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Nov 18 18

Schlummert ein, ihr matten Augen

In der dämmerigen, kühlen Katakombe, in der vor dem Altar aus wuchtigen, grob gehauenen Steinen nur die große, einsame Kerze Licht spendet, verhalten wir den Schritt und dämpfen die Stimme, und ihr Hauch wird flüchtiger Dunst.

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Welche Stille, dunkelblaues Tuch, vom Wind der Dämmerung leicht gebläht, breitet sich über die Gedichte des alten Meisters.

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Nachts, das Schimmern ferner Fenster in schneebedeckten Hütten, in denen Menschen singen, flüstern, sich küssen, schlafen, zu denen du, unterwegs auf verschneiten Pfaden, nicht mehr findest.

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Schmerz der Erleuchtung, Stern über blauer Winternacht.

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Rings das ungeheure Kreisen des Lichts um die schwarze Rose, in dir aus dem schwarzen Brunnen das unverständliche Rauschen.

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Kelch des Engels, schwebend gehalten unter die Wunde, Kelch, gefüllt vom einzig lebendigen Wort.

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Kind, das die gelben Blätter der Linde, des Ahorns, der Buche vom Boden aufrafft und zum Drei-Blatt der Liebe fächert.

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Schnörkel des Verses, Gitter vor dem Blau des stummen Himmels.

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Lied, Taschentuch, das aus dem Fenster winkt.

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Das leise Knistern der dürren Gräser im Schnee, kaum noch Durst, kaum noch Klage.

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Das Hoffen der Frommen, und die Arme, es zu halten, knicken ein wie blutleere Zweige.

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Die Schatten wandern über den Sand, der Wind spielt mit dem Sand, bis er müde wird, müde der Wind, müde der Sand, die Schatten wandern.

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Wenn das Dunkel mit Blütenblättern später Rosen niederschwebt, wenn das Dunkel sanfter glimmt mit Tropfen, die von Veilchenwangen rinnen, schlummert ein, ihr matten Augen.

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Der Schein der Kerze knistert von Schatten.

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Lippen zur Unschuld salben mit eines Verses zartem Finger.

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Das Eichhorn huscht und sammelt seine Nüsse und weiß von keinem letzten Schnee.

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Wenn wir kaum noch flüstern im Kerzenschimmer des hohen Doms, wenn wir verstummen, mag das Schweigen uns ins heilige Dunkel heben.

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Erst ist es das Wogen des Atems, des Bluts, dann ist es der Rhythmus des Lieds, endlich das Wogen der Stille.

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Die Taube hat sich auf dem Zweig vor deinem Fenster niedergelassen. Frag nicht, wieso diese Taube, warum zu dieser Stunde auf diesem Zweig. Frag nicht, wieso du dort sitzt, warum zu dieser Stunde in diesem Zimmer.

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Gezählte Stunden. Ist noch eine, die vom Grund des blechernen Haufens golden heraufglänzt?

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Wie zwischen schillernden Seifenblasen, die aneinander schweben, ist zwischen den Worten, den Seufzern, den Küssen ein unendlich leerer Raum.

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Hündchen, legt sich auf die Füße des schlaflosen Dichters.

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Strahl, der über das Polster des Schnees streift und es rötet, als würde es leise, leise tönen.

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Die Kleine, läuft mit ihrem blauen Plastikeimerchen und der kleinen Schaufel zu den Spielkameraden, und ist kein Zweifel, daß der Sand warm und die Kinder freundlich sind.

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Der stinkende, von Schwären verunstaltete Bettler, und singt wie die Sirene schön, wenn der stille Mond herableuchtet, sie haben ihn in einen alten Turm gesperrt, der oben gleich einem Brunnen offen ist, und so hockt er in der Tiefe und blickt in das blaue Loch und singt, und sie sitzen in der warmen Luft der Sommernacht rings um den Turm und lauschen, wenn der Mond in sein Inneres leuchtet.

*

Das tränenhelle Auge, das dich gläubig anschaut, die kleine Hand, die sich um deine schlingt, der trockne Mund, der um den Becher eines wahren Wortes bettelt – könnte das der Seele taugen?

*

Dort, wo an Dämmers Ufern Schilfe zittern, Lampions weißer Blüten auf den Wassern schweben, wo ein Herz, die blaue Knospe, in das Herz der roten blickt, dort …

 

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=QioNzrN9wdI

 

Nov 17 18

Rituelle Handlungen – Begrüßung

Zwei Menschen gehen aufeinander zu und reichen sich die Hand, während sie ihre Hände schütteln, schauen sie sich lächelnd in die Augen.

Wenn wir diese (und ähnliche) Situationen genau beschreiben, können wir die Bedeutung des Begriffs einer rituellen Handlung verstehen.

Wir bemerken, daß dieselben Leute dieselbe Handlung des Händeschüttelns bei der Begrüßung und der Verabschiedung vollziehen. Wir sagen, einmal eröffnet die symbolische Handlung eine Situation (der Begegnung, des Gesprächs), einmal schließt sie die Situation ab.

Wir bemerken, daß die rituelle Eröffnung einer sozialen Situation einer sprachlichen Metapher ähnelt, insofern sie durch gleichsinnige oder gleichbedeutende Handlungen oder symbolische Sprechakte ersetzt werden kann. Ein Mann kann zur Begrüßung vor einem anderen den Hut ziehen (wenn Männer noch Hüte trügen) oder ein Mann kann einer Dame (wenn Frauen noch Damen wären und für ritterliche Gesten empfänglich) die Hand küssen.

Der Mann, der in der prallen Sonne seinen Hut lüftet, um sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn zu wischen, hat nichts Metaphorisches oder Rituelles im Sinn: Seine Handlung ist funktional bestimmt.

Die zeremonielle und rituelle Eröffnung einer Situation ist das Wahrnehmen, Ausloten und Überschreiten der sozialen Grenze, die durch den sozialen Status und die soziale Rolle der Beteiligten definiert wird.

Der Gastgeber ist gleichsam der Zeremonienmeister und stellt die eintreffenden Gäste einander vor, wobei dem Ehrengast oder den sozial höherstehenden Personen der Vortritt gebührt und eingeräumt wird: Sie werden als erste begrüßt und als letzte verabschiedet.

Das Wahrnehmen, Ausloten und Überschreiten sozialer Grenzen ist stets mit mehr oder weniger unterschwelligen Gefahren, Bedrohungen und Ängsten verknüpft, dies zeigt sich an den Sanktionen und Tabus, mit denen die rituellen Handlungen ihrer Überschreitung belegt zu werden pflegen.

Demjenigen, der sich uns gegenüber verleumderisch, betrügerisch oder sonstwie feindlich betragen hat, pflegen wir den Handschlag zu verweigern.

Mit der Verweigerung des Handschlags drücken wir ein Gefühl und eine Haltung der Angst und Bedrohung, des Mißtrauens oder Abscheus aus, zugleich können wir damit den Ausschluß des Betroffenen aus der von uns gebilligten oder erwünschten sozialen Nähe nicht nur bekunden, sondern bewirken.

Die Hand zu reichen, den Hut zu lüften, die Wangen oder die Hand zu küssen sind Weisen des Redens, ohne daß wir dafür den Mund auftun müßten.

Mit der Abgrenzung und Exklusivität des Kreises von Personen, die wir bestimmter ritueller und zeremonieller Formen der Bewillkommnung und Begrüßung für wert erachten, umgrenzen wir einen Mikrokosmos sozialer Gemeinschaft.

Es ist augenscheinlich, daß die rituellen Formen der Vergemeinschaftung auf biologischer Verwandtschaft fußen und sich aus dem intimen Kreis der Blutsverwandten nach und nach auf fernere Bereiche ausdehnen.

Aufgrund der Öffnung der Situation mittels ritueller Formen der Begrüßung lassen wir andere in unsere Nähe, und aus dieser Gunst nähren sich der soziale Rohstoff und das symbolische Kapital der Anerkennung.

Die heikelste, von uns unter allen Umständen mit Argusaugen beobachtete Grenze ist die osmotisch fluktuierende Oberfläche unseres eigenen Leibs. So scheuen wir alle Formen unvorhersehbarer Berührungen und Annäherungen und gestatten nur solchen Personen die Annäherung an unser zerbrechliches Gehäuse, denen wir vertrauen oder zumindest mit Fug und Recht unterstellen, keine feindseligen Absichten hegen, unser Wohlbefinden zu verstören und unsere Haut zu ritzen. Auf der anderen Seite drängt uns das natürliche Bedürfnis nach sanfter Umhüllung, Geborgenheit und intimer Entlastung und Entspannung von der Daseinsangst in die Nähe vertrauenswürdiger Freunde und geliebter Menschen.

Rituelle Handlungen wie die Begrüßung stehen im Kreuzungs- und Verdichtungspunkt dieser widerstrebenden, doch unaustilgbaren Tendenzen des menschlichen Lebens, sie müssen diese ausloten, austarieren und zumindest vorläufig zu einem fragilen Ausgleich bringen.

Wie instabil solch ein Gleichgewicht ist, zeigt der Gebrauch des Wortes als Waffe der Distanznahme. So wehrt sich der physisch oder soziale Schwächere, mag er von dem Überlegenen noch so unbefangen begrüßt worden sein, indem ihm gewisse ironische oder despektierliche und herabsetzende Bemerkungen während ihres Gesprächs entschlüpfen oder gekonnt lanciert werden, um sich auf diese Weise symbolisch seiner Haut zu wehren oder den nicht ganz geheuren Gast auf Abstand zu halten.

Wir kennen die zeremoniell ausgefeilten Begrüßungsrituale der Vögel wie der Störche, Kraniche und Reiher, die der Identifikation und Bewillkommnung des Geschlechtspartners und der Befestigung der Paarbindung dienen. Sie haben allerdings nicht jenen sprachförmigen Charakter der Begrüßungsrituale des Menschen, weil sie starr auf den jeweiligen Partner programmiert und nicht flexibel und intentional wie bei Menschen üblich auf die Genossen der jeweiligen Sippe oder des Schwarms übertragbar sind.

Die Ritualformen menschlichen Handelns variieren wie Idiolekte und Dialekte von Schicht zu Schicht im Sinne der sozialen Stratifikation und von Epoche zu Epoche im Sinne des sprachlichen Wandels. Die Begrüßungsrituale, die wir auf Stelen und Bildnissen des Altertums am Thronsessel des ägyptischen Pharaos oder des persischen Großkönigs und in den Basiliken und Audienzsälen der römisch-deutschen Kaiser wie auf den prachtvoll illuminierten Handschriften des frühen Mittelalters wahrnehmen, sind Ausdruck imperialer Herrschaft und der Devotion der unterworfenen Stämme, Völker und Nationen, die mit Geschenken und Tributzahlungen ihre Aufwartung machen.

Wie symbolisch einzigartig gewichtet ist die Begrüßung Mariens durch den Engel der Verkündigung, wie wir sie reich ausgeleuchtet und farbig ausgedeutet auf den Ikonen des Osten und den Gemälden der Renaissancemeister finden: Wie seltsam die bräutliche Bereitschaft einer Berührung durch das göttliche Wort, das zugleich sich als Taube und Strahl der Empfängnis und als Schwert der mütterlichen Passion darstellt, ohne daß die Magd des Herrn davor zurückschaudert.

Nicht jeder kann und will alle grüßen und nicht jeder kann und will von allen gegrüßt werden, die uniforme Gleichheit und vulgäre Universalität heben den exklusiven sozialen Sinn dieser wie jeder anderen rituellen Handlung auf. Würde ich von allen gegrüßt, welch ein aufdringliches Gewese, müßte ich alle grüßen, welch ein alle Distinktion und allen Charme der Zuvorkommenheit vernebelndes Getue!

Wir können und wollen nicht Hinz und Kunz grüßen und scheuen uns zurecht, dem Schmutzfink, dem Verleumder und dem Übelwollenden die Hand zu reichen.

Wenn wir von dem, an dessen Achtung und Aufmerksamkeit uns viel gelegen ist, von Gruß und Handschlag ausgeschlossen werden, spüren wir schmerzlich, wie uns eine Wurzel symbolischer Teilnahme aus der Mitte unserer Existenz gerissen wird.

Der Entzug und die Verweigerung des Grußes können ans Maß der Verachtung reichen, die wir auch am Niederschlagen des Blicks des einstigen Freundes, Gönners oder Geliebten erfahren.

Die Handreichung kann symbolisch und real am Leben erhalten, und der Blick kann symbolisch und real mit Hoffnung und Zuversicht nähren.

Welche Verwirrung, wenn wir tagträumend oder allzu kurzsichtig einen Unbekannten, in dem wir fälschlich einen Bekannten sehen, grüßen! Wie verstörend, wie beängstigend, wenn uns ein Fremder und gänzlich Unbekannter zudringlich lächelnd die Hand entgegenstreckt!

In der Art der Begrüßung kann sich ähnlich wie in der übertrieben höflichen, einschmeichelnden oder schamlos intimen Briefanrede ein mißlicher, schiefer und falscher Ton einschleichen, der uns verstört und voller Unbehagen zurückläßt.

Die Kunst des Betrügers, Schwindlers und Taschendiebs zeigt sich in der entwaffnenden Form seiner Begrüßung.

Er drückt uns warmherzig die Hand, mit der anderen zieht er unbemerkt die Geldbörse aus der Jacke.

Der den tiefsten Bückling macht – gleich schnellt er wie eine Kobra empor.

Hunde beschnuppern sich, wir müssen an Worten riechen, Schatten hinter Gesten wittern, uns in der Hermeneutik des Mienenspiels üben und bewähren.

Religiöse Verehrung drückt sich im Ritual der Begrüßung der Gottheit vor ihrem Bildnis aus, in dem die Gläubigen ihre Epiphanie gewahren, als habe sie sich soeben zu einer Audienz für die Auserwählten herabgelassen. So mußten die Untertanen der späten römischen Kaiser, die sich haben als Götter verehren lassen, ihr Standbild auf dem Forum grüßen.

Die Opfergabe des Kults ist eine Form des Grußes an den Gott.

Kain fühlte die Verachtung dessen, dem die Entgegennahme seines Grußes und seiner Gabe verweigert wurde, im niedergehenden Rauch der Opferflamme.

Das Spiel der Liebe bleibt unverständlich ohne die Rhetorik der Gruß- und Abschiedsformeln, der Willkommens- und Heimwink-Gesten. Welch hübsche Gaben, welch anmutige Geschenke, die zu den bewährten Requisiten des alten Schauspiels gehören!

Der Rang seiner sozialen Stellung ermächtigt den Würdenträger, die ihn grüßenden oder an einer Audienz teilnehmenden Gäste sitzend zu begrüßen, während die Niederrangigen bei der rituellen Handlung zur Bezeugung ihrer Ehrerbietung zu stehen pflegen.

Dagegen hat Christus den Jüngern die Füße gewaschen, was nach orientalischem Brauch die eingeladenen Gäste gewöhnlich vor der Begrüßungszeremonie taten. Doch hat er sie als Höherrangiger, zwar nach anfänglichem Zögern und Sträuben der Musterschüler, nicht beschämt, sondern paradoxerweise erhöht.

Die Verflechtung von Rangmarkierungen und hierarchischen Distinktionen in die scheinbar einfache rituelle Begrüßungshandlung kann nur auf Kosten des Verblassens ihrer sozialen Wirksamkeit ausgefranst und geglättet werden.

Der Lehrling, der vor dem Meister, der Schüler, der vor dem Lehrer zur Begrüßung nicht aufsteht und seinen Gruß erbötig erwidert, wird von ihm keine Lehre annehmen.

Der dem Zen-Schüler willkommenste Gruß ist der Stock, mit dem der Meister ihn zum Erwachen auf die Schulter schlägt.

Die Begrüßung des Auditoriums durch den Redner eröffnet die soziale Situation, indem sie die Aufmerksamkeit auf denjenigen zieht, dem sie gebührt, falls seine Ausführungen halten, was er ankündigt.

Die pubertäre Neurose äußert sich gern in der Verweigerung des Grüßens; die paranoide Psychose darin, es unmöglich zu machen, gegrüßt zu werden, wenn der Schizophrene glaubt, durch eine entstellende Maske seines Gesichts und Mienenspiels für die Umwelt unerkennbar geworden zu sein.

Das gemeinschaftliche Leben ist nicht nur durch Sprechakte wie das Befehlen, Anweisen, Empfehlen, Fragen oder Versprechen konstituiert, sondern auch durch leiblich ausgeprägte rituelle Handlungen, die das sprachliche Verhalten begleiten oder metaphorisch ersetzen, wie das Aufstehen, Sichverbeugen, Zurückstehen, Händeschütteln, Auf-die-Wange-Küssen oder das Hutlüpfen.

Welche Verwirrung der Geschlechtermoral, wenn einem Mann, der einer Frau zur Begrüßung die Hand küßt oder gar den Vortritt läßt und die Tür öffnet, mit Argwohn begegnet wird, ja ihm niederträchtige Bestrebungen unterstellt werden!

Den Hut vor Nachbars Hund zu lüften scheint uns kein gelungenes Höflichkeitsritual zu sein, weil das Tier in unserer kulturellen Gemeinschaft nicht als Gegenstand von Höflichkeitsbezeigungen und verehrenden Gesten gilt. Wir können uns aber vielleicht kulturelle Umgebungen vorstellen, in denen das anders wäre.

Rituelle Handlungen wie die zeremonielle Begrüßung sind performative Sprechakte, auch wenn sie stumm verlaufen, sie können, wie John L. Austin gezeigt hat, nicht wahr oder falsch, sondern nur angemessen oder unangemessen sein, gelingen oder mißlingen.

Rituelle Handlungen können nicht wie deskriptive Sprechakte als Beschreibungen von mentalen Zuständen aufgefaßt oder verneint werden.

Begrüßungen können mißlingen, wenn der Gegrüßte den Gruß nicht annimmt, sie können von allen möglichen mentalen Zuständen und Gefühlen wie Freude oder Unbehagen, Wohlwollen oder Widerwillen begleitet werden, ohne daß sie mißlängen. Grüßen wir einen Menschen, den wir mit unserem Freund verwechseln, wird der Gruß nicht ungültig und unwahr, sondern verfehlt seinen Sinn oder wird vereitelt.

Die rituelle Handlung der Begrüßung mag ihre Kostüme von Epoche zu Epoche wechseln, doch der sie aufsetzt, der Geist der Gemeinschaft, hält unbeirrbar an ihr fest, solange es Menschen gibt, die sich begegnen und ihre Zugehörigkeit einander symbolisch zum Ausdruck bringen.

 

 

Nov 16 18

Der Schalk

Dem triefäugigen Prälaten, der predigend die schlaff gefalteten Hände auf dem dicken Schmerbauch kreuzt, von tiefen Seufzern werden sie gewiegt, schaut er flugs links und rechts, manchmal gleichzeitig, mit grinsendem Mondgesicht über die Schulter.

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Den im Park Schulter an Schulter gehenden Beiden läuft er, mit einem Tutu-Kleidchen der Sylphide über nacktem Hintern, er reicht ihnen gerade bis zum Knie, geschwind, wenn er sich eben über sie beugt und sie mit halb geschlossenen Augen ihm die leuchtende Frucht ihres Munds entgegenstreckt, wie ein Eichhörnchen zwischen die Beine, sodaß er stolpert und sie unwillkürlich in die bebende Lippe beißt.

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Der große Gelehrte wirft sich, die Brauen hochgezogen, die Augen ins erregte Dunkel der Zuhörermasse funkelnd, wie auf einem Wasserski tänzelnd auf die schäumende Kaskade seiner Redekadenz, und hält unter einem Würgen inne, der kleine Schalk hat gerade unter dem Katheder ein großes Geschäft verrichtet, das gen Himmel stinkt, und bricht „Pfui, Teufel“ rufend plötzlich ab.

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Der Schalk schmuggelt Briefe in die Tasche des Postboten, die er nichtsahnend und geflissentlich in die Kästen wirft. So erhält der Jäger einen Brief von einem Rehkitz, das seine Trauer über den waidwunden Zustand seiner lieben Mutter, des Jägers böse Flinte war dran schuld, hufebrechend bejammert, ein vergilbtes Lindenblatt liegt als Zeugnis bei, so bekommt der vereinsamte Poeten-Grauschopf ein rosa Briefchen von einer fernen Verehrerin aus Isfahan, das nur aus an- und bezüglichen Zitaten seiner Gedichte besteht, eine augenscheinlich gefärbte, aber süßlichen Duft verströmende Locke liegt als Epilog bei.

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Der Reime-Schalk läuft als winzige Poesie-Ameise (formicida poetica) in die Verse-Furchen des verdutzten Dichters und schleppt wie die Ameise ihre kleinen Blätter und Nadeln und Beeren kleine Buchstaben und Silben und Wörter heran, da und dort läßt er sie fallen, da und dort hebt er sie wieder auf und zieht zum Verdruß des Schreibers unerbittlich seiner Wege. Gravitätisch setzt der Dichter das Groß-Wort „Würde“ ans Zeilenende, der Schalk wuchtet darunter ein „Hürde“, der Dichter kann zusehen, wie er sie nimmt; fidel gönnt sich der Poet einen „Kuß“, schon stemmt der Schalk den harzigen Balken „Schluß“ darunter, und der Dichter kann zusehen, wie er das seiner Angedichteten unterjubelt. Der hymnisch gestimmte Poeta doctus läßt „Blitze“ auf die dumpfe Menschheit niedergehen, der Reime-Schalk zerknistert den anbrausenden Donner in trockene „Witze“.

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Der Nachtmahr-Schalk, kaum weht im lauen Wind der Sommernacht vor offnem Fenster die Gardine, fliegt, doch lautlos wie die Fledermaus, mit seinen schwarzen Flügeln aus Samt und von Purpursaft durchflossener Haut, fliegt und kreist um das von warmen Beinen aufgewühlte Bett, landet kunstgerecht auf dem hochgereckten Knie der entblößt schimmernden Schönen. Er leckt sich die Lippen rot mit einer vipernharten Doppelzunge, rutscht langsam wie ein Seufzer auf dem Fleisch der Schenkel herab und zieht die trockene Alraune seines dunklen Leibes höher, höher, bis er auf dem wogenden Kamm der Brüste hockt. Was hebt er dort zu schnalzen an, zu keckern und zu mauzen? Wer mag es wissen, nicht einmal die Schöne, die sich unter dem Albgelalle solcher Schalke öfters windet, kann es uns erzählen, denn der kesse Strahl der Sonne hat sie schon wachgekitzelt und benommen schaut sie in den veilchenblauen Tag.

*

Wer ist denn der mit dem Schlapphut, woran Fasanenfedern wippen, dem weißem Künstlerschal, den er sich gern salopp um die Schulter schlägt, dem blauseidenen, engen Beinkleid und den blitzenden Lackschuhen, die so nachdrücklich und geradezu obszön auf den Theaterbrettern knarzen? Ah, es ist der Gottes-Schalk, der wahre Sohn des ewigen Vaters, der ihm als ein Schatten und Doppelgänger während des großen Schauspiels folgt auf Schritt und Tritt. Und sagt jener feierlich „Es werde Licht“, kontert „Mir nicht, mir nicht!“, kündet jener „Mehret euch zu meiner Wonne!“, mit spitzem Munde lispelt „Verwest, ihr Würmchen, unter meiner Sonne!“, und wieder auf das hohe Wort „Ich sende Propheten und den Sohn, daß er es schlichte“ das gemeine hinwirft „Ich sorge dafür, daß man sie alle richte“, und breitet jener die Arme väterlich „Ich lade die Reinen in mein Paradies ohne Tod und Leid“, hebt dieser den Frack hinterrücks und furzt über die Rampe hin: „Mit diesem Duftausweis kommen sie wohl nicht so weit“. So spielen sie, Gott und sein Schalk, die göttliche Komödie von der Zeit, da sich der Vorhang hob, bis zur späten Mitternachtsstunde, wenn er sich senkt, vor einem sich mehr und mehr lichtenden Publikum, der Rest kam nicht mehr hoch, weil er längst vor Langeweile eingeschlafen ist.

 

Nov 15 18

Glocken in der Nacht

Philosophische Sentenzen und Aphorismen zur Sprache und zur Sprache der Dichtung

Wir können uns in der Sprache nicht völlig unverdeckt und entblößt entgegentreten.

Können wir es denn überhaupt? Nicht einmal die nackt im Bett Lippe an Lippe, Herz an Herz einander gehörenden Liebenden sind ganz entblößt – und wenn sie sich ihre Liebe gestehen, ist dies ein Echo aus weiter Ferne und tiefer Vergangenheit.

Durchscheinend klare Worte wie „Ich bin spät dran“ oder „Dort kommt unser Freund Peter“ sind transparent auf ihren Sinn nur dank der Umstände ihrer Äußerung.

Was sollen wir sagen, wenn einer auf der faulen Haut liegt und sagt, er sei spät dran?

Manche Kleidungsstücke kaschieren einen körperlichen Makel wie Flecken oder unreine Haut oder Beulen. Ähnlich gewissen Floskeln, die unter dem Schleier höflicher Gesten Langeweile, Überdruß und Widerwillen verbergen.

Füllsel wie „Ich würde meinen“, „quasi“ oder „gleichsam“ suchen vergebens ein Loch im Gedanken zu stopfen.

Der Mensch der Phrase tut es nicht ohne große Worte und gespreizte Begriffe wie „Fortschritt“, „Menschlichkeit“, „das ganz Andere“ oder „das Fremde“.

Die gedanklichen Lücken, die hier klaffen, sind dunkler als das gähnende Maul eines Nilpferds – und stinken nicht weniger übel.

Wortduft, versprüht, um den Gestank der Verwesung zu betrügen.

Der geistreiche Blender, der zur Verblüffung des Publikums schillernde Luftschlangen aus dem Nebel des Diffusen über die Köpfe wirft.

Worte, die den warmen Stallgeruch des Bekenntnisses verströmen.

Was da stinkt, rinnt aus der Angst, falsch verstanden oder besser: richtig verstanden zu werden.

Gleich schreien sie zwei, drei wohlbekannte Namen daher, um sich auszuweisen und nicht verhaftet zu werden.

Der Wahrheitszeuge, der den Scharfrichter mit einem Witz bei seinem witzlosen Geschäft erheitert.

Wer ständig vom Guten im Menschen faselt, hat etwas auf dem Kerbholz.

Vor der Illusion des Sinnenfälligen im zeitlichen Wandel der Kostüme und Masken ist selbst der nüchternste Historiker nicht gefeit.

Was die Menge oftmals laut schreit, muß, folgert Till Eulenspiegel, wahr sein.

Die größten Geister schrieben die größten Werke unter der Zensur.

Wenn der Sieger dem besiegten Volk seine Regierungsform und Sittlichkeit aufzwingt, erklingen in Bälde die Elogen und Hymnen der feigsten und devotesten Dichterlinge.

Warum sollte die Republik höherwertig und edler sein als die Monarchie oder die Adelsherrschaft, wenn die eine von einem minderen Kometen wie Heine ephemerisch angesprüht, die andere von einem Zentralgestirn wie Goethe überstrahlt wurde?

Die Schüler der Kritischen Theorie, also die nicht gerade hellsten und begnadetsten Köpfe, haben sie mundgerecht verwässert und fabrikmäßig in Flaschen abgefüllt, die heute in den Feuilletonredaktionen als kostenloses Erfrischungsgetränk herumstehen.

Nein, sie lernen nicht mehr Latein, aber Respekt, doch nicht vor der Größe eines Horaz und Vergil, sondern vor der eigenen Gemeinheit.

Bei den vielen erhält der Mund seine Botschaften unmittelbar vom Unterleib. Es ist bei diesem dunklen, doch reibungslosen Austausch verwunderlich, weshalb das zur Stummheit verurteilte Herz so lange weiterschlägt.

Psychoanalyse – der ins Dunkel eines freudlosen Arsches gesteckte Gelehrtenkopf.

So viele Typen von Gemeinschaft in ihrem Tun und Lassen, ihrem Werken und Müßiggang, so viele Arten von Moral. Wie trist und öde und auf Dauer unfruchtbar ist auch auf diesem Felde die Monokultur, vor allem die staatlich verordnete.

Die verhängnisvollsten nächtlichen Chimären des Immanuel Kant: die im Schnürkorsett des kategorischen Imperativs schwer atmende Kokotte und der aufgrund der Amputation beider Beine auf der Stammtischeckbank angewurzelte und sich um sein Gedächtnis saufende Anstand des Biedermannes.

Philosophen, die nur eine fixe Idee im Kopf haben und sich damit Beulen an der Mauer des Realen holen, verdienen Mitleid oder Gelächter.

Warum sollte die Menschheit sich entwickeln, womöglich zu höherer Moral oder mit samtpfotig hochgemendelter Hand an Paradiesespforten klopfen? Ist sie ein Rosenstock, der eifrig und sorgsam begossen und gestutzt werden muß? Ist sie ein Hündchen, das nach guter Dressur artig Männchen macht?

Von diesem falschen Sprachbild der Pflanze und des organischen Wachstums datiert eine abstruse Geschichtsphilosophie und Legendenindustrie von Rousseau bis Kant, von Herder bis Hegel (und leider weit darüber hinaus), ja am Ende der verfehlte Begriff der Menschheit selbst.

Und jene Gärtner und Dresseure, wo kommen sie her? Es müssen Ausnahmemenschen sein, Propheten und Messiasse, ob mit Weihrauchschwengel oder Maschinengewehr, einerlei, Hauptsache sie vernebeln den nüchternen Alltagsverstand oder ziehen Stacheldraht um die unbelehrbar Renitenten, die nicht an das Erlösungswerk glauben und von den Erregungswellen der Massenpsychose ans öde Ufer ihres geschichtsphilosophischen Ennui ausgespien wurden.

Sollen die Zwerge und Kinder der sentimentalen Lüge das ewig brausende Meer der Wahrheit mit Nußschalen und Eimerchen ausschöpfen!

Freilich, die Geschichte, wenn sie nicht die Maus der Historiographie ist, die sich durch den Staub der Akten und Archive wühlt, ist Legende, und eine Gemeinschaft, ein Volk, eine Nation ist frei, wenn sie denn frei und ihre Sprachbildner souverän sind, sich seine eigene zu bilden und immer neu zu erzählen.

Die bedeutendste und geistreichste Metapher, die Dichtergeist sich fand, ist das schlichte Bild von Tag und Nacht mit ihren Übergängen von Morgen und Abend, mit der schattenlos-panischen Stille unter dem Zenit der Sonne und dem langsamen Gleiten des Nachmittags in Wassern und Wolken, unerschöpflich ist die Sinnfülle von Morgen und Abend mit den erwachenden Geräuschen der Frühe und den dämmernden Schatten, die wie eine Laube sich um die blaue Stunde wölben. Unerschöpflich ist die Sinntiefe der Nacht und der in ihr mit dem Tode ringenden Hoffnung, der es manchmal vergönnt ist, am Rande des dunklen Horizonts die leise bebende Lippe eines neuen Sagens zu erblicken.

Die abendländische Poesie ist darum so reich, weil sie von Theokrit bis Goethe und Mörike, von Pindar bis Hölderlin und Trakl, und von Sappho bis Novalis und Hofmannsthal das schlichte Bild vom Leben und Sterben des Tags in ihre individuelle Landschaft und ihre Jahreszeiten einzuweben vermochte, vom Tropfen des Schweigens an mediterranen Rosen über die Lerche und die Nachtigall im Tagelied bis zu den Rosen des Schnees auf fernen Gipfeln der Alpen.

Narren, die ihre Kleider wegwerfen und sich nackt dünken.

Der Duft der sapphischen Verse spricht noch aus unseren Rosen.

Was der Styx dem erschrockenen Ohr des Äneas flüsterte, singt noch in unserem Blut.

Sehende Finger der Metapher, die an der Schläfe der schlummernden Geliebten das leise Klopfen des Pulses ertasten.

Den Staub, den sie für Pollen halten, streuen sie dir mutwillig und schamlos ins Gesicht.

Expressionismus – der sterbenden Geliebten Mohn in den Mund stopfen.

In der tiefsten Nacht fern ein Glockenläuten, und nicht wissen, ist es für einen Toten, gilt es neu erwachtem Leben.

 

Nov 15 18

Jean-Yves Masson, Cette patrie que nous cherchions

Aus: Offrandes, Voix d’encre

Cette patrie que nous cherchions, la voici sombre
tout à coup, dans la violence inhabituelle du soir
qui lève de grandes mains violettes sur la nuit,
dans cet enchantement de serres où tu t’endors,
multiple dieu mêlé aux racines, aux ronces,
où couve un feu pour de futures renaissances ;

et là-haut des vaisseaux aux voiles de vapeurs
brillantes en traçant sillonneront le ciel
jusqu’à la nuit, dans la musique imaginaire
des étoiles naissantes, l’accord des sphères,
ô monde encore à naître et jamais né.

Et moi dans cette nuit qui tremble, amour, et monte
autour de moi, j’élève vers mon front les mains,
je sens battre le sang à mes tempes, j’écoute
la rumeur de la vie dans mon corps double et noir,

et des arborescences d’outre-monde
peuplent le rêve où je m’enfuis vers les forêts,
sur le chemin silencieux de mon éveil.
Les dieux ne content plus de légendes à mon sommeil.

Certes, je me souviens de vous, dieux oublieux !
Je me souviens de la fontaine et du sommeil qui s’élevait
de l’eau d’oubli à quoi je ne voulais pas boire,
où mon image me tentait.

Dieux incertains, vos mains se sont pourtant tendues vers moi,
et vos visages se penchaient dans l’air du soir, une lune
passait dans le ciel, des arbres noirs
montaient les voix silencieuses de la sève :

terre que vous m’aviez donnée ! voici perdue
cette origine, et cette voix puissante de chimère
qui montait et parlait à l’oreille et brûlait
les mots de la présence un à un dans l’orage
avec terreur, voici la lampe éteinte, et ces mensonges
à jamais dissipés que nous appelions gloire
ou louange, ou puissance, et je me tiens
sous un cèdre dans l’ombre et les larmes, et j’attends.

 

Das wir suchten, dies Vaterland, wird plötzlich
dunkel unter der ungewohnten Gewalt des Abends,
der große violette Hände zur Nacht hin reckt,
in der Verwunschenheit des Gewächshauses, wo du einschläfst,
vielgestaltiger Gott, im Gewirr von Wurzeln, unter Brombeersträuchern,
wo ein Feuer schwelt nach kommenden Wiedergeburten;

und dort droben Schiffe mit Segeln schimmernd von
Dampf, die ihre Furchen durch den Himmel ziehen,
bis in der Nacht aus der Musik der Imagination
Sterne entstehen und die Harmonie der Sphären,
o Welt, die ungeborene, einmal geboren werde.

Und ich in dieser Nacht, die zittert, Liebe, und wächst
um mich, ich taste nach der Stirn mit Händen,
ich fühle, wie das Blut mir in den Schläfen pocht, ich höre
das Leben flüstern in meinem Körper, dem dunklen Doppelgänger,

und Schattenzweige aus der Jenseits-Welt
bevölkern den Traum, in dem ich in die Wälder fliehe,
auf dem stillen Pfade meines Erwachens.
Die Götter erzählen keine Legenden mehr für meinen Schlaf.

Gewiss, ich erinnere mich an euch, vergessene Götter!
Ich erinnere mich der Quelle und des Schlummers, der aus dem Wasser
des Vergessens steigt, aus dem ich nicht trinken wollte,
auf dem mein Gesicht mich in Versuchung brachte.

Ungewisse Götter, und doch schweben eure Hände über mir,
und eure Gesichter neigen sich in den Wind des Abends, ein Mond
zieht durch den Himmel, die dunklen Bäume
erheben die stummen Stimmen ihrer Säfte:

Erde, die ihr mir geschenkt, verloren ist er nun,
der Ursprung, und die Stimme, mächtig von Chimären,
sie steigt im Ohr und redet und entzündet
die Worte der Gegenwart eins ums andere voll Schrecken
ins Gewitter, erloschen ist sie nun, die Lampe, und diese Lügen
wurden nie zerstreut, die Ruhm wir nannten
und Lobpreis und Macht, ich stehe
im Schatten unter einer Zeder und in Tränen und ich warte.

 

Nov 14 18

Liedes bunter Ball

Ausgespien von dunklen
Wogen dunklen Traums,
kleine weiße Muschel.

Zwängend aus der Asphalt-
ritze Lächeln scheu,
kleine Butterblume.

Leicht am Faden schwebend
ihres dunklen Selbst,
kleine schwarze Spinne.

Schrill im Käfig pickend
fremdes Spiegelbild,
kleiner Wellensittich.

Auf und ab sich werfend
Liedes bunten Ball,
kleines Menschenkind.

 

Nov 14 18

Lallen lichter Tropfen

Versprühen
im Schweife des Kometen,
im Lallen lichter Tropfen.

Die fahle Hand des Winds,
die aus den müden Köpfen des Mohns
die schwarze Botschaft schüttelt –

das bacchische Trommeln des Regens
auf dumpfen Schädeln
von Kürbis und Melonen –

die aus der Ballung der Dunkelheit
entfliegende Saat kalter Funken,
die aufblüht als süßes Weh –

Versprühen
im Schweife des Kometen,
im Lallen lichter Tropfen.

 

Nov 14 18

Jean-Yves Masson, Ah, maintenant, emmène-moi

Aus: Offrandes, Voix d’encre

Ah, maintenant, emmène-moi. Tout est sommeil.
Emmène-moi parmi les fleurs phosphorescentes
d’un jardin de désir et d’ombre, frère d’air,

emmène-moi vers de lointaines villes déclinantes
où nous arriverons très tard, de vieilles femmes
dans la chaleur des pas de portes regarderont
passer nos ombres, les murs répéteront nos pas −

oui, ce sera très tard, mais temps encore ; nous serons
comme des enfants pris en faute, qui ont joué dans l’herbe
trop longtemps, ou se sont égarés dans la forêt,
et nous aurons les mains pleines de cendre
sans nous être penchés vers aucun feu, et près de l’âtre
− qui attendra, dans l’ombre, notre venue ? −
nous prononcerons une parole mortelle,
ne sachant ni faire silence ; ni rêver notre rédemption,

et ce sera comme après un très long voyage,
car peu importe la croyance au dernier jour,
quand les paupières étonnées ne se lèvent
ni ne se ferment plus sur le désir du monde ancien −

et quelqu’un nous dira peut-être : Venez, asseyez-vous,
ce n’est pas ici la patrie, il faut attendre,
l’hôte même n’est pas encore arrivé.

On nous dira ce que nous ne comprenons pas encore,
tandis que nous verrons venir nos amis un à un
prendre place à la table pour le banquet :
la lumière est un cercle ; elle est le temps ;
le feu ne détruit pas le monde, il l’accomplit ;
et d’autres choses de ce genre, mais je crois
que nous ne verrons pas le visage de l’hôte,
et nous verrons que le destin des dieux est de mourir,
que leur sommeil est une offrande, et nous serons
plus libre d’être et de retourner vers le monde,
sachant que le mystère est ce qu’on peut toucher des mains.

 

Ach, führe mich nun fort. Alles ist Schlaf.
Führe mich unter das Irrlicht der Blumen
in einen Garten von Sehnsucht und Schatten, Bruder der Luft,

führe mich zu fernen Städten, die untergehen,
wo wir spät hingelangen, alte Frauen
auf der Glut der Türschwellen den Vorübergang
unserer Schatten betrachten, unsre Schritte von den Mauern widerhallen –

ja, es wird sehr spät, doch noch ist Zeit; wir werden
ertappt wie Kinder, die zu lang im Gras
gespielt oder sich im Wald verirrt haben,
und werden die Hände voll Asche haben,
und beugten uns doch über kein Feuer, und nahe beim Herd –
wer wird, im Schatten, auf unsere Ankunft warten?
Wir werden ein Wort, ein sterbliches, sagen,
können nicht schweigen, nicht unsre Erlösung träumen,

und es wird sein wie nach einer sehr langen Reise,
da der Glaube an den letzten Tag wenig zählt,
wenn die Augenlider sich im Staunen nicht öffnen,
nicht sich wieder schließen vor Sehnsucht nach der alten Welt –

und einer sagt uns vielleicht: Kommt, setzt euch hin,
dies hier ist nicht das Vaterland, ihr müßt warten,
der Gastgeber ist noch nicht angekommen
.

Man sagt uns Dinge, die wir noch nicht verstehen,
während wir sehen, wie unsere Freunde einer nach
dem anderen am Tisch des Festmahls Platz nehmen:
Das Licht ist ein Kreis; es ist die Zeit;
das Feuer vernichtet die Welt nicht, es vollendet sie;
und andere Dinge dieser Art, doch glaube ich,
wir werden das Gesicht des Hausherrn nicht erblicken
und sehen, daß der Götter Bestimmung ist zu sterben,
ihr Schlaf sich hingibt als Opfer und wir freier
sein werden zu sein und zur Welt zurückzukehren,
im Wissen: Das Geheimnis ist mit Händen zu greifen.

 

Nov 13 18

Mein Herz, das Blatt

Du sei der Teich,
dunkel und still,
mein Herz das Blatt,
ädrig und falb,
und trudelt so sacht
aufs Wasser hinab.

Wer hat vom Zweig
es herabgeschüttelt,
und sank betört
aufs Wasser hinab?

Es war der Wind,
der launische Wind.

Du sei das Moos,
seufzend und weich,
mein Herz der Tau,
zitternd und hell,
und rinnt so stumm
in sinngrüne Nacht.

Wer hat vom Zweig
ihn herabgeschüttelt,
und fiel verzückt
zur Erde hinab?

Es war der Wind,
der launische Wind.

 

Nov 13 18

Heb mich ins Blau deiner Blicke

Da war ein Schatten, der rauschte,
und es war dein Haar.
Da war ein Feuer, das sang,
und es war dein Mund.

Wickel mich in dein Rauschen,
verzehr mich mit deinem Gesang.

Da war ein Dunkel voll Flocken,
und es war dein Schweigen.
Da war ein Dunkel voll Tropfen,
und es war dein Flüstern.

Deck mich zu mit deinem Schnee,
hell mich auf mit deinem Tau.

Da war ein Morgen, der blitzte,
und es war dein Auge.
Da war ein Abend, der weinte,
und es war dein Schoß.

Heb mich ins Blau deiner Blicke,
tauch mich ins Meer deiner Seufzer.

 

Nov 13 18

Jean-Yves Masson, Cette folle rumeur

Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse

Cette folle rumeur qui me vient de l’enfance
et dort au fond de moi toute d’ombre et de nuit,
c’est la douce chanson de mon pays d’absence.

Et toi grand sommeil noir qui guettes sous les branches
et rampant sur le lierre t’endors près du vieux puits,
sang invisible dans les veines de la terre

tu bats encore dans ces mots que je rassemble
et tisse l’un à l’autre avant que tu ne viennes,
avant que l’aube nue me dépouille de moi.

 

Dies irre Flüstern, mir aus der Kindheit quellend,
und schläft in meinem Grund, aus Schatten ganz und Nacht,
ist süßen Liedes Widerhall aus meinem fernen Land.

Du tiefer dunkler Schlaf, der aus den Zweigen späht
und über den Efeu kriecht, du schlummerst nah beim alten Brunnen ein,
Blut, unsichtbar in der Erde Venen,

du klopfst in diesen Worten noch, die ich aufraffe
und verwebe eins ins andre, bevor du auftauchst,
bevor das nackte Morgenrot mich meiner selbst entblättert.

 

Nov 12 18

Das Adieu der Blumen

Als meine kleinen Blumen-Worte
scheiden mußten, bepackt mit Proviant
von Pollen, bunte Schirmchen schwingend
von drei- und vierblättrigem Klee,
winkte ich ihnen von der Schwelle nach
und rief: „Seid so lieb, ihr Knirpse,
und schreibt mir fleißig Ansichtskarten
vom Rhein, der Mosel, aus dem Eifelland!“

Die Zeit vergeht, wortkarg geworden
scher ich mich keinen Deut mehr
um mein Leben, das blöd verfließt
wie das sture Tropfen eines Wasserhahns,
und leuchtet und lacht und duftet
kein Blumenantlitz mehr ins Grau-
in-Grau dem verdüstert Blütenlosen.

Und jeden Morgen hör ich, ob der Kasten
klappert und ein Brieflein kommt,
doch lange kommt der gelbe Bote
ohne Hermesʼ weiches Flügelrauschen.

Und endlich halt ich aufgeregt ein Kärtchen,
grell bedruckt mit einem Bild der Blumen-
haine der Alhambra, in den feuchten Händen,
und lese eine Krakelei von Botschaft meiner
liebsten Wörter: Rose, Lilie, Aster, Veilchen,
Anemone, Levkoje, Oleander, Flieder, Vergiß-
meinnicht, Kirsch-, Orangen- und Zitronen-
blüte, und du Braut der blauen Lüfte,
Löwenzahn, sie alle, meine Holden,
wollen in diesem Paradies auf Erden bleiben
und nicht mehr wandern in das Elend heim,
wo sie keine wahre Sonne küßt, nur eine
metaphernblasse kalt bestaunt, keine
echte Biene kitzelt, nur fette Motten
nächtlich dumpf umbrummsen, kein Falter
sie umschmeichelt wie im Paradiesesgarten
der Alhambra, wo sie nun Wurzeln schon
getrieben und bleiben wollen immerdar.

Soll ich unter verhangenem Himmel mich
nun schleppen über Pfad und Zeile, wo kein
Moos die schweren Tritte dämpft, kein blauer
Stern der Erde, kein Veilchenduft mich führt
zu weichen Wassern, die den Sinn des Liedes
nähren, das Lächeln stiller Blumen?

Ach was, ich hab die Koffer schon gepackt,
nehme nicht viel mit, nur einen weißen
Anzug und einen hellen Hut aus Stroh,
dazu, ach Tränen, ihr seid mir stumme Zeugen,
ein Häuflein dunkler Heimaterde vom Ufer
des Rheins, der Mosel und vom Ranft
des Eifelmaars, sie in die Beete meiner
ausgewanderten Blumen auszustreuen
im Paradiesesgarten der Alhambra.

 

Nov 12 18

Jean-Yves Masson, Une offrande

Trop longtemps, trop longtemps, j’ai retenu mes larmes
et j’ai cru que je porterais d’un pas léger mon deuil, puisque
la mort
fut douce à l’excellente, et que je vis dans sa lumière. La
mort est juste
quand le séjour du corps n’est plus un bien, elle libère
et rend à elle-même une âme simple à qui plus rien
ne permettait, ou presque, de goûter aux joies de la lumière.
Et ce temps n’aime pas les larmes, qui s’apitoie sur tout et rien
pourvu que ce soit de très loin, mais fuit la mort
quand elle s’approche, et dédaigne la compassion
qui tend la main à la misère dans les rues. Mais les larmes
sont le don de la terre au cœur de l’homme, elles montent du
fond de la terre
comme la sève, elles sont une eau jaillie du sommeil.

Et donc je ne veux plus jamais te tenir pour suspecte,
poésie, ni jouer au plus fin avec toi, qui est la voix même des
larmes,
et peu m’importent les rieurs, puisque tu restes
seule à m’offrir une arme, non point contre
ma douleur, mais l’arme même de la douleur
contre le désespoir de vivre. Car à ceux qui peuvent t’entendre
je dis après mille autres que tu es un chemin d’excellence,
et vous, mots singuliers, avec votre musique du dedans
et vos syllabes murmurées, le seul remède à notre mal. Qui
donc pourrait
prétendre se passer de mots pour dire
l’énigme sans chemins de la mort, à moins de renoncer à
suivre
un peu sur ce chemin bordé de temps l’âme qui passe
et qui remonte au fond du temps vers la saison
première de l’enfance et, par-delà l’enfance, vers la nuit
lumineuse où se pressent les élus de l’univers ?
Et même la musique s’en nourrit, qui n’est que phrases.

Or donc je vous ferai confiance, mots qui me furent
donnés par la voix de ma mère, aux confins du pays des cinq
fleuves,
sur une terre où la frontière avait tracé d’invisibles méandres,
dans un jardin peuplé de roses pour l’éveil. Je vous prendrai
comme vous êtes, imparfaits et parfaits à l’avenir, sans plus
chercher
à exiger de vous autre chose que d’être corps
mêlés d’âme incertaine, argile humide de la langue, bonheur
caché
sous la splendeur de ce manteau de terre que nous nommons
parfois, quand il nous plaît, un paysage. Et j’habiterai ce pays.

Qui dois-je remercier pour ta présence et pour tes dons,
mon excellente ? Qui dois-je remercier pour ton sourire,
pour ta patience et ta bonté et le grand soin
que tu prenais à chaque chose ? À qui dirai-je
au milieu du chemin de notre vie les mots de grâce
que je voudrais élever au-dessus de la grisaille des jours
et d’une époque sans grandeur, pour dire qui tu fus ?
Je les offre à celui qui est, dont tu sais maintenant
le vrai nom, toute la pauvreté et la gloire, et c’est à toi que je
veux dire
merci pour tant d’heures passées dans ta présence.

 

Eine Opfergabe

Zu lange schon, zu lang hab meine Tränen ich zurückgehalten
und geglaubt, ich trüge meine Trauer leichten Schrittes, denn
der Tod
war einer, die geglänzt hat, süß, ich sie sah ich ja in ihrem Licht.
Der Tod hat recht,
wenn nicht mehr heiter wohnt der Leib, ist ein Befreier
und gibt eine schlichte Seele selber sich zurück, die nicht mehr
oder kaum noch des Lichtes Freuden kosten kann.
Diese Zeit liebt keine Tränen, Mitleid hat sie wohl mit allem und mit nichts,
ist es nur weit entfernt, doch sie flieht den Tod,
wenn er sich nähert, und verschