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Mai 20 22

Was die Zeilen füllt

Eines Somnambulen Gang,
Tau im Haar, der Nacht entquollen.
Was dem Brunnenmund entsprang,
war im Herzen schon verschollen.

Aus den Ritzen im Asphalt
drängt der Halm, das Licht zu grüßen.
Ist der Geist noch ungestalt,
Falter blauen, Verse fließen.

Zwitschern im Holunderstrauch,
aus dem schwanken Nest gestiegen,
Funken hat die Liebe auch,
wenn die hellen Käfer fliegen.

Sehen wir, wie niederflockt
Asche aus verkohlten Himmeln,
wissen wir doch, es entlockt
Fäulnisodem buntes Wimmeln.

Mag mit seinem weißen Tuch
Schnee die scheue Spur verhüllen,
schließt der Schlaf uns auch das Buch,
Traum, er wird die Zeilen füllen.

 

Mai 19 22

Stimmen einer hellen Nacht

Rotes Blatt,
vom Zweig getaumelt,
fortgesprochen
von der Dunkelheit,
als ob ihr glühte
noch ein kleines Herz.

Weicher Tau,
herabgeperlt
vom Blütenmund
zum dunklen Schoß,
als hellte ihn
ein Seufzen auf.

Grauer Flaum,
aufs Fenstersims geweht,
als brüteten,
im Traum geschaukelt,
warme Nester
noch ein Zwitschern aus.

Bergkristall,
dem Schnee gepaart,
als lösten Stimmen
einer hellen Nacht
den kalten Schmerz
in Funken auf.

 

Mai 18 22

Rosen blendeten zu sehr

Der stummen Halme Schattenheer,
der Wicken träumerisches Beben,
und Trauben, dunkelnde, an Reben –
Rosen blendeten zu sehr.

Grau-blau geschecktes Himmelsfell,
und denen Blumenlippen lallen,
Tropfen, die auf Blüten fallen –
Schaum des Monds war schon zu grell.

Des schwarzen Wassers Jaspisglanz,
wenn Abendlüfte müder streichen,
wie Schwanenflaum die Lilien bleichen –
Wunden stach der Strahlenkranz.

Wir sinken ohne Wiederkehr,
die aus bemoostem Borne quollen,
die Wundersagen sind verschollen –
Hauch der Nacht erstickte Teer.

 

Mai 17 22

Kleines Welttheater

Der eine rollt gepeitscht, kaum daß es tagt,
und was er von sich gibt, ist wie das Pfeifen
des Schlauchs, worin ein böser Nagel nagt.

Und jener kann nur ungebunden schweifen,
ihm haftet wohl an Sohlen Korn und Samen,
doch mag kein Bildnis ihm im Vagen reifen.

Kein Azur lockt, die aus den Wettern kamen
und sich in dämmerfeuchten Höhlen ducken,
kein Stern ruft mehr die bangen Wunderlahmen.

Andre schwirren schon beim leisen Zucken
des Morgenrots wie ausgesprühte Pollen
in Fernen, wo sie Blumenzungen schlucken.

Manche, denen Eros zwinkert, schmollen,
sie stechen sich mit Dornen und sie schütten
den Wein aus Kelchen, kauen bittre Knollen.

Die hausen namenlos in Gartenhütten,
sie trinken Most und abends kühlen Hauch,
und achten Schnösel sie für Troglodyten,

aus ihrem blauem Krug trinkt Orpheus auch.

 

Mai 16 22

Unterm Laub der Dämmerung

Wir lagen unterm Laub der Dämmerung,
dein Mund das Siegel, das mein Mund geküßt.
Es brach ein wenig auf, in leisem Sprung,
ein Murmeln quoll hervor, süß und trist.

Und küßte ich, das zitterte, dein Lid,
hat ihren feuchten Glanz die Nacht gezeigt,
das scheue Rinnsal, das mein Mund vermied,
hat sich, o Strom, in meiner Brust verzweigt.

Was wir uns sagten, pflückte Abendhauch,
wie Blütenblätter eines Mädchens Hand,
das zählt und seufzt: „Liebt er mich auch?“
Mein lautes Schweigen hat es dir bekannt.

Und als du eiltest, fiel auf mich dein Schal,
ich lag getroffen wie von einem Hieb,
stumm war die Luft, die Wolken hingen fahl,
das Murmeln aber dunkelte und blieb.

 

Mai 15 22

Abends allein

Das trunkne Bauschen der Gardine,
des Lichtes Seufzer streicht sie glatt.
Die zweifelnd weilen, Abendwolken,
ins Wasser schäumt ihr Perlmutt matt.

Des Amseltons Oboen-Strömen,
wie müde macht das süße Lied.

Dort unterm Kissen lag die Spange,
so zwackte zart Abwesenheit.
Die Zwiebel- und Kartoffelschalen,
sie aufzufegen tat dir leid.

Der Veilchen dunkelblaue Augen,
der weiche Hauch, wie macht er müd.

 

Mai 14 22

Hier unter ächzenden Hämmern

Hier unter ächzenden Hämmern
krümmte ich mich und vergaß,
wo fern in laubichtem Dämmern
Anmut verlieh uns ein Maß.

Nachtwind zerstob all die Sagen,
als sich die Blüte verschloß,
Pollen, o fliegt zu den Tagen,
da sich der Lichtkelch ergoß.

Dort, wo die Augen noch feuchtet
Sang, der die Schneise uns zieht
tief in das Dunkel, daß leuchtet
voller der Mond durch das Ried.

Kann ich dorthin auch nicht finden,
Seele, sie starrt wie entlaubt,
Kinder, sie kommen, sie winden,
leicht mir den Efeu ums Haupt.

 

Mai 13 22

In die Nachtluft gefragt

Der Heimat Glockenton versinkt
ins Rauschen eines fremden Stroms.
Der Schatten dort im Dämmerschilf,
bist du es, Liebe, die mir winkt?

Die Weide zittert noch im Licht,
doch ihre Wurzeln saugen Nacht.
Wer schüttelt mir den Schlaf vom Blatt,
das Silber auf die Brache Stirn?

Ein Tropfen in der Muschel, Zeit,
so ward mein Perlmutt milchig-matt.
Knirscht nicht der Ufersand im Traum,
wer bückte sich und hob sie auf?

Vom Wind gesät erblühte Schaum
und blaßt im Mondesschatten fahl.
Quillt schon wie Tau vom Blütensaum
der Schmerz ins stille Moos hinab?

 

Mai 12 22

Die vergessene Kiste

In grünes Packpapier gewickelt, Puppen
des kindlich-frommen Spieles, eingesargt
in einer Kiste unterm Dach, im Schuppen,
so lange schon. Daß keiner nach euch fragt!

Der Ochs ruht bei dem Esel, an die Hirten
das Lamm, das Schaf sich traulich schmiegt,
das leuchtete, daß sie sich nicht verirrten,
des Sternes Gold hat dunkles Vlies besiegt.

Und fragst du nach dem Gnadenkinde,
es reckt ins Dunkel hin die Segenshand,
daß bange Kreatur noch Milde finde,
hat eine Maus die Nacht zu ihm gesandt.

O geistbehauchte edle Wunderrose,
Mariens keusche Wange aber blaßt,
das Licht der Lilie sank ins Bodenlose,
als hätte allen Duft das Holz verpraßt.

Den Engeln aber, die das Loblied sangen,
hat Staub und Scham den Mund verstopft,
den Weisen sind die Gaben ausgegangen,
der Andacht süßer Honig ist vertropft.

Schon fallen auf die Schindeln weiche Flocken,
doch die Figuren wickelt keine Seele aus,
zu keiner Mette rufen weihnachtliche Glocken,
des Engels Flügel birgt die tote Maus.

 

Mai 11 22

À part

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Motto nach vierzig Jahren pädagogischer und medialer Dressur zu Toleranz und Fremdenfreundlichkeit: Du sollst deinen Nächsten hassen wie dich selbst.

*

Die Rache eines gewissen hinkenden, brüllenden und zeugungswütigen deutschen Scheusals: Ein vulgärer, dabei nicht einmal ungebildeter Gettojude mistet den Literaturbetrieb der Gojim von der Jauche und dem Dung des Abgestandenen und Reaktionären, alles Goethisch-Hölderlinisch-Rilkehaften aus.

*

Ein Muskel allein kann nichts machen (oder lachen).

*

Ein sentimentaler Pseudo-Büßer und Wanderprediger ersteht auf dem Trödel in Kazimierz eine Kippa und würzt seine Vorträge fortan mit einem Mauscheln, das unbeleckte Ohren für jiddische Brocken halten.

*

Journalisten: Parasiten fremden Unglücks.

*

Während sie sich lässig auf die Brüstung der Medienloge lehnen, malen sich geheucheltes Entsetzen und gekonnte Empörung auf den Gesichtern der Voyeure, die sich am blutrünstigen Schauspiel mit dem Titel „Gog und Magog wider den Heilsbringer“ delektieren.

*

Mit frühem Rilke gepudert, elegisch überzuckert: sentimentaler Brei für zahnlose Greise.

*

Lieber der von Knut Hamsun ausstrahlende kalte Schauer, der scharfe Pfiff eines Emil Cioran oder gar der Faustschlag eines Louis-Ferdinand Céline als das faulig-betäubende Blumenwasser der Dame Dichterin.

*

Kehren wir also zu den Vorsokratikern zurück und formen Verse aus Lehm und Spucke, Sperma und Licht, Feuer und Eis, Schaum und Perlmutt.

*

Was wir meinen, wenn wir etwas sagen, ist eben das, was wir sagen, nicht, was wir uns dabei denken; es sei denn Schweigen wäre ausdrucksvoll genug.

*

Die Kleingeister und die Fanatiker, beide hängen fixen Ideen an.

*

Manche meinen: Wir wissen, daß wir allein sind; daher der Glaube an Götter. – Auch die schrecklichen, auch die Dämonen seien der Leere vorzuziehen, da sie den Erschrockenen mit Pathos und Bedeutungsschwere beladen.

*

Allzu viele Erlebnisse, Ausflüge und Affären zermürben den Charakter. Mancher reift aufgrund von Erfahrungsarmut.

*

Mitleid, das sich ausstellt und nicht sich in verborgenen Werken entäußert, ist eine Form der Herabwürdigung.

*

Der Gedanke ist kein Schatten des Gedachten. – Die Erinnerung ist kein Echo des Erlebten. – Die Erwartung keine Treppe, die schon knarrt, als wäre der Erwartete im Anmarsch.

*

Horaz unterläuft – monumentum aere perennius – die verräterische Transfiguration dessen, was von der Flüchtigkeit des Hauches ist, des Gedichts, ins ihm ganz fremde Element der erzgegossenen Plastik. – Hier soufflierte – non omnis moriar – der Tod. – Doch auch wenn schon lange der Pontifex nicht mehr gemeinsam mit der tacita virgo die Stufen zum Kapitol hinanschreitet, blieb ihm der Lorbeer, den ihm Melpomene einst wand. Der Lorbeer freilich ist aus anderem Stoff als Erz.

*

Gedicht: Wort, in dem das Gegen-Wort schon mitklingt; wie mit der angeschlagenen Saite die sich ins Geisterhafte verlierenden Obertöne; wie bei der Klaviersonate in der Zweitstimme der linken Hand die dunkle Welle anschwillt, auf der die flüchtige Blüte des von der rechten vorgebrachten Themas fortgetragen wird.

*

Woran wir uns erinnern, woran wir denken, was wir erwarten, ist nicht der Gegenstand unserer Erinnerung, unseres Gedankens, unserer Erwartung; wir erinnern uns nicht an den Park, in dem wir gestern spazieren gingen, sondern daran, daß wir gestern im Park spazieren gingen; nicht die Dämmerung ist das, woran wir gerade denken, sondern daß es nun Abend und dunkel wird; nicht der Freund ist der Gegenstand unserer Erwartung (oder Befürchtung), sondern die mögliche Tatsache, daß er bald kommt (oder auch nicht kommt).

*

Nicht Gegenstände, sondern Sachverhalte, die wir im Deutschen mittels der Konstruktion eines von einem mentalen Verb wie „sich erinnern“, „an etwas denken“ und „etwas erwarten“ abhängigen daß-Satzes oder einer indirekten Aussage ausdrücken, sind die eigentlichen Inhalte unserer geistigen Tätigkeit.

*

Wir können uns nicht in dem Sinne selbst belügen, wie wir unseren Freund belügen; denn wenn wir lügen, wissen wir um den wahren Sachverhalt. – Was ist es aber für eine Form des Selbstbetrugs, der uns das krumme Holz, aus dem wir geschnitzt sind, als eleganten, in gotische Himmel ragenden Pfeiler ansehen oder anpreisen läßt?

*

Wir können nicht beides, erwarten, daß der Freund kommt, und erwarten, daß er nicht kommt; hier müssen wir den Widerspruch meiden. Aber wir können hoffen, daß entgegen all dem, was wir von des Freundes Unzuverlässigkeit und aus bisheriger enttäuschender Erfahrung mit ihm wissen, er doch noch kommt.

*

Im Gedicht freilich können wir etwas sagen und im nächsten Vers einschränken oder zurücknehmen; ja, sagen, daß wir lieben und zugleich hassen; daß das Leben sublim wie eine Rosa mystica duftet und zugleich stinkt wie ein widerwärtiger Haufen Dung; daß der zarte Purpur des Abends uns die Dinge verklärt und zugleich sich in ihm die Finsternis ankündigt, die alles entstellt, zerreißt, vernichtet.

*

Die Riten, Gewohnheiten und abgenutzten Floskeln des Alltags binden uns zurück an kaum mehr ins Bewußtsein fallende Institutionen, die uns einigermaßen sicher wie Planken über das Moor des Ungewissen gehen lassen, wie die Arbeit, die Freundschaft, das vertraulich-intime Gespräch oder die sachlich-professionelle Unterredung. Doch dann geschieht es, daß wir stutzen, wie einer, der einen Handschuh überstreifen will, der ihm nicht paßt (oder den linken über die rechte Hand); das Vertraute schaut uns abwesend oder mit diabolischem Lächeln an, die Riten laufen leer wie Räder in der Luft, die Gesten scheinen uns groteske Mechaniken eines Puppenspiels, dessen Regeln wir nicht kennen und dessen Dramaturgie von feindseligen Mächten dirigiert wird, die Worte dünken uns Schalen ohne Kern oder wurmstichige Früchte. Welche Wahrheit diese erschütternde Erfahrung hat, ist nicht immer klar, ihr ist kein Kriterien des Wahren oder Falschen auf die Stirn geschrieben: Ist sie, was Heidegger als Erfahrung der Angst und entscheidendes Existential beschreibt oder der Psychiater als Einbruch der Psychose?

*

Plötzlich sind wir keine Akteure im großen Welttheater mehr, sondern reden, aber konfus, hart an den Bühnenrand getreten beiseite, à part, teils weil wir nicht wollen, daß die anderen mitbekommen, daß wir halb schon ausgestiegen sind, ja unseren Text, unsere Rolle vergessen haben, teils weil unsere Verlautbarungen schon in die Flüche, Derbheiten und Wortexzesse der klassischen Komödie auszuarten beginnen.

*

Plötzlich merken wir, daß alles schwankt, wir selbst, was wir fühlen, was wir denken, was wir sagen, als trügen uns die heiklen Planken eines alten Seglers, der uns, wir wissen nicht wie, in die grenzenlose Wüste des Ozeans verbracht hat.

*

Wir können das windige Element aus unserer Existenz nicht wie einen Abszess unter der Haut herausoperieren; dieser Abszess dient mittlerweile schon unserer elementaren Blutversorgung.

*
Wir können auch sagen, wir tauchen in ein anderes Licht, eine andere Atmosphäre ein; so wie wir in der Kippfigur plötzlich statt der Ente den Hasen sehen; so wie die kleine Neckerei wider Erwarten in einen ernsthaften Streit ausgeartet ist; oder wie der Albatros, der eben noch majestätisch im blauen Abgrund schwebte, nun, auf dem Vordeck des Schiffs, von den rüden Matrosen gefoppt, seine großen Flügel wie Trauerschleppen ungelenk durch den Kehricht zieht.

*

Die Bedeutung des Kunstwerks und des Gedichts erfassen wir eher als am dargestellten Sujet an der Art der Beleuchtung, die ihm Prägnanz oder Clair-Obscure, köstliche Schimmer oder lastende Schatten verleiht.

*

Gewiß, ja ist nicht nein; doch ein Lächeln, ein Duft, ein feuchter Schimmer unter halbgeschlossenen Augenlidern kann für den heillos Verliebten die schlüpfrige Schwelle ins Verderben sein.

 

 

Mai 10 22

Embleme dichterischen Worts

Wort, durchschimmernde Meduse,
wildes Herz, das lichtwärts zuckt
durch das grüne Meer der Muse,
die mit Rauschen dich umgluckt.

Blumenwort, dein Sinn ist Stille,
aufgetan dem Stern der Nacht
zittert dir an weicher Hülle
Tau, der uns noch Glanz gebracht.

Silberfaden, schlafentsponnen,
wehst du hin am dunklen Blatt,
Augen werden dir zu Sonnen,
zwischen Herzen bist du Naht.

Deiner Hostie sanftes Glimmen
in der Seelendunkelheit
will auf frommen Zungen schwimmen,
lösen sich in Heiterkeit.

 

Mai 9 22

Pollenflug

So fliegen Dichterwortes Pollen,
die keine Blüte sich hier fanden,
zu den homerischen Atollen,
wo Hexen häuten, die dort stranden.

Da küssen sie die feuchten Narben,
des grünen Schoßes Fühlorgane,
daß nachts er glänzt in Wunderfarben,
ein Spiegelbild der Ozeane.

Schon keimt es Frucht und Beeren,
wo Tränen Traum an Traum entquillen,
als würde Angst das Mark verzehren
und Pech der Pflanze Adern füllen.

Die blauen Vögel aber picken
das rosa Fleisch, die Sonnenkerne,
durch ihr Gefieder strahlt Entzücken,
in ihren Kehlen schluchzt die Ferne.

 

Mai 8 22

Dichters Maiandacht

Muß vor dir, du Wunderrose,
blassen auch mein Reim,
fällt er wie ein Pollen lose
deinem Schoß anheim.

Verse, noch vom Schlaf befangen,
weckt mir auf dein Hauch,
Lerchen, die ins Blaue drangen,
zwitschern wild sie auch.

Lilienknospe lichtentsprungen,
öffne dich mir mild,
ist der Duft erst eingedrungen,
Wort, es strömt und quillt.

Kelch der Abendröte, Rose,
gießt du mir dein Blut
in die Nacht, die namenlose,
Vers, er hat noch Glut.

 

Mai 7 22

Das Dunkel spricht

Was du auch sagst,
das Dunkel spricht.

Schlaftrunken Falter
sinkt mit dem Licht.

Dort leiht die Muschel
noch zarte Schimmer.

Perlmutt verschluckt
das Meer für immer.

Was du berührst,
ertaubt von Schatten.

Kaum angehaucht
will es ermatten.

Der Iris Gruß,
er gilt dir nicht.

Was du auch sagst,
das Dunkel spricht.

 

Mai 6 22

Am Grab des Dichters

Laßt uns zum Grab des Dichters gehen.
Wir wischen ab den Staub vom Stein.
Wir wollen mit der Flamme flehen,
daß Liebe uns noch leuchte ein.

Wir pflanzen Veilchen, weiße Nelken,
begießen den Wacholderstrauch.
Um Blüten aber, die nicht welken,
laßt beten uns im Stillen auch.

Gebein und Mark, sie sind vermodert,
der Schmelz der Zunge Wurmes Fraß.
Doch blieb dein Vers, der abends lodert
wie Ginster zwischen wildem Gras.

So fasse uns vorm Grab kein Grausen,
es schöpft noch Odem dein Gedicht
von hohen Himmels blauem Sausen
und lebt von unsrer Liebe Licht.

 

Mai 5 22

Malvenduft

Vom Monde rinnt ein grünes Schäumen
in deines Duldens Dunkelschacht.
Du hast nichts zu versäumen.
O Malvenduft der Frühlingsnacht.

An Blütenwimpern glimmt das Zagen,
bevor ins Moos der Tropfen quillt.
Es bleibt dir nichts zu sagen.
Der Tränen Kelch hat sich gefüllt.

Ein Glockenton aus blauen Höhen
hat Kühlung deinem Blut gebracht.
Du mußt nicht weitergehen.
O Malvenduft der Frühlingsnacht.

 

Mai 4 22

Hier unterm Kreuz

Als tröste noch, was leise streift
Wange, Schläfe oder Locke,
Blatt, wie Pergament gereift,
betauten Hauches Gaze, Flocke.

Vom Tag der Duft, vom Duft die Nacht,
Blütendämmerung auf Hügeln,
wo dir Leuchter angefacht,
um die vertraute Schatten flügeln.

Hier unterm Kreuz grünt noch ein Moos,
den vertanen Kelch zu bahren,
weinen fühl der Erde Schoß,
die Tränen mag er aufbewahren.

Dort beugt Holunder sich herab,
unter schwarzen Früchten schlafe,
weicher Humus wölbt dein Grab,
der Nachtwind schreibt dir Epitaphe.

 

Mai 3 22

Schwelle und Grenze

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Natürlich ist ein wesentlicher Grund des Hasses auf die Juden die Erhabenheit ihres Gottes, vor dem der Mensch jenes schwankende Rohr und bald dahinwelkende Gras ist, wovon der Prediger und Pascal sprechen.

Der Antisemit hat das Manna der Wüste zugunsten der Rückkehr zu den Fleischtöpfen unter der Knute des Pharaos verworfen.

Das Ressentiment, das den nunmehr wehrhaften Verteidigern von Eretz Israel entgegenschlägt, ist dasselbe, das den Antisemiten vom Chauvinismus des Alten Testaments schwadronieren läßt.

Eine vielleicht zu wenig beachtete Wurzel des Judenhasses reicht tief in den Boden des abendländischen Gnostizismus, der von den Katharern über die sozialrevolutionären Aufstände der Reformation und den religiösen Anarchismus der Russen bis zu Autoren wie Simone Weil und Emil Cioran reicht; in dieser teils zu extremer Askese, teils zu zynischer Libertinage neigenden Weltauffassung wird das in der Genesis evozierte Schöpfungswerk als Tat eines bösen Dämons verunglimpft, der jüdische Gott als seine Maske entlarvt.

Daß er ihnen Land verhieß, ja ein gesegnetes, wo Milch und Honig fließt, nimmt man dem als Rache- und Kriegerdämon denunzierten Gott der Juden besonders übel.

Die radikale Aufklärung ist auch eine Frucht des Antisemitismus; sie predigt die totale Emanzipation, doch nach den Lehren des AT bleibt der Mensch Knecht, Mündel, Hörer Gottes.

So auch der weltanschauliche Kitsch der Verklärung des Matriarchats und der Frauenemanzipation; was sind die Mänaden und Amazonen gegen die Würde der großen Frauen, einer Sara, Ruth oder Esther, des AT.

Das rituelle Leben ist dem aufgeklärten Kleingeist ein entsetzliches Ärgernis.

Der sich in Verachtung kleidende Neid auf die Erwählung, sei es des Gottesvolkes, sei es des musisch Inspirierten.

Der heillos Verstrickte und jener, dem kein Stern der Erlösung die Nacht überhöht, mißgönnen natürlicherweise dem Volk den Segen, den seine Propheten empfingen, der Kirche das Heil und die Rettung, die ihre Priester in den geweihten Mitteln geistlicher Wegzehrung und den anderen Sakramenten darreichen.

Wenn wir die Welt und uns selbst mehr und mehr so sehen und wahrhaben, wie es uns die großen oder doch medial verbreiteten Werke der Künstler und Musiker offenbaren, dann wehe uns bei all den verdrehten und ausgerissenen Gliedmaßen, den ausgebrannten Augenhöhlen, den zerquetschten und zerschnittenen Gesichtern, dem unter Ruß- und Ascheschichten eiternden Purpur, dem mit schwarzen Warzen überzogenen Dottergelb, bei all den zersägten und gesplitterten Violinen, dem geplatzten Wanst des Blechs und der unter der Finsternis des Flügels verborgenen Höllenmaschine.

Daß Prosaisten nicht mehr erzählen, sondern essayistisch aus dem Munde ihrer Protagonisten sich ergehen, ist nicht ein Zeichen theoretischer Kraft, sondern narrativer Impotenz.

Obwohl der Popanz an Theorie über die Selbstbefangenheit des Subjekts und seine Auflösung in zeitlichen Schichten, den er seinem Protagonisten in den Mund legt, wurmstichig und soweit von Bergson entliehen nicht haltbar ist, kann man gewiß Proust schriftstellerisches Genie nicht absprechen; dennoch leidet auch er an einem Mittelmaß der Weltauffassung, die wie ein schwefliger Dunst seine Seiten vergilbt oder wie ein abgestandenes Parfum seine Salons durchzieht; mag man sie auch gerne kennerhaft als dämonisch überhöhen, sie zeugt in Wahrheit vom dekadenten Geschmack an Verfall und Verdorbenheit, Hinfälligkeit und Perversion.

Die natürliche Entsprechung zum erwählten Volk und der allein selig machenden Kirche ist das davidische Königtum und das Gottesgnadentum der Monarchie.

So steht Jesus als der Gesalbte in der Ahnenreihe von König David.

David und der Psalter. Doch Jesus, der Sänger? – Das mußte die Passion durchkreuzen.

Wie kam das Christentum zur Musik oder wie wurde die abendländische Musik getauft? Zunächst durch die Leihgabe des Synagogengesangs, dann durch die Christianisierung der im Kaiserkult üblichen hymnischen Anrufungen des Herrschers, die nun, eine Erbe des Ostens, dem Christus Pankrator galten.

Das Singuläre an der christlichen Musik ist das Singuläre seiner Liturgie: die Mischung von hohem Ton und Volkstümlichkeit, so daß die Feste ihren je eigentümlichen musikalischen Ausdruck und ihre individuelle Sangesweise erhielten.

Der Individualcharakter christlicher Sangesweise geht auf die Erfindung des Reims in den Hymnen des Ambrosius zurück.

Was ist deutsch an großer deutscher Dichtung? Die Innigkeit.

Goethe charakterisiert die Musik Beethovens durch Innigkeit, neben den bestimmenden Mächten der Energie und Konzentriertheit („inniger, energischer und zusammengeraffter“ als seine Musik habe er keine andere empfunden).

Die Zeit ist nichts rein Subjektives. Der Tod markiert objektiv das Ende einer Biographie. Doch kann er kein intentionaler Inhalt des subjektiven Bewußtseins werden, denn wie Wittgenstein sagt: „Der Tod ist kein Teil des Lebens.“

Wir können von den letzten Werken Mozarts oder Beethovens reden, weil ihr Tod, der die Werkreihe abgeschlossen hat, uns als objektives Datum bekannt ist. Aber die letzten Werke Mozarts oder Beethovens waren nicht die letzten Werke FÜR die Komponisten.

Die als berüchtigt-enigmatisch notierten letzten Worte bedeutender Personen, waren sie für sie selbst gleichsam Voces mortis?

Wir erreichen die Grenze des Sagbaren, die Grenze der Sprache, nicht, und würden wir sie erreichen, wir wüßten es nicht. Die Grenze bildet für uns jene semantische Form, die wir nur erfüllen (oder verfehlen), aber nicht gleichsam von außen betrachten und beschreiben können.

Keine Geste kann die Quintessenz aller vorausgegangenen Gesten enthalten.

Die letzte Spielanweisung beendet das Spiel, aber sie enthält nicht die Quintessenz des Spiels.

Wir wissen, was jenseits der Schwelle unseres Hauses liegt; nicht, was jenseits der Grenze des Sagbaren liegt.

Eine Reihe von Selbstporträts mag je nach seelischer Beleuchtung Wesenszüge des Dargestellten gleichsam durchdeklinieren; aber alle Bilder aufeinandergelegt, böte sich uns nur ein trüb verschwommenes Grau in Grau.

Die Schwelle können wir überschreiten, die Grenze des Sag- und Denkbaren nur gleichsam von innen berühren.

Wir können nicht in der Luft gehen; ebensowenig im Unartikulierbaren reden und im Undifferenzierbaren denken.

Die Form, wie der Sonatensatz oder die Ode Sapphos und die Hymne Pindars, gibt uns die Struktur des Inhalts, gleichsam seinen Schatten.

Im Rahmen einer Situation sind nur bestimmte Handlungen und Sprechakte möglich.

Mit den ersten Takten einer Klaviersonate Mozarts, einer Sinfonie Beethovens sind wir in einer musikalischen Situation, das heißt einer Stimmung.

Die Diabelli-Variationen Beethovens breiten ein Panorama möglicher musikalischer Situationen und Stimmungen vor uns aus, vom Erhabenen bis zum Komischen, vom Profanen bis zum Mysteriösen. Die ersten Takte bilden gleichsam die Schwelle, über die wir in den Raum oder die Atmosphäre einer musikalischen Stimmung treten. Die ersten Takte der auf eine Diabelli-Variation folgenden Variation bilden die Grenze zwischen unterschiedlichen musikalischen Stimmungen. Die letzten Takte der 33. Diabelli-Variation, die das Ende der Reihe darstellt, bilden nicht nur ihre äußere, sondern auch ihre innere Grenze.

Im Anschluß an ein scheinbar triviales und belangloses Geplauder mit dem Nachbarn sieht der eine der Beteiligten das Gespräch in einem anderen gleichsam paranoid getrübten Licht; er fühlt sich ausgehorcht, durchmustert, entblößt.

Die nicht geschrieben haben, die Propheten und Jesus, schielten nicht auf eitle Wirkung und rhetorischen Effekt; daher die Wucht und Intensität des von ihnen Überlieferten.

Das Wort, nicht mehr nur Ausdruck, sondern Spur einer Verwundung, einer Verwerfung, ähnlich derjenigen urzeitlicher Gesteinsschichten, von seelischen Formationen.

Das Fremde und Befremdliche kann man durch Exotenkitsch harmlos und gefügig machen.

Die Griechen gönnten sich nach der Tragödie ein Satyrspiel; hier hat uns der Monotheismus verengt, versauert, verklemmt.

Immerhin kennt die eucharistische Liturgie neben dem ungesäuerten Brot auch den Wein; doch Dante hat den Dionysos in seine Hölle gesteckt.

Die pfingstlichen Zungen polyglotter Begeisterung waren Flammen, die lebendige Herzen verzehrten; an den Aschenflöckchen, die sich als Versgekringel aufs trockene Papier niederlassen, mag kein Brand sich entzünden.

Der tragische Kothurn ist das einfache, aber hoch wirksame dramaturgische Mittel, den Eindruck des Außeralltäglichen und Erhabenen zu erwecken.

Der Schritt ins Lächerliche; der Kothurn knickt ein.

Stefan George, der Übersetzer Baudelaires und Dantes, pflegte sich im alltäglichen Geplauder mit seinen Jüngern und Auserwählten in einem penetranten rheinfränkischen Dialekt zu ergehen.

Geschichte und Schicksal sind in Gestalten wie Alexander, ohne den die Kultur des Hellenismus von Ägypten bis zum Himalaya nicht entstanden wäre, und Cäsar, der immerhin die Heraufkunft der Romania ins Werk setzte, untrennbar verwoben. Dies läßt sich allerdings auch von den Agenten der Zerstörung ganzer Reiche und Kulturen sagen.

Der Streit um die Abgrenzung oder Assimilierung der westlichen Kultur ist so alt wie die Kiewer Rus und er endet nicht mit den Fehden zwischen den Westlern und Slawophilen, Turgenjew und Dostojewski oder dem Krieg um die Ukraine.

Wer Moskau in der Nachfolger von Byzanz sieht, kann die Legitimität einer eigenstaatlichen Ukraine natürlich nicht anerkennen. – Es gibt kein ARGUMENT gegen eine solche Haltung, sondern nur eine andere Haltung.

Freilich, Alexander und Cäsar vermochten nicht abzusehen und konnten demnach nicht beabsichtigen, daß ihr Lebenswerk sich in jenen großen historischen Linien verlängerte, die es tatsächlich nach sich zog.

Die Ironie der Geschichte spricht geradezu aus dem Verfehlen hochmögender Absichten im Verfolg ihrer Verwirklichung. – „Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören“, wie das Orakel dem Krösus prophezeite, nur daß es sein eigenes war.

Der Verliebte, der mittels und infolge überschwenglicher Liebesrhetorik die Angebetete in die Flucht schlägt.

Der Versuch der Wiedererweckung der antiken Götter, der bei Hölderlin auf den deutschen Parnaß hymnischer Gesänge gestiegen war, versandete im Kitsch des Jugendstils.

Verdunkelt sich das Licht des Schöpferworts, ermattet auch der Glaube an den Sinn der Geschichte, wirkt alles Menschheitspathos, selbst in der Neunten Beethovens, blechern und hohl.

Chlodwig konnte um die historischen Implikationen seiner Taufe in der Kathedrale von Reims nicht wissen. – Und dennoch, kein Racine, kein Ludwig XIV., kein Robespierre ohne diese Tat.

 

Mai 2 22

Geisterhauch

Blüten, die ins Dunkel wehen,
pflückt ein Geisterhauch.
Unter Schatten, die vorübergehen,
Liebe, gehst du auch.

All das Grüne wurde blasser,
als der Mond hinsank
auf das schwarze Wasser.
Wehglut, wie sie trank.

In der hohen Himmelsrose
Lied erstarb und Licht.
Welke Blätter wurden lose,
fielen auf dein Angesicht.

Und der Engel Flügel flockten,
Schnee auf Schnee gehäuft.
Die sich an der Stirne lockten,
Träume, taubeträuft.

 

Mai 1 22

Ferne, nah

Ferne, nah erschienen
in dem süßen Ton,
Summen kam von Bienen
eine Weile schon.

Antlitz, das geleuchtet
in das Fenster mild,
Schimmer, taubefeuchtet,
schmolz dahin das Bild.

Rosen, leises Schäumen
auf dem Wasser fahl,
aus verschwiegenen Räumen
schwebtest du, ein Schwan.

Und ich hörte weinen,
auf das Mal gelehnt,
von bemoosten Steinen,
Nacht, sie ist geströmt.

Malve, rosa Beben
in der Abendluft,
fade ist das Leben
ohne deinen Duft.

 

Apr 30 22

Versiegte Bronnen

Tage, die dumpf vorübergleiten,
fühllos fast, Gestalten gleich,
die durch matte Spiegel schreiten
in das Schattenreich.

Wie die Stunden sich verhauchen.
Blume, kaum ins Licht gedreht,
will der Schmerz ins Dunkel tauchen,
und ihr Duft verweht.

Und die Augen, die dir blauten,
da sie deinem Kuß sich aufgetan,
blicken unter Locken, die ergrauten,
entgeistert nun dich an.

Worte, Tau, hinabgeronnen
auf des weichen Mooses Stille,
o versiegte Bronnen,
erstarrt in Eises Hülle.

 

Apr 29 22

Das Brot des Lebens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Mit schlotternden Knien, am Katheder festgekrallt, tönt er vom großen Menschheitsprojekt.

Seinen Marktwert steigert, wer was alle sagen, lauter, schriller, grimassierender verkündet, Individualität beweist, wer schweigend sich abwendet.

Von allen extravaganten, raffinierten Speisen gekostet, doch das einzig nährt, das Brot des Lebens war nicht darunter.

Du wachst auf, und links und rechts sind statt Häusern tiefe Trichter, in denen schon Gras und Schellkraut sprießen. Hast du den Krieg verschlafen? – Was soll’s, stiller ist es immerhin geworden und ungescheuter fliegen dir in dieser Öde die Tauben zu.

Im Nachbarhaus stellt, sobald die Dämmerung hereinbricht, ein junges Mädchen eine brennende Kerze ins Fenster. – Doch nicht für dich, nicht für dich.

Doch ratsamer wäre es, so zu tun, zu träumen oder sich einzubilden, als gelte jene huldvolle Geste dir allein.

Und doch die Zauberflöte, und doch Tristan und der Rosenkavalier; was soll man mehr sagen, wenn all der Weltenlärm uns anficht.

Zwischen all den Phrasen, ob nun sentimental überzuckerten Kuchen oder satirisch scharf gewürzten Schnitzeln, fand er das ungesäuerte Brot der Wahrheit nicht.

Doch etliche und unter ihnen bewunderte oder verleumdete Philosophen, meinen, vom Brot der Wahrheit allein könne man nicht leben; jedenfalls nicht Hinz und Kunz, die von der Zuckerwatte und den gebrannten Mandeln der Jahrmärkte nicht abzuhalten sind.

Andererseits erfahren wir, daß einseitige Diät das Denken zu einseitigen Deutungen verleitet.

Wer alles nach moralischen Maßstäben betrachtet und beurteilt, übersieht die dämonische Dimension des Daseins, Wollust, Perversion, Geisteskrankheit oder Krieg, bei denen die Moral immer zu spät kommt.

Der Meisterkoch hat es nicht nötig, seine Gerichte marktschreierisch anzupreisen.

Nennt man Kultur das Geschick, die Flamme zu zähmen, um das Rohe in das Gekochte zu verwandeln, könnte man mit nicht minderer Plausibilität Dichtung das Geschick nennen, die Rohkost alltäglichen Geredes unter kontrollierter Anwendung des Feuers der Imagination in die sublime Kost des Verses zu verwandeln.

Doch nehmen selbst Naive und Illiteraten in fallenden Tropfen das rhythmische Muster, in Wolken Gesichter und in der Urgewalt der Sonne ein Göttliches wahr.

Volk und Nation, das ist die Summe gemeinsamer Erinnerungen an schicksalhafte Ereignisse, wie die Taufe Chlodwigs in der Kathedrale von Reims oder das Fällen der Donareiche durch Bonifatius.

Der zugefügte Schmerz, der verwehrte Genuß und der Verlust sind Wegmarken der individuellen Lebensgeschichte.

Nicht der gewährte, sondern der erwartete, der ersehnte oder verwehrte Gute-Nacht-Kuß der Mutter ist die Gründungserinnerung des Werks von Marcel Proust.

Nichts verpflichtet denjenigen, der gleichsam nackt und ungeschützt sich eigener Erfahrung ausliefert, zu ihrer Deutung auf ein überkommenes Deutungsmuster zurückzugreifen, schon gar nicht, wenn es sich dabei um einen Allgemeinplatz der öffentlichen Meinung oder ein Schulbuchklischee handelt, die zu ignorieren oder gar zu desavouieren dem Missetäter den Ruf des geistig Zurückgebliebenen, des Hinterwäldlers und Reaktionärs einbringt.

Das Charisma ist der Blitz, gleich jenem, von dem Semele getroffen den Dionysos gebiert, Gott, welcher Rebe und Rausch, weibliche Ekstase und das tragische Opfer bringt. Schriftgelehrte und amtlich bestallte Künder und Deuter leiten ihn mit ihren dicken Schwarten in gefällige allegorische Interpretationen ab, die sich ad usum Delphini eignen.

Das Charisma ereignet sich außerhalb der glatten Lebensverläufe von Alltagsbegegnungen, Karrieren oder Reisen; auch der scheinbar Unwürdige, ja Verworfene kann, wie der Heilige Dostojewskis, seiner teilhaft werden.

Das Charisma der Dichtung ist kein Kondensat der persönlichen Erlebnisse des Dichters, sondern eine zum biographischen Zeitverlauf gleichsam senkrecht stehende und ihn durchkreuzende Linie intensiver Vergegenwärtigung; deshalb erscheint sein Träger dem männlichen Dichter oft als schönes junges Mädchen, wie Beatrice dem Dante.

Beatrice, die Allegorie des danteschen Charismas.

Wir fragen nach der Bedeutung eines Begriffs, eines Wortes, eines Satzes, nur wenn wir auf einen Grundbestand fragloser Bedeutungen zurückgreifen können. Meist können wir die fragliche Bedeutung mittels Umschreibung oder Definition vorausgesetzter Begriffe ableiten oder bestimmen. Ein echtes Hapax legomenon gibt es in der Wortsprache nicht.

Auf Moses folgt Aaron, auf den Propheten der Priester, auf Hölderlin der Professor.

Am Sexus gewahrt man sowohl die animalische Natur des Menschen, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, als auch seine prekäre Stellung unter den Tieren, ungezügelte Begierde, Triebhaftigkeit, Perversion.

An den Organen sehen wir die animalische Herkunft; aber an der eigentümlichen Bildung von Hand und Fuß, Wirbelsäule und Becken, den Windungen des Gehirns die „Sonderstellung“ in der Tierreihe.

Wir sehen nicht nur die reife Frucht, sondern die Möglichkeit ihrer genetischen Manipulation.

Die Weidetiere sehen das Nahbild vertilgbarer Kräuter, wir die Tiere, die Weide, die blühende Wiese und die in der Ferne ragenden schneebedeckten Gipfel als Genrebild.

Das Untier Mensch siedelt überall, dringt in den Mikrokosmos und den Makrokosmos ein, will alles in Besitz und Beschlag nehmen, doch findet an und in sich selber keinen Halt.

Nach Bestäubung und Reifung folgt die Weitergabe des Kerns in der Frucht; nach der Belehrung und wenn es hochkommt der Meisterschaft folgen der Stillstand in Routinen und der geistige Verfall.

Archetyp: der da aufrecht die Pfade begeht und Beeren und Früchte in die umgehängte Felltasche sammelt; und jene, die aus dem Supermarkt kommen, mit ihren prall gefüllten Beuteln.

Der naturgeschichtliche Fortschritt, der über den Rahmen der Geschichte hinausführt: vom Tier über das Untier zum Übertier; die unter eugenischer Aufsicht erfolgte künstliche Befruchtung, hernach die Implantation von Schaltkreisen ins Gehirn, die das soziale Verhalten und die Gesinnung regulieren.

