Grausame Venus
Aus der Waldnacht schwarzer Locken,
die sich über dich ergossen,
leuchtete des Mundes Glut.
Noch bevor sie dich erwärmte,
war erstickt sie schon, erloschen.
Grausam ist, wie Liebe tut.
Wahnhell war die Fensterscheibe,
wo zwei Schatten trunken sanken,
heißes Blei rann hin dein Blut.
Was gelegt sie auf die Schwelle
deiner Angst, des Ja-Worts Blume,
riß hinab die dunkle Flut.
Die Mücke Gottes
Babylonischer Talmud, Traktat Gittin, 56b–57a
Rabbinen diente dies zum höchsten Preise:
Der Herr, der thronet über allen Dingen,
befahl der Mücke, in das Hirn zu dringen,
durch Titus Nase machte sie die Reise.
Dort hat sie sich gemästet an den Zellen,
die ausgeheckt die schrecklichen Verbrechen.
Um an des Tempels Schändung sich zu rächen,
ließ er in seinem Schädel Zimbeln schellen.
Und Gottes Mücke wurde fett und fetter,
sie sirrte durch des Wüstlings Wahnverlies,
der auf der Tora seine Hure stieß.
Ihm half kein Schreien nach Apoll, dem Retter.
Welch Glühn kann in erloschnen Herzen rasen,
wenn Racheengel in die Asche blasen.
Anmerkung zum Verständnis:
Der römische Feldherr Titus hat unter Kaiser Vespasian, seinem Vater, den jüdischen Aufstand gegen die römische Fremdherrschaft im Jahre 70 n. Chr. endgültig niedergeschlagen, den Jerusalemer Tempel zerstört und seine Schätze wie die Menora und den Schaubrottisch nach Rom verbracht (Abbildung seines Triumphzuges auf dem Titusbogen in Rom). Die historischen Details berichtet der zum Feind übergelaufene jüdische Gelehrte Flavius Josephus in seinem Buch „Der jüdische Krieg“. Der rabbinischen Legende des babylonischen Talmuds nach soll Gott einer Mücke befohlen haben, in des Titus Nase zu kriechen und bis in sein Gehirn vorzudringen; dort habe sie sich über Jahre fett und fetter gefressen; der Übeltäter, der den jüdischen Tempel in Jerusalem entweihte, indem er in das Allerheiligste eindrang und dort mit einer Hure auf einer ausgebreiteten Torarolle Unzucht getrieben habe, sei dadurch dem Wahnsinn (unter grauenerregenden Gehörshalluzinationen) verfallen und schließlich am Zerstörungswerk des gottgesandten Parasiten elend zugrunde gegangen.
Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=jYhK95vGkb0
Kehre, Dichter, heim
Wie knistert dürr der Seele dünnes Blatt,
beschrieben mit der Sehnsucht wirren Zeichen,
der Liebe Blütenrispen, abschiedsbleichen.
O taube Hand, die barsch zerknüllt es hat.
Wie trübt der Geist sich ein uns, der Kristall,
woran das Licht gespielt in zarten Farben,
der uns entzückt mit kühnen Strahlengarben.
O blinde Hand, die nachtwärts warf den Ball.
Daß stumpf nicht wird, die blitzt, die Schneide,
womit geöffnet du des Wortes Frucht,
der Vers an ihrem bittern Saft nicht leide.
Drum kehre, Dichter, heim an Südens Bucht,
wo dir die Welle rauscht wie blaue Seide,
doch über dir fühl: stummer Wolken Flucht.
Frühjahrsetüde
Forsythien, kahl und dumpf erstarrt noch gestern,
sie flimmern golden vor gekalkter Wand.
Uns heimlich, Veilchenblicke, uns gesandt,
wie von verlorener Liebe holden Schwestern.
Sie drängen schon, die Knospen am Holunder.
O Auserkorene fürs Sonnenwunder.
Fühl, Dichter, Ferne, atme Luft aus Süden,
die jüngst noch durch Zypressenhaine strich.
Der Verse Blätter näh mit zartem Stich,
schenk grauen Herzen leuchtende Etüden.
Die lichten Astern, wie sie trunken schwanken.
O schwermutkranke Seelen, wollet danken.
Vom Wein der Schwermut trunken
Wo Freunde lachen, plaudern, zechen,
rinnst du, ein Tropfen, stumm von Kruges Mund.
Verlassen von der Hoffnung letztem Grund,
hörst du im Dunkel Sehnsucht leise sprechen.
Wenn der Kastanien hohe Kerzen knistern,
flehst du um Morpheus, der die Fackel senkt.
Im Duft der Nacht, die Sommer dir noch schenkt,
ist dir, der Liebe weiche Lippen flüstern.
Laß, Dichter, Gegensinn dich nicht verstören.
Die zwischen Polen sprühen, kühle Funken,
sind Versen gleich, vom Wein der Schwermut trunken.
Schmeckt er auch herb, er wird uns bald betören.
Sieh, wie der Docht, indem er sich verzehrt,
die blaue Nacht der Einsamkeit verklärt.
Der Herr der Tiere
Er hat den Auerochsen ausgerottet,
gemetzelt und zerstückt die sanften Wale.
Nun krault, der gestern noch ein Kannibale,
das Hündlein, das ihm wedelnd nachgetrottet.
Das Schaf, den Widder hat er hingeschlachtet,
damit sein Götze sich am Blut erquickte.
Den Todesröcheln eben noch entzückte,
wie er nach Nachtigallensang nun schmachtet.
Ja, seine Dichter sollen süßer tönen,
als sterbend unterm Silbermond der Schwan.
Doch hört er in der Nacht ein tiefes Stöhnen,
als hätte sich der Abgrund aufgetan,
ein Ächzen, das kein Orpheus wird versöhnen,
kriecht ihm ins Schilf des Traums Leviathan.
Der Geist der Dichtung
Als Maß des Seins nimm nicht die kleine Not,
die Schatten, die das zarte Herz umdrängen.
Sieh, wie zu holden Geistern sie sich längen,
kein Blut ist, was sie stillt, das Abendrot.
Das Maß des Meers kann nicht die Muschel sein,
mag schöpfen immerzu der heiße Knabe.
Doch nimm als Gleichnis seine lichte Gabe,
die Perle, für ein Walten ungemein.
Der Geist der Dichtung ist dem Meere gleich.
Mag schrill am Riff die Welle sich auch spalten,
in stiller Bucht des Mondes seufzt sie weich.
