Mnemosynes Hauch
Perlmutt der Tiefe, Schaum der Ozeane –
frag nicht, woher, zu welchem Zweck sie sind.
Verstand ist für den Teint der Anmut blind,
taub für die Vibration der Porzellane.
Wie Muscheln sind, Kristalle die Kulturen,
die eine wird mit Perlenglanz bedacht,
und jener schimmert Iris Farbenpacht.
Sie sind, wie Hamann wußte, Gottes Spuren.
Zerschlugen den Perlmutt die Eisenhämmer,
zerbrach die Hybris hohen Festtags Schalen,
hat Bacchus Feind den Wein verschüttet auch:
Noch lindern Tropfen Lichtes unsre Qualen,
die aus Erinnern rinnen, zartem Dämmer,
Laub, angeweht von Mnemosynes Hauch.
Was keiner je erklügelt
Keiner hat, was uns noch glänzt, erfunden.
Dem sie den Tempel bauten, Gott Apoll
hat offenbart sich erst im Glanz von Wunden,
in einer Quelle Sang, der wunders schwoll.
Doch einer sah, wie in den Kapitellen
der Säule Krone noch vom Ursprung spricht,
und ließ Akanthus aus dem Marmor quellen,
daß er den Geist bezeuge, Gottes Licht.
Keiner hat, was uns verblüfft, erklügelt,
der alten Sprache reiches Ornament,
die Formenstrenge, die graziös noch flügelt,
wenn schon des Abschieds fahle Sonne brennt.
Doch einer kreuzte unter blauen Winden
mit prallen Segeln aus dem Heimatbelt,
den Sinn in einer stillen Frucht zu finden,
an Küsten schimmernd, wo das Wort zerschellt.
Der Dichter schwieg
Die Alten kamen aus dem nahen Stift,
vor sich geparkt die Endspiel-Rollatoren.
Noch vor dem Krieg, dem Untergang geboren,
war klar ihr Blick, die Seele ohne Gift.
Ein trüb verharschter Schnee schien ihr Gebiß,
und die einst nährend sich geküßt, die Lippen,
Papier nun hastig ausgedrückter Kippen,
sie formten Worte ohne Bitternis:
Wer da hineingeht, wird hinausgetragen.
Doch sei uns Greisen noch vergönnt am Rand
des lauten Lebens eine Weile Ruhe.
Was mochte er vorm Sein zum Tode sagen?
Der Dichter schwieg. Kein Wort war, was er fand –
ihn würgte Staub wie aus vermorschter Truhe.
Rückblick auf Rilke
Fad ward uns bald das Rilkesche Soufflé,
leid, daß kaum angerührt es hohl versackte,
gereimte Tartes, in Seidenkrepp verpackte,
geschäumtes Eiweiß, unfruchtbarer Schnee.
Nur manchmal glomm ein Tropfen Blut am Mund,
wenn zarte Porzellanmadonnen brachen
und uns der Wahrheit harte Splitter stachen,
doch fielen sie in echolosen Grund.
Da haben wir wie Fromme lang gefastet,
um aufzutun der Elegien Schrein.
Und wirklich, unser schwermutstummes Darben
hat noch des Wortes reines Brot ertastet.
In stillen Dämmerlauben wuchs ein Wein,
der Seelen weckt, die fast an Sprachnot starben.
Die Schwermut und ihr Dichter
Der Schwermut müder Blick will sie noch schauen,
bevor die edlen Knospen abends blassen.
Der Sänger blauer Flaum scheint zu ergrauen,
sie werden bald die tote Stadt verlassen.
Sie schließt die Augen. Und im Traume raucht
das Licht des Honigs, der fast aufgebraucht.
Der Dichter mag den faden Brei nicht schlucken,
der zwischen Phrasen aufquillt, ungesalzen.
Ihm sollen Flammen aus dem Abgrund zucken,
der Anmut Schatten Valses tristes walzen.
Die er vorm Ahnenbildnis brennen ließ,
die Kerze duftet noch von Honig süß.
Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21
Aus welchen Fernen kommst du, süßer Klang?
Willst du ins Grenzenlose weitergleiten?
Bist du der Abschied oder Übergang?
O könntest durch die Nacht du mich geleiten.
Ich hab an deinen Ranken nur den Halt
wie einer Blütenkrone leises Zittern,
wenn die Erinnerung sich Tropfen ballt
und Liebe sagt, wie schmecken sie so bitter.
Du bist der Sehnsucht Licht, das bald vergeht,
kaum daß geschienen es ins dunkle Leben.
Die Blüte bist du, wenn ihr Duft verweht,
wenn noch des Falters zarte Fühler beben.
Die Vögel sangen süß, wo du geweilt,
aus Zweigen mit Orangen kamen Stimmen.
Der Früchte süßeste hast du geteilt –
o Küsse, die ans andre Ufer schwimmen.
Doch bringt uns Salz von mythisch-grünem Meer
ein stürmendes Gefühl, ein Brandungssausen.
Wir hoffen auf Selenes Wiederkehr,
daß deine Wogen uns ins Traumschilf brausen.
Interpretation durch Sviatoslav Richter:
https://www.youtube.com/watch?v=lncNcNtGkJY&list=RDlncNcNtGkJY&start_radio=1
Magie des Dichterworts
Am Reim kannst du den Einklang leicht erfühlen,
der rätselsüß aus jener Quelle weht,
wo ein Geschwisterpaar von Birken steht
und ihre Lenden feuchte Funken kühlen.
Und kommt die Nacht, magst du den Dichter fragen,
ob noch sein Wort vom reinen Azur blaut,
im lichten Garten, den er angebaut,
entrückte Bäume Purpurfrüchte tragen.
Daß schwebend wir im nächtig Grenzenlosen,
wenn schon erloschen ist ihr trunknes Licht
und ihre Sehnsucht bleiche Tropfen nähren,
noch atmen Duft imaginärer Rosen,
sanft tasten eins des anderen Gesicht,
soll uns Magie des Dichterworts gewähren.
Geh, Dichter, abseits
Im Gedenken an Peter Huchel
Was Hohn spricht Sinn und Form, gilt jetzt für schön.
Man preist des Stotterers unzüchtig Lallen,
als wär es ein Gesang von Nachtigallen.
Man rast bei eines hohlen Kopfs Gedröhn.
Die Warze, die Euterpes Mund entstellt,
erdrosselter Sonette Aasgerüche,
Eratos Herz, flambiert in Satans Küche –
der Pöbel pinkelt in den Quell der Welt.
Geh, Dichter, abseits nun zum Ahnengrabe.
Damit das wahre Schöne leuchte rein,
die grünen Schatten von der Inschrift schabe.
Mir glänzten Trauben auf im Musenhain,
was ich gepflückt im Herbst, gekeltert habe,
im Dunkel reifte es zu edlem Wein.
Anmerkungen zum Verständnis:
Peter Huchel, die lyrische Stimme der Mark, war lange Zeit Herausgeber der Ostberliner Literaturzeitschrift „Sinn und Form“, bevor ihn die lebenden Leichname von Pankow dem Klassenfeind in die Arme trieben.
Euterpe ist die Muse der lyrischen Dichtkunst, Erato die Muse der Liebeslyrik.
Das Monstrum Mensch
Das Monstrum Mensch, ein Untier ungehemmt,
sagt Schwermut uns, die still, was ist, betrachtet,
bedarf des Bändigers, vor dem es schmachtet,
bis er das Knie ihm in den Nacken stemmt.
Wenn zischend sich empor die Schlange reckt,
bringt sie des Fakirs Flöte bald zum Schweigen,
muß huldvoll sich vor scharfen Tönen neigen,
bis ihren Schlaf der Urne Schatten deckt.
Hoch müssen strengen Maßes Säulen ragen
und Götterbilder mit den Faltenwürfen,
die um die transparenten Glieder wallen,
auf Architraven, unbewegten, tragen.
Die aber schrien, daß sie alles dürfen,
verstummen, wenn sie in den Abgrund fallen.
