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Apr 19 21

Wenn die Rosen fahlen

Laß, Weide, deine Silbersträhnen fließen,
und mildern Schatten stumme Glut des Lebens,
will ich der Bilder müd die Augen schließen.

Schenk, Wasser, sanftes Rauschen nicht vergebens,
an Blüten, die im trüben Monde schwanken,
will letztes Glück ich fühlen, Huld des Schwebens.

Hüll, Abend, mich in deine Rosenranken,
rinnt auch ihr Blut in dunkle Opferschalen,
sie sind die Gaben, hoher Nacht zu danken.

O Schlummer finden, wenn die Rosen fahlen.

 

Apr 18 21

Chor der Dinge

Saft der Beere, goldenes Licht des Honigs,
Traubendunkel, ihr auch, scharfe Bisse der Zitrone,
holde Boten unsichtbarer Erde,
daß ein frommer Sinn noch in uns wohne.

Sirren einer Mücke, Zwitschern, Blöken, Rauschen,
Tosen, stehst du auf basaltener Brücke,
die auf Farn und Blättern trommeln, Hagelschlägel,
Chor der Dinge reiße dir das Herz in Stücke.

Weiße Spitzen, die der Frost zur Nacht geklöppelt,
transparente Vliese auf bemoosten Steinen,
die im Schlafe zucken unter starrem Spiegel, Flossen,
atme, glühe, bis ans Licht sich Anemonen weinen.

Pflaumen, Kirschen, Aprikosen, mütterlich hat Regen
blank gewaschen Früchte, so dem hohen Sommer glücken,
aber die wie Mondes geisterhafte Blüte schweben,
Liedes scheue Knospen wollen wir im Herbst des Lebens pflücken.

 

Apr 17 21

Blind für das Wunder

Erinnerungen an Gemälde von Monet,
Watteau, Mantegna, Poussin und Chardin

Den Flügel hat geformt der Wind,
Gesang schwebt über weichen Wellen.
Wir torkeln für die Wunder blind
und hören nur die Narrenschellen.

Die kleinen Blüten leuchten groß,
Monet sah sie im Dunkel scheinen.
Wir sagten uns vom Wunder los,
von Tränen, die um Schönes weinen.

Der weiße Knabe von Watteau,
im heitern Himmelslicht verloren,
wir werden seines Blicks nicht froh,
der sanfte Herzen sich erkoren.

Der harte Leib des toten Herrn,
Mantegna sah den Krampf der Hände,
uns Lauen rückt das Wundmal fern,
das blutige Linnen um die Lende.

Den Himmel malte Poussin grell
vom Blitz, den Schrei des Unglücks finster.
Wird uns die Liebe einmal hell,
sind Lippen es von fahlem Ginster.

Dem Silberkelch gab matten Glanz
Chardin, dem Pfirsich Purpurschimmer.
Wer macht den Kelch uns wieder ganz,
sind Scherben wir, verblaßt für immer?

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=monet+seerosen&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwj21Z33iYbwAhWkgP0HHeCcCNQQ_AUoAXoECAEQAw&biw=980&bih=519

https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_(Gem%C3%A4lde)

https://de.wikipedia.org/wiki/Beweinung_Christi_(Mantegna)

https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/gewitterlandschaft-mit-pyramus-und-thisbe

https://www.meisterdrucke.com/kunstdrucke/Jean-Baptiste-Simeon-Chardin/694795/Stillleben-mit-Pfirsichen,-einem-Silberkelch,-Trauben-und-Waln%C3%BCssen.html

 

Apr 17 21

Die kranke Seele

Ins Dunkel schimmert heim der Bach,
dort harrt des Wilds die Futterkrippe,
ein Hunger hält die Seele wach,
o nährte sie die Blumenlippe.

Es lädt der Abendstern zum Fest,
was Atem hat, in Waldes Kühle,
kein Flaum blieb in der Seele Nest,
o daß sie Hauches Wiegen fühle.

Wellt sich der dunkelblaue Saum,
wenn Engel an die Glocken klopfen,
die kranke Seele hört es kaum,
o Tränen, Milde ihr zu tropfen.

Den dunklen Schlaf des Walds erhellt
das trunkne Lied der Nachtigallen,
was hat die Seele so entstellt,
o schenke, Mond, ihr noch ein Lallen.

 

Apr 16 21

Wird eine Sonne dort auch scheinen

Wird eine Sonne dort auch scheinen,
an Wasser weich ein Pfad sich schmiegen,
Schneeglöckchen lächeln, Veilchen weinen,
wo du und ich im Grase liegen?

Doch müssen wir als Schatten leben
im Uferschilf an trübem Flusse,
laß uns wie Dunkelfalter schweben,
die um sich taumeln wie im Kusse.

Wird dort ein Hündchen munter hüpfen,
den Ball mir legen vor die Füße,
ein Kätzchen auf den Schoß dir schlüpfen,
sein sanftes Fell dir schmeicheln, Süße?

Doch duldet kein Bellen, kein Miauen
das stille Reich der Lilien, der Rosen,
mag man uns Engel anvertrauen,
zwei kleine, die mit uns scherzen, kosen.

 

Apr 15 21

Jean Moréas, Mélancolique mer que je ne connais pas

Mélancolique mer que je ne connais pas,
Tu vas m’envelopper dans ta brume légère ;
Sur ton sable mouillé je marquerai mes pas,
Et j’oublierai soudain et la ville et la terre.

O mer, ô tristes flots, saurez-vous, dans vos bruits,
Qui viendront expirer sur les sables sauvages,
Bercer jusqu’à la mort mon cœur, et ses ennuis
Qui ne se plaisent plus qu’aux beautés des naufrages ?

 

Meer du voller Schwermut, ich kenne dich ja nicht

Meer du voller Schwermut, ich kenne dich ja nicht,
doch hüllest du mich ein in deine Nebelfahnen.
Auf deinen weichen Sand setz ich die Schritte dicht,
und ich vergesse bald die Stadt, der Erde Bahnen.

O Meer, o Trauerfluten, könnt ihr mit euren Sängen,
die sich so rasch verhauchen über kahler Küste,
mein Herz zu Tode wiegen und seine kranken Lüste,
die nur Gefallen finden an schönen Untergängen?

 

Apr 15 21

Jean Moréas, Adieu, la vapeur siffle

Adieu, la vapeur siffle, on active le feu ;
Dans la nuit le train passe
ou c’est l’ancre qu’on lève ;
Qu’importe ! on vient, on part ;
le flot soupire : adieu !
Qu’il arrive du large ou qu’il quitte la grève.

Les roses vont éclore, et nous les cueillerons ;
Les feuilles du jardin vont tomber une à une.
Adieu ! quand nous naissons,
adieu ! quand nous mourons
Et comme le bonheur s’envole l’infortune.

 

Leb wohl, der Dampfer pfeift

Leb wohl, der Dampfer pfeift, man schippt, der Kessel ist noch hohl.
Der Zug rast durch die Nacht.
Man zieht die Ankerkette, Stück für Stück.
Wer fragt danach! Man kommt, man geht.
Der Flut seufzt auf: Leb wohl!
Kommt sie vom hohen Meer, rinnt sie vom Strand zurück.

Die Rosen brechen auf, wir pflücken sie bald ab.
Blatt für Blatt wird man im Garten fallen sehen.
Leb wohl! So kommen wir zur Welt.
Leb wohl! So sinken wir ins Grab.
Das Glück, das Unglück, sie verwehen.

 

Apr 15 21

Ein Hund die Seele

Du hörtest noch die Wasser singen,
der Blume Ohr am weichen Moos,
eratmetest den Hauch von Dingen,
gesproßt aus gnadendunklem Schoß.

Nun sind die hohen Stimmen stumm,
am Waldsaum knirschen Eisenzähne,
das Leben schleicht am Ufer krumm,
im Grauen schmolz der Schnee der Schwäne.

Du wußtest noch vom Trost der Trauer,
im Duft des Abends wurde mild
der Strahl des Tags und grüne Schauer
umkränzten dir das Gnadenbild.

Nun sind die Bilder dir entstellt
von Hohnes Speichel, Ruß der Öfen,
ein Hund die Seele, der nachts bellt
in asphaltierten Hinterhöfen.

 

Apr 15 21

Grau weht der Staub

So dämmert uns das Wesenlose,
und was noch schimmert in der Nacht,
ist stummes Sinken einer Rose,
die Liebe, da sie schied, gebracht.

Am Dorn verklebter Distelsamen,
ein Mond, der Totenlinnen webt,
verlor Erinnern Duft der Namen,
des Lichtes Blüte, taubelebt.

Es hoben wohl die warmen Strahlen
uns in ein lächelndes Gesicht,
doch müssen seine Wangen fahlen,
der Hauch des Veilchens färbt sie nicht.

Vertrocknet liegt der Quell der Lieder,
uns streift ein unbeseeltes Laub,
ein banger Flaum fällt vor uns nieder,
der früh geglänzt, grau weht der Staub.

 

Apr 14 21

Paul Verlaine, Écoutez la chanson bien douce

Écoutez la chanson bien douce
Qui ne pleure que pour vous plaire,
Elle est discrète, elle est légère :
Un frisson d’eau sur de la mousse !

La voix vous fut connue (et chère !),
Mais à présent elle est voilée
Comme une veuve désolée,
Pourtant comme elle encore fière,

Et dans les longs plis de son voile
Qui palpite aux brises d’automne,
Cache et montre au cœur qui s’étonne
La vérité comme une étoile.

Elle dit, la voix reconnue.
Que la bonté c’est notre vie.
Que de la haine et de l’envie
Rien ne reste, la mort venue.

Elle parle aussi de la gloire
D’être simple sans plus attendre,
Et de noces d’or et du tendre
Bonheur d’une paix sans victoire.

Accueillez la voix qui persiste
Dans son naïf épithalame.
Allez, rien n’est meilleur à l’âme
Que de faire une âme moins triste !

Elle est en peine et de passage
L’âme qui souffre sans colère.
Et comme sa morale est claire !…
Écoutez la chanson bien sage.

 

Vernehmt das Lied, das süße

Vernehmt das Lied, das süße,
das nur weint, um zu erfreuen,
mit Winken naht es, zärtlich-scheuen,
als ob im Schauer Schaum zerfließe.

Ihr kennt die Stimme, die so teuer,
ist sie euch jetzt auch wie verhüllt,
wie eine Witwe, gramerfüllt,
nährt sie wie diese kühnes Feuer,

in ihres Schleiers feinen Spitzen,
wie sie im Hauch des Herbstes wallen,
birgt sie den Stern der Wahrheit allen,
die staunend sehn hervor ihn blitzen.

Die wohlbekannte Stimme spricht:
Die Güte ist das Brot des Lebens,
Haß und Lust sucht es vergebens,
sie fliehen, tritt der Tod ins Licht.

Sie spricht auch von der großen Ehre,
schlicht zu leben, ohne Ungeduld,
von goldner Hochzeit, sanfter Huld
aus Frieden, glorreich ohne Heere.

Hört die Stimme, was sie schildert
im naiven Hochzeitsliede:
Der Seele wird der wahre Friede,
die einer Seele Trauer mildert.

Es übersteht die dunkle Reise
die Seele, leidend ohne Zorn.
Ihr Tugendsinn ist Lichtes Born.
Vernehmt das Lied, das weise.

 

Apr 13 21

Le parfum de la melancholie

Le cierge vacille à la haute image,
brûlant comme de la nostalgie,
s’il sʼéteignait à nous l’avantage
d’adorer l’obscurité qui brille.

Par des tendres tiges scintille la mer,
où s’enfoncèrent autant de soleils,
autant de songes elle fut messagière,
méduses mutiques, hymnes demi-sommeil.

Au calice de rose la rosée trépide
de ruisseler sur le sein mou de la terre,
le souffle du matin est encore tépide,
le cœur veut enflammer lʼéther.

Le boeuf arrache dans l’ombrage vert,
sa corne comme de la lune courbée,
avec des fleurs volants s’amuse l’air,
le parfum de la melancholie se fut dissipée.

 

Apr 13 21

Duft der Wehmut

Die Kerze flackert hohem Bild,
als würde Heimweh sie verzehren,
löscht sie auch aus, wir sind gewillt,
den Glanz im Dunkel zu verehren.

Durch zarte Halme glänzt das Meer,
so viele Sonnen sind versunken
so viele Träume trug es her,
Medusen stumm und Hymnen trunken.

Am Kelch der Rose zittert Tau,
in weicher Erde Schoß zu münden,
der Hauch der Frühe ist noch lau,
der Mittag wird das Herz entzünden.

Im grünen Schatten grast das Rind,
sein Horn ist wie der Mond gebogen,
in losen Blüten tändelt Wind,
der Duft der Wehmut ist verflogen.

 

Apr 13 21

Das weiße Hündchen

Der kleine weiße Hund, er geht
so still an seinem Silberband,
auf seiner Stirn ein dunkles Mal,
all meine Liebe ist verweht,
ich schau nur zu vom Straßenrand.

Und als des Mädchens Blick mich traf,
o Sterne, wie so bald verglüht,
hob ich ihm auf den bunten Schal,
ich sehne mich nach Mohn und Schlaf,
nach Schlaf im Mohn, der sterbend blüht.

Und denk der Trauben ich am Rhein,
der Möwe, die sein Blauen wiegt,
scheint mir das Leben grau und kahl,
das Leben ohne Freund und Wein,
wo trüber Quell den Durst betrügt.

Das weiße Hündchen kommt zurück,
o kleines Leben, schon vergnügt,
im Gras zu schnüffeln, das so fahl,
wie tauscht ich gerne ein dein Glück,
mein Herz mit deinem, das nicht lügt.

 

Apr 12 21

Dunklen Knechtes Flehen

Ihr Wunderstimmen ferner Chöre,
die wie aus blauem Abgrund dringen,
daß sie des Tages Schmach bezwingen,
ich sie in Truges Lärm noch höre.

Ihr Veilchen weich, behaucht vom Taue,
die auf den fernen Gräbern weinen,
daß sie mir sanfte Augen scheinen,
die ich im Abenddämmer schaue.

O Weihkelch auf brokatner Decke,
von Hymnen lilienweiß umzweiget,
daß er dem dunklen Knecht sich neiget,
ich Tropfen goldnen Lichtes schmecke.

 

Apr 11 21

Über begriffliche Unterschiede

Bemerkungen zur Sprachphilosophie
Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Auf einem Bein kann man nicht stehen.

Ein Punkt oder Fleck auf der weißen Seite ergibt noch kein Zeichen, während wir zwei beliebig positionierte Punkte bereits in mehrfachem Sinne lesen können: als zwei Endpunkte einer imaginären Strecke, als zwei Punkte auf der durch sie führenden unendlichen Linie, die in einer Euklidischen Ebene zugleich durch die beiden Punkte definiert wird; als zwei durch die Leere auf immer voneinander getrennte Orte oder Seelen oder als Andeutung eines Augenpaares.

Das Zählen beginnt mit der Zwei, daher sollte man sie nicht als die Summe zweier Einheiten auffassen.

„Links“, „rechts“, „oben“, „unten“, „vorne“, „hinten“ können nicht als Solitäre existieren.

„Ja“ kann man verneinen; nicht so „links“ oder „rechts“, nicht links kann ja nicht nur rechts, sondern oben oder unten meinen.

So unterscheiden wir komplementäre Begriffe wie rechts und links, oben und unten, Mann und Frau und konträre Begriffe wie rot und grün oder schwarz und weiß von gegensätzlichen oder kontradiktorischen wie ja und nein, Licht und Finsternis, sehen und blind sein.

Im Unterschied zu einem einsamen Punkt oder Fleck auf dem weißen Blatt impliziert ein einzelner horizontaler Strich unterschiedliche Bedeutungen: Er kann eine Grenze zwischen hier und dort, diesseits und jenseits, unten und oben oder die Horizontlinie zwischen Erde und Himmel oder Meer und Himmel suggerieren.

Entscheidend ist, daß wir es sind und niemand sonst, der sagen kann: „ja“ und „nein“, „links“ und „rechts“, „rot“ und „grün“, „Mann“ und „Frau“.

Wer sind wir? Du oder ich? Nein, du und ich; mindestens zwei.

Kein Zeichen ohne den Unterschied zu (mindestens einem) anderen Zeichen. Um den Übergang zu regeln, brauchen wir das rote Licht, das Halt gebietet, und das grüne, das den Weg freimacht.

Daß wir die Kontrastfarben Rot und Grün einsetzen, um Gefahr und Sicherheit zu signalisieren, geht auf natürliche Assoziationen oder Ähnlichkeitsrelationen zurück; doch werden wir dieses naturalen Hintergrundes der Zeichen im täglichen Verkehr kaum noch gewahr. Insofern er verblaßt ist oder nur noch als Rudiment mitschwingt, können wir von den Farbwerten als konventionellen Zeichen sprechen.

Stiege uns nur der liebliche Duft der Rose in die Nase und ermangelten wir der Witterung für das Faule, Verdorbene, wir könnten auch den Rosenduft nicht als lieblich wahrnehmen. Verfügten wir nur über eine Geschmacksnote, nur süß, nicht aber sauer, bitter oder fade, könnten wir kein schmackhaftes Gericht zubereiten. Könnten wir den Gefühlsunterschied von rauh und weich nicht ertasten, könnten wir weder, was rauh, noch was weich ist, erfassen. Mit nur einem Farbwert können wir kein Landschaftsbild malen. Mit Grau ließe sich wohl malen, doch nur mit einer differenzierten Skala von Grautönen. Hätten wir keinen Sinn für den Unterschied zwischen laut und leise, allegro und andante, könnten wir weder, was laut klingt, hören noch was leise, weder wie schnell die Töne aufeinanderfolgen noch ob sie gemächlich dahingleiten.

Wir bedürfen zur Positionierung, Identifikation und Benennung von olfaktorischen, gustatorischen, taktilen, auditiven und visuellen Wahrnehmungsmerkmalen spezifischer Skalen und Muster, auf denen wir sie mehr oder weniger kontinuierlich abtragen oder einschreiben. Diese Skalen und Muster verkörpern wie die Skala der Geruchs-, Geschmacks-, Tast-, Farb- und Klangwerte die Möglichkeiten unseres differenzierten und nuancierten Riechens, Schmeckens, Tastens, Sehens und Hörens, die unsere natürlich bedingte und kulturell stilisierte Lebensform ausmachen.

Die Pflanze reckt ihre Blüte ins Licht, ihr Wachstum hat, was man Tropismus nennt, einen natürlichen Richtungssinn. Könnte sie auf unsere Frage, warum sie sich so verhalte, antworten, würde sie sagen: „Ich wachse lieber nach oben, denn meine Bestimmung ist es, mit der Energie des Lichtes Blüten zu treiben und Bestäuber anzulocken, mit deren Hilfe aus mir Einzelwesen eine Vielzahl von Nachkommen entstehen.“ Ist, was wir dem Verhalten und dem imaginären Selbstzeugnis der Pflanze entnehmen können, eine Form subjektiven Daseins? Nun, in gewisser, mehr als nur metaphorischer Weise.

Wir könnten nicht von uns sprechen, wäre es uns versagt, von anderen zu reden; wir könnten nicht von anderen reden, wäre es uns versagt, von uns selbst und im eigenen Namen zu sprechen.

Das grammatische Muster, das uns Struktur und Gliederung der Personalpronomina vor Augen führt, ist das sprachliche Analogon der natürlichen und kulturell überformten Skalen, die wir bei der sinnlichen Organisation unserer sensorischen Empfindungen vorfinden, formen und verfeinern.

Die Struktur und Gliederung der Personalpronomina verkörpern die uns gegebenen Möglichkeiten personaler Ansprache; sie sind die Inkarnation unserer sprachlich stilisierten Lebensform als Personen.

Wir machen einen wesentlichen begrifflichen Unterschied, wenn wir sagen, daß wir traurig sind, und wenn wir sagen, daß unser Gesprächspartner mißmutig dreinblickt; desgleichen unser Gesprächspartner, wenn er sagt, daß ihn unsere Bemerkung erstaunt, und wenn er anmerkt, daß wir über seine Bemerkung verdutzt sind.

Die Tatsache, daß wir unterschiedliche Gefühlswerte anhand unserer bewährten Skalen und Muster sensorischer Wahrnehmung benennen, weist uns auf den Ursprung des metaphorischen Sprachgebrauchs; so sprechen wir vom bitteren Nachgeschmack einer unglücklichen Liebesbegegnung, von den schweren Bürde, die uns die Entfremdung der eigenen Kinder auferlegt, oder der großen Erleichterung, die uns durch ein versöhnliches Wort widerfuhr.

Die Engländer siezen sich, auch wenn alle Welt meint, daß sie sich duzen; wir lassen uns aber dadurch täuschen, daß der Sinn höflicher Ansprache, der im englischen „you“ enthalten ist, allmählich und in dem Grade verblaßte, wie das eigentliche englische Du, das Wort „thou“, das wie unser Du nachbarliche und intime Nähe zum Ausdruck bringt, seit den Zeiten Shakespeares nach und nach außer Gebrauch gekommen ist.

Soziale Distanzen und Rangunterschiede lassen sich mit den situativ angewandten Pronomina „Sie“ und „du“ (und dermaleinst auch durch das Pronomen „er“, mit dem der Herr den Knecht ansprach) markieren. Deshalb ist der Gebrauch des höflichen Sie bei stillosen Barbaren und egalitären Hassern von Rangunterschieden verpönt.

Wir können ein grafisches Zeichen, beispielsweise das Verkehrsschild, das vor Erdrutsch warnt, in Pixel zerlegen und diese wiederum in den digitalen Code umformen; doch können wir eine solche in ihrer Anmutung verwirrend mannigfaltige tabellarische Anordnung von Nullen und Einsen nicht als grafisches Zeichen und intuitiv, das heißt auf den ersten Blick, als Warnhinweis lesen und verstehen, ohne die Code-Zahlen wiederum mittels geregelter Transformation in Pixel und ein sinnhaltiges Bild verwandelt zu haben.

Daher handelt es sich bei der Annahme, die in den binären Computercode als Reihen von Nullen und Einsen transformierten sprachlichen Zeichen seien ihrerseits echte Sprachzeichen, um einen Fehlschluß: Sie sind keine echten, sondern nur virtuelle sprachliche Zeichen, die der Umformung bedürfen, um von uns gelesen zu werden.

Wenn wir etwas wahrnehmen oder lesen, etwas zeichnen oder aufzeichnen, dann registrieren oder setzen, rezipieren oder positionieren wir begriffliche Unterschiede, Unterschiede hinsichtlich der korrekt an die Phänomene gehaltenen Skalen von sensorischen Merkmalen wie Farbwerten, lautlichen und grafischen Charakteristika.

Die Tiefe und Weisheit der christliche Theologie zeigt sich, könnte man sagen, darin, daß in ihr die Einheit zugleich als Dreiheit, die Monas zugleich als Trinität gedacht wird; daher ist der Gott der Christen nicht vergleichbar mit dem Gott der anderen monotheistischen Religionen. Vom „hen kai pan“ Heraklits, Plotins und Hölderlins erfassen wir jeweils einen Aspekt, den wir getrost und ohne ungebührlichen Distanzverlust, aber auch ohne das Dunkel völlig transparent zu machen, mit den Metaphern von Vater, Sohn und Geist benennen können.

Ein Marmorstumpf macht noch keine Säule, wir benötigen eine Basis und ein Kapitell; aber eine Säule macht auch noch keinen Portikus, wir benötigen eine ganze Reihe.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, ein einzelnes Wort noch keine Aussage.

Für eine sinnvolle Aussage benötigen wir mindestens zwei Wörter oder bedeutsame Lautgebilde, die syntaktisch wohlgeordnet sind, wie „Peter arbeitet“, um das Bestehen des Sachverhaltes zu bestätigen, daß Peter arbeitet, oder „Arbeitet Peter?“, um nach dem Bestehen oder Nichtbestehen des Sachverhaltes zu fragen, ob Peter arbeitet.

Bei der Aussage: „Während Anna schläft, arbeitet Peter“ handelt es sich um die Verbindung zweier semantisch gehaltvoller Sätze: „Anna schläft“ und „Peter arbeitet“ (die Inversion im Hauptsatz ist eine Besonderheit der deutschen Grammatik). Wir können die Einzelsätze und den Gesamtsatz als deskriptiv auffassen und davon ausgehen, daß sie das Bestehen zweier gleichzeitiger Sachverhalte beschreiben.

Dagegen stellen wir mit der Aussage „(Immer dann,) wenn Anna schläft, (ist es der Fall, daß) Peter arbeitet; Anna schläft, also arbeitet Peter“ nicht das Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes fest, sondern die logische Verknüpfung zweier semantisch gehaltvoller und syntaktisch wohlgeordneter Aussagen (nämlich: „Anna schläft“ und „Peter arbeitet“) und die sich daraus ableitende logisch zwingende Folgerung. Denn wir können aus dieser Aussage mittels Negation die Aussage folgern: „(Immer dann,) wenn Anna nicht schläft, arbeitet Peter nicht; Anna schläft nicht; daher gilt: Peter arbeitet nicht“, ungeachtet der Tatsache, ob nun eine Person namens Anna schläft oder nicht schläft, eine Person namens Peter arbeitet oder nicht arbeitet, ja ungeachtet dessen, ob die Personen namens Anna und Peter existieren oder nicht existieren.

Worin besteht der Unterschied der Sätze „Während Anna schläft, arbeitet Peter“ oder „Anna schläft und Peter arbeitet“ und „(Immer dann,) wenn Anna schläft, (ist es der Fall, daß) Peter arbeitet; Anna schläft, also arbeitet Peter“? Das erste Satzpaar ist syntaktisch mittels der Konjunktion „während“ beziehungsweise der (nichtlogischen) Konjunktion „und“ verbunden, das zweite Satzpaar mittels des logischen Junktors „wenn – dann“. Hierbei handelt es sich um einen begrifflichen Unterschied, den Unterschied zwischen Wahrnehmungs- oder Beobachtungsaussage und Gedanke.

Den begrifflichen Unterschied der Satztypen des deskriptiven und des logischen Satzes ersehen wir aus der unterschiedlichen Rolle der Negation: Wir können aufgrund von Beobachtung ja die Gültigkeit des Gesamtsatzes feststellen: „Anna schläft nicht und Peter arbeitet“; während wir durch analoges Einsetzen der Negation im zweiten Gesamtsatz einen gedanklichen Widerspruch zur Ausgangsannahme erhalten. Denn wenn gilt: „Immer wenn Anna nicht schläft, arbeitet Peter“, dann kann nicht gelten „Peter arbeitet“, wenn wir als Prämisse den Satz akzeptiert haben: „Immer wenn Anna schläft, arbeitet Peter.“

Daraus ersehen wir ebenfalls, daß logische Sätze oder Gedanken weder Wahrnehmungs- oder Beobachtungssätze sind noch aus Wahrnehmungs- oder Beobachtungssätzen abstrahiert werden können. Der logische Satz oder der Gedanke „Immer wenn Anna schläft, arbeitet Peter; Anna schläft, also arbeitet Peter“ ist auch keine Hypothese über mögliche Wahrnehmungen und Beobachtungen, denn er gilt im logischen Raum der Gedanken, selbst wenn uns die Beobachtung über das Bestehen des Sachverhaltes in Kenntnis setzen sollte, daß eine Person namens Anna nicht schläft und (zur gleichen Zeit) eine Person namens Peter arbeitet.

Sensorische Distinktionen sind keine gedanklichen. Dagegen repräsentieren die Skalen und Muster, in die wir sie eintragen und einschreiben, wie die Geschmacks- und Tonskala oder das Farbmuster Unterschiede des Begriffs, eben des Begriffs von Geschmack, Ton und Farbe.

Wir können nur mit „Rot“ antworten, wenn wir gefragt werden, welche Farbe diese Rose hat. „Farbe“ aber ist der Begriff, mit dem wir das relevante Muster herausgreifen und von den Skalen der Tast-, Geschmacks- und Tonwerte unterscheiden.

Wenn wir eine Tanne mit einer Fichte verwechseln, hat uns nicht die Wahrnehmung aufs Glatteis geführt, sondern unsere Unfähigkeit, die beiden Bäume im Rahmen des Linnéschen Klassifikationssystems begrifflich voneinander zu unterscheiden.

Wenn wir wohl die Modulation des musikalischen Themas in der Klaviersonate hören, aber als Grund für den Wahrnehmungsunterschied nicht sein erstes Vorkommen in C-Dur und seine darauffolgende Modulation in a-Moll anzugeben wissen, hat uns nicht die Feinheit unseres Gehörsinnes im Stich gelassen, sondern unser Mangel an musikalischen Begriffen.

Sollte jemand, dessen Freund ihm das Bürogebäude zeigt, in dem er arbeitet, ihm mit der Frage kommen: „Nun hast du mir dein Büro gezeigt, zeigst du mir auch das Gebäude des Unternehmens, für das du arbeitest?“, würden wir bei ihm keinen Wahrnehmungsdefekt diagnostizieren können, wohl aber einen gehörigen Mangel an begrifflichem Vermögen, den Art-, Mengen- oder Klassenbegriff von den Objekten zu unterscheiden, die ihn exemplifizieren.

Der Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person macht gegenüber dem Gebrauch der Pronomina der anderen Personen einen begrifflichen Unterschied; denn die Selbstauskunft „Ich bin traurig“ hat einen anderen grammatisch-logischen Status als die Aussage „Er ist traurig“. Die erste ist, die Redlichkeit des Sprechers vorausgesetzt, vor Irrtümern gefeit und muß sich keine ungehörigen Nachfragen gefallen lassen, während die Aussage in der dritten Person auf einem Mißverständnis oder einer Fehldeutung beruhen kann, das durch Nachfragen aus dem Weg geräumt werden kann.

Auch die Verwendung der Tempora verbi konfrontiert uns mit begrifflichen Unterschieden; denn die Äußerung: „Ich verspreche dir, das geliehene Buch morgen wieder auszuhändigen“ hat einen anderen grammatisch-logischen Status als die Aussage: „Ich hatte ihm versprochen, das Buch am nächsten Tag wieder auszuhändigen.“ Die erste Aussage ist, die Redlichkeit des Sprechers vorausgesetzt, ein faktisches Versprechen, während es sich bei der zweiten um das Eingeständnis handeln kann, die Zusage nicht eingehalten zu haben.

 

Apr 11 21

Kindheitsbilder, fast verblichen

Zigan, du mit der alten Laute,
du schürtest Feuer in der Kehle,
damit es keinem Sange fehle
an Funken, wenn der Abend graute.

Du bist um unser Haus gestrichen,
und taubengleich sind helle Hände
geflattert, brachten dir die Spende.
Ihr Kindheitsbilder, fast verblichen.

Die Greisin, die auf ihrem Schoße
das Lieblingshuhn so sanft gehalten,
wie ferngerückt sind die Gestalten,
sie trieben hin auf Charons Floße.

Die Narbe, die ich tasten konnte,
Großvaters Siegel aus den Schlachten,
sie dunkelt wie des Lichtes Frachten,
Obst, Beeren, Knospen, hold besonnte.

Ach, machte blind mich Schluchzen, Weinen,
daß meine Gräber überzogen
von Moos und grauen Efeus Wogen,
die Namen blassen auf den Steinen.

Die Osternacht, als Herzen glühten
und wir das Lumen Christi priesen,
brach Krokus aus den Dämmerwiesen,
auf dunklen Rhein gestreute Blüten.

Wir wollen unsre Augen schließen
und lauschen, ob die müden Venen
die alten Hymnen uns noch dehnen
und sanfte Rhythmen herzwärts fließen.

 

Apr 10 21

Der Blicke ungerührtes Gleiten

Der Blicke ungerührtes Gleiten
ist haltlos wie ein feiner Staub,
der kaum gestreift das Sommerlaub,
der Wind treibt auf des Meeres Weiten.

Wir sehen leuchten wohl die Reben,
noch in der Dämmerung den Schein,
die Glut der Trauben für den Wein,
doch reicht uns keinen Kelch das Leben.

Wie durch Verlieses schwarzes Gitter
gebrochen sickert uns der Strahl,
und an den Wänden, grau und kahl,
erinnerungslos sinkt hin der Flitter.

Wir fühlen, wie die Serenade
des Herzens trockne Schwelle leckt,
es ist vom Andrang zu erschreckt,
daß es sich in der Fülle bade.

Wie Muscheln sind wir, gramversiegelt,
in denen keine Perle reift,
wie Puppen, die im Frost versteift,
woraus kein Liebestraum geflügelt.

 

Apr 10 21

Liebesstrahlen

Und deiner Blicke Liebesstrahlen,
die mir das kalte Antlitz wärmen,
ich sehe sie im Abschied fahlen,
die Rose sich im Dunkel härmen.

Es heißt uns trunken sich verschwenden,
wie Wasser wiegen Schwanenschlummer
und von uns weichen Gram und Kummer,
wenn sanfte Blicke Segen spenden.

Ihr Augen, abendgrüne Teiche,
an euren Wimpern will ich fühlen
die Gräser, die mit Tropfen kühlen,
daß Tages harter Sinn erweiche.

Sind Winters Stoppeln nur, die kahlen,
geriet ich in das Blütenlose,
vereiste Pfade ohne Rose,
denk ich noch an die Liebesstrahlen.

 

Apr 9 21

Schlummer unter weißem Flieder

Wir wollen nicht von weitem schauen
der Flamme Tanz, der Flamme Sprühen,
die Wange soll von ihr uns glühen,
der Reif auf unsern Herzen tauen.

Wir sehen gern von fernen Wogen
den Schaum im Wind, ein blaues Leuchten,
doch wollen uns die Augen feuchten,
umwölbt uns zart der Regenbogen.

Im Schlummer unter weißem Flieder
ist uns, als ob die weichen Ranken
von süßem Hauche niederschwanken,
als kehrte Liebe uns noch wieder.

Hat uns zum Trost an Abendstrahlen
der Mohn sich einmal noch entzündet,
sind erste Tropfen schon gemündet
aus Mondes Kelch in Dämmerschalen.

 

Apr 8 21

Ausgesetzt

Ausgesetzt an eines Abgrunds Rand
und Nacht um Nacht das Rauschen hören,
das aus der Tiefe dringt,
kann schwache Kreatur nicht leisten.

So geh zur Mitte, wo die Erde dampft,
zum Baume geh, dich anzulehnen.
Und ist ein Lächeln nicht,
das auf dem Feld entgegenblüht?

Ermüdet Qual der Sonne, Lichtes Fron,
macht Menschenrede würgen,
leg dich in stillen Abends Gras
und lausch dem Seufzen in den Wurzeln.

Hat Dämmerung dich eingehüllt,
ein wenig Glut schwelt in der Asche,
doch ist kein Atem dir, sie aufzuwecken,
flehst du um eines Flügels Wehen.

Und sind erloschen Glut und Gram
und trocken liegt der Brunnen,
steigt es wie Murmeln in den Schlaf
von Wassern der Erinnerung.

 

Apr 8 21

Bei einem Engel in der Lehre

Wollest, Herr, mir einen Engel schicken,
einen aus den hohen Chören,
die um deinen Thron hold schwirren,
mit Gesang Mariens Herz erquicken
und Franziskus selbst betören,
sende, Herr, mir einen
in des dunklen Lebens Wirren,
einen zarten kleinen
oder, Gott, auch einen rosenfarben dicken.

Will ihn recht verwöhnen,
reiche Kuchen ihm und gieße Milch,
ist er auch ein zarter Knilch,
kann er doch die Lieder singen,
jene nachtigallenschönen,
die wie Äolsharfen schwingen
und zu deinem Ruhm ertönen.

Ist mein Haar, mein Herz auch grau,
will am Ende ich noch lernen,
was als Hochgesang dort gilt
unterm Blütenkranz von Sternen,
als des Wohllauts Duft ins Himmelsblau
Blumenlippen keusch entquillt.

Welche Maße, Reime, Strophen
feinste Ohren wohl erlaben,
an Metaphern, schlichten, hypertrophen,
ob an Zeilensprüngen sie Gefallen haben,
das soll mir der Engel weisen,
denn im Dickicht dieses Jammertales
fand ich Odensonnenschneisen
nicht, nur Geisterflackern, fahles.

Herr, ich brauch des Engels Lehre,
denn hier ritzen Wahnes Dornen,
und das schwarze Blut fließt hin in leere
Furchen für die Feier stummer Nornen,
was den Vetteln sie entrichten,
also hat dein Himmel sich verdunkelt,
Fluch und Schreie, die auf Sinnes Reim verzichten,
als hätt Sehern nie dein Stern gefunkelt,
preist man hier als großes Dichten.

Ja, hier gilt als Fluch der Zeiten,
immer mit sich selbst im Zwist
abzuschwören deinen blauen Ewigkeiten,
wo der Zwist der Liebe süße List,
ja, hier sind die Furchen voller Stoppeln,
lesen heißt dich keuchend hoppeln,
schimmertʼs zwischendrin wie edler Stein,
war es bloß ein abgenagtes Totenbein.

O, es wolle, den du sendest,
mir dein Engel in den Abendsonnen
auf dem Fenstersimse stehen,
und von Fäden Lichts umsponnen,
daß mein Schicksal du noch wendest,
kindlich mit den Flügeln wehen,
denn das ist die Art der Deinen,
daß sie lieben, die da lächelnd weinen,
sind sie dunklem Weh entronnen.

Ach, sein Abschied wird mir leicht,
kann ich meine Augen schließen,
fühle seinem Lied entfließen
Tau, der meinen Schmerz erweicht.

 

Apr 7 21

Louis Le Cardonnel, Ville morte

Lentement, sourdement, des vêpres sonnent
Dans la grand’paix de cette vague ville ;
Des arbres gris sur la place frissonnent,
Comme inquiets de ces vêpres qui sonnent.
Inquiétante est cette heure tranquille.

Un idiot qui va, revient, et glousse,
Content, car les enfants sont à l’école ;
À sa fenêtre une vieille qui tousse ;
À l’idiot qui va, revient et glousse,
Elle fait des gestes, à moitié folle.

Murs décrépits, lumière décrépite
Que ce Novembre épand sur cette place :
Sur un balcon du linge froid palpite,
Pâle, dans la lumière décrépite.
Et puis le son des cloches qui se lasse…

Tout à coup plus de cloches, plus de vieille,
Plus de pauvre idiot, vaguement singe,
Et l’on dirait que la ville sommeille.
Plus d’idiot, de cloches ni de vieille…
Seul, maintenant, le blanc glacé du linge.

 

Tote Stadt

Träg und dumpf ertönen Abendglocken
im großen Frieden dieser Stadt aus Schemen.
Auf dem Platz erschauern wie erschrocken
die Bäume vor dem Klang der Abendglocken.
Die stille Stunde will Stille nicht annehmen.

Ein Irrer hastet hin und her und prustet,
froh, denn die Kinder sind noch in der Schule.
Die Alte lehnt am Fenster und sie hustet.
Dem Irren, der da hastet, der da prustet,
winkt sie zu wie eine Somnambule.

Mauern bröckeln, es bröckelt auch das Licht,
das der November auf den Platz verschleppt:
Auf dem Balkon zuckt Wäsche, reifverpicht,
fahl in diesem Staub gewordenen Licht.
Und der Klang der Glocken, der verebbt …

Und plötzlich keine Glocken, keine Alte mehr,
kein armer Irrer mehr, ein Affe fast,
als wenn die Stadt ganz eingeschlafen wär.
Kein Irrer, keine Alte, keine Glocken mehr …
Nur noch der Wäsche eisig-weißer Glast.

 

Apr 7 21

Erwacht

Als wär uns Leuchten aufgespart,
wenn wir auf Dämmerpfaden gehen,
es ist wie helles Flügelwehen
und Blicke, uns zu leiten zart.

Als machte Moos die Steine weich,
und Bäume sprächen wahr im Laube,
ein Gurren tropft, die Turteltaube,
und Schwäne gleiten, blütengleich.

Und sinket Schwachheit in die Knie,
wie wollen milde Händen tragen,
ein Rosenwort dem Müden sagen,
es labe süßen Dufts Magie.

Und hüllet uns ein kalter Mond
mit seinem weißen Leichenlinnen,
wir fühlen goldne Tropfen rinnen
und still den Himmel, der verschont.

Wo Seufzen aus dem Moore dringt
und nach uns lecken Flammenzungen,
ein Fittich ward um uns geschlungen,
wir harren, bis die Lerche singt.

Und stimmen ihre Schwestern ein,
sind wir der Dunkelheit entronnen.
O wärmten dort uns Gnadensonnen,
und sanfte Hand göß uns den Wein.

Doch fröstelnd sind wir aufgewacht,
die Schatten schleichen aus dem Zimmer,
die Möbel starren stumm wie immer,
ein Blatt liegt welk, o Traum der Nacht.

 

Apr 6 21

Gideon

Das auf der trocknen Tenne lag,
das wollige Vlies des Opferlammes,
ward in der Nacht, die Engel sangen,
von Schöpfergeistes Tau benetzt.

So wurde kund dir, Gideon,
daß deiner Schwachheit hilft die Höhe,
ein Inbild uns der weißen Lilie,
vom Segensglanz der Nacht betaut.

Zur Schale höhlten sie die Hand
und schöpften Trank sich aus den Wassern,
sie bliesen, daß Dämonen wankten,
mit reinem Mund das Widderhorn.

Aus Traumes Bläue fiel das Brot
und riß das Zelt der Schwärmer nieder,
uns funkelt auf geweihtem Steine
in Liebeskelchen goldner Wein.

 

Apr 6 21

Iason

Das Rauschen trinke, Gischt der Welle,
das Brausen nimm, des Windes Schwinge,
daß dir die Überfahrt gelinge,
zu heißer Küsten Blütenhelle.

Hast du nicht Chirons Schweiß geschmecket,
Kentaurenblicke nicht bestanden,
die trübem Dickicht dich entwanden,
hat dich sein Hufschlag nicht gewecket?

Umtosen dich die Symplegaden,
und züngeln grell gefleckte Schlangen,
kein Abgrund machet dich befangen,
du darfst in Orpheus Sängen baden.

Bespreng mit Blut das fahle Leben
und küsse blind die Zauberin,
du kannst, rinnt auch die Träne hin,
auf goldnem Vliese heimwärts schweben.
 

Apr 5 21

Lasset uns wie Bettler danken

Lasset uns wie Bettler danken
für das goldne Abendlicht,
das vom Geist der Liebe spricht,
schimmernd durch des Dämmers Ranken.

Muß die Sonne uns auch sinken,
lasset uns wie Rosen tun,
daß versöhnt mit Gott wir ruhn,
ihre letzten Strahlen trinken.

Blüten gleich soll Einfalt gleiten
auf den Wassern dieser Nacht,
Hauchen hat noch Duft gebracht,
Knospen, die im Mond sich weiten.

Wenn schon Traumes Flocken fallen,
hüllend alles Ungemach,
bleibet uns das Herz doch wach
vom Gesang der Nachtigallen.

 

Apr 4 21

Sinnverstehen

Bemerkungen zur Sprachphilosophie
Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Was wir meinen, wenn wir etwas sagen, ist nicht das, was wir uns dabei vorstellen oder denken. Wir könnten ja zu unserem Tischnachbarn sagen: „Würden Sie mir bitte die Kanne reichen!“ und dabei denken: „Eigentlich möchte ich dich, du Widerling, um nichts bitten“ oder „Wie gerne würde ich den Inhalt der Kann dir, du Kanaille, über dem Kopf ausschütten!“– und wenn er uns freundlich lächelnd das Gewünschte reicht, sehen wir, daß unser Sprechakt einer Aufforderung, ungeachtet unserer gleichzeitigen Vorstellungen oder Phantasien, gelungen ist, und das, was wir ipso facto kraft des von unserer Willkür unabhängigen sprachlichen Sinnes meinten, verstanden worden ist.

Daraus ersehen wir: Die Bedeutung der verbalen und auch aller anderen Zeichen, die wir mehr oder weniger erfolgreich benutzen, ist kein Konstrukt oder Resultat unserer subjektiven Vorstellungen und Intentionen.

Wer sich auf die Aufforderung, doch morgen das ausgeliehene Buch endlich wieder auszuhändigen, denkt: „Der schon wieder, wie lästig!“, aber dennoch eine Zusage sich abringt, hat nicht nur verstanden, was der andere von ihm will, sondern, wenn er am nächsten Tag trotz anfänglichen Widerstrebens das Buch tatsächlich dem Besitzer aushändigt, seine Zusage eingehalten.

Wer die ihm gestellten Frage, auch wenn sie ihm lästig, peinlich oder überflüssig erscheinen mag, beantwortet, hat den kleinen Kreislauf des Frage-und-Antwort-Spiels erfolgreich absolviert.

Daraus ersehen wir, daß weder das Verständnis einer Aufforderung, Bitte oder Frage von dem mentalen Zustand und den subjektiven Vorstellungen, den sie bei dem Angesprochenen auslösen (wie etwa Widerstreben, Entrüstung oder Peinlichkeit), abhängt, noch die Art und Weise, wie wir einer Aufforderung und Bitte nachkommen oder eine Frage beantworten von den mentalen Zuständen und subjektiven Vorstellungen, die sie ausgelöst haben, limitiert und definiert wird.

Wir können nicht nur das verstehen, von dem wir uns vorstellen, daß es irgendwo und irgendwann mit irgendwelchen Tatsachen übereinstimmt; denn wir verstehen, was einer meint, wenn er sagt, Faust erweise sich in seinem diabolischen Betragen gegenüber Philemon und Baucis als von jenem Mephistopheles inspiriert, der nicht umsonst der Sohn des Chaos genannt wird, auch wenn es sich bei diesen Personen um fiktive Gestalten handelt, von denen wir keinen Ort und keine Zeit anzugeben wüßten, die ihrem Dasein und ihren Handlungen den Boden der Tatsachen geschaffen hätten.

Das reale Vorbild der Margarete im Faustdrama war eine Kindsmörderin, die ihre Tat mit dem Leben gebüßt hat, aber das symbolische Geschehen, das Goethe daraus entwickelt, hätte auch auf seinem Erfindungsgeist fußen können.

Daraus ersehen wir, daß unser sprachliches Sinnverstehen nicht auf die Bedingungen eingegrenzt ist, deren Erfüllung oder Nichterfüllung uns berechtigt, von der Wahrheit oder Falschheit unserer Annahmen zu sprechen.

Wir können davon reden, daß der Ort, an dem sich die Wege zweier Freunde dermaleinst kreuzten, ziemlich ausgedehnt war, denn es war ein großer Park; aber wir können nicht davon reden, daß der Ort, an dem sich zwei Linien kreuzen, in irgendeinem Sinne ausgedehnt ist, denn er ist ein ausdehnungsloser euklidischer Punkt.

Wir können davon reden, daß sich unser Freund lange an demselben Ort aufhielt, aber nicht davon, daß ein subatomares Teilchen sich lange an demselben Ort aufhielt, denn sein Ort ist eine Funktion der momentanen Messung, die der Molekularphysiker an ihm vornimmt, während unser Freund sich, auch ohne daß wer auch immer ihn beobachtet, ungeschoren an seinem Ort aufzuhalten beliebte.

Wir können davon reden, daß uns die Zeit, die wir im Wartezimmer verbrachten, zäh dahinfloß, oder die Zeit, die wir uns mit Malen oder Singen vertrieben, wie im Fluge verging, nicht aber davon, daß Achilles die infinitesimal zerlegte Strecke zwischen sich und der Schildkröte in irgendeiner denkbaren Zeit zurücklegen kann.

Daraus ersehen wir, daß die fundamentalen Begriffe, die wir in bestimmten Aussagen verwenden, wie Ort, Strecke, Ausdehnung, Raum und Zeit, keine von der Art ihrer Verwendung unabhängige Bedeutung besitzen, sondern eine begriffliche Funktion des jeweiligen Sprachmusters darstellen, in dem wir sie gebrauchen, wie der hausbackenen Geographie oder der axiomatischen Geometrie, der subjektiven Empfindung der Zeit oder der Quantenphysik.

Wir können nicht sagen, wir seien aufgrund von Selbstbeobachtung darauf gekommen, daß wir ein Kitzeln verspüren, oder wir hätten aus dem Lächeln des Freundes geschlossen, daß er uns wohlgesonnen ist. Die Logik des Begriffs der Beobachtung fordert, das Wahrgenommene als Symptom einer Ursache aufzufassen; aber den Kitzel verspüren wir unmittelbar und das Lächeln des anderen müssen wir nicht als ein Symptom eines verborgenen geistigen Zustandes dechiffrieren.

Wir können, woran wir uns erinnern, nicht als Bild des Erinnerten auffassen, denn die Logik des Begriffes Bild fordert die Ähnlichkeit zwischen dem Gegenstand und seiner Abbildung; doch danach suchen wir in dem, woran wir uns erinnern, vergebens.

Was wir die Einbildungskraft oder Imagination des Malers, Musikers und Dichters nennen, gehorcht nicht den Gesetzen visueller oder akustischer Abbildung und Ähnlichkeit; die aristotelische Mimesis ist kein Abkupfern des Realen, sondern das Ersinnen und Erfinden des Möglichen.

Ebenso hören wir, wenn wir uns an das nächtliche Schreien des Kindes erinnern, nicht sein Echo in den verborgenen Kammern unseres Bewußtseins widerhallen.

Das Lied, an das wir uns erinnern, ist nicht der verschluckte und gedämpfte Klang des wirklichen.

Die Stimme des Freundes, an die wir uns erinnern, von der wir träumen, ist kein Flüstern im Vergleich zu ihrem wirklichen Klang.

Die von uns gehörten Klänge verwandeln sich nicht durch Bewußtseinstransposition in Klangvorstellungen, nur leisere, gleichsam con sordino.

Wir haben den Wortlaut der an uns gerichteten Frage schon vergessen und sind doch um eine Antwort nicht verlegen.

Wir können die Person nicht mit ihrem körperlichen Träger gleichsetzen, denn der Körper des alten Bekannten, der uns nach Jahrzehnten wieder über den Weg läuft, ist nicht identisch mit dem Körper des jungen Mannes, mit dem wir damals verkehrten; die Logik des Begriffs einer Person ist eine andere als die Logik des Begriffs eines Körpers.

Ein wirklicher Schatten mag zwischen die Körper zweier Personen fallen, aber ein metaphorischer Schatten fällt zwischen zwei Personen.

Wir können den Begriff der Person und den Begriff des Körpers, den sie hat, logisch-begrifflich unterscheiden; aber wir beziehen uns auf dasselbe physisch-seelische Wesen, von dem wir sagen, daß es Kopfweh hat oder sich freut, wach ist oder sich erinnert, schläft oder träumt. Wir können die Person nicht wie den Schatten ihres Körpers betrachten, denn dieser schwindet, wenn die Sonne am höchsten steht, jene mag wachsen, auch wenn der alternde Körper schrumpft.

Was uns erlaubt, sprachliche Aussagen zu verstehen, was unser Sinnverstehen leitet, sind keine Hypothesen über Wahrnehmungen oder Identifikationen von Gegenständen und Ereignissen, deren wie auch immer isomorphe oder perspektivisch verzerrte Abbildung sie darstellen würden, sondern die begrifflichen Muster und logisch-grammatischen Strukturen, denen sie bei Gefahr des Sinnverlustes zu genügen haben.

Was wir meinen und verstehen, der Sinn unserer Äußerungen, ist weder ein Ding noch ein Vorgang, den wir etwa durch Untersuchung jener neuronalen Abläufe identifizieren könnten, die in unserem Gehirn gleichzeitig mit unserer Äußerung ablaufen.

Der Neurologe, der den Probanden, während seine Hirnvorgänge im Computer- oder Kernspintomographen abgebildet werden, auffordert, simple Rechenaufgaben zu machen, zum Beispiel Zahlen zwischen 1 und 10 zu multiplizieren, kann anhand der Hirnbilder nicht, was Zahlen oder Multiplikationen bedeuten, ausfindig machen, vielmehr muß er, um gewisse neuronale Veränderungen mit dem zu vergleichen, was der Proband rechnend ausführt, schon wissen, was wir mit „Zahlen“ und „Multiplizieren“ meinen.

Der Sinn unserer Aussagen und unser Sinnverstehen sind nicht durch raumzeitliche Vorgänge oder physische Tatsachen determiniert, sondern stellen eine Funktion logisch-grammatischer Konzepte dar. Der Begriff ist die Spur, auf der unsere Beobachtungen und Wahrnehmungen von Dingen und Ereignissen ihre Bahn finden, die breit und belastbar genug ist, damit sie auch den mit Tatsachen beladenen Karren aushält.

Wir können das Lächeln nicht in physiognomische Elementarzeichen oder physische Bestandteile zerlegen wie etwa spezifische muskuläre Reaktionsbildungen der Mund- und Augenpartien, ohne seines Sinnes verlustig zu gehen, denn wir können es ebenfalls nicht durch Komposition solcher analytischen Elemente synthetisch zusammensetzen und ohne Ausdrucksverlust zurückgewinnen.

Ebensowenig können wir den Sinn unserer sprachlichen Äußerungen in nicht weiter reduzierbare atomare Bestandteile zerlegen, die wir ohne Federlesens anderenorts und zu anderer Gelegenheit wiederum zu verständlichen sprachlichen Sinneinheiten zusammensetzen könnten.

Ob wir sagen „Platon war mit Sokrates befreundet“ oder „Sokrates war mit Platon befreundet“, wir erhalten nur eine sprachliche, aber keine logische Variation. Dagegen ist die Umkehrung des Satzes „Sokrates war der Lehrer Platons“ bekanntlich der Satz: „Platon war der Schüler des Sokrates.“ Diese Spiegelung ist keine formal-grammatisch, sondern logisch-begrifflich induzierte.

Wenn wir sagen: „Die Rose ist weiß“, „Diese Blume ist eine Rose“ oder „Die Rose ist die Blume der Liebe“, ist der formal-grammatische Sinn des Wortes „ist“ immer gleich, während der logisch-grammatische Sinn, der unser begriffliches Verständnis orientiert, immer verschieden ist, denn im ersten Satz bezeichnet das Wort eine semantische Verknüpfung, im zweiten eine logische Unterordnung und im dritten eine definitorische Identität.

Wir ersehen den Sinnunterschied der Aussagen anhand der unterschiedlichen formalen Gerüste, an denen sie hängen, der unterschiedlichen logischen Angeln, mit denen sie schwingen: Die Aussage „Die Rose ist weiß“ formalisieren wir mit F(a) (lies: a ist ein F), die Aussage „Diese Blume ist eine Rose“ mit a ⊆ F (lies: a ist ein Element der Menge der F) und die Aussage „Die Rose ist die Blume der Liebe“ mit a = b (lies: a ist identisch mit b).

In solchen Aussagen wird über einen mit dem Buchstaben a formelhaft abgekürzten Gegenstandsbegriff oder das Subjekt der Aussage etwas prädiziert. Doch wenn wir den Gegenstandsbegriff oder das Aussagesubjekt durch das Pronomen der ersten Person ersetzen, scheitern diese bewährten Arten der Formalisierung. Denn in den Aussagen: „Ich bin kurzsichtig“, „Ich bin Lehrer“ und „Ich bin Hans Müller“ wird nicht einem mit dem Pronomen „ich“ bezeichneten Gegenstand eine Eigenschaft, eine Zugehörigkeit zu einer Menge oder eine Identität zugesprochen, denn „ich“ bezeichnet keinen Gegenstand, sondern eine Äußerungsperspektive.

Den Sinnunterschied der Äußerung „Ich bin Hans Müller“ von der Feststellung „Er ist Hans Müller“ ersehen wir am Unterschied der Erfüllungsbedingungen von Aussagen dieser Art: Wir hegen nur unter außergewöhnlichen Umständen Zweifel an der Selbstaussage „Ich bin Hans Müller“ (wenn es sich beispielsweise um einen Betrüger oder Heiratsschwindler handelt); dagegen kann der Staatsanwalt von den diensthabenden Kriminalbeamten, die ihm den gesuchten Kriminellen dieses Namens vorführen, Auskunft über eindeutige Kriterien seiner Identität einholen.