Wie glätten sich erregten Tages Falten,
die Blüte schwebet, zart und sehnsuchtsbleich.
O Vers, von nichts als blauer Nacht gehalten.
Sanft war der Hügel, wo wir abends lagen,
gefunkelt hat schon über uns dein Stern.
Als hätte nichts genagt am Lebenskern,
umfloß dich holder Glanz aus Jugendtagen.
Der reinen Quellen mochtest du gedenken,
aus denen du geschöpft des Liedes Trank.
Du wußtest auch den süßen Qualen Dank,
die auf den Schnee der Anmut Schatten senken.
Ich aber wandte mich, daß deine Blicke
die Feuchte meiner Wangen nicht gewahrten,
nicht, wie Erinnerung mein Herz bedrücke,
das Grabmal mit den heimlich aufgebahrten,
den Träumen, die geopfert ich dem Glücke,
die Nacht zu sein um deine lichten Fahrten.
Nicht wissen wär das Beste wohl
Mild stimmte uns das Abendlied.
Es schien aus Edens ferngerückten Tagen
von einer Liebe ohne Drang zu sagen.
O Schwert, das uns davon einst schied.
Erinnern ist ein blaues Tuch,
das blaß noch eingestickte Blumen säumen.
Als könnte unser Blut, das matte, schäumen,
umhauchte uns ihr Wohlgeruch.
Nicht wissen wär das Beste wohl,
wenn über uns Gestirn und Bild verblassen,
die bitteren Wogen uns versanden lassen,
wie eine Muschel, stumm und hohl.
Stachel im Geist
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Μὴ φῦναι τὸν ἅπαντα νικᾷ λόγον
*
Zugespitzte Wahrheiten brechen leicht ab.
*
Daß auch im alten Rom die Priester herrschten, wird von antiklerikalen Humanisten schamvoll beschwiegen.
*
Zur physiologischen Munterkeit, vulgo Glück, trägt auch ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit und Schamlosigkeit bei.
*
Die Rede vom Menschen zerfällt, nicht immer zu Ungunsten tieferer Einblicke, in die Beschreibung von Systemen und Strukturen.
*
Der altpersische Großkönig Kyros, der die Diaspora-Juden in die Heimat entließ, hat einen Ehrenplatz im Gedenken der Hebräer. Wie paradox, daß der Nachfolger des säkular gesinnten Schah sich als fanatischer Antisemit gerierte.
*
Charismatische religiöse Herrschaft geht wohl stets mit puritanischem Tugendterror einher. Mit ein Grund, weshalb ihre Enthauptung im Iran durch das westliche Imperium von dekadenten Woken gefeiert wird.
*
Die thematischen Linien einer Fuge respondieren, umranken und verflechten sich, streben dramatisch auseinander und vereinigen sich tänzerisch. So auch die Betrachtungen des vom Geist der Objektivität beseelten Denkers.
*
Das Fragezeichen ist keine Schlinge, die Kehle des Nachdenklichen damit zu würgen.
*
Die das Vollkommene außerhalb der Werke hoher Kunst zu verwirklichen trachten, sind als Engel verkleidete Abgesandte der Hölle.
*
Der amerikanische Geist scheint von den frühen Tagen seines Zugs gen Westen her von Hemdsärmeligkeit und Schießwütigkeit geprägt. Insonderheit erregt die Pietätlosigkeit amerikanischer Herrschaftscliquen Abscheu, wenn sie den heimtückischen Überfall auf das rituelle Totenbegängnis des Feindes ins Auge fassen.
*
Der barbarische Geist nimmt jede Hürde, alle Masken von Heuchelei, Hypokrisie und Frömmelei reißt er nieder, für ihn zählt nicht Herkunft, Rasse, konfessionelle oder sexuelle Orientierung.
*
Der Schwarze Barack Obama goutierte aus sicherer Entfernung den heimtückischen Meuchelmord am bösartigen Erzfeind Osama Bin Laden, der Weiße Trump die Hinschlachtung der iranischen Mullahkaste.
*
Sie säuseln vom Frieden, mit Schaum vor dem Mund.
*
Der hohepriesterlicher Titel des heidnischen Pontifex, den die Cäsaren führten, ging auf den römischen Papst über.
*
Die Würde des alten Kaisertums haftet an der Salbung durch den Papst. Sie war jüdisch-davidischen Ursprungs und sank mit der Krone in den Staub, der Krone, auf der das messianische Zeichen prangte.
*
Die altrömische Priesterherrschaft war mythologisch, in der Erinnerung an die Berufung durch die Götter, die schiitische ist eschalogisch, in der Erwartung des Endzeitpropheten, begründet.
*
Zuletzt kennt der dekadente Westen den Priester nur noch in der Karikatur des Knabenschänders, der antisemitischen Karikatur des triebhaften Juden als Schänders blonder deutscher Frauen nicht unähnlich.
*
Alban Berg gelang der Durchbruch bei der Konzeption seines letzten Werks, des Violinkonzerts, aufgrund des tragischen Todes von Manon Gropius.
*
Was wäre uns die Äneis ohne die Tragödie der Dido?
*
Der Gram, der das Herz verzehrt, nährt auch den dichterischen Geist.
*
Mag es sich bei der Begegnung des alten Goethe mit der blutjungen Ulrike von Levetzow um eine Tragikomödie handeln; die biographischen Daten sind Schatten gegen den dunklen Glanz der Marienbader Elegie.
*
Die nichts zu sagen haben, brüllen am lautesten.
*
Kein Zeichen hat das Zeichen des Kreuzes abgelöst, um über dem vergossenen Blut von Märtyrern zu leuchten.
*
Den von sich selber Trunkenen erweckt zuletzt ein gnädiger Stachel.
*
Der Reim gilt schon als Einwand, die gebundene Rede als Maske von Heuchelei oder Selbstverleugnung, die Wiederkehr des Rhythmus als Monotonie der Langeweile.
*
Der gefrorene See des lyrischen Pathos läßt in ein Dämmerlicht schauen, wo sich die Ungeheuer der Tiefe anmutig schlängeln.
*
Stachel im Geist, Wort, das auf Antwort dringt.
Schönheit, hoffnungslose
In der Dämmerung noch leises Singen.
Aufgerauscht der Helle,
will nun auch die Quelle
wieder dunkel klingen.
Wie erregtes Leben Schatten dämpfen.
