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Feb 9 26

Der Urweltsumpf

Kein Segensflügel, der herniedergleitet,
wo jäh versinkt zartgliedriges Gebild
im Sumpf voll Aas, dem bittrer Dunst entquillt,
der Trübsal in das Herz des Dichters leitet.

Wie stürzen lüstern wir in wildes Zischen,
den faulen Schaum im Phrasenkatarakt.
Statt still zu wiegen uns im Psalmentakt,
wird Gischt von Schreien Wort um Wort verwischen.

Die alte Schlange geifert noch im Mund,
Alraune soll, Tollkirsche soll uns nähren,
als würden wir an Giften erst gesund.

Der Seuche Flecken, wie sie sich vermehren,
die Haut der Seele, rissig, Schrund an Schrund.
Nur ohne uns kann Eden wiederkehren.

 

Feb 8 26

Altern eines armen Dichters

Knabe warst du, bargst dich zwischen Halmen
auf des Moselufers gelber Schwelle,
lauschtest, wenn der Silbermond verblaßte,
wie gereimt sich Welle hat auf Welle.

Schulbub gingst du mit dem Lederranzen,
dran ein Läppchen albern hat gebaumelt.
Vor den wirren Kringeln auf der Tafel
bist du, Träumer, wie im Schnee getaumelt.

Ein Student mit runder Nickelbrille
hast du Namen eitel aufgeschrieben.
Von dem Spottgelächter einer Schönen
ist Trochäen-Schwanken dir geblieben.

Reif geworden, nein, von dunkler Venus
scharfen Wimpern beinah blind gestochen,
bist gesenkten Blicks du in die Grotte,
weicher Verse Widerhall, gekrochen.

Grauschopf, schleppst nun Tüten aus dem REWE.
Was dich trüber Wachheit könnt entraffen,
Mohn des Morpheus kannst du dort nicht kaufen.
Bittres tropft aus Gaias Brust, der schlaffen.

 

Feb 7 26

Das erste Jahr des jungen Dichters

Beim frühsten Sonnenkitzel aufgesprungen
bist barfuß du ins scharfe Gras gerannt.
Am Abend war die Seele wund gebrannt,
die Melodie des Sommers schon verklungen.

Rot war der Herbst vom Blut der wilden Beeren,
ins Auge biß Kartoffelfeuerrauch.
Die Fiedel strich im Hinterhof der Gauch
und hob den Muschelton aus fernen Meeren.

Du bist in Höhlen blauen Frosts gekrochen.
Wie still es wurde unterm weißen Staub.
Gespenstisch schien der Sonnenader Pochen,
als wär die blasse Haut der Sehnsucht taub.

Daß, Dichter, Hauch des Frühlings dich entrücke,
dir Eros von der Stirn die Flausen pflücke.

 

Feb 6 26

Sonett vom auferblühten Wort

Was Dunkelheit entronnen, Tropfen Lichts,
du sammelst sie in irden-braunen Schalen.
Du spendest sie, daß Grün und Rot nicht fahlen.
Doch sparst noch Tau du auf, Glanz des Gedichts.

Zum Grabe gehst du, hauchst vom Stein den Staub,
daß lesbar seien Schrift und Andachtszeichen.
Und muß die Schrift, der Stein, das Grab auch weichen,
von Tränen Mnemosynes grünt ein Laub.

Was sinnend du aufs zarte Blatt geschrieben,
es wird mit Blättern welken, bald verwehen.
Wie’s auferblüht, wirst du vielleicht nicht sehen,
das Wort, das unterm Schnee noch wach geblieben.

Mag duften lieblich es dann jenen andern,
die es verlockt, in blauer Luft zu wandern.

 

Feb 5 26

Vom All umarmt und einsam sein

Durch fahle Adern pocht kein Sinn.
Verdorrte Blätter wirbeln schon
in Winkel trockner Seufzer hin.

Die Sonne sinkt, o roter Mohn.

An später Rose Wimpern schwillt
ein Tropfen Tau, und wenn er fällt,
ist Trübsal, was im Herzen quillt.

O daß kein Faden Licht uns hält.

Am Morgen gingen wir, ein Paar,
durchpulst von warmem Zartgefühl,
und helle Blicke sprachen wahr.

O Abendschatten, stumm und kühl.

Ins Wasser, wo die Weide sacht
die Haare taucht ins Rauschen ein,
wirft ihre Silbermünzen Nacht.

Vom All umarmt und einsam sein.

 

Feb 4 26

Dichterschwermut

Du hast, gewiegt auf schwarzen Wassers Samte,
im Traum die Sonnenknospen noch gesehen,
im dunklen Spiegel hellen Schnee von Schlehen.
Wie rasch erlosch, was Schwermut zart entflammte.

Der Ode Muschel, heiß ans Ohr gehalten,
gab preis nur fernes geisterhaftes Raunen,
bald schon erstickt von weicher Wehmut Daunen,
die sich am Adoneus-Perlmutt ballten.

Da sanft behauchte Lippen auf sich schlossen,
wie die nach Feuchte lechzen, lichtem Taue,
Herbstastern, bang, daß bald ihr Herz ergraue,
war trunkner Muse Krug schon ausgegossen.

 

Feb 3 26

Mystischer Nihilismus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Einer sendet uns wiederholt zwei Dateien mit der Bemerkung: „Ich sende Ihnen ein paar Dateien.“

Hier dürfen wir vermuten, daß es sich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein paar“ handelt; ein eingefleischter Verschreiber („ein paar“ statt „ein Paar“) deutete auf den Fehlgebrauch des Begriffs „Paar“ hin, denn als Paare bezeichnen wir zwei durch irgendein Merkmal verwandte Zweier-Gruppen (wie 2 und 4 oder 4 und 16, die jeweils aus einer geraden Zahl und ihrer Potenz bestehen).

Einer sendet uns zehn Dateien mit der Bemerkung: „Hiermit sende ich Ihnen ein Dutzend Dateien.“

Es handelt sich offensichtlich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein Dutzend“. Denn daß sich der Schreiber hier verzählt haben könnte, wäre recht unwahrscheinlich.

Der Umstand, daß einer sich verzählt hat, ist wie jener, daß er sich verrechnet hat, kein Hinweis auf eine systematische Lücke oder eine kategoriale Schieflage in seinem Zahlverständnis, auch wenn sich die Fälle häufen, sondern auf ein mangelndes mathematisches Training.

Die Unfähigkeit des Mitglieds eines Amazonasstammes, keine größere Anzahl als die Anzahl der Finger einer Hand angeben zu können, und seine mathematisch eingeschränkte Fähigkeit, alles über die Menge von fünf schlicht „viel“ zu nennen, deuten dagegen auf eine systematische Lücke im Zahlverständnis hin.

Ein Scheckbetrüger, der entwendete oder gefälschte Schecks mit dem Namen des Betrogenen unterzeichnet, unterliegt keiner psychotischen Störung seiner Identität, sondern tut dies mit kaltem nüchternen Verstand.

In ähnlicher Weise handelt ein Heiratsschwindler, der, von kleinbürgerlicher Herkunft, sich einen Adelsnamen zulegt, um vor der Betrogenen zu imponieren, mag er auch an einer schon ans Krankhafte gemahnenden Neigung zur Selbstüberschätzung leiden.

Anders der berühmte Dichter im Turm, der seine auf Wunsch des Besuchers wie im Traum skandierten Gedichte mit dem Namen „Scardanelli“ unterschrieb und sie mit imaginären Orts- und Zeitangaben versah.

Hier deuten wir hinter dem seltsamen sprachlichen Gebaren auf einen tiefgehenden Riß in der persönlichen Identität.

Wußte aber Hölderlin in solchen Momenten nicht (mehr), daß er der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien war? Oder hat er angenommen, daß der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien ein gewisser Scardanelli sei?

Der Name „Scardanelli“ war für Hölderlin kein Pseudonym, hinter dem er seine wahre Identität auf ironische oder humoreske Weise verborgen hätte. So verpuppte sich der Dichter Fernando Pessoa hinter einer ganzen Reihe von geliehenen Namen, ohne seine wahre Identität bei ihrer Verwendung völlig preiszugeben.

Von einer extremen Störung des Bewußtseins sprechen wir im Fall des Psychotikers oder des Dementen, der auf seinen eigenen Namen nicht mehr reagiert oder sich für eine Person hält, die ihrer Umwelt dermaßen entfremdet ist, daß sie sich an die Identität der Angehörigen nicht mehr erinnern kann.

Hölderlin aber erkannte seine Umgebung und auch die Identität seiner Besucher, auch wenn er sie auf groteske Weise manchmal mit überhöhenden Titeln ansprach.

Rechtgläubige Christen wähnen sich ganz im Sinne der Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus und Paulus aufgrund der Taufe und der Annahme eines heiligen Namens als profane Bewohner der bürgerlichen Welt und zugleich als Anwärter einer Wohnung in der zukünftigen.

Der vom Küchen-, Parfüm- und Fäulnisdunst der bürgerlichen Welt benommene Psychiater freilich kann nicht umhin, sowohl Hölderlin als auch dem Frommen eine schizophrene Bewußtseinsstörung zu attestieren.

Das aus der bürgerlich-profanen Welt der Zahlen und Daten, Bilder und Medien, der biographischen und historischen Benennungen herausgerissene Bewußtsein ist dieser Welt gleichsam in einer namenlosen Jenseitssphäre abhandengekommen, einer imaginären Insel gleich, die von den Wogen des Nichtwissens umrauscht wird oder denen des Wissens, daß es alle und alles vergessen wird und selbst im Begriff steht, von allen vergessen zu werden.

Der wirkliche Autor des Hyperion, der einer hohen Mission für das Heil der Menschheit zu erfüllen glaubte, verwandelt sich in den imaginären Autor namens Scardanelli, der hinter den ephemeren Gebilden der Turmgedichte unsichtbar wird und schon im Namenlosen versinkt.

Der Humanismus der Lessing, Herder, Kant, Schiller, der Glaube der Klassik an den sittlichen Fortschritt der Menschheit (vanitas, vanitas vanitatum), hat sich beim späten Hölderlin schon in einen mystischen Nihilismus aufgelöst, jenen Abgrund, der die großen Programme engagierten Denkens und Dichtens verschlingt.

