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Apr 16 26

Nachts gelehnt am Fenster

Lehnst wieder still am Fenster, atmest tief
die tiefe Nacht, ob noch ein Duft dir weite
die bange Seele, daß sie südwärts gleite,
woher die Schwester, die entrückte, rief.

Kein Ruf kam, der dich meinte, kein Gesang,
nur aus der Ferne rätselhaftes Wehen,
als würden Geister durch die Marken gehen
und Moose seufzen unter ihrem Gang.

Schon wolltest sinken du in Traumes Spalten,
der unerlösten Liebe Labyrinthen,
als jäh ein Wohlgeruch dich aufgehalten,

ein linder Frühlingshauch von Hyazinthen.
O Dank den Musen, die noch nächtens walten,
den schwermutkranken Dichtern wohlgesinnten.

 

Apr 15 26

Sonett vom zugefrorenen See

Die Seele starrt, ein zugefrorener See.
Im Dunkel schimmern Lichter aus der Tiefe,
als ob am Grund gebannt die Nymphe schliefe,
Pech ist ihr Haar und ihre Lende Schnee.

Es lugt der Mond herab, der alte Schalk,
ob schäkernd er empor sie könne necken.
Sein Lächeln bleibt im Wehn des Tanges stecken,
es rieselt ihr ins Herz wie schnöder Kalk.

Ist keine Sonne mehr, das Eis zu tauen,
daß Anmut mag ins Schilf des Ufers steigen,
der Seele Sinn zu lösen aus dem Grauen?

O sanfte Küsse unter grünen Zweigen,
wo Nachtigallen ihre Nester bauen
und singen, wenn gestillte Herzen schweigen.

 

Apr 14 26

Das Rieseln in den Mauern

Nachts schreckt ihn auf ein Rieseln in den Mauern,
als wären unterhöhlt sie schon von Gängen,
in die sich Satans Mäusescharen zwängen.
Nachts lassen dunkle Träume ihn erschauern.

Tags sieht Lemuren er vorm Fenster schleichen,
die Geister seines nicht gelebten Lebens.
Sein Winken und sein Schreien sind vergebens,
kein Odem kann den Totengeist erreichen.

Und liegt er in der Gosse hingestreckt,
kommt Nachbars Hündchen, das er gern gefüttert.
Wie Liebe tut, fühlt er das Herz erschüttert,
wenn es ihm seine leeren Hände leckt.

O deine Verse surrten wie die Biene,
die sich verfing im Wehen der Gardine.

 

Apr 13 26

Die verwüstete Kapelle

Als spät wir noch den Uferweg gegangen,
aus Schilfen kam ein halb geträumtes Singen,
schien Lust und Leid in einem Ton zu schwingen,
was einsam west von einem Hauch umfangen.

Und klommen wir empor zur Waldkapelle,
im Schlaf der Fenster träumte Abendröte,
war mir, daß seinen sanften Gruß entböte
ein Engel auf der weich bemoosten Schwelle.

Die hohen Bilder, sie sind nun zertrümmert,
des Engels Flügel Splitter auf den Fliesen.
Man brach die Finger, die nach oben wiesen.
Fahl starrt das Moos, das Sinngrün ist verkümmert.

Wo Lilien noch in keuschen Händen ragen,
kein Dichtermund ist mehr, es uns zu sagen.

 

Apr 12 26

Wie einsam ist die Nacht

Dir glänzten einst im Rebendämmer Trauben,
und in des Grames Falte floß ein Licht.
Da sank wie Tau hernieder das Gedicht,
als tropften Verse von behauchten Lauben.

Wie helle Tränen mußten sie verrinnen,
es seufzte unterm schweren Schritt das Moos.
Wie einsam ist die Nacht, das Menschenlos,
wenn ihren Reigen Stern um Stern beginnen.

Der Liebe Bildnis scheint verblaßt, verschollen,
wie jenes Haupt des Sängers auf dem Fluß,
aus dessen Munde noch hervorgequollen

die Schreie nach der Eurydike Kuß.
Gieß den von bittern Träumen übervollen,
des Liedes Becher aus, o Genius!

 

Apr 11 26

O Träne, quille

Was wir noch sagen, soll in Ruhe stehen,
wie auf dem Tisch der irden-blaue Krug.
Ein Bund von lichten Astern ist genug,
wenn vagen Dufts Erinnerungen wehen.

Wie dumpfes Sirren einer Eintagsfliege,
die sterbend gegen eine Scheibe stößt,
dünkt uns das Weltgetümmel unerlöst,
bis endlich es verstummt am Boden liege.

Ein dunkles Rauschen von den Strömen her
belebt uns, wenn wir schweigen, sanft die Stille.
Gesang der Sehnsucht nach dem fernen Meer,

daß er die Muschel unsres Traumes fülle
von jäh entrückter Liebe Wiederkehr.
O Träne, stumm-beredte Botin, quille.

 

Apr 10 26

Der Dichter vor dem Schicksal

Heroisch dunkler Macht den Sinn verwehren,
vor der wir wie ein Schaum auf Wassern sind,
die mit ihm in den Abgrund stürzen blind,
dies scheint, was die antiken Weisen lehren.

Die Welt bleibt, wie sie ist, ein Traumgeschehen,
in dem sich Traum um Traum gebiert, verschlingt.
Was süß die Nachtigall im Dämmer singt,
im bittern Rauch des Tags muß es verwehen.

Wie eine Rose an den Schattengittern
magst du dich auftun einem fernen Licht,
damit es aus des Mundes Blume spricht,
dich mutlos neigen auch, um zu verwittern.

Hast du die Wahl, zu sinken, aufzuschweben?
Kann nur ein Gott uns aus dem Dunkel heben?

 

Apr 9 26

Ermunterung für junge Dichter

Dein Lied, o Dichter, sei wie blaue Veilchen,
die lauer Hauch der Sommernächte kost,
wie eines roten Mundes weicher Trost,
der uns geküßt und summte noch ein Weilchen.

