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Jun 18 19

Schmaler Pfad

Schmaler Pfad,
geebnet von den vielen,
die schon starben,
und ins Rascheln
abgefallener Blätter
traten, was sie sahen,
was sie fühlten.
Dich geleitet aber
Rieseln harter Körner,
wolkenleise Schatten,
und an jener Biegung,
wo der Felsen spricht
mit Narben dunklen Grüns
vom Leiden unterm Licht,
mit Rissen voller Aussatz
vom Spottlied harscher Tropfen,
sage, was du siehst,
und ist das Bild auch dunkel,
und ist sein Sinn auch Nacht,
ein Schimmer nur im Blattwerk,
wenn es im Schlaf das Schluchzen,
weich ein Flügel rührt.

 

Jun 17 19

Der Blumenteppich

Wir Kinder streuten auf die Pflastersteine
von Rosen, Veilchen, Ginster und Jasmin
die Blüten, ausgerupften Knospen,
und legten lächelnd sie zu Mustern aus.

Dann schritt in einer Wolke von Gesängen
und unterm Himmel golddurchwirkten Tuchs
mit der Monstranz, der hochgereckten,
der Priester feierlich darüber hin.

Wir Kinder gingen hinterdrein,
des Laubes Glänzen in den Händen,
wir freuten uns, wie hoher Rhythmen Flug
die Blumenbilder alle weich verwirrte.

Nun säusle in den Wipfeln dieser Stille
der fernen Gottheit Atemhauch
und wirre mir zur Freude meine Muster,
die ich von kleinen Blüten ausgestreut.

 

Jun 16 19

Das Gitter

Über Nacht war unversehens
eine Lilie aufgeblüht,
hat durch Gitterstäbe
eine Geste weichen Flehens
hingehalten ihre Krone
mir auf trübem Wege,
mir zum Hohne.

Mich machte einst der Duft so krank,
der Schnee der Blüten blind,
nun hat mich Gitterwerk umkrallt,
Stäbe beinern und blank,
keines Flehens Winken
findet einen Spalt.

 

Jun 15 19

Fast nichts

In dem zarten Ereignen,
das sich von Staub zu Staub,
von Pollen zu Pollen
betrachtet im Spiegel des Taus,
geschieht fast nichts.

In dem scheuen Beseelen,
das sich von Blatt zu Blatt,
von Narbe zu Narbe
lächelt unterm Fächer des Dufts,
verdichtet sich alles.

Aus der Nacht der Erde
gelockt vom Liede des Lichts
küssen sich im Schatten
der Biene, des Falters
das sterbende Leben,
der blühende Tod.

 

Jun 14 19

Es dunkelt schon

Es dunkelt schon,
durchs offene Fenster
kommt ein kühler Hauch
und das verebbt
des Lebens dumpfes Rauschen.

Als spräche ein Zwielicht
über einer Brache
erloschener Bilder
mit sich selbst.

Oder Kerzen gleich,
die nach wüstem Fest
lange blaken,
entseelen duftlos nun
die weißen Blüten sich.

Ist unter ihnen,
am Salz des Traums erblindet,
ein Antlitz nicht,
das am Morgen noch
Taues Glanz gewahrt?

Was sich nun rötet
im Dickicht dunkler Wolken
wie die verbotene Frucht
in ferner Kindheit Gartennacht,
ist schon der Widerschein
eines langen Schlafs.

 

Jun 13 19

Ein Wort gibt das andere

Bruchstücke einer Poetik des lyrischen Gedichts

Beginnt ein Gedicht mit der Helle des Tages, erwarten wir schon den wachsenden Schatten, fühlen wir voraus in die Nacht, ob der Übergang weich ist wie mit dem zunehmenden Schweigen der Dämmerung oder abrupt wie ein Sturz in einen Brunnenschacht.

Der Wechsel zwischen Licht und Schatten, Tag und Nacht ist rhythmisch, und der Rhythmus mit den Schwellenphänomenen der Dämmerung von Morgen und Abend ist harmonisch gedämpft.

Der Wechsel und Umschlag könnte aber auch weniger rhythmisch und harmonisch ausfallen, so wenn der Dichter uns die Helle als schwankenden Kreis zeigt, der rings vom Dunkel umgeben ist. Das weiße Rund des Tages ruht wie ein helles, schimmerndes Ei im Nest der Nacht.

Anstelle der linearen Abfolge finden wir die schwindelerregende Totalsicht und das unheimliche Totalgefühl angesichts eines Umgreifenden und Umfassenden, das sich dem Begreifen entzieht.

Beginnt ein Gedicht mit einem weichen und verschwimmenden Eindruck wie dem von Wasser, erwarten wir den Gang und Widerschwang der Welle und ihres Verebbens auf der glatten Fläche der Stille oder wir fühlen voraus bis zur zitternden Linie des Ufers, an dem das Gras, der Ruf eines Vogels oder das Glucksen des Schlamms einen vagen Übergang in die Ebene unter dunkel herabhängenden Wolken oder dem Schleier des Regens ins Aussicht stellen.

Das Gedicht taucht in das Medium eines Elements wie des Feuchten und seines diffusen und kaum fassbaren Lebens, und es verbleibt bis hin zu den Wolken und dem Regen in dieser einen wässrigen und ins sich verrinnenden Atmosphäre.

Anstelle der linearen Abfolge eines rhythmischen Wechsels wie von Licht und Dunkel, Tag und Nacht oder des Umgreifenden wie der mythischen Nacht treffen wir in solchen Gebilden auf ein atmosphärisches Schweben in der Expansion und Kontraktion eines einheitlichen, wenn auch vielfarbig schillernden Mediums.

Natürlich könnte das Gedicht auch rhythmisch weiterwandern und sich vom Wasser über das Ufer aufs Trockene retten, das Glucksen und Lallen und Lispeln des Wassers wie eine Nixenhaut abstreifen, um ins Rascheln der Echse, ins Knirschen von Kiesel, ins Knacken von Hölzern und ins Klatschen von Händen bis zum Singen von Flammen im abendlichen Feuer von Vagabunden überzugehen.

Was dem ersten Wort des ersten Verses folgt, ist naturgemäß ein Wort, indes eines nur, das ihm folgen KANN. Der Anschluß oder die Kopplung ist beispielsweise beim Nomen grammatisch determiniert durch sein Genus, seinen Numerus und seinen Kasus. Der Rest ist der wogende Grasteppich der Bedeutung oder Metaphorik, der sich nach einer kurzen Weile wie von selber zu weben und mit Blüten zu mustern scheint.

Wasser kann wohl fließen, schäumen, verdampfen, kann wohl rauschen, flüstern, seufzen, aber nur in Anfängern oder Nichteingeweihten zunächst verschlossenen Höllenkreisen brennen und schreien.

Betrachten wir Verse wie Wäscheleinen unterschiedlicher Länge, auf denen weiße oder schmutzige, bunte oder graue Wäschestücke verschiedener Sorte aufgereiht sind; einige werden vom Wind bewegt oder seltsam, grotesk und obszön gebläht; andere fallen plötzlich herunter, wieder andere werden von der Luft weggetragen, als suchten sie in der Ferne, im Land der Fabel ihren wahren, zärtlicheren, schöneren Träger.

Aber auch die Leine kann reißen, der Vers stocken oder in sich zusammensinken; das mag geschehen, weil er ein Stück zu tragen hatte, das über seine Spannkraft und Reißfestigkeit ging; eine Metapher, zu fett, zu schwerfällig, ein Vergleichswort, zu scharf, zu beißend, zu ätzend, sodaß der fein angesponnene Faden nicht mehr hält und an der empfindlichsten Stelle reißt.

Wir können Verse auch wie dünnere oder dickere Leinen und Fäden ansehen, die nach und nach, Zeile für Zeile, Strophe für Strophe ein Muster ergeben; da erkennen wir nun starre und regelmäßige Muster, die sich am gleichlautenden Versausgang festzurren, aber auch unregelmäßige, als spönne und flechte sie ein mal kürzerer, mal längerer Atem. Und ein unregelmäßiges Muster kann immer wieder durch ein regelmäßiges, wie den Refrain, abgelöst werden.

Die Wäscheleine ist an zwei Wänden, zwischen denen sie ausgespannt ist, befestigt. Doch was hält, könnte man fragen, den Vers? Nichts, wie es scheint; er ist eine Leine, die im Freien schwebt, in der blauen Luft, und sich selber hält. Verse stehen auf einem weißen Blatt Papier; aber sie haben keine pragmatischen Randbedingungen, die sie tragen, indem sie uns Vorschriften lieferten, wie und wann, von wem und bei welcher Gelegenheit sie zu lesen oder zu rezitieren seien. – Manche freilich, alte, im geselligen oder kultischen Gebrauch erklingende, haben welche: Sie stehen in Liedersammlungen, liturgischen oder Meßbüchern.

Das nächste Wort nach dem ersten Wort muß irgendwie passen; betrachten wir also die zugrundeliegende, Syntax und Semantik umgreifende Paßform oder die Form, die den Paß vom ersten zum zweiten Wort bildet, als grammatische Fuge. Den Weg auf die Paßhöhe oder ins Fugeninnere bilden wie gesehen die grammatischen (syntaktisch-semantischen) Eigenschaften des Eingangswortes: Wortart, Genus, Numerus, Kasus, Klangbild (Tonhöhe, Tondauer, Klangfarbe), Sinngehalt (Wortfeld). All diese Eigenschaften strahlen wie ein auratischer Hof auf die Leerstellen aus, deren Füllungsmöglichkeiten durch sie systematisch, aber nicht deterministisch eingeschränkt werden.

Es ist wie mit der Kunst des Blumensteckens und dem Arrangement von Obstsorten bei einem Stilleben: Ich beginne vielleicht mit einem unscheinbaren Veilchen, doch greife ich dann gleich hochsinnig oder hochtrabend nach einer Orchidee, erhebt es Einspruch und empfiehlt mir die ihm vertrautere Pfingstrose, die schon, müde wie es selbst, überquillt und Blütenblätter verliert; auch duldet es das Zittern und leise Klingen der Glockenblume, verschmäht aber den hohen Hymnus der langstieligen, sonnengelben Rose; gern lege ich Wange an Wange Quitte und Zitrone, Apfel und Pfirsich, aber die Melone, nein sie paßt gar nicht in das zierliche Gefäß aus bemaltem Porzellan oder Fayence. – Wer blutrünstig gesinnt ist, mag eine weiche Erdbeere hinzutun und sie der Gefahr aussetzen, zerquetscht zu werden; aber Gedichte, aus deren Fugen das Blut zerquetschter, unschuldig hineingeratener Früchte oder allzu weicher, allzu süßer Worte quillt, sind nicht jedermanns Geschmack.

Statt zu sagen oder zu postulieren, das Gedicht oder poetische Gebilde gleiche einem Mikrokosmos, der den Makrokosmos (was immer wir darunter verstehen) widerspiegele, sagen wir lieber, das Gedicht gleiche einem imaginären Mikroorganismus, also einem Pseudo-Lebewesen, das keinem schon vorhandenen und bekannten gleicht, wenn es auch diesem oder jenem Organismus in dieser und jener Hinsicht ähnelt, zum Bespiel, wenn eines schluchzt oder gluckst, eines sich räuspert oder gähnt und wieder eines plötzlich wie ein Tausendfüßler kleine Beinchen bekommt und davonläuft.

Wir wissen, daß Organismen mindestens eine Schnittstelle oder Öffnung zur Umwelt haben müssen, mit der sie Energie und Nachrichten austauschen, wenn sie überleben können sollen; was ist nun die Schnittstelle und Öffnung, die das Überleben des Gedichts garantiert? Nun, vielleicht der Leser, der ihm sein Auge leiht und es mit Sinn füttert.

Geht es, das Gedicht, zieht es seine Muster, seine Furchen, doch in welchem Acker, welchem Feld; da ist nur Luft und Hauch. Und eher scheinen Verse Luftspiegelungen, die kaum erschaut, zerrinnen, als bleibende Spuren im Erdreich.

Muster, Rhythmen, Ranken und Schleifen aus artikulierter Luft sind geordnete Reihen, Gliederungen, Artikulationen, kurz harmonische Fügungen oder Ordnungen, auch wenn sie mit mehr oder weniger großen Spannungen und Paradoxien aufgeladen sein mögen.

Eine Ordnung verstehen heißt, sie aus dem diffusen Grund oder Horizont der Unordnung abheben oder hervorgehen sehen, wie wir aufgrund von Luftzufuhr Blasen auf dem Wasser oder aufgrund von Temperaturwechsel Wolken sich bilden sehen.

Was repräsentiert im Falle des Gedichts den diffusen Grund oder Horizont der Unordnung? Das leere Blatt, der reine Schnee des Nichts, auf dem es wie Fußabdrücke und Spuren erscheint.

Ein einsamer Strich auf dem weißen Blatt, ein einziger Fußabdruck im Schnee sagen nichts; wird der Strich von einem zweiten geschnitten, sehen wir einen Kreuzungspunkt, eine Figur, einen Topos oder Ort; erst wenn sich mehrere Tritte im Schnee abzeichnen, können wir einer Spur, einem Verlauf, einer Richtung folgen.

Die Wolken am Himmel ziehen dahin und lösen sich auf; die Spuren im Schnee werden vom Wind verweht und von Neuschnee verdeckt. Dann formieren sich Wolken eines anderen Typs, waren es vorher Cumuli, sind es jetzt Cirri, waren es vorher Spuren des Wilds, sind es jetzt Tritte von Menschen.

Wir unterscheiden Cumulus und Cumulunimbus; Epigramm und Elegie.

Der Schreiber setzt nach dem Wort „Flammen“ statt des intendierten Wortes „sengen“ das Wort „singen“, nach dem Wort „Wasser“ statt des intendierten Wortes „münden“ das Wort „zünden“ – und übernimmt den Fehler, die Fehlhandlung oder den „Verschreiber“ als Variante und neuen „Einfall“; aus der Irregularität oder Devianz, der Störung oder Mutation entspringt eine neue Art der dichterischen Metaphorik. Die Störung wird zum Katalysator einer gesteigerten Harmonie, die Unordnung bahnt den Weg zu einer höheren poetischen Ordnung.

Die Irritation oder Störung wird integriert und führt zu einem Gleichgewicht auf höherem Aussageniveau. Denn in einer dichterischen Welt, wo Flammen singen und Wasser zünden können, findet sich ein reicheres Spektrum an Aussage- und Ausdrucksvarietäten, als in einer Welt, wo die Wasser alsbald münden und die Flammen Hitze nur und Qualen offenbaren.

Der allgemeine Unterschied, der das Gedicht als Form des Sagens markiert, ist der Unterschied von Sprechen und Schweigen; der spezifische Unterschied liegt in der Differenz von poetischer Sprache und Alltagssprache oder natürlicher Sprache, in die auch größere Teile der poetischen Tradition eingegangen sind. Die Quelle der Einfälle wie der betrachteten Fehlgriffe und Irritationen liegt in der Alltagssprache; die spezifische Spannung, die das Gedicht bearbeitet oder durchfurcht („versi-fiziert“), ist der Unterschied von Sprechen und Schweigen oder von Schriftzeichen und leerem Blatt.

Einen dramatischen oder dialektischen Ausdruck der Spannung zwischen Sprechen und Schweigen finden wir in sogenannten poetologischen Gedichten oder Gedichten, die sich selbst beobachten und ihr eigenes Dasein, seine Bedeutung und Ausstrahlungskraft, zur Sprache bringen. Gedichte dieser Art balancieren gleichsam am abschüssigen Rand zwischen dem, was (in ihren Grenzen) noch sagbar, und dem, was nicht mehr sagbar ist. Sie führen oft zu paradoxen Begriffen und Aussagen, machen sie doch fühlbar, daß die Grenze, die sie zum Ausdruck und Austrag bringen, eine innere Grenze darstellt, die nicht aufhebbar ist, sondern gleichsam mit jedem weiteren Vers mitläuft.

Das poetologische Gedicht lebt von den Irritationen und Störungen, die es sich im Zuge der Selbstbeobachtung gleichsam selber zufügt, ohne dadurch geschwächt oder verworren zu werden, sondern die seine innere Spannung aufs äußerste verdichten und erhöhen; in Fällen, in denen es gelingt, den Balanceakt zwischen den äußersten Grenzen des Sagens und Schweigens im Medium der Selbstbetrachtung zu meistern, sehen wir bisweilen den höchsten Grad an Verdichtung und Komplexität zu einer Höchstform dichterischer Ausdrucksordnung gesteigert, wie in vielen Gedichten Hölderlins.

Ein Gedicht, das nur aus der Aneinanderreihung von Irritationen oder „Verschreibern“ im erwähnten Sinne bestünde, wäre unverständlich aus Mangel an innerer Fügung und Harmonisierung („Komplexitätsreduktion“); ein Gedicht, das nur aus einer Anhäufung von geläufigen Assoziationsmustern bestünde, wäre aus Mangel an syntaktischen und semantischen Irritationen und Bedeutungssprüngen monoton, fade und langweilig.

Der späte Hölderlin konnte auf ihm vorgegebenen Themen wie „Frühling“ oder „Winter“ frei improvisieren, wobei er keine Hilfsmittel wie Entwurf, Konzept, Wörterbücher oder Sachlexika zur Hilfe nahm; ihm stand demnach nur sein Gedächtnis zur Verfügung und eine Methode der Variation und Transformation des genannten Themas anhand der schon eingeübten oder erprobten Muster zumeist jambisch gebauter, vier- oder fünfhebiger, kreuz- und paarweise gereimter Verse in meist vierzeiligen Strophen mit erlaubtem Enjambement und meist weiblichem Reimausgang. Man konnte also antizipieren, was für ein oder welche Art von Gedicht seine Improvisation über ein gegebenes Thema ergeben würde, doch nicht, daß gerade DIESES Gedicht dabei entstehen würde. Und er selbst konnte es ebensowenig antizipieren. Denn das Ergebnis war außerdem eine Funktion der zufälligen Randbedingungen seiner Entstehung: der jeweiligen Stimmung des Dichters, der visuellen Wahrnehmung beim Blick aus dem Fenster oder der ihn zufällig überkommenden Erinnerungen bei seiner Verfertigung. Die hier greifbare Methode oder das hier angewandte dichterische Umwandlungsverfahren ist ein nüchterner Begriff für das, was man gerne poetisches Genie genannt hat.

Wir können das dichterische Transformationsverfahren anhand eines einfachen Modells der malerischen Auswahl, Zusammenstellung, Verteilung und Mischung von Farben in der freien oder nicht an ein gegenständliches Vorbild gebundenen Malerei erläutern: Je mehr Farben zur Auswahl stehen, umso größer und mannigfaltiger sind die Möglichkeiten ihrer Disposition und Vermischung, ja sie gehen nach unendlich. Selbst wenn wir nur Grautöne zulassen, ist der Fächer der Variationen sehr breit. Die Einschränkung der Möglichkeiten der Farbbehandlung liegt demnach auf einer anderen Ebene oder gehorcht einer anderen Transformationsregel als derjenigen der Farbe: Hier finden wir eine Weise der Regulierung im Rhythmus, der unmittelbar über die Führung der Hand und des Pinsels übertragen werden kann. Auch der Rhythmus hat eine Breite der Variation, aber sie geht nicht wie die Farbbehandlung ins Grenzenlose; denn ein schwerer, harter, monotoner Rhythmus kann mit einem leichten, weichen, polyphonen wechseln; aber diese Rhythmen können sich nicht mischen. Dasselbe gilt für die Tonalität oder Erzeugung von Stimmungen durch die Verteilung von Licht und Schatten, das sogenannte Clair obscure oder Chiaroscuro, wenn es als Ausdrucksmittel zugelassen ist: Dort wo Licht ist, kann kein Schatten sein, et vice versa.

Diese Formen der Bestimmung und Entscheidung in einem transformationellen Auswahlverfahren finden wir auch in den späten Gedichten Hölderlins: Was im Modell der Farbbehandlung die Auswahl und Verteilung der Farben, der Rhythmus ihrer Zusammenstellung sowie die stimmungsgebundene Erzeugung von Chiaoroscuro-Effekten, ist im Gedicht Hölderlins die Verteilung von Tonwerten und Klangfarben mittels Tonähnlichkeiten, Alliterationen und Assonanzen, der syntaktische Rhythmus in der Disposition und Struktur der Sätze und Satzglieder (wie Nomen und ihre Kasus, Verben und ihre Tempora) und die stimmungsgebundene Gestaltung von atmosphärischen Effekten mittels Verwendung meist naturbezogener Bilder und Metaphern. Im Falle Hölderlins haben wir meist den Eindruck des Vollkommenen und Vollendeten, das heißt das Ergebnis der nach den Kriterien der zulässigen Transformationen vollständig ausgeschöpften Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks.

Ein anderes einfaches Modell zur Erläuterung des dichterischen Transformationsverfahrens ist das phonologische Modell, das uns beispielsweise die Bildung und klangliche Wirkung der Vokale und ihrer mehr oder weniger harmonischen Zusammenstellung vor Augen führt: Wir unterscheiden hellere und dunklere Klangwerte wie bei den Vokalen E und U: Wenn wir sie in Wortreihen beliebig mischen, entsteht kein sinnfälliger Ausdruckswert auf der phonologischen Ebene; dagegen haben wir gewisse stimmungsgebundene Eindrücke der Erhebung, Aufhellung und Transparenz oder des Herabsinkens, Dunkelns und der Opazität, wenn wir sie entsprechend häufen. Herausgehobene Klangeffekte erzeugt ein rhythmisch weicher oder harter Wechsel von Wörtern mit entsprechenden Klangfarben.

Im dichterischen Verfahren des Reims finden wir eine gewisse Zuspitzung der Auslese des Möglichen, weil Erlaubten oder gerade noch Geduldeten: „dunkeln/funkeln“: ja; „wissen/küssen“: geduldet; „hassen/Hasen“: nein.

Manche Gedichte oder Versreihen sind vom Reim her konstruiert oder integriert: „dunkeln/funkeln“ – hier gilt es in den tragenden Versen den Übergang aus der Dunkelheit zum Licht zu vollziehen, was mit der sentimentalen Metaphorik des aufgehenden Sternlichts nach ihrer Abnutzung in der romantischen Poesie keinen großen Ausdrucks- und Kunstwert mehr abwirft.

Ein einfaches syntaktische Modell für das dichterische Verfahren ist das logisch-mathematische der Funktion in der Form: y = F (x). Der Funktionsausdruck F transformiert oder verwandelt den eingesetzten Wert für die Variable x in das Argument y; wäre F die Vorschrift „Potenziere den eingesetzten Wert“ ergäbe die Gleichung für 3 das Argument 9. Wäre F die Vorschrift „Wähle den reinen Reim“, ergäbe der Einsatz der Variablen „dunkeln, küssen, hassen, funkeln, Hasen, wissen“ das Argument „dunkeln/funkeln“.

Weil das logische Modell rein syntaktisch ist, stößt es naturgemäß auf seine Grenzen, wenn das dichterische Verfahren sich semantischer Transformationen bedient: Die Vorschrift „Wähle die zu einem metaphorischen Zusammenhang passenden Wörter“ kann unter den Variablen „Wolken, Schatten, Regen, Gedicht“ oder „Schneefeld, Spuren, Wind, Gedicht“ nicht formal eingelöst und entschieden werden. Insbesondere kann die semantische Schwelle selbstbezüglicher oder selbstreferentieller Begriffe und Aussagen mittels formaler Funktionen nicht überschritten werden; in den genannten Beispielen für Variablen stellt der selbstreferentielle Begriff „Gedicht“, wenn er in einem Gedicht metaphorisch integriert werden soll, eine solche mittels formaler Funktionen unüberschreitbare semantische Schwelle dar.

Ein komplexes Modell für das poetologische oder selbstbezügliche Gedicht ist die scheinbar einfache soziale Situation des Gesprächs, bei dem die beiden Partner ihre jeweiligen Reaktionen durch gegenseitigen Augenkontakt und durch reflexive Bezugnahme auf ihre jeweiligen Äußerungen – die eigenen und die des anderen – gleichsam gewichten, austarieren und steuern. Die Gesamtheit oder das Integral der beidseitigen Augenkontakte und reflexiven verbalen Bezugnahmen ist dabei die sich selbst regulierende und steuernde Instanz, nicht der jeweils einzelne Gesprächsteilnehmer. Das dialogische Gespräch ist gleichsam auf einer höheren Ebene ein Selbstgespräch, wie auch das poetologische Gedicht auf einer höheren oder selbstreferentiellen Meta-Ebene ein Selbstgespräch darstellt.

Betrachten wir den Extremfall, bei dem einer der Gesprächsteilnehmer den Blicken des anderen ausweicht, starr auf den Boden oder an die Wand stiert und in Schweigen verfällt: Der andere kann diesem Schweigen schlicht ausweichen und mehr oder weniger verlegen oder kühn das Thema wechseln, wenn er das Schweigen als peinlich empfindet, oder er kann das Schweigen des anderen auf möglichst einfühlsame Weise zur Sprache bringen, in der Hoffnung, es auf diese Weise aufzulösen. Das Gedicht kann durch eine selbstreferentielle Schleife an die Grenze des Sagbaren stoßen und gleichsam in ein aporetisches Schweigen versinken; der Dichter kann dies als Hemmung und peinliche Notlage empfinden und ihm durch Wechsel in ein harmloses Themen- und Motivfeld ausweichen. Er kann aber auch das Schweigen selbst zur Sprache bringen und als notwendiges Supplement des poetischen Sprechens aufzeigen. Metaphorisch gelingt ihm dies vielleicht durch den Übergang vom Bild des leeren Schneefelds und der sich darin abzeichnenden Tritte zu dem gleichsam metapoetisch gerahmten Bild der Auslöschung der Spuren, die durch den Wind verweht oder durch plötzlich einsetzendes Tauwetter ausgelöscht werden.

Ein anderer daran anschließender Extremfall ist das Auftauchen einer Paradoxie, wenn der Versuch, das Schweigen des Partners aufzulösen, indem man es zur Sprache bringt, seine Verstärkung zur Folge hat. Dies führt im ungünstigen Fall zum Abbruch des Gesprächs und im katastrophalen Fall zur Aufgabe der Partnerschaft oder Freundschaft. Im Gedicht, das die Grenze des Sagbaren erreicht und zu artikulieren unternimmt, kann das Auftauchen der Paradoxie, der klassischen Lügner-Paradoxie nicht unähnlich, dazu führen, alles bisher Gesagte zurückzunehmen und durchzustreichen; als sagte sich der in die Aporie geratene Dichter: „Die Spuren im Schnee sind meine eigenen Spuren, und der Wind, der sie verweht, ist mein eigener Atem.“

Das poetologische oder selbstbezügliche Gedicht ist gleichsam das Ergebnis fortgesetzter Häutungen der Gedichtform, wenn man unter den Häuten die zweckgebundenen Gestalten poetischen Ausdrucks wie das Geburtstags-, Trauer-, Festtags- oder Preisgedicht versteht. Das selbstbezügliche Gedicht streift mit diesen Häuten auch alle sie ausfüllenden Formen wie die odische, elegische oder hymnische Form ab und versucht sich mit Fragmenten dieser alt gewordenen und gleichsam vertrockneten Gestalten neu zu konstruieren.

Heidegger nennt am Ende des Tages oder seines Denkweges das, was es gibt, Geviert; dies ist keine feste Struktur eines Wesensbegriffs oder einer Ontologie, sondern das allgemeine Gefüge der Sprache, des Sagbaren und Unsagbaren, oder das in sich verweilende Ereignis einer Unterscheidung von Erde und Himmel, der Göttlichen und Sterblichen, Unterscheidung, die sich mit sich selber kreuzt. Wir finden sie in der Selbstabbildung des poetologischen Gedichts; so artikuliert sich das Ereignis in den späten Gedichte Hölderlins in der Differenz von Höhe und Tiefe, Fülle und Leere, Glanz und Dunkel, Ferne und Nähe, Sommer und Winter, Natur und Jahreszeiten. Jedes Wort gibt sich sein Gegenwort, jeder Klang sein Echo, jede Nähe ihre Ferne. Das „Es gibt“ enthüllt sich im „Es gibt sich“, und alles, was sich zeigt und sagt, hat sich in dem, was es verschweigt und nicht umhin kann zu verschwiegen, zugleich entzogen und verhüllt.

Was ist verhüllt oder verbirgt sich? Das Reflexivpronomen „sich“, wenn wir wie gewöhnlich und unmittelbar von dem ausgehen oder das aussagen, was es gibt. Nehmen wir als erste willkürliche Setzung eines Gedichts „Wasser“, sind nicht nur all seine Gegen- und Nebenbegriffe wie „Erde“ oder „Ufer“ oder „Himmel“ (der Himmel der Regenwolken) und „Quelle“ virtuell mitgesagt, sondern auch die unsichtbare Mitte, aus der heraus sich zu sehen oder zu sagen gibt, was sich zeigt und was gesagt werden kann.

Was sich verhüllt und zugleich offenbart, ist der Sinn der Zeit in dem, was sich ereignet und erscheint. Das Gedicht hat die externe Zeit, die es braucht, um es zu lesen, und die interne oder Eigenzeit oder imaginäre Zeit, die es mittels semantischer und grammatischer Darbietungsformen (Bildern, Metaphern, Verbformen, deiktischer Verweise) organisiert. Die Eigenzeit kann wie im japanischen Haiku scheinbar kürzer sein als die externe Zeit; meist aber ist sie scheinbar länger, so wenn in Hölderlins hymnischen Gedichten der Übergang von der mythischen Zeit zur Gegenwart und utopischen Zukunft der Wiederkehr der Götter oder in den Turmgedichten der Übergang vom Winter zum Frühling oder vom Sommer zum Winter gestaltet wird.

Der Selbstbezug der Zeiterfahrung des Gedichts verbirgt sich im Augenblick der Gegenwart, dieweil es auf die Stimmen der Vergangenheit lauschend und auf die Vollendung des Sagens am Abend der Zeit hoffend sich als die Imago der Seele projiziert, die wie ein Schatten mit dem steigenden und sinkenden Licht um den tief wurzelnden Stamm des Schweigens kreist.

 

Jun 12 19

Terzinen vom stillen Wasser

Das Wasser hat sich ausgeseufzt zur Nacht,
da ist nicht Hauch nicht Traum mehr aufzurühren,
was uns der Lilie Schweben zugedacht.

Wir haben nur noch Duft, uns zu verlieren.
Wie eines Grabes schwarzer Marmor glatt
ist diese Stille, wo nicht Namen zieren,

was namenlos wie Blütenwange matt
sich reckt nach gleißendem Erschauern,
daß Sinn beglänze Haar und Blick und Blatt.

O Tropfen tönt, daß wie an Friedhofsmauern
in Efeus Sage sich das Schweigen löst.
Wir wollen Hand in Hand im Grase kauern,

wenn uns der Blitz die Angst der Welt entblößt.

 

Jun 11 19

Mehlstaub des Lichts

Mehlstaub des Lichts
an Laubes Schattenrand
sinkt weicher als der Flaum
aus Traumgezwitscher
zum dunklen Grün der Nacht,
zum Grab des Waldes hin.

Wo heller als die Träne
das Lied hinabgetropft,
die Halme, berückt von Mohn,
von Samenfäden blind,
sie mähte die Sichel
des Schnitters, der es sang.

Der schwarzen Krume bleibt
der bittere Sud des Monds,
dem dürren Moos zu knistern
unter heißen Felles Angst,
wenn sanfter als der Duft,
dem Blütentag schon fremd,
den Zweig der Ulme rührt
der zart umbuschte Helm.

 

Jun 10 19

Vom Grüßen

Aus einem Kapitel der Grammatik sozialer Konventionen

Wenn du jemanden ferner Bekannten auf der Straße grüßt, hast du ihn damit in die Verlegenheit gebracht oder ihm die Gelegenheit gegeben, den Gruß zu erwidern oder nicht zu erwidern. Freilich ist auch die Verweigerung des Grußes eine Handlung und der verlegene oder unfreundliche Zeitgenosse kann sie auf vielfache Weise ausgestalten: Er kann plötzlich zu Boden starren, als bemerke er Unrat, dem er nun ausweichen muß, oder in eine andere Richtung blicken, als sei dort etwas Faszinierendes im Gange; er kann dir echsenäugig entgegenstarren und keine Miene verziehen; er kann aber auch ironisch oder spöttisch grinsen und sich trollen.

Erwidert ein dir ferner Bekannter deinen Gruß mit einem Gegengruß und einem Lächeln, kann dies eine unverbindliche Geste sein, die folgenlos bleibt und sich gleichsam selbst wieder einfaltet und zurücknimmt, es kann allerdings auch als Einladung verstanden werden wollen, aufeinander zuzugehen und ein wenig die gemeinsame Zeit mit Klatsch und Tratsch zu verplaudern; ferner kann der deinen Gruß Erwidernde diesen überbieten oder unterbieten: indem er lächelnd, gestikulierend und rufend einen gewissen Überschwang an den Tag legt oder indem er dich kühl und mit karger Geste abspeist.

Auf denjenigen, dem der Gruß gilt, wird ein sozialer Druck zur Erwiderung dieser Geste ausgeübt; oder, könnte man sagen, er wird durch den Gruß in den konventionellen Verhaltens- und Reaktionsrahmen gezwängt, der ihn zumindest vor die Alternative stellt, den Gruß zu erwidern oder nicht zu erwidern, aber keinen sozialen Raum mehr läßt, so zu tun, als sei nichts geschehen. Denn wenn er so tut, als sei nichts geschehen oder den Grüßenden und seine Geste ignoriert, ist dies schon eine Form der Erwiderung, wenn auch eine negative oder ausweichende. – Wenn man, den Blick vom Gruß des anderen abwendend, so tut, als sei nichts geschehen, ist mehr geschehen, als man denkt.

Wenn der andere deinen Gruß nicht erwidert, magst du in der Erwartung, er werde es gewiß tun, enttäuscht werden. Und andererseits, schenkt dir der Vorübergehende ein Lächeln und erwidert wie von dir erwartet deinen Gruß, magst du erfreut sein oder gar erleichtert, wenn du aufgrund eurer letzten angespannten Begegnung befürchten mußtest, er könne grußlos an dir vorübergehen.

Die Erwartung, die mit dem Grüßen verbunden ist und erfüllt oder enttäuscht werden kann, ist ein konstitutives Merkmal sozialer Konventionen oder Gepflogenheiten. Sie stellt eine Paßform dar, die man sich gleichsam zur Anprobe gegenseitig anlegt.

Die primäre Erwartung bezieht sich auf die Initiation des konventionellen Gebarens und jeweils auf den Teilnehmer, von dem erwartet wird, daß er als erster die angemessene oder zur Rede stehende Konvention bedient oder auslöst: Wer grüßt zuerst oder wer grüßt wen? – Zur Absenkung dieser Unsicherheit erzeugenden Initiationsschwelle können wir in vielen Fällen auf Regeln oder rituelle Vorschriften zurückgreifen: Der Jüngere grüßt den Älteren (zuerst), der Untergebene den Vorgesetzten, der Herr die Dame; diese teilweise auf traditionelle und höfische Kulturen zurückreichenden Gepflogenheiten aber verwischen in modernen Zeiten immer mehr, sodaß die Quelle der Verunsicherung stärker sprudelt.

Die sekundäre Erwartung bezieht sich auf die Erfüllung und Verwirklichung der Konvention und jeweils auf die von ihr offen gehaltenen Alternativen: Erwidert der Gegrüßte den Gruß oder nicht? Hier machen sich in vielen Fällen Formen sozialen Drucks geltend, wie Sanktionen oder negative Folgen bei Nichterfüllung: Demjenigen, der den Gruß nicht erwidert, droht die Sanktion, in Zukunft überhaupt nicht mehr gegrüßt zu werden, dem Untergebenen, der den Vorgesetzten keines Blickes und Grußes würdigt, drohen berufliche Nachteile, der Mann, dem die Frau Gruß und Lächeln nicht erwidert, weiß sich um die Chance einer näheren Bekanntschaft beraubt.

Auch wenn wir die unterschiedlichen Erwartungen und die Möglichkeiten ihrer Erfüllung oder Enttäuschung hintanstellen, die sich aus dem Status der sich Begegnenden ergeben, können wir einen erstaunlichen Sachverhalt bemerken: Zwar ist das Grüßen eine feste Gepflogenheit, eine soziale Institution oder eine habituell gewordene Konvention (wie auch immer wir diese Spielform der Kommunikation und Interaktion bezeichnen mögen), doch ist es kein starrer Verhaltenskodex, der gegen Variation und Ausdruckswandel immun wäre.

Zumeist können wir den Gruß als Einleitungsphase, Eröffnung oder Initiation einer an ihn meist fraglos anknüpfenden Handlung oder Verhaltenssequenz beschreiben: Bekannte oder Freunde begrüßen sich, um zu verweilen und miteinander zu plaudern; der Kommilitone grüßt die anderen Studenten und wartet mit ihnen auf den Beginn der Vorlesung; der Angestellte begrüßt seine Kollegen und schaltet den Computer ein. – Für den Abschluß einer gemeinsam ausgeführten Verhaltenssequenz durch das Abschiednehmen gilt mutatis mutandis dasselbe.

Doch kann sich die Eröffnung durch eine Geste wie das Grüßen auch wieder rasch und folgenlos schließen: Man grüßt den Tischnachbarn im Bistro, doch es entwickelt sich kein Gespräch; man grüßt den Nachbarn, doch er geht stumm seiner Wege.

Distinktionsmerkmale des Grüßens und Abschiednehmens können sich wiederum in Gesten und sprachlichen Äußerungen kundtun; so bedienen das herzhafte Händeschütteln und Winken, die Ausrufe „Hallo!“ und „Tschüs“ andere Erwartungen als das Hutziehen oder die Verbeugung und die auf Distanz gesprochenen Floskeln „Wie ist das werte Befinden?“ und „Leben Sie wohl!“

Wir konstatieren ein weiteres für soziale Konventionen konstitutives Merkmal: Ein jede stellt nicht nur ein Muster des Verhaltens, sondern auch eine Figur der Beobachtung des jeweils anderen und infolgedessen der Selbstbeobachtung dar. Der Gegrüßte nimmt nicht nur den Gruß und den Grüßenden wahr, die Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird, verwandelt sich augenblicks und spontan in eine gesteigerte Form der Selbstwahrnehmung. Der Grüßende beobachtet nicht nur den anderen hinsichtlich seiner Reaktion, sondern hat eine erhöhte Aufmerksamkeit auf seine eigene Reaktion, falls jener seinen Gruß erwidert oder nicht erwidert.

Wir haben auf der einen Seite die Menge der Individuen, die wir grüßen und die unseren Gruß erwidern; auf der anderen Seite die Menge aller anderen, die wir weder grüßen noch die uns grüßen. Es ist klar, daß diese Mengen mehr oder weniger oszillieren und fluktuieren, weil sie gegeneinander durchlässig sind. Bemerke ich, daß du meinen Gruß nicht erwiderst, werde ich dich hinfort selbst nicht mehr grüßen oder dich aus der Menge meiner Grußpartner ausschließen, wenn du mir über den Weg läufst; den neuen Nachbarn aber, der mich bei der ersten Begegnung freundlich gegrüßt und sich mir vorgestellt hat, nehme ich gern in die Menge der Grußpartner auf; er selbst hat mit mir ebenfalls ein neues Mitglied seiner Grußmenge gewonnen.

Aufgrund gegenseitiger Beobachtung reguliert sich der Vorgang der Aufnahme und des Ausschlusses von Mitgliedern gewisser Mengen und Kreise, für die eine Konvention gilt oder auf die eine soziale Institution Anwendung findet, von selbst.

Wir konstatieren ebenfalls: Je mehr ich beobachtet werde, umso mehr beobachte ich mich selbst; das gilt auch für den Fall, daß ich mir einbilde oder wahnhaft glaube, beobachtet zu werden.

Wenn ich einmal aus Versehen und Nachlässigkeit meinen Vermieter, den Nachbarn oder eine meiner Achtung werte Person (eine sogenannte Respektsperson) ohne Gruß habe vorbeiziehen lassen, achte ich im Folgenden auf die Einhaltung der Grußkonvention umso mehr, als ich davon ausgehe, daß auch der andere im gleichen gesteigerten Maß darauf achten wird, ob ich ihn wohl diesmal grüßen werde.

Das, was die Philosophen des transzendentalen Bewußtseins Reflexion genannt haben, ist ein Echo oder ein Niederschlag (Sediment) dieser aus der Selbstregulation konventioneller Verhaltensmuster erwachsenen Fremd- und Selbstbeobachtung.

Die wahnhafte oder psychotische Form der paranoiden Selbstbeobachtung ist der gleichsam dem Mutterboden des konventionellen und rituellen Verhaltens entrissene Trieb und Sproß ihrer spontanen Selbstregulation.

Mit dem Gruß bieten wir dem Gegrüßten ein Schlupfloch oder zumindest ein Guckloch in unser Leben. Es ist also mit Gefahr verbunden: Wir können nie mit völliger Umsicht und Sicherheit voraussehen, worauf wir uns einlassen. Wir könnten am Ende nicht nur ausspioniert, sondern auch materiell ausgeraubt oder seelisch ausgeplündert werden. – Die psychotische Angst des Paranoikers ist nicht völlig irrational, sondern eine Übersteigerung dieser Gefahr, die mit allen Konventionen verknüpft zu sein scheint, die soziale Nähe und Ferne regulieren, wie eben das Grüßen.

Wir können uns fragen, warum uns Herr X oder Frau Y plötzlich gegrüßt oder auf einmal nicht mehr gegrüßt hat. Haben wir ihm kürzlich im Vorübergehen kaum merklich oder schüchtern zugelächelt? Haben wir seinen Hund gestreichelt und er hat es aus dem Fenster beobachtet? Haben wir einen Fauxpas begangen, ist ihr eine Laus über die Leber gelaufen? Aber wir können nicht fragen, warum wir überhaupt jemanden grüßen und von denen einen gegrüßt und von den anderen nicht gegrüßt werden. – Solche Art zu fragen wäre ähnlich paradox und sinnlos, wie zu fragen, warum wir sprechen.

Konventionen wie das Grüßen haben wie die Sprache an und für sich oder die Mathematik und ihre formalen Regelsysteme keinen inhärenten Zweck und verborgenen Sinn, keine ihnen innewohnende Rationalität. Sie können allerdings beliebigen Zwecken, Strategien, Absichten und Anwendungen unterworfen werden. In dieser Hinsicht (aber auch nur in dieser Hinsicht) können wir sie mit Spielen vergleichen: Ich kann Schach spielen, um mir die Zeit zu vertreiben, aus Freude an geistiger Anstrengung, mit der Absicht, es heute einmal gerade diesem Konkurrenten zu zeigen. Ich kann heute Krethi und Plethi grüßen, weil es mir Spaß macht, Aufmerksamkeit zu erwecken und mich in Szene zu setzen; ich kann morgen bevorzugt Leute aus besseren Kreisen grüßen, um mein Ansehen zu steigern. – Doch in anderer Hinsicht sind Konventionen keine Spiele: Wenn ich im Moment keine Lust auf ein Remis des Schachspiels habe, muß ich von meinem Spielpartner keine Sanktionen befürchten; anders bei der Erfüllung oder Nichterfüllung sozialer Konventionen wie dem Grüßen.

Gruß- und Abschiedsformeln auf Briefen unterschiedlicher Art und literarisch-geselliger Natur vom Liebesbrief über das Kondolenzschreiben bis zum amtlichen Anschreiben verraten uns eine Menge über den Status und die soziale Rolle der Schreiber und ihrer Adressaten; aber insofern auch über ihr Selbstverständnis. Man denke an die Unterschiede der Briefe Hölderlins an seine Mutter, an Diotima, an Schiller oder den Freund Sinclair. – Interessant ist der Umstand, daß etliche späte Gedichte des Dichters durch Beifügung eines fiktiven Datums und eines fiktiven Namens wie Briefe anmuten, die nie abgeschickt worden sind.

Die Form und Art des Grüßens strahlt gleichsam wie ein reflexives Licht auf den Grüßenden zurück und erhellt ihm den Ausschnitt der sozialen Welt, in dem er sich aufhält oder den er bewohnt, sowie das soziale Kostüm, das er bei seinem Aufenthalt umgelegt hat. So verkörpert und reflektiert sich der freundlich Grüßende anders als derjenige, der es devot, ehrerbietig, herablassend oder enthusiastisch tut. Der seine Mutter brieflich devot grüßende Hölderlin ist ein anderer als derjenige, der Schiller in einer Mischung von Ehrerbietung und Herablassung und die Geliebte Diotima enthusiastisch grüßt.

Wenn dich ein dir bislang Fremder oder du einen dir bislang Fremden zum ersten Mal grüßt, baut ihr eure respektiven Fremdheiten dadurch peu à peu aneinander und miteinander ab, daß ihr euch im Licht des vom jeweils anderen Geäußerten betrachtet und den jeweils erhellten Ausschnitt zurückspiegelt. Dies vollzieht sich als Einschluß und Ausschluß bestimmter Möglichkeiten. Dem Unbekannten, der dich soeben erstmals gegrüßt hat, stellst du dich anders dar, als dem Freund, mit dem du seit Jahren verkehrst. Diese Selbstdarstellung mündet in das Ergebnis des Ausschlusses aller anderen dir vielleicht möglichen Formen der Selbstdarstellung; sie wird von der Selbstdarstellung des anderen in einem Maße gespiegelt, das die Unvertrautheit des Erstkontakts im günstigsten Falle mildert oder aufhebt.

Wie die Konvention des Grußes zeigt, sind wir in unseren Handlungen weder völlig frei noch völlig gebunden: Gewiß, wir können, falls wir uns nicht einmauern, nicht umhin, in Situationen zu geraten, in denen die Konvention Anwendung findet. Freilich, wir müssen nicht grüßen, doch wenn wir nicht grüßen oder den Gruß des anderen nicht erwidern, sind wir genötigt, die aus dieser Enthaltung oder Verweigerung (als einer der Konvention selbst innewohnenden Möglichkeit) erwachsenden Konsequenzen auf uns zu nehmen, beispielsweise, daß wir es mit dem Nachbarn oder Bekannten verscherzen.

Wenn wir eine Einladung annehmen, haben wir uns vorab schon nicht nur für eine Form des Grüßens entschieden, sondern auch für die implizite und symmetrische Konvention des Abschiednehmens.

Wir können natürlich auch Misanthrop werden und aus Ärger und Verachtung alle Konventionen über den Haufen werfen, allen voran das Grüßen; doch müssen wir dann auch die implizite Folge ausbaden, nämlich ein Schweigegelübde auf uns nehmen, denn das Grüßen ist ja zumeist auch die gestisch-verbale Eröffnung einer Redesituation, ja, wir merken, daß es eine der entscheidenden Kontaktschwellen zur Umwelt darstellt. Weil unsere Weltflucht ins Schweigen nichts anderes als die Folge unserer Verwerfung der Konvention des Grüßens darstellt, haben wir die Konvention keineswegs überwunden, sondern leiden nur an ihrer Abwesenheit und Verschmähung.

Wir können in die Verlegenheit kommen, uns rechtfertigen zu müssen, weshalb wir gestern den und jenen nicht gegrüßt haben, und wir können Rechtfertigungen vorbringen oder uns ausdenken wie Traumwandeln, Kurzsichtigkeit oder eine Panikattacke, die vor den Augen des Gekränkten Gnade finden mag.

Wir bemerken wiederum, daß wir Fragen von Moral und Normativität in die Betrachtung und Analyse von Alltagssituationen der Einhaltung und Verletzung von Konventionen auflösen können. Die Konventionen wie das Grüßen sind das uns strukturell oder semantisch-sozial Vorgegebene: Sie selbst sind gleichsam gegen Fragen nach moralischer und normativer Rechtfertigung immun, es ist sinnlos, eine Gepflogenheit wie das Grüßen rechtfertigen oder kritisieren, moralisch verteidigen oder verwerfen zu wollen.

Freilich, wir können jemanden vor den Kopf stoßen und kränken, indem wir ihm den Gruß verweigern. Aber auch die hier in Gang gesetzte moralische Problematik reguliert sich selbst, denn wir haben die Konsequenz, daß sich der Gekränkte von uns abwendet, uns seinerseits nicht mehr grüßt oder uns seine Freundschaft entzieht, auszubaden.

Können wir das Leben einer Gemeinschaft imaginieren, in der die Konvention des Grüßens nicht vorkommt? Kaum. Denn sie ist ja allgemein gesprochen nicht mehr und nicht weniger als die primordiale Einleitung zu weiteren Formen der Kommunikation oder gemeinschaftlichen Redens und Tuns. Und irgendeine Weise des Eintritts in diese Formen muß es geben, wenn sich soziales Leben überhaupt entfalten können soll.

Wir können von einer Grammatik der sozialen Konventionen sprechen, auch wenn wir uns nicht wie die traditionelle Grammatik am Satz und den Satzarten orientieren, denn auch nonverbale Äußerungen sind ja integrale Bestandteile unserer konventionellen Gepflogenheiten. – In der Grammatik der Konventionen finden wir grundlegende formale Strukturen und logische Regeln wie den Anschluß (an die Folgehandlung), den Einschluß oder die Implikation (von Optionen, etwa die Implikation des Abschiednehmens in der Begrüßung) und den Ausschluß oder die Negation (von Alternativen bei binär codierten Konventionen, etwa die Negation des Nicht-Grüßens durch das Grüßen).

Anders als in der formalen Logik finden wir in diesem formalen Regelsystem zwar eine Zweiwertigkeit wie bei den Wahrheitswerten, doch keine logische Notwendigkeit, wie sie uns in der Form der logischen Tautologie begegnet. Denn sich in die Situation des Grüßens zu begeben oder sich in eine solche Konvention zu schicken, bedeutet zwar, sich dem binären Code „Grüßen versus Nicht-Grüßen“ zu unterwerfen; doch Grüßen ist immer schon ein Moment einer reflexiven oder rekursiven Schleife, die aufgrund der Beobachtung des anderen und der Selbstbeobachtung in Gang gesetzt und unterhalten wird. Aus dem Grüßen des einen folgt nicht notwendig das Grüßen des anderen; aus der Beobachtung der Tatsache, daß der Gegrüßte den Gruß nicht erwidert, folgt keineswegs der Abbruch der reflexiven Schleife, sondern im Gegenteil eine Steigerung der Selbstbeobachtung, wie wir sie von den Phänomenen der Verunsicherung, der Verlegenheit, der Scham oder des Ärgers kennen.

Konventionen wie das Grüßen können wir nicht verhaltenswissenschaftlich oder evolutionsbiologisch durch Reiz-Reaktions-Mechanismen, konditionierte Verhaltensprogramme oder evolutionär zweckmäßige Anpassungsmuster erklären. Denn weder wird wie gesehen in dem Gegrüßten automatisch die verhaltensprogrammierte Reaktion des Gegengrußes ausgelöst noch dient die Konvention einzig dem Zweck der Stabilisierung von Nahbeziehungen, denn der Gruß bereitet auch das soziale Feld von Begegnungen mit Unbekannten.

Konventionen sind keine Imitationen eines natürlichen Verhaltens. Der ungeheure Aufwand, der von Evolutionsbiologen und Kognitionsforschern getrieben wird, menschliches Verhalten mittels Vergleich nach Mustern tierischen Verhaltens zu modellieren und zu rekonstruieren, geht deshalb ins Leere, weil in Konventionen ein untilgbares künstliches, artifizielles und habituelles Element das ursprüngliche und keineswegs sekundäre und abgeleitete darstellt. Gewiß, viele Tierarten absolvieren programmgemäß ihre Begrüßungsrituale, um sich ihrer Verwandtschaft und Gruppenzugehörigkeit zu vergewissern; doch Tiere können nicht willentlich und absichtlich aus dem genetisch gebahnten Verhaltensprogramm aussteigen, um ihren Partner dadurch in Verlegenheit zu bringen, zu verunsichern oder zu beschämen, indem sie ihnen beispielsweise das vererbte Begrüßungsritual verweigern. Ich kann dem Nachbarn heute meinen Gruß verweigern, um meinen Ärger darüber auszudrücken, daß er letzte Nacht wieder dermaßen viel Lärm gemacht hat; doch mein Hund kann sein freudiges Begrüßungsritual nicht willentlich und mit der Absicht unterdrücken, mir seinen Mißmut über meine späte Heimkehr zu bekunden und mich auf diese Weise zu beschämen.

Die einen zu grüßen, impliziert, alle anderen nicht zu grüßen. Mit den einen zu reden, impliziert, mit den anderen nicht zu reden. Aber mit einem zu reden, bedeutet auch, Dinge nicht zur Sprache zu bringen, die man mit anderen bespricht, oder Dinge zur Sprache zu bringen, über die man in Gegenwart anderer kein Wort verliert. Diese Formen der Auswahl und Selektivität, der Inklusion und Exklusion sind für das Regelsystem unseres alltäglichen konventionellen Umgangs miteinander konstitutiv.

Wenn mein freundlicher Gruß gegen den Freund durch ein Lächeln und einen freundlichen Gegengruß beantwortet wird, sehe ich nicht nur den anderen als denjenigen, der mein Verhalten spiegelt, sondern mich selbst im Spiegel seines Lächelns und Grüßens. Indes weiß ich mich auch als den Spiegel, in dem sich der andere mehr oder weniger klar sehen kann. Freilich kann ich bisweilen dazu verleitet werden, den Spiegel aufgrund aufbrechender Ressentiments, von Verzagtheit oder Zorn zu trüben oder zu zerbrechen, in der Absicht, den anderen in seiner Selbstwahrnehmung und seinem Selbstverständnis zu irritieren und zu verstören. Je mehr Spiegel dieser Art ich allerdings trübe oder zerbreche, umso dunkler wird es um mich selbst, beim letzten blende ich mich gleichsam selber und werde bedeutungsblind. Denn was wir Bedeutung nennen oder was uns als bedeutsam begegnet, ist keine bloße Vorstellung, Projektion oder Illusion, sondern wird uns aus der Erfüllung oder Nichterfüllung alltäglicher sozialer Konventionen wie der Konvention des Grüßens entgegengebracht und vor Augen gehalten.

 

Jun 8 19

Francis Jammes, Les petites colombes

Les petites colombes de l’escamoteur,
la petite colombe et sa petite sœur,
devaient souffrir, tous les jours,
dans la petite boîte, dans la chambre d’hôtel,
— et puis encore quand, le soir,
elles étaient dans la manche de l’habit noir
et qu’elles sortaient à la lumière
de la représentation coutumière.

 

Die kleinen Tauben des Zauberkünstlers,
die kleine Taube und ihre kleine Schwester,
sie hatten zu leiden, Tag für Tag,
in dem kleinen Käfig, im Zimmer des Hotels –
und dann nochmals am Abend,
im Ärmel des schwarzen Fracks,
woraus sie ans Licht flatterten,
wie stets bei jeder Vorstellung.

 

Jun 7 19

Am semantischen Nullpunkt

Vom Duzen und Siezen

Jemandem das Du anbieten, das ist oder war einmal eine hohe Schwelle einer Begegnung, in der, nachdem man sie freudig, dankbar und erhoben genommen hatte, die frühere Anrede in der Höflichkeitsform noch lange nachklang.

Diebe, Halunken, Gauner duzen sich aus Instinkt – Instinkt der Zugehörigkeit, der einander spiegelnden Verworfenheit, der geteilten Gefährdung.

Aber auch die meisten Mitglieder von Vereinen oder Solidargemeinschaften pflegen sich zu duzen – aufgrund der Nähe von Herkunft, Erziehung, religiösem Bekenntnis oder Weltanschauung.

Der Assistenzarzt siezt den Chefarzt, der Chefarzt duzt seinen Kollegen, mit dem er Tennis spielt.

Die über Gruppen, Schichten und Klassen ausgewogen verteilte Form des Siezens und Duzens, wie sie die deutsche Sprache ermöglicht, gehört zu den identitätsstiftenden Distinktionen – wird sie geschleift oder egalitaristisch plattgemacht, ist dies ein Symptom kulturellen Niedergangs.

Die Anredeformen können in rituell und zeremoniell durchformten Kulturen sowohl verbal als auch nonverbal durch einen Fächer von Gesten ausgedrückt werden wie im asiatischen Kulturkreis.

Der Machthaber gibt dem Unterworfenen, dem Gefangenen, dem Lagerhäftling weder die Hand noch läßt er sich von ihm in die Augen schauen – aber er duzt ihn; hier ist das Duzen ein Zeichen der Demütigung und Erniedrigung.

Der dümmlich-beflissene Lehrer und Dozent, der seinen Schülern und Studenten gleich beim ersten Auftritt das Du anbietet – er wähnt, es sei eine Geste der Offenheit und Dialogbereitschaft –, begreift nicht, daß er damit seinem Unterricht den Ernst entzieht und die Autorität der bedeutsamen Mitteilung, so sie denn bedeutsam ist, untergräbt und dabei Gefahr läuft, sich der Lächerlichkeit einer pädagogischen Hanswurstiade preiszugeben.

Der egalitäre Anarchist, eine spirituell meist bösartige Kreatur, duzt einen jeden wie Hinz und Kunz, weil er sich selbst nicht achtet. Der niedere Instinkt oder der Geist des Neides und der Rache verabscheut alles Höhere, Reine, Strahlende, kurz das schöpferische Licht, das seine Häßlichkeit und Gehässigkeit offenbart.

Der Journalist, der Parasit und Zwischenhändler der Zeichen, glaubt sich ebenbürtig und in Augenhöhe mit dem Sprachgenie, das sie einmal geprägt hat, und ruft seinem Denkmal augenzwinkernd ein gönnerhaftes Du zu.

Je weniger Anredemöglichkeiten die Kommunikation eröffnet, umso eintöniger wird sie; daraus folgt naturgemäß der Umkehrschluß: Je mannigfaltiger und diffuser unsere Anredemöglichkeiten, desto komplexer und riskanter wird die Kommunikation.

Indes, die Mannigfaltigkeit und Differenziertheit des sprachlichen Umgangs impliziert nicht eo ipso eine Mannigfaltigkeit und Nuanciertheit des sprachlichen Ausdrucks: Das Duzen der Vagabunden, Huren und Diebe ist ein anderes als das der Kinder, der Jugendlichen oder der Liebespaare, das Siezen zwischen Richter und Staatsanwalt ist ein anderes als das zwischen Richter und Angeklagtem.

Sagen wir es in einer bündig-trockenen Formel: Kommunikativ exponierte sprachliche Kundgaben wie die Gruß-, Höflichkeits- und Anredeformeln sind im Normalfall semantisch überdeterminiert oder mehrfach codiert.

Normalfall heißt: Wir leben und reden in Mustern und Schablonen, nur im Ausnahmefall erlauben wir uns eine Zunahme oder Öffnung zum Unerwarteten, Unvorhergesehenen, Unwahrscheinlichen, kurz: eine Zunahme an kommunikativer Kontingenz.

Ein unvorhersehbarer, unerwarteter und abrupter Wechsel vom Siezen zum Duzen und umgekehrt schließt der Normalfall oder das soziale Normmuster aus. Warum? Nun, mit einem Wildwuchs von Irregularität und Spontaneität steigern wir auch den Grad an Unsicherheit und möglicher Verwirrung.

Das Muster oder der Normalfall: Der Lehrer duzt die minderjährigen Schüler, die Kinder siezen den Lehrer. Das Liebespaar duzt sich, würde die Geliebte mitten in der zärtlichen Umarmung den Liebhaber zu siezen beginnen, wäre die Verwirrung und Verunsicherung auf seiner Seite denkbar groß.

Die Klischees, Stereotypen, Formeln der Anrede oder allgemein gesprochen des verbalen Austauschs sehen harmloser aus, als sie in Wahrheit sind: Denn sie vermindern die fühlbare Kontingenz der sozialen Situation. Der Ausdruck für die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibende oder ungefühlte und aus dem Bewußtsein ausgeblendete Kontingenz und Unwahrscheinlichkeit eben dieser Situation ist unser Eindruck, es müsse so sein, alles gehe mit rechten Dingen zu oder sei natürlich und selbstverständlich.

Wenn wir zum Vorstellungsgespräch gehen, entsprechen wir im Normalfall der Erwartung des Personalchefs, gesiezt zu werden. Wenn sich aber in der Firma alle duzen, sind wir der Möglichkeit beraubt, das mit der höflichen Anrede verknüpfte Distinktionsmerkmal anzuwenden und uns selbst auf diese Weise zu distinguieren.

Oft verbinden wir das Duzen mit einem bestimmten im täglichen Umgang erwachsenen Vertrauen zwischen den Beteiligten. Doch dies ist nur vordergründig richtig. Denn Vertrauen ist die allgemeine Basis oder das Grundkapital an kommunikativer Zufallsvermeidung und gegenseitiger Verhaltens-, Rollen- und Statusversicherung, von dem wir annehmen oder jedenfalls hoffen, es werde sich in direkter Proportion mit dem Maß der Erfüllung unserer gegenseitigen Erwartungen verzinsen und anwachsen; ohne diese Hoffnung würden wir es erst gar nicht anlegen. Das Duzen dagegen ist eine Sonderform der Verzinsung des Grundkapitals namens Vertrauen, die wir Vertraulichkeit, persönliche Nähe und Intimität nennen.

„Er hat mich nicht gegrüßt!“ – „Die Verkäuferin, sie könnte meine Tochter sein, hat mich einfach geduzt!“ – Mit solchen und anderen geläufigen Irritationen über eine uns zugemutete Verletzung sozialer Gepflogenheiten drücken wir die Erwartung des sprachlichen Musters oder den in uns tief verwurzelten Wunsch nach einer Reibungen, Konflikte und Mißverständnisse dämpfenden sozialen und hierarchischen Ordnung aus.

Die Figuren Kafkas haben eine schmutzig-diffus schillernde Aura, die ihre Zugehörigkeit und ihren Status unklar macht und verwischt, und dies nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber. Die Richter im „Prozeß“ schmökern während der Gerichtsverhandlung in pornographischen Heftchen, die Frauen und Mädchen, auf die sich der Angeklagte einläßt, stehen in einem trüben, intimen, aber nicht harmlosen Verhältnis zum Gericht oder sind Mätressen der Gerichtsdiener oder Richter. Kafka experimentiert hier am narrativen Stoff mit Modellen der Unvertrautheit, die unsere selbstverständlich gewordenen Modelle, Bilder und Erwartungen an glatte und flüssige soziale Interaktionen außer Kurs bringen. Das Grundkapital an Vertrauen ist entweder aufgebraucht oder wie Schnipsel zerrissener Prozeßakten in die labyrinthischen Gänge des Gerichts zerstreut, die Unterschiede zwischen Nähe und Ferne, Vertrauen und Intimität, Antlitz und Maske sind verwischt. Sich auf du und du mit dem Schankmädchen einzulassen, das ein für sie selbst nicht ganz durchschaubarer Teil des Gerichts ist, kann die Identität des Protagonisten schwächen und seine schwankende rechtliche Stellung zum Kippen bringen; mit jeder Vertraulichkeit, jedem Kuß, jeder Umarmung kann er sich tiefer in das urtümlich verschlungene Gestrüpp der Gesetze verstricken.

Die Verwendung der Personalpronomen dient sowohl der Verortung der Teilnehmer in der Topographie der sozialen Interaktion als auch der Selbstvergewisserung. Jemand, der ich sagt, tut dies im Horizont des Topos eines virtuellen „wir“; ebenso vernimmt das Echo eines virtuellen „wir“, wer du sagt. Wir duzen und wir siezen Mitglieder der Eigengruppe („wir“); wir duzen aber nicht ohne weiteres Mitglieder einer Fremdgruppe („sie“).

Das Du und das Sie, das wir in der Anrede gebrauchen, wirft jeweils einen anderen Schatten auf das Ich, das redet; die Form der Anrede strahlt auf den Redenden reflexiv zurück.

Pathologische Ich-Störungen können an der diffusen und konfusen Verwendung der Personalpronomen und Anredeformen ausgemacht werden: ein Tier oder Kleinkind oder das eigene Spiegelbild zu siezen, von sich selbst nur in der dritten Person Einzahl oder Mehrzahl zu sprechen oder von seiner eigenen Frau als „es“ zu reden oder sie in der Pronominalform „wir“ gleichsam nur mitlaufen zu lassen, deutet auf eine Verwischung und Auflösung der Identitätsgrenzen hin.

Hölderlin pflegte sich von den Besuchern im Turmzimmer zu Tübingen mittels Verwendung gesuchter und exquisiter Anredeweisen wie „Euer Durchlaucht“, „Hochwürden“, „Heiliger Vater“, „Ihre Exzellenz“ zu distanzieren – Floskeln, die man als schizophasische Byzantinismen bezeichnen könnte, wenn man bedenkt, daß sie auf höfische Sprachmanierismen zur Ehrbezeigung vor dem Thron wie dem zu Byzanz zurückgehen.

Gewiß hielt sich Hölderlin die Besucher auf diese ausgefallene Art vom Leib („Euer Exzellenz die Hand zu geben oder neben Ihnen, Euer Durchlaucht, Platz zu nehmen, bin ich nicht würdig“); gleichzeitig dienten ihm die exaltierten Höflichkeitsanreden aber auch dazu, seinen eigenen Staus zu erhöhen („Exzellenz würdigt mich einer Visite“).

Die mit den Anredeformen und Personalpronomen semantisch aufgespannte kommunikative Topographie läßt sich von außen betrachtet in ein zweidimensionales kartesisches Koordinatensystem eintragen: Im Nullpunkt steht „ich“, auf der Abszisse und der Ordinate steht in der Nähe zum Nullpunkt „du“ und in weiterer Entfernung „Sie“; in einer anderen Version sehen wir im Nullpunkt „wir“, in der Nähe zum Nullpunkt „ihr“ und in weiterer Entfernung „sie“. – Von innen betrachtet ergibt sich ein kugelförmiges Gebilde mit zwei Schalen, dessen Mittelpunkt mit „ich“ gekennzeichnet ist, und dessen innenliegende Schale mit „du/ihr“, dessen außenliegende mit „sie“ etikettiert ist.

Wir könnten für den speziellen Anwendungsfall traditionell-aristokratischer oder höfisch-ritueller Gemeinschaften die Höflichkeitsanreden (Sie, Ihr, Euer) auch auf der positiven vertikalen Achse des Koordinatensystems anordnen; die neutral oder pejorativ konnotierten Pronomen wie „du, „er“, „es“ trügen wir dann auf der negativen vertikalen Achse auf.

Es ist augenscheinlich, daß in dieser semantischen Topologie der Nullpunkt, der selbst ja KEINEN ORT hat, sondern von dem aus die semantischen Orte allererst definiert und verteilt werden, primordial oder gleichsam transzendental ist.

Wir bemerken auch, daß jedes vom Nullpunkt des „Ich“ aus angesprochene und angezielte „Du“, „Sie“, „ihr“ und „sie“ seinerseits als virtueller semantischer Nullpunkt zählt: Denn wir reden nur mit Leuten, denen wir zubilligen (oder von denen wir befürchten), daß sie ihrerseits das Wort an uns richten.

Wir konstatieren, daß die Semantik der Anrede durch eine elementare Deixis geordnet ist: Hier jetzt ich/wir – du/ihr (bei mir/mit mir, bei uns/mit uns) – dort jetzt er, sie, es; Sie, sie.

Die Reversibilität der Semantik der Anrede im Nullpunkt der Subjektivität kann mittels der klassischen kartesischen Geometrie nicht mehr abgebildet und illustriert werden; dies gilt a fortiori, wenn wir die vierte Dimension, die Zeit, hinzunehmen. Aber die Zeit oder die Dauer ist das eigentliche Wesen der sozialen Ordnung, die durch die systematische Verwendung der Anredeformen und Personalpronomen nicht für heute, sondern für morgen und übermorgen aufgerichtet worden ist oder sein soll.

Ja, die von der Anrede und den Personalpronomina oder der primären Deixis gestützte Ordnung muß auch retrospektiv gelten, so wenn ich daran denke, daß du gestern hier warst, oder ich mich daran erinnere, daß wir vor einem Jahr dort waren.

Daß wir morgen noch dieselben sind wie heute, das heißt, andere wie gewohnt anreden und von ihnen wie gestern angeredet werden, ist der Grundzins, den das Grundkapital des Vertrauens abwirft, auf das wir durch unsere bisherige Form der Kommunikation eingezahlt haben.

Würde ich eines Morgens erwachen und wäre der Fähigkeit der elementaren semantischen Funktion der Anrede beraubt, könnte ich mich in der semantischen Topologie nicht mehr als Nullpunkt („ich jetzt hier“) identifizieren und wäre gleichsam ein Exilant der sozialen Gemeinschaft – in Wahrheit gehörte ich von Stund an zur exterritorialen Gemeinschaft der Irren.

Die semantische Funktion der Anrede ist mit der Sprache gleichursprünglich, denn sie entspringt aus dem Nullpunkt, an dem „ich“ steht, und verzweigt sich regelrecht, gleichförmig und kontinuierlich zu den Koordinaten und Zweigen, an denen die Anredeformen und Personalpronomen „du“ und „Sie“, „wir“ und „ihr“ hängen.

Freilich, wenn nicht mindestens zwei Linien sich kreuzen, können wir keinen Punkt erzeugen; auf der leeren Fläche oder dem ungefurchten und ungefalteten leeren Blatt finden wir keinen Nullpunkt. – Es gibt keinen vorbestimmten oder natürlichen Ort, an dem der Nullpunkt des „ich“ auftaucht.

Der Nullpunkt der semantischen Funktion ist immer dort, wo die virtuelle Linie des Anredens die virtuelle Linie des Angeredetwerdens kreuzt.

Eine Sprache ohne Anredeformen und eine irgendwie geartete semantische Topologie der Personalpronomen wäre keine Sprache, sondern ein abstraktes Zeichensystem, das allererst mittels Aufpfropfen, Implantation und Anwendung von Anredeformen und Personalpronomen Sprache zu werden verspricht.