Poésie pure, wie sie Baudelaire anzielt und Mallarmé als ephemeren Schaum auf der Woge des Gedichts beschwört, kreist um nichts, will nichts verkünden, nichts moralisch, pädagogisch oder politisch bewirken, den Abgrund des Schweigens nicht mit Phrasen und Parolen füllen, sondern ihn in jedem Wort, in jedem Kern und Mark des Sinnes offenlegen, schwarz, alogisch, namenlos.

Mystischer Nihilismus: Prediger Salomo, Meister Eckhart, Blaise Pascal – ohne Gott.

Die Sonne des Logos taucht in eine Abenddämmerung, an deren Rand geisterhaft der schwarze Schaum der Nacht hereinsickert, von keinem Stern, von keinem Mond beglänzt.

Gemurmel wie von Schatten, namenlosen, dringt aus dem Schilf des Ufers, wo die Flut schon steigt.

Sinnlos, inmitten des Untergangs von Saat zu reden oder Ernte, von der Arbeit im Weinberg, da Fäule der Rebe Blattwerk übergraut; Untergang, vom Zeitgeist unter den grellen Flaggen der Perversion gleisnerisch als Übergang zur einen Menschheit verklärt, und habe sie auch die geistige Physiognomie debiler Mischlings- und Zwitterfratzen (foeditas, foeditas foeditatum).

Keine Traube des Dionysos, die noch im Schmerzverlies des Dichter-Dulders gekeltert würde.

Keine Antigone, die den blinden Seher noch zur Entsühnung und Entrückung zum Hain und Heiligtum nach Kolonos führt.

 

Feb 2 26

Vanitas vanitatum

Bevor ich auf die Lichtung noch gelange,
bricht ab mein Lied in asphaltgrauem Schweigen.
Es kann, was dort geblüht, mir fahl nur zeigen
verwehter Duft von orphischem Gesange.

Und will ich an den Strom der Heimat denken,
wie er das Grün der Reben einst gespiegelt,
ist mir, von Schwermut sei das Herz versiegelt,
Schilf seh ich sich in schwarzes Wasser senken.

Geh ich im Traum entlang an Totenmalen
und will der Liebe holde Zeichen lesen,
fühl unterm dunklen Moos ich sie verwesen,
den Mücken gleich im Tau der Blumenschalen.

Und will ich mich zum Buch der Bücher retten
und schlag es auf, wo blind die Finger haften,
sagt mir Kohelet, jähe Tiefen klafften,
da sich die müde Seele wollte betten.

 

Feb 1 26

Terzinen zur Menschenkunde II

Es gleicht dem Uhu, der auf Zweigen kauert,
die überm Abgrund tiefen Dämmers ragen,
des Menschen Seele, wenn sie lüstern lauert,

um niederstürzend nach dem Schrei zu jagen,
der jäh verstummt in fühllos-dumpfen Klauen.
Sie weiß vom Sein des Andern nur zu sagen,

daß feuchte Augen aus dem Dunkel schauen,
die Tropfen glänzen, die an Blicken, heißen,
aus weichem Schnee des Schweigens niedertauen.

Sie fühlt die Nervenbahnen nicht zerreißen,
die stille Bilder in die Mitte trugen,
um noch mirakelhaft im Traum zu gleißen,

die Brücken nicht, die sich an Ufer schlugen,
wo die Verwaisten stets entgegenflehen.
Der Schnabel hackt entzwei die zarten Fugen,

und schlingt’s hinab vom Kopf bis zu den Zehen,
würgt aus, was unverständlich, das Gewölle.
Es scheint ein dunkler Spiegel das Verstehen,

geschwärzt vom Flammenruß aus Breughels Hölle.

 

Jan 31 26

Blick hinter die Manege

Im Gedenken an Max Beckmann

In der Manege magst du es gern sehen,
da lacht man, stolpert die traurige Gestalt,
bangt, ob noch überm Abgrund finden Halt,
die graziös auf unsichtbarem Seile gehen.

Der Löwe schüttelt ungebärdig seine Mähne,
die Peitsche ward barsch in die Luft geknallt.
Die Elfe wirbelt, man hat ihr Flügel umgeschnallt,
mit Ariel durch goldnen Gischt der Späne.

Doch siehst du nicht, wie im Zirkuswagen
die Müden sich der Seele Haut zerreiben.
Die Elfe läßt von Ariel sich sagen,

sie könne endlich ihm gestohlen bleiben.
Und der die Peitsche schwingt, ihn hört man klagen,
das Untier wird ihn in den Wahnsinn treiben.

 

Siehe auch:
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/zirkuswagen

 

Jan 30 26

Nach den Wettern

Stürme peitschten Schäume, die noch glimmen,
bis glatte Wasser schwarzen Marmor breiten.
Als möchten treue Boten sie geleiten,
will Schwermut an das Jenseitsufer schwimmen.

Schatten sank, in reiner Bläue stehen
von Wolkendolden Rispen, die erzittern,
wie Kinderseelen nach den Ungewittern.
Wir aber wollen in die Schilfe gehen,

die hold vom feuchten Glanz des Himmels schauern.
O mag in deines Nackens Flaum er triefen,
Schreie wecken, die im Herzen schliefen,
mir wär, als brächen sie durch tote Mauern.

Eitel Traum, geleimt aus Reimen, dummen.
Wie stets will einsam ich am Ufer schlendern,
bis Purpur sickert an den Wolkenrändern,
die Rufe leiser werden und verstummen.

 

Jan 28 26

Terzinen zur Menschenkunde I

Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh
Prediger Salomo

 

Fremdling, auf kalter Erde ausgesetzt,
die um den Stern, den gnadenlosen, irrt,
da schwätzt er viel, doch schweigt zu guter Letzt.

Vom Dämon eines schwarzen Drangs gekirrt,
sucht er umsonst die Fliege zu erschlagen,
Geschmeiß, das zwischen seinen Schläfen sirrt.

Er sät das Wort und erntet dunkle Sagen.
Er jagt das Wild und wird nur selber wilder.
Denn seine Seele ist ein Wurm im Magen,

und seine Träume sind wie trunkne Bilder,
Gewog von trübem Dunst, Chimären.
Nie stimmt ihn die Erfüllung einmal milder.

Eden hieße, daß keine Menschen wären.
Lärm ist sein Teil, nicht, was die Dichter sangen,
vom Stöhnen jener, die im Schmerz gebären,

was dumpfen Grunzens geistlos ward empfangen,
bis zum Gejammer öder Sterbezimmer,
wo sie noch nach dem Wahn des Trostes langen,

ihr eitles Monument vergehe nimmer.
Will hoher Wille sie zu Chören binden,
zu edlen Ausdrucks wunderlichem Schimmer,

sieht man sie bald im Staub des Lärms sich winden.

 

Siehe auch:
Johannes Brahms, Vier ernste Gesänge
https://www.youtube.com/watch?v=knHeiIjzvYU&list=RDknHeiIjzvYU&start_radio=1

 

Jan 28 26

Schattengang

Es hat ein Schatten,
der über Sonnenpfade ging,
gesungen.

Es ist ein Tropfen,
der an der Blütenlippe hing,
zersprungen.

Es ist die Flocke,
kaum daß sie eine Wimper fing,
zerflossen.

Es hat die Schwermut
ihr Herz, als fort die Liebe ging,
verschlossen.

Es hat der Dichter
die Glut, daß sie statt seiner sing,
beschworen.

Es hat die Liebe,
ertaubt war ihr die Haut, den Ring
verloren.

 

Jan 27 26

Catherine Pozzi, Nyx

À Louise aussi de Lyon et d’Italie
Ô vous mes nuits, ô noires attendues.
Ô pays fier, ô secrets obstinés.
Ô longs regards, ô foudroyantes nues.
Ô vol permis outre les cieux fermés.

Ô grand désir, ô surprise épandue.
Ô beau parcours de l’esprit enchanté.
Ô pire mal, ô grâce descendue.
Ô porte ouverte où nul n’avait passé

Je ne sais pas pourquoi je meurs et noie
Avant d’entrer à l’éternel séjour.
Je ne sais pas de qui je suis la proie.
Je ne sais pas de qui je suis l’amour.

 

Nyx
Für Luise von Lyon und jene aus Italien

O meine Nächte ihr, o Warten, rasch verdunkelt.
O hohes Land, o Heimlichkeit, versiegelt.
O Blicke tief, o Wolken, blitzdurchfunkelt.
O Flug gewährt jenseits von Himmeln, die verriegelt.

O Wünsche weit, o Freuden, jäh genossen.
O schöner Pfad des Geistes, des verzückten.
O ärgster Tort, o Anmut, von grauem Dunst umflossen
O Flügel aufgetan, die keinen noch entrückten.

Ich weiß nicht, warum ich sterbe, sinke hin,
statt aufzusteigen in die ewige Welt.
Ich weiß nicht, wessen Beute ich wohl bin,
Ich weiß nicht, wessen Liebe mich noch hält.

 

Jan 26 26

Bis die Ströme dunkler singen

Wolken spenden Glanz
am grauen Himmel.
Gräser schauern still
um deinen Fuß.

Jäh trennen Blitze
die Naht der Lüfte auf.
Dunstchimären
werden Schatten.

Regen fließt,
und fahle Tropfen
mischen sich
mit hellen Tränen.

Lehn dich an der Birke
weiße Lende,
warte, bis die Ströme
dunkler singen.

 

Jan 25 26

Wirbel auf dem Wasser

Wirbel auf dem Wasser,
Höhlungen des Nichts,
die mit Glanz sich füllen,
Schaum des Monds, Chimären.

*

Seufzer, abendlich,
veilchenblasser Lüfte,
Falten, rasch gestrafft
von dämmergrauer Hand.

*

Verse, volle Trauben,
schimmernd unter Ranken.
Wer mag sie pflücken, keltern,
läßt reifen Gold im Dunkel?
Wem gehen auf im Kelch
Blumen des Erinnerns?

*

Scheue Knospe Wort.
Duft, verborgener Sinn.
Wird offen sie dem Licht
die Seele öffnen auch,
die still vorübergeht?

*

Woge, sie verebbt.
Muschel, die im Sand
sie ließ, ein Wunderkind,
träumt ihr, seufzt ihr nach.

*

Trance des Flötenspiels,
schwermutblaue Nacht.

