ader ist verstopft.

Die apriorischen Wahrheiten, die Philosophen verkünden, sind rhetorische Schleifen um tautologische Trivialitäten. Sie blenden allerdings mit dem Schimmer der Täuschung, als handelten sie von Tatsachen der Welt, wie der Tatsache, daß uns alles, was wir erleben und kennen und als Tatsache erfassen, nur im Zeit-Raum der Erfahrung begegnen könne; doch augenscheinlich erhebt sich dieser apriorische Satz in das Nirgendwo jenseits der Raum-Zeit und kann daher keine Tatsache meinen. Er ist wie die rhetorische Schleife um den Satz p, wenn wir sagen: Es ist wahr, daß p.

Immer wieder einmal gerät man ins Staunen, wenn man den Mond groß aufgehen sieht und die ungeheure Masse der dunklen Erde unter sich fühlt, und man denkt an das Alter der Erde und die vergleichsweise winzige Zeitspanne, die man auf ihr verbringt.

Dem Wollknäuel, der nach und nach abgewickelt wird und dessen Faden über eine Schlinge oder Schleife in eine Strickmasche geschlagen wird, sieht man nicht das Strickmuster an, das sich am Ende ergibt. Und es gibt nicht nur ein Muster, sondern beliebig viele. – Nimm den Wortschatz für das Knäuel, die Grammatik für die Schlinge und Metrik und Metaphorik für die Maschen – so erhält man ein Bild für die Unwahrscheinlichkeit, ja Unableitbarkeit lyrischer Gedichte.

Nimm für das Wollknäuel die Nukleinsäuren und für Grammatik und Maschen die Struktur der DNS; daß daraus unter anderem nicht nur Rosen, Schlangen und Elefanten hervorgehen, sondern auch ein Lebewesen, das die Struktur der eigenen DNS auffädelt und dechiffriert, ist nicht minder unwahrscheinlich.

Es ist umgekehrt ein Leichtes, die Maschen und Strickmuster aufzulösen und den Faden wieder aufzuwickeln. Aber wenn wir die Struktur der DNS oder sprachlicher Gebilde auflösen, erhalten wir ein wirres Knäuel von Nukleinsäuren oder unartikulierter Laute, das uns nichts mehr sagt.

Die Transformation des Wollknäuels zum Strickmuster vollzieht sich in einer geordneten Reihe ineinandergreifender und hierarchisch koordinierter Bewegungen der Finger und Hände (kurz Handlungen), die aus dem Faden zunächst eine Schlaufe und sodann mittels der Stricknadeln Maschen bilden.

Diese Form des gestuften und geordneten Verlaufs von Finger- und Handbewegungen diene als Bild oder Modell für die sprachliche Bedeutung: Die sprachlichen Maschen wären dann die mittels grammatischer Funktionen systematisch geordneten Ketten von Lauten.

Die Umwandlung des Wollknäuels in die Mannigfaltigkeit von Strickmustern folgt keinem kausalen Ablauf: Die Maschen sind das Ergebnis zweckgerichteter, sinnvoll aufeinander abgestimmter Fingerbewegungen.

Und doch: Wie träumerisch-versunken nesteln und schlingen sich die Finger der erfahrenen Strickerin um Nadeln und Faden, und unter ihren sinnenden Händen breiten herrliche Muster sich aus, während sie vor sich hin summend an Sommertage ihrer Kindheit denkt.

Die Koralle, die Blüte, die Iris des Auges wachsen nach je eigentümlichen Gesetzmäßigkeiten; nicht so das Gedicht, auch wenn das symbolistische eines Mallarmé ihnen ähneln möchte.

Die Gesetzmäßigkeiten, nach denen wir das natürliche Lautmaterial zu geordneten Reihen und Texturen des sprachlichen Sinns verketten und verweben, sind nur scheinbar denjenigen ähnlich, nach denen Korallen, Blüten, Pupillen ihre spezifischen Geometrien ausformen.

Die in Not geratene, hilflos und ohnmächtig den Naturlaut der Klage oder Angst ausstoßende Kreatur ist ungleich dem Menschen, der um Hilfe ruft: Im Hilferuf ist im Unterschied zum Naturlaut die ganze Sprache im Muster des Ausdrucks und der Aufforderung schon da.

Wir können das Knäuel wirr umsponnener Fäden aber auch als Symbol der vorbegrifflichen oder Traumdimension des menschlichen Daseins nehmen und es den Symbolen von Koralle, Blüte und Pupille als Muster geordneten, vollkommenen sprachlichen Ausdrucks entgegenstellen. Solch ein Knäuel bildet sich allererst infolge der unwillkürlichen Auflösung der Maschen und Muster der konventionellen Sprache in einer Erfahrung dessen, was Hölderlin die aller poetischen Produktion vorausliegende Totalempfindung nennt oder Hofmannsthal im Brief des Lord Chandos als Inspiration des heraklitischen hen kai pan im Angesicht der stummen Dinge beschreibt. Die Totalempfindung drückt sich nicht im Naturlaut der Klage oder des Angstschreis aus, sondern ist wie der zweideutig über der Asche schwebende Rauch, Asche der von der Glut des Herzens verzehrten sprachlichen Muster.

 

Jul 15 19

Masken des Dionysos

Er nimmt dein Lächeln sich zur Maske
und trübt mit Tränen dir den Blick,
wenn du nach Worten suchst, nach Augen.
Er fälscht mit Seufzern deine Schrift,
die Briefe sieh, die leichten Blüten,
die dort auf dunklen Wassern treiben.

Ein Duft hebt durch den Glanz der Nacht
den Traum aufs warme Moos des Walds,
wo goldene Flammen Locken kringeln.
Du beugst dich, suchst mit bangem Mund
den heißen Mund und was du küßt
ist einer Larve leeres Lachen.

Dein Leid hat kein Gesicht, das sich
erweichen ließ mit Tau und Küssen.
Die Mücken, die mein Lied verdunkeln,
sie schwirren auf verworrenem Pfad
um eines Hirten braune Spucke,
der ohne Gruß vorüberging.

 

Jul 14 19

Lied der hellen Nacht

Herzklang lichter Tropfen,
die ins Moos des Schweigens rinnen.

Hostienbleicher Mond,
Lied der hellen Nacht.

Schwarzer Samt der Malven,
sanften Taues Schoß.

Blüten, Flocken, Schwäne,
die ins grüne Wasser tauchen.

Perlentrunkner Mund,
Lied der hellen Nacht.

Roter Samt der Rosen,
sanfter Küsse Schoß.

 

Jul 13 19

Dämmernde Vase

Die Lichter der Ufer erlöschen
und wie goldene Blumen,
was wir uns sagten.

Wie Flammen auf Wassern
und zitternder Flügel
träumt unser Bangen.

Des Himmels Wellen ebben
und unter graues Gurren
duckt sich der Abend.

Wie Blassen von Veilchen
in dämmernder Vase
blättern Rosen und Küsse.

 

Jul 12 19

Die Knospe tut sich auf

Die vom Schlaf des Teiches er aufgeleckt,
mit grüner Feuchte bestrich der Wind
das Gras der Nacht, das zweifelnde Blatt,
und jenem, der einsam dort lag wie tot,
die Stirn und die harte Knospe des Munds.

Der Strahl, gehärtet in Tränen und Tau,
durchbricht die knirschenden Schatten des Baums
und wirft aus Nestern Flaum und Geschrei,
dir in die Brust aber gießt er den goldenen Schmerz,
die Knospe tut sich auf, der Duft des Lieds.

 

Jul 11 19

Weltenbildnerin Sprache

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wie könnte der Holunder die Eiche, die Distel die Rose verstehen? Wie das Stroh und das Gras die Gewalt der Flammen, die sie verzehren? Versteht der einsam über Klüfte springende Steinbock die stummen Zeichen der Blitze und das ins Moos gekauerte Rehkitz das Rauschen des Regens, des Winds?

Wir könnten auch fragen: Wie sollte der Eskimo den Kongoneger verstehen, der australische Buschmann den Brahmanen, der Hopi-Indianer Herrn Edward Sapir, der am ganzen Leib tätowierte Yankee-Boxer Ludwig Wittgenstein? Aber auch: wie der Reiche den Bettler, der Voodoo-Priester den Rabbiner, der Lustmörder den Trappistenmönch.

Aber auch: wie das Kind den Greis, der Mann die Frau.

Jedes Sehen bedarf einer Perspektive; so auch eine jede SPRACHE. Daraus folgt, daß es KEINE UNIVERSALSPRACHE und keine universelle Verständigung geben kann.

Was wir Übersetzen und Kommunikation zwischen unterschiedlichen Sprachen nennen, beruht entweder auf Verfahren der Projektion oder auf produktiven Mißverständnissen oder auf mehr oder weniger gefällig verschleierter Machtausübung.

Das Kind, das sich die Hand an der Flamme verbrannt hat, hat verstanden: Hier droht Gefahr für Leib und Leben. Der Schmerz ist der wahre Lehrmeister: So meinte es der alte Tragiker: pathei mathos – durch Leiden lernen.

Wer dir zu nahe tritt, deine Kreise stört, deine leibliche und seelische Integrität schwadronierend, lärmend und stänkernd beeinträchtigt, kurz: deine Grenzen übertritt, solch einem übergriffigen Tölpel wirst du auf zivile und höfliche Weise meist vergebens den Zugang verwehren können – doch hat er sich einmal an der Flamme deines Zorns die Finger verbrannt, wird seinem Verständnis merklich aufgeholfen.

Wenn du eine E-Mail-Gruppe anfragst und um die Rücksendung einer Adresse oder Telefonnummer bittest, wirst du meist keine Antwort erhalten; ein jeder sagt sich, soll doch der andere es tun.

Die Verantwortung steckt ihren Kopf in den Arsch des Kollektivs.

