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Mrz 24 19

O dunkler Erde Lust

Wenn herbstlich dunkler Schauer
Efeu rührt am Stein
und ich lieg allein
beim Moos der Bruchsteinmauer,

wird milde Hand entzünden
einer Kerze Docht,
ach, mir unverhofft,
von fernem Glühen künden?

Wird Windes dumpfes Heulen
vor Kreuz und Strauch,
seelenlos ein Hauch,
wirbeln Laub um kahle Säulen?

Mag sich wohl ein Täubchen senken
auf den rohen Stein,
wo ich lieg allein,
mit leisem Gurren mein zu denken?

Legt ein Kind mir Herbstzeitlosen,
die ihr Liebe gab
auf das öde Grab,
oder taubenetzte weiße Rosen?

Wenn in Stengeln Säfte steigen
in der Blumen Brust,
o dunkler Erde Lust,
wird der morsche Stein sich neigen.

 

Mrz 23 19

Dämmerung im Moor

Die Lerche sank zu Schatten heim,
die aus den Torfen krochen.
Das Lied erstickt im braunen Schleim.
Der Erde Adern pochen.

Des Mondes roter Kalk bestäubt
den Dämmer wilder Ranken.
Die Ringelnatter liegt betäubt,
die scharfen Binsen schwanken.

Das Blut von Mohn und Beere blaßt,
des Moores Lymphen schwellen.
Die Wolken tragen schwarze Last,
der Urzeit morsche Schwellen.

Ein trockner Falter klebt am Mund
des müden Knabenkrautes.
Das Eis des Schlafes klirrt im Grund,
und keine Sonne taut es.

 

Mrz 23 19

Was der Brauch ist

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Philosophieren heißt auch, unser Sprachgefühl soweit zu verfeinern, daß wir die kleine Erbse unter der schweren rhetorischen Matratze spüren; das dünne Haar in der dicken Theoriesuppe sehen.

 

Symbolische Handlungen wie die Begrüßung sind (bei uns) Brauch.

Wir finden oder springen von „grün“ zu grün. Wir finden vom „Wald“ in den Wald.

Wir sollten uns nicht im Wald der Zeichen verirren.

Etwas, was sich von selbst versteht, muß, wenn auch nur von fern, wenn auch noch so matt, durchschimmern.

Wenn wir jemandem erklären wollen, worum es beim hiesigen Brauch der Begrüßung geht, sollen wir auf zwei Leute zeigen, die sich die Hand geben oder die Hände schütteln? – Sie könnten sich auch gerade voneinander verabschieden.

Sich die Hände zu waschen kann eine hygienische Maßnahme sein oder ein symbolischer Akt der Reinigung, der sich in eben jener Handlung ausdrückt, die wir eine hygienische Maßnahme nennen, falls sie im Bad und nicht vor einem heiligen Ort stattfindet.

Das, was wir Reinigung nennen, hat im einen und anderen Fall unterschiedlichen Sinn; aber die Verschiedenheit beruht auf einer Verwandtschaft, die sich in gewissen Analogien und Ähnlichkeiten ausdrückt.

Wir gehen ein Tal hinan, vorbei an Blumengärten, Obstfeldern, Weinbergen und kleinen Wäldern; auf der Höhe angekommen, erblicken wir das Tal und übersehen die Reihe der von uns beim Aufstieg nach und nach erlebten Ansichten auf einen Blick, wenn auch in umgekehrter Abfolge.

Wir erblicken von der Anhöhe mehr als das, was wir im provinziellen Umkreis unserer eingeschränkten Sicht in der Ebene gesehen haben. Aber wir können nicht sagen, daß dies Mehr der Höhe das Wenige des Flachlands aussticht, verbessert oder gar „widerlegt“. Wir haben einen besseren Überblick und sehen, daß die Hütte, von der wir ausgingen, in der Nähe eines Baches liegt, dessen Verlauf wir allererst von hier oben erfassen.

Doch daß die blauen Blumen neben den roten Iris und Rosen sind, solche Feinheiten kannst du aus der Höhe und in solchem Abstand nicht erkennen.

Wir nennen das Händeschütteln eine Form der Begrüßung und die Begrüßung bezeichnen wir als einen hier üblichen Brauch. Wenn wir jemandem erklären wollen, was ein Brauch oder hierzulande der Brauch ist, sagen wie „die Begrüßung“ und verweisen zur Verdeutlichung und zum besseren Verständnis auf zwei Leute, die sich treffen und sich die Hände schütteln.

Wenn es die Eskimos und Japaner anders halten (und wie die Ethnologen illustrieren, verschiedene Völker verschieden), verstehen wir, was jene machen, die sich bei der Begrüßung an der Nase berühren oder ehrfurchtsvoll voreinander verbeugen, als dasjenige, was wir machen, wenn wir uns die Hände schütteln – per analogiam.

Doch wenn wir uns nicht zur Begrüßung die Hände schüttelten (oder andere Gesten vollzögen), verstünden wir nicht, was die Eskimos tun.

Was immer wir denken oder empfinden mögen, wenn wir jemandem zur Begrüßung die Hand reichen, wir vollziehen den Brauch und zeigen, daß wir im gemeinsamen Haus der Sittlichkeit wohnen.

Weil der Vollzug des Brauchs sich neutral zu demjenigen verhält, was dabei in unserem Kopf spukt, können wir davon ausgehen, daß wir die Bedeutung solch elementarer sozialer Vorgänge wie die Begrüßung nicht als mentales Ereignis identifizieren können oder müssen.

Daß wir die Bedeutung der sozialen Konvention der Begrüßung verstanden haben, zeigt sich, wenn wir dem ehemaligen Freund, von dem wir uns verraten fühlen, bei einer Begegnung den Gruß verweigern.

Die Ethnologie und Verhaltenspsychologie können uns nicht erklären, was (bei uns und andernorts) der Brauch oder eine Begrüßung ist, wenn wir es nicht zuvor schon verstanden haben.

Wir begrüßen diejenigen, die im engeren und weiteren Sinne zu uns gehören; und wiederum grüßen uns diejenigen, die sich im engeren und weiteren Sinne zu uns gehörig fühlen.

Wenn wir uns von einem Menschen oder einer Gruppe lossagen, grüßen wir sie nicht (mehr); wenn wir von einem Menschen oder einer Gruppe als nicht (länger) zugehörig betrachtet werden, werden wir von ihnen nicht (mehr) gegrüßt.

Wir verlieren an Ansehen, wenn wir von angesehenen Personen nicht mehr gegrüßt oder eingeladen werden.

Zur Grammatik der Begrüßung gehört, daß sie das Gegenteil der Verabschiedung, aber das Komplement der Einladung darstellt.

Um die Grammatik eines Brauchs zu erlernen, bedarf es keiner Psychologie oder psychologischen Erklärung; wie wir auch keine Psychologie brauchen, um die Grammatik des Lateinischen zu erfassen.

Psychologisch-genetische Erklärungen, wie daß der Handschlag die Wehrlosigkeit des Grüßenden bezeigt, sind so einfältig und unfruchtbar wie die Hypothese, der Begrüßungskuß sei ein Residuum der frühkindlichen Mutterbindung oder der Aberglaube eine Art infantile Physik.

Willkommen und Abschied sind entscheidende Wegmarken auf dem Lebensweg und die sie umrankenden oder stützenden Formeln, Gesten, Rituale sprechen mit dem Atem vitaler Mächte und Instinkte.

Für den Gläubigen ist die Geste, die Ikone zu küssen, Ausdruck der Verehrung. Für den Liebenden, das Bild der Geliebten zu küssen, Ausdruck seiner Hingabe. Das erste ist ein Brauch, nicht das zweite.

Die Gesten religiöser Verehrung können den Gläubigen abverlangt werden, die Rituale des Eros gehorchen keiner verbindlichen Konvention.

Wir könnten die Frage mittels einer Geste wie das Händeklatschen, Pfeifen oder Fingerschnippen kenntlich machen. Daß wir es durch Anheben der Satzmelodie machen, müssen wir nicht damit erklären, dies sei eben weniger aufwendig und ökonomischer.

Der Aufwand und das Gepränge entscheiden nicht über den Sinn und die Funktion eines Brauchs. Nichts überschwänglicher, üppiger, aufwendiger als das archaische Begrüßungszeremoniell am Hof des persischen Großkönigs oder die Morgenaudienz des französischen Sonnenkönigs. Nichts verhaltener und sublimer als die alte Sitte, der Dame zur Begrüßung die Hand zu küssen.

Eine Einladung aus fadenscheinigen Gründen abzulehnen kann den Willen kundtun, nicht zum Kreis der Geladenen gerechnet zu werden. Den Grüßenden zu schneiden, dem, der die Hand reicht, die seine zu entziehen, drückt Verachtung aus.

Wir müssen denjenigen, dessen Gruß wir erwidern, nicht sympathisch finden oder schätzen, doch wir entrichten ihm die echte Münze der Hochachtung.

Jene, die niederknien und dem hohen Würdenträger den Siegelring küssen, können dies, anders als der Liebende, der das Bild der Geliebten küßt, ohne innere Anteilnahme tun.

Der hohe Würdenträger gibt eine Audienz und wird feierlich begrüßt; die Freunde reichen sich ihre Hand auf Augenhöhe. Das eine bezeichnen wir durch einen einstelligen Relationsausdruck (X begrüßt Y), das andere durch einen zweistelligen Relationsausdruck (X und Y reichen sich die Hand).

Mit der Begrüßungsformel wird ob mündlich oder schriftlich ein Tor geöffnet, eine Sequenz angekündigt: ein Gespräch, eine Mitteilung.

Das Formelhafte des sprachlichen und gestischen Ausdrucks ist ein Kennzeichen dessen, was wir Brauch, Gepflogenheit oder soziale Institution nennen.

Ein Roboter könnte Begrüßungsrituale und Grußformeln nach Programm simulieren, aber nicht vermuten, daß der vorbeiwackelnde Genosse, der sich nicht die Bohne um ihn schert, entweder zu zerstreut ist, um ihn wahrzunehmen, oder indigniert „nach unten blickt“ und den Gruß verweigert, weil er aufgrund einer Zurücksetzung oder Mißachtung den Beleidigten spielt.

Könnte er Vermutungen anstellen, käme der Roboter nur dahin anzunehmen, daß bei dem blasierten Zwilling wohl ein Schräubchen locker bzw. ein Sensor ausgefallen ist, aber sein Gebaren so frei von allem Sinn ist wie sein eigenes.

Roboter entwickeln keine Bräuche, das heißt keine Kultur.

Wir werden von unseren Bräuchen und Gepflogenheiten wie Kinder von ihren Schwimmhilfen über dem unruhigen Wasser der sozialen Ungewißheiten und kommunikativen Unbestimmtheiten gehalten.

Wer mutwillig oder romantisch-rebellisch gegen unsere Bräuche und Gepflogenheiten das Messer der höheren Gesinnung ungeheuchelter moralischer Nacktheit wetzt, riskiert oder will, daß wir in dieser trüben Brühe absaufen.

Die Gastgeschenke, die wir bei der Begrüßung dem Gastgeber zu überreichen pflegen, entsprechen in ihrem Wert sowohl ihrem als auch unserem sozialen Rang.

Es gibt keinen prinzipiellen moralischen Einwand post festum gegen archaische oder exotische Bräuche, und mögen sie unserem spätzeitlich-effeminierten Gefühl noch so grausam dünken, wie die Tieropfer bei den antiken Völkern (von Menschenopfern zu schweigen), die den Göttern gleichsam als Begrüßungsgeschenke dargebracht wurden, auf daß sie ihre Aufwartung im Tempel machten, um sie huldvoll entgegenzunehmen.

Keine Prinzipien einer angeblich höheren Moral können uns dazu herabwürdigen, Leute oder die Anwesenheit von Leuten oder den Andrang von Leuten zu tolerieren, die unsere Bräuche und Sitten, das über Generationen gewebte Netz unserer Lebensform, mißachten, verachten oder kraft ihrer einschüchternden Ausstrahlung aushöhlen und durch zerstörerische Akte zersetzen.

Gewiß, wir sehen den Wandel der Institutionen, die ihre Gestalt im Laufe der Zeit verändern; aber mehr noch die Gefahr unbedachter Exzesse, die ihr nährendes Blut zur Ader lassen.

Die Grammatik der Gesten muß wie die Grammatik der Sprache aus sich selber leben und schöpfen.

Sowenig wir die Grammatik der Sprache erfunden haben, sowenig die Grammatik der Gepflogenheiten.

Die sprachlichen Formeln und gestischen Formen von Begrüßung und Abschied gleichen in manchem Handschuhen; wir können den rechten nicht über die linke Hand stülpen und den linken nicht über die rechte Hand.

Der Zerstreute, der versucht, den rechten Handschuh über die linke Hand zu ziehen, gleicht einem, der beim Toast während einer Jubelfeier elegische Töne anschlägt oder bei der Trauerfeier einen obszönen Witz fahren läßt. Man kann psychologisch darin Fehlleistungen aufspüren; es handelt sich aber in erster Linie um grammatische Patzer.

Einer, der auf der Beerdigung in einer grellen Aufmachung, wie in einem Faschingskostüm, erscheint – ein Diogenes, ein satirischer Schelm, ein manisch Besessener? Oder einer, der Trauerkleidung für eine öde Form der Kostümierung ansieht.

Die Strenge, mit der wir oftmals Verletzungen jener Konventionen ahnden, die unsere Gepflogenheiten bestimmen, zeigt, daß wir hier nicht, ohne Mißverständnisse hervorzurufen, analog zu den Sprachspielen von Spielen der Geselligkeit sprechen können.

Wir können die sprachliche und gestische Ausstaffierung von Gebräuchen als Dekorum betrachten und mit einem Set rhetorischer Figuren und Topoi vergleichen.

Was geschähe mit unserem Drang, ins Unbekannte vorzustoßen, wenn wir die grammatische Form der Frage verlören?

Das Netz der Bräuche und Gepflogenheiten trägt uns wie ein feines Spinnenweb Tropfen, die in der Morgensonne funkeln. Freilich, sie können von einem Windhauch herabgeweht werden.

Ohne das Gewebe fielen die Tropfen auf den Boden, zerstöben auf dem Stein oder versänken in der Erde.

 

Mrz 22 19

Evidenz und Mitteilung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Grün verläuft nicht gleichförmig in Rot, dagegen Gelb in Grün.

Deshalb reden wir von dem Farbkontinuum „grünlich-gelb“, aber nicht von „bläulich-rot“.

Es gibt die diffuse Zone des Übergangs, wo die Grenzen verwischt sind; hier bleiben wir im Ungefähren und die Rede wird vage. (Ist grünlich-gelb gelber als gelblich-grün?)

Der Schmerz oder die Trauer hat keine diffuse Übergangszone zur Lust oder Heiterkeit und umgekehrt.

Dagegen verschwimmen die Grenzen der emotionalen Felder, die wir mit den Begriffen „traurig“, „verdrossen“, „trübsinnig“ und „melancholisch“ abstecken („vergnügt“, „fröhlich“, „fidel“ und „heiter“).

Tag und Nacht vermischen sich in der atmosphärischen Übergangszone der Dämmerung. Der blaue südliche Mittag scheint uns ein distinktes atmosphärisches Feld oder Bild abzustecken.

Wir finden in Kunst und Musik die Vorlieben der Maler und Komponisten für klare Sujets und Übergangszonen (wie die Dämmerung, das Verwischen der Tonarten).

Wir unterscheiden psychologisch und kriminologisch die Tötungsmotive von Notwehr und Habsucht, Eifersucht, Rache oder Verdeckung einer Straftat und nennen letztere niedrige Beweggründe, die das Strafmaß verschärfen.

Habsucht und Eifersucht können Hand in Hand gehen, aber vermischen sich nicht.

Der Mann lauert dem jungen Liebhaber seiner Frau auf und tötet ihn. Wir greifen eine in sich geschlossene Geschichte, einen Plot.

Doch wenn sich herausstellt, daß der Liebhaber ein Wissenschaftler ist, der für eine Entdeckung gefeiert wird, die dem gehörnten Ehemann, der auf demselben Gebiet forschte, nach Jahren mühsamer Suche nicht gelang, kommt ein neues Motiv, gekränkte Eitelkeit und Rache, hinzu.

Zwei und mehr Fäden von Geschichten wickeln sich umeinander. Es sieht in einiger Entfernung aus wie ein einziger dicker Strang, fast wie eine Biographie.

Wie lernen wir, etwas als Tier im Unterschied zum unbelebten Ding oder zur Pflanze zu benennen?

Auch hier finden wir diffuse Übergangszonen wie Viren, Bakterien, Seelilien, Korallen.

„Wauwau“ ruft das Kind. Hat es damit den Begriff von einem Hund erfaßt oder von allem, was bellt?

Wir bedürfen keiner Information, um zu fühlen, daß etwas wehtut.

Wissen wir, es war der Stich einer Biene, bleibt unser Gefühl davon unbenommen.

Keiner kann uns weismachen, unser Gefühl (wie der Schmerz) sei eine Maske eines anderen Gefühls (wie der Lust).

Was sich uns unmittelbar erschließt wie Lust und Schmerz, Licht und Farbe, Heiterkeit und Verdruß, Liebe und Haß, nennen wir selbstevident.

Was Platon die reine Form und die Scholastik Substanz nannten, führen wir auf die Trivialität solcher alltäglichen Phänomene zurück.

Was uns ursprünglich vertraut ist, lernen wir in keiner Schule; wir lernen es nur zu benennen und zu bezeichnen.

Wir können nicht wissen, daß wir als derselbe erwachen, als der wir eingeschlafen sind. Wir kommen nur nicht umhin, es zu glauben.

Was wir wissen, könnten wir auch nicht wissen, wie daß der Morgenstern der Abendstern ist; aber wir können nicht glauben, dies sei grün, ohne dessen gewiß zu sein.

Was sich zeigt, teilt uns nichts mit.

Die Ampel zeigt Rot; aber nur aufgrund der Regel, daß Rot hier als Zeichen stehenzubleiben gilt, erhalten wir die einschlägige Mitteilung.

Das Phänomen ist natürlich-evident, Regel und Zeichen künstlich-konventionell.

Wir können Zeichen auf Zeichen anwenden, aber nicht ad infinitum; so gelangen wir an der Grenze wieder zu den Phänomenen, wie mit „grün“ zu grün und mit „Hund“ zu Hund.

Freilich, da uns Hunde nicht als Manifestationen platonischer Formen gelten, steht „Hund“ nicht bloß für Hund, sondern für Pudel, Spitz oder Dackel. „Pudel“ mag wiederum für Zwergpudel und Königspudel stehen, doch kann uns dies begrifflich nicht verwirren (auch wenn neue Exoten gezüchtet werden).

Daß „grün“ grün meint, ersehen wir daraus, daß mit dem Satz „Das Gras ist rot“ (wenn er nicht in einem Band mit expressionistischer Lyrik steht) etwas nicht stimmt.

Daß „Hund“ Hund meint, ersehen wir daraus, daß mit dem Satz „Der Hund schnurrt“ (wenn er nicht in einem Band mit Märchen steht) etwas nicht stimmt.

Wir nehmen die syntaktischen Zeichen und Partikel wie den Punkt, das Fragezeichen, die Konjunktionen „und“ und „oder“ als Zeichen für den Ausdruck und die Verbindung der Gedanken.

„Hans schüttelte Peter die Hand.“ Der Punkt sagt uns, der Ausdruck des Gedankens ist umgrenzt und abgeschlossen, auch wenn er beliebig durch rhetorisches Dekorum erweitert werden kann, wie „Hans schüttelte Peter herzlich die Hand” oder „Am Neujahrsmorgen des Jahres 1973 schüttelte Hans seinem Freund Peter herzlich die Hand.“

Die transitive und symmetrische verbale Wendung „schüttelte die Hand“ stellt das grammatisch-logische Gelenk des relationalen Ausdrucks dar, denn wie bekannt können wir sie so schreiben: X (die Hand schütteln) Y, wobei die Art und der Umfang der Kandidaten für jene Namen, die für die Variablen X und Y eingesetzt werden können, durch die Bedingung eingeschränkt werden, daß sie alles umfaßt, was sich die Hand schütteln kann.

Wir sagen nicht, daß wir bei der Auswahl der Kandidaten auf die Anzahl der menschlichen Individuen beschränkt sind, sondern können die Zugehörigkeit zum Kreis menschlicher Individuen über die Anzahl dieser Kandidaten bestimmen, nämlich eben solcher, die sich mittels symbolischer Handlungen wie des Händeschüttelns (oder anderer konventioneller Gesten) begrüßen.

Wir können ja den Vorgang oder das Ereignis, das mit jenem Satz bezeichnet wird, wiederum bezeichnen, nämlich als Begrüßung.

Vorgänge und Handlungen wie die Begrüßung sind auf der Ebene des sozialen Umgangs ebenso elementar wie einfache Wahrnehmungen und Empfindungen auf der psychischen Ebene.

Sich die Hand schütteln, zum Abschied winken, einladend die Tür öffnen, lächeln oder finster die Stirn runzeln und tausend andere Gesten sind der physische Ausdruck symbolischer Handlungen.

Es gelten gewisse grammatisch-semantische Regeln, deren Einhaltung die Ausdrucksfülle und Wirksamkeit symbolischer Handlungen garantiert. Wir pflegen nicht jemanden per Handschlag herzlich zu begrüßen und uns dann abrupt abzuwenden oder zum Abschied zu winken und zu erwarten, daß die Person gleich wieder vor unserer Türe steht.

Tun wir dergleichen absurde Dinge, haben wir entweder die Grammatik der Handlung nicht verstanden oder sind verrückt.

Symbolische Handlungen können verkettet, kombiniert und verschachtelt werden. Wir können dem Gast lächelnd die Türe öffnen, herzlich die Hand schütteln und mit einer freundlichen Geste ins Wohnzimmer geleiten.

Wir können sowohl diese Serie von symbolischen Handlungen „Begrüßung“ nennen als auch jedes willkürlich gewählte Element einer solchen Reihe wie den einfachen Akt des Händeschüttelns.

Die grammatisch gegliederte Abgeschlossenheit der symbolischen Handlung finden wir auf der elementaren Ebene als Abgeschlossenheit und Evidenz der Wahrnehmung einfacher Phänomene. Es fehlt nichts, wenn wir eine Farbe sehen, einen Duft riechen, die Wärme der Glut fühlen.

Der Eindruck, daß dies grün ist, teilt mir nicht mit, daß es sich um Gras oder Moos handelt; während der Eindruck des Lächelns und Händeschüttelns mir mitteilt, daß mich mein Freund herzlich begrüßt.

Wir können dem Blinden nicht den Eindruck des frischen Grüns einer Sommerwiese vermitteln; und ebensowenig demjenigen, der blind für die Bedeutung symbolischer Akte wie das Händeschütteln ist, das, was wir mit „Begrüßung“ meinen.

Man kommt von Grünlich-Gelb zum reinen Grün, indem man sagt: „Denk dir den Farbwert in dieser Richtung immer satter“ – jedoch nicht umgekehrt.

Die Bedeutungen und die grammatische Verknüpfung unserer symbolischen Handlungen liegen wie ein dichtes, feingesponnenes Netz auf unserem Dasein. Wir wissen nicht, von wannen es herrührt noch wer es gewebt hat. Zerreißt es an einer Stelle, werden auch andernorts unsere Gesten verwackelt und unsicher.

Es zu flicken und nachzubilden erfordert einen Aufwand ähnlich dem, ein vom Wind verworrenes Spinnennetz mit bloßen Händen neu zu ordnen.

 

Mrz 21 19

Das leichte Lied

Was ist es, das so zärtlich ruft,
wenn frühe Knospen schwanken,
als hätt es lange dich gesucht,
das leichte Lied den Kranken.

Es zögert, wie Verliebte tun,
vor deiner schweren Türe,
und will auf ihrer Schwelle ruhn,
bis es das Herz dir rühre.

Es schwebt in deine Nacht und sprüht
wie Käferchen im Dunkeln,
wie Lebewohl dem Mund erblüht,
ist schön sein Abschiedsfunkeln.

 

Mrz 21 19

Krankenzimmer

Einsamkeit, des Krankenzimmers leere Ecken.
Und du wirst suchen, du wirst klagen:
O Spinne, königlich dein Zitter-Faden.

Im Grünen flattern weichen Lichtes Ranken.
Du schaust sie fern durch stumme Scheiben.
Du möchtest gern im weichen Lichte baden.

Ein Dunkles flüstert in den Sommernachmittagen
von Liebe dir, und hatte ja kein Bleiben,
von eines blauen Blickes zartem Schrecken.

War es, da jene allzu vollen Knospen sanken,
bevor sie ihre stillen Augen aufgeschlagen?
Doch auf dem Tischtuch blieben Tränenflecken.

 

Mrz 21 19

Théophile Gautier, Villanelle Rhythmique

Quand viendra la saison nouvelle,
Quand auront disparu les froids,
Tous les deux, nous irons, ma belle,
Pour cueillir le muguet au bois.
Sous nos pieds égrenant les perles
Que l’on voit au matin trembler,
Nous irons écouter les merles,
Siffler.

Le printemps est venu, ma belle,
C’est le mois des amants béni;
Et l’oiseau, satinant son aile,
Dit des vers au rebord du nid.
Oh! Viens donc sur ce banc de mousse
Pour parler de nos beaux amours,
Et dis-moi de ta voix si douce,
Toujours!

Loin, bien loin, égarant nos courses,
Faisons fuir le lapin caché,
Et le daim, au miroir des sources,
Admirant son grand bois penché!
Puis, chez nous, tout heureux, tout aises,
En panier, enlaçant nos doigts,
Revenons rapportons des fraises
Des bois!

 

Hüpfende Villanelle

Kommt die schöne Jahreszeit,
die kalten Zapfen tauen,
gehen, meine Schöne, wir zu zweit
im Wald Maiglöckchen schauen.
Perlen tropfen von den Füßen,
die morgens uns noch schillern,
Drosseln sind, uns zu begrüßen
mit Trillern.

Meine Schöne, Frühling kehrt wieder,
Mond schenkt der Liebe ein Fest,
der Vogel putzt sich sein Gefieder,
sein Lied fällt weich, weich aus dem Nest.
O! Aufs Moos hier wollen wir sinken,
der Liebe zu schwören den Liebeseid,
laß mich die süßen Silben dann trinken:
für alle, alle Zeit!

Weit, wie weit, verirren sich unsre Pfade,
den scheuen Hasen scheucht auf unser Schrei,
den Hirsch, der im spiegelnden Bade
bewundert sein stolzes geneigtes Geweih.
Dann gehn wir, so glücklich und ungezwungen,
während Finger um Finger sein Geschwister besucht,
nach Haus, mit einem Körbchen mit jungen
Beeren, süßer Frucht.

 

Siehe:
Hector Berlioz, Les Nuits d’Été, Villanelle:
https://www.youtube.com/watch?v=qR1r12aC8XU

 

Mrz 20 19

Seamus Heaney, Bogland

for T. P. Flanagan

We have no prairies
To slice a big sun at evening–
Everywhere the eye concedes to
Encrouching horizon,

Is wooed into the cyclops’ eye
Of a tarn. Our unfenced country
Is bog that keeps crusting
Between the sights of the sun.

They’ve taken the skeleton
Of the Great Irish Elk
Out of the peat, set it up
An astounding crate full of air.

Butter sunk under
More than a hundred years
Was recovered salty and white.
The ground itself is kind, black butter

Melting and opening underfoot,
Missing its last definition
By millions of years.
They’ll never dig coal here,

Only the waterlogged trunks
Of great firs, soft as pulp.
Our pioneers keep striking
Inwards and downwards,

Every layer they strip
Seems camped on before.
The bogholes might be Atlantic seepage.
The wet centre is bottomless.

 

Moorland

Für T. P. Flanagan

Wir haben kein Steppengras,
die dicke Sonne abends zu zerschneiden.
Immer duckt das Auge sich
unter den lastenden Horizont,

wird gelockt ins Zyklopenauge
eines Bergsees. Zaunlos ist unser Land
Moorland und bildet ständig Krusten
unter den Blicken der Sonne.

Sie bargen das Skelett
des Großen Irischen Elchs
aus dem Torf, stellten es auf:
eine Wunderkiste voller Luft.

Butter, herabgeträufelt
mehr als hundert Jahre,
schöpfte man dort, salzig und weiß.
Der tiefe Grund ist weich, schwarze Butter,

schmelzend, unter den Füßen treibend,
sein letzter Sinn verlor sich
während Millionen von Jahren.
Sie werden hier nie nach Kohle graben,

nur nach vollgesogenen Strünken
mächtiger Tannen, zart wie Mark.
Unsere Pioniere machen Vorstöße
ins innere und untere Reich,

jede Schicht, die sie abtragen,
ruht auf weiteren Schichten.
Die Moorhöhlen sind wohl Sickergruben des Atlantiks.
Das feuchte Zentrum ist bodenlos.

 

Mrz 20 19

Seamus Heaney, Digging

Between my finger and my thumb
The squat pin rest; snug as a gun.

Under my window, a clean rasping sound
When the spade sinks into gravelly ground:
My father, digging. I look down

Till his straining rump among the flowerbeds
Bends low, comes up twenty years away
Stooping in rhythm through potato drills
Where he was digging.

The coarse boot nestled on the lug, the shaft
Against the inside knee was levered firmly.
He rooted out tall tops, buried the bright edge deep
To scatter new potatoes that we picked,
Loving their cool hardness in our hands.

By God, the old man could handle a spade.
Just like his old man.

My grandfather cut more turf in a day
Than any other man on Toner’s bog.
Once I carried him milk in a bottle
Corked sloppily with paper. He straightened up
To drink it, then fell to right away
Nicking and slicing neatly, heaving sods
Over his shoulder, going down and down
For the good turf. Digging.

The cold smell of potato mould, the squelch and slap
Of soggy peat, the curt cuts of an edge
Through living roots awaken in my head.
But I’ve no spade to follow men like them.

Between my finger and my thumb
The squat pen rests.
I’ll dig with it.

 

Das Graben

Zwischen Zeigefinger und Daumen
liegt mir der plumpe Stift, hold wie ein Colt.

Unter dem Fenster ein feiner Ton wie Schaben,
in schwere Erde taucht der Spaten:
mein Vater ist beim Graben. Ich schau hinaus,

bis sich sein strammer Rücken in die Blumenbeete
niederbeugt und zwanzig Jahre früher auftaucht,
wieder und wieder bückt er sich in die Kartoffelfurchen,
wo er gegraben hat.

Der grobe Stiefel, straff in der Schlaufe, den Schaft
fest ans Kniegelenk gestemmt.
Allen Wildwuchs riß er aus, versenkte den Glanz der Schneide tief,
um neue Kartoffeln zu setzen, wir klaubten manche auf,
liebten ihre kühle Härte in den Händen.

Bei Gott, der Alte hatte den Spaten im Griff.
Genau wie sein alter Herr.

Mein Großvater stach mehr Torf an einem Tag
als jeder andere Mann in Toner’s Moor.
Einmal brachte ich ihm eine Flasche Milch,
flüchtig mit Papier verkorkt. Er richtete sich auf,
trank und machte sich gleich wieder ans Werk,
stach säuberlich Grasnarben aus, schulterte
die Soden und beugte sich fort und fort hinab,
den guten Torf zu bergen. Durch Graben.

Der kühle Duft von Kartoffelbrei, das Platschen und Klatschen
von feuchtem Torf, die schrillen Hiebe einer Schneide
durch Wurzelwerk, sie werden in mir wach.

Doch hab ich keinen Spaten, es jenen Männern gleichzutun.

Zwischen Zeigefinger und Daumen
liegt mir der plumpe Stift.
Damit will ich graben.

 

Mrz 20 19

Seamus Heaney, Song

A rowan like a lipsticked girl.
Between the by-road and the main road
Alder trees at a wet and dripping distance
Stand off among the rushes.

There are the mud-flowers of dialect
And the immortelles of perfect pitch
And that moment when the bird sings very close
To the music of what happens.

 

Lied

Vogelbeere, Mädchen mit grellem Lippenstrich.
Zwischen Nebenpfad und Hauptweg
Erlen, im feuchten Abstand eines Tröpfelns,
ragen aus den Binsen auf.

Hier gibt es Sumpfblumen der Mundart
und Immortellen reinsten Zungenschlags,
und dann der Augenblick, wenn das Vogellied
fast wie Musik des wahren Lebens klingt.

 

Mrz 19 19

Dylan Thomas, Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on that sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

 

Wünsch lächelnd eine gute Nacht mir nicht

Wünsch lächelnd eine gute Nacht mir nicht,
ein Greis soll Flammen in die Dämmerung halten,
glüh auf im Zorn, wenn Asche wird das Licht.

Am End erfahren Weise, wie das Dunkel spricht,
denn ihre Worte konnten keine Blitze spalten,
sie wünschen lächelnd gute Nacht uns nicht.

Die Guten weinen, wenn die letzte Woge bricht,
weil ihre zarten Gesten hellen Schäumen galten,
sie glühen auf im Zorn, wenn Asche wird das Licht.

Die Wilden trommelten der Sonne ins Gesicht,
zu spät begreifen sie, ihr Tanz ließ sie erkalten,
sie wünschen lächelnd gute Nacht uns nicht.

Den Ernsten, so der Tod ihr Aug zersticht,
die Wimpern sich um Feuerblumen falten,
sie glühen auf im Zorn, wenn Asche wird das Licht.

Und Vater, du von deinem kahlen Hochgericht
verfluche, segne mich mit Tränen, heißen, kalten.
Wünsch lächelnd eine gute Nacht mir nicht,
glüh auf im Zorn, wenn Asche wird das Licht.

 

Mrz 18 19

Philosophieren als Diätetik

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Es gibt keine Pflicht, bestimmte Worte, Wendungen, Phrasen herunterzuschlucken, was alle reden, nachzuplappern und wiederzukäuen, was alle meinen, sich einzuverleiben und selbst zu glauben.

Worte, die wie abgewetzte Fetische ominös blinken.

Warum sollte man einem glauben, der im Brustton der Überzeugung verkündet, was er nicht versteht?

Vertreter gewisser Eliten, die das Wort für Geld und den Geist fürs Prestige unter das Volk bringen, sind entweder nicht grobsinnig genug, um nicht zu wissen, daß sie mit gepanschtem Wein handeln, oder nicht feinsinnig genug, um nicht zu glauben, was auf dem Etikett steht.

Die einen sind bösartige Lügner, die anderen aus grobem Holz geschnitzte Phantasten.

Die Entrüstung, wenn sie bemerken, da glaubt einer nicht an den Schwindel ihrer Etikettierung, nicht an IHRE Menschheit, IHRE Gleichheit, IHRE Würde.

Nicht ALLE können ALLES sagen.

Wenn nicht alle alles sagen können, gibt es einige, die über vieles nichts zu sagen wissen – auch wenn sie den Mund noch so voll nehmen.

Der Geiger kennt den Griff aus dem FF, der Laie sieht, hört und vertraut.

Das echte Urteil beruht auf dem Charisma des Richters, nicht der Autorität des Gesetzes.

Wir wohnen in einem Haus, dessen Grundriß wir nicht kennen.

Jeder erzählt dir eine andere Geschichte über das, was er aus dem Fenster blickend sah.

Doch alle schließen das Fenster, wenn es stürmt oder hineinschneit.

Nicht ALLE können ALLES ausdrücken oder darstellen oder schreiben.

Der Pöbel nur wähnt, ein jeder sei berechtigt, alles zu sagen, alles auszudrücken, alles zu schreiben.

Das überaus Seltsame an dem Haus, in dem wir wohnen, liegt in der Tatsache verborgen, daß sein Grundriß sich in langen Zeitstrecken allmählich verschiebt und verändert.

Du bist in einer Höhle eingeschlafen und wie im Märchen erwachst du in einem Palast.

Oder du bist wie in einer Gothic Novel in einem Palast eingeschlafen und erwachst in einer Höhle.

Wir teilen das Farbspektrum grobkörnig in die Reihe der Grundfarben auf, dann werden wir akribischer, genauer, subtiler oder verspielter und sagen „grünlichgelb“, „froschgrün“, „flamingopink“, „purpurrot“, „algengrün“, „blaß wie der Mond“, „rubinrot“, „lapislazuliblau“ – sehen wir besser oder reden wir mit geübterer Zunge?

Dichten gleicht dem Denken, insofern beide sich in neuen Bildern, Vergleichen, Analogien versuchen, um hinter eine verborgene Sache zu kommen oder um die Ecke zu schauen.

„Grün“ – nun, wir habenʼs vom Walde, vom Gras. Und dann Rilke: „Sinngrün“.

Tiefe Grübelei und Schwermut – sie fressen kein Gras und kein Grün. Trakl: „Die blaue Nacht ist sanft auf unsren Stirnen aufgegangen.“

Das Haus, in dem wir wohnen, es braucht festen Grund, ein Dach, eine Tür, die man Freunden und Gästen aufschließen und vor zudringlichem Gelichter und üblen Gesellen verriegeln kann, es braucht Fenster, Licht einzulassen und nach draußen zu schauen. Hat es einen Garten? Ist es eine Hütte, ein Mietshaus, eine Villa, ein Schloß? Welchem Baustil ordnen wir es zu?

Das Haus, in dem wir wohnen: die Sprache.

Ist sein Grundriß die Grammatik?

Die Wörter der Sprachen gleichen dem Geld, das in unterschiedlichsten Währungen auftritt, und ein Dollar kann gegen einen Euro gewechselt werden.

Nicht so die Grammatik, wir können die grammatische Struktur des Japanischen nicht auf die grammatische Struktur einer indogermanischen Sprache isomorph abbilden.

Vergleichen wir die Sprache mit einem Baum, sind die Wörter wie die Blätter oder Früchte, die Grammatik wie die Wurzeln, der Stamm oder die Zweige.

Als Wittgenstein die Ideen des Tractatus grundlegend revidierte, verglich er sich mit einem Baum, dem man alle Äste abgehauen hat.

Freilich, der Stamm und die Wurzeln blieben übrig.

Wir können durch Pfropfen eines Edelreises ein wildes Gewächs veredeln.

Wesentlich dabei: Die edle Blüte behauptet sich und nährt sich redlich am alten Stamm, ohne etwas vom Eigensten daranzugeben.

Nicht freilich können wir das Reis einer Rebe auf den Zweig einer wilden Rose pfropfen.

Wir können die Grammatik des Chinesischen nicht auf den Stamm des Indogermanischen pfropfen.

Was alles auf der Wasserfläche treibt, während die Tiefe des Sees gleichsam schläft.

Gehören die Formen des dichterischen Ausdrucks wie die unterschiedlichen Metren und Gedichtarten zur Oberfläche oder grammatischen Tiefe?

Hölderlin erfand einen Pindar scheinbar abgeschauten triadischen Neubau der deutschen Hymne. In welche Tiefe des Formbewußtsein senkte sie sich ab? Schläft sie noch in jenem Dunkel?

Wir können freilich keine odischen Maße auf die schlichten der Volksliedstrophe pfropfen, wenn nicht ein Monstrum zutage treten soll.

Nun wohl, die Degenerierten präferieren Monstren und Mißgebilde, die aus unreinen Mischungen stammen.

Die Edlen mögenʼs ungepanscht und unvermischt.

Es gibt kulturelle Epochen und Kulturen, in denen das Edle an Wuchs, Form, Geschmack und Ausdruck vorzüglich gedeiht, wie die Klassik unter Perikles, die Renaissance in Italien und Frankreich oder die Ein-Mann-Kultur Goethes.

Der vulgäre Massengeschmack panscht eine Lösung, die schon fade und wässrig war, mit scharfen und widerwärtigen Essenzen, um überhaupt noch etwas zu schmecken.

Was war früher: die Möglichkeit denken oder das Mögliche mittels der grammatischen Funktion des Konjunktivs darstellen?

Es gibt Grundrisse von Häusern, die ihren Bewohnern ein uns kaum nachfühlbares Fluidum des Daseins gewähren, wie das römische Atrium, welches das Haus nach innen öffnet und das Vergnügen eines Idylls in urbanem Umfeld gewährt.

Sind die Tempora und Modi des Verbs von jener basalen Ordnung für den sprachlichen Ausdruck wie die Klassifikation der Grundfarben für unsere visuelle Wahrnehmung?

Das Geräusch und der Ton der Tonskala, das Brabbeln des Kleinkinds und das distinkte Wort.

Wir unterscheiden den Ton, wenn wir seinen Nachfolger kennen oder um die Dominante, Subdominate oder Oktave wissen.

Wir unterscheiden ein Wort nur auf dem Hintergrund einer sinnvollen Reihe von Wörtern.

Grün gehört in die Reihe mit Blau, Rot und Gelb, Cumulus in die Reihe mit Cirrus, Stratus, Nimbus.

Wie können Zwischentöne und Nuancen nur auf dem Hintergrund der Grundtöne bilden.

Was sollen wir sagen, wenn sich Wolken chaotisch auflösen?

Symptome schlechter Verdauung, Symptome unreifen Denkens.

Der alles wahllos in sich hineinschlingt.

Der Überfeinerte, der nach scharf Gewürztem giert, oder der Überfressene, dem nichts munden mag und alles zuwider ist.

Der Gourmet des Denkens und der asketische Vegetarier.

Beckett hatte den Körper und das Gesicht seiner Sprache.

Dem etwas quer im Magen liegt, der unwirsche und griesgrämige Kritiker.

Manche Schreiber, denen man einen Magenbitter kredenzen würde, ließen erleichtert ab vom Schreiben.

Symptom schlechter geistiger Verdauung: der Hang zum Problematischen, das es zu bewältigen gilt.

Die sich schuldig fühlen, als hätten sie Menschenfleisch gegessen.

Kannibalen des schlechten Gewissens.

Wer die Dinge mit den Augen verschlingt, sieht kaum etwas.

Philosophieren als Diätetik. Nietzsche. Wittgenstein.

Leuten nicht die Hand geben, die (nicht nur physisch) schlecht riechen.

Sie riechen ja schlecht, weil sie faule Kost zu sich nahmen oder etwas, was sie nicht verdauen können.

Qualitäten der Dichtung, deren Valeurs, Stimmungen, Farben von der Sucht oder sexuellen Obsession ihrer Autoren geprägt sind (Baudelaire, Verlaine, Trakl).

Starkes Denken ist Ordnen, Säubern, Tilgen.

Doch wäre es töricht, Mauer für Mauer des Hauses abzutragen, um herauszufinden, welches die tragenden sind.

Fegen, kehren, ausräumen, um einen Überblick zu bekommen, ein wenig Klarheit. Indes nur vorläufig, denn ist man mit dem Hinterzimmer im Reinen, haben sich in der Küche schon wieder Staub und Kehricht angesammelt.

Freilich, wenn im Nebenraum eine tote Katze liegt und der Kadaver allmählich zu stinken beginnt …

Die Grundlage der künstlerischen Ordnung ist die Wiederkehr eines ähnlichen Musters, die mehr oder weniger freie, stärker oder schwächer abgewandelte Variation.

Jede künstlerische Ordnung ist mit der Aura eines originären Ausdruckgehalts behaftet, wie die dorische, korinthische und ionische Säulenordnung, die sapphische Ode und die pindarische Hymne, die Villanelle und das Sonett, der iambische Spottvers und die Elegie.

Der moralische Wert ist unter die Menschen so ungleich verteilt wie die Fähigkeit zum originellen künstlerischen Ausdruck.

Doch stehen beide bisweilen, befremdliche Abgründe eröffnend, in umgekehrtem Verhältnis zueinander.

Wer immer noch etwas zu sagen hat, wie Leute, die nach einem üppigen Mahl Schluckauf bekommen.

Zu viel Licht überblendet den klaren Gedanken.

Der Gehalt großer Dichtung – Schatten des Baumes, der im Lauf des Tages wandert.

Die hohe Hürde moralischer Heuchelei und Unredlichkeit nehmen nur einsame Riesen – oder die drüben leuchtende Felder frischen Blühens gewahrten, unbekümmert schillernde Falter und mit einem Stachel bewehrte Bienen.

Die Knollen des tiefen Gedankens sprießen im Zwielicht.

Wenn der Wind an den Läden rüttelt und Ziegel vom Dach reißt, wenn Schlossen und Hagelkörner an Simse und Scheiben klatschen und platzen, wenn in Gewitter und Sturm die Grundvesten erbeben, fühlen wir die Gewalt der Mächte, denen unser Haus ausgesetzt ist.

Aber wir sind es selbst, sind Verkörperungen der Urmacht, die wir Leben nennen.

Wie, wenn wir vom Einkaufen heimkehren und uns vorstellen, die Wohnung sei ausgeplündert, verwüstet, alle Dinge des Alltags umgestürzt, Papiere, Bücher, Bilder zerrissen, zerfetzt, verbrannt.

Wir können nicht mehr neu beginnen. Wir können uns nicht mehr an alles erinnern.

Wenn wir ganz still sind, hören wir die Gegenstimme der Erde, die sich in einem leisen Zittern und Rieseln der Fundamente des Hauses kundgibt.

Wir können das Haus der Sprache weder verlassen noch aus einem seiner Fenster schauen. Dies zeigt uns unerbittlich die Grenze aller Bilder, die wir uns von uns selbst und unserer Situation machen, ihren letzthinnigen Nonsense.

Lesen wir nach Jahr und Tag Tagebuchnotizen über unsere jugendlichen Wirren und erotischen und sonstigen Verstrickungen, finden wir diesen ganzen Wust recht abgeschmackt oder langweilig.

Dagegen dünken uns die dazwischengestreuten simplen Bemerkungen in simplen Worten über simple Alltäglichkeiten wie Regen, Schnee und Tauwetter, das Herumtollen des Hundes, das Reifen der Äpfel und Birnen im Garten, den lustig-exotischen Klang neapolitanischer Lieder aus dem Radio im verschneiten Dämmerlicht eines langen Winternachmittags voller Sinn und von bleibendem Gehalt.

Das scheinbare Triviale hat noch ärmlichen Glanz im dämmerigen Winkel unserer Erinnerung, die Funken und Irrlichter scheinbar außergewöhnlicher Ereignisse und Gefühlswallungen sind zerstoben und für immer ausgelöscht.

Freilich, in einem anderen dämmerigen Winkel unserer Erinnerung flackert eine Kerze vor einem Bild.

Das Bild ist das Zeugnis einer Begegnung mit einer charismatischen Gestalt, vor der wir geistig die Knie gebeugt haben.

Indes, es geschieht, daß einer die Kerze zu nah an die Ikone rückt, und sie fängt Feuer.

 

Mrz 18 19

Ernest Christopher Dowson, Villanelle Of Acheron

By the pale marge of Acheron,
Me thinks we shall pass restfully,
Beyond the scope of any sun.

There all men hie them one by one,
Far from the stress of earth and sea,
By the pale marge of Acheron.

‘Tis well when life and love is done,
‘Tis very well at last to be,
Beyond the scope of any sun.

No busy voices there shall stun
Our ears: the stream flows silently
By the pale marge of Acheron.

There is the crown of labour won,
The sleep of immortality,
Beyond the scope of any sun.

Life, of thy gifts I will have none,
My queen is that Persephone,
By the pale marge of Acheron,
Beyond the scope of any sun.

 

Villanelle vom Acheron

An des Acheron fahlem Strand,
dort werden still wir gleiten,
wo der Sonne Strahl entschwand.

Dorthin eilen wir Hand in Hand,
fernab von irdischem Streiten,
an des Acheron fahlen Strand.

Selig, wer Leben und Lust überwand,
selig, für immer sich hinzubreiten,
wo der Sonne Strahl entschwand.

Den Lärm der Welt schluckt der Sand,
wie schweigsam die Wasser gleiten
an des Acheron fahlem Strand.

Dort der Siegeskranz, den man uns wand,
dort der Schlaf der Ewigkeiten,
wo der Sonne Strahl entschwand.

Deine Gaben, Leben, seien dort verbannt,
Persephone warʼs, die wir freiten,
an des Acheron fahlem Strand,
wo der Sonne Strahl entschwand.

 

Mrz 18 19

Ernest Christopher Dowson, Villanelle Of Marguerite’s

“A little, passionately, not at all?
She casts the snowy petals on the air:
And what care we how many petals fall!

Nay, wherefore seek the seasons to forestall?
It is but playing, and she will not care,
A little, passionately, not at all!

She would not answer us if we should call
Across the years: her visions are too fair;
And what care we how many petals fall!

She knows us not, nor recks if she enthrall
With voice and eyes and fashion of her hair,
A little, passionately, not at all!

Knee-deep she goes in meadow grasses tall,
Kissed by the daisies that her fingers tear:
And what care we how many petals fall!

We pass and go: but she shall not recall
What men we were, nor all she made us bear:
A little, passionately, not at all!
And what care we how many petals fall!

 

Villanelle auf Margarete

„So zart, kann sie voll Inbrunst doch nicht wallen?“
Sie wirbelt Blütenflocken in die Luft:
Was kümmertʼs uns, wie viele Blüten fallen!

Was sollte Sommer Winters Flocken ballen?
Ist eitel Spiel, das blindlings ihr verpufft.
So zart, kann sie voll Inbrunst doch nicht wallen.

Sie bliebe stumm, wollten wir sie auch in allen
Jahren wieder fragen: gehüllt in Feenduft.
Was kümmertʼs uns, wie viele Blüten fallen!

Sie fühlt nicht, wenn ihrem Zauber wir verfallen,
wie Stimme, Augen, Locken rauben uns die Luft.
So zart, kann sie voll Inbrunst doch nicht wallen.

Knietief streift sie durch Grases feuchtes Lallen,
geküßt von Gänseblümchen, die sie zupft:
Was kümmertʼs uns, wie viele Blüten fallen!

Wir gehn vorbei: In ihr kein Widerhallen
von unsrem Sein, wie uns bedrückt ihr Duft.
So zart, kann sie voll Inbrunst doch nicht wallen!
Was kümmertʼs uns, wie viele Blüten fallen!

 

Mrz 18 19

Ernest Christopher Dowson, Villanelle Of Sunset

Come hither, child, and rest,
This is the end of day,
Behold the weary West!

Sleep rounds with equal zest
Man’s toil and children’s play,
Come hither, child, and rest.

My white bird, seek thy nest,
Thy drooping head down lay,
Behold the weary West!

Now eve is manifest
And homeward lies our way,
Behold the weary West!

Tired flower! upon my breast
I would wear thee alway,
Come hither, child, and rest -
Behold the weary West!

 

Villanelle vom Sonnenuntergang

Komm zu mir, schlaf mein Kind,
des Tages Vorhang fiel,
sieh, wie das Licht verrinnt!

Der Schlaf umhüllet lind
so Qual wie Kinderspiel.
Komm zu mir, schlaf mein Kind.

Mein Täubchen, ins Nest geschwind,
dein Flügel schlug so viel.
Sieh, wie das Licht verrinnt!

Nicht Dunkels Labyrinth,
die Heimat ist das Ziel,
sieh, wie das Licht verrinnt!