*

Schnee auf Amoretten,
weicher Wehmut Vlies.

*

Morsches Gartentor,
ächzend wie im Schlaf,
wenn die Liebe scheu
auf den Kiesweg tritt.

*

Fahle Aschenglut.
Müder Mund, der haucht,
Funken, blauer Schwarm,
der im Dunst ergraut.

 

Jan 24 26

Lose Zettel

Philosophische Sentenzen

Für die Fliege Satans,
die unterm Schädel des Besessenen sirrt,
gibt es keine Fliegenklatsche.

*

Augenblick der Orchidee,
wenn ihre Lippe seufzt
vom wilden Andrang einer Biene.

*

Taub ist das Gras für das Flüstern des Winds,
worin es schauert und sich beugt.
Du aber lauschst dem Regen,
der ans Fenster deiner Schwermut
nachtlang prasselt.

*

Verse, Tropfen,
die an deinem Fenster
langsam niederrinnen,
schwacher Glanz
vor der Dunkelheit,
die unaufhaltsam wächst.

*

Dem Derwisch gleich,
der sich tanzend schraubt
in mystische Leere,
wirbelt um sich selbst
und ihre Sonne
im Nichts des Alls
die Erde.

*

Wir haben Augen, zu sehen, wo wir sind;
doch kein Organ, zu messen, wie lange.
(Die Uhr sagt uns nichts über unser Zeiterleben.)

*

Fluktuierendes Vakuum.
Das beredte Schweigen Gottes.

*

Wald, eine gewisse Anzahl von Bäumen.
Baum, eine gewisse Anzahl von Blättern.
Blatt, eine gewisse Anzahl von Zellen.
Zelle, eine gewisse Anzahl von Molekülen.
Molekül, eine gewisse Anzahl von Atomen.
Atom, eine gewisse Anzahl von subatomaren Teilchen.
Teilchen, eine unzählbare Folge von Quantenzuständen.

*

Warum können wir die Betrachtung nicht umkehren,
gelangen wir vom subatomaren Teichen nach einer
endlichen Reihe von synthetisierenden Schritten
nicht zur Zelle, zum Blatt, zum Wald?

*

Die Säule trägt den Architrav
mit seinen mythischen Bildern.
So ruht auf Ungesagtem
alles Gesagte.

*

Wir können mit der Person,
die wir einmal waren,
uns nicht verständigen;
wir sprechen mittlerweile verschiedene Sprachen.
So täuscht uns die Erinnerung.

*

Die Gegenwart ist uns versperrt.
Wir zehren von Vergangenem,
das es nicht mehr gibt,
verzehren uns nach Zukünftigem,
das es noch nicht gibt.

*

Kain, der Utopist der Menschheitsverbrüderung,
bei deren Verwirklichung er vor dem Mord an Abel
nicht zurückschreckt.

*

Die trübe Aussicht ins Ungewisse
ist uns allemal genehmer
als der klare Blick auf das Verhängnis.

*

Auch der Hoffnungslose hofft:
daß er richtig lag.

*

Der Unleidliche, der Misanthrop, der Rezensent –
sie sind wie der enttäuschte Liebhaber,
der nicht mehr ihr schönes Antlitz bewundert,
sondern unverwandt auf die kleine, unscheinbare
Warze auf ihrer Wange starrt.

*

Das Schicksal stellte ihm ein Bein;
endlich konnte er sich einmal ruhig ausstrecken.

*

Der Zeitgeist macht keinen Unterschied
zwischen hoch und niedrig, edel und gemein.
Für ihn sind alle gleichen Ranges.

*

Die Zeitgeistigen wollen über alles reden und mitreden.
Vor allem über Dinge, die sie nicht verstehen
oder in deren Atmosphäre sie nicht atmen könnten.

*

Er wähnte, in eine Vergnügungsstätte eingeladen
worden zu sein; aber am Ende des Korridors
drang ihm Fäulnisgestank entgegen und das Stöhnen
von Siechen und Moribunden.

*

Die mühsam oder gerissen ins Werk gesetzte Erfüllung
unserer Wünsche beglückt uns nicht.

*
Der geistig Hinkende weist die ihm vom geistig Gesunden
gereichte Krücke entrüstet zurück.

*

Vom Albtraum bedrückt legen wir uns auf die andere Seite,
wo uns das verlorene Glück traurig anlächelt.

*

Wie kann der sanfte Hügel von Golgotha
den Felsen der Akropolis überragen?
Wie der nächtige Schrei am Kreuz
die Sonne des Logos verfinstern?

 

Jan 23 26

Des Menschen Tage sind wie Gras

Psalm 103, 15

Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind.
Prediger Salomo 2,17

 

Glücklich, die nicht daran denken,
wenn sie durch das Fruchtland streifen,
blasse Birne will noch reifen,
goldne sich zur Erdnacht senken.

Dichter, Wort und Sinn ergeben,
hebt sie in kristallene Schalen.
Wie auch solche Früchte fahlen,
hofft er nicht mehr zu erleben.

Denker, Daseins Sinn zu fassen,
läßt vom Sonnenlicht sich blenden.
Will was Kreuz und Nacht vollenden,
Golgotha nicht gelten lassen.

Seelenspiegel sind uns Künste,
Klagetöne, Jubelfarben.
Doch wo ihre Sonnen starben,
trüben sie des Dämmers Dünste.

Mund mag sich am Mund erwärmen,
blühen hingeneigt sie beide.
Welk vom Alter, bleich vom Leide,
wird uns leere Sehnsucht härmen.

 

Jan 22 26

Vom Halbschlaf zerquält

Wähnst du fern im Schlaf dich schon,
wogt das Dunkel, blaut die Stille,
ist dir, daß im Ohr es schrille,
wie geritzten Glases Ton.

Fliege, die wie trunken sirrt,
hast du träumend dich verfangen,
bist der Angst ins Netz gegangen,
daß der Geist am Abgrund irrt.

Und du hoffst, daß jene Spinne,
Dämon, der das Netz gewebt,
gnädig zu dir niederschwebt
und das Blut im Nichts verrinne.

Schattenzart sinkt sie hernieder,
und das Sirren ist erstickt.
Endlich bist du eingenickt.
Süßer Krampf durchzuckt die Glieder.

 

Jan 21 26

Phantasma toxischer Männlichkeit

„Ist kein Hüter, mit dem Stabe sie zu lenken?
Sie streunen wild umher, und unerträglich
schwillt Tag und Nacht das törichte Geschnatter.“
„Der Herr ist tot, die Gatter stehen offen,
die Gänse watscheln unterm milden Schutz nun
einer dekadenten Gutsverwaltung,
die nichts von rechter Zucht mehr wissen will.“
„Wie denn, dem Ganter hat man umgedreht
sogleich den Hals, und unbefruchtet liegt
das Ei im Gras, und keine Glucke brütet?“
„Sie wollen sich nicht mehr vermehren, nicht
mehr Nester bauen, Küken nicht geleiten
in eine Zukunft, die nicht gansgerecht.
Der Sinn der Mutterschaft ward zum Tabu.
Unfruchtbarkeit sei auch gerechte Sühne,
weil hingeschlachtet ward das Hühnervieh,
auf daß die Ahnen seinen Stall beerbten.“
„Es hab die Eule ihnen prophezeit,
die Teiche trocknen, Kräuter würden giftig,
so schwadronierte jüngst, den man geschaßt,
der Hütejunge, war wohl voll des Weins.“
„Drum toben sie hysterisch durch die Gegend.“
„Uns aber ist vergällt der Abendfrieden.
Sie recken ja den Schnabel schon zum Mond,
ihr Zischen malträtiert das weiche Ohr
des Dichters und des Denkers stillen Geist.“
„Den Unsinn eines Daseins, das entwurzelt,
betäuben sie im Lärm wie von Bacchanten,
wenn auch kein Bacchus naht mit süßen Beeren.“
„Dem schlichten Leben sind sie schon verloren,
zerstochen längst von Stacheln eitlen Wahns,
in Promenaden die gefärbten Federn
aufzuspreizen vor kristallnen Spiegeln.“
„Du kennst vom Berg den Ausblick? Nun, erwäge,
wie dort im öden Bruch die Füchse schleichen.“
„Ich seh, was Böses du im Herzen sinnst.
Die Roten sind nicht zähmbar, bleiben feind,
zum Asyl willst du sie gleichwohl locken.“
„Der Häscher soll die Gans das Fürchten lehren,
daß sie in ihr Gehäus mag wieder flüchten.“
„Die dumme Unschuld, holden Willkomm flatternd
um ihren Würger, wird wohl Federn lassen.“
„So wollen wir noch diese Nacht die Fährte
aus Blut und Fett auf dunkle Moose streichen,
vom offnen Tor bis hin zu ihrem Bau.“

 

Jan 20 26

Sinnbilder, gereimt und ungereimt

Wie weit wir auch des Sinnes Grenzen ziehen,
was jenseits liegt, das Ungesagte,
ins Grenzenlose wird es ewig uns entfliehen.

*

Je strenger wir den Maßstab fassen,
dem unser Sagen soll genügen,
je mehr wird Mundes Blume blassen.

*

Die einst von Götterfabeln sprachen,
verstummten, geisterhafte Funken,
als sie aus dunkler Niemandsleere brachen.

*

Die kindlich du aufs Wassers hobst, daß fort sie schwimmen,
Bötchen von Papier, bestückt mit kleinen Kerzen,
siehst manchmal du noch fern im Traume glimmen.

*

Die Seele lag auf ihrer Hand,
ein müder Falter, den sie dir vor Augen hielt,
als wär er ihres Daseins Unterpfand.

*

Der früh besessen war von Lichtkristallen,
die aufgeglänzt in tiefer Nacht,
fand spät an Graunuancen sein Gefallen.

*

Weil Gottes Nagel selbst sie eingeritzt,
schien unbestreitbar Satz für Satz der Tafeln.
Dann galt, wer dies als Bild durchschaute, für gewitzt.

*

Sein Dämon hat gen Gallien Caesar einst getrieben,
so ward es der Romania Herz, la Douce France,
allwo Racine, Pascal, Molière und Proust geschrieben.

*

Gold und Geist, die unterm Lilienbanner strahlten,
zerrieb, verdunkelte der Haß befreiter Meuten,
die in der Asche mit drei öden Farben prahlten.