Können wir das gleichsam transzendentale Apriori der Möglichkeit der Anwendung von Anredeformen und Personalpronomen für eine Sprache erklären und begründen, das heißt aus Gründen ableiten, die nicht ihrerseits Anredeformen und Personalpronomen enthalten oder voraussetzen? NEIN. Denn um dies zu tun, müßten ICH oder DU, WIR oder IHR den Versuch einer Erklärung und Begründung unternehmen, ohne von mir oder dir, euch oder ihnen reden zu können.

Wir können diesen Sachverhalt aus so ausdrücken: Sprache setzt einen Ort voraus, von dem aus gesprochen wird, und einen davon verschiedenen und jeweils unterschiedlich entfernten Ort, zu dem hin gesprochen wird. Die Orte der Sprache aber sind nicht wie Orte einer Landschaft und können nicht wie diese auf einer Karte oder einem konzeptuellen Plan identifiziert und markiert werden; die hier gemeinten Begriffe von Nähe und Ferne gleichen in keiner Weise den in Zentimetern und Metern abmeßbaren Entfernungen zwischen geographischen Orten oder geometrischen Punkten.

Das Du kann eine intime Nähe ausdrücken, obwohl der mit Du Angesprochene sehr weit entfernt oder schon verstorben ist. Die mit Sie oder Ihr angeredeten Personen können sich im selben Zimmer aufhalten, aber semantisch (gedanklich, gefühlsmäßig oder sozial) von dem sie so Anredenden sehr weit entfernt sein.

Die aus dem semantischen Nullpunkt der Sprache entspringende Ordnung der Rede können wir mit dem künstlerischen Vorgang des freien (also nicht abbildenden) Zeichnens und Malens vergleichen: Der erste spontan gesetzte Strich auf dem leeren Blatt schränkt die prinzipiell unendlichen Möglichkeiten der Linienführung und des Farbauftrags insofern ein, als sich bezogen auf die erste zeichnerische Setzung eine Einteilung der Fläche in ein Links und Rechts, Oben und Unten ergibt. Die nächste Zeichen- und Malhandlung kann als Antwort, Reaktion oder Infragestellung der ersten Setzung verstanden werden: Hier ergibt sich vielleicht einer weitere Ausdrucksdimension, das Spiel zwischen Vorder- und Hintergrund. Akzeptiert der Künstler diese dimensionale Möglichkeit, kann er sie weiter mittels der Ausformung von plastischem Relief und einem Dialog zwischen Licht und Schatten erweitern und vertiefen. Es kann sich folgende Alternative ergeben: Alle durch permanent sich vollziehenden Ausschluß nicht verwirklichter Möglichkeiten offen gebliebenen Möglichkeiten auszuschöpfen; so erzeugt der Künstler den Eindruck der Geschlossenheit, künstlerischer Notwendigkeit und Vollendung; oder er kann den Ausschluß weiterer Möglichkeiten irgendwo willkürlich oder intuitiv abbrechen und beispielsweise durch geschickt angeordnete leere Flächen den Eindruck erwecken, als schwebe über dem Ganzen eine Wolke von unartikulierter Fülle oder ein Nimbus des Ungesagten.

Der Prozess der kreativen Hervorbringung beginnt spontan und setzt einen nicht weiter begründbaren Ausgangs- und Nullpunkt, von dem aus er sich im günstigsten Falle auf nicht vorhersehbare Weise durch Formen der Selbstorganisation, Selbstbeobachtung und Selbstkorrektur fortpflanzt und ausdehnt.

So ist es, wenn wir fremd in eine fremde Stadt ziehen: Durch die Art und Weise unserer Selbstdarstellung setzen wir unseren semantischen Ort, von dem uns Nähe und Ferne zugemessen werden sollen; so lassen wir von einer Freizeitgruppe die Vertraulichkeit des Duzens zu, in einer anderen wahren wir die Distanz mittels Siezen. Freilich, den semantischen Nullpunkt, von dem aus wir Nähe und Ferne überhaupt bemessen können, bringen wir immer schon mit, ihm können wir nicht entfliehen, weder auf Reisen noch durch Auswanderung oder den Übergang in eine fremde Sprache.

Die seltsame (weil nicht erklärbare) Tatsache des semantischen Nullpunkts verleiht uns die Aura der Notwendigkeit oder anders gewendet den Schatten des Schicksals, den wir nicht abschütteln können; der permanente Ausschluß virtueller Möglichkeiten, zu dem uns die Wahl unserer Entscheidungen oder die Zufallsbahnungen unseres Lebensweges nötigen, vereinseitigt und umgrenzt uns mehr und mehr mit dem wachsenden Ring der Kontingenz, bis dieser schließlich am Ende unseres Lebenswegs uns ganz umschließt.

Um zu verstehen, was der Philosoph meint, wenn er sagt, das Tier verende, nur der Mensch sterbe, können wir uns des semantisch-topologischen Modells der Kugelschalen bedienen: Sterben heißt, semantisch betrachtet, daß die vom Nullpunkt ausgehenden Koordinaten und Abzweigungen der Anredemöglichkeiten mehr und mehr eingezogen werden oder die Kugel schrumpft, bis sie schließlich in den semantischen Nullpunkt hineinstürzt.

Sowohl Beliebigkeit oder Willkür als auch Monotonie und Starrsinn in der Zuweisung der Anredeformen beschränken und verengen unseren Lebensrhythmus: Wer wahllos siezt oder duzt, verwirrt die Kommunikation und wird selbst daran konfus; wer sich und alle und jeden mit dem sentimentalen Fraternisierungsgestus des Duzens egalisiert, wird manchen vor den Kopf stoßen und bei manchen Ressentiments wecken.

Der semantische Nullpunkt ist auch insofern der Nullpunkt der Existenz, als wir immer wieder versuchen, durch Erinnerungsarbeit die kontingenten Abzweigungen auf unserem Lebensweg nachträglich in ein sinnvoll vernetztes Gewebe einzutragen. Konversionen religiöser und anderer Natur zeigen dies auf oft extreme oder extravagante Weise: Man denke an die Bekenntnisse des Augustinus oder die fruchtbaren Neugewichtungen belastender und traumatischer Ereignisse der Vergangenheit bei verschiedenen Verfahren der Psychotherapie. Man könnte Freuds Maxime „Wo Es war, soll Ich werden“ semantisch-existentiell neu formulieren: Ich übernehme das, was mir als Schicksal zugemutet wurde, als eigene Möglichkeit des Daseins. Raskolnikoff, der Mörder in Dostojewskis Roman Schuld und Sühne, bekennt sich zu seinem Verbrechen und kann sich der Liebe Sonjas öffnen.

Die christliche Theologie deutet die Sünde als geistigen Tod und die Wirkung der Gnade als Wiedergeburt: Der Tod ist wie das Verstummen vor der Zeit, und Gnade wirkt in einer Möglichkeit der Anrede Gottes als des gütigen Vaters oder als des Christus, der sich des verlorenen Kindes annimmt. Die christliche Anrede Gottes, und das zeichnet sie wie das Herrengebet zeigt vor anderen religiösen Anreden aus, ist ein kindlich gesprochenes Du, das sich wohl in die Höhe richtet, aber dank der Nähe des Trösters Geist sich nicht ekstatisch verrenken muß und der Güte und Geneigtheit des Angeredeten gewiß sein kann. – Wir können auch diese Form der außerordentlichen religiösen Anrede semantisch-existentiell deuten: Der Beter findet sich auf den semantischen Nullpunkt der Existenz zurückgesetzt, denn alle ihm bislang möglichen Wege der menschlichen Anrede haben versagt und sind ihm in einer unerhörten Not abgeschnitten, aber er entrinnt dem geistigen Tod gleichsam unter dem schmalen Lichtstrahl, der ihm aus der winzigen Öffnung in der äußersten Höhe der schon auf ihn niederbrechenden semantischen Kugel entgegenspricht.

 

Jun 6 19

Francis Jammes, Les dimanches

Les dimanches, les bois sont aux vêpres.
Dansera-t-on sous les hêtres ?
Je ne sais… Qu’est-ce que je sais ?
Une feuille tombe de la croisée…
C’est tout ce que je sais…

L’église. On chante. Une poule.
La paysanne a chanté, c’est la fête.
Le vent dans l’azur se roule.
Dansera-t-on sous les hêtres ?
Je ne sais pas. Je ne sais.

Mon cœur est triste et doux.
Dansera-t-on sous les hêtres ?
Mais tu sais bien que, les dimanches, les bois sont aux vêpres.

Penser cela, est-ce être poète ?
Je ne sais pas. Qu’est-ce que je sais ?
Est-ce que je vis ? Est-ce que je rêve ?

Oh ! ce soleil et ce bon, doux, triste chien…
Et la petite paysanne
à qui j’ai dit : vous chantez bien…

Dansera-t-elle sous les hêtres ?
Je voudrais être, voudrais être
celui qui lentement laisse tomber,
comme un arbre ses baies,
sa tristesse pareille, sa tristesse
pareille aux bois qui sont aux vêpres.

 

Sonntags

Sonntags singen die Wälder Vesperlieder.
Tanzen unter den Buchen wir wieder?
Ich weiß nicht … Was istʼs denn, das ich weiß?
Ein Blatt fällt auf das Fenster hernieder …
Das ist alles, was ich weiß …

Die Kirche. Gesang. Eine Henne.
Die Bäuerin sang zum Fest ihre Lieder.
Der Wind fegt über des Himmels Tenne.
Tanzen unter den Buchen wir wieder?
Ich weiß nicht. Weiß es nicht.

Mein Herz ist traurig und weich.
Tanzen wir unter den Buchen wieder?
Du weißt doch, sonntags singen die Wälder Vesperlieder.

Heißt so zu fühlen ein Dichter sein?
Ich weiß nicht. Was istʼs denn, das ich weiß?
Lebe ich? Bin ich des Traumes Schein?

O, die Sonne und der Hund, so gut, sanft und allein …
Und die kleine Bauersfrau,
der ich sagte: Sie singen so fein …

Tanzt sie unter den Buchen wieder?
Wär ich bloß, wäre ich wie der,
dem allmählich hernieder-
fällt wie dem Busch die Beeren
die Traurigkeit, Traurigkeit,
die wie Wälder singt ihre Vesperlieder.

 

Jun 5 19

Abschied vom Symbolismus

Francis Jammes, Il y a un petit cordonnier
À Stéphane Mallarmé

Il y a un petit cordonnier naïf et bossu
qui travaille devant de douces vitres vertes.
Le dimanche il se lève et se lave et met sur
lui du linge propre et laisse la fenêtre ouverte.

Il est si peu instruit que, bien que marié,
il ne parle jamais, paraît-il, sur semaine.
Je me demande si le Dimanche, quand ils promènent,
il parle à sa femme vieille et toute courbée.

Pourquoi fabrique-t-il des souliers, marchant peu ?
Ah !… Il fait son devoir et fait marcher les autres.
Aussi il y a une pureté dans le petit feu
qui s’allume chez lui et luit comme de l’or.

Aussi, lorsqu’il mourra, les gens au cimetière
le porteront, lui qui les aura fait marcher.
Car Dieu aime bien les pauvres et les pierres
et lui donnera la gloire d’être porté.

Ne riez pas ! Qu’est-ce que tu as fait de bon ?
Tu n’as pas la douceur de cette lueur verte
qui passe doucement par la vitre entr’ouverte
où il taille le cuir et croise les cordons.

Crois-tu donc, toi qui mets des ornements,
et parce que tu plais à des femmes en parfum,
que tu as sur le front ce vert rayonnement
d’une douleur triste et douce comme une chanson ?

Ô petit cordonnier ! cloue tes clous encore longtemps.
Les oiseaux qui passeront au doux printemps
ne regarderont pas plus les couronnes de roi
que ton vieux couteau qui coupe le pauvre pain noir.

 

Da lebt ein kleiner Schuster

Da lebt ein kleiner Schuster, einfältig, bucklicht,
er schuftet vor milden grünen Scheiben.
Am Sonntag wacht er auf, wäscht und kleidet sich
in reines Tuch, das Fenster kann offen bleiben.

Er ist so wenig gebildet, daß obzwar verehelicht
er niemals redet wie es scheint an Wochentagen.
Ob er am Sonntag, wenn sie vor die Tür sich wagen,
mit seiner Frau, der alten, ganz gekrümmten, spricht?

Weshalb macht er Schuhe, geht er selbst doch kaum?
Ach! … Er tut seine Pflicht, so können andre gehen.
Reinheit ist auch, was da sprüht an Herdes Saum,
die Flamme seines Heims macht es wie Gold erglühen.

Und wenn er einmal stirbt, dann tragen die kleinen
Leute ihn zum Friedhof hin auf seinen Schuhen.
Denn Gottes Liebe gilt den Armen und den Steinen
und will, daß Seine Palmen auf dem Grab ihm ruhen.

Du, lache nicht! Was hast du Gutes denn erzeugt?
Du hast die Süße nicht von jenem grünen Blinken,
das sanft durch Fenster fließt, die einwärts winken,
wo er das Leder glättet und die Schnüre kreuzt.

Wähnst du etwa, der du Ornamente malest,
den parfümierten Damen zum Pläsier,
daß du wie er so grün bekränzet strahlest
von einem Leid, das traurig-süß ist wie ein Lied?

O kleiner Schuster, mögest Nägel du noch lange schlagen.
Die Vögel, wenn sie weichen Frühlings Lüfte tragen,
sie schauen lieber als nach Gold, das hohe Stirnen kleidet,
auf dein schartig Messer, wie es hartes Schwarzbrot schneidet.

 

Anmerkungen und Anregungen zur Interpretation

Wir können den Rang und die geschichtliche Bedeutung des Gedichts von Francis Jammes mit dem Rang und der geschichtlichen Bedeutung des Gemäldes „Der Heuhaufen“ (ca. 1874) von Jean-François Millet vergleichen: Wir sehen in beiden Werken die Ablösung vom Geist der Romantik und die Hinwendung zur natürlichen und kreatürlichen Welt; die Schöpfer beider Werke haben sich entschieden der Welt der kleinen Leute und der Armen, der Welt des Alltags und des Werktags, dem profanen und gewöhnlichen Leben von langer Mühsal und kurzer Rast der Bauern und Hirten im Kreislauf des Jahres zugewandt – wenn auch im Werk von Francis Jammes dann und wann auf die zerfurchte Stirn des todverfallenen Menschen ein verklärendes Licht aus dem göttlichen Geheimnis fällt.

Die Gedichtsammlung, der das obige Gedicht über den kleinen Schuster entnommen ist, trägt den programmatischen Titel De l’angélus de l’aube à l’ angélus du soir, das Angelusläuten des Morgens und das Angelusläuten des Abends sind seine Schwellen oder Pforten. Die Sammlung erschien im Jahre 1898, und dies scheint von symbolhafter Bedeutung: im Todesjahre des von Francis Jammes geschätzten symbolistischen Dichters Stéphane Mallarmé, dessen Umgang er auch pflog.

Das Gedicht Il y a un petit cordonnier ist dem Dichter Mallarmé gewidmet, es ist freilich keine verehrende Nänie, sondern ein Abschied vom Meister aus Paris und seiner ganzen Art zu denken und zu dichten, ein Abschied vom Symbolismus, dem Francis Jammes in seinen Jugendtagen nahestand und poetologisch verpflichtet war.

Das Gedicht ist sowohl ein Gedicht über das im Titel genannte Sujet als auch ein Gedicht über die Dichtkunst, es bedenkt und besinnt sich auf sich selbst und die Mittel und Wege, die Macht und Ohnmacht der dichterischen Zeichen. Die vorzügliche Richtung dieser Selbstbesinnung des dichterischen Sagens verkörpert es in der Figur, deren Dasein es beschwört: ein kleiner Schuster, irgendwo in der Provinz, alt, ungebildet, bucklig, und daneben seine alte Frau, die schon ganz krumm geworden sonntags mit ihm spazierengeht.

Das kleine Leben, seine Dürftigkeit und Armut, seine Stummheit und Schicksalsergebenheit, das sind die Stoffe, Motive und Quellen, aus denen sich die reife Dichtung von Francis Jammes nährt. Gewiß sind sie aus christlichem Geist, ja franziskanischer Geistlichkeit, erwachsen; doch dies allein, mit beifälligem oder abfälligem Gestus, zu betonen, reicht nicht aus, uns die poetische Mitte, Gehalt und Dichte, des Gebildes zu erschließen.

Das Gedicht besteht aus sieben Strophen, seine natürliche Mitte oder seine innere Schwelle ist demnach die vierte Strophe (wie wir noch genauer sehen wollen). Wir erwähnen vom Einsatz poetisch-formaler Gestaltungsmittel nur den Reim, der für Jammes wesentlich ist, und zwischen offener (vertes – ouverte) und geschlossener Form (peu – feu) wechselt; besonders auffällig sind, wiederum für den Dichter typisch, Verwendungen unreiner Lautausgänge wie bossu – sur, autres – l’or, parfum – chanson.

Charakteristisch ist die Ungezwungenheit und Natürlichkeit von Syntax und Satzbau: Sie sind der mündlichen Sprache, der schlichten Diktion, angenähert. Den syntaktischen Auftakt gibt der an scheinbarer Naivität nicht zu übertreffende Anfang: „Da lebt ein kleiner Schuster.“ Zwar scheut der Dichter nicht vor komplexeren Satzgebilden zurück („Il est si peu instruit que, bien que marié,/il ne parle jamais“ – „Er ist so wenig gebildet, daß obzwar verehelicht/er niemals redet“), doch streben sie nicht über Gepflogenheiten der Umgangssprache hinaus.

Dies ist, wie der Kenner sieht (und er sollte hier, romanistisch geschult, die Vergleiche und Kontraste in Mallarmés Gedichten suchen und finden), das gerade Gegenteil der syntaktischen Komplexitäten, Aberrationen und Extravaganzen, wie sie die Dichtung Mallarmés prägen, ja, in dem durch sie evozierten Gleiten, Schillern und Verschwimmen des Sinns geradezu auszeichnen oder feierlich siegeln.

Doch ist Francis Jammes auch im Ausdruck des Schlichten und scheinbar Einfachen, darin Mörike nicht unähnlich, sich aller höheren Kunstmittel des poetischen Ausdrucks bewußt und verschmäht es nicht, sie souverän über das ganze Gebilde, wie kleine bunte Blüten, auszustreuen. Nehmen wir die Lautmalerei wie im Satz: „il se lève et se lave“ – „erwacht wäscht er sich“ oder die geistvolle Verwendung der Wörtchen „petit“ und „douce“, deren Bedeutungen sich eigentümlich überkreuzen und verschränken: Denn das ärmliche und stumme Leben der kleinen Kreatur hat ihre eigentümliche Süße, die auf ein göttliches Geheimnis hindeutet (wenn es auch nicht vergegenständlicht oder ausgeplaudert wird), so in dem Leid des kleines Mannes, das zugleich traurig und süß genannt wird, „wie ein Lied“.

Die ersten vier Strophen evozieren das Leben des kleinen Schusters, seinen Werktag, seinen Sonntag, sein Leben in Pflichtreue und schlichter Häuslichkeit, bis zu seiner Beerdigung, bei der die Leute, die ihn zu Grabe tragen, die Schuhe anhaben, die er selbst gefertigt hat. Wir bemerken, daß Jammes keiner Neigung nachgibt, das ärmliche Dasein in eine weich mit Moos und Flocken ausgelegte Krippe einer Idylle oder bukolischen Behäbigkeit zu bergen.

Der kleine Mann steht vor uns im Sonntagstaat und läßt das Fenster halb offen, nur angelehnt – offen für jenes Geheimnis, das wir nannten. Das Fenster aber hat grüne Scheiben, und die Farbe Grün bekommt hier eine symbolische, keine nur idyllisch-malerische Bedeutung, wie Strophe 5 heraushebt: „Du hast die Süße nicht von jenem grünen Blinken,/das sanft durch Fenster fließt, die einwärts winken,/wo er das Leder glättet“ – so wird er dort zu Mallarmé sagen.

Zur Charakterisierung der Häuslichkeit („chez lui“) wird das kleine Herdfeuer genannt, dessen goldener Schein sich im Zimmer verbreitet, das Feuer, vom dem es ausdrücklich heißt: „Aussi il y a une pureté dans le petit feu.“ Dies, die Reinheit und das Gold, haben einen unmittelbaren Bezug zur Metaphorik des Symbolismus, schimmert doch Mallarmés Gedicht geradezu vom Glitzer und Glanz reiner Metalle und kostbarer, edler, reiner Stoffe und Materien wie eben von Gold oder Wasser, das den himmlischen Ort oder die abgründig-azurne Tiefe des Mallarméschen Gedichts widerspiegelt, das Blau des Himmels. Ja, das Blau Mallarmés, können wir sagen, steht in augenscheinlichem Farbkontrast zum Grün bei Francis Jammes, dem Grün des primitiven, urtümlichen Lebens, Grün von Gras und Wiese, wo die mit den Armen verwandten Tiere sich tummeln und weiden, Kuh, Schaf und Esel, Hase und Ziege. „Auch hier ist Reinheit, mein Mallarmé“, sagt Jammes und verweist die vom Symbolismus beschworene Reinheit des unbefleckten sprachlichen Ausdrucks ins Reich der surrealen Fabel, denn die Reinheit des wahren Lebens ist wie die Schuhe Van Goghs voller Erde und Lehm.

Es geht um das Leben der Armen, und Jammes hat hier auf der Schwelle des Gedichts, der erwähnten Mittelstrophe, die Kühnheit, sie wie Steine neben Steine zu stellen, rohe Grenzsteine des Felds und wuchtige Menhire des Ahnengedenkens, kaum oder kunstlos behauene Grabsteine, im Gegensatz zu den funkelnden und reich mit Rubinen und Smaragden besetzen Amuletten und Spangen, Fibeln und Reifen der symbolistischen Metaphern, die gern das Licht in Kristall, Perlmutt und Blütenfeuchte spielen lassen. Gottes Liebe aber gilt diesen beiden, den Armen und den groben Steinen: Die Ehre und der Ruhm sind nicht verkörpert im Lorbeerkranz des Dichters, dem Kranz, den die Muse verleiht, sondern wie die Palmen des Siegs auf dem Grabstein, die wiederum ins göttliche Geheimnis weisen.

Dem apollinischen Auge aus der teilnahmslosen Höhe oder grenzenlosen Tiefe des reinen Azurs mögen die kleinen Leute, die ihrem Schuster das letzte Geleit geben, der Erdkrumen zu viele an den von ihm gefertigten Schuhen mit sich schleppen: „Du solltest darob nicht lachen, mein Mallarmé“, erhebt Jammes nun seine bis zur Ungehaltenheit, ja Anklage sich steigernde Stimme: „Was hast du Gutes denn erzeugt?“ Ihm, Mallarmé, fehle, heißt es weiter, die Süße des grünen Leuchtens, das dem kleinen Schuster ins angelehnte Fenster fließt. Er male bloß Ornamente, rätselhaften Zierrat auf die fahle Pergamenthaut des Nichts, der dem seltsam überfeinerten Geschmack der soignierten Damen in jenen Pariser Salons schmeicheln mag, die den Achatglanz ihrer verführerischen Augen hinter ebenso zierlich bemalten Fächern halb hervorglimmen lassen, halb verschatten. O ja, die gebildeten Damen, denn gebildet sind sie über die Maßen, daß sie, anders als der dumme, einfältige Schuster, die leisesten Anspielungen und mythopoetischen Zaubertricks der Mallarméschen Dichtkunst wie die schwebenden Harmonien des Wagnerschen Tristanakkords, die fast verschwimmenden Duftnoten ihrer Parfums oder die schillernden Nuancen ihrer seidenen Wäsche wie geträumte Muster auf Schmetterlingsflügeln zu distinguieren vermögen.

Gewiß, in der Welt der kleinen Leuten und der Armen hat es diese Fächer, diesen Zierrat, diese entrückenden Düfte nicht; hier auch werden andere Lieder angestimmt, doch keine beschwingten einer rustikalen Folklore, sondern solche grünen Schimmers, die wie vom betauten Moos des nächtlichen Quells aus dem Leiden der Kreatur herauftönen.

Der parfümierte Geschmack des Symbolismus rümpft die Nase vor dem Geruch der Erde, des nach dem Regen feuchten Heus, dem Stallgeruch und beißenden Dunst aus den schweren Leibern der Kühe, er hält sich die Ohren zu vor dem Brüllen der kalbenden Kuh, den scharfen Klängen der Sense oder beim harschen Splittern des gefällten Holzes, die durch Francis Jammes Eingang in die Verse der höheren Dichtkunst erlangen.

Alles drängt in der kreatürlichen Welt des Blühens und Wachsens, des Furchens und Säens, des Werkelns und Bauens zur Reife, zur Frucht, zur Ernte, auf daß dem dürftigen Leben die kurze Rast des Feierabends oder des Singens am Herdfeuer gespart und gegönnt sei.

Anders die unfruchtbare, sterile Zone des symbolistischen Traums, dessen Figuren blendend weiße Knospen vor der schweigenden Bläue des Himmels sind und denen zu vollen Früchten sich zu runden und auszureifen, geschweige denn auf den herben Lippen eines Bauernmädchen ihren roten und blauen Saft zu verschwenden verwehrt ist.

Und die lesenden, malenden, Tagebuch auf kostbares Japanpapier schreibenden Damen, denen die Fächer Mallarmés den lüstern verzagten Schwung der Lippen und die Schatten um die von Sternlicht entzündeten Augen diskret, aber ohne Scham verhüllen – sie sind wie duftlose Knospen, denen jene Früchte, die schwer in den Herbst des Lebens fallen, nicht reifen. Sie aber hetzen von Lesung zu Lesung, von Vernissage zu Vernissage, hecheln von Höhepunkt zu Höhepunkt – und bleiben im Herzen frigide. Anders als der ungebildete, stumme Schuster verplaudern sie, ihre Lesefrüchte träumerisch zerkauend, die Luft des eigenen Schicksals, sodaß sie ohne Bindung und Bezug zu den elementaren Mächten des Daseins den zierlich bemalten Fächer aus Langeweile oder Neugier auf gewagtere Travestien und neumodische Maskeraden alsbald fahren lassen.

Der Arme findet nicht den an Ekstase und Schwindel grenzenden wollüstigen Trost der Selbstvergessenheit im Anblick der sich spreizenden, sich bauschenden, unter blaue Schatten sich duckenden symbolistischen Tiere wie des Pfaus, des Schwans, des edlen Wilds. Ihn sänftigen das runde Auge der Kuh und das dunkle Gurren der Taube. Im Frühling aber die Vögel, Schwalben vielleicht, vielleicht aber auch Engel, die an seinem Fenster vorbeistreifen; und sie schauen nicht nach dem Goldglanz jenes Stirnreifs, mit dem sich der königliche oder hochpriesterliche Sinn eines Mallarmé selber krönt, sondern eher auf das alte Messer, mit dem der kleine Schuster das harte Schwarzbrot schneidet.

„Was hast du Gutes denn vollbracht?“, eine provokante Frage, die Jammes an den Meister richtet, der seine reine Dichtung von jedem religiösen und moralischen Wert emanzipiert zu haben glaubte. Freilich, wenn einzig das leere Spiel der nur aufeinander anspielenden Zeichen zählt, erübrigt sich die Frage nach dem Guten, Echten, Lebenerweckenden. Was bleibt, sind Ornamente, bemalte Fächer, Kalligraphien der Leere – die Perfektion der Form ohne transzendenten Gehalt.

Francis Jammes aber öffnet die Form für dein Zustrom neuer dichterischer Gehalte, die sie als Medium des Gesprächs restaurieren. Gespräch mit sich selbst, Gespräch mit dem Leser. Worüber? Das Leben, seine Traurigkeit und Süße, seine Armut und Größe, seine Verlorenheit und Heiligkeit. Doch all das – und dies ist die poetologische Pointe – nicht bei einer Verwerfung, sondern durch Mitnahme, Rettung, subtile Anordnung der von der symbolistischen Dichtung eroberten Ausdrucksmittel: So ergießt sich ein weiches Fluidum, ein milder Glanz, ein grünes Leuchten über das sorgsam ausgeführte Gebilde, doch nicht um ihm eine selbstherrliche Aureole zu verleihen, sondern um es gleichsam auf eine reine, offene Hand zu heben, zu legen, die sich gütig hinabreicht.

 

Jun 4 19

Der Weg der Zeichen

Kalligraphie der Leere

Wenn ich dich mit einer Zeigegeste auf ein Ereignis der von uns visuell geteilten Umwelt aufmerksam mache, sage ich beispielsweise: „Sieh mal, da geht unser Freund Peter!“ Ich gehe natürlicherweise davon aus, daß du mich verstanden und den Aspekt der Umwelt in dem Sinne wahrgenommen hast, den ich mit meiner Zeigegeste und meiner Äußerung gemeint habe, wenn du prompt antwortest: „Ach richtig, er ist heute früh dran.“

Wir zeigen jemandem etwas oder wir weisen jemanden mittels einer Äußerung auf etwas hin. Die natürliche Deixis oder die deiktische Struktur unserer Hinweise, können wir sagen, ist triadisch: Wir stehen am Eckpunkt des Zeigens, das Bezeichnete liegt an einem der anderen Eckpunkte, und am dritten befindet sich derjenige, dem unser Hinweis gilt.

Wenn die Person, deren Aufmerksamkeit ich mittels der Zeigegeste und der Äußerung auf das Bezeichnete gelenkt habe, meinen Hinweis bestätigt (oder auch nicht bestätigt), nimmt sie virtuell meinen Standort ein, indem sie mich ihrerseits darauf hinweist, daß mein Hinweis bei ihr angekommen ist (oder auch nicht angekommen ist). Die Standorte des Zeigens und Bezeichnens sind symmetrisch und äquivalent.

Du gibst mir die Todesanzeige eines alten Freundes, der mir im Rahmen deiner Geselligkeit nicht unbekannt geblieben war; es ist augenscheinlich, was du mir damit sagen willst, auch wenn deine Geste wortlos war. Aufgrund deiner hinweisenden Geste ist meine Aufmerksamkeit von dem, worum es ihr geht, absorbiert. Ich habe verstanden, mit welcher Absicht du mir die Anzeige gereicht hast, nämlich mich nicht nur vom Tod des Freundes in Kenntnis zu setzen, sondern deine Betroffenheit und Trauer kundzutun oder mich zu bestimmen, an deiner traurigen Gestimmtheit Anteil zu nehmen. Um deine Geste als Geste, deinen Hinweis als Hinweis zu verstehen, muß ich sie als wissentliche Geste und als absichtsvollen Hinweis erkennen.

Wir lenken die Aufmerksamkeit des Hörers mittels Gesten und Worten auf das, was wir ihm zeigen, worauf wir ihn hinweisen möchten. Wir nehmen im Verlauf der Bezeichnung oder Zeige- und Zeichenhandlung nicht nur selbst wahr, was wir bezeichnen, sondern schicken gleichsam die Wahrnehmung des anderen auf den Weg der Zeichen.

Die Grammatik unserer Sprache erlaubt uns, diesen komplexen Vorgang durch die Verwendung von direktem und indirektem Objekt der Aussage zu bewerkstelligen. So sagen wir etwa:

1. Du gibst mir die Milch.
2. Du gibst mir die Todesanzeige.

Trotz der Gleichsinnigkeit der grammatischen Form beider Sätze drücken sie ganz Verschiedenes aus. Der Satz, wonach du mir die Milch gibst, setzt voraus, daß ich dich beispielsweise darum gebeten habe, sie mir über den Tisch zu reichen. Und ich werde das Gefäß mit der Milch, das du mir reichst, entgegennehmen, ohne groß darauf zu achten, ich ergreife es mit einer routinierten oder habituell gewordenen Geste. Dagegen sagt der zweite Satz etwas anderes, nämlich, daß du mit deiner Geste meine Aufmerksamkeit auf die dargereichte Todesanzeige und ihre Bedeutung für dein Dasein allererst hinlenken willst.

Wir würden nicht sagen, daß du mich bei der Darreichung des Gefäßes dazu veranlassen möchtest, dieses Ding eigens ins Auge zu fassen, oder mich dazu bestimmen willst, es eigens wahrzunehmen. Anders freilich mit der Todesanzeige: Sie willst du mich eigens wahrnehmen und meiner hellen Aufmerksamkeit zuführen lassen.

Es war nicht deine Absicht, als du mir die Milch gereicht hast, mit mir ein Gespräch über ihre Herkunft oder besondere Qualität anzuknüpfen; gewiß aber wiederstrebt es dir nicht, wenn ich die Tatsache, daß du mich mit der Todesanzeige auf das Ableben des Freundes aufmerksam gemacht hast, zum Anlaß nehme, mich nach dem Verstorbenen und deinem persönlichen Verhältnis zu ihm zu erkunden.

Die Grammatiker sprechen vom näheren und entfernteren Objekt oder Satzgegenstand, wobei die grammatische Nähe durch den Gebrauch des Akkusativs, die grammatische Ferne durch den Gebrauch des Dativs ausgedrückt wird.

Es ist für das Verständnis der grammatischen Funktionen wesentlich, daß wir uns durch die auf antiken Sprachgebrauch und letztlich die Ontologie des Gegenstands der griechischen Metaphysik zurückgehenden Bezeichnungen für das nähere und fernere Objekt nicht irreleiten lassen, als handele es sich bei diesen Bezeichnungen um Angaben eines vermeßbaren Abstands zwischen dem Wahrnehmenden oder dem Sprecher und den von ihm ins Auge gefaßten oder seine Sensorik stimulierenden Gegenständen: Vielmehr sind Ferne und Nähe hier als Sinnbezüge zu verstehen.

Das ontologische Mißverständnis der Sprache und ihrer grammatischen Funktionen und Strukturen hat dazu geführt, die Zeichenhandlung nach dem Reiz-Reaktions-Schema oder dem Muster von Stimulus und Response zu deuten: Als wäre, was ich sage, eine Antwort ähnlich dem Bild oder der Vorstellung, die eine unmittelbare Wahrnehmung oder die Wahrnehmung eines direkten Objekts in meinem nahen Umfeld in mir hervorruft. Oder als wäre, was ich dir sage, eine Art Stimulus, den du wenn es mit rechten Dingen zugeht mit der ihn repräsentierenden klaren und deutlichen Vorstellung der Sache, auf die ich ziele, begleitest und beantwortest.

Der Weg der Zeichen verläuft nicht über die klaren Bahnen der Sensorik, sondern die labyrinthischen Wege der Grammatik, die nicht die Grammatik der Ontologie des Gegenstandes darstellt. Ich könnte dich auch auf den abwesenden Freund Peter aufmerksam machen, indem ich seinen Namen erwähne, und die reale Entfernung zum realen Gegenstand namens Peter verschwände vor der Nähe des Sinns, der dir vielleicht mit seinem Namen aufginge und gegenwärtig würde.

Mittels der Zeigegeste wecken wir wohl die Aufmerksamkeit eines anderen auf den Weltausschnitt, den wir ihm zu zeigen beabsichtigen; doch er muß schon vorab verstanden haben, daß sich in diesem Weltausschnitt oder diesem Ereignishorizont etwas unter einem bestimmten Aspekt zeigt. So wenn ich auf Peter zeige, die Person gleichen Namens, wenn auf das Gefäß mit Milch, eben ein solches Gebrauchsding. Du wirst durch meine Zeige- und Zeichenhandlung darauf verwiesen, daß es sich bei dem Gemeinten nicht um ein Körperding oder ein Exemplar der Gattung homo sapiens oder eine Exemplifikation des Begriffs mit dem Umfang „animal rationale“ handelt, sondern um keinen anderen als Peter; und bei dem Ding, das du mir auf mein Geheiß hin reichst, nicht um einen materiellen Gegenstand mit spezifischen Eigenschaften, sondern um nichts anderes als eben dieses Gebrauchsding „Milchgefäß“.

Ich kann nur auf etwas zeigen, was sich (dir unter einem bestimmten Aspekt) schon gezeigt hat, nur von etwas sprechen, was (dir unter einem bestimmten Aspekt) schon zur Sprache gekommen ist.

Jemandem etwas mitteilen hat eine semantische Ähnlichkeit mit dem Vorgang, jemandem ein Geschenk zu machen. Gewiß erregst du die Aufmerksamkeit der Dame, der du den prächtigen Blumenstrauß überreichst; aber das Ansinnen oder der Sinn dieser Gabe oder Mitteilung ist nicht, die Freundin mit dem schönen Gegenstand bekannt zu machen, sondern sie in ihm dein Geschenk sehen zu lassen.

Jemanden etwas sehen, wahrnehmen, verstehen zu lassen ist ein ausgezeichneter Modus der Zeichenhandlung, bei dem der sensorische Part der Weckung der Aufmerksamkeit einen integralen Bestandteil der semantischen Funktion der Mitteilung darstellt.

Wir können dies anhand solcher Fälle erläutern und verdeutlichen, bei denen die Zeichenhandlung scheitert und gleichsam auf den sensorischen Bahnen der Aufmerksamkeit, die wir mit ihr wecken, steckenbleibt. Wenn du mir die Todesanzeige deines Freundes zeigst und ich meine Bewunderung oder mein Mißfallen über ihre ästhetische Gestaltung und Aufmachung äußere, hat die Zeichenhandlung aufgrund meiner mangelnden Achtsamkeit das gewünschte Ziel verfehlt, mich an deiner Betroffenheit und Trauer Anteil nehmen zu lassen. Insgleichen, wenn ich deiner Einladung gefolgt und dir auf den Pfaden deiner Kindheit in deinem Heimatort gefolgt bin; du zeigst mir das Elternhaus, den alten Garten, die Aussicht von der Anhöhe über die Weinberge und den Fluß. Wenn ich mich nun wie ein Tourist aufführe, ständig die Kamera zücke und mich lobend über die gelungenen Motive äußere, wirst du enttäuscht sein. Hier scheiterte die Zeichenhandlung an meiner Begriffsstutzigkeit und Engherzigkeit, die mich den Sinn des Gesehenen auf die Größe von Postkartenmotiven haben verkleinern lassen.

Unsere Sinne, vor allem Gesicht und Gehör, aber auch Geruch, Geschmack und Getast, sind gleichsam eingetaucht in die unbestimmte Fülle der in der Welt oder als Welt ausgebreiteten Zeichen; es ist daher ein Irrweg, gern von den eifrigen Verfechtern der Naturalisierung des Geistes und der Sprache betreten, nämlich im sterilen Labormantel vor den Zeichen zurücktreten und gleichsam mit dem Vergrößerungsglas des Feldforschers ihre unbefleckte Empfängnis im Schoß der Sinne oder ihre Taufe im Bad der Sinnlichkeit erblicken zu wollen. Denn die Wege der Zeichen, sind, kurz gesagt, nicht Nervenbahnen, sondern durchqueren das ganze Feld unseres Aufenthalts hinnieden, das sie vom Zentrum unserer Absichten und Wünsche, unserer physiognomischen und leiblichen Regungen bis zur Grenze des nicht mehr Zeig- und Sagbaren verweben und vernetzen.

Der Dichter am Fenster sieht die Zeichen wie Wolken vor dem unendlichen Blau und Grau des Himmels dahinziehen, das im Rhythmus des Lichtes atmet und pulsiert. Oder sollen wir eher sagen, er sieht, wie sich die Zeichen zu Wolken und Dunst, Regen und Gewitter kondensieren, verdichten und wieder auflösen?

In der Dichtung (dieser Art) ist der Weg der Zeichen rhythmisch und zyklisch, wie die Zeiten des Tages und die Zeiten des Jahrs ihren in sich wiederkehrenden Rhythmus haben; so nimmt es nicht wunder, wenn die Dichtung der wolkenhaften Zeichen oder zeichenhaften Wolken wieder zum Reim, der Resonanz des immer gleichen, immer wechselnden Sinnes, zurückkehrt.

Die Zeichenhandlung gerät dem Dichter zum reinen Spiegel der Zeichengabe durch den Himmel, das Wetter, das Licht, das an der schwellenden Frucht herabtropft, mit den Schatten der Blätter spielt, sich im Glimmen der Kristalle und Flocken vergißt.

Die Wolken steigen aus dem grenzenlosen blaugrauen Grund des Himmels hervor, die Zeichen aus dem leeren Abgrund des Seins, der wie das weiße Blatt gleichsam von einer unsichtbaren rechten Hand mit rätselhaften Chiffren beschrieben wird, die eine unsichtbare linke Hand hernach wieder verwischt. Es ist, mit dem dunklen Denker zu reden, gleich einem liebenden Streit, ein Streit wohl, aber um nichts.

Dumme Gläubige der Rationalität halten dies freilich für einen Skandal, daß es bei alledem um nichts gehen solle, nichts, was sich rechtens begründen oder erklären und für gut befinden läßt, für ein Ärgernis, daß sich die Wege der Zeichen im Grenzenlosen verlieren und kein gerechter apokalyptischer Sturmwind das allegorische Einerlei der Wolken für immer zerstiebt, für eine Torheit, daß sich die Herde der ziehenden und herumtollenden Zeichen nicht in einen Pferch zu nützlicher Schur und alle menschliche Sehnsucht stillender humanitärer Milchwirtschaft und alle krakeelenden Mäuler stopfender Schlachtung einsperren läßt.

Doch da ist keine Sonne der Wahrheit, die da stille stünde, bis die Rache vollendet wäre, es kommt ja wieder die Nacht und mit der Nacht das alte Grauen und darüber das schrecklich-schöne Entzücken des kalt blitzenden Sterns.

Hölderlin hat die Gedichte aus der Betrachtung am Fenster gleichsam freihändig geschrieben oder improvisiert; es gibt zu ihnen keine Konzepte, langwierig bearbeiteten Entwürfe und Skizzen (wie noch aus der heroischen Zeit der großen Hymnen). Es sind Niederschläge einer Art spontaner, aber hochkonzentrierte Kalligraphie, wie wir sie auch von chinesischen und japanischen Meistern der Tuschzeichnung und schön geschriebenen Poesie kennen. Ihre vollkommene Form und rhythmisch wohlgestimmte dichterische Gestalt macht die vollkommene Harmonie der Welt transparent, von der sie handeln.

Doch um welche Welt geht es? Etwa die einer hintersinnigen Bukolik, eines metaphysischen Idylls, einer Utopie des Friedens und der endlich mit sich ins Reine gekommenen Menschheit? Keineswegs, wie uns dünkt. Es ist eine vollkommen surreale Welt der Zeichen, es sind auf der blaugrauen Folie der Leere seltsam schwerelos gestrichelte, getupfte und sanft gefurchte Wege der sich im reinen Unbestimmten oder im grundlosen Geheimnis sich findenden, sich verlierenden, sich wiederfindenden Zeichen.

Welche Leere? Nun, vielleicht jene, die wir nicht im Zustand der Bedrängnis vor dem Alb der wimmelnd entwurzelten Massen oder dem Gespenst der eigenen Vergangenheit und Zukunft, sondern im Zwielicht der in ihre eigenen blauen Tiefe tauchenden Angst erfahren; vielleicht jene, die wir als Gestimmtheit nicht der in der Zerstreuung oder Übersättigung sich härmenden Langeweile, sondern des aus der heiteren Fülle der eigenen Geringfügigkeit und Verlorenheit quellenden Gleichmuts oder als glücklichen Ennui erleben.

 

Jun 3 19

Der Trank des Lieds

„Der Weg war lang, hier ist gut weilen.“
Schenken wir ihm das Gras, dem Waller,
daß unterm müden Haupt ihm ein Kissen
schwelle von würzigem Kraut
und seinem kurzen Schlummer erblühe
der sanfte Schatten des Traums.

Dir aber harre auf dem erklommenen Hügel
die eichene Bank, von Efeu umschauert,
und auf den silbernen Schimmer die Aussicht,
wo der Strom im Röhrichte gluckst,
in der Tiefe verweht mit Glocken die Zeit
und fernhin die Wolken duftlose Knospen
in blaue Versonnenheit streuen.

Dem aber die Kehle zuschnürt
der Liebe banges Erinnern
wollen den zierlichen Becher wir reichen
aus Silber, schon dunkel geworden,
mit künstlich getriebenem Blatt
des Akanthus oder der Lilie,
schäumend vom rein gequollenen Trank
eines Lieds, das nach Moos und Erde duftet,
und ihm ein inniges Seufzen entlockt.

 

Jun 2 19

Sanfte Schatten

Sanfte Schatten fließen
über den glänzenden Schnee.
Der Schnee aber stäubt,
vom Mondlicht geweckt,
auf schmalem Steg,
der ins Zwielicht führt,
wo in Röhren aus grünem Glas
mit schiefem Mund
der Waldgeist bläst.

Die gut lesbar schien im Schnee
für die langen Blicke der Eule,
die Schrift zarter Pfoten,
die wunderlich deutbar waren
dem schlaflosen Sinnen des Wallers,
die Chiffren gefallener Tropfen,
sie leckt der Frühwind auf
mit wulstigen Lippen des Hohns.

Feucht strotzt die Krume des Tags
und nackt das Gleißen des Wurms
unterm tröpfelnden Blattwerk,
ausgewrungen vom Licht.
Die Gräser zittern, die Farne,
als sei mit Knospen des Schnees
der Traum der Erde getaut.

 

Jun 1 19

Abseits

Immer geht es,
immer kehrt es zurück,
als ob Atem noch Heimat wär,
rieselnd vom goldenen Blatte des Abends,
schmelzend ein Tau,
blauend über Höhen Gewölk,
dunkelnd in Gräsern,
mit Tropfen zögernd
wie auf Kusses Lippen
am zitternden Halm,
es schüttet mit Flocken
aus Dickichts Dämmer
der Liebe Gedanken
Blüten hernieder,
es wandelt des Menschen
sanfterer Schatten
über die wirren Pfade des Felds,
abseits auf Karsten,
abseits auf Brachen,
bis zum jähen Abgrund des Rauschens,
und was er sang
auf Hoffens Stegen,
und was er lallte
auf düsteren Leyen,
alles, was ihm versank
im Schauer der Wetter,
er hörtʼs in der Nacht,
dem grünen Teppich des Wassers,
mit Blütenblicken bestickt,
hört es im Schneelicht des Traums,
von schwarzen Marterln gesäumt,
hört es quellen
aus dem Mund der Erde,
geläutert, inniger
himmelan singen
zur fahlen Hostie Mond.

 

Mai 31 19

Francis Jammes, Le soleil faisait luire l’eau

Le soleil faisait luire l’eau du puits dans le verre.
Les pierres de la ferme étaient cassées et vieilles,
et les montagnes bleues avaient des lignes douces
comme l’humidité qui luisait dans la mousse.
La rivière était noire et les racines d’arbres
étaient noires et tordues sur les bords qu’elle râpe.
On fauchait au soleil où les herbes bougeaient,
et le chien, timide et pauvre, par devoir aboyait.
La vie existait. Un paysan disait de gros mots
à une mendiante volant des haricots.
Les morceaux de forêt étaient des pierres noires.
Il sortait des jardins l’odeur tiède des poires.
La terre était pareille aux faucheuses de foin.
La cloche de l’église toussait au loin.
Et le ciel était bleu et blanc, et, dans la paille,
on entendait se taire le vol lourd des cailles.

 

Die Sonne ließ das Brunnenwasser im Glase blitzen.
Die Steine des Gehöfts waren brüchig und zerschlissen,
die Ränder der blauen Berge verliefen weich
der Feuchte, die in Moosen schimmert, gleich.
Der Fluß war dunkel, dunkel, was den Strünken entragt,
Wurzeln, über die Ufer gekrümmt, die er zernagt.
Man mähte in der Sonne, wo sich die Gräser wellen,
und der Hund, scheu und mager, hatte zu bellen.
Das Leben war da. Ein Bauer machte grobe Laute
gegen ein Bettelweib, das Bohnen klaute.
Die Stümpfe aus dem Wald waren dunkler Bruch.
Aus Gärten drang von Birnen warm ein Wohlgeruch.
Die Erde glich den Frauen, die mähen mußten.
In der Ferne hörte man Kirchenglocken husten.
Der Himmel war blau und blank, im Stroh vernahm
man, der Wachteln dumpfes Flattern wurde lahm.

 

Mai 30 19

Friedrich Hölderlin, Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag’ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

 

Le soleil brille, le paysage est en fleur,
les jours arrivent florissants avec douceur,
le soir en plus fleurit et des jours clairs baissent
du haut du ciel, d’où les jours renaissent.

L’année se présente avec ses saisons
comme une splendeur, des fêtes en processions,
l’acte humain est l’aube des nouvels spectacles,
tels sont du monde les signes, beaucoup de miracles.

 

 

Mai 30 19

Friedrich Hölderlin, Der Mensch

Wer Gutes ehrt, er macht sich keinen Schaden,
Er hält sich hoch, er lebt den Menschen nicht vergebens,
Er kennt den Wert, den Nutzen solchen Lebens,
Er traut dem Bessern sich, er geht auf Segenspfaden.

 

Qui honnore le bon, ne fait pas de l‘ombre à son cœur,
il s’en tient à la hauteur, entre les hommes il ne vive pas en vain,
il connaît la valeur, le benefice pour les siens,
il se confie au meilleur et suit les traces de bonheur.

 

Mai 29 19

Friedrich Hölderlin, Was ist Gott?

Was ist Gott? unbekannt, dennoch
Voll Eigenschaften ist das Angesicht
Des Himmels von ihm. Die Blitze nemlich
Der Zorn sind eines Gottes. Je mehr ist eins
Unsichtbar, schicket es sich in Fremdes. Aber der Donner
Der Ruhm ist Gottes. Die Liebe zur Unsterblichkeit
Das Eigentum auch, wie das unsere,
Ist eines Gottes.

 

Qu’est-ce que Dieu? Inconnu, pourtant
plein de traits le visage du ciel
est de sa part. Les foudres en effet
l’ire sont d‘un Dieu. Plus quelqu’un
est invisible, plus il se destine à l’étranger. Mais le tonnerre
la gloire est de Dieu. L’amour de l’immortalité
la propriété de même que la nôtre
est d’un Dieu.

 

Mai 29 19

Friedrich Hölderlin, An Zimmern

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

 

Les traces de vie ont des divers aspects
comme des chemins et les contours des monts.
Nous, des fragments ici, là-bas un Dieu fait ronds
avec des harmonies, le salut éternel, la paix.

 

Mai 28 19

Friedrich Hölderlin, Was ist der Menschen Leben

Was ist der Menschen Leben … ein Bild der Gottheit.
Wie unter dem Himmel wandeln die Irdischen alle, sehen
Sie diesen. Lesend aber gleichsam, wie
In einer Schrift, die Unendlichkeit nachahmen und den Reichtum
Menschen. Ist der einfältige Himmel
Denn reich? Wie Blüthen sind ja
Silberne Wolken. Es regnet aber von daher
Der Thau und das Feuchte. Wenn aber
Das Blau ist ausgelöschet, das Einfältige, scheint
Das Matte, das dem Marmelstein gleichet, wie Erz,
Anzeige des Reichtums.

 

C’est quoi alors, la vie des hommes … une image de la divinité.
Comme sous le ciel tous les terriens cheminent, en le
voyant. Mais pour ainsi dire lisant comme
une écriture ils miment l’infinitude et la richesse,
les hommes. Est-ce que donc le ciel béat
est riche? Puisque pareils aux fleurs sont ils,
les nuages argentins. Mais il pleut de par là
de la rosée et de l’humide. Or quand
le bleu est effacé, le béat, transparaît
l’opale qui ressemble à la pierre de marbre comme lʼairain,
le signe de la richesse.

 

Mai 27 19

Friedrich Hölderlin, Das Angenehme dieser Welt

Das Angenehme dieser Welt hab’ ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne,
Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!

 

Les bonnes choses du monde, j’ai les goûté,
Les heures de la jeunesse hélas! ils sont passé,
Avril et mai et le juillet, ils sont lointains,
La vie est dite, je n’en ai plus besoin!

 

Mai 27 19

Friedrich Hölderlin, Auf den Tod eines Kindes

Die Schönheit ist den Kindern eigen,
Ist Gottes Ebenbild vielleicht,
Ihr Eigentum ist Ruh und Schweigen,
Das Engeln auch zum Lob gereicht.

 

À l’occasion de la mort d’un enfant

La beauté est le propre de l’enfance,
c’est peut-être l’image de Dieu,
son don naturel, le calme, le silence,
fait aussi des anges l’éloge radieux.

 

Mai 26 19

Der See

Der Himmel legte ein Blatt auf die Erde,
es hat in der Luft getanzt und geflirrt,
nun ist es still, ist still und schimmert
im Licht, das dem grünen Auge
des Morgens staunend entquillt.

Es ist ein See, und sein Wasser lächelt
über der dunklen Tiefe der Angst,
es ist ein See, und sein Wasser tönt,
geweckt von Strahlen, leise herauf.
Möwen zerschneiden das leise Lied
mit scharfen Schatten, Schreien.
Die Wimpern des Ufers, die Binsen
und Gräser, erzittern vor Anmut.

Ein Boot hißt seine kleine weiße Flagge
und hüpft, ein dünner Wasserläufer,
von Welle zu Welle, weiß nicht, wohin,
weiß nur den Wind, den grauen Atem,
der ihm wie das Echo des Kuckucks
Ferne gaukelt und Nähe der Heimat.

Und Mittag schläft, Perlmutt einer Muschel,
in Träumen schillernd, unter Kissen,
blau und gelb geblümten, der Berge,
von denen kalte Rinnsale schäumen,
und auf den Matten, verloren im Blau,
dann und wann Glockengeläut.

An den Uferpfaden huschen Schatten,
den roten Ball eines Kinds verschluckt
der bärtige Mund eines Quells,
kaum erhebt sich ächzend der Greis
und stochernd in Lattich und Hahnenfuß
geht er nach Hause, ist die Bank, wo er saß,
schon überwachsen von Efeu und Schöllkraut.

Ausgegossen seinen goldenen Wein
über die glatte Haut des Wassers
hat der Abend, das Zyklopenauge
des Mondes stiert über den See,
nur ein Wasserhuhn ist noch rege
und schilpt und weiß nicht wonach.

 

Mai 26 19

Friedrich Hölderlin, Aussicht – Vue

Aussicht

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.
Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

 

Vue

Le jour ouvert pour l’homme est clair d’images
quand paraît au loin de plaine la verdure franche,
avant que la lumière du soir au crépuscule se penche
et des lueurs calment doucement du jour le bruitage.
Souvent l’intériorité du monde semble nuageuse, close,
l’esprit de l’homme bondé de doutes, morose,
la nature magnifique lui fait sereines les journées
et loin s’arrête du doute la question foncée.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=f3STn34R4_k&list=OLAK5uy_llc8w4asYIJr0zxkb7_QqPi7jfvh3lpII&index=5

 

Mai 25 19

Gustave Roud, Halte en juin

Auszug

Au réveil c’est juin parmi les hommes et les fleurs non du jardin fabuleux,
mais celles de toujours contre vos mains comme une caresse : la sauge,
le sainfoin rose sans parfum, et cette graminée pareille à une grappe de
petits cœurs suspendus qui tremblent. Ce bruit monotone et bref qui fait
penser à une blessure, à un soupir, et tranche votre sommeil avec l’herbe
dans une odeur de sève, c’est celui de la faux, hélas ! L’homme est tout
proche, le soleil à l’épaule, tête nue, et balance à chaque pas deux forts
bras fauves plus purs que le matin. Il ne dit rien, il siffle de temps en
temps un petit air. Il y a, collés au cuir de ses souliers rougi par la rosée,
des pétales de fleurs mortes.

 

Beim Erwachen ist es Juni unter den Menschen und den Blumen, Gewächsen
nicht aus dem Garten der Fabel, sondern alltäglichen, die deine Hände wie mit zarten Gesten streifen: der Salbei, die rosige und duftlose Esparsette und das Futtergras, Trauben ähnlich mit kleinen schwebenden Herzen, die zittern. Dies eintönige und kurze Geräusch, bei dem man an eine Verletzung denkt, einen Seufzer, und das mit dem Gras durch deinen Schlaf schneidet, der Saft duftet, ach, es ist das einer Sichel! Der Mann ist ganz nah, die Sonne über der Schulter, mit bloßem Haupt, und er schwingt bei jedem Schritt zwei starke braune Arme, heller als der Morgen. Er sagt kein Wort, von Zeit zu Zeit pfeift er ein kleines Lied. Ihm kleben am Leder seiner Schuhe, das rötlich schimmert von Tau, Blütenblätter welker Blumen.

 

Mai 24 19

Sätze über Kunst und Dichtung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Dem Andenken an Martin Heidegger

Ästhetik ist die Verschleierung des Kunstwerks.

Die Wahrheit der Kunst verstummt vor dem Geschwätz des Kunstbetriebs.

Die Inspiration, die blieb: der Exhibitionismus der Ausstellung.

Der Verkaufswert verdunkelt den Kunstwert.

Das Kunstwerk ist ein Ort des Gesprächs zwischen Erde und Himmel.

Das Verschwiegene ist das Wesen des Gesprächs.

Die von der ennervierten Hand gefurchten Linien: Spuren des Ungesagten.

Die Linie, die Furche, der Pfad: Öffnungen für das Licht, das ins Dunkel der Erde versickert.

Skulpturen im Museum: geblendete Augen.

Die Plastik sieht nur im Freien: mit dem ganzen Körper, der ganzen Haut des Steins, des Marmors, der Bronze, die Licht trinkt und Schatten.

Licht, in dem das Wasser zittert, Schatten, vom Beben der Büsche, vom Gezwitscher der Vögel erregt.

Die von der Leidenschaft des Mäzens genährte Kunst bleibt schlank und athletisch, die von den Gesinnungswächtern des Staats gefütterte degeneriert zum fetten krakeelenden Schmarotzer.

Händler: Zuhälter, Künstler: Huren, das Publikum: der für den ästhetischen Kitzel zahlende Voyeur.

Einer sieht einen wuchtigen Steinbrocken mit seltsamen Buchten, Falten und Verwerfungen, mit runenhaften Mustern, mit einem schimmernden Belag von Moos und Flechten; so räumt er das Umfeld um den Stein frei, er rodet eine Sichtschneise, er gibt dem Ding einen Ort. Das Ding wird zum Kunstding, auch wenn es die urtümliche Manifestation der Natur ist. Doch der primitive Künstler umfriedet die Natur mit dem Entwurf einer Landschaft, er birgt die Natur im Garten der Kunst.

Die Natur oder die stumme Erde kommt im Kunstwerk zur Sprache – doch der Ursprung zeigt sich an ihm bleibend: an den Rändern, den Leerstellen, den Ausbuchtungen, die erfüllt sind von Schatten, von Schweigen.

Wie kann der Stein sprechen? Nicht unähnlich dem Vorgang, wenn er sich spaltet und Quellwasser hervortritt.

Das ungeheure Geschehen, in das wir eingelassen sind, der Widerstreit von Licht und Dunkelheit, Zeugen und Vernichten, Sagen und Versagen, im Kunstding ist es vor uns verdichtet, blickt es uns an.

Im Perlmutt der aufgebrochenen Muschel spielt der Himmel, singt das Licht.

Das Kunstwerk stellt keine Fragen, gibt keine Antworten, es ist nur da, wie ein rätselhaftes Zeichen, das auf das Dasein einer unbekannten alten Sprache verweist.

Der Mäzen, der Freund des Künstlers, erwirbt den Skulpturengarten und gewährt nur den gemeinsamen Freunden, den Erwählten, den Zugang: zum Fest und zur Schau – nicht der gemeinen Neugier der Menge.

Erst wenn der demo-totalitäre Gesinnungs- und Erziehungsstaat zerschlagen und die globalistischen Eliten abgelöst worden wären, könnte die Kunst wie ehedem an den Höfen des Alten Reiches in den zerstreuten Domänen einer neuen vornehm-mäzenatischen Herrscherkaste – den Sälen, den Gärten, den Pavillons – ihre Wiedergeburt feiern.

Das Werk kommt aus dem unzugänglichen Grund der Dinge, den wir mit den Dichtern Natur nennen können. Der Künstler lauscht in diesen Grund wie in einen Brunnen: Nicht immer ertönt ihm in der Tiefe ein Rauschen. Doch niemals ersetzt er den Mangel der Wahrheit durch eine Idee oder ein Ideal, das er dem ungefügen Material aufzwängt.

Hohe Kunst ist reines Hervorgehen, wie das Wasser aus dem Stein, die Flamme aus dem Holz, die Stimme aus der Kehle. Sie kennt nicht das Stocken und Stochern der Kritik, nicht die Trübung einer Gesinnung, die nur das Hecheln nach Atem ist, den ihr der Wind des Aufbruchs und des Frühlings vorenthält.

Jener, der den urtümlichen Stein freigelegt und zur Mitte eines sichtbaren Orts, des Ortes oder des Gartens der Kunst, erwählt hat, könnte derselbe Mann sein, der als erster eine Schale mit reinem Quellwasser gefüllt und indem er rhythmisch Laute, Rufe, Schreie ausstieß, den Stein damit begossen haben. So wäre er zum Vates und Priester geworden, zum Dichter.

Sein Blick richtete sich, während das Wasser niedertroff, gen Himmel, den eigentlich Handelnden, da er die Harmonie zwischen Lied und Weihe, Gesang und Geste stiftete, als seine Strahlen das feuchte Schimmern und Glänzen auf der Gesteinsoberfläche zugleich erzeugten und tranken.

Das Glänzen ist eine sublime Manifestation der Großen Natur und eine Offenbarung des Göttlichen, das an der Haut der Skulptur niederrinnt; doch auch ihr Verblassen und Dunkeln unter verhangenem Himmel ist Offenbarung, nämlich des immerwährenden Entzugs des Göttlichen.

Die im freien Raum des Gartens ragende Figur ist die Inkarnation des Gesprächs zwischen Licht und Schatten, ja die Zusammenballung der Wahrheit der Zeiten des Jahrs, der Jahreszeiten der Seele.

Der Winter ist nicht die Verneinung des Sommers, sondern unter Dürre und Schnee die Bewahrung des Keims.

Im Glanz des schweren Steins, der weich oder hart umgrenzt ist, spiegelt sich das leichte Fluidum im grenzenlosen Blau der Luft.

Immer anders glänzt, leuchtet oder verdunkelt sich der Stein, anders im Tau des Morgens, in der Glut des Mittags, im Schatten der Dämmerung, anders bei Regen, Dürre oder Schnee, doch es ist derselbe Stein, dasselbe Glänzen, derselbe Himmel.

Die Figur oder Plastik im Garten der Kunst versammelt und verdichtet die Mannigfaltigkeit der Manifestationen des Himmels an ihrem Ort. Die Zeiten des Jahrs und die Jahreszeiten der Seele spielen dort ineinander und spiegeln sich aneinander.

Das Urbild ist also die Natur, doch nicht als bloß ideales Vorbild oder Gegenstand der Vorstellung, sondern als Geschehen, das von sich aus vor uns stellt, was uns angeht und anspricht, es aber auch zugleich entrückt, sodaß wir es nur mehr schweigend, als eben diese Stille, erfahren.

Das Lied oder das Abendlicht, das im Winter oder der Dämmerung der Seele im purpurn leuchtenden Schnee die Rosen des Frühlings besingt.

An einem transparenten Morgen im Winter sieht man den Stein oder die Figur vom Schnee wie von Wülsten und Polstern einer fast immateriellen Zärtlichkeit bedeckt.

Die Birnen, Quitten, Mirabellen, die wie mythische Gaben des Himmels aus den Schatten der Dämmerung glänzen, geben uns den goldenen Vorschein eines hymnischen Worts.

Abschied von der Ästhetik oder ästhetischen Philosophie: der Kunst einen Ort geben jenseits von Subjekt und Gegenstand, Produktion und Rezeption, Idee und technischer Umsetzung, Entwurf und Verwirklichung, Schaustellung und Publikum, Handel und Ausstellung.

Wenn es keinen Wesens- oder Allgemeinbegriff von Kunst gibt, folgt daraus genausowenig, daß Kunst schlicht das sei, was wir dafür halten oder als solche etikettieren und deklarieren, wie aus dem Fehlen des Wesens- oder Allgemeinbegriffs des Spiels und des Heiligen, daß wir beliebige Verhaltensweisen von Leuten als Spiel deklarieren oder jeden beliebigen Fetisch des Geld- und Geltungsdranges als göttlich bezeichnen sollten.

Das Kunstwerk ist das Aufgehen oder die Lichtung eines Bedeutungsfelds, dessen Intermediär und Dolmetscher der Künstler ist, ohne indes sein Urheber oder Kreator oder selbstherrlicher Autor zu sein.

Der Stein, den er nicht einmal behauen und nach eigenem Gusto verformen wird, war vor dem primitiven Künstler da; er hat sich ihm unter dem Aspekt einer möglichen Sicht- und Sageweise gezeigt. Doch er tritt als Kraftzentrum in das Bedeutungsfeld der Kunst erst, wenn er ihm durch Schaffung und Rodung von Sichtschneisen die Lichtung bereitet, die ihn als solchen Pol oder Nabel der Innigkeit hervorscheinen läßt.

Die Meisterschaft des Künstlers bezieht sich demnach nicht originär und primär auf die meisterhafte Beherrschung der Technik zur Hervorbringung des Kunstwerks, sondern auf den Feinsinn, die Geschicklichkeit und die Sensibilität, die er aufwendet, um ein Ding als Manifestation des Grunds der Natur, um mit Hölderlin zu sprechen, sichtbar zu machen.

Der sakramentale Akt der Besprengung des Steins diente dazu, eine höhere, sublimere, intensivierte Form der Manifestation des Grunds ins Werk zu setzen. Denn im Verlauf dieser Weihehandlung manifestiert sich das Licht als tauiges Glänzen und als schimmerndes Scheinen. Dieses Ins-Werk-Setzen ist reine Darbietung oder Darreichung – Offerte oder Evokation – und bedarf keiner subjektiven Manipulation und Verformung herbeigetragener Materialien.

Nicht der Künstler spricht, sondern mit der Geschicklichkeit der Sichtbarmachung des Verborgenen bringt er das Ding zur Sprache und damit zur Welt der Kunst.

Der schwebende Schleier an Worten, den er mühsam genug gewebt hat, an ihn preßt sich das Antlitz des Erwarteten, des Unerwarteten, und es wird ahnbar, fast kenntlich.

Das Lied, das den Glanz der ursprünglichen Manifestation des Grunds der Natur besingt, ist selbst ein Reflex dieses Glanzes, seines Erscheinens und seines Verblassens.

Mit der Philosophie des Subjekts, des Bewußtseins und der Repräsentation, die das Kunstwerk entweder als Versinnlichung und Konkretion der Ideen eines wie immer begabten, genialen und technisch versierten Künstlers oder als Gegenstand der ästhetischen Betrachtung und des ästhetischen Erlebens genießender oder sich belehrender Art eines wie immer gebildeten Kunstrezipienten zu erfassen glaubte, geben wir auch die mit dieser Auffassung innig verknüpfte humanistische Ideologie preis, insofern sie die Produktion und Rezeption des Kunstwerks an moralisch-gesellige Absichten wie die Aufklärung und pädagogische Belehrung oder die bourgeoise Unterhaltung gefesselt hat.

Indes, wenn wir den Ort der Kunst jenseits des begrifflichen Rahmens von Subjekt und Gegenstand, Werk und Wirkung, Transzendentalismus und Humanismus, Pädagogik und Aufklärung suchen, geraten wir dann nicht auf ein Brachfeld des Trivialen oder in einen Abgrund des Nihilismus?

Leicht könnten wir in die Falle eines solchen Mißverständnisses geraten. Doch sollten wir das Triviale als das von der getriebenen oder triebhaften Sinnstiftung des Menschen entleerte und befreite einfache Ding, das Ding in seiner Einfalt, ansehen und das Nichts als das Nichts des Grunds der Natur, der sich nicht unmittelbar im Dasein der Dinge offenbart, sondern wie im Glänzen des mit Wasser übergossenen Steins an ihnen allererst zeigt und zugleich verbirgt.

Jenseits von Sinnstiftung und Leere, jenseits von Humanismus und Nihilismus findet das dichterische Wort Erfüllung im Hören und Erlauschen dessen, was aus dem Grund der Natur sich ihm zuspricht. Der Dichter ist nicht mehr das bedürftige oder von eigenen Bildern und Phantasmen gequälte oder überfüllte Subjekt, das vom schwanken Boot auf dem unruhigen Meer die Netze seiner Metaphern auswirft, um sich am Fang exotischer Fische und schimmernder Empfindungseindrücke gütlich zu tun. Er steht ruhig und absichtslos am offenen Fenster, der Betrachtung des immer wechselnden, immer gleichbleibenden Lichts hingegeben und hört auf das Gespräch zwischen Erde und Himmel, das seinen Ort nicht in der eigenen Innerlichkeit, sondern in dem hat, was Hölderlin die „Innerheit der Welt“ nennt.

 

Friedrich Hölderlin, Aussicht

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.
Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

 

In seinem Gedicht Aussicht nennt Hölderlin den Tag offen; die Offenbarkeit des Tages kommt aus dem Abgrund des Nichts, doch sie erhellt das Leben der Menschen und zwar mit Bildern, die nicht die Bilder des schöpferischen Subjekts sind, sondern sich wie das Grün der Ebene von sich aus zeigen. Der Tag geht hier vom Morgen zum Abend, doch kann er, der Weltentag, wie in vielen späten Gedichten Hölderlins auch, die Summe der Jahreszeiten sein. Was sich im hellen Grün gezeigt hat, das – weltinnerlicher Reim – neigt am Abend sich zur Dämmerung. Das wandernde und sich wandelnde Licht des Tages hatte seinen eigenen Klang, und der Klang des dichterischen Gesangs ist sein Echo, er ist nicht sein Erzeugnis; das Lied des Weltentags wird leiser, sanft gemildert und gedämpft von Schimmern, die vielleicht schon wie fahle weiße Blüten des Traums auf dem Wasser schwimmen.

Die Innerheit der Welt, die sich im Tag geöffnet hat und in der Dämmerung des Abends wieder verschließt, ist nicht die Innenwelt des Subjekts, so wie ihre Bilder nicht von ihm erfundene Bilder sind. Verschließt und umwölkt sich der Tag, spiegelt seine Dämmerung sich im Verdruß und Zweifel der Menschen, die auf der Schwelle von Schlaf und Tod stehen. Mit einem ihm gemäßen und gern gebrauchten Wort nennt aber der Dichter die Natur prächtig; sie ist von einer Pracht, die über die Verschlossenheit, die sich in der Dämmerung und dem Zweifel manifestiert, hinausragt, nämlich, dürfen wir ergänzen, im Sternenschimmer der Nacht.

Die gnomische Sentenz, vom Glanz und der Wucht eines Pindar oder der biblischen Weisheit, die den Beschluß des Gedichtes bildet, reimt „Tage“ auf „Frage“: Sie hebt nicht tröstend das Dunkel der Frage auf, sondern stellt es an den Rand der Tage und ihrer Heiterkeit. Das Dunkel der Frage ist jetzt fern, doch kommt es im Umschwung der Zeiten wieder in die Nähe. Die Heiterkeit, die sich in der Öffnung des Tages manifestiert, ist nicht die Gemütsstimmung des ästhetischen Erlebens, sondern gleich dem Glanz des Wassers unter dem Blau des Himmels eine Offenbarung des dunklen Grunds der Natur.

 

Mai 23 19

Gustave Roud, Une solitude dans les saisons

Auszug

Sépare-toi de ton double endormi, quitte la chambre du Temps,
le seuil débouche dans une perle! Nacre et nuit, l’espace gris et rose
s’irise et tremble au seul battement de ton désir. L’espace deviant
couleur de ta pensée. Tu peux choisir. L’aube? Le ciel miroite aussitôt
comme un ventre de truite. La nuit d’août? Ce grésillement d’étoiles
tout à coup sur le lac d’odeurs où fermente le vin des roses mortes.
Décembre, si tu veux… La fontaine, sa voix d’été perdue, coule
sans mot dire sous les glaçons, louche rappel des grelottants réveils
d’adolescence. Tu peux marcher dans l’herbe, dans la neige, cueillir
une fleur, une pomme au jeune pommier Lebel, mâcher le miel des
premières violettes en chassant d’un claquement de mains le corbeau
d’octobre noix au bec à travers l’essaim des feuilles jaunes. Tu désires
l’orage – et l’éclair fend d’un fil de feu la suie et l’argent des nues.
L’étendue n’est qu’un chatoiement du possible autour de tes mains et
de tes lèvres. Murmure pluie! et les molles flèches de l’averse ruisselleront
à tes bras nus. Ta main debout – le soleil flambe aux croupes fumantes
des collines…

Tu es le maître de l’espace et le Temps n’est plus pour nous deux qu’un
présent inépuisé.

 

Löse dich ab von deinem eingeschlafenen Doppelgänger, verlasse das Zimmer der Zeit,
die Schwelle mündet in einer Perle! Perlmutt und Nacht, der graue und rosenfarbene Raum
schillert und bebt einzig vom Herzschlag deiner Wünsche. Der Raum nimmt
die Farben deiner Gedanken an. Du kannst wählen. Morgendämmerung? Alsbald glänzt der Himmel
wie der Bauch einer Forelle. Eine Nacht im August? Dies Knistern von Sternen
unversehens auf dem See aus Düften, wo der Wein welker Rosen gärt.
Dezember, wenn du magst … Die Quelle, ihre Stimme versunkenen Sommers, rinnt
ohne ein Wort zu sagen unter den Eisschollen hin, trübe Erinnerung an das schlotternde
Erwachen in der Jugendzeit. Du kannst über die Wiese wandern, im Schnee, eine Blume
pflücken, einen Apfel im Garten des jungen Lebel, den Honig der frühen Veilchen
kauen und händeklatschend den Raben des Oktobers, eine Nuß im Schnabel,
über den Schwarm der gelben Blätter hin scheuchen. Du sehnst dich
nach einem Gewitter – der Blitz zerreißt mit einem Feuerfaden den Ruß und das Silber der Wolken.
Die Weite ist nichts als ein Schillern des Möglichen an deinen Händen und
deinen Lippen. Flüstere Regen! Und die weichen Pfeile des Regenschauers rieseln
über deine nackten Arme! Hebe die Hand empor – und die Sonne lodert auf den rauchenden Rücken der Berge …

Du bist der Herr des Raums und die Zeit gilt uns beiden für ein noch nicht ausgewickeltes Geschenk.

 

Mai 22 19

Gustave Roud, Je pose un pas toujours plus lent

Aus dem Requiem für seine Mutter

Je pose un pas toujours plus lent dans le sentier des signes
qu’un seul froissement de feuilles effarouche. J’apprivoise
les plus furtives présences. Je ne parle plus, je n’interroge plus,
j’écoute. Qui connaît sa vraie voix ? Si pure jaillisse-t-elle,
un arrière-écho de sang sourdement la charge de menace.
C’est l’homme de silence que les bêtes séparent seul de la peur.
Hier une douce biche blessée a pris refuge tout près de moi,
si calme que les chiens des bourreaux hurlaient en vain loin
de ses traces perdues. Les oiseaux du matin tissent et trouent
à coups de bec une mince toile de musique. Un roitelet me
suit de branche en branche à hauteur d’épaule. J’avance dans
la paix. Qu’importe si la prison du temps sur moi s’est refermée ?
Je sais que tu ne m’appelleras plus. Mais tu as choisis tes messagers.
L’oiseau perdu, la plus tremblante étoile, le papillon des âmes,
neige et nuit, qui essaime aux vieux saules, tout m’est présence,
appel; tout signifie. Ces heures qui se fanent une à une derrière
moi comme les bouquets jetés par les enfants dans la poussière,
je sais qu’elles fleurissent ensemble au jardin sans limites où tu
te penches pour toujours. La houle des saisons confondues y
verse à tes pieds comme une vague le froment, la rose, la neige
pure. Un Jour fait de mille jours se colore et chatoie au seul
battement de ta mémoire. Tu sais enfin.

L’ineffable. Et pourtant, l’âme sans défense ouverte au plus
faible cri, j’attends encore.

 

Zögernder setze Tag ich für Tag den Fuß auf den Pfad der Zeichen,
die ein einziges Knistern von Blättern verscheucht. Ich mache
die flüchtigsten Wesen mir zugeneigt. Ich spreche nicht mehr, ich frage nicht mehr,
ich höre. Wer kennt seine wahre Stimme? So rein quillt sie auf,
ein fernes Echo des Bluts versetzt ihr bedrohlich den Dämpfer.
Der Mensch der Stille ist es, den allein die Tiere befreien von Furcht.
Gestern hat sich eine sanfte Hirschkuh, die verwundet war, ganz in meine Nähe geflüchtet,
so ruhig, daß die Hunde der Schinder umsonst aufheulten fern
von ihren verloren gegangenen Spuren. Die Vögel des Morgens weben und durchlöchern
mit ihren Schnabelhieben ein dünnes Tuch aus Musik. Ein Goldhähnchen
folgt mir von Zweig zu Zweig auf Schulterhöhe. Ich ziehe in
den Frieden. Was macht es schon, wenn das Gefängnis der Zeit sich über mir wieder verschloß?
Ich weiß, du rufst nicht weiter nach mir. Doch hast du deine Boten erwählt.
Den verirrten Vogel, den am meisten zitternden Stern, den Schmetterling der Seelen,
Schnee und Nacht, die über den alten Weidenbäumen flocken, alles ist mir Gegenwart,
alles Ruf; alles Zeichen. Jene Stunden, die eine nach der anderen in meinem Rücken
verblassen, gleich Blumenkränzen, von den Kindern in den Staub geworfen,
ich weiß, sie blühen beisammen in dem Garten ohne Umzäunung, wo du dich
herabneigst für immer. Die Brandung der ineinander gemischten Jahreszeiten,
sie schüttet dir dort wie eine Woge den Weizen vor die Füße, die Rose, den reinen
Schnee. Ein Tag, von tausend Tagen die Summe, nimmt Farbe an und schimmert
vom Herzschlag deiner Erinnerung. Am Ende wirst du wissen.

Das Unaussprechliche. Und doch, die Seele wehrlos geöffnet dem
leisesten Schrei, warte ich noch.

 

Mai 21 19

Philosophie und Grammatik X

Zeitstufen und Aktionsarten

Der Langsame überholt den Schnellen.

Um sagen zu können: „Es ist mir klar“ und „Ich weiß“, müssen wir zumeist auch sagen können: „Ich habe es kennengelernt“ oder: „Ich habe es bemerkt.“

Wir haben uns einen Überblick verschafft und sagen: „Jetzt sehe ich es!“ – Ariadne gab Theseus den Faden und so fand er aus dem Labyrinth, auf daß er sagen konnte: „Ich habe ins Freie gefunden“ oder: „Jetzt weiß ich den Weg!“

Der Übergang vom Indikativ Perfekt zum Indikativ Präsenz zeigt uns hierbei den zeitlichen Rahmen oder die temporale Szene an, in der wir uns schon immer bewegen.

Wir finden uns jeweils an einer Wegmarke oder an der Markierung eines Weges, dessen Bahn wir mehr oder weniger lang oder weit zurückverfolgen können, es ist ja unser mehr oder weniger verworrener, immer wieder unterbrochener und neu begonnener Lebensweg.

„Bis hierher und so weit sind wir gelangt“, können wir sagen; dabei ist „hier“ sowohl ein Ort wie ein porös geränderter oder an den Rändern gleichsam durchlöcherter Augenblick schwankender und inkonsistenter Gegenwart. Unter „lang“ und „weit“ verstehen wir immer zugleich eine räumlich wie eine zeitlich diffuse Erstreckung.

Erst kommt der Ort, an dem wir uns vorfinden und mit den Dingen und miteinander umgehen; so wenn wir mittels einer Brücke einen Übergang über einen Fluß vom einen zum anderen Ufer schlagen; erst die Brücke gibt uns den Ort, von dem aus wir das eine oder andere Ufer als diesseitig oder als jenseitig betrachten. Hernach finden und konstruieren wir als Handwerker, Ingenieure und Architekten unter Anlegung starrer Maßstäbe wie Topos, Tempus und Logos gleichsam den nackten rein dimensionalen Raum, den wir methodisch zerlegen und mehr oder weniger exakt vermessen.

Doch weder den Zeitpunkt noch den Ort, an dem wir uns jeweils aufhalten, an den wir zufällig gelangen oder von dem wir ausgehen wollen, betrachten wir zunächst und zumeist als einen apriorisch meßbaren geometrischen, topologischen oder temporalen Punkt.

„Jetzt“ gibt keinen wohldefinierten Zeitpunkt an, sondern eine Aktions- und Ereigniskoordinate, wie folgende Beispiele zeigen:

Jetzt können wir gehen.
Es ist jetzt nicht die Zeit der Trauer.
Jetzt war es zu spät, einer Begegnung mit ihr auszuweichen.

„Hier“ gibt keinen wohldefinierten Ort an, sondern eine Aktions- und Ereigniskoordinate, wie folgende Beispiele zeigen:

Hier war die Stelle, wo sie auf ihn warten sollten.
Hier geht es nicht weiter.
Hier wurde ihm plötzlich leicht ums Herz.

Das Feld der temporalen Bedeutsamkeit ist nicht apriori durch die Zeitstufen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft strukturiert, sondern von Aktionsarten und ihren Handlungs- und Ereigniskoordinaten durchkreuzt, die wir beliebig auf jene Zeitstufen hinstellen können, wie folgende Beispiele zeigen:

Er hat sich erhoben. = Er steht.
Er hatte sich erhoben. = Er stand.
Er ist gestorben. = Er ist tot.
Er war gestorben. = Er war tot.

Wir unterscheiden inchoative (anfangende), durative (währende), punktuelle und perfektive Aktionsarten; diese modalen Aktions- und Ereignisarten verwenden wir unabhängig von den jeweiligen Zeitstufen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wie folgende Beispiele zeigen:

Vergangenheit:

Inchoativ: Ich brach nach Hause auf.
Durativ: Ich war auf dem Heimweg.
Punktuell: Ich kehrte heim.
Perfektiv: Ich war heimgekehrt. = Ich war zu Hause.

Gegenwart:

Inchoativ: Ich breche nach Hause auf.
Durativ: Ich bin auf dem Heimweg.
Punktuell: Ich kehre heim.
Perfektiv: Ich bin heimgekehrt. = Ich bin zu Hause.

Zukunft:

Inchoativ: Ich werde nach Hause aufbrechen.
Durativ: Ich werde auf dem Heimweg sein.
Punktuell: Ich werde heimkehren.
Perfektiv: Ich werde heimgekehrt sein. = Ich werde zu Hause sein.

Mit allem, was wir sagen, beziehen wir uns auf einen zeitlichen Rahmen und auf den Handlungs- und Ereignismodus der Geschehnisse und Abläufe, die wir in ihn einordnen.

Betrachten wir folgenden Bericht:

An den Tropfen der Scheibe gewahrten wir, daß es regnete, also griffen wir nach unseren Schirmen und gingen dann am Ufer entlang.

Der Bericht gibt uns keine genaue Angabe über den Zeitpunkt des Geschehens, es ist irgendwann in der näheren oder ferneren Vergangenheit angesiedelt; genauere zeitliche Einordnungen müssen wir meist nachtragen, indem wir einen Zeithorizont aufreißen. So wenn wir heute von einer Begebenheit der letzten Woche berichten.

Der kurze Bericht gibt uns aber konkrete Hinweise auf die Aktionsarten: Wir gewahrten (punktuell), daß es regnete (durativ), griffen nach den Schirmen (punktuell) und gingen dann spazieren (durativ). Im Lateinischen und Altgriechischen könnten wir den Wechsel der Aktionsarten durch den Wechsel der Tempora (Perfekt und Imperfekt beziehungsweise Aorist und Imperfekt) ausdrücken.

Betrachten wir den Wechsel der inchoativen und durativen Aktionsarten an folgenden Beispielen:

Die Vögel beginnen zu zwitschern. – Die Vögel zwitschern.
Er verstummte. – Er schwieg.
Er erschrak. – Er fürchtete sich.
Er hat das Haus erworben. – Er ist Eigentümer des Hauses.
Sie bricht in Tränen aus. – Sie weint.
Er hat sich erhoben. – Er steht.
Er erinnerte sich an das Bild. – Das Bild schwebte ihm vor Augen.

Mittels der Betrachtung der verschiedenen Aktionsarten innerhalb unterschiedlicher Zeitstufen können wir das metaphysische Bild, das unsere Erlebnisse ins Innere eines mentalen Gefängnisses, des sogenannten Geistes, abkapselt und verschließt, leichter überwinden.

So wird beispielsweise klar, daß wir in gewöhnlicher Rede nicht ohne weiteres die Äußerung „Ich träume“ in einen sinnvollen Kontext einbringen können, wenn wir nicht gerade auf ironische Weise unser großes Erstaunen über eine unverhoffte Begebenheit bekunden wollen. Ansonsten sind wir gehalten, das Erzähltempus zu verwenden und zu sagen: „Ich träumte letzte Nacht“ oder: „Mir träumte letzte Woche.“ Wir sollten nicht wie Descartes eine Traumbühne aufschlagen, die jedes zeitlichen Rahmens ermangelt, und so der radikalen Skepsis den Boden bereiten.

Wir können den Gedanken auch so münzen: Alle sprachlichen Wendungen zum Ausdruck unseres Wahrnehmens und Erlebens haben – schon lange vor und unabhängig von uns – ihre Geschichte oder sind auf mannigfache Weise in Sprachgeschichten verwickelt und verstrickt. Wir können die Worte nicht erkenntniskritisch von ihrem historischen Flecken, Tinkturen und Einschlüssen reinigen, ohne ihren Sinn daranzugeben.

Oder anders gesagt: Die korrekte Verwendung aller sprachlichen Ausdrücke, auch der Ausdrücke für unser Wahrnehmen und Erleben, bedarf einer angemessenen Technik, die wir beispielsweise in der Rhetorik oder Stilistik auffinden. Denn wir können Träume so oder so erzählen, wie eine Zeitungsnotiz, eine Kurzgeschichte, eine Novelle oder ein Märchen, so wie es viele andere vor uns, berühmte wie Herodot oder Artemidor oder weniger berühmte wie ich und du, schon getan haben.

Wenn einer im Zimmer steht (durativ), muß er das Zimmer betreten haben (inchoativ). So auch mit unseren geistigen Erlebnissen: Wenn wir dessen innewerden, daß wir existieren und da sind, so ist gleichursprünglich die Welt mit all den Dingen und uns wichtigen nah und ferner stehenden Personen als jenes Feld der Bedeutsamkeit gleichsam mitgegeben oder heraufbeschworen, das wir durchschritten und durchquert haben, um an den Ort zu gelangen, wo wir uns jetzt unserer innewerdend befinden.

Wir sind mit dem Feld der Bedeutsamkeit, könnten wir sagen, schon von je, ohne uns darüber explizit Klarheit und Rechenschaft gegeben zu haben, in Kontakt und auf vertraulich-intimer Tuchfühlung: Wir müssen nicht ständig und bang nach den Nahtstellen suchen, an denen unsere Vorstellungen und Gedanken, Erinnerungen, Absichten und Erwartungen mit dem, was wir Wirklichkeit nennen, einklinken und einrasten. Wir schwimmen gleichsam wie leichte Blätter auf den mehr oder weniger stark und schwach strömenden Wassern der Wahrheit, auch wenn sie uns ins Unbekannte tragen, und nur wenn wir bang und unsicher um uns blicken, befällt uns die Furcht unterzugehen.

Wir halten fest: Die grammatischen Zeitstufen geben uns keinen absoluten zeitlichen Rahmen vor, sondern eine zeitliche Bühne, der wir nach Gusto und Bedarf eine mehr oder weniger tiefe und schattenreiche Perspektive geben können; dagegen ist die Verwendung der Aktions- und Ereigniskoordinaten innerhalb des gewählten Zeitrahmens festgezurrt und absolut.

Schauen wir uns noch folgende Sätze an:

Der Weise läßt seine Narrenkappe zu Hause.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Kleider machen Leute.

Der Mond ist der einzige Erdtrabant.
Keiner weiß, wieviel Uhr es in dem Schwarzen Loch im Zentrum unserer Galaxie ist.
Wenn Peter größer ist als Hans und Hans größer ist als Martin, ist Peter größer als Martin.
Wenn Peter Hans ähnlich sieht und Hans Martin, sieht Peter Martin (nicht) ähnlich.

Diese Sätze scheinen keine erkennbare Aktionsart aufzuweisen, die uns über den Beginn, die Dauer, die Aktualität oder die Vollendung der bezeichneten Handlung oder Beziehung aufklärt. Auch die jeweiligen zeitlichen Kontexte sind nicht transparent.

Bei den sprichwörtlichen Aussagen können wir das Verb durch einen Ausdruck wie „gewöhnlich“ oder „pflegen“ ergänzen, indem wir beispielsweise sagen: „Eine Schwalbe macht gewöhnlich noch keinen Sommer“ oder: „Der Apfel pflegt nicht weit vom Stamm zu fallen.“ Solche Sätze nennen wir gnomisch, sie drücken eine weisheitliche Sentenz aus, die „immer“ gilt, das heißt, solange anwendbar ist, wie es Sommer und Schwalben, Äpfel und Leute gibt, deren Herkunft wir ihnen leicht ansehen. Das Griechische verwendet in solchen Sätzen den gnomischen Aorist, der zum Ausdruck von Handlungen und Ereignissen ohne spezifischen Zeitrahmen dient.

Aber wie ist es um die gesetzesartig-logischen Aussagen bestellt? Sie scheinen apriori sowohl ohne Kennzeichnung der Aktionsart als auch ohne einen spezifischen Zeitrahmen auszukommen. Doch der Satz, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist, ist gleichbedeutend mit der Definition, wonach wir den Erdtrabanten als Mond bezeichnen. Beim Indikativ Präsens der Definition handelt es sich um eine „Schein-Zeit“, will sagen, sie gilt für den operationalen Kontext, in dem wir sie verwenden. Im Übrigen gilt der Satz in dem von unserem Sonnensystem determinierten zeitlichen und gesetzesmäßigen Rahmen, in einem anders aufgebauten System könnte es auch mehrere Erdtrabanten oder keinen geben.

Daß wir nicht wissen, wieviel Uhr es in dem Schwarzen Loch im Zentrum unserer Galaxie ist, ist eine Scheinaussage, denn in Hinsicht auf eine Umgebung, die keine Zeitmessung erlaubt, kann man nicht nach der Uhrzeit fragen.

Die Namen in der Größer-als-Relation können wir durch Buchstaben ersetzen und somit die ganze Aussage formalisieren; Formeln aber haben den Verwendungskontext, den wir frei wählen. Wenn wir die Namen in der Relation indes mit Daten über lebende Personen etikettieren, so haben wir einen Zeitrahmen, nämlich den ihrer Biographien.

Wir haben keine allgemein gültigen Regeln für die Anwendung der Ähnlichkeitsrelation; denn es gilt:

Wenn Peter Hans hinsichtlich der Nase ähnlich sieht und Hans Martin hinsichtlich der Nase, sieht Peter Martin hinsichtlich der Nase ähnlich.

Doch es gilt auch:

Wenn Peter Hans hinsichtlich der Nase ähnlich sieht und Hans Martin hinsichtlich der Augen, folgt daraus nicht, daß und inwiefern Peter Martin ähnlich sieht; Peter könnte Martin sowohl hinsichtlich von Nase und Augen als auch hinsichtlich von Mund oder Haaren ähnlich sehen.

Die Wahrnehmung von Ähnlichkeit ist eine wichtige Form unserer Orientierung im Alltag; sie betrifft auch die Handlungen und Ereignisse, die wir mittels der genannten Aktionsarten zum sprachlichen Ausdruck bringen. Hier sind insbesondere die Vergleiche einschlägig, die wir Metaphern nennen; so sagen wir etwa:

Er schlich einher wie ein Fuchs.
Er hat sich wie ein Pfau gespreizt.
Sie gackerte immerfort.
Sie benahm sich gegen ihre Kleinen wie eine Glucke.
Ihr Gang war anmutig wie der einer Gazelle.

„Der Langsame überholt den Schnellen.“ – Der Schnelle: der das Nahe oder was vor Augen liegt überspringt; der Langsame: der bedachtsam seines Weges geht und das Seine vollbringt.

 

Mai 20 19

Charles Baudelaire, L’Ame du Vin

Un soir, l’âme du vin chantait dans les bouteilles:
«Homme, vers toi je pousse, ô cher déshérité,
Sous ma prison de verre et mes cires vermeilles,
Un chant plein de lumière et de fraternité!

Je sais combien il faut, sur la colline en flamme,
De peine, de sueur et de soleil cuisant
Pour engendrer ma vie et pour me donner l’âme;
Mais je ne serai point ingrat ni malfaisant,

Car j’éprouve une joie immense quand je tombe
Dans le gosier d’un homme usé par ses travaux,
Et sa chaude poitrine est une douce tombe
Où je me plais bien mieux que dans mes froids caveaux.

Entends-tu retentir les refrains des dimanches
Et l’espoir qui gazouille en mon sein palpitant?
Les coudes sur la table et retroussant tes manches,
Tu me glorifieras et tu seras content;

J’allumerai les yeux de ta femme ravie;
À ton fils je rendrai sa force et ses couleurs
Et serai pour ce frêle athlète de la vie
L’huile qui raffermit les muscles des lutteurs.

En toi je tomberai, végétale ambroisie,
Grain précieux jeté par l’éternel Semeur,
Pour que de notre amour naisse la poésie
Qui jaillira vers Dieu comme une rare fleur!»

 

Die Seele des Weins

Eines Abends sang die Seele des Weins in den Flaschen:
„Dir, Mensch, singe ich, du ohne Vätergut,
in meinem Glasverlies mit roten Siegellaschen
ein Lied ganz voller Licht und brüderlichem Blut.

Ich weiß die Berge ja, die unter Flammen rauchen,
getränkt von Pein und Schweiß, wenn hohe Sonne gleißt,
den Keim mir aufzuwecken, Seele mir zu hauchen;
doch bin ich danklos nicht, ich bin kein böser Geist,

ich fühle Freude, grenzenlos, hinabzurinnen
in eines Menschen Kehle, rauh ob seiner Qual,
in seine warme Brust wie weiches Totenlinnen,
Behausung lieber mir als meine Grüfte kahl.

Hörst du nicht Reimes Wiederkehr den Sonntag loben,
nicht auch, wie Hoffnung quillt, an meines Herzens Schlag?
Ellbogen auf dem Tisch, die Ärmel hochgeschoben,
wirst du mich selig preisen, glücklich ist dein Tag.

Die Augen deines frohen Weibs will ich erleuchten
und deinem Sohn schenk ich für frische Farben Saft,
des Lebens zarten Athleten, ihn will ich gern befeuchten
mit einem Öl, das selbst der Ringer Muskeln strafft.

Ambrosia aus Gärten, dies ist, was ich dir bringe,
aus einem edlen Keim, vom ewigen Säer gestreut,
daß unserer Liebe sie, die Poesie, entspringe,
die wie die seltene Blume sprossend Gott erfreut.“

 

Mai 19 19

Gang im Sommerabend

Die Hummel fand ein Nest im Ohr
der dunkelnden Erde, die hingestreckt
im blauen Tau des Sommerabends
Summen hörte fern im Traum.

Wir gingen über die basaltene Brücke
vom Veilchendämmer zu den Lampen der Lupinen,
wir waren das triefende Moos am Stein,
wir waren zwischen den Ufern das Rauschen.

Süße Pein schrie ein Vogelpaar,
und darüber, im lautersten Blau,
scheues Geläut von wässrigen Glocken,
aus wissenden Blüten uns zugeweint.

Lange liefen wir Hand in Hand,
dann gurrtest, eine Ringeltaube,
du hoch zwischen Birkenzweigen
dem Einsamen Licht auf den Pfad.

War es ein Schrei, ein Schuß vielleicht,
lose Federn torkelten nieder,
unterm Holundergebüsch der Schmerzen
schlug über mich seine Wogen das Gras.

 

Mai 18 19

Diasporen

Die Füchsin schnürt durch Gras und Moos,
verhält und dreht das Ohr nach ihrem Bau,
ob wohl die Jungen winseln,
sie rupft die Kletten sich vom Fell,
Diasporen, die mit dem Tier
ihr Ausland finden neuen Fruchtens.

Geheimen Sinnes Samen weht
vom Gras des schlichten Worts der Wind
bisweilen über Fluß und Tal
aufs Brachland, das den Pflug nicht kennt,
an ein Ufer, einsam und verwunschen,
wo bald, die Sonne lockte sie hervor,
die Finger grüner Stängel dem Blau
des Himmels Liebesbriefe schreiben
und kleine Sänger Nester flechten,
die sich im Lied des Sommers wiegen.

 

Mai 17 19

Toter Hase im Schnee

Ein schwarzer Fleck im Schnee,
hart am Saum des Wegs,
der hier nicht abbricht,
nur weiter drängt
in hellere Stille,
in schweigenderen Schnee.

Ein toter Hase, überschäumt
von kristallin erstarrter Gischt
unzähmbarer Gezeiten,
gerissen von dem Elfenbein,
das kalt wie Mondnacht glänzt,
eines Zahns, der immer schweigt,
und färbt ihn Leben rot.

Das große dunkle Augenrund,
das stumm den Himmel trank,
es schimmert noch,
wie blankgewetzter Knopf
an einem Totenhemd,
ein Zeichen ohne Schmerz.

Geh deines Wegs
ins Schweigen tieferen Schnees,
nimm von der Kreatur
den weichen Schimmer mit,
den Rest des Tags,
den Dämmerlicht ihr ließ.

 

Mai 17 19

Gustave Roud, Aimé

(Auszug)

Je voyais la douce peau gonflée de muscles encore pâle dans l’ombre de la manche.
Ce bras nu, ce bras pur qui apaise l’univers d’une seule caresse
La faux d’Aimé tranche ce corps qui titube entre nous et s’effondre
sans avoir entendu le nom que je lui rends avec un cri.

Viens ! Aimé. Il y a autre chose que le sommeil pour ton corps rompu par la faux.
Viens ! toutes les cloches jusqu’à l’horizon sonnent l’heure de notre fuite,
Chaque village fleurit comme un bouquet de lampes
Viens ! voici renaître dans le noir tout un après midi de moissons
Dans son odeur de sueur et de paille chaude.

Ton épaule nue
Ta large poitrine nue
trouant le ciel comme un nageur hors de l’eau calme.
La cruche vernissée ruisselante de lumière et d’eau qui descend du ciel à tes lèvres.
Et comme un faucheur, le pied dans le nid,
Pris dans un essaim de guêpes furieuses,

Je ne peux plus leur résister.

 

Aimé

Ich sah die sanfte Haut, gewölbt von Muskeln, blaß noch im Schatten des Stiels.
Dieser nackte Arm, der reine Arm, er stillt das All mit einer einzigen zärtlichen Geste.
Die Sichel des Geliebten durchtrennt den Körper, der zwischen uns torkelt und stürzt,
ohne den Namen vernommen zu haben, den ich ihm gab in einem Schrei.

Auf, Geliebter! Es gibt mehr noch als den Schlaf für deinen von der Sichel zerrissenen Körper.
Auf! Alle Glocken läuten bis an den Horizont die Stunde unserer Flucht,
jedes Dorf erblüht wie ein Kranz von Lampen.
Auf! Sieh, wie im Dunkel ein ganzer Nachmittag von Ernten wiederersteht
mit seinem Geruch aus Schweiß und warmem Stroh.

Deine nackte Schulter,
deine breite nackte Brust,
die den Himmel durchlöchert wie ein Schwimmer über dem ruhigen Wasser.
Der glasierte Krug, an dem Licht rinnt und Wasser, das vom Himmel auf deine Lippen fällt.
Und wie ein Mäher, den Fuß im Nest,
befallen von einem Schwarm von wütenden Wespen,

vermag ich ihnen nicht länger zu wehren.

 

Mai 16 19

Charles Baudelaire, Bohémiens en voyage

La tribu prophétique aux prunelles ardentes
Hier s’est mise en route, emportant ses petits
Sur son dos, ou livrant à leurs fiers appétits
Le trésor toujours prêt des mamelles pendantes.

Les hommes vont à pied sous leurs armes luisantes
Le long des chariots où les leurs sont blottis,
Promenant sur le ciel des yeux appesantis
Par le morne regret des chimères absentes.

Du fond de son réduit sablonneux, le grillon,
Les regardant passer, redouble sa chanson;
Cybèle, qui les aime, augmente ses verdures,

Fait couler le rocher et fleurir le désert
Devant ces voyageurs, pour lesquels est ouvert
L’empire familier des ténèbres futures.

 

Zigeuner unterwegs

Das Sehervolk mit den brennenden Augen,
gestern brach es auf, lud sich die Rangen
auf die Schultern, bot ihrem Verlangen
der Brüste Fülle, satt sich zu saugen.

Die Männer schreiten mit Waffen, die leuchten,
längs den Karren mit ihren Lieben einher,
sie suchen am Himmel mit Blicken, feuchten,
ihr Trübsinn findet die Wunder nicht mehr.

Die im Sand sich versteckt, die Grille so bang,
sieht, wie sie ziehen, es schwillt ihr Gesang.
Die sie liebt, Kybele, läßt grünen die Matten,

den Felsen sprudeln, das Ödland erblühen
vor dem Troß. Sie haben nur eines: Fliehen
ins ererbte Reich der wachsenden Schatten.

 

Mai 16 19

Francis Jammes, Dans le chemin toujours trempé

Aus: Clairières dans le ciel

Dans le chemin toujours trempé, tant y est épais
le feuillage visqueux de l’aulne amertumé,
nous nous promènerons. Mais comme elle est plus grande
que moi, c’est elle qui écartera les branches
et elle encore qui mettra sur mon épaule
sa joue et ses yeux bleus qui fixeront le sol.

 

Auf dem Pfad, der immer feucht ist, so tropft hin
der Erle Blatt vor lauter Bittersinn,
werden wir uns ergehen. Doch wie sie mich weit
überragt, schiebt sie auch die Zweige beiseit,
sie wird die Wange mir auf die Schulter senken
und ihre blauen Augen, die nur die Erde denken.

 

Mai 15 19

Charles Baudelaire, L’Albatros

Souvent, pour s’amuser, les hommes d’équipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.

À peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de l’azur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons traîner à côté d’eux.

Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid!
L’un agace son bec avec un brûle-gueule,
L’autre mime, en boitant, l’infirme qui volait!

Le Poète est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de l’archer;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant l’empêchent de marcher.

 

Der Albatros

Oft packen sich Matrosen zum Vergnügen
einen der Albatrosse, Segler überm Ozean,
große, die ein träg Geleit längs Schiffen fliegen,
die über Schlünden schweben voller Bittertran.

Und kaum sind sie gelandet auf den Latten,
da diesen Himmelsherrschern, linkisch und voll Schmach,
die großen weißen Flügel jämmerlich ermatten,
als schleiften ihnen Ruder an den Seiten nach.

Er humpelt und siecht, der Schwärmer der Fabel,
wie schön im Dereinst, so höhnt man ihm jetzt.
Einer klopft ihm mit der Pfeife auf den Schnabel,
einer hinkt dem Blöden nach, der flatternd hetzt.

Der Dichter ist dem Fürsten gleich auf Wolkenthronen,
der allen Stürmen trotzt, den Pfeilen lacht.
Verbannt zu wüsten Volkes Erdenfronen,
wird zum Verhängnis ihm der Schwingen Pracht.

 

Mai 14 19

Francis Jammes, Dans la pâleur embaumée

Dans la pâleur embaumée de ce soleil fou,
la chapelle des champs, vêtue d’un petit bois,
enferme le mystère de clarté et de joie.
Son clocher, comme un épi blanc mûr en Août,
tout poudroyant de la farine eucharistique,
domine les vallons bleus comme des cantiques.
Comme une flèche encor, dans le cœur de l’Eté,
par l’arc de l’horizon ce clocher est planté.
Ce sont quatre tableaux exacts et monotones
qui l’entourent et qui reviennent chaque année :

C’est le verdissement des buissons et des prés.
C’est le roussissement des vaches et des blés.
C’est le bleuissement des vignes où il tonne.
C’est le noircissement des jours diminués
par l’espèce de suie qui tombe des nuées.
Et la chapelle a un chapeau de roses jaunes.

On peut la voir encor, comme un bateau de pêche,
navigant sur les flots luisants du labourage
où, parfois, on voit luire l’aile qui se dépêche
d’une charrue comme une mouette dans l’orage.

Au milieu des champs, dis-je, l’église s’élève.
C’est là, entre ces murs pâles comme des grèves,
c’est là qu’est le refuge et c’est là qu’est le rêve.

Par cette grande paix que l’homme cherche en soi ;
par les jours finissants aux vieux balcons de bois
où le cœur blanc des géraniums noirs s’attriste ;
par l’obscure douceur des choses villageoises ;
par les pigeons couleur d’arc-en-ciel et d’ardoise ;
par le chien dont la tête humble nous invite
à lui passer la main dessus ; par tout cela :
Chapelle, sois bénie à l’ombre de ton bois !

 

Im fahlen Duft dieser närrischen Sonne
schließt die Feldkapelle, von einem Wäldchen umgürtet,
das Geheimnis der Klarheit, der Freude in sich,
Ihr Glockenturm, wie eine weiße reife Ähre im August,
die alles mit dem eucharistischen Mehl bestäubt,
ist die Herrin der Täler, die gleich Gesängen blauen.
Wie ein Pfeil ward dieser Turm in das Herz des Sommers
vom Bogen des Horizontes eingepflanzt.
Hier sind getreulich gemalt die vier eintönigen Bilder,
die ihn umgeben und Jahr um Jahr wiederkehren:

Da ist das Ergrünen der Büsche und Wiesen.
Da ist das Erglühen an Kühen und Körnern.
Da ist das Blauen der Reben, wenn es donnert.
Da ist das Dunkeln der verminderten Tage
unter einem Ruß, der aus den Wolken fällt.
Und die Kapelle hat einen Hut aus gelben Rosen auf.

Man sieht sie auch wie ein Fischerboot schwimmen
auf Fluten, leuchtend unter den Händen der Bauern,
und manchmal sieht man einen Flügel leuchten,
der von einem Pfluge schwirrt wie eine Möwe im Gewitter.

Inmitten der Felder, sage ich, erhebt sich die Kirche.
Dort ist es, zwischen den Mauern, fahl wie der Strand,
dort ist sie, die Zuflucht, dort ist er, der Traum.

Wegen jenes großen Friedens, den der Mensch in sich sucht;
wegen der Tage, die sich zu den alten Altanen des Waldes neigen,
wo das helle Herz der dunklen Geranien trauert;
wegen der düsteren Süße der dörflichen Welt;
wegen der Tauben von der Farbe des Regenbogens und des Schiefers;
wegen des Hunds, dessen demütiges Haupt uns einlädt,
mit der Hand darüber zu streichen; wegen all dieser Dinge:
Sei gesegnet Kapelle im Schatten deines Walds!

 

Mai 13 19

Francis Jammes, Au moulin du bois froid

Au moulin du bois froid où coule de l’eau claire,
près des rochers, il y a de la fougère.

Tout près du bois bleu, une jeune fille blonde
lavait le linge et l’eau coulait à l’ombre.

Et elle avait retroussé sa robe assez haut :
on voyait ses jambes blanches dans l’eau.

Et les chemins étaient frais, étroits, mauvais, noirs,
comme si ç’avait été le soir.

Les chênes ronds et durs empêchaient la chaleur
et, sur la mousse, il y avait des fleurs.

Nous marchions sur les petits cailloux des sentiers,
près des ronces rouges, des églantiers.

Parce qu’on dépiquait du froment, la batteuse
ronflait au soleil sur la paille creuse.

Mais je repasserai dans le bois où dans l’eau
une fille fraîche a la robe haut.

J’irai sur la noire et violette bruyère
couper avec effort de la fougère.

Est-ce que la nuit, quand il y a des étoiles,
elle lave encore au ruisseau ses toiles ?

Pourquoi cela ? – Bah ! sur la bruyère violette,
sur la fille chantera l’alouette.

Et je repasserai dans le bois où dans l’eau
cette fille blanche a la robe haut.

 

Bei der Mühle im kühlen Wald, da rinnt ein Wasser klar,
bei den Felsen nah, da wuchert der Farn.

Beim blauen Wald so nah, wo ein Mädchen, jung und blond,
Wäsche wusch und das Wasser über den Schatten schwoll.

Sie hatte ihren Rock ganz hochgezogen:
ihre Beine schimmerten in den Wogen.

Die Pfade waren kühl, klamm, überwachsen, dunkel,
als wäre schon Abend herabgesunken.

Die Eichen, die runden, rauhen, wehrten dem Glühen,
und über den Moosen war alles ein Blühen.

Über die kleinen Kiesel der Säume ging unser Gang,
den roten Beeren, den Heckenrosen entlang.

Man drosch den Weizen, man sah das Qualmen
der Maschine in der Sonne über den Halmen.

Ich aber will zurück in den Wald, zu der frischen Maid,
die im Wasser steht mit hochgezogenem Kleid.

Ich gehe über das Heidekraut, dunkel und blau,
und bieg mir den Weg durch der Farne Verhau.

Ist es Nacht, wo Sterne zu leuchten beginnen,
und noch immer wäscht sie im Bach ihre Linnen?

Wirklich? – Ach was, über dem blauen Heidekraut,
über dem Mädchen tönt schon die Lerche laut.

Und ich will zurück in den Wald, zu der hellen Maid,
die im Wasser steht mit hochgezogenem Kleid.

 

Mai 12 19

Stromschnellen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wer Grautöne und Zwischentöne der Geschmacklosigkeit der Regenbogenfarben und der obszönen Aufdringlichkeit der Marktschreier vorzieht, wird in diesem verwilderten Land nicht als abgehobener Feingeist verachtet, sondern als perverser Immoralist gebrandmarkt.

Sie trepanieren den eigenen Schädel, löffeln ein Stück Hirn heraus und werfen es den Hunden hin; lecken sie es auf und schlingen es hinunter, gelten sie für Wahrsager und Propheten.

Die wahnwitzige Idee, wir hätten alles daranzusetzen, um glücklich zu sein, ist die Ursache des größten Unglücks.

Wenn man Christus vom jüdischen Schöpfergott erlöste, fände er, wie Hölderlin und Nietzsche meinten, seine Brüder in Herakles und Dionysos?

Plötzlich war er frei und konnte alles sagen, die Worte schlugen auf wie Regentropfen auf das Dach, die Gesten vereinigten sich mit ihren Schatten und wehten auf und nieder wie das Gras im Wind.

Die reif gewordene Existenz, die in die Tiefe fällt und sich wie eine harte Frucht in den weichen Grund bohrt.

Wir können nicht lange im blendenden Licht leben, sondern bedürfen der Dämmerung, um uns zu besinnen, des Zwielichts, um zu träumen, zu vergessen.

In Platons Sonne des Guten verhüllt sich ein böser, ein tödlicher Gedanke.

Was wäre denn der entscheidende Unterschied zwischen uns und Puppen aus Fleisch und Blut, die reden und handeln wie wir, nur daß in ihren Köpfen Stroh steckte? – Denken wir uns, wir, denen einige überflüssige graue Zellen immerhin noch solch exquisite Spekulationen erlauben, wüßten selbstredend nicht, ob es sich bei der aparten Dame in unseren Armen um ein Exemplar mit oder ohne Stroh handelte!

Es geht letztlich um Stil, nicht um Wahrheit. So stand es um die Strahlkraft und exemplarische Gestalt der homerischen Götter und Helden.

Man vergißt leicht, daß Sprachen natürliche Sprachen sind, und eine Nationalsprache die ist, welche das kulturell und politisch herrschende Volk spricht, das sich zur Nation konstituiert hat. Wären Sprachen rein künstliche Mittel zur Verwendung rein konventioneller Zeichen, gäbe es entweder mehr oder weniger Sprachen, als es Völker gibt.

Was den Nationalcharakter einer Sprache wie des Deutschen ausmacht, mag schwierig oder nur dem dichterischen Ingenium zu bestimmen möglich sein, aber unmöglich kann es nicht sein.

Den Charakter eines Volkes findet man in den Stimmungen, den Atmosphären, dem Wetterleuchten, das über die Gefilde seiner Dichtung zieht.

Sie singen frohgemut, während sie den Ast der Sprache absägen, auf dem sie sitzen.

Die Lilie schwimmt auf dem See, unbekümmert darum, wie tief er ist.

Der Trauernde drückt seine Trauer aus, er weint, er schweigt, er zieht sich zurück; ohne die Möglichkeiten des leiblichen Ausdrucks könnten wir nicht von ihm sagen, er trage Trauer.

Das richtige Bild der Sprache ist nicht ein solches, das wir etwa dem Bericht eines Theaterbesuchers über all das entnehmen, was sich auf der Bühne abgespielt hat. Wir stehen selbst auf der Bühne und unsere Worte zählen; es gibt keine Originalversion des Texts, die wir hätten auswendiglernen können; wir wissen nicht, was als nächstes geschieht; es gibt kein den ästhetisch-moralischen Wert des Dramas würdigendes Publikum, für das wir unsere Rolle zum besten geben, sondern diejenigen, zu denen wir reden und mit denen wir umgehen, entscheiden über den Wert des Gesagten und Getanen.

Wer nicht mit Japanisch als Muttersprache aufwuchs, wie soll er die Feinheiten der alten japanischen Dichtung, wie die subtile Sprache des No-Theaters und der Geisha verstehen?

Wieviel Ignoranz und Dummheit, könnte man fragen, liegt in der allgemein verbreiteten Ansicht, Denken und Reflexion seien die uns auszeichnenden Eigenschaften.

Wer geht, denkt nicht ans Gehen, sondern schaut um sich; wer frei singt, denkt nicht an Noten; wer Schach spielt, denkt nicht an Regeln (sondern handelt ihnen gemäß).

Phrasen sind eine unverbindliche Art, mit gewichtiger Miene nichts zu sagen.

Wäre die Sprache ein Haus, wir könnten es nicht verlassen und es von außen betrachten und es vermessen, etwa in Hinsicht auf seine Lage, seine Größe oder die Tragfähigkeit seiner Mauern.

Wir können nicht vor der Sprache etwas über die Sprache – sagen.

Wir sind zu Gast bei einem Gastmahl, doch wissen wir nicht, wer von den Anwesenden uns eingeladen hat.

Es gibt keinen Gastwirt, bei dem wir uns darüber beschweren könnten, daß wir nicht früher zu diesem Gastmahl eingeladen wurden – beispielsweise zu der Zeit, als begabte Sänger und Musiker ihre Stücke zum besten gaben, wie uns die älteren Gäste berichten.

Mit der Axt kann man keine filigranen Figuren ins Holz schnitzen. Mit Parolen nicht dichten.

Wenn man auf der Schwelle des Hauses steht, kann man seine Größe nicht überblicken.

Die Schwelle, dort, wo die Sprache versagt.

Gründe gelten in der Welt, nicht für die Welt.

Zuerst lernen wir diese Flüssigkeit als Wasser zu bezeichnen; dann lernen wir, daß diese Flüssigkeit, wenn sie sich in Dampf oder Eiskristalle umformt, dasselbe Wasser ist; und schließlich, daß Wasser in all seinen Erscheinungsformen H2O ist. An dieser Formel können wir festhalten, sogar wenn wir die Bezeichnung Wasser vergessen haben sollten. – Doch wir kommen von der Formel nicht wieder an die Stelle, von der aus wir sie entdeckt haben, an das Wasser des Flusses oder in den Schnee der Eiskristalle; wir gelangen von der Welt des Alltags zur Entdeckung der natürlichen Art namens Wasser, doch wir kommen von der Physik nicht zurück in die Welt des Alltags, in der wir unserem Gast ein Glas Wasser anbieten.

Die Sprache der Physik, in der wir nicht mehr von Wasser, sondern von H2O sprechen, ist gleichsam eine Sonder- oder Sperrzone in der Landschaft unserer gewöhnlichen Sprache; sie erlaubt uns, von demselben oder der Identität von Stoffen, natürlichen Arten oder molekularen Strukturen zu sprechen; während wir in der natürlichen Sprache des Alltags immer nur von einem mehr oder weniger Ähnlichen sprechen können.

Wir müssen nichts vom Wasser wissen, nicht an das Wasser denken, wenn wir es aus der Flasche ins Glas gießen und trinken; wir müssen nicht glauben, daß Wasser schwerer ist als Luft und somit prompt ins Glas fließt; ja, wir müssen unser Handeln nicht mit logischen Schlüssen garnieren und aufgrund des Wissens, daß Wasser unseren Durst löscht, es in Gottes Namen trinken.

Wenn wir dem Gast ein Wasser anbieten, denken wir an den flüssigen Stoff nicht als an ein Objekt mit diesen und jenen Eigenschaften, von denen die wesentliche Eigenschaft die ist, H2O zu sein. Wenn wir darüber nachdenken, was es mit dem Wasser auf sich hat, machen wir den Gast ungeduldig, der darauf wartet, daß wir sein Glas füllen.

Die Reflexion kann sich im Strom des Lebens als eine Stromschnelle erweisen, an der unser kleines Lebensschiff Gefahr läuft zu kentern.

 

Mai 11 19

Philosophie und Grammatik IX

Aus der Lehre vom Satz

Guten Abend!
Es ist Abend.
Dort geht Peter.
Wer ist Peter? – Peter ist Lehrer.
Wer ist Hans? – Hans ist Peters Freund.
Rosen sind Blumen.
Diese Rosen sind rot.
Rot ist eine Farbe.
Die Zahl 7 ist eine Primzahl.
Wasser ist H2O.
Was er sagte, war ein Versprechen.
Peter ist froh, daß Hans ihm das Versprechen gemacht hat.
Der Satz „Es regnet“ ist ein Aussagesatz, der Satz „Regnet es?“ ist ein Fragesatz.

Es gibt keine einheitliche grammatische Form des Satzes; wir finden alle möglichen Satzarten wie Aussagesätze, Aufforderungssätze, Fragesätze, Definitionen, einfache und komplexe Sätze.

Aussagesätze wiederum zeigen keinen einheitlichen grammatischen Bau; wir finden anhand unserer Beispielsätze:

– unpersönliche Ausdrücke wie „Es ist Abend“, „Es regnet“
– Ergänzung eines Namens durch ein Prädikatsnomen wie „Peter ist Lehrer“
– Ergänzung eines Begriffs durch ein Prädikativum wie „Rosen sind Blumen“
– Ergänzung eines Begriffs durch ein hinweisendes Pronomen und ein Prädikativum wie „Diese Rosen sind rot“
– Relationen wie „Hans ist Peters Freund“
– Erläuterung eines Begriffs durch seinen Artbegriff wie „Rosen sind Blumen“ oder „Rot ist eine Farbe“
– Definitionen durch Gleichsetzung von Begriffen wie „Wasser ist H2O“
– Ergänzung eines Nebensatzes durch ein Prädikationsnomen wie „Was er sagte, war ein Versprechen“
– Satzgefüge aus Haupt- und innerlich abhängigem Nebensatz wie „Peter ist froh, daß Hans ihm das Versprechen gemacht hat“
– Erläuterung eines Satzes durch einen Satz wie „Der Satz ‚Es regnet‘ ist ein Aussagesatz, der Satz ‚Regnet es?‘ ist ein Fragesatz“

Sätze sind bedeutungsvoll, insofern wir sie als Werkzeuge und Organe unserer Lebensbewältigung verwenden und ihren Sinn als Spuren und Manifestationen gelungener oder auch mißlungener Lebensvollzüge interpretieren.

Aussagesätze sind nicht insofern sinnvoll, als sie wahr oder falsch sein können, weil sie einen Gedanken ausdrücken, der wahr oder falsch ist; denn den Gedanken gibt es nicht ohne den Satz, der ihn ausdrückt.

Wir können, wie bekannt, Bitten, Aufforderungen und Befehle in Aussagesätze umformen, indem wir einen Aussagesatz bilden, in dem wir die jeweilige Art der Sprachhandlung explizit macht, wenn wir also sagen: „Ich wünsche dir einen guten Abend.“ – Die Syntax dieses Satzes ist aber ähnlich wie die Syntax der Aussage: „Ich schenke dir einen guten Wein.“ Was wir mit „wünschen“ meinen, wird verschleiert, wenn wir es mit der Grammatik von transitiven Verben vergleichen, die ein Objekt mit sich führen können.

Jemandem „Guten Abend!“ zu sagen ist dann sinnvoll, wenn es Abend wird; wir müssen meist nicht groß Ausschau nach dem Sonnenstand und dem sinkenden Licht halten, um uns bei der Angabe der Tageszeit „Abend“ nicht zu vertun.

Wir sagen nicht ohne weiteres „Es ist Abend“, vielmehr erhält der Satz Sinn, wenn sich beispielsweise jemand aus der fröhlichen Runde mit den Worten verabschiedet: „Es ist Abend; morgen muß ich bei Zeiten wieder raus.“ Pseudo-Sätze wie „Es ist Abend“ stehen in Lehrbüchern der Grammatik und Semantik oder an der Tafel im langweiligen Deutschunterricht.

„Dort geht Peter“ mag einer sagen, um seinen Freund auf die Person namens Peter hinzuweisen, die dort über die Straße geht; und „Peter ist Lehrer, ich habe dir schon von ihm erzählt“ mag er zur Antwort auf dessen Frage geben: „Wer ist Peter?“ – Wir sehen, solche Sätze funktionieren, wenn sie zueinanderpassen und wie Legosteine ineinandergesteckt werden können.

Wir müssen nicht darüber belehrt werden, daß es eine Sache ist zu sagen: „Die Jacke ist ein Zweireiher“ oder „Hans ist ein Rheinländer“, eine andere zu sagen „Peter ist Lehrer“; denn Zweireiher sind Objekte und Rheinländer Leute einer bestimmten regionalen Herkunft, während Lehrer weder Objekte noch Menschen mit einer bestimmten Herkunft, sondern Ausübende eines traditionellen Berufs und Träger einer sozialen Rolle sind. – Es gibt keine allgemeine Regel, nach der wir Leute wie Peter Lehrer nennen, so wie wir etwa die Zahlen 2, 3, 5 und 7 Primzahlen nennen; wir verwenden die meisten sprachlichen Ausdrücke nach den Gepflogenheiten des Common Sense, der uns mit einer Unzahl von konventionellen Bezeichnungen vertraut macht, die wir in gängige Muster, aber nicht nach abstrakten Regeln, einsetzen.

Die mittlerweile altbacken anmutende philosophische Theorie, wonach wir als sogenanntes Für-sich (Sartre) oder als interpretierendes und intentionales Bewußtsein dem bedeutungslosen An-sich der Welt mittels sinnkonstituierender Akte (Husserl) oder gewisser intentionaler Sprachhandlungen (Searle) allererst Sinn verleihen, erweist sich angesichts der Tatsache, daß wir uns schon immer in der Welt des Common Sense vorfinden und Peter nur Peter nennen können, wenn er Peter heißt, und Peter nur als Lehrer bezeichnen können, wenn er Lehrer ist, als inadäquat.

Daß wir nicht „Guten Morgen“ sagen sollten, wenn es Abend ist, Peter nicht Hans nennen und ihm nicht den Beruf und die Biographie von Karl andichten können, beschränkt nicht unsere Ausdrucksmöglichkeiten – es sei denn wir verstünden darunter nichts als eine infantile Allmachtsphantasie; es ermöglicht vielmehr unsere Teilhabe an dem Bedeutungsreichtum, der vor unserer Haustür liegt.

Daß Hans Peters Freund ist, sagen wir beispielsweise, um jemandem zu erklären, warum Peter mit Hans so vertraulich tut oder ihm ohne mit der Wimper zu zucken sein Fahrrad oder sein Auto leiht; und daß Freundschaft kein Kapital ist, das von selber Zinsen abwirft, bemerken wir, wenn sie allmählich einschläft, weil die Freunde immer weniger miteinander unternehmen, ja auseinanderbricht, wenn einer den anderen im Stich läßt oder verrät. – Ähnlich wie die grünen Blätter, die im Herbst ihre Farbe wechseln und rot und gelb werden, mag die Freundschaft zwischen Peter und Hans verblassen und an Intensität abnehmen, bis sie in Gleichgültigkeit übergeht.

Daß wir Freundschaft sprachlich als eine Relation darstellen, bedeutet einfach, daß Peter mit Hans nur befreundet sein kann, wenn Hans mit Peter befreundet ist, und Peter nicht mit Hans befreundet sein könnte, wenn Hans nicht mit ihm befreundet wäre. Oder daß die Freundschaft endet, wenn einer der beiden oder beide aufhören den anderen einen Freund zu nennen.

Wenn uns die Soziobiologie und die Evolutionspsychologie erklären, Freundschaft finde sich auch unter Tieren und ihre nützliche und lebensdienliche Funktion zeige sich darin, in welchem Ausmaß die befreundeten Partner sich im Lebenskampf vor allerlei Unbill und Gefahren gegenseitig beistehen und bei der Verteidigung ihres sozialen Status unterstützen können, ist das für unsere Verwendung des Begriffs Freundschaft ohne Relevanz. Denn Freunde müssen sich nicht helfen, sondern wollen es; sie können den Freundschaftsvertrag aufkündigen, dies sogar im Falle, wenn der eine dem anderen einen Vorteil in Aussicht stellt, doch der Begünstigte die unmoralischen Mittel, die der andere dazu aufwendet, verwirft. – Der echte Freund steht dem in Not geratenen Partner auch dann zur Seite, wenn dies für ihn keine Vorteile bringt, ja sogar, wenn ihm aus seinem Freundschaftsdienst Nachteile erwachsen.

Sätze wie „Rosen sind Blumen“, „Diese Rosen sind rot“ und „Rot ist eine Farbe“ haben für sich genommen keine Bedeutung, und einen Verwendungskontext auszumachen, der ihnen Bedeutung verleiht, ist nicht leicht. Sie sind vielmehr typische blutleere Exemplare, aufgespießt in einem Lehrbuch der Grammatik oder der philosophischen Semantik, wo man sie nur mit Fingerspitzen anrühren sollte, denn sonst zerfallen sie gleich wie exotische Schmetterlinge im Schaukasten; denn solche Sätze suggerieren, was wir gerade infragestellen, eine „Theorie des Geistes und der Sprache“, wonach der menschliche Geist die Welt der Objekte und Ereignisse mittels Verwendung geeigneter sprachlicher Symbole widerspiegelt und repräsentiert.

Einer mag zur Blumenverkäuferin sagen: „Ich nehme diese Rosen“, wenn er auf einen Strauß in der Auslage zeigt; würde die Verkäuferin sagen: „Diese Rose sind rot“, könnte dies vielleicht bedeuten: „Wollten sie nicht weiße Rosen?“ – Und dies könnte die aufmerksame Verkäuferin, noch bevor der Kunde einen solchen Wunsch verlautbart hätte, am Gebaren und der Kleidung des Kunden abgelesen haben, denn offenkundig trägt er Trauerkleidung und scheint auf dem Weg zu einer Beerdigung zu sein; rote Rosen aber passen eher zu einem Rendezvous als zu einer Trauerfeier.

So gewinnen unsere Aussagen Bedeutung, wenn sie gleichsam zwischen die Fugen und Falten unserer Handlungen und die Muster der mit ihnen verknüpften Erwartungen, Einstellungen und Konventionen passen.

Wenn wir handeln und sprechen, ist unser Kopf nicht angefüllt mit verbalen Bildern und sprachlichen Symbolen, die wir nach erlernten oder angeborenen Regeln zum Ausdruck unserer Absichten, Erwartungen und Vorstellungen kombinieren; in unserem Inneren läuft kein mentaler Mechanismus ab, der gemäß den Stimuli der Außenweltwahrnehmung ins Laufen gebracht und von der regulierenden und kontrollierenden Meta-Instanz logischer Deduktionen und Implikationen angehalten wird, wenn wir uns etwa sagen würden: „Die Farbe dieser Rosen ist Rot; Rot ist eine Symbol von Leidenschaft und Liebe; folglich schenke ich rote Rosen meiner Liebsten, doch wenn ich zur Beerdigung gehe, nehme ich keine rote Rosen mit.“ – Sondern wir sagen uns: „Meiner Freundin schenke ich rote Rosen, weiße nehme ich auf die Trauerfeier mit.“

Wir benötigen keine Definition der sprachlichen Ausdrücke, die wir in unseren Sätzen verwenden, um sie korrekt verwenden zu können; die Definition, die dem Botaniker zur Klassifikation seiner Objekte dient, wie daß Rosen Blumen mit diesen bestimmten Eigenschaften sind, aber Nelken Blumen mit jenen bestimmten Eigenschaften, müssen wir nicht kennen, ohne daß uns diese Unkenntnis zum Hindernis dafür würde, Rosen von Nelken unterscheiden zu können.

Uns erfrischt das klare Wasser, auch wenn wir nicht wissen, daß Wasser H2O ist, und wir sagen der Verkäuferin, daß wir gerne sieben Rosen hätten, oder bekommen von ihr 7 Euro heraus, ohne wissen zu müssen, daß sieben eine Primzahl ist. – Ja, wir sagen, daß es 7 Uhr ist, ohne eine Definition der Zeit angeben zu können oder uns zu der Frage verleiten zu lassen, was Zeit eigentlich sei.

Wir unterscheiden ohne weiteres, ob uns einer nach der Zeit gefragt hat oder uns darauf hingewiesen hat, daß es erst 7 Uhr in der Früh ist und das Geschäft noch nicht geöffnet hat. – Doch nur im Lehrbuch der Grammatik findet sich der Satz, der Ausdruck „Es regnet“ sei ein Aussagesatz und der Ausdruck „Regnet es?“ sei ein Fragesatz. Nur ein Lehrbuch der philosophischen Semantik führt uns mit der Frage in die Irre, ob wir Sätze über Sätze bilden können, ohne eine unendliche Stufenleiter von Sätzen über Sätzen an unsere trivialen Feststellungen über bestimmte Satzarten anlegen zu müssen. – Wir sehen und hören ja, was ein Fragesatz ist. Wenn wir im Unklaren über seine Sprecherabsicht sind, können wir den Freund fragen, ob er uns eine Frage gestellt hat; und er kann antworten: „Ja!“

Wir benötigen keine Erklärung für unser Leben; wir sind froh über das Versprechen, uns zu helfen, das uns der Freund gegeben hat; wir sind traurig, wenn er es gebrochen hat. Doch darüber zu grübeln, warum er uns das Versprechen gegeben oder warum er es nicht eingehalten hat, führt uns in eine Labyrinth von Erklärungsversuchen und Vermutungen, aus dem es wie aus dem Labyrinth der Verdächtigungen des eifersüchtigen Swann im Romanwerk von Proust kein Entrinnen gibt.

Das exotische Verlangen, unser Leben als Ganzes überblicken und erklären zu wollen oder dem Grund der Gründe für unser Tun und Reden auf die Schliche zu kommen, verleitet uns zur Vorstellung, uns mit einem fernen, fremden, „objektiven“ Blick aus dem Jenseits unserer heimatlichen Grenzen, der Grenzen unserer Sprache, beobachten und betrachten zu können. Doch wir können uns kein fremdes Auge einsetzen und erwarten, einen Panoramablick auf unsere Situation zu erhaschen; und könnten wir es, so würde es zu unserem eigenen Auge, und wir sähen, was wir immer sehen. – Auch würden wir in einem alles umfassenden Panorama uns selbst aus den Augen verlieren.

Die scheinbar bedingungslos und kontextfrei gültigen Sätze wie „Wasser ist H2O“oder „7 ist eine Primzahl“ haben ihre eigenen Kontexte, in denen sie funktionieren und Bedeutung erhalten, nämlich die jeweils relevanten physikalischen und mathematischen Grundannahmen. – Gewiß sehen wir das Wasser, über dessen molekulare Struktur uns die Physik aufklärt, aber wir sehen es auf die Dächer tropfen und nennen es Regen, doch die Physik weiß nichts vom Regen, wir sehen es in Bächen, Flüssen und Seen, doch die Physik weiß nichts von dem, was wir Bäche, Flüsse und Seen nennen.

Der Mythos vom exotischen Blick ist der Mythos von der objektiven Theorie des Geistes und der Sprache; doch wir können die Sätze, die wir verwenden, nicht von außen betrachten, als wären sie Sätze eines universell gültigen Lehrbuchs der Grammatik und der philosophischen Semantik. Doch diese Lehrbuchsätze haben, wie gezeigt, keine eigentliche Bedeutung; Bedeutung gewinnen sie allererst in den Kontexten ihrer Verwendung, wie der Satz „Es regnet“, wenn du aus dem Fenster schaust und mir sagen willst, aus unserem Spaziergang wird leider nichts.

 

Mai 9 19

Philosophie und Grammatik VIII

accusativus cum infinitivo (a. c. i.)

1. Petrus vidit Carolum amicum suum in hortum venire.
2. Carolus audivit Petrum in choro cantare.
3. Carolus libenter audit luscinias canere.
4. Petrus non putavit Carolum in forum venisse.
5. Petrus negat Corinnam in hortos ambulare.
6. Carolus percipuit Camillam in popina laete cum Corinna fabulari.
7. Corinna suspicatur Carolum Romam fugisse.
8. Claudia sperat Petrum sibi adesse.
9. Camilla desiderat Corinnam secum Romam proficisci.
10. Corinna libenter meminit se cum Camilla Romam pervenisse.
11. Scio me nihil scire.
12. Sentio supra manum meam aquam fluere.

1. Peter sieht seinen Freund Karl kommen.
2. Karl hörte Peter im Chor singen.
3. Karl hört gern, wie die Nachtigallen singen.
4. Peter glaubte nicht, daß Karl zum Forum gekommen ist.
5. Peter bestreitet, daß Corinna im Park spazierengeht.
6. Karl hat genau bemerkt, daß sich Camilla in der Kneipe vergnügt mit Corinna unterhalten hat.
7. Corinna hat Karl im Verdacht, nach Rom geflohen zu sein.
8. Claudia hofft, Peter werde ihr helfen.
9. Camilla sehnt sich danach, daß Corinna mit ihr nach Rom reist.
10. Corinna erinnert sich gern daran, wie sie mit Camilla in Rom angekommen ist.
11. Ich weiß, daß ich nichts weiß.
12. Ich fühle Wasser über meine Hand rinnen.

Im Lateinischen kann nach einem Satz mit einem Prädikat der Wahrnehmung (sentire, audire, videre), des Wissens und Meinens (scire, cognoscere, cogitare, existimare, putare, suspicari), des Sagens (dicere, concedere, negare, fertur) oder der Gemütsbewegung (gaudere, laetari, queri, mirari, velle, nolle) der wahrgenommene, erkannte, ausgesagte oder emotional bewertete Sachverhalt durch einen accusativus cum infinitivo wiedergegeben werden. – Diese Ausdrucksmöglichkeiten finden wir wenngleich in eingeschränkter Form auch im Deutschen und Englischen sowie in allen vom Lateinischen als Muttersprache abstammenden Sprachen wie dem Französischen, Italienischen oder Spanischen.

Wenn wir sagen: „Peter sieht seinen Freund Karl kommen“, „Karl hörte Peter im Chor singen“ oder „Karl hört gern die Nachtigallen singen“, tun wir einen tieferen Blick in die Sinnschichten der Sätze, als wenn wir sagten: „Peter sieht, daß sein Freund Karl kommt“, „Karl hörte, wie Peter im Chor sang“ oder „Karl hört gern, wie die Nachtigallen singen.“ – Wenn Peter seinen Freund Karl kommen sieht, verstehen wir: Er sieht den Freund, und zwar als einen, der kommt; wenn wir sagen, daß Karl kommt, sei der Inhalt dessen, was Peter sieht, verstehen wir diesen Inhalt als eine Tatsache, die von der Wahrnehmung Peters unabhängig zu sein scheint. Wir sind geneigt zu meinen, diese Tatsache, daß Karl kommt, gelte so oder so, ob einer sie aufgrund einer Wahrnehmung feststellt oder nicht. Ja, wir meinen, es könnte sein, daß niemand diese Tatsache aufgrund von Wahrnehmungen feststellt, und dennoch sei es der Fall, daß sie gilt oder wahr ist. Doch das sagt der Satz nicht.

Diese semantische Eigenart und Doppelsinnigkeit wird klarer, wenn wir uns den Konstruktionen des a. c. i. nach verba cogitandi und verba dicendi zuwenden. „Petrus non putavit Carolum in forum venisse.“– Wir können den lateinischen Satz nur auf holprige Art wortgetreu wiedergeben, wenn wir etwa sagen: „Peter glaubte Karl nicht zum Forum gekommen zu sein“; wir übersetzen ihn aber gemäß den Gepflogenheiten der deutsche Grammatik so: „Peter glaubt nicht, daß Karl zum Forum gekommen ist.“ – Nun liegt es nahe, den Nebensatz so zu verstehen, als handele er von einem vergangenen Ereignis, nämlich, daß Karl zum Forum gekommen ist; jeder, der Augen hat zu sehen, hätte seine Wahrheit bestätigen können, nur Peter sträubt sich gegen diese offenkundige Tatsache und glaubt es nicht.

Doch das sagt der Satz nicht; vielmehr läßt er offen, ob Karl zum Forum gekommen ist oder nicht; er erwähnt nur die Tatsache, daß Peter es nicht glaubt, auch wenn Karl zum Forum gekommen sein sollte.

Eine ähnliche Bedeutungsambiguität finden wir bei dem Satz: „Petrus negat Corinnam in hortos ambulare.“ „Peter bestreitet, daß Corinna im Park spazierengeht.“ Wenn wir dem grammatischen Schein nachgeben und davon ausgehen, der Nebensatz handele von der Tatsache, daß Corinna im Park spazierengeht, sind wir versucht, eine semantische Paradoxie zu wittern, gleich der von George E. Moore in den Satz gemünzten: „Es regnet, aber ich glaube es nicht.“ – Doch der lateinische Satz läßt es offen, was sich im Park abspielt, und hält nur die Tatsache fest, daß Peter nicht glaubt, daß Corinna sich dort aufhält, gleichgültig ob sie sich tatsächlich im Park ergeht oder nicht.

Anders steht es mit dem Satz: „Carolus percipuit Camillam in popina laete cum Corinna fabulari.“ „Karl hat genau bemerkt, daß sich Camilla in der Kneipe vergnügt mit Corinna unterhalten hat.“ – Die lateinische Konstruktion des a. c. i. nach den verba sciendi als Prädikate des Hauptsatzes erlaubt und fordert sogar die sinngemäße Wiedergabe durch einen deutschen mit „daß“ eingeleiteten Nebensatz; denn solche Verben implizieren, daß es sich bei dem Inhalt des Erkannten und Gewußten um eine Tatsache handelt.

Wäre es nicht der Fall, daß sich Camilla in der Kneipe mit Corinna unterhalten hat, hätte Karl nur vorgeben können, es beobachtet zu haben, mit anderen Worten, er hätte lügen müssen. Und wenn er lügen würde, müßte er wissen, was zu wissen er abstreitet, nämlich, daß sich Camilla in der Kneipe mit Corinna unterhalten hat.

„Corinna suspicatur Carolum Romam fugisse.“ „Corinna hat Karl im Verdacht, nach Rom geflohen zu sein.“ – Der Satz sagt uns nichts über das tatsächliche Verhalten Karls, aber falls Corinnas Verdacht nicht unbegründet sein sollte, etwas über sein mögliches oder wahrscheinliches Verhalten und seine Einstellung zu ihr, mit der er vielleicht ein Liebesverhältnis hatte, dem er durch Flucht zu entkommen sucht. – Ein Verdacht ist eine Art Vermutung, die mehr oder weniger gut begründet sein kann; ist sie weit hergeholt, kommt sie dem Argwohn oder Mißtrauen gleich, das sich durch unscheinbare Indizien nur allzu leicht schüren läßt. Die Plausibilität der Vermutung bemißt sich an der Wahrscheinlichkeit des erwarteten Ereignisses: Je ferner die Provinz, in der Corinna lebt, von der Hauptstadt, als umso stärker müßte sie das Verlangen des enttäuschten Liebhabers veranschlagen, sie zu verlassen, falls sie annimmt, daß ihr Verdacht begründet ist.