Wir, dunkles Volk in Gosen
Dem Andenken an Stefan George
Schwebt noch von deinem Duft ein Molekül,
von deinen Dolden noch ein zarter Pollen,
blieb vom Gesang, dem treuen Moos entquollen,
ein Schauer uns, ein wehes Nachgefühl?
Die Luft ist trüb, verblaßt der Wolken Blau,
öd liegt der Park, wo wir den Kranz gewunden
im grünen Dämmergold der Abendstunden,
Ruß überdeckt der Birken weiches Grau.
Wo atmen wir noch Hauch zu hohem Leben,
wenn deiner Verse Astern, späte Rosen,
von Purpur herbstlich leuchtend dein Gedicht,
hinwelkten unter bräunlich-kranken Reben?
Wir sind verbannt, ein dunkles Volk in Gosen,
das nichts mehr weiß von Edens süßem Licht.
Anmerkungen zum Verständnis:
„Öd liegt der Park“ und die zitathaften Anspielungen beziehen sich selbstredend auf Georges berühmtes Gedicht „Komm in den totgesagten Park und schau“.
„Gosen“ bezeichnet in der Lutherbibel den östlichen Distrikt im altägyptischen Reich, in dem die ausgewanderten Hebräer gleichsam im Dunkel historischer Nichtexistenz vor dem Exodus überwinterten.
„Süßes Licht“ ist eine existentielle Grundmetapher im dichterischen Werk Stefan Georges, die eine schwingende Brücke zur deutschen Sehnsucht nach dem Südland und der von ihr genährten Utopie („Das neue Reich“, das Gegen-Reich zum dritten) schlägt.
Das zerrissene Sinngewebe
In Erinnerung an Charles Baudelaire
Krank nimmt dich wunder das gesunde Leben,
wenn es sich schamlos in die Sonne reckt.
Im Laubwerk dunkler Wißbegier versteckt,
bist du dem Glanz der glatten Haut ergeben.
Die bang vorm jähen Abgrund Sprache zaudern,
gern lauschen sie, wie Wasser heiter gluckst.
Dem Stotterer ähnlich, der herum nur druckst,
bezaubert sie der Schönen eitles Plaudern.
Dir ward das Sinngewebe blind zerrissen
von schlanker Hand, die du devot geküßt.
Der Rest ist Wirrwarr, Rätselfäden, lose.
O Flechten, Schlangen auf dem Marterkissen,
wie wild ihr würgtet, Gift habt eingeflößt,
bis welk sank hin das Wort, des Mundes Rose.
An Dämmers Saum
Dort schau, die täglich auferstehen
und glühen noch an Dämmers Saum.
Die aber dumpf vorübergehen,
eratmen an dem Dufte kaum.
Doch du, dem früher Krokus blaute
und reifte spät der Verse Wein,
lobst, wenn der Schnee der Schwermut taute,
den Glanz, mag er auch farblos sein.
Dort schau, die nimmer müde scheinen,
zu brennen in der hohen Nacht.
Die aber heiß im Dunkel weinen,
vergaßen schon des Abgrunds Pracht.
Doch du, dem gab das Licht zu denken,
das irisiert im Verskristall,
magst deine feuchten Blicke senken,
tönt liebender die Nachtigall.
Ariadne und der Gaukler
Kam der neue Gott gegangen,
hingegeben war ich stumm.
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos (Libretto: Hugo von Hofmannsthal)
Sie liegt an Naxos Strand allein.
Es plätschern die Najaden,
es säuseln rings Dryaden.
Ertauben fühlt sie Mark und Bein,
will in die Flut sich stürzen,
das Elend abzukürzen.
Da hemmt sie gleisnerischer Schein.
Es lächeln zärtlich Blicke,
es singt ein Gott vom Glücke.
Erglühen fühlt sie Mark und Bein,
will trinken von dem Munde
sich Kühlung ihrer Wunde.
Doch fließt mitnichten goldner Wein.
Es beißt in ihren Nacken,
es stechen garstig Zacken.
Ihr grunzt ein Borstenschwein.
Ein Gaukler war’s, nicht Bacchus –
nun mach, Ariadne, Schluß.
Auf einsamen Pfaden
Du wandelst, Dichter, Pfade, einsam-wilde,
da wuchert schon das Heidekraut.
Mit deinem Schatten sprichst du Worte, milde,
als wär er deine holde Braut.
Und keine Schwelle ist, die deiner harre,
wenn Abendhauch die Stirne kühlt.
Dich dünkt, als ob die trunkne Luft erstarre,
die früh der Weide Haar durchwühlt.
Hast du die Gipfelödnis noch erklommen,
liegt wie im Jenseitsdunst das Tal,
wo deine Blume auf dem Strom geschwommen.
Nun werden alle Verse kahl.
Ins Finstre will sich eine Flamme senken,
nah eines Kreuzes rauhem Stein.
Rief’s auf die Höhe dich, des Lamms zu denken,
in dessen Blut das Wort wird rein?
Der Sänger unter Krähen
Auf schilfumseufzter Wasser
traumgewundener Reise
wird alles Sehnen blasser,
Rauschen weich und leise.
Die Blüten, die wir streuten
vor geheimer Pforte,
wie fahl nun. Sie bedeuten
eine Nature Morte.
Wer mag den Sänger schmähen,
Forst fand er statt Wäldern,
krächzt nun mit Nebelkrähen
bei den Gräberfeldern.
Die Pfade brechen ab
Es scheint, als wären wir umsonst gewandert,
die Pfade brechen ab. Nur dumpfen Klang
ließ uns des Stromes leuchtender Gesang,
der fern zum stummen Abgrund hin mäandert.
Was uns der Ahn zur Wegzehr mitgegeben,
die Wabe voll des süßen Lichts ist leer.
Der tief geblaut, der Azur wurde Teer,
auf dem wie Mücken fahle Schimmer kleben.
Nun birg das müde Haupt in meinem Schoß.
Wie weicher Wind in Äolsharfensaiten
sei, was ich singe, dich in Schlaf zu wiegen.
Träum, sanft wärst du gebettet wie auf Moos.
Fühl aus der Höhe goldne Blüten gleiten,
zu künden, was mein banges Herz verschwiegen.
Ein Dichter an die Freunde
Wo aber sind die Freunde?
Friedrich Hölderlin, Andenken
Als euch am Dämmerpfad geleuchtet
die Blüte, die mein Lied gesät,
hat Abendtau sie mild befeuchtet.
Eilt, Freunde, es ist worden spät.
Daß nicht euch dumpfe Geister wirrten,
hab ich die Bienen ausgesandt,
die heiß um rote Knospen schwirrten.
Sanft war die Rose Wort entbrannt.
Als Odem floß aus grünen Lauben,
hat sanft euch in den Schlaf gewiegt
das dunkle Gurren meiner Tauben,
Vlies, das sich weich dem Traum anschmiegt.
Weckt auf euch zehrendes Verlangen,
ruft schon ins Offene der Quell.
Daß ihr nach Hause mögt gelangen.
trinkt, Freunde, euch die Seele hell.
Übermensch und Käfer
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die Evangelien und das Kommunistische Manifest verblassen; die Zukunft der Welt gehört Coca-Cola und der Pornographie.
Das Abendland wird tot sein, wenn es nicht mehr die Gegenwart Griechenlands in einer christlichen Seele ist.
Nicolás Gómez Dávila
Auch in Spiegelschrift geschrieben wird die Lüge nicht wahr.
Abschied ohne Grollen, oder was ärger wäre, verpaßten angeblichen Erfüllungen hinterherzujammern – wenn man der Wahrheit ins Angesicht zu blicken wagte, oder was schwerer wöge, ihrer Demaskierung als Illusion.
Der Tropfen am Eimer, der wir im fernen Angesicht des transzendenten Gottes des Jesaia sind, findet sich bei Klopstock wieder. Aber ist nicht das späte Hymnenwerk Hölderlins von diesem Naß gleichsam besprengt wie die Ranken des Weinbergs vom Morgentau?