*

Torheit wähnt sich auf der höchsten Stufe
einer steilen Treppe, die sie nicht gebaut,
doch vernimmt sie nicht die dunklen Rufe
aus der Tiefe, wo die Flut der Zeit sich staut.

*

Fotos der Verwandten, eins gelegt aufs andre,
doch schimmerte kein Urgesicht hervor,
Aug sprach zur Nase, Mund zum Kinn: mäandre.

*

Woher auf allen Plätzen, allen Bühnen
Gackern immerfort und schrilles Krächzen?
Wer ließ die Pforte offen stehen,
daß sie büxten aus, die Hühner?
Will keiner sie zurück mehr scheuchen,
auf daß sie wieder Eier legen,
das ein und andre gar bebrüten?
„Ach nein, das wird die Gans verhüten,
Helene mit dem nackten Bürzel,
die uns geöffnet hat die Türe,
damit wir aus dem Zwielicht watscheln,
gerupft an Kopf und schlankem Halse,
geeinte Schwestern unterm Sternbild
emanzipierten Hühnertums!“,
gluckst geschwollen ein bebrilltes Huhn.
Da kräht auf seinem Thron aus Mist
gespreizten Sinns und heißen Sporns
der rote Gockel, und jede pest dahin,
daß er als erste sie besteige.
Die kleine Zarte, die da gräßlich fiept,
herrscht an die dicke Henne: „Herzchen, schweige!“

 

Jan 19 26

Der Abgrund Schweigen

Im Gedenken an E. M. Cioran

Du sagst dein Ja, grummelst nein in deinen Bart.
Ob sie milde lächeln,
hinter deinem Rücken hecheln,
Einsamkeit, sie bleibt dir aufgespart.

Da sitzt sie wieder auf dem Dach, die Taube.
Daß an dir sie sich gefreut,
weil Körner du ihr hingestreut,
o töricht liebenswerter Glaube.

Die Kerze flackert, bist mit dir allein.
Mag sie aus nur gehen,
es gibt nichts mehr zu sehen.
Und was du sahst, war eitel Schein.

Alles wie von Asche grau beschichtet,
jeder Mund, der sich zum Kuß geründet,
was du lasest, was dir ward verkündet,
keiner Mythe fühlst du dich verpflichtet.

Tönt es wie Schluchzen noch von fernen Quellen,
du wühlst den Kopf ins dumpfe Kissen,
als würdest nichts du, keiner dich vermissen.
O trunknes Boot, wenn Traumes Segel schwellen.

Und will sich lockend dir ein Ufer zeigen,
wo Ariel und lüstern Elfen winken,
stürz dich hinab, im Abgrund zu versinken,
wo alles Sagen, alles endet – Schweigen.

 

Jan 17 26

Blüten, wie sie bleichen

Lichtverzücktes Auge,
in Dämmerung sank es zurück,
Dunst, dem eignen Blick entquollen.

Kaum geweckt vom Hauch der Muse,
aufgetane Knospe Wort,
war verweht sein Duft, sein Sinn verschollen.

Grünes Glas im Schnee von Samt,
festlich überschäumend,
Rausch hat es zerbrochen.

Zärtlich flüsterte die Nacht.
Wort, den Bann zu lösen,
ward dir nicht gesprochen.

Heißen Atems aufgeblättert,
Buch des Lebens, und es glommen
rätselhafte Zeichen.

Was der Schwermut Tau genährt,
Träume, wie sie fahlen,
Blüten, wie sie bleichen.

 

Jan 17 26

Verschwebende Klänge

Venus kann nur aus dem Dunkel leuchten.
Liebe muß die lichte Schwelle scheuen,
daß sich Orpheus Augen wieder feuchten.

Zarte Halme, die im Winde schwanken,
daß wir um sie bangen, uns daran erfreuen,
blühen, welken dichterisch Gedanken.

Tote Häute, trocken, ausgewrungen,
die am Dorn des Schlafes kleben,
hat sich bunter Flügel aufgeschwungen.

Wimpern, die noch bange Träume halten,
wie sie zittern, wie sie beben,
bis der Lider Blätter sich entfalten.

Flehentlich scheint uns des Nachts zu rufen
Wasser wie aus grünen Nymphengrotten,
weicher schluchzend an bemoosten Stufen,

wo einst Purpursäulen Hochsinn baute,
seine dunkle Herkunft zu vergotten.
Herz der Völker, wie es uns ergraute.

 

Jan 16 26

Schwermut, herber Duft

Schwermut weht, ein herber Duft,
wie aus alten Eichenschränken
von Lavendelblüten, ganz verblaßten.
Wir wissen nicht, an wen wir denken.

Erklingt der Abendglocken Bronze,
scheint in uns dunkel mitzuschwingen
Erinnerung an frühe Orte,
wo Hand in Hand wir mit der Liebsten gingen.

Und stehen einsam wir am offnen Fenster,
sinkt golden-fahler Dunst hernieder,
ein Gurren tönt noch dumpf von Tauben
aus weich geblähtem Traumgefieder.

Hat Schnee gedämpft das laute Leben,
sind Spuren lesbar, Tupfen wie auf Wangen,
Schönheitsflecken auf der Anmut Lilien.
Wir ahnen wohl, wer dort gegangen.

 

Jan 15 26

Pascal ohne Gott

Wer nicht im Schweigen endet,
hat nicht alles gesehen.

E. M. Cioran

 

Gespött der Schöpfersonne,
der Nächte kühler Ruhm,
schwebt fahler Mond sein Geist
hin über menschenferne
Meere.

Der Masken müd durchstreift
er die Elysischen Felder,
hört wie im Traume niedersausen,
das wollusttrunken blitzt,
das Beil.

In den Ruinen von Port-Royal
sticht ihn am Aug ein Dorn,
und er gedenkt der Schwester,
die zu sehen wähnte nah
das Heil.

Hinter den glitzernden Nägeln
auf abertausend Kreuzen der Nacht
erblickt er zwischen A und O
die vom Schrei geschwärzte
Leere.

Auf dem Zettel, den er eingenäht
im Mantelfutter trägt, streicht er
alles durch und läßt nur stehen
non des philosophes et des savants
Feu.

Als er sieht, wie heißer Strahl
das Mark des Daseins höhlt,
kein Sinn den Abgrund jemals füllt,
streicht er auch dies, schreibt hin nur
Creux.

 

Jan 14 26

Splitter in der Wunde Einsamkeit

Aus einer Ars poetica parva

Im weichen Dunst Erinnerung
ein dunkler Fleck am Horizont,
wie eine tote Robbe aus der Schar
des Proteus, die dort liegenblieb,
als gischtend der Hexameter
die grüne Woge um ihn schlang.

 

Im Schneegefild die schiefe Spur
des angeschossenen Wilds.
So geistert durch den Traum,
gleich einem Hinke-Iambus,
der Schwellfuß eines Schatten-Ich,
das im Blätterrauschen
goldener Ode eine Sänfte wähnt.
Nur immer ferner tönt das Laub,
wird fahler nur und grauer,
je atemloser es ihm tastet nach.

 

Mönch am Meer, Splitter
in der Wunde Einsamkeit.
Abgeschnittenes Lid,
sobald er in den Spiegel blickt,
den sinnloses Gelalle trübt.
Kein Engel wird ihn gnädig ziehen
über wüster Urflut Schaum
ins sanfte Licht des Chorgesangs.
Vom schwarzen Dunst zermürbt
versinkt er in der Dünung Schnee.

 

Ei, gesprenkelt gelb und rot,
im Nest zurückgelassen,
dem ungesagten Amen gleich,
kein Psalm, der’s ausgebrütet.
Die Vögel flogen jählings auf,
von Wohlgeruch gelockt,
als wehte Traum von Eden.
So fault verwaist das Wort,
wenn auch der Seele Nest
verdorrt mit kahlen Ästen
im Silbermond elegisch
ächzend lang noch schwingt.

 

Anmerkung zur Zeile „Abgenschnittenes Lid“:

„Das Bild liegt mit seinen zwei oder drei
geheimnisvollen Gegenständen wie die
Apokalypse da, als ob es Youngs
Nachtgedanken hätte, und da es in
seiner Einförmigkeit
und Uferlosigkeit,
nichts als den Rahmen im Vordergrund

hat, so ist es, wenn man es betrachtet,
als ob einem die  Augenlider weggeschnitten wären.“

Heinrich von Kleist

 

Jan 13 26

Blaise Pascal, Mémorial

Depuis environ dix heures et demie du soir jusques
à environ minuit et demi
Feu.
Dieu d’Abraham, Dieu d’Isaac, Dieu de Jacob,
non des philosophes et des savants.
Certitude, certitude, sentiment, joie, paix.

Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr
eine halbe Stunde nach Mitternacht
Feuer.
Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs,
nicht der Philosophen und Gelehrten.
Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude, Frieden.

Blaise Pascal, Mémorial

 

Eitel Stroh, jäh angezündet
wie durch Glas von losem Strahl,
ist es nicht gewesen.

Docht, der sich ins Dunkel windet,
Herz in seiner stummen Qual,
hat die Flamme sich erlesen.

Und es fühlte heiße Freude,
wie es honiggleich gebrannt
und sich selber süß verzehrte.

Wohlgeruch, der sich gebreitet,
schien dem Blütenduft verwandt,
der aus Eden wiederkehrte.

Mußte bald es niederbrennen,
war verwandelt doch die Nacht,
ohne Grauen war ihr Schweigen.

Auch die göttlich nicht mehr nennen,
was den Abgrund Herz entfacht,
mögen sich vorm Denkbild neigen.

 

Jan 12 26

L’art pour l’art

Künstlich wolltest du die Blume,
daß herbstlich sich dein Vers nicht neige,
kein Fäulnisduft den Sinn benehme.

Verse, Augen, Lapislazuli,
den keiner Rührung Nebel trübt
und keine Pathosdünste feuchten.

Aus Tiefen taumelnd Verskristalle,
die kalt ein Licht von Monden spiegeln,
doch Sonnen meiden, die sie schmelzen.

Daß sich aus fahlem Kalk der Angst
die Muschel forme, o Geduld,
und schimmernd auch die Perle Schmerz.

