Skip to content


Aug 4 20

Letzter Strahl

Mögen Tropfen süßen Lichtes
auf dein Haupt herniederzittern,
schließt sich auch der Sonnengarten
hinter blauen Schattengittern.

Mag das Zwielicht grüner Wellen
noch dein Angesicht umfließen,
wenn die Blüten auf den Teichen
ihre hellen Fächer schließen.

Mögen Seufzer deine Lippen
noch mit mildem Glanz befeuchten,
wenn der Veilchen blaue Augen,
weil sie weinen, weicher leuchten.

Wankt der letzte Strahl voll Bangen,
Lichtes letzte Fäden fliegen,
wollen Hand in Hand wir harren,
Herz an Herz im Dunkel liegen.

 

Aug 3 20

Geh mit mir hinab

Geh mit mir hinab die Dämmerpfade,
immer fernen Wassers Glitzern nach,
Blattes Rieseln immer nur im Ohre,
wird der krumme Weg auch nicht mehr grade.

Ist mir nur dein leiser Sang Geleite,
schimmert mir dein Auge noch im Dunkel,
brennt mich zärtlicher die Dankesträne,
ahn ich zwischen Schatten Sternenweite.

Betten wir uns abseits unterm Moose,
wenn die Nacht mit ihrem Eulenflügel
über unsre bange Stirne streift,
weißer Mond, neig dich, o letzte Rose.

Herz an Herz verrinnt des Blutes Klage,
und kein kühler Tau, der uns erweckt,
wenn im Tal die Morgenglocken tönen
und im Fluß wogt Gold von alter Sage.

 

Aug 2 20

Erloschen

Des hohen Geistes Sonne ist erloschen,
was noch in dieses Tales Dämmer schwelt,
ist Fäulnis morscher Hölzer, morscher Seelen,
lepröser Schorf, der an den Worten klebt.

Die Flamme, die sich Hochsinn weiterreichte
von Kelch zu Kelch, mit goldnem Laub umkränzt,
des kalten Aberwitzes trunkner Unhold
hat in der Jauchegrube sie erstickt.

In diesem Tale hängt der Kranz der Jahre
an einem rostigen Nagel, und wechselt nicht
der ausgedörrten Sprache Blatt die Farbe,
blutlose Zunge röchelt in toter Luft.

Und neigt sich nieder Mondes Grabesblume,
ist es, als glömmen manchmal Tränen auf
an nächtlichen Grases scheu erzitterter Wimper,
was aber rinnt, ist unfruchtbarer Tau.

 

Jul 31 20

Das tote Wort

Wie eine Mücke starr liegt auf dem Blatt,
scheint tot das Wort, das golden-grün gefunkelt,
und wär ein Hauch, der jene krabbeln macht,
ist keiner, der das tote Wort erweckte.

Und ist der trockne Kiesel blaß und matt,
ein frisches Lebenswasser läßt ihn schillern,
einmal verblichnes Wort, so schwer es wog,
schenkt keines Gottes Atem Glanz und Farbe.

Mit seinen morschen Adern ohne Blut
flammt herbstlich auf das Laub im Abendstrahle,
der Mund, der seinen Abschiedsgruß gelallt,
ein welkes Blatt schwimmt er auf Lethes Wellen.

Die späte Traube, bereift von Winternacht,
glüht purpurn Freunden in den schönen Schalen,
das wie vergessne Frucht vom Baume fiel,
das süße Lied fault unter stummen Schatten.

 

Jul 31 20

Wir tasten fühllos

Die Kruste auf der Haut des Sinns
vermag kein Öl, kein Spruch zu lösen,
den Star in trüber Augen Grund,
kein Dorn des Lichtes will ihn stechen.

Wir tasten fühllos volle Frucht.
Die uns an Wimpern glänzten, Tränen,
sie schluckte Staub, den unwirsch wir
und eilig uns vom Fuße streifen.

Auf glattem Teint der Schönen sieht
der hohe Geist lepröse Flecken,
in eines klugen Schwätzers Hirn
Gewürm den Nerv der Liebe nagen.

Und was wie graue Traube starrt
in einem Weinberg ohne Erben,
erblaut nicht unterm Tau der Nacht.
Wo sind die Schauer, die uns weckten?

Uns singt kein Quell der Katharsis
für ungeweihten Lebens Schwären,
und keines Heilands Mund hat Hauch,
worin die toten Aschen stäubten.

 

Jul 30 20

In uns die Ströme

Wie sich in uns die Ströme erben, Ströme
fremder Quellen, von Traumgestrüpp verhüllt,
die unter fremden Sonnen glänzten, Knospen
mit sich reißend, Muscheln, Wappen, Kronen,
und führten Schlamm, Gebein und Totenkränze,
des hellen Tages gurgelnd Wahngeschlinge,
und hat der Wind sich müd gestöhnt im Schilf,
trank Gold an ihren Ufern Abend still,
die Silberflosse tunkte ein der Mond.
Wir wissen nicht, ob sie in Blütenbuchten,
ob durch Morast sie, Täler grünen Schlafs
ins Meer gemündet, versickert sind im Karst.
Und was die Wellen sangen, Sagen schäumte
der Ruderschlag vergangner Völker, Schrei
und Fluch der Opfer, deren Blut sie färbten,
in unseren Adern ist es noch nicht ganz
verstummt. Denn manchmal dringt in unsres Traumes
Fenster ein Duft versunkner Gärten, die einst
an ihren Wassern grünten, geisterhaftes
Zwitschern eines Vogels, dessen Nest
in ihrem Rohr geschwebt, und manchmal stockt
der Atem uns, und neigt der Mund der Rose
sich des Munds, wenn jählings unter uns
der alten Ströme morsche Ufer brechen.

 

Jul 29 20

Gespenster der Stadt

Gespenster gehen durch die Einkaufsstraßen,
in prallen Taschen tragen sie den Tod,
ihr Bildnis zittert in den Fensterscheiben,
doch auf dem erznen Schild des Engels nicht.

Ihr Träumen reißt, ein fahles Zwielicht-Flackern,
in kalte Zahlenströme das Gesicht,
in ihres Lächelns papierner Jahrmarktblüte
schwirrt sich die blaue Abort-Mücke müd.

Und was sie reden, rinnt wie schwere Tropfen
von Blatt zu Blatt herab auf stummes Moos,
und wenn sie lieben, welkt an ihren Seufzern
von Kuß zu Kuß der Glanz von stillen Rosen.

Der Überdruß verklebt die starren Wimpern,
vertaner Blicke unfruchtbares Licht,
ins Wüste zucken ihre Gesten, Quallen,
die irren Muskels Krampf ins Grauen peitscht.

 

Jul 28 20

Aristide Maillol

Dir rankten weicher Linien des Lebens
um tauend runde Frucht der Weiblichkeit,
wenn um getunkten Fuß die Woge lächelt,
sich Locken knoten um den Wirbel Luft,
gespreizte Finger Hauches Säume heben,
das Fleisch sich bäumt zum Schauer-Kuß hinan,
und niederquillt das Haar in grünen Schaum.
Die Nacktheit ward dir Gipfelglanz und Schatten-
schlucht, worin ein Quell zum Monde singt,
die Flechten lösten Nymphen deinem Mund.
Die süßen Duftes in den Garten stieg
aus tiefem Mythenblau des Altertumes,
und Blumenseufzer fälteln ihr Gewand,
Wind-Lippen, die hellen Schlafes Wasser necken,
hielt dir, die Göttin, Samen hin und Früchte.
Du hast den runden Bronzeklang des Lichts
aus schluchzendem Geschling des Sonnenmeeres
mit lauschenden Fingern in den Leib gebannt.
Du bogst des Hauptes schwere Schmerzensknospe
nieder auf den stummen Schoß, die Nacht.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Aristide_Maillol#/media/Datei:Aristide_Maillol_(1861%E2%80%931944)_Bildhauer_Maler_Grafiker._Bronze._Friedhof_am_H%C3%B6rnli,_Basel._(3).jpg

 

Jul 27 20

Mein Lied für dich

Daß mein Lied, aus fernen Quellen Hauch,
deiner Schläfe Pochen kosend kühle,
wie vertraute Hand des Schattens Strähne
zögernd aus der Stirn dir streife.

Daß es glitzernd wie ein Tropfen falle
in des Traumes grüne Wasserschale,
eine kaum gefühlte Träne langsam
über deine Wange niederrinne.

Daß von Edens aufgetanen Knospen
es den Duft in dunkle Zimmer trage,
Schimmer einer goldbetauten Traube,
die an blauen Wassers Hang geglüht.

Daß mein Lied wie Sichelmondes Schneise
eines wirren Dickichts Dunkel öffne,
weiche Moose auf den bangen Pfad
deiner Heimkehr zu den Veilchen breite.

 

Jul 27 20

Grünen Lebens Ranken

Wenn noch grünen Lebens Ranken
an den Wänden beben,
sehen wir zu frohem Danken
Flügel niederschweben.

Wenn im Regen sie erglänzen,
schwere Tropfen triefen,
werden Wehmut bald begrenzen
Himmels blaue Tiefen.

Sind im Herbst sie Flammenmale,
flackern am Gemäuer,
heben wir des Herzens Schale
in das Opferfeuer.

Hat ein Reif sie übertrauert
mit des Grabes Linnen,
Sonne hat ihn weggeschauert,
milde Tränen rinnen.

 

Jul 26 20

Der Kuß des Abendrots

Wir stiegen auf grünen Lichtes weichen Matten
aus Schluchten langer Qual und banger Nacht,
die weißen Blüten sagten uns, das Rieseln
klarer Wasser, was die scheue Lippe barg.
Und was uns bienenhell im Gras gesummt,
war ausgeschwirrt aus goldenen Traumes Waben.
Uns sandten aus dem Schneegeviert der Höhe
Rosen einer fremden Sonne fremden Duft,
der um den Dorn des Abschieds Flaum gewebt.
Wir hielten inne an dem Wegekreuz,
wo das Geröll ins Blütenlose starrte,
und saß ein Vogel auf dem Schmerzgebälk,
der sang, wie letzten Grußes liebes Winken
flog in die Laube der Dämmerung er heim.
Wie Falter, bunter Tanz im scherzenden Wind,
die ein Alpenwasser lieblich spiegelt,
wurden eins wir mit dem Geist des Bergs,
der blaue Himmelslust aus Wolken trinkt.
Wir fühlten Odem, hohen Schöpfers Mund,
der aus der Tiefe ruft die Lebensquellen.
Uns sog der sanfte Kuß des Abendrots
in süß verworrner Worte Rankenspiele.

 

Jul 25 20

Alles sagt Lebwohl

Alles sagt Lebwohl im Abendlicht,
was nahe sich mit Knospenaugen schließt,
das Wehen rätselhaft aus Efeublättern,
was fern aus Quellen traumwärts rinnt, das Rauschen,
vom Dunst des Schmerzenslichts beschlagne Fenster,
die keine zarte Hand dir wieder öffnet.
Doch lächelnd nur im Blütenschaum der Mond,
der seinen müden Stab ins Wasser tunkt,
und er versinkt, ein Seufzer welker Rosen,
und Tropfen weinend milder Dankbarkeit
der alten Erde Wimpern, feuchtes Gras.
Dir nimmt das Zögern vor der letzten Biege
Gestirn, das durch verworrnes Laubwerk stürzt,
und hebst auf den Altan der Nacht das Herz,
wo sich des Abgrunds Flammenadern zeigen,
das Delta eines Stroms aus Eden, der sich
ins grenzenlose Meer ergießt, ein blaues
Wogen sternenübersäter Sänge,
die noch lange an der Mauer schäumen,
basaltner Stein des Schlafs, von Moos begrünt.