In der Dämmerung sitzen und in eine unbestimmte Ferne stieren, und gefragt, was man gesehen, antworten: den Schatten des Monds am Grund der Seele.
Das von sich selbst bezauberte Ego, wie es uns lächelnd, plaudernd, Begehren weckend, in beständigen Metamorphosen einer gleichsam schillernden, leeren, transparenten Substanz bei Thomas Mann im Hochstapler Felix Krull entgegentritt.
Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Der Scharlatan, der rechtens von der Ost-Akademie wegen geistiger Unreife relegiert wurde, macht im Westen Welt-Karriere, indem er bis zur Erschöpfung aller ihm spärlich zur Verfügung stehenden künstlerischen Mittel das Bildmotiv auf den Kopf stellt.
Bewunderung ist das Mittel, sich vor dem verstörenden Eindruck des Vollkommenen in sich selbst zu retten.
Was geht’s mich an – die Formel, die uns, ins Meer der Elendsbilder verschlagen, als Rettungsring dient.
Gaias Küsse kann der Dichter ihr nur rauben. Doch geraubte Küsse schmecken bitter.
Wir sind gleichsam schräg in die Tierwelt hineingestellt.
Kostspielige wissenschaftliche Idiotie spricht von Gehirnen, die denken, von Affen, die sprechen und kulturelle Traditionen weiterreichen.
Wenn sich schräge Vögel vor dem Spiegel von Gedichten, wie manchen Rilkes, plustern, kann sein Kristall nicht ganz frei von Trübungen sein.
Wir sind wie das Gras. – Ausdruck der Erhabenheit der jüdischen Gottesidee.
Weil wir in dieser Weltstunde erwachten, sind wir nicht gehalten, diejenigen, die uns vorausgingen, zu verwerfen oder zum unantastbaren Maßstab zu nehmen.
Die dumpfen Schreihälse eines auf Sand gebauten tausendjährigen Reiches haben es vermocht, selbst einen edlen Geist wie Thomas Mann in hohl klingende rhetorische Wendungen zu verstricken.
Propheten, die ein Volk um sich scharen, das ihrer Kunde willfahrt oder trotzt, dürfen sich rechtens erwählt fühlen. Hölderlin, dessen Spätwerk sowohl den Geist Pindars als den Jesaias atmet, dieser Prophet ohne Volk, der sich dennoch erwählt glaubte, mußte den Verstand verlieren.
Prophet ohne Volk, das verkannten die marxistischen Exegeten Hölderlins.
Kränkung muß ja kommen. Schon der erste Strahl, der blendet, genügt.
Wittgenstein, der wähnte, alle philosophischen Probleme gelöst zu haben, glaubte sich in das einfache Leben als Dorfschullehrer in der österreichischen Provinz zurückziehen zu können. Vergebens. In neuer Gestalt klopfte die Frage wieder an die Pforte seiner bescheidenen Behausung.
Der Scharlatan, die heute herrschende Figur unter den sogenannten Kunstschaffenden, kann ja die anderen nur betrügen, wenn er sich selbst betrogen hat oder in dem lebt, was der französiche Moralist mauvaise foi nennt. Er lügt demnach nicht, denn wer lügt, kennt die Wahrheit.
Die ungelesenen Bücher, die sich neben dem Bett des Erblindeten stapeln.
Le style c’est l’homme. – Nein. Goethe, der in allen möglichen Stilen hat dichten, aber auch leben können (im blauen Rock und im Staatsfrack), war darum keine multiple Persönlichkeit.
Der treue Assistenzhund, der den drohenden epileptischen Anfall wittert, noch bevor sein Besitzer die anbrandende schwarze Woge verspürt – er ist ebenso weit von der Welt des Menschen getrennt wie die Blüte von der Welt der Insekten, die sich von ihrem Nektar nähren.
Die Rose Dantes duftet nicht, und ihre Farbe ist ebenso surreal wie der engelhafte Teint seiner Beatrice.
Die Früchte sind reif, bevor sie fallen. So auch, wenn Gott will, unser Geist.
Die Pracht von Wohlgeformtheit und Farbe, die Süße des Fruchtfleischs sind Lockmittel für die Vögel und andere Tiere, die die herabgefallenen Früchte verzehren und damit einem Zweck dienen, von dem sie nichts wissen.
Geisteskrank durch Meinungen, die sich Viren gleich in den Blutkreislauf des Gegenwartsmenschen schlichen.
Alle suchen sich gegeneinander abzuheben mit den Abzeichen und Insignien ein und desselben vulgären Geschmacks.
Demokratische Prozeduren im Aufklären der Wahrheit führen zu ihrer völligen Verdunkelung.
Das Sublime gilt dem Massengeschmack für ein Zeichen von Lebensuntüchtigkeit.
Die satanische Ästhetik ist vulgär, daher ihre mahlstromartige Anziehungskraft.
Demokratie in Kunstdingen heißt Massenfabrikate und serielle Geschmacklosigkeiten.
Im Schatten von Fassaden ohne Gesicht verblaßt auch die Physiognomie der dichterischen Sprache.
Das sublime Gebilde, Muschel, herangereift im Dunkel des Einst, an den Strand geschwemmt von verebbenden Fluten, von den Hämmern des Fortschritts wird es zerschlagen.
Nach oben zu schauen, in ein Licht, das reiner strahlt als die Funzel der Mittelmäßigkeit, gilt schon als Hochverrat am Ideal der Egalität.
Die Chöre der Engel haben Ränge, und die Erwählten dürfen sich getrost an den Säumen aufstellen, um ihre Stimme bedachtsam in den Gesang zu mischen. In der Hölle grölen alle wie aus einer Kehle.
Am Virus des Zeitgeists Erkrankte wittern am edlen Reis, das in der Abenddämmerung schimmert, nur den eigenen Fäulnisgeruch.
Emanzipierter Schwachsinn pocht auf die Überwindung aller Vorurteile und hält sich selbst für vorurteilsfrei. Doch jenem, der auf seinem eigenen Urteil besteht, verpaßt er einen Maulkorb.
Berechtigte, erfahrungsgesättigte Vorurteile halten uns auf Distanz von jenen, die uns übel wollen.
Etwas zähneknirschend zu dulden heißt nicht, es zu billigen.
Welche Peitsche hat der Geist wider die Dämonen, die ihn umlauern?
Der Dompteur will sogar, daß sich die Bestien beim Knallen der Peitsche, wenn auch knurrend und widerstrebend, anmutig, ja tänzelnd bewegen.
Tauben sind nicht monogam, sondern instinkthaft aneinander gebunden.
Monogamie ist eines der kulturellen Muster, die zur Blüte der abendländischen Kultur beigetragen haben.
Daß es Höherbegabte und Genies gibt, stört den gemeinen Mann keineswegs; nur den ideologisch verhetzten.
„Volk“ ist ein aristokratisches Konzept.
Der Antirassist ist verstört und empört angesichts der unabweislichen Tatsache, daß Begabungen und Idiotien ungleich über Rassen, Völker, Nationen und Kulturen verteilt sind. So sind ja auch die Begabungen von Mann und Frau genetisch sinnvoll differenziert auf die Geschlechter verteilt. Deshalb faszinieren den Gleichheitsfanatiker wenn auch heimlich die Vorhaben, der Egalität durch Eingriffe in die Keimbahn auf die Sprünge zu helfen.
Reinheit ist das theologische, metaphysische und rituelle Ideal des frommen Judentums, eine unmittelbare Implikation der transzendenten Gottesidee, die bis auf die Unterscheidung reiner und unreiner, also zum Opfer geeigneter und nicht geeigneter Tiere, und auf die rituelle Kleidung und das asketische Leben der Tempelpriester ausstrahlt, wie man den anthropologischen Studien einer Mary Douglas entnehmen kann. – Deshalb hat die Obsession des Antirassisten von der Vermischung der Völker und Kulturen unterschwellig stets ein antisemitisches Moment.