Was sich aufgeschwungen,
mag, vom Schlaf bezwungen,
nicht mehr länger kämpfen.
Dichter, deines Wortes bleiche Rose
muß an Schattengittern
bang im Nachtwind zittern.
Schönheit, hoffnungslose.
Am Gaumen kitzeln Phrasen
Den kleinen Gangster, der gleich zugestochen,
hat immerhin man in den Knast gesteckt.
Der kaum gegrinst, schon ist ein Volk verreckt,
dem großen wird der Friedenpreis versprochen.
*
Am Ohr das Blech, am Gaumen kitzeln Phrasen,
die sie ins Rampenlicht erbrechen müssen,
sie dünken sich das wahre Weltgewissen.
Was, David mit der Schleuder? Und sie rasen.
*
Die Woken hört man schon die Messer wetzen.
Von Jesu Liebe säuseln Hodenlose.
Du weißt es, Dichter, Dornen hat die Rose.
Sein Duft betört, doch kann dein Vers verletzen.
*
Damit die Dünnen nicht im Schatten schmachten,
will man die Dicken, die ihn werfen, schlachten.
*
Die nichts zu sagen haben, hör sie brüllen,
die Stillen sieh, wie sie das Haupt verhüllen.
*
Die stumpfe Drohne will nun König sein.
Der Majestät rief nach man: Stirb allein!
*
Den Sumpf, wo die sterilen Schwätzer hocken,
o Sonne des Homer, leg ihn uns trocken!
Examen für Dichter
Die Flammen, die ihr um die Hüfte schlugen,
sie haben, Dichter, deinen Geist versengt.
Umsonst hast du den Tau der Nacht gesprengt,
kein grünes Sinnbild sproß mehr in den Fugen.
Im weichen Schnee der lilienkühlen Brüste
erstarrte zum Kristall dein trunkner Sinn.
Was dir geseufzt das Dunkel, floß dahin,
nicht eine Muschel blieb an Thules Küste.
Nun mußt du hausen in verwaisten Zimmern,
am Hungertuch von blassen Träumen nagen,
mag auch verwaschener Blüten Saum noch schimmern.
Wie rote Knospen in die Bläue ragen,
der Liebe Funken über Aschen flimmern,
kann es dein abgehärmter Vers noch sagen?
Die Parze schnalzt
Die Grille zerrt, Gezirp am dünnen Faden,
an dem du noch im Dunkel zappelst.
Los, stolpre, Herz.
Los, taumle, Seele.
Ein Knistern war’s, die Flamme einer Zunge
hat aufgeleckt die eitlen Tränen.
Auf, lächle, Herz.
Auf, schwitze, Seele.
Dein tauber Vers ist schon von Garn umsponnen,
zu saugen kommt die graue Spinne.
Auf, blute, Herz.
Auf, seufze, Seele.
Die Parze schnalzt, die Schere schnippt ihr Scherzo,
kein Reim verknotet noch die Fetzen..
Los, springe, Herz.
Los, fliege, Seele.
Manon
Dem Andenken eines Engels
Und auf die Schwelle trat sie, elfenleicht.
Noch glomm das Haar von abendlichen Strahlen,
war dunkel schon das Auge, wehmutfeucht.
So wie es Symbolisten mochten malen,
hat ihre Hand, der Liebreiz einer Fee,
o Tropfen Lichts im Moos von Brunnenschalen,
gestreichelt sacht den Rücken einem Reh,
das nie von ihrer Seite wohl gewichen.
Der Stirn, der Wangen unberührter Schnee
war da und dort durchglüht von Purpurstrichen.
Still schwebte einer keuschen Knospe gleich
das Haupt, noch unversehrt von Satans Stichen.
Dann krochen Schlangen aus dem schwarzen Teich,
die zarten Glieder würgend ihr zu lähmen.
Daß im Choral von Bach wir, sehnsuchtsbleich,
fern ihren Gang durch Edens Gras vernähmen.
Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=yQN1RcZuW0A&list=RDyQN1RcZuW0A&start_radio=1
Sinn des Opfers
Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται.
Male eruditur ille, qui non vapulat.
Ungeschoren, unverfroren.
Unbeschrieben, wild geblieben.
Am Stock, der zwingt, nur kann sie grünend ranken,
sonst schliche trostlos hin die lose Rebe.
Der Trunkne wähnt wohl, daß er aufwärts schwebe,
doch siehst du grinsend ihn zum Abgrund wanken.
Die ungebunden, Zungen, wie sie lallen.
Versickern müssen Wasser, uferlose.
Rasch rieselt weißer Puder eitler Rose,
zu fein, am rohen Draht sich festzukrallen.
Die Ordnung hoher Säulen muß sie tragen,
daß wir die göttlich-schönen Bilder schauen,
ein herber Odem sich im Chorlied stauen,
aus Asche hell die Opferflamme schlagen.
Halt, Dichter, fest an alter Weisheit Kunde:
Das Wort erblüht, getränkt von deiner Wunde.
Abschied der Dryas
Als wir unterm Laub des Abends gingen,
drang noch aus dem Dunkel leises Singen,
und du bargst in meiner deine Hand.
Wie sich unter uns die Halme bogen,
über uns wie Geister Wolken zogen,
sprach ich Worte, die ich nicht verstand.
Du verhieltest jählings meine Schritte,
daß ich nicht in einen Abgrund glitte,
hast auf meinen deinen Mund gepreßt.
Schon als wir am Saum des Waldes gingen,
war erloschen Wort und Kuß und Singen.
Dryas warst du, die ihr Reich verläßt.
Terzinen für Herzen, die ergrauen
Noch blaue, Azur, Herzen, die ergrauen,
daß Blüten, wie sie süß im Winde schwingen,
im Grünen wir, am Saum des Abends schauen.
Sind wir auch müde, da wir lange gingen,
ans Ufer stiller Wasser zu gelangen,
uns sänftiget das flaumenweiche Singen
in Schilfen, wo schon Frühjahrsnester hangen.
Ein trunknes aber will uns ferne locken
in Gärten, wo die Äpfel goldner prangen,
wo nie der Liebe tiefe Quellen stocken.
Daß uns die Himmelslüfte dorthin trügen
wie leisen Schneiens schwerelose Flocken.
Schon muß die Bläue sich dem Trüben fügen,
der Kelch der Blume vor der Nacht sich schließen.
Laß, Liebe, eins ans andere uns schmiegen,
bis helle Tränen in das Dunkel fließen.