 

Jul 25 20

Feierlicher Stille Wasser

Wunder sind des hohen Lichtes Tropfen,
die mit Wohlklang auf die Blätter fallen,
Efeu an der grauen Friedhofsmauer,
und werden auf dem Ahnengrabe Glanz.
Trost ist uns der weißen Wolken Spiegel,
feierlicher Stille Wasser, und der Geist,
der uns aus mild geneigten Zweigen weht.
Wie leise geht das Leben mit den Schatten
in den Abend, es pflückt ein Lebewohl
auf Hügeln, die schon dämmern, Veilchen, Lilien,
Anemonen, wie hüllt, ein blaues Tuch,
die Nacht, gesäumt mit Heimwehblicken, ein.
Wir schauen nicht zurück in jene Buchten
voller Schwermutblau, nach vorne nicht,
in jenen Abgrund, an dem des letzten Abschieds
letzte Blume schwebt, wir stehen schweigend
Hand in Hand vor Mondes großer Blüte,
die sich duftlos auf die Erde neigt.

 

Jul 24 20

Ich schwirre um dein Aug

Ich schwirre um dein Aug wie die Libelle
über einem grünen Teich, entronnen
allem fernen Ziel, und zitternd doch,
ob mich der feuchte Glanz noch lange hält,
denn dunkel schwebt wie banges Schilf die Wimper,
und heimatlos macht mich das Blütenblatt
des Lids, das sanft sich unterm blassen Monde
schließt. Ich taumle, eine trunkne Biene,
um deines Blumenmundes warmen Hauch
und sauge Lust aus jedem klaren Tropfen,
den wie an Doldenspitzen dein süßes Wort
mir in der Sonne perlt, wie graut mir aber
vor der Dämmerstunde, wenn das bittre
Harz der Wehmut quälend langsam quillt.
Ich niste, ein herabgefallener Käfer,
im Wirbel deiner Locke, in weiches Dunkel
eingehüllt, und funkle manchmal wie Achat
und Carneol von Zwielicht überschwemmt,
wenn unter Lauben du des Abends wandelst,
doch graut mir vor dem Sturm, der kommt,
schon geht ein Beben durch die Angst der Zweige,
schon sickert fahler Glanz aus müden Knospen,
die ihre Tränenschalen auf den Teichen drehn,
Sturm, der deines Haares zarte Büschel
grausam schüttelt, Sturm, der mich mit Blitzen
eines harten Kamms aus dem Asyl
der Träume fegt, dorthin, ins Unbehauste,
dorthin, ins Niemandsland der stummen Schatten.

 

Jul 23 20

Der Garten der Kultur

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Scheinbegriffe wie „Gegenstand“, „Objekt“, „Ding“, „Seiendes“ sind deshalb mit äußerster Vorsicht und semantischem Fingerspitzengefühl zu behandeln, weil sie vorgeben zu sein und zu können, was sie nicht sind und nicht vermögen: Begriffe, die etwas über die Welt der Tatsachen sagen; stattdessen sind sie ziemlich versteckte Hinweise, nämlich auf die Art, die Struktur und die grammatische Form derjenigen Sätze, in denen wir über Äpfel, Bäume, Gärten, Peter oder Pierre und Deutschland oder Frankreich sprechen.

Wenn wir von Äpfeln als von Gegenständen oder Dingen sprechen, meinen wir damit, daß sie in eine semantisch-grammatische Leerstelle eines Satzes passen, in dem andere Leerstellen oder Funktionen mit Ausdrücken wie „reif“ oder „unreif“, „süß“ oder „sauer“, „von diesem Jahr“ oder „vom Vorjahr“ ausgefüllt werden können. Der Satz aus dem metaphysischen Jargon „Es gibt Äpfel“ ist daher entweder sinnlos oder bedeutet, daß wir mit dem Ausdruck „Äpfel“ Sätze der genannten Art und Struktur bilden können.

Wenn wir von Menschen reden, meinen wir damit, daß wir Sätze wie „Peter ist Hansens Freund“ oder „Claudia ist mit Peter verheiratet“ bilden können. „Mensch“ ist die semantisch-grammatische Leerstelle oder Funktion eines Satzes, die durch einen Eigennamen ausgefüllt und erfüllt werden kann. Der Satz aus dem metaphysischen Jargon „Es gibt Menschen“ ist daher entweder sinnlos oder bedeutet, daß wir den Ausdruck durch Eigennamen und ihnen sinnvoll zukommende oder nicht zukommende Relationen ersetzen können, wenn wir zum Beispiel von Helga fälschlicherweise behaupten, sie sei mit Peter verheiratet.

Wenn wir scheinbar metaphysische Sätze über Gegenstände als kryptische Hinweise und Fingerzeige auf die logische Form und die semantisch-grammatische Struktur unserer Ausdrucksweise durchschauen, müssen wir uns im nächsten Schritt davor hüten, diese fürderhand einfache logische Form als elementare Basis und Fundament mißzuverstehen, worauf wir alle sprachlichen Ausdrücke für unsere komplexere Wahrnehmung und verwickeltere Erfahrung aufbauen könnten, indem wir etwa Sätze bilden wie: „Die Äpfel in der Schale schmecken sauer und der Baum, an dem sie wuchsen, gehört Peter.“ Denn daß die Äpfel ein Eigentum von Peter darstellen, weil der Garten, in dem der Apfelbaum steht, sein rechtmäßig erlangtes väterliches Erbe darstellt, ist nicht in demselben Sinne eine Erfahrungstatsache wie die Tatsache, daß sie sauer schmecken.

Eigentum ist wie alle sittlichen Begriffe (sittlich im Sinne Goethes) keine höherstufige Form von Begriffen, die wir verwenden, um unsere Sinneseindrücke wie süß und sauer zu bezeichnen; was wir vom Eigentum und anderen Formen sittlicher Existenz aussagen, kann aus Sätzen über unsere Sinneseindrücke und Wahrnehmungen nicht mittels Komplexion und Synthese aufgebaut und ermittelt werden.

Wir bemerken diesen Unterschied unmittelbar am semantischen Unterschied der von Peter geäußerten Sätze: „Der Apfel schmeckt mir sauer“ und „Der Garten gehört mir“; denn den ersten Satz könnte auch Hans, Pierre oder Claudia äußern, nicht aber den zweiten.

Wir kennzeichnen diesen Unterschied auch in der Weise, daß wir sagen, ob der Apfel süß oder sauer schmeckt, ist eine Frage der (sensorischen) Wahrnehmung, nicht aber, wessen Eigentum der Garten ist, in dem er reifte; denn dies ist eine Sache der durch rechtliche Spielregeln festgeschriebenen Konvention. Dies aber meint das Gegenteil von Beliebigkeit. Denn würde sich Hans plötzlich als Eigentümer des Gartens ausgeben, wäre eine solche Prätention eine strafrechtlich zu ahnende Form des Betrugs.

Daß wir in der sittlichen Welt leben, gehört zur Signatur unserer geschichtlichen Existenz, unserem Schicksal, aus dem Garten Eden, dessen Eigentümer nicht der Mensch, sondern Gott war, in eine aus Licht und Dunkel, Heil und Unheil gemischte Welt vertrieben zu sein.

Das Eigentum gehört in der sittlichen Welt wie alle Formen von Hierarchie, Ordnung und kultureller Hege zu den Maßstäben und Maßgaben des Katechon, des Aufhalters der gänzlichen Verwilderung und Verwüstung; denn wäre der Garten nicht Peters oder irgendeines Menschen Eigentum, würde er mangels Sorge und tätigen Bemühens um sein Wachsen und Gedeihen, wozu nicht nur das Pflanzen und Veredeln, sondern auch das Jäten des Unkrauts und das Beschneiden wuchernder Triebe gehören, bald ganz und gar verwildern.

Zur Pflege und Hut des Gartens wie zum Sinn des Gartens der Kultur überhaupt gehört auch die Verpflichtung, ihn mittels probater Mittel, von der Umzäunung und Bewachung bis zum Einsatz der Flinte, vor übelwollenden Eindringlichen, Knospenschändern, Fruchtbesudlern und Sinnzertrümmerern zu schützen. Wer das Loch im Zaun nicht mehr zu flicken willens ist, hat wie jener, der die Schwelle des Hauses, das bekanntlich unsere Sprache ist, nicht mehr hütet, sich und seine kulturelle Existenz bereits aufgegeben.

Vom Geschmack der Äpfel des Paradieses haben wir keinen Begriff, ebensowenig wie von der Sprache Adams. Wir könnten uns nicht vorstellen, Adam habe seiner Eva Liebesbriefe geschrieben oder Minnelieder gesungen.

Die Sprache der Dichtung und ihre Bilder, Wendungen, Metaphern spiegeln wie unsere Gärten und deren Blumen und Früchte das heimische Element, das territoriale Aroma, das Licht des heimatlichen Himmels.

Die Bilder der dichterische Sprache, die ihres heimatlichen Wurzelgrunds und der herben und süßen Aromen der Blumen und Früchte ihres heimischen Gartens entfremdet ward, sind blaß und schmecken fade, ihre Metaphern hinken mit schmerzlich verrenkten Versfüßen durch Wildwuchs und alle Konturen verwischenden Dunst.

Der überzüchtete Geschmack mag sich mit den Federn der Aras schmücken, auf das zarte Moos unserer Lieder sinkt der weiße Flaum der Taube herab.

Doch sogar im Hain von Kolonos singt die Nachtigall.

Die Serenade Mozarts ist durchtränkt vom süßen Abendhauch der neapolitanischen Bucht, die Gedichte Goethes sind Schalen, wo neben heimischen Beeren und Äpfeln Zitronen und Orangen glühen, umrankt von Lorbeer und Myrthe.

Der um sein Sterben weiß, umfaßt seine Existenz mit einem Worte: ich.

Der christliche Gott ist im eigentlichen, uns nahe gehenden Sinn Person, denn er ging durch den Tod in Christus.

Wenn der Garten Peters Eigentum ist, wissen wir, daß er die Wahrheit sagt, wenn er sagt: „Der Garten gehört mir.“ – Doch nur wenn Peter sagen kann: „Dies ist mein Garten“, kann er als Eigentümer gelten. Könnte er es nicht mehr sagen, würde ihm der Eigentumstitel aufgrund geistiger Umnachtung abgesprochen.

Von der Sprache Adams wissen wir nicht zu sagen, ob sie die uns unentbehrlichen Personalpronomina und vor allem das der ersten Person enthielt; falls wir uns überhaupt einen Begriff einer impersonellen Sprache machen können.

Unsere Sprache wird demnach nicht durch ein ontologisches Gerüst mittels Scheinbegriffen wie „Gegenstand“, „Objekt“ und „Ding“ oder „Etwas“ gestützt, sondern hängt und schwebt und zittert gleichsam an den unscheinbaren Fäden der Personalpronomina und allen voran dem der ersten Person in der bewegten Luft der geschichtlichen Existenz.

Unsere natürliche Sprache ist ein Spiegel, eine Funktion und ein symbolischer Ausdruck unseres bewußten Lebens – dies gilt auch und gerade, wenn dieser Spiegel vom Atem des Gedichts mit den Trübungen und Schatten des kaum Empfundenen und traumhaft fast Unbewußten angehaucht wird.

Wir finden uns nicht in der noch so dichten Beschreibung unseres Lebens wieder, wenn sie auch der akribische Bericht über jemanden unseres Namens wäre; es könnte immer die Erzählung vom Leben eines anderen sein, unseres Doppelgängers, wenn wir nicht als Akteur des eigenen Dramas auftreten, der von sich und im eigenen Namen spricht und Äußerungen seines Erinnerns, Bejahens und Verneinens an diesen oder jenen richtet, ja auch wenn er nur zu sich selber redet.

Die knorrigen Obstbäume und die alten Rosenstöcke haben nicht wir selbst gesetzt, begossen und umhegt, sondern die vor uns waren und von denen wir den Garten und seinen Reichtum geerbt haben. Dies Erbe anzutreten und den Auftrag der Hut, Pflege und Weitergabe der geistigen Überlieferung in Kunst und Dichtung mit der Demut der Beschenkten und dem Stolz der Schenkenden zu beherzigen, ist der Sinn unserer geschichtlichen Existenz.

 

Jul 22 20

Frauenklage

Wie stürzen blind aus toten Himmeln Tropfen,
wie schamlos bricht ihr kaltes Klatschen ein
und spritzt den Glanz auf meiner Schmerzen Mal.
Das Buch des Lebens hab ich ausgelesen,
schlugʼs zu für immer, deinen und meinen Namen,
und was wie eine Ranke sie umschlungen,
fand durchgestrichen ich darin. Nun komme,
Nacht, birg mich in deines Schweigens Schrein,
die Sonne rollte, Glut geballten Wahns,
ins tiefe Meer hinab, sie kehrt nicht wieder,
die schwarze Flut steigt an, die Einsamkeit,
tritt über alle Ufer, sie schwemmt Gefieder
herabgestürzter Vögel, die grauen Blüten
ausgeseufzter Sommer ins zerknickte Schilf,
das Gold der Sterne ist in ihr zerflossen.
Die schwarze Flut steigt an, du kehrst nicht wieder,
ein ausgeraubtes Nest ward mir der Traum,
der Schlaf ein Wanken über bange Stege,
und unter ihnen schluchzte Nacht zur Nacht,
mein Herz ist eine aufgebrochne Muschel,
leergesaugt von kalter Gottheit Rausch.
Wie blutlos lallt der Mund, der ungeküßte,
wie stürzen blind aus toten Himmeln Tropfen.

 

Jul 21 20

Nun ist die Stunde

Nun ist die Stunde, ist die hohe Zeit.
Weht nicht der Zweig von einem trunknen Winde,
was sich im Uferschilfe glitzernd bricht,
trug es dein Atem nicht aus blauem Grunde?
Ich harrte lang in dieser Klüfte Grauen,
worin die Blume des Munds zu Eis gerinnt,
dem trüben Brunnenschacht versiegter Wasser,
in den nur Mondes weiße Flocke niederschwebt,
und was im wilden Kraut der Nächte raschelt,
fühlloser Klaue tödlicher Fang ist es,
nicht Menschenschritt, der sich durchs Dickicht wagte
und wirbelte süßen Duft ins Blütenlose.
Mir blieb, ins Ausland verbannt des Herzens, nur,
aus Zwielichts dünner Wolle einen Traum
zu wirken, aus fernen Meeres Brausen Seide,
blaue, zu weben für mein dunkles Wort.
Ich schlief, ein Singen hat der Tiefe mich
entrissen, ein Vogelruf, ein zweiter, Antwort
hellen Bluts durch Laubes Schattengitter,
und Ton fand sich in Ton, wie Blüten, Schaum,
die Welle an Welle im gleichen Takt sich wiegen.
Nun fühle ich verlorenen Edens Hauch,
nun weiß ich um die Wiederkehr, wenn Liebe
dich aus dem Reich der Schatten hebt und du,
betaute Blätter um verheilte Schläfen,
mit sanften Blicken mir vom Frühling sprichst.
Nun ist die Stunde, ist die hohe Zeit.

 

Jul 20 20

In manchen Worten klang es nach

In manchen Worten klang es nach,
in manchen Blicken war es Licht,
doch wenn der goldne Ring zerbrach,
ertönt es, leuchtet es uns nicht.

Wie traurig schimmert der Asphalt
und wie im Regen mattes Gras,
ward einmal Glut des Traumes kalt
und Lächelns Huld zerbrochnes Glas.

Und pocht die Hand an jenem Tor,
wie ist der Widerhall so leer,
wie blaßt Erinnerns Duft und Flor,
fällt süßer Namen Tau nicht mehr.

In manchen Blumen war es Hauch,
in manchen Liedern war es Wein,
wie weht des Abends grauer Rauch,
wie singt die Nachtigall allein.

 

Jul 20 20

Lichtes Zepter weckt den Stein

Lichtes Zepter weckt den Stein,
Tau trieft im Flechtenbart,
da gräbt der hohe Strahl sich Furchen,
das Saatfeld mohngefleckter Bilder.

Des Mittags Falter biegt die Schatten
zarter Wimpern auseinander
und trinkt den dunklen Glanz
aus süßer Schwermut Augen.

Der Mundschenk der Götter, Abend
gießt goldnen Lichtes Tropfen,
sie schimmern noch am Blumenmund,
sie rinnen in das Gras des Schlafs.

O Nacht, dein Stern ist einer Mutter
Abschiedskuß, und wie die Knospe
lautlos ihren Duft verschließt,
umhüllen dich die Efeuranken.

 

Jul 19 20

Nähe des Göttlichen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Man sieht so aus, wie man ist, und man wird, wie man aussieht.

Das Gesicht ist die Landschaft der Seele. – Hier finden wir alles, vom sanften Leuchten aus Eden bis zum harten Licht verkarsteter Steppen.

Der Pöbelinstinkt haßt die Form, die ein überlegener Geist aus der schlüpfrigen Knetmasse des Traums, aus dem Wasser des Unsagbaren sich zum Lied geballt hat.

Schimmernde Ranken geglückter Gesten.

Dornichte Pfade im Dämmerschein verworrener Zeichen.

Die sich nicht ertragen und verzeihen, ihrer selbst nicht entrinnen können, brauen das Gift der Ranküne und des Argwohns gegen das sich in leisen Gesten feiernde Leben, die Anmut der Bewegung und die rhythmische Fülle des Ausdrucks.

Das kollektive Unbewußte ist das Gewürm der Masse, das aus dem Untergrund und den Abwasserkanälen des Molochs Stadt hervorkriecht.

Das Unbewußte Freuds ist keine Naturkonstante, sondern trägt an der Wahn-Wucht, mit der es an den Dämmen der kulturellen Formen nagt, die historische Signatur des von ihm scharfsinnig diagnostizierten Unbehagens.

Die goldenen Blätter aus den Rokokogärten Verlaines, verweht in die Pfützen der großen Stadt.

Denke dir, eben seist du erwacht, und mit dir die Welt. Ist es dann nicht purer Zufall, wo und als was, als Mann oder Frau, als Kind oder alter Mensch, du dich wiederfindest? – Solcherart metaphysische Träume verführen uns zu den schiefen Begriffen von Kontingenz und Notwendigkeit.

Was sich logisch in einen Schluß knüpft, empfinden wir als unausweichlich, zwingend, notwendig; also den Status gewisser Sätze. Warum sollten wir all das, was sich nicht in diese Form bringen und zwingen läßt, als kontingent und zufällig betrachten?

Das Empfundene und Gefühlte hat keine Abmessungen physischer Natur; die physikalischen Gegenstände, einschließlich des Gehirns, sind ohne Rückgriff auf sensorische Merkmale beschreibbar. – Solcherart metaphysische Distinktionen verführen uns zu schiefen Gegensätzen wie dem von Geist und Materie.

Sollen wir, weil der Roteindruck nur einen Ort im Gesichtsfeld, aber keinen im physikalischen Raum hat, vom visuellen Bild der Rose sagen, es sei immateriell, und von der wirklichen Rose, sie sei gleichsam geistlos?

Die ionischen, dorischen, äolischen Völker der Griechen waren insofern begnadet, als sie die Nähe des Göttlichen in ihren Werken und rituellen Gebärden von der Plastik und Malerei bis zum Tempelbau und den Opfern, vom Epos bis zur lyrischen und tragischen Dichtung geradezu unwillkürlich zum Ausdruck brachten.

Der Mythos weiß von jenem Hirten Endymion zu berichten, der dem Kuß der Mondgöttin Selene sich hingab. – Vielleicht keine unwillkommene Form wonnigen Verscheidens. – Sollen wir nicht sagen, jener Dichter, der erstmals den Mondstrahl als erotisch-tödlichen Anhauch göttlicher Nähe empfand, habe damit den Grund dieses Mythos freigelegt?

Die kulturelle Blüte jener aristokratischen Hochkultur, wie sie uns aus der homerischen Odyssee immer wieder entgegenleuchtet, ist bis in Einzelzüge mit den höfischen Sitten, Riten und Gepflogenheiten der ritterlichen Kultur des hohen Mittelalters vergleichbar.

Die Odyssee zeigt im Motiv des dem Helden gewährten Nostos, der durch etliche Gefahren hindurch bewältigten Heimkehr, die Erfahrung göttlicher Gnade; darin geht sie im mythologischen Gewand über die Möglichkeit der Erkenntnis Gottes hinaus, die Paulus der natürlichen Vernunft zubilligt.

Emporgeschleudert von der hohen Woge des Geschicks, ein winziger Tropfen, in unsäglichem Augenblick an der schwarzen Wimper eines dämonischen Windes zitternd, und niedersinkend noch spiegelt er den Glanz der nächtlichen Sternwelt, der unerreichbar fernen, schönen: die tragische Erfahrung.

Die Hagia Sophia dämmert unter der Sichel des Halbmonds; im Westen brennen die Kathedralen.

Die apollinische Kultur durchtönte das Rauschen des Meers mit sanftem Strahl, der Leviathan schnappte vergebens nach den goldenen Blitzen und tauchte ins Dunkel zurück; schwarze Woge, zerteilt von den lichten Saiten der Leier. – Nun wird Nacht für Nacht das Brausen lauter, nun steigen die Ungeheuer der Tiefe ans Ufer und biegen das wehrlose Schilf auseinander.

Der öffentliche gereckte Phallus, in allen Farben grell schillernd, Geifer, Hohn, Spott ejakulierend, wird als neues Freiheitsemblem umjubelt; die blutenden Wunden des Gekreuzigten werden für anstößig und obszön befunden und von den Sittenwächtern der Schamlosigkeit verhüllt.

Die Tiara, die Gewandung, der Stab des römischen Bischofs glänzten im würdevollen Schimmer altlateinischer gravitas und dignitas; heute laufen närrische Pfaffen in Jeans und offenem Kragen durch die grinsende Gemeinde.

Der Widerwille und die ironische Verschmitztheit gegen das Feierliche und Festliche des hohen Ritus und der weihevollen Begehung entstammen der wahren Empfindung, ihrer nicht würdig zu sein.

Wie die Mutter Venus dem Äneas erscheint die Göttin Athene ihrem Schützling Telemach in Menschengestalt; und beide ahnen die Nähe des Göttlichem am süßen Duft und Anhauch ihrer Rede, an der sanften Flamme, die ihren trüben Sinn mit neuer Lebensglut behaucht.