Reinheit ist auch das ästhetische Ideal metaphysischer Dichtung, ob bei den englischen Dichtern des 17. Jahrhunderts wie Gerard Manley Hopkins oder im Hymnenwerk Hölderlins: Ein Rätsel ist Reinentsprungenes.
Vom klanglichen Wohllaut und rhythmischen Ebenmaß der Oden Hölderlins läßt sich sagen, sie seien makellos.
Die Überhastung im Denken, Reden und Tun, mit Goethe zu sprechen, reißt nicht nur Individuen, sondern ganze Völker, Nationen und Kulturen in den Abgrund.
Zeichen von Unreife: etwas sein wollen, was man nicht ist.
Nur Selbstverblendung wähnt, aus einem Grundsatz alles ableiten zu können. – Aber die Begründungen brechen unvermutet ab oder verdünnen sich an den Rändern des Sagbaren bis ins Unsagbare hinein.
Hochmut oder Demut, dazwischen gibt es nur Lauheit und Mittelmaß.
Demut: Also hat der Mensch von Natur aus kein Recht.
Selbst die Rede von der Pflicht grenzt, wie bei Kant ersichtlich, an Anmaßung.
Wie lächerlich, eine erbarmungswürdige Kreatur wie den Menschen vergötzen zu wollen. Wie paradox der Glaube, der transzendente Gott habe sich in ihr inkarniert.
Die im Futteral staatlicher Fürsorge verwahrte Seele erstickt.
Nach dem Tode Gottes erscheint nicht im Glanz seiner Selbstermächtigung der Übermensch Nietzsches, sondern der in einen Käfer verwandelte armselige kleine Handlungsreisende Kafkas.
Der erste Schrecken ist das Ausgesetztsein in blendendes Licht, der letzte das nahe Dunkel, das uns aller Bedeutung beraubt.
In Bruckners letzten Sinfonien bricht die Transzendenz so unvermittelt herein, als würde der Himmel einstürzen.
Dem Einbruch der Transzendenz geht das apokalyptische Chaos voraus – so auch in Bruckners 8. Sinfonie.
Mein Reich ist nicht von dieser Welt. – Also hat diese Welt keinen inhärenten Sinn. (So postuliert es auch Wittgenstein im Traktat.)
Es gibt einen transzendentalen Humor, der das Grauen für gesegnete Augenblicke von sich abstreift.
Wenn der Priester seine Blicke nicht zu Gott erhebt, sondern den Rücken nach Osten gewandt gleichsam den hereinbrechenden Strahl verdeckt und auf Augenhöhe zur Gemeinde schaut, wird die Liturgie ihres reinen Sinnes beraubt.
Sie beten nicht um Erlösung, sondern betteln um Therapie.
Wittgenstein lehrt, die Gründe in der Schwebe zu lassen, die Knoten der uns bedrängenden Rätsel geduldig zu entwirren und den Zweifel in Zweifel zu ziehen.
Wer das Profane nicht als Profanes erkennt, ist schon des Teufels.
Die Irrtümer und Irrlehren des Zeitgeistes kann man ihm nicht widerlegen; man kann nur auf seinen Untergang hoffen.
Sinnesreizen wie Klängen zu nachzugeben befriedigt, solange wir der Gefangenschaft, des sensorischen Verhaftetseins, nicht innewerden. Doch blicken wir durch das Gitterwerk, das Reize und ästhetische Wahrnehmungen verbindet, sind wir gleichsam geistig gelockert und vermögen allmählich Sinnzusammenhänge wie die Formen eines Sonatensatzes, die Struktur einer Fuge oder die metrisch-rhythmische Gestalt einer Ode ahnungsweise oder divinatorisch aufzufassen.
Was wir mit ästhetischen Reizen assoziieren, ist oft, da aufgrund von Gewohnheit konditioniert, konventionell, wie das Bild der Rose mit ihrem Duft oder dem dichterischen Symbol von Schönheit und Fülle. Der Maler, der in einer Nature morte unter die Rose einen herabgefallenen, toten Falter plaziert, sagt uns schon mehr.
Der Dichter, der vom Fächer spricht, und uns zumutet, sein Gedicht selbst als einen Fächer aufzufassen, hinter dem sich geheimnisvoll ein Antlitz verbirgt, gibt uns mehr als eine hergebrachte Assoziation, berührt einen tieferen dichterischen Sinnzusammenhang.
Auf ein transparentes Hindernis, ein unsichtbares Rätsel stoßen, wie die Fliege in Wittgensteins Fliegenglas.
Auf der Nadelspitze des zu Ende gedachten Skeptizismus – tanzen.
Zeitgemäßheit ist der Fetisch der Ephemeren.
Der Mensch entwickelt sich nicht, sondern versprüht sich wie der Komet seinen Schweif im Dunkel der Weltenleere.
Würden all unsere Wünsche wie durch schwarze Magie augenblicks erfüllt, wäre die Erde menschenleer.
Der Fährtensucher biegt unvermutet ab.
Die reiche Palette der alten Meister. Doch könnte man auch mit Nuancen von Grau alles Wesentliche darstellen.
Zeichen des Verfalls
Den Dünkel, wolkenwärts den Kopf gereckt,
siehst latschen du in einen Haufen Scheiße.
Der Goethes Sprache stolz mit Kot verdreckt,
will, daß man Erbe ihn des Meisters heiße.
Der Kranke, Tinnitus nimmt ihn arg mit,
muß seinen Kopf ins dumpfe Kissen wühlen.
Der Mozarts Muse in den Hintern tritt,
reißt die betäubten Hörer von den Stühlen.
Vor finstrem Himmel zeigt uns Grünewald
wie Christi Finger unterm Nagel krampfen.
Der Scharlatan dreht um die Sinngestalt,
läßt Füße wild ins Bodenlose stampfen.
In dunklen Wehen ward einst Hölderlin
in Herthas Wald vom Hymnenwerk entbunden.
Der Simulant, ihn kitzelt Dichterspleen,
läßt Kunstblut tropfen aus erlognen Wunden.
Der Dichter trug die Scheite
Nächtlich seufzen auf die feuchten Scheite
unter deiner Schwermut rauhem Hauch,
daß der Funken roter Chor sich breite
und der Sang ins schwarze Schweigen tauch.
Weit hast du die schwere Last getragen
aus dem Wald, wo einer Nymphe Quell
dich beschwor mit weich umschilften Klagen,
Nacht, sie werde unter Flammen hell.
Und du trugst das Holz zum kalten Herde,
wo sich unsrer Träume Asche härmt.
Laß die Fremdlinge der harten Erde
fühlen, wie das Herz Gesang erwärmt.
Und erlischt er auch nach kurzen Stunden,
Mnemosyne sinnt ihm lange nach,
wenn die Kruste unverheilter Wunden,
daß sie glänzen, heißer Puls zerbrach.
Wunder des Verwindens
Wie überkrustet scheint die alte Weide,
wo sie des Abgrunds Feuer hat versengt.
An schwarzer Narbe schimmert grüne Seide,
von Tropfen Lichtes huldvoll übersprengt.
Du geh vorüber, sanftem Sang zu danken,
wenn im Gewog des Schilfes Nester schwanken.
Wo ihr ein Sandkorn in das Fleisch gedrungen,
umschlingt mit Perlmutt es die Muschel Jahr
um Jahr, bis ihr das Wunder ist gelungen,
die Perle glänzt, wo eine Wunde war.
Du aber halte sie ans Ohr, zu lauschen,
wie deiner Sehnsucht ferne Meere rauschen.
Der Blick, der dich getroffen, hat geblendet,
so gingst du vor der Liebe in die Knie,
hast dich ins Laub der Dämmerung gewendet,
bis Tau dir milden Glanz zum Lied verlieh.
Uns aber, die durch harte Strahlen gehen,
schenk deiner Verse abendkühles Wehen.
Liebe geht zum Grabe
Und gehst du einsam hin zu seinem Grabe,
fühlst du das Weh, des Abends trunknen Hauch.
Wie sticht das Wort, o Dorn am Rosenstrauch,
daß leer von Süße fast des Herzens Wabe.
Du schabst vom Mal das Moos, den grünen Schatten,
daß geisterhaft der Name dir erscheint,
um den du bange Nächte hast geweint,
bis Schilf des Schlafs ließ rauschend dich ermatten.
Die Kerze schiebst du in die Grablaterne,
erst blakt sie dumpf, dann sinnt die Flamme rein.
Der Spruch zuckt wie ein Irrlicht in der Ferne:
O daß vereint wir wieder könnten sein
und schweben Traum an Traum, entrückt als Sterne,
die wahr sich fühlen in des andern Schein.
Sonett um heitere Entsagung
Die Pfade, die sich in das Dunkel schlingen
und münden fern an Buchten, muschelhellen,
umrauscht von trunkner Verse blauen Wellen,
zu müde sind wir, daß wir sie begingen.
Die Sonnentrauben, die dem Südlicht glücken,
erlesen in der Früh von braunen Händen,
daß feuchtes Gold dem Festtag sie einst spenden,
zu schwach ist unsre Hand, sie noch zu pflücken.
Wir sehen nur, ans Fenster schlaff gelehnt,
den Schaum des Abendlichtes über Hängen,
wo schon zum Mond aufquillt ein Traumgelalle.
Wir fühlen nur, wie sich vergebens sehnt
das kalte Herz nach glühenderen Sängen
und wärmen es im Schnee der Verskristalle.
Das zerrissene Vlies des Schlafs
Dir war bestimmt, an nackter Füße Ballen
den Wurm zu fühlen und den Staub.
Da hörtest du ins Dunkel Seufzer fallen,
des Sommers Pracht, das rote Laub.
Und schienen sehnend Augen aufzuschimmern
aus wilder Ranken Düsternis,
war es des Sternenabgrunds kaltes Flimmern,
gleich trunknen Blicken des Narziß.
So hast in Grases Vlies du dich gewickelt,
daß Schlaf dir raube Sinn und Halt.
Doch hat die weiche Hülle dir zerstückelt
der Bakchen wüste Traumgestalt.
Das Widerspiel
Du siehst den Pfau, gemalt im Gegenlicht,
das durch den aufgespannten Fächerbogen
mit seinen blauen Jenseitsaugen bricht.
Doch hinter ihm, im hohen Gras das Skelett,
mit Pinselstrichen feinsten Haars gezogen,
die Knochen, bleich auf weicher Moose Bett,
der Schönheit Widerspiel, das siehst du nicht.
Du hörst den Vers, als rausche das Gedicht,
ein Wasser, sanft durch grüner Nächte Matten,
als ob der Stromgeist mit sich selber spricht.
Doch über ihm das Knistern im Geäst
des Weltenbaums, wenn rauh die Schar der Schatten
der Nachtwind schüttelt aus der Träume Nest,
des Wohllauts Widerspiel, das hörst du nicht.
Anmerkungen zum Verständnis:
Der Pfau steht in der antiken und christlichen Ikonographie für das Reich der Schönheit und Unsterblichkeit, Eden und das Paradies.
Der Weltenbaum Yaggdrasil symbolisiert in der germanischen Mythologie die Achse der Welt, die die vier Reiche der Götter, Menschen, Tiere und Toten verbindet. Der Nachtwind, der seine Äste zum Knistern bringt, kann wohl seine Bewohner aus den Nestern des Traumes schütteln, doch bleibt die mythische immergrüne Esche auch in dem hier angedeuteten zyklischen Weltuntergang, dem Ragnarök, unbeschadet stehen, sodaß die entflohenen Tiere, seine angestammten Bewohner, der Adler, der Drache und das Eichhörnchen, wieder zu ihm zurückkehren können.
O Hauch des Quells
Bist nah du noch, der uns die Stirn gekühlt,
als wir durch dürres Dickicht sind geschritten,
die Glut der Sommereinsamkeit durchlitten,
o Hauch des Quells, von Hufen aufgewühlt –
hat uns ein Gott an ihren Saum geführt,
klang blaues Rauschen aus der Dämmertiefe,
daß uns der Mund von süßen Liedern triefe,
der Bann sich löse, der das Herz umschnürt.
O Hauch der Muse, hat dich Sturm entrückt,
der salzig aus der Wüste aufgestiegen?
Hat deinen Odem Düsternis erstickt,
als in Kolonos Hain die Vögel schwiegen?
Blieb nur ein Herz, von wildem Wahn zerstückt,
ein Schmerzenshaupt, das schwarze Wellen wiegen?
Anmerkungen zum Verständnis:
Der Musenquell auf dem Berge Helikon wurde laut Hesiod von den Hufen des Pegasus, der mythischen Verkörperung der Dichtkunst, aufgewühlt.
In der Tragödie des Sophokles „Ödipus in Kolonos“ führt den blinden Heros seine Tochter Antigone, bevor er am Ende von dort entrückt wird, in den Hain von Kolonos, als die Nachtgallen ihren Gesang anstimmen.
Das Schmerzenshaupt ist der Kopf des Orpheus, der von den Bakchen abgehauen noch auf dem Wasser schwimmend seine Klagen um Eurydike gesungen haben soll. Der Anklang an die christliche Ikonographie ist nicht zufällig.
Frag, ach frage nicht
Hades will kein Rosenwasser trinken,
Rose nicht nach Grabesfäule stinken.
Steigt der Ruf des Muezzins, Fontäne,
aus der Hinterhöfe Lärm, dem trüben,
frag, wo sind die Glocken nur geblieben,
wo die sich im Wind gedreht, die Hähne.
Die picken Körner aus der Schwermut Hand,
und jene flogen in ein fernes Land.
Wackelt hier der Schwarzen Arsch, der pralle,
siehst du dorten Dreadlocks-Schlangen wüten.
Frag, wo sind der Anmut Lilien alle,
wo die edlen Herren mit den Hüten.
Die einen wehte fort ein rauher Sturm,
den andren fraß den feinen Nerv der Wurm.
Wirst du wach, weil dunkle Kehlen schrien,
sich in deinen Traum Schakale drängen,
frag, ach frage nicht nach reinen Klängen,
nicht nach heitrer Seele Harmonien.
Die einen sind erstickt in Babels Strom
und die am Geist der Zeit, Gift, stark wie Brom.
Die Rose und das Wort
Dem Andenken an Stefan George
Sie zögert noch, die Lider aufzutun,
als wolle sie den Duft im Innern wahren.
Doch muß die Blütenpracht sie offenbaren,
denn Eos’ Finger lassen sie nicht ruhn.
Ob wohl der Falter, der herangeschwebt,
für ihre samtene Anmut hat noch Augen,
wenn seine Lippen gierig Nektar saugen –
sie bleiben stumm, vom Seim der Lust verklebt.
Daß, Dichter, dir der Sehnsucht Vers mag nähren
ein Wohlgeruch, der fern aus Eden weht,
von Rosen, ungeschaut, imaginären,
er Schönheit künde, die nicht untergeht.
Kein blinder Geist der Zeit soll sie verheeren,
solang das Wort des Sehers fortbesteht.
Frühlingssonett
Wie aus den Ritzen zartes Grün gesprossen,
da wir noch in den Dämmerlauben schliefen,
hat uns geträumt. Beflaumte Kehlen riefen,
als hätten Südens Lüfte sie umflossen.
Ich fühlte deine Wimpern auf den Wangen
wie einer trunknen Hummel Fühler zittern.
Ein Strahl, der Knospen weckt an Schattengittern,
hat jäh dein Blick mein dunkles Selbst umfangen.
Der Tag ward uns zum Vlies, weich hingebreitet,
bestickt mit Veilchen, Astern, Anemonen,
und nackte Haut zu kitzeln, Seidengräsern.
Die Nacht hat uns der Seele Raum geweitet
mit blauen Tönen aus entrückten Zonen,
als rieben Engel sacht an feuchten Gläsern.
Der Ruf in den Abgrund
Sie brachen auf, war auch die Aussicht trübe.
Wen aber würgen macht der Charis Hauch,
entbehrt des Maßes, schöner Gesten Brauch,
als ob ihm nur die Flucht ins Ödland bliebe.
Sie schrien Freiheit, doch sie meinten Wildnis,
und flohen ohne Kompaß, ohne Uhr,
berauscht von Tierblut auf der Bakchen Spur.
Ein Ungeheuer ward der Seele Bildnis.
Der Tag zerbrach den eitlen Schmerzkristall,
aus dem die Bilder einer leeren Tiefe,
das Inkarnat der Träume einst geglommen.
Die Nacht, ein tragikomisches Gelall,
riß sie, als ob das Meer den Quellen riefe,
zum Abgrund, dem selbst Orpheus nicht entkommen.
Der Ruf zum Aufbruch
Wir brachen auf, die Sicht war aufgeheitert.
Rund scheint die Welt, des Menschen Dasein groß,
wird er die Schatten bangen Fühlens los,
wenn Stromgesang das Tal der Angst erweitert.
Und wußten wir noch nicht ums Ziel der Reise,
wir gingen ohne Kompaß, ohne Uhr
beherzt durch heller Sehnsucht grüne Flur.
Im Wetterleuchten tat sich auf die Schneise.
Die Nacht hat uns gehüllt in schwarzen Samt,
bestickt mit eines fernen Eden Blüten,
die sanft im weichen Tau des Traums verglommen.
Der Tag, von Purpurwolken hoch entflammt,
hieß uns den reinen Quell des Ursprungs hüten,
aus dem der Ruf zum Aufbruch einst gekommen.
Stille Wolke, heller Gischt
Wie sich des Abendlichtes Fäden wirren.
Noch steht die stille Wolke, sanft gerötet,
wohl überm Haupt des Dichters unverwandt.
Doch ist die Seele schon vom Lied gebannt
das Philomele dort im Dickicht flötet,
wo sich des Abendlichtes Fäden wirren.
Wie sich im Sund der Nacht die Wogen falten,
als würde sie der Kiel des Mondes schneiden.
Hell ist der Gischt, der aus den Falten springt,
doch dunkel, was des Dichters Seele singt.
Sie muß vom heimatlichen Ufer scheiden,
wenn sich im Sund der Nacht die Wogen falten.
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Gipfel und Abgrund, das unabgeltbare Vorrecht staatlicher Gewalt zu töten.
Knapp verfehlt ist auch fatal.
Lieber die Herrschaft der Scharia als die Anarchie der Schamlosigkeit.
Konsens (das Pseudos diskursethischer Theorien) ist der Nebel, Wahn der Tropfen, zu dem er kondensiert.
Wer sich ständig exhibitionistisch in Szene setzt, muß etwas zu verbergen haben.
Wie sich spreizen, deren Geist in den Seilen hängt.
Der Ostrakismos ist die Ekstase der demokratischen Meute.
Je höher der Anteil an Östrogen im Kreislauf der Lehrkörper, desto niedriger das geistige Niveau.
Die ungeheure Leere zwischen den Galaxien, den Zahlen, den Worten, den Geistern.
Die Muslima im Schleier ist immer noch würdiger als das nackte Pin-up-Girl.
Augustus und seine Gemahlin ließen sich von Vergil die Georgica und Passagen der Äneis vortragen. Von welchem deutschen Bundespräsidenten könnte man sich Vergleichbares vorstellen?
Das Opfer ist als Wahrheitszeuge nicht weniger verdächtig als der Täter.
Der bedeutende Vers ist das Ufer, an das sich der Schiffbrüchige rettet.
Der Scharlatan durchbohrt die Planken des schwanken Verskahns, auf daß der Leser im Abgrund eines unverständlichen Gurgelns untergehe.
Einseitige Diät verdirbt den Magen, übermäßige Lektüre von Zeitungen den Verstand.
Je dümmer, gemeiner, schmutziger die vorgebrachte Idee, desto lauter, enthusiastischer, frenetischer der Beifall.
Nachzubeten, Ornament sei ein Verbrechern, ist im Umfeld urbanen Kahlschlags genauso stupide wie das Tabu auf die Tonalität im Umfeld seelenzermürbenden Lärms.
Die biographische Tatsache, daß Rilkes Mutter den Knaben nach allgemeinem Zeitgeschmack in Mädchenkleider gesteckt hat, wird heute, wie unterm Verfall literarischer Kritik und dichtungstheoretischer Grundsätze nicht anders zu erwarten, zur angeblichen Offenbarung der poetischen Doppelgeschlechtlichkeit seines Dichtens aufgebauscht.
Wie der Teufel das Weihwasser, scheut der zeitgenössische Kritiker und Feuilletonist den reinen Tau, der am grünen Zweig der Verse glänzt.
Demographie zeigt den ethnisch-genetischen Morast, aus dem die Hydra des Kollektivismus, des Gleichheitswahns und der Vergiftung aller menschlichen Beziehungen kriecht.
Anmut und Strenge, das Zarte und das Sublime sind die axiologischen Zweige, an denen der Vers der Meister erblühte.
Den Ungeheuern schmeicheln die am Eigensinn und Eigenwert Kastrierten, erregt von dunkler Lust, ihr jäher Biß werde die Schalen ihrer Langeweile noch zerknacken. Sie füttern selbstlos ihre schwarzen Mäuler mit allem, was ihnen heilig dünkt, ihre Idole, ihre Freiheiten, wie dem Moloch selbst die eigenen Kinder.
Die stille Seele zuckt vor dem Monstrum jäh zurück, von dem es heißt, es sei das autonome Subjekt, das sich selbst völlig verwirklicht habe.
Hitler hat sich selbst verwirklicht, Stalin, Mao e tutti quanti.
Wenn alle oder doch die Mehrheit der Dummköpfe oder der bestochenen Intriganten der Idee zustimmen, gilt sie als gerechtfertigt, ja fanatischen Befürwortern des allgemeinen Volkswillens als wahr.
Wenn alle Stimmen für gleichwertig angesehen werden, ist keine etwas wert.
Der schrillsten Verlautbarung glaubt man.
Die nichts zu sagen haben, brüllen am lautesten oder schwadronieren am längsten.
Was allen zugänglich ist, entbehrt per definitionem eines eigentümlichen Werts.
Was alle verstehen, ist eo ipso nichtssagend.
Die Ausschließung und Degradierung alles Herausragenden und Edlen ist das Arcanum und Geheimverfahren der Herrschaft des Demos.
Prokrustes – der Lehrmeister der egalitären Avantgarde.
Grinsende Eunuchen, Embleme des Zeitgeistes für den Willen zum Untergang der Völker, zumindest des eigenen.
Nur was wehtat, hinterläßt tiefere Spuren.
Gefährliche Menschenfreunde, Tölpel des guten Gewissens, die von jeder höheren preußischen Lehranstalt wegen einer Fünf in Geschichte und einer Sechs in Menschenkunde wären relegiert worden, wollen nicht strafen, sondern resozialisieren.
Das poetische Bild ist vollendet, wenn die Vase mit den unverwelklichen Blumen über dem gerafften Samt des Ausdrucks zu schweben scheint.
Der Hauch, der uns aus den Versen Goethes oder Mörikes, Verlaines oder Mallarmés anweht, scheint aus den noch von keinem Menschenfuß entweihten Gärten der Stille zu uns gelangt zu sein.
Das Tabu auf den Reim zeugt nicht von Wahrhaftigkeit, sondern von der Scheu vor der Beschämung des Entstellten angesichts der Wohlgestalt.
Ein literarisches Distinktionsvermögen schon minderen Grades belehrt uns über den Unterschied eines enigmatischen Ausdrucks, der aus echten Berührungen mit dem Geheimnis sich herschreibt, und einer unverständlichen Diktion, die sich bloß interessant machen will.
Der pseudomoralische, in Wahrheit herrisch-übergriffige Drang, noch den sprachlich Minderbemittelten ins Boot demokratischer Massenumerziehung zu hieven, gipfelt im Verfallssyndrom einer sogenannten einfachen Sprache, die sich der Hürden des Genetivgebrauchs und der Konjunktivbildung auf barbarische Weise entledigt hat.
Der postmoderne Aufstand gegen die biologischen Grundlagen menschlicher Existenz äußert sich nicht nur in der Leugnung der Bi-Polarität der Geschlechter und der Zunahme künstlicher Eingriffe in die Keimbahn, sondern ebenso in der Diskreditierung des Begriffs Genie; denn daß es unter hundert Eckermännern nur einen Goethe, unter hundert Rossinis nur einen Verdi geben soll, ist dem sozialistischen Einheitsgeschmack ein Greuel.
Die wenigen Bildungsbeflissenen wirken wie Touristen in den Ruinen der eigenen Kultur.
Der vom Fäulnisgeruch der Dekadenz verdorbenen Nase entgeht der sublime Hauch aus dem Blumengesteck des Gedichts, der von Eden her weht.
Es gibt nur einen Fortschritt, den sie feiern: den Fortschritt der Techniken, die in immer unauflöslichere Formen der Abhängigkeit und geistig-seelischer Barbarei führen.
Die Zunahme des Weltenlärms zerstört den Keim der Poesie, der nur in der Stille sproßt.
Die fanatischen Weltverbesserer wollen nur eins nicht verbessern: sich selbst.
Der geistige Aristokrat lebt in einer bescheidenen Klause ohne Kronleuchter und ohne Spiegel.
Die das Vergessen des geistigen Erbes betreiben, wie bald sind sie selbst vergessen.
Das Schweigen Gottes verleitet den Erdverfallenen zu endlosem Geschwätz.
Was einzig edlen Dichtern blieb: von Tränen des Abschieds überglänzte Verse, Knospen, die sich nicht wieder öffnen wollen.
Ein Tropfen Wollust in einem Meer von Schmerzen.
Söhne der Sonne, sons of the sun – so nannte Wittgenstein Mozart und Beethoven. – Wenn man auch gültiger sagen möchte: Sohn der Sonne der eine, Jupiters Bruder der andere.
Geisterhaft schweben fahle Klänge eines keine Ruhe findenden Requiems über dem zugewucherten Gräberfeld der Ahnen.
Das hohe Bild
Noch ranken Schatten an der Bruchsteinwand,
ein kühler Hauch weht, daß sie leise zittern.
Des Lichtes reife Garben, sie zersplittern,
löst Eos zärtlich nestelnd auf ihr Band.
Schwebt die Monstranz der Sonne überm First,
steht offen wie ein Schrein die Waldkapelle,
und weiße Blüten wirbeln auf die Schwelle.
O wenn des Frommen Herz in Flammen birst!
Wir sahen es im Traum, das hohe Bild,
bis es mit Teer die Nacht hat übergossen.
Die Sehnsucht blieb, daß noch ein Hymnus quillt,
daß Inseln gleich vom Meer wir sind umflossen,
bis Rauschen in das Schilf der Angst uns schwillt.
Doch hat profane Hand den Schrein geschlossen.
Nachts gelehnt am Fenster
Lehnst wieder still am Fenster, atmest tief
die tiefe Nacht, ob noch ein Duft dir weite
die bange Seele, daß sie südwärts gleite,
woher die Schwester, die entrückte, rief.
Kein Ruf kam, der dich meinte, kein Gesang,
nur aus der Ferne rätselhaftes Wehen,
als würden Geister durch die Marken gehen
und Moose seufzen unter ihrem Gang.
Schon wolltest sinken du in Traumes Spalten,
der unerlösten Liebe Labyrinthen,
als jäh ein Wohlgeruch dich aufgehalten,
ein linder Frühlingshauch von Hyazinthen.
O Dank den Musen, die noch nächtens walten,
den schwermutkranken Dichtern wohlgesinnten.
Sonett vom zugefrorenen See
Die Seele starrt, ein zugefrorener See.
Im Dunkel schimmern Lichter aus der Tiefe,
als ob am Grund gebannt die Nymphe schliefe,
Pech ist ihr Haar und ihre Lende Schnee.
Es lugt der Mond herab, der alte Schalk,
ob schäkernd er empor sie könne necken.
Sein Lächeln bleibt im Wehn des Tanges stecken,
es rieselt ihr ins Herz wie schnöder Kalk.
Ist keine Sonne mehr, das Eis zu tauen,
daß Anmut mag ins Schilf des Ufers steigen,
der Seele Sinn zu lösen aus dem Grauen?
O sanfte Küsse unter grünen Zweigen,
wo Nachtigallen ihre Nester bauen
und singen, wenn gestillte Herzen schweigen.
Das Rieseln in den Mauern
Nachts schreckt ihn auf ein Rieseln in den Mauern,
als wären unterhöhlt sie schon von Gängen,
in die sich Satans Mäusescharen zwängen.
Nachts lassen dunkle Träume ihn erschauern.
Tags sieht Lemuren er vorm Fenster schleichen,
die Geister seines nicht gelebten Lebens.
Sein Winken und sein Schreien sind vergebens,
kein Odem kann den Totengeist erreichen.
Und liegt er in der Gosse hingestreckt,
kommt Nachbars Hündchen, das er gern gefüttert.
Wie Liebe tut, fühlt er das Herz erschüttert,
wenn es ihm seine leeren Hände leckt.
O deine Verse surrten wie die Biene,
die sich verfing im Wehen der Gardine.
Die verwüstete Kapelle
Als spät wir noch den Uferweg gegangen,
aus Schilfen kam ein halb geträumtes Singen,
schien Lust und Leid in einem Ton zu schwingen,
was einsam west von einem Hauch umfangen.
Und klommen wir empor zur Waldkapelle,
im Schlaf der Fenster träumte Abendröte,
war mir, daß seinen sanften Gruß entböte
ein Engel auf der weich bemoosten Schwelle.
Die hohen Bilder, sie sind nun zertrümmert,
des Engels Flügel Splitter auf den Fliesen.
Man brach die Finger, die nach oben wiesen.
Fahl starrt das Moos, das Sinngrün ist verkümmert.
Wo Lilien noch in keuschen Händen ragen,
kein Dichtermund ist mehr, es uns zu sagen.
Wie einsam ist die Nacht
Dir glänzten einst im Rebendämmer Trauben,
und in des Grames Falte floß ein Licht.
Da sank wie Tau hernieder das Gedicht,
als tropften Verse von behauchten Lauben.
Wie helle Tränen mußten sie verrinnen,
es seufzte unterm schweren Schritt das Moos.
Wie einsam ist die Nacht, das Menschenlos,
wenn ihren Reigen Stern um Stern beginnen.
Der Liebe Bildnis scheint verblaßt, verschollen,
wie jenes Haupt des Sängers auf dem Fluß,
aus dessen Munde noch hervorgequollen
die Schreie nach der Eurydike Kuß.
Gieß den von bittern Träumen übervollen,
des Liedes Becher aus, o Genius!
O Träne, quille
Was wir noch sagen, soll in Ruhe stehen,
wie auf dem Tisch der irden-blaue Krug.
Ein Bund von lichten Astern ist genug,
wenn vagen Dufts Erinnerungen wehen.
Wie dumpfes Sirren einer Eintagsfliege,
die sterbend gegen eine Scheibe stößt,
dünkt uns das Weltgetümmel unerlöst,
bis endlich es verstummt am Boden liege.
Ein dunkles Rauschen von den Strömen her
belebt uns, wenn wir schweigen, sanft die Stille.
Gesang der Sehnsucht nach dem fernen Meer,
daß er die Muschel unsres Traumes fülle
von jäh entrückter Liebe Wiederkehr.
O Träne, stumm-beredte Botin, quille.
