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Jul 12 20

Der Sonne Echo ist ein Vogelschrei

Ein Atem hebt die Zweige, teilt die Schatten,
als wären sie vom Anhauch überglänzt,
emporgezittert unterm Mond der Frühe,
die Wangen roter Früchte, tränenfeucht.

Der weiße Schleier, Wassers Traumgewölk,
von warmer Bläue Kuß hinangesogen,
läßt seines Saumes Tropfen fallen, Rosen,
sie schlafen noch, wenn auch ihr Lid schon bebt.

Und aus der Höhe kehren Geistes Flammen,
der Freude Wimpern rudern in die Flut
des lichtumschäumten Sinns, das Horn der Sonne,
es braust durchs Gras, das Blut quillt auf.

Der Sonne Echo ist ein Vogelschrei,
das Muhen, Ächzen, Gurren durstiger Kehlen,
und Kräuter rupfend, Euter kosend Zungen.
Wann, armer Mensch, flammt auf dein trüber Sinn?

 

Jul 11 20

Eschatologische Brocken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die reizenden Speiseattrappen in den Auslagen japanischer Restaurants kannst du nicht essen. Doch die synthetischen Attrappen und sinnlosen Wortballungen, die als Dichtung auf dem Markt kursieren, sie sollen dich nähren.

Die Grenze des Sagbaren ist der Unsinn, die Inkonsistenz. Manche, von allen guten Geistern verlassen, überschreiten sie mit triumphierendem Grinsen, manche stolpern unbesehen darüber und ihr hilfloses Strampeln im Morast des Unfruchtbaren macht ein klägliches Bild.

Frauen verderben den Staat, höhere Töchter die Poesie.

Banale Gedanken, Provinzpossen und Zoten unter der Rubrik „Vermischtes“, versteckt hinter wüstem Gestrüpp dorniger Metaphern, bebrillte Mädchen, schamhaft versteckt oder albern kichernd unter künstlich angefeuchteten Ranken, aufgeklaubt aus dem Lexikon poetischer Wendungen.

Scharlatanerie und Schaumschlägerei scheinen erblich zu sein. Jedenfalls lesen wir in einem Gedicht des ältlichen Mädchens, das in diesem Jahr mit dem höchsten deutschen Preis für Dichtung ausgezeichnet wird, von „toten, selbstvergessenen Mäusen“, eine Wortgrimasse, die uns vor jeder weiteren Lektüre in den Werken der Dekorierten abschreckt, will sagen, bewahrt; fraglos, daß Tote nicht selbstvergessen, ihrer selbst Vergessene nicht tot sein können; doch den feinsinnigen Juroren aus Darmstadt gilt solche inkonsistente Sprachfäulnis wohl für einen Ausweis bacchischer Anhauchung – auch wenn sie nur dem papiernen Gekröse müde malmender Talmi-Mänaden gleichkommt.

Anders ist das in sich hart Gefügte und dunkel Gefaltete zu sagen, wie daß die Erfahrung des Heiligen beides umfasse, ein Fascinosum und ein Tremendum; hier wird der Begriff des Heiligen vertieft und ins Zwielicht seiner inneren Polarität getaucht.

Die bäurische Zunge, wie sie in der alten Komödie sabbert und sabbelt, begnügt sich mit dem rauhen Relief schlichter Geschmackswerte; die urbane verfeinert sie um immer weitere Nuancen, wie die Etikettierungen der römischen Weinsorten bei Horaz und Martial belegen. – Am Ende dieser sich ins Verstiegene und Absonderliche windenden Ranke der Sublimierung und des Raffinements ergreift den überfeinerten Geschmack Überdruß und Ekel, Ennui und taedium vitae, er verfinstert sich stoisch, schiebt die mit exotischen Früchten verblendete Torte mit saurer Miene vom Tisch und sucht die wässrigen Wonnen frugaler Genügsamkeit oder imaginierte Ausfahrten nach einem Kythera paradiesisch schlichten Hirtenlebens.

Erst gräbt der Stichel scharfe, pointierte Linien und kolossale Fugen; dann reiht er Ornamente um die Amphoren und Krüge fetter Öle und edler Weine und der geschmackssichere Pinsel zaubert Symposien festlicher Menschen darunter; schließlich will sich das verwöhnte Auge an geschwungenen Linien, lächelnden Falten, zitternden Wimpern der Dinge ergötzen. – Am Ende senken sich die müden Lider und verhüllen die üppigen Formen wollüstigen Fleisches und die grellen Lüste des Tages in einer Dämmerung, in der die mystische Kerze mit den Schatten einsamer, intimer, ermattender Gesten Endzeit spielt.

Früh ist es die Mutter der Kinder, und ihr Erzeuger nur ein weiteres großes Kind, das die Kleinen umhegt, beschützt, verköstigt; dann sehen wir auf römischen Grabmalen Mann und Frau seelenvoll Schulter an Schulter, Hand in Hand, zwischen sich nur leisen Abschieds Dankeshauch; schließlich effeminiert sich der Mann, bewundert sich im Spiegel, schminkt sich, tänzelt, singt schmachtende Lieder. Am Ende flieht er angewidert und sein Selbst hassend Haus und Herd, kleidet sich in ein härenes Gewand und murmelt in der Wüste der Einsamkeit monotone Litaneien vor einem Schreckensbildnis göttlicher Leiden.

Die unbehauenen Brocken und monströsen hölzernen Götzen der Frühe; magische Halbedelsteine, Fetische, Amulette; die singende Flamme der Haine, die süßlichen Wolken von Weihrauch und dampfendem Opferblut. Dann blendet das enigmatische Lächeln der archaischen Koren, kühlen den sehnsüchtigen Blick die Wasserspiele im durchsichtigen Gefält der olympischen Götter, berücken die üppigen Knospen des Eros und die wogenden Locken der Aphrodite. Am Ende der Schauer der aufgestapelten Schädel in den Katakomben und die schlichte Liebesgeste des guten Hirten.

Erst die grobe Skala, einfache Distinktionen der Wahrnehmung zwischen hell und dunkel, warm und kalt, hart und weich, süß und bitter; dann parasitieren und fruchten an ihnen die frühen Metaphern für Leben und Tod, Freude und Trauer, Glück und Elend, Heiterkeit und Schwermut: der Acker der Worte und Bilder, auf dem die Dichtung sät und erntet, ausgesetzt den Sagen und Pollen des Winds, gefurcht von den Wettern und Blitzen der Offenbarung, dörrend unter dem Schweigen der Himmlischen.

Wie die Fiktion einer adamitischen Sprache oder einer gleichsam osmotisch-halbbewußten Kollektivverständigung sich aus der Warte des Turmes zu Babel ergibt, so auch das Wort Herders von der Poesie als der Muttersprache der Menschheit als Projektion aus der Mannigfaltigkeit der Stimmen aller Völker und Zeiten.

Ein anderes Licht strahlt die mediterrane Sonne Homers, ein anderes der Mond über dem nördlichen Moor eines Keats, das Zwielicht in den Augen der Asen.

Anders duftet die Zeder des Hohen Lieds, anders die Myrthe des Horaz, der purpurne Apfel des Paris mundet einer Göttin, das karge Brot Trakls dem fremden Wanderer; anders rauscht der Quell der Hippokrene, anders der verborgene Born eines Novalis und Brentano.

Gedichte werden von den Stimmen der Völker in den Himmel der Heimat getragen. – Die sich anbahnende Welt des globalen Staats ohne Völker und heimatliche Atmosphären wird keine Dichtung mehr hervorbringen.

Mögen grell bemalte Nackte in gefiederten Masken da und dort in einer Steppe oder einem Urwald noch ums Feuer springen und ihre ekstatischen Gesänge anstimmen, hierzulande wurden die aus der Heimaterde gesproßten geheimnisvoll duftenden Knospen des Volkslieds längst vom dumpfen Tritt industriell konfektionierter Schlager niedergetrampelt und von Bonbon-Knebeln marktkonform verabreichter Pop-Schnulzen erstickt.

Gedichte von Baudelaire und Verlaine sind, was hinter ihrer Übersetzung an Duft, Aroma, Klang- und Farbenspiel in die Dämmerung des Unübersetzbaren zurücksinkt.

Je fortschrittlicher, komfortabler, lärmender das zivilisierte Leben, umso dumpfer, geistloser, nuancenärmer der sprachliche Ausdruck seiner intellektuellen Fürsprecher und Repräsentanten.

Massenhafte Abtreibung embryonaler Keimlinge von Esprit, Feinsinn, Divinationsvermögen, intuitiver Kraft.

Didaktik der Verblödung, Pädagogik der Infantilisierung, Schule des Konformismus, Herrschaft der Phrase, die als verführerische Schlange von Egalität lispelt, deren Biß aber das Gift der Abstumpfung und betäubender Gleichgültigkeit verabreicht.

Die Fahne der Menschenwürde aufgepflanzt auf dem stinkenden Verwesungsdung des Erhabenen und Edlen, müde herabwehend im Fäulniswind der Selbstverachtung.

Organisierter Argwohn und Hetze gegen alles, was im Fühlen, Denken, Sprechen den gekrümmten Rücken des Amts- und Zeitungsdeutsch radebrechenden Journalisten und speichelleckerischen sogenannten Kulturschaffenden, also Kulturzertrümmerers und Wahrheitsikonoklasten, überragt.

Wenn sie nichts anzuklagen, zu verschreien, zu verdammen haben, wissen sie nichts Eigenes zu sagen.

Was ihnen vor Augen liegt, unscheinbare Veilchen des sonnigen Augenblicks, Knospen eines leuchtenden Kairos, sie sehen es nicht, verdeckt es doch ihr eigener Schatten.

Die der Natur mit welterneuernden Heilsprogrammen auf die Sprünge in ein biederes Schrebergarten-Paradies zahn- und hodenloser Halbaffen helfen wollen, verleugnen ihre eigne, blind für die schicksalhafte und geschichtsmächtige Wahrheit des Geschlechts, der Rasse, der Herkunft, der Begabung und des Genies.

Im Augenblick der Entscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, Lebendigem und Abgelebtem, Größe und Niedertracht, Flamme und Asche vermitteln zu wollen, welch ein widerwärtiges Zeichen von Mittelmäßigkeit, Feigheit und diskurs-, sprich geschwätzvernarrtem Plebejertum.

Was bleibt, wenn die kulturelle Substanz eines Volkes aufgezehrt, die Flamme seiner geistigen Überlieferung erloschen ist? Einzelne ziehen sich in die Höhlen ihrer einsamen Grübeleien über das Verlorene zurück, andere werfen den Büttel hin und verzechen ihre Rente, zeigt sich im fahlen Nebel des Horizontes doch nicht wie in der Wende des römischen Reiches das Licht eines neuen Aufbruchs, eines neuen Mythos, eines neuen Gottes.

 

Jul 10 20

Letztes Glück

Wie wenn den Vorhang Nachtwind bauscht,
und liegst vom Spiel des Lichts geschieden,
wie Wasser, morgenrotberauscht,
versumpft, von Blumenmund gemieden.

Was aus Geweb von Schatten blinkt,
kein Stern ist es auf blauem Hügel,
und was auf deine Lider sinkt,
ist keines Traumes sanfter Flügel.

Würgt dich der dumpfen Stille Strick,
reiß nur das Fenster auf: Vorm Schmachten
und Schmatzen schauderst du zurück,
vor Tieren, die dein Leid verachten.

Das Elend, es ist lang, das Ende kurz,
ein tiefes Blau harrt dein, nun tauche,
eratme letztes Glück im Sturz,
die Nacht küßt dich im sanften Hauche.

 

Jul 9 20

Die tote Liebe

Die toten Scherben,
von einem dumpfen Fuß versprengt,
beginnen hinter ihm zu glitzern,
vom Strahl des Monds betaut.

Die toten Bilder,
vom Staube des Erinnerns blind,
hebt in den Traum ein Glanz
von Tränen sanfter Reue.

Die toten Worte,
Belag der mürb gesprochenen Zunge,
erquicken sie, verwandelt
in Tropfen eines edlen Weins.

Die tote Liebe,
von tauben Händen eingemauert,
wie bröckelt ihr Verlies,
von einem Flügel kaum gestreift.

 

Jul 9 20

Der Duft der Worte ist verpraßt

Kommt nun der Schnee, kommt nun das Schweigen?
Der Tag erlischt, das Herz verblaßt.
Der Duft der Worte ist verpraßt,
die müde Stirne will sich neigen.

Lang zittert noch das Zwie-Gefunkel
am aufgelassenen Horizont.
Der Geist ist noch besonnt,
das Wort liegt schon im Dunkel.

Nun endlich sinkt der Flocken-Schleier.
Die Erde dämmert traumlos ein.
Der Mond bringt seinen goldnen Wein
zu einer stummen Totenfeier.

 

Jul 8 20

Am Saum der Nacht

Wenn Abendhauch die Stirne kühlt,
verdämmert ist das Glück der Rosen,
wird Schatten unsrer Hände Kosen,
hat Wehmut schon das Herz durchwühlt.

Und glänzt des Mondes Auge blind,
wie knisternd meine Schmerzgedanken
sich um dein bleiches Antlitz ranken,
wie zittert jedes Blatt im Wind.

Das Wasser hat es längst gesagt,
das Seufzen tief, das hohe Rauschen.
Was wir am Saum der Nacht erlauschen,
ist nur ein Tier, das Träume nagt.

Ist kein Gesang, dem Licht gelingt?
Komm, legen wir uns im alten Garten
auf weiche Moose hin und warten,
ob uns die Nachtigall noch singt.

 

Jul 7 20

Efeukränze

Nur wer den edlen Wein getrunken,
von Himmelshauch betaute Beere,
ihm weht der Geist aus fahler Leere,
erblüht das Bild, im Leid versunken.

Wem weichen Abends Schatten winken,
im Schilfe zittert Mondes Träne,
erfühlt die reine Lust der Schwäne,
in Wogen grünen Schlafs zu sinken.

Wem noch das Auge sich beglänze
an hoher Ahnen moosigen Malen,
er huldige ihres Geistes Qualen
und winde Liedes Efeukränze.

 

Jul 7 20

Blauen Abgrunds Rätselschrift

Schreibt uns ein Fremder wunderliche Briefe,
schreibt er uns Traumberichte
in flüchtiger Wolkenschrift?

Wie wechselt grau und blau sein Blatt,
wer kann es lesen denn mit Sterbensblicken,
was Blitze zuckend krakeln
auf der grünen Tafel Nacht,
die Adern, Flecken, Falten
auf Stein und Blatt und Tiergesicht,
der Erde moosumschluchzten Dämmerschoß,
und die ihn wecken, furchen, ritzen,
Sonnenküsse, Sonnendolche,
wie Wasser Blumenworte wiegen,
Flocken blinde Wildnis streuen.