Bei Mozart enthüllt sich manchmal die Nähe des Göttlichen in Tönen, die wie Glühwürmchen im Dunkel des Grases schwirren, in weißen Schaumkronen auf dämmernden Wellen, die wie selige Schmerzen unterm Mondlicht schmelzen, im weichen Niedersinken purpurner Mohnblüten auf die bleiche Stirn des Verlassenen; bei Bruckner, dem letzten Offenbarer, im Brausen eines Jenseitswinds, der die starren Zweige unserer Einsamkeit schüttelt und auseinanderbiegt, auf daß wir in der erschreckenden Leere das tiefe Nachtblau des Grenzenlosen gewahren.

Beschaut man sich die genealogischen Sagen der Griechen, findet man am Ursprung nicht nur von Flüssen, Bergen, Wettern und Gewächsen, sondern auch von Orten und Städten, Gesetzen und rechtlichen Ordnungen, Gerätschaften und Musikinstrumenten das Walten des göttlichen Geistes.

Lippen, ungesalbt, Schläfen, unbekränzt, Herzen, unbeschnitten.

Stadt Gottes – und du siehst im stumpfen Morgengrauen auf den Kehricht trostloser Feste.

Süßes Licht oder die Verklärung des Ödipus.

Atem Gottes – und eine dünne, brüchige Maske fällt wie ein welkes Blatt herab.

Hauch des Heils – und die trockene Rinde der Erinnerung zerstäubt.

Olivenhain – unter den Tränen funkelnder Sterne sehend gewordene Nacht.

Lautlos fallen Flocken schimmernder Abwesenheit auf das Ahnengrab.

Schiefer Mund eines letzten Staunens.

 

Jul 18 20

Mein Lied stürzt wie die Möwe

Mein Lied stürzt wie die Möwe um ein Boot,
das untergeht. Sein Flügel trinkt den roten
Schaum, Widerschein der Lohe auf dem Kamm
der Wellen. Hebt es des Windes starker Rücken,
fällt eine Feder, trudelt aufs Verdeck ein Flaum,
klebt fest an eines toten Mannes Schläfe
und leuchtet purpurn wie von edlem Wein.
Mein Flug ist Anmut und mein Lied ist Klage,
und wenn das Segel bricht, wird es zum Schrei,
denn jener, dem die Rückkehr nicht beschieden,
hat mir den Gruß noch zugewinkt, weil ich
der heimatlichen Ufer Nähe ihm verkündet.
Wie ein Gespenst trat bald der Mond hervor
und hat von Schnee ein weißes Grabtuch
auf Dächer, Firste, Gärten der Vaterstadt
gebreitet. Da sah ich schon des Feuers Zähne
sich durch die Taue, die alten Hölzer fressen,
da hörte ich den Schuß, den tödlichen.

 

Jul 17 20

Im Anfang

Im Anfang war nicht Dust und Dunst,
nicht Schrei der Irre, Wahngebärde,
des frühen Lichtes Liebesgunst
hob sich die Blüte aus der Erde.

Der Tafeln helle Zeichenspur,
der Honig aufgeblühter Münder,
der Rebstock rankender Natur
war Traum und Tat der edlen Gründer.

Die Sage duftete im Mohn,
in weiche Locken eingeschlungen,
dem Monde hat Endymion
im Tau des Kusses nachgesungen.

Das Gold der Nächte war erwacht
in Zweigen, tropfend von den Schauern,
die blauen Fittichs Hauch gebracht,
es quoll im Efeu durch die Mauern.

Im Anfang schied der Dichterfürst
das edle Wort von dem gemeinen,
die Knospe auf dem Sonnenfirst
von Augen, die im Dunkeln weinen.

Wir bleiben holden Geists umringt,
erfühlen wir an herbstlichen Farben,
daß Feuer aus dem Welken springt
und unsre Herzen noch nicht starben.

 

Jul 16 20

Menschliches Elend

Sanfte Sternenblicke strahlen
euch den schönen Himmelsgruß.
Um vom Mißgeschick zu prahlen,
stiert ihr auf den Kot am Fuß.

Nachtigallenherzen tropfen
Purpur in das dunkle Laub.
Krank von bangen Blutes Klopfen
bleibt für ihren Sang ihr taub.

Wundersagen, blaue Wogen
hoben Blüten auf das Land,
dünktet euch vom Wahn betrogen,
und ein Hauch der Frühe schwand.

Vor des Himmel frohen Boten,
wie ein edles Leben glückt,
spuckt ihr aus das Gift der Zoten,
Gift, woran ihr selbst erstickt.

 

Jul 15 20

Gnadenstrahl

Aus dunklem Grund ein Gnadenstrahl,
er zittert durch das Schattenlaub,
er küßt den bleichen Mund der Qual,
ein Seufzen steigt aus Nacht und Staub.

Was zwischen Tang und Fäulnis schweift,
verwunschner Teiche Pollenschlick,
am Glanz zum Knospenaug gereift
hebt es ins Blau den Blütenblick.

Verschollenen am wüsten Strand,
der Heimat eingedenk, vom Meer
betäubt, schreibt er im toten Sand
die Zeichen froher Wiederkehr.

Der Liebe, die im Dunkel liegt,
der Mond der Lider sank verfrüht,
hat er das welke Herz gewiegt,
die Rose, von ihm angeglüht.

 

Jul 15 20

Hohe Mächte

Wie Himmels hohe Mächte sind,
der Sand der Dünen und die schiefen,
die Kiefern fühlen es im Wind.

Wo Flammen vor geweihten Schreinen
der Stille Dämmerung vertiefen,
erglüht der Schmerz mit edlen Steinen.

Wenn Schwäne unter schrägen Strahlen
ins Zwielicht grüner Wasser tauchen,
seufzt schon im Schilf ein Mond der Qualen.

Das hohe Wort im Flammenschein
kann spröden Lippen Anmut hauchen,
die Sanften wärmt sein goldner Wein.

Wann wird die seine Welt verpesten
mit ihrer Seele Kot, den vielen
das Feuer schneiden die Gebresten?

Wann wird, die sich im Geist vergessen
mit stinkender Wörter Lustgespielen,
die Flamme ihre Zungen fressen?

 

Jul 14 20

Der Fluch

Von eignen Blutes Dunst berauscht,
geblendet von eigner Träne Glanz,
gehst lallend du ins Niemandsland.

Ein Vogel ruft dir überm Ahnengrab,
sein Lied sinkt wie ein tauber Flügel,
sein Lied fällt wie ein Flaum herab.

Zerknirschten Worts Kristalle prasseln
aufs Grinsen deiner Totenmaske,
von schwarzem Strahl gebrannten Ton.

Die dich aus Wogen rufen, blauen,
der hohen Andacht reine Glocken,
verworfne Gnade wird dir Grauen.

Der Fluch ist wie die schwärende Wunde,
die eitert unter Gottes Hauch,
du gehst am eignen Gift zugrunde.

 

Jul 14 20

Flaumgetändel

Abgeblüht an Schattengittern,
Schwermut, leichter Geister Los.
Wimpern müder Dinge zittern,
Flaumgetändel, Dämmermoos.

Wassers spiegelndes Entzücken,
Lächeln, das um Blüten quillt,
hingebogner Anmut Rücken,
Laub der Nacht hat ihn verhüllt.

Mondes Träne, die verglühte,
Windgefältel, Blumenschaum,
was auf Wellen sich versprühte,
senkt die Lider, atmet kaum.

 

Jul 12 20

Der Sonne Echo ist ein Vogelschrei

Ein Atem hebt die Zweige, teilt die Schatten,
als wären sie vom Anhauch überglänzt,
emporgezittert unterm Mond der Frühe,
die Wangen roter Früchte, tränenfeucht.

Der weiße Schleier, Wassers Traumgewölk,
von warmer Bläue Kuß hinangesogen,
läßt seines Saumes Tropfen fallen, Rosen,
sie schlafen noch, wenn auch ihr Lid schon bebt.

Und aus der Höhe kehren Geistes Flammen,
der Freude Wimpern rudern in die Flut
des lichtumschäumten Sinns, das Horn der Sonne,
es braust durchs Gras, das Blut quillt auf.

Der Sonne Echo ist ein Vogelschrei,
das Muhen, Ächzen, Gurren durstiger Kehlen,
und Kräuter rupfend, Euter kosend Zungen.
Wann, armer Mensch, flammt auf dein trüber Sinn?

 

Jul 11 20

Eschatologische Brocken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die reizenden Speiseattrappen in den Auslagen japanischer Restaurants kannst du nicht essen. Doch die synthetischen Attrappen und sinnlosen Wortballungen, die als Dichtung auf dem Markt kursieren, sie sollen dich nähren.

Die Grenze des Sagbaren ist der Unsinn, die Inkonsistenz. Manche, von allen guten Geistern verlassen, überschreiten sie mit triumphierendem Grinsen, manche stolpern unbesehen darüber und ihr hilfloses Strampeln im Morast des Unfruchtbaren macht ein klägliches Bild.

Frauen verderben den Staat, höhere Töchter die Poesie.

Banale Gedanken, Provinzpossen und Zoten unter der Rubrik „Vermischtes“, versteckt hinter wüstem Gestrüpp dorniger Metaphern, bebrillte Mädchen, schamhaft versteckt oder albern kichernd unter künstlich angefeuchteten Ranken, aufgeklaubt aus dem Lexikon poetischer Wendungen.

Scharlatanerie und Schaumschlägerei scheinen erblich zu sein. Jedenfalls lesen wir in einem Gedicht des ältlichen Mädchens, das in diesem Jahr mit dem höchsten deutschen Preis für Dichtung ausgezeichnet wird, von „toten, selbstvergessenen Mäusen“, eine Wortgrimasse, die uns vor jeder weiteren Lektüre in den Werken der Dekorierten abschreckt, will sagen, bewahrt; fraglos, daß Tote nicht selbstvergessen, ihrer selbst Vergessene nicht tot sein können; doch den feinsinnigen Juroren aus Darmstadt gilt solche inkonsistente Sprachfäulnis wohl für einen Ausweis bacchischer Anhauchung – auch wenn sie nur dem papiernen Gekröse müde malmender Talmi-Mänaden gleichkommt.

Anders ist das in sich hart Gefügte und dunkel Gefaltete zu sagen, wie daß die Erfahrung des Heiligen beides umfasse, ein Fascinosum und ein Tremendum; hier wird der Begriff des Heiligen vertieft und ins Zwielicht seiner inneren Polarität getaucht.

Die bäurische Zunge, wie sie in der alten Komödie sabbert und sabbelt, begnügt sich mit dem rauhen Relief schlichter Geschmackswerte; die urbane verfeinert sie um immer weitere Nuancen, wie die Etikettierungen der römischen Weinsorten bei Horaz und Martial belegen. – Am Ende dieser sich ins Verstiegene und Absonderliche windenden Ranke der Sublimierung und des Raffinements ergreift den überfeinerten Geschmack Überdruß und Ekel, Ennui und taedium vitae, er verfinstert sich stoisch, schiebt die mit exotischen Früchten verblendete Torte mit saurer Miene vom Tisch und sucht die wässrigen Wonnen frugaler Genügsamkeit oder imaginierte Ausfahrten nach einem Kythera paradiesisch schlichten Hirtenlebens.

Erst gräbt der Stichel scharfe, pointierte Linien und kolossale Fugen; dann reiht er Ornamente um die Amphoren und Krüge fetter Öle und edler Weine und der geschmackssichere Pinsel zaubert Symposien festlicher Menschen darunter; schließlich will sich das verwöhnte Auge an geschwungenen Linien, lächelnden Falten, zitternden Wimpern der Dinge ergötzen. – Am Ende senken sich die müden Lider und verhüllen die üppigen Formen wollüstigen Fleisches und die grellen Lüste des Tages in einer Dämmerung, in der die mystische Kerze mit den Schatten einsamer, intimer, ermattender Gesten Endzeit spielt.

Früh ist es die Mutter der Kinder, und ihr Erzeuger nur ein weiteres großes Kind, das die Kleinen umhegt, beschützt, verköstigt; dann sehen wir auf römischen Grabmalen Mann und Frau seelenvoll Schulter an Schulter, Hand in Hand, zwischen sich nur leisen Abschieds Dankeshauch; schließlich effeminiert sich der Mann, bewundert sich im Spiegel, schminkt sich, tänzelt, singt schmachtende Lieder. Am Ende flieht er angewidert und sein Selbst hassend Haus und Herd, kleidet sich in ein härenes Gewand und murmelt in der Wüste der Einsamkeit monotone Litaneien vor einem Schreckensbildnis göttlicher Leiden.

Die unbehauenen Brocken und monströsen hölzernen Götzen der Frühe; magische Halbedelsteine, Fetische, Amulette; die singende Flamme der Haine, die süßlichen Wolken von Weihrauch und dampfendem Opferblut. Dann blendet das enigmatische Lächeln der archaischen Koren, kühlen den sehnsüchtigen Blick die Wasserspiele im durchsichtigen Gefält der olympischen Götter, berücken die üppigen Knospen des Eros und die wogenden Locken der Aphrodite. Am Ende der Schauer der aufgestapelten Schädel in den Katakomben und die schlichte Liebesgeste des guten Hirten.

Erst die grobe Skala, einfache Distinktionen der Wahrnehmung zwischen hell und dunkel, warm und kalt, hart und weich, süß und bitter; dann parasitieren und fruchten an ihnen die frühen Metaphern für Leben und Tod, Freude und Trauer, Glück und Elend, Heiterkeit und Schwermut: der Acker der Worte und Bilder, auf dem die Dichtung sät und erntet, ausgesetzt den Sagen und Pollen des Winds, gefurcht von den Wettern und Blitzen der Offenbarung, dörrend unter dem Schweigen der Himmlischen.

Wie die Fiktion einer adamitischen Sprache oder einer gleichsam osmotisch-halbbewußten Kollektivverständigung sich aus der Warte des Turmes zu Babel ergibt, so auch das Wort Herders von der Poesie als der Muttersprache der Menschheit als Projektion aus der Mannigfaltigkeit der Stimmen aller Völker und Zeiten.

Ein anderes Licht strahlt die mediterrane Sonne Homers, ein anderes der Mond über dem nördlichen Moor eines Keats, das Zwielicht in den Augen der Asen.

Anders duftet die Zeder des Hohen Lieds, anders die Myrthe des Horaz, der purpurne Apfel des Paris mundet einer Göttin, das karge Brot Trakls dem fremden Wanderer; anders rauscht der Quell der Hippokrene, anders der verborgene Born eines Novalis und Brentano.

Gedichte werden von den Stimmen der Völker in den Himmel der Heimat getragen. – Die sich anbahnende Welt des globalen Staats ohne Völker und heimatliche Atmosphären wird keine Dichtung mehr hervorbringen.

Mögen grell bemalte Nackte in gefiederten Masken da und dort in einer Steppe oder einem Urwald noch ums Feuer springen und ihre ekstatischen Gesänge anstimmen, hierzulande wurden die aus der Heimaterde gesproßten geheimnisvoll duftenden Knospen des Volkslieds längst vom dumpfen Tritt industriell konfektionierter Schlager niedergetrampelt und von Bonbon-Knebeln marktkonform verabreichter Pop-Schnulzen erstickt.

Gedichte von Baudelaire und Verlaine sind, was hinter ihrer Übersetzung an Duft, Aroma, Klang- und Farbenspiel in die Dämmerung des Unübersetzbaren zurücksinkt.

Je fortschrittlicher, komfortabler, lärmender das zivilisierte Leben, umso dumpfer, geistloser, nuancenärmer der sprachliche Ausdruck seiner intellektuellen Fürsprecher und Repräsentanten.

Massenhafte Abtreibung embryonaler Keimlinge von Esprit, Feinsinn, Divinationsvermögen, intuitiver Kraft.

Didaktik der Verblödung, Pädagogik der Infantilisierung, Schule des Konformismus, Herrschaft der Phrase, die als verführerische Schlange von Egalität lispelt, deren Biß aber das Gift der Abstumpfung und betäubender Gleichgültigkeit verabreicht.

Die Fahne der Menschenwürde aufgepflanzt auf dem stinkenden Verwesungsdung des Erhabenen und Edlen, müde herabwehend im Fäulniswind der Selbstverachtung.

Organisierter Argwohn und Hetze gegen alles, was im Fühlen, Denken, Sprechen den gekrümmten Rücken des Amts- und Zeitungsdeutsch radebrechenden Journalisten und speichelleckerischen sogenannten Kulturschaffenden, also Kulturzertrümmerers und Wahrheitsikonoklasten, überragt.

Wenn sie nichts anzuklagen, zu verschreien, zu verdammen haben, wissen sie nichts Eigenes zu sagen.

Was ihnen vor Augen liegt, unscheinbare Veilchen des sonnigen Augenblicks, Knospen eines leuchtenden Kairos, sie sehen es nicht, verdeckt es doch ihr eigener Schatten.

Die der Natur mit welterneuernden Heilsprogrammen auf die Sprünge in ein biederes Schrebergarten-Paradies zahn- und hodenloser Halbaffen helfen wollen, verleugnen ihre eigne, blind für die schicksalhafte und geschichtsmächtige Wahrheit des Geschlechts, der Rasse, der Herkunft, der Begabung und des Genies.

Im Augenblick der Entscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, Lebendigem und Abgelebtem, Größe und Niedertracht, Flamme und Asche vermitteln zu wollen, welch ein widerwärtiges Zeichen von Mittelmäßigkeit, Feigheit und diskurs-, sprich geschwätzvernarrtem Plebejertum.

Was bleibt, wenn die kulturelle Substanz eines Volkes aufgezehrt, die Flamme seiner geistigen Überlieferung erloschen ist? Einzelne ziehen sich in die Höhlen ihrer einsamen Grübeleien über das Verlorene zurück, andere werfen den Büttel hin und verzechen ihre Rente, zeigt sich im fahlen Nebel des Horizontes doch nicht wie in der Wende des römischen Reiches das Licht eines neuen Aufbruchs, eines neuen Mythos, eines neuen Gottes.

 

Jul 10 20

Letztes Glück

Wie wenn den Vorhang Nachtwind bauscht,
und liegst vom Spiel des Lichts geschieden,
wie Wasser, morgenrotberauscht,
versumpft, von Blumenmund gemieden.

Was aus Geweb von Schatten blinkt,
kein Stern ist es auf blauem Hügel,
und was auf deine Lider sinkt,
ist keines Traumes sanfter Flügel.

Würgt dich der dumpfen Stille Strick,
reiß nur das Fenster auf: Vorm Schmachten
und Schmatzen schauderst du zurück,
vor Tieren, die dein Leid verachten.

Das Elend, es ist lang, das Ende kurz,
ein tiefes Blau harrt dein, nun tauche,
eratme letztes Glück im Sturz,
die Nacht küßt dich im sanften Hauche.

 

Jul 9 20

Die tote Liebe

Die toten Scherben,
von einem dumpfen Fuß versprengt,
beginnen hinter ihm zu glitzern,
vom Strahl des Monds betaut.

Die toten Bilder,
vom Staube des Erinnerns blind,
hebt in den Traum ein Glanz
von Tränen sanfter Reue.

Die toten Worte,
Belag der mürb gesprochenen Zunge,
erquicken sie, verwandelt
in Tropfen eines edlen Weins.

Die tote Liebe,
von tauben Händen eingemauert,
wie bröckelt ihr Verlies,
von einem Flügel kaum gestreift.

 

Jul 9 20

Der Duft der Worte ist verpraßt

Kommt nun der Schnee, kommt nun das Schweigen?
Der Tag erlischt, das Herz verblaßt.
Der Duft der Worte ist verpraßt,
die müde Stirne will sich neigen.

Lang zittert noch das Zwie-Gefunkel
am aufgelassenen Horizont.
Der Geist ist noch besonnt,
das Wort liegt schon im Dunkel.

Nun endlich sinkt der Flocken-Schleier.
Die Erde dämmert traumlos ein.
Der Mond bringt seinen goldnen Wein
zu einer stummen Totenfeier.

 

Jul 8 20

Am Saum der Nacht

Wenn Abendhauch die Stirne kühlt,
verdämmert ist das Glück der Rosen,
wird Schatten unsrer Hände Kosen,
hat Wehmut schon das Herz durchwühlt.

Und glänzt des Mondes Auge blind,
wie knisternd meine Schmerzgedanken
sich um dein bleiches Antlitz ranken,
wie zittert jedes Blatt im Wind.

Das Wasser hat es längst gesagt,
das Seufzen tief, das hohe Rauschen.
Was wir am Saum der Nacht erlauschen,
ist nur ein Tier, das Träume nagt.

Ist kein Gesang, dem Licht gelingt?
Komm, legen wir uns im alten Garten
auf weiche Moose hin und warten,
ob uns die Nachtigall noch singt.

 

Jul 7 20

Efeukränze

Nur wer den edlen Wein getrunken,
von Himmelshauch betaute Beere,
ihm weht der Geist aus fahler Leere,
erblüht das Bild, im Leid versunken.

Wem weichen Abends Schatten winken,
im Schilfe zittert Mondes Träne,
erfühlt die reine Lust der Schwäne,
in Wogen grünen Schlafs zu sinken.

Wem noch das Auge sich beglänze
an hoher Ahnen moosigen Malen,
er huldige ihres Geistes Qualen
und winde Liedes Efeukränze.

 

Jul 7 20

Blauen Abgrunds Rätselschrift

Schreibt uns ein Fremder wunderliche Briefe,
schreibt er uns Traumberichte
in flüchtiger Wolkenschrift?

Wie wechselt grau und blau sein Blatt,
wer kann es lesen denn mit Sterbensblicken,
was Blitze zuckend krakeln
auf der grünen Tafel Nacht,
die Adern, Flecken, Falten
auf Stein und Blatt und Tiergesicht,
der Erde moosumschluchzten Dämmerschoß,
und die ihn wecken, furchen, ritzen,
Sonnenküsse, Sonnendolche,
wie Wasser Blumenworte wiegen,
Flocken blinde Wildnis streuen.

Ihr Quellen dunkler Klagen!
Warum die Ströme jubelnd ins Verlöschen schäumen,
bunte Falter braun verrotten,
Libellen-Flimmerflug erstarrt,
warum der heißen Tiere Nachtgebell,
und aus der Asche wieder Grünen,
und aus gekosten Wangen Staub,
warum geküßten Augen Tränen rinnen
auf den kahlen Karst der Einsamkeit,
warum der Anmut roter Mohn ergraut
und Hohnes Spucke löscht die reine Flamme Lied.

Warum sich aus dem Lachen weicher Knospen,
von Lichtes Zähnen wild zerbissen,
in wuchernde Fäulnis immer stürzen
Samen neuen Lebens,
Samen neuen Tods.

O blauen Abgrunds Rätselschrift,
o Rosen, Flehen, dornenwund.