Blume, in mein Herz-Gebind
senk, müde, deinen Stiel.
Komm zu mir, schlaf mein Kind,
sieh, wie das Licht verrinnt!

 

Mrz 17 19

Ernest Christopher Dowson, Villanelle Of His Lady’s Treasures

I took her dainty eyes, as well
As silken tendrils of her hair:
And so I made a Villanelle!

I took her voice, a silver bell,
As clear as song, as soft as prayer;
I took her dainty eyes as well.

It may be, said I, who can tell,
These things shall be my less despair?
And so I made a Villanelle!

I took her whiteness virginal
And from her cheek two roses rare:
I took her dainty eyes as well.

I said: “It may be possible
Her image from my heart to tear!”
And so I made a Villanelle.

I stole her laugh, most musical:
I wrought it in with artful care;
I took her dainty eyes as well;
And so I made a Villanelle.

 

Villanelle auf die Kleinodien seiner Dame

Ich nahm vom Auge ihr die Helle,
die Seidenranken ihrer Locken,
und machte eine Villanelle.

Ich nahm der Kehle Silberschelle,
den klaren Fluß, das süße Stocken,
Ich nahm vom Auge ihr die Helle.

Ich sah die Haut der Mirabelle,
unentstellt von Grames Pocken,
und machte eine Villanelle.

Ich nahm die unbeschäumte Welle,
der Wangen rote Zwillingsflocken.
Ich nahm vom Auge ihr die Helle.

Ich fühlte nach der weichen Stelle,
vom Herzen mir ihr Bild zu brocken.
So machte ich die Villanelle.

Des Lachens Schaum auf Mundes Schwelle,
ich wirkte ihn zu Schneelichtflocken.
Ich nahm vom Auge ihr die Helle.
So machte ich die Villanelle.

 

Mrz 17 19

Villanelle auf die glückliche Heimkehr

Halm und Schatten zittern schon.
Schauer rupfen Löwenzahn.
Schnee des Abgrunds, weißer Mohn.

Mutter hat dem zarten Sohn
ihren Umhang umgetan.
Halm und Schatten zittern schon.

Graue Wolken schäumen Hohn
an des Mondes schwanken Kahn.
Schnee des Abgrunds, weißer Mohn.

Fern das Bildnis der Passion
taucht in Dämmers Ozean.
Halm und Schatten zittern schon.

Leuchtet ihnen vom Balkon
nicht der Lampe Porzellan?
Schnee des Abgrunds, weißer Mohn.

Lieblich ist der Mühe Lohn,
bringen sie den Enzian.
Halm und Schatten zittern schon.
Schnee des Abgrunds, weißer Mohn.

 

Mrz 17 19

Ernest Christopher Dowson, Villanelle Of The Poetʼs Road

Wine and woman and song,
Three things garnish our way:
Yet is day over long.

Lest we do our youth wrong,
Gather them while we may:
Wine and woman and song.

Three things render us strong,
Vine leaves, kisses and bay:
Yet is day over long.

Unto us they belong,
Us the bitter and gay,
Wine and women and song.

We, as we pass along,
Are sad that they will not stay;
Yet is day over long.

Fruits and flowers among,
What is better than they:
Wine and women and song?
Yet is day over long.

 

Villanelle auf Dichters Pfad

Wein, Weib und Gesang,
drei Blumen an Pfades Saum,
der Tag entfloh schon so lang.

Daß jugendlich schwebt unser Gang,
pflücket sie leicht wie im Traum:
Wein, Weib und Gesang.

Uns heben drei Dinge im Rang:
Rebe, Kuß und Lorbeerbaum.
Der Tag entfloh schon so lang.

Sie haben von uns ihren Klang,
uns in Dornen, im Flaum,
Wein, Weib und Gesang.

Wir streifen an ihnen entlang,
betrübt, wenn sie schwinden wie Schaum.
Der Tag entfloh schon so lang.

Der Früchte und Blüten Geprang,
doch machen nicht süßer den Traum
Wein, Weib und Gesang?
Der Tag entfloh schon so lang.

 

Mrz 16 19

Edwin Arlington Robinson, The House on the Hill

They are all gone away,
The House is shut and still,
There is nothing more to say.

Through broken walls and gray
The winds blow bleak and shrill:
They are all gone away.

Nor is there one to-day
To speak them good or ill:
There is nothing more to say.

Why is it then we stray
Around the sunken sill?
They are all gone away,

And our poor fancy-play
For them is wasted skill:
There is nothing more to say.

There is ruin and decay
In the House on the Hill:
They are all gone away,
There is nothing more to say.

 

Das Haus am Hang

Sie sind nun alle weg.
Das Haus ist zu und stumm.
Was reden ohne Zweck.

In Schutt und Fäulnisdreck
bläst Wind sich stumpf und dumm.
Sie sind nun alle weg.

Und keiner geht ums Eck,
sagt „Toll!“, nimmtʼs ihnen krumm.
Was reden ohne Zweck.

Was hält uns an dem Fleck,
zerborstener Schwelle Trumm.
Sie sind nun alle weg.

Und unser Wort-Geheck
ist eitlen Spiels Gesumm.
Was reden ohne Zweck.

Gespenstern ein Versteck,
das Haus am Hang liegt stumm.
Sie sind nun alle weg.
Was reden ohne Zweck.

 

Mrz 16 19

Hibiskuslicht am dunklen Saum

Hibiskuslicht am dunklen Saum,
wer leitet mich auf spätem Gang?
O Malvenmond, du leuchtest kaum.

Das Leben ist ein wirrer Traum,
die Schatten flüstern unter Zwang.
Hibiskuslicht am dunklen Saum.

Ein Rauschen wölbt den leeren Raum,
ich hör die Wasser schluchzen bang.
O Malvenmond, du leuchtest kaum.

Muß pflücken ich den Distelflaum,
bis ich ans Tor der Nacht gelang?
Hibiskuslicht am dunklen Saum.

Mit Krähen nachte ich im Baum,
ich bin des Fallobsts dumpfer Klang.
O Malvenmond, du leuchtest kaum.

Kein Hirte legt mir an den Zaum
und führt mich auf den grünen Hang.
Hibiskuslicht am dunklen Saum.
O Malvenmond, du leuchtest kaum.

 

Mrz 15 19

Jean Passerat, J’ay perdu ma tourterelle

J’ay perdu ma tourterelle :
Est-ce point celle que j’oy ?
Je veux aller après elle.

Tu regrètes ta femelle,
Hélas ! aussi fay je moy :
J’ay perdu ma tourterelle.

Si ton amour est fidelle,
Aussi est ferme ma foy,
Je veux aller après elle.

Ta plaincte se renouvelle ;
Tousjours plaindre je me doy :
J’ay perdu ma tourterelle.

En ne voyant plus la belle,
Plus rien de beau je ne voy ;
Je veux aller après elle.

Mort que tant de fois j’appelle,
Pren ce qui se donne à toy :
J’ay perdu ma tourterelle,
Je veux aller après elle.

 

Mein Täubchen flog mir aus der Hand

Mein Täubchen flog mir aus der Hand
Hör ich es dort nicht klagen?
Die Liebe such ich, die entschwand.

Du weinst um deinen schönen Fant.
Auch mir ist zum Verzagen:
Mein Täubchen flog mir aus der Hand.

Knüpft Liebe dir ein treues Band,
soll mich mein Glaube tragen,
die Liebe such ich, die entschwand.

Hat Wehmut wieder dich gebannt,
mir will sie immer tagen:
Mein Täubchen flog mir aus der Hand.

Weil Schöneres ich nirgends fand,
kann Schönes mir nichts sagen.
Die Liebe such ich, die entschwand.

Den oft ich Tröster hab genannt,
Tod, stille, die entsagen:
Mein Täubchen flog mir aus der Hand,
die Liebe such ich, die entschwand.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=ay2mchANIks

 

Mrz 15 19

Charles Baudelaire, Sépulture

Si par une nuit lourde et sombre
Un bon chrétien, par charité,
Derrière quelque vieux décombre
Enterre votre corps vanté,

À l’heure où les chastes étoiles
Ferment leurs yeux appesantis,
L’araignée y fera ses toiles,
Et la vipère ses petits;

Vous entendrez toute l’année
Sur votre tête condamnée
Les cris lamentables des loups

Et des sorcières faméliques,
Les ébats des vieillards lubriques
Et les complots des noirs filous.

 

Grablege

Wenn eines Nachts bei trüben Schauern
ein Mann von mildem Christentum
hinter alten bröckelnden Mauern
beerdigt deines Leibes Ruhm,

zur Stunde, da müd ihr Lid verschließen
Sterne vor der keuschen Glut,
die Spinne webt an ihren Vliesen,
die Viper schaut auf ihre Brut,

dann hörst du übers ganze Jahr
auf deinem Sündenhaupt die Schar
der Wölfe heulen ihr Lamento,

Hexen, hungers aufgequollen,
alter Männer lüsternes Tollen
und dunkler Gauner dunkles Argot.

 

Mrz 14 19

Hellas, deine Sonne

Was mir grauer Wellen Blecken
unter fetten Wolken-Wampen
und den Staub der Lettern lecken
trüb bei trüben Distellampen.

Hellas, deine Sonne,
wo die Bläue glückt.
Hellas, deine Blüten,
wo der Glast entrückt.

Was mir Wust bebrillter Gecken,
die sich Sinn von Würsten schneiden,
die nach fauler Menschheit schmecken,
ohne Salz gekörnter Leiden.

Hellas, deine Haine,
wo die Beere schwitzt.
Hellas, deine Quellen,
wo die Grazie spritzt.

Was mir tätowierte Recken,
die nach saurem Angstschweiß riechen,
und der Nächte krumme Zecken,
die auf Traumes Poren kriechen.

Hellas, deine Tage,
wenn der Hirte schweift.
Hellas, deine Nächte,
wenn die Nymphe pfeift.

Was mir Alters öde Flecken,
Namen murmelnd ferner Retter.
Ruhmlos vor dem Sturm verrecken,
eingewühlt in gelbe Blätter.

Hellas, deine Speere,
wenn die Spitze blinkt.
Hellas, deine Meere,
wenn die Sonne sinkt.

 

Mrz 14 19

Charles Baudelaire, Harmonie du soir

Voici venir les temps où vibrant sur sa tige
Chaque fleur s’évapore ainsi qu’un encensoir;
Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir;
Valse mélancolique et langoureux vertige!

Chaque fleur s’évapore ainsi qu’un encensoir;
Le violon frémit comme un coeur qu’on afflige;
Valse mélancolique et langoureux vertige!
Le ciel est triste et beau comme un grand reposoir.

Le violon frémit comme un coeur qu’on afflige,
Un coeur tendre, qui hait le néant vaste et noir!
Le ciel est triste et beau comme un grand reposoir;
Le soleil s’est noyé dans son sang qui se fige.

Un coeur tendre, qui hait le néant vaste et noir,
Du passé lumineux recueille tout vestige!
Le soleil s’est noyé dans son sang qui se fige…
Ton souvenir en moi luit comme un ostensoir!

 

Einklang abendlich

Es naht die Zeit, auf ihren Stielen schwanken
die Blumen, verströmen sich in Weiheduft.
Die Töne, Düfte wirbeln durch die Abendluft.
Walzer der Schwermut, schluchzendes Wanken.

All die Blumen strömen aus in Weiheduft.
Die Geige zuckt, Herzschlag unter Dornenranken.
Walzer der Schwermut, schluchzendes Wanken.
Der triste Himmel schön, ein Hochaltar der Luft.

Die Geige zuckt, Herzschlag unter Dornenranken.
Weiches Herz, es haßt das Nichts, die schwarze Gruft.
Der triste Himmel schön, ein Hochaltar der Luft.
Die Sonne schwimmt im Blut, erstarrend schon zu Ranken.

Weiches Herz, es haßt das Nichts, die schwarze Gruft,
vom Lichte pflückt es letzte Blüten, Schatten wanken.
Die Sonne schwimmt im Blut, erstarrend schon zu Ranken.
Dein Bild steigt in mir auf, umglänzt von Weiheduft.

 

Mrz 14 19

Charles Baudelaire, La Fontaine de Sang

Il me semble parfois que mon sang coule à flots,
Ainsi qu’une fontaine aux rythmiques sanglots.
Je l’entends bien qui coule avec un long murmure,
Mais je me tâte en vain pour trouver la blessure.

À travers la cité, comme dans un champ clos,
Il s’en va, transformant les pavés en îlots,
Désaltérant la soif de chaque créature,
Et partout colorant en rouge la nature.

J’ai demandé souvent à des vins captieux
D’endormir pour un jour la terreur qui me mine;
Le vin rend l’oeil plus clair et l’oreille plus fine!

J’ai cherché dans l’amour un sommeil oublieux;
Mais l’amour n’est pour moi qu’un matelas d’aiguilles
Fait pour donner à boire à ces cruelles filles!