Ihr Quellen dunkler Klagen!
Warum die Ströme jubelnd ins Verlöschen schäumen,
bunte Falter braun verrotten,
Libellen-Flimmerflug erstarrt,
warum der heißen Tiere Nachtgebell,
und aus der Asche wieder Grünen,
und aus gekosten Wangen Staub,
warum geküßten Augen Tränen rinnen
auf den kahlen Karst der Einsamkeit,
warum der Anmut roter Mohn ergraut
und Hohnes Spucke löscht die reine Flamme Lied.

Warum sich aus dem Lachen weicher Knospen,
von Lichtes Zähnen wild zerbissen,
in wuchernde Fäulnis immer stürzen
Samen neuen Lebens,
Samen neuen Tods.

O blauen Abgrunds Rätselschrift,
o Rosen, Flehen, dornenwund.

 

Jul 6 20

Auf Hamanns Grab

In die Züge deines Namens, heißt es, seien des Lebens
sinnende Moose, sei, Hamann, ein dämmerndes Grün
eingedrungen. Wie rinnender Tau erglänzt in der Sonne,
quillt im Buchstaben H aus deinem Namen ein Hauch
ewigen Dichtergeistes zur Erde, verhüllt aber Schnee uns
alle Spuren der Schrift, harren wir kommender Glut.

 

Jul 6 20

Der Schatten

Weinlaubs rote Schleife
nestelt auf ein Hauch.

Knospe springt im Schlaf,
weiße Blüten fallen.

Lauen Windes Locke
schüttelt ab den Tau.

Träume wickelt auf
goldenen Lichtes Spindel.

Trauben rufen Sonnen,
Duftes Pollen Schoß.

Welle wiegt das Schilf,
Halmes Tanz die Mücke.

Frische Kränze windet
blinder Sänger Tod.

Einsam fällt aufs Gras
eines Menschen Schatten.

 

Jul 5 20

Wasser seufzt im Schlaf

Wasser seufzt im Schlaf.
Grauer Schaum der Nacht.

Traumes Glas verklingt.
Wimpern wirbeln Glanz.

Honigwabe Licht,
trunkne Biene Schmerz.

Zweige atmen auf.
Schatten werden Gras.

Tropft es weich aufs Blatt,
schwirrend wird es wach.

Weiße Blüte schwingt,
rote Blüte glimmt.

Wangen müden Glücks
färbt Hortensienstaub.

Wolke öffnet sich,
Schneegefieder sinkt.

Sonne hämmert Gold,
Gaias edlen Reif.

Kirsche dunkelrot,
Liedes feuchter Mund.

 

Jul 4 20

Das Gespenst

Nacht für Nacht weckt dich das Schnauben,
als dringe einer Schnauze heißer Hauch
durch Spalt und Ritze, rinne Speichel
über die bebende Schwelle der Tür.

Dann entsteigt wie dunklem Klaffen
Gewinsel und hungrige Kralle kratzt
ans Holz den schwirrenden Rhythmus von Tänzen,
der ins Herz dir Funken sprüht.

Fahler Morgen, der durchs Fenster sickert,
bringt dir den Schlaf, der Ohnmacht gleich.
Sind was dich heimsucht Gespenster
erstickten Atems, unerhörten Blicks?

Abends schiebst du vor die Türe
wie einer Katze einen Napf
mit Milch, den fremden Durst zu stillen,
doch bleibt unberührt er stets.

Herz spricht wahr: Blut mußt du geben,
dein eignes Blut, das Rinnsal Schmerz.
Nun hörst du seine schlürfende Zunge.
Doch wie lange hält es still?

 

Jul 3 20

Wolken, Quellen, Ströme

Wolken, windbetörter Schaum,
Feen lichtentzückter Tropfen,
Schnee-Dämonen Flimmer-Staubs,
fliegende Mähnen der Mänaden

Quellen, blauer Nächte Sang,
Seufzer-Ammen schlummernder Gräser,
Lächeln über starrem Stein,
trüber Erde Glanz-Najaden.

Ströme, Adern grünen Bluts,
Gründerväter edler Völker,
Rauschende im Schilf des Traums,
knospenspiegelnde Meeresboten.

Lieder, Wolkenflucht im Blau,
heiße Herzen kühlende Quellen,
Ströme ihr zur stillen Bucht,
dunklen Abschieds helle Tränen.

 

Jul 3 20

Charles Baudelaire, La Musique

La musique souvent me prend comme une mer !
Vers ma pâle étoile,
Sous un plafond de brume ou dans un vaste éther,
Je mets à la voile ;

La poitrine en avant et les poumons gonflés
Comme de la toile,
J’escalade le dos des flots amoncelés
Que la nuit me voile ;

Je sens vibrer en moi toutes les passions
D’un vaisseau qui souffre ;
Le bon vent, la tempête et ses convulsions

Sur l’immense gouffre
Me bercent. — D’autre fois, calme plat, grand miroir
De mon désespoir !

 

Die Musik

Oft ergreift mich wie ein Meer Musik.
Für meinen Stern, den fahlen,
soll unter Nebeln oder Himmels blauem Blick
mein weißes Segel strahlen.

Bläht die Brust, die Lungen Überschwang,
wie Sturmes pralle Fahnen,
ersteige ich der Wogen steilen Hang,
schwärzt Nacht auch alle Bahnen.

Ich fühle mich in Lust und Qual entrückt,
ein Schiff mit morschem Steuer,
Lüfte, sanft und Wetter, blitzverzückt,

über Tiefen ungeheuer,
wiegen mich. – Dann stiller Spiegel, glatt und weit,
der Hoffnungslosigkeit.

 

Jul 2 20

Das verschlungene Herz

Während es noch träumt,
wird dein Herz verschlungen,
wie die ein Glitzern fing
im Sonnentau die Fliege.

Das Herz der Fliege nährt
die Glut der Carnivore.
Wird hell von deinem Blut
das Dunkel fremden Lebens?

Im stummen Blau der Nacht
stehst du, ein schmaler Schatten.
Sind, was im Leeren blitzt,
Kometen, sind es Träume?

Am grauen Saum des Meers
lauschst du, ein Unbehauster.
Sind, was aus Tiefen seufzt,
die Wellen, sind es Seelen?

 

Jul 1 20

Stumme Träne

Hellen Abschied lächeln
Wolken, weiß und weich,
die mir Träume fächeln,
Lüfte, blütengleich.

Rosen um die Bläue,
letztem Licht geglückt,
haltet mir die Treue,
bis das Herz entrückt.

Sinken deine Flügel,
Nacht, so totenstill,
Mond auf kahlem Hügel,
stumme Träne, quill.

 

Jun 30 20

Tönungen des subjektiven Lebens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Ist das philosophische Denken fruchtbar, wie es das Dichten, Malen, Komponieren im besten Falle zu sein scheint? – Die Hebamme Sokrates, was sie ans Licht des Tages aus welcher Nacht Schoß auch immer zu schlüpfen verhilft, sie hat es nicht gezeugt, hat es nicht ausgetragen.

Die Unfruchtbarkeit der medienhörigen Intellektuellen und Feuilletonphilosophen wird daran kenntlich, daß sie vor ihren mit Sprachgerümpel und Talmijargon beladenen Karren den lahmen Gaul einer sinisteren Doktrin oder einer die Menschheit humanistisch einseifenden oder apokalyptisch blendenden Ideologie spannen.

Sie wollen etwas sagen, das heißt, sie können es nicht, oder es läßt sich aufgrund inkonsistenter Fäulnis nicht oder nur mit größtem Widerwillen über die Zunge bringen.

Der Dünkel hüllt sich in vom Rampenlicht verklärte enigmatische Wolken, die verletzte Eitelkeit übertüncht ihre Pickel mit der Schminke greller Sophismen, das verkannte Genie glaubt sich im Winkel unterm Spinnenweb selbstgesponnener Rätsel schmollend ewig unverstanden.

„Menschheit!“, „Humanität!“, „Fortschritt“, „Vernunft!“, „Freie Wahl von Herkunft, Eltern, Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung!“, „Freie und geheime Wahl von Todesart und Todesstunde!“, „Öffentliche Bloßstellung, Demütigung und Spießrutenlaufen für Rassisten, Nonkonformisten und weiße Elefanten!“, „Lachgas für die Moribunden!“, „Bier und Bratwurst für alle!“

Mit großen Worten, steilen Thesen und parfümierten Phrasen locken wie die schon welke Schönheit mit ausgestopftem Busen und fettem Lippenstift.

Zu den Wörtern, die leicht ins logisch-semantische Chaos und Verderben ziehen, gehören die Wörter „alle“ und „nicht“. – „Alle Raben sind Vögel“ oder „Es ist nicht der Fall, daß ein Rabe nicht ein Vogel wäre“ ist kein empirischer Satz, der durch den spektakulären Fund eines Raben widerlegt werden könnte, der kein Vogel wäre, oder der durch die empirische Untersuchung aller Tiere bestätigt werden könnte, derart, daß unter den Nichtvögeln kein Rabenkrächzen vernommen ward.

Ist der Satz „Alle Raben sind Vögel“ wenn nicht empirisch also apriorisch? Er ist ein Satz mit dem Schein logischer Notwendigkeit über eine kontingente sprachliche Tatsache, nämlich, auf welche Weise wir Raben als Vogelart zoologisch klassifizieren.

Unter allen Dingen in dem Zimmer, in dem ich dies schreibe, finden wir Stühle, Bilder, Bücher, aber nicht mich; ich bin derjenige, der Dinge in diesem Zimmer sieht, sie als Stühle, Bilder, Bücher benennt.

Gewiß, einer, der mich kennt und an mich denkt, mag mich vielleicht vor seinem geistigen Auge in diesem Zimmer sitzen sehen und dabei das Körperschema im Blick haben, das dem ähnelt, das ich im Spiegel erblicke oder auf einem Foto. Doch mit der Aussage, du seist gestern mit deinem Freund spazieren gewesen, meinst du nicht, du seist mit seinem Körper unterwegs gewesen, schon gar nicht mit einem von gewissen Organen umhüllten Gehirn, auch wenn dieser Körper ohne ein Gehirn nicht gehen und reden könnte. – Doch schon zu sagen, der Körper geht und redet, überschreitet die Grenze zum Unsinn.

Das subjektive Leben, das wir führen, ist nicht beschreibbar wie das Leben des Hundes, dessen Körbchen vor unserem Bett steht.

Was es mit dem subjektiven Leben auf sich hat, kann vielleicht nur metaphorisch vergegenwärtigt werden, mit mehr oder weniger kühnen Bildern wie der Wölbung und Verzerrung der Raum-Zeit durch eine schwere Masse, der Tönung eines Bildes durch ein Clair obscur, der Brechung des irisierenden Lichts in einem Kristall, der Modulation eines musikalischen Themas oder dem Mitschwingen der Obertöne über einem angeschlagenen Grundton.

Was wir subjektives Leben nennen, ist keine Sammlung psychologischer Tatsachen und kann durch keine empirische Psychologie erfaßt werden.

Natürlich sind Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen empirisch erforschbar, ja meßbar und auf ihre biologische und soziale Funktion oder geschlechtsspezifische Rolle und Färbung hin beschreibbar; doch nicht die seltsame Tatsache, daß ich oder du sie haben, wir uns im Medium von Empfindungen, Gefühlen, Erinnerungen unmittelbar gegeben sind.

Mit den empirisch-wissenschaftlichen Methoden, mit denen wir Licht- und Klangwellen untersuchen, können wir nicht die Tatsache erklären, daß ich und du sie sehen und hören.

Der Mediziner und Neurologe kann detailliert und mit wissenschaftlicher Präzision uns darüber aufklären, wie Photonen über Auge und Netzhaut aufgenommen und im visuellen Cortex verarbeitet werden; aber nur aufgrund sprachlichen Mißbrauchs wird er vom Gehirn sagen, daß es die auf solche Weise erzeugten visuellen Bilder sehe.

„Ich sehe, empfinde, fühle, erinnere mich …“ – diese Wendungen sind nur scheinbar Bausteine rein empirischer Sätze oder rein psychologischer Aussagen; wir erkennen dies unmittelbar, wenn wir sie durch Einsetzen der dritten Person in echte empirische Aussagen umformen.

Wenn ich etwas sehe, heißt dies nicht, ich hätte visuelle Bilder im Kopf; denn auch diese müßte ich ja wiederum sehen.

Was ich sehe, ist nicht nur dies und das, sondern die Welt in ihrer Bedeutsamkeit für mein Leben.

Du kannst mich durch den Hinweis korrigieren, daß es bei dem Baum dort, den ich für eine Tanne halte, in Wahrheit um eine Fichte handelt. Doch gleichsam eine kopernikanische Wende in der Weise zu erfahren, in der ich die Welt sehe, dazu bedürfte es größerer Korrekturen und Erschütterungen.

„Hans hat fünf Bernsteine in der Hosentasche.“ – „Er hat einen Freund.“ – „Peters Fahrradhelm ist blau.“ – „Peter ist Hansens Freund.“ – Auch in den kleinen Wörtern haben und sein lauern die tückischsten logisch-semantischen Fallstricke.

Wenn Peter Hansens Bernsteine stibitzt, ist er die längste Zeit sein Freund gewesen. – Die Bernsteine haben nicht ganz freiwillig ihren Besitzer gewechselt, die Freundschaft zwischen Peter und Hans ist zerbrochen.

Wir sprechen von Bernsteinen als von Sachen, Dingen, Objekten, dagegen von der im Sinne Goethes sittlichen Wirklichkeit der Freundschaft, die sich in keinem Einzelding darstellt, in keiner Sache inkarniert. Diese Wirklichkeit, in der wir leben und weben, läßt sich beschreiben, doch nicht wie die Anzahl, die Farbe, der Ort von Bernsteinen. Zu ihr gehören das Lächeln Peters, wenn Hans ihm seine Bernsteine schenkt, und die sittliche Natur von Konventionen und Ritualen wie das Schenken sowie moralische Gefühle wie Hansens Empörung und Wut angesichts des Verrats und der Hinterhältigkeit des untreuen Freundes, aber auch Peters schlechtes Gewissen, aufgrund dessen er seinem ehemaligen Freund tunlichst aus dem Wege geht.

Zur Freundschaft wie zur Liebe (aber auch vice versa ihren Widerparten Feindschaft und Gegnerschaft) gehören die mit ihnen verknüpften sozialen Gepflogenheiten wie das Geschenk, die Hilfeleistung, das gemeinsame Fest sowie die sie umhüllenden und tragenden Emotionen und moralisch getönten Gefühle wie Freude und Trauer, Dankbarkeit und Verzicht, Hoffnung und Zweifel, Zuneigung und Mißtrauen.

Die Freude über das Geschenk des Freundes und die Trauer und die Verzweiflung aufgrund des Zerbrechens der Freundschaft sind von anderer Natur als die Freude des Kinds, wenn sich die Mutter über die Wiege beugt, und seine Verzweiflung, wenn es nachts hungrig aufwacht und ihre Nähe vermißt.