Die ins Gehirn implantierten Schaltkreise kommunizieren unmittelbar über elektromagnetische Wellen miteinander und gewissen algorithmisch gefütterten staatlichen Befehlszentralen; so werden wir der Unsicherheit, was zu denken, zu wünschen, zu tun sei, aufs glücklichste enthoben. Die zu Mißverständnissen, Mythologien und Imaginationen verleitende semantisch fundierte Sprache wird überflüssig und stirbt ab; oder wird gnädig abgeschaltet und außer Dienst gesetzt.

Der Hunger nach dem Brot des Lebens und der Wahrheit wird als eine krankhafte Form religiöser Indisposition oder Magenverstimmung verdächtigt.

Die Faszination der Flamme für den Falter, von Phallus und Vagina für den Kult des Frühmenschen, des Monds für die mutterrechtlich, der Sonne für die vaterrechtlich orientierte Menschheit. Aber das Kreuz? Nichts weniger faszinierend als das Kreuz.

Konstantin ist eine Wasserscheide, verbindet er doch das Kreuz mit dem imperialen Symbol der Sonne.

Die Madonna, der Morgenstern und die auf der Mondsichel Schwebende, bildet den Einspruch, der sich manchmal wie in der Dichtung Hölderlins und Rilkes dem Widerspruch nähert.

Gewiß, nur der Glaube wider alle natürliche Vernunft, an die Transsubstantiation von Brot und Wein bedeutet, was Hölderlin das Rettende nennt, aber vergeblich als das Kommende beschwört.

Nichts Rettendes käme, wäre kein Augenblick der Zeit enthoben. – Kann man es heute, mehr als ein Säkulum nach Hölderlin und Kierkegaard, beschwören oder behaupten, ohne sich lächerlich zu machen?

Worauf die Banalität der Heine und Brecht setzte, daß allen dampfende Fleischtöpfe den Hunger nach dem Brot des Lebens und der Wahrheit stillen, führte in größere Sklaverei als die der alten Israeliten unter dem Pharao.

 

Apr 28 22

Blumenübergang

Überträtest du die Schwelle,
mir die Stirne zu betasten,
wo die dunklen Bilder lasten,
Lilien höben mich ins Helle.

Bliebst du, Liebe, noch ein Weilchen,
mich mit Nereidenblicken
in ein Dämmern zu entrücken,
übertropft von rosa Veilchen.

Trügst du zu dem Hoffnungslosen,
der im Dunkel seufzt noch immer,
deiner Lippen Eos-Schimmer,
hauchte ihm noch Glut von Rosen.

Daß doch Liebe sein gedächte,
dem des Himmels Sternen-Auen
tauchen in ein Irrlicht-Grauen,
Schlaf vom roten Mohn ihm brächte.

 

Apr 27 22

Das Verblassen des Charismas

Der barhaupt unter Blitzen sang,
was ihm durch alle Fasern rann,
die Erde trug ihn durch die Nacht.

Beschwörung war es, Licht vom Licht,
und leitete des Liedes Strahl
ins Dorngestrüpp am Totenmal.

Doch kaum, daß ihm des Wortes Kelch
Nachteinsamkeit hat überfüllt,
wirft er ihn in den Beifall fort.

Perücken aber, Schriftgelehrte,
entrollen das Prophetenwort
im Vorführraum, es flimmert fahl.

Es welkt dahin das goldne Laub,
von grauen Chiffren eingemauert,
die Blume im Foliantenstaub.

Und jener blaue Jenseitsklang,
der jäh das Ufer überschauert
mit eines süßen Grauens Glanz,

ließ matter Muscheln Schaum im Gras,
den eine wehmutmüde Hand
gesammelt sich im Einweckglas.

 

Apr 26 22

Der Kampf von Adler und Engel

Zwei Augen – ein Blick. (Empedokles)
Aufwärts und hinab – ein Weg. (Heraklit)

Die Nacht war eine trübe Molke,
aufgeschäumt im Trog der Dunkelheit,
ein Tuch aus Dunst und Schnee gestickt,
das über das Mal des Waldes wogte,
die kahlen Äste Chiffren-Risse,
von grauem Efeu eingefaßt.

Unterm Pfeifen wie von Gauklerflöten,
aus Glas, aus rostigem Metall, aus Röhrenknochen,
flockenwildes Stäuben, es klatscht, es schluchzt
die Luft von Hieben süßer Wechselwut,
vom Himmel rinnt ein schwarzes Mehl,
zersägtem und zermürbtem Onyx gleich,
Geklirr, als hackten Geister-Schnäbel,
den Dunst zertrennen weiße Zungen
in Blütentropfen eines weißen Mohns,
Gesang, als kreuzten Flammen-Schwerter.

Dann wehen Purpurflocken nieder,
Kristalle stummer Schicksalswirbel.

Und wieder girrt die Nacht,
seufzt ineinander Flaum um Flaum,
und etwas steigt, wie Irrflut steigt
im Gischt sich schlingender Gewalten.

Ist es ein Doppeladler,
in jedem Schnabel eine Schlange,
ist es ein Zwillingsengel,
Mund auf Mund ein Feuermal?

Das Licht hat mit dem Dunkel sich vermählt.
Schatten sind wir auf dem Schnee des Nichts.
Was wir als Sinnes Siegel mit uns tragen,
wird sichtbar nur, prägt er sich ein dem Wachs.
O Wachs der Seele, wie es schmilzt am Tag
und tropft zur Erde, bricht die Nacht herein.

 

Apr 25 22

Am Dämmersaum

Wir wandeln wie im Schlaf am Dämmersaum,
wo sich des Abschieds blaue Schatten längen,
und Blüten nicht, nicht Düfte mehr bedrängen.
Verbrämtes Licht, verblaßter Liebe Traum.

Und was wir sagen, hat schon fortgeweht
ein fremder Odem, Dunst, emporgestiegen
aus Quellen, die wie dunkler Schmerz versiegen,
wenn stumm der Mond im Riedgras steht.

Uns gibt kein Zwitschern, gibt kein Flüstern Halt,
und keine Feder, Flaum getaumelt vor die Füße,
weist uns der Wiederkehr geheime Süße.
Bevor ihr Flügel rauschte, ward die Hoffnung alt.

So betten wir uns in der Sanftmut Gras
und lauschen unsern matten Atemzügen,
die uns wie Wogen welke Blätter wiegen.
Und ferne knirscht des Himmels grünes Glas.

 

Apr 23 22

Blasse Sonne

Und eine Hoffnung blieb uns nicht,
nur einer blassen Sonne Licht,
das in die Nacht des Schweigens scheint.

Was nächtens hier ans Fenster pocht,
daß flackert banger Herzen Docht,
Wind ist es, der das Wort verneint.

Den Stern, der deinem Auge glich,
den Stern, von dem mein Aug nicht wich,
hat eine Wolke uns verhüllt.

Dein Lächeln, wie ein Veilchen weich,
der Stirne Blatt, gedankenreich,
ein schwarzer Sturm hat sie zerknüllt.

Dein Schlummer glitt, ein trunkner Schwan,
auf meines Atems grüner Bahn
ins stille Schilf des Morgenlichts.

Schon irrt der Strahl im Labyrinth
der Seele, und wir sterben blind,
tief über uns azurnes Nichts.

 

Apr 22 22

Toter Tau

Und hast du einmal es gesehen,
wie sich im Leeren Wirbel drehen,
zerfällt das Wort zu Staub.

Wenn aber Zweige banger wehen
und einsam mußt im Herbst du gehen,
schwelt Dämmerung im Laub.

Die Nacht ging über alles Klagen,
als du den Schimmer mußtest tragen,
die Kerze vor den Schrein.

Und hat ein Schrei ihn aufgeschlagen,
sahst du den Kelch im Finstern ragen,
verdunstet war der Wein.

Siehst du den Schmelz des Munds zerbissen,
den Sinn am Widersinn zerschlissen,
wie wird das Herz dir grau.

Ein Schatten unter Schattenrissen,
sinkst du auf schwarzer Moose Kissen,
benetzt von totem Tau.

 

Apr 21 22

Hauches Charme

Wie eine Mücke, die vom Fenster fiel
und lag am Boden todesstarr,
und nahmst sie auf, ein grauer Fleck
auf deiner Kinderhand, und hauchtest,
behauchtest sie, fast wie im Traum,
und wirklich fühltest du das Leben,
und wirklich flog sie auf, flog auf.

So ist es mit den toten Namen,
den grauen Namen der Erinnerung,
verdorrten, starren, schattenhaften,
die einst wie Käfer glühend schwirrten
an hoher Dichtung Dämmersaum,
Stern und Blume, Lichtkristall,
und nun in Dung und Aschen liegen.
Woher den Atem nehmen, Hauch,
zu neuem Fluge sie zu wecken?

Uns ruft ein buntes Geisterrascheln,
streift unser Fuß durchs Laub des Schlafs,
das schwarze Schluchzen eines Wassers,
das taube Glieder lösend leckt,
und was heraufbeschwört aus Tiefen,
die Tropfen aus dem Kelch des Monds,
Ophelias Leid, Ophelias Lied,
das unsern starren Sinn behaucht
und wir erbeben knospengleich.

 

Apr 20 22

Im Niemandsland

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Eigentlich handeln die Mächte, Mächte des Lebens und des Todes, des Aufbaus und der Vernichtung, der Sonne und der Nacht; dennoch bleibt nicht unschuldig, wer sich in ihren Dienst stellt oder auch sich sträflich ihrem Dienst und Anspruch verweigert.

Die geschichtlichen Mächte verkörpern sich in den Emblemen, Wappen und Allegorien derjenigen Länder, Nationen und Sprachen, die sie besetzen, die von ihnen besessen sind. – Keine Grenzbefestigung, keine Expansion, kein Krieg, ohne daß die römischen Legionen nicht das imperiale Zeichen des Reichsadlers aufgepflanzt hätten.

Das dichterische Wort verkörpert die Macht der Sprache. Wer sich in ihren Dienst stellt, mag siegreich sein oder scheitern, die Grenzen des Sagbaren ausweiten oder sich auf die harte Essenz des nicht zu Verschweigenden zurückziehen; doch kann er durch Schlampigkeiten, Mißtöne, schiefe Bilder und Metaphern sündigen.

Homer sah göttliche Mächte, übermenschlich-hohe, grausame und doch auch mit Einsicht begabte, in den Masken der in ihrem Dienst kämpfenden, siegenden und fallenden Hellenen und Trojaner den mythisch-historischen Krieg führen. Achill schont Hektor nicht; und doch läßt er sich von seines Vaters Bitten bewegen, ihm den Leichnam auszuhändigen.

Vergil gibt der Hoffnung inmitten des Untergangsfeuers Gestalt in der Figur des Aeneas, der seinen Sohn bei der Hand nimmt, den greisen Vater aber auf der Schulter aus den Flammen trägt. Aeneas, das heißt die Verkörperung der Roma aeterna.

Singt Sappho, so in ihr, durch sie, mittels ihrer Stimme die Macht des Eros oder Aphrodite.

Dem Propheten reinigt der Engel mit Feuer und Glut den adamitischen Mund, auf daß er reiner Gottes Willen verkünde.

Wer flucht, von dem sagen wir, er spreche im Zorn, oder auch, der Zorn habe aus ihm gesprochen.

Als wäre das Stammeln des Inspirierten ein Exempel in der Sammlung Freudscher Witze und Fehlleistungen.

Im Rascheln des Blatts, im Rauschen des Wipfels, im moosgrünen Schatten unter dem Zweige gewahren wir noch, bei ihrer vollkommenen Abwesenheit, die Stimme, das Seufzen, den Schlaf der Dryade.

Im Gedicht sagt das Wasser mit leisem Brausen und unheimlichem Glucksen von der lange versunkenen Nymphe, dem Schluchzen Ophelias.

Im Niemandsland des abwesenden Mythos beschwört das Gedicht im nächtlichen Glitzern des Teiches, im Gischt des Katarakts, im verfänglich sprudelnden Wirbel des Maares und im unerlösten Seufzen des Wassers im Schilf die seelische Macht und mythische Größe des Wahnsinns.

Wäre auch die mythische Metamorphose uns als abgegriffener Groschen humanistischer Bildung in den Schatten des Lorbeerbaums gefallen, das Gedicht kann unter der harten Rinde noch immer das klopfende Herz Daphnes hörbar machen.

Unser Verständnis ist unmittelbar, wenn wir sehen, wie der sich gekränkt Dünkende schmollt oder grollt. Wir müssen nicht wissen, ob er rechtens handelt oder die Kränkung imaginär war.

Die Klage klopft, einer Bettlerin gleich, an die Pforte des einsamen Dichters, und das Scherflein, das in ihrer blechernen Schale klingt, ist sein Vers.

Nur wer nicht über den Tellerrand schaut, wer sich den Blick auf die nähere und fernere Umgebung, beispielsweise das Luxusleben des Herrn Nachbarn oder den Glamour seiner Dame, durch das hochgewucherte Buschwerk seines Vorgartenzauns verstellen läßt, wer nicht über den Tag hinausdenkt, nämlich in die Nacht seines Untergangs, der mag den blanken Groschen des Glücks oder der Zufriedenheit einheimsen.

Freilich nicht auf Dauer; denn auch sein Herbst kommt und die herabgewehten Blätter geben den Blick auf die Öde frei, in der er sich zuletzt wiederfindet.

Ideen klingen nicht, haben weder Farbe noch Duft noch Tonalität; Werke, die sie zu verkörpern sich anheischig machen, mindern die Intensität ihres Daseins und ihrer Wirkung, handele es sich auch um Ideen mit dem Nimbus höherer Weihen wie Humanität, Völkerverständigung und Weltfrieden; daher die Schwächen Mahlers, aber auch der Neunten Beethovens, von den konzeptuellen Basteleien elektronischer und serieller Kompositionen zu schweigen.

Die Essenz der Werke kann nur ästhetisch, nicht ideologisch sein. Wir bemessen den Rang des Kunstwerks nicht nach der Idee oder der noch so hochgemuten Absicht ihres Schöpfers.

Die Meisterwerke gleichen aus der kosmischen Leere jäh auftauchenden Sonnen; freilich, sie gehen am nächtlichen Horizont auf, doch können sie sich unserem Blick ebenso plötzlich, wie sie aufgeblitzt sind, auch wieder entziehen, nicht weil sie erloschen, sondern in anderen, unsichtbaren Konstellationen entschwunden sind.

