Aura und Wind
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
„Petra glaubt, daß Peter sie betrogen hat.“
„Die alten Griechen meinten, der Mond sei eine Verkörperung der Göttin Selene.“
„Wir wissen, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“
„Christen glauben, daß sich der transzendente Sinn der Welt durch das Wunder der Inkarnation in ihr offenbart hat.“
Der Gedanke ist die Darstellung eines möglichen oder wirklichen Sinnzusammenhangs.
Gedanken sind komplex; ein Name wie „Petra“ enthält noch keinen Sinnzusammenhang, auch kein Prädikat wie „eifersüchtig“; ihre Zusammensetzung schon. Aber der eigentliche Gedanke besteht erst in der Setzung des Sinnzusammenhangs.
Um den Gedanken auszudrücken, verwenden wir einen epistemischen Ausdruck wie glauben, meinen, wissen und kleiden den Inhalt des epistemischen Ausdrucks in die abhängige Rede (glauben, meinen, wissen, daß p, wobei p einen möglichen oder wirklichen Sinnzusammenhang darstellt).
Zu glauben, daß p und nicht-p, heißt einen Pseudo-Gedanken zum Ausdruck bringen; denn es ist widersinnig zu meinen, daß es viele Erdplaneten gebe, aber der Mond der einzige sei.
Wenn Petra glaubt, daß Peter sie betrogen habe, Peter aber in Wahrheit der Freund einer anderen Frau ist, stellt der Inhalt ihres Glaubens nur scheinbar einen sinnvoll möglichen Sachverhalt dar; in Wahrheit ist er inkonsistent und daher ein Schein-Glaube.
Die wahre oder auch wahrheitswidrige Annahme Petras, ihr Freund Peter habe sie betrogen, ist nur sinnvoll in einer Welt, in der es Treue und Untreue als moralische Sachverhalte oder sinnvolle Lebenszusammenhänge gibt.
Wir können uns durchaus Lebenswelten vorstellen, in denen Treue und Untreue keine moralischen Sachverhalte darstellen; in diesen Welten gäbe es schlicht keinen Begriff für das, was wir Treue und Untreue nennen.
In einer Welt, in der Untreue nicht möglich wäre, gäbe es auch keine Treue.
In einer Welt, in der ein Paar aufgrund hormoneller Wirkmechanismen ein Leben lang aneinander gebunden wäre (vergleichbar der hormonellen Bindung der Drohnen untereinander und an die Bienenkönigin), wäre die Untreue eines Partners kein tadelnswertes moralisches Fehlverhalten, sondern das Symptom einer Erkrankung oder neuronalen Dysfunktionalität.
Der Dieb, dem man die böse Tathand abhackt, kann nicht mehr stehlen, aber auch nicht unter Beweis stellen, daß er nach Abbüßung seiner Strafe ein rechtschaffenes Leben zu führen willens ist.
Wenn Petra glaubt, Peter betrüge sie, obwohl sie überhaupt nicht mit ihm liiert ist, können wir auf wahnhaftes Denken schließen. – Der Glaube des Wahns ist demnach keineswegs ohne Sinn, aber schlicht irreal. Denn wäre Petra wirklich mit Peter liiert, wäre ihr Glaube, er sei ihr untreu, sowohl sinnvoll als auch nicht widervernünftig.
So gelangen wir von der irrealen Sinnhaftigkeit des Wahns zu einem angemessenen Begriff einer Vernunft, die sich sowohl auf sinnhafte Strukturen und Relationen als auch auf Realitäten bezieht oder beziehen kann.
Eine Welt, in der natürliche Phänomene wie die kosmischen Vorgänge, die Jahreszeiten, Zeugung, Geburt und Tod, der Flug der Vögel und das dichterische Wort offen für übernatürliche Ereignisse sind, nennen wir die mythische Welt.
In der mythischen Welt ist jedes natürliche Etwas mit einer Aura umgeben, die auf einen göttlichen Sinnbezug verweist. In der Quelle singt eine Nymphe, im Blitz spricht der Wille des Zeus, in der anmutsvollen tänzerischen Geste bezeugt sich die Nähe der Muse Erato, den Kuß der Liebe besiegelt die Liebesgöttin Aphrodite.
Die ihrer göttlichen Aura entkleideten Dinge sind gleichsam nackt, eindimensional, stumm. In der nichtmythischen Welt erscheint es widersinnig anzunehmen, die Mondgöttin Selene könne sich auf die Erde zum Hirten Ganymed begeben und ihn mit einem Kuß in einen somnambulen Zustand versetzen, in dem er mit ihr Kinder zeugt.
Daß mythisch erregte Völker die Abkunft ihrer Könige von der Gottheit Sonne herschrieben, ein Gedanke, der noch im erhabenen Symbolismus des barocken Herrscherkults nachklingt, erscheint uns ernüchterten Bewohnern der nichtmythischen Welt absurd, wahnhaft, zumindest unverständlich.
Das Messer der Guillotine hat nicht nur das Haupt des französischen Königs vom Leib getrennt, sondern gleichsam auch die in einem anderen Weltzustand gebildeten Nervenfasern des mythischen Denkens zerschnitten.
Der Mythos erzählt, Zeus habe sich in einen Schwan verwandelt und mit Leda neben anderen Kindern Helena gezeugt, die sich als fatale Ursache des trojanischen Krieges entpuppte. – Wir wissen um die realen Bedingungen sexueller Fortpflanzung, die nur zwischen einem männlichen und einem weiblichen Exemplar derselben Spezies möglich ist; und ebenso um die realen Ursachen von Kriegen wie den Kampf um knappe Ressourcen, die imperialen Ambitionen von großen Mächten oder die Suche nach Vergeltung für erlittene kollektive Kränkung.
Mit dem Glauben an die Inkarnation ist der Kern der christlichen Lehre berührt, einer Lehre, die nicht die mythische Welt, sondern die monotheistische des Judentums zur Voraussetzung hat. Nur einem allmächtigen Gott ist es möglich, das die Vernunft übersteigende Wunder zu vollbringen, sich in einem menschlichen Wesen zu inkarnieren, das heißt, seinen Körper nicht bloß als Maske und äußerliche Verpuppung zu benutzen, doch dabei den Existenzkern des Wesens vom physischen Schmerz bis zum Tod allerhöchstens zu imitieren, zu simulieren.
Nur in der christlichen Lehre finden wir Sinnzusammenhänge, die von Widersprüchen und Inkonsistenzen wie der Gegenwart des Ewigen im Zeitlichen oder der Anwesenheit des Unendlichen im Endlichen (Wunder der Eucharistie) nicht aufgezehrt werden.
Die zur Hure der Wissenschaft entartete Vernunft muß freilich Wunder wie die Offenbarung Gottes vor Abraham im brennenden Dornbusch oder die zeichenhaften Wunder Christi, vom Wunder der Inkarnation und der Auferstehung oder vom Pfingstwunder zu schweigen, als irrationale Träumereien einer unaufgeklärten Menschheit denunzieren. Die sich der Wissenschaft als ideologisches Sprachrohr verdingende Vernunft ist nicht nur antimythisch, sondern antijüdisch und antichristlich sui generis.
Als der mythische Sternengesang verstummte und die Quellen des Helikon versiegten, blieben dem Dichter die Hymnen an die Nacht.
Die Chöre der Engel waren lange verklungen, als Rilke seine Duineser Elegien schrieb.
Unter dem geisterfüllten Himmel eines Claude Lorrain treten die biblischen Gestalten in den Schatten antiker Pastoralen.
Ergreifend ist die Stimme des gequälten Verlaine, die bald lieblich mit dem Schaum auf Rokokodelphinen knistert, bald im Blut des Aufruhrs verröchelt.
Für die mürrische Haut des Aufgeklärten ist die mythische Aura nur ein lästiger Luftzug.
Jede antike Säulengattung hat ihre eigene Aura, ihre eigene seelische Atmosphäre. – Durch die betonierten Bauhaus-Kolonnaden bläst nur der Wind.
Vor dem verfallenen Grab des Vergil überkommt uns der Gedanke, daß wir selbst lange schon geistig tot sind.
Erst ist es die tönende Sonnenscheibe, dann die Sphärenharmonie, schließlich sind es, fern zwar, kaum mehr oder nur in Traumzuständen noch hörbar, die Chöre der Engel und am Ende die große stumme Leere jener unendlichen Räume.
Als wären wir Touristen des Daseins, auf den Borden schon eingestaubt der Nippes der Andenkenläden, und dann das gähnend immer wieder ausgedehnte Reden und Reden über jenen Strand, jene Bucht, jene Insel, an deren Namen man sich nicht mehr erinnert.
Geistig matt, seelisch abgestorben – aber sie quasseln noch immer begeistert von den jugendlichen Drogenvisionen, die ähnlich klischeehaft waren wie die Bilder der Reiseveranstalter, mit denen sie in nie gesehene Paradiese locken wollen.
Bei den bärtigen Pseudo-Propheten und ungut riechenden George-Nachfolgern in Gesundheitslatschen wirkt das gewollt Erhabene unfreiwillig lächerlich oder banal.
Schmalzige Jünglinge, die mit von Sirup und Wermut belegter Stimme ekstatisch oder bedeutungsheischend gedehnt rezitieren.
In der klaffenden Wunde, da, wo man gleichsam das Dritte Auge herausoperiert hat, eitert der Kitsch.
Claude Lorrain
Allem sprichst du freundlich zu: Umwinde,
was an Schatten dich umseufzt, umrankt,
mit meiner Blicke blütenhellem Zittern.
Wo auf lichten Wellen Sehnsucht schwankt,
bläht sich weißes Segel weich im Winde,
grünt Efeu schon an filigranen Gittern.
Die Tiere gehen leicht, wie Wolken gehen,
derselbe klare Dunst, der beide trägt,
läßt, was entschwindet, liebend auferstehen.
Die Ziegen, Schafe, Rinder wandeln frei,
kein Pferch beengt, kein Brandmal wird geprägt,
sie fesselt einzig Wohllaut der Schalmei.
Er aber ragt in bläulichem Gewande,
ein Gärtner wie für Edens Überfluß,
und vor ihm kniet die schönste der Marien –
jetzt salbt sie ihn mit ihres Blickes Kuß.
Die Scherstern stehen staunend noch am Rande,
leer ist das Grab, entrückt, die sterbend schrien.
Ascanius hat den Bogen straff gespannt,
doch lässest du das Purpurrot nicht rinnen,
der heilige Hirsch schaut ruhig nur, gebannt.
Du überwölbst den Abgrund mit dem Schein
von sanften Flammen. Heiteres Besinnen
schenkst du wie milde Sonnen dunkler Wein.
Die uns den Geist, das müde Herz zerstücken,
die rohen Bilder, trüber Sud des Wahns,
kann uns das Auge noch dein Dämmer feuchten,
die Ufer, zart gesäumt vom Schnee des Schwans?
Wird deine Pastorale je entzücken,
die stieren, wenn Kadaver faulig leuchten?