Betrachten wir den Gebrauch des Reflexivpronomens im a. c. i.: „Claudia sperat Petrum sibi adesse.“ „Claudia hofft, Peter werde ihr helfen.“ – „Camilla desiderat Corinnam secum Romam proficisci.“ „Camilla sehnt sich danach, daß Corinna mit ihr nach Rom zu reist.“– „Corinna libenter meminit se cum Camilla Romam pervenisse.“ „Corinna erinnert sich gern daran, wie sie mit Camilla in Rom angekommen ist.“– Das Reflexivum vertritt das Subjekt des Hauptsatzes im a. c. i., doch es ist bemerkenswert, daß es durch das Subjekt nicht unmittelbar ersetzt werden kann, ohne daß dies zu Unklarheiten und Mißverständnissen führt. Denn wenn wir grammatisch korrekt formulieren: „Claudia hofft, daß Peter Claudia hilft“, könnte es sich bei der im Nebensatz genannten Claudia um eine andere Person als der im Hauptsatz genannten handeln. Diese Ambiguität kann nur durch den Gebrauch des Reflexivpronomens ausgeräumt werden. Analoges gilt auch von den anderen Beispielsätzen. Wir können Camillas Sehnsucht nach einer Romreise mit Corinna nur eindeutig wiedergeben, wenn sie selbst als Reisegefährtin ihrer Freundin genannt wird. Und ebenso können wir den Sachverhalt, daß sich Corinna an ihr eigenes Erlebnis erinnert, nur mit Hilfe des reflexiven Rückbezugs unmißverständlich zum Ausdruck bringen.

Wenn also Sokrates sagt: „Scio me nihil scire“ – „Ich weiß, daß ich nichts weiß“, könnten wir einwenden: Immerhin mußt du soviel wissen, daß du dich nicht mit einem anderen verwechselst, sondern von niemand anderem als von dir selbst sprichst. Und das ist mehr, als Sokrates anzunehmen gewillt ist, ja soviel mehr, daß er eigentlich nicht von sich behaupten könnte, nichts zu wissen; und wenn es nicht nichts ist, was er da an sich und bei sich selbst gefunden haben sollte, so müssen wir folgern, daß Sokrates sich widersprochen hat, wenn er von sich behauptete, nichts zu wissen.

Doch zu sagen, man wisse von einer Sache, ist etwas anderes, als zu sagen, daß man es wisse. In dem, was man von einer Sache zu wissen glaubt, kann man fehlgehen, nicht aber darin, es zu glauben oder zu sagen, man wisse es. ­Sokrates kann nicht darin irren, daß er von sich spricht, wenn er von sich spricht.

Diese philosophisch erhellende semantisch-grammatische Struktur können wir der korrekten Verwendung des Reflexivpronomens im lateinischen a. c. i. entnehmen.

„Sentio supra manum meam aquam fluere.“ „Ich fühle Wasser über meine Hand rinnen.“ Dies zu sagen ist etwas anderes als zu sagen: „Ich weiß, daß Wasser über meine Hand rinnt“; die grammatische Konstruktion mit dem a. c. i. bezieht mein Fühlen auf meine Hand, denn ich könnte auch sagen: „Ich fühle an der Hand das Wasser rinnen“; während die grammatische Konstruktion mit dem Nebensatz die Tatsache, daß Wasser über meine Hand fließt, auf mein Wissen bezieht.

Ich kann freilich nicht in dem Sinne wissen, daß Wasser über MEINE Hand fließt, wie ich wissen kann, daß Wasser über DEINE Hand fließt. Die Verwendung sowohl des Reflexivpronomens als auch des Possessivpronomens der 1. Person klären uns über den radikalen Bedeutungsunterschied in meiner Rede von meiner Hand und deiner Hand auf.

Denjenigen, der behauptet, etwas zu wissen, können wir fragen: „Weißt du es wirklich?“ Doch denjenigen, der behauptet, etwas zu fühlen, können wir nicht fragen: „Fühlst du es wirklich?“ – Etwas zu fühlen impliziert unmittelbar ein Selbstgefühl oder ein unmittelbares Selbstgefühl. Das Selbstgefühl oder die ursprüngliche Vertrautheit mit sich selbst oder mit der Tatsache, daß wir DA SIND, geht allen anderen Einstellungen in unserem Tun und Sagen voraus.

 

Mai 7 19

Philosophie und Grammatik VII

Man hat es oder man hat es nicht.

„Er hat viel Geld.“
„Sie hat blonde Haare.“
„Inseln haben keine natürliche Verbindung zum Festland.“
„Die Komplementärwinkel eines rechtwinkligen Dreiecks haben eine Winkelsumme von 90 Grad.“
„Junggesellen haben keine Gattin.“
„Peter hat Hans zum Freund.“
„Eben lief eine kleine Spinne über meine Hand.“
„Hans hat Kopfweh.“
„Ich habe Kopfweh.“

Wir verwenden das Verb „haben“ in vielfacher Bedeutung; bisweilen führt der gleiche grammatische Bau von Sätzen, in denen „haben“ mit unterschiedlicher Bedeutung verwendet wird, zu gedanklicher Verwirrung und philosophischen Aporien.

„Er hat viel Geld.“„Sie hat blonde Haare.“ – Man kann davon reden, daß einer viel oder wenig Geld hat, und meint damit, er sei reich oder arm. Doch die Blondine besitzt keine blonden Haare in dem Sinne, wie der Reiche viel Geld oder Aktien besitzt. Das naturblonde Haar ist ein Teil oder eine wesentliche Eigenschaft der Blondine, das viele Geld ist keine wesentliche Eigenschaft des Menschen, der es besitzt. Wenn die Blondine sich das Haar schwarz färben läßt und sich in eine Schwarzhaarige verwandelt, geschieht dies aufgrund einer physikalischen Veränderung, wenn der reiche Aktienbesitzer arm wird, geht dies auf einen nichtphysikalischen Wechsel der Eigentumstitel von Aktien oder Wertpapieren zurück. Bei ihr sind es Moleküle, bei ihm sind es Zahlen.

Sätze wie „Sie hat blonde Haare“ und „Er hat viel Geld“ sind deskriptive Aussagen, die wir verwenden, um jemanden auf das Aussehen oder den Vermögensstatus einer Person hinzuweisen. Wir müssen mit der Verwendung ihrer deskriptiven Terme wie „blond“, „Haare“ und „Geld“ schon bekannt sein, um sie in der geeigneten Situation korrekt verwenden zu können.

Wir können auf einen Mann zeigen und sagen, er habe viel Geld, ohne daß ihm die Scheine aus der Geldbörse quellen; der Mann trägt einen schicken Markenanzug, eine wertvolle Uhr und steigt in eine Limousine ein, deren Tür ihm ein uniformierter Fahrer öffnet. Aus seinem Auftreten schließen wir auf seinen sozialen Status. In diesem Fall ist der Satz „Er hat viel Geld“ nicht deskriptiv, sondern metaphorisch gebraucht, so wie wir von ihm sagen könnten, er sei ein feiner Pinkel, ein Snob, ein Magnat oder ein Tycoon.

Wenn tätowierte Eckensteher oder dunkle Tunichtgute einer Frau nachpfeifen und blöde Witze reißen, sagst du: „Sie hat blonde Haare!“ Doch damit willst du mir nicht die Haarfarbe einer Frau beschreiben, sondern den Grund nennen, warum der Mob ihr nachpfeift und sich das Maul zerreißt. Dein Hinweis ist metaphorisch, als würdest du sagen, naturblonde Frauen gelten in den Augen dieser trüben Gäste eo ipso für Schlampen.

„Inseln haben keine natürliche Verbindung zum Festland.“ – Diesen Satz können wir in den sinngleichen Satz umformen: „Inseln sind ganz von Wasser umgeben.“ Der Satz ist wider den Anschein kein deskriptiver Satz, sondern eine Definition dessen, was wir unter einer Insel verstehen. Sie könnte auch lauten: „Jedes Land, das ganz von Wasser umgeben ist, nennen wir eine Insel.“

Vergleichen wir den Satz „Inseln haben keine natürliche Verbindung zum Festland“ und seine korrekte definitionsgemäße Umformung „Jedes Land, das ganz von Wasser umgeben ist, nennen wir eine Insel“ mit dem folgenden Satz: „Nervenbahnen haben keine natürliche Verbindung zu dem Erlebnis, das sie hervorrufen.“ – Etwas ist merkwürdig an diesem Satz; es ist klar, daß Nerven die Verbindungen zueinander haben, die sie haben, und wären sie unterbrochen, käme es zu gesundheitlichen Problemen und fatalen Einschränkungen des Betroffenen, bei dem Nervenstränge etwa aufgrund eines Unfalls durchtrennt worden wären. – Der Satz ist ungeachtet des grammatischen Scheins nicht deskriptiv und spricht nicht über eine empirische Tatsache. Dennoch ist er offenkundig auch kein logischer Satz und keine Definition.

Der Satz drückt eine semantische Schwierigkeit aus und sagt etwa: Die Nervenimpulse laufen ungehindert durch die Nervenbahnen; dann gewahren wir eine Stelle, beispielsweise in einem Hirnzentrum, von der wir annehmen, daß dort jene Ereignisse stattfinden, die wir als die Empfindung einer Farbe und eines Geschmacks oder als das Gefühl von Traurigkeit erleben. Der Übergang vom Nervenimpuls zum Erlebnis, so drückt es der Satz aus, scheint nicht natürlich zu sein – doch dies ist nur eine pseudo-empirische Ausdrucksweise für die semantisch-logische Tatsache, daß wir die Sprache, in der wir von Nervenimpulsen sprechen, nicht ohne weiteres in die Sprache übersetzen können, in der wir von Erlebnissen sprechen. Es gibt keine Verbindung oder Brücke, will der Satz sagen, zwischen der Ausdrucksweise, in der wir von neuronalen Ereignissen, und der Ausdrucksweise, in der wir von Erlebnissen sprechen.

Oberflächlich betrachtet sagt uns der Satz „Inseln haben keine Verbindung zum Festland“: Sorgfältige geographische und geologische Forschung hat ergeben, daß alle bis dato untersuchten Inseln eine natürliche Verbindung zum Festland vermissen lassen. Man könnte ergänzen: Doch warten wir ab, man kann ja nicht wissen, morgen vielleicht schon entdecken sie eine Insel, die eine natürliche Verbindung zum Festland hat.

Aber dies ist natürlich Unsinn; denn der Satz meint ja gerade: Inseln können definitionsgemäß keine natürliche Verbindung zum Festland haben. Hier gilt es, den logisch-semantischen Sinn von „können“ zu klären. Denn freilich, obwohl der Satz, Inseln könnten keine Verbindung zum Festland haben, wie eine empirische Aussage über eine faktische Wahrheit ausschaut, bezeichnet das mit ihm gemeinte „Nichtkönnen“ keine physische Beschränkung, sondern eine logische Unmöglichkeit.

Es ist ja empirisch nicht unmöglich, daß einer unweit vom Festland gelegenen Insel aufgrund geologischer Veränderungen und Prozesse der Versandung und Verlandung eine Verbindung zum Festland gleichsam zuwächst. Aber dann ist dieses Stück Erde keine Insel mehr, sondern gehört zu dem Festland, mit dem es nunmehr verwachsen ist.

„Die Komplementärwinkel eines rechtwinkligen Dreiecks haben eine Winkelsumme von 90 Grad.“ – Dieser Satz ist wider allen Anschein kein deskriptiver Satz, dessen wahrer Gehalt aufgrund langjähriger empirischen Untersuchung von rechtwinkligen Dreiecken festgestellt worden ist; er ist vielmehr die Folge eines einfachen logischen Arguments: Wenn ein Winkel eines Dreiecks ein rechter ist, muß die Summe der beiden anderen Winkel ebenfalls 90 Grad ergeben, denn die Summe der Winkel eines jeden Dreiecks beträgt 180 Grad.

„Junggesellen haben keine Gattin.“ – Wenn Peter ein Junggeselle ist, hat er keine Gattin. Wenn er ein Junggeselle ist, kann er keine Frau haben. Hier ist der logische Sinn in der Verwendung von „können“ mit Händen zu greifen; denn daß der Junggeselle Peter keine Frau haben kann, weist nicht, auch wenn es so klingen mag, auf eine empirische Schranke (als habe er ein physisches oder seelisches Leiden, das ihm eine Heirat versagt), sondern auf eine logische Notwendigkeit: Ein Mann, der als Junggeselle lebt, ist per definitionem (und nicht aufgrund einer empirischen Tatsache) unverheiratet.

Wir finden die logische Notwendigkeit auch in jedem wohlgeformten logischen Argument: Wenn Lehrer Schüler unterrichten und Peter Lehrer ist, dann unterrichtet Peter Schüler. Peter könnte, mit anderen Worten, nicht Lehrer sein, ohne Schüler zu unterrichten. Wenn alle Punkte auf der Kreislinie den Abstand s zum Kreismittelpunkt haben und P ein Punkt auf der Kreislinie ist, dann hat P den Abstand s zum Mittelpunkt.

Peter ist hervorragend im Rechnen und kann uns auf Anhieb sagen, ob eine zufällig genannte natürliche Zahl zwischen 2 und 1000 eine Primzahl ist. Doch leider ist Peter nicht so exzellent im Rechnen, daß er uns die größte Primzahl nennen kann. Peters Fähigkeit im Rechnen ist eine empirische oder psychologische Tatsache; doch seine Unfähigkeit, die größte Primzahl anzugeben, beruht nicht auf seinem natürlichen oder geistigen Unvermögen, sondern auf einer logischen Unmöglichkeit, denn wie seit der Antike bekannt, läßt sich zu jeder gegebenen Primzahl eine größere angeben und berechnen, sodaß der Ausdruck „die größte Primzahl“ kein deskriptiver Ausdruck ist und überhaupt keine Zahl benennt.

„Peter hat Hans zum Freund.“ – Dieser deskriptive Satz kann in den gleichsinnigen Satz umgeformt werden: „Peter ist mit Hans befreundet.“ Die Umformung zeigt, daß in dem Ausgangssatz „Peter hat Hans zum Freund“ wider den grammatischen Anschein nicht der Person Peter eine Eigenschaft zugesprochen wird, sondern den beiden Personen Peter und Hans zusammen eine Eigenschaft, nämlich die Eigenschaft, miteinander befreundet zu sein. Wir mißverstehen den Satz, wenn wir ihn so verstehen wie den Satz: „Peter und Hans besitzen zusammen einen Garten“, als würden sich Peter und Hans einen ominösen Gegenstand namens Freundschaft teilen. Vielmehr sagt der Satz, daß die beiden Freunde sind, und das heißt schlicht, daß sie sich so zueinander verhalten, wie es Freunde nun einmal zu tun pflegen.

„Eben lief eine kleine Spinne über meine Hand.“ – Wenn das ein einfacher deskriptiver Satz ist, könnte der Gedanke, den er ausdrückt, nicht soeben auch ein anderer, du vielleicht, unabhängig von diesem seinem sprachlichen Ausdruck, gedacht haben? Dies ist aus zwei Gründen nicht möglich: Wir können keinen Gedanken denken ohne den Satz, der ihn zum Ausdruck bringt. Und hättest du diesen Gedanken gedacht, müßte sein sprachlicher Ausdruck lauten: „Soeben lief eine kleine Spinne über SEINE Hand.“ Doch damit geraten wir in eine semantisch-logische Aporie: Denn der Satz „Soeben lief eine kleine Spinne über SEINE Hand“ drückt einen anderen Gedanken aus als der Satz: „Soeben lief eine kleine Spinne über MEINE Hand.“

Unsere Unfähigkeit, den Gedanken, den ein deskriptiver Satz ausdrückt, ohne diesen Satz zu denken, ist genausowenig eine psychologische Unfähigkeit, wie das Scheitern der Wiedergabe meines Gedankens „Soeben lief eine kleine Spinne über meine Hand“ durch deinen Satz „Soeben lief eine kleine Spinne über seine Hand“ auf ein sprachliches Unvermögen zurückgeht.

„Hans hat Kopfweh.“ – „Ich habe Kopfweh.“ – Es ist klar, daß beide Sätze trotz ähnlichen syntaktischen Baus nicht vergleichbar sind, weil sie ganz Unterschiedliches bedeuten. Der Satz „Hans hat Kopfweh“ ist deskriptiv; das erkennen wir anhand eines typischen Anwendungskontextes, wenn beispielsweise Peter sich mit Karl und Hans verabredet hat, Karl aber nicht wie vereinbart gemeinsam mit Hans zum Treffpunkt gekommen ist und auf Peters Frage, weshalb Hans nicht mitgekommen sei, sagt: „Hans hat Kopfweh.“ Woher weiß er das? Nun, als Karl ihn zu ihrem Freundestreffen mit Peter abholen wollte, sagte Hans zur Begründung, daß er heute nicht mitkommen könne: „Ich habe Kopfweh.“

Es sieht demnach so aus, als würde, was Hans von sich sagt, Karl im gleichen Sinne von Hans sagen. Doch das stimmt nicht. Denn Karl sagt etwas über Hansens Befinden, von dem er aus dessen Mund erfahren hat; wogegen Hans nicht etwas über sein Befinden sagen kann, das er aus dem Mund von Karl erfahren haben könnte.

Sollen wir diese seltsame Asymmetrie des Erfahrungszugangs hinsichtlich des Kopfwehs von Hans so beschreiben: Hans habe einen unmittelbaren, direkten, zweifelsfreien Zugang zu seinen inneren Zuständen, während alle anderen wie Karl dieser Zugang verwehrt ist und sie vom Befinden von Hans nur aufgrund der Beobachtung seines Benehmens und seiner Selbstaussagen wissen können?

Gewiß, Karl könnte sich irren oder getäuscht werden, wenn Hans nur so tut und vorgibt, Kopfweh zu haben, aber in Wahrheit keine Schmerzen verspürt, und in den vorgetäuschten Kopfschmerzen eine probate Ausrede hernimmt, um dem Treffen mit den Freunden auszuweichen, zu dem er heute nicht aufgelegt ist. – Doch weder kann Hans, wenn er kein Kopfweh hat, vor sich selber so tun oder sich dahingehend täuschen, als habe er welches, noch kann er, wenn er Kopfweh hat, vor sich selber so tun und sich dahingehend täuschen, als habe er keins.

Der Satz: „Ich habe Kopfweh“ ist nicht deskriptiv, auch wenn er dem Satz: „Hans hat Kopfweh“ ähnlich sieht; wir könnten ihn expressiv oder evokativ nennen, denn er beschreibt nichts, sondern drückt etwas aus, nämlich das wirkliche oder vorgebliche Befinden dessen, der ihn ausspricht. – Wir können Karl, der von Hans behauptet, er habe Kopfweh, fragen, ob er sich nicht irre oder getäuscht worden sei; doch wir können denjenigen, der sagt: „Ich habe Kopfweh“ nicht fragen, ob er sich nicht irre oder getäuscht worden sei.

 

Mai 6 19

Philosophie und Grammatik VI

Wer? Was?

„Wer ist da (das)?“ – „Wer ist alles gekommen?“ – „Was liegt dort auf der Matte?“ – „Was hast du mir da Schönes mitgebracht?“ – „Und was geschah dann?“ – „Was hat er gesagt?“

Wir fragen nach einem Gegenstand (Wortfrage) oder einem Sachverhalt (Satzfrage).

Die Wortfrage wird durch das Fragewort „Wer?“ klar markiert, dem Fragewort „Was?“ dagegen steht es nicht an der Stirn geschrieben, ob es sich um eine Wortfrage oder eine Satzfrage handelt.

Zur Verdeutlichung des Fragesinns und um den Unterschied zwischen Wort- und Satzfrage ans Licht zu heben, können wir die Fragesätze umformen; so erhalten wir:

„Wer ist dieser Mann (diese Frau) da?“ – „Welche Leute sind alle gekommen?“ – „Welches Tier liegt dort auf der Matte?“ – „Was für ein Geschenk (welche Blumen) hast du ihr mitgebracht?“ – „Wie ging es dann weiter?“ – „Welchen Satz hat er geäußert?“

Die Fragen enthüllen ihre Bedeutung, wenn wir sie im Umfeld ihrer möglichen und sinnvollen Anwendung betrachten. Der Anwendungskontext tritt jeweils in den erweiterten Fragen zutage; wir fragen nach Personen, wenn wir fragen „Welcher Mann, welche Frau, was für Leute“, wir geben die zugehörige Art an, wenn wir fragen „Was für ein Tier?“ oder „Was für Blumen?“ und erwarten „der Hund“, „die Katze“ oder „Rosen, Chrysanthemen, Lilien“ zur Antwort.

Was dann geschah, läßt sich nicht mit einem Wort sagen, und was er gesagt hat, muß mindestens ein Satz sein. Doch wir können auch Satzfragen bilden, die nur mit einem Wort, einem Ja oder Nein, zu beantworten sind wie: „Wohnt er noch bei seinen Eltern?“ Diese Frage signalisieren wir im Deutschen mittels der Umkehrung der Satzstellung, der Inversion, während der volle Fragemodus in anderen Sprachen wie dem Französischen deutlicher hervortritt: „Est-ce quʼil habite toujours chez ses parents?“

Wenn einer, von einem Geräusch aus dem Schlaf geschreckt, ausruft: „Wer da?“, verstehen wir, was er meint; immerhin, so können wir sagen, wer so fragt, erwartet eine Antwort – insofern impliziert die Frage, daß er nicht davon ausgeht, ein Tier habe das Geräusch verursacht.

Wir kennen das Spiel, das Kinder mögen, einen Freund zu überraschen und ihm von hinten mit beiden Händen die Augen zuzuhalten. „Wer ist das?“, mag der Überraschte fragen, wenn er nicht weiß, um welchen Schelm es sich wohl handeln mag. „Bist du’s?“, mag Peter ausrufen und seinen Freund Hans meinen, wenn er mit Hans verabredet ist.

Peter und Hans waren Spielkameraden und haben lange dieselbe Schulbank miteinander gedrückt. Die Zeitläufte haben sie sich aus den Augen verlieren lassen. Im vorgerückten Alter kommt es zu einer Wiederbegegnung; doch nicht nur die Spuren des Alters machen es Peter schwer, Hans wiederzuerkennen, Hansens Gesicht ist zudem infolge eines schweren Unfalls gezeichnet und entstellt. Die beiden erscheinen zum verabredeten Treffpunkt; da mag Peter fragen: „Bist du es?“

Wenn Peter mit der Frage einen Zweifel an der Identität seines Gegenübers äußern würde, könnte er leicht ausgeräumt werden: Hans erinnert seinen alten Freund an die gemeinsamen Tage der Kindheit und erwähnt diesen und jenen Bubenstreich, für den sie mit Stubenarrest büßen mußten, oder an Helga, die mit Peter kokettiert hat, aber dann doch mit Hans gegangen ist.

Doch nehmen wir an, Peter träumt davon, seinen alten Freund Hans wiederzusehen; doch er sieht im Traum so fremd, so anders aus, als er in der Jugendzeit war, geradezu entstellt, sodaß Peter ihn zweifelnd fragt: „Bist du es wirklich?“ Und Hans erzählt ihm zur Bestätigung von einem jener gemeinsam vollbrachten Bubenstreiche, für den sie mit Stubenarrest büßen mußten. – Würden wir sagen, dadurch sei Peters Frage nach der Identität der Traumgestalt ausgeräumt?

Der Traum, können wir sagen, ist kein adäquater Anwendungskontext für Fragen wie „Bist du es?“ oder „Wer ist da?“ Ja, er ist überhaupt kein Ort, Fragen zu stellen, auf die wir Antworten erwarten dürften, deren Sinn einer Überprüfung standhielte.

Hans hat zum Treffen mit Peter alte Fotos mitgebracht, die beide im Kreise anderer Schulkameraden und mit dem ehemaligen Klassenlehrer zeigen. Würden freilich solche Bilder Peter im Traum vor Augen kommen, wären sie wie Bilder, die beim ersten Tageslicht verblassen, und ihr Zeugniswert entspräche dem Wert von selbst gemalten Phantasiegeldscheinen, die an der Supermarktkasse nicht angenommen würden.

Für im Traum gesehene Bilder kennen wir keine öffentliche Instanz, wo sie als Beweismittel eingebracht und geltend gemacht werden könnten.

Wäre Peter ein Protagonist in einem Theaterstück, in dem er in der Dämmerung von einem Geräusch aufgeschreckt wird, und auf seine bange Frage „Wer ist da?“ würde der Schauspieler, der seinen Freund Hans spielt, antworten „Ich bin’s!“, könnten wir nicht fragen, ob Peter durch Hansens Antwort nicht getäuscht werden könnte, und der Schauspieler, der Peter spielt, könnte sich nicht fragen, ob sein Kollege, der Hans darstellt, ein anderer sein könnte; das hieße ja, ihm zu unterstellen, er hätte sich im Stück geirrt.

In fiktionalen Kontexten wie einer Erzählung oder einem Theaterstück verlieren Fragen wie „Wer ist da?“ oder „Wie heißt du?“ ihren normalen Sinn, denn die Äußerungen, die als ihre Beantwortung laut werden, können ähnlich wie in Träumen nicht angezweifelt werden. Fiktionale Kontexte berauben, könnten wir sagen, solche Fragen ihres alltagssprachlichen Gewichts, das ihnen die Forderung nach Wahrhaftigkeit oder die Wahrheitsbedingung verleihen.

Natürlich könnte es sich um eine Verwechslungskomödie handeln, in der Peter nach langer Zeit seinem Jugendfreund Hans wiederzubegegnen glaubt, doch ohne es zunächst zu bemerken, trifft er nicht auf Hans, sondern auf dessen Zwillingsbruder Karl, der sich als Hans ausgibt, um ihn an der Nase herumzuführen oder ihm ein Geheimnis zu entlocken. Doch Peter kommt ihm auf die Schliche, denn wie die greise Magd bei Homer den alt gewordenen Odysseus an seiner Narbe am Fuß erkennt, die er schon als Kind hatte, erkennt Peter Karl an seiner Stimme, als er auf seinen Wunsch ein Lied zum besten gibt, das nur er, Karl, mit solcher Klarheit und solchem Ausdruck damals gesungen hat, als sie in ihrer Jugend zu dritt auf Wanderschaft waren.

Freilich, die Komödie ist ein Spiel, und die gespielte Erinnerung (Peters an Karls Singstimme) ist, wie wir sagen, keine wahre Erinnerung, und die vorgetäuschte Identität (Karls in der Maske von Hans) ist im fiktionalen Kontext eine doppelte Täuschung und hebt sich somit gleichsam auf. Denn der Schauspieler, der Peter spielt, weiß ja, daß Karl, der im Stück so tut, als sei er Hans, in Wahrheit nicht Karl ist, sondern sein Schauspielkollege, der Karl spielt, und wenn er weiß, daß er nicht Karl ist, kann der vermeintliche Karl ihn auch nicht darin täuschen, nicht Karl, sondern Hans zu sein.

Wir kennen das Theater auf dem Theater aus Shakespeare, Tieck oder Ionesco. Wir können das Spiegel-Spiel also noch weiter treiben und annehmen, es handele sich um eine romantisch-dialektische Verwechslungskomödie, in der Schauspieler Schauspieler spielen, die aus ihren Rollen fallen und die Masken wechseln; dann spielt der Schauspieler, der Karl spielt, gegenüber dem Schauspieler, der Peter spielt, die Rolle von Hans, und Karl weiß, daß Peter weiß, daß er ihm nur die Maske seines Jugendfreundes vorhält. Wenn nun der vermeintliche Hans auf Peters Wunsch das Lied aus der Jugendzeit anstimmt, könnte Peter nicht vorgeben, an der Klarheit und dem Ausdruck seines Vortrags die Stimme seines Freundes Hans zu erkennen; denn die jetzt erkennbare Stimme ist ja, wie im doppelbödigen Spiel ausgemacht, nur mehr die Stimme des Schauspielers, der den Schauspieler spielt, der in der Maske von Hans auftritt.

Wir können den fiktionalen Kontext demnach in einer Weise verdichten und überbieten, daß die Frage „Wer bist du?“ gleichsam entweder keine Resonanz mehr findet oder wie ein sich in unendlicher Ferne verlierendes Echo verhallt. Denn was bedeutete die Antwort „Ich“ aus dem Mund des Schauspielers, der einen Schauspieler spielt, der vorgibt Hans zu sein, aber Hans als Maske des Schauspielers Karl?

Würden wir unser Leben als Theaterstück auffassen, in dem jeder wüßte, der andere spiele die Rolle, die der eigenen spiegelbildlich zugeordnet wäre, die Rolle von Mann und Frau, Eltern und Kindern, Liebendem und Geliebter, Lehrer und Schülern, und diese Rollen hafteten gleichsam nur leicht wie Masken auf den Gesichtern, die jederzeit abgenommen und durch andere ersetzt werden könnten, gäbe es keine unbedingte Verpflichtung, auf die Frage „Wer bist du?“ zu antworten, dein Mann, dein Vater, dein Geliebter, dein Lehrer. Die sittliche Ordnung, die eindeutige Antworten auf die Frage „Wer?“ erheischt, wenn gefragt wird „Wer ist unser Freund, wer ist unser Feind?“, „Wer hat ein gültiges Ticket und wer ist ein blinder Passagier?“,  „Wer hat den Betrug, Diebstahl, den Mord begangen?“ oder „Wer hat das Versprechen, den Treuebund, den Vertrag gebrochen?“, wäre dahin. So verwandelte sich die Welt in ein barockes Pandämonium und einen modrigen Garten der Lüste, in dem die süßesten Früchte noch jene wären, die Vergessen schenkten.

Im Märchen kann es geschehen, daß die schöne Prinzessin in eine Nachtigall verzaubert wird, und der traurige Jüngling, der sie liebt, sitzt unter dem Baum und lauscht ihrem Gesang; ja, im Gesang des Vogels glaubt er die süße Stimme der Geliebten zu erkennen. Und wenn der Vogel von Zweig zu Zweig hüpft, von Strauch zu Strauch fliegt, mag der Jüngling bang ausrufen: „Wo bist du?“, und er hört sie antworten: „Hier bin ich, hier!“

Auf die Frage „Wer von diesen ist dein Freund Hans?“ zeigt Peter mit dem Finger auf dem alten Foto die Stelle, wo Hans umringt von den Schulkameraden abgebildet ist. Ist Hans das Bild des Körpers dieses kleinen Jungen? – Nein, müßten wir sagen, Hans ist die Person, die damals in jene Schule ging, wo das Foto gemacht wurde, und heute da und dort lebt. Doch auch auf jenen Hans, der da und dort lebt, können wir nur zeigen, wenn er aus dem Haus tritt und über die Straße geht. Ist Hans nicht der Körper dieses alten Mannes? – Nein, müßten wir sagen, denn wenn wir auf Hans, der die Straße entlanggeht, mit dem Finger zeigen, meinen wir nicht den materiellen Gegenstand, auf den unser Finger zufällig weist, nicht seinen Kopf, seine Brust, seinen Leib, sondern Hans. Ist Hans also ein immaterieller Gegenstand, eine Art ätherische Substanz, die gleichsam in seinem Körper eingeschlossen ist und ihm das Leben dessen verleiht, den wir Hans nennen? – Nein, müßten wir sagen, Hans ist nicht ein Gespenst, das in seinem Körper gefangen ist und wie die Seelen bei Homer einem Wölkchen gleich aus dem klaffenden Mund entweichen könnte, wenn er stirbt; nein, wenn Hans gestorben wäre, dächten wir an ihn, wie er leibte und lebte.

Was geschieht dem Jüngling im Märchen, wenn er in der Dämmerung unter dem Baum einschläft, wo er der süßen Stimme der verzauberten Prinzessin gelauscht hat, und er erwacht in der Nacht und rings ertönen die Gesänge vieler Nachtigallen, wie soll er die Stimme der einen noch erkennen? Ach, das kann er nicht. Rettung ist, wenn er sich des Zauberworts erinnert und es ausspricht, und so die Nachtigall sich wieder in die Gestalt der Angebeteten verwandelt.

 

Mai 5 19

Philosophie und Grammatik V

Aus der Lehre vom Satz

Warum, wäre man verleitet zu fragen, sind unsere Gedanken satzförmig oder laufen am Gängelband der Satzfunktion und warum scheinen gerade Sätze die gleichsam weich gefütterten Etuis für unsere Gedanken zu sein? Könnten sie nicht auch das harte Prokrustesbett darstellen, aus dem sie hervorstrampeln, und wir schneiden ihre überstehenden Teile ab, daß sie nur ja hineinpassen?

„Er hätte noch mehr sagen können, er hüllte sich aber in Schweigen.“ Hier wird von etwas ausgesagt, daß es nicht gesagt, von etwas Sagbarem gesagt, daß es verschwiegen wird. Dies ist nur scheinbar paradox; denn eine Kladde mit der Aufschrift „Geheimes Tagebuch“ läßt vermuten, dort stehe allerlei, was neugierigen und unwürdigen Blicken zu sehen nicht erlaubt ist – doch die Blätter hinter dem ominösen Titel könnten auch leer sein.

Wir können nicht denken, was wir nicht sagen können, und wir können das Undenkbare nicht sagen.

Die unverbundenen Worte „Regen“ und „Spaziergang“ drücken keinen Gedanken aus, die Wortverbindung „Spaziergang im Regen“ drückt keinen Gedanken, sondern eine Vorstellung aus, die Sätze „Es regnete und wir gingen spazieren“ sowie „Obwohl es regnete, gingen wir spazieren“ drücken Gedanken aus, der erste zwei innerlich nicht zusammenhängende, der zweite zwei innerlich zusammenhängende Gedanken.

Weder die Bedeutung von einfachen noch von komplexen Sätzen wie dem Satz „Obwohl es regnete, gingen wir spazieren“ ergibt sich aus der Verknüpfung von Vorstellungen, die mehr oder weniger sinnvoll zusammenpassen wie bei den Vorstellungsbildern „Regen“ und „Spaziergang“; denn mit der konzessiven Konjunktion „obwohl“ verbinden wir überhaupt kein Vorstellungsbild, ohne daß uns dies daran hinderte, den komplexen Satz „Obwohl es regnete, gingen wir spazieren“ zu verstehen.

Man sagt, der deutsche Satz „Es regnete und wir gingen spazieren“ habe dieselbe Bedeutung wie der englische Satz „It was raining and we went for a walk“, demnach müsse die Bedeutung etwas sein, was in beiden Fällen identisch ist, sich aber je nach Sprache oder Medium unterschiedlich manifestiere – ähnlich wie Wasser H2O ist, gleichgültig, ob es sich einmal als Regen, einmal als Schnee manifestiere.

Doch diese Erklärung der Satzbedeutung ist trügerisch, denn was Sätze meinen, ist keinem Objekt ähnlich, wie etwa die Person Peter, die wir mit seinem Namen benennen. Wäre die Bedeutung des deutschen Satzes „Es regnete und wir gingen spazieren“, ein Gegenstand, wenn auch ein abstrakter, wie die Formel H2O für alle Manifestationen dieses Stoffes, woher wüßten wir, daß die Bedeutung des entsprechenden englischen Satzes derselbe Gegenstand ist? Um zu entscheiden, daß beide Bedeutungen synonym sind, müßten wir die abstrakten Gegenstände, die ihre Bedeutung sein sollen, miteinander vergleichen, und ein dritter Gegenstand, dem sie wie ein Ei dem anderen glichen, müßte als Kriterium ihrer Identität herhalten; und so weiter ad infinitum.