Wie über den Riesenstädten und ihren Feuern und Aschenwolken der Sternenhimmel verblaßt, so die großen Werke der Vergangenheit in dem Leuchten der Bildschirme, von dem wir wähnen, es erhelle unser Dasein.

Manche Dichtung, von minder Hellsichtigen und Hellhörigen hermetischer Verrätselung verdächtigt oder bezichtigt, gleicht einem labyrinthisch angelegten, von exotischen Blüten durchschimmerten Garten, in den sich angesichts des Wildwuchses oder der Wüste der Welt zurückzieht, wer der Devise willfahrt: Lebe im Verborgenen.

Der digitale Bildschirm hat den Lack und Chrom des Autos als Projektionsfläche kollektiver Begierden abgelöst.

Technische Zivilisation oder die totale Entweihung des Leibes und der Sinnlichkeit.

Man fühlt schon bei Lebzeiten die Desakralisierung des Körpers, der als lebloses Ding dem Verbrennungsofen anheimgegeben wird.

Sinn ist eine Kategorie des lebendigen Bewußtseins und der angewandten Sprache; ob es sinnvoller wäre, nicht gelebt zu haben, ist eine absurde Frage; denn man kann nicht ermessen, wie es wäre, nicht gelebt zu haben, nicht zu existieren.

Von der Faktizität des Daseins oder der Macht des Schicksals wissen wir nur die leere Fülle, in der das einzelne Exemplar nichts zählt.

Nur das liebende Auge sieht die Wahrheit des Einzigen und Einzigartigen.

Man erstickt, wenn man sich als Zeitgenosse definiert.

Im eleganten Künstleratelier unter dem Dach flimmern Pornofilme, im Keller des Hauses finden Verhöre unter Folter statt.

Was sie dir als Teilhabe, Zeitgenossenschaft und Engagement andienen oder aufnötigen, ist der kaum fühlbare Knebel, der dir den Mund mit lauter hübschen Phrasen stopft.

Mangel an Talent stellt die Dichtung in den Dienst der Moral oder Politik. – Der Beifall der erregten Menge ist auch dem minder Begabten vor dem die Stimme vergrößernden Mikrofon gewiß.

Die Kühnheit des Dichters, für niemanden zu schreiben, kann das Gedicht noch für eine Zeit beflügeln, über die Grenzen der verlorenen Heimat hinwegzuschweben. Wohin? Wohin auch immer, zum Strand der Schatten, zu den Inseln der Seligen, ins Niemandsland, wo das Wort die Stille findet, das Moos, auf das es, ein matt glänzender Tau, sich niederläßt.

Der Begriff einer Zahl ist keine Zahl. Die Erinnerung an einen Klang, an einen Duft klingt nicht und duftet nicht.

Ein Gedanke, ein Konzept, eine Idee können nicht „sinnlich erscheinen“; dies aber ist die verfehlte Annahme idealistischer Ästhetik (Platon, Hegel).

Man kann sich an ein Gedicht nicht wie an eine Zeitungsmeldung erinnern; täte man es, hätte man das genuin Dichterische verfehlt.

Man weiß nicht mehr, was einer gesagt hat; doch erinnert man sich an den ironischen, gehobenen oder gedämpften Ton seiner Stimme; so mit dem Gedicht.

Dichtung steht im Gegensatz zur Literatur; diese ist aus Lettern gemacht, jene eine Synthese aus Klang, Taktfolge und Rhythmus, von der Farbigkeit und Duftigkeit, die ihre Bilder und Vergleiche umhüllen, nicht zu reden.

Lyrische Dichtung ist ein Archaismus und Anachronismus in der modernen Welt; sie hat ihre Heimat nur als ein fragiles seelisches Refugium

Der Klang lyrischer Dichtung ist ein Echo des Melos der von Laute und Flöte begleiteten antiken monodischen und chorischen Lyrik, ihre Taktfolge und ihr Rhythmus sind ein Residuum der Tanzschritte antiker Chöre.

Der Literat schreibt im eigenen Namen oder im Namen der Idee, des Kollektivs, der Moral, denen er sich verschrieben haben mag; der lyrische Dichter ist kein Schreiber, sondern ein Hörer fremder Zungen, der Musen, der Chariten, des Orpheus, des Apollon oder welcher Gottheit immer, der lichten oder dunklen Mächte, die sich ihm zusprechen, wenn er auch das Vernommene im Dialekt seiner Muttersprache aufschreibt.

Der lyrische Dichter ist ein Repräsentant der oralen Tradition, die von Homer bis zur Edda, vom liturgisch-mystischen Gesang bis zum Volkslied reicht, nicht der Funktionär einer skripturalen oder digitalen Sinnproduktion.

Die Sprache der Dichtung ist wie ein Meer, aus dem der Dichter mit der Muschel seines Gedichts nur jeweils einige Tropfen zu schöpfen vermag.

Mehr als das Gesagte gelten, anders als im gewöhnlichen Gespräch, beim Gedicht Gesten, Mienen, Ausdrucksgebärden, Tonfarben.

Die reiche Mannigfaltigkeit der Versarten und Strophenformen, der rhythmischen Bögen und Bildprogramme entstammt Zwecken, die vom Anlaß des Singens und Sagens angewiesen wurden, wie Sieg und Preis, Eros und Evokation der Geliebten, Trauer und Klage, Verlust und Andenken, Spott und Invektive, schuldhafte Verstrickung und meditierende Besinnung; doch haben sie Dauer, auch wenn die konkreten Anlässe und konventionellen Situationen und die rhetorisch-figuralen Muster ihrer Bewältigung sich verflüchtigt haben – sie werden in verwandelter Gestalt gleichsam ins Innere der dichterischen Sprache aufgenommen.

Was dem Literaten die Moral und die Verantwortung sind dem Dichter der Mythos und seine Befragung. Auch wenn ihm kein lebendiger Mythos mehr als bunte Mannigfaltigkeit verleiblichter Mächte entgegentritt, spürt er diesen Mächten an ihrem spezifischen Ort und zu ihrer eigentümlichen Zeit immer noch nach, bleibt von Gaia auch nur die Erde, vom Kampf zwischen Licht und Dunkelheit der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, von Apollon die Sonne, der Lorbeer und der Gesang, von Dionysos die goldene Traube und der dunkle Rausch, von Orpheus der Anruf ins Nächtige der Unterwelt; von der Schöpfung das gestaltende, sondernde, ins Licht rufende Wort, vom Paradies Blattgeflüster und das Rauschen der Ströme, von der Urschuld der Makel und Aussatz der menschlichen Seele, von der himmlischen Stadt die efeubehangenen Mauern.

Kann, wie Schelling vermutete, wie Heidegger postulierte und zu improvisieren wagte, Denken eine Form des Dichtens, Dichten eine Form des Denkens sein? Nein, wenn man unter Philosophie logisch-semantische Analyse und vernunftgemäße Besinnung versteht; ja, wenn man die klassische Form der Philosophie ad acta legt; denn ihre schulmäßigen Zentralbegriffe wie Erkennen, Wissen, Wahrheit, Bedeutung oder Verstehen lassen sich nicht rein dichterisch umformen.

Wer statt „Mensch“ „Dasein“ sagt und „Existenz“, dichtet nicht, sondern entwirft mittels neuer Termini eine neue Atmosphäre des Denkens. – Allerdings hat Heidegger unter Rückgriff auf mehr oder weniger dichterische Ausdrücke wie „Wohnen“, „Bauen“, „Sage“ oder „Geviert“ ein Bild unserer geschichtlich-schicksalhaften Situation entworfen, das der Wahrheit näher kommen mag als das von den Humanwissenschaften konstruierte.

Da alle in den Medien benutzten Worte mehr oder weniger schadhaft, wurmstichig, ranzig geworden sind, muß, wer etwas zu sagen hat, beinahe in Rätseln sprechen.

Wer keinen von jenen erreichen will, die das von den Medien verhunzte Wort für das letzte halten, wird genötigt sein, sich in das Refugium des verwaisten epikurischen Gartens zurückzuziehen, der in Wahrheit ein Niemandsland geworden ist, aus dem die Freunde und Gesprächspartner in das mit dem Dröhnen der Lautsprecher lockende und nach Brathendl duftende Tivoli, die Götter aber in die unsagbaren Fernen der Intermundien entflohen sind und dessen Mauern wohl den Lärm der Welt abhalten, aber auch das Rauschen der heimatlichen Ströme. Hier muß er anders wieder, ernster oder sogar gelassener, fragen: Wozu Dichter in dürftiger Zeit?

 

Apr 19 22

Lyrische Rezidive

Und was so heiß
dich überströmte,
der Untergang der Sonne
in deinem Blut.
Und Nacht dann,
Nacht
und Stille,
oder fernes Schluchzen,
ans Uferschilf dir wogend
vom Fluß der Unterwelt.

*

Und Nacht,
o Nacht,
herniedersinkend,
das Wort,
das Licht,
verzückt
erstickt
in ihrem Schoß.

*

Sublim aufwölkend
wie sophokleischer Gesang
löst sich dein Wort,
das Wehgespinst,
ins grenzenlose Blau.

*

Stimme, weißer Schlaf,
erbettelt wie mit Muschelschalen,
gibt sich als Woge fort,
am eignen Echo
bald erlahmt,
gebrochen.

*
Laub des Ungesagten,
vom Mehltau matt
zermürbenden Geschwätzes,
ermüdet unter Schatten
grämlicher Begriffe
und Spinnenweben
abgespulter Namen,
erzittert schon,
erbebt von dem, was naht,
es siegelblank,
es golden-grün zu waschen,
Sturm.

*

Muß das Herz ergrauen
und der Geist verwittern
unterm harten Licht,
Träne wird betauen,
Knospe weich erzittern,
wenn die Nachtluft spricht.

*

Aufgebahrt in dunklem Schrein
ruht das Sonnenwort.
Schmerz, er rankt sich, wilder Wein,
in die Stille fort.

*

Flamme, eingesunken,
welkes Blatt, vom Herbst erleuchtet.
Wein, den wir getrunken,
hat die Wüste nicht befeuchtet.

*

Odem, gepreßt, geflossen
aus Lungen in beinernen Zangen.
Wort, das wild gesprossen,
hat sich im stummen Bild verfangen.

 

Apr 18 22

Überschauert

Überschauertes Gesicht,
blumenweich,
hingeneigt dem Abendlicht,
einer Blüte gleich.

Ausgetrocknet unterm Strahl,
Knospenrund,
aufgetan dem Monde fahl,
lang verstummter Mund.

Auge, blinder Bild für Bild,
tränenlos,
birgt, wo süßes Licht ihm quillt,
grünen Dämmers Schoß.

 

Apr 17 22

Namen, Schwärme

Namen kriechen wie Insekten,
an den Wänden, an den Waden,
Löcher stopfst du, wo sie heckten,
doch kein Harm kann ihnen schaden.

Surren wieder wie die Bienen,
und wie Mottenschatten kleben
sie am Fenster, den Gardinen,
dir zum Hohn ist frei ihr Leben.

Schlägst du um dich mit der Fliegen-
klatsche, sprühst du Gift aus Spritzen,
kannst dich selber nur betrügen,
Scharen krabbeln aus den Ritzen.

Namen sind es von den Toten,
den verkannten, den geschmähten,
sind der Nächte Flügelboten,
sind die sich dem Licht vermählten,

Geister eingeweihter Ahnen,
die gewohnt am Meer der Mythen,
die gewandert Sternenbahnen,
Sonnenwortes Satelliten.

Schwärme, die den Weg verdunkeln,
daß wir stolpern, daß wir irren,
Mücken, die im Finstern funkeln
und durch Abendröten schwirren.

Birgst du sie in leisen Reimen,
dienen sie dem Vers zu Samen,
die zu hellen Zeichen keimen,
uns zu leuchten, Gottesnamen.

 

Apr 16 22

Tränen, matter Glanz

Wir lagen unterm dunkelgrünen Blech der Nacht
und seinen tief getriebenen Folternägeln.
Was um uns wuchs, war stillen Duldens Gras
und Halme, die ihr Seufzen einwärtsbogen.
Zu taub, sich eins am andern wach zu fühlen,
Hände, zuckend wie im Schlaf, die Augen
zerbrochene Spiegel, die kein Bild mehr hielten.
Abgeblühte Knospe hing das Schweigen
über unserm starren Schmerz, der Mond.
Statt deiner sprach der Wind vom Grenzenlosen
mit Fäden fahlen Lichts und Funkenpollen,
die aus des Abgrunds Staubgefäßen wehten
zum Zwielichtufer ferner Asphodelen.
Statt meiner sang die moosbetäubte Quelle,
wo sich die alte Weide Schimmer sog,
vom Mündungsdelta eines blauen Stroms,
den sie im Moor versickernd, ach, versäumte.
Was wäre lichtes Wort uns mehr gewesen,
als die gezittert an den Wimpern, stumme
Tränen, und da sie rannen, hat ihr Glanz,
der matte, die Dunkelheit uns nicht erhellt.

 

Apr 15 22

Entgleitende Locke

Locke, schon entgleitend, lose,
was durch Schattenfinger fließt,
Duft, Erinnerungswirbel, Rose,
Blumenmund, den Schlaf verschließt.

Bleibt vom grünen Bild ein Schauer,
Tau, der glänzt, und Schaum, der kühlt,
rinnt ein Flüstern an der Mauer,
Wind, der weich im Efeu wühlt.

Stäubt sie auf, erregtes Wasser,
Gischt, die sich ins Helle biegt,
Traumgestalten werden blasser,
wenn ihr Quell, der Schmerz, versiegt.

Öffnen sich des Duftes Schalen,
Flechten greift die wache Hand,
die gerafft von Lichtspiralen,
als du schliefst, sich Anmut wand.

 

Apr 14 22

Kristalline Schale

Kristalline Schale, purpurfarben
wie des Lammes keusches Blut,
sprühend zarte Sonnengarben.

Schwarz die Luft im leeren Raum,
schwarzer Samt am schmalen Fuß,
blaß umseufzt von Muschelschaum.