 

Jul 6 20

Auf Hamanns Grab

In die Züge deines Namens, heißt es, seien des Lebens
sinnende Moose, sei, Hamann, ein dämmerndes Grün
eingedrungen. Wie rinnender Tau erglänzt in der Sonne,
quillt im Buchstaben H aus deinem Namen ein Hauch
ewigen Dichtergeistes zur Erde, verhüllt aber Schnee uns
alle Spuren der Schrift, harren wir kommender Glut.

 

Jul 6 20

Der Schatten

Weinlaubs rote Schleife
nestelt auf ein Hauch.

Knospe springt im Schlaf,
weiße Blüten fallen.

Lauen Windes Locke
schüttelt ab den Tau.

Träume wickelt auf
goldenen Lichtes Spindel.

Trauben rufen Sonnen,
Duftes Pollen Schoß.

Welle wiegt das Schilf,
Halmes Tanz die Mücke.

Frische Kränze windet
blinder Sänger Tod.

Einsam fällt aufs Gras
eines Menschen Schatten.

 

Jul 5 20

Wasser seufzt im Schlaf

Wasser seufzt im Schlaf.
Grauer Schaum der Nacht.

Traumes Glas verklingt.
Wimpern wirbeln Glanz.

Honigwabe Licht,
trunkne Biene Schmerz.

Zweige atmen auf.
Schatten werden Gras.

Tropft es weich aufs Blatt,
schwirrend wird es wach.

Weiße Blüte schwingt,
rote Blüte glimmt.

Wangen müden Glücks
färbt Hortensienstaub.

Wolke öffnet sich,
Schneegefieder sinkt.

Sonne hämmert Gold,
Gaias edlen Reif.

Kirsche dunkelrot,
Liedes feuchter Mund.

 

Jul 4 20

Das Gespenst

Nacht für Nacht weckt dich das Schnauben,
als dringe einer Schnauze heißer Hauch
durch Spalt und Ritze, rinne Speichel
über die bebende Schwelle der Tür.

Dann entsteigt wie dunklem Klaffen
Gewinsel und hungrige Kralle kratzt
ans Holz den schwirrenden Rhythmus von Tänzen,
der ins Herz dir Funken sprüht.

Fahler Morgen, der durchs Fenster sickert,
bringt dir den Schlaf, der Ohnmacht gleich.
Sind was dich heimsucht Gespenster
erstickten Atems, unerhörten Blicks?

Abends schiebst du vor die Türe
wie einer Katze einen Napf
mit Milch, den fremden Durst zu stillen,
doch bleibt unberührt er stets.

Herz spricht wahr: Blut mußt du geben,
dein eignes Blut, das Rinnsal Schmerz.
Nun hörst du seine schlürfende Zunge.
Doch wie lange hält es still?

 

Jul 3 20

Wolken, Quellen, Ströme

Wolken, windbetörter Schaum,
Feen lichtentzückter Tropfen,
Schnee-Dämonen Flimmer-Staubs,
fliegende Mähnen der Mänaden

Quellen, blauer Nächte Sang,
Seufzer-Ammen schlummernder Gräser,
Lächeln über starrem Stein,
trüber Erde Glanz-Najaden.

Ströme, Adern grünen Bluts,
Gründerväter edler Völker,
Rauschende im Schilf des Traums,
knospenspiegelnde Meeresboten.

Lieder, Wolkenflucht im Blau,
heiße Herzen kühlende Quellen,
Ströme ihr zur stillen Bucht,
dunklen Abschieds helle Tränen.

 

Jul 3 20

Charles Baudelaire, La Musique

La musique souvent me prend comme une mer !
Vers ma pâle étoile,
Sous un plafond de brume ou dans un vaste éther,
Je mets à la voile ;

La poitrine en avant et les poumons gonflés
Comme de la toile,
J’escalade le dos des flots amoncelés
Que la nuit me voile ;

Je sens vibrer en moi toutes les passions
D’un vaisseau qui souffre ;
Le bon vent, la tempête et ses convulsions

Sur l’immense gouffre
Me bercent. — D’autre fois, calme plat, grand miroir
De mon désespoir !

 

Die Musik

Oft ergreift mich wie ein Meer Musik.
Für meinen Stern, den fahlen,
soll unter Nebeln oder Himmels blauem Blick
mein weißes Segel strahlen.

Bläht die Brust, die Lungen Überschwang,
wie Sturmes pralle Fahnen,
ersteige ich der Wogen steilen Hang,
schwärzt Nacht auch alle Bahnen.

Ich fühle mich in Lust und Qual entrückt,
ein Schiff mit morschem Steuer,
Lüfte, sanft und Wetter, blitzverzückt,

über Tiefen ungeheuer,
wiegen mich. – Dann stiller Spiegel, glatt und weit,
der Hoffnungslosigkeit.

 

Jul 2 20

Das verschlungene Herz

Während es noch träumt,
wird dein Herz verschlungen,
wie die ein Glitzern fing
im Sonnentau die Fliege.

Das Herz der Fliege nährt
die Glut der Carnivore.
Wird hell von deinem Blut
das Dunkel fremden Lebens?

Im stummen Blau der Nacht
stehst du, ein schmaler Schatten.
Sind, was im Leeren blitzt,
Kometen, sind es Träume?

Am grauen Saum des Meers
lauschst du, ein Unbehauster.
Sind, was aus Tiefen seufzt,
die Wellen, sind es Seelen?

 

Jul 1 20

Stumme Träne

Hellen Abschied lächeln
Wolken, weiß und weich,
die mir Träume fächeln,
Lüfte, blütengleich.

Rosen um die Bläue,
letztem Licht geglückt,
haltet mir die Treue,
bis das Herz entrückt.

Sinken deine Flügel,
Nacht, so totenstill,
Mond auf kahlem Hügel,
stumme Träne, quill.

 

Jun 30 20

Tönungen des subjektiven Lebens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Ist das philosophische Denken fruchtbar, wie es das Dichten, Malen, Komponieren im besten Falle zu sein scheint? – Die Hebamme Sokrates, was sie ans Licht des Tages aus welcher Nacht Schoß auch immer zu schlüpfen verhilft, sie hat es nicht gezeugt, hat es nicht ausgetragen.

Die Unfruchtbarkeit der medienhörigen Intellektuellen und Feuilletonphilosophen wird daran kenntlich, daß sie vor ihren mit Sprachgerümpel und Talmijargon beladenen Karren den lahmen Gaul einer sinisteren Doktrin oder einer die Menschheit humanistisch einseifenden oder apokalyptisch blendenden Ideologie spannen.

Sie wollen etwas sagen, das heißt, sie können es nicht, oder es läßt sich aufgrund inkonsistenter Fäulnis nicht oder nur mit größtem Widerwillen über die Zunge bringen.

Der Dünkel hüllt sich in vom Rampenlicht verklärte enigmatische Wolken, die verletzte Eitelkeit übertüncht ihre Pickel mit der Schminke greller Sophismen, das verkannte Genie glaubt sich im Winkel unterm Spinnenweb selbstgesponnener Rätsel schmollend ewig unverstanden.

„Menschheit!“, „Humanität!“, „Fortschritt“, „Vernunft!“, „Freie Wahl von Herkunft, Eltern, Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung!“, „Freie und geheime Wahl von Todesart und Todesstunde!“, „Öffentliche Bloßstellung, Demütigung und Spießrutenlaufen für Rassisten, Nonkonformisten und weiße Elefanten!“, „Lachgas für die Moribunden!“, „Bier und Bratwurst für alle!“

Mit großen Worten, steilen Thesen und parfümierten Phrasen locken wie die schon welke Schönheit mit ausgestopftem Busen und fettem Lippenstift.

Zu den Wörtern, die leicht ins logisch-semantische Chaos und Verderben ziehen, gehören die Wörter „alle“ und „nicht“. – „Alle Raben sind Vögel“ oder „Es ist nicht der Fall, daß ein Rabe nicht ein Vogel wäre“ ist kein empirischer Satz, der durch den spektakulären Fund eines Raben widerlegt werden könnte, der kein Vogel wäre, oder der durch die empirische Untersuchung aller Tiere bestätigt werden könnte, derart, daß unter den Nichtvögeln kein Rabenkrächzen vernommen ward.

Ist der Satz „Alle Raben sind Vögel“ wenn nicht empirisch also apriorisch? Er ist ein Satz mit dem Schein logischer Notwendigkeit über eine kontingente sprachliche Tatsache, nämlich, auf welche Weise wir Raben als Vogelart zoologisch klassifizieren.

Unter allen Dingen in dem Zimmer, in dem ich dies schreibe, finden wir Stühle, Bilder, Bücher, aber nicht mich; ich bin derjenige, der Dinge in diesem Zimmer sieht, sie als Stühle, Bilder, Bücher benennt.

Gewiß, einer, der mich kennt und an mich denkt, mag mich vielleicht vor seinem geistigen Auge in diesem Zimmer sitzen sehen und dabei das Körperschema im Blick haben, das dem ähnelt, das ich im Spiegel erblicke oder auf einem Foto. Doch mit der Aussage, du seist gestern mit deinem Freund spazieren gewesen, meinst du nicht, du seist mit seinem Körper unterwegs gewesen, schon gar nicht mit einem von gewissen Organen umhüllten Gehirn, auch wenn dieser Körper ohne ein Gehirn nicht gehen und reden könnte. – Doch schon zu sagen, der Körper geht und redet, überschreitet die Grenze zum Unsinn.

Das subjektive Leben, das wir führen, ist nicht beschreibbar wie das Leben des Hundes, dessen Körbchen vor unserem Bett steht.

Was es mit dem subjektiven Leben auf sich hat, kann vielleicht nur metaphorisch vergegenwärtigt werden, mit mehr oder weniger kühnen Bildern wie der Wölbung und Verzerrung der Raum-Zeit durch eine schwere Masse, der Tönung eines Bildes durch ein Clair obscur, der Brechung des irisierenden Lichts in einem Kristall, der Modulation eines musikalischen Themas oder dem Mitschwingen der Obertöne über einem angeschlagenen Grundton.

Was wir subjektives Leben nennen, ist keine Sammlung psychologischer Tatsachen und kann durch keine empirische Psychologie erfaßt werden.

Natürlich sind Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen empirisch erforschbar, ja meßbar und auf ihre biologische und soziale Funktion oder geschlechtsspezifische Rolle und Färbung hin beschreibbar; doch nicht die seltsame Tatsache, daß ich oder du sie haben, wir uns im Medium von Empfindungen, Gefühlen, Erinnerungen unmittelbar gegeben sind.

Mit den empirisch-wissenschaftlichen Methoden, mit denen wir Licht- und Klangwellen untersuchen, können wir nicht die Tatsache erklären, daß ich und du sie sehen und hören.

Der Mediziner und Neurologe kann detailliert und mit wissenschaftlicher Präzision uns darüber aufklären, wie Photonen über Auge und Netzhaut aufgenommen und im visuellen Cortex verarbeitet werden; aber nur aufgrund sprachlichen Mißbrauchs wird er vom Gehirn sagen, daß es die auf solche Weise erzeugten visuellen Bilder sehe.

„Ich sehe, empfinde, fühle, erinnere mich …“ – diese Wendungen sind nur scheinbar Bausteine rein empirischer Sätze oder rein psychologischer Aussagen; wir erkennen dies unmittelbar, wenn wir sie durch Einsetzen der dritten Person in echte empirische Aussagen umformen.

Wenn ich etwas sehe, heißt dies nicht, ich hätte visuelle Bilder im Kopf; denn auch diese müßte ich ja wiederum sehen.