Scheu dich vor Worten nicht, auch scheinbar schlichten,
sie sind wie Tropfen, matt auf trübem Glas,
doch leuchten sie, Geschmeide von Topas,
wenn Abendsonnen Abschiedsoden dichten.

Auch leise Reime können uns entzücken.
Wie vager Duft von fast verblaßten Rosen
kann uns dein Vers gen Eden noch entrücken.

Nur laß das Scheppern mit verbeulten Dosen,
das wichtigtuerische Sinn-Zerstücken –
doch parfümierten Schmu auch, seelenlosen.

 

Apr 8 26

Abendliches Trost-Sonett

Daß Mozarts Serenade, Wohlklang übertöne,
was gluckst und schluchzt in Sümpfen, trüben,
der Schimmer, der vom Angelus geblieben,
uns mit dem Dunkel, das ihn schluckt, versöhne.

Im blauen Azur wölket, was gesungen,
der aus dem Turm geschaut auf Neckars Auen.
Wo Wogen sich am Fels der Schwermut stauen,
ist schon der leichte Schaum ins Lied gedrungen.

Neigt auch basaltnes Mal sich, das bemooste,
und sind fast blind, die lasen einst die Namen,
noch fliegen auf vom Ahnengrabe Samen,
uns, den enterbten Enkeln, wie zum Troste.

Die zuchtlos Mißklang in den Sümpfen laichen,
bald brennt der Hymne Strahl, und sie erbleichen.

 

Apr 7 26

Wenn sich die Narzissen wiegen

Wenn sich die Narzissen wiegen
müd im lauen Abendwind,
will ich schweigend bei dir liegen
und dich atmen hören blind.

Grellen Tages dunkles Wollen,
das sich würgend um uns schlang,
aufgelöst ist es, verschollen
in der Seelen Zwiegesang.

Fernhin sank das kalte Lärmen,
das den zarten Sinn betäubt,
ins Geschluchz von Vogelschwärmen,
Wasser, das vor Sehnsucht stäubt.

Die ein Dämon schlug, die Wunden,
daß er unser Herzblut sog,
hat ein Engel sanft verbunden,
der aus Eden zu uns flog.

 

Apr 6 26

Einmal noch, Persephone

Ins Dunkel mündeten die Stromgesänge,
versickernd wie der goldne Wein der Sage.
Was sproßte, blich an Ceres’ wilder Klage,
daß sich im Winterlicht der Schatten länge.

Verschneit glänzt fahl im Mond der Sonnenhügel,
wo Arm in Arm wir still ins Grüne wallten,
nach sanftem Bilde tastend, Traumgestalten,
vom Reif getrübt doch ward der Seele Spiegel.

Nun aber hört den Ruf Persephone,
nun darf sie aus dem Hades sich erheben,
wie sich zu Eos hebt die Blütenkrone.

Daß einmal wir noch wandeln unter Reben
und schlummern sanft, umhaucht von rotem Mohne,
mag schon das Herz vorm Neid des Dunklen beben.

 

Apr 5 26

Österliche Vierzeiler

Als wolltest schlürfen du den Tau, den bittern,
aus fahlen Kelchen, die im Nachtwind zittern.
Doch glänzt ein Kelch, gefüllt mit süßem Lichte,
ein Wort, das uns entreißt dem Weltgerichte.

Als möchtest du im dunklen Winkel schmollen,
ein Kind, dem man verwehrt, herumzutollen.
Doch angenagelt hängt an Fuß und Händen,
der dir das Herz der Unruh könnte wenden.

Als wärest du vom Druck des Dämons trunken,
der wie ein Stein dir auf die Brust gesunken.
Doch auf dem Felsen vor dem Grabe lohte,
der ihn gewälzt, des Himmels Flammenbote.

Als wolltest du, verfolgt von wüsten Stimmen,
aufs steile Ufer, wo sie branden, klimmen.
Doch Patmos ist das Eiland, das dich rettet,
wo Kranke man aufs Moos der Stille bettet.

 

Apr 4 26

Österliches Bittsonett

O Wort, du Lichtkeim, den hinweggeweht
ein Todeshauch aus einem Abgrund finster,
blüh einmal auf in einem Feuerginster,
wo ein Erschlagner aus dem Staub ersteht.

O Holz, gewurzelt einst im Paradies,
du warfest deinen Schatten uns zur Sühne,
trag einmal goldne Früchte noch, ergrüne,
wo sich der Unschuld auftut das Verlies.

O Schrei, der sich vermischt mit tausend Schreien
aus Herzen, die zerquetscht ein Marterrad,
kehr heim in einer Hymne leisem Schneien,

daß leuchte unsrer Nächte Leidenspfad
und Seufzen wandle sich in Benedeien,
wo uns der Gnade sanfter Engel naht.

 

Apr 3 26

Die stille Stunde

Mag zarter Sproß uns, junges Grün genügen,
das hell an Birken leuchtet, blaß an Gittern,
wo frühe Knospen noch in Träumen zittern,
und der Forsythien Sich-im-Goldrausch-Wiegen.

Daß wir im Abseits eine Bank noch fänden,
im Sack den Daseinsvorrat schon vergaßen,
die Flucht der Schatten nicht mehr daran maßen,
ob steigt das Licht, ob unsre Tage enden.

Doch war uns nicht vergönnt die stille Stunde.
Bald hat ein Großkotz dreist sich hingepflanzt,
leckt sich die Lippen, daß er frei bekunde,

wie heiß die Hure Leben ihm getanzt.
Als schände Euphrosyne eine Wunde,
hat sie im Turm der Schwermut sich verschanzt.

 

Apr 2 26

Als dunkel Pan geflötet

Kristalle schimmern noch auf ihren Wangen,
wie Tau der Nacht auf welkem Blütenblatt.
Ihr Blick ist von den Fieberträumen matt,
worin gezischt ihr der Medusa Schlangen.

Und ihre Haare wogen an den Brüsten,
den Inseln, wo gestrandet jüngst ein Kahn.
Den zog ins Ferne hin kein Märchenschwan,
denn gramumschäumt sind diese schroffen Küsten.

Ins weiße Linnen hüllt sie sanft den Toten,
doch wie der Mohn, der Krokusmatten rötet,
durchsickern es des Grauens stumme Boten.

Du fragst, warum wohl zarte Hand getötet.
Haß war’s und Liebe, ein verschlungner Knoten,
den sie zerschnitt, als dunkel Pan geflötet.

 

Apr 1 26

Der musisch begabte Dämon

Früh kriecht er aus dem fäulniswarmen Sumpf.
Die Augen sind von gelbem Traumwachs trübe.
Als ob das Licht zu schauen er noch übe,
zieht langsam er aufs Gras den weichen Rumpf.

Vor Sehnsucht nach graziösen Gliedern krank,
schweift er durch Halme, züngelt an den Dolden,
ob sie dort taumeln, rosig lockend, golden,
und süßlich wird sein Unterweltsgestank.

Wie träumerisch er zarte Falter kaut,
ein Schluchzen mischt sich ins Hinunterschlingen.
Doch während er der Elfe Herz verdaut,

hebt an wie Orpheus er voll Charme zu singen.
O welche Muse hat ihm zugetraut,
das feuchte Linnen Rilkes auszuwringen?

 

Mrz 31 26

Der Aufstand des Hühnervolks

Mulieres taceant in ecclesia. 1 Kor 14, 34

 

Das Tor ließ ein kastrierter Gockel offen,
da sind die Hühner aus dem Stall gewackelt.
Nun wird an stillen Orten schrill gegackelt,
die alte Henne selbst krächzt wie besoffen.

Verrücktes Huhn, es will kein Ei mehr legen,
nicht brüten länger, keine Küken hudern.
Den Hahn sieht man mit Flügelfetzen rudern,
der stolze Kamm ist ein zerknickter Degen.

Doch wird zurück sie scheuchen in die Ställe,
hat er des Nachts an Halses Stumpf geschleckt,
der Fuchs im heiß gesträubten Feuerfelle.

Nun hat der Glucke Flaum die Brut bedeckt.
Und wie von Kerzen in der Felskapelle
tropft Stille, Honig, den die Flamme leckt.

 

Mrz 30 26

Was uns beglückt

Was uns beglückt, ein Lächeln, kaum bewußt,
die Heiterkeit des Lichts, wenn goldnen Lauben
ein Schneegeflock entsinkt von Turteltauben,
ein Vers wie roter Vollmond im August –

wenn Sommernacht und ferner Gärten Hauch
den Wunsch weckt, nackt zum Fluß hinabzugehen,
wir zart gepreßt im Psalter Blüten sehen
und über Ahnengruften blauen Rauch.

Und ist da manches auch, was uns verdrießt,
des Demos Wahngeschrei, verhetzte Meute,
daß grober Hand die Anmut wird zur Beute,
wenn ihre Knospe zögernd nur sich schließt –

uns machen noch im trüben Spiegel Funken,
die feuchten Blicke Mnemosynes, trunken.

 

Mrz 29 26

Terminus, der Grenzstein

Der Stein hat kein Gesicht, ist unbehauen.
Und doch wird er vom frühen Rom verehrt.
Ein Numen, das belebt und auch verheert,
spricht: Fühlet, was kein Auge kann erschauen.

Der Grenzstein wird mit Opferblut begossen,
und bittre Kräuter mischt man in den Sud.
Er hemmt die Gier und staut die dunkle Flut.
Das Wir und Ihr hat er zuerst erschlossen.

Daß wir auf steiler Bahn den Schritt verhalten,
stößt unser Fuß an diesen harten Stein.
Wir tragen sie, Geduld im Einsam-Sein,
und winken uns von fern, gleich Traumgestalten.

Die in der Nacht den Terminus versetzen,
wird die Erinnye bis zum Wahnsinn hetzen.

 

Zum Begriff des Numen und des Numinosen siehe:
Rudolf Otto, Das Heilige, 1917

 

Mrz 28 26

Frei im All der Zeichen

Wir, frei im All der Zeichen, dürfen schweben
und können das Gefühl zum Vers verdichten.
Wie sich die trüben Blicke wieder lichten,
wenn hold Chariten ihren Schleier heben.

Uns macht ein hoher Odenrhythmus lächeln
und trunken Wohlgeruch aus Moschos’ Krug.
Das goldne Laub des Traums ist uns genug,
sanft flüstert’s, wenn des Eros Flügel fächeln.

Wie grauer Karst ergrünt und wird zum Garten,
blüht’s unter weichen Tränen von Verlaine.
Der Schwermut Schwestern wandeln sich in Schwäne,
die in den Dämmerschilfen auf uns warten.

Fühl, Dichter, wie dich schlummerlose Flocken
sie mit des Reimes Tau zu netzen locken.

 

Mrz 27 26

Wasserzeichen, die verschwimmen

Wie Lichtgestalten dichter Nebel schluckt
und graues Brausen Gold von Vogelstimmen.
Wir sind wie Wasserzeichen, die verschwimmen,
zart diaphanem Blatte aufgedruckt.

Wie Orpheus Lied erstickt ein schwarzer Gischt
und Rauch den Rosenduft von Troubadouren.
Wir sind im Schnee der Nacht die bangen Spuren,
die Hermes Flügelschuh schon bald verwischt.

Der Liebe Antlitz, Knospe, die zerfetzt
mit scharfen Ruten hat ein Hiobs-Wetter,
belebt mit Schöpferhauch kein Gott, kein Retter,
auf ihre Blüten tritt ein Huf zuletzt.

Laß, Dichter, Tau ein trunknes Wort beschwören,
schon knirscht dein Boot ins Schilf von Nymphenchören.

 

Mrz 26 26

Die Haut der Seele

Die Haut der Seele fühlt mit feinen Poren,
ob kühler Hauch, ob milder Blick sie streift.
Sie ist es, die den Sinn des Leids begreift,
wird ihr der Flaum der Unschuld abgeschoren.

Vom Strahl Apolls, des Bogners, jäh entzündet,
tat auf sich ihr eine Auge, Glanz von Tau,
daß sie das Licht der Wahrheit noch erschau,
bevor es in des Bacchus Wahnnacht mündet.