 

Der Blutquell

Manchmal fühle ich mein Blut in Strömen laufen,
gleich Brunnen, die beim Weinen stockend schnaufen.
Ich hör es wohl, das stete Plätschern dieser Quelle,
doch taste ich vergebens nach der wunden Stelle.

Wie auf dem Schlachtfeld rinnt es durch die Gassen,
dem Pflaster sich in Inseln zu verprassen,
es tränkt die trocknen Zungen aller Kreaturen
und haucht ringsum sein Rot auf alle Fluren.

Vom Wein erflehte oft ich mir Erblinden
und Taubheit vor den Schrecken, die mich ritzen.
Der Wein macht Augen klarer und die Ohren spitzen.

Im Beischlaf suchte ich Vergessens Schlaf zu finden.
Doch Beischlaf ist mir nur ein Bett voll Dornen,
woraus der Nektar flutet diesen holden Nornen.

 

Mrz 13 19

Charles Baudelaire, Les Aveugles

Contemple-les, mon âme; ils sont vraiment affreux!
Pareils aux mannequins; vaguement ridicules;
Terribles, singuliers comme les somnambules;
Dardant on ne sait où leurs globes ténébreux.

Leurs yeux, d’où la divine étincelle est partie,
Comme s’ils regardaient au loin, restent levés
Au ciel; on ne les voit jamais vers les pavés
Pencher rêveusement leur tête appesantie.

Ils traversent ainsi le noir illimité,
Ce frère du silence éternel. Ô cité!
Pendant qu’autour de nous tu chantes, ris et beugles,

Eprise du plaisir jusqu’à l’atrocité,
Vois! je me traîne aussi! mais, plus qu’eux hébété,
Je dis: Que cherchent-ils au Ciel, tous ces aveugles?

 

Die Blinden

Ach, schau dir diese an, auf Grauens Schwelle!
Sie baumeln beinah komisch wie am Draht,
Schlafwandler, einsam auf des Abgrunds Grat,
wohin nur rollen sie die leeren Augenbälle.

Erloschen ist des Blickes Wunderfunken,
doch ihre Augen tasten immerdar
den Himmel ab. Niemals das Trottoir,
ist schwer von Traum das Haupt herabgesunken.

So treiben sie dahin durch grenzenlose Nacht,
des ewigen Schweigens Schwester. O du Stadt!
Wie dein Jodeln, Gellen, Grölen uns umwinden,

vergnügungssüchtig bis zur Niedertracht,
auch ich, doch frag ich, mehr als jene geistig matt:
Was suchen sie am Himmel, all die Blinden?

 

Mrz 13 19

Lied der Leichtmatrosen

Wo Blut und Blüten färben
des Schicksals trübe See,
sind wir des Traumes Erben,
er schmolz dahin wie Schnee.

Wir schauen, wie zerplatzen
die Tropfen Lust und Glück
auf Planken und auf Glatzen,
und lachen dem Geschick.

Wir sind die Leichtmatrosen
und schwanken auf dem Mast,
wir duften nicht nach Rosen,
gestützt von zartem Bast.

Dem Wind gilt unser Singen,
der uns die Bluse bläht,
kein Blitz kann uns bezwingen,
der fern die Schäume mäht.

Wenn nachts die Geister stinken
aus einem Moderkrug,
dann lassen wir sie trinken
und trinken selbst genug.

Wir suchen nicht den Hafen,
an dem ein Bleiben wär.
Von Bräuten, die wir trafen,
ward Abschied uns nicht schwer.

Was ihre Lippen lallten,
wer hätt es je erfaßt,
als sie sich um uns krallten,
war es im Mond verblaßt.

Uns rauscht ein Trost der Regen
und wie die Ratte quiekt,
wenn wir von Bord sie fegen.
O Stern, der uns betrügt.

Und willʼs im Blauen gaukeln,
als locke fern ein Strand
mit roter Blüten Schaukeln,
die Windsbraut warf ihr Band.

Und willst du mit uns fahren
auf diesem dunklen Schiff,
mußt ruhig Blut du wahren
vor Blitzes grellem Riff.

Beim Liede der Sirenen,
es rüttelt hoch: ein Aar,
mußt du dein Heimwehsehnen
verschlucken wie ein Haar.

 

Mrz 12 19

Charles Baudelaire, Alchimie de la douleur

L’un t’éclaire avec son ardeur,
L’autre en toi met son deuil, Nature!
Ce qui dit à l’un: Sépulture!
Dit à l’autre: Vie et splendeur!

Hermès inconnu qui m’assistes
Et qui toujours m’intimidas,
Tu me rends l’égal de Midas,
Le plus triste des alchimistes;

Par toi je change l’or en fer
Et le paradis en enfer;
Dans le suaire des nuages

Je découvre un cadavre cher,
Et sur les célestes rivages
Je bâtis de grands sarcophages.

 

Alchemie des Schmerzes

Dem spiegelst du sein Glühen wider,
der sieht in dir, Natur, sein Leid.
Was einem brennt wie Grabesscheit,
färbt anderen die Lust der Glieder.

Hermes, fremder Gott, dienst mir mit Listen,
hast stets das Fürchten mich gelehrt,
zum falschen Midas mich entehrt,
dem traurigsten der Alchemisten.

Dank dir wird Rost der goldne Schrein,
das Paradies zur Höllenpein,
des Nebels Tuch auf schmaler Trage

hüllt meiner Liebsten Leichnam ein,
und an den Ufern blauer Tage
bau ich mir hohe Sarkophage.

 

Mrz 11 19

Charles Baudelaire, Parfum exotique

Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d’automne,
Je respire l’odeur de ton sein chaleureux,
Je vois se dérouler des rivages heureux
Qu’éblouissent les feux d’un soleil monotone;

Une île paresseuse où la nature donne
Des arbres singuliers et des fruits savoureux;
Des hommes dont le corps est mince et vigoureux,
Et des femmes dont l’oeil par sa franchise étonne.

Guidé par ton odeur vers de charmants climats,
Je vois un port rempli de voiles et de mâts
Encor tout fatigués par la vague marine,

Pendant que le parfum des verts tamariniers,
Qui circule dans l’air et m’enfle la narine,
Se mêle dans mon âme au chant des mariniers.

 

Duft aus der Ferne

Geschlossnen Augs, am Abend, einem herbstlich-heißen,
fühl ich den Hauch von deiner warmen Brust
und schau: Gestade wiegen sich voll Lust,
der Sonne ödes Feuer macht sie gleißen.

Ein träges Eiland, da und dort verheißen
einsame Bäume süßer Früchte Saft.
Aus ranken Gliedern strömt den Menschen Kraft.
Und Frauenblicke, die den Scheuen sich entreißen.

Gelockt von deinem Duft in milde Zonen,
seh ich den Hafen, wo sich Mast und Segel schonen,
noch ganz ermattet von den Meereswellen,

der Rauch der grünen Tamarindenbäume
wirrt durch die Luft, daß meine Nüstern schwellen,
und hüllt das Lied der Schiffer mir in Träume.

 

Mrz 11 19

Dichters Tiere

Braune Flecken, Mutter-Muhen,
große Kuh, mein Lied ist Gras,
auf den Büscheln kannst du ruhen,
deine Zunge gibt das Maß.

Graues Tier, du Freund der Armen,
Esel, setzest fein den Fuß,
ach, dein Schrei ist zum Erbarmen,
scharr auf meiner Seele Grus.

Eule, deine wollige Schwinge,
die den Samt der Stille streift,
daß der Atemzug gelinge:
Weiche Lippe Blattgold greift.

Hündchen, deine treue Pfote,
auf das Knie gelegt mir leicht,
und dein Auge ist der Bote,
der mein graues Herz erreicht.

Auf dem First die Ringeltaube,
und ihr Gurren hüllt die Zeit
in des Himmels blaue Laube
wolkenloser Ewigkeit.

Schwalbe vor dem Ungewitter,
wenn ihr Flug das Netz zerreißt,
Distelfäden Dämmergitter,
wie ihr Schrei ins Leere beißt.

An der Wand die Schattenspinne
kriecht zum Winkel, wo sie webt
zierlich Werk in Dichters Sinne
und in Trance herniederschwebt.

Regenwurm im Saft der Erde,
vom Gebräu des Sommers naß,
daß mir Glanz wie deiner werde
und mein Lied vor Durst nicht blaß.

Falter, kommst du auch geflogen,
unerwartet augenschön,
hat der Duft dich nicht betrogen,
meiner Veilchen armes Flehn.

Sommernächtig Funkenstieben,
Grille kratzt das Dunkel wund,
mußt die ferne Fremde lieben,
und kein Kuß heilt deinen Mund.

 

Mrz 10 19

Meine Muse

Schlange, die das Haupt mit seiner Krone
aus Rubin und Lapislazuli
schwankend mir entgegenruckt
aus dem Nest von Dunst, gefleckt vom Mohne,
grausam-zarte Melodie,
wenn es schäumt in ihrer Zungenspalte
und ich ihr, die panisch piepst und zuckt,
eine kleine weiße Maus hinhalte.

Bettlerin auf Abends harter Schwelle
aus Basalt, von Schorf bedeckt,
einen Veilchenkranz im Haar,
hat sein Duften, wehmutsblaue Welle,
ihren bleichen Mund geweckt,
und ich streue ihr aus meinem Garten
für ihr Stammeln, wirr und klar,
Rosenlicht auf ihre dunklen Fahrten.

Taube auf dem Dach im Hofe wieder,
ob es regnet oder schneit,
ruckend eilt sie, weilt und gurrt,
und sie sträubt zum Fächer das Gefieder,
wie zum Tanz der Luft bereit,
meiner Schwermut sanfter Liebesweise
bahnt ihr Gurren eine schmale Furt,
und ich schließ das Fenster, leise, leise.

 

Mrz 9 19

Sturm überm Eifelmaar

Regen, peitsche, schwarzer Regen,
Sturm, zerrauf das Haar,
mische unters Salz der Tränen
Spritzer aus dem Maar.

Weiden, rauschet, graue Weiden,
löscht das Uferlicht,
graues Rauschen soll verkleiden,
was die Seele spricht.

Wogen, kommet, kalte Wogen,
reißt vom Ufer los,
wo dein Hals sich mir gebogen,
weichen Duldens Moos.

Schwäne, flieget, holde Schwäne,
rasch vom düstern Ort,
wo ich dir aus blanker Mähne
blies die Blüten fort.

Glocken, dröhnet, Geisterglocken,
aus des Maares Grund,
Schlegel, schlagt das Lied in Brocken,
das mir sang dein Mund.

 

Mrz 8 19

In den Sand geschrieben

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Höhe, auf der du stehst, bedingt den Umkreis deiner Sicht. So die Sprache deines Volkes (mitsamt seiner Überlieferung).

Wir können mit dem Maßstab nur messen, was ihm selber eignet (Länge mit dem Metermaß).

Wir messen mit dem Chronometer nicht die Zeit an sich, sondern erfassen mit dem Zeitmesser, was wir Zeit nennen.

Das Evidente ist uns kaum bewußt (das perspektivische Bild unseres Auges).

Der Satz, daß die Grenze der Sprache die Grenze meiner Welt ist, kann kein metasprachlicher Satz sein.

Die Sprache der Dichtung ist Ausdruck des Schicksals.

Sonst ist sie Kitsch, moralisch einwiegender Singsang oder propagandistisch aufpeitschender Trommelwirbel.

Das beste Bild für unser Schicksal ist unser Leib, die spezifische Art und Weise, wie wir sehen, hören, schmecken, fühlen, begehren, hassen und verabscheuen.

Wir können uns nicht ausmalen, der „Ring des Nibelungen“ sei von einem langen, dürren, asthmatischen Männlein mit Ziegenbart komponiert.

Wer beim Betrachten der Lichtreflexe auf dem Wasserspiegel leicht in Trance gerät, mag sich auch an der Musik Chopins ergötzen.

Die Sprechweise, munter, überstürzt, zögernd, stammelnd, flüsternd, dröhnend, weist auf die Mitgift des Schicksals, den Charakter. Der Ängstliche, Schüchterne mag ein gutes Stimm- und Schauspieltraining absolvieren, er wird nicht unversehens aufs Podest steigen und wild gestikulierend großtönende Reden halten.

In der Dichtung Goethes, des Liebenden, finden wir die ursprünglichen Typen des Weiblichen wie Gretchen, Philine, Mignon, Helena, Iphigenie, die Mütter, den Engel und natürlich die Hexe.

Der Tod und das Geschlecht sind die stärksten Mächte des Schicksals.

Das Geschlecht enerviert Mann und Frau bis in die letzten Fasern des Gefühls, des Ausdrucks, der Phantasie.

Die weiblichen Attribute, Auge und Haar, Wimper und Iris, Brust und Schoß, Träne und Schleier, Blume und Reigen und die natürlichen Bezüge der Frau zur Erde, zum Mond, zum Traum, zur Mythe sind ursprüngliche Materien des männlichen Gedichts, das sie mit eigenen Attributen wie Saat und Ernte, Schwert und Blut, Segel und Fahrt und Bezügen wie die zum Licht, zum Blitz, zu Sturm und Regen durchkreuzt und ergänzt, erfüllt und versagt.