Der Dichter vor dem Schicksal
Heroisch dunkler Macht den Sinn verwehren,
vor der wir wie ein Schaum auf Wassern sind,
die mit ihm in den Abgrund stürzen blind,
dies scheint, was die antiken Weisen lehren.
Die Welt bleibt, wie sie ist, ein Traumgeschehen,
in dem sich Traum um Traum gebiert, verschlingt.
Was süß die Nachtigall im Dämmer singt,
im bittern Rauch des Tags muß es verwehen.
Wie eine Rose an den Schattengittern
magst du dich auftun einem fernen Licht,
damit es aus des Mundes Blume spricht,
dich mutlos neigen auch, um zu verwittern.
Hast du die Wahl, zu sinken, aufzuschweben?
Kann nur ein Gott uns aus dem Dunkel heben?
Ermunterung für junge Dichter
Dein Lied, o Dichter, sei wie blaue Veilchen,
die lauer Hauch der Sommernächte kost,
wie eines roten Mundes weicher Trost,
der uns geküßt und summte noch ein Weilchen.
Scheu dich vor Worten nicht, auch scheinbar schlichten,
sie sind wie Tropfen, matt auf trübem Glas,
doch leuchten sie, Geschmeide von Topas,
wenn Abendsonnen Abschiedsoden dichten.
Auch leise Reime können uns entzücken.
Wie vager Duft von fast verblaßten Rosen
kann uns dein Vers gen Eden noch entrücken.
Nur laß das Scheppern mit verbeulten Dosen,
das wichtigtuerische Sinn-Zerstücken –
doch parfümierten Schmu auch, seelenlosen.
Abendliches Trost-Sonett
Daß Mozarts Serenade, Wohlklang übertöne,
was gluckst und schluchzt in Sümpfen, trüben,
der Schimmer, der vom Angelus geblieben,
uns mit dem Dunkel, das ihn schluckt, versöhne.
Im blauen Azur wölket, was gesungen,
der aus dem Turm geschaut auf Neckars Auen.
Wo Wogen sich am Fels der Schwermut stauen,
ist schon der leichte Schaum ins Lied gedrungen.
Neigt auch basaltnes Mal sich, das bemooste,
und sind fast blind, die lasen einst die Namen,
noch fliegen auf vom Ahnengrabe Samen,
uns, den enterbten Enkeln, wie zum Troste.
Die zuchtlos Mißklang in den Sümpfen laichen,
bald brennt der Hymne Strahl, und sie erbleichen.
Wenn sich die Narzissen wiegen
Wenn sich die Narzissen wiegen
müd im lauen Abendwind,
will ich schweigend bei dir liegen
und dich atmen hören blind.
Grellen Tages dunkles Wollen,
das sich würgend um uns schlang,
aufgelöst ist es, verschollen
in der Seelen Zwiegesang.
Fernhin sank das kalte Lärmen,
das den zarten Sinn betäubt,
ins Geschluchz von Vogelschwärmen,
Wasser, das vor Sehnsucht stäubt.
Die ein Dämon schlug, die Wunden,
daß er unser Herzblut sog,
hat ein Engel sanft verbunden,
der aus Eden zu uns flog.
Einmal noch, Persephone
Ins Dunkel mündeten die Stromgesänge,
versickernd wie der goldne Wein der Sage.
Was sproßte, blich an Ceres’ wilder Klage,
daß sich im Winterlicht der Schatten länge.
Verschneit glänzt fahl im Mond der Sonnenhügel,
wo Arm in Arm wir still ins Grüne wallten,
nach sanftem Bilde tastend, Traumgestalten,
vom Reif getrübt doch ward der Seele Spiegel.
Nun aber hört den Ruf Persephone,
nun darf sie aus dem Hades sich erheben,
wie sich zu Eos hebt die Blütenkrone.
Daß einmal wir noch wandeln unter Reben
und schlummern sanft, umhaucht von rotem Mohne,
mag schon das Herz vorm Neid des Dunklen beben.
Österliche Vierzeiler
Als wolltest schlürfen du den Tau, den bittern,
aus fahlen Kelchen, die im Nachtwind zittern.
Doch glänzt ein Kelch, gefüllt mit süßem Lichte,
ein Wort, das uns entreißt dem Weltgerichte.
Als möchtest du im dunklen Winkel schmollen,
ein Kind, dem man verwehrt, herumzutollen.
Doch angenagelt hängt an Fuß und Händen,
der dir das Herz der Unruh könnte wenden.
Als wärest du vom Druck des Dämons trunken,
der wie ein Stein dir auf die Brust gesunken.
Doch auf dem Felsen vor dem Grabe lohte,
der ihn gewälzt, des Himmels Flammenbote.
Als wolltest du, verfolgt von wüsten Stimmen,
aufs steile Ufer, wo sie branden, klimmen.
Doch Patmos ist das Eiland, das dich rettet,
wo Kranke man aufs Moos der Stille bettet.
Österliches Bittsonett
O Wort, du Lichtkeim, den hinweggeweht
ein Todeshauch aus einem Abgrund finster,
blüh einmal auf in einem Feuerginster,
wo ein Erschlagner aus dem Staub ersteht.
O Holz, gewurzelt einst im Paradies,
du warfest deinen Schatten uns zur Sühne,
trag einmal goldne Früchte noch, ergrüne,
wo sich der Unschuld auftut das Verlies.
O Schrei, der sich vermischt mit tausend Schreien
aus Herzen, die zerquetscht ein Marterrad,
kehr heim in einer Hymne leisem Schneien,
daß leuchte unsrer Nächte Leidenspfad
und Seufzen wandle sich in Benedeien,
wo uns der Gnade sanfter Engel naht.
Die stille Stunde
Mag zarter Sproß uns, junges Grün genügen,
das hell an Birken leuchtet, blaß an Gittern,
wo frühe Knospen noch in Träumen zittern,
und der Forsythien Sich-im-Goldrausch-Wiegen.
Daß wir im Abseits eine Bank noch fänden,
im Sack den Daseinsvorrat schon vergaßen,
die Flucht der Schatten nicht mehr daran maßen,
ob steigt das Licht, ob unsre Tage enden.
Doch war uns nicht vergönnt die stille Stunde.
Bald hat ein Großkotz dreist sich hingepflanzt,
leckt sich die Lippen, daß er frei bekunde,
wie heiß die Hure Leben ihm getanzt.
Als schände Euphrosyne eine Wunde,
hat sie im Turm der Schwermut sich verschanzt.
Als dunkel Pan geflötet
Kristalle schimmern noch auf ihren Wangen,
wie Tau der Nacht auf welkem Blütenblatt.
Ihr Blick ist von den Fieberträumen matt,
worin gezischt ihr der Medusa Schlangen.
Und ihre Haare wogen an den Brüsten,
den Inseln, wo gestrandet jüngst ein Kahn.
Den zog ins Ferne hin kein Märchenschwan,
denn gramumschäumt sind diese schroffen Küsten.
Ins weiße Linnen hüllt sie sanft den Toten,
doch wie der Mohn, der Krokusmatten rötet,
durchsickern es des Grauens stumme Boten.
Du fragst, warum wohl zarte Hand getötet.
Haß war’s und Liebe, ein verschlungner Knoten,
den sie zerschnitt, als dunkel Pan geflötet.
Der musisch begabte Dämon
Früh kriecht er aus dem fäulniswarmen Sumpf.
Die Augen sind von gelbem Traumwachs trübe.
Als ob das Licht zu schauen er noch übe,
zieht langsam er aufs Gras den weichen Rumpf.
Vor Sehnsucht nach graziösen Gliedern krank,
schweift er durch Halme, züngelt an den Dolden,
ob sie dort taumeln, rosig lockend, golden,
und süßlich wird sein Unterweltsgestank.
Wie träumerisch er zarte Falter kaut,
ein Schluchzen mischt sich ins Hinunterschlingen.
Doch während er der Elfe Herz verdaut,
hebt an wie Orpheus er voll Charme zu singen.
O welche Muse hat ihm zugetraut,
das feuchte Linnen Rilkes auszuwringen?
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