Weißer Kies und rote Blätter
Weißer Kies, geharkt zu Wellen-Zeichen,
um den stummen schwarzen Stein.
Mit der Nacht, dem Schmerz allein,
und kein Laut, kein Lied, ihn zu erweichen.
Rote Blätter, um- und umgewendet,
nirgends noch ein Schimmer Grün.
Wie hat goldener Hymnen Glühn
im Gestrüpp der Finsternis geendet.
Barfuß geh, die Stille aufzuscharren,
streu die Blätter auf den Kies.
Reißt auch unter dir das Vlies,
schweigend wird der Denkstein deiner harren.
Geschwänzelt oder geschwänzt
Die Geschwänzten können es nicht lassen,
schwätzend schwänzeln sie sich durch den Tag,
hielten sie des Nachts nur still.
Der kurzgeschoren ward der Rosenhag
läßt an die volle Knospe sich gern fassen,
daß ihr ein feuchter Glanz entquill.
Doch das graue Herz des Philosophen
das nach rotem Lebenssafte giert,
klopft im Dunkel ratlos vor sich hin.
Wie solch Denker auf die Rose stiert,
ah, ihr Duft raubt ihm den graden Sinn,
und jäh dichtet er in krausen Strophen.
Too happy Time dissolves
And leaves no remnant by-
‘Tis Anguish not a Feather hath
or to much weight to fly-
Höchster Schwung des Glücks
läßt lahm zurück und leer –
Gram hat kein Federkleid,
er wär zum Flug zu schwer –
Falter Vers
Den Falter, der im dunklen Keller lag,
hast du sanft emporgehoben
an das Licht der Gerbera.
Wie die Fühler bald gezittert,
als ein Tropfen sie geweckt,
o goldener Tau von droben.
Meinen Vers, ich will ihn heben
auf die Blüte deines Traums,
daß er ihre Süße schmeckt.
Flügel mit den Tupfen, roten,
fühlest du, wie sie erbeben,
die dir hold sind, Frühlingsboten?
Residuen des Fühlens
Die Töne fließen, schmelzen, drängen,
und doch fühlst du den Bogen,
sind sie vorbeigezogen.
Der Worte Sinn mag sich wohl längen,
wie Schatten hoher Bäume,
wie dumpf zerrupfte Säume.
Kaum aufgeschäumt, und schon versunken,
des Liedes weiche Welle.
Die Muschel sieh, die helle.
Ein Lächeln, das hold wem gewunken,
verschlang die graue Menge.
O Herz, das nach ihm sänge.
That it will never come again
Is what makes life so sweet.
Believing what we don’t believe
Does not exhilarate.
That if it be, it be at best
An ablative estate—
This instigates an appetite
Precisely opposite.
Daß es niemals wiederkehrt,
gibt erst dem Leben Wert.
Zu wähnen, es ging immer weiter,
macht uns nicht heiter.
Daß allenfalls es etwas ist,
was selber sich verzehrt –
reizt, daß sein Gegenteil
wird geradezu begehrt.
Sie streute Blüten
Sie streute, wem zum Zeichen,
weiß keiner, wer will’s auch wissen,
zu bestimmten Tageszeiten,
ob nach dem Sonnenstand
oder auch dem Lauf des Monds,
weiß keiner, wer kann’s auch wissen,
Orchideenblüten aus dem Fenster,
die sie wie eine Schlafwandlerin
langsam von den Knospen pflückte.
Und dabei sprach sie vor sich,
in einer fremden Sprache, in welcher,
weiß keiner, wer will’s auch wissen.
Erst schaute die Nachbarin
auf dem Flur, wenn sie kam, unter sich,
ob aus Ärger, vor Verlegenheit,
weiß keiner, wer kann’s auch wissen.
Doch als sie begann, abends
mit aufgelöstem Haar
am offenen Fenster zu singen,
in einer fremden Sprache, in welcher,
weiß keiner, wer will’s auch wissen,
erhielt sie nach zwei Wochen
ein Einschreiben mit der Drohung
sofortiger Kündigung bei Zuwiderhandeln.
Eine Kerze brannte noch des Nachts
am Fenster, sie war schon fort. Wohin,
weiß keiner, wer will’s auch wissen.
Kürzlich sah ich eine schöne Frau
aus einem Blumenladen treten,
eine weiße Orchidee in der Hand.
Ach, wie habe ich sie angelächelt,
sie pflückte ein paar Blüten ab,
um sie vor mir auf den Weg zu streuen.
Und schon war sie entschwunden.
War sie’s, war’s ein Phantom,
ich weiß es nicht, werde es nie wissen.
Der eingesperrte Pirol
Sonnabend war’s, die Sommerluft noch lau,
er kam, am blauen Bande die Gitarre.
Da weiß er eine, daß sie seiner harre,
zigeunerschwarz das Haar, das Auge blau.
Die junge Frau, Pirol, der eingesperrt,
und mochte girrend um den Fremden flattern,
zu ihm entschlüpfen aus den kahlen Gattern,
doch Schwarzmagie hat sie zurückgezerrt.
So blieb ihr nur, den Vorhang scheu zu teilen,
zu schlürfen süßen Sang von herben Lippen,
dem weichen Fado summend nach zu wippen,
bis Honig sie gewürgt von Abschiedszeilen.
Dann ging sie in die Küche, und es klirrte,
wo dumpf im Porzellan die Mücke sirrte.
Der hingestürzte Dichter
Der hingestürzt, er will nun liegenbleiben,
das Dunkel, das da wächst, nicht mehr erhellen.
Gespenstisch rauscht die Nacht von schwarzen Quellen,
ein schwarzer Wind klirrt in den Fensterscheiben.
Rings türmen sich die Stapel alter Bände,
Gebirge mit dem Glanz des Unerreichten,
Kristalle, die nie Tränen je erweichten,
und war kein Duft, daß er den Wundklee fände.
Laß, Dichter, schlaflos Verse aufzuklauben,
die Perlen einer Kette, die gesprungen.
Träum, Aphrodite schickt dir ihre Tauben,
zu bergen, was dem Meer du abgerungen.
Sieh, Liebe fädelt auf die süßen Trauben.
O Glanz auf Hüften, graziös geschwungen.
Ein Augenblick genügt
Du kommst und scheinst mit allem gleich vertraut.
Doch wie das Wasser, wenn es Wolken spiegelt,
die hohe Luft nicht kennt, die sie beflügelt,
ahnst du die Tiefe nicht, die dunkel blaut.