Keine Haut war kühl genug für ihren Glanz,
hermetisch hast du sie verborgen
im Sand, von Reimes Gischt umschäumt.

 

Jan 11 26

Flocken, in der Nacht gefallen

Gleich Flocken, in der Nacht gefallen,
die Sonne läßt sie seufzend tauen,
zerrinnt in rätselhaftes Lallen
der Verskristall im Abendgrauen.

Wie Wolken, weiche Traumgestalten,
Sturm wischt sie vor der blauen Leere,
sind Verse Knospen, die sich ballten.
Schon funkelt dunklen Gärtners Schere.

Bald schenkt sich Feuchte grünem Rohre,
bald ist sein Mark vor Glut zersprungen.
Herabgesandt aus goldnem Tore,
erloschen sind die Feuerzungen.

 

Jan 10 26

Antikisierende Phantasmagorien

Ich bewirtete dich gerne, Telemach,
verschmähtest du auf deiner Reise meine schwermutgraue Schwelle nicht.
Dein Fahrtenlied für meinen Becher ländlich schlichten Weins.

Die Wunde salbte, Philoktet, ich dir,
den Silberklang des Bogens zu vernehmen,
den einmal wider meine Ohnmacht du noch spannst.

Den treuen Hund, Odysseus, der müde wedelnd dich erkannt,
und da du zärtlich ihn gekrault, entschlief,
begrübe ich bei deinen Beeten, Eurykleia.

Dem Chorgesang zu lauschen vor der Göttin Bild,
schlüge kühn ich, Sappho, in die Büsche mich
deines mondbehauchten Hains.

Betört vom Lied der Nachtigallen schöpfte aus der Quelle
einen kühlen Trunk ich euch, da bei Kolonos ihr noch rastet,
dir, Ödipus, und, Antigone, auch dir.

Doch vor deinem Adler, Zeus, risse Ganymed ich weg,
daß er den Hirten irdene Krüge reiche,
vom Blendwerk hohen Prunks geheilt.

 

Jan 9 26

Porträt des Dichters als Waldmaus und Eule

Mit der Waldmaus,
der schon das Fell erschauert
vom Todesgriff der Kralle,
schattet sanft ein Flügel hin,
erfüll den Sinn des Seins.

Mit der Eule auch,
wenn langsam wie im Schlaf
das Lid vom kalten Aug sie schiebt,
sich ihr Gefieder bläht
in orphisch-blauer Nacht.

Angst macht, daß du sehr still
Samen sammelst, Verse,
durch dunkler Strophen Gänge
ins Nest des Traumes bringst.

Doch Triumphgefühl,
wenn lautlos du hingleitest,
im Schneegefild den Schattenflaum,
süßen Fleisches Reim dir fängst.

 

Jan 8 26

Abbrechende Wege

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Blaise Pascal

 

Am Ende des Weges ähneln wir kaum noch denjenigen, die ihn beschritten haben.

Wir gehen auf einem Weg, der allmählich ansteigt und auf eine Anhöhe führt, die uns mit einem schönen Fernblick für die Mühen des Aufstieges zu entschädigen scheint. Wir wollen weiter, doch der Weg bricht unvermutet ab; der Rückweg ist uns versperrt. Sonderbar, der schmale Pfad ward unter Schutt und Dorngestrüpp unsichtbar. Wir bleiben zurück. Bis zum Abend, sagen wir uns, haben wir ja noch die schöne Aussicht.

Wege kann man eigentlich nur Strecken nennen, die auf einer Karte von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt führen. Der Ausgang unseres Weges aber liegt ebenso im Dunkel wie das Ziel. Eine Karte wurde uns nicht ausgehändigt.

Die Illusion, wir seien, weil der Weg so mühsam ist, wohl in höherem Auftrag unterwegs, vielleicht gar, die Anwohner auf der anderen Seite des Gebirges mit unserem unverhofften Erscheinen und unserem fremdländischen Akzent in Erstaunen zu setzen, ist unserem skeptischen Gemüte leider versagt.

Der Weg steigt allmählich an; auf der Anhöhe blicken wir in die Ferne. Wir gehen weiter, der Weg wird abschüssig, windet sich durch Gestrüpp, dann bricht er ab. Wir SIND dieser Weg.

Wir können (unter günstigen Umständen) sagen, was wir meinen. Doch (unter keinen Umständen) meinen, was wir wollen.

Wir können diese oder jene Frucht vom Baum der Sprache pflücken. Wir selbst aber haben ihn nicht gepflanzt.

Etwas meinen heißt auf ein grammatisch geordnetes System bedeutsamer Ausdrücke zurückgreifen, das uns gegeben, nicht sua sponte von uns erfunden, konstruiert oder erklügelt worden ist. Es ist eben jener Baum der Sprache, den wir nicht gepflanzt haben und der ohne unser Zutun emporgewachsen ist.

Wer den Keim in die Erde senkte, ist nicht bekannt, ist unerfindlich.

Manche sind wie gelehrte Gärtner und vermögen es, auf den alten Sprachzweig ein frisches Edelreis zu pfropfen. – Das Reis, das Luther pfropfte oder Goethe.

Es kann eine neue Stimme in den Kanon eintreten; freilich muß sie die kontrapunktische Linienführung beachten, die in diesem Tonsystem als gültig angenommen worden ist (die beispielsweise den Tritonus vermeidet).

Einer hat, wenn auch erschöpft, den Aufstieg glücklich gemeistert; erfreut von der weiten Aussicht auf der Anhöhe winkt er der Schar der Freunde, die fern im Tal zurückgeblieben sind. Sie aber deuten sein Winken nicht als Aufforderung, es ihm gleichzutun, sondern als resignatives Zeichen, die Anstrengung lohne nicht, die Aussicht halte nicht, was der Reiseführer verspricht.

Einer hat die Anhöhe erklommen und schaut auf den verschlungenen Weg zurück, der ihn dorthin geführt hat. Von wo er seinen Ausgang nahm, vermag er nicht zu erkennen, er liegt schon im Dunkel.

Da wir immer etwas denken oder der Gedanke stets einen Sinngehalt hat, läßt sich das Nichts nicht denken. Freilich, es gibt Unsinn; doch dies nennen wir gedankenlos.

Der Kern in der Nuß, das Ich im Wir, der Satz in der Sprache: Eins scheint immer in einem anderen enthalten, wie die Puppe in der Puppe. Aber die alles umhüllende Schale, auch wenn wir sie All oder Universum nennen, können wir nicht denken.

Ein Satz kann in einen anderen eingefügt werden, und dieser komplexe Satz wiederum in einen Satz, der um noch eine Stufe komplexer ist. Aber einen alle Sätze enthaltenden Satz, eine alle Sprachen umfassende Meta-Sprache können wir nicht denken.

Die Puppe, die in der Puppe verborgen ist, die sie enthält, mag wieder ein Püppchen enthalten, das von den beiden Puppen umfaßt wird. Aber wir gelangen auf diese Weise nie zu einer allerwinzigsten Puppe, zu keinem Atom aller Puppen.

Der Augenblick ist nicht der ausdehnungslose Punkt einer Zeitstrecke, die wir aus solchen Zeitatomen konstruieren könnten. Kein Moment ist Atom, jeder Abgrund.

Nie können wir zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön.

Es ist für unser Dasein nicht relevant, ob wir glauben, die Sonne kreise um die Erde oder die Erde um die Sonne.

Daher gibt es keine kopernikanische Wende des Denkens, sondern nur eine in der astronomischen Theorie. Und auch diese kann in Einsteins Metatheorie eingebettet werden.

Ich sehe keine existentielle Notwendigkeit, die angeblichen Wahrheiten, die heute allgemein ventiliert und akzeptiert werden, mir zu eigen zu machen.

Für mich besteht ebensowenig die Notwendigkeit, mich als Zeitgenossen der Moderne oder Postmoderne zu definieren, wie für die Zeitgenossen des Augustus die Möglichkeit, sich als Zeugen der klassischen Epoche der Antike zu verstehen.

Die Welt kann nicht von einer überweltlichen Intelligenz gemäß einem providentiellen Plan erschaffen worden sein und gelenkt werden, denn ob mein Kanarienvogel mich morgen früh wieder krächzend begrüßt oder tot in seinem Käfig liegt, kann selbst Gott nicht voraussehen.

Die Annahme eines kausalen Determinismus des Mentalen ist ebenso töricht wie jene, das Mentale werde von zufälligen Quantenereignissen auf neuronaler Ebene gesteuert .

Der gedankliche Boden, auf dem wir stehen und gehen, schwankt nicht nur, sondern besteht aus einer ungreifbaren Substanz, dünner als die Luft, die immerhin Flügel zu tragen vermag.

Der Körper kann die Seele ebensowenig enthalten, wie der Gedanke in einem spezifischen Hirnareal lokalisiert werden kann.

Die Erinnerung an jenen schönen Frühlingstag, der mir durch den Duft dieser Rosen erweckt wird, enthält kein einziges Arom.

Der neuronale Prozess der Geruchsempfindung mag vielleicht in einem Hirnareal lokalisiert werden, nicht aber die Erinnerung, die sie ausgelöst hat.

Wir sagen: „Meine Hand schmerzt“, aber wir können die Schmerzempfindung nicht an einer spezifischen Hautstelle lokalisieren.

Du kannst nicht sagen: „Hier ist der Schmerz“, wie du sagen kannst: „Dort liegt das Buch.“

Die Ursache der Rotempfindung ist eine bestimmte Lichtfrequenz, aber die Rotempfindung ist keine bestimmte Lichtfrequenz.

Ich kann von meiner Rotempfindung nicht auf das Vorhandensein einer Lichtquelle mit bestimmter Frequenz schließen, denn ich könnte von den Rosen träumen, die mir heute eine liebe Hand geschenkt hat.

Leib und Seele, res extensa und res cogitans, Materie und Geist, Ich und Es – Chimären eines halbmythologischen Denkens.