Siehe auch:
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/landschaft-mit-christus-der-maria-magdalena-erscheint
https://en.wikipedia.org/wiki/Landscape_with_Ascanius_Shooting_the_Stag_of_Sylvia#/media/File:Ascanius_Shooting_the_Stag_of_Sylvia_1682_Claude_Lorrain.jpg
https://www.meisterdrucke.com/kunstdrucke/Claude-Lorrain/267259/Pastorale-Landschaft,-1645.html
Unerfüllt
Ob es eine unerfüllte Sehnsucht ist, die einen Menschen wahnsinnig macht?
(Ich dachte an Schumann, aber auch an mich.)
Ludwig Wittgenstein
Auch wenn die Blume Wort sich aufgetan,
spät schien ihr Lächeln noch, das wehmutbleiche,
verströmte keinen Duft ihr Mund, der weiche,
wie blauen Hauch im Schnee der Enzian.
Und lauschtest du im Dunkel, ob ein Quell
im dürren Gras, im dürstenden, entspringe,
ein Vogel süß im Laub des Dämmers singe,
schlug dir nur jäh Pans Huf ans Trommelfell.
Dir blieben, Dichter, tauben Nervs Chimären,
ein Rauch, der aus der Sehnsucht Asche weht,
nur ausgelöschte Augen edler Sprossen.
Getrübtes Bildnis läßt sich nicht verklären.
Es ätzte ein Erinnerungssekret
das Inkarnat, vom Reimvlies einst umflossen.
Der getrübte Augenblick
Die im Frühlicht singen, orphisch stammeln,
ahnen nicht, daß aller Laut erlischt,
wenn die Nacht die Bitterkräuter mischt
in den Honig, den Tagwesen sammeln.
Glücklich, die, verschont vom Todesgrauen,
sich in stiller Bläue Nester bauen.
Alle Tage hat Kairos verdichtet,
alle Sommer bündeln sich zum Strahl,
und der Sehnsucht dunkles Muttermal
ist von feuchtem Tauglanz schon durchlichtet.
Uns zerläuft der Augenblick in Ringen,
die an schroffer Norne Stirn zerspringen.
Sorge nährt uns, eine düstre Amme,
Schwermut, reife Traube, purpurn, süß,
ungepflückter Traum vom Paradies,
bis das Mark verzehrt hat Dämons Flamme.
Wenn sich Sänge abendlich erheitern,
tragen stumm wir heim die Last von Scheitern.
Tier und Mensch
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
„Wo sind die Hände der Vögel?“, fragt das Kind.
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Auch bei den Vögeln scheint es sublime Sänger und vulgäre Krächzer zu geben.
*
Der semantische Abgrund zwischen dem bedeutungsgebundenen Verlauten der menschlichen Stimme, ob auf Suaheli oder Englisch, ob heiser oder wie geölt, ob stotternd oder fließend, und dem bedeutungslosen, aber sinnvollen Vogelgezwitscher.
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Der ontologische Abgrund zwischen dem gleichsam geraden, unbezweifelten, bis in den Tod bejahten Leben der Tiere und dem gleichsam schief in die Welt gestellten, leicht vom Zweifel angekränkelten, vom Wissen um die Kontingenz und den Tod angefochtenen des Menschen.
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Die Maskenhaftigkeit des Tiergesichts und unsere seltsame Art, uns mittels physiognomischer Nachforschungen zu erinnern; ebenso halbbewußt immerfort mittels Lächeln, Zucken, Zwinkern, Naserümpfen, Zungenspitzen, Lippenkräuseln und tausend andere physiognomische Taschenspielertricks das Gemeinte oder gar das eigentlich Gemeinte herauszustreichen.
Der Wolf, der Hengst, der Affe mag im Rudel, der Herde, der Horde herabgestuft werden, aber er verliert nicht wie der entehrte Mensch sein Gesicht.
Nein, sie lächeln nicht, wenn sie sich freuen, weinen nicht beim Verlust des Liebsten.
Den Leichnam, den wir rituell bestatten, lassen sie verwesen.
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Leuchtkäfer, wie vom Elan vital gleichsam immer neu angezündete und wieder ausgelöschte Blicke, die in die Nacht des Bedeutungslosen glimmen.
Kafkas Käfer oder der Mensch im Bewußtsein seiner Weltfremdheit ist über sich selbst entsetzt.
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Die tierischen Organismen scheinen Inkarnationen und Metamorphosen einer universellen kosmischen Intelligenz, die vor allem in der Intensität und Differenziertheit der sinnlichen Wahrnehmung wahre Gipfel erreicht.
Ein Laut, ein Schatten, ein Flimmern genügt, um sie zu orientieren und ihr Verhalten sinnvoll zu konditionieren.
Die Taube weiß um die Zeit, da jener Schatten, von dessen Menschsein sie nichts ahnt, an der Gardine nestelt, und sie stürzt sich stracks hinab, um die erwarteten Körner, die er auf den Hof streut, aufzupicken.
Was wir am tierischen Verhalten zu verstehen meinen, so wie wir artikulierte Laute als Mitteilungen verstehen, sind Projektionen unserer Erwartungen, erfüllter und enttäuschter Wünsche, Traumbildern nicht unähnlich.
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Der Dackel, der auf den Ruf „Resi“ aufgeregt wedelt oder zu dem Rufer eilt, weiß nicht, daß er „Resi“ heißt. – Er kann sich nicht sagen „Resi war lieb, deshalb bekommt sie von Herrchen ein Leckerli“, so wie das Kind auffordernd sagt: „Peter lieb, Peter Schokoeis!“
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Wir leihen dem Engel Flügel, dem Leviathan die Gestalt des Wals, dem Satyr eine Mischgestalt aus Mensch und Ziegenbock. – Hier sehen wir den urtümlichen Symbolismus des menschlichen Geistes am Werk, der zur Steigerung seiner Ausdruckskraft neben den Elementen und den Blumen, Bäumen, Früchten immer wieder auf Gestalt und Lebensform der Tiere zurückgreift.
Jesaia läßt sechsfach geflügelte Engelswesen vor dem Thron des Herrn ihr Hosianna ausrufen.
Die Tiergötter der Ägypter oder Inder sind keine Zeugnisse einer niederen Kulturstufe, sondern sublime Bilder des Unbewußten.
Baudelaire halluziniert im tierhaften Aas die Häßlichkeit des im Unkeuschen verwesenden Fleisches.
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Die Illusion, der Grad der genetischen Übereinstimmung gewährleiste eine hermeneutisch leicht aufschließbare seelische Verwandtschaft, ist nicht minder trügerisch wie der Glaube, Affen könnten die menschliche Schrift erlernen, weil sie auf Sprachzeichen zu tasten konditioniert werden.
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Das Punctum saliens oder der ontologische Sprung ermißt sich aus der Differenz des Terminus „Erzeuger“ und des Namens „Vater“.
„Vater“ ist der Inbegriff des von kulturellen Institutionen und Sitten überformten Geschlechtslebens, mit all seinen rechtlichen und metaphysischen Implikationen, vom Erbrecht bis zum Herrengebet.
Die Taube brütet mit dem Täuberich die befruchteten Eier aus, doch die flügge gewordenen Jungvögel kümmern sie nicht mehr.
Wie fern allem animalischen Sich-Schlängeln, Sich-Winden, Kriechen: Stabat mater oder die Mutter Jesu vor dem gekreuzigten Sohn.
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Wozu Dichtung, wenn eine algorithmisch scharfgestellte Signalgebung genügte?
Wozu das Wohltemperierte Klavier, wenn animalisches Grunzen genügte?
Wozu die sublimen Lichtspiele im Garten eines Claude Monet, wenn der Purpur auf der Haut der Verführten genügte?
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Tiere können in Not geraten, entarten und elend krepieren, aber nicht am Leben scheitern.
Tiere töten, um zu überleben, aber leben nicht, um zu töten.
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Elite und Hierarchie sind soziologische Begriffe, nicht wie Dominanzstellung und Hackordnung ethologische.
Mensch und Humanität sind keine zoologischen Begriffe.
Mann und Frau sind biologische, Vater und Mutter kulturhistorische Begriffe.
Dummheit leugnet den biologischen Unterschied von Mann und Frau und die Bipolarität der Geschlechter; Bosheit den ontologischen und semantischen Rang von Vaterschaft und Mutterschaft oder den kulturellen Wert der auf Monogamie gegründeten Familie.
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Wären Kulturen, wie Spengler meinte, seelisch in sich abgeschlossene Gestaltungsräume, wie mittels Übersetzung von der sogenannten faustischen in die sogenannte apollinische dringen?
Welcher Illusion oder Selbsttäuschung säßen wir auf, wenn wir die Äneis des Vergil im Original und a fortiori in einer deutschen Übersetzung lesen?
Ist die betrachtende Deutung des Torso von Apoll im Gedicht Rilkes nichts als eine Art geistiger Luftspiegelung?
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Menschen können Absichten hegen und sie durch zweckgerichtetes Handeln verwirklichen. – Absichten sind keine geheimnisvollen Vorgänge im sogenannten Mentalen oder verborgene Hirnaktivitäten, sondern wahrnehmbare Ereignisse im sozialen Raum: Einer ruft dem Ober zu: „Bitte zahlen!“ Die Anwesenden erkennen, daß er die Absicht hat, die Tafel zu verlassen.
Die Taube auf dem Dach hat nicht die Absicht, die ausgestreuten Körner aufzulesen, sie ist darauf konditioniert, sich herabzustürzen, sobald sie ihrer ansichtig wird. – Könnte sie sprechen, würde sie nicht sagen: „Ich habe vor, die ausgestreuten Körner aufzupicken.“
Wir äußern Sätze in der Absicht, daß andere verstehen, was wir beabsichtigen oder damit sagen wollen. – Die Taube hat kein Gegenüber, dem sie etwaige Absichten zu erkennen geben will. – Der Kater, der zwecks einer späteren Verköstigung die erlegte Maus verbuddelt, tut dies nicht in der Absicht, der Katze, die ihn, wie er bemerkt hat, heimlich beobachtet, zu imponieren und zu zeigen, wie gewitzt er ist. Die Katze würde ja seine Absicht, ihr dies kundzutun, keinesfalls honorieren, sondern, sobald er sich aus dem Staub gemacht hat, die versteckte Beute ausgraben und selbst verzehren.
Die von uns kundgetanen sprachlichen Äußerungen stehen in einer internen Relation zu den jeweiligen Absichten ihrer Kundgabe.
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Für das Tier ist ein jeder Tag derselbe Tag. Dagegen treiben wir nicht, wie man so sagt, in einem anonymen Strom der Zeit, sondern gliedern das spezifisch humane Zeitbewußtsein unentwegt in wechselnden Horizonten von Erinnerungen und Erwartungen. Mag der angehäufte Hügel erfüllter und enttäuschter Erwartungen auch stetig wachsen, wir stehen nie am endgültig erreichten Gipfel: wir können nicht alle Phasen des Erlebten beispielsweise nach Altersstufen einordnen und rubrizieren, um ihnen ein für allemal einen unantastbaren Seins- und Erinnerungswert zuzuweisen.
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Tiere messen sich keinen intrinsischen Wert zu. Wir aber bewegen uns in sozialen Räumen, in denen der zugesprochene oder abgesprochene Status, die Formen von Inklusion und Exklusion von wesentlicher Bedeutung sind. Das vom ranghöheren Männchen zurechtgewiesene Gruppenmitglied fühlt sich nicht gekränkt oder stigmatisiert, sondern fügt sich gleichsam schicksalsergeben in seine Lage. Wie anders der mit einem Stigma gekennzeichnete aus der Gruppe (der Familie, der Sippe, dem Verein, der Religionsgemeinschaft) ausgeschlossene Mensch.
Das Gefühl der Entwertung und Kränkung vermag ganze Nationen heimzusuchen und damit geschichtsmächtig zu werden; so ist das Datum des 30. Januar 1933 nicht zu begreifen ohne das kollektive Gefühl der Kränkung Deutschlands in Folge des Versailler Vertrags.
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Langweilt sich die Katze, die wie eine hellenistisch elegante Statue regungslos am Fenster hockt und mit leerem Blick den des albern auf sie einquasselnden Passanten konterkariert? – Was Pascal und Baudelaire Ennui nennen, ist ein menschliches Spezifikum, eine exotisch fahle Blume, die nur auf dem Humus der Conditio humana gedeiht.
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Die Maus mag panischen Schrecken verspüren, wenn sie des lautlos herangleitenden Schattens der Eule über ihr gewahr wird; aber keiner Maus und keinem anderen Tier würden wir jene Geisteskrankheit zusprechen, die der Psychiater Psychose mit dominantem Verfolgungswahn nennt.
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Tiere mögen wie der in einen Hühnerstall eingedrungene Fuchs in einen Blutrausch geraten; aber nur Menschen sprechen wir eine antisoziale Haltung zu, nur von Menschen sagen wir, daß sie Verbrechen begehen.
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Historische Kategorien wie Arbeit und Krieg, Macht und staatliche Herrschaft vertiefen auf prägnante Weise den ontologischen und semantischen Unterschied zwischen Tier und Mensch.
Die Vögel bauen ihr Nest; doch ihr Bau und „Eigenheim“ erfüllt nicht die Kriterien unseres Begriffs von Eigentum: Sie können es weder vermieten oder verkaufen noch vererben; der Nestbau durchläuft in der Generationenfolge keinen Wandel kunstgeschichtlicher Stilformen wie Gotik, Barock, Klassizismus oder Jugendstil.
Ein Volk von Termiten mag ein Volk von Ameisen überfallen und besiegen; doch wird der Sieger die Besiegten nicht versklaven.
Es kam noch von keinem Bienenstaat die Kunde, es habe sich in jenen Tagen ein Aufstand, vergleichbar dem Aufstand unter Spartacus oder der Französischen Revolution, ereignet, aufgrund dessen die Monarchie gestürzt und eine republikanische Ordnung ins Leben gerufen worden sei.
Bienenstaat ist eine ebenso verführerische und gleisnerische wie verfängliche Metapher wie Bienenkönigin oder Schwänzeltanz der Bienen. Noch keine Bienenkönigin wurde von den Häschern einer Rivalin vergiftet oder zur Abschreckung ihres bisher ihr ergebenen Volkes öffentlich hingerichtet. – Die Bienen tanzen nicht, sondern vollführen Bewegungsmuster zur Orientierung ihrer Schwestern; es handelt sich nicht um zweckfreie ästhetische Tanzformen, die sich je nach Zeitgeschmack grundlegend, etwa vom gezierten Menuett bis zum wilden Ausdruckstanz, ändern können.
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Wölfe, Katzen, Hunde mögen ihr Revier durch Absonderung von hormonhaltigen Stoffen im Urin markieren; aber diese Markierungen erfüllen nicht die Kriterien zweckvoll entwickelter Zeichen wie unsere Wegmarken und Schriftzeichen, die im Gegensatz zu den Marken animalischen Ursprungs immer auch einen semantischen Gehalt haben wie der Richtungspfeil oder der mit einem Pfeil versehene Schriftzug „Zur Waldkapelle“.
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Sich als Protuberanz zentralnervöser Aktivitäten oder als biologische Maschine zu verstehen ist das Symptom einer Geisterkrankheit, die heute den zweifelhaften Ruhm einer Pseudo-Wissenschaft einheimst.
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Gewiß haben Tiere Emotionen, Erwartungen und Befürchtungen, doch können wir diese keiner Instanz zuordnen, die unseren Maßstäben und Kriterien für das Dasein eines Selbstbewußtseins entspricht.
Wenn der Schizophrene davon spricht, seine Gedanken würden ihm von einer fremden Macht diktiert, wissen wir, daß sein Selbst gleichsam porös und löchrig geworden ist, während der Gesunde seine Gedanken nicht von sich ablöst, sondern in ihnen webt und lebt.
Der Biber mag nach seiner Rückkehr den Bau nach Spuren eines realen Eindringlings untersuchen; der Schizophrene untersucht seine elektrischen Geräte nach manipulativen Eingriffen eines imaginären Verfolgers. – Sein Verhalten ist nicht sinnlos, aber unvernünftig.
So gelangen wir auf dem Umweg über die Erklärung wahnhaften oder psychotischen Fühlens und Denkens zu einem erweiterten Begriff der Vernunft (zurück), der unser Verständnis der ontologischen und semantischen Unterschiede zwischen Tier und Mensch vertieft. – Erweitert dürfen wir ihn nennen, wenn wir nicht nur die rechnende Verstandestätigkeit, sondern auch das Selbstgefühl, die Phantasie sowie das Erinnerungs- und Sprachvermögen in ihn einschließen.
Man könnte versucht sein zu sagen, die Maus beziehe die ihr von der heranschwebenden Eule drohende Gefahr auf ihr Leben, kurz auf „sich“ oder der sich auf die Brust schlagende Gorilla drücke damit aus, er sei hier der Herr, habe hier das Sagen. Doch können wir die Fluchtbewegung der Maus und die herrische Geste des Affen auch ohne Bezugnahme auf eine Form des Selbstbewußtseins erklären und verstehen; dagegen nicht die schamvolle Reaktion des Passanten, der einem anderen versehentlich, ja ohne daß dieser es bemerkte, auf den Fuß getreten ist.
Selbstbezogene Reaktionsmuster wie Unsicherheit, Verlegenheit, Scham und Selbstzweifel angesichts eines realen oder auch nur eingebildeten Versagens treffen wir bei Tieren nicht an; der Affe mag bei der Aufgabe, zur Erlangung der Banane einen Stock oder mehrere aufeinander zu stapelnde Kisten zu Hilfe zu nehmen, versagen; aber er wird, sieht er sein Geschwister die Aufgabe spielend lösen, nicht in Verlegenheit geraten, sich vor Scham in den Winkel zurückziehen und an seiner Intelligenz und seinem Wert zweifeln.
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Wir sehen durch eine Scheibe, die in gewissen Zeitabständen die Farbe wechselt, Rot, Grün, Blau, auf eine Landschaft; schließlich erscheint die Scheibe farblos und transparent. Mit welchem Recht können wir sagen, jetzt sähen wir die Dinge da draußen, wie sie „wirklich“ sind?
Wir könnten damit folgendes meinen: Die Sicht durch die farbige Scheibe repräsentiert unsere Wahrnehmung, die infolge krankhafter Selbstbezogenheit wie bei starkem Selbstzweifel oder paranoider Angst verzerrt erscheint; während uns die gesunde oder gelassene Haltung eine gewisse Klarsicht verschafft.
Hat, was wir mit „ich“ meinen, einen bestimmten Ort, beispielsweise in diesem oder jenem Hirnareal? – Dies scheint genauso absurd wie anzunehmen, das Lächeln meines Gegenübers sei die Folge eines von außen nicht sichtbaren „Feuerns von Neuronen“ in seinem Gehirn, das seinerseits von meinem Lächeln stimuliert worden ist. Ich würde demnach angesichts der Tränen im Angesicht meines Gegenübers mit einem anderen und anderswo im Gehirn lokalisierten Feuern von Neuronen reagieren. Aber ich bin dabei derselbe wie jener, der das Lächeln mit einem Lächeln quittierte.
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Der alte Hund des Odysseus erkennt ihn nach seiner Rückkehr nach Ithaka ohne weiteres wieder, während selbst die Gemahlin Nausikaa seine Identität erst nach der Offenbarung seiner intimen Kenntnisse aus ihrem Eheleben erkennt und anerkennt. – Aber der Hund selbst, er ist gealtert, gebrechlich, und sterbend legt er sich zu seines Herren Füßen; doch könnten wir von ihm wie auch von keinem anderen Tier sagen, er habe sich auf der Grundlage langer Erfahrung und der Bewältigung mancher Krisen charakterlich stark verändert oder sei geistig und sittlich gereift.
Pfad ins Abendrot
So wandeln wir den Pfad ins Abendrot,
wo Moose unsre Schritte dämpfen.
Wie Nachtviolenduft scheint süß der Tod,
Ruh, tiefe Ruh nach all den Kämpfen.
Noch glühen Tropfen Lichts im Dämmerlaub,
und wenn sie fallen, seufzt die Erde.
Uns hat der Vers gewirbelt, goldner Staub,
Eratos liebliche Gebärde.
Und hüllt uns ein die Nacht in schwarzen Samt,
sei er bestickt mit Blüten, weißen.
Die Sonne sank, die unser Lied entflammt,
Mond schenkt ihm noch ein fahles Gleißen.
Der Schatten löst sich ab vom Leichnam jäh
und wandert noch allein ein Weilchen.
Doch kehrt er um, als ob er weinen säh
von ihm verdunkelt holde Veilchen.
Der wundersame Parasit
Das Untier, wulstig, einem Wurme gleich,
klebte ihm im Nacken, trank aus der Vene
Schluck um Schluck, das heiter machte, Blut.
Das war keine Staubgespinst, ihm höhlten
die Augen fahle Glut und kalte Flammen,
daß Schrecken schmolz und Wollust fror.
Sie sagten, er selber habe es erzeugt,
entsprungen sei es seinem Geist, dem kranken,
und reichten ihm die lila Kügelchen.
Doch hat er eins geschluckt, vernahm er bald
das Schluchzen wilder, fühlte Tropfen Chroms
übers Rückgrat rinnen, warm ins Mark.
Die Ärzte kennen nur der Seele Schale,
die trübe waschen sie mit bittrer Lauge.
Sie sehen nicht die Risse, die subtilen,
in denen unaustilgbar feinster Schleim
von Amöben ungeheuren Lebens wimmelt.
Den Unheilsgast, er ließ ihn sich nicht nehmen
und atzte ihn mit zahmer Pflanzenkost,
Kresse, Boretsch, Kerbel, Sauerampfer,
die dunkle Vene mochte sich erhellen.
Ihn hüllte müßig Schlürfen ein und Schmatzen,
wenn er mit Pindar Schnee sah auf den Gipfeln,
den Schaum der Meere glitzern mit Homer,
und mit Vergil Camillas Panzer blitzen.
Doch als er im Ovid blindlings geblättert,
gab dies dem lahmen Dämon einen Kick:
Er sprang ihm jählings von der Schulter. Schon
hat behend im Vorhang er gebaumelt,
ein antiker Sphinx en miniature
mit Brüsten spitz und Nachtigallenkrallen.
Die Brüste tönten wie gewiegte Glocken,
die Krallen kratzten Seufzer aus dem Samt.
„Du glaubst, du bist mich los!“ War’s nicht die Stimme,
die einst ihn girrend in die Schilfnacht zog,
von Mondes scharfer Sichel überschwirrte?
„O nein, zuerst mußt du das Rätsel lösen,
soll ich nicht länger um dein Haupt gespenstern.
Nun, Tagwesen denk’s: Was kriecht daher
am Morgen, erhebt sich mittags in die Lüfte,
hängt schließlich starr im Spinnennetz der Nacht?“
Er wußte es sogleich: Die Raupe kriecht ja
früh von Blatt zu Blatt, sie frißt, wird fett,
die Sonne wandelt sie in einen Falter,
der Anmut Bild, der Dichtkunst Doppelgänger,
der in den Trug der blauen Sehnsucht schwebt
und dämmert’s sich ins Netz der Norn verstrickt.
Er biß sich auf die Lippen, Idiot der Liebe,
schwieg, daß ihn sein Parasit nicht lasse,
und er dann einsam und gedächtnislos
nur eines möchte: schlafen, dämmern, schlafen.
So hat die Sphinx gespenstisch sich zurück-
gestaltet in den Wurm, den windigen,
und hielt ihn wach mit Saugen, Schlucken, Schluchzen.
Gern wandelt er im Park der Anstalt nun,
wohin er wehrlos lächelnd ward verbracht,
erfreut am Flattern sich der Ephemeren,
die rätselschöner Knospen Schein behext.
Vor dem Katarakt
Wasser, wie sie knisternd glimmen
vor dem Katarakt, dem jähen.
Wie sich trunken Geister blähen,
die zum dunklen Abgrund schwimmen.
Knospen, wie sie bang erbleichen
vor dem rauhen Ruf der Schnitter.
Verse, ach, sie schmecken bitter,
wenn sie unsren Nächten gleichen.
Seelen, die nach Angeln schnappen
mit dem Köder toter Worte.
Wüsten, einst ergünte Horte,
wo geweht das Lilienwappen.
Glieder, die sich blind umschlingen,
wild gepeitscht von Gottes Ruten.
Verse, die nicht wollen bluten,
wenn auch Bisse in sie dringen.
Dichter, wirf die blauen Blüten
in die Flut, sieh, wie sie treiben.
Wohlgestalt kann hier nicht bleiben,
und kein Duft der schönen Mythen.
Am Grab des Ahnen
Gardine, sacht vom Windhauch aufgebauscht,
sie löst und rafft die Falten wie in Trance,
als ringe ein Verlaine um die Nuance.
O Seele, Schaum und Schimmer, jäh verrauscht.
Ins Finstre knisterte die helle Gischt,
den Mond verschlang des Abgrunds schwarze Welle.
Die Blüte, bleich auf undankbarer Schwelle,
hat barsch ein harter Besen weggewischt.
Am Grab des Ahnen mag die Irrfahrt enden.
Kratz, Dichter, Moos und Farn vom Totenmale,
und lies die Zeichen, die schon fast verwittern:
Wie eine Knospe in bemalter Schale
ging auf mein Vers, um Licht zu spenden,
daß Herzen fern der Heimat nicht verbittern.
Nächtlicher Besuch
Halt, Dichter, durch, schon flüstert’s, Nacht beginnt,
bald kannst du wieder tiefer Atem holen,
fühlst, wie der Tau ins Laub der Verse rinnt.
Die Anmut beugt sich über dich verstohlen
und küßt die Augen dir, die müden, blind.
Halt, Dichter, halt noch durch, die Nacht beginnt.
Den milden Duft von Eden, trink ihn, trink.
Mag er dein Blut, das trübe, auf noch hellen.
Und flutet rings ihr Haar, versinke, sink,
dein Vers kehrt wieder auf den weichen Wellen
bei ihres Blickes zauberischem Wink.
Den milden Duft von Eden, trink ihn, trink.
John McCrae, In Flanders Fields
In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.
We are the Dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved and were loved, and now we lie,
In Flanders fields.
Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.
Auf Flanderns Feldern
Auf Flanderns Feldern weht der Mohn
zwischen Kreuzen. Sie sind Legion.
Da liegen wir. Die Lerchen hoch im Blauen,
wie kühn zu singen sie sich trauen,
was unter Helmen lang verklungen schon.
Wir sind die Toten. Gestern noch am Leben,
sahn die Sonne wir zum Abgrund schweben.
Wir, liebend und geliebt, nun hingestreckt
auf Flanderns Feldern.
Zu vollenden unseren Kampf sei euch Mission:
Aus Händen, die zerbrach Soldatenfron,
nehmt die Fackel. Daß in die Höhe ihr sie reckt!
Verleugnet ihr, die hier die Erde deckt,
werden wir nicht schlafen, mag blühen auch der Mohn
auf Flanderns Feldern.
Gesprochen von Leonard Cohen:
https://www.youtube.com/watch?v=cKoJvHcMLfc
Die geschändete Luna
Der Sonne Glut, an deiner Wange kalt,
ein Schnee, den Tränen nicht zum Schmelzen bringen.
Auf turteltaubenflaumenstillen Schwingen
flogst du durch unsrer Träume Schattenwald.
Den du geküßt, schläft süß, Endymion,
und was er träumt, sind weicher Lüfte Schwestern,
Gezwitscher, aufgeweht aus schwanken Nestern,
als wär sein Schlaf bestäubt von blauem Mohn.
Uns blieb allein ein stummer öder Stein,
den Hybris mit Titanengeifer fleckte,
ein Fühlen dumpf, wenn Gischt der Ozeane
dringt in der Seele taube Poren ein.
Die Sehnsucht aber, die einst Luna weckte,
verfiel der Mahd wie Veilchen und Zyane.
Ermunterung für zeitgeistmüde Dichter
An Veilchen magst du wieder schauen,
wie innig stille Seelen beben,
wie hohem Strahl sich anvertrauen,
die überm dunklen Abgrund schweben.
Und hüllt sie ein Selenes Tuch,
Erinnern zehrt vom Wohlgeruch.
Am Wasser fühle süßes Bangen,
aus Tiefen springen feuchte Funken,
gleich Seelen, die nach Ufern langen,
kaum aufgeblitzt, sind sie versunken.
Und ewig gärt, was ungestalt.
O Tropfen Wort, aus Schaum geballt.
An Wolken lerne das Verwinden,
wie sie des Abends Purpur saugen,
macht Feuer, himmlisches, erblinden,
an zartes Grün gewohnte Augen.
Und kommt die Nacht, Mond kühlt den Sinn,
fliegt über Vers und Wolke hin.
Verwandlungen
Ich war die Taube, die im Fenster sah
deinen Schatten hin- und widergehen.
Sie gurrte lang noch, als das Dunkel kam,
übers Gras des Schlafes hin zu wehen.
Ich war die Kerze, flackernd vor dem Bild,
die am Abend du hast angezündet.
Ich war der Duft von Honig, der noch quillt,
wenn ein banger Traum in Seufzen mündet.
Ich war der Schnee und knirschte silberhell
unter deinen nächtlich-trunknen Schritten.
Ich war ein Strahl aus einem süßen Quell,
der in deiner Schwermut Tal geglitten.
Nun bin ich eine bleiche Träne bloß,
die an deiner tauben Wimper zittert.
O stürzte ich hinab in deinen Schoß,
ihn zu küssen, daß er nicht verbittert.
Falsche Sappho
Die Brücke Wort trägt nicht, ist Pappmaché.
Den Sinn ersticken frech Gesinnungsknebel.
Der Liebe Antlitz hüllt ein Gendernebel,
das Gras der Reime unfruchtbarer Schnee.
Papierne Knospen, starren Lids verschlossen.
Woher der Duft? Sie hat sich drauf ergossen.
Ein Kitsch, der blutet, leckt devot die Hand,
Krepp, leise knisternd, möchte uns verstören.
Wo Sapphos Wort erglomm, umrankt von Chören,
verdüstert sie den Vers mit Rilke-Schmand.
Des Beifalls sicher, schüttelt sie die Mähne.
Die Muse seufzt: Verzeihung, wenn ich gähne.
Was sie in Wohllauts Lücken schmiert, der Graus
rührt von den Föten, die sie abgetrieben.
Uns narren Geister, die dem Geist geblieben,
bespie die Manen er im Vaterhaus.
Wie, in die Küche sollten wir sie sperren,
stumm Teig zu kneten für das Wort des Herren?
Tropfen, Funken, Verse
Tropfen unter abertausend Tropfen,
die am jähen Katarakt versprühen.
Funken unter abertausend Funken,
wenn in heißer Esse Erze glühen.
Bottich, bemoost, im alten Garten, Regen-
wasser für die Beete aufzufangen.
Daß sich lichtvoll balle Wortgekrause,
fassen es der Verse goldne Spangen.
Starren Takt auf harten Marmor schlagen
Tropfen, magst du sie auch rhythmisch zählen.
In die dunklen Himmelsgründe stieben
Funken, mit der Nacht sich zu vermählen.
Öffne, Dichter, uns den Born der Tränen,
die ins dürre Gras des Herzens quillen.
Spreng Liedes Tau auf Knospen, Liebesfunken,
ihren Durst mit feuchtem Glanz zu stillen.
Nächtliche Wallfahrt
Dem Andenken an Hildegard Hilten
Als wir den Waldpfad sind des Nachts gegangen,
wo Käfer, leuchtende, gewimmelt, strich
der Eule Flügel. Mäuslein, ob’s entwich?
Ich griff nach Mutters Hand in süßem Bangen.
Es dämpften unsre Schritte weiche Moose,
mir aber hat das Herz gepocht so wild.
Das Dickicht schien der dunklen Seele Bild,
die seufzt nach Schnee der Lilie, Glut der Rose.
„Ist, Mutter, es noch weit? Wo ist der Rhein,
wo die Kapelle mit dem Kerzenschimmer?“
„Sieh dort die Schneise, was da dämmernd blaut,
des alten Stromes Wasser muß es sein.
Dem Gnadenbildnis sind wir anvertraut,
Maria führt den rechten Pfad noch immer.“
Das Zerbrechen der Gefäße
Gefäße – Anmut malte ihnen Ranken –,
befüllt mit Früchten, Sinn des schönen Lebens,
von Rosen Düfte, Träume des Entschwebens,
o Blüten, die auf keuschem Wasser schwanken –
ein Dämon hieß dich, Dichter, zu zerbrechen,
die Verse, Blumen stillen Lebens, bargen,
daß in Fragmenten nur, zerborstenen Zargen,
du stammelst, Wohllauts Splittern, die uns stechen.
Wie mühsam retten aus Ägyptens Sand
Gelehrte des Papyrus Zeilen, fast verblaßte,
daß Sapphos Stimme sich zur Ode ründe.
Die matten Steine, Inkarnat der Wand,
wie frisch zum Mosaik sie Sorgfalt faßte,
daß es vom Antlitz früher Seele künde.
Veilchen und Verse
Die lange noch im Mond der Mainacht glommen,
Blüten, zart auf klarem Teich,
sind, Erinnerungen gleich,
zu fernen Ufers grauem Saum geschwommen.
Wie Veilchen, die aus Mulden Dämmers tauchen,
blaue Augen, taugefüllt,
sind Verse, blaßer Sehnsucht Bild,
die schimmern, wenn sie heiße Lippen hauchen.
Daß meine Verse starr nicht, leblos scheinen,
Veilchen gleich aus Pappmaché,
wiegt sie Traum, ein grüner See,
gespeist von Quellen, die im Dunkel weinen.
Im Labyrinth des Dämmers
Der Vates war es, der die Wege wies.
Er hat die Schneise in die Nacht geschlagen,
daß heller wurde unser vages Sagen,
wenn es den hohen Sinn des Lichtes pries.
Er hat der Trauben Purpurgold gepflückt
und sie gekeltert für die Sonnwendfeier.
Er wob aus Sonnenfäden lichte Schleier,
die uns dem Wirrsal unsrer Angst entrückt.
Wie sollen wir die sanften Strahlen finden,
wenn wir im Labyrinth des Dämmers irren,
den Ruf zum Azur hören in Verliesen –
was können uns noch müde Bienen künden,
wenn sie in Falten fahler Gaze schwirren,
was grauer Tropfen Klang auf kahlen Fliesen?
Anmerkungen zum Verständnis:
Vates, -is, m u. f: Wahrsager, Seher, Prophet, Sibylle, gottbegeisterter Sänger und Dichter; vates Maeonius: Homer; vates Lesbia: Sappho; vates Aeneidos: Vergil.
Pons, lateinisch-deutsches Wörterbuch
„Vātes“, das … vielleicht aus dem Gallischen entlehnt ist, gehört samt dem altirischen Etymon „fáith“ und dem kymrischen „gwawd“, dem mittelirischen „fáth“ (Gedicht, Komposition; prophetische Weisheit) zu einer indogermanischen Wurzel „*uāt-“, die etwa „geistig erregt sein, inspiriert sein“ bedeutet und im Deutschen „Wut“, aber auch im Namen des germanischen Wind- und Inspirationsgottes Wōđan (nord. Óđinn) vorliegt. Der „vātes“ ist also der vom höheren Wissen Angehauchte. [...] Kymrisch „dewin“ ist eine römerzeitliche Entlehnung aus lat. ‚dīvīnus‘ (göttlich).
J. M. Jones: A Welsh Grammar. Oxford 1913, S. 233.
Glossen am Rand der Leere
Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier.
Georg Büchner, Leonce und Lena
Wie eine Träne fließt die Zeit, hat kein Gewicht.
Du fühlst sie, die so heiß, auf deiner Wange nicht.
*
Willst du sie halten, Anmut, leises Lächeln,
verzieht sie das Gesicht und fängt zu weinen an.
*
Taubenpaar. Sie picken Seit an Seite vor sich hin.
Flattern, böses Stechen, nähert sich die Fremdlingin.
*
Schönheitsflecken, keine Warze auf den Traumgesichten –
Roms größter Dichter aber will das Werk vernichten.
*
Abendsonne. Daß wir Hand in Hand noch schritten,
dunkel fühlend, Herz an Herz hat ausgelitten.
*
Ersterbend, Rose, hauchst du blind
den Sehnsuchtsduft dem kalten Wind.
*
Nur einmal ist sie aufgeglommen,
die Flamme für den Daseinsfrommen.
*
Die Tropfen, die Gott regnen ließ,
sie machten unser Darben süß.
*
Die goldne Frucht, die uns zu pflücken war verwehrt,
hat unsre Sehnsucht nach dem Garten nur vermehrt.
*
Das Krüglein Vers, es faßt nur wenig Wein,
mag golden er, von reifen Trauben sein.
*
Die Sehnsucht war mit Worten nicht zu stillen,
du mußt zuletzt das leere Blatt zerknüllen.
*
Schnee auf Schnee gefallen,
helle Rätsel aus Kristallen.
*
Wie Nester, sanft im Schilf gewiegt,
ist unser Träumen leer, das Lied versiegt.
*
Der Liebe Bogen kann nur Saiten, wohl gespannt,
Harmonien entlocken, deren Stimmungen verwandt.
*
Was der Verstand uns nicht verdüstert, Azurblau,
von zarter Wimper rinnend, heller Tau.
Mnemosynes Hauch
Perlmutt der Tiefe, Schaum der Ozeane –
frag nicht, woher, zu welchem Zweck sie sind.
Verstand ist für den Teint der Anmut blind,
taub für die Vibration der Porzellane.
Wie Muscheln sind, Kristalle die Kulturen,
die eine wird mit Perlenglanz bedacht,
und jener schimmert Iris Farbenpacht.
Sie sind, wie Hamann wußte, Gottes Spuren.
Zerschlugen den Perlmutt die Eisenhämmer,
zerbrach die Hybris hohen Festtags Schalen,
hat Bacchus Feind den Wein verschüttet auch:
Noch lindern Tropfen Lichtes unsre Qualen,
die aus Erinnern rinnen, zartem Dämmer,
Laub, angeweht von Mnemosynes Hauch.
Was keiner je erklügelt
Keiner hat, was uns noch glänzt, erfunden.
Dem sie den Tempel bauten, Gott Apoll
hat offenbart sich erst im Glanz von Wunden,
in einer Quelle Sang, der wunders schwoll.
Doch einer sah, wie in den Kapitellen
der Säule Krone noch vom Ursprung spricht,
und ließ Akanthus aus dem Marmor quellen,
daß er den Geist bezeuge, Gottes Licht.
Keiner hat, was uns verblüfft, erklügelt,
der alten Sprache reiches Ornament,
die Formenstrenge, die graziös noch flügelt,
wenn schon des Abschieds fahle Sonne brennt.
Doch einer kreuzte unter blauen Winden
mit prallen Segeln aus dem Heimatbelt,
den Sinn in einer stillen Frucht zu finden,
an Küsten schimmernd, wo das Wort zerschellt.
Der Dichter schwieg
Die Alten kamen aus dem nahen Stift,
vor sich geparkt die Endspiel-Rollatoren.
Noch vor dem Krieg, dem Untergang geboren,
war klar ihr Blick, die Seele ohne Gift.
Ein trüb verharschter Schnee schien ihr Gebiß,
und die einst nährend sich geküßt, die Lippen,
Papier nun hastig ausgedrückter Kippen,
sie formten Worte ohne Bitternis:
Wer da hineingeht, wird hinausgetragen.
Doch sei uns Greisen noch vergönnt am Rand
des lauten Lebens eine Weile Ruhe.
Was mochte er vorm Sein zum Tode sagen?
Der Dichter schwieg. Kein Wort war, was er fand –
ihn würgte Staub wie aus vermorschter Truhe.
Rückblick auf Rilke
Fad ward uns bald das Rilkesche Soufflé,
leid, daß kaum angerührt es hohl versackte,
gereimte Tartes, in Seidenkrepp verpackte,
geschäumtes Eiweiß, unfruchtbarer Schnee.
Nur manchmal glomm ein Tropfen Blut am Mund,
wenn zarte Porzellanmadonnen brachen
und uns der Wahrheit harte Splitter stachen,
doch fielen sie in echolosen Grund.
Da haben wir wie Fromme lang gefastet,
um aufzutun der Elegien Schrein.
Und wirklich, unser schwermutstummes Darben
hat noch des Wortes reines Brot ertastet.
In stillen Dämmerlauben wuchs ein Wein,
der Seelen weckt, die fast an Sprachnot starben.
Die Schwermut und ihr Dichter
Der Schwermut müder Blick will sie noch schauen,
bevor die edlen Knospen abends blassen.
Der Sänger blauer Flaum scheint zu ergrauen,
sie werden bald die tote Stadt verlassen.
Sie schließt die Augen. Und im Traume raucht
das Licht des Honigs, der fast aufgebraucht.
Der Dichter mag den faden Brei nicht schlucken,
der zwischen Phrasen aufquillt, ungesalzen.
Ihm sollen Flammen aus dem Abgrund zucken,
der Anmut Schatten Valses tristes walzen.
Die er vorm Ahnenbildnis brennen ließ,
die Kerze duftet noch von Honig süß.
Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21
Aus welchen Fernen kommst du, süßer Klang?
Willst du ins Grenzenlose weitergleiten?
Bist du der Abschied oder Übergang?
O könntest durch die Nacht du mich geleiten.
Ich hab an deinen Ranken nur den Halt
wie einer Blütenkrone leises Zittern,
wenn die Erinnerung sich Tropfen ballt
und Liebe sagt, wie schmecken sie so bitter.
Du bist der Sehnsucht Licht, das bald vergeht,
kaum daß geschienen es ins dunkle Leben.
Die Blüte bist du, wenn ihr Duft verweht,
wenn noch des Falters zarte Fühler beben.
Die Vögel sangen süß, wo du geweilt,
aus Zweigen mit Orangen kamen Stimmen.
Der Früchte süßeste hast du geteilt –
o Küsse, die ans andre Ufer schwimmen.
Doch bringt uns Salz von mythisch-grünem Meer
ein stürmendes Gefühl, ein Brandungssausen.
Wir hoffen auf Selenes Wiederkehr,
daß deine Wogen uns ins Traumschilf brausen.
Interpretation durch Sviatoslav Richter:
https://www.youtube.com/watch?v=lncNcNtGkJY&list=RDlncNcNtGkJY&start_radio=1
Magie des Dichterworts
Am Reim kannst du den Einklang leicht erfühlen,
der rätselsüß aus jener Quelle weht,
wo ein Geschwisterpaar von Birken steht
und ihre Lenden feuchte Funken kühlen.
Und kommt die Nacht, magst du den Dichter fragen,
ob noch sein Wort vom reinen Azur blaut,
im lichten Garten, den er angebaut,
entrückte Bäume Purpurfrüchte tragen.
Daß schwebend wir im nächtig Grenzenlosen,
wenn schon erloschen ist ihr trunknes Licht
und ihre Sehnsucht bleiche Tropfen nähren,
noch atmen Duft imaginärer Rosen,
sanft tasten eins des anderen Gesicht,
soll uns Magie des Dichterworts gewähren.
Geh, Dichter, abseits
Im Gedenken an Peter Huchel
Was Hohn spricht Sinn und Form, gilt jetzt für schön.
Man preist des Stotterers unzüchtig Lallen,
als wär es ein Gesang von Nachtigallen.
Man rast bei eines hohlen Kopfs Gedröhn.
Die Warze, die Euterpes Mund entstellt,
erdrosselter Sonette Aasgerüche,
Eratos Herz, flambiert in Satans Küche –
der Pöbel pinkelt in den Quell der Welt.
Geh, Dichter, abseits nun zum Ahnengrabe.
Damit das wahre Schöne leuchte rein,
die grünen Schatten von der Inschrift schabe.
Mir glänzten Trauben auf im Musenhain,
was ich gepflückt im Herbst, gekeltert habe,
im Dunkel reifte es zu edlem Wein.
Anmerkungen zum Verständnis:
Peter Huchel, die lyrische Stimme der Mark, war lange Zeit Herausgeber der Ostberliner Literaturzeitschrift „Sinn und Form“, bevor ihn die lebenden Leichname von Pankow dem Klassenfeind in die Arme trieben.
Euterpe ist die Muse der lyrischen Dichtkunst, Erato die Muse der Liebeslyrik.
Das Monstrum Mensch
Das Monstrum Mensch, ein Untier ungehemmt,
sagt Schwermut uns, die still, was ist, betrachtet,
bedarf des Bändigers, vor dem es schmachtet,
bis er das Knie ihm in den Nacken stemmt.
Wenn zischend sich empor die Schlange reckt,
bringt sie des Fakirs Flöte bald zum Schweigen,
muß huldvoll sich vor scharfen Tönen neigen,
bis ihren Schlaf der Urne Schatten deckt.
Hoch müssen strengen Maßes Säulen ragen
und Götterbilder mit den Faltenwürfen,
die um die transparenten Glieder wallen,
auf Architraven, unbewegten, tragen.
Die aber schrien, daß sie alles dürfen,
verstummen, wenn sie in den Abgrund fallen.
Wir, dunkles Volk in Gosen
Dem Andenken an Stefan George
Schwebt noch von deinem Duft ein Molekül,
von deinen Dolden noch ein zarter Pollen,
blieb vom Gesang, dem treuen Moos entquollen,
ein Schauer uns, ein wehes Nachgefühl?
Die Luft ist trüb, verblaßt der Wolken Blau,
öd liegt der Park, wo wir den Kranz gewunden
im grünen Dämmergold der Abendstunden,
Ruß überdeckt der Birken weiches Grau.
Wo atmen wir noch Hauch zu hohem Leben,
wenn deiner Verse Astern, späte Rosen,
von Purpur herbstlich leuchtend dein Gedicht,
hinwelkten unter bräunlich-kranken Reben?
Wir sind verbannt, ein dunkles Volk in Gosen,
das nichts mehr weiß von Edens süßem Licht.
Anmerkungen zum Verständnis:
„Öd liegt der Park“ und die zitathaften Anspielungen beziehen sich selbstredend auf Georges berühmtes Gedicht „Komm in den totgesagten Park und schau“.
„Gosen“ bezeichnet in der Lutherbibel den östlichen Distrikt im altägyptischen Reich, in dem die ausgewanderten Hebräer gleichsam im Dunkel historischer Nichtexistenz vor dem Exodus überwinterten.
„Süßes Licht“ ist eine existentielle Grundmetapher im dichterischen Werk Stefan Georges, die eine schwingende Brücke zur deutschen Sehnsucht nach dem Südland und der von ihr genährten Utopie („Das neue Reich“, das Gegen-Reich zum dritten) schlägt.
Das zerrissene Sinngewebe
In Erinnerung an Charles Baudelaire
Krank nimmt dich wunder das gesunde Leben,
wenn es sich schamlos in die Sonne reckt.
Im Laubwerk dunkler Wißbegier versteckt,
bist du dem Glanz der glatten Haut ergeben.
Die bang vorm jähen Abgrund Sprache zaudern,
gern lauschen sie, wie Wasser heiter gluckst.
Dem Stotterer ähnlich, der herum nur druckst,
bezaubert sie der Schönen eitles Plaudern.
Dir ward das Sinngewebe blind zerrissen
von schlanker Hand, die du devot geküßt.
Der Rest ist Wirrwarr, Rätselfäden, lose.
O Flechten, Schlangen auf dem Marterkissen,
wie wild ihr würgtet, Gift habt eingeflößt,
bis welk sank hin das Wort, des Mundes Rose.
An Dämmers Saum
Dort schau, die täglich auferstehen
und glühen noch an Dämmers Saum.
Die aber dumpf vorübergehen,
eratmen an dem Dufte kaum.
Doch du, dem früher Krokus blaute
und reifte spät der Verse Wein,
lobst, wenn der Schnee der Schwermut taute,
den Glanz, mag er auch farblos sein.
Dort schau, die nimmer müde scheinen,
zu brennen in der hohen Nacht.
Die aber heiß im Dunkel weinen,
vergaßen schon des Abgrunds Pracht.
Doch du, dem gab das Licht zu denken,
das irisiert im Verskristall,
magst deine feuchten Blicke senken,
tönt liebender die Nachtigall.
Ariadne und der Gaukler
Kam der neue Gott gegangen,
hingegeben war ich stumm.
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos (Libretto: Hugo von Hofmannsthal)
Sie liegt an Naxos Strand allein.
Es plätschern die Najaden,
es säuseln rings Dryaden.
Ertauben fühlt sie Mark und Bein,
will in die Flut sich stürzen,
das Elend abzukürzen.
Da hemmt sie gleisnerischer Schein.
Es lächeln zärtlich Blicke,
es singt ein Gott vom Glücke.
Erglühen fühlt sie Mark und Bein,
will trinken von dem Munde
sich Kühlung ihrer Wunde.
Doch fließt mitnichten goldner Wein.
Es beißt in ihren Nacken,
es stechen garstig Zacken.
Ihr grunzt ein Borstenschwein.
Ein Gaukler war’s, nicht Bacchus –
nun mach, Ariadne, Schluß.
Auf einsamen Pfaden
Du wandelst, Dichter, Pfade, einsam-wilde,
da wuchert schon das Heidekraut.
Mit deinem Schatten sprichst du Worte, milde,
als wär er deine holde Braut.
Und keine Schwelle ist, die deiner harre,
wenn Abendhauch die Stirne kühlt.
Dich dünkt, als ob die trunkne Luft erstarre,
die früh der Weide Haar durchwühlt.
Hast du die Gipfelödnis noch erklommen,
liegt wie im Jenseitsdunst das Tal,
wo deine Blume auf dem Strom geschwommen.
Nun werden alle Verse kahl.
Ins Finstre will sich eine Flamme senken,
nah eines Kreuzes rauhem Stein.
Rief’s auf die Höhe dich, des Lamms zu denken,
in dessen Blut das Wort wird rein?
Der Sänger unter Krähen
Auf schilfumseufzter Wasser
traumgewundener Reise
wird alles Sehnen blasser,
Rauschen weich und leise.
Die Blüten, die wir streuten
vor geheimer Pforte,
wie fahl nun. Sie bedeuten
eine Nature Morte.
Wer mag den Sänger schmähen,
Forst fand er statt Wäldern,
krächzt nun mit Nebelkrähen
bei den Gräberfeldern.
Die Pfade brechen ab
Es scheint, als wären wir umsonst gewandert,
die Pfade brechen ab. Nur dumpfen Klang
ließ uns des Stromes leuchtender Gesang,
der fern zum stummen Abgrund hin mäandert.
Was uns der Ahn zur Wegzehr mitgegeben,
die Wabe voll des süßen Lichts ist leer.
Der tief geblaut, der Azur wurde Teer,
auf dem wie Mücken fahle Schimmer kleben.
Nun birg das müde Haupt in meinem Schoß.
Wie weicher Wind in Äolsharfensaiten
sei, was ich singe, dich in Schlaf zu wiegen.
Träum, sanft wärst du gebettet wie auf Moos.
Fühl aus der Höhe goldne Blüten gleiten,
zu künden, was mein banges Herz verschwiegen.
Ein Dichter an die Freunde
Wo aber sind die Freunde?
Friedrich Hölderlin, Andenken
Als euch am Dämmerpfad geleuchtet
die Blüte, die mein Lied gesät,
hat Abendtau sie mild befeuchtet.
Eilt, Freunde, es ist worden spät.
Daß nicht euch dumpfe Geister wirrten,
hab ich die Bienen ausgesandt,
die heiß um rote Knospen schwirrten.
Sanft war die Rose Wort entbrannt.
Als Odem floß aus grünen Lauben,
hat sanft euch in den Schlaf gewiegt
das dunkle Gurren meiner Tauben,
Vlies, das sich weich dem Traum anschmiegt.
Weckt auf euch zehrendes Verlangen,
ruft schon ins Offene der Quell.
Daß ihr nach Hause mögt gelangen.
trinkt, Freunde, euch die Seele hell.
Übermensch und Käfer
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die Evangelien und das Kommunistische Manifest verblassen; die Zukunft der Welt gehört Coca-Cola und der Pornographie.
Das Abendland wird tot sein, wenn es nicht mehr die Gegenwart Griechenlands in einer christlichen Seele ist.
Nicolás Gómez Dávila
Auch in Spiegelschrift geschrieben wird die Lüge nicht wahr.
Abschied ohne Grollen, oder was ärger wäre, verpaßten angeblichen Erfüllungen hinterherzujammern – wenn man der Wahrheit ins Angesicht zu blicken wagte, oder was schwerer wöge, ihrer Demaskierung als Illusion.
Der Tropfen am Eimer, der wir im fernen Angesicht des transzendenten Gottes des Jesaia sind, findet sich bei Klopstock wieder. Aber ist nicht das späte Hymnenwerk Hölderlins von diesem Naß gleichsam besprengt wie die Ranken des Weinbergs vom Morgentau?
In der Dämmerung sitzen und in eine unbestimmte Ferne stieren, und gefragt, was man gesehen, antworten: den Schatten des Monds am Grund der Seele.
Das von sich selbst bezauberte Ego, wie es uns lächelnd, plaudernd, Begehren weckend, in beständigen Metamorphosen einer gleichsam schillernden, leeren, transparenten Substanz bei Thomas Mann im Hochstapler Felix Krull entgegentritt.
Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Der Scharlatan, der rechtens von der Ost-Akademie wegen geistiger Unreife relegiert wurde, macht im Westen Welt-Karriere, indem er bis zur Erschöpfung aller ihm spärlich zur Verfügung stehenden künstlerischen Mittel das Bildmotiv auf den Kopf stellt.
Bewunderung ist das Mittel, sich vor dem verstörenden Eindruck des Vollkommenen in sich selbst zu retten.
Was geht’s mich an – die Formel, die uns, ins Meer der Elendsbilder verschlagen, als Rettungsring dient.
Gaias Küsse kann der Dichter ihr nur rauben. Doch geraubte Küsse schmecken bitter.
Wir sind gleichsam schräg in die Tierwelt hineingestellt.
Kostspielige wissenschaftliche Idiotie spricht von Gehirnen, die denken, von Affen, die sprechen und kulturelle Traditionen weiterreichen.
Wenn sich schräge Vögel vor dem Spiegel von Gedichten, wie manchen Rilkes, plustern, kann sein Kristall nicht ganz frei von Trübungen sein.
Wir sind wie das Gras. – Ausdruck der Erhabenheit der jüdischen Gottesidee.
Weil wir in dieser Weltstunde erwachten, sind wir nicht gehalten, diejenigen, die uns vorausgingen, zu verwerfen oder zum unantastbaren Maßstab zu nehmen.
Die dumpfen Schreihälse eines auf Sand gebauten tausendjährigen Reiches haben es vermocht, selbst einen edlen Geist wie Thomas Mann in hohl klingende rhetorische Wendungen zu verstricken.
Propheten, die ein Volk um sich scharen, das ihrer Kunde willfahrt oder trotzt, dürfen sich rechtens erwählt fühlen. Hölderlin, dessen Spätwerk sowohl den Geist Pindars als den Jesaias atmet, dieser Prophet ohne Volk, der sich dennoch erwählt glaubte, mußte den Verstand verlieren.
Prophet ohne Volk, das verkannten die marxistischen Exegeten Hölderlins.
Kränkung muß ja kommen. Schon der erste Strahl, der blendet, genügt.
Wittgenstein, der wähnte, alle philosophischen Probleme gelöst zu haben, glaubte sich in das einfache Leben als Dorfschullehrer in der österreichischen Provinz zurückziehen zu können. Vergebens. In neuer Gestalt klopfte die Frage wieder an die Pforte seiner bescheidenen Behausung.
Der Scharlatan, die heute herrschende Figur unter den sogenannten Kunstschaffenden, kann ja die anderen nur betrügen, wenn er sich selbst betrogen hat oder in dem lebt, was der französiche Moralist mauvaise foi nennt. Er lügt demnach nicht, denn wer lügt, kennt die Wahrheit.
Die ungelesenen Bücher, die sich neben dem Bett des Erblindeten stapeln.
Le style c’est l’homme. – Nein. Goethe, der in allen möglichen Stilen hat dichten, aber auch leben können (im blauen Rock und im Staatsfrack), war darum keine multiple Persönlichkeit.
Der treue Assistenzhund, der den drohenden epileptischen Anfall wittert, noch bevor sein Besitzer die anbrandende schwarze Woge verspürt – er ist ebenso weit von der Welt des Menschen getrennt wie die Blüte von der Welt der Insekten, die sich von ihrem Nektar nähren.
Die Rose Dantes duftet nicht, und ihre Farbe ist ebenso surreal wie der engelhafte Teint seiner Beatrice.
Die Früchte sind reif, bevor sie fallen. So auch, wenn Gott will, unser Geist.
Die Pracht von Wohlgeformtheit und Farbe, die Süße des Fruchtfleischs sind Lockmittel für die Vögel und andere Tiere, die die herabgefallenen Früchte verzehren und damit einem Zweck dienen, von dem sie nichts wissen.
Geisteskrank durch Meinungen, die sich Viren gleich in den Blutkreislauf des Gegenwartsmenschen schlichen.
Alle suchen sich gegeneinander abzuheben mit den Abzeichen und Insignien ein und desselben vulgären Geschmacks.
Demokratische Prozeduren im Aufklären der Wahrheit führen zu ihrer völligen Verdunkelung.
Das Sublime gilt dem Massengeschmack für ein Zeichen von Lebensuntüchtigkeit.
Die satanische Ästhetik ist vulgär, daher ihre mahlstromartige Anziehungskraft.
Demokratie in Kunstdingen heißt Massenfabrikate und serielle Geschmacklosigkeiten.
Im Schatten von Fassaden ohne Gesicht verblaßt auch die Physiognomie der dichterischen Sprache.
Das sublime Gebilde, Muschel, herangereift im Dunkel des Einst, an den Strand geschwemmt von verebbenden Fluten, von den Hämmern des Fortschritts wird es zerschlagen.
Nach oben zu schauen, in ein Licht, das reiner strahlt als die Funzel der Mittelmäßigkeit, gilt schon als Hochverrat am Ideal der Egalität.
Die Chöre der Engel haben Ränge, und die Erwählten dürfen sich getrost an den Säumen aufstellen, um ihre Stimme bedachtsam in den Gesang zu mischen. In der Hölle grölen alle wie aus einer Kehle.
Am Virus des Zeitgeists Erkrankte wittern am edlen Reis, das in der Abenddämmerung schimmert, nur den eigenen Fäulnisgeruch.
Emanzipierter Schwachsinn pocht auf die Überwindung aller Vorurteile und hält sich selbst für vorurteilsfrei. Doch jenem, der auf seinem eigenen Urteil besteht, verpaßt er einen Maulkorb.
Berechtigte, erfahrungsgesättigte Vorurteile halten uns auf Distanz von jenen, die uns übel wollen.
Etwas zähneknirschend zu dulden heißt nicht, es zu billigen.
Welche Peitsche hat der Geist wider die Dämonen, die ihn umlauern?
Der Dompteur will sogar, daß sich die Bestien beim Knallen der Peitsche, wenn auch knurrend und widerstrebend, anmutig, ja tänzelnd bewegen.
Tauben sind nicht monogam, sondern instinkthaft aneinander gebunden.
Monogamie ist eines der kulturellen Muster, die zur Blüte der abendländischen Kultur beigetragen haben.
Daß es Höherbegabte und Genies gibt, stört den gemeinen Mann keineswegs; nur den ideologisch verhetzten.
„Volk“ ist ein aristokratisches Konzept.
Der Antirassist ist verstört und empört angesichts der unabweislichen Tatsache, daß Begabungen und Idiotien ungleich über Rassen, Völker, Nationen und Kulturen verteilt sind. So sind ja auch die Begabungen von Mann und Frau genetisch sinnvoll differenziert auf die Geschlechter verteilt. Deshalb faszinieren den Gleichheitsfanatiker wenn auch heimlich die Vorhaben, der Egalität durch Eingriffe in die Keimbahn auf die Sprünge zu helfen.
Reinheit ist das theologische, metaphysische und rituelle Ideal des frommen Judentums, eine unmittelbare Implikation der transzendenten Gottesidee, die bis auf die Unterscheidung reiner und unreiner, also zum Opfer geeigneter und nicht geeigneter Tiere, und auf die rituelle Kleidung und das asketische Leben der Tempelpriester ausstrahlt, wie man den anthropologischen Studien einer Mary Douglas entnehmen kann. – Deshalb hat die Obsession des Antirassisten von der Vermischung der Völker und Kulturen unterschwellig stets ein antisemitisches Moment.
Reinheit ist auch das ästhetische Ideal metaphysischer Dichtung, ob bei den englischen Dichtern des 17. Jahrhunderts wie Gerard Manley Hopkins oder im Hymnenwerk Hölderlins: Ein Rätsel ist Reinentsprungenes.
Vom klanglichen Wohllaut und rhythmischen Ebenmaß der Oden Hölderlins läßt sich sagen, sie seien makellos.
Die Überhastung im Denken, Reden und Tun, mit Goethe zu sprechen, reißt nicht nur Individuen, sondern ganze Völker, Nationen und Kulturen in den Abgrund.
Zeichen von Unreife: etwas sein wollen, was man nicht ist.
Nur Selbstverblendung wähnt, aus einem Grundsatz alles ableiten zu können. – Aber die Begründungen brechen unvermutet ab oder verdünnen sich an den Rändern des Sagbaren bis ins Unsagbare hinein.
Hochmut oder Demut, dazwischen gibt es nur Lauheit und Mittelmaß.
Demut: Also hat der Mensch von Natur aus kein Recht.
Selbst die Rede von der Pflicht grenzt, wie bei Kant ersichtlich, an Anmaßung.
Wie lächerlich, eine erbarmungswürdige Kreatur wie den Menschen vergötzen zu wollen. Wie paradox der Glaube, der transzendente Gott habe sich in ihr inkarniert.
Die im Futteral staatlicher Fürsorge verwahrte Seele erstickt.
Nach dem Tode Gottes erscheint nicht im Glanz seiner Selbstermächtigung der Übermensch Nietzsches, sondern der in einen Käfer verwandelte armselige kleine Handlungsreisende Kafkas.
Der erste Schrecken ist das Ausgesetztsein in blendendes Licht, der letzte das nahe Dunkel, das uns aller Bedeutung beraubt.
In Bruckners letzten Sinfonien bricht die Transzendenz so unvermittelt herein, als würde der Himmel einstürzen.
Dem Einbruch der Transzendenz geht das apokalyptische Chaos voraus – so auch in Bruckners 8. Sinfonie.
Mein Reich ist nicht von dieser Welt. – Also hat diese Welt keinen inhärenten Sinn. (So postuliert es auch Wittgenstein im Traktat.)
Es gibt einen transzendentalen Humor, der das Grauen für gesegnete Augenblicke von sich abstreift.
Wenn der Priester seine Blicke nicht zu Gott erhebt, sondern den Rücken nach Osten gewandt gleichsam den hereinbrechenden Strahl verdeckt und auf Augenhöhe zur Gemeinde schaut, wird die Liturgie ihres reinen Sinnes beraubt.
Sie beten nicht um Erlösung, sondern betteln um Therapie.
Wittgenstein lehrt, die Gründe in der Schwebe zu lassen, die Knoten der uns bedrängenden Rätsel geduldig zu entwirren und den Zweifel in Zweifel zu ziehen.
Wer das Profane nicht als Profanes erkennt, ist schon des Teufels.
Die Irrtümer und Irrlehren des Zeitgeistes kann man ihm nicht widerlegen; man kann nur auf seinen Untergang hoffen.
Sinnesreizen wie Klängen nachzugeben befriedigt, solange wir der Gefangenschaft, des sensorischen Verhaftetseins, nicht innewerden. Doch blicken wir durch das Gitterwerk, das Reize und ästhetische Wahrnehmungen verbindet, sind wir gleichsam geistig gelockert und vermögen allmählich Sinnzusammenhänge wie die Formen eines Sonatensatzes, die Struktur einer Fuge oder die metrisch-rhythmische Gestalt einer Ode ahnungsweise oder divinatorisch aufzufassen.
Was wir mit ästhetischen Reizen assoziieren, ist oft, da aufgrund von Gewohnheit konditioniert, konventionell, wie das Bild der Rose mit ihrem Duft oder dem dichterischen Symbol von Schönheit und Fülle. Der Maler, der in einer Nature morte unter die Rose einen herabgefallenen, toten Falter plaziert, sagt uns schon mehr.
Der Dichter, der vom Fächer spricht, und uns zumutet, sein Gedicht selbst als einen Fächer aufzufassen, hinter dem sich geheimnisvoll ein Antlitz verbirgt, gibt uns mehr als eine hergebrachte Assoziation, berührt einen tieferen dichterischen Sinnzusammenhang.
Auf ein transparentes Hindernis, ein unsichtbares Rätsel stoßen, wie die Fliege in Wittgensteins Fliegenglas.
Auf der Nadelspitze des zu Ende gedachten Skeptizismus – tanzen.
Zeitgemäßheit ist der Fetisch der Ephemeren.
Der Mensch entwickelt sich nicht, sondern versprüht sich wie der Komet seinen Schweif im Dunkel der Weltenleere.
Würden all unsere Wünsche wie durch schwarze Magie augenblicks erfüllt, wäre die Erde menschenleer.