Und lallst du süße Worte vor dich hin,
scheint sich dein Dasein wie ihr Klang zu dehnen.
Doch scheu muß es an harten Gattern lehnen,
gleich Knospen, harrend auf den lichten Sinn.
Wie Duft weht, hat geöffnet sie das Licht,
hat Liebe dir das Wort im Vers erschlossen.
Und bangtest du, er sei ins Nichts geflossen,
sein Duft ließ lächeln noch ein Angesicht.
Muß kaum gehaucht der Vers auch schon verwehen,
ein Augenblick genügt, ihn zu verstehen.
Gepfercht ins schwarze Quadrat
Von der Ikone Gold ins schwarze Quadrat,
vom hohen Odenton zum tiefen Schweigen,
so mußten wir dem Abend uns denn neigen,
da zischend rollt ins Meer das Sonnenrad.
Steigt ein Komet auch aus der Nacht hervor,
ein heißer Schweif, entfacht in fernen Welten,
wird er für keinen Boten uns mehr gelten,
uns heimzuleiten durch das dunkle Tor.
Die Harfe Davids überwuchs ein Gras,
gedüngt von grauer Asche der Erstickten,
geblendet wurden, die den Stern erblickten,
die Zunge faulte, die von Eden las.
Geh, Dichter, stumm entlang an kahlen Steinen,
zu trocken ist dein Vers, um noch zu weinen.
Anmerkung zum Verständnis:
„Das schwarze Quadrat“ bezieht sich auf das berühmte Bild des russischen Malers Kasimir Malewitsch.
Flaum von Wahngefieder
Wie fern klang, was du selbst gedacht,
kam es aus fremdem Munde.
Der Purpur, der aus Wolken rann,
troff wie aus eigner Wunde.
Die Blume mit dem samtenen Saum
verblich, und hast berührt sie kaum.
Was du als Leben dir erzählt,
enthielt das Buch der Mythen.
Die dir den dunklen Pfad erhellt,
Sternbilder, sie verglühten.
Fahl zog ein Kiel Schaum übers Meer.
Ihm sahst du lange hinterher.
Was du gesungen vor dich hin,
stand schon im Lied der Lieder.
Wie du hat Leda einst gefühlt,
Flaum war’s von Wahngefieder.
Gesang, als sprengte er den Wall,
dein Puls war es, sein Widerhall.
Sonett von den Schattenspielen
Grimassen sollen uns nicht blenden, Zucken
der Wollust nicht, nicht Krampf in Lachen Blut.
Fern sei das Schreien aufgepeitschter Wut,
das Seufzen, wenn perverse Bilder jucken.
Uns ekelt, fliegt das hohe Wort in Fetzen,
quietscht reiner Reim wie rostiges Metall,
verschleimt den Rhythmus lüsternes Gelall,
will Phrasen drein der kecke Zeitgeist schwätzen.
Wir wollen Spiele stiller Schatten sehen,
die schwach im Schein der Abendsonne zittern,
die wie in Träumen hin- und widergehen
und leise Worte sagen, die erschüttern.
Daß uns sublimer Verse Düfte wehen,
als rankten Rosen noch an zarten Gittern.
Sonett von der erfüllten Prophezeiung
Schon knirscht wie prophezeit ein weißer Sand
in feinen Spalten zwischen Sinn und Zeichen.
Die Knospen mußten ohne Tau erbleichen,
und was den Vers genährt, der Duft entschwand.
Nur Dunst zu träumen trägt heran der Wind.
Die umgestürzten Male, wo um Namen
ein Flor gerankt aus Mnemosynes Samen,
sind überschrieben schon von schwarzem Grind.
Der in der stillen Nische hat gewacht,
dem Engel ward der Flügel weggebrochen.
Was Andacht flehentlich zu ihm gesprochen,
die Glut des Herzens löschte aus die Nacht.
Willst, Dichter, du noch in der Wüste hausen,
den schwachen Odem opfern dumpfem Brausen?
Wie sich die Geister scheiden
Die Schar der Tauben scheint ein einzig Wesen,
eins flattert auf und alles folgt ihm bald.
Was zieht sie an mit magischer Gewalt,
wer hat zur kleinen Schar sie auserlesen?
Hat einen First sich eine auserkoren,
lädt nickend, wippend sie die Freunde ein.
Bald siehst den ganzen fiedrigen Verein
du hocken dort, ein Clan, der sich verschworen.
Doch siehst du auch, wie sich die Geister scheiden,
hast auf den Hof du Körner hingestreut.
Wie eine bang der anderen Schnabel scheut,
wenn sie einander jedes Körnchen neiden.
Die beiden nur, die jüngst verpaart sich haben,
sie picken Seit an Seit geteilte Gaben.
Der Liebe dunkles Bangen
Ist dies der Tag nicht, dieses nicht die Stunde?
Der Pfad nicht, den sie lächelnd stets gegangen?
Ihn überkommt der Liebe dunkles Bangen,
als bräche auf, die nicht mehr heilt, die Wunde.
Vielleicht, daß wie vom Dämon überschauert
sie ihn vergessen hat, zerschnitten wäre
das treue Band wie von der Parze Schere,
und keinen wüßte sie, der um sie trauert.
Ein Schwindel faßt ihn an bei dem Gedanken,
er habe alles nur geträumt, dies Leben,
o Tau, o feuchter Glanz auf grünen Reben,
o Niederrinnen an verdorrten Ranken.
Da glüht jäh ihre Hand in seiner kühlen.
Daß Liebe wahr sei, wirklich, was wir fühlen.
Sonett von der blinden Anmut
Blind ist die Anmut. O, sie lächelt.
Vom Anblick all der Fratzen unverstört,
wird einzig sie vom Wind der Nacht betört,
der ihre glatte, stille Stirn umfächelt.
Auf jähen Graten geht sie ohne Schwanken,
sieht nicht den Abgrund, wo der Geist erschrickt.
Ins Netz der Zeichen ward sie nie verstrickt,
Gestirn und Mond, sie weckten kein Verlangen.
Da hört im Dunkel sie, wie Früchte fallen,
das Schluchzen eines Kinds, das ungestillt,
ein Seufzen, das aus fernen Brunnen quillt,
den Schrei der Maus in einer Eule Krallen.
Mag sie mit Watte sich die Ohren stopfen,
im tiefen Grund hört sie ein banges Klopfen.