Ich gelange an kein Ziel; wenn ich endlich erschöpft ins Knie breche, könnte ich mir sagen: „Ich hätte bei besserer Kondition weitergehen können.“

Ich gelange an keinen notwendigen Anfang; denke ich an meine Geburt, könnte ich mir sagen: „Mein Vater hätte, bevor er mich zeugte, bei einem Unfall ums Leben kommen können.“

Ich könnte auch sagen: „Statt mich an jenem Tag zu zeugen, hätte mein Vater am nächsten Tag mit der Frau, die zufälligerweise meine Mutter wurde, ein Kind zeugen können, das nicht ich gewesen sein würde.“

Der Name kann, was er nennt, der Satz, was er behauptet, nicht wie ein Handschuh über die richtige Hand gezogen werden, nicht wie eine Hand die andere berühren. Hier klafft eine unendliche Lücke, ähnlich jener zwischen dem Finger Gottes und dem Finger Adams auf dem Bild des Michelangelo.

Und doch kann, wenn ich eine Tanne eine Fichte nenne, mein botanisch versierter Freund mich auf die Unwahrheit meiner Benennung hinweisen. Aber die Wahrheit der Behauptung hat keine Ähnlichkeit mit der behaupteten Tatsache. Wie sollte dann die Falschheit einer Behauptung eine Ähnlichkeit mit der Negation der Tatsache haben?

Uns aber kommt es so vor, als würde die Linie der wahren Behauptung die Linie der behaupteten Tatsache gleichsam im Fluchtpunkt des Unendlichen schneiden.

Die semantische Linie und die faktische Linie verlaufen, wenn wir von der Wahrheit oder Korrektheit einer Behauptung sprechen, gleichsam parallel. Uns kommt es dabei so vor, als würden die beiden Linien sich in einem unendlich weit entfernten Fluchtpunkt treffen. Daher die Rede von der Übereinstimmung von Satz und Tatsache, von der adaequatio rei et intellectus. Doch dies ist eine perspektivische Täuschung.

Törichte Arroganz wähnt, jetzt zu leben sei eine Auszeichnung gegenüber jenen, die vor uns gelebt haben.

Verfängliche, ja absurde Metapher: Vernunft oder nur dem Vernunftgesetz folgender Wille als epistemischer oder moralischer Steuermann des vernunftlosen, blinden Leibs.

Aber wir (nicht die Vernunft und kein vernunftgemäßer Wille) sehen mit den Augen und folgen dem Pfad, der uns eine schöne Aussicht verspricht.

Wir schlagen Wege ein, von denen wir nicht wissen, wo sie münden.

Ein ins Meer mündender Strom müßte sich wundern, daß er als Rinnsal begann.

Ich kann aus der Tatsache, daß die Aussicht von der Anhöhe beglückend ist, nicht folgern, daß dies gleichsam der Lohn für meine Anstrengung war, sie zu erklimmen; ich könnte Pech haben und alles im Tal wäre von Nebel verhangen und grauem Dunst.

Cogito, Schatten, den der Baum der Sprache wirft – und doch zugleich Geschmack ihrer Frucht.

Seelenverfinsterung: Verhärtung des Herzens, Sklerose des Gemüts, Fanatismus der Gesinnung.

 

Jan 7 26

Bilder, lang verblichen

Dahin also, wo die Stille noch grünet,
Zweige sich wölben über schmalen Pfaden,
wo ein Wasser gelbliche Rosen spiegelt,
lichte Schneisen ins Weite uns laden.

Oder zu weiß überstäubten Matten,
wo ein dunkles Murmeln herniedergehet,
abends der Wind aus blauenden Schatten
Schlafes schimmernde Tropfen wehet.

Bilder, Dichter, wie lang schon verblichen.
Was im Sommerlichte wir blühen sahen,
grauen Wintertagen ist es gewichen,
wo den Sinn verhüllende Nebel nahen.

Du sagst, sie sind nicht gänzlich zerronnen,
Herzen gleich, zerstochen von kalten Kristallen,
röten sie sich unter kommenden Sonnen,
Düfte zu senden aus purpurnen Ballen.

 

Jan 6 26

Wehgelall

Schrift auf grau bemoostem Mal,
schwer lesbar und zu deuten kaum.
Zur Quelle gingst du wie im Traum,
und was du schöpftest, schmeckte schal.

Du hältst die Kerze bang empor,
ein tiefer Seufzer, sie geht aus.
Heim schien es dir, dies stille Haus,
schon hämmert Eisenfaust ans Tor.

Stimme, einst vertrauter Schall,
fremd ward sie wie ein fahles Licht,
das durch Gebälk, geborstnes, bricht,
und ist dein eignes Wehgelall.

Zerreiß die Zeichen, Blatt für Blatt,
vergilbt ist längst das Sommerglück.
Ein einzig rotes halt zurück,
leg’s auf den Stein, die Grabesstatt.

 

Jan 5 26

Trauben, die im Dämmer leuchten

Kannst vorm grellen Bilde wohl
deine Lider rasch verschließen.
Doch das Gift des bösen Worts
wird im Blut noch weiterfließen.

In den Gärten der Erinnerung
harrten deiner Veilchen lange.
Aber jählings kroch empor
giftig-grün die Urwelt-Schlange.

Laß auf Wellen von Verlaine
sehnsuchtsblaue Knospen treiben.
Schmerz, der Kiesel, fahl und hart,
muß im Sand des Ufers bleiben.

Serenade, und sie schmelzen,
Mozarts schwermutweiche Flocken.
Doch die mitgelallt hat einst,
Zunge, starr bleibt sie dir, trocken.

Wenn im Traum die Liebste pflückt
Trauben, die im Dämmer leuchten,
ach, daß helle Tränen sanft
deine dunklen Wimpern feuchten.

 

Jan 4 26

Sesam öffne dich

Assez de lumière pour les uns et assez d’obscurité pour les autres,
pour que les élus soient illuminés et que les réprouvés soient aveuglés.

Klarheit ist genug, um die Erwählten zu erleuchten,
Dunkelheit genug, um die Verworfenen zu blenden.

Blaise Pascal, Pensées, Frag. 440/441

 

Wer vor einer Scheintür wartet,
einer Tapetentür
(die nur Dekor, Attrappe, Illusion),
und sagt: „Er wird bald kommen!“ –

der Fromme meint:
der Retter und Erlöser
(oder Rächer für alles Unrecht
in der Welt, besonders, was man
ihm selber angetan);

die Liebende:
der Geliebte
(der ihr des Daseins Leere füllt,
die Last ihr von der Schulter,
das Dunkel von der Seele nimmt) –

Der Dichter:
der Magier
(den schiefen Sinn ins Lot zu bringen,
die Warze aus dem greisen Wort zu brennen,
den Staub des Trivialen von Venus Lenden abzuwaschen)

hat, wer dies blind behauptet,
Unwahres ausgesagt?

Kann einer Falsches sagen,
dem die Möglichkeit benommen,
Wahres zu verkünden?

Kann man warten, hoffen
auf etwas, das unmöglich ist?

Und täte unverhofft,
auf wunderbare Weise
sich die Pforte auf,
wer immer aus ihr träte,
ob herrscherlich,
ob lieblich lächelnd,
einen Schlangenkopf am Revers,

das Unrecht bliebe
schmerzlicher nur fühlbar,
das Dunkel würde
dunkler noch erscheinen,
das starre Schiefe würde brechen,
die Schöne löste sich im Waschtrog auf.

*

Im Zwielicht scheinen wir zu wandeln,
mit offnen Augen träumend,
und jedes lichte Wort
wirft einen Schatten.

*

Mitten im monotonen Quaken
vom fahlen Neon-Mond erregter Frösche
am Teich des Schöne-Welten-Parks
hörst du einen Klang
von sonnengoldner Bronze,
wie einer Glocke,
die hinabgesunken.

Erzähl sie nicht, die wunderliche Mär,
sie hielten dich für einen Narren.

Sie würden dich vielleicht
zum johlenden Pläsir
der Aufgeklärten
als primitiven Dichter-Affen
in einen Käfig stecken,
nicht weit von jenem Teich.

Nein, halt sie dir vom Leibe.

Geh hin und lob
den abgeschmackten Singsang
als Kantate,
Bachs würdig,
höchst erlesen.

*

Durch die Tapetentür
tritt keiner ein,
und kein Bedrängter kann
hoffnungsbang dran klopfen,
daß ihm gütig werde aufgetan,
dem Elend zu entkommen.

Nur Dichtung kennt,
Kunst und Musik
ein „Sesam öffne dich!“ –

und der rohe Fels,
die graue Wand der Wirklichkeit
tut, ist die Stunde dir denn hold,
sich eine schmale Spalte auf,
und du entschlüpfst
in einem bläulich-rosa
Grottendämmerlicht.

Hüte dich, die Frist ist kurz,
schon verklingt die schöne Melodie,
schon blassen zarter Nymphen Wangen,
daß du zum Ausgang sputend
nicht werdest jählings eingequetscht,
wenn mit einem dumpfen Hall
die Wand sich wieder schließt.

 

Jan 3 26

Was vom Jahr der Seele blieb

Im Gedenken an Stefan George

Einsamer nie noch als im Mai.
Wenn unter wirbelnden Flocken
der Atem dir will stocken,
zwischen tausend Zungen, heißen,
mußt dir auf die deine beißen.
Aus Schilfen, Lauben, Schrei um Schrei.
Einsamer nie noch als im Mai.

Ein heller Wirrwarr der August.
Ein Wild du, Pfeilen zu entrinnen,
der Jäger Sonne, wüstes Sinnen
in Mondes kühlen Tau zu tauchen,
wenn fern schon neue Feuer rauchen.
Wie dumpf geht auf und ab die Brust
im hellen Wirrwarr des August.

Oktober reicht dir seine Hand.
Blatt, vergilbt, mit blassen Venen,
die nach Blut nicht mehr sich sehnen,
den stillen Schimmer einer Traube,
dem Blau entsunken, Flaum der Taube.
Daß du nicht schwankst am dunklen Rand,
Oktober reicht dir seine Hand.

Winter hüllt, schließt alles ein.
Weich sind seine weißen Laken,
Gaben ohne Widerhaken.
Schnee des Schlafes, weiße Leere,
Lichtkristalle ohne Schwere.
Wie still es ist, du bist allein.
Winter hüllt, schließt alles ein.

 

Jan 2 26

Heimat, verschüttete Quelle

Heimat, verschüttete Quelle.
Seufzen weht bisweilen Nacht,
geisterhaft wie einer Nymphe,
die gezwängt in ihren Schacht.

Trauben, die geglüht, erloschen.
Schnee der Birke unter Ruß.
Nur ein Fetzen Blau winkt manchmal,
müder Veilchen Abschiedsgruß.

Vögel, die genistet heimlich
dort im alten Laubengang,
hin und her hör ich sie flattern,
doch verstummt ist ihr Gesang.

Abenddampfers bunte Schlieren,
Festtagsschleppen auf dem Strom.
Nun schwankt mir im Traumgewoge
bleich entgegen ein Phantom.

Nein, es waren andre Sonnen,
die mir dort den Sinn enthüllt,
andren Monden hab das Linnen
unter Tränen ich zerknüllt.

 

Jan 1 26

Spickzettel Philosophie

Früher dachte ich, das Denken bedürfe neuer Worte und
Wortbildungen. Inzwischen weiß ich, es gilt die verschüttete
Macht der einfachen Sprache wiederzufinden.

Martin Heidegger

 

Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem
Tröpfchen Sprachlehre.

Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre
alltägliche Verwendung zurück.

Ludwig Wittgenstein

 

Wir: nicht innen.
Welt: nicht außen.

*

Die Rose des Gedichts,
sie duftet nicht.
Erinnerung hat kein Organ
für Rosenduft.

*

Nicht: der Körper beseelt –
die Seele verleibt.

*

Mythos Seele:
Dunstgestalten,
dem offnen Mund der Toten
jäh entweichend.

*

Du gibst das Wort,
Frucht vom Baum der Sprache,
den du nicht gepflanzt,
flugs abgepflückt.

*

Dichten,
denken:
Wort für Wort,
Punkt um Kontrapunkt.

*

Wort, es kann nicht meinen,
was du willst.

*

Haust du mit dem Hammer
auf noch so kleinen Wortes Sinn,
ob „ich“, ob „du“, ob „und“,
zerreißt die ganze Kette.

*

Das entstellte Wort,
Warze im Gesicht
der Heuchelei.

*

Bedeutung ist kein Klumpen Lehm,
vom reinen Geist geformt,
von einem, der versteht,
mit Leben überhaucht.

*

Beseelter Laut,
das Lied.
Musik,
geistreicher Klang.

*

Je klarer seine Wasser fließen,
je tiefer ist des Brunnens Nacht.

*

Am lichten Tage reift die Traube,
im dämmrigen Verlies der Wein.

*

Wer alle Farben blind vermischt,
dem bleibt nur trübes Grau-in-Grau.

*

Überm Bodenlosen
lächelnd schweben.

*

Subjekt und Gegenstand,
Name und Objekt,
Idee und Phänomen,
verworrene Gespinste,
die keine Fliege fangen,
keinen Tropfen Licht,
von der Stirn uns streifen.

*

Wie der Diener auf den Herrn,
wartet einer vor der Tür,
die eine Scheintür ist,
Attrappe bloß.

*

Wie Raum und Zeit
eins ins andre fließen,
so schäumt der Sinn
glänzend,
fahlend,
aus dem Nichts hervor.

*

Kippschaltern gleich
sind Ja und Nein,
Wahr und Falsch.
Ein Urstrom ist,
was uns zu denken gibt,
das Dichterwort,
ein leuchtendes,
ein dämmerndes
Vielleicht.

*

Die fremde Hand berührend,
fühlt die eigene
sich selbst.

*

Des Lächelns Gischt,
der übers graue Herz
uns sprüht.

*

Träne,
funkelnd
an der Wimper
Nacht.

*

Wer die Fichte Tanne nennt,
hat sich bloß geirrt.
Anders, wer im Zeichenwald
umsonst die Lichtung sucht.

*

Wer nicht rechnen kann,
ist dumm.
Narr, wer nicht weiß,
was Zahlen sind.

*

„Indianer“ –
kein faktischer Irrtum
des Kolumbus,
ein begrifflicher.

*

Je heller die Lampe der Angst,
umso drohender die Dunkelheit.

*

Arg ist, Mann und Frau verwechseln,
ärger, Sinn und Unsinn.

 

Dez 31 25

Wiedersehen mit Hündchen

Zwei Tahitiperlen, schwarze,
angefeuchtet, blitzen,
Hündchens Augen.

Es erkennt dich gleich, verharrt,
eine Glückssekunde lang.

Dann springt es schon,
wie an Sonnenfäden wippend,
an der Hüfte dir empor,
und die rote Zunge lechzt.

Du aber klaubst,
wo hast du sie noch aufbewahrt,
aus der Manteltasche
Hundekuchen.

Spitze helle Zähnchen,
fein geschliffenes Elfenbein,
kratzen sanft die winterrauhe Haut.

Aus lasziver Seide scheint das Fell,
schimmernd gleich dem Prunk,
der schweren Dufts aus Truhen
im Boudoir der Pompadour
allzu üppig quoll herauf.

Noch nicht satt, mein Lieber?
Umsonst wühlt seine Schnauze
in der hohlen Hand.

Zerzaust, doch ohne Anmut nicht
wedelt es von hinnen.

Auf dem Fenstersims thront
derweil eine Sphinx,
die Siamkatze,
wie ein Phantom
aus weißem Porzellan.

Der Gegenwart entrückt,
erstarrt
im eignen Rätselbild.

Nur der Augenschlitz
aus schwarzer Jade
hat sich jäh verengt.

 

Dez 30 25

Das fliegende Mäuschen

Da war ein leises Knispern,
ein lang sich schwänzelndes Wispern,
die Gräser haben mitgesäuselt:

„Wolke soll das Schwesterlein
in Lichtgespinste hüllen ein,
daß fröhlich es mag schweben!“

Wolke sprach: „Waarum denn nit,
ik nehm de kleene Duun geern mit,
will um de Dörpen still se dragen.

Will ok nit stiegen allto hoog,
anners mutt se spejen noch
an miener Kant, von miener Reling!“

Im Schlaf lag das Geburtstagskind,
die Schwestern hoben es gelind
aufs Boot, das weich im Schilf geankert.

Und schon segelt es im Blauen.
Mäuseschar, das Wunder zu beschauen,
reckt empor die spitzen Wuselmäulchen.

Da winkt herab, vom Sonnenstrahl erwacht,
die Maus, daß selbst die alte Katze lacht,
hat maliziös ein Schnurrhaar auch gezuckt.

Wie’s gelandet ist im Abendlicht,
das weiß der Dichter leider nicht,
vom süßen Fiepen ist er eingenickt.

 

Dez 29 25

Sei nicht bang, mein Kind

Hat’s an die Scheibe nicht gepocht?
Die Ranke war’s im Wind.
Sei nicht bang, mein Kind.

Hat die Diele nicht geknarrt?
Das war die schwarze Krähe.
Sie scheut des Menschen Nähe.

Hörst du, Mutter, wie es rauscht?
Das sind die weichen Wellen,
die aus Träumen quellen.

Weh, kann ich ja nicht schwimmen.
Wie dein Bötchen aus Papier
tragen sie dich fort von hier.

In Fernen, da ich dich vermisse?
Zu Inseln, wo noch Elfen leben,
die an Sonnenfäden schweben.

Ist Täubchen, das entflog, bei ihnen?
Ja, es hüllt dein Schwesterlein
dich in sein Gefieder ein.

Und gurrt leise, daß ich schlafe.
Ja, nun schlummre ein, mein Kindchen.
Morgen weckt dich auf das Hündchen.

 

Dez 28 25

Brot und Kot

Honig der Erinnerung
schenkten Verse,
früh erblühte.

Duftlos aber sind
am morschen Zweig
Scheinblüten
fast erloschenen Marks.

*

Lymphe der Erde,
Sperma des Lichts
floß in den Wassern
des Helikon.

Trübsal,
sternlose Lache
verdunstenden Lallens.

*

Funkelndes
Sternbild,
Schatten
erhabener Friese,
Bilder mythischen Daseins.

Nebel,
langsam sich verdünnend,
nach nichts schmeckende
Zeichen,
Flocken,
die rasch tauen.

*

Grüner Wogen
Heimkehrpfade,
von Homeros
blind gebahnt.

Dunkle Spuren,
wirr betupfter
Schnee des Schlafs,
vom Gestöber
bald verwischt.

*

Stilles Maßwerk, zarte Streben
um das Gnadenbild.
Unbeschnitten wuchern Reben
in ein Dunkel wild.

*

Magnum Mysterium,
Brot ward das Wort,
Heil glänzt im Wein.

Dichter lauschen stumm
auf dem Abort,
klatscht Kot hinein.

*

Ein Engel war’s, der es verkündet,
wie der Gesänge zarter Rauch
gelöst im Blau des Himmels mündet.
Hör, Dichter, du die Botschaft auch.

Verwirf das Wort, das eitel grinste.
Leg deine Verse auf den Strom
wie zarter Blüten Lichtgespinste,
schau, sie entschwinden, ein Phantom.

*

Keine Maske wird uns schützen
vor den Viren, die wir blind
schlürfen aus den Trübsal-Pfützen,
die Schleim kranker Seelen sind.

 

Dez 27 25

Tote Tiere

Damals,
als du noch forsch gewandert bist,
einsam immer
nach der Zeit der Fahrtenwimpel,
was war es nur,
Aas vom Fuchs,
Kadaver eines Rehs,
wie hat es dich gewürgt.
Du bist vorbeigehastet
an der Lichtung,
dem Abgrund unersättlich
tiefer Nacht.

Und als du einmal heimgekehrt
aus einer grauen Ferne,
schwamm in der Tasse Tee,
die schludrig du nicht abgeräumt,
ein selig Paar von Mäusen,
winzigen, wie erstmals aufgeschnellt
von kleinen warmen Zitzen.
Und drehten langsam sich im Kreis,
wie im leisen Sog von Träumen,
wie in Träumen.

Zähl nicht,
die unter deinem Schuh
erdrückt, zerquetscht, zermalmt,
Larven, Spinnen, Würmer,
und am bretonischen Strand
Seesterne, Muscheln.

Die in der Früh,
als du im Kinderbett
aus dumpfem Schlafe aufgeschreckt,
der Bauer aus dem Pferch getrieben
und in den engen Laderaum gezwängt,
quiekten, schrien, schrien,
als ob sie’s ahnten,
todgeweihte Schweine.