Der Äußerung „Ich war Hans Müller“ könnten wir Sinn nur zubilligen, wenn uns etwa der Schauspieler namens Thomas Mayer darüber ins Bild setzt, daß er es war, der die Rolle des Hans Müller in der Boulevardkomödie gespielt hat, oder wenn wir sie als Schlagzeile auf dem Titelblatt der Illustrierten lesen, in der wir zu unserem Bedauern darüber aufgeklärt werden, daß sich der Mann dieses Namens, der sich heute Hanna Müller nennt, habe geschlechtlich umwandeln lassen.

Aus dem Munde Herrn Müllers aber gilt uns die durch keine Ausnahmebedingungen eingeschränkte Äußerung „Ich war Hans Müller“ als sicheres Zeichen dafür, daß es um den Geisteszustand des Sprechers nicht zum besten bestellt ist.

Selbstauskünfte und Äußerungen der Form: „Ich glaube, sehe, höre“ oder „Ich fürchte, hoffe, erwarte“ oder „Ich versuche, beabsichtige, vermeide“ verkraften die Ersetzung des Personalpronomens der ersten Person durch ein „er“ oder „sie“ oder einen Eigennamen nicht, ohne ihren semantischen und logischen Sinn zu verändern; aber auch der Austausch des Tempus der Gegenwart durch beispielsweise das der Vergangenheit verschiebt ihren semantischen und logischen Sinn um 180 Grad.

Wenn Hans zu uns sagt „Ich sehe unseren Freund Peter auf der anderen Straßenseite gehen“, hat seine Äußerung einen anderen Stellenwert und Sinn, als wenn er sagte: „Ich sah gestern unseren Freund Peter in der Innenstadt“; im ersten Falle ist seine Äußerung ohne Prüfung akzeptabel, zumal wir als Zeugen zugegen sind, im zweiten könnte er sich geirrt haben oder lügen.

Und wenn Hans zu uns sagt: „Ich hoffe, daß unser Freund Peter pünktlich zu uns stößt“, hat seine Äußerung wiederum einen anderen Stellenwert und Sinn, als wenn er sagte: „Ich hatte gehofft, daß unser Freund Peter pünktlich zu uns stößt“; im ersten Fall enthüllt er uns seine Zuversicht über das pünktliche Eintreffen unseres Freundes, im zweiten berichtet er von seiner Enttäuschung über seine unerfüllt gebliebene Erwartung.

Daß sich unsere Selbstauskünfte mit dem Tempus der Gegenwart aufs innigste verbünden, hat manch einen dazu verführt, der Rede und Formel von der Selbstgegenwart des Sprechers oder des unmittelbaren Vertrautheit des Ich mit sich selbst allzu leichtfertig nachzugeben. Doch tappen wir damit nur in einem hypothetisch-spekulativen Nebel, der sich bei ruhiger Betrachtung des sprachlich mitgeteilten Sinns in einem Tropfen logischer Grammatik kondensiert, der Logik des unterschiedlichen Gebrauchs der Pronomina der ersten und der dritten Person oder von Eigennamen und der Grammatik der unterschiedlichen Bedeutung der Tempora verbi.

Der Opernsänger bleibt, auch wenn er nicht singt, auch wenn er schläft, ein Sänger, und gleiches gilt für alle Bezeichnungen für die Träger einer bestimmten Fähigkeit, einer Disposition oder Neigung, die angeben, was in nuce schlummernd bei Gelegenheit zutage tritt. Der in den Fluß gestürzte Schwimmer hält sich über Wasser, auch wenn er Jahre lang nicht geschwommen ist; so kommt die kriminelle Neigung bei der erstbesten Gelegenheit ans Licht, des Menschen Sterblichkeit am Ende seiner Tage.

Der Mensch mit einem angeborenen Sprachtalent, dem nicht vergönnt war, es tätig auszubilden, sinkt, einzig dem heimischen Idiom treu geblieben, ins Grab.

Sinnverstehen ist wie Singen, Schwimmen, Fahrradfahren oder Jonglieren eine Fähigkeit, eine Disposition, eine Virtualität, die bei passender Gelegenheit sich als Aktualität entpuppt. Der Jongleur hat eine Menge Tricks auf Lager und wird in ihrer Anwendung immer virtuoser, der Sänger übt und erweitert sein Repertoire und verfeinert seine Stimmtechniken. Der echte Dichter bleibt es auch im Schlaf, und er erwacht mit dem Echo eines frischen Verses auf den Lippen.

Es ist nicht nur ein Mißbrauch der Sprache, von „Studierenden“, „Mitarbeitenden“ oder „Kunstschaffenden“ zu schwadronieren, sondern bekundet auch einen eklatanten Mangel an begrifflichem und logischem Sprach- und Sinnverständnis.

Nur jene, deren Sprachsinn von keinem ernsthaften Studium erhellt worden oder aufgrund Orwellscher Gehirnwäsche vollends abgestumpft ist, können ignorieren, daß mit dem Partizip Präsens „Studierende“ keine Studenten gemeint sein können, die solche auch bleiben, wenn sie in der Mensa palavern oder in den Ferien nicht eine Seite umblättern.

Wer heute noch mit jenen übereinstimmt, die im Hörsaal sitzen und sich „Studierende“ nennen, wird vielleicht, so bleibt zu hoffen, eines besseren belehrt, wenn er morgen sieht, daß dieselben Herrschaften nichts als geistlose und begriffsstutzige Studenten sind, wenn sie all die unzeitgemäßen Bücher, in denen von vornehmen Frauen als Damen die Rede ist, alte Jungfern Fräulein und keines Tanzes gewürdigte Mädchen Mauerblümchen genannt werden, in denen Zöglinge auf Knabeninstitute gehen und feenhafte Geschöpfe nichts können außer anmutig die Locken in den Nacken werfen und helle Augen mit blumiger Feuchte verdunkeln, aus den Bibliotheken der Germanistik und des pädagogischen Seminars verbannen.

 

Apr 3 21

Das Lamm

Bist herrlich du erstanden,
zerrissest Todes Banden,
und deine Glorie strahlet,
da keine Rose fahlet,
ist ihr das Licht entbunden
aus hoher Liebe Wunden.

Ich aber lieg im Dämmer
beim Quell der sanften Lämmer,
ich habe Schlaf getrunken
und bin ins Gras gesunken,
daß wie Gestein den Kummer
mit Moos bedeckt der Schlummer.

Ich sah noch dunkle Wellen
der Flamme Ruhm erhellen,
doch konnte ich kaum danken,
die müden Lider sanken.
O wollest mich nicht wecken,
es würde mich erschrecken.

Es zittert, läuten Glocken,
die Spinne, mumientrocken,
sie hält ein dünner Faden,
darf nicht in Wellen baden,
wenn Liedes Flügel wehen
muß ihr das Herz vergehen.

Ein armer Hirte komme,
wie es dem Lamme fromme,
laß mich zu deinen Füßen
des Schlummers nur genießen.
O wolle mich nicht wecken,
es würde mich erschrecken.

 

Apr 3 21

Nach dem Fest

Spät mußtest Lehrgeld du noch zahlen.
Die Blumenbeete, lang gehegt,
die Rosenstöcke, schön gepflegt,
verwüsteten dir die Vandalen.

Doch kannst du recht dich nicht beschweren,
hast du die Meute ja gelockt,
die Gartenpforte nicht verpflockt
vor dunklen Lüsten, die verheeren.

Und du hast Gäste eingeladen
und gossest ihnen aus den Wein,
und hülltest sie in Düfte ein,
sie durften müde Sinne baden

in weicher Verse grünen Wellen,
wie stießen sie vom Tisch den Krug
und hatten nicht am Trank genug,
Schakale, die dem Aase bellen.

Und du, der sich mit sanften Blicken
besternen wollte seine Nacht,
daß Locken rollen ihre Pracht
und Küsse hauchend dich entrücken,

du siehst die Rose Liebe bluten,
vom Zahn der Furien zerpflückt,
du fühlst das blinde Herz zerstückt,
und keine Träne löscht die Gluten.

 

Apr 2 21

Unterm Kreuze

Gedächtnis leiht ein armes Licht,
wenn wir auf jenen Hügel steigen,
wo sich der Liebe Schatten neigen
und kahler Fels vom Durste spricht.

Es ragt das Kreuz in Einsamkeit,
die Quelle, von Gestrüpp umschlungen,
ist mit dem Todesschrei verklungen,
das Lied des Wassers floß nicht weit.

Im Tal gehn Lichter hin und her,
als wollten Seelen Frieden finden,
ein Rauschen kommt aus Dämmergründen,
als suchten Ströme nach dem Meer.

Wir haben Lorbeer mitgebracht
und legen ihn auf Stammes Schwelle,
wir beten, daß ein Blühen quelle
aus Blutes Malen in die Nacht.

Und harren wir am Holze bang,
rührt uns aus Eden Blumenhauchen,
sind Flügel, die ins Dunkel tauchen,
und wehen uns den Lobgesang.

 

Apr 1 21

O Schwester, Taube

Ich wandle durch zerfallne Städte,
aus Fensterhöhlen quillt das Laub,
zertrümmert liegt des Lichts Rosette,
was bleibet, schreibt der Wind im Staub.

O Schwester, wollest ferne weilen,
hier hat der Abend keinen Teich,
in goldnem Dunst das Leid zu heilen,
wenn Schwäne gleiten, Blüten gleich.

Ich strauchle durch verbrannte Ranken,
der Gärten Odem wurde Rauch,
des süßen Lichtes Lilien sanken,
das Bild, dem sie geduftet, auch.

Und kämst du, Schwester, eine Taube,
wo Seelen graue Knospen sind,
grün flamme mir das Leid zum Laube,
zu bergen dich vorm Aschenwind.

 

Apr 1 21

Der sanfte Knabe

Ach, Knabe mit dem wirren Schopf,
sind Grazien bleich, die dich umschweben,
die Blüte welk im Mantelknopf,
wie träumst, wie kränkelst du durchs Leben.

Du lauschst gern der Verkleinerung
von hübschen Orts- und Blumennamen,
dein Auge glänzt der Dämmerung,
wo Ranken Schattenspiele rahmen.

Das weiche Wasser tönt dir schrill,
hörst dunkel du die Wurzeln saugen,
das Mädchen, das dich küssen will,
Undine ist’s mit feuchten Augen

Mehr als die freche Sonne blüht
dir weißen Mondes mildes Schneien,
nur was aus reinen Knospen sprüht,
mag deiner Wange Schimmer leihen.

Die schnöde Welt, sie grinst gemein,
sieht sie dich vor Gespinsten zucken,
den drallen Busen allzu fein,
mußt dich vor scharfen Blicken ducken.

Wie wehren Blicken, so infam,
wie deine bittern Tränen stillen,
ich will, mein Knabe, deinen Gram
in Blätter meines Liedes hüllen.

 

Mrz 31 21

Blüten, Stern um Stern

Dir ist am Saum der Nacht
ein heller Stern erschienen,
von seinem Strahl erwacht
willst du dem Tage dienen.

Ist auch die Mühe hart,
und Tränen müssen quillen,
die Herzen werden zart,
wenn sich die Kelche füllen.

Nicht hat die müde Hand
umsonst gewühlt in Erden,
das Kleinod, das sie fand,
soll Glanz im Dunkel werden.

Ein Wind weht sanften Klang,
ein Hauch kommt schon zu kühlen,
im Sonnenuntergang
kannst Trost im Tode fühlen.

Und was dich stiller macht,
ist süßer Duft von Rosen,
eine Wehen aus der Nacht
sagt dir vom Grenzenlosen.

Sind auch die Lieben fern,
und leiser singt die Quelle,
sind Blüten, Stern um Stern,
gestreut auf deine Schwelle.

 

Mrz 30 21

Die graue Sprache

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Knabe“ scheint ebenso wie „Fräulein“ aus der Rede des trost- und blütenlosen Kontinentes Alltag auf eine jener Inseln geflohen zu sein, auf denen man, wie auf den von der Sonne und dem Lächeln unbekümmerter Herzen gesegneten des südlichen Ozeans, sich ritueller, also schöner Formen des Umganges befleißigt und um treffende, also würdige Formen des Ausdrucks bekümmert.

Denkst du bei „Knabe“ nicht gleich oder doch ein wenig später an die schönen Hände des Dichters Robert Walser, an seine von süßen Rätseln glänzenden Augen und die hellen Strohbüschel der Haare, die wie vom Mutwillen des Windes von einer unaustilglichen Störrigkeit zeugen? Dringt dir nicht wie aus abendlich dämmerndem Hausflur, wo gemächlich die sanften Wogen streifend das Ruder der eichenen Uhr auf- und niederschwingt, aus dem Wort „Fräulein“ ein Duft von Eau de Cologne in die Erinnerung, die auf schweren Teppichen leise, um kein empfindsames Herz aus dem leichten Schummer zu reißen, sich in die bäuerliche Wohnküche vorwagt, um vor dem Fenster mit den Geranien und Veilchen die alte Dame, eingewickelt in ein kariertes Tuch, zu entdecken?

Verkleinerungsformen wie Mädchen, Fräulein, Kindlein, aber auch Männlein und Bübchen haben den Hautgout des Wirklichkeitsfremden bekommen, insonderheit trägt das Fräulein das Stigma der Verachtung, da man der zum Mannweib emanzipierten Frau das Altrosa eines demütig-jungfräulichen Daseinsschleiers herabzureißen als große Geste der Ernüchterungs- und Befreiungsorgie erachtet hat.

Wenn wir sagen, daß sich Kätzchen balgen oder Katzen miauen, müssen wir nicht wissen, welche unter ihnen Kater, welche Katzen weiblichen Geschlechtes sind.

Wer glaubt, gemäß der Aussage „Jeder packte seine sieben Sachen zusammen und ging nach Hause“ kämen nur Männer ins traute Heim zurück, ist dümmer, als die deutsche Grammatik erlaubt.