Man reibt sich den Schlaf aus den Augen und sagt sich: „Nun, ich bin also noch da, auf dieser Erde, ein Possenspieler des Schicksals, zu einem weiteren Auftritt genötigt, mein Text, ach, er kitzelt schon meine Zunge!“

Das „Ganze“ können wir nicht denken. Jeder Versuch, uns einen Begriff von „allem“ zu bilden, von DER Welt, DEM Leben, DEM Ich, führt ins Absurde, wie die mythische Erklärung, die Welt entspringe aus einem Ei oder die Erde werde von einer Schildkröte getragen.

Wir können uns nicht vorstellen, die Welt anders zu sehen als mit dem perspektivischen Blick unseres Auges.

Der Blick Gottes ergäbe ein nicht weniger perspektivisches Bild.

„Alles“, das heißt, so wie wir leben und wandeln.

„Alles“, das meint, was immer wir sagen und ausdrücken können.

Wir können uns im Vagen tummeln, das Wasser ballen, das sich gestaltend ewig Umgestaltende benennen wie die dahinschwebenden Wolken Cumulus, Cirrus, Stratus und Nimbus – doch was uns tiefer anschaut hinter den Phänomenen ist wie die blaue Luft.

Wir können uns nicht fragen, wie es wäre, ein anderer zu sein.

Wir können nicht anders sein als diejenigen, die wir sind.

Wir könnten sagen müssen „Je suis“ oder „I am“ statt „Ich bin“, aber nicht wissen, wie es wäre, nichts dergleichen sagen zu können.

Wir können nichts ohne den lebendigen Zusammenhang, den Zusammenhang des Lebens verstehen.

Es ist für unseren Lebenszusammenhang ohne Belang, ob wir unter dem ptolemäischen, kopernikanischen oder einsteinschen Weltbild existieren. Unser sprachlich im Dunkel der Erde wurzelndes und zu großen Blüten dichterischer Bilder emporgeblühtes Leben kennt keinen „Fortschritt“. In jeder dieser Welten geht für uns die Sonne in gleicher Weise auf, in einer jeden mag der Dichter den Morgenstern und den Abendstern besingen, ob er nun weiß oder nicht weiß, daß er derselbe Stern, die Venus, ist.

„Alles“, „jeder“, „nicht“ – diese scheinbar harmlosen Wörter sind die Fallstricke des metaphysischen Denkens.

Wir können uns das Gegenteil des Evidenten nicht denken.

Die Evidenz der Sterblichkeit können wir nicht mittels der Illusion einer unkörperlichen res cogitans „aufheben“.

Das Unsichtbare ist kein Gegenteil des Sichtbaren, sondern sein Teil, die im Schatten liegenden Gebäude treten alsbald ins helle Licht.

Das Bewußtsein ist nicht, wie der moderne, in wissenschaftlichem Kostüm auftretende Mythos will, ein mythisches Wesen, das aus dem Meer des Unbewußten auftaucht.

Das „Unbewußte“ ist ein Teil oder Moment des „Bewußtseins“ – wir sagen, der Name liege uns auf der Zunge, und jetzt fällt er uns wieder ein. Hätten wir ihn nie gehört oder gelernt, wäre er auch nicht in einem finsteren Verlies unseres Unbewußten versteckt.

Aus den kleinen Wahrnehmungen (Leibniz: petites perceptions) von Geräuschen, die von Abgründen der Stille zerschnitten und zerfasert sind, erfassen wir den andauernden Ton.

Wir benennen nur das Ganze der Gestalt nach unserem tonalen System, für das, was unterschwellig bleibt, haben wir keinen Begriff.

Uns genügt das grobe Raster der Farbskala, Maler wie die Impressionisten geben uns erst die Nuancen.

Er ging immer denselben Weg, der ihn wieder zum Ausgangspunkt zurückführte. Es wurde ihm zu einer lieben Gewohnheit. Den Abzweig nahm er nicht wahr; und hätte er ihn wahrgenommen, wäre er ihm wohl nicht gefolgt, aus Angst vor der Gefahr.

Doch die eigentliche Gefahr lag darin, in der Schleife hängenzubleiben.

Das Zeichen ist kein Stellvertreter oder schattenhaftes Gespenst, das den eigentlich gemeinten Gegenstand repräsentiert. Der Pfeil hat keine Eigenschaft mit der Gegend gemein, in die er weist.

Der Gedanke ist kein Schatten oder Gespenst des Sachverhalts, den er meint. Der Gedanke 2 + 2 = 4 bleibt gleich, egal welche äquivalenten Ausdrücke wir in die Gleichung einsetzen.

„Schuldig“ – „Nicht schuldig“: jeweils ein weißer und ein schwarzer Stein im antiken Schwurgericht, wie es die Orestie des Aischylos bezeugt. Die Farbwahl ist zwar kontingent, gehorcht aber einer mythischen Analogie von Licht und Schatten, Leben und Tod.

Der Indikator „Ich“ ist ein Hinweis auf das Ganze unserer Welt und Sprache, deren Gegenteil wir nicht denken können.

Ein großes Gedicht ist wie eine kleine Kerze, die im Dunkel unserer Einsamkeit scheint.

Zu sagen, dein kleines Dasein ist ein flüchtiger Schatten im Vergleich zur Unendlichkeit der Sternenräume, der ungeheuren Hervorbringungen der Evolution oder der unheimlichen Echos aus dem tiefen Brunnen der Geschichte – ist dies tiefsinnig oder ein nichtswürdiger Unsinn?

Wenn wir uns soziologisch als Funktion statistischer Durchschnittswerte verstehen, sind wir verloren, haben wir geistig abgedankt.

Flucht vor der geistigen Freiheit und der notwendigen Einsamkeit: sich nur als moralisch dienstbares Glied und Moment einer „großen“ Bewegung oder Zeitgeist-Strömung zu verstehen.

Das Enten-Hase-Bild springt, wenn es springt, unwillkürlich um und wir sehen die Sache anders.

Doch die Mauer des Schweigens an der Grenze der Sprache nicht als Hindernis zu sehen, an dem wir uns beim sinnlosen Anrennen Beulen holen, sondern als hinzunehmendes Geschick – ist dies nicht auch eine Frage des Wollens?

Wittgenstein – der Kafka der Philosophie.

Sokrates: sterben lernen. Wittgenstein: schweigen lernen (die Grenze des Sprechens, die Grenze des Daseins hinnehmen).

H2O ist nicht naß.

C12H22O11 ist nicht süß.

In der objektiven Weltbeschreibung, die uns erklärt, was geschieht, kommen wir als fühlende Wesen nicht vor.

Es gibt keine synthetischen Lösungen: Auf der Ebene der Welterklärung, in der Wasser H2O ist, kann es nicht ein komplementäres Prädikat wie „naß“ erhalten.

Wir, du und ich, sind keine emergenten Phänomene über den objektiven Formen neuronaler Ereignisse.

H2O ist eine theoretische Größe, die Funktion einer theoretischen Einstellung, die gleichsam vertikal auf unserer alltäglichen steht.

„Wasser ist H2O“ ist kein rein physikalischer Satz, sondern der Satz eines fühlenden Wesens, das Physik treibt.

„Alles ist Wasser“ oder „Die Substanz der Welt ist X“ sind unsinnige Sätze, denn sie oder diejenigen, die sie aussprechen, kommen in der Welt, die sie mit Ausschließlichkeitsanspruch beschreiben, nicht vor.

Du und ich, wir sind gewiß eingebunden in die Geschichte der Natur, aber keine emergenten Phänomene der darwinistischen Evolution. Wie H2O nicht durch ein komplementäres Prädikat zu Wasser wird, etwas, das wir als naß empfinden, wird homo erectus nicht durch eine auf derselben Linie neuerworbene Eigenschaft zum homo sapiens.

Unsere Natur ist das kulturelle Feld, dessen Grenzen vom Sprechen und Schweigen, vom Verstehen und der Abdankung vor dem Unverständlichen abgesteckt werden.

Wir schreiben in den Sand, wohl wissend, daß der Wind die Spuren verwischt.

Unser Zeugnis ist wie der Atemhauch, der im Nu verweht.

Kindern gleich, die ihre Papierbötchen auf die Wellen setzen.

Doch der mit Pollen herangewehte Duft beläßt dir die Knospe der Erinnerung, die manchmal, fern von jenem Ort, in der Abenddämmerung aufgeht.

 

Mrz 7 19

Nächte

Frühlingsnacht war helles Rieseln
unter dem Holunderstrauch,
dunkles Seufzen zwischen Kieseln,
Gram und Wehmut seufzten auch.

Sommernacht war weiches Wasser,
das wie Plaudern sich verlor,
Fliederduft- und Flaum-Verprasser,
Wind, erhitzt vom Grillenchor.

Herbstes nächtliches Geheule,
einer Schindel dumpfer Fall,
Silberpappel Zittersäule,
bleichen Mondes Nebelball.

Winternächte, blaues Klirren,
Brüllen einer kranken Kuh,
trauriger Gespenster Irren,
fanden alle Türen zu.

 

Mrz 6 19

Der Pfad des Unbehausten

Dem Andenken an Peter Huchel

Den Pfad der dunklen Zeit
bedeckt das Moos,
der ihm gefolgt so weit,
liegt blumenlos.

Was Schatten sanft erglüht,
der Beere Rot,
das Feuer, kaum gefühlt,
war schon verloht.

Gesang, der Blumen galt,
wie Wasser süß,
ist bang im Karst verhallt,
im trocknen Gries.

Als Sommers Staub die Nacht
beglänzt mit Tau,
hast du den Glanz zerdacht
und wurdest grau.

Der Mond goß auf den Firn
sein Wunderhorn,
des Unbehausten Stirn
riß wund der Dorn.

Die Lerche nimmt ihr Bad
im Abendrot,
die Echse auf dem Pfad
liegt starr, wie tot.

 

Mrz 5 19

Metternich, Oberdorfstraße

Oberdorf und Unterdorf,
katholisch und protestantisch,
wir Jungens prügelten uns vor dem alten Bunker,
in Lehm gebohrte Gänge und Höhlen,
wo der Dunst der Angst zu Grünspan geronnen war.
So klein war jene Welt, so groß.

Vorzeit aus Basalt, Bruchstein und Löß,
Gestank der Sickergrube und des Hühnerstalls,
nächtlichem Brüllen einer Kuh, die kalbte,
dem selig-blöden Grinsen des wasserköpfigen Knechts,
der seine Stulle in der Hocke kaute,
Großmutter hat sie ihm geschmiert,
dem süßen kleinen Grauen einer Liebe,
die mit Heu im Haar auf einer Tenne tanzte –
bevor der Sommer nach Teer und Asphalt roch
und das Blut von der Axt, mit der Johann
die Hühner auf dem Strunk im Keller köpfte,
für immer abgewaschen war.

Wie es wohlig in die dumpfe Stille klatschte
und der Atemhauch im Plumpsklo
auf dem Hof das gute Zeichen
meiner winterfesten Freude war,
bevor die Kerze vor dem Bild der Jungfrau
im Gebläse des Staubsaugers erlosch
und ich verstört durch bunte Glasbausteine
ins Zerrbild meiner Zukunft glotzte.

Der Lindenblätter gelbes Abschiedsgaukeln
auf Regenwassern vor dem Kinderbänkchen,
wo ich meinen Apfel knatschte,
in die braune Flut der Gosse starrend,
ist in einem Gulliloch verschollen,
die Linde abgeholzt – hat wohl die Bank
mit treuer Glut noch eines Vagabunden
klamme Hand gewärmt?

Verschüttet unterm Dung von abgetanem Ehedem
sind tausend Knospen, Kirschen, Beeren,
Häherfedern, bunte Murmeln und Monstranzen,
die durchs Grün der Weidenzweige blinkten,
bedeckt vom Schlick der Mosel und des Rheines
Egge, Hacke, Melkschemel, Kummet und Joch,
das Lächeln weißer Alabasterputten,
die Bronze froher Vesperglocken.

Noch in Träumen hör ichʼs glucksen,
wie der Schnee im Riedgras schmolz,
Sirren, wenn die Schwalben tauchten,
und des buckligen Schreiners Säge
in der Mittagsschwüle kreischte,
hör das Rauschen zwischen Kieseln,
die wie Kupferpfennige im Bachlauf glänzten,
nur von ferne,
nur von fern.

Doch die Lieder des Zigeuners
mit dem schönen Federhut,
der am Fenster meiner Mutter
kehlig zur Gitarre sang,
sind verstummt,
sind lang verstummt.

 

Mrz 5 19

Das Fallobst der Worte

Äpfel, die vom Zweige fielen,
faulend zwischen harschen Halmen,
keine Kinder mehr in diesen satten Breiten,
die sie sammeln für Winterabende
voll heimatwehem Hauch.