Der Fährtensucher biegt unvermutet ab.
Die reiche Palette der alten Meister. Doch könnte man auch mit Nuancen von Grau alles Wesentliche darstellen.
Zeichen des Verfalls
Den Dünkel, wolkenwärts den Kopf gereckt,
siehst latschen du in einen Haufen Scheiße.
Der Goethes Sprache stolz mit Kot verdreckt,
will, daß man Erbe ihn des Meisters heiße.
Der Kranke, Tinnitus nimmt ihn arg mit,
muß seinen Kopf ins dumpfe Kissen wühlen.
Der Mozarts Muse in den Hintern tritt,
reißt die betäubten Hörer von den Stühlen.
Vor finstrem Himmel zeigt uns Grünewald
wie Christi Finger unterm Nagel krampfen.
Der Scharlatan dreht um die Sinngestalt,
läßt Füße wild ins Bodenlose stampfen.
In dunklen Wehen ward einst Hölderlin
in Herthas Wald vom Hymnenwerk entbunden.
Der Simulant, ihn kitzelt Dichterspleen,
läßt Kunstblut tropfen aus erlognen Wunden.
Der Dichter trug die Scheite
Nächtlich seufzen auf die feuchten Scheite
unter deiner Schwermut rauhem Hauch,
daß der Funken roter Chor sich breite
und der Sang ins schwarze Schweigen tauch.
Weit hast du die schwere Last getragen
aus dem Wald, wo einer Nymphe Quell
dich beschwor mit weich umschilften Klagen,
Nacht, sie werde unter Flammen hell.
Und du trugst das Holz zum kalten Herde,
wo sich unsrer Träume Asche härmt.
Laß die Fremdlinge der harten Erde
fühlen, wie das Herz Gesang erwärmt.
Und erlischt er auch nach kurzen Stunden,
Mnemosyne sinnt ihm lange nach,
wenn die Kruste unverheilter Wunden,
daß sie glänzen, heißer Puls zerbrach.
Wunder des Verwindens
Wie überkrustet scheint die alte Weide,
wo sie des Abgrunds Feuer hat versengt.
An schwarzer Narbe schimmert grüne Seide,
von Tropfen Lichtes huldvoll übersprengt.
Du geh vorüber, sanftem Sang zu danken,
wenn im Gewog des Schilfes Nester schwanken.
Wo ihr ein Sandkorn in das Fleisch gedrungen,
umschlingt mit Perlmutt es die Muschel Jahr
um Jahr, bis ihr das Wunder ist gelungen,
die Perle glänzt, wo eine Wunde war.
Du aber halte sie ans Ohr, zu lauschen,
wie deiner Sehnsucht ferne Meere rauschen.
Der Blick, der dich getroffen, hat geblendet,
so gingst du vor der Liebe in die Knie,
hast dich ins Laub der Dämmerung gewendet,
bis Tau dir milden Glanz zum Lied verlieh.
Uns aber, die durch harte Strahlen gehen,
schenk deiner Verse abendkühles Wehen.
Liebe geht zum Grabe
Und gehst du einsam hin zu seinem Grabe,
fühlst du das Weh, des Abends trunknen Hauch.
Wie sticht das Wort, o Dorn am Rosenstrauch,
daß leer von Süße fast des Herzens Wabe.
Du schabst vom Mal das Moos, den grünen Schatten,
daß geisterhaft der Name dir erscheint,
um den du bange Nächte hast geweint,
bis Schilf des Schlafs ließ rauschend dich ermatten.
Die Kerze schiebst du in die Grablaterne,
erst blakt sie dumpf, dann sinnt die Flamme rein.
Der Spruch zuckt wie ein Irrlicht in der Ferne:
O daß vereint wir wieder könnten sein
und schweben Traum an Traum, entrückt als Sterne,
die wahr sich fühlen in des andern Schein.
Sonett um heitere Entsagung
Die Pfade, die sich in das Dunkel schlingen
und münden fern an Buchten, muschelhellen,
umrauscht von trunkner Verse blauen Wellen,
zu müde sind wir, daß wir sie begingen.
Die Sonnentrauben, die dem Südlicht glücken,
erlesen in der Früh von braunen Händen,
daß feuchtes Gold dem Festtag sie einst spenden,
zu schwach ist unsre Hand, sie noch zu pflücken.
Wir sehen nur, ans Fenster schlaff gelehnt,
den Schaum des Abendlichtes über Hängen,
wo schon zum Mond aufquillt ein Traumgelalle.
Wir fühlen nur, wie sich vergebens sehnt
das kalte Herz nach glühenderen Sängen
und wärmen es im Schnee der Verskristalle.
Das zerrissene Vlies des Schlafs
Dir war bestimmt, an nackter Füße Ballen
den Wurm zu fühlen und den Staub.
Da hörtest du ins Dunkel Seufzer fallen,
des Sommers Pracht, das rote Laub.
Und schienen sehnend Augen aufzuschimmern
aus wilder Ranken Düsternis,
war es des Sternenabgrunds kaltes Flimmern,
gleich trunknen Blicken des Narziß.
So hast in Grases Vlies du dich gewickelt,
daß Schlaf dir raube Sinn und Halt.
Doch hat die weiche Hülle dir zerstückelt
der Bakchen wüste Traumgestalt.
Das Widerspiel
Du siehst den Pfau, gemalt im Gegenlicht,
das durch den aufgespannten Fächerbogen
mit seinen blauen Jenseitsaugen bricht.
Doch hinter ihm, im hohen Gras das Skelett,
mit Pinselstrichen feinsten Haars gezogen,
die Knochen, bleich auf weicher Moose Bett,
der Schönheit Widerspiel, das siehst du nicht.
Du hörst den Vers, als rausche das Gedicht,
ein Wasser, sanft durch grüner Nächte Matten,
als ob der Stromgeist mit sich selber spricht.
Doch über ihm das Knistern im Geäst
des Weltenbaums, wenn rauh die Schar der Schatten
der Nachtwind schüttelt aus der Träume Nest,
des Wohllauts Widerspiel, das hörst du nicht.
Anmerkungen zum Verständnis:
Der Pfau steht in der antiken und christlichen Ikonographie für das Reich der Schönheit und Unsterblichkeit, Eden und das Paradies.
Der Weltenbaum Yaggdrasil symbolisiert in der germanischen Mythologie die Achse der Welt, die die vier Reiche der Götter, Menschen, Tiere und Toten verbindet. Der Nachtwind, der seine Äste zum Knistern bringt, kann wohl seine Bewohner aus den Nestern des Traumes schütteln, doch bleibt die mythische immergrüne Esche auch in dem hier angedeuteten zyklischen Weltuntergang, dem Ragnarök, unbeschadet stehen, sodaß die entflohenen Tiere, seine angestammten Bewohner, der Adler, der Drache und das Eichhörnchen, wieder zu ihm zurückkehren können.
O Hauch des Quells
Bist nah du noch, der uns die Stirn gekühlt,
als wir durch dürres Dickicht sind geschritten,
die Glut der Sommereinsamkeit durchlitten,
o Hauch des Quells, von Hufen aufgewühlt –
hat uns ein Gott an ihren Saum geführt,
klang blaues Rauschen aus der Dämmertiefe,
daß uns der Mund von süßen Liedern triefe,
der Bann sich löse, der das Herz umschnürt.
O Hauch der Muse, hat dich Sturm entrückt,
der salzig aus der Wüste aufgestiegen?
Hat deinen Odem Düsternis erstickt,
als in Kolonos Hain die Vögel schwiegen?
Blieb nur ein Herz, von wildem Wahn zerstückt,
ein Schmerzenshaupt, das schwarze Wellen wiegen?
Anmerkungen zum Verständnis:
Der Musenquell auf dem Berge Helikon wurde laut Hesiod von den Hufen des Pegasus, der mythischen Verkörperung der Dichtkunst, aufgewühlt.
In der Tragödie des Sophokles „Ödipus in Kolonos“ führt den blinden Heros seine Tochter Antigone, bevor er am Ende von dort entrückt wird, in den Hain von Kolonos, als die Nachtgallen ihren Gesang anstimmen.
Das Schmerzenshaupt ist der Kopf des Orpheus, der von den Bakchen abgehauen noch auf dem Wasser schwimmend seine Klagen um Eurydike gesungen haben soll. Der Anklang an die christliche Ikonographie ist nicht zufällig.
Frag, ach frage nicht
Hades will kein Rosenwasser trinken,
Rose nicht nach Grabesfäule stinken.
Steigt der Ruf des Muezzins, Fontäne,
aus der Hinterhöfe Lärm, dem trüben,
frag, wo sind die Glocken nur geblieben,
wo die sich im Wind gedreht, die Hähne.
Die picken Körner aus der Schwermut Hand,
und jene flogen in ein fernes Land.
Wackelt hier der Schwarzen Arsch, der pralle,
siehst du dorten Dreadlocks-Schlangen wüten.
Frag, wo sind der Anmut Lilien alle,
wo die edlen Herren mit den Hüten.
Die einen wehte fort ein rauher Sturm,
den andren fraß den feinen Nerv der Wurm.
Wirst du wach, weil dunkle Kehlen schrien,
sich in deinen Traum Schakale drängen,
frag, ach frage nicht nach reinen Klängen,
nicht nach heitrer Seele Harmonien.
Die einen sind erstickt in Babels Strom
und die am Geist der Zeit, Gift, stark wie Brom.
Die Rose und das Wort
Dem Andenken an Stefan George
Sie zögert noch, die Lider aufzutun,
als wolle sie den Duft im Innern wahren.
Doch muß die Blütenpracht sie offenbaren,
denn Eos’ Finger lassen sie nicht ruhn.
Ob wohl der Falter, der herangeschwebt,
für ihre samtene Anmut hat noch Augen,
wenn seine Lippen gierig Nektar saugen –
sie bleiben stumm, vom Seim der Lust verklebt.
Daß, Dichter, dir der Sehnsucht Vers mag nähren
ein Wohlgeruch, der fern aus Eden weht,
von Rosen, ungeschaut, imaginären,
er Schönheit künde, die nicht untergeht.
Kein blinder Geist der Zeit soll sie verheeren,
solang das Wort des Sehers fortbesteht.
Frühlingssonett
Wie aus den Ritzen zartes Grün gesprossen,
da wir noch in den Dämmerlauben schliefen,
hat uns geträumt. Beflaumte Kehlen riefen,
als hätten Südens Lüfte sie umflossen.
Ich fühlte deine Wimpern auf den Wangen
wie einer trunknen Hummel Fühler zittern.
Ein Strahl, der Knospen weckt an Schattengittern,
hat jäh dein Blick mein dunkles Selbst umfangen.
Der Tag ward uns zum Vlies, weich hingebreitet,
bestickt mit Veilchen, Astern, Anemonen,
und nackte Haut zu kitzeln, Seidengräsern.
Die Nacht hat uns der Seele Raum geweitet
mit blauen Tönen aus entrückten Zonen,
als rieben Engel sacht an feuchten Gläsern.
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