Ist „der Rhein“ männlichen, „die Mosel“ weiblichen Geschlechts, weil der eine ein mächtiger Strom, die andere ein sich lieblich dahinschlängelnder Fluß ist? Doch wie steht es um „die Elbe“, „die Donau“, „die Weser“? Hier steigen die bunten Nebel uralter Mythen, wie bei „der Sonne“, „dem Mond“ oder „der Venus“, in die nahe wohnenden Labyrinthe der weitverzweigten grammatischen Formen.

Bei Nomina wie „Bruder“ und „Schwester“ oder „Vater“ und „Mutter“ ist die typisch germanische Wortbildung des Substantivs durch das Suffix -er am Wortstamm ja mit Händen zu greifen. Sie müßten freilich ideologisch verblendet oder bedeutungsblind sein, wenn ihnen bei „Schwester“ und „Mutter“ die grammatische Tatsache verborgen bleibt, daß diese Nominalbildung gerade nicht dazu dient, das natürliche Geschlecht zu bezeichnen.

Aber sie sind es, beides, ideologisch verblendet und bedeutungsblind.

Nominalbildungen wie „Verbraucher“, „Besitzer“, „Nutzer“, „Fahrer“, „Helfer“ oder „Sprecher“, aber auch solche wie „Kunde“, „Bote“, „Kollege“, desgleichen Pronominaladjektive wie „keiner“, „jeder“ und „mancher“ bezeichnen keinen Angehörigen eines natürlichen Geschlechts, sondern jeweils die Person, ob Mann oder Frau, die das Gemeinte ausführt oder darstellt; es heißt also korrekt: „Sie war unter den Helfern immer an vorderster Stelle“; „Sie ist ein gewandter Nachrichtensprecher/ein verschwiegener Bote/ein anspruchsvoller Kunde“; „Unter allen Kollegen steht sie mir am nächsten“; „Die Verbraucher, darunter auch die meisten Frauen, waren mit dem Produkt sehr zufrieden.“ Nur wenn das natürliche Geschlecht der Person unmittelbar relevant ist, heißt es etwa: „Sie war meine ehemalige Lehrerin.“ Aber es grenzt ans Lächerliche zu sagen: „Da tobten die Affen und Äffinnen“, „Viele Hessinnen und Hessen mögen Grüne Soße“ oder „Jeder und jede ging nach Hause.“

Früher schliefen sie mit dem Chef, dem Direktor, dem Professor und wurden Chefsekretärin, die rechte Hand des Unternehmers, oder ihr besonderer Service wurde mit einer Assistentenstelle honoriert. Heute ist es dank Quote noch bequemer, wenn auch ebenso heuchlerisch, verlogen und verächtlich. Allerdings hatte die alte Methode den schönen Nebeneffekt, daß sie nach dem Geschmack der speckigen oder eleganten Hurer und Ehebrecher zwar dumm sein durften, aber gewisse Merkmale erotischer Anziehung, ein hübsches Gesicht, einen üppigen Busen oder immerhin Glanz in den Augen, aufzuweisen hatten; der unschöne Nebeneffekt der heute geltenden Selektion zeigt sich darin, daß die per Quote Erwählten sowohl dumm als auch häßlich sein dürfen.

„Sie ist mit einem Finnen verheiratet“; „Er ist mit einer Finnin verheiratet“ – schön und gut. Aber wenn wir sagen „Die Finnen sprechen eine seltsame Sprache“, meinen wir nicht, daß der weibliche Teil dieses Volkes stumm ist.

Es ist dieselbe Mentalität desselben Volkes, das früher botmäßig und inbrünstig „Heil!“ schrie und heute die Muttersprache durch ein amtlich verordnetes Kauderwelsch schändet und notzüchtigt.

Pöbelgesinnung, ob in der „Literatur“ oder der „Wissenschaft“, setzt, was alle sagen, wie jeder daherredet, mit dem gleich, was wahr, schön und gut sein muß.

Wenn es so häufig geschieht, muß ein Goldkorn der Wahrheit dahinterstecken; wie bei der gleichzeitigen Zunahme der Störche im Moorland um den Ort Gockelhausen und der steigenden Geburtenrate der Gockelhäusler.

Von der Küche zum Katheder, vom Wiegenlied zum akademischen Geschwätz – der kurze Weg zu einem langen Niedergang.

Die Stupidität und Verbohrtheit, die sprachliche Verwahrlosung, die für die Verwendung des Pronominaladjektivs „jeder“ die Verkuppelung und Ergänzung durch „jede“ fordert, hätte in der nach den strengen Maßgaben eines Melanchthon geführten protestantischen Klosterschule, im Gymnasium der Jesuiten oder in der altpreußischen Lehranstalt den sofortigen Schulverweis nach sich gezogen.

Weg ohne Ziel: von der Preußischen Akademie mannhafter Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts zur Akademie für Sprache und Dichtung einer hysterischen Damenriege unserer Tage.

Das wahrhaft tückische Virus, das sie befallen hat, führt zu seelischer Atemnot und geistiger Lähmung. Um uns zu schützen, müssen wir von seinen Trägern und Verbreitern gebührenden Abstand halten.

Die Verhunzung und Verhäßlichung der Muttersprache ist ein Symptom einer geistigen Erkrankung, die das Bild der Mutter wie Läuse den Rosenstock angefressen hat.

Die Gestalt der Gottesmutter ist der echte Widerspruch gegen die Annahme, wir seien dem evolutionären Selektionsspiel ausgesetzte biologische Maschinen, das Tun und Sagen ihres Sohnes der eigentliche Widerspruch gegen die Annahme, Geschichte sei die Sinngebung des Sinnlosen.

Der Rosenkranz schlang sich um die knöchernen Finger des alten Fräuleins, als es auf dem Sterbelager ruhte.

Es ist würdiger, sein Leben Maria zu weihen, als es in sinnlosem Treiben für die Emanzipation der Frau (oder gleich der ganzen Menschheit) aufzureiben.

Die Verhaltensmaßnahmen der Hygiene, an der sie die neue Gestalt des totalen Staates nach dem Muster jakobinischen Gesinnungsterrors erproben und als gar nicht sokratische Maieutiker einen Untoten ans Licht zerren, ist wie ihr Ahnherr, die moderne Labormedizin, Technik ohne Sittlichkeit; während die hygienischen Vorschriften der alten Juden der sittlichen Haltung des Menschen vor Gott dienten.

Das Volk der rituellen Reinigung vor dem Gott der höchsten Reinheit, denn sie sollten heilig sein wie er heilig ist, wurde von den Rassehygienikern der physischen und sittlichen Fäulnis bezichtigt, denn wer sich so oft und so penibel reinigen muß, so der perverse Gedanke, muß im Schmutze hausen. Die neuen Hygieniker des totalen Staates verdächtigen jene, die sich seinen rituellen Vorschriften verweigern oder sie in Frage stellen, sich im Schlamm des Widerspruchs und der Illoyalität zu suhlen. Die öffentlichen Zwangswaschungen haben schon begonnen.

Ironie der Geschichte: Die schmutzigen Juden von einst kehren heute, sic manet infamia mundi, als dreckige Nazis zurück.

Am Höhleneingang ihrer gefeierten Staatsform lauert die Furie der Pöbelinstinkte, gesäugt wird sie von einer grausamen Wölfin mit der giftigen Milch des Handelsgeistes und der globalen Industrie. Dichter, die das widrige Schauspiel besingen, werden mit Preisen überhäuft.

Das Genie ist wie ein Briefpartner, der einem schöne Briefe schreibt, ohne daß wir ihm bislang von Angesicht zu Angesicht begegnet sind; wir staunen, wenn er uns beim ersten Treffen entgegenkommt: Das Gesicht, der Gang, die Haltung, das Mienenspiel, sie mögen uns überraschen oder enttäuschen, doch stimmen sie nur in oberflächlichen Zügen mit dem Bild überein, das wir uns beim Lesen seiner Briefe davon gemacht haben.

Ins Wirkliche zu tauchen und das Wort nicht von selbstischen Tränen, sondern vom Tau der Abenddämmerung glänzen zu lassen, ist bisweilen wie der jähe Griff des Traumwandlers in das Loch, worin die Brut der Schlangen zischt.

Der Dämon der Stadt und die Furie kultureller Vernichtung recken ihr kahles und augenloses Haupt im Beton-, Glas- und Eisen-Brutalismus der Titanenburgen in den götterlosen Himmel, Bauten, in denen sich die Macht des Geldes und der Verwaltung des Ameisenstaates konzentriert. Im Berlin, Nürnberg und München Albert Speers, im Rom Mussolinis, im Moskau und Kiew Stalins, im Bukarest Ceaușescus zeigte sich der Dämon in seiner nackten, erdentbundenen Potenz; doch kehrt er in verwandelter Gestalt in die Metropolen zurück, wenn er sich durch das Niederreißen alter Bestände und Denkmäler Platz geschaffen hat.

Das Kauderwelsch, das die Sprache Goethes abgelöst hat, ist das von allen heimischen Idiolekten gereinigte Esperanto des Dämons der Weltstadt.

Goethes Sprache ist wie der im Regen und Dunst jäh aufgehende farbige Bogen anmutig, bildhaft, berückend; das Kauderwelsch des Dämons ist abstrakt, grau, unanschaulich, er duldet noch tote Metaphern, doch verstopft er alle Zuflüsse, aus denen etwas Geheimnisvolles zwischen den Zeilen aufquellen, aufatmen könnte. Was dem hausbackenen Verstand wie unvorhersehbar, eine von namenlosen Blüten schimmernde Aussicht durch eine wundersam sich auftuende Schneise anmutet, die Sprache Goethes, wird von der vom technischen Idiom gehäuteten Sprache gänzlich verdunkelt.

Die graue Sprache, Staub auf der Zunge derer, die da gesanglos wohnen. Kein Speichel, kein Wein löst die Gifte auf, an denen die Seele bei lebendigem Leibe versiecht.

Das grammatische Gewimmel der Geschlechter in der zu Tode gegenderten Sprache der öffentlichen Meinung ist nur ein vorübergehendes Symptom des geistigen Zerfalls; am Ende wird wie das natürliche auch das grammatische Geschlecht neutralisiert.

Wenn Menschen in der Retorte gezüchtet werden, wenn die künstlich Gekeimten und genetisch Optimierten ihr von keinem störenden oder überwältigenden Gefühl verunsichertes oder gesteigertes Roboterdasein absolvieren, fallen die Namen Vater und Mutter, Bruder und Schwester, die Begriffe Liebe, Treue, Passion, Opfer und Hingabe dem Zensurmesser der neuen Sittenwächter anheim.

Was verlorengeht auf dem Weg zum reibungslosen, tristen Leben im Futteral der Technik (der Tod wird nur ein jähes Verlöschen des Displays sein) und zum schalen Diskurs auf gleicher Augenhöhe mit Hinz und Kunz (wer größer ist, wird um einen Kopf kürzer gemacht), das sind der Duft der Anmut und die weiße Orchidee im Knopfloch des Mantels der Sprache, die wir nur einem Einzigen, einem Auserwählten schenken.

 

Mrz 30 21

Die leeren Waben

Ach, wir Flügellosen,
wollten wie die Bienen
hohem Lichte dienen.
Wer schenkt uns die Rosen?

Und wir bauten Waben
aus dem Glas der Träume
an des Abgrunds Säume
für die Sonnengaben.

Wie sie immer füllen
mit des Liedes Süße,
wenn auf keiner Wiese
Duft mehr, Tropfen quillen.

Sonne war vergangen,
und wir Blinden irrten.
Wo uns Licht der Myrten,
wo der Knospe Prangen?

Unsrem dunklen Herzen
lieh nur Mond sein Dämmern,
über banges Hämmern
liebte er zu scherzen.

 

Mrz 29 21

Sind Engel noch

Dem Andenken an Monsignore Dr. Kurt Esser

Sie glimmen auf, sie zittern sich ins Helle
in Ritzen des Asphaltes, Mohn und Gräser,
sie rufen Distel, Heide, Bibernelle.
Vergessen blinken matt Kristall und Gläser,
verrauscht sind die Gelage, Lärm und Girren,
wie nie gewesen Zwitschern, Flügelschwirren.

Es kehrt zurück der herbe Wind der Steppe
und seufzt an trocknen Brunnen und Altären,
versiegten Hymnen, zieht des Staubes Schleppe
den Götzen über aus Metall, Schimären.
Die flohen vor dem Gott, zersprengte Truppen,
ihr Abbild grinst, verkohlte Kleiderpuppen.

Aus Kellerlöchern züngelt Brut der Schlangen,
nachts ziehen Reh und Hirsche durch Alleen,
Schakale bellen, in den Höfen prangen
von Träumen wölkend wilde Orchideen.
Ein dumpfes Läuten steigt aus Dämmerungen
von Glocken, die ein irrer Geist geschwungen.

Und Trübsal sickert, Mondes Schnee zu streuen
auf kalte Fliesen in den Korridoren,
kein Vogelsang mag Einsamkeit erfreuen,
die Sonne blakt, im Aschenwind verloren.
Wo sind die Frommen, wo die zehn Gerechten,
blieb rein kein Herz vor diesen Todesmächten?

Dort spielen Kinder nackt, die übrig blieben,
sie haben sich geheim ein Nest gefunden
bei Lämmern, die sie hüten, die sie lieben,
ein Stern durchglitzert ihre bangen Stunden.
Sind Engel noch, mit Manna sie zu speisen,
mit ihnen weit ins heilige Land zu reisen?

 

Mrz 29 21

Dämmerung und Mohn

Und aus Augen, feuchten,
fahler lohten schon
Dämmerung und Mohn,
kam ein sanftes Leuchten.

Lilien, angehaucht
von den Seufzern, matten,
eure Lippen hatten
allen Duft verbraucht.

Zeiger, blinde Schwingen,
Uhren voller Sand,
in die Nacht verbannt,
Herzen, die nicht singen.

Kalter Tropfen, Mond,
in den Staub geronnen,
leergeweinte Bronnen,
Wüsten, unbewohnt.

Die Dämonen scheuchten,
Augen, schwarzer Mohn
lähmt die Lider schon.
Wo ist euer Leuchten?

 

Mrz 28 21

Liebe, bleib nicht stehen

Liebe, bleib nicht stehen,
fühlst du wunderbar
dein gelöstes Haar
wild im Winde wehen.