Wenn wir gefragt werden, was wir mit „Bernsteinen“ meinen, können wir auf die Sammlung in der Vitrine oder eine Abbildung zeigen; wenn Peter nach der Bedeutung des Wortes „Freund“ gefragt wird, kommen wir semantisch nicht von der Stelle, wenn er auf Hans zeigt.

Peter könnte beschreiben, wie er sich im Umgang und in Bezug auf Hans verhält; daß er ihn als ersten zum Geburtstag einlädt, ihm Ansichtskarten aus dem Urlaub schickt, ihm sein Fahrrad ausleiht, in seiner Abwesenheit seine Katze hütet, ihn bei verbalen oder tätlichen Attacken schützt und verteidigt, für ihn einkaufen geht und das Essen zubereitet, wenn er krank darniederliegt.

So könnten wir einem, der seine Bedeutung nicht kennt, das Wort „Freundschaft“ erklären; nicht aber die Bedeutung des Wortes „Bernsteine“, wenn wir beschreiben, was wir mit ihnen machen: sie ihrer Farbenpracht wegen sammeln und gerne anschauen, sie gegen andere eintauschen, die wir lieber haben wollen, sie durchbohren und auf Fäden stecken, um die Kette einer Freundin zu schenken.

Wenn wir über längere Zeit Gedichte einiger bedeutender Dichter gelesen haben, kommen wir allmählich oder in einer plötzlichen Intuition dahin zu verstehen, was wir mit „Dichtung“ meinen. Doch fänden wir keine Definition dessen, was ein Gedicht ausmacht, mit der wir einem, der noch nie eines gelesen oder gehört hat, die Bedeutung des Worts mit einem Schlag verständlich machen könnten; sodaß er, trifft er demnächst zufällig auf ein Gedicht, sagen könnte: „Aha, das ist ja ein Gedicht“, wie einer, dem man die Regel zur Bestimmung einer Primzahl beigebracht hat, für jede ihm vorgelegte natürliche Zahl zwischen 1 und 100 angeben könnte, ob sie eine Primzahl ist oder nicht.

Wenn Peter und Hans einander als Freunde betrachten, sind sie es; denn bei einem reziproken Verhältnis genügt der Anspruch eines einzelnen nicht. Doch wenn Hans und Martha sich als verheiratet betrachten, sind sie es keineswegs, es sei denn ihre Ansicht ruht auf einem institutionellen Pfeiler und Dokument wie einem Ehekontrakt. Die Ehe ist rechtlich kodifiziert und kann im Gegensatz zu Freundschaft oder Liebe definiert werden.

Wir können nicht sagen, daß ein Eimer Wasser enthält, wenn er nicht H2O enthält; dagegen können wir von Peter sagen, er sei mit Hans befreundet, auch wenn er nicht besonders verläßlich ist, denn Verläßlichkeit ist keine notwendige Eigenschaft dessen, was wir Freundschaft nennen, und wir pflegen auch mit unsicheren Kandidaten befreundet zu sein.

Es gibt keine endliche Reihe von notwendigen Eigenschaften, sodaß wir, wenn eine fehlt, nicht mehr von Freundschaft (von Liebe oder einem Gedicht) sprechen könnten.

Wenn Peter das Verhalten von Hans schmerzt, können wir davon ausgehen, daß er ihn als seinen Freund betrachtet, anders als wenn ihm sein Verhalten gleichgültig wäre.

Der physische Schmerz und das physische Schmerzverhalten geben uns kein adäquates Modell für das, was wir als den seelischen Schmerz und die von ihm ausgelösten Reaktionen ansehen; wir verbrennen uns die Hand am Feuer und der Schmerz läßt sie uns unwillkürlich zurückziehen. Wir erfahren eine seelische Verletzung in einer Freundschaft oder Liebesbeziehung; doch der Schmerz bleibt zunächst unterhalb der Schwelle des Bewußtseins und tritt erst nach und nach zutage; wir ziehen uns nicht unwillkürlich von dem Freund oder der Geliebten zurück, sondern drängen uns im Gegenteil wie hilflos oder in Panik in ihre Nähe.

In den Sätzen „Hans hat Schmerzen“, „Peter hat viele Bernsteine“ und „Hans hat einen Freund“ gehorcht der Gebrauch von „haben“ ganz unterschiedlichen grammatischen Funktionen. – Dasselbe gilt in den Sätzen „Hans ist Peters Freund“, „Die Bernsteine sind in der Vitrine“ und „Wasser ist H2O“ für den Gebrauch von „sein“.

„Hans hat Schmerzen“ heißt nicht weniger als „Hans empfindet Schmerzen“; Schmerzen zu empfinden bedeutet aber nicht, mentale Objekte im Bewußtsein wie Bernsteine in der Tasche zu haben.

Hans könnte fünf Bernsteine in der Tasche haben, doch glauben, es seien sechs; dagegen könnte Hans nicht glauben, keine Schmerzen zu haben, wenn er welche hat, oder größere, als er wirklich empfindet.

Aussagen, deren Negation zu bilden nicht sinnwidrig ist, nennen wir empirisch, wie den Satz „In diesem Glas befindet sich Wasser“, wenn es in Wahrheit Whisky enthält. Der Satz „Hans empfindet Schmerzen“ ist insofern empirisch nur, als wir ihn auf eine faktische Ursache wie eine Verletzung und Verwundung beziehen können. Aber der Satz ist insofern nicht empirisch, als wir nicht annehmen können, Hans könnte auch etwas anderes empfinden, beispielsweise Freude, wie das Glas etwas anderes als Wasser enthalten könnte.

Die Semantik und logische Grammatik der Sätze, die sich auf das subjektive Erleben beziehen, sind von anderer Art als die Semantik und logische Grammatik empirischer Aussagen, die sich auf das Vorliegen oder Nichtvorliegen von empirischen oder psychologischen Tatsachen beziehen.

Sätze wie „Peter denkt an seinen Freund Hans“ oder „Hans erinnert sich an seinen Freund Peter“ beschreiben keine Tatsachen derart, daß Peter und Hans das Vorstellungsbild ihres Freundes vor Augen haben, Vorstellungsbilder, von denen nicht klar ist, ob man sich nicht in ihnen täuschen oder an welchem Kriterium man ihre Angemessenheit und Ähnlichkeit mit der realen Person beurteilen könnten.

Wenn ich mir den Garten meiner Kindheit als mit Kirschbäumen bestanden vorstelle, in dem in Wahrheit nur Apfelbäume wuchsen, unterliege ich einem Irrtum und erinnere mich nicht an jenen Garten. Wenn ich indes an den Garten meiner Kindheit denke, auch wenn ich nicht mehr weiß, ob Kirschbäume oder Apfelbäume darin standen, erinnere ich mich an ihn.

Sätze über subjektives Erleben wie Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen sind keine epistemische Aussagen; sich an etwas zu erinnern glauben heißt, sich zu erinnern.

Man ist sich einer Empfindung, eines Gefühls, einer Erinnerung mehr oder weniger intensiv bewußt; aber etwas zu empfinden, zu fühlen, sich an etwas zu erinnern sind keine Formen des Wissens. Wir können jemanden, der seiner Schmerzempfindung Ausdruck gibt, nicht fragen, ob er sich seiner Empfindung auch gewiß oder sicher ist; wie jemand, der zu wissen glaubt, daß dieser Becher Wasser enthält, eines besseren belehrt werden kann, wenn es sich in Wahrheit um Whisky handelt.

Was wir subjektives Leben, Bewußtsein, Ich und Selbst nennen, sind keine epistemischen Zustände oder Formen des Wissens; es sind, könnten wir sagen, etwas wie Tönungen, Modulationen, rhythmische Ein- und Ausfaltungen des individuellen Lebens.

Gedichte geben uns im besten Falle Möglichkeiten, neue, ungeahnte, überraschende oder erschreckende Tönungen, Modulationen und Rhythmisierungen des eigenen subjektiven Erlebens zu erfahren. Uns kann sich anhand von Gedichten eine uns bisher unbekannte oder unzugängliche Weltsicht eröffnen, wir können uns an ihnen gleichsam schluck- und probeweise an einem anderen Selbst- und Lebensgefühl delektieren.

Freundschaften wachsen und zerfallen, Gefühle blühen auf und verdorren, Erinnerungen erstrahlen in frischen Farben und verblassen – das subjektive Leben gleicht einem Garten, der mit neuen Beeten bestellt und kultiviert, der vernachlässigt werden und verwildern kann. Es gleicht einer Landschaft, in der unsichtbare Quellen sprudeln und versiegen, über die dunkle Wetter ziehen, ein geisterhafter Mond aufgeht, ein Gewimmel weißer Flocken alle Sicht ins Blaue nimmt und der Schnee die Konturen der Dinge und die Stimmen des Lebens unter einem weichen, fast immateriellen Tuch begräbt und erstickt.

 

Jun 29 20

Charles Baudelaire, Les Hiboux

Sous les ifs noirs qui les abritent
Les hiboux se tiennent rangés,
Ainsi que des dieux étrangers,
Dardant leur œil rouge. Ils méditent.

Sans remuer ils se tiendront
Jusqu’à l’heure mélancolique
Où, poussant le soleil oblique,
Les ténèbres s’établiront.

Leur attitude au sage enseigne
Qu’il faut en ce monde qu’il craigne
Le tumulte et le mouvement ;

L’homme ivre d’une ombre qui passe
Porte toujours le châtiment
D’avoir voulu changer de place.

 

Die Eulen

Auf der Eibe dunklen Zinnen
hocken Eulen dicht an dicht,
seltsamer Götter Angesicht,
stierend roten Augs. Sie sinnen.

Starre hält sie eng geschmiegt
bis zur Stunde sanfter Qualen,
da verlöschen schräge Strahlen
und die Dunkelheit obsiegt.

Ihre Haltung lehrt den Weisen,
dieser Welt sollst du nicht preisen
Aufruhr, wirres Hin und Her.

Die sich am Schattenspiel berauschen,
trifft die Strafe immer schwer,
wollten ihren Platz sie tauschen.

 

Jun 29 20

Niemand tritt ins Bild

Bleiches Linnen
Schnee
über Wurmes Schlaf.

Weißer Knebel
im ausgeseufzten Mund
der Nacht.

Fleckiger Gips,
starre Mumie
Schmerz.

Ein Knirschen dann,
doch niemand
tritt ins Bild.

Ausgerupfter Flaum,
der Mond
schwebt fahl herab.

Und Flocken wieder,
Odem
grauen Stäubens.

Kristalle ritzen
in der Birke Lende
Traum.

Ein roter Tropfen,
Sonne,
rollt ins Tal.

Ein Rieseln dann,
doch niemand
kommt und trinkt.

 

Jun 28 20

Charles Baudelaire, L’Invitation au Voyage

Mon enfant, ma sœur,
Songe à la douceur
D’aller là-bas vivre ensemble !
Aimer à loisir,
Aimer et mourir
Au pays qui te ressemble !
Les soleils mouillés
De ces ciels brouillés
Pour mon esprit ont les charmes
Si mystérieux
De tes traîtres yeux,
Brillant à travers leurs larmes.

Là, tout n’est qu’ordre et beauté,
Luxe, calme et volupté.

Des meubles luisants,
Polis par les ans,
Décoreraient notre chambre ;
Les plus rares fleurs
Mêlant leurs odeurs
Aux vagues senteurs de l’ambre,
Les riches plafonds,
Les miroirs profonds,
La splendeur orientale,
Tout y parlerait
À l’âme en secret
Sa douce langue natale.

Là, tout n’est qu’ordre et beauté,
Luxe, calme et volupté.

Vois sur ces canaux
Dormir ces vaisseaux
Dont l’humeur est vagabonde ;
C’est pour assouvir
Ton moindre désir
Qu’ils viennent du bout du monde.
— Les soleils couchants
Revêtent les champs,
Les canaux, la ville entière,
D’hyacinthe et d’or ;
Le monde s’endort
Dans une chaude lumière.

Là, tout n’est qu’ordre et beauté,
Luxe, calme et volupté.

 

Einladung zur Reise

Kind du, Schwester mein,
laß die süßen Träume ein,
wie die ferne Heimat wir erreichen.
Zu lieben ohne Not,
zu lieben bis zum Tod,
in Ländern, die dir gleichen.
Die naß glitzern, Sonnen,
an Himmeln, Nebelbronnen,
schenken meinem Geist Entzücken,
Dunkel, das nicht tagt,
wie dein Aug, das alles sagt,
wenn auch Tränen es entrücken.

Dort ist alles Ebenmaß in schönem Fluß,
Luxus, Stille, schwelgender Genuß.

Möbel, die klaren,
blank von den Jahren,
würden unser Zimmer schmücken.
Blüten von exotischem Strauch,
die ihren Hauch
mit Wolken Ambers verquicken,
der Decken feine Riefen,
der Spiegel trunkne Tiefen,
die Pracht aus fernem Osten,
all dies wär geheim
der Seele süß ein Reim
von heimatlichem Klang zu kosten.

Dort ist alles Ebenmaß in schönem Fluß,
Luxus, Stille, schwelgender Genuß.

Sieh, wie dort im Hafen
weiße Schiffe schlafen,
schweifen bloß ist ihr Gelüste.
Um dir zu erfüllen
Herzens kleinsten Willen,
kommen sie von fernster Küste.
Die Sonnen, die verscheiden,
sie streuen auf den Weiden,
den Flüssen, allen Wänden
Hyazinthen, Goldes Schein.
Die Welt schläft ein
in Lichtes warmen Händen.

Dort ist alles Ebenmaß in schönem Fluß,
Luxus, Stille, schwelgender Genuß.

 

Jun 28 20

Théophile de Viau, À Chloris

S’il est vrai, Chloris, que tu m’aimes,
Mais j’entends, que tu m’aimes bien,
Je ne crois point que les rois mêmes
Aient un bonheur pareil au mien.

Que la mort serait importune
De venir changer ma fortune
A la félicité des cieux!

Tout ce qu’on dit de l’ambroisie
Ne touche point ma fantaisie
Au prix des grâces de tes yeux.

 

An Chloris

Ist es wahr, Chloris, du liebst mich,
und ich hör, du liebst mich sehr,
ist des Königs Glück, das weiß ich,
nur ein Bach, mein Glück ein Meer.

Mit dem Tod mag ich nicht handeln,
würd mein Glück er auch verwandeln
in des Himmels Seligkeit.

Was sie von Ambrosia schwärmen,
kann das Herz mir nicht erwärmen,
macht dein Auge Sanftmut weit.

 

Vertonung von Reynaldo Hahn:
https://www.youtube.com/watch?v=2UyKVFM-eLY

 

Jun 27 20

Charles Baudelaire, Le Balcon

Mère des souvenirs, maîtresse des maîtresses,
Ô toi, tous mes plaisirs ! ô toi, tous mes devoirs !
Tu te rappelleras la beauté des caresses,
La douceur du foyer et le charme des soirs,
Mère des souvenirs, maîtresse des maîtresses !