Und welkt die Haut, für Hauch und Kuß schon taub,
mag sich die Seele knospengleich verschließen,
bis sich der Sinn verwirrt im Dämmerlaub.

Die unter schwermutdunklen Wimpern fließen,
die Tränen schluckt gedächtnisloser Staub.
O Schatten, die aus blinden Poren sprießen.

 

Mrz 25 26

Die Heimkehr der Chariten

Dein Schleier ist von dunkelblauer Seide,
und lichte Blüten sind gewebt hinein.
O trunkne Nacht, der Schwermut fahler Stein,
Mond, glimme auf im Haar der Trauerweide.

Und die Chariten scheinen heimzukehren,
wenn unter Tränen Bilder sich verklären.

Dein Schweigen ist wie Schnee auf fernen Matten,
und leuchtet, wenn im finstern Tal sie schaut
ein alter Dichter, dessen Herz ergraut,
als tastete nach ihm der Liebe Schatten.

Daß wieder ihm das Laub des Lieds ergrüne,
Aglaia sagt’s, Thalia, Euphrosyne.

 

Mrz 24 26

Zeichen des Untergangs

Die Grazien sind leider ausgeblieben,
Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,
Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,
Doch läßt sich nie an seinem Busen ruhn.

Johann Wolfgang von Goethe, Tasso

 

Als Seher gilt, wer scheel aufs Leben sieht.
Die sich entstellen, sind nun die Idole.
Daß Funken sprühen lassen einzig Pole,
Gesetz des Daseins, das man feige flieht.

An Schattengittern aber rankt ins Licht,
was duftlos sonst im Dunkel müßte schleichen.
Der Name prangt, wenn wirre Laute weichen.
Nur stilles Wasser spiegelt ein Gesicht.

Doch darf, was edel, keinen Halt mehr finden.
Im Dämmer scheint die Rose schon ergraut.
Und keiner ist, die lose festzubinden,

daß andern Tags sie lächelnd Eos schaut.
Perversen hat man nun und seelisch Blinden
die holden Schwestern Goethes anvertraut.

 

Mrz 23 26

Was der Fetiale kündet

Ein Stein ist es, der uns als erstes spricht
vom Schicksal, unterm Bann des Tods zu leben.
Der Priester muß ihn aus dem Finstern heben,
auf daß er schimmre in des Jovis Licht.

In tausend Speere teilt sich Gottes Speer,
und Mars geweiht sind, die sie tödlich ritzen.
Gespalten von des Höchsten jähen Blitzen,
wogt an der Eiche auf ein Blättermeer.

Gestein, zum Tor des Janus aufgeschlossen,
sagt uns vom Zwiespalt allen Sterblich-Seins.
Sieh, wie das goldne Licht aus Krügen Weins
sich in die Nacht des Bacchus hat ergossen.

Wie Wunden uns den Opferstein befeuchten,
soll auch der Vers vom Blut der Wahrheit leuchten.

 

Zur Vertiefung siehe:
Stewart Perowne, Römische Mythologie, Wiesbaden 1960

 

Mrz 22 26

Wenn niedergeht der Tau

Wenn niedergeht der Tau auf Dämmermatten,
erglänzt das Schilf am sanften Bach im Ried.
So funkelt durch das Dunkel Orpheus Lied,
erlischt wie Venus unter Wolkenschatten.

Ob Hirten Herden, Priester Goldidole hüten,
sie schüren Flammen mit Gesanges Hauch.
Steigt auch aus Aschen abends blauer Rauch,
noch stieben Funken, Geist der frühen Mythen.

Laß, Dichter, dir vom Wahn der Gegenwart
die Falten der Erinnerung nicht glätten.
Den tiefen Sinn des Worts, du kannst ihn retten,
halt unterm Schnee des Traums ihn keusch verwahrt.

Laß Tau der Nacht im Laub der Verse zittern,
den Tau nach Tränen schmecken, süßen, bittern.

 

Mrz 21 26

Still in der Sonne sitzen

Wie lind sie sind, wie frühlingsmild, die Strahlen,
als streichle deine Stirne warme Hand,
als wären sie von Himmeln dir gesandt,
wie Kinder sie und die Naiven malen.

Still in der Sonne sitzen und nichts denken,
als ob das wunde Herz noch träumen könnt,
die Unschuld weicher Lüfte es vergönnt,
mit Blumenwortes Duft dich zu beschenken.

Von fern das dunkle, trunkne Gurren hören,
nah einer Hummel pelziges Gebrumm.
Doch deiner Seele müder Mund bleibt stumm,
als würde sie verwaist zu sein nicht stören.

Da kommt die Alte mit dem Hund, dem kleinen,
wie er dir wedelt, wie sein Auge glänzt.
Und Blüten, die ein Purpursaum umkränzt,
verglimmen sacht auf deinen Hosenbeinen.

Du wirst nicht grollen, wenn noch Schatten kühlen,
es ist erst März, und du bist ja schon alt.
O Jugend, Heimat, Licht im Eichenwald,
wo du die Hand, die warme, konntest fühlen.

 

Mrz 20 26

Giftige Früchte

Die goldnen Äpfel, die dir Dichter pflückten,
wie gierig hast du sie hinabgeschlungen.
O dunkler Kern, der dir ins Hirn gedrungen,
daß alle wahren Maße sich verrückten.

Im Wasser hörtest du Chimären singen,
in Eros Gluten knistern trunkne Motten,
am Kreuzweg aber, heiterm Sinn zu spotten,
sahst du Hekate düstre Fackeln schwingen.

Denn die genährt die Früchte, reif und süß,
die Wurzeln sogen sich im Schattenreiche
voll mit dem Gift aus Faunus schwarzer Leiche,
dem man ins Herz die Nägel Christi stieß.

Zieh in die Wüste, Freund, zu Eremiten,
verzehr dich schweigend, bis du ausgelitten.

 

Mrz 19 26

Wie ein abgeschnürter Kuß

Wenn schon Silbertropfen niederrinnen
von den Zungen aus Kristall,
dringt ein Licht, ein Traumgelall,
in das Herz, den Knoten wirrer Minnen.