Auf dem dunklen Wasser,
zwischen Rohr und Moosen,
wird das Licht der Rosen
fahler schon und blasser.

Sieh, an sanften Matten,
unter grauem Rauch,
blassen Falter auch,
Sehnsucht will ermatten.

Und wo Ginster sprühten
goldnen Staub ins Blau,
trinkt der Mond den Tau,
Träume, die verglühten.

Liebe, bleib nicht stehen,
fern ergrünen Lauben,
gurren Turteltauben,
kommt ein süßes Wehen.

 

Mrz 27 21

Maurice de Guerin, Ma sœur Eugénie

I

En l’âge d’enfance,
J’aimais à m’asseoir
Pour voir
Dans le ciel immense
L’oiseau voyager
Léger.
Quand le ciel couronne
Les horizons bleus
De feux,
Plus d’un soir d’automne
Aux bois m’a surpris
Assis,
Écoutant les ailes
Qui rasaient les toits
Des bois,
Bruissant entre elles
Comme les flots clairs
Des mers.

II

Et ces mélodies
Pénétraient mon cœur
Rêveur,
Et mes rêveries
Faisaient mieux qu’un roi
De moi.
Ma sœur Eugénie
Au front pâle et doux,
Chez vous,
Bois pleins d’harmonie,
Aux soupirs du vent
Souvent
Mêlait sa romance
Qui faisait pleuvoir
Le soir
La douce abondance
Des pleurs qu’au désert
On perd.

III

Elle aimait mes rêves
Et j’aimais les siens
Divins ;
Et nos heures brèves
Passaient sans témoin
Au soin
De faire l’échange
De biens entre nous
Si doux ;
Mille rêves d’ange
Allaient de son sein
Au mien.
Quand la feuille grise
Sous le vent follet
Roulait :
« Vois comme la brise
Fait de ces débris
Des bruits, »
Disait Eugénie ;
Et toutes les fois
Qu’au bois
La feuille flétrie
Au vent qui passait
Tombait,
Elle, sans parole,
Mais levant tout droit
Son doigt,
Montrait ce symbole
Qui dans l’air muet
Tournait.

IV

À travers les branches
Et parmi le noir
Du soir,
Si des ailes blanches
Reluisaient soudain,
Mon sein
De mille pensées
Soulevant le poids,
Ma voix
Disait : « Nos années
Sont ces passagers
Légers. »

V

Sur nos têtes frêles,
Poussés par les vents,
Douze ans
Ont battu des ailes
Depuis les accords
D’alors ;
Mais leurs ailes lourdes
Dans l’ombre des soirs
Trop noirs
Passent toutes sourdes
Sans bourdonnements
Charmants.

VI

Voici qu’une année,
Du mont éternel
Du ciel
Vers nous inclinée,
Sur nous va passer,
Glisser.
Vous qui, par les plaines
Écoutez les chants
Errants
Des choses lointaines,
Quel est aujourd’hui
Celui
De l’an qui s’avance ?
Est-cee un oiseau doux
Vers nous
Portant l’espérance
Et le rameau frais
De paix ?

VII

Quel bruit font ses ailes
Je voudrais avoir
Ce soir
De sûres nouvelles
De ce nouvel an
Venant :
Aura-t-il les charmes,
Ma sœur, de ces jours
Si courts
Où toutes nos larmes
Venaient du bonheur
Du cœur ?

 

Meine Schwester Eugénie

I

In den frühen Zeiten
blieb ich gerne stehen,
um zu sehen,
wie die Vögel gleiten
durch den blauen Schoß
schwerelos.
Wenn des Himmels Pracht
ungeheuer
krönten Feuer,
in manchen Herbstes Nacht,
saß ich wie in Träumen
unter Bäumen,
hörte ich das Schnellen
der Gefiederfächer
über grüne Dächer,
und die lichten Wellen
rauschten hin und her
wie im Meer.

II

Die schönen Weisen,
ins Herz gedrungen kaum,
wurden Traum,
und im Traum zu reisen
krönte mich
königlich.
Meine Schwester Eugénie,
das Antlitz fahl und weich,
in deinem Reich,
Hain voll Harmonie,
Geseufz im Wind
gab hin das Kind
ihre Liebestöne,
Tränen, hell entsprungen
Dämmerungen,
Überfülle schöne,
Tränen, schnell zerronnen
unter Wüstensonnen.

III

Sie liebte meine Träume,
und so ich die ihren,
die von Göttern rühren.
An der Fluchten Säume
wachte zeugenlos
uns der Eifer bloß,
Duft der Worte weich,
den er blies,
bleibe süß.
Tausend Träume engelgleich,
ihrem Schoß entschwebt,
haben mich belebt.
Und ein trunknes Blatt
kam in Windes Wirren
in ein Schwirren:
„Hör, wie Hauchen matt
aus den Trümmern
lockt noch Wimmern“,
Eugénie hat es gesagt.
Und ein jedes Mal,
wenn im grünen Saal,
ein Blatt, das schon zernagt,
von Windes List
gefallen ist,
hob sie schweigend
ihre ausgestreckte Hand,
bevor es schwand,
auf das Sinnbild zeigend,
das aus stummem Blau
sank ins tote Grau.

IV

Sah es durch Zweige gleißen,
durch die Nacht
so sacht,
die Fittiche, die weißen,
in jähem Widerschein,
hob mein Herz den Stein,
Bilder, wunderbare,
machten es gesund,
und mein Mund
sprach so: „Unsre Jahre
sind wie solche Reisen
durch des Äthers Schneisen.“

V

Über unsren Häuptern zart
sind in Windes Fron,
zwölf der Jahre schon,
die Flügel, und ihr Kampf ist hart,
wie ferne liegt die Einigkeit
der frühen Zeit.
Und sie streifen bang,
in abendlichen Schatten
zu ermatten,
vorüber ohne Widerklang,
Rauschen ist verwehrt,
das so liebenswert.

VI

Doch der Zeiten Reigen
wird sich drehen,
und von Himmelshöhen,
die sich gnädig zeigen,
beflügelt unser Gehen
Wehen.
Und du hörst ein Singen,
süßer Sänge
Widerklänge,
von fernen, fernen Dingen.
Reißt aus jenem Licht
sich nicht
ein erstes Strahlen los?
Ist es die Taube süß,
die uns ließ
den grünen Zweig im Schoß,
der Hoffnung Unterpfand
für ein Friedensland?

VII

Was auch die Flügel sagen,
ich möchte angefacht
von dieser Nacht
die hohe Kunde wagen
von neuen Zeiten,
die sich uns bereiten:
Werden ihre Zauber bannen,
Schwester, wie die fernen Tage,
goldner Rauch der Sage,
da uns Tränen einzig rannen
aus dem Bronnen
süßer Wonnen?

 

Mrz 27 21

Abschiedsschimmer

Dem Andenken an Hildegard Hilten

Was war es, das ans Ufer dir gehoben
der Geist des Wassers, sahest wohl die Blasen
aus grünem Grunde Melusine loben,
des Schilfes Blüten, bleich von Fäulnisgasen.
Du wandtest dich, und unter Mondes Schwanken
verfingst du dich in trüben Sinnes Ranken.

Was war es, das in abendlichem Grauen
sich aufgetan wie Knospen, Schmerz der Tiefen,
als würden Augen dir entgegenblauen
von Wesen, die im schwarzen Maare schliefen.
Und als sich deine Lippen öffnen wollten,
erstarb der Laut, der ihrem Glanz gegolten.

Was war es, das auf Veilchen, Rosenblüten,
verstreut von Kindern, und du warst mit ihnen,
wie Engel, die ein wundes Herz behüten,
vorbeiglitt unter Wolkenbaldachinen.
Es stiegen mit den süßen Flammen Düfte,
die blauen Hymnen in die Abendlüfte.

Was war es, das im dunklen Sterbezimmer,
nur weiße Lilien wachten, euch zu leuchten,
auf treue Augen hob den Abschiedsschimmer,
als du dich beugtest, ihr den Mund zu feuchten.
Du hast die dürren Finger ihr umwunden
mit jenem Kranz der Rosen und der Wunden.

 

Mrz 26 21

Die Purpurranken

So hell die Nacht. Als wären alle Dinge
von Schleiern zart, behaucht von lichtem Staube.
dein Schatten weht voran wie trunkne Schwinge,
und Kerzen flackern im Kastanienlaube.
Jetzt ist zu schlafen nicht die Zeit, zu dämmern,
das Herz wird weicher unter Strahlenhämmern.

Im Schilf Geflirr. Als würden Mondes Mücken
in Wirbeln träumen, bücke dich, wirst hören,
wie grünen Wassern Nachtgesänge glücken,
im Grase atme Wehen dunkler Föhren.
Jetzt ist zu zweifeln nicht die Zeit, zu zagen,
schon quillt ein goldnes Licht, der Liebe Sagen.

Wie Schnee schmilzt Einsamkeit. Du fühlst, wie Flammen
die Schläfen tauen, deine Seufzer fließen
mit Strömen eines hohen Chors zusammen,
schon leuchten Kelche, Wein des Fests zu gießen.
Jetzt ist zu zögern nicht die Zeit, zu schwanken,
der Morgen glüht, der Ankunft Purpurranken.

 

Mrz 25 21

Träume, Bettelworte

Und Worte werden wie ein Duft von Rosen,
wie sanfter Hauch von Blumenlippen fließen,
sinkt Schimmer auf den grünen Samt von Moosen,
wird hoher Geist Gesang ins Dunkel gießen.
Die einsam wandelten, bekrönt mit Kränzen,
geleiten Engel heim zu Chor und Tänzen.

Und wir inmitten, Schwester, all die Trauer,
die unsern Schritt gelähmt wie düstre Schleppe,
fällt ab, die Knospe öffnet sich dem Schauer,
und Hand in Hand beschreiten wir die Treppe,
da uns entgegenlächeln holde Wesen,
ach wir, von Gram und Düsternis genesen.

So will ich glauben, was wir nächtens schauten,
wie aus Umarmungen sich Strahlen hoben,
wie sie auf Ahnens Schneefeld Veilchen tauten,
wird wahrer uns, schon seufzt es uns nach oben.
Die grauen Seelen, blinder Worte Tappen,
sie werden sehend vor den Lilienwappen.

Und rinnen Träume nur aus wundem Herzen,
laß sie nur, Schwester, fern ins Dunkel fahlen,
sie schwanken wie auf dunklen Wassern Kerzen,
von einem Kind gepflanzt auf Blütenschalen.
Und sind es Träume bloß und Bettelworte,
sie klopfen sacht an Edens hohe Pforte.

 

Mrz 24 21

Die lichten Höhen

Laß, Schwester, uns zu lichten Höhen
auf stillem Pfad, von Moosen weich,
ins Helle laß uns schweigend gehen.
Hier wird der Liebe Wange bleich,

auch wenn sie Küsse fast entzünden,
ein dunkler Odem steigt und läßt
die Flammen nicht im Herzen münden.
O fliehen wir des Dämons Pest.

Es sollen Flügel uns umbrausen
von Engeln, die mit heißem Schwert
uns wehren schwanker Seelen Grausen.
O seien wir der Liebe wert.

Laß, Schwester, uns am Kreuz nicht zagen,
das in die goldnen Lüfte schreibt
die Zeichen edlen Bluts, sie sagen,
wie Liebe sich im Schmerz verleibt.

Fühlst du uns jäh emporgehoben,
wie Blüten hebt ein Wasserschwall,
siehst du schon zittern Lichter droben
wie Blicke aus dem tiefen All.

Und die dort wie in Träumen schweifen,
an Schläfen Flammen, Schnee die Haut,
noch können sie es nicht begreifen,
wie ihnen Himmels Gnade blaut.

Und jenen, die dort einsam schreiten,
sie tragen Lilien, Ehrenpreis,
sind Boten freundlich, die sie leiten
zu der Erwählten frohem Kreis.

Und seh ich, Liebe, wie ein Wehen
dich mir entführt in jenes Glück,
bleib ich am Abgrund lächelnd stehen,
und sänke ich in Nacht zurück.

 

Mrz 23 21

Ungeborene Gestalten

In einem Nest, dem Beutel hellen Schlummers,
in stummer Seele Teichen, überlebten
den Lärm der Tage und die Nacht des Kummers
ein zart Gewürm und die sich Glocken webten
aus Sonnenfäden, schwarz behaarte Spinnen.
O Leben, wo sich Aas und Anmut minnen.

So Glück wie Qual, die Nächte durch zu meißeln
an einem weißen ungeheuren Brocken,
mit seinem Widersinn sich selbst zu geißeln,
und ringsum stäuben Träume, tote Flocken.
Und hoffen auf gewiegten Hammers Sausen.
O Bildnis, das zutage tritt im Grausen.

Und ewig wühlst du dich mit tauben Krallen,
verhextes Tier, durchs Seufzen feuchter Stollen,
und suchst den Born, den Nabel goldner Hallen,
woraus dir einst das Schlummerlied gequollen,
doch sinkst du schlaflos nur in graue Tiefen.
O Rehe, die am Fuß Dianas schliefen.

Was unter Krusten gluckst, in Geistes Falten
verharscht, entsickert überwachsnen Wunden.
Der Liebe ungeborene Gestalten,
ein Obdach haben sie im Schmerz gefunden
und Küsse trinken sie, um zu erblinden.
O Hymnen, sie dem Dunkel zu entwinden.

 

Mrz 23 21

Poiesis

Aus fahlen Schwaden, Nebelbänken falten
sich auf amöbenweich an Armen, Beinen
versunkner Schauer wölkende Gestalten,
und graue Lymphen ballen sich und weinen.
Wir wollen ihre Glieder, die noch fließen,
mit Blicken binden und in Formen gießen.

Es zittern Halme auf aus braunen Schlacken,
ein Hauchen streut sich Veilchen auf die Krumen,
schon rinnen Locken über weichem Nacken,
und Anmut pflückt und windet sich die Blumen.
Wir wollen ihre Hände, scheue Schwalben,
mit Küssen halten und mit Versen salben.