Jahreszeiten der Liebe
Betört dich Sommerduft noch, wenn es tagt,
glimmt dir in des Adonis roter Blüte
ein Tropfen Blut noch jener grauen Mythe,
hat Schwermut dir das Mark nicht ganz zernagt.
Und ward, da hin sie schied, dein Blick getrübt,
und mag das Licht des Herbsts ihn nicht erheitern,
spricht doch der Blätter Fall dir nicht von Scheitern.
Singt dunkler auch das Herz, es hat geliebt.
Wie dämpft den Lärm der Welt ein Vlies von Schnee.
Süß ist das Knirschen aber sanfter Schritte,
als träte sie zu dir, als ob sie bitte:
Laß schlafen unterm weißen Tuch das Weh.
Daß nur kein scharfer Strahl das Tuch zertrenne,
nur Mnemosynes milde Leuchte brenne.
Rat für alternde Dichter
Rühr nicht daran, dreh ihn nicht um, den Stein,
was immer sich darunter windend schimmert,
die Aussicht läßt zurück dich bloß bekümmert,
als kröche schon Gewürm um dein Gebein.
Wühl durch das Dunkel nicht im alten Schrank.
Kein Wohlgeruch wird dir entgegenwehen,
verblichener Tage Mumien wirst du sehen.
Vorm dumpfen Duft sinkst hin du schwermutkrank.
Geh, Dichter, drum auf morgenfrohen Pfaden,
streif ab von Blüten Tropfen, die noch glimmen.
Laß bleichen Reim auf blauen Wassern schwimmen,
im kühlen Quell erhitzte Verse baden.
Der Stein, der sie bedeckt, ist schon gebrochen,
der sie zernagt, der Wurm schon ausgekrochen.
Der Urweltsumpf
Kein Segensflügel, der herniedergleitet,
wo jäh versinkt zartgliedriges Gebild
im Sumpf voll Aas, dem bittrer Dunst entquillt,
der Trübsal in das Herz des Dichters leitet.
Wie stürzen lüstern wir in wildes Zischen,
den faulen Schaum im Phrasenkatarakt.
Statt still zu wiegen uns im Psalmentakt,
wird Gischt von Schreien Wort um Wort verwischen.
Die alte Schlange geifert noch im Mund,
Alraune soll, Tollkirsche soll uns nähren,
als würden wir an Giften erst gesund.
Der Seuche Flecken, wie sie sich vermehren,
die Haut der Seele, rissig, Schrund an Schrund.
Nur ohne uns kann Eden wiederkehren.
Altern eines armen Dichters
Knabe warst du, bargst dich zwischen Halmen
auf des Moselufers gelber Schwelle,
lauschtest, wenn der Silbermond verblaßte,
wie gereimt sich Welle hat auf Welle.
Schulbub gingst du mit dem Lederranzen,
dran ein Läppchen albern hat gebaumelt.
Vor den wirren Kringeln auf der Tafel
bist du, Träumer, wie im Schnee getaumelt.
Ein Student mit runder Nickelbrille
hast du Namen eitel aufgeschrieben.
Von dem Spottgelächter einer Schönen
ist Trochäen-Schwanken dir geblieben.
Reif geworden, nein, von dunkler Venus
scharfen Wimpern beinah blind gestochen,
bist gesenkten Blicks du in die Grotte,
weicher Verse Widerhall, gekrochen.
Grauschopf, schleppst nun Tüten aus dem REWE.
Was dich trüber Wachheit könnt entraffen,
Mohn des Morpheus kannst du dort nicht kaufen.
Bittres tropft aus Gaias Brust, der schlaffen.
Das erste Jahr des jungen Dichters
Beim frühsten Sonnenkitzel aufgesprungen
bist barfuß du ins scharfe Gras gerannt.
Am Abend war die Seele wund gebrannt,
die Melodie des Sommers schon verklungen.
Rot war der Herbst vom Blut der wilden Beeren,
ins Auge biß Kartoffelfeuerrauch.
Die Fiedel strich im Hinterhof der Gauch
und hob den Muschelton aus fernen Meeren.
Du bist in Höhlen blauen Frosts gekrochen.
Wie still es wurde unterm weißen Staub.
Gespenstisch schien der Sonnenader Pochen,
als wär die blasse Haut der Sehnsucht taub.
Daß, Dichter, Hauch des Frühlings dich entrücke,
dir Eros von der Stirn die Flausen pflücke.
Sonett vom auferblühten Wort
Was Dunkelheit entronnen, Tropfen Lichts,
du sammelst sie in irden-braunen Schalen.
Du spendest sie, daß Grün und Rot nicht fahlen.
Doch sparst noch Tau du auf, Glanz des Gedichts.
Zum Grabe gehst du, hauchst vom Stein den Staub,
daß lesbar seien Schrift und Andachtszeichen.
Und muß die Schrift, der Stein, das Grab auch weichen,
von Tränen Mnemosynes grünt ein Laub.
Was sinnend du aufs zarte Blatt geschrieben,
es wird mit Blättern welken, bald verwehen.
Wie’s auferblüht, wirst du vielleicht nicht sehen,
das Wort, das unterm Schnee noch wach geblieben.
Mag duften lieblich es dann jenen andern,
die es verlockt, in blauer Luft zu wandern.
Vom All umarmt und einsam sein
Durch fahle Adern pocht kein Sinn.
Verdorrte Blätter wirbeln schon
in Winkel trockner Seufzer hin.
Die Sonne sinkt, o roter Mohn.
An später Rose Wimpern schwillt
ein Tropfen Tau, und wenn er fällt,
ist Trübsal, was im Herzen quillt.
O daß kein Faden Licht uns hält.
Am Morgen gingen wir, ein Paar,
durchpulst von warmem Zartgefühl,
und helle Blicke sprachen wahr.
O Abendschatten, stumm und kühl.
Ins Wasser, wo die Weide sacht
die Haare taucht ins Rauschen ein,
wirft ihre Silbermünzen Nacht.
Vom All umarmt und einsam sein.
Dichterschwermut
Du hast, gewiegt auf schwarzen Wassers Samte,
im Traum die Sonnenknospen noch gesehen,
im dunklen Spiegel hellen Schnee von Schlehen.
Wie rasch erlosch, was Schwermut zart entflammte.
Der Ode Muschel, heiß ans Ohr gehalten,
gab preis nur fernes geisterhaftes Raunen,
bald schon erstickt von weicher Wehmut Daunen,
die sich am Adoneus-Perlmutt ballten.