Les soirs illuminés par l’ardeur du charbon,
Et les soirs au balcon, voilés de vapeurs roses.
Que ton sein m’était doux ! que ton cœur m’était bon !
Nous avons dit souvent d’impérissables choses
Les soirs illuminés par l’ardeur du charbon.

Que les soleils sont beaux dans les chaudes soirées !
Que l’espace est profond ! que le cœur est puissant !
En me penchant vers toi, reine des adorées,
Je croyais respirer le parfum de ton sang.
Que les soleils sont beaux dans les chaudes soirées !

La nuit s’épaississait ainsi qu’une cloison,
Et mes yeux dans le noir devinaient tes prunelles,
Et je buvais ton souffle, ô douceur, ô poison !
Et tes pieds s’endormaient dans mes mains fraternelles.
La nuit s’épaississait ainsi qu’une cloison.

Je sais l’art d’évoquer les minutes heureuses,
Et revis mon passé blotti dans tes genoux.
Car à quoi bon chercher tes beautés langoureuses
Ailleurs qu’en ton cher corps et qu’en ton cœur si doux ?
Je sais l’art d’évoquer les minutes heureuses !

Ces serments, ces parfums, ces baisers infinis,
Renaîtront-ils d’un gouffre interdit à nos sondes,
Comme montent au ciel les soleils rajeunis
Après s’être lavés au fond des mers profondes ?
— Ô serments ! ô parfums ! ô baisers infinis !

 

Der Balkon

Süßer Bilder Schoß, du höchste aller Minnen,
o du, all meine Lust, o du, all mein Gebot!
Auf der Zärten Schönheit magst du dich besinnen,
des Herdes sanfte Flamme, das holde Abendrot,
süßer Bilder Schoß, du höchste aller Minnen!

Abende hell vom Flackerschein der Ofenglut,
Abende auf dem Balkon in rosiger Schleier Wallen.
Deine Brust, wie mir so sanft, dein Herz, wie gut!
Wir sprachen oft von Dingen, die nicht ins Dunkel fallen,
an Abenden hell vom Flackerschein der Ofenglut.

Wie Sonnen an lauen Abenden schöner untergehen!
Der Raum, wie er sich weitet, das Herz, wie pulst es wild!
Wenn ich mich zu dir neigte, Königin der Feen,
schien mein Atem vom Dufte deines Bluts erfüllt.
Wie Sonnen an lauen Abenden schöner untergehen!

Die Nacht ward undurchdringlich wie eine Nebelbank,
ich spähte ins Dunkel, ob deine Augen Funken spenden,
ich schlürfte deinen Atem, o süßer, o giftiger Trank!
Deine Füße entschliefen bei Brüdern, meinen Händen.
Die Nacht ward undurchdringlich wie eine Nebelbank.

Ich kann dem Fluß der Zeit Glückseligkeit einhauchen,
geschmiegt auf deine Kniee sink ich in ins Paradies.
Wo anders denn in deine schmachtende Schönheit tauchen
als in deines Leibes Blüte, dein Herz so süß?
Ich kann dem Fluß der Zeit Glückseligkeit einhauchen.

Diese Schwüre, Düfte, Küsse ohne Zahl,
sind aus Tiefen sie geboren, die unsren Sonden wehren,
wie Sonnen zum Himmel steigen in verzücktem Strahl
nach einem Verjüngungsbad im Grund von tiefen Meeren?
O ihr Schwüre, ihr Düfte, o Küsse ohne Zahl!

 

Jun 26 20

Der beschuhte Mensch

Trug Adam im Garten Eden schon Sandalen,
die nackte Eva Stiefelchen und Pumps?
Ist Adam abends in flauschige Pantoffeln geschlüpft,
lackierte Eva ihre Zehennägel?

Beschuhter Mensch, wie gehst du unerlöst,
wie unerfühlt bleibt dir der Erde Teppich,
des Grases Tau, der Zuspruch weicher Moose
durchs trockne Leder seelenloser Sohlen.

Mit Stiefeln kann den Matsch, der Furche Blut,
die Asche der Verwüstung der Soldat
fühllos durchwaten, kein Kristall der Gipfel,
kein Wüstenstachel sticht den Bannerträger.

Wie weit willst, Heimatloser, du noch stapfen
mit Füßen, die nur Dumpfes tasten, Scheintote
im glänzenden Schrein gewichsten Schuhwerks,
das blinde Hände schnüren, müde wieder lösen?

Du übertrumpfst das Horn der wilden Tiere,
die Klauen und die Ballen, die doch fühlen
ein Sanftes in der Spur der Todesnacht,
und gehen stets vom Schoß zum Schoße heim.

Du aber fliehst, weißt nicht wie sie wohin,
entschwebst ins Blau des Abgrunds, Sohn des Hermes,
als wären deine Schuhe Flügel, doch kein
Olymp glänzt dir, soweit du schweifen magst.

Wirst nimmer du die grünen Schwellen Edens
mit nackten Füßen überschreiten, der Wahrheit
gewiegteste Halme zärtlich streifen, die Schwielen,
die Wunden im Tau von weichen Veilchen kühlen?

Wirst nackt geboren du im Schreckensschrei
verstummt im Stöhnen vor verhängtem Kreuz
der stygischen Ufer Dornicht am Knöchel spüren,
wirst du ein tauber Schatten ewig sein?

 

Jun 25 20

Charles Baudelaire, Hymne à la Beauté

Viens-tu du ciel profond ou sors-tu de l’abîme,
O Beauté ? Ton regard, infernal et divin,
Verse confusément le bienfait et le crime,
Et l’on peut pour cela te comparer au vin.

Tu contiens dans ton œil le couchant et l’aurore ;
Tu répands des parfums comme un soir orageux ;
Tes baisers sont un philtre et ta bouche une amphore
Qui font le héros lâche et l’enfant courageux.

Sors-tu du gouffre noir ou descends-tu des astres ?
Le Destin charmé suit tes jupons comme un chien ;
Tu sèmes au hasard la joie et les désastres,
Et tu gouvernes tout et ne réponds de rien.

Tu marches sur des morts, Beauté, dont tu te moques,
De tes bijoux l’Horreur n’est pas le moins charmant,
Et le Meurtre, parmi tes plus chères breloques,
Sur ton ventre orgueilleux danse amoureusement.

L’éphémère ébloui vole vers toi, chandelle,
Crépite, flambe et dit : Bénissons ce flambeau !
L’amoureux pantelant incliné sur sa belle
A l’air d’un moribond caressant son tombeau.

Que tu viennes du ciel ou de l’enfer, qu’importe,
O Beauté ! monstre énorme, effrayant, ingénu !
Si ton œil, ton souris, ton pied, m’ouvrent la porte
D’un Infini que j’aime et n’ai jamais connu ?

De Satan ou de Dieu, qu’importe ? Ange ou Sirène,
Qu’importe, si tu rends, — fée aux yeux de velours,
Rythme, parfum, lueur, ô mon unique reine ! —
L’univers moins hideux et les instants moins lourds ?

 

Hymnus an die Schönheit

Sinkst, Schönheit, du aus blauen Auen, bist du gequollen
aus Abgrunds Dunkel? Von höllischem wie von göttlichem Sein
vermischt dein Blick das gute und das böse Wollen,
und deshalb läßt du dich vergleichen mit dem Wein.

Deine Augen sind des Dämmers und des Frühlichts Tore,
du wölkest Düfte schwer wie abends Gewitterglut,
dein Kuß ist Zaubertrunk und deines Munds Amphore
flößt Helden Schlaffheit ein, dem Kinde Heldenmut.

Kriechst du aus dunklem Schlund, wallst aus der Sternenhöhe?
Das Schicksal schnappt ein Hund behext nach deinem Kleid.
Mit blinder Hand streust Samen du von Lust und Wehe
du ziehst am Gängelband, wer stürzt, tut dir nicht leid.

Du wandelst, Schönheit, ihrer spottend über Leichen,
an deiner Kette ist das Grauen der Rubin,
der Mord, der Bänder schimmerndstes um deine Weichen,
tanzt über deinen stolzen Leib verliebt dahin.

In dich, die Kerze, stürzt der Falter sich geblendet,
zischt, brennt und spricht: Gepriesen sei der Flamme Trost!
Wer stöhnend über seiner Schönen Hauch verschwendet,
ist wie ein Totgeweihter, der sein Grabmal kost.

Gleich, ob du kommst vom lichten oder finsteren Orte,
o Schönheit, Monstrum, mächtig, schrecklich, elementar,
schließt nur dein Blick, dein Lächeln, dein Fuß mir auf die Pforte
zum Grenzenlosen, dem ersehnten, wo ich nie war.

Von Satan oder Gott, ob Engel, ob Sirene,
machst du nur, Märchenfee mit Augen voll samtenem Glast,
Rhythmus, Duft und Licht, an deren Thron ich lehne,
minder häßlich die Welt und leichter der Stunden Last.

 

Jun 24 20

Du lösest dich wie Flaum

Du lösest dich wie Flaum
von einem zarten Grase,
du bist der Tropfensaum,
bauscht sich des Schauers Gaze.

Dir will des Lebens Glut
nicht löschen unter Tränen,
tauch in die grüne Flut
des Schlafs mit stillen Schwänen.

Schmerzt dich im Morgenrot
die Flamme einer Rose,
warte, bis des Mondes Boot
dich trägt ins Blütenlose.

Du rinnst herab wie Tau
von Ginsters weicher Lippe,
du stürzt ins tiefe Blau
von deines Herzens Klippe.

 

Jun 24 20

Federn schwirren

Federn schwirren aus den Laubengängen,
Blüten schauern, atmen kaum.
Mondes Schattenherde auf den Hängen,
matter Glanz am grauen Saum.

Aus den Tiefen dringt ein leises Quellen,
von den Höhen rinnt es blau.
Sind es Wasser, die auf Auen schwellen,
wird der Schmerz der Erde Tau?

Gehen wir auf Frührots sanften Pfaden
zu des Himmels goldnem Strand.
Wollen wir das Herz in Seufzern baden,
lösen ihm des Harmes Band?

 

Jun 23 20

Lieder und Schreie

Worte, aufgetischt zum Mahl, die stinken,
Leichen, von Gewürm durchzuckt,
Worte, die ins Grab der Hoffnung sinken,
Jauche, aus Wahnes Spalt gespuckt.

Worte, die vorm Tode nicht versagen,
Wundenlicht der Kreuzesnacht,
Worte, die zum Schnee der Gipfel tragen,
Flügel aus Hauch und Traum gemacht.

Schreie aus verzerrten Mündern stoßen
sanfte Herzen in die Nacht,
Schreie überm Karst, dem blumenlosen,
Gaukler, der satanisch lacht.

Lieder, süßes Strömen reiner Quellen,
Gnadenlicht für dunkle Pein,
Lieder, die hohen Lebens Fest erhellen,
Kelche gefüllt mit edlem Wein.

 

Jun 22 20

Charles Baudelaire, La Géante

Du temps que la Nature en sa verve puissante
Concevait chaque jour des enfants monstrueux,
J’eusse aimé vivre auprès d’une jeune géante,
Comme aux pieds d’une reine un chat voluptueux.

J’eusse aimé voir son corps fleurir avec son âme
Et grandir librement dans ses terribles jeux ;
Deviner si son cœur couve une sombre flamme
Aux humides brouillards qui nagent dans ses yeux ;

Parcourir à loisir ses magnifiques formes ;
Ramper sur le versant de ses genoux énormes,
Et parfois en été, quand les soleils malsains,

Lasse, la font s’étendre à travers la campagne,
Dormir nonchalamment à l’ombre de ses seins,
Comme un hameau paisible au pied d’une montagne.

 

 

Die Riesin

Zu Zeiten, da Natur nach schwungvollen Entwürfen
warf Tag für Tag der Erde neue Monster hin,
hätt doch bei einer jungen Riesin ich leben dürfen,
eine lüsterne Katze zu Füßen einer Königin.

Welche Lust, des Leibes Blust zu schauen und der Seele,
wie in grausamen Spielen er sich herrisch bäumt,
zu ahnen, wie ihr Herz von dunklen Flammen schwele
aus feuchtem Nebel, der in ihren Augen schäumt.

Müßig in ihren üppigen Formen zu mäandern,
zum Gipfelausblick ihrer ragenden Knie zu wandern,
bisweilen, wenn das Gift der Sonne im August

sie träge niedersinken ließe unter Hecken,
ohne Sorge zu schlummern im Schatten ihrer Brust,
wie am Fuße eines Bergs ein stiller Flecken.

 

Hinweise zur Interpretation:

Gewiß, Baudelaire war das poetische Genie des 19. Jahrhunderts, und selbst die Größten, die nach ihm kamen, Verlaine, Mallarmé, George, nährten ihre dichterische Substanz mit dem Schimmern und geisterhaften Funkeln, das auf den schwarzen Wassern seiner Verse zurückblieb.

Der Zwerg, dem der von einem Riesen aufgewirbelte Staub die Sicht nimmt, sollte ihm nicht indigniert nachhusten, er muß eben warten, bis sich die Wolke des Naturwunders verzogen hat.

Der Beckmesser, der mechanisch den Leisten schlagend die metrischen Lücken im Lied des Meisters glaubt enthüllen zu können, gleicht dem Ingenieur einer elektronischen Nachtigall, der ihren Gesang dem der echten vorzieht, weil sie auf Tastendruck zwitschert und aus dem Käfig seiner Mache nicht wegfliegen kann.

Mag man am minder gelungenen Gelegenheitswerk des Meisters Kritik üben, doch nur unter Entblößung wundgescheuerter Knie.

Das Sonett La Géante aus den Fleurs du Mal ist trotz der gewohnten Geschliffenheit der sprachlichen Form und der Reinheit der rhythmischen Gestalt ein schwaches, ja cum grano salis ein mißlungenes Gedicht; alles duftet, klingt, flackert wie ein echter Baudelaire, Motive wie die Dämonisierung des weiblichen Geschlechts, die Verwandlung des Dichters in den Wiedergänger eines archaischen Daseins, das vom Elementargeist durchbraust mit üppigen Formen strotzt, die gelassen lächelnde Verklärung der Wildheit, die sich in keiner Education sentimentale à la Rousseau bleiche Wangen geholt hat – und doch mutet es wie eine schief aufgesetzte Maske des Dichters an, eine bravourös absolvierte Imitation seiner selbst.

Reime wie monstrueux und voluptueux, âme und flamme, formes und énormes wirken hier sei es zudringlich und pseudo-suggestiv sei es abgenutzt und verblichen; sie haben den Hautgout des einst in ferner Jugend Beschworenen und nun doch Faden, das wie mit durchschnittenen Sehnen durchhängt, als habe ein müder Baudelaire im eigenen Auftrag routiniert baudelairisiert.

Die Crux aber ist der Schiffbruch der geistigen Form, der mißliche Umstand, daß der Spannungsbogen fehlt, die Brücke, die das Sonett zwischen den Quartetten und Terzetten über den Abgrund einer Frage, eines Rätsels, ja einer Wunde schlägt, Gewölbe, das oft von einem dunklen Ufer sich aufschwingt, um auf dem gegenüber schwebenden Pfeiler aus Licht oder der Klarheit einer bündigen Sentenz aufzuruhen.

Wir erkennen dieses Manko an der grammatischen Struktur; denn die gesamte Aussage, der schwere Zopf des zweiten Quartettes und der beiden Terzette hängt an einem einzigen dünnen Haken, wird von einer einzigen schwachen Klammer zusammengehalten: J’eusse aimé, einer aufgrund des Irrealis schwachbrüstigen und dünnblütigen Aussage, an der alle folgenden Infinitive (voir, parcourir, ramper, dormir) hilflos baumeln. Entscheidend ist indes, daß die Infinitive ohne jedes Staunen, jede Beklemmung, jedes Innehalten in die Terzette hinübergleiten, zerlaufen, versanden.

Daß Baudelaire vom Bild und Antlitz der Frau und Geliebten das leichenhafte Make-up der gelangweilten höheren Tochter mit heftigen, wütenden, obsessiven Gesten weggewischt hat, daß er der stummen Kleinbürgertugend das wilde Stöhnen der Mänade entgegenhielt, dem Kichern der bezopften Mädchen den Wahnsinnsschrei der Lady Macbeth, der staksigen und anämischen Anmut auf Stöckelschuhen die einzig von Titanenlippen erweckbare Nacht des Michelangelo – nun, wohlan!

Aber der Dichter, der unterm Niemands-Mond schlaflos irrende Fremdling, der über den Wahrsage-Quell in den Wäldern des Wahns gebeugte Verfemte und Heimatlose: ein lüsternes, verspieltes Kätzchen zu Füßen einer Riesin, auf deren üppigen Rundungen er herumkraxelt, ein Voyeur geistloser Fleischberge, ein Tagtraum-Tourist überseeischer Idyllen mit Hochglanz-Prospekten unterm Kissen, die mit barbusigen schokoladenbraunen Tänzerinnen vor saftigen Palmwedeln locken, ein Gnom der Lüsternheit, der auf die Klippen der mächtigen Knie einer Gigantin kriecht, um in welchen Abgrund zu starren? Wie, der Schatten einer albtraumhaften Erdmutterbrust als erlösendes Sedativum, auf daß der müde Dichter endlich sorglos dösen mag?

Nein, das ist eine Prise Baudelaire zuviel, etliche schwülstige Tränen mehr, die den Wein des Einsamen verpantschen, eine Phantasmagorie des Ennui, ein Pfühl mit dem ausgerupften Flaum eines abgeschossenen Schwans, ein pralles Kissen, gestopft mit des Albatros Federn.

 

Jun 22 20

Charles Baudelaire, L’Ennemi

Ma jeunesse ne fut qu’un ténébreux orage,
Traversé çà et là par de brillants soleils ;
Le tonnerre et la pluie ont fait un tel ravage,
Qu’il reste en mon jardin bien peu de fruits vermeils.

Voilà que j’ai touché l’automne des idées,
Et qu’il faut employer la pelle et les râteaux
Pour rassembler à neuf les terres inondées,
Où l’eau creuse des trous grands comme des tombeaux.

Et qui sait si les fleurs nouvelles que je rêve
Trouveront dans ce sol lavé comme une grève
Le mystique aliment qui ferait leur vigueur ?

— Ô douleur ! ô douleur ! Le Temps mange la vie,
Et l’obscur Ennemi qui nous ronge le cœur
Du sang que nous perdons croît et se fortifie !

 

Der Feind

Was war die Jugend mehr als ein Gewittergrauen,
das da und dort durchzuckte ferner Sonnen Glast,
Donner und Regen hat das Rankenband durchhauen,
in meinem Garten ist der Goldlack fast verblaßt.

Nun also kann den Herbst des Geistes ich erfühlen,
nun ist es Zeit, mit Schaufel und Harke ruhelos
der überschwemmten Erde Humus aufzuwühlen,
wo schon das Wasser Trichter höhlt, wie Gräber groß.

Wer aber weiß, ob meiner Träume neue Blumen
auf diesem Erdreich, ein Sand von ausgewaschnen Krumen,
die mystische Nahrung finden, auf daß ihr Antlitz ragt?

O Schmerz, o Schmerz! Die Zeit, sie frißt des Lebens Mark,
und der finstere Feind, der uns am Herzen nagt,
am Blut, das wir verlieren, wächst er und wird stark!

 

Jun 21 20

Charles Baudelaire, Le Mauvais Moine

Les cloîtres anciens sur les grandes murailles
Étalaient en tableaux la sainte Vérité,
Dont l’effet, réchauffant les pieuses entrailles,
Tempérait la froideur de leur austérité.

En ces temps où du Christ florissaient les semailles,
Plus d’un illustre moine, aujourd’hui peu cité,
Prenant pour atelier le champ des funérailles,
Glorifiait la Mort avec simplicité.

— Mon âme est un tombeau que, mauvais cénobite,
Depuis l’éternité je parcours et j’habite ;
Rien n’embellit les murs de ce cloître odieux.

Ô moine fainéant ! quand saurai-je donc faire
Du spectacle vivant de ma triste misère
Le travail de mes mains et l’amour de mes yeux ?

 

Mönch ohne Segen

In alten Klöstern leuchtete an hohen Mauern
der heiligen Offenbarung schönes Wunderbild,
die frommen Herzen tränkte es mit süßen Schauern,
der Frost der strengen Übung wurde an ihm mild.

In jenen Zeiten, da des Heilands Samen Blüten brachten,
hat manch berühmter Mönch, der heut vergessen ganz,
den Totenanger erkoren zu seinem ernsten Trachten
und kränzte des Todes Ruhm mit einem schlichten Kranz.

Ein Grab ist meine Seele, wo Mönch ich ohne Segen
seit Ewigkeiten hausend irr auf dunklen Wegen.
Nichts, was den Mauern des häßlichen Klosters Glanz verleiht.

O fauler Mönch, wann endlich führt mich weise Lehre
aus dem Begaffen meiner traurigen Misere
zu eigner Hände Werk, der Liebe Blick geweiht?

 

Hinweise zur Interpretation:

Das Sonett zeigt wie die meisten Sonette der Fleurs du Mal die erhabene, gravitätische und strenge Tönung und Formung durch den regelhaften Gebrauch des Alexandriners, der vor allem in sentenziös herausgehobenen Versen wie den Schlußversen mittels der Zäsur nach der dritten Hebung die Woge des Gedankens vertiefend teilt und gleichsam scheitelt.

Wie in allen klassischen Dichtungen unterscheiden wir den die Atmosphäre beherrschenden Grundton, die von ihm gefärbten Bilder und Metaphern und den vom Metrum getragenen Rhythmus. Der Ton quillt gleichsam aus dem seelischen Abgrund wie ein fernes Echo, ein Weck-, Jubel- oder Freudenruf, ein Klage- oder Entsetzensschrei; der Ton ist dasjenige am Gedicht, was seiner Gestalt, Sprache und Bild, vorausgeht, er ist das am wenigsten Gemachte, sondern ein gleichsam von den fernen Ufern des Traums vernommener Widerhall.

Wir gehen davon aus, daß der Grundton des Sonetts aus der Resonanz von âme und tombeau, Seele und Grab, wie aus einem schon halb verschütteten Brunnen hervorgequollen ist. Mit diesem Grundton der Klage ist zugleich das wesentliche dichterische Bild der Seele als Grab assoziiert. Es sei darauf hingewiesen, daß die solcherart Sprache gewordene Klage unmittelbar nach der Zäsur des Sonetts, dem Beginn des ersten Terzetts, einsetzt, das der Dichter mit einem langen Gedankenstrich zu markieren pflegt. Die Binnenzäsur in der Versmitte des Alexandriners hat gleichsam ihr Spiegelbild in der strophischen Zäsur zwischen den Quartetten und Terzetten.

In der metaphysischen Tradition des platonisch geprägten Christentums war der Körper das Grab der Seele, dies kehrt Baudelaire um: Nun ward die Seele selbst zum Grab. – Nach den mystischen Lehren der christlichen Askese vermag die sich vor der Welt verschließende und sich ins Schweigen einmauernde Seele mit sich selbst in Kontakt zu gelangen, ihre unversehrte adamitische Gestalt zu gewahren, in einer durch Meditation und Gebet gesteigerten und vergeistigten Stille in die reine Quintessenz ihrer selbst zu tauchen – freilich nicht ohne den Influxus oder den Einstrom des göttlichen Segens, der gleichsam durch die Ritzen der Mauern dringt.

Ein Zeichen der Heilsnähe, die im Gedicht durch die Blüten aus den Samen Christi beschworen wird, sind die an den Klostermauern dargestellten Bilder der göttlichen Weisheit, Wahrheit und Offenbarung, bei denen wir an östliche Ikonen oder die Fresken eines Giotto denken können.

Wenn von den Bildern des Heils gesagt wird, sie erwärmten das Innere und milderten den Frost der strengen Askese, sollten wir keineswegs an eine ästhetische Wirkung denken, wie sie das auf uns gekommene geistlich entwurzelte Kunstverständnis einzig als angenehme schöngeistige Zerstreuung kennt; jene Wärme und diese Milde entstammen der heiligen Flamme der Offenbarung, wenn auch in künstlerisch temperierter und gedämpfter Form.

Wenn Baudelaire die geistvolle Atmosphäre der Klöster des alten Frankreich, la douce France, heraufruft, so als Dichter mit dem Wissen um die Greuel und Schändungen der Kirchen, Kathedralen, Klöster, der Denkmäler, Bildnisse und Ikonen durch den Terror der Französischen Revolution.

Das religiöse Bildnis war wie die hymnische Dichtung eine Form, in der die Kirche den Geist der Antike ins Abendland gerettet hat; keine heilige Liturgie, kein monodischer und polyphoner Gesang, kein romanischer und gotischer Dom, kein Giotto und Michelangelo, kein Dante und Petrarca, kein Racine und Pascal ohne diese rettende Arche über der Sintflut des untergehenden römischen Reiches.

Die alte Weisheit war mit dem Tod als der Schwelle zu höherem Leben versöhnt; daher der Mönch, dessen Werkstatt der Totenanger, dessen Werk der Ruhm auf das Vergehen der irdischen Welt. – Wir könnten in die Leere, den gleichsam aussetzenden Herzschlag zwischen den Quartetten und den Terzetten, den heils- und unheilsgeschichtlichen Ort des Schreckens und der Unterbrechung des Gnadenstroms vermuten, des Stroms aus der Quelle eines von den Barbaren des zivilisatorischen Fortschritts zum grauen Paradies von Gleichheit, Monotonie und Langeweile verwüsteten Hortus conclusus.

Der faule, entartete, enterbte Mönch, der Mönch ohne Segen, das ist der moderne Dichter, wie ihn uns Baudelaire verkörpert; immer noch Mönch, also berufen und einem wenn auch ungewissen Heil sich überliefernd, doch innerlich wie tot und abgestorben, trockener Zunge, tauben Herzens.

Worin, fragen wir, zeigt sich der seelische Zustand des inneren Abgestorben- und Welkseins, das gespenstische Dasein, Schatten ohne eucharistisch von Feuer und Wasser des Lebens erfüllt, der zwischen kahlen bilderlosen Mauern herumirrt? Im Taedium vitae, dem Ennui, Langeweile, Sinnleere und Überdruß, dem Grundton und Grundmotiv der Fleurs du Mal. Nichts langweiliger, sinnloser, widerwärtiger als dem öden Schauspiel des eigenen Elends als gefesselter Zuschauer beizuwohnen.

Welches Wissen, welche Weisheit ruft der Dichter an, die ihn in die Werkstatt rufen, zum Werk der eigenen Hände, um ein Bild, das Bild des Gedichts, zu bilden, das die Grabkammer der Seele mit einem überirdischen Licht erfüllt, auf dem die Augen liebend verweilen? – Dem alten Mönchtum erhob sich dieser klagende, bittende Ruf zur Feuerquelle des Heiligen Geistes, Dante schimmerte im Auge der Geliebten die überirdische Sonne, im Wort der Überlieferung duftete die Rose des Paradieses. – Baudelaire indes, gewahrte er diese Sonne, diesen Duft im Dämmer und Zwielicht unter dem trostlosen Mond seiner künstlichen Paradiese?

Seltsam, das Sonett sieht den Gnadenstrom versiegen und kniet gleichsam am schlammigen, austrocknenden Bett des Unheils nieder; es lechzt nach dem süßen belebenden Tropfen, doch dieser schillert zweideutig zwischen der Tat des Werks und dem Zuspruch der Liebe.

Und seltsamer noch, der Grund der Klage, die aus dem Ennui wie fauler, verderblicher Dunst aufsteigende Leere, ist zugleich aufgehoben und erfüllt von der reinen transparenten Luft des Werks, mit dem eben dieses Gedicht unseren Atem erfrischt.

 

Jun 20 20

Fragen, wehende Zweige

Im milchigen Dunst schwirrt es wie ein Fleck
auf dem Schnee eines Lakens ohne Ränder.
Ist es ein Mückenschwarm und der Wind verweht
sein Surren, ist es das Seufzen eines Verirrten?

Hinter der Mauer mit den zerbrochenen grünen
Scherben tönt manche Nacht wie Raunen, Glucksen.
Ist es der Erde dunkles Quellen unterm Schlaf
von Moosen, ist es eines Einsamen Schluchzen?

Unter wehenden Zweigen erweckt des Mondes
Tränenschimmer ein Zittern zarten Blaus.
Sind es vom Kuß der Sonne angeschwollene
Beeren, sindʼs feuchte Wangen müder Veilchen?

 

Jun 19 20

Charles Baudelaire, La Muse venale

Ô Muse de mon cœur, amante des palais,
Auras-tu, quand Janvier lâchera ses Borées,
Durant les noirs ennuis des neigeuses soirées,
Un tison pour chauffer tes deux pieds violets ?

Ranimeras-tu donc tes épaules marbrées
Aux nocturnes rayons qui percent les volets ?
Sentant ta bourse à sec autant que ton palais,
Récolteras-tu l’or des voûtes azurées ?

Il te faut, pour gagner ton pain de chaque soir,
Comme un enfant de chœur, jouer de l’encensoir,
Chanter des Te Deum auxquels tu ne crois guère,

Ou, saltimbanque à jeun, étaler tes appas
Et ton rire trempé de pleurs qu’on ne voit pas,
Pour faire épanouir la rate du vulgaire.

 

Die Muse auf dem Markt

O Muse meines Herzens, du liebst feudale Pracht,
doch läßt der Jänner seinen Stürmen freie Hand
und dunkelt abends Trübsal auf verschneitem Land,
wo wird deinem vereisten Fuß ein Herd entfacht?

Behaucht dir deiner Schultern kalten Marmor hold
der Strahl der Nacht, der durch die Fensterläden schwebt?
Wenn der Beutel gähnt, die Zunge am Gaumen klebt,
mähst du von azurnen Feldern Sternengold?

Daß abends dir ein Brot ragt überm Tellerrand,
mußt du Weihrauch schwenken wie ein Ministrant,
Te Deum singen, bleibt dein Sinn ihm auch verschlossen,

mußt hungrig tänzelnd du entblößen deine Brust,
dein Lächeln, feucht von Tränen, keinem je bewußt,
damit des Pöbels gemeine Triebe üppig sprossen.

 

Jun 19 20

Charles Baudelaire, Le Chat

Viens, mon beau chat, sur mon cœur amoureux ;
Retiens les griffes de ta patte,
Et laisse-moi plonger dans tes beaux yeux,
Mêlés de métal et d’agate.

Lorsque mes doigts caressent à loisir
Ta tête et ton dos élastique,
Et que ma main s’enivre du plaisir
De palper ton corps électrique,

Je vois ma femme en esprit. Son regard,
Comme le tien, aimable bête,
Profond et froid, coupe et fend comme un dard,

Et, des pieds jusques à la tête,
Un air subtil, un dangereux parfum,
Nagent autour de son corps brun.

 

Die Katze

Schöne Katze, an mein Herz komm, das ganz dein,
in deine Pfoten steck die Krallen,
laß tauchen mich in deine schönen Augen ein,
Gesprenkel von Quarzen und Metallen.

Da meine Finger zärtlich ohne Hast
ums Haupt dir fahren, den weichen Rücken
und meine Hand die Lust erfaßt,
in den Schauern deines Leibs zu zücken,

erscheint mir meines Weibes Bild. Der Augen Spiel,
ganz wie deins, Geschöpf der sanften Blitze,
abgründig-kühl, sticht, schnellt den Pfeil ins Ziel,

und vom Scheitel bis zur Zehenspitze
ein feiner Hauch, Duftwolke, die betäubt,
hat ihren braunen Leib umstäubt.

 

Jun 18 20

Charles Baudelaire, Le Guignon

Pour soulever un poids si lourd,
Sisyphe, il faudrait ton courage !
Bien qu’on ait du cœur à l’ouvrage,
L’Art est long et le Temps est court.

Loin des sépultures célèbres,
Vers un cimetière isolé,
Mon cœur, comme un tambour voilé,
Va battant des marches funèbres.

Maint joyau dort enseveli
Dans les ténèbres et l’oubli,
Bien loin des pioches et des sondes ;

Mainte fleur épanche à regret
Son parfum doux comme un secret
Dans les solitudes profondes.

 

Das Mißgeschick

Zu heben solch ein schweres Scheit,
Sisyphus, wo ist dein Wille,
drängt zum Werk auch Geistes Fülle,
die Kunst ist lang und kurz die Zeit.

Fern von marmorner Grüfte Schneise
zum abgelegnen finstern Hag
trägt wie gedämpfter Trommelschlag
mein Herz die dumpfe Totenweise.

Manches Kleinod ruht im Schacht,
in gedächtnisloser Nacht,
fern von gieriger Hände Wühlen.

Manche Blume strömt voll Harm
süßen Dufts verborgnen Charme
in Abgründe, die nichts fühlen.

 

Jun 18 20

Charles Baudelaire, La Beauté

Je suis belle, ô mortels ! comme un rêve de pierre,
Et mon sein, où chacun s’est meurtri tour à tour,
Est fait pour inspirer au poëte un amour
Éternel et muet ainsi que la matière.

Je trône dans l’azur comme un sphinx incompris ;
J’unis un cœur de neige à la blancheur des cygnes ;
Je hais le mouvement qui déplace les lignes ;
Et jamais je ne pleure et jamais je ne ris.

Les poëtes, devant mes grandes attitudes,
Que j’ai l’air d’emprunter aux plus fiers monuments,
Consumeront leurs jours en d’austères études ;

Car j’ai, pour fasciner ces dociles amants,
De purs miroirs qui font toutes choses plus belles :
Mes yeux, mes larges yeux aux clartés éternelles !

 

Die Schönheit

Schön bin ich, o Sterbliche, ein Traum in Stein gehauen,
meine Brust, vor der noch jeder sich Wunden schlug,
lieh Dichtern aller Zeit den Schwung zum Liebesflug,
ewig bin ich, stumm wie der dunklen Mutter Grauen.

Ich throne in der Bläue wie eine Sphinx im Rätselgrund.
Mein Herz aus Schnee schlägt unter schwanentrunkener Helle,
ich hasse Schaumgebilde auf erregter Welle,
ich schmelze nicht in Tränen, kein Lachen zerrt am Mund.

Die Dichter, die in meinen hehren Gesten lesen,
ich schaute sie mir ab von stolzer Torsen Glanz,
verzehren ihren Tag im Schauer der Askesen.

Mir sind, um diese zahmen Schwärmer zu bannen ganz,
reine Spiegel, worin sich selbst Häßliche gefallen:
meine Augen, Augen aus himmlischen Kristallen.

 

Jun 17 20

Charles Baudelaire, La Muse malade

Ma pauvre Muse, hélas ! qu’as-tu donc ce matin ?
Tes yeux creux sont peuplés de visions nocturnes,
Et je vois tour à tour s’étaler sur ton teint
La folie et l’horreur, froides et taciturnes.

Le succube verdâtre et le rose lutin
T’ont-ils versé la peur et l’amour de leurs urnes ?
Le cauchemar, d’un poing despotique et mutin,
T’a-t-il noyée au fond d’un fabuleux Minturnes ?

Je voudrais qu’exhalant l’odeur de la santé
Ton sein de pensers forts fût toujours fréquenté,
Et que ton sang chrétien coulât à flots rhythmiques,

Comme les sons nombreux des syllabes antiques,
Où règnent tour à tour le père des chansons,
Phœbus, et le grand Pan, le seigneur des moissons.

 

Die kranke Muse

Arme Muse, was geht dir in der Frühe durch den Sinn?
In deinen Augenhöhlen feiern Nachtmahre Feste,
auf deinem Angesichte kriechen Schatten hin,
der Wahnsinn und das Grauen, eisig-stumme Gäste.

Der schilfig-grüne Alb, die Fee im Rosenhain,
gossen sie dir Angst und Liebe hin aus Vasen?
Hat ein Angsttraum mit Fäusten, herrisch und gemein,
dich hingestreckt auf einer Sage wüsten Rasen?

Ach möchte deine Brust des Odems Heilkraft heben,
Gedanken hohen Muts sie immerdar durchbeben,
dein Christenblut durch strenge Rhythmen schießen,

wie volle Klänge in antiken Maßen fließen,
wenn Leier und Flöte wechseln der Vater des Päan,
Phöbus, und der Herr der Ernten, der große Pan.

 

Jun 17 20

Charles Baudelaire, Le Flambeau vivant

Ils marchent devant moi, ces Yeux pleins de lumières,
Qu’un Ange très savant a sans doute aimantés;
Ils marchent, ces divins frères qui sont mes frères,
Secouant dans mes yeux leurs feux diamantés.

Me sauvant de tout piège et de tout péché grave,
Ils conduisent mes pas dans la route du Beau;
Ils sont mes serviteurs et je suis leur esclave;
Tout mon être obéit à ce vivant flambeau.

Charmants Yeux, vous brillez de la clarté mystique
Qu’ont les cierges brûlant en plein jour; le soleil
Rougit, mais n’éteint pas leur flamme fantastique;

Ils célèbrent la Mort, vous chantez le Réveil;
Vous marchez en chantant le réveil de mon âme,
Astres dont nul soleil ne peut flétrir la flamme!

 

Die lebende Fackel

Sie schreiten mir voran, die Augen glutentbrannt,
ein weiser Engel hat sie magisch angehaucht,
sie schreiten, Brüder, meine Brüder, gottgesandt,
in ihr demantnes Glühen ist mein Blick getaucht.

Sie lösen mich von jedem Band und Makel los,
geleiten mich den Pfad, der mich zur Schönheit bringt,
meine Diener sind sie, ich ihr Sklave bloß,
ich knie, wenn über mir die lebende Fackel schwingt.

Augen voller Liebreiz, ihr sprüht ein Wunderlicht,
Kerzen am hellen Tag, und wenn im Purpur schied
die Sonne, verlischt die märchenhafte Flamme nicht.

Sie feiern den Tod, ihr aber singt das Morgenlied,
ihr kommt und singt, die Seele wieder mir zu wecken,
Sterne, keine Sonne kann eure Flamme schrecken!

 

Jun 16 20

Charles Baudelaire, Ciel Brouillé

On dirait ton regard d’une vapeur couvert ;
Ton œil mystérieux (est-il bleu, gris ou vert ?)
Alternativement tendre, rêveur, cruel
Réfléchit l’indolence et la pâleur du ciel.

Tu rappelles ces jours blancs, tièdes et voilés,
Qui font se fondre en pleurs les cœurs ensorcelés,
Quand, agités d’un mal inconnu qui les tord,
Les nerfs trop éveillés raillent l’esprit qui dort.

Tu ressembles parfois à ces beaux horizons
Qu’allument les soleils des brumeuses saisons…
Comme tu resplendis, paysage mouillé
Qu’enflamment les rayons tombant d’un ciel brouillé !

Ô femme dangereuse, ô séduisants climats !
Adorerai-je aussi ta neige et vos frimas,
Et saurai-je tirer de l’implacable hiver
Des plaisirs plus aigus que la glace et le fer ?

 

Himmel hinter Nebel

Mir ist, als ob dein Blick aus Dunst und Nebel schien,
dein geheimnisvolles Auge (blau, grau oder grün?),
zärtlich, träumerisch, grausam zum andern Mal,
der Trägheit Spiegel und eines Himmels fahl.

Tage weckst du auf, hell, laulich und verhüllt,
da bestrickt das Herz in Tränen niederquillt,
und von unbekanntem Übel, das sie beißt,
überwache Nerven höhnen dem schlafenden Geist.

Manchmal bist du den schönen Horizonten gleich,
entzündet von Sonnen aus herbstlichem Nebelreich …
Wie ein Glanz von Wiesen bist du, regenfeuchten,
wo vom trüben Himmel fallend Flammen leuchten.

O Weib voll Fährnis, o Wetter, die zum Abgrund ziehen!
Werde ich in deinem Schnee und Reif noch knien,
im unerbittlichen Winter bahnen mir noch Schneisen
zu Wonnen, schärfer als der Frost, das Eisen?

 

Jun 15 20

Mond, der aufgeht über Eden

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Verse, kraftvoll und geschmeidig, athletisch und anmutig, geistreich und blutvoll: Sie sind nicht zu fett, aufgeblasen und verschwitzt, daß sich das Seil des Verses durchböge oder risse, aber auch nicht zu luftig oder wässrig, daß sie der Wind der Laune wie ein Flöckchen, einen Tropfen hinabwehte. Weil sie Mark und Fleisch, Mark des Geistes und Fleisch der Leidenschaft, haben, nennen wir sie klassisch.

Sophokles und Horaz, Shakespeare und Goethe, Baudelaire und George schrieben solche Verse; insofern ist der klassische Vers zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Merkmal zur Auszeichnung von Epochen der Dichtkunst als klassisch.

„Wer Rasse sagt, dekuvriert sich als Rassist.“ – Hier herrscht dieselbe strenge Logik wie in dem Satz: „Wer Bier! ruft, ist schon betrunken!“ Oder: „Wer von den Abgründen der menschlichen Natur spricht, stellt eine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar.“ Oder: „Wer Bach und Mozart höher schätzt als Rockmusik und Jazz, ist ein weißer Kulturfaschist.“ Oder: „Weil Hitler die Sonne für das Zentralgestirn ansah, ist Kopernikus widerlegt.“

Weil der Schnauzbart um die Existenz von Rassen wußte, soll, darf, kann es keine geben.

In der Tat, die Tilgung gewisser Begriffe aus dem Gedächtnis und dem Lexikon, köpft die Sachverhalte, denen sie einmal mittels geregelter Verwendung Leben eingehaucht haben. Streicht eine Gruppe den Begriff der Ehe, lösen sich alle von ihm konstituierten Regeln, Bräuche und Institutionen auf; sie können fröhlich herumhuren, ohne Ehebruch zu begehen.

Doch vom Ochsen erwarten, er gebe morgen Milch, wenn man ihn hinfort Kuh nennt, ist ein Grenzfall von Idiotie.

Die Wortgläubigkeit und Wortklauberei beginnen die Bibelfrömmigkeit und Hermeneutik alter Zeiten in den Schatten zu stellen.

Was im Buch der Rechtgläubigen ob Koran oder Grundgesetz nicht steht, kann es nicht geben.

Wer Schlitzauge sagt, scheint die asiatische Rasse aufs Korn nehmen oder herabsetzen zu wollen. Wer dicke Lippe sagt, den Schwarzen, wer Nase, den Juden. Diese Wendungen gehorchen dem rhetorischen Gesetz der Metonymie, wonach ein Merkmal einer Ganzheit herausgegriffen wird, um diese zu vertreten wie Segel für Schiff, Kopf für den Träger desselben, Zunge für Sprache, Welle für Meer, Wasser für Leben, Haus für Heimat.

Der metonymische Ausdruck Kraut, womit der Engländer den Germanen ins primitive Dasein zurückschickt, oder Bleichgesicht, womit die indianische Rothaut den weißen Trapper ins Visier nimmt, bezeugen nicht nur die Abwehr des Fremden mittels satirischer Überspitzung, sondern auch die Kraft der das charakteristische Merkmal auslesenden sprachlichen Wahrnehmung.

Wer mit dem schiefen Turm seiner steilen Nase die dunstige Luft seines Lebens schneidet und die Häme seiner Mitwelt auf sich zieht, hat eine andere Seele, als wer mit dem Stupsnäschen in seinem Engelsgesicht die Umwelt entzückt.

Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Physiologie eines Volkes, die natürlich eine Funktion genetischer Varianz ist, und der von ihm hervorgebrachten kulturellen Werte und Werke, die wie ein mehr oder weniger edles Reis auf dem alten Stamm seiner Physis aufgepfropft werden.

Das Auge ist gewiß ein nach genetisch codiertem Plan aufgebautes Organ, doch die Augen der indogermanischen Völker, die in der Frühzeit in den ägäischen Raum einwanderten, sahen offenkundig anders und anderes als das Auge der Ureinwohner Australiens und Neuguineas. Das bezeugen ihre Kunstwerke von der archaischen Plastik über die Vasenmalerei bis zu den Tempelsäulen.

Schwul war gestern ein Schimpfwort, heute ein Ehrentitel.

Négritude war einmal die hymnische Umkehrung des in Verruf geratenen Wortes Niggertum.

Was sie nicht herstellen, herumschubsen und manipulieren können, geht ihnen durch ihre schmutzigen Lappen.

Das Unbewußte der Zivilisation ist eine bösartige Geschwulst, ihre Metastasen fressen sich in die Gesichter, die Träume, die Worte.

Der Penis als modisches Anhängsel. – Aber nicht der schwarze.

Heute müßten die Fleurs du Mal wegen ihres Kultes der Mulattin und des schwülen Charmes schwarzer Hüften jener Art von Zensur anheimfallen, die einst an ihrer Darstellung der lesbischen Liebe Anstoß nahm.

Nicht nur die Werke Kants, der anthropologisch nüchtern von der biologischen und ethischen Verschiedenheit der menschlichen Rassen handelte, auch die des Aristoteles werden von den Regalen der Bibliotheken gerissen, hat er doch sich zu der himmelschreienden Ansicht bekannt, daß gewisse Individuen von Natur aus Sklaven und knechtischer Gesinnung seien.

Wenn der Leib, die Motorik, die Physiognomie, das Gedächtnis die Ausdrucksform der Seele darstellen, kann die Psychologie des Japaners nicht die des Afrikaners, das Seelenlebens des tropischen Insulaners nicht das des nomadischen Eskimos sein.

Die Werke Baudelaires gehören auf den Scheiterhaufen, enthalten sie doch anstößige Passagen wie jene, es gebe nur drei würdige Repräsentanten der Menschheit, den Dichter, den Priester und den Soldaten, denn sie verkörperten den Sinn des Lobpreises, des Segens und des Opfers, dem Rest gebühre die Peitsche.

Wir werden den Teufel tun und uns zur Vergötzung wulstig aufgequollener Negerlippen hinreißen lassen.

Unser Schönheitsideal ist abendländisch-hesperisch, wir denken an Beatrice und Laura, Lotte und Mignon, an die Blütenkörbe des Adonis, die glänzende Muschel der Aphrodite, die Veilchen des Eros; wir denken an die Engel Giottos und die rosenwangigen rheinischen Madonnen, an Arme und Brüste weiß wie Schnee, an milchübergossene Lenden, an den goldenen Schimmer von Locken, an Blicke, deren tiefes Blau uns in die Abgründe des Azurs taucht.

Unser Schönheitsideal ist sublim, geistig und apollinisch-hell wie die Lilien der Madonna, die Lilien der Bourbonen.

Der schöne Leib unseres Traums glänzt nicht im Schweiß der tropischen Sonne, seine ätherische Kühle flammt und blitzt wie der köstliche Schnee des Fujiyama, des heiligen Bergs.

Unser Schönheitsideal ist mädchenzart und knabenfrisch, wir denken an das geheimnisvoll-süße Lächeln der archaischen Epheben, an die veilchenlockigen Schönen in Sapphos Reigen, an den Speerträger und die Wagenlenker von Olympia, der Kränze eines Pindar würdig; wir denken an den Frühling Botticellis, an das Gnadenlächeln, das aus dem Hortus conclusus strömt, an die Hingabe und den Tränen ahnenden Blick des Johannes in den Plastiken vom Bodensee; wir denken an den göttlichen Knaben Maximin in Georges Buch Der Siebente Ring.

Wir werden den Teufel tun und die seligen Melodien eines Mozart dem Triebgeschnarre des Neger-Jazz opfern.

Alles Sublime, Großgeartete, Außerordentliche ist dem Untergang geweiht, wenn der ominöse Drang der weißen Eliten zur Vermischung und Homogenisierung der Rassen, Kulturen und Sprachen, zur Verpantschung des edlen Weins der Tradition in der tristen Orgie olivfarbener Leiber und aschgrauer Seelen mündet.

Der unterschwellig brodelnde Haß und das den Blick der Seele trübende Ressentiment nähren sich aus dem vergifteten emotionalen Grundwasser der Zivilisation.

Nur der Stumpfsinnige entwickelt keine Mordlust gegen den Nachbarn, mit dem er Käfig an Käfig eingepfercht in Wohnsilos zwischen Motorenlärm und dem penetranten Gestank des ins Fenster wehenden Geschwätzes vegetieren muß. – Vor allem wenn dieser Gestank die Herkunft aus dem Kauderwelsch unreiner Zungen und dem morastigen Geschlinge ungeläuterter Hirne verrät.

Nicht über die Eruptionen der Gewalt muß man sich verwundern, sondern über die langen Phasen unheimlicher Stille.

Geduld, mütterliche Hingabe, väterliche Sorge, das Warten-Können der elterlichen Liebe auf die Reifung, die sich an den ersten Schritten, am ersten Wort, an der ersten freien Handlung des Kindes kundtut – dies sind auch die ethischen Haltungen, die zur Meisterschaft in Kunst und Dichtung führen.

Das Echte am dichterischen Meisterwerk rührt nicht von der Mache, sondern der frommen Hut des Samens, den Eros in die Furche des Traums gesenkt.

Doch mag der Same trotz liebevoller Pflege und gärtnerischer Kultur kaum entsprossen eine duftlose Scheinblüte hervorbringen, die rasch dahinwelkt.

Der Intellektuelle, der Idiot der Zivilisation, betet die Mache und alles Gemachte an, der Herzschlag des sich erneuernden Bluts, der natürliche Rhythmus von Vers und musikalischem Gedanken, ist ihm unter den dicken feuchten Fetzen gedruckten Geschwätzes und von Lügen durchnäßten Bandagen aus Zeitungspapier unhörbar geworden.

Wir gewahren die höchste Reife der Kunst an der Verschmelzung von Tun und Leiden, Machen und Wachsen, am Bilden des entgegenblickenden Bilds, wie an der antiken Tempelsäule, die urtümlich ein gerodeter Baumstamm noch in den sublimen Verfeinerungen der ironischen und korinthischen Ordnung am stilisierten Laub des Akanthus von ihrer Herkunft kündet: dem Wald, ursprünglicher Ort der Kulte, Weihungen und nächtlichen Ekstasen.

Wo die Säulen noch als Allegorien heiliger Bäume die Architektur und die Aura öffentlicher Räume prägen, wie im preußischen Staat, finden wir schöne Erinnerungen an die Wahrheit der Antike.

Die Säule verlangt den Marmor, in dessen Maserung die Kraft der Erde pulst, in Beton gegossen wirkt sie leblos und stumpf.

Im Wurzelgrund des zur überirdischen Sonne strebenden klassischen Verses rauscht ein dunkles Wasser, in den Tropfen des Reims spiegelt sich ein geheimnisvolles Licht, Mond, der aufgeht über Eden.

 

Jun 15 20

Charles Baudelaire, Élévation

Au-dessus des étangs, au-dessus des vallées,
Des montagnes, des bois, des nuages, des mers,
Par delà le soleil, par delà les éthers,
Par delà les confins des sphères étoilées,

Mon esprit, tu te meus avec agilité,
Et, comme un bon nageur qui se pâme dans l’onde,
Tu sillonnes gaiement l’immensité profonde
Avec une indicible et mâle volupté.

Envole-toi bien loin de ces miasmes morbides;
Va te purifier dans l’air supérieur,
Et bois, comme une pure et divine liqueur,
Le feu clair qui remplit les espaces limpides.

Derrière les ennuis et les vastes chagrins
Qui chargent de leur poids l’existence brumeuse,
Heureux celui qui peut d’une aile vigoureuse
S’élancer vers les champs lumineux et sereins;

Celui dont les pensers, comme des alouettes,
Vers les cieux le matin prennent un libre essor,
— Qui plane sur la vie, et comprend sans effort
Le langage des fleurs et des choses muettes!

 

Aufschwung

Über den Weihern, über den Schluchten,
Gebirgen und Wäldern, Wolken und Meeren,
jenseits von Sonne und blauenden Leeren,
jenseits der sternenschimmernden Buchten,

dort fliegst, mein Geist, du mit luftigem Fittich,
wie guten Schwimmers Lust am Schaum der Welle
überwindest du freudig des Unendlichen Schwelle,
unsagbar ist deine Wonne, ist männlich.

Steig hoch empor aus diesen Fäulnisschäumen,
Odem höchster Sphäre wasche dich rein,
trinke wie einen lichten göttlichen Wein
klaren Feuers Fülle in kristallenen Räumen.

Abseits von Lebensekel und tiefem Verdruß,
Bürde von Wesen, die im Nebel verzagen,
selig, wen seiner Flügel kraftvolles Schlagen
erhebt zu Licht-Gefilden und frohem Genuß,

wessen Denken sich wie der Lerchen Singen
des Morgens aufschwingt zur himmlischen Flur,
er schwebt über dem Leben und kennt von Natur
die Sprache von Blumen, von stummen Dingen.

 

Jun 15 20

Der tote Garten

Du tratest spät durchs schmale Tor
in meinen abgeblühten Garten,
wo ich den Sinn des Leids verlor
mit Duft und Blatt im kahlen Garten.

Du tauchtest deines Lächelns Licht
in meinen dämmernden Garten,
es blühte auf mir dein Gesicht
ein Lilienschein im dunklen Garten.

Dein Mund hat Mohnes Glut gehaucht
in meinen ausgeblichnen Garten,
dein weicher Leib ist eingetaucht
ein goldner Mond in meinen Garten.

Das Bild zerrinnt im Morgenrot,
entgeistert starrt mein öder Garten
des Sinnes bar, o läg ich tot
ein totes Blatt im toten Garten.

 

Jun 14 20

Schimmer auf dem Staube

Wie wollen durch die Gräser schweifen,
Frührots zarte Kelche klingen,
wir wollen Flaum von Träumen streifen,
bis der Sonne Flügel schwingen.

Wir gehen barfuß durch die feuchten
Gründe, wo die Moose ächzen,
der Veilchen treue Augen leuchten,
Tau und Licht stillt alles Lechzen.

Wir hocken auf den warmen Steinen,
kauen unsre Butterbrote,
zu reden gibt es nichts, zu meinen,
Falter ist des Wunders Bote.

Wenn Wolken Gold ins Blaue tauchen,
tropft schon Mondes Milch im Laube,
wie süß wir unser Glück verhauchen,
Traumes Schimmer auf dem Staube.

 

Jun 14 20

Wir gingen zu den alten Quellen

Wir gingen zu den alten Quellen,
zu fühlen, wie sie schwellen.
Umfängt, beglückt uns noch das Wehen,
der Erde dunkles Flehen?

Wir flohen aus den Nebelschwaden
auf roten Reben-Pfaden.
Tönt es aus tiefer Himmelsbläue,
daß sich der Traum erneue?

Wir sanken in bemooste Mulden,
umhaucht von Frührots Hulden.
Erhellen Schimmer unser Grauen,
wenn Aug in Aug wir schauen?

Wir standen vor den Ahnenmalen
und tränkten Blumenschalen.
Erwärmt das Blut sich noch an Lettern,
die müde wir entblättern?

 

Jun 13 20

Schatten auf den Höhen

Schatten auf den Höhen,
Schatten, die verwehen,
Glanz, er ging zur Neige,
schweige, Liebe, schweige.

Tau schreibt auf die Wiesen,
Mooses graue Fliesen
zarte Epitaphe,
schlafe, Liebe, schlafe.

Blüten immer blasser,
dunkler tönen Wasser
durch die leeren Räume,
träume, Liebe, träume.

 

Jun 13 20

Wir gingen ziellos unterm Schweige-Mond

Wir gingen ziellos unterm Schweige-Mond,
die helle Träne, wie einander zugeweint,
sie rann von Blatt zu Blatt, und süßer schimmernd
verlor sie sich im dunklen Moos der Nacht.

O sage nichts von Abschied und frage nicht,
warum die Blüten, die ins Frühlicht staunend
mit weichen Düften uns den Traum entlockten,
sich zagend vor der Dämmerung verschlossen.

Wir kamen zu dem Gartengitter, berankt
mit blinden Knospen, Schattenwuchs von Efeus
erstarrten Blättern, und hörten hinter Dornen
gebannter Wasser Aufschwung schluchzend münden.

O sage nichts von Wiederkehr, wir sind
nur einer kranken Erde blasses Träumen,
du fühlst ja, wenn die Küsse sich verhauchen,
wie leise, immer leiser pocht ihr Herz.

 

Jun 13 20

Alfred Lord Tennyson, All Things Will Die

Clearly the blue river chimes in its flowing
Under my eye;
Warmly and broadly the south winds are blowing
Over the sky.
One after another the white clouds are fleeting;
Every heart this May morning in joyance is beating
Full merrily;
Yet all things must die.
The stream will cease to flow;
The wind will cease to blow;
The clouds will cease to fleet;
The heart will cease to beat;
For all things must die.
All things must die.
Spring will come never more.
O, vanity!
Death waits at the door.
See! our friends are all forsaking
The wine and the merrymaking.
We are call’d–we must go.
Laid low, very low,
In the dark we must lie.
The merry glees are still;
The voice of the bird
Shall no more be heard,
Nor the wind on the hill.
O, misery!
Hark! death is calling
While I speak to ye,
The jaw is falling,
The red cheek paling,
The strong limbs failing;
Ice with the warm blood mixing;
The eyeballs fixing.
Nine times goes the passing bell:
Ye merry souls, farewell.
The old earth
Had a birth,
As all men know,
Long ago.
And the old earth must die.
So let the warm winds range,
And the blue wave beat the shore;
For even and morn
Ye will never see
Thro’ eternity.
All things were born.
Ye will come never more,
For all things must die.

 

Alles wird vergehen

Hell ertönen blauen Stromes Wellen,
ich kann sie sehen.
Wie warm und weit von Süden Winde schwellen
auf den Höhen.
Wolke um Wolke, weiße, die einander jagen,
an diesem Maienmorgen alle Herzen freudig schlagen,
dem Glück geweiht.
Doch alles muß vergehen.
Strom, er wird versiegen,
Wind, er muß erliegen,
Wolkenflug wird unterbrochen,
Herz hört auf zu pochen.
Denn alles muß vergehen.
Nie wieder Frühlingsflor.
O Nichtigkeit!
Tod steht vor dem Tor.
Unsre Freunde, sieh, den Rest
im Glas, vorbei das Fest.
Die Stunde schlug, wir müssen los.
Tief in der Erde Schoß
harrt unser dunkles Lehen.
Ermattet ist der Hymnen Flügel.
Was Nachtigall gesungen,
ist immerdar verklungen.
Kein Wind braust überm Hügel.
O tiefes Leid!
Horch, Tod, er ruft ins Grab,
mein Lied gibt euch Geleit,
der Kiefer sinkt herab,
der Wange Röte bleicht,
der Gliederbau erweicht.
Blutbahnen, sie gefrieren,
die Augen, wie sie stieren.
Neunmal tönt die Glocke hohl,
ihr frohen Seelen, lebet wohl.
Die alte Erde
vernahm ihr „Werde!“,
euch ward die Kunde,
vor Jahr und Aberstunde.
Auch die alte Erde muß vergehen.
So laßt die warmen Winde schweifen,
das Ufer blaue Woge queren.
Dämmerung und Frühlicht-Flur
wirst du nicht mehr sehen
in alle Ewigkeit.
Alles dies ist Kreatur.
Niemals wird sie wiederkehren,
denn alles muß vergehen.

 

Jun 12 20

Oscar Wilde, Taedium vitae

To stab my youth with desperate knives, to wear
This paltry age’s gaudy livery,
To let each base hand filch my treasury,
To mesh my soul within a woman’s hair,
And be mere Fortune’s lackeyed groom, – I swear
I love it not! these things are less to me
Than the thin foam that frets upon the sea,
Less than the thistledown of summer air
Which hath no seed: better to stand aloof
Far from these slanderous fools who mock my life
Knowing me not, better the lowliest roof
Fit for the meanest hind to sojourn in,
Than to go back to that hoarse cave of strife
Where my white soul first kissed the mouth of sin.

 

Meine Jugend mit Verzweiflungsdolchen niederfechten,
das grelle Kostüm dieser gemeinen Zeiten tragen,
wo schmutzige Hände meinen Schatz zu klauen wagen,
meine Seele in eines Weibes Locken flechten,
nichts als Fortunas Knecht, der ihren Speichel leckt,
nur dies nicht! Diese Dinge machen mir weniger her
als Schaumes fader Zierrat auf dem Meer,
weniger als Distelwolle, vom Sommerwind geneckt,
die nirgends keimt: Da wird mir abseits stehen teuer,
fern von gehässigen Toren, die mein Leben höhnen,
ohne mich zu kennen, besser eine schäbige Scheuer,
die einer armen Hirschkuh Zuflucht ist,
als in dies Loch zurück, wo rüde Stimmen dröhnen
und meine weiße Seele zuerst der Sünde Mund geküßt.

 

Jun 12 20

Wunde, sie spricht

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Raufbolde, die aufgrund charakterlich-natürlicher Gegensätze immer voll Argwohn und Mißgunst einander belauern und befehden, sich berserkerhaft ineinander verhaken, muß man trennen, sie nebeneinander die Schulbank drücken zu lassen deutet auf Dummheit oder Ideen moderner Pädagogik, also auf beides.

Separation, Segregation, Apartheid – nicht die Lösung rassischer, ethnisch-kultureller Konflikte (sie sind nicht lösbar), sondern ihre Vermeidung.

Sprachliche Schnitzer sind oft Symptome gedanklicher und logischer Insuffizienz. So verwechselt man die Konjunktionen „nachdem“ und „weil“, also ein temporales Verhältnis („Ihm wurde übel, nachdem er die Schweinshaxe heruntergeschlungen hatte“) mit einem kausalen („Ihm wurde übel, weil er die Schweinshaxe heruntergeschlungen hatte“). Doch die Angabe gleichzeitiger oder aufeinanderfolgender Phänomene und Ereignisse drückt eine Korrelation aus, anders die Angabe von Ursachen und Gründen. (Ihm könnte, nachdem er die Schweinshaxe heruntergeschlungen hatte, übel geworden sein, obwohl das üppige Mahl nicht die Ursache seines Unwohlseins war.)

Heute leisten sich Dozenten an Hochschulen und Universitäten Schnitzer, für die in Zeiten schwarzer Pädagogik Klein Fritz in die Ecke gestellt worden wäre, das Gesicht zur Wand. Jene aber verlieren deshalb nicht an Ansehen, geschweige denn die venia legendi, sondern werden zu Säulenheiligen des Zeitgeistes erhoben, wenn sie ihm nur schmeicheln („Wahrheit ist das Ergebnis herrschaftsfreier Diskurse“ oder „Es gibt keine natürlichen Rangunterschiede unter Menschen“).

Gewalttätige Exzesse und sexuelle Perversionen können in vielen Fällen als Ausdruck und Symptom metaphysischer Langeweile („Spleen“ bei Baudelaire) verstanden werden.

Spleen, Langeweile, taedium vitae und ihre zivilisatorische Spätzeit anzeigenden Symptome: Verödung, geistige Leere, Abgestumpftheit und ihre Zwillingsschwestern Nervosität und Erregtheit bei tiefer Müdigkeit und Niedergeschlagenheit, scheeläugige Neugier und masochistische Schaulust, Rede- und Schwatzsucht bei seelischer Erblindung und geistiger Stummheit, Umtriebigkeit und Ruhelosigkeit im raschem Wechsel von Wohnort, Reiseziel, Amüsierlokal bei vollständiger innerer Erlahmung und Erstarrung, obsessive Berauschungen gegen gemüthafte Dumpfheit und mentale Sklerose, Erotizismus und sportliche Nachäffung pornografischer Vorlagen, Jagd nach dem Orgasmus als Suizid von Liebe und Eros, organisierter Tourismus als Ichflucht, Kunstmarkt als Musenstrich, Kunstbetrieb als Metastase des Amüsierbetriebs, politisch-moralische Dauererregung als Religionsersatz.

Der Antisemitismus ist nicht Ursache, sondern Folge von Diskriminierung und Aussonderung, nämlich der Erwählung des biblischen Volkes zum ersten und bevorzugten Hörer von Gottes Wort.

Erwählung aber impliziert auch die Ausgesetztheit des Herzens in die Wüsten sternenloser Nacht.

Je mehr das göttliche Wort vom Rauschen der Maschinen und dem Gejohle des Amüsierbetriebs übertönt wird, desto lauter wird das intellektuelle Geschwätz von Menschenwürde und Humanität.

Je mehr die Flamme des Heiligen Geistes vom Feuer der Motoren und der Nervosität der künstlichen Beleuchtung überblendet wird, desto wilder wirbeln die Asche einer kalten Leidenschaft und der Staub der abstrakten Kunst.

Niemand ist weiter vom ödipalen Begehren der psychoanalytischen Lehre entfernt als der Ödipus des Sophokles. Nichts liegt weiter von der freudschen Kastration ab als die Blendung des tragisch Verblendeten, sie ist nicht Strafe, sondern tragische Tat, um mit dem Gott der Reinheit ins reine zu kommen.

Hölderlin sieht zurecht in der tragischen Tat wie der Selbstblendung des Ödipus oder dem Sturz des Empedokles die angestrebte Wiedervereinigung mit dem „aorgischen Grund“ oder dem göttlichen Pleroma.

In der Industrialisierung der Landwirtschaft wurde das Gesicht Demeters hinter dem Nebel der ausgebrachten Gifte unkenntlich, in der Esse der Hochöfen verlöschten die Funken des Hephaistos.

Die Heilsgaben Brot und Wein entwirklichen sich fast unwillkürlich zu bloßen Zeichen einer sich selber feiernden Gemeinschaft, wenn man am realen Brot die Fadheit der Fabrikware schmeckt und im realen Wein die Glut der dionysischen Macht, die noch im Hintergrund der christlichen Überlieferung lodert, längst in organisiertem Frohsinn verblaßt ist.

Die Idiotie des Zeitgeistes grinst einem in der Leugnung des natürlichen Unterschiedes der Geschlechter entgegen, also der Tatsache, daß es einen schicksalhaften Unterschied macht, ob sie mit einem Uterus und schwellenden Milchdrüsen ausgestattet und in der Lage ist, Kinder auszutragen, und er mit Hoden und Penis, und somit spermienklein hinter der Größe und Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt zurückbleibt.

Die natürliche mädchenhafte Anmut fällt der Blindheit des Zeitgeistes ebenso anheim wie die natürliche Wildheit, Abenteuerlust und Verstiegenheit des Knaben.

Das Nächstbeste wollen sie nicht leisten, sondern eifern, über es hinwegtretend, ins fahle Licht eines sie dem eigenen Dasein entfremdenden doktrinären Ideals.

Klug, redegewandt, smart, doch innerlich verödet.

Die Quelle, die uns die Wüste des Herzens bewässert, können wir nicht wie Landvermesser und findige Ökologen kartieren und ingenieurmäßig anzapfen.

Die heilige Quelle ist nicht nur ein Ursprung der seelischen Fruchtbarkeit, sondern als ein Wasser, das singt, Ursprung des dichterischen Weltumgangs.

Nach dem Mythos hat Pegasus, das geflügelte Pferd der Dichtung, den heiligen Quell der Poesie auf dem Gebirge Helikon mit seinem Hufschlag geweckt.

Wir finden das Bild der Offenbarung des göttlichen Sinns in allen Mythen über den Ursprung der Dichtung, so als Anhauch, Einflüsterung, Verwundung, Verbrennung oder eine andere Weise der Versehrung. Ähnliche Bilder enthalten die biblischen Berichte über die Berufung der Propheten wie des Moses, Elias oder Jesajas.

Wunde, sie spricht, Wunde, sie singt.

Es ist ein Symptom des spirituellen Verfalls und der verödenden Macht der Zivilisation, wenn sie den Dichter in die Kolonne der den Sekt der Selbstvergötzung schlürfenden Bohemiens einreiht (denn das Bitterkraut der Verwandlung mundet ihnen nicht), Entertainer, die der dumpfen Masse die Langeweile mit sentimentalen Versen oder rhythmischem Unzuchtschnalzen vertreiben sollen.

Die Sentimentaliserung der Poesie hüllt das banale Gefühl, das sich abgestumpfter Rohheit zu entschlagen wähnt, in ein mit rotem Samt ausgekleidetes Futteral, parfümiert mit Veilchenduft und Eau de Cologne.

Der sentimentale Dichter, der noch feinsinnig genug ist, um zu ahnen, daß er von der helikonischen Quelle durch unübersteigliche Mauern der Sinnleere abgeschnitten ist, kompensiert sein Mangelgefühl durch Ironie.

Biß der ironischen Desillusionierung in die obszön entblößte Brust der Muse.

Die Verödung des dichterischen Weltumgangs spiegelt sich in der verbissen oder routiniert betriebenen ingenieurhaften Kopie technischer Verfahren wie der Fragmentierung der Verse oder Klänge und ihrer Montage nach kalkulierten Mustern.

Manche suchen dem Stigma der Sentimentalität zu entrinnen, indem sie vor dem Wohlklang voller Reime zurückscheuend wie wurmstichige Früchte unreine ans Versende reihen.

Andere wähnen sich in erhabener Nähe zu den Dichtern, die ihre Formen nach antiken reimlosen Mustern und Strophen gebildet (oder suchen den Stachel der Ruhmsucht in ihre Adern senkend parasitär anzuschwellen), doch auf ihrem Acker strotzt das freudlose und staubige Unkraut der Beliebigkeit, wucherndes Chaos, das sie für den Ausweis einer außergewöhnlichen Fruchtbarkeit halten.

Und wirklich, wem, der barhaupt über die abgetretene Schwelle seines Könnens und Wollens unter ein Sternenwehen menschenferner Nacht träte, geschähe Anhauch, Bauschen des Haars, das ihn nicht eitel sich selbst tiefer und feiner spüren ließe, entrückter Chöre fern flüsterndes Funkeln, das ihm nicht die Bühne seiner Selbstinszenierung erhellte, Stimmen, die seine schattenhafte Gegenwart in das Meer blauer Versunkenheit tauchten?

 

Jun 10 20

Wie die Knospen einsam wogen

Wie die Knospen einsam wogen
unter fremden Monden
auf umschäumten Spuren,
Traumes schwanken Fluren.
Sturmwind riß sie los
vom gekränkten Mutterschoß.
Glänzen auch die Lippen –
wenn von schroffen Klippen
ungeheure Schatten schweben,
wie sie dann erbeben.
Wolke weint die bleichen
Tränen auf die weichen
Waisen ganz entrückter Gärten,
Frühlings Schmerzgefährten.
Was von Düften sie noch hüllen,
kann die Wehmut nimmer stillen,
muß das bißchen Traum ernähren,
Ödnis ihrem Tag zu wehren.
Wie sie durch die Nächte schaukeln,
wie sie äugen, ob im blauen Gaukeln
einmal noch die Freude webt,
einmal noch die Sonne hebt
Lächeln auf die blassen Wangen.
Doch auf wüsten Wassern
schwirren keine Bienen,
Taues Schoß zu dienen,
und kein Falter wird die Süße,
die sie unter zarter Blüte
bergen, jemals finden.
O ins Namenlose schwinden,
Abendröte auf den Fluten
ist ein stummes Bluten.
Nächtens wehen Flocken,
Blumenadern stocken,
wie sie bitter schmecken.
Laßt die Lider nun verdecken
unerfüllter Liebe Bild.
O ihr Knospen mild,
dunklen Schicksals lichte Sprossen,
Duft ist, Traum zerflossen.

 

Jun 10 20

Charles Baudelaire, L’Homme et la Mer

Homme libre, toujours tu chériras la mer
La mer est ton miroir ; tu contemples ton âme
Dans le déroulement infini de sa lame,
Et ton esprit n’est pas un gouffre moins amer.

Tu te plais à plonger au sein de ton image ;
Tu l’embrasses des yeux et des bras, et ton cœur
Se distrait quelquefois de sa propre rumeur
Au bruit de cette plainte indomptable et sauvage.

Vous êtes tous les deux ténébreux et discrets :
Homme, nul n’a sondé le fond de tes abîmes,
Ô mer, nul ne connaît tes richesses intimes,
Tant vous êtes jaloux de garder vos secrets !

Et cependant voilà des siècles innombrables
Que vous vous combattez sans pitié ni remord,
Tellement vous aimez le carnage et la mort,
Ô lutteurs éternels, ô frères implacables !

 

Der Mensch und das Meer

Offner Mensch, deine Liebe für das Meer währt ungestillt,
das Meer, es ist dein Spiegel, magst die Seele dir erhellen,
betrachte nur das ewige Auf und Ab der Wellen,
dein Geist: ein Abgrund, minder nicht von Bitterkeit erfüllt.

Gerne magst an deines Bildes Brust dich schmiegen,
das Aug ihm kosen, seine Glieder, und manches Mal
wird dein eigner Herzschlag übertönt, wenn voller Qual
die wilde Klage braust, die niemals wird versiegen.

Dunkel seid ihr beide, seid so voller Scheu:
Keiner senkte jemals, Mensch, das Lot in deine Tiefen,
keiner weiß, o Meer, wo deine Perlen triefen,
so wahrt ihr eure Schätze vor den Neidern treu.

Doch wie lange spinnt sich schon der Schicksalsfaden,
da ihr euch bekrieget, fühllos und verroht,
so sehr liebt ihr das Blutbad, liebt den Tod,
o Streiter immerdar, o Brüder ohne Gnaden!

 



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