Heiße Klagen fließen durch die Venen
um den Stern der Sommernacht,
als ihr Blick die Glut entfacht,
und ihr Mund gestillt das dunkle Sehnen.

Der Kristall zerschmolz zu fauler Feuchte,
und sie war von Schmutz so trüb,
daß kein Sternenbild dir blieb,
und kein Blick, der in den Abgrund leuchte.

Was geglüht, verklumpte jäh zu Pfropfen,
und sie stauten dir den Fluß
wie ein abgeschnürter Kuß.
Leben ist an stumme Pforten klopfen.

 

Mrz 18 26

Die Frucht des Eros

Du warst die Bö, die jäh ins Laubwerk fährt,
und Rauschen weckt sie auf, die scheue Seele.
Du warst der Schrei, der sich zum Lied verklärt,
und süße Feuchte löst den Krampf der Kehle.

Ich aber liege starr auf kahlem Grund,
das Laub, das ausgerauschte, fraß ein Feuer.
Ich würg am Werg der Nacht im stummen Mund,
den mir gestopft ein schönes Ungeheuer.

Du warst die Rose, die dem Südlicht glückt,
und ihre Dornen sind der Wollust Spangen.
Du warst Iduna, die Goldäpfel pflückt,
und ihr Erwählter darf sie glücklich fangen.

Ich aber lieg in der Erinnerung Grab,
wo Rosenblätter dumpf nach Fäulnis riechen.
Ich hab die Frucht noch, die mir Eros gab,
doch seh den Wurm des Dämons ich schon kriechen.

 

Siehe auch: Franz Schubert, Der Wanderer
https://www.youtube.com/watch?v=-kOwwkqp0gY&list=RD-kOwwkqp0gY&start_radio=1

 

Mrz 17 26

Sprüche des Alten aus dem Nachtasyl

Die Bestie Mensch muß man im Zaume halten,
daß nicht Dämonen in das Maul ihr kriechen,
nicht die von ihren Exkrementen Siechen
die Phrase um den Kern des Wortes falten.

*

Gekrächz von Raben ist nun um den Turm zu hören.
Die Glocken schmolz man ein, daß sie nicht stören.

*

Die Goethes Denkmal dreist mit Kot beschmieren,
und wissen nicht mehr, wer Suleika war,
wer aus der Stirn gestrichen Werthers Haar,
vorm Zeitgeist kriechen sie auf allen Vieren.

*

Mag Schönheit auch der Unschuld Schleier tragen,
ein Schlitz genügt, und feuchte Glut macht rasen.

*

Sie wähnen, durch die Nacht den Stein zu wälzen,
doch sind sie Flocken, die im Frühlicht schmelzen.

*

Wäg Stimmen nach dem Feingehalt,
den Rang nach ihrer Geistgestalt.

*

Wie der Matrose mit dem pockennarbigen Gesicht
vom Blumenantlitz einer Inselschönen spricht.

*

Oboenton wogt weich wie eine Welle,
den Schaum von Seufzern aber sprengt die Geige.
Die Klarinette hebt Traumgischt ins Helle.
Viola, sag, ob Venus noch aus Muscheln steige.

*

Stehst du am Fenster, wenn der Abend singt,
aus des Erinnerns dämmersüßem Garten
der Liebe Stimme sich empor noch schwingt,
als würde dein am Schwanenteich sie warten?

*

Wenn unter deinem Schritt Kristalle blitzen,
verhüll mit weichem Vers die schroffsten Züge.
Daß, Dichter, uns der Schnee des Reims betrüge,
muß auch die Seele sich am Dorne ritzen.

 

Mrz 16 26

Grausame Venus

Aus der Waldnacht schwarzer Locken,
die sich über dich ergossen,
leuchtete des Mundes Glut.

Noch bevor sie dich erwärmte,
war erstickt sie schon, erloschen.
Grausam ist, wie Liebe tut.

Wahnhell war die Fensterscheibe,
wo zwei Schatten trunken sanken,
heißes Blei rann hin dein Blut.

Was gelegt sie auf die Schwelle
deiner Angst, des Ja-Worts Blume,
riß hinab die dunkle Flut.

 

Mrz 15 26

Die Mücke Gottes

Babylonischer Talmud, Traktat Gittin, 56b–57a

Rabbinen diente dies zum höchsten Preise:
Der Herr, der thronet über allen Dingen,
befahl der Mücke, in das Hirn zu dringen,
durch Titus Nase machte sie die Reise.

Dort hat sie sich gemästet an den Zellen,
die ausgeheckt die schrecklichen Verbrechen.
Um an des Tempels Schändung sich zu rächen,
ließ er in seinem Schädel Zimbeln schellen.

Und Gottes Mücke wurde fett und fetter,
sie sirrte durch des Wüstlings Wahnverlies,
der auf der Tora seine Hure stieß.
Ihm half kein Schreien nach Apoll, dem Retter.

Welch Glühn kann in erloschnen Herzen rasen,
wenn Racheengel in die Asche blasen.

 

Anmerkung zum Verständnis:
Der römische Feldherr Titus hat unter Kaiser Vespasian, seinem Vater, den jüdischen Aufstand gegen die römische Fremdherrschaft im Jahre 70 n. Chr. endgültig niedergeschlagen, den Jerusalemer Tempel zerstört und seine Schätze wie die Menora und den Schaubrottisch nach Rom verbracht (Abbildung seines Triumphzuges auf dem Titusbogen in Rom). Die historischen Details berichtet der zum Feind übergelaufene jüdische Gelehrte Flavius Josephus in seinem Buch „Der jüdische Krieg“. Der rabbinischen Legende des babylonischen Talmuds nach soll Gott einer Mücke befohlen haben, in des Titus Nase zu kriechen und bis in sein Gehirn vorzudringen; dort habe sie sich über Jahre fett und fetter gefressen; der Übeltäter, der den jüdischen Tempel in Jerusalem entweihte, indem er in das Allerheiligste eindrang und dort mit einer Hure auf einer ausgebreiteten Torarolle Unzucht getrieben habe, sei dadurch dem Wahnsinn (unter grauenerregenden Gehörshalluzinationen) verfallen und schließlich am Zerstörungswerk des gottgesandten Parasiten elend zugrunde gegangen.