Da sanft behauchte Lippen auf sich schlossen,
wie die nach Feuchte lechzen, lichtem Taue,
Herbstastern, bang, daß bald ihr Herz ergraue,
war trunkner Muse Krug schon ausgegossen.
Mystischer Nihilismus
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Einer sendet uns wiederholt zwei Dateien mit der Bemerkung: „Ich sende Ihnen ein paar Dateien.“
Hier dürfen wir vermuten, daß es sich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein paar“ handelt; ein eingefleischter Verschreiber („ein paar“ statt „ein Paar“) deutete auf den Fehlgebrauch des Begriffs „Paar“ hin, denn als Paare bezeichnen wir zwei durch irgendein Merkmal verwandte Zweier-Gruppen (wie 2 und 4 oder 4 und 16, die jeweils aus einer geraden Zahl und ihrer Potenz bestehen).
Einer sendet uns zehn Dateien mit der Bemerkung: „Hiermit sende ich Ihnen ein Dutzend Dateien.“
Es handelt sich offensichtlich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein Dutzend“. Denn daß sich der Schreiber hier verzählt haben könnte, wäre recht unwahrscheinlich.
Der Umstand, daß einer sich verzählt hat, ist wie jener, daß er sich verrechnet hat, kein Hinweis auf eine systematische Lücke oder eine kategoriale Schieflage in seinem Zahlverständnis, auch wenn sich die Fälle häufen, sondern auf ein mangelndes mathematisches Training.
Die Unfähigkeit des Mitglieds eines Amazonasstammes, keine größere Anzahl als die Anzahl der Finger einer Hand angeben zu können, und seine mathematisch eingeschränkte Fähigkeit, alles über die Menge von fünf schlicht „viel“ zu nennen, deuten dagegen auf eine systematische Lücke im Zahlverständnis hin.
Ein Scheckbetrüger, der entwendete oder gefälschte Schecks mit dem Namen des Betrogenen unterzeichnet, unterliegt keiner psychotischen Störung seiner Identität, sondern tut dies mit kaltem nüchternen Verstand.
In ähnlicher Weise handelt ein Heiratsschwindler, der, von kleinbürgerlicher Herkunft, sich einen Adelsnamen zulegt, um vor der Betrogenen zu imponieren, mag er auch an einer schon ans Krankhafte gemahnenden Neigung zur Selbstüberschätzung leiden.
Anders der berühmte Dichter im Turm, der seine auf Wunsch des Besuchers wie im Traum skandierten Gedichte mit dem Namen „Scardanelli“ unterschrieb und sie mit imaginären Orts- und Zeitangaben versah.
Hier deuten wir hinter dem seltsamen sprachlichen Gebaren auf einen tiefgehenden Riß in der persönlichen Identität.
Wußte aber Hölderlin in solchen Momenten nicht (mehr), daß er der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien war? Oder hat er angenommen, daß der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien ein gewisser Scardanelli sei?
Der Name „Scardanelli“ war für Hölderlin kein Pseudonym, hinter dem er seine wahre Identität auf ironische oder humoreske Weise verborgen hätte. So verpuppte sich der Dichter Fernando Pessoa hinter einer ganzen Reihe von geliehenen Namen, ohne seine wahre Identität bei ihrer Verwendung völlig preiszugeben.
Von einer extremen Störung des Bewußtseins sprechen wir im Fall des Psychotikers oder des Dementen, der auf seinen eigenen Namen nicht mehr reagiert oder sich für eine Person hält, die ihrer Umwelt dermaßen entfremdet ist, daß sie sich an die Identität der Angehörigen nicht mehr erinnern kann.
Hölderlin aber erkannte seine Umgebung und auch die Identität seiner Besucher, auch wenn er sie auf groteske Weise manchmal mit überhöhenden Titeln ansprach.
Rechtgläubige Christen wähnen sich ganz im Sinne der Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus und Paulus aufgrund der Taufe und der Annahme eines heiligen Namens als profane Bewohner der bürgerlichen Welt und zugleich als Anwärter einer Wohnung in der zukünftigen.
Der vom Küchen-, Parfüm- und Fäulnisdunst der bürgerlichen Welt benommene Psychiater freilich kann nicht umhin, sowohl Hölderlin als auch dem Frommen eine schizophrene Bewußtseinsstörung zu attestieren.
Das aus der bürgerlich-profanen Welt der Zahlen und Daten, Bilder und Medien, der biographischen und historischen Benennungen herausgerissene Bewußtsein ist dieser Welt gleichsam in einer namenlosen Jenseitssphäre abhandengekommen, einer imaginären Insel gleich, die von den Wogen des Nichtwissens umrauscht wird oder denen des Wissens, daß es alle und alles vergessen wird und selbst im Begriff steht, von allen vergessen zu werden.
Der wirkliche Autor des Hyperion, der einer hohen Mission für das Heil der Menschheit zu erfüllen glaubte, verwandelt sich in den imaginären Autor namens Scardanelli, der hinter den ephemeren Gebilden der Turmgedichte unsichtbar wird und schon im Namenlosen versinkt.
Der Humanismus der Lessing, Herder, Kant, Schiller, der Glaube der Klassik an den sittlichen Fortschritt der Menschheit (vanitas, vanitas vanitatum), hat sich beim späten Hölderlin schon in einen mystischen Nihilismus aufgelöst, jenen Abgrund, der die großen Programme engagierten Denkens und Dichtens verschlingt.
Poésie pure, wie sie Baudelaire anzielt und Mallarmé als ephemeren Schaum auf der Woge des Gedichts beschwört, kreist um nichts, will nichts verkünden, nichts moralisch, pädagogisch oder politisch bewirken, den Abgrund des Schweigens nicht mit Phrasen und Parolen füllen, sondern ihn in jedem Wort, in jedem Kern und Mark des Sinnes offenlegen, schwarz, alogisch, namenlos.
Mystischer Nihilismus: Prediger Salomo, Meister Eckhart, Blaise Pascal – ohne Gott.
Die Sonne des Logos taucht in eine Abenddämmerung, an deren Rand geisterhaft der schwarze Schaum der Nacht hereinsickert, von keinem Stern, von keinem Mond beglänzt.
Gemurmel wie von Schatten, namenlosen, dringt aus dem Schilf des Ufers, wo die Flut schon steigt.