O schweig von abgenagten Flügeln,
Rippen, fetten Braten,
Schinken, all dem roten Fleisch,
das bleich zerkocht
doch deinem Dämon
hat gemundet.

Die Taube dann,
die in der Einfahrt lag,
von einer Krähe aufgerissen,
der weiße Flaum
rötlich überkrustet,
hast du ins Feuilleton gewickelt,
erlöst von der Lektüre,
und in die Abfalltonne
sacht hinabgelassen
das ausgegurrte Leben.

Und gehst an Gräbern du entlang,
wenn Flammen des Gedenkens
in der Dämmerstille flackern,
liest da und dort
die Namen, töricht-weise Sprüche
auf Steinen über Schädeln,
die aus Höhlen feuchten Glanzes
stille Blumen sahen,
die Glorie der Sonnen,
erloschener Sehnsucht Monde
und am Horizont ein Schwermutblau,
das sich dem Abendpurpur mischte,
staunst du über das Versinken
all der Kreaturen,
die keine Spuren hinterlassen,
derer keiner je gedenkt,
in dunkler Erde
anonymem Schlund.

 

Dez 26 25

Zwiegespräch über die Kerze

„Plötzlich war sie ausgelöscht.“
„Es schien, als wär’s ihr Wille.“
„Das Wachs war beinah aufgezehrt.“
„Ein Luftzug war’s, ein jäher.“
„Das tiefe Seufzen tat’s von einem, der nicht schlafen konnte.“
„Sie hat ja lange Zeit gebrannt.“
„Ob eine Woche, eine Stunde nur, gleichviel.“
„Und war ihr Dasein doch erfüllt …“
„… im Leuchten jener Augen, die in ihrem Schein geblickt
in nahe, ferne Augen …“
„… im wunderlichen Tanz der Schatten …“
„… im Wohlgefühl der Hand, die sich an ihr gewärmt …“
„… und in der Feuchte eines Blicks, der in ihrem Flackern
die eigne Unruh sah …“
„Ihr Leben war ein sanftes Sterben.“
„Ein Opfer eigenen Seins.“
„Honigduft, Erinnerung in einer Trauernacht.“
„Honig war ihr weicher Kern.“
„Ihr Wachs schien wie in tiefem Schlaf zu weinen.“
„Doch hat sich nicht ein Dunkelfalter in ihr Licht gestürzt?“
„Dies war ihr Wille nicht.“
„Doch schien die Flamme eine Lockung allzu tödlich.“
„Flamme, Leben gibt sie und vertilgt es auch.“
„Lebensflamme, die sich selbst verzehrt.“
„Was sie selber hat entzündet, auch dies muß Flamme sein.“
„So geht der Weg zurück in fernes, fernes Abgrundlicht?“
„Kein endlich Wesen kann sich selbst entfachen.“
„Woher das Feuer, das in Sonnen, Herzen ohne Zahl
aufflammt und kommt die Stunde rasch erlischt?“
„Die kleine Flamme kann den großen Weltbrand nicht begreifen.“
„Doch ist ein wahres Bild sie unsres Seins.“
„So magst du auch des Lichts gedenken, das in der hohen
Nacht, da schon der Stein vom Grab gewälzt, vom Sinn
der Auferstehung kündet.“
„Diese Kerze ist geweiht, und ewig scheint ihr Licht.“
„Entzündet ward sie aber vom Brand des Holzes,
Baum, der im Paradiese stand und auf Golgotha.“
„So wär der Brand der Hölle die Umkehr himmlischen Feuers.“
„Der Schrei der Marter verzerrtes Echo himmlischen Gesangs.“
„Ob ein Dichterwort geweiht ist, ob verflucht,
ob eines Dämons Flammen aus ihm singen oder
reine Feuerzungen, denn auch jene tönen engelhaft,
wer mag es unterscheiden?“
„Die Kerze, die Eros entzündet hat, zittert vom Seufzen
der Liebenden, die Kerze im Zimmer des Sterbenden
vom trunkenen Gelall der Einsamkeit.“

 

Dez 25 25

Schreiben, ehedem

Der Feder sanftes Kratzen
ward uns fortgenommen,
die Honigkerze des Gefühls –
verglommen.

*

Die Lücken im Gekrakel,
die somnambul wir füllten
mit krausen Dickichts Fratzen,
bevor das Versdebakel
wir jäh erwacht zerknüllten.

*

Und schienen uns verworren
im Schnee des Blatts
die hingetupften Tintenspuren,
wie eines bangen Hasen,
der im Zickzack springt,
ließen rasch wir Flocken schneien,
die sie bald verwischten.

*

Auch wenn sie rasch vergilbten,
wir bargen Blatt für Blatt,
als lieh uns Herbst den Schlüssel,
in der alten Eichentruhe,
daß zwischen Muschelhorn
und Odem von Lavendel
den Winter sie verschliefen.
Von manchen blieb,
ins Frühlingslicht gehalten,
nur ein blasses Wasserzeichen.

*

Blatt, eines, zart chiffriert,
legen wir auf eine Schwelle,
auf der es hinter uns
wie ein Boot auf dunkler Welle
schwankend sich im Dunst verliert.
Und wir bangen, hoffen,
daß es unterm Grinsen
eines trunknen Monds
an Riffen kentert, schroffen.

*

Manche Verse glitten, wie in Regenrinnen
leichte Boote, zierlich aus Papier.
Wohin? Weiß Gott. Sie waren schon entschwunden.
Manche sträubten sich, wie an der Angelrute
wilde Barsche, und wir ließen sie
wieder frei, hörten noch die Flosse klatschen.
Andre kamen uns entgegen, Kavaliere,
und sie pflückten eine Orchideenblüte
von der Veste, um sie uns galant zu reichen.
Mädchen aber, entzückt vom sanften Wiegen
unsrer Hand, beugten ihren Nacken,
und ein goldnes Vlies umgoß die Schrift.

*

Linierte Blätter. Um die Linien sprossen
lichte Büschel wie um zarte Gitter,
daß noch ferne Strahlen in sie flossen,
süß die Beeren wurden und nicht bitter,
die schwarze Tinte malte oder blaue.
Las sie wer, schoß Blut ins Herz, ins graue.

 

Dez 24 25

Der Dichter vor der Krippe

Magst noch aus dem Schatten treten,
kniend wieder kindlich beten
vor des Lächelns süßem Licht.

Will die Zunge dir versagen,
arme Hirten wollest fragen,
wie Gesang durchs Dunkel bricht.

Vers, er muß nicht überborden,
denn das Wort ist Fleisch geworden
in der Demut stillem Schoß.

Reim, er darf das Lied beleben,
Flocken wollen niederschweben,
feuchter Glanz im Krippenmoos.

Magst dich vor dem Segen beugen,
wird sein Zeichen auch bezeugen,
eins sind Glaube und Passion.

Wirst vorm Kreuz die Blicke senken,
stumm verstummten Worts gedenken
mit der Mutter vor dem Sohn.

Nun träum, wie die Hirten wandern,
wo die Ströme hell mäandern
und des Nachts die Flamme singt.

Streu von jenem Lächeln immer
auf dein Beet den Liebesschimmer,
bis die schöne Knospe schwingt.

 

Dez 23 25

Van Gogh, Sternennacht

Dahin also, jenseits stiller Bildbetrachtung,
in die Wirbel aufgepeitschten Abgrundlichts,
ausgespien von den Flammenzungen
der Zypresse, die ihr Dunkel selbst entfacht.

Hinter dir die Honigwaben goldnen Schlafs,
Furchenschrift des Krumenalphabets,
weicher Wipfel Wolle vor der Schur im Herbst
und der dünne Zeiger Angelusgeläut.

Dahin also, in die heiße Gischt der Auren,
denen Augenknospen, blinde, eingestickt
von der tödlich-liebestrunknen Parze,
in die Wirbel blauer Nacht zu sinken.

Hinter dir die Keime frommer Worte,
zartes Reis in Falten der Geduld,
jäh vom heißen Odem fortgetragen
zu den Sternen orphischen Gesangs.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=L642ejkVxWg

 

Dez 22 25

Wenn die grünen Verse gilben

Des Wassers Schwall
kam wie Gesang

Peter Huchel

 

Als wär das Goldene Vlies,
im dunklen Bauch der Argo
bald verblaßt, ergraut,
ans Uferlicht gebracht
nur mehr ein Trauerflor.

*

Mit dem Wanderstab des Ödipus
an verwaiste Pforten schlagend.

*

Ward einmal das Wort
ans Kreuz genagelt,
was fruchten Flammenzungen?

*
Dir blieb das Wasser nur,
Gesang, der nächtens rauscht
am schroffen Felsen
der Erinnerung.
Wenn seufzend seine Gischt
im Ufergrase stäubt,
fühlt wie entrücktes Leben
die von Schründen taube
Haut sie kaum.

*

Erstickten Mücken gleich
in einem Spinnenweb,
vom Sturm zerrissen,
was du empfunden einst
mit knabenheißem Blut.

*

Ins kalte dunkle All gesprüht
die frühen Liebesfunken.
O wär, was allzu rot geglüht,
nur bald im Wolkenguß ertrunken.

*

Silbergraue Fäden sind, die wehen
im Novemberwind.
Was ist deinem goldnen Haar geschehen,
frühlingsfrohes Kind?

*

Geh an Gräbern still entlang,
hier seufzt Gras, hier wissen Flammen,
Tod und Leben rankt zusammen
in des Orpheus Zaubersang.

*

Lichter sind noch im dämmernden Laub,
Stimmen wiegt noch das Blattwerk der Nacht.
Was Schwermut unterm Monde gedacht,
schreibt in die Bläue flimmernder Staub.

*

Nur eines tu, den Schritt verhalte,
hat er geknirscht auf Muschelton.
Nur tiefer atme roten Mohn,
daß sich geheime Schrift entfalte.

*

Blick offnen Auges und bleib still,
auch wenn die grünen Verse gilben.
Wie Mücken scheuch gereimte Silben,
daß einsam nur die Träne quill.

*

Gotische Madonna

Gotisch fein, mit rankenzarten Händen,
die nur kleine Sonnensamen halten
oder Beeren, die sie heimlich weiterschenken,
um die Lippen weicher Wehmut Falten.
Doch ins Ferne flehen ihre Blicke,
daß des Herren Ruf sie bald entrücke.

 



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