 

Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=jYhK95vGkb0

https://www.alamy.de/rom-italien-die-prozessionstafel-auf-dem-titusbogen-im-forum-romanum-der-bogen-wurde-nach-titus-tod-gebaut-um-seiner-eroberung-von-jud-zu-gedenken-image431954207.html

 

Mrz 14 26

Kehre, Dichter, heim

Wie knistert dürr der Seele dünnes Blatt,
beschrieben mit der Sehnsucht wirren Zeichen,
der Liebe Blütenrispen, abschiedsbleichen.
O taube Hand, die barsch zerknüllt es hat.

Wie trübt der Geist sich ein uns, der Kristall,
woran das Licht gespielt in zarten Farben,
der uns entzückt mit kühnen Strahlengarben.
O blinde Hand, die nachtwärts warf den Ball.

Daß stumpf nicht wird, die blitzt, die Schneide,
womit geöffnet du des Wortes Frucht,
der Vers an ihrem bittern Saft nicht leide.

Drum kehre, Dichter, heim an Südens Bucht,
wo dir die Welle rauscht wie blaue Seide,
doch über dir fühl: stummer Wolken Flucht.

 

Mrz 13 26

Frühjahrsetüde

Forsythien, kahl und dumpf erstarrt noch gestern,
sie flimmern golden vor gekalkter Wand.
Uns heimlich, Veilchenblicke, uns gesandt,
wie von verlorener Liebe holden Schwestern.

Sie drängen schon, die Knospen am Holunder.
O Auserkorene fürs Sonnenwunder.

Fühl, Dichter, Ferne, atme Luft aus Süden,
die jüngst noch durch Zypressenhaine strich.
Der Verse Blätter näh mit zartem Stich,
schenk grauen Herzen leuchtende Etüden.

Die lichten Astern, wie sie trunken schwanken.
O schwermutkranke Seelen, wollet danken.

 

Mrz 12 26

Vom Wein der Schwermut trunken

Wo Freunde lachen, plaudern, zechen,
rinnst du, ein Tropfen, stumm von Kruges Mund.
Verlassen von der Hoffnung letztem Grund,
hörst du im Dunkel Sehnsucht leise sprechen.

Wenn der Kastanien hohe Kerzen knistern,
flehst du um Morpheus, der die Fackel senkt.
Im Duft der Nacht, die Sommer dir noch schenkt,
ist dir, der Liebe weiche Lippen flüstern.

Laß, Dichter, Gegensinn dich nicht verstören.
Die zwischen Polen sprühen, kühle Funken,
sind Versen gleich, vom Wein der Schwermut trunken.
Schmeckt er auch herb, er wird uns bald betören.

Sieh, wie der Docht, indem er sich verzehrt,
die blaue Nacht der Einsamkeit verklärt.

 

Mrz 11 26

Der Herr der Tiere

Er hat den Auerochsen ausgerottet,
gemetzelt und zerstückt die sanften Wale.
Nun krault, der gestern noch ein Kannibale,
das Hündlein, das ihm wedelnd nachgetrottet.

Das Schaf, den Widder hat er hingeschlachtet,
damit sein Götze sich am Blut erquickte.
Den Todesröcheln eben noch entzückte,
wie er nach Nachtigallensang nun schmachtet.

Ja, seine Dichter sollen süßer tönen,
als sterbend unterm Silbermond der Schwan.
Doch hört er in der Nacht ein tiefes Stöhnen,

als hätte sich der Abgrund aufgetan,
ein Ächzen, das kein Orpheus wird versöhnen,
kriecht ihm ins Schilf des Traums Leviathan.

 

Mrz 10 26

Der Geist der Dichtung

Als Maß des Seins nimm nicht die kleine Not,
die Schatten, die das zarte Herz umdrängen.
Sieh, wie zu holden Geistern sie sich längen,
kein Blut ist, was sie stillt, das Abendrot.

Das Maß des Meers kann nicht die Muschel sein,
mag schöpfen immerzu der heiße Knabe.
Doch nimm als Gleichnis seine lichte Gabe,
die Perle, für ein Walten ungemein.

Der Geist der Dichtung ist dem Meere gleich.
Mag schrill am Riff die Welle sich auch spalten,
in stiller Bucht des Mondes seufzt sie weich.

Wie glätten sich erregten Tages Falten,
die Blüte schwebet, zart und sehnsuchtsbleich.
O Vers, von nichts als blauer Nacht gehalten.

 

Mrz 9 26

Die Geliebte des alten Dichters spricht

Sanft war der Hügel, wo wir abends lagen,
gefunkelt hat schon über uns dein Stern.
Als hätte nichts genagt am Lebenskern,
umfloß dich holder Glanz aus Jugendtagen.

Der reinen Quellen mochtest du gedenken,
aus denen du geschöpft des Liedes Trank.
Du wußtest auch den süßen Qualen Dank,
die auf den Schnee der Anmut Schatten senken.

Ich aber wandte mich, daß deine Blicke
die Feuchte meiner Wangen nicht gewahrten,
nicht, wie Erinnerung mein Herz bedrücke,

das Grabmal mit den heimlich aufgebahrten,
den Träumen, die geopfert ich dem Glücke,
die Nacht zu sein um deine lichten Fahrten.

 

Mrz 8 26

Nicht wissen wär das Beste wohl

Mild stimmte uns das Abendlied.
Es schien aus Edens ferngerückten Tagen
von einer Liebe ohne Drang zu sagen.
O Schwert, das uns davon einst schied.

Erinnern ist ein blaues Tuch,
das blaß noch eingestickte Blumen säumen.
Als könnte unser Blut, das matte, schäumen,
umhauchte uns ihr Wohlgeruch.

Nicht wissen wär das Beste wohl,
wenn über uns Gestirn und Bild verblassen,
die bitteren Wogen uns versanden lassen,
wie eine Muschel, stumm und hohl.