Was ich sehe, ist nicht nur dies und das, sondern die Welt in ihrer Bedeutsamkeit für mein Leben.

Du kannst mich durch den Hinweis korrigieren, daß es bei dem Baum dort, den ich für eine Tanne halte, in Wahrheit um eine Fichte handelt. Doch gleichsam eine kopernikanische Wende in der Weise zu erfahren, in der ich die Welt sehe, dazu bedürfte es größerer Korrekturen und Erschütterungen.

„Hans hat fünf Bernsteine in der Hosentasche.“ – „Er hat einen Freund.“ – „Peters Fahrradhelm ist blau.“ – „Peter ist Hansens Freund.“ – Auch in den kleinen Wörtern haben und sein lauern die tückischsten logisch-semantischen Fallstricke.

Wenn Peter Hansens Bernsteine stibitzt, ist er die längste Zeit sein Freund gewesen. – Die Bernsteine haben nicht ganz freiwillig ihren Besitzer gewechselt, die Freundschaft zwischen Peter und Hans ist zerbrochen.

Wir sprechen von Bernsteinen als von Sachen, Dingen, Objekten, dagegen von der im Sinne Goethes sittlichen Wirklichkeit der Freundschaft, die sich in keinem Einzelding darstellt, in keiner Sache inkarniert. Diese Wirklichkeit, in der wir leben und weben, läßt sich beschreiben, doch nicht wie die Anzahl, die Farbe, der Ort von Bernsteinen. Zu ihr gehören das Lächeln Peters, wenn Hans ihm seine Bernsteine schenkt, und die sittliche Natur von Konventionen und Ritualen wie das Schenken sowie moralische Gefühle wie Hansens Empörung und Wut angesichts des Verrats und der Hinterhältigkeit des untreuen Freundes, aber auch Peters schlechtes Gewissen, aufgrund dessen er seinem ehemaligen Freund tunlichst aus dem Wege geht.

Zur Freundschaft wie zur Liebe (aber auch vice versa ihren Widerparten Feindschaft und Gegnerschaft) gehören die mit ihnen verknüpften sozialen Gepflogenheiten wie das Geschenk, die Hilfeleistung, das gemeinsame Fest sowie die sie umhüllenden und tragenden Emotionen und moralisch getönten Gefühle wie Freude und Trauer, Dankbarkeit und Verzicht, Hoffnung und Zweifel, Zuneigung und Mißtrauen.

Die Freude über das Geschenk des Freundes und die Trauer und die Verzweiflung aufgrund des Zerbrechens der Freundschaft sind von anderer Natur als die Freude des Kinds, wenn sich die Mutter über die Wiege beugt, und seine Verzweiflung, wenn es nachts hungrig aufwacht und ihre Nähe vermißt.

Wenn wir gefragt werden, was wir mit „Bernsteinen“ meinen, können wir auf die Sammlung in der Vitrine oder eine Abbildung zeigen; wenn Peter nach der Bedeutung des Wortes „Freund“ gefragt wird, kommen wir semantisch nicht von der Stelle, wenn er auf Hans zeigt.

Peter könnte beschreiben, wie er sich im Umgang und in Bezug auf Hans verhält; daß er ihn als ersten zum Geburtstag einlädt, ihm Ansichtskarten aus dem Urlaub schickt, ihm sein Fahrrad ausleiht, in seiner Abwesenheit seine Katze hütet, ihn bei verbalen oder tätlichen Attacken schützt und verteidigt, für ihn einkaufen geht und das Essen zubereitet, wenn er krank darniederliegt.

So könnten wir einem, der seine Bedeutung nicht kennt, das Wort „Freundschaft“ erklären; nicht aber die Bedeutung des Wortes „Bernsteine“, wenn wir beschreiben, was wir mit ihnen machen: sie ihrer Farbenpracht wegen sammeln und gerne anschauen, sie gegen andere eintauschen, die wir lieber haben wollen, sie durchbohren und auf Fäden stecken, um die Kette einer Freundin zu schenken.

Wenn wir über längere Zeit Gedichte einiger bedeutender Dichter gelesen haben, kommen wir allmählich oder in einer plötzlichen Intuition dahin zu verstehen, was wir mit „Dichtung“ meinen. Doch fänden wir keine Definition dessen, was ein Gedicht ausmacht, mit der wir einem, der noch nie eines gelesen oder gehört hat, die Bedeutung des Worts mit einem Schlag verständlich machen könnten; sodaß er, trifft er demnächst zufällig auf ein Gedicht, sagen könnte: „Aha, das ist ja ein Gedicht“, wie einer, dem man die Regel zur Bestimmung einer Primzahl beigebracht hat, für jede ihm vorgelegte natürliche Zahl zwischen 1 und 100 angeben könnte, ob sie eine Primzahl ist oder nicht.

Wenn Peter und Hans einander als Freunde betrachten, sind sie es; denn bei einem reziproken Verhältnis genügt der Anspruch eines einzelnen nicht. Doch wenn Hans und Martha sich als verheiratet betrachten, sind sie es keineswegs, es sei denn ihre Ansicht ruht auf einem institutionellen Pfeiler und Dokument wie einem Ehekontrakt. Die Ehe ist rechtlich kodifiziert und kann im Gegensatz zu Freundschaft oder Liebe definiert werden.

Wir können nicht sagen, daß ein Eimer Wasser enthält, wenn er nicht H2O enthält; dagegen können wir von Peter sagen, er sei mit Hans befreundet, auch wenn er nicht besonders verläßlich ist, denn Verläßlichkeit ist keine notwendige Eigenschaft dessen, was wir Freundschaft nennen, und wir pflegen auch mit unsicheren Kandidaten befreundet zu sein.

Es gibt keine endliche Reihe von notwendigen Eigenschaften, sodaß wir, wenn eine fehlt, nicht mehr von Freundschaft (von Liebe oder einem Gedicht) sprechen könnten.

Wenn Peter das Verhalten von Hans schmerzt, können wir davon ausgehen, daß er ihn als seinen Freund betrachtet, anders als wenn ihm sein Verhalten gleichgültig wäre.

Der physische Schmerz und das physische Schmerzverhalten geben uns kein adäquates Modell für das, was wir als den seelischen Schmerz und die von ihm ausgelösten Reaktionen ansehen; wir verbrennen uns die Hand am Feuer und der Schmerz läßt sie uns unwillkürlich zurückziehen. Wir erfahren eine seelische Verletzung in einer Freundschaft oder Liebesbeziehung; doch der Schmerz bleibt zunächst unterhalb der Schwelle des Bewußtseins und tritt erst nach und nach zutage; wir ziehen uns nicht unwillkürlich von dem Freund oder der Geliebten zurück, sondern drängen uns im Gegenteil wie hilflos oder in Panik in ihre Nähe.

In den Sätzen „Hans hat Schmerzen“, „Peter hat viele Bernsteine“ und „Hans hat einen Freund“ gehorcht der Gebrauch von „haben“ ganz unterschiedlichen grammatischen Funktionen. – Dasselbe gilt in den Sätzen „Hans ist Peters Freund“, „Die Bernsteine sind in der Vitrine“ und „Wasser ist H2O“ für den Gebrauch von „sein“.

„Hans hat Schmerzen“ heißt nicht weniger als „Hans empfindet Schmerzen“; Schmerzen zu empfinden bedeutet aber nicht, mentale Objekte im Bewußtsein wie Bernsteine in der Tasche zu haben.

Hans könnte fünf Bernsteine in der Tasche haben, doch glauben, es seien sechs; dagegen könnte Hans nicht glauben, keine Schmerzen zu haben, wenn er welche hat, oder größere, als er wirklich empfindet.

Aussagen, deren Negation zu bilden nicht sinnwidrig ist, nennen wir empirisch, wie den Satz „In diesem Glas befindet sich Wasser“, wenn es in Wahrheit Whisky enthält. Der Satz „Hans empfindet Schmerzen“ ist insofern empirisch nur, als wir ihn auf eine faktische Ursache wie eine Verletzung und Verwundung beziehen können. Aber der Satz ist insofern nicht empirisch, als wir nicht annehmen können, Hans könnte auch etwas anderes empfinden, beispielsweise Freude, wie das Glas etwas anderes als Wasser enthalten könnte.

Die Semantik und logische Grammatik der Sätze, die sich auf das subjektive Erleben beziehen, sind von anderer Art als die Semantik und logische Grammatik empirischer Aussagen, die sich auf das Vorliegen oder Nichtvorliegen von empirischen oder psychologischen Tatsachen beziehen.

Sätze wie „Peter denkt an seinen Freund Hans“ oder „Hans erinnert sich an seinen Freund Peter“ beschreiben keine Tatsachen derart, daß Peter und Hans das Vorstellungsbild ihres Freundes vor Augen haben, Vorstellungsbilder, von denen nicht klar ist, ob man sich nicht in ihnen täuschen oder an welchem Kriterium man ihre Angemessenheit und Ähnlichkeit mit der realen Person beurteilen könnten.

Wenn ich mir den Garten meiner Kindheit als mit Kirschbäumen bestanden vorstelle, in dem in Wahrheit nur Apfelbäume wuchsen, unterliege ich einem Irrtum und erinnere mich nicht an jenen Garten. Wenn ich indes an den Garten meiner Kindheit denke, auch wenn ich nicht mehr weiß, ob Kirschbäume oder Apfelbäume darin standen, erinnere ich mich an ihn.

Sätze über subjektives Erleben wie Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen sind keine epistemische Aussagen; sich an etwas zu erinnern glauben heißt, sich zu erinnern.

Man ist sich einer Empfindung, eines Gefühls, einer Erinnerung mehr oder weniger intensiv bewußt; aber etwas zu empfinden, zu fühlen, sich an etwas zu erinnern sind keine Formen des Wissens. Wir können jemanden, der seiner Schmerzempfindung Ausdruck gibt, nicht fragen, ob er sich seiner Empfindung auch gewiß oder sicher ist; wie jemand, der zu wissen glaubt, daß dieser Becher Wasser enthält, eines besseren belehrt werden kann, wenn es sich in Wahrheit um Whisky handelt.

Was wir subjektives Leben, Bewußtsein, Ich und Selbst nennen, sind keine epistemischen Zustände oder Formen des Wissens; es sind, könnten wir sagen, etwas wie Tönungen, Modulationen, rhythmische Ein- und Ausfaltungen des individuellen Lebens.

Gedichte geben uns im besten Falle Möglichkeiten, neue, ungeahnte, überraschende oder erschreckende Tönungen, Modulationen und Rhythmisierungen des eigenen subjektiven Erlebens zu erfahren. Uns kann sich anhand von Gedichten eine uns bisher unbekannte oder unzugängliche Weltsicht eröffnen, wir können uns an ihnen gleichsam schluck- und probeweise an einem anderen Selbst- und Lebensgefühl delektieren.

Freundschaften wachsen und zerfallen, Gefühle blühen auf und verdorren, Erinnerungen erstrahlen in frischen Farben und verblassen – das subjektive Leben gleicht einem Garten, der mit neuen Beeten bestellt und kultiviert, der vernachlässigt werden und verwildern kann. Es gleicht einer Landschaft, in der unsichtbare Quellen sprudeln und versiegen, über die dunkle Wetter ziehen, ein geisterhafter Mond aufgeht, ein Gewimmel weißer Flocken alle Sicht ins Blaue nimmt und der Schnee die Konturen der Dinge und die Stimmen des Lebens unter einem weichen, fast immateriellen Tuch begräbt und erstickt.