Wo sie platzten, schwirren Mücken,
den süßen Saft der Wunden
lecken zitternd Falterrüssel,
oder noch ein Igel rollt
mit der feuchten Schnauze
einen träge vor sich hin.

Tu ab die Bilder alter Zeit,
vergiß, wie herb und süß
sie auf dem Herde schmorten,
die Runzeln sanfter Lebensrätsel,
rasch vom Fleisch geschält,
im blauen Frost der Fensterscheiben
Duft des schneegewärmten Schlafs.

O schaue durch das Herbst-Gerippe
in das hohe späte Blau,
wo dünne Streifenwolken
ihre Schleppen, ihre weißen Rüschen
schüchtern lockern
und klammen Fühlens Finger
langsam auseinanderfalten,
selbstvergessen
in vagen Dunst sich lösen,
klaglos um die Leere,
die ihr tröpfelnd Spiel verbarg.

O schaue durch das Herbst-Gerippe
in das hohe späte Blau,
es ist, was von den Worten blieb,
des Äthers Lächeln
aus dem Unsagbaren.

 

Mrz 4 19

Ophelias Gesang

Wie Lilien auf dem Wasser
treibst du hin,
ein heller Riß
geht über deinem Schoß
durchs grüne Glas der Nacht,
und das wie Seufzer weich gelockt,
umsonst schlingt sich dein Haar
um Finger hingeneigter Weiden.

Dein Dämmerlicht glimmt fort,
wie eine Wunde schwärt
und nicht vernarbt,
ein Flecken von erbrochener Milch,
ein fahler Mond,
der durch das Gras der Träume kriecht.

Du bist dem Dichter wie ein Gerstenkorn
am schlaffen Augenlid,
und trinkt er auch und trinkt
den trüben Dunst des Mohns,
um deiner Brüste Schnee,
der keinem Kusse schmilzt,
um deines Schwanenliedes Flaum,
der schnödem Mund sich sträubt,
in Schlafes schwarze Öl zu tauchen,
wenn eigner Schrei ihn weckt,
so brennt es ihm erneut
am alten Schmerzensbild.

Wie Licht von Anemonen
geistert deine Seele
durch das Schilf der Nacht,
und wenn das Dunkel schluchzt,
als regten sich im Schlaf
Gesanges Flügel,
ist es, das niemals schläft,
dein Herz,
das Schwester Qualle singt
vom schönen Wahn des Bluts.

 

Mrz 3 19

Nachts im Hinterhof

Nachts im Hinterhof
in Krakau-Kasimir,
blaue Geisterzungen
auf umgekippter Regentonne
dumpfe Nachtluft leckend,
wie in kitschigen Rap-Clips,
das Zischen, Platzen, Knistern
der noch feuchten Scheite,
Nomaden, Diebe, Zigeuner,
sie stochern in der Glut,
und wenn sie sprüht,
Gesichter, Narben, Streifen
oder Maori-Fratzen,
das Glucksen tiefer Kehlen,
Schnalzen, Fletschen, Speien,
Klirren zerstoßener Flaschen,
einer hämmert an die Tonne
einen Takt, krumm wie ein Horn,
beschwörendes Gemurmel
einer alten Wahrsagerstimme
wie ein müder Fliegenschwarm,
der um das Feuer schwirrt,
dann Stille, das Prasseln leiser,
eines Knaben schmerzlicher Diskant,
der getragen Wunderliches singt,
als spränge eine Fontäne heiß
aus einem Mäuseloch, sie steigt,
steigt in ein hohes rundes Wort,
animal salbatic animal victima,
hält inne wie im Krampf und fällt
auf einen harten, stummen Stein.

Am Morgen sah ich aus dem Fenster
in den grauen Hof der Absteige,
die umgeworfene Tonne,
ein Haufen Asche, halb verkohlt
der Schädel eines Hasen.

Nichts bleibt, und was noch übrig ist,
wird rasch verwehen.

Das Blut versickert und das Wort,
von ihm geblähte Fliege,
klebt an der Wand des Abtritts,
einer trat ans Urinal
und hat aus Mißmut sie,
aus Langeweile mit dem Daumen
plattgequetscht.

 

Mrz 2 19

Worte Wolken

Heller Tropfen Schweben
über grünem Leben.
Fetzen frecher Winde.
Daunen frommem Kinde.

Wie könnte ich euch pressen,
goldnen Lichtes Trauben,
in Reimes Krug abmessen,
euch in Strophen schrauben?

Wülste und Kristalle,
Säulen blauer Halle.
Fächer, Saum und Schleier,
Rüschen hoher Feier.

Wie dürfte ich euch halten,
Töchter edler Wellen,
dem Tanz auf Wassers Falten
Versfuß-Fallen stellen?

Sommers Lämmerlocken,
Winters voller Flocken,
Frühlingsgruß von Meeren,
Herbstlich rote Beeren.

Wie könnte ich euch bauschen,
Hüllen schöner Leere,
wie Sylphen-Lied euch rauschen
Knospe, tränenschwere?

 

Mrz 1 19

Loreley

Nymphe des Nebels,
Seufzer wogenden Schaums
auf Wassern grüner Entsagung,
du bist, gelockt vom Blau des Himmels,
an Trauben-Ranken emporgestiegen
zum schroffen Horn
einer unerbittlichen Aussicht,
einmal zu sehen,
einmal mit kindlichen Blicken
des Danks, der Entrückung,
die Herkunft des Rauschens
in der Herz-Grotte Dunkel,
den Vater des hohen Gesangs,
den herrlichen Strom in der Tiefe.

Die traumgeäderten Schuppen,
Mondes dunstige Lippen,
wurden blaß wie unter Zucken
ein ans Ufer geschwemmter Fisch,
auf Felsens härtester Bettstatt
leckte die salzige Zunge der Sonne
die kleinen blauen Perlen
aus dem goldenen Rauch deines Haars,
und was das Herz des Schiffers bezirzte,
waren die Muscheln voll Wehlaut,
die von den Flossen dir glitten.

 

Feb 28 19

Verweile sacht auf schmalem Steg

Verweile sacht auf schmalem Steg,
Traumes dünnen Planken,
und fühl ans Herz der Nacht gelehnt
dunklen Lebens Schwanken.

Und siehst du in der Dunkelheit
Wassers Schuppen flirren,
gedenk der abgetanen Zeit,
süßer Qualen Wirren.

Bald zittert schon das schwere Lid,
strahlt der Iris Bläue,
o küsse nur, was immer blüht,
daß dich nichts gereue.

 

Feb 28 19

Ich will zu blauen Buchten hin

Blieb denn kein Wort noch unversehrt
in diesem Aschenregen,
kann keins, das Wahn und Grauem wehrt,
dir an das Herz ich legen?

Die leere Muschel schenkt den Ton,
den kindlich Backen ballen.
Doch hohle Worte brechen schon,
wenn sie zur Erde fallen.

Wie schmelzen Flocken hin am Mund,
stäubt Mohn aus rohen Händen.
Der schiefe Kreisel schwirrt nicht rund,
mag dir kein Summen spenden.

Wie Bitterkraut schmeckt manches Wort,
das wuchs im Hort der Ahnen,
die Lerchen Eichendorffs sind fort,
zerrissen Trakls Fahnen.

Und rühm ich dich, fegt mir der Sturm
hinaus die welken Blüten,
verschweig ich dich, frißt sich der Wurm
durch Krotzen fauler Mythen.

Ich will zu blauen Buchten hin,
und auf dem Strande harren,
bis Tritons Hufe hohen Sinn
im goldnen Sand mir scharren.

 

Feb 27 19

Terzinen auf die weißen Astern

Die Schneise war nur einen Seufzer breit,
sie führte mich ins lichte Meeresblau,
es waren deine Augen feucht und weit.

In Schilfes Schatten barg sein Silbergrau
der Reiher und sein weher Ruf erklang,
ich dachte dein in blauer Distel Tau.

Des goldnen Staubes zarter Überschwang,
der Dünenrosen Flirren vor dem Wind
ist voller Anmut wie dein leichter Gang.

Und die aus hellem Schaum des Mondes sind,
die Flügel, die ein fremder Atem quält,
sie finden heim wie deine Schritte blind.

O weiße Astern, dir zum Gruß erwählt.

 

 

Feb 26 19

Gehe wunschlos in die Nacht

Gehe wunschlos in die Nacht,
laß die Stirn dir kühlen
von hoher Sternen-Sage.

Magst an Taues Glanz erfühlen,
alles ist vollbracht,
Gottes Geist ist ohne Klage.

Leg dich auf das weiche Moos,
hör die Wasser singen
aus dunklem Erden-Munde.

Magst aus Seufzern du entspringen,
alles ruht im Schoß,
Rose wurde deine Wunde.

 

Feb 26 19

Einen Gang noch

Einen Gang noch, leise Schritte
durch das warme Gras, den Tau,
nur ein Lächeln noch und Blicke,
spiegelnd der Hortensien Blau.

Wo die Schatten um uns Lauben
wölben für ein stilles Glück,
und uns gärt das Wort wie Trauben,
keine Trübe bleibt zurück.

Und du legst auf meine Wange
deine Wange wie ein Blatt,
und mir wird so wehmut-bange,
weil es Duft von Veilchen hat.

 

Feb 25 19

Umarmung

So laß uns in den Furchen, auf den Moosen,
ein wenig unsre müden Stirnen kühlen,
so weit entrückt vom Heimatlicht der Rosen
am Tau was uns entrinnt noch einmal fühlen.

Und tropfen Stimmen uns aus grünen Spalten,
als ob im Efeu Schatten nach uns riefen,
laß uns die Hände ineinanderfalten,
wie einst, als Wange wir an Wange schliefen.

Und hören wir die alten Brunnen gehen
am schmalen Ausgang dieser dunklen Engen,
so laß das Pochen uns noch überstehen,
wenn unsre Herzen aneinanderdrängen.

 

Feb 25 19

Jack und Pudelinchen

Mein holdes Pudelinchen
wackelt mit dem Büschel
auf glatt rasiertem Schweif,
reckt mir Liebe äugelnd
das Kugel-Köpfchen
mit dem blauen Band
und seiner ondulierten
Hochfrisur.

Doch der kleine Jack,
der süß gefleckte Russell,
springt feldein, feldaus,
saust und braust und
flitzt und blitzt,
jagt dem roten Bällchen nach,
schnappt den Tannenzapfen,
legt hechelnd mir zu Füßen,
was er Tolles fand.

Geht es an die Leckerli,
streckt Jack Russell mir
das Pfötchen
ziemlich lustlos hin.

Aber Pudelinchen, diese
Grazie auf vier Beinen,
sitzt auf ihrem Hinterteil
aufrecht wie ein Kätzchen,
strampelt mit den Vorder-
pfoten und das Zünglein,
und das rote Zünglein
schlabbert so apart.

So macht Pudelinchen
vor mir artig Männchen,
ist sie auch ein Mädchen.

 

Feb 24 19

Warst du nie gestillt?

Warst du nie am Saum der Nacht,
wo den nackten Fuß dir Gras betaute,
warst du nie gestillt?

Vom weichen Pfad und Früchte-Prangen,
vom Spalier der Dämmerung,
wo Traubenkugeln glühten
und Säfte gärten unter Farnen,
zog ein beißender Geruch mich in die Ferne,
dort sprühte es geheimnisvoll,
auf sanften Hängen stoben Funken,
in weißen Wolken tönte ein Geläut.

Gab kein Schatten unter Zweigen,
die dem schwülen Brüten wehrten,
gab kein Schatten Aufenthalt?

Aus den Blättern blickten Augen,
und sie waren himmelblau,
mahnten mich an stumme Tränen,
in den Blättern raunten Stimmen,
und sie waren mütterlich,
waren Klagen ohne Trost.

Hat dir nie um Mitternacht
das Diadem die Stirn gekühlt,
dich nie erfüllt die Sternennacht?

In dem Gewimmel fand ich
der mir zugesagt den Stern,
der Liebe Stern nicht wieder,
und zwischen all den Tropfen
blindlings verschütteter Milch
stopfte der tote Abgrund
mir den Mund mit schwarzem Samt,
mich schmerzte wie auf dunklem Wasser,
die fremder Lüfte Lippen rupfen,
weißer Lilien Einsamkeit.

 

Feb 23 19

Die Seele

Die Seele liegt hell ausgebreitet,
ein Nebelschleier auf dem Maar,
er weht, wenn Sonne herrisch schreitet,
und schauert hin, wird unsichtbar.

Sie schwirrt mit Mücken auf dem Teich
und tönt im Schrei der Eule wieder,
aus blauem Duft ihr Feenreich
reißt sie mit Hagels Nägeln nieder.

Ihr glückt am Mund der Rose Hauchen,
sie wird auf Grases Wogen Schoß,
und wenn das Haupt die Schwäne tauchen,
verrinnt ihr Leid wie Tau im Moos.

 



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