 

Mrz 7 26

Stachel im Geist

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Μὴ φῦναι τὸν ἅπαντα νικᾷ λόγον

*

Zugespitzte Wahrheiten brechen leicht ab.

*

Daß auch im alten Rom die Priester herrschten, wird von antiklerikalen Humanisten schamvoll beschwiegen.

*

Zur physiologischen Munterkeit, vulgo Glück, trägt auch ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit und Schamlosigkeit bei.

*

Die Rede vom Menschen zerfällt, nicht immer zu Ungunsten tieferer Einblicke, in die Beschreibung von Systemen und Strukturen.

*

Der altpersische Großkönig Kyros, der die Diaspora-Juden in die Heimat entließ, hat einen Ehrenplatz im Gedenken der Hebräer. Wie paradox, daß der Nachfolger des säkular gesinnten Schah sich als fanatischer Antisemit gerierte.

*

Charismatische religiöse Herrschaft geht wohl stets mit puritanischem Tugendterror einher. Mit ein Grund, weshalb ihre Enthauptung im Iran durch das westliche Imperium von dekadenten Woken gefeiert wird.

*

Die thematischen Linien einer Fuge respondieren, umranken und verflechten sich, streben dramatisch auseinander und vereinigen sich tänzerisch. So auch die Betrachtungen des vom Geist der Objektivität beseelten Denkers.

*

Das Fragezeichen ist keine Schlinge, die Kehle des Nachdenklichen damit zu würgen.

*

Die das Vollkommene außerhalb der Werke hoher Kunst zu verwirklichen trachten, sind als Engel verkleidete Abgesandte der Hölle.

*

Der amerikanische Geist scheint von den frühen Tagen seines Zugs gen Westen her von Hemdsärmeligkeit und Schießwütigkeit geprägt. Insonderheit erregt die Pietätlosigkeit amerikanischer Herrschaftscliquen Abscheu, wenn sie den heimtückischen Überfall auf das rituelle Totenbegängnis des Feindes ins Auge fassen.

*

Der barbarische Geist nimmt jede Hürde, alle Masken von Heuchelei, Hypokrisie und Frömmelei reißt er nieder, für ihn zählt nicht Herkunft, Rasse, konfessionelle oder sexuelle Orientierung.

*

Der Schwarze Barack Obama goutierte aus sicherer Entfernung den heimtückischen Meuchelmord am bösartigen Erzfeind Osama Bin Laden, der Weiße Trump die Hinschlachtung der iranischen Mullahkaste.

*

Sie säuseln vom Frieden, mit Schaum vor dem Mund.

*

Der hohepriesterlicher Titel des heidnischen Pontifex, den die Cäsaren führten, ging auf den römischen Papst über.

*

Die Würde des alten Kaisertums haftet an der Salbung durch den Papst. Sie war jüdisch-davidischen Ursprungs und sank mit der Krone in den Staub, der Krone, auf der das messianische Zeichen prangte.

*

Die altrömische Priesterherrschaft war mythologisch, in der Erinnerung an die Berufung durch die Götter, die schiitische ist eschalogisch, in der Erwartung des Endzeitpropheten, begründet.

*

Zuletzt kennt der dekadente Westen den Priester nur noch in der Karikatur des Knabenschänders, der antisemitischen Karikatur des triebhaften Juden als Schänders blonder deutscher Frauen nicht unähnlich.

*

Alban Berg gelang der Durchbruch bei der Konzeption seines letzten Werks, des Violinkonzerts, aufgrund des tragischen Todes von Manon Gropius.

*

Was wäre uns die Äneis ohne die Tragödie der Dido?

*

Der Gram, der das Herz verzehrt, nährt auch den dichterischen Geist.

*

Mag es sich bei der Begegnung des alten Goethe mit der blutjungen Ulrike von Levetzow um eine Tragikomödie handeln; die biographischen Daten sind Schatten gegen den dunklen Glanz der Marienbader Elegie.

*

Die nichts zu sagen haben, brüllen am lautesten.

*

Kein Zeichen hat das Zeichen des Kreuzes abgelöst, um über dem vergossenen Blut von Märtyrern zu leuchten.

*

Den von sich selber Trunkenen erweckt zuletzt ein gnädiger Stachel.

*
Der Reim gilt schon als Einwand, die gebundene Rede als Maske von Heuchelei oder Selbstverleugnung, die Wiederkehr des Rhythmus als Monotonie der Langeweile.

*

Der gefrorene See des lyrischen Pathos läßt in ein Dämmerlicht schauen, wo sich die Ungeheuer der Tiefe anmutig schlängeln.

*

Stachel im Geist, Wort, das auf Antwort dringt.

 

Mrz 6 26

Schönheit, hoffnungslose

In der Dämmerung noch leises Singen.
Aufgerauscht der Helle,
will nun auch die Quelle
wieder dunkel klingen.

Wie erregtes Leben Schatten dämpfen.
Was sich aufgeschwungen,
mag, vom Schlaf bezwungen,
nicht mehr länger kämpfen.

Dichter, deines Wortes bleiche Rose
muß an Schattengittern
bang im Nachtwind zittern.
Schönheit, hoffnungslose.

 

Mrz 5 26

Am Gaumen kitzeln Phrasen

Den kleinen Gangster, der gleich zugestochen,
hat immerhin man in den Knast gesteckt.
Der kaum gegrinst, schon ist ein Volk verreckt,
dem großen wird der Friedenpreis versprochen.

*

Am Ohr das Blech, am Gaumen kitzeln Phrasen,
die sie ins Rampenlicht erbrechen müssen,
sie dünken sich das wahre Weltgewissen.
Was, David mit der Schleuder? Und sie rasen.

*

Die Woken hört man schon die Messer wetzen.
Von Jesu Liebe säuseln Hodenlose.
Du weißt es, Dichter, Dornen hat die Rose.
Sein Duft betört, doch kann dein Vers verletzen.

*

Damit die Dünnen nicht im Schatten schmachten,
will man die Dicken, die ihn werfen, schlachten.

*

Die nichts zu sagen haben, hör sie brüllen,
die Stillen sieh, wie sie das Haupt verhüllen.