 

Jun 29 20

Charles Baudelaire, Les Hiboux

Sous les ifs noirs qui les abritent
Les hiboux se tiennent rangés,
Ainsi que des dieux étrangers,
Dardant leur œil rouge. Ils méditent.

Sans remuer ils se tiendront
Jusqu’à l’heure mélancolique
Où, poussant le soleil oblique,
Les ténèbres s’établiront.

Leur attitude au sage enseigne
Qu’il faut en ce monde qu’il craigne
Le tumulte et le mouvement ;

L’homme ivre d’une ombre qui passe
Porte toujours le châtiment
D’avoir voulu changer de place.

 

Die Eulen

Auf der Eibe dunklen Zinnen
hocken Eulen dicht an dicht,
seltsamer Götter Angesicht,
stierend roten Augs. Sie sinnen.

Starre hält sie eng geschmiegt
bis zur Stunde sanfter Qualen,
da verlöschen schräge Strahlen
und die Dunkelheit obsiegt.

Ihre Haltung lehrt den Weisen,
dieser Welt sollst du nicht preisen
Aufruhr, wirres Hin und Her.

Die sich am Schattenspiel berauschen,
trifft die Strafe immer schwer,
wollten ihren Platz sie tauschen.

 

Jun 29 20

Niemand tritt ins Bild

Bleiches Linnen
Schnee
über Wurmes Schlaf.

Weißer Knebel
im ausgeseufzten Mund
der Nacht.

Fleckiger Gips,
starre Mumie
Schmerz.

Ein Knirschen dann,
doch niemand
tritt ins Bild.

Ausgerupfter Flaum,
der Mond
schwebt fahl herab.

Und Flocken wieder,
Odem
grauen Stäubens.

Kristalle ritzen
in der Birke Lende
Traum.

Ein roter Tropfen,
Sonne,
rollt ins Tal.

Ein Rieseln dann,
doch niemand
kommt und trinkt.

 

Jun 28 20

Charles Baudelaire, L’Invitation au Voyage

Mon enfant, ma sœur,
Songe à la douceur
D’aller là-bas vivre ensemble !
Aimer à loisir,
Aimer et mourir
Au pays qui te ressemble !
Les soleils mouillés
De ces ciels brouillés
Pour mon esprit ont les charmes
Si mystérieux
De tes traîtres yeux,
Brillant à travers leurs larmes.

Là, tout n’est qu’ordre et beauté,
Luxe, calme et volupté.

Des meubles luisants,
Polis par les ans,
Décoreraient notre chambre ;
Les plus rares fleurs
Mêlant leurs odeurs
Aux vagues senteurs de l’ambre,
Les riches plafonds,
Les miroirs profonds,
La splendeur orientale,
Tout y parlerait
À l’âme en secret
Sa douce langue natale.

Là, tout n’est qu’ordre et beauté,
Luxe, calme et volupté.

Vois sur ces canaux
Dormir ces vaisseaux
Dont l’humeur est vagabonde ;
C’est pour assouvir
Ton moindre désir
Qu’ils viennent du bout du monde.
— Les soleils couchants
Revêtent les champs,
Les canaux, la ville entière,
D’hyacinthe et d’or ;
Le monde s’endort
Dans une chaude lumière.

Là, tout n’est qu’ordre et beauté,
Luxe, calme et volupté.

 

Einladung zur Reise

Kind du, Schwester mein,
laß die süßen Träume ein,
wie die ferne Heimat wir erreichen.
Zu lieben ohne Not,
zu lieben bis zum Tod,
in Ländern, die dir gleichen.
Die naß glitzern, Sonnen,
an Himmeln, Nebelbronnen,
schenken meinem Geist Entzücken,
Dunkel, das nicht tagt,
wie dein Aug, das alles sagt,
wenn auch Tränen es entrücken.

Dort ist alles Ebenmaß in schönem Fluß,
Luxus, Stille, schwelgender Genuß.

Möbel, die klaren,
blank von den Jahren,
würden unser Zimmer schmücken.
Blüten von exotischem Strauch,
die ihren Hauch
mit Wolken Ambers verquicken,
der Decken feine Riefen,
der Spiegel trunkne Tiefen,
die Pracht aus fernem Osten,
all dies wär geheim
der Seele süß ein Reim
von heimatlichem Klang zu kosten.

Dort ist alles Ebenmaß in schönem Fluß,
Luxus, Stille, schwelgender Genuß.

Sieh, wie dort im Hafen
weiße Schiffe schlafen,
schweifen bloß ist ihr Gelüste.
Um dir zu erfüllen
Herzens kleinsten Willen,
kommen sie von fernster Küste.
Die Sonnen, die verscheiden,
sie streuen auf den Weiden,
den Flüssen, allen Wänden
Hyazinthen, Goldes Schein.
Die Welt schläft ein
in Lichtes warmen Händen.

Dort ist alles Ebenmaß in schönem Fluß,
Luxus, Stille, schwelgender Genuß.

 

Jun 28 20

Théophile de Viau, À Chloris

S’il est vrai, Chloris, que tu m’aimes,
Mais j’entends, que tu m’aimes bien,
Je ne crois point que les rois mêmes
Aient un bonheur pareil au mien.

Que la mort serait importune
De venir changer ma fortune
A la félicité des cieux!

Tout ce qu’on dit de l’ambroisie
Ne touche point ma fantaisie
Au prix des grâces de tes yeux.

 

An Chloris

Ist es wahr, Chloris, du liebst mich,
und ich hör, du liebst mich sehr,
ist des Königs Glück, das weiß ich,
nur ein Bach, mein Glück ein Meer.

Mit dem Tod mag ich nicht handeln,
würd mein Glück er auch verwandeln
in des Himmels Seligkeit.

Was sie von Ambrosia schwärmen,
kann das Herz mir nicht erwärmen,
macht dein Auge Sanftmut weit.

 

Vertonung von Reynaldo Hahn:
https://www.youtube.com/watch?v=2UyKVFM-eLY

 

Jun 27 20

Charles Baudelaire, Le Balcon

Mère des souvenirs, maîtresse des maîtresses,
Ô toi, tous mes plaisirs ! ô toi, tous mes devoirs !
Tu te rappelleras la beauté des caresses,
La douceur du foyer et le charme des soirs,
Mère des souvenirs, maîtresse des maîtresses !

Les soirs illuminés par l’ardeur du charbon,
Et les soirs au balcon, voilés de vapeurs roses.
Que ton sein m’était doux ! que ton cœur m’était bon !
Nous avons dit souvent d’impérissables choses
Les soirs illuminés par l’ardeur du charbon.

Que les soleils sont beaux dans les chaudes soirées !
Que l’espace est profond ! que le cœur est puissant !
En me penchant vers toi, reine des adorées,
Je croyais respirer le parfum de ton sang.
Que les soleils sont beaux dans les chaudes soirées !

La nuit s’épaississait ainsi qu’une cloison,
Et mes yeux dans le noir devinaient tes prunelles,
Et je buvais ton souffle, ô douceur, ô poison !
Et tes pieds s’endormaient dans mes mains fraternelles.
La nuit s’épaississait ainsi qu’une cloison.

Je sais l’art d’évoquer les minutes heureuses,
Et revis mon passé blotti dans tes genoux.
Car à quoi bon chercher tes beautés langoureuses
Ailleurs qu’en ton cher corps et qu’en ton cœur si doux ?
Je sais l’art d’évoquer les minutes heureuses !

Ces serments, ces parfums, ces baisers infinis,
Renaîtront-ils d’un gouffre interdit à nos sondes,
Comme montent au ciel les soleils rajeunis
Après s’être lavés au fond des mers profondes ?
— Ô serments ! ô parfums ! ô baisers infinis !

 

Der Balkon

Süßer Bilder Schoß, du höchste aller Minnen,
o du, all meine Lust, o du, all mein Gebot!
Auf der Zärten Schönheit magst du dich besinnen,
des Herdes sanfte Flamme, das holde Abendrot,
süßer Bilder Schoß, du höchste aller Minnen!

Abende hell vom Flackerschein der Ofenglut,
Abende auf dem Balkon in rosiger Schleier Wallen.
Deine Brust, wie mir so sanft, dein Herz, wie gut!
Wir sprachen oft von Dingen, die nicht ins Dunkel fallen,
an Abenden hell vom Flackerschein der Ofenglut.

Wie Sonnen an lauen Abenden schöner untergehen!
Der Raum, wie er sich weitet, das Herz, wie pulst es wild!
Wenn ich mich zu dir neigte, Königin der Feen,
schien mein Atem vom Dufte deines Bluts erfüllt.
Wie Sonnen an lauen Abenden schöner untergehen!

Die Nacht ward undurchdringlich wie eine Nebelbank,
ich spähte ins Dunkel, ob deine Augen Funken spenden,
ich schlürfte deinen Atem, o süßer, o giftiger Trank!
Deine Füße entschliefen bei Brüdern, meinen Händen.
Die Nacht ward undurchdringlich wie eine Nebelbank.

Ich kann dem Fluß der Zeit Glückseligkeit einhauchen,
geschmiegt auf deine Kniee sink ich in ins Paradies.
Wo anders denn in deine schmachtende Schönheit tauchen
als in deines Leibes Blüte, dein Herz so süß?
Ich kann dem Fluß der Zeit Glückseligkeit einhauchen.

Diese Schwüre, Düfte, Küsse ohne Zahl,
sind aus Tiefen sie geboren, die unsren Sonden wehren,
wie Sonnen zum Himmel steigen in verzücktem Strahl
nach einem Verjüngungsbad im Grund von tiefen Meeren?
O ihr Schwüre, ihr Düfte, o Küsse ohne Zahl!

 

Jun 26 20

Der beschuhte Mensch

Trug Adam im Garten Eden schon Sandalen,
die nackte Eva Stiefelchen und Pumps?
Ist Adam abends in flauschige Pantoffeln geschlüpft,
lackierte Eva ihre Zehennägel?

Beschuhter Mensch, wie gehst du unerlöst,
wie unerfühlt bleibt dir der Erde Teppich,
des Grases Tau, der Zuspruch weicher Moose
durchs trockne Leder seelenloser Sohlen.

Mit Stiefeln kann den Matsch, der Furche Blut,
die Asche der Verwüstung der Soldat
fühllos durchwaten, kein Kristall der Gipfel,
kein Wüstenstachel sticht den Bannerträger.

Wie weit willst, Heimatloser, du noch stapfen
mit Füßen, die nur Dumpfes tasten, Scheintote
im glänzenden Schrein gewichsten Schuhwerks,
das blinde Hände schnüren, müde wieder lösen?

Du übertrumpfst das Horn der wilden Tiere,
die Klauen und die Ballen, die doch fühlen
ein Sanftes in der Spur der Todesnacht,
und gehen stets vom Schoß zum Schoße heim.

Du aber fliehst, weißt nicht wie sie wohin,
entschwebst ins Blau des Abgrunds, Sohn des Hermes,
als wären deine Schuhe Flügel, doch kein
Olymp glänzt dir, soweit du schweifen magst.

Wirst nimmer du die grünen Schwellen Edens
mit nackten Füßen überschreiten, der Wahrheit
gewiegteste Halme zärtlich streifen, die Schwielen,
die Wunden im Tau von weichen Veilchen kühlen?

Wirst nackt geboren du im Schreckensschrei
verstummt im Stöhnen vor verhängtem Kreuz
der stygischen Ufer Dornicht am Knöchel spüren,
wirst du ein tauber Schatten ewig sein?

 



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top