Einer Blüte Schneelichtflaum
weiße Hand zu streuen wagt
auf der Nacht Obsidian.

Und er schwebt, ein fahler Schlaf,
Tau, der Glanz des Schweigens sagt,
niederperlend diaphan.

 

Apr 13 22

Ist dies die Nacht?

Ist dies die Nacht der lichten Klänge,
die auf die dunkle Erde sinken,
lilienblütengleich,
die Nacht, die mildert Todes Strenge,
wenn harsche Herzen Tauglanz trinken,
und sie werden weich?

Ist dies die Nacht, da Flügel gleiten
und streifen grauen Ahnenmalen
Staub vom Lebensbild,
die Nacht, da sich die Augen weiten,
geküßt, gesalbt von Gnadenstrahlen,
und sie glänzen mild?

Ist dies die Nacht, da Kerzen flammen
und Honig tropft zur Erde nieder,
Süße in die Bitterkeit,
die Nacht, die geistvoll fügt zusammen
das Licht mit dunklen Mächten wieder,
und sind benedeit?

Ist dies die Nacht, da sich erheben,
die drunten bei den Schatten lagen,
und ihr Banner schwingt,
die Nacht, da Lahme freudig beben,
wenn Blinde wahr vom Lichte sagen,
und der Stumme singt?

Ist dies die Nacht, da Steine blühen,
entsunkne Quellen aufwärts springen,
und sie tönen rein,
die Nacht, da Trauben tiefer glühen,
wenn Nachtigallen Sanftmut singen,
und das Wort wird Wein?

Mag sich in solche Nacht ergießen,
in dieses Abgrunds Wirrnis-Grauen,
einer Träne Licht?
O Nacht, die Flammenflügel schließen
die Engel, die dein Unheil schauen,
doch sie weinen nicht.

 

Apr 12 22

Zu spät

Er hantiert am Schloß der hohen Tür,
hingekniet und mit verbissenen Lippen,
die Stirn in Falten, man hört ihn seufzen, keuchen,
das Schloß, es geht nicht auf, die Tür bleibt zu.
Der Tag vergeht, die Nacht bricht an, und wieder
macht er sich ans Werk, schraubt mit Draht,
dreht ein Messer, es geht nicht auf, das Schloß.
Der Raum ist kahl, kein Bild und keine Vase,
ein Schrank, Waschbecken, ebne Pritsche,
an der Wand glimmt eine öde Funzel,
die wenn er auf dem Eisenbett vergebens
zu schlafen sucht, die fahle Maske des Gesichts
aufschimmern läßt, die Augen aber bleiben
Grabeshöhlen, die Blicke eingesunken.
Tag und Nacht, ein müder Übergang
von grauem Schnee in dämmergraues Eis
in einer Milchglasscheibe an der Decke.
Gefängnis, Lager, Läuterungsanstalt?
Manchmal öffnet sich die Deckenscheibe
und es surrt gefüllt mit karger Kost
an einem Seil ein Korb aus Bast herab.
Auch Bücher sind verstreut am Boden, Zettel,
vollgekritzelt, zerknüllt, zerrissen.
Briefe, angefangen und verworfen bald,
Bittgesuche, Notizen zum verfehlten
Leben, unleserlich, nicht zustellbar.
Er versucht noch einmal, das Schloß zu öffnen,
umsonst, liegt endlich hingestreckt und starr,
ein Husten, Stöhnen, und dann wird es still.
Das Grau tropft durch die Scheibe, dunkles Grau,
und ist kein Laut, kein Atem geht, kein Hauch.
Mit leichtem Schwung, wie eines sanften Flügels,
tut wie von selbst die Tür sich auf und Licht
strömt ein, ein Kind schwebt in den Raum,
nackten Fußes, die goldenen Locken wogen
ihm um die blassen Wangen, es tönt sein Mund.
Kommt das Licht von diesem Vlies der Locken,
kommt es vom Lächeln dieses Angesichts?
Das Kind tritt zu dem Toten, träumerisch
fährt seine Hand ihm über Stirn und Augen,
und matte Lider sinken, tote Monde.
Leise summend küßt sein Blumenmund
den Runzelmund, der nie gesungen hat.
Du kannst, o Engel, ihn nicht auferwecken,
wärst früher du gekommen, ihm zu zeigen,
daß diese Tür nie abgeschlossen war,
ein Weg ins Freie ging, ins eigne Leben.

 

Apr 11 22

Wurmstichige Terzinen

Entkämen wir einer sich selbst verschlingenden Welt,
wo Liebesschluchzen sich mischt mit Geröchel von Siechen,
zerquetschten Gesichtern, von Wollustgrimassen entstellt.

Wollen wir nicht Wurm unter Würmern mehr kriechen,
uns vom Kot hinabgewürgter Worte ernähren,
betäubt den Aasgestank der Geschichte beriechen,

sind wir es noch, die sich nach den Tiefen verzehren,
blauend über weißen Kelchen moosdunkler Auen,
was trunken flammt, die Feuer des Himmels verehren,

Nacht erbittend, Inseln fernen Leuchtens zu schauen,
Quellen, in deren Wölken Verzagte genesen,
Blüten, gepflückt vom Seufzen liebender Frauen.

Wer wollte aus dem Dung den Wurm sich erlesen
und ihn mit zauberischen Sprüchen behauchen,
die ihn verwandeln in ein bunt geflügeltes Wesen,

frei, in der Iris purpurnen Abgrund zu tauchen?
Kein Gott der Gipfel wohl dürfte den Ekel verwinden,
Würmer umfingernd, die in Verwesungsdunst krauchen.

Möchte der Unteren einer würdig uns finden,
von der düsteren Walstatt ins Licht uns zu heben,
Wassergeister, ihr Gischte, Sylphen, ihr linden?

Daphne steht starr, Ariel, nachtwindergeben,
Wasser verrauscht und Luft will Anmut nur tragen,
dem Wurme bleibt, im freudlosen Dunkel zu leben.

Ach, nenn nicht Leben verkrustete Worte benagen.

 

Apr 10 22

Der beschlagene Spiegel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Für die relative Differenz wie die zwischen Personen, Arten oder Kulturen bieten wir unsere Einbildungskraft oder unser poetisches Ingenium auf, nicht immer vergeblich; doch vor dem absoluten Unterschied, dem von Leben und Tod, Sein oder Nichtsein, müssen wir die Waffen begrifflichen und bildlichen Verstehens strecken. Wir haften am Modell einer Asymptote, die sich zwar immer mehr der zu erreichenden Grundlinie annähert, sie aber niemals berührt.

Das, was im Sterben den Atem, den Herzschlag stillstehen läßt, denken wir uns wie diese Asymptote, doch so, als berührte sie eben jetzt die Linie.

Oder wir entfernen aus dem imaginären Wohnzimmer der Erinnerung nach und nach jedes Möbelstück; jetzt steht es schon ganz leer; dann hängen wir auch die Bilder von den Wänden ab; jetzt ist es leer und ganz kahl; endlich löschen wir das Licht oder schließen die Läden; jetzt ist es leer, kahl und finster. Aber wir können mit diesem Verfahren sich steigernder Negation nicht zu einem Bild oder einer Metapher unserer Nichtexistenz gelangen, denn da ist immer noch etwas, was übrigbleibt, gleichsam die dünne Luft der Abwesenheit, ein fahler Schimmer, der durch die Ritzen der Fensterläden oder den winzigen Spalt eines Vorhanges fällt. – Und immer ist da noch einer, der könnte er sprechen, von der dünnen Luft der Abwesenheit spräche oder dem fahlen Schimmer, der von irgendwoher in die Erinnerung fällt.

Das abstruse philosophische Kauderwelsch, das mit Platon, wenn auch gemäßigt von dichterischem Ingenium, anhebt, gipfelt nirgend anders als im deutschen Idealismus. Waren es in der Frühzeit noch sprachliche Vexierbilder wie die als Namen mißverstandenen Begriffe von Zahlen und Pseudo-Entitäten wie Wahrheit, Schönheit, Tugend, ist es beim intellektuell zügellosen Hegel ein Höllenreich radebrechend sich begattender Wesenheiten vom Nichts über das Etwas bis zum Zentrum dieser logischen Hölle, Gott, der weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist, sondern ein dialektisches Monstrum ist.

Die wahren Erben Hegels, Marx, Lenin und tutti quanti, inthronisierten den Höllengeist als uniformierte Avantgarde und revolutionäre Parteielite über einem eschatologischen Reich, in dem das Glück der Massen sich ununterscheidbar mit dem Tugendterror der Politik vermengt.

Der prophetenbärtige Freud missionierte am erfolgreichsten im Land der Pilgerväter mit einer sexualisierten Version des Puritanismus, einer pantheistischen Erotik ohne Gott, einer gleichsam im Brutwasser schwimmenden puritanischen Moral; das machte ihn für Hollywood anziehend.

Im Laufe der Jahre blickt einen die eigene Seele aus einem von den Ausdünstungen des Geschwätzes beschlagenen Spiegel als Gespenst entgegen.

Der jugendliche Feuerkopf, besessen von dem, was er als Leidenschaft für die Wahrheit, die Gerechtigkeit oder ein sonstiges Ideal mißversteht, verspürt ein quälendes Kribbeln in den Fingern; es sind die Wörter, die, wenn er sie über die Seiten gehetzt aufschreibt, auf der Stelle neue hervorlocken, um die Folter nur noch zu verlängern und zu vergrößern. Doch die wirren Schriftzüge und schludrigen Chiffren eines losgelassenen Willens sind nichts weniger als sprossend, rankend und glühend; vielmehr hinterlassen sie, welk über Nacht, das matte Schimmern eines Leichentuchs. Alt, müde, resigniert, ist der Dichter des Schreibens überdrüssig; denn er hat nichts jemandem und keinem etwas mehr zu offenbaren oder zu verkünden. Schreibt er aber, halb dösend, noch etwas aus alter Gewohnheit nieder, rinnt ihm, er weiß nicht woher, ein unheimlicher Glanz in die Sätze, Glanz wie von nächtlichen Blitzen.

Das sprechende Wesen? Ach nein, lieber blumenstilles Dämmern, schöner die Blüte, die wie von allein, gekitzelt vom Strahl, duftend sich auftut, nicht einmal seufzt, wenn der unausbleibliche Eros sie heimsucht, Befruchtung und Bestäubung aber Wesen, fremd wie von einem anderen Stern, die sie in anderer Absicht besuchen, anheimstellt. Schöner das Blatt, worauf kein entwurzelter Wille herumkritzelt, sondern eingewurzelte Gene unbewußte Zeichen und Linien morsen und masern, Blatt, das ohne Mund und Ohr, ohne sich selbst inne zu werden und sich selbst und dem eitel-vereitelnden Publikum Zeugnis zu geben, vom anonymen Wind erregt, sanft vor sich hin rauscht.

Kretins der Moral sind baß erstaunt und hell entrüstet, daß es im Krieg auch Tote gibt.

Sie können nicht urteilen, ohne zu werten, nicht das Wort auf die Lippen heben, ohne es mit dem widrigen Speichel des Moralisierens zu belecken. Gedenken wir in aller Still Max Webers und seiner Forderung nach Wertneutralität nüchternen Denkens.

Bekennt man sich nicht offen oder öffentlich für die Seite in einem Konflikt, die sie als die ihre einzig bekennen, gilt man bereits als Hochverräter. Aber nicht zu unterzeichnen, was einer deklariert, heißt nicht, für das Gegenteil eintreten. Doch für diese elementare logische Einsicht gebricht es ihnen entweder an Hirnschmalz oder an gutem Willen oder, höchstwahrscheinlich, an beidem.

Jüngst hat der Schelm auf dem Heiligen Stuhl die altehrwürdige Litanei auf Maria, die lauretanische, in der die sancta virgo virginum unter anderem turris eburnea und rosa mystica genannt wird, um die neue, dem Zeitgeschmack die Füße leckende Anrufung ergänzt: solacium migrantium, Trost der Migranten.

Ach, turris eburnea, Elfenbeinturm, als Schimpfwort für sich asketisch der Form und Sprachgestalt widmende Dichter mißbraucht, entstammt der Marienandacht?

Rosa mystica, dies Symbol der Gottesmutter inspirierte ganze Generationen von Dichtern und Künstlern, bis die dichterische Imagination angesichts der Massenproduktion von kitschigen Plastikrosen neben anderen Devotionalien für die Rummelplätze des Kults sie ihrer mystischen Aura und ihres betörenden Dufts beraubt fand.

Der große Physiologe Johannes Müller sei aufgrund der Entdeckung, daß jeder organische Sensor auch bei qualitativ unterschiedlichen Reizquellen jeweils mit der für ihn eigentümlichen, spezifischen Reizantwort aufwartet, so das Auge bei Druck durch seine Visualisierung in Funken und Sternchen, zur Annahme seines sogenannten physiologischen Idealismus inspiriert worden, wonach uns als sensorisch und mental (und, könnte man heutigentags ergänzen, sozial) geschlossenen lebenden Systemen die Realität auf immer verschlossen, ein Buch mit Sieben Siegeln bleibe. – Doch vermögen wir ohne weiteres zwischen Trugwahrnehmung und Realitätswahrnehmung, Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden, und zwar auf der Basis unserer Art, die Wahrheitsbedingungen derjenigen Sätze anzugeben und zu prüfen, mit denen wir unsere Wahrnehmungen beschreiben. Sicher liegst du immer richtig, wenn du sagst, dies da erscheine dir grün. Doch wenn du aufgrund einer solchen optischen Wahrnehmung über die Kreuzung gehst und von einem Auto erfaßt wirst, wissen wir, daß wir richtig liegen, wenn wir sagen: „Entweder hat die Anzeige der Ampel versagt oder du bist einer Trugwahrnehmung erlegen; und nur eines davon kann wahr sein.“

Um das, was wir richtig, korrekt, wahr nennen, zu begründen, können wir uns nicht auf natürliche Phänomene und Ereignisse berufen, sondern sind auf die Anwendung und Beurteilung deskriptiver Aussagen angewiesen. An der Tatsache, daß Wasser bei 100 Grad Celsius verdampft und bei Minusgraden gefriert, ist nichts Normatives aufzuspüren (ebensowenig wie aus der Tatsache, daß der Erdolchte verblutet, die moralische Forderung folgert, Blutvergießen sei in jedem Falle zu vermeiden); doch die Aussage, daß Wasser bei Minusgraden verdampft und bei 100 Grad Celsius gefriert, ist evidentermaßen unrichtig, inkorrekt, falsch.