Ein Rascheln wie von Blättern, herbstlich-roten,
ein dumpfes Tröpfeln wie auf Schieferplatten,
als wären Schritte es von hohen Toten,
als wären Stimmen es von sanften Schatten.
Wir wollen ihre Seelen, die noch tönen,
in Teiche leiten und mit Blüten krönen.

Wie Mücken, die erglühter Mond entzündet,
so schwirren Funken kaum gefühlter Dinge,
wie eine Knospe, in die Mondtau mündet,
so trieft der Ahnung feuchte Schwanenschwinge.
Wir wollen ihre Keime, die noch leben,
wie Perlen reihen und zur Sonne heben.

Und manchmal glotzt Chimaira auf den Schwellen,
im Abgrund wimmelt es von schwarzen Flocken,
und manchmal gluckst die Nacht aus Aberquellen,
die dürren Zungen will ein Lallen locken.
Wir wollen uns vor Dämons Odem hüten,
und schweigend sinnen vor den Lilienblüten.

 

Mrz 22 21

Die hohen Maße

Wir haben nur vom hohen Lichte Dauer,
es löscht von müden Lidern Traumes Feuchte,
und was sie öffnet, ist ein Liebesschauer:
Das Dunkel seufze und das Wasser leuchte.
Wenn Veilchen unsre Schläfe scheu umblauen,
sind Tropfen auch, die gnädig sie betauen.

Nur hohe Maße geben uns die Richte,
denn jedem wahren Schritt ergrünt die Schwelle,
der tiefe Atem leiht dem Sinnen Dichte,
was dunkel keimt, erglänzt an rechter Stelle.
Und die im Dienst der Sonne sich verzehren,
sie dürfen Mondes Blüte auch verehren.

Wie Schatten stolze Reben überdeckten
und Sonne küßte nicht den Glanz der Trauben,
wenn keine Pfähle sich ins Blaue reckten,
um die sich Ranken hoch und höher schrauben.
Und wir? Wie trostlos siechen die Gedanken,
die ohne Halt auf dunkler Erde wanken.

Wir wissen ja, ins Fenster schaut die Leere,
wenn wir die Nächte auch mit stillen Kerzen
versöhnen wollen mit des Abschieds Schwere,
wir fühlen es: das Beben treuer Herzen.
Doch wollen wir der Rosen Maß bestehen,
und auf Gestirne hoffen, wenn wir gehen.

 

Mrz 21 21

Die zahmen Amazonen

Sie wähnen sich des Dämons Bräute,
das Haar geschwenkt in schwarzen Wind,
zerkratzen sie sich ihre Häute,
und Anmut dunkelt, Blut wird Grind.

Ihr Mund ist welk von trübem Lallen,
betäubt ist ihnen Schmerz und Schoß,
sie wollen keinem Blick gefallen,
der unter Blättern legt sie bloß.

Sie peitschten gern wie Amazonen,
doch ihre Schenkel pressen nur
die Kissen, die wie Schwäne thronen
auf blauen Wogen aus Velours.

Abhold des Liedes Pollenschwirren,
macht würgen sie der Hauch der Nacht,
sie liegen, Mücken-Funken irren,
im Dunkel stumm, da Orpheus wacht.

Sie sehen sich als heiße Stuten,
die Mähnen flattern schlangenwild,
doch wenn des Morgens Rosen bluten,
umpfercht der Traum sie ungestillt.

Der spitzen Knospe ihrer Brüste
quillt keine Milch aus warmem Grund,
wie trockne Gräser öder Küste
verschmäht der Falter ihren Mund.

Wenn Horizonte weich verfließen,
umfassen sie des Pfeiles Schaft,
den zarten Täuberich zu schießen,
doch lähmt sein Gurren ihre Kraft.

Sie reiben Lippen, die nicht küssen,
am Mulch zerfetzter Verse lang,
den Durst, der ihr Gemüt zerrissen,
stillt ihnen keines Wassers Sang.

Sie sind nur zahme Amazonen,
der Blicke Pfeile trafen nicht,
sie neigen, bleiche Anemonen,
ihr müdes Haupt ins Dämmerlicht.

 

Mrz 20 21

Capriccios

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das Werk der Hand markiert den Eingang zur Kultur, es sind geprägte Formen, Gestalten des Geistes, die durch die Ennervationen der Hand ihre individuellen Gesichtszüge erhalten.

Auf den Amphoren und Vasen der Alten winden sich die Muster des Lebens, und der Wein, den sie bergen, die Blumen, die in ihnen leuchten, verströmen den Duft der heimatlichen Erde, zeugen vom Licht des heimatlichen Himmels.

Das Emporkommen der Massen und der Maschinen, die Herrschaft der Massenproduktion und des Massengeschmacks leiten den Untergang der Hochkultur ein.

Das mutwillige, bösartige und am Ende resignative Verwischen der Geschlechtergrenzen ist nur ein weiteres Symptom der eigentlichen Krankheit, geistiger und sittlicher Fäulnis.

Des Deutschen kaum mächtige Damen in den Redaktionen der öffentlichen Meinung werden die Werke von Hegel, Fichte und Schelling, von Herder, Goethe und Schiller nach rassistischen und antifeministischen Merkmalen durchforsten und durchsieben und wie die Tauben des Märchens die wenigen guten, die ihren eisernen Kriterien standhalten, in den Topf werfen, der von der dunklen Soße der gendergerechten Sprache überquillt.

Die unmündigen Zöglinge und Dienstleister des Zeitgeistes müssen sich einem amtlichen oder offiziösen Orwellschen Sprachdiktat fügen und statt der korrekten Bildungen „die Kandidaten“ oder „der Lärm der Nachbarn“ die abstrusen und abstoßenden Formen lesen und schreiben: „die Kandidat:innen“ oder „ der Lärm der Nachbar:innen“; was dem mit der deutschen Grammatik selbst auch nur ein wenig Vertrauten ins Auge sticht, ist der Wegfall der grammatisch geforderten Flexionsendungen der Maskulina (-en, -n), die ein galliger Humor durchaus als sprachliche Variante der Kastration auffassen darf; denn daß es die männlichen Formen trifft, die ihre Endungssilben opfern müssen, ist ja kein Zufall.

Was hülfe eine Reform an Haupt und Gliedern, was eine Roßkur, wenn das Mark schon in Fäulnis übergegangen ist.

Der Zyniker ergötzt sich an der Vorstellung eines deutschen Kalifats, das jenen Damen, die ihm mit ihrer stupiden Gesinnungsethik den Weg gebahnt haben, die Burka überstülpt, die ihnen ein Zeichen der Autonomie dünkte.

Das Geschrei nach mehr, nach egalitärer Bildung kommt aus dem Munde der Unbegabten, jener Dummköpfe, die nicht sehen oder sehen wollen, daß der Genius kein menschlicher Samen ist, auch wenn er im Garten der Kultur aufs herrlichste erblüht.

Er hatte alles gelesen und traute seinen eigenen Worten nicht mehr.

Deutscher Geist, der an der Franzosenkrankheit namens Dekonstruktivismus versiechte, an der Auflösung der subtilen Nervenfasern genauer Wahrnehmung und der feinen Gewebe logisch strenger und sprachlich nuancierter Darstellung.

Was sie ihren devoten Schülern, die ergriffen um ihr Sterbelager stehen, noch zu Protokoll geben, ist das monströse Zeugnis eines letalen Deliriums.

Der stumm grinsende und dümmlich feixende Affe, den sie als ihren Ahnen verehren, hat sich trotz all ihrem Gerede, ja gerade durch dieses, in den Leitern und Moderatoren ihrer Kulturredaktionen inkarniert.

Wie die kaltherzigen Theoretiker der Macht es prophezeit hatten, sind heute die Entscheidungsträger ausführende Organe der Wissenschaft und Technik, der tödlichen Maschine, die keine Seele hemmt und keine Besinnung mehr abzustellen vermag.

Die Wahrheit der Offenbarung, eingetaucht ins Abendlicht des eucharistischen Mahles, verblaßte bei Hölderlin, trotz aller Leuchtkraft der Bilder, zum eschatologischen Traum, der wie ein Schnee die Furchen und Schründe deutschen Elends überdeckt hat, doch schon bald unter dem säuerlichen Odem revolutionärer Spießer und dem Biergeruch der Schulmeister dahinschmolz.

Unter dem Anhauch des Genius beginnen selbst die unscheinbaren Gräser und Halme geisterhaft zu wehen.

Um die Türme dieser Kirche flattert keine weiße Taube mehr.

Dem Zeitgeist Hörige spannen selbst die Forschung, die heute nur noch in Einrichtungen wie dem CERN oder der NASA wissenschaftlichen Kriterien genügt, also die Pseudo-Forschung von sogenannten Gesellschafts- und Kulturwissenschaftlern als elende Schindmähre vor den Karren ihrer angeblich höheren Moral.

Die nicht an die Metamorphose der Seele und die Möglichkeit ihrer Entpuppung unter ferneren Sonnen glauben mögen, sind – ein Blick genügt – ihrer auch nicht würdig.

Diotima lebt in der Dichtung Hölderlins wie eine schlafende Knospe, die nur aufgeht unter den Tränen des ergriffenen Lesers.

Die Einsamkeit, der leere Raum zwischen Sternen, ist sowohl der Grund der Schwermut als auch die Bedingung dafür, daß bisweilen sanft berührende Strahlen hinüber- und herüberwechseln.

Zu große Nähe entzieht uns den Umriß des Baumes, zu große Ferne die zierliche Maserung des Blatts.

Die Kastration des Mannes gilt für ein Projekt zur Herbeiführung des ewigen Friedens.

In einem seltsamen Puritanismus der sexuellen Überschreitung wird das Begehren des Mannes als toxisch denunziert.

Der helle Glockenklang der Stimme der Kastraten flügelt freilich gefahrlos über den Sümpfen der giftigen Kröten und Vipern.

Weihestunden, Weihestätten, nicht mit frevler Hand zu betastende Dinge – sie werden von den aufgeklärten Schildbürgern und Duckmäusern wie gefährlicher Sondermüll in die tiefsten Schächte des Erdreichs verbannt.

Kein großes Volk blüht ohne den Kultkalender seiner Heiligen.

Die Enterbten und Kinderlosen geben die Zukunft des eigenen Volkes preis, um die Zukunft der Menschheit zu retten.

Zwischen den Worten der Dichtung rauscht wie um die Inseln der Seligen das Meer des Ungesagten.

Nullen ergeben keine Summe, das von allen Traditionen entblößte Kollektiv keine geistig-symbolische Welt.

Die Schadenfreude, wenn sie verirrte Diener der Hierarchien, und allen voran der heiligen, der Nestbeschmutzung zeihen können.

Man muß in Höhlen hinabsteigen, um das mystische Licht neuer Kulte zu erblicken.

Besser der goldene Tropfen des hohen Gedichts, dessen sublime Blume den Gestank der Welt und die eigenen unguten Ausdünstungen für Augenblicke vergessen macht, als der billige Fusel der Journale, nach dessen Verzehr der Katzenjammer geistiger Öde nicht ausbleibt.

Nach Freud bewährt sich des Mannes Reife in der Zeugung, ob leiblich oder geistig, die seine symbolische Kastration durch den Vater wettmacht. Die Frau trägt ja die Möglichkeit zur Reife im eigenen Schoß.– Da schreit der Zeitgeist auf, fühlt sich sein perverser Hang zum ungezügelten Eros doch betrogen.

Auch Freuds Werke werden entsorgt, zählte der Guru enthemmter Adepten wie ein Patriarch der alten Kirche doch Homosexualität neben Masochismus, Sadismus, Fetischismus oder Koprophilie zu den Perversionen.

Mnemosyne und Lethe – Schwestern, die als Dienerinnen beim Gastmahl den Wein der Dichtung kredenzen.

Die Spitzel der totalitären Regime kassierten ihren Judaslohn, die heutigen Denunzianten machen es umsonst.

In Kriegszeiten werden der Deserteur und der Verräter standrechtlich erschossen, in Bürgerkriegszeiten droht ihnen der soziale Tod.

Der Globalismus des Geldes, der Unterhaltungsindustrie und der egalitären Sklavenmoral ist der neue Kollektivismus, der die Gleichheit aller mittels Uniformierung der Gefühle, Gedanken und Sitten und durch die „Dekonstruktion“ der Völker, Nationen und Rassen herbeiführen wird.

Sie glauben den Abgrund zwischen Mann und Frau mit einem ideologischen Nebel füllen zu können, doch sie wohnen auf getrennten Gipfeln, die verschiedenen Klimazonen angehören; blüht auf den Matten des einen der Enzian, glänzt auf denen des anderen noch der Schnee. Nur die Engel der Liebe gleiten von hüben nach drüben.

 

Mrz 20 21

Ich bin ein Scherben nur

Ich bin ein Scherben nur,
aus einem Bild gesplittert,
verblaßten Glanzes Spur,
in Staub und Schuld verwittert.

Im Dunkel lieg ich blöd,
weiß nichts von Sonnentagen,
die Nächte sind mir öd
von Mondes wüsten Sagen.

Was soll ich liegen fahl,
entweiht wie Kelch und Kronen
in Furchen, schwarz und kahl,
die ohne Blumen wohnen.

Ich harre aufs Geschick
des Meisters, mich zu fügen
ins schöne Mosaik,
den Engeln zum Vergnügen.

 

Mrz 19 21

Mit hellen Engeln

So laß uns, Schwester, Hand in Hand
durch dieses Dunkels Wildnis schreiten,
dein Lächeln ist das Unterpfand,
daß helle Engel um uns gleiten.

Ihr Flügel spreitet uns zur Sicht
die Halme, die sich huldvoll beugen,
dein Lied, es ist das süße Licht,
der Seele Ankunft zu bezeugen.

Und schluchzen Abgrunds Stimmen heiß,
und zischen zwischen Schatten Schlangen,
ein Flügelrauschen macht sie leis,
dein sanftes Auge sie befangen.

Wir steigen bis zum Leidenspfahl
und dürfen in das Offne schauen,
in knospenheller Gärten Tal,
wo mildem Strahle Wasser blauen.

Und hat das Schicksal mir verwehrt,
mit dir zum Freudenquell zu gehen,
du gehe, Schwester, unbeschwert,
beglückt seh ich dein Haar noch wehen.

 



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