Die Bedeutung von Sätzen ergibt sich weder aus der Verknüpfung von Vorstellungsbildern noch aus dem Bezug auf abstrakte Gegenstände; sie erhalten ihre Bedeutung erst durch ihre Einbettung in einen Anwendungskontext. So bedeutet der Satz „Es regnete und wir gingen spazieren“ genauso wie sein englischer Zwilling etwas anderes, wenn er als datierte Notiz eines Tagebuchs verwendet wird, etwas anderes, wenn er sich im fiktionalen Kontext einer literarischen Erzählung findet. Im ersten Fall kann sich der Tagebuchschreiber geirrt haben, weil er in Wahrheit nicht gestern, sondern vorgestern mit seinem Freund im Regen spazierenging; im zweiten Fall kann sich der Autor des Romans nicht irren, und der fiktionale Zusammenhang ließe es auch nicht zu, den Satz als irrig zurückzuweisen, weil einer herausgefunden zu haben wähnt, daß es in Wahrheit an dem betreffenden Tag, den die narrative Fiktion meint, nicht geregnet habe. Ein Kriterium unter anderen, die uns auf den Bedeutungsunterschied von Sätzen aufmerksam machen, ist demnach die vorhandene oder fehlende Geltung der Wahrheitsbedingung oder die logische Möglichkeit des Irrtums.

Betrachten wir folgende komplexe Sätze oder Satzverknüpfungen:

1. „Weil es regnete, blieben wir zu Hause.“
2. „Weil es regnete, schwoll der Bach an.“
3. „Weil Regen droht, fliegen die Schwalben niedrig.“

Satz 1 können wir so umformen: „Es regnete, und deshalb blieben wir zu Hause.“ Die adverbielle Bestimmung „deshalb“ zeigt den inneren Zusammenhang der beiden Sätze auf; die Tatsache, daß es regnete, war der Grund für uns, die Wohnung nicht zu verlassen. Für „Grund“ können wir auch sagen: Motiv, Beweggrund oder Anlaß. Wir können die Umformung noch weiter treiben und etwa formulieren: „Angesichts des Regens verwarfen wir die Absicht spazierenzugehen und blieben zu Hause.“

Der Grund ist nicht die Ursache für unser Verhalten; denn wir könnten auch trotz Regens unsere ursprüngliche Absicht verwirklichen und uns mit Regenschirmen bewaffnet nach draußen wagen. Wäre das schlechte Wetter die Ursache für unser Verhalten, hätten wir keine andere Wahl, als zu Hause zu bleiben. Doch dies sagt der Satz nicht.

Satz 2 können wir so umformen: „Es regnete und infolgedessen schwoll das Wasser des Baches an.“ Die Folge, die hier angesprochen wird, ist freilich keine logische Folge, sodaß wir etwa sagen müßten: „Immer wenn es geregnet hat, schwillt der Bach an“, denn es mag manchmal vorkommen, daß der Bach nicht anschwillt, obwohl es geregnet hat, oder daß der Bach anschwillt, auch wenn es nicht geregnet hat (und seine Quelle heftiger strömt).

Die Tatsache, daß der Bach anschwoll, so sagt uns der Satz, ist die Wirkung der Ursache des Regens; das den Nebensatz einleitende „weil“ ist demnach eine rein kausale Konjunktion. Das merken wir, wenn wir den Satz noch auf folgende Weise umformen: „Je mehr es regnete, desto mehr schwoll der Bach an.“

Die beiden Sätze 1 und 2 drücken demnach völlig verschiedene Gedanken aus, auch wenn die Gleichheit ihres grammatischen Baus diese semantische Tatsache verhüllt. Der erste macht uns mit dem Motiv bekannt, das uns dazu bewog, zu Hause zu bleiben; der zweite belehrt uns über die natürliche Ursache eines natürlichen Phänomens.

Es scheint, als könnten wir Satz 3 „Weil Regen droht, fliegen die Schwalben niedrig“ auf folgende Weise umformen: „Es droht Regen und aus diesem Grunde fliegen die Schwalben niedrig“; indes, die Tatsache, daß schlechtes Wetter im Anzug ist, bewegt oder beflügelt Schwalben nicht zum Tiefflieg. Auch mit der Umformung „Die Tatsache, daß Regenwolken im Anmarsch sind, bewirkt, daß die Schwalben niedrig fliegen“ kommen wir nicht weit, denn der mit einer Schlechtwetterphase verbundene niedrige Luftdruck bewirkt nicht den Tiefflug der Vögel, sondern drückt die Masse der Insekten Richtung Erdboden, und infolgedessen fliegen die Schwalben tief, denn Insekten sind ihre Hauptnahrung.

Weil der von unserem Satz suggerierte kausale Zusammenhang nicht gegeben ist, müssen wir ihn verwerfen und statt seiner korrekt formulieren: „Wenn Regen droht, fliegen die Schwalben tief.“

Manchmal sind wir geneigt, statt: „Weil es regnete, blieben wir zu Hause“ zu sagen: „Wenn es nicht geregnet hätte, wären wir nicht zu Hause geblieben.“ Doch verneinte Sätze im irrealen Konditionalis haben ihre Tücken, denn sie suggerieren uns einen inneren Zusammenhang der verknüpften Teilsätze, der in Wahrheit nicht vorhanden ist; denn wir hätten auch zu Hause bleiben können, auch wenn es nicht geregnet hätte. Die Verknüpfung der Gedanken, die jeweils vom Haupt- und vom Nebensatz ausgedrückt werden, ist in solchen Fällen, wider allen Anschein, kontingent oder rein hypothetisch wie in dem Satz: „Hätte er seine Geigenstunden nicht so sträflich vernachlässigt, wäre er bei seinem Talent heute Mitglied des Symphonieorchesters.“ Doch auch wenn er seine Geigenstunden immer brav absolviert hätte, wäre er vielleicht heute genau das, was aus ihm nun einmal geworden ist.

Mit der Konjunktion „weil“ oder „dadurch, daß“ eingeleitete Begründungssätze und Kausalsätze sind logisch weder symmetrisch noch transitiv, wie wir an folgenden Beispielen sehen: „Weil Sokrates der Lehrer Platons war und Platon der Lehrer des Aristoteles, war Sokrates der Lehrer des Aristoteles.“ Oder: „Weil Peter mit Hans befreundet ist und Hans mit Helga, ist Peter mit Helga befreundet.“ Oder: „Weil Wasser unter null Grad Celsius zu Eis gefriert und Eis aus Kristallen besteht, besteht Wasser aus kristallen.“

Weil die grammatische Form und die Verknüpfung der Gedanken in Begründungs- und Kausalsätzen oft intransparent und opak sind, müssen wir sie analytisch auflösen, um ihre Bedeutung ins rechte Licht zu setzen. „Weil Caesar den Rubikon überschritt, löste er einen Bürgerkrieg aus, der zum Ende der römischen Republik und der Entstehung der Monarchie führte.“ Der Satz enthält die logische Implikation: „Die Tatsache, daß Caesar den Rubikon überschritt, führte zur Entstehung der Monarchie.“ Doch dieser Satz ist falsch. Der unterstellte innere Zusammenhang kann intentional oder kausal verstanden werden: Caesar beabsichtigte mit der Überschreitung des Grenzflusses die Monarchie in Rom einzuführen; oder kausal: Caesar bewirkte durch den Marsch auf Rom die Entstehung der Monarchie. Doch weder konnte Caesar mittels der Überschreitung des Rubikon in Rom einen politischen Umsturz herbeiführen wollen noch konnte seine Handlung einen solchen zur Folge haben. Von dem komplexen Satz bleibt gültig nur der Teil: „Weil Caesar den Rubikon überschritt, löste er einen Bürgerkrieg aus“, und zwar gültig im zweifachen Sinne: der Absicht und der Kausalität.

„Weil der Sturm die Äste des Kastanienbaums schüttelt, fallen die Früchte zu Boden, und aus ihnen sprießen neue Triebe.“ Doch die logische Implikation, daß neue Triebe sprießen, weil der Sturm die Äste des Baums schüttelt, ist nicht gültig; denn neue Triebe wachsen auch aus den Früchten, die ohne die Wirkung des Unwetters von den Zweigen fallen.

Wir unterscheiden bei intentionalen und kausalen Zusammenhängen zwischen proximaler und distaler Wirkung und Folge; diesen Unterschied gilt es bei der Betrachtung und Analyse von Begründungs- und Kausalsätzen zu beachten. Der Satz „Weil er zu viel getrunken hatte, stolperte er über das Kästchen mit Briefen, das er lange nicht gefunden hatte“ impliziert nicht den Satz: „Weil er zu viel getrunken hatte, fand er das Kästchen mit Briefen.“

 

Mai 4 19

Philosophie und Grammatik IV

Aus der Lehre vom Satz

Mittels Analyse der Grammatik des Satzes entdecken wir Wesenszüge des menschlichen Geistes. Oder besser gesagt: Was wir denken und was wir sind, enthüllt sich uns bei der Betrachtung der Art und Weise, wie wir Sätze bilden und anwenden.

Was wir sind, können wir nicht entdecken, wenn wir den Schädel öffnen und ins Innere schauen; denn wenn einer sagt, dies hier ist die Hirnregion, mit der wir sprechen, hat er bereits vorausgesetzt, daß er weiß, was sprechen bedeutet, nämlich, das, was er gerade tat, ohne es kausal aus dem Wirken bestimmter Neuronen abgeleitet zu haben. Wenn einer glaubt, das Sehen damit zu erklären, daß er sagt: „Schau mal, dies hier ist das Sehzentrum!“, weiß er längst, was sehen bedeutet, nämlich das, was er gerade tut, beziehungsweise das, wozu er den anderen auffordert.

Die Grammatik des Satzes enthüllt uns, was wir meinen, wenn wir sagen: „Es regnet.“ Sie verknüpft das Neutrum des Personalpronomens im Singular mit einem Verb, das im Indikativ Präsens ein Ereignis benennt. Ob dieses Ereignis stattfindet oder nicht, verrät uns der Satz nicht, denn er könnte auch ein Übungssatz in einer Grammatik des Deutschen sein oder in der Deutschstunde an der Tafel stehen, während draußen die Sonne scheint. Der Satz an der Tafel bedeutet nicht, daß es hier und jetzt regnet, sondern er verweist als Beispielsatz und musterhaftes Exemplar auf eine Klasse von Sätzen mit ähnlicher Struktur wie „Es schneit“, „Es blitzt“, „Es donnert“, „Es geschah gegen Abend, daß …“, „Es verging kaum ein Moment, da …“, „Es klarte auf“, „Man mußte Schlange stehen“, „Man hätte nicht sagen können, ob …“, „Man hörte sagen“ und viele andere ähnliche.

Wenn der Übungssatz an der Tafel steht und es gleichzeitig zufälligerweise regnet, können wir nicht sagen, der angeschriebene Satz bedeute die Tatsache, die wir feststellen, wenn wir aus dem Fenster des Klassenzimmers blicken.

Wodurch erhält der Satz seine Bedeutung? Dadurch, daß er von der geeigneten Person in der richtigen Situation korrekt verwendet wird. Klappt einer seinen Regenschirm auf und sagt: „Es regnet“, während die Sonne scheint, sagen wir vielleicht, er sei exzentrisch oder verrückt.

Wir können also mit Sätzen (jedenfalls Sätzen der genannten Art) virtuelle Ereignisse benennen und wir benennen mit denselben Sätzen aktuelle Ereignisse, wenn wir sie in der geeigneten Situation anwenden.

Die Bedeutung des Satzes ist unabhängig von dem, was der Sprecher sich bei seiner Äußerung denkt oder vorstellt; denn wenn einer meint, „regnen“ bedeute das, was wir „schneien“ nennen, gehen wir wohl rechtens davon aus, daß der Sprecher des Deutschen nicht völlig mächtig ist, und weisen ihn darauf hin, daß der Satz „Es regnet“ nicht korrekt verwendet wird, wenn es schneit.

Ein anderer Wesenszug unserer Denkungsart oder Denkform zeigt sich darin, wie wir Sätze verbinden. Der Satz „Es regnet und wir gehen spazieren“ verknüpft zwei Vorgänge, die innerlich nicht zusammenhängen; denn wir können spazierengehen, ob es regnet oder schneit oder die Sonne scheint, und es mag regnen oder schneien oder die Sonne scheinen, ohne daß wir uns bemüßigt fühlen, das Haus zu verlassen.

Welche Bedeutung die Satzverknüpfung „Es regnet und wir gehen spazieren“ hat, ist mangels fehlenden Anwendungskontextes nicht ersichtlich. Er könnte beispielsweise von Peter, der während des Regens mit seinem Freund Hans spazierengeht, geäußert werden, um Hans auf die ungewöhnliche Tatsache aufmerksam zu machen, daß sie sich vom Regen haben nicht abschrecken lassen, einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen; er könnte mit dem Satz auf die Innigkeit ihrer Freundschaft hinweisen, wenn die beiden womöglich unter einem Regenschirm einherwandeln.

Hieße der Satz oder die Satzverknüpfung: „Es regnete und wir gingen spazieren“, so haben wir einen Wechsel des Tempus zur Vergangenheitsform des erzählenden Imperfekts.

Es ist erhellend für unsere Art zu denken, daß wir sinnvolle Sätze und Satzverknüpfungen in allen Zeitformen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden können, deren Bedeutung virtuell ist oder gleichsam in der Luft schwebt und erst aktuell und somit beispielsweise wahrheitsfähig wird, wenn wir eine geeignete Anwendung eines solches Satzes finden.

Die Zeitformen schränken allerdings das Feld der bedeutungsverleihenden Anwendung unserer Sätze ein: Die Sätze „Es regnete“ und „Wir gingen spazieren“ sowie ihre Verknüpfung erhalten eine klare Bedeutung, wenn wir sie in ein Tagebuch notieren und mit ihnen festhalten, was gestern oder heute morgen geschah. Die hier gewonnene Bedeutung ist eine chronologische, annalistische oder historische, denn der Ausdruck „gestern“ beziehungsweise „heute morgen“ muß sich auf den vom Schreiber aus gesehen heutigen mit einem Datum versehenen Kalendertag beziehen.

Wären wir nicht gestern, sondern vorgestern im Regen spazierengegangen, beruhte die Tagebuchnotiz auf einem Irrtum, der leicht durch Nachschlagen im Kalender behoben werden könnte.

Nun betrachten wir folgendes: Der zusammengesetzte Satz „Es regnete und wir gingen spazieren“ steht nicht in einem Tagebuch und erhält seine Bedeutung solchermaßen nicht durch seine Einbettung in einen chronologischen oder annalistischen Kontext, sondern findet sich in einer Erzählung, einer Novelle oder einem Roman, kurz in einem fiktionalen Kontext.

Wie lesen und verstehen wir diesen Satz, dessen Bedeutung durch keine eindeutige Chronologie oder einen Kalender gesichert wird, der außerhalb des fiktionalen Rahmens, in dem er auftritt, Geltung beanspruchen könnte? Denn in der Erzählung mag es auch ein Gestern und Heute und Morgen geben, doch diese Zeitangaben beziehen sich auf die Perspektive des jeweiligen Protagonisten und diese stimmt nicht mit der unseren, der des Lesers, überein. Nur wenn es sich um einen historischen Roman im strengen Sinne handelt, können wir die in ihm enthaltenen Zeitangaben mithilfe unseres gewöhnlichen Kalenders verifizieren.

Wenn es im Roman heißt, daß es regnete, bezieht sich diese Angabe nicht wie bei der Tagebuchnotiz oder einem historischen Bericht auf ein aktuelles Ereignis; sie KANN demnach überhaupt nicht verifiziert, und wenn nicht verifiziert, so auch nicht falsifiziert werden.

Der Satz über ein fiktives Ereignis ist weder wahr noch falsch, er meint gleichsam nur sich selbst und hat somit einen ähnlichen logischen Status wie eine Tautologie oder eine Definition der Art „Wenn Peter Junggeselle ist, dann ist er unverheiratet“ oder auch wie der sprachliche Ausdruck einer Sinnesempfindung wie „süß“ und „bitter“, „grün“ und „blau“ oder einer Gemütsbewegung wie „zornig“ oder „traurig“. Aber dennoch wollen uns die Sätze einer fiktiven Erzählung etwas sagen, sie wollen uns etwas mitteilen; indes, sie teilen uns etwas mit, das wie eine Traumerzählung nicht bezweifelt und infragegestellt werden kann.

Hier treffen wir anhand der grammatischen Analyse auf einen singulären Wesenszug des menschlichen Geistes, der sich in der Anwendung scheinbar ganz normaler Sätze im gleichsam paranormalen Kontext der Fiktion enthüllt. Wir können von Pseudo-Gegenständen und Pseudo-Ereignisses reden und erzählen, und zwar in der gleichen Form von Sätzen, mit denen wir über gewöhnliche Gegenstände und Ereignisse berichten wie einen Spaziergang im Regen.

Sollen wir sagen, Sätze in fiktionalen Anwendungskontexten teilen uns mit, was hätte sein können, und beflügeln auf solche Weise unseren Möglichkeitssinn? Das wäre unrichtig; denn die normalen Anwendungskontexte von Sätzen über das, was möglich ist, schließen offenkundig alles aus, was unmöglich ist, und so auch beispielsweise zu sagen, wir hätten gestern im Regen spazierengehen können, wenn gestern die Sonne geschienen hat.

Es ist bemerkenswert, daß wir Sätze in fiktionalen Kontexten wie einem Roman, die das erzählende Imperfekt verwenden, dann mit Verständnis lesen, wenn wir sie nicht auf Ereignisse beziehen, die im Hinblick auf unsere aktuelle Gegenwart (da wir den Roman lesen) in der Vergangenheit liegen , sondern in der vergangenen Gegenwart der Erzählung ansiedeln: „Es regnete und wir gingen spazieren“ bedeutet, in der vergangenen Gegenwart der erzählten Zeit GEHEN die beiden im Regen spazieren.

Die lateinische Grammatik sieht für den Fall des Berichts über vergangene Ereignisse, deren Bedeutung der Leser sich verlebendigen und vergegenwärtigen soll, die Möglichkeit vor, ihr Tempus tatsächlich ins Präsens, das sogenannte historische Präsens, zu setzen.

Fiktionale Sätze sind keine gewöhnlichen Sätze, sondern gleichsam verstauchte oder verrenkte Sätze, die ihrer konventionellen Mitteilungsfunktion beraubt wurden und nun im Imaginären schweben, Sätze, mit denen wir den Raum des Unwahrscheinlichen erobern, in dem die Alltagsmoral unseres üblichen Sprechens wie die Wahrheitsbedingung, die Aufrichtigkeit, die Verpflichtung auf bestmögliche Begründungen und die konventionell geregelte Chronologie und Zeitenfolge vorübergehend, nämlich für die imaginäre Zeit der fiktionalen Erzählung, suspendiert ist.

Betrachten wir noch folgenden Satz beziehungsweise die Satzverknüpfung: „Es regnete, und trotzdem gingen wir spazieren.“ Er weist auf einen inneren Zusammenhang, der durch die konzessive Konjunktion „trotzdem“ Ausdruck findet. Wir könnten genausogut sagen: „Obwohl es regnete, gingen wir spazieren.“

Jetzt haben wir die Stufe einer entscheidenden Differenzierung oder Verfeinerung in der Grammatik des Satzes und damit einer Verfeinerung und Sublimierung unserer Denkungsart erreicht: die Verknüpfung eines Hauptsatzes mit einem durch eine Konjunktion eingeleiteten Nebensatz.

In diesem Falle handelt es sich wie gesehen um einen konzessiven Nebensatz, eingeleitet durch die Konjunktion „obwohl“, oder einen Nebensatz mit einschränkendem Sinn. Es ist erhellend, daß die lateinische Grammatik in solchen Fällen, wenn Haupt- und Nebensatz einen inneren Zusammenhang wie den der Begründung („weil“) oder der Einschränkung („obwohl“) zum Ausdruck bringen, die Verwendung des Konjunktivs für das Verb des Nebensatzes, das gewöhnlich mit „cum“ eingeleitet wird, vorschreibt. Wir müßten daher etwa schreiben: „Cum pluat deambulamus“ zum Ausdruck der Zeitgleichheit in der Gegenwart oder zum Ausdruck der Zeitgleichheit in der Vergangenheit: „Cum pluverit deambulavimus.“

Die Analyse der grammatischen Satzverknüpfung innerlich zusammenhängender Sätze enthüllt uns gewisse Züge unserer Art zu denken und gedankliche Verbindungen herzustellen. Denn der Satz: „Es regnete zwar, dennoch gingen wir spazieren“ oder „Obwohl es regnete, gingen wir spazieren“ hat andere Anwendungsbedingungen und drückt einen anderen Gedanken oder eine andere Bedeutung aus als der Satz: „Während es regnete, gingen wir spazieren.“ Im konzessiven Zusammenhang könnte beispielsweise unausgesprochen ein Gedanke mitschwingen oder angedeutet werden, der im rein temporalen nicht enthalten ist: Eigentlich ist es nicht ungewöhnlich, bei Regen gemütlich im Trockenen zu sitzen; doch wir sind anders gestrickt und aus anderem Holz geschnitzt, wir trotzen Wind und Wetter und bezeigen unser freundschaftliche Nähe, indem wir unter einem Regenschirm Arm in Arm einherwandeln. Doch könnte der Satz im Munde eines Kinds, das gezwungen ist, den Eltern trotz Regens bei ihren täglichen Gängen im Grünen zu folgen, Gängen, die nun einmal auf dem Programm solcher Gesundheitsfanatiker stehen, ob es regnet oder hagelt, eine ganz andere, ja gegensätzliche Bedeutung annehmen.

 

Mai 3 19

Philosophie und Grammatik III

Vom Sinn der Interjektionen

Am Anfang war, könnten wir sagen, die Interjektion, Ausrufe wie „O!“, „Ach!“, „So was!“, „Du liebe Güte!“, „Was du nicht sagst!“, „Wirklich?“, „Das ist ja allerhand!“, „Wer hätte das gedacht!“, „Wie häßlich!“, „Wie schön!“, „Wie grauenhaft!“, „Wie wunderbar!“ – Ausrufe, die unser Erstaunen, unser Entsetzen, unsere Ergriffenheit, unseren Abscheu, immer aber unsere Betroffenheit bekunden.

Die Interjektion, eingebettet in die Welt sinnenhafter Bedeutsamkeit, signalisiert unseren Zugang zu dieser Welt und belehrt uns über unsere elementaren Lebensvollzüge – nicht die wissenschaftliche Theorie, weder die Biologie noch die Soziologie.

Wenn wir uns ins Denkerstübchen, den Elfenbeinturm oder wie Descartes hinter den warmen Ofen zurückziehen und auf den eigenen Nabel oder den phantasmatischen Dunst im eigenen Kopf starren, sind wir bald von allen guten Geistern verlassen, sprich, der rauhe Wind der Wirklichkeit fährt uns nicht mehr an und verwirrt uns die Frisur, sodaß wir ausrufen „Oh!“, die sanfte Brise weht uns keine Sommerdüfte mehr aus den Gärten heran, sodaß wir seufzen „Ah!“

Das, was wir in Interjektionen zum Ausdruck bringen, ist die Initialzündung für unser religiöses Gefühl, für Dichtung und Musik, aber es ist auch der Sinnkeim für das Verständnis unserer alltäglichen Praxis.

Wie spät, wie geistlich müde und ergraut sind theoretischen Argumente der Philosophen und Theologen zum Beweis des Daseins Gottes. – Freilich, dies begriffliche Spinnenweb mit barscher Hand wegzuwischen und in die blaue, leere Luft starrend mit hohler Prophetenstimme auszurufen, es sei kein Gott, ist indes nicht weniger eitel, aufgeblasen und sinnlos.

„Aha!“ sagen wir, wenn der Groschen gefallen ist und wir die richtige Schublade, die richtige Tür, den richtigen Weg gefunden oder den Griff, den Hebel, den Knopf gedrückt haben, der die Maschine in Gang setzt.

Interjektionen bezeichnen und benennen nichts; „O!“ bezeichnet nicht das Erstaunen, es drückt das Erstaunen aus, „Pfui!“ bezeichnet keinen Gegenstand des Ekels, sondern ist ein Ausdruck des Ekels und Abscheus. Die Interjektion, können wir sagen, ist ein integraler Teil dessen, was sie ausdrückt, oder sie steht als Ausdruck einer Gemütsbewegung mit dieser in einer internen Relation.

Wenn wir gefragt werden, was uns zu diesem oder jenem Ausruf bewogen hat, können wir auf den entsprechenden Gegenstand zeigen oder ihn benennen; doch wir hätten ihn als solchen nicht entdeckt, er hätte sich uns als solcher nicht enthüllt ohne die im Ausruf der Interjektion sich kundgebende Gemütsbewegung.

Die Welt, in der wir leben, enthüllt sich uns nicht durch theoretische Betrachtung, sondern infolge des praktischen Umgangs mit den Dingen, die Bedeutung für uns haben, weil sie uns dazu dienen, unser Dasein zu fristen und das Leben zu bewältigen.

„So viel!“ – „So wenig!“ – „Prima!“ sind Ausrufe, die unser Erstaunen, unsere Enttäuschung und unsere Befriedigung über die Tatsache zum Ausdruck bringen, daß die Menge und Anzahl der Dinge unsere Erwartung übertrifft, unterbietet oder erfüllt; hernach mögen wir sie zählen und uns arithmetische Gewißheit darüber verschaffen, inwiefern unsere Erwartung nicht stimmte oder genau richtig gewesen ist. Dann finden wir ein Maß, an dem gemessen unsere Erwartungen sich erfüllen oder nicht erfüllen, wie so und so viele Scheffel Weizen, so und so viel Liter Wasser oder so und so viel Morgen oder Hektar Ackerland.

„Mist!“ – „Verdammt!“ – „Verflixt!“ sind offenkundig Ausrufe, die unseren Ärger über eine verpaßte Gelegenheit, eine Sache, die nicht klappt, einen erlittenen Schaden oder ein Mißgeschick zum Ausdruck bringen. Wir haben den Nagel schief eingeschlagen, der Ausguß ist verstopft, der Türgriff klemmt. Erst wenn wir, durch das Mißgeschick oder den Schaden gleichsam aus der Alltagssituation herausgerissen, die Dinge, die uns bisher ohne Widerstreben ihre Dienste taten, auf die schadhaften Stellen hin betrachten und begutachten, wird, mit Heidegger zu sprechen, aus dem uns fügsamen Alltagszeug ein Gegenstand der theoretischen Neugierde, ein so und so beschaffener Gegenstand, ein vorhandenes Etwas, das wir auf seine Funktionsweise und interne Struktur hin untersuchen und analysieren.

Unser primärer Weltzugang ist demnach nicht durch die theoretische Neugierde und das zweckfreie Sehen und neugierige Betrachten geprägt, wie es uns die platonische Tradition bis hin zu Descartes und Husserl eingeschärft hat, sondern durch den Umgang mit den Pragmata, den Dingen und Vorgängen unserer alltäglichen Lebensbewältigung. Nicht das theoretische Wissen, das sich in die dünne Luft der Wesenheiten, Ideen und Strukturen versteigt, wo wir nicht mehr atmen können, bereitet die Schwelle zur Weltweisheit, sondern all jene Fertigkeiten und Gewohnheiten, die wir im Umgang mit den Dingen und miteinander eingeübt und verfeinert haben.

„Wie herrlich!“ – „Wie wunderbar!“ – „Wie schön!“ Auch was uns zu Ausrufen des Entzückens, der Bewunderung und Ergriffenheit veranlaßt, die duftend aufgegangenen Rosen des Gartens sowohl als die gemalten des Stillebens, das Rauschen des Wassers und des Blattwerks, das Lied der Nachtigall und die Gesänge Sapphos oder Goethes, die Arien aus Mozarts Opern, aber auch die geistlichen Hymnen und religiösen Lobgesänge, all dies ist kein bloßer ästhetischer Gegenstand der interesselosen Betrachtung eines blasierten und gelangweilten Eckenstehers oder des dumpfen Genusses eines Müßiggängers im Sonntagsstaat, sondern die Nahrung für unseren Hunger nach lebendiger Harmonie und seelischem Trost.

„Ach!“ – „Weh!“ – „Mein Gott!“ Solche Interjektionen verweisen auf die Nahtstelle zwischen dem Klagenden und dem, was er für bedeutsam erachtet und was seinem Leben Bedeutung verleiht, wie der Geliebten, die ihn verlassen hat, dem Bruder, der Schwester, dem Vater, der Mutter oder dem Kind, dem Angehörigen, dessen Tod er beweint.

Der Nahestehende, dessen Verlust wir beklagen, ist kein natürlicher Gegenstand, den unser Geist wie das Objekt der theoretischen Neugierde in einem mentalen Symbol repräsentiert und dieses nach syntaktischen Regeln mit anderen Symbolen in sinnvollen Aussagen verknüpft – er ist männlichen Geschlechts, so und so alt, so und so schwer, blauäugig, von Beruf Maler und starb an Herzschwäche; vielmehr ist der Verstorbene der Knotenpunkt eines Netzes von Bedeutungsfäden, die sich um unsere Begegnungen, unser Miteinander, unsere Gespräche gewoben haben.

Wenn wir an der Beerdigung des Freundes teilnehmen wollen, um unserer Trauer Ausdruck zu geben und den Angehörigen unsere Anteilnahmen zu bezeigen, müssen wir uns vielleicht davon in Kenntnis setzen, wo und wann die Trauerfeier und die Grablege stattfinden und welche Bahn wir nehmen müssen, um rechtzeitig vor Ort zu erscheinen. Diese Weisen der Information sind, können wir sagen, Bestandteile unseres Trauerbenehmens und erhalten einzig von ihm her ihren Sinn. Indes sind der Anlaß und der Grund unserer Trauer nicht in solchen Formen der Kenntnisnahme, der Mitteilung und des Wissens gegeben – auch wenn wir vom Tod des Freundes durch einen Anruf oder eine Traueranzeige verständigt und in Kenntnis gesetzt wurden.

Unsere wesentlichen Lebensvollzüge, die in Interjektionen des Erstaunens, der Freude, der Bestürzung oder der Begeisterung Ausdruck finden, sind keine Funktionen des Wissens, auch wenn wir Weisen der Mitteilung als Medium und Mittel nutzen, sie in die rechten Bahnen zu leiten.

Der Christ, der an der Passion, dem Leiden und Sterben Jesu, Anteil nimmt, wird für seine Trauer keinen Trost und keinen Grund der Steigerung darin finden, daß die historische Forschung ihm erklärt, das Sterben und die Leiden Jesu hätten weniger lang oder länger gedauert, als bisher angenommen.

Unsere Lebensvollzüge stehen in keiner internen Relation zu dem, was die Wissenschaften als ihren Gegenstand definieren, behandeln und untersuchen. Der verstorbene Freund war zweifellos ein Exemplar der Gattung Homo sapiens, aber unsere Trauer gilt keinem Exemplar einer natürlichen Gattung namens Peter, sondern unserem Freund Peter.

Die Briefe, die unser verstorbener Freund uns geschickt hat und in denen wir zu seinem Angedenken gern wieder lesen, sind gewiß aus dem Papier mit jenen Eigenschaften, die uns der Chemiker aufzählen kann; doch die Zeichen, die wir lesen, sind keine natürlichen Phänomene, sondern erhalten ihre Bedeutsamkeit als die Handschrift dessen, um den wir trauern.

Keine wissenschaftliche Linguistik und keine Sprachwissenschaft können den Zusammenhang zwischen dem Schriftbild jener Briefe und der Bedeutung der Zeichen erklären, die sie für mich haben, keine Psychologie kann den Zusammenhang der wörtlichen Bedeutung der Zeichen und der Tatsache erklären, daß sich mir bei der Lektüre dieser so beiläufigen Briefstelle der Ausruf „Ach!“ und jener so unscheinbaren der Ausruf „Wie schön!“ entringen.

Der menschliche Geist oder das Bewußtsein ist keine innere Welt oder ein Behälter von Vorstellungen, Gedanken und Gemütsbewegungen und ihren Dispositionen, der auf mysteriöse Weise mit dem Gehirn verbunden oder mit ihm identisch wäre, sodaß die mentalen Bilder und Repräsentationen dasselbe wären wie ihre neuronalen Zwillinge. Als würde ich von den Außenposten dieses mentalen oder neurophysiologischen Behälters wie den Augen und Ohren mysteriöse Botschaften empfangen, die mich beispielsweise zu den Interjektionen „Ach!“ und „Weh!“ stimulieren könnten.

Ich lese die Todesanzeige des Freundes und rufe „Ach!“ und „Weh“; dieselbe Anzeige bleibt unter den Augen meines Nachbarn eine bedeutungslose Anhäufung von Zeichen, die ein Wimpernschlag verdunkelt.

Wir verstehen Ausrufe und Interjektionen so, wie wir den Ausruf „Au!“ dessen verstehen, der Schmerzen empfindet. Denn wie den Ausruf „Au!“ in der Äußerung „Es tut mir weh“ lernen wir die Interjektionen „Ach“ und „O!“ beispielsweise in den Äußerungen „Das finde ich schade“ und „Das erstaunt mich“ sinngemäß wiederzugeben.

Die korrekte Übersetzung des Ausdrucks von Interjektionen ist ihre Einbettung in die pragmatische und sprachliche Umgebung ihrer Äußerung; nicht korrekt ist ihre Übersetzung in Aussagesätze wie „Hier ist etwas, was Schaden verursacht“ oder „Dort gibt es etwas, was Staunen hervorruft“. Denn diese Aussagen ließen sich im Gegensatz zu Interjektionen anzweifeln und infrage stellen.

Unsere Ausrufe richten sich im sozialen Feld der Bedeutsamkeit an ein gegenwärtiges oder imaginäres Gegenüber, einen gegenwärtigen oder imaginären Hörer. Der Seufzer dessen, der bewegt und ergriffen seine Briefe liest, gilt ja dem verstorbenen Freund; und hier dürfen wir, ohne metaphysischen Illusionen zu frönen, sagen, seiner Seele. Das „Ach!“ und „O!“ dessen, der die Lieder Schuberts hört, sie gelten der imaginären Figur des Wanderers, aus dessen Mund sie tönen, und in der er bisweilen den Komponisten zu vernehmen wähnt.

Auch die Ausrufe des Verirrten, des Verzweifelten und des Sterbenden durchschneiden gleichsam das Feld der Bedeutsamkeit, das schon von jeher von Rufen und Ausrufen durchfurcht und wie mit Ritzen oder Löchern markiert worden ist; sie haben indes kein Gegenüber mehr wie das imaginäre Gegenüber der Mutter, wenn das Kind seine Rufe der Angst oder des Schmerzes in das finstere Zimmer der Abwesenheit ruft. Hier wäre, könnten wir sagen, die äußerste Schwelle menschlichen Rufens erreicht, auf der uns aus der Nacht wie ein Echo die Worte des Psalms widerklingen: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“

 



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