Es gibt nichts Unwahres in der Natur, also auch nichts Wahres.

Es gibt nichts Heiliges in der Natur, also auch nichts Unheiliges.

Die Natur kennt keine Gnade, aber auch keine Verbrechen.

Mag die Welt alles sein, was der Fall ist; sicher aber ist sie nicht, wie es der erkenntnistheoretische Idealismus unterstellt, alles das oder die Summe dessen, was wir wahrnehmen, erfahren, erleben oder woran wir uns erinnern. Denn wäre die Welt nichts anderes als die sagen wir systematisch gegliederte und klassifizierte Summe, gleichsam die mentale Bilanz unserer Wahrnehmung, Erfahrung und Erinnerung, würden die Begriffe der Wahrnehmung, Erfahrung und Erinnerung sinnlos.

Eine systematisch gegliederte und klassifizierte Summe unserer Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erinnerungen, in die auch all unsere Wahrnehmungstäuschungen, Illusionen und trügerischen Erinnerungen eingingen, sagt uns nichts über das, was wir Welt nennen könnten.

Welt ist nicht nur der Horizont, der stets mit unseren Schritten mitwandert, sondern der Horizont, der sich im Gefolge unserer Wanderungen und Expeditionen mehr oder weniger unmerklich verschiebt, erweitert oder verengt.

Das Thermometer mit seiner Quecksilbersäule hat keine qualitative Verwandtschaft mit dem Wasser, dessen Temperatur es mißt. Ähnlich der wahre oder falsche Satz: Er ist kein Abbild des Sachverhalts, über dessen Bestehen oder Nichtbestehen er wahrheitsgemäß oder fälschlicherweise Auskunft gibt.

Daß, solange es kulturelle Traditionen der Nationalsprachen gibt, jede Generation ihre eigentümliche Übersetzung von Homer, Sophokles und Horaz hervorbringt, weist darauf, daß es keine endgültige Version geben kann; doch es impliziert nicht, daß wir nicht zwischen weniger guten und guten oder hervorragenden Übersetzungen unterscheiden könnten.

Der Verfall des Deutschen, gemessen am sprachlichen Niveau eines Goethe, Thomas Mann oder Kafka, aufgrund seiner pervertierenden Indienstnahme durch Pädagogik, Politik und öffentliche Medien ist eklatant. Pars pro toto: der Untergang des Reflexivums; so liest man täglich Aufforderungen wie „Jetzt registrieren!“, „Heute noch bewerben!“ oder „Jetzt anmelden!“. Ist dies Ausdruck von Schlamperei, geistiger Verödung, Flucht vor der Wahrheit dessen, was Philosophen Selbstsein, Eigentlichkeit und Authentizität nannten, die sich ja am nachdrücklichsten in der Analyse des Gebrauchs reflexiver Wendungen offenbaren?

Sich an etwas zu erinnern ist etwas gänzlich anderes als jemanden an etwas zu erinnern.

Ähnliches gilt für den Verfall des Genetivs wie beispielsweise beim Genetivus partitivus, criminis oder memoriae: „Er hatte des Weines zuviel genossen“, „Er wurde des Verrats bezichtigt“ oder „Um seiner zu gedenken, ging er regelmäßig am Jahrestag von Vaters Tod zu seinem Grab“ – dies liest und vernimmt man heute nicht mehr; dafür aber groteske Formulierungen wie „Er erinnerte den verstorbenen Freund“ oder „Sie gedachten den Opfern.“ – Den Freund, den Gott habe ihn selig Mutter Erde bedeckt, an was auch immer erinnern zu wollen ist eine selten gelingende Sprachhandlung. Die den Opferkult pflegen, können, wessen sie mit Krokodilstränen gedenken, nicht mehr angemessen artikulieren. Vielleicht ist diese Form sprachlicher Vulgarisierung bereits eine Folge des Vordringens des Globalismus über das Englische, denn hier kann man ja sagen: „We rembered the victims.“

Des sog. Genderns nur weniges zu erwähnen, dieses staatlich verordneten, ansonsten auch vom medial gleichgeschalteten „mündigen Bürger“ in freiwillig vorauseilendem Gehorsam devot durchexerzierten Verbiegens des sprachlichen Rückgrats, das nicht nur entstellt, sondern auch die Verachtung und Verächtlichmachung der natürlichen Ordnung der Geschlechter zum Ausdruck bringt; nicht verwunderlich bei einem Volk, das die reproduktive und erzieherische Funktion der klassischen Familie diskreditiert und Frauen die angebliche Selbstverwirklichung ausschließlich in der Tretmühle des Acht-Stunden-Arbeitstages anempfiehlt, ja aufnötigt; hinzugerechnet der erkleckliche Anteil an Unbildung, Illiteratentum und Dummheit, der jene, die zwanghaft von Studierenden, Bürgerinnen, Ärztinnen oder Kolleginnen faseln, glauben zu machen scheint, die grammatische Grundform masculini generis stehe ausschließlich für die Benennung des natürlichen Geschlechts, während die Bedeutung von Wörtern wie  „Student“, „Bürger“, „Arzt“ und „Kollege“ selbstredend sowohl Herrn Müller als auch Frau Meier umfaßt.

 

Apr 9 22

Der hohe Bogen

Schmerz und Schönheit, hoher Bogen,
Tau und Schimmer, Glut und Dürre,
Blütenlicht, ins Dunkel wehend Laubgewirre,
Lied, das kaum genistet wieder fortgeflogen.

Tropfen, die am Blatt des Traumes glommen,
weichen Wassers Liebewallen,
Seele, unbewußtes Lallen,
der Erde Herz vom Dunst des Monds benommen.

Und die Sonne bog zurück die Schatten
mit den Feuerfingern, und aus losen
Purpurtupfen wand sie Rosen,
daß der Falter Flügel nicht ermatten.

Dämmerung, als wir im Grase schliefen,
und uns weckten wie aus fernen Reichen,
heim zum großen Strom zu wandern, unsersgleichen,
Vogelstimmen, Geister der azurnen Tiefen.

Und wir sahen, wie die Wellen gingen
und Geschwisterwellen wiederkehrten,
fühlten, wie den Schmerz der Nacht vermehrten
Fiederflocken, Schnee von Schwanenschwingen.

 

 

Apr 8 22

Daphne-Variationen

I

Von der Sonne gejagt,
geritzt von goldenen Blicken,
um zu erstarren,
grünend,
an tröstlichen Wassern.

II

Dorther, wo sich bricht ins Trübe der Strahl,
ermattend in wogendem Tang,
wo das Lied des Tages verdämmert,
von glucksenden Blasen genarrt,
dem Lachen schiefmäuliger Fische,
aus raunender Ahnen Strom
kam die Wunder-Verwandlung.
Barg sie der schilffeuchte Hauch,
der dir kühlte die Glut,
war es bitterer Schaum,
der um den Fuß dir, den eingetunkten,
nächtlich geknistert?

III

Läßt Eros einzig die edlere Geste des Abschieds,
dem Schmerz der Entsagung erblüht
aus dem unendlichen Abstand
zwischen Sehnsucht und Bild,
einzig, was im sinkenden Strahl
grünender flüstert,
das unbeschreibliche Blatt,
leuchtend am Schattengezweig,
den Ruhm, Sonne der Nacht zu sein,
dem aus der Klage erwachten Gedicht?

IV

Herrlicher schimmerst du dir allein,
jungfräulich schöner am Ufersaum,
und reiner rinnt als purpurner Wein
von deinem Blatt Apollons Schaum.

Keuscher rührt der Sonne Kuß,
wenn der Strahl durch Wolken dringt,
und schwillt im Abendlichte der Fluß,
Schmerz, von Schatten gedämpft, er singt.

V

Kein Flügel hob dich rettend hinan,
zu Wurzeln faserten aus deine Füße,
und was dir schüttelte Gold auf die Schulter,
die Locke wand sich ins wallende Laub.

Aus der Schale des Schoßes entsprossen,
azurne Lüfte zu saugen, zart gefiederter Zweig.
Tränen aber, angstfeuchte Gluten, wurden,
die keimenden Blätter zu kühlen, Tau.

Stumme Rinde verschließt wie ein Rätsel,
Ring um Ring sich erinnernd, dein Herz,
und dir blieben vom Stampfen der Chöre
schmerzloser wehend die Lieder des Winds.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Apollo_und_Daphne

 

Apr 7 22

Der Untergang des Psalms

Rosig-hold schimmert noch ein Malvenblütenrest,
ein blauer Iris-Tupfer auf dem blassen Porzellan,
Vase, die zertrümmert keine Hoffnung läßt,
das Wunderbild zu schauen, Blüten, Teich und Schwan.

So quoll aus grünem Munde einst der Sang,
erquickt von weichem Wasser war das Dotterblumenblatt,
selig Flüstern aber goldener Überhang
des Laubs auf Kiesel, Lächeln unter Wellen mondenmatt.

Metallener Zähne ist das Unheil aufgeschrillt,
die Weide splitternd in den Abraumschacht,
der Quelle Mund erstickt, mit heißem Teer befüllt,
statt süßen Lallens hat ein rüdes Mensch gelacht.

Keine Locke blieb, da man das Haar der Bäume schor,
und nirgends zittert abendlich ein Flüster-Halm,
es könnte keines Engels feingewundenes Ohr
den Wunderklang noch hören, Seufzen, Sprühen, Psalm.

 

Apr 6 22

Blumenlabyrinth

Farne des Lichts, aus dem Dunkel geschnellt,
Blätter zerbröckelnd zu goldenem Rauch,
Antlitz, das sich mit Tränen erhellt,
eine sich neigende Blüte nun auch.

Schwelt aus der Erde der nächtliche Brand,
ist vom Himmel ein Glutharz getropft,
was wir fühlen, es rieselt wie Sand,
hat die Nacht ans Herz uns geklopft.

Grüne Seufzer, als seufze das Gras,
singt es in Zweigen, doch ist es kein Wind,
tönt es im Schlafe, Mund wie aus Glas,
flattern auf Flügel, die Schatten nur sind.

Wie im Traume irrt hin unser Sang,
selbst sich ein Blumenlabyrinth,
bald heiter duftend, bald wieder bang,
jetzt graue Nessel, dann Hyazinth.

 

Apr 5 22

Nächtliche Blitze

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Fremdheit und Ausgesetztheit erfuhren wir beim Gewitter in der Nacht – oder war mit den Blitzen die sie intensivierende Nacht selbst hereingebrochen? –, dort auf dem Feld, als schon schwere, dunkle Tropfen auf die Blätter klatschten, doch die weißen, aufzuckenden Sicheln und Farne des Lichts dünkten uns seltsam trocken, und es war der nachbarliche Bauer und sein Knecht, die uns Kinder unter die Plane steckten, und schon rumpelte der Karren unter dem Schnauben des Kaltbluts. Wir lugten aber bang und vor Kälte oder dem Schauer der Bilder zitternd unter der Plane hervor in das stumme Drama der nächtlichen Blitze, denen noch lange der Donner nicht folgte, der uns, bei stärker einsetzendem Regen, wie ein erlösendes Zeichen erschien.

Plötzlich verirrt im Traum, man kennt noch jenes Fenster, dieses Tor, jene Kirchturmspitze, aber weiß nicht mehr, in welcher Stadt man gelandet ist, ist es eine Stadt am Rhein, an der Küste der Normandie, der Bretagne, aber wüßte man auch um die Nähe des Meeres, sein Rauschen hört man nicht – und wie kommt man zurück, doch was heißt zurück, nach Hause, aber welches Zuhause; doch nie geht die Fremdheit soweit, daß man sich seines eigenen Namens nicht mehr erinnerte; oder darum nicht, weil man schon namenlos ist?

Die knirschende und knackende Stimme aus dem Sprechapparat, den man dem an Kehlkopfkrebs Erkrankten eingebaut hatte, Stimme, die klang, als würde sie aus einem phonographischen Archiv jeweils die zur Situation passenden stereotypen Wendungen abgreifen und wiedergeben. – Der Gedanke, daß auch wir, könnte man sagen, über einen solchen Apparat verfügen, nur organischer Bauart, und was ist das korrespondierende Hirnareal anderes als das akustische Archiv, in dem die über viele Jahre aufgezeichneten Wendungen und Phrasen, zu beständigem Abruf bereit, niedergelegt sind.

Was läßt uns sagen, jene vor Dezennien auf Tonträger gebannte Stimme des Kameraden sei dieselbe oder jener ähnlich, die wir kürzlich am Telefon vernahmen. Aber, hören wir genauer hin, ist die Ähnlichkeit nur eine Vermutung und ginge ganz verloren, wüßten wir nicht um die Identität der Person. – Doch was ist die Identität der Person, außerhalb einer gleichsam juristischen Rhetorik, wenn sie sich aus solchen Bestandteilen wie dem Aussehen, der Mimik, der Gestik, der Gangart, der Stimme und Sprechweise und anderem dieser Art zusammensetzt, Bestandteilen, die wie es scheint einem bis ins innerste Mark vordringenden und es aufzehrenden Vorgang der Verwandlung ausgesetzt sind?

Wohl ist, was wir fühlen, denken, uns vorstellen und woran wir uns erinnern, ähnlichen Prozessen der Verwandlung ausgesetzt wie unser Aussehen, unsere Mimik, unsere Stimme; wohl, was wir sagen und wie wir es sagen, doch die Bedeutung dessen, was wir sagen, was wir meinen, bleibt als eine gleichsam unkörperliche Form und Struktur relativ konstant. Die Konstanz gewährleistet nicht das Gedächtnis, das heftigeren Schwankungen und Auszehrungsprozessen unterliegt als unsere Gesichtszüge, sondern der soziale Zwang, der von außen auf uns ausgeübt wird und bekanntlich in den semantischen und syntaktischen Tiefenströmungen Epochen überdauert, mag auch das Gekräusel an der Oberfläche ephemer schwinden und sich erneuern.