Sinnlos, inmitten des Untergangs von Saat zu reden oder Ernte, von der Arbeit im Weinberg, da Fäule der Rebe Blattwerk übergraut; Untergang, vom Zeitgeist unter den grellen Flaggen der Perversion gleisnerisch als Übergang zur einen Menschheit verklärt, und habe sie auch die geistige Physiognomie debiler Mischlings- und Zwitterfratzen (foeditas, foeditas foeditatum).
Keine Traube des Dionysos, die noch im Schmerzverlies des Dichter-Dulders gekeltert würde.
Keine Antigone, die den blinden Seher noch zur Entsühnung und Entrückung zum Hain und Heiligtum nach Kolonos führt.
Vanitas vanitatum
Bevor ich auf die Lichtung noch gelange,
bricht ab mein Lied in asphaltgrauem Schweigen.
Es kann, was dort geblüht, mir fahl nur zeigen
verwehter Duft von orphischem Gesange.
Und will ich an den Strom der Heimat denken,
wie er das Grün der Reben einst gespiegelt,
ist mir, von Schwermut sei das Herz versiegelt,
Schilf seh ich sich in schwarzes Wasser senken.
Geh ich im Traum entlang an Totenmalen
und will der Liebe holde Zeichen lesen,
fühl unterm dunklen Moos ich sie verwesen,
den Mücken gleich im Tau der Blumenschalen.
Und will ich mich zum Buch der Bücher retten
und schlag es auf, wo blind die Finger haften,
sagt mir Kohelet, jähe Tiefen klafften,
da sich die müde Seele wollte betten.
Terzinen zur Menschenkunde II
Es gleicht dem Uhu, der auf Zweigen kauert,
die überm Abgrund tiefen Dämmers ragen,
des Menschen Seele, wenn sie lüstern lauert,
um niederstürzend nach dem Schrei zu jagen,
der jäh verstummt in fühllos-dumpfen Klauen.
Sie weiß vom Sein des Andern nur zu sagen,
daß feuchte Augen aus dem Dunkel schauen,
die Tropfen glänzen, die an Blicken, heißen,
aus weichem Schnee des Schweigens niedertauen.
Sie fühlt die Nervenbahnen nicht zerreißen,
die stille Bilder in die Mitte trugen,
um noch mirakelhaft im Traum zu gleißen,
die Brücken nicht, die sich an Ufer schlugen,
wo die Verwaisten stets entgegenflehen.
Der Schnabel hackt entzwei die zarten Fugen,
und schlingt’s hinab vom Kopf bis zu den Zehen,
würgt aus, was unverständlich, das Gewölle.
Es scheint ein dunkler Spiegel das Verstehen,
geschwärzt vom Flammenruß aus Breughels Hölle.
Blick hinter die Manege
Im Gedenken an Max Beckmann
In der Manege magst du es gern sehen,
da lacht man, stolpert die traurige Gestalt,
bangt, ob noch überm Abgrund finden Halt,
die graziös auf unsichtbarem Seile gehen.
Der Löwe schüttelt ungebärdig seine Mähne,
die Peitsche ward barsch in die Luft geknallt.
Die Elfe wirbelt, man hat ihr Flügel umgeschnallt,
mit Ariel durch goldnen Gischt der Späne.
Doch siehst du nicht, wie im Zirkuswagen
die Müden sich der Seele Haut zerreiben.
Die Elfe läßt von Ariel sich sagen,
sie könne endlich ihm gestohlen bleiben.
Und der die Peitsche schwingt, ihn hört man klagen,
das Untier wird ihn in den Wahnsinn treiben.
Siehe auch:
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/zirkuswagen
Nach den Wettern
Stürme peitschten Schäume, die noch glimmen,
bis glatte Wasser schwarzen Marmor breiten.
Als möchten treue Boten sie geleiten,
will Schwermut an das Jenseitsufer schwimmen.
Schatten sank, in reiner Bläue stehen
von Wolkendolden Rispen, die erzittern,
wie Kinderseelen nach den Ungewittern.
Wir aber wollen in die Schilfe gehen,
die hold vom feuchten Glanz des Himmels schauern.
O mag in deines Nackens Flaum er triefen,
Schreie wecken, die im Herzen schliefen,
mir wär, als brächen sie durch tote Mauern.
Eitel Traum, geleimt aus Reimen, dummen.
Wie stets will einsam ich am Ufer schlendern,
bis Purpur sickert an den Wolkenrändern,
die Rufe leiser werden und verstummen.
Terzinen zur Menschenkunde I
Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh
Prediger Salomo
Fremdling, auf kalter Erde ausgesetzt,
die um den Stern, den gnadenlosen, irrt,
da schwätzt er viel, doch schweigt zu guter Letzt.
Vom Dämon eines schwarzen Drangs gekirrt,
sucht er umsonst die Fliege zu erschlagen,
Geschmeiß, das zwischen seinen Schläfen sirrt.
Er sät das Wort und erntet dunkle Sagen.
Er jagt das Wild und wird nur selber wilder.
Denn seine Seele ist ein Wurm im Magen,
und seine Träume sind wie trunkne Bilder,
Gewog von trübem Dunst, Chimären.
Nie stimmt ihn die Erfüllung einmal milder.
Eden hieße, daß keine Menschen wären.
Lärm ist sein Teil, nicht, was die Dichter sangen,
vom Stöhnen jener, die im Schmerz gebären,
was dumpfen Grunzens geistlos ward empfangen,
bis zum Gejammer öder Sterbezimmer,
wo sie noch nach dem Wahn des Trostes langen,
ihr eitles Monument vergehe nimmer.
Will hoher Wille sie zu Chören binden,
zu edlen Ausdrucks wunderlichem Schimmer,
sieht man sie bald im Staub des Lärms sich winden.
Siehe auch:
Johannes Brahms, Vier ernste Gesänge
https://www.youtube.com/watch?v=knHeiIjzvYU&list=RDknHeiIjzvYU&start_radio=1
Schattengang
Es hat ein Schatten,
der über Sonnenpfade ging,
gesungen.
Es ist ein Tropfen,
der an der Blütenlippe hing,
zersprungen.
Es ist die Flocke,
kaum daß sie eine Wimper fing,
zerflossen.
Es hat die Schwermut
ihr Herz, als fort die Liebe ging,
verschlossen.
Es hat der Dichter
die Glut, daß sie statt seiner sing,
beschworen.
Es hat die Liebe,
ertaubt war ihr die Haut, den Ring
verloren.
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