Wenn du neben mir stehst, während ich auf den großen regelmäßiges Quader eines Kunstwerks schaue, wirst du, wenn auch kaum merklich, ein minimal von der rechteckigen Schauseite dieses Gebildes abweichendes Parallelogramm erblicken; wärest du mit der Projektionsmethode ausgestattet, die dir erlaubt, aus dem von dir gesehenen Parallelogramm deinem perspektivischen Blickwinkel gemäß ein Rechteck zu konstruieren, wäre dem visuellen Mißverständnis der Boden entzogen.

Wir haben in der Regel keine Projektionsmethode zur Hand, die es erlaubte, unserem Gesprächspartner den von uns gebrauchten Begriffen eine angemessene perspektivische Deutung mitzugeben.

Natürlich kapierst du, was ich meine, wenn ich dich auf den herben Geschmack des Weines aufmerksam mache; und dennoch nicht ganz, wenn ich „herb“ als eine Nuance von „sauer“, du aber als eine mildere Variante von „bitter“ auffaßt.

Die oberflächlich korrekte Zuordnung und Übersetzung von Begriffen wie des lateinischen „honor“ durch das deutsche „Ehre“ verdeckt wesentliche Unterschiede in der grammatischen Tiefenschicht, in der beide Begriffe unterschiedlich vernetzt sind; honor beispielsweise mit dem Ansehen der römischen Ämterlaufbahn, „Ehre“ mit Krieger- und Sportabzeichen.

Wir regulieren und kanalisieren Verhaltensweisen moralisch mittels Formen von Lob und Tadel, Auszeichnung und Ausschließung, Förderung und Bestrafung. Doch was jeweils gelobt und getadelt wird, ist von Gruppe zu Gruppe, von Volk zu Volk, von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Nur sentimental verbummelte Pädagogen haben sich von ihrer angestammten Strafgewalt dispensiert, um den Wildwuchs zu düngen, und nur vom Wunschdenken betörte Philosophen glauben an ein allen verständliches, von allen erlernbares Esperanto der Moral.

Der ehrlose Duckmäuser verhüllt seine Unterwerfung unter fremde Mächte unter dem Schleier der Bescheidenheit, der kosmopolitische Intellektuelle seine transzendentale Obdachlosigkeit unter der fadenscheinige Decke der allgemeinen Menschenliebe.

Die Niedertracht hüllt sich in den Mantel der Tugend; öfters ist dieser Mantel heute eine glitzernde Abendgarderobe oder ein freizügiges Cocktailkleid auf einem Galadiner zum Wohle der irgendwo in einem verkommenen Slum Darbenden, vor deren Gestank die Gnädige ins Knien gehen würde.

Die Kinder des Meeres sehen, fühlen, reden und denken anders als die der Alpen.

Die Dichtung, die mit den Fischern und Abenteurern auf den Wogen des Meeres schaukelt, hat schnellere Rhythmen, herbere Düfte, schillerndere Bilder als die Dichtung, die mit den Hirten der Berge im üppigen Grase weidet, das Summen der Kräuter belauscht und den Bocksfuß des Pan im Moos und sein Geflöte in der blauen Bergluft seufzen hört.

Die Winzer der Mosel reden dieselbe Mundart wie die Dörfler der Eifel, doch ihr Gemüt ist nicht verwandt und die Redensarten der einen glitzern wie Tau auf den Reben, die Worte der anderen sind staubig wie die Furchen ihrer Äcker.

Denken wir uns eine Sprache, in der es keine Allgemeinbegriffe wie Sehen, Hören, Essen gibt, sondern je nach dem Seheindruck, der Art des Klanges und des Nahrungsmittels ein anderes Vollzugswort. Wie sollen wir den Sprechern klar machen, daß wir durchaus sahen, was sie auf ihre individuelle Weise beäugten?

Mein Großvater hat sein Brot nicht zerkleinert und die Stückchen in der Suppe verstreut, sondern sie darein gebrockt. Hätte man ihn gefragt, warum er die Brotkrumen in die Suppe streut, hätte er verständnislos geblickt, als hätte man ihm unterstellt, etwas Kostbares zu vergeuden.

Unser Weltbild ist ein Sprachbild und unser Sprachbild ein Weltbild. Wir können wenn es hochkommt die Bilder wie Karten nebeneinanderlegen und Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten ausmachen, aber wir finden keinen stimmigen Totaleindruck, den wir systematisch aus den einzelnen Bildern wie ein Mosaik zusammensetzen könnten.

Die Sprache ist nicht Bild in dem Sinne, daß sie die Welt spiegeln würde, sondern Bildnerin in einem schöpferisch-künstlerischen Sinne. So etwa teilen wir die sinnliche Materie unserer Geschmacks-, Tast-, Seh- und Hörfelder grammatisch-kategorial auf in Substanzen wie Wasser und Feuer, Luft und Abendrot, Individuen wie Apfel und Kirsche, Hund und Reh, in Kollektiva wie Schnee und Honig, Garten und Wald, aber auch in Eigenschaften unterschiedlicher Typik und relationaler Struktur wie süß und bitter, weich und rauh, nah und fern, schrill und sanft; sowie in Vollzugsweisen wie stechen und kitzeln, blenden und aufklaren, anschwellen und verebben.

Um uns selbst zu erkennen, müssen wir die Worte und Redensarten betrachten, mit denen wir unser Leben zur Sprache bringen. Dies reicht vom Ausdruck der Empfindungen des Geschmacks und Tastsinnes bis zu den Begriffen, mit denen wir sprachliche, nicht wissenschaftliche Seelenzergliederung betreiben wie Gemüt, Herz, Phantasie, Einbildungskraft, Wachheit, Schlaf, Traum, Rausch, Anwandlung, Anfechtung, Mut, Zorn, Trauer, Angst, Lust …. und tausend andere.

Wir transformieren das kartesische Problem des radikalen Zweifels in die Besinnung auf die Grenze des Versagens der Sprache, der epistemischen und psychologischen Gründe des Verstummens.

Wie absonderlich zu glauben, man könne die Fülle des menschlichen Daseins mit dem schmalen Schatten eines Begriffs wie res cogitans abdecken.

Daß wir die Welterfahrung in sprachlichen Kategorien und grammatischen Strukturen schematisieren, macht sie nicht beliebig, kontingent und subjektiv, denn sie ist uns nur auf diese Weise zugänglich – und also und nur so gültig.

 

Jul 9 19

Sagen sanften Glücks

Wir wandelten verwaist
durch Duft der alten Erde
den Schmerzenspfad entlang.

Wir hörten unsre Worte
wie Boten fremder Welt.
Wir fühlten Hand in Hand
den Herd der Heimat fern.

An grünen Wassern
sproß im Farn der Träume
Dunkelheit herauf.

Aus Jenseits-Gärten schneiten
die Blüten weißen Mohns
wie Sagen sanften Glücks
in Schalen voller Schlaf.

 

Jul 8 19

Abschied vom Menschen

Getretene Hunde.
Die aufblicken wollten, Augen!
Verstoßene Hunde.
Die ihren Kopf schmiegen wollten auf ein Knie!

Geht eures Wegs, Menschen!
Geht!

Geschundene Esel,
mit dem eigenen Euter erpreßte Kühe,
am eigenen Unrat erstickte Schweine,
am eigenen Schrei erstickte Hähne!

Ach, geht eures Wegs, Menschen!
Geht!

Macht Platz für das Gras,
das Treue kennt für den Tau,
das grünende Licht der Stille,
das Rauschen der Schatten!

Ach, geht, sag ich,
verschwindet!

Efeu umschlinge das Bett,
Rose durchbreche das Gitter,
wildert, Moose, auf Schwellen,
Farne auf Fliesen.

Euren Kot, ihr Mäuse und Ratten,
Wiesel und Tauben und Krähen
auf den Teppich des Schwelgens,
das Samtvlies der Wollust,
den Plastik des Stumpfsinns!

Ah, die Gespräche des Winds
mit der zerrissnen Gardine,
der sinnlosen Flagge,
den flatternden Briefen!

Erde, werde rein
am ruhigen Rieseln der Quellen,
im goldenen Blitz der Fische!

Erde, erwache
vom Zittern der einsamen Weide,
an der glühenden Wange der Rose!

 

Jul 7 19

Proto-Ich und sprachliches Ich

Die Struktur der vorbegrifflichen, vorsprachlichen und stummen Erfahrung zeigt sich in einer Empfindung wie der Empfindung, die ich habe, wenn meine Hand in Wasser taucht, oder der Wahrnehmung wie der Wahrnehmung, die ich beim Anblick des blauen wolkenlosen Himmels habe. Um diese basalen Empfindungen und Wahrnehmungen zu vergegenwärtigen, sind zumindest drei der Struktur der Erfahrung innewohnende Faktoren vorausgesetzt:

1. Meine Empfindung und meine Wahrnehmung sind in einen Horizont aktueller und virtueller Empfindungen und Wahrnehmungen eingebettet: Ich kann etwa die Feuchte des Wassers nur empfinden, wenn ich es zugleich als warm oder kalt, als fließend oder unbewegt empfinde und wenn ich die Erinnerung an die Empfindung meiner Hand im Gedächtnis habe, die ich hatte, bevor ich sie ins Wasser getaucht habe, also die Empfindung der trockenen Luft. Analoges gilt für die Wahrnehmung des blauen Himmels: Sie ist aktuell mitgeprägt durch die Wahrnehmung der Lichtstärke, der Helligkeit und der Farbintensität sowie umgeben von den virtuellen Wahrnehmungen beispielsweise der grünen Baumwipfel, die ich hatte, bevor ich meinen Blick in das Blau des Himmels hob.

2. Ich bin es, der die Erfahrung macht, und auch wenn dieser Selbstbezug nicht zu voller Helle des Wissens aufgestiegen sein mag, schwingt er doch unterschwellig und untergründig immer mit. Wir können von einer Instanz des Proto-Ich oder eines ich-schwachen Jemand-Seins sprechen.

3. Ich habe die Hand ins Wasser getaucht und halte sie jetzt unter Wasser, bald aber werde ich sie wieder aus dem Wasser ziehen. Ich habe eben das Grün der Bäume gesehen und betrachte jetzt das Blau des Himmels, doch bald werde ich meinen Blick wieder wenden. Mit einem Wort: Keine Erfahrung ohne räumliche Bezüge und zeitlichen Verlauf.

Natürlicherweise können wir das Objekt der Farbempfindung leicht in einem ikonischen Zeichen wiedergeben, wie Kinder es tun, wenn sie einen blauen Himmel malen. Die Wahrnehmung des gemalten Blaus unterscheidet sich nicht qualitativ, sondern nur graduell in Hinsicht der Intensität oder des Nuancenreichtums von der Wahrnehmung des wirklichen Himmels. Weil unsere Fähigkeit, ikonische Zeichen herzustellen, zumeist auf das Feld der Sichtbarkeit eingeschränkt ist, haben wir kein künstliches Medium, das ohne selbst mit Wasser angefüllt zu sein, uns die Empfindung des Feuchten vermittelten könnte. Dagegen können wir mittels Onomatopoesie beispielsweise gewisse tierische Laute ikonisch evozieren, wie mit den Wörtern „Gurren“, „Schnurren“, „Kreischen“, „Sirren“, „Bellen“ oder „Quaken“. Dasselbe gilt für gewisse musikalische Evokationen natürlicher Geräusche und Klänge wie das Rufen der Vögel oder das Krachen des Donners in Beethovens Pastorale oder der Alpensinfonie von Richard Strauss.

Daß wir nicht zögern, blau „blau“ zu nennen oder „blue“, „bleu“ und „blu“, muß seinen Grund in der Kontinuität und Perseveranz unserer Farbempfindungen und seine Ursache in der Konstanz der Wirkung derselben Lichtfrequenzen in unserer Retina und unserem visuellen Cortex haben.

Wenn jemand sich unter wolkenlosem Sommerhimmel nicht sicher ist, wie er seine Farbe benennen soll, können wir vermuten, daß er entweder farbenblind oder der Sprache nicht mächtig ist.

Die Tatsache, daß der Himmel blau ist, gilt uns nicht für ein Anzeichen für schönes Wetter, sondern er ist ein Teil dessen, was wir schönes Wetter nennen. Dagegen nehmen wir aufziehende Quellwolken für ein Anzeichen kommenden Regens oder schlechten Wetters, genauso wie den niedrigen Flug der Schwalben. Hier scheinen uns indexikalische Zeichen im Gegensatz zu ikonischen, die uns auf unsere Gegenwart fixieren, auf unmittelbar bevorstehende Ereignisse zu verweisen. Andererseits eröffnen uns Indizes wie Spuren im Sand und Schnee oder Taubenkot an der Fensterscheibe mehr oder weniger weite Horizonte des Gewesenen, beispielsweise auf die Zeit, als ein Fuchs oder Mensch hier entlangspazierte oder eine Taube im Vorbeiflug ihren unwillkommenen Gruß herabsandte.

Die Analyse der Empfindung von Nässe auf der Haut oder der akustischen Wahrnehmung eines Knallgeräusches führt uns in jene vorsprachliche und vorbegriffliche Dimension, in der wir des Empfundenen und Gehörten als reiner Phänomene innewerden. Zugleich eröffnet sie uns die ebenfalls vorsprachliche und vorbegriffliche Dimension des schwachen Selbst oder derjenigen Instanz, die wir zur Begriffssprache erwacht „Ich“ nennen.

Von einer Empfindung und einer Wahrnehmung können wir sinnvoll nur sprechen, wenn wir die ursprüngliche Position eines Jemand annehmen, der empfindet und wahrnimmt. Ein „Jemand“ ist gleichsam semantisch und epistemisch mehr als ein stummer Niemand, aber weniger als ein sprachbegabtes Ich.

Augenscheinlich ist der Säugling, der an der Mutterbrust saugt und die Wärme der Milch empfindet und die beruhigenden Laute der Mutter hört, jemand in diesem Sinne, ohne schon derjenige zu sein, der einmal Äußerungen mit dem Personalpronomen der ersten Person indexieren wird.

Das Hörfeld und das Gesichtsfeld sind zunächst vorsprachlich und vorbegrifflich in ihrer eigentümlichen Chronometrie und Topologie gegeben: Das Kind hört, wie sich die Schritte der Mutter entfernen, es sieht, wie der Vater auf es zukommt und sich über es beugt. Infolge der abgestuften Klangereignisse messen wir die ursprüngliche Zeit, mittels der Näherung und Entfernung der primären Objekte markieren wir den ursprünglichen Raum der Erfahrung.

Es ist wenig sinnvoll zu fragen ob der Jemand, dem vorsprachlich und vorbegrifflich eine Empfindung und Wahrnehmung widerfährt, derselbe ist, der sich einmal das Empfundene und Wahrgenommene zusprechen wird: Denn sich etwas zusprechen zu können, setzt eine andersartige Positionierung im semantischen Raum voraus, nämlich diejenige, in der das Ich als Sprecher einem Hörer gegenübertritt, dem es seinerseits etwas zusprechen oder absprechen kann.

Das Kleinkind unterscheidet mit den Ausrufen „Mama“ und „Papa“ eine primäre Polarität von räumlicher und zeitlicher Nähe und Ferne. Denn wenn es hungrig ist oder Angst hat, ruft es nach der abwesenden Mutter, mit dem Ausruf „Papa“ bestätigt es die Anwesenheit der Bezugsperson.

Das Kleinkind, das nach der abwesenden Mutter ruft, kann nur glauben, gehört zu werden, nicht aber glauben, aufgrund der Entfernung oder der Gleichgültigkeit der Mutter nicht gehört zu werden. Es kann demnach die Position des anderen nicht verstehen oder einnehmen, etwas, was es erst auf der Stufe des Ich in der Dyade Sprecher-Hörer vermag.

Die dyadische Symmetrie in der Verwendung der Personalpronomen zeigt sich im wechselseitigen Austausch der Positionen von Sprecher und Hörer, so, wenn ich dich frage, ob du auch das Geräusch gehört hast, das mir soeben verdächtig vorkam. Du könntest meinen Eindruck bestätigen oder infragestellen. Das Kleinkind kann die Mutter nicht fragen, warum sie nicht gleich gekommen ist, als es sie gerufen hat. Die Mutter hat für den Säugling ebensowenig die semantische Position des Du inne wie es selbst die Position des Ich.

Das vorsprachliche Jemand-Sein ist demnach zwar homolog zum sprachlichen Ich-Sein, aber nicht mit ihm identisch.

Niemand, Jemand, Ich – dies scheint eine semantisch aufsteigende Reihe der Verdichtung und Zentrierung zu sein, die wir sowohl systematisch und synchron als logisch-semantische Grenzbegriffe deuten als auch diachron als Verlaufs- und Entwicklungslinie zeichnen können. Insbesondere, wenn wir wahrnehmen, daß sich in gewissen geistigen Zerfallsprozessen der Verlauf auch umkehren und sich das voll ausgeprägte sprachliche Ich zum aphasisch verkümmerten Jemand zurückbilden oder als orientierungsloser Niemand verstummen kann.

Wir können die Prädominanz der indexikalischen und der ikonischen Zeichen der Stufe des vorbegrifflichen und vorsprachlichen Jemand oder Proto-Ich zuordnen, während wir die Stufe des souveränen Symbolgebrauchs nur dem sprachlichen Ich vorbehalten.

Jemand kann die Spur der Tritte im Schnee als Spuren eines anderen Jemand „lesen“, auch wenn er sie begrifflich keiner Spezies wie einem Fuchs oder einem Menschen zuordnen kann. Jemand kann das Geräusch von Tropfen auf dem Dach mit dem Phänomen des Regens verbinden oder das Wehen der Zweige vor dem geschlossenen Fenster mit dem Phänomen des Winds, auch wenn er die sprachliche Fähigkeit nicht erworben oder wieder verloren hat, die Phänomene in sinnvollen Sätzen zum Ausdruck zu bringen.

Jemand kann aufgrund eines Fotos von einem nahen Angehörigen sich das Leben der abgebildeten Person vergegenwärtigen, auch wenn er die Fähigkeit verloren hat, sich an ihren Namen zu erinnern. Er könnte etwa sagen: „Sie hat damals in unserer Nachbarschaft gewohnt“ oder „Sie ist mit mir zur Schule gegangen.“ – Er muß demnach auch in der Lage sein, den zusammengesetzten Satz zu bilden und zu verstehen: „Sie hat damals in unserer Nachbarschaft gewohnt und ist mit mir zur Schule gegangen.“ Sätze dieser Art zu bilden und zu verstehen setzt demnach die Fähigkeit voraus, die Identität in der Substitution des Personalpronomens „sie“ zu erkennen und anzuwenden.

Das Lesen oder Dechiffrieren von Anzeichen der Spuren im Schnee oder der sich im Wind biegenden Zweige scheint uns auf eine metonymische Dimension zu verweisen, bei der ein Teil aufgrund des kausalen Zusammenhangs an das Ganze denken läßt; während die Substitution des Personalpronomens auf eine metaphorische Dimension verweist, die nur das voll ausgeprägte sprachliche Ich handhaben kann, weil sie auf begrifflicher Synonymie und Identität, nicht auf Kausalität beruht.

Wenn jemand einen Hörer mittels einer nonverbalen Geste oder einer sprachlichen Äußerung auf ein Ereignis der Umgebung hinweist, hat er die semantisch-epistemische Position des sprachlichen Ich eingenommen. Diese ist demnach nichts weniger als eine kartesische res cogitans, sondern eine gleichsam öffentliche, externe und sichtbare Position. Sie kann allerdings von der Reaktion des Hörers nicht prinzipiell in Frage gestellt werden; dies ist der uns einzig verbliebene Niederschlag der Gewißheit des Descartes, die er dem seiner selbst bewußten Ego glaubte abringen zu können.

Der Hörer kann nur den Inhalt der Äußerung des Ich in Frage stellen, nicht aber die Tatsache der Äußerung oder die Position des Sprechers. Er kann nach der Bedeutung seiner Äußerung fragen, beispielsweise, ob er mit dem Ausruf „Auch das noch, es beginnt zu regnen!“ eine Feststellung über die unerfreuliche Wettersituation gemacht hat oder eine Aufforderung, sich in ein Café zu flüchten. Der Hörer verlangt dann Auskunft über die Art des geäußerten Sprechakts.

Descartes und die sich ihm anschließende Philosophie der Rationalisten und Idealisten bis auf Hegel und Fichte verwechseln die semantische Rolle des Pronomens „ich“ mit derjenigen eines Nomens und Substantivs wie „Bewußtsein“ oder „Erlebnis“. Jedes Nomen hat eine referentielle Bedeutung, „Bewußtsein“ und „Erlebnis“ den jeweiligen Inhalt, dessen ich mir bewußt bin und den ich erlebe. Doch das Pronomen „ich“ hat ebenso wie das Pronomen „du“ keinen referentiellen Inhalt, sondern verweist auf die Position dessen, der von seinen jeweiligen Erfahrungen und Erlebnissen berichten kann.

Das Pronomen der dritten Person hat freilich einen vom Kontext abhängigen referentiellen Inhalt; denn wenn ich sage: „Er hat sich doch tatsächlich ein neues Auto gekauft“, kannst du mich fragen: „Wer?“ Und ich könnte antworten: „Unser Freund Peter.“ Wenn ich sage: „Ich habe mir ein neues Auto gekauft“, ist es dagegen offenkundig sinnlos, wenn du mich fragen würdest: „Wer?“

Descartes und die Idealisten begehen den Fehler, das ego cogitans nicht nur als Nomen und Substantiv mit referentiellem Inhalt zu betrachten, sondern es auch in ein positionsloses Feld jenseits der leibgebundenen Empfindungen und Wahrnehmungen des Proto-Ich anzusiedeln. Daraus entstehen die absurden und zum Scheitern verurteilten Versuche, die Kluft zwischen dem denkenden Ich und der körperlichen Welt und dem alter ego mittels nicht weniger absurder metaphysischer Postulate zu überwinden.

Die Position des sprechenden, referentiell leeren Ich markiert den jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt und den jeweils eingenommenen Ort als semantischen Nullpunkt sich kreuzender imaginärer Zeit- und Raumlinien, die es mittels deiktischer Pronominaladverbien wie „hier“ und „dort“, „jetzt“, „vorher“ und „hernach“ markieren kann. Auch diese deiktischen Wörter sind referentiell leer, sie sind nur von der Position des semantischen Nullpunkts aus definierbar.

Der ursprüngliche Zeitsinn ist eine Funktion der Deixis des hier und jetzt sprechenden Ich, das mehr oder wenige lange zurückliegende Erlebnisse berichten sowie Absichten und Vorhaben in der Zukunft anmelden und dem Hörer mitteilen kann. Diese Äußerungen bedienen sich der entsprechenden grammatischen Zeitformen des Verbs.

Das Ich ist der Quellpunkt der Deixis, aber auf es selbst kann nicht gezeigt werden.

Die singuläre semantische Position des Ich erhellt aus der Asymmetrie in der Verwendung der ersten Person und der dritten Person. Ich kann dem Hörer nicht in der dritten Person von meinen Erlebnissen oder Absichten erzählen, indem ich statt von mir von einem Herren meines Namens berichte.

Das sprachliche Ich ist keine Abwandlung, Erweiterung oder dialektische Vertiefung des Proto-Ich, das gleichsam in die Struktur unseres Gesichtsfelds, unseres Hörfelds und aller leiblichen Sensorik eingebettet ist. Das sprachliche Ich wandelt vielmehr die Erlebnisse in die semantischen Gehalte unserer Rede um, die wir unserem Gegenüber mitteilen können.

Das Proto-Ich im Feld der Empfindung und Wahrnehmung ist keine präreflexive Vorstufe des sprachlichen Ich und das sprachliche Ich ist keine volle oder teleonomisch ausgereifte Reflexionsform des präreflexiven Proto-Ich.

Die Anwendung des schiefen Bildes vom Spiegel des Bewußtseins auf das Ich führt in die skeptische und solipsistische Sackgasse. Das Ich spiegelt nicht die Inhalte der Erfahrung, sondern verwandelt sie in sprachliche Zeichen, die sie öffentlich mitteilbar machen und der unendlichen Selbstbespiegelung scheinbar privater Erlebnisse und einer privaten Sprache entziehen.

Wie gelingt es dem sprachlichen Ich die Inhalte der stummen vorbegrifflichen Erfahrung mitzuteilen? Nun, es verwandelt oder transformiert sie mittels Verwendung von Indices und ikonischen Zeichen in Symbole; es sagt, was es empfindet und wahrnimmt.

Diese symbolische Transformation hängt weder in der Luft noch vollzieht sie sich nach dem Modell der Spiegelung oder Reflexion; vielmehr kommen die Inhalte der Empfindung und Wahrnehmung deshalb zur Sprache, weil sie selbst schon zeichenhaft oder gestaltförmig sind: Das Proto-Ich verwandelt permanent die diskrete Mannigfaltigkeit des Fühlbaren in das Kontinuum des Gefühlten, die das sprachliche Ich als rauh und weich, sanft und spröde bezeichnet, und die diskrete Mannigfaltigkeit der Geräusche und Klänge in das Kontinuum der Töne, die das sprachliche Ich als hoch und niedrig, laut und leise oder voll und hohl bezeichnet.

Wir fügen zur gestalthaften Empfindung und Wahrnehmung zuletzt den Begriff oder den Namen, indem wir die Art von Objekt oder Ereignis bezeichnen, in die sie eingebettet sind; so sagen wir aufgrund der Empfindung von Tropfen auf der Haut: „Es regnet“ oder aufgrund der Wahrnehmung jener menschlichen Gestalt auf der anderen Straßenseite: „Da geht unser Freund Peter.“

Solche Verwendungen von Begriffen und Namen für Gegenstände und Ereignisse sind mehr oder weniger gut begründete Vermutungen; das heißt, daß wir aufgrund der bewährten Interpretation von Anzeichen richtig liegen, uns aber auch irren können: Die Feuchtigkeit kam nicht vom Regen, sondern von der Frau, die über uns auf dem Balkon ihre Blumen goß, und der Mann auf der anderen Straßenseite war nicht Peter, sondern jemand, der ihm ähnlich sieht.

 

Jul 6 19

Jean-Yves Masson, Encore consumé par un feu invisible

Aus: Onzains de la nuit et du désir

Encore consumé par un feu invisible
tu te lèves une fois, corps ardent, corps mortel,
et tu réponds au même appel de la présence,
portant vers l’avenir ta charge de conscience
et ton poids de sommeil hanté de souvenirs
terrestres. Or, gardienne du temple,
musique, est-il possible qu’un dieu vienne franchir
le seuil de l’insensé ?
Et vous
danseuses et danseurs, ô gestes d’air et d’ombre,
éveilleurs et veilleurs improbables d’aurore.

 

Wieder verzehrt von einem unsichtbaren Feuer
erhebst du dich einmal, brennender Leib, sterblicher Leib,
und antwortest auf denselben Anruf der Gegenwart,
indem du die Bürde des Wachseins in die Zukunft trägst
und das Gewicht des Schlafs, heimgesucht von irdischen
Erinnerungen. Ist es, Hüterin des Tempels,
Musik, denn möglich, daß ein Gott käme und überwände
die Schwelle zum Unerhörten?
Und euch,
Tänzerinnen und Tänzer, ihr Winke der Luft und des Schattens,
Erwecker und Wächter der Morgenröte wider alle Erwartung.

 

Jul 5 19

Bezwungen

Ich bin durch Glanz und Nacht gezogen,
mein Schatten floß durch lichte Auen,
durch Staub von Disteln, Glut von Rosen,
deines Auges Stern zu schauen.

Die Monde rollten über Dach und Hügel,
kaum sah ich Sommers Schwalbenscharen,
schon senkten sich des Jahres Flügel,
Flocken Schnees, wo Blüten waren.

Ich hause nun im Dickicht einer Laube,
da nähren Krähen ihre Jungen
mit Aas der halb verfaulten Taube,
Blutdurst hat das Herz bezwungen.

In meine schiefe Sterbehütte
bringt mir ein altes Weib zu essen,
vergornen Wein, den ich verschütte,
Stern und Blume sind vergessen.

Ich höre nur das Dunkel rauschen,
als würden Flügel Wasser streifen,
als würden Schatten Küsse tauschen,
Blinde dürre Halme greifen.

 

Jul 4 19

Jean-Yves Masson, A toi dans le matin

Aus: Onzains de la nuit et du désir

A toi dans le matin la pureté des larmes,
à toi dans le sommeil et l’attente et les liens
qui tiennent enchaînées nos âme à la terre,
A toi dans le passage ou la constance
et dans l’exil qui est pourtant notre destin.
Toujours tremblent les astres dans la gravité sainte
de leurs assujettissements invisibles,
ils ne nous guident pas mais ils nous aident:
ils sont la dédicace de nos ombres à la terre,
nous qui rêvons toujours de l’impossible transparence
mais qui savons si mal bénir l’opacité du corps, ô mon amour.

 

Für dich am Morgen die Klarheit der Tränen,
für dich, wenn du schläfst, das Warten und das Geflecht,
durch das unsere Seelen an der Erde haften,
für dich, ob du vorübergehst oder ausharrst
und im Exil weilst, das doch unser Schicksal ist.
Immer zittern die Sterne im heiligen Ernst
ihrer unsichtbaren Unterwerfung,
sie gewähren uns kein Geleit, aber Hilfe:
Sie sind die Widmung unserer Schatten an die Erde,
wir, die stets nur von der unmöglichen Transparenz träumen,
aber die Undurchsichtigkeit des Körpers, meine Liebe, so schlecht zu preisen wissen.

 

Jul 3 19

Jean-Yves Masson, Amour longue impatience

Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse

Amour longue impatience ! disait-il, et c’était
comme en rêve, il allait sur le chemin d’ombre
où déjà il était passé mainte fois. Mais aujourd’hui

le chemin s’en allait plus loin, tout un paysage s’ouvrait,
et plus haut scintillaient des cimes au gré de ses pas de marcheur,
et dans le silence des champs les couleurs éclataient plus vives.

Et toute crainte avait cessé, toute méfiance,
C’en était fait des bruits du cœur, des chemins tortueux de l’âme,
Une voix disait : « La nuit vient. C’est le commencement du monde. »

 

Liebe, lange Ungeduld!, sagte er, und es geschah
wie im Traum, er ging auf dem Weg des Schattens,
wie schon so manches Mal. Doch heute

zog der Weg sich länger hin, ein ganzer Landstrich tat sich auf,
höher schimmerten die Gipfel in den Windungen der Pfade,
in der Stille der Felder entbrannten lebhafter die Farben.

Alle Furcht war entschwunden, aller Argwohn,
dahin das Herzgetöse, die Schleichwege der Seele,
eine Stimme sprach: „Es naht die Nacht. Die Welt steht im Beginn.“

 

Jul 1 19

Francis Jammes, La Petite qui est morte

Une petite hutte avec un chien devant…
Ô ma chère ! Ce soir, cette rose est mouillée.
Dans le grand parc, auprès de la grille rouillée,
Je l’ai prise pour toi, tout à l’heure, en rêvant.

Il bruine au dehors ; viens ici, viens… le vent
Dans les lauriers sanglote… oh ! reste ainsi liée
Avec tes frêles bras à mon cou… mi-pliée…
Faisons de nos cœurs morts un amour revivant.

Plonge avec tes doux yeux de sombre violette
Dans mon regard si triste et grave qui reflète
Mes deuils d’amour… Entends ma voix… Elle est le glas

Qui conduit doucement dans sa petite robe,
La seule que j’aimai, la Morte aux pâleurs d’aube
Qui dans ses mains de cire a de légers lilas.

 

Die Kindfrau, sie ist tot

Eine kleine Hütte mit einem Hund davor …
O meine Teure! An diesem Abend glänzt der Rose Tau.
Im großen Park am rostigen Drahtverhau
hab ich sie eben dir gepflückt, des Traumes Flor.

Es nieselt draußen. Komm, komm her … wie sich verlor
der Wind in Lorbeer-Schluchzen … o, winde mir das Tau
der zarten Arme um den Nacken … halb ergebne Frau …
Aus unsren toten Herzen blühe Liebe neu empor!

Tauch deiner sanften Augen dunkles Veilchen ein
in meinen Blick, so trüb und müd vom Widerschein
verlorener Liebe … Aus meinem Mund hör: Totengeläute,

es birgt gar sanft in seiner dünnen Schale
die eine, die ich liebte, Tote sie in Frührots Fahle,
in ihrer Hand aus Wachs die Lilie schwebt der Bräute.

 

Jun 30 19

Symmetrien und Spiegelungen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Symmetrien, Muster, Rhythmen und analoge Ordnungen gehören zur Originalausstattung der Lebewesen, ihres Aufbaus und ihrer Ausdrucksformen – von der periodischen Ordnung der chemischen Elemente und der geometrischen Schlaufe der Desoxyribonukleinsäure, der Paarigkeit der Gehirnhälften und zentraler Sinnes- und Leibesorgane über die labilen Gleichgewichtssysteme sozialer Ordnungen bis zu den phonologischen, morphologischen und grammatischen Strukturen der menschlichen Sprachen, seien es die natürlichen oder die künstlichen Sprachen wie die mathematischen, logischen oder musikalischen Notationen.

Zwei parallele Pfosten oder Säulen rahmen Tür und Tor, bilden Fenster, tragen Sturz und Architrav, werden gerahmt und unterstrichen von Schwelle, Aufgang und Treppe; dies sind die symmetrischen Urelemente der Architektur, wie wir sie von den Tempeln der Griechen und Römer bis zu den Domen des Abendlandes und den gläsernen Palästen des globalen Kapitals finden.

Die rhythmische Reihung mit ihren mannigfachen Variationen wie ersichtlich an den antiken Säulenordnungen oder romanischen und gotischen Bauwerken gehorcht demselben Strukturprinzip wie die Reihung distinkter Phoneme in sprachlichen Sinneinheiten wie dem Vers. Sie leisten, was jene im Raum synchron darstellen, durch lautliche Spiegelungen wie Echo und Resonanz, Reim und Refrain diachron im zeitlichen Ablauf des Liedes oder lyrischen Gesangs.

Die Erkenntnis, daß ein Begriff oder Zeichen etwas sagt, indem er ausschließt, was er nicht sagt, wobei das Nichtgesagte gleichsam seinen Schatten, sein mehr oder weniger verzerrtes Echo, sein gleichsinniges oder umgekehrtes Spiegelbild ins Virtuelle projiziert – dies pythagoreisch-platonische Erbe scheint sich geläutert und abgeklärt am reinsten in der semiotischen Lehre von der dyadischen Struktur der Zeichen kundzutun.

Weil wir über paarig angeordnete und synchron arbeitende Hörorgane verfügen, können wir den Klang nicht nur stereophon verorten, sondern Klangereignisse auch in ihrem zeitlichen Verlauf wahrnehmen; unsere Art des symmetrisch geordneten Hörens vermittelt uns einen vorbegrifflichen Sinn der Zeit.

Variierte Wiederholung beruht auf der symmetrischen, wie immer gebrochenen Organisation von materiellen raumzeitlichen Elementen wie Farbflächen, Lauten und Tönen, die uns die begriffliche Eigenart des Ornaments, der Dichtung, der Kunst und der Musik erschließt.

Der Mythos hebt das Grauenhafte, Ungeheure oder Barbarische durch Singularitäten hervor wie das EINE mittige Auge des Kyklopen.

Andererseits verwendet der Mythos eine unbestimmt-mächtige VIELHEIT als Zeichen, um das Außerordentliche, Erhabene und Übernatürliche auszudrücken; so saugen die Zwillinge Romulus und Remus, die Gründer Roms, an den vielen Zitzen der Wölfin (statt an der entsprechenden Zweiheit der Brüste ihrer Mutter), so blickt der immer wachsame urtümliche Riese Argos aus vielen Augen am ganzen Leib, von denen jeweils nur zwei schlafen, und der Schrecken der Medusa blickt nicht nur aus ihren beiden Augen, sondern auch aus der Vielzahl der Schlangen, in die ihre Haare verwandelt wurden.

Der Mythos zeigt die Bedeutung des Erzählten in der Struktur der Erzählung; dazu gehören auch die mehr oder weniger versteckten, mehr oder weniger verzerrten Spiegelungen von Göttern und Menschen, Menschen und Heroen, Namen und Zahlen.

Mythische Spiegelungen: Ödipus setzt sich unwissend auf den Thron des Vaters, er ist verkrüppelt und hinkt; Hinken ist ein Zeichen der Erdverfallenheit: Nachdem er die Wahrheit über seine Herkunft und Schuld gesehen hat, blendet er sich; der Seher Teresias, der die Wahrheit kennt, ist blind.

Parallelismus oder die Paarigkeit von Versflügeln ist eine Keimform der lyrischen Dichtung – von der Poesie der Hebräer über die altgriechische Dichtung, vom Volkslied bis zu Goethe, Trakl und Huchel.

Wir können nur Ja sagen, wenn wir Nein sagen können.

Wenn wir nur Ja sagen könnten, verlöre unsere Zustimmung ihre performative Kraft.

Wir können jemandem nur vertrauen, wenn wir ihm das Vertrauen entziehen oder ihm mißtrauen könnten. – Sonst wäre Vertrauen nur eine Camouflage für Hörigkeit.

Mit EINEM Flügel kann man nicht fliegen.

Die Gestalt des Satzes ist kein Bild der Tatsache, sondern der Bedeutung.

Wir ersehen aus dem Satz: „Peter ist Helgas Mann und Karls Vater“ den Satz: „Helga ist Peters Frau und Karls Mutter.“

Die Bedeutung der Ausdrücke „Mann“ und „Vater“ sind hier spiegelsymmetrisch zur Bedeutung der Ausdrücke „Frau“ und „Mutter“.

Die Relativität der Begriffe, von Sinn und Gegensinn, ist eine Form begrifflicher Symmetrie.

Wo Macht ist, da ist Ohnmacht; wo Ohnmacht ist, gedeiht das Ressentiment oder der Wunsch nach der Umkehrung der Werte. – Aber die Umkehrung der Werte ist kein „Fortschritt“, sondern eine Verlagerung und Verschiebung, eine Versetzung der Vorzeichen, zumeist in verminderter Tonart: So wird aus dem höfischen Zeremoniell das höfliche Hutziehen des Bürgers.

Wir ersehen den Sinn des Gesagten im Spiegel seines Laut- oder Schriftbilds, seiner phonologischen und syntaktischen Zeichensetzung: „Veni, vidi, vici“ – „Ich kam, sah und siegte“ – Das Lateinische spiegelt in der vollkommenen Ordnung der Alliteration und Assonanz die siegreiche Höhe des Anspruchs und in der Reihung der analogen Verbformen die konsequente und selbstherrliche Durchsetzung des Willens in der Zeitenfolge.

Freilich kann das Spiegelbild auch verzerrt sein.

Die Notenschrift ist ein Bild der Melodie, die Melodie eine korrekte oder inkorrekte Interpretation der Notenschrift. Die musikalische Notation bleibt dem ikonischen Wert der Schrift verhaftet, aber wie Roman Jacobson gegen die These Ferdinand Saussures von der bloßen Arbitrarität der sprachlichen Zeichen gezeigt hat, wird auch das reine Symbol seinen symmetrischen Widerhall in den ikonischen und indexikalischen Ausdrucksformen niemals gänzlich los.

Die logische Notation ist ein Bild der logischen Bedeutung; der Satz „Peter ist mit Karl befreundet“ ist eine korrekte Interpretation der logischen Notation „Es gibt mindestens eine Paarmenge (a, b), für die gilt: a R b“, denn er impliziert, daß Karl mit Peter befreudnet ist. Dagegen ist der Satz „Peter sieht Karl“ keine korrekte Interpretation der symmetrischen Relation, denn er impliziert nicht, daß Karl Peter sieht.

Das feine Gehör des Dichters Stéphane Mallarmé ließ ihn bedauern, daß sich die Bedeutung des Wortes „jour“ („Tag“) wegen seines dunklen Vokals und die Bedeutung des Wortes „nuit“ („Nacht“) wegen seines hellen Vokals nicht jeweils auf der lautlichen Ebene sinnenfällig widerspiegeln.

Die physiognomische Schrift des leiblichen Ausdrucks ist ein Bild dessen, was wir Seele nennen. Wir können sie mehr oder weniger korrekt interpretieren; doch wenn sie ausradieren, vernichten wir auch die Basis, auf der unser Sprechvermögen beruht.

Wir lernen die Bedeutung der Begriffe für seelische Befindlichkeiten und Affekte wie Freude, Angst, Haß, Wut, Ekel und Ekstase anhand der Interpretation leiblicher Gesten sowie des Mienenspiels.

Wir sehen die Macht im Bild des thronenden Herrschers und die Ohnmacht im Bild des vor ihm hingestreckten Körpers des Besiegten, die Erhabenheit im Bild des Gottes und die Ehrfurcht im Bild des in der Proskynese vor ihm liegenden Beters.

Blütenstände, Blattformen, farbiges Gefieder, Muscheln, Quallen, Seelilien, Korallen zeigen komplexe Symmetrien und gewunden-verschlungene Gestalten, die wir bisweilen in ebenso komplexe Formeln wie den Goldenen Schnitt oder die Fibonacci-Zahlenfolge auflösen können.

Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer haben die Symmetrien des menschlichen Körpers zwecks künstlerischer Interpretation in diagrammatischen Maßwerke aufgelöst.

Die Formen und Anwendungsregeln der Personalpronomen zeigen eine komplexe grammatische Symmetrie: Das Pronomen „ich“ bildet den Nullpunkt eines Koordinatensystems, auf dessen Achsen sich die anderen Personalpronomen und ihre zugehörigen Indikatoren wir „dieser“ und „jener“, „hier“, „da“ und „dort“, „jetzt“, „zuvor“ und „hernach“ in wachsenden Abständen auftragen lassen. Wenn wir, wie im Gesprächsverlauf üblich, die Pronomen „ich“ und „du“ wechselseitig in den semantisch-grammatischen Nullpunkt einsetzen, müssen wir jeweils die zugehörigen Kehrwerte auf den Koordinaten bilden.

Wir können den semantischen Nullpunkt als Kreuzungspunkt der semantischen Achsen definieren; dadurch zeigt sich sowohl seine Universalität, denn er hat keinen vorgegebenen apriorischen Ort, sondern ist gleichsam „überall“, als auch seine Singularität, denn er ist das Maß aller anderen Achsenmarkierungen.

Erwartungen sind wesentliche Formen sozialer Symmetrie gemäß der Äquivalenzformel „do ut des“. Sie gliedern die Dauer der sozialen Ordnung nach den Rhythmen gegenseitiger Beobachtung und Verpflichtung, ihrer Einlösung oder Enttäuschung.

In der Bilanz der Geldgeschäfte und der Kommunikationen muß die Haben-Kolumne der Soll-Kolumne genau entsprechen, andernfalls entstehen finanzielle Risiken oder Katastrophen und soziale Konflikte.

Augenscheinlich werden Asymmetrien, holprige Rhythmen, durchlöcherte Muster und nicht gehaltene Versprechen nur im Lichte ihrer positiven oder erfüllten Grundformen verständlich.

Wir können die soziale Bilanz auch als Kapitalisierung und Verzinsung des Wertes „Aufmerksamkeit“ aufführen; hier sind steigende und sinkende Zinsen sowie Inflation und Deflation des „Geldwerts“ Indikatoren sozialer Verschiebungen und Verwerfungen.

Sensorik und Motorik, Flügel und Luft, Flosse und Wasser, Huf und Erde, Auge und Hand, Mund und After – Symmetrien und Polaritäten des tierischen Lebens.

An der Form des Munds und der Struktur der Mundwerkzeuge haben wir ein Bild des tierischen Daseins, das nur aufnimmt, was es sich assimilieren und verdauen kann.

Freilich, WIR schlingen ständig auch Bilder und Zeichen in uns, die wir im Glücksfalle unverdaut wieder ausscheiden oder vergessen.

Seelische Krankheit und soziale Devianz können wir bisweilen als Zerbrechen der sozialen Symmetrien und kommunikativen Muster ansehen: Der Befragte bleibt stumm, der Beschenkte verweigert den Dank, der Bedrohte lächelt, der Beachtete hält sich für verfolgt.

Das Versagen der sprachlichen Funktionen in der Psychose können wir auch als Auflösung ihrer hierarchisch ineinander geschachtelten Hierarchien verstehen: Dies Stammeln ist ein Residuum des komplexen semantischen Aufbaus, der uns in wohlgeformten Sätzen als Spiegelung der Bedeutung in der Ebene der distinkten Artikulation der Phoneme und ihrer grammatisch sinnfälligen Verkettung entgegentritt.

Es ist merkwürdig zu sehen, daß Pflanzen, Bäume, Blüten, Blätter, die Formen urtümlichen Lebens – also Organismen ohne zentrales Nervensystem – zumeist kreis-, kugel- oder büschelförmig ausgebildete Symmetrien aufweisen, während wir nun einmal links und rechts, oben und unten, vorn und hinten unterscheiden müssen.

Daß wir achsensymmetrisch nach vorn ausgerichtet sind, man möchte sagen in Richtung des Gegenübers, des Werkgegenstands und der kommenden Ereignisse, müssen wir mit dem Nachteil erkaufen, hinten keine Augen zu haben, zu erhöhter Wachsamkeit und Wendigkeit zwar aufgerufen, dennoch den Schatten der Bedrohung und die Gespenster der Vergangenheit nicht loszuwerden.

Der Ursprung und bleibende Sinn der Dichtung ist das freie Spiel lautlicher Wiederholungen und ihrer variierenden metonymischen und metaphorischen Abschattungen und Spiegelungen: „Ringel, Ringel, Reihen“ – „Backe, backe, Kuchen“ – „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn/Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn.“

Vielleicht ist dies der Sinn der alten Tragödie: Dionysos zerbricht die Symmetrien des sozialen Daseins und die Strukturen der Sprache, zerschlägt den Spiegel des Bewußtseins.

Man könnte sagen, Dionysos oder der Tod lösen die Symmetrien und Schleifen von Sprache und Bewußtsein auf, der Leib zerfällt, doch der Erde anheimgegeben, dem Feuer und der Luft, wird er vom Element absorbiert und kehrt geläutert in die stumme Qual und den Triumphgesang des Lebens und seiner Myriaden Spiegelungen zurück. Seine Zunge verfault, doch tausend Zungen nähren ihr Flüstern und Schreien, ihr Küssen und Fluchen an seinem Tod, und eine neue Klangfarbe mischt sich unversehens in alte Melodien.

Ähnlich der Krieg, der all die säuberlich gepflegten Reihen der Beete und Gärten, die Zeilen der Häuser und Bücher mit schartigem Karst verwischt und apokalyptischem Pflug zerwühlt, mit Kohle aus dem Feuer der Vernichtung verpicht und unentzifferbar macht; die zerstreute Asche der Blumen und Toten wird Dung auf dem schrecklichen, doch fruchtbringenden Acker der Zukunft. Ein unbekanntes, zähes Kraut kriecht aus dem Morast und treibt kleine blaue Blüten aus, die aus der Fäulnis genährt den Schatten der Herkunft überstrahlen.

 

Jun 30 19

Francis Jammes, La Fièvre

Les genêts luisent dans la lande désolée ;
Sur l’ocre des coteaux la bruyère est de sang :
Mais tu ne peux guérir mon cœur triste où descend
Le souvenir de ma pauvre enfance en allée.

Viens : elle est d’émeraude et d’argent la vallée ;
Douce comme ta voix, l’eau chuchote en passant,
Et clair comme ton rire est l’angélus croissant ;
Fraîche comme ta bouche est la mousse mouillée.

J’ai la fièvre : Viens là, près de ces romarins,
Près de ce puits glacé que ronge l’herbe fraîche ;
Viens, pleurons et mourons, fillette aux yeux sereins ;

Nous sommes las : moi, las de sentir une brèche
En mon cœur mort d’amour lors de son mois de mai,
Toi, lasse en ton printemps de n’avoir pas aimé.

 

Das Fieber

Der Ginster leuchtet über der verzagten Heide,
überm Ocker der Hügel ist der Dunst aus Blut:
Du kannst meiner Trauer nicht geben Heil noch Hut,
wenn ich an armer Kindheit Bild mich weide.

Schau an das Tal: Smaragd am Silberkleide,
wie deine Stimme sanft murmelt Wasserflut,
und wie dein Lachen klar Glocken wecken Mut,
deinem Munde gleich glänzt Mooses feuchte Seide.

Ich habe Fieber: Komme her, wo Rosmarinen sind,
zum kalten Quell, wo Frische saugt das Gras,
wir wollen weinen, sterben, komm, stillen Blickes Kind.

Wir sind müde: müde ich, in mir den Riß, der nie genas,
zu fühlen, der Liebe tot seit meinem Maienmond,
du müd in deinem Mai, weil Liebe dich verschont.

 

Jun 29 19

Fremde Blicke

Sie tragen Masken aus Facettenaugen,
wie die Hornissen, Bienen und Libellen,
sie sehen uns wie durch zerbrochne Spiegel,
die Welt zerteilt im Glitzern blinder Scherben.
Sie sehen kein Gesicht, kein Lächeln, scheues
Erglänzen nicht von Tränen, namenlos liegt
vor ihnen Blume, Tier, Gestaltenfülle.
Sie zucken auf, wenn leise Schatten winken,
und sagen sich mit feiner Fühler Tasten,
daß Abend ist und Adern dunkel klopfen.
Sie haben keinen Mund mit weichen Lippen,
an denen warmer Hauch verrinnt in Wogen
von Lallen, Schaum von Seufzern oder Küssen,
mit Kiefersicheln blanken Hornes schneiden,
zersägen sie die Fasern grünen Sinnes,
berauscht vom Saft des Todes, den sie schlürfen
im Wiegen ihrer zart behaarten Zungen.
Noch flügellos, doch werden sie bald fliegen,
so hängen sie im Zwielicht alter Gärten,
kopfüber baumelnd an den Hecken, lauernd,
ob ihre Rücken endlich das Gefieder spalte.
Sie summen sich in Schlaf, bis kühle Lüfte
durch feine Spalten im Chitin des Brustkorbs
die Pollen und den Sand der Träume blasen.

 

Jun 28 19

Blatt und Schlaf

Ins Moos geseufzter früher Gang,
die Natter kreuzte, schwarze Träne,
Hasenauge trank den Farn.

Das Licht sann Schattenspielen nach,
ein Hauch bezwang der Halme Schweigen.
Gelber Mohn und blauer Spat.

Ein Aasgeruch im Unterholz
erwärmte Schwärmers Fühlerflimmern.
Nasses Klatschen, Flügelschlag.

Das Fell der Erde war gefleckt
und zuckte unterm Schrei der Schwalben,
bis der Abend Asche warf.

Das Blatt sank rot herab wie Schlaf,
verkohlte Scheite, Schmerz der Erde.
Flamme sang den Traum vom Blatt.

 

Jun 27 19

Francis Jammes, Les Cerises

Le banc serait de lierre et de pierre effritée.
Auprès du vieux parterre où de tristes ricins
Ombrageraient la poule et ses petits poussins
Je vous dorloterais, ô mon enfant gâtée.

Les roses cerisiers à l’écorce argentée,
Dont les fruits sont pareils aux coraux abyssins,
Pleurant leurs larmes d’or au-dessus des fusains,
Nous diraient la chanson des moineaux enchantée.

Et je vous cueillerais sur ces frais cerisiers
Des cerises qu’un brin de bois lierait pareilles
Pour vous les mettre ainsi que des pendants d’oreilles :

Et, me baissant un peu pour que vous me baisiez
Au front, je vous rendrais dans vos cheveux en boucles
Vos baisers, en mordant vos rouges escarboucles.

 

Die Kirschen

Denk dir die Bank im Efeu von geborstnem Stein.
Beim alten Beet, wo trist ein Wunderbaum
das Huhn und seine Küken hüllt mit Dämmerflaum,
sollst du verwöhntes Kind mein Liebling sein.

Kirschbäume rosig mit der Borke Silberschein,
die Früchte, wie aus blauem Grund Korallenschaum,
sie weinten Gold auf der Rosiden Hütchensaum,
wir fielen auf den Zauberspruch der Spatzen rein.

Ich pflückte Kirschen aus dem Blattgefieder
und reihte sie auf eines Halmes Länge,
um ihn dir anzulegen als ein Ohrgehänge:

Daß meine Stirn du küssest, beugte ich mich nieder,
als Kusses Echo hörtest du im Lockendunkel,
wie ich von deinen Steinen beiße den Karfunkel.

 

Jun 26 19

Francis Jammes, Le Bon Chien

Toi, lasse en ton printemps de n’avoir pas aimé,
Gamine au doux profil de vierge du Corrège.
Tu pleures la saison des amandiers en neige
Et les lilas légers du pâle mois de mai.

Ô fillette ! Jamais un ami n’a fermé
Sur toi, petit oiseau, ses deux bras comme un piège ?…
Viens, viens : je te dirai des mots très doux… que sais-je ?…
Je te dirai mes vers tristes, l’esprit calmé.

Allons-nous-en bien loin, bien loin, petite vierge ;
Allons-nous-en là-bas, tu sais… près de la berge
D’où, sur l’eau toute bleue, on voit courir le vent ;

Et plus tard nous aurons, aux fougères d’automne,
Sur le coteau fané, si triste quand il tonne,
Une petite hutte avec un chien devant.

 

Der gute Hund

In deinem Frühling müde, bliebst ja ungeküßt,
Madonnenantlitz aus Correggios Träumen.
Du weinst im ersten Schnee von Mandelbäumen,
im bleichen Monde Mai, der leicht wie Lilien ist.

O Mädchen, fing denn kein Geliebter je mit List
dich Vögelchen im Netz der Finger aus den Bäumen?
Komm her, ich sag dir Worte, süße … soll ich säumen?
Ich singe Verse dir aus stillem Grunde trist.

Wir wollen ferne wandeln, fern, du reines Kind,
dorthin, du weißt, wo schroff die Ufer sind,
wo blauem Weiher biegt der Wind das Rohr.

Und später haben wir im herbstlichen Kraut
auf welkem Hang, so traurig unterm Donnerlaut,
eine kleine Hütte mit einem Hund davor.

 

Jun 25 19

Von Blinden sehen lernen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Man sieht durch die Brille, aber sieht nicht die Gläser.

Wenn ein Riß durch ein Glas geht, sieht man das Glas.

Was du an der Äußerung, der Miene, der Geste des anderen unmittelbar verstehst, ist gleichsam unsichtbar und transparent wie das Brillenglas.

Wenn einem etwas wie ein Riß, ein dunkler Fleck, ein Rätsel an der Äußerung des anderen erscheint, bemerkt man sie als solche, wie man aufgrund des Risses im Brillenglas allererst das Glas wahrnimmt.

Die Buchstaben, Silben, Wörter und Sätze, die wir lesen, bleiben unsichtbar und lichtdurchlässig gegen den Sinn, den wir mit ihnen unmittelbar verknüpfen. Wenn sich ein Druckfehler eingeschlichen hat, werden wir auf das Geschriebene oder die Zeichen aufmerksam.

Der Stotterer macht uns hellhörig für den die Bedeutungen distinguierenden Wert der Vokale und Konsonanten.

Der Blinde macht uns hellsichtig für die Wagnisse und Hindernisse der Wege, ihre Unebenheiten und Ränder, die zögernd betretenen Schwellen und die Gefahren des Abgrunds.

Dem Melancholiker, der hellen Bilder des Lebens überdrüssig, sinken wie dem Engel der Schwermut auf Dürers Kupferstich die Gebrauchsdinge und Instrumente der forschenden Neugier auf den Boden bloßen Gerümpels herab.

Wenn der Pfad abbricht oder sich im undurchdringlichen Dickicht verliert, merken wir auf die Länge, die Mühsal, die Vergeblichkeit des zurückgelegten Lebens.

Alt, gebeugt, erschöpft nehmen wir den Ranzen vom Rücken, schütten seinen Inhalt vor uns aus, den Proviant, die Bücher, die schönen am Wegesrand aufgelesenen Glimmersteine (Wem noch wollten wir sie schenken? Wir schleppen sie immer noch mit uns herum), die Andenken, selbst geschnitzten Figürchen, die Amulette (Wer gab sie uns gleich Fürbitten mit auf den Weg?), die topographischen Karten, den alten Kompaß, das Fernglas, die fast vergilbten Fotos, die vielen schon unleserlich gewordenen Notizbücher – wir wollen uns von unnötigem Ballast trennen, um den Rest des Weges leichter zu meistern. Doch wir finden uns keinen Rat, was behalten, was mitnehmen. Es ist ja nicht mehr allzu weit. So lassen wir alles zurück.

Am Ende des Weges muß man die unsinnigen Fragen und Einwürfe unterdrücken. Ich hätte damals abbiegen sollen. Dort hätte ich rasten und aufhören, jene freundliche Einladung annehmen, in jener Hütte unterschlüpfen sollen. Als ich auf die ersten traf, die mir entgegenkamen und meine Sprache nicht mehr verstanden (so weit, in solche Fremde hatte ich mich schon verirrt), hätte ich umkehren müssen.

Warum habe ich ihr nicht geschrieben? Warum hat er mir nicht geantwortet? Letzte Anflüge intimer Gedanken an den und jenen, deren Namen wir schon vergessen haben.

Die einen sitzen an Tischen auf Stühlen und essen mit Messer und Gabel, die anderen kauern am Boden und essen mit Stäbchen. Die einen sind beschnitten und essen koscher, die anderen sind tätowiert und essen Gemüse. Das ist der Graben. Doch alle beäugen und beobachten einander, wer wo sitzt und wieviel wovon vertilgt, wer das erste Wort hat und wer das letzte. Das ist die Brücke.

Wie der Blinde mit seinem Stock tasten wir uns mit Worten voran.

Bevor man Gründe anführt und argumentiert, muß man etwas erspürt oder gesehen haben.

Der Grund, auf dem wir stehen, gehen und bauen, in den wir die Saat und die Toten bergen, erkundet sich eher durch Tasten und Fühlen als durch Betrachten. Was als Schauer und Dunst, als Quellen und Rieseln aus der Erde aufsteigt, wittern, erlauschen, eratmen wir, ohne noch seinen Ursprung gesehen zu haben.

Der Blinde macht sich aufgrund der motorisch-taktilen Eindrücke seines sinnenfälligen Abtastens der Umgebung, ob mit Händen oder einem Stock, ein Bild seiner Welt. Er könnte etwa aufgrund der spezifischen Härte und Dichte des ertasteten Bodens auf seine Beschaffenheit schließen und angeben, ob es sich um Erde, Lehm, Schotter oder Asphalt handelt. Er könnte sich in seinen Annahmen und Voraussagen leicht irren, wenn plötzlich wider Erwarten der bisher feste Grund nachgibt oder er ins Leere stochert.

Wenn der Blindenstock an der Spitze eine metallene Kuppe besitzt, kann der Blinde aus dem Klang und der Klangfarbe bei ihrem Auftreffen die Beschaffenheit des Materials erraten.

Der Blinde, der Blindenschrift kundig, kann in gewisser Weise oder per analogiam die Welt der Sehenden kennenlernen; er liest beispielsweise ein Buch über Rosen – er hat schon oft ihren betörenden Duft gerochen, die weiche Substanz ihrer Knospen und Blüten berührt – nur die Schönheit ihres Wuchses und die Mannigfaltigkeit und Pracht ihrer Farben bleiben ihm auf immer verschlossen. – Fehlen sie ihm? Nein; was wir nie kennengelernt haben, dessen Abwesenheit können wir nicht vermissen.

Wenn wir den Blindenstock wie einen beliebigen Gegenstand oder ein Objekt wissenschaftlicher Neugierde methodisch untersuchen, finden wir alle möglichen physikalisch-chemischen Eigenschaften, aber nichts, was uns darauf hinweist, daß er in der fühlenden Hand des Blinden ein Instrument der Welteröffnung oder der Konstitution von Sinn wird.

Der Stock, mit dem der Blinde sich den Weg bahnt, wird ein Organ seines motorisch-taktilen Wahrnehmungssystems; der Blinde nimmt den Stock nicht eigens und für sich wahr, sondern durch ihn hindurch und an ihm entlang, was er tastend an Weltgehalt aufspürt und erkundet.

Wenn wir das Laut- oder Schriftbild des Wortes „Rose“ phonologisch und schriftwissenschaftlich untersuchen, finden wir nichts, was uns auf seine Bedeutung hinweist.

Wie der Stock des Blinden wird uns beim Gebrauch des Worts sein Laut- und Schriftbild völlig durchsichtig, gleichsam wie ein luzides Glas, durch das wir den gemeinten Sinn betrachten.

Wenn ein freches Kind den Stock des Blinden packt und daran zieht, fühlt und erlebt er seine physische Präsenz und Widerständigkeit. Wenn das Fensterglas des Laut- oder Schriftbilds eines Worts gleichsam eingetrübt und fleckig ist, fühlen wir seine physische Präsenz und Widerständigkeit.

Das mittels des Stocks vom Blinden erkundbare Tastfeld ist eine nach relativen gegensätzlichen Bestimmungen strukturierte Skala: hart – weich, widerständig – elastisch, voll – leer, begrenzt – offen. Die Skala eröffnet einen Sinnhorizont, der sich in Orientierungen entfaltet: Hier geht es nicht weiter, hier muß ich ausweichen, dort ist der Weg offen.

Der mit den ertasteten Orientierungen gegebene Richtungssinn eröffnet dem Blinden, was in der Welt der Sehenden die leibbezogene Skalierung des Sehfelds nach links und rechts, oben und unten, vorn und hinten bewerkstelligt.

Der Blinde koordiniert und verschmilzt fortlaufend seine akustischen und taktilen Eindrücke; der Klang des mit dem Stock abgeklopften Pflasters bleibt gleich, also wagt er den nächsten Schritt, beim Übergang zu lehmigem Grund wird der Klang gedämpft oder verschluckt, also hält er inne, zögert und tastet genauer nach, ob ihn der Boden zu tragen vermag.

Wir sehen, wie der Blinde sich mühsam mit dem Stock vorwärtstastend seinen Weg bahnt, indem er Hindernisse ausmacht und umgeht, bei unbekannten Übergängen möglichen Gefahren ausweicht, innehält, die Richtung ändert und seinen Gang zögernd und bedächtig fortsetzt.

So, könnte Homer sagen, sehen uns die olympischen Götter; wo wir mitfühlend die Augen senken, betrachten sie schamlos oder höhnisch lachend ein komisch-groteskes Schauspiel. – Der Metaphysiker freilich würde sagen: Wie wir den Blinden betrachten, so betrachtet uns Gott – als Blinde zweiten Grades.

Der Blindenstock diene uns zum Analogon der Sprache; der Stock spricht dem Blinden von den Strukturen und Gestaltungen der Umwelt, wenn er glatt und geschmeidig in seiner Hand liegt, sich wie ein künstliches Organ vollständig seiner Leiblichkeit und Wahrnehmungsaktivität anschmiegt. Würde er gleichsam widerspenstig und erhöbe wie ein magischer Stab Anspruch auf Eigenwilligkeit, würde er abwechselnd in sich erzittern und wieder erstarren, wäre der Fluß der Mitteilung im Tastfeld des Blinden unterbrochen.

Sehen wir durch die Sprache wie durch ein Fenster, das uns eine Aussicht auf die Landschaft eröffnet, verfallen wir leicht einer epistemischen Täuschung, wenn wir uns gleichzeitig vorstellen, uns von außen zu betrachten und den Rahmen des Fensters abzumessen: Als müßten wir uns fragen, ob der Fluß, den wir dort unten sehen, jenseits des Bildrahmens weiterfließt, ob sich die Hügel und der Wald jenseits des Weltausschnittes, den uns das Sprachbild vergönnt, weiter ausdehnen und die Wolken am Himmel über den Rahmen unserer Aussicht hinaus weiterziehen.

Wir schließen von Sätzen über den uns präsenten phänomenalen Bildausschnitt der Welt auf Sätze, deren Wahrheit für uns nicht sichtbar ist: Der Fluß strömt weiter und mündet ins Meer; der Tag mündet in die Nacht, das Leben in den Tod. Desgleichen der Blinde, der fühlt: Hier habe ich festen Tritt, auch dort, sagt mir der Stock, wird der Boden mich tragen.

Die Blindheit ist nur aus der Sicht des Sehenden ein dunkles Verlies; doch die innere Wohnstatt des Blinden kennt den Unterschied von Licht und Dunkel nicht. Der Blinde haust demnach paradoxerweise nicht im Dunkel.

Die Sprache ist das Haus, in dem wir wohnen, das wir nicht verlassen und von außen betrachten können, ohne daß wir uns deshalb darin gefangen wissen müßten.

Wie träumen Blinde? Was ersetzt ihnen unsere Traumbilder?

Der Blinde spürt den Fugen, Wülsten, Falten und Einbuchtungen der Dinge mit der Subtilität und Hellfühligkeit seines überwachen Tastsinnes nach. Wir ordnen und verorten die Plastizität der Dinge in den gestuften Vordergrund vor der Tiefe des grenzenlosen Raums; doch sind unsere Hände blind und taub geworden für ihre glatte und ihre welke Haut, die Zartheit des Blatts und die sanft bemooste Wucht des Steins.

Der Blinde zeigt uns etwas von der Bedeutung des Zögerns, Innehaltens, Atemholens, vom Sinn des Umwegs, des Harrens auf der Schwelle, des Wartens sowie der Witterung der Leere und des Unwegsamen und der geschickten Meisterung der Gefahr.

Die Welt des Blinden scheint aus der Perspektive des Sehenden defizient, unvollkommen, bedauernswert; doch dies ist eine epistemische Täuschung, denn sie ist in sich – von ihrer internen Struktur her betrachtet – lückenlos, stimmig und wohlgeordnet.

Nur wenn wir unsere Welt in die metaphysischen Perspektive eines uns von außen erblickenden göttlich-übersichtigen Auges rücken, erscheint sie ebenfalls mangelhaft und beklagenswert; doch auch dies ist eine epistemische Täuschung, denn sie ist in sich – von ihrer internen Struktur her betrachtet – lückenlos, stimmig und wohlgeordnet.

Die Sprache ist das Modell der internen Struktur unserer Welt; doch nicht die Sprache als Substanz oder neutrale Gegebenheit, die wir phonologisch, morphologisch und grammatisch auf ihr internes Bezugs- und Verweisungssystem hin befragen, sondern als gesprochene Sprache, deren Struktur in unserem leibhaftigen Weltumgang und unsere alltägliche Kommunikation eingesenkt und verkörpert ist.

Wir staunen, daß der Blinde sich in gleicher Weise durch die Präsenz der fremden Stimme, ihre Modulation und Klangfarbe, ihre Macht und Brüchigkeit angesprochen weiß wie wir, wenn wir auf den fragenden, bittenden oder herausfordernden Blick des anderen antworten, auf seine mehr oder weniger scharfe oder getrübte Strahlkraft, sein kühnes oder demütigendes Blitzen und Glänzen oder sein schamhaftes Niedersinken.

Wir bemerken auch, daß der Blinde weder von den Augen und dem Mienenspiel des anderen noch von der vibrierenden Gestik seines Leibes dessen Stimmung und Neigung, dessen Habitus und Status physiognomisch ablesen kann; er erscheint uns daher bisweilen wie ein Nomade in der sozialen Ordnung, insofern sie durch den Zeichen- und Verweisungscharakter der Blicke und Mienen, der Körperhaltung und Kleidung strukturiert und aufgeladen ist.

Doch könnte er von der Sicherheit und Fülle, der Verhaltenheit und Fragilität in der Intonation der Stimme auf die Befindlichkeit, das Selbstverständnis, die soziale Stellung und den Rang des Sprechenden schließen.

Wie kann der Blinde jene Metaphorik der Sprache, der alltäglichen und dichterischen, verstehen, die durch die Bilder von Helligkeit und Dunkel, Tag und Nacht, Licht und Schatten gleichsam überwachsen und überwuchert ist?

Denken wir uns eine gleichsam blinde Sprache jenseits von Tag und Nacht, in der das Höhlen- und Sonnengleichnis Platons, die religiöse Offenbarung vom Licht und der Finsternis der Welt oder der Sonnengesang des Franziskus nicht ausgedrückt und reflektiert werden könnten.

Vielleicht könnte die Lichtmetaphorik der Sprache der Sehenden durch eine Rhetorik der Töne und eine Poetik des gleitenden oder jähen Übergangs von Klang und Stille ersetzt werden.

 



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