*

Die stumpfe Drohne will nun König sein.
Der Majestät rief nach man: Stirb allein!

*

Den Sumpf, wo die sterilen Schwätzer hocken,
o Sonne des Homer, leg ihn uns trocken!

 

Mrz 4 26

Examen für Dichter

Die Flammen, die ihr um die Hüfte schlugen,
sie haben, Dichter, deinen Geist versengt.
Umsonst hast du den Tau der Nacht gesprengt,
kein grünes Sinnbild sproß mehr in den Fugen.

Im weichen Schnee der lilienkühlen Brüste
erstarrte zum Kristall dein trunkner Sinn.
Was dir geseufzt das Dunkel, floß dahin,
nicht eine Muschel blieb an Thules Küste.

Nun mußt du hausen in verwaisten Zimmern,
am Hungertuch von blassen Träumen nagen,
mag auch verwaschener Blüten Saum noch schimmern.

Wie rote Knospen in die Bläue ragen,
der Liebe Funken über Aschen flimmern,
kann es dein abgehärmter Vers noch sagen?

 

Mrz 3 26

Die Parze schnalzt

Die Grille zerrt, Gezirp am dünnen Faden,
an dem du noch im Dunkel zappelst.
Los, stolpre, Herz.
Los, taumle, Seele.

Ein Knistern war’s, die Flamme einer Zunge
hat aufgeleckt die eitlen Tränen.
Auf, lächle, Herz.
Auf, schwitze, Seele.

Dein tauber Vers ist schon von Garn umsponnen,
zu saugen kommt die graue Spinne.
Auf, blute, Herz.
Auf, seufze, Seele.

Die Parze schnalzt, die Schere schnippt ihr Scherzo,
kein Reim verknotet noch die Fetzen..
Los, springe, Herz.
Los, fliege, Seele.

 

Mrz 2 26

Manon

Dem Andenken eines Engels

Und auf die Schwelle trat sie, elfenleicht.
Noch glomm das Haar von abendlichen Strahlen,
war dunkel schon das Auge, wehmutfeucht.

So wie es Symbolisten mochten malen,
hat ihre Hand, der Liebreiz einer Fee,
o Tropfen Lichts im Moos von Brunnenschalen,

gestreichelt sacht den Rücken einem Reh,
das nie von ihrer Seite wohl gewichen.
Der Stirn, der Wangen unberührter Schnee

war da und dort durchglüht von Purpurstrichen.
Still schwebte einer keuschen Knospe gleich
das Haupt, noch unversehrt von Satans Stichen.

Dann krochen Schlangen aus dem schwarzen Teich,
die zarten Glieder würgend ihr zu lähmen.
Daß im Choral von Bach wir, sehnsuchtsbleich,

fern ihren Gang durch Edens Gras vernähmen.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=yQN1RcZuW0A&list=RDyQN1RcZuW0A&start_radio=1

 

Mrz 1 26

Sinn des Opfers

Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται.
Male eruditur ille, qui non vapulat.
Ungeschoren, unverfroren.
Unbeschrieben, wild geblieben.

 

Am Stock, der zwingt, nur kann sie grünend ranken,
sonst schliche trostlos hin die lose Rebe.
Der Trunkne wähnt wohl, daß er aufwärts schwebe,
doch siehst du grinsend ihn zum Abgrund wanken.

Die ungebunden, Zungen, wie sie lallen.
Versickern müssen Wasser, uferlose.
Rasch rieselt weißer Puder eitler Rose,
zu fein, am rohen Draht sich festzukrallen.

Die Ordnung hoher Säulen muß sie tragen,
daß wir die göttlich-schönen Bilder schauen,
ein herber Odem sich im Chorlied stauen,
aus Asche hell die Opferflamme schlagen.

Halt, Dichter, fest an alter Weisheit Kunde:
Das Wort erblüht, getränkt von deiner Wunde.

 

Feb 28 26

Abschied der Dryas

Als wir unterm Laub des Abends gingen,
drang noch aus dem Dunkel leises Singen,
und du bargst in meiner deine Hand.

Wie sich unter uns die Halme bogen,
über uns wie Geister Wolken zogen,
sprach ich Worte, die ich nicht verstand.

Du verhieltest jählings meine Schritte,
daß ich nicht in einen Abgrund glitte,
hast auf meinen deinen Mund gepreßt.

Schon als wir am Saum des Waldes gingen,
war erloschen Wort und Kuß und Singen.
Dryas warst du, die ihr Reich verläßt.

 

Feb 27 26

Terzinen für Herzen, die ergrauen

Noch blaue, Azur, Herzen, die ergrauen,
daß Blüten, wie sie süß im Winde schwingen,
im Grünen wir, am Saum des Abends schauen.

Sind wir auch müde, da wir lange gingen,
ans Ufer stiller Wasser zu gelangen,
uns sänftiget das flaumenweiche Singen

in Schilfen, wo schon Frühjahrsnester hangen.
Ein trunknes aber will uns ferne locken
in Gärten, wo die Äpfel goldner prangen,

wo nie der Liebe tiefe Quellen stocken.
Daß uns die Himmelslüfte dorthin trügen
wie leisen Schneiens schwerelose Flocken.

Schon muß die Bläue sich dem Trüben fügen,
der Kelch der Blume vor der Nacht sich schließen.
Laß, Liebe, eins ans andere uns schmiegen,

bis helle Tränen in das Dunkel fließen.

 

Feb 26 26

Weißer Kies und rote Blätter

Weißer Kies, geharkt zu Wellen-Zeichen,
um den stummen schwarzen Stein.
Mit der Nacht, dem Schmerz allein,
und kein Laut, kein Lied, ihn zu erweichen.

Rote Blätter, um- und umgewendet,
nirgends noch ein Schimmer Grün.
Wie hat goldener Hymnen Glühn
im Gestrüpp der Finsternis geendet.

Barfuß geh, die Stille aufzuscharren,
streu die Blätter auf den Kies.
Reißt auch unter dir das Vlies,
schweigend wird der Denkstein deiner harren.

 



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