Die semantische Relation von Wort und Sinn ist das soziale Korsett, von dem wir uns nur unter der Gefahr völliger Vereinsamung oder des Wahnsinns befreien können.

Wenn wir schnell lesen, entwischen uns optisch etliche Buchstaben und Silben; dennoch verstehen wir das Gemeinte.

Es muß eine Grenze der Wahrnehmung wie der von Buchstaben und Silben geben, unterhalb derer wir die Vollständigkeit des Gemeinten verlieren oder verpassen.

Würden morgen alle stottern, kämen wir bis zu einer bestimmten, vielleicht vagen und verschwimmenden, Grenze der Artikulation mit der Verständigung noch einigermaßen klar; darunter bräche sie jäh ab.

Würde aus der Minorität der Nicht-Stotterer von der Majorität der Stotterer ein König oder Anführer gekürt?

Das im Wirrwarr von Ranken versteckte Gesicht erscheint plötzlich.

Das Sonnenklare wird spät oder nie begriffen.

Was wir uns nicht vorstellen können, scheint nicht zu existieren.

Da wir uns nicht vorstellen können, nicht zu existieren, denn dies wäre anomisch und paradox, glauben wir zwar an den Tod der anderen, aber nur ziemlich unbestimmt an den eigenen.

Die Psychopathologie des philosophischen Denkens wird, vor allem bei den Meisterdenkern, eine Fülle von Befunden ausmachen, etwa wahnhafte Ideen von angeblichen, aber chimärischen Wesenheiten wie Gegenstand und Ding, Materie und Geist, Bedeutung und Bewußtsein.

Der Kult der Wesenheiten gehört zu den spirituellen Sonderangeboten, die säkulare Philosophie jenen macht, denen der Boden der religiösen Tradition unter den Sohlen bröckelt oder weggebrochen ist.

Die Vulgarisierung des Christentums mündet in Gesinnungsheuchelei und Herz-Jesu-Sozialismus.

Alchemie der Schmerzen: Pascal, Baudelaire.

Schauen wir uns die botanisch, architektonisch und ästhetisch sinnreich und harmonisch angelegten, mit malerisch komponierten Beeten, plätschernden Brunnen und aus mythischen Schatten jählings hervorlächelnden Figuren belebten Parke des Ancien Régime, des kaiserlichen und königlichen Hofs oder der großen Familien wie jener der Medici an, die nach dem Wort Baudelaires Schönheit, Ordnung und Luxus ausstrahlen; da erblicken wir sie noch unter schattigen Lauben und blumenbunten Sonnenschirmen mit halb entblößter, porzellanfahl wogender Brust Arm in Arm daherschlendern und sich dabei Seifenblasen schillernder Bonmots oder leichtgeschürzter Plaisanterien zuhauchen, Madame La Beauté, Madame La Grâce und Madame La Noblesse, während ihnen schokoladenbraune kleine Buben in cremefarbener Livree unter die lässig gerafften Röcke purzeln. Wir sehen die eine ihren zierlichen Fuß in das köstlich-kühle Naß des Brunnens tauchen, in dessen Gischt der Regenbogen ihrer müßigen Träumerei langsam verweht, während die zweite der dritten, wohlig an den breiten Rücken eines muskulösen, in eine pompöse Admiralsuniform gesteckten Negersklaven von den ozeanischen Inseln gelehnt, die Fingernägel anmalt. – Vergleichen wir diese Gärten grünenden Charmes, die nur für das Blaue Blut und jene, denen statt seiner eine adelige Gesinnung Noblesse verlieh, zugänglich waren, mit dem wüsten, kloakenhaft verhunzten und von krakeelendem, tätowiertem und mit verbranntem fauligem Fleisch die blaue Luft verräucherndem Gesindel aus aller Herren Länder okkupierten Wahrzeichen zeitgenössischer Lustbarkeiten, dem Krethi und Plethi offenstehenden Volkspark, fällt uns spätestens wieder ein, warum es uns schon aus rein physiologischen und ästhetischen Gründen verwehrt ist, dem Kult der Trikolore zu huldigen.

Sie kämpfen leidenschaftlich für die Freiheit der Meinung, die ihnen mittels schulischer und medialer Abrichtung eingetrichtert worden ist.

Jenes Welttheater, für dessen Aufführungen wir auf ein Dauerabonnement gerne verzichten.

Der Stotterer, der Paranoiker, der Invertierte sind in den Maulwurfsaugen der Schwatzbuden-Intellektuellen keine pathologischen Fälle, sondern „anders begabt“; was aber ist mit dem Kleptomanen, dem Vergewaltiger, dem Kinderschänder? Schon sind sie mit ihrem Latein am Ende? Ach nein, die Zeitgeist-Kretins philosophieren weiter.

Die Übergangszone zwischen dem normalen oder gesunden und dem kranken Zustand mag noch so diffus sein; aber sind wir einmal von einem zum anderen gelangt, wird die Sache klar, gibt es kein Zurück, sind wir ein Krüppel oder liegen im Sterben.

Konformismus: die Verleugnung kultureller und natürlicher Unterschiede durch hochtrabendes Geschwätz, blutleere Rhetorik, moralbetäubte Euphemismen.

Die Frau ist nicht nur diejenige, die gebären kann, sondern in allen wesentlichen Hinsichten vom Mann verschieden: Motorik, Hautempfindung, visuelle und olfaktorische Ansprechbarkeit, Präferenz sensorischer Reizquellen, seien es Farben, Düfte, Klänge.

Was der Kerl längst verdaut hat, daran würgt ein Mädchen noch etwas länger.

Die Voraussetzung dafür, etwas nicht zu verstehen, liegt in dem Umstand, vieles schon verstanden zu haben.

Welche Naivität und geistige Blindheit bezeugen jene, die angesichts eines gestern hereingebrochenen Krieges heute bekunden, in einer neuen Welt aufgewacht zu sein oder eine Zeitenwende zu erleben.

Scheel angesehen, beschimpft, diskreditiert zu werden erscheint den meisten noch besser, als ignoriert und mit Schweigen übergangen zu werden.

Dämonen, die uns necken oder zwicken, ziehen wir den Engeln vor, die leise mit den Flügeln rauschen, wenn wir schlafen wollen.

Die Weltseele und der Weltgeist der idealistischen Philosophie sind das Surrogat des väterlichen Gottes, der lächelnd oder grimmig auf die Schar seiner Erwählten hinabblickt, Surrogat, das hinter der Intensität des familiären Bezuges auf enttäuschende Weise zurückbleibt.

Der Trick, sich der so sehnlich vermißten Aufmerksamkeit zu vergewissern, besteht darin, in die Opferrolle zu schlüpfen.

Am Typus des Propheten und des Dichters versagen moralische Maßstäbe; Moses und Paulus waren Totschläger, Verlaine beging einen Mordversuch an Rimbaud, Celan an seiner Frau.

Verlaine, der schmutzig lebte, soff und herumhurte, verfaßte Verse von kristalliner Reinheit; er, der dem Laster der Unreinheit frönte, legte der jungfräulichen Madonna betörend duftende Lilien schneeiger Verse auf den Altar.

KZ und Gulag sind kein Bruch der Zivilisation, sondern die Hölle, in der ihre fortschreitende Linie mündet.

Was sagt die Meereswelle? Ich komme, ich gehe, ich kehre wieder.

Was sagt die Nacht? Ich bin tiefer als das Dunkel in dir, denn dies gebiert keinen Stern, mir aber glänzen Augen, mir glänzen Tränen.

Was spricht der Wind mit dem Blatt? Wir sind verschworen, nur wo du rauschst, nur wo du flatterst, bin ich zu finden.

Der Auswurf der See am einsamen Strand, Qualle, Seestern, Muschel und Treibholz, ist wie der Traumrest zwischen den Zeilen, den keiner zu deuten vermag.

Ballen, häufen, verklumpen sich die Zeichen, verschwimmt der Sinn. Ein Sturm muß kommen, damit sich das tote Laubwerk lichtet und frisches Blau durch die Zweige tropft.

Über der Geborgenheit des Wohnens der Menschen, der Sprache, zucken nächtliche Blitze.

Der Dichter geht nach draußen in die Nacht, bis der Schimmer der heimatlichen Fenster, ja die Erinnerung an diesen Schimmer, sich mit dem glänzenden Schaum des Grenzenlosen vermischt.

 

Apr 4 22

Hoffnung, graue Maus

Vom stillen Golde stürzt hinab zum Blechgebell der Pfad,
vom Porphyr hymnenübergossener Throne
zum fein durchs Hirn gesponnenen Leitungsdraht,
daß uns vom Blitz Prophetenwort verschone.

O hätte Siegerarroganz uns doch kastriert
die giftigen, die Feuerschlote,
umhüllt des Waldschrats dichterisch Geviert
mit Stille unser Land wie einer Mondviole Schote.

Wer haut den Kahlschlag ins Gehölz der Sprache,
daß öffne eine Lichtung sich getrübtem Sinn,
und welche Sonne trocknet des Geschwätzes öde Lache,
daß leise Gräser flüstern vor sich hin?

Die Hoffnung wuselt, eine graue Maus,
im Dickicht nachtumrankter Augur-Zeichen,
Minervas Eule macht ihr den Garaus,
sie fiept noch, wenn die Schattenschwingen streichen.

Doch barg sie Samen sich im mütterlichen Nest,
die unterm Schnee wie Kinder in der Wiege
hindämmern, bis ein Strahl sie weckt und keimen läßt,
als triumphierte lächelnd Eros in homerischer Intrige.

 

Apr 3 22

Die Sternenmythe

Ist es der ewige Reigen,
wie es die Sternenmythe uns sagt,
dunkeln und wieder sich glänzender zeigen,
Sonne, Gericht, das immerfort tagt?

Doch von Myriaden fern blitzender Scharen
ist uns die nächtige Mitte verstellt,
wir können nicht alles in allem erfahren,
nicht einmal ein Gott, der Ich sagte zur Welt.

Ist es von sphärischen Kreisen ein Kreis,
erhebend, was schon zu den Schatten gesunken,
Wechsel von Zeugen und Töten, Feuer und Eis,
aus Aschen wachgeblasene Funken?

Der Sinn durchzittert die wachsende Leere,
die zwischen Worten und Sternen aufklafft,
Anmut zerrinnt ohne ballende Schwere,
an Edens Flüssen wäre die Tugend erschlafft.

Ist es ein Wandern von Sagen und Samen,
Dichtung gesprossen aus Furche und Schoß,
ist es ein Ranken von heiligen Namen,
Schrift, die aus Schmerzen windet sich los?

Ja, der Maler bedarf der irdenen Farben,
tunkt er sie auch in ein himmlisches Licht,
Blüten aber, die nächtens erstarben,
ließen dem Dichter noch Duft fürs Gedicht.

 

Apr 2 22

Nachts mit dem Kahn

Wir lauschten im Schilf,
weiche Tropfen zersprangen,
der Teichrohrsänger rief
unseren Herzen, den bangen.

Wir nahmen den Kahn,
Ruder, es schäumte,
fiederwolkige Anmut, ein Schwan,
Mond, der im schwarzen Wasser Endymion träumte.

Ließen weiter uns tragen
von aufseufzender Welle,
müßig zu fragen,
ob heimatlich harrte noch eine Schwelle.

Auf der Insel sind wir erwacht,
rätselhart knirschte der Kies,
fremder wurde die Fremde, die Nacht,
die Funken ins schwankende Blätterwerk blies.

Im Eichenhaine, von Büschen verdüstert,
lagen wir Wange an Wange geschmiegt,
schwieg ich, hast du mir Dunkles geflüstert,
Träne, o Glanz, bald im Dickicht des Herzens versiegt.

Nichts galt es noch zu erreichen,
schwebte feucht glühend der Ball
im Geäst der uralten Eichen,
ja, wir hörten tief schluchzen die Nachtigall.

 

Apr 1 22

Die Weiden

Grün und silbern hat sie das Frühjahr beleuchtet,
selige Inseln im Auenmeer,
mit Tau des Abschieds der Herbst sie umfeuchtet
und der Hoffnung auf Wiederkehr.

An den Krümmungen sind sie gestanden,
wo der Wasserlauf wolkiger schäumt,
dort wo die Seufzer des Baches sich wanden,
Lilie und Sumpfdotterblume ihn säumt.

Wenn ihre Blütenkätzchen sich bauschen,
sind die Hummeln von Nektar betäubt,
Samen, die aus den Fruchtkapseln rauschen,
haben die weiblichen Narben bestäubt.

Und die behaarten nomadischen Samen, sie reisen
fern ins Ödland auf flügelnder Luft,
Wege der Fruchtbarkeit, sie übersteigen der Weisen
Weisheit, Mysterien aus Liebe und Duft.

Gedenke der großen Schleppe der Trauerweide,
wenn sie über ins Wasser sich neigt,
wie einsame Seele sie nimmt sich zum Kleide,
unter ihr dunkles Wehen gebeugt, alles fühlt sie und schweigt.

Wie grüne Schleier des Lichts uns umwallten,
daß wir schlummerten ein sogleich,
wie ihre wintergichtigen Finger sich krallten
um ein Traumbild des Mondes im verlassenen Teich.

 

Mrz 31 22

Die Stimme geht mit

Am Fenster allein.
Ermattende Strahlen.
Dunkel lindert wie Wein
die Bilder, die Qualen.

Rieselt das Laub,
als obʼs nach dir fragt,
stelle dich taub,
harr aus, bis es tagt.

Und rinnt das Licht
dämmernder Auen
aufs Angesicht,
Träume, sie tauen.

Geh noch einmal,
nach Früchten zu sehen,
ins verwilderte Tal,
Trauben von Schlehen.

Und tastet dein Schritt
und dämpft ihn das Gras,
Flüstern geht mit,
nicht wer frag, nicht was.

Doch scheue die Weide,
tunkt sie ins Wasser ihr Blatt,
dort, wo ihr beide
schimmertet weich nach dem Bad.

Und gehst du zurück,
die flüsternde Stimme geht mit,
ob Unglück, ob Glück,
das Flüstern, die Stimme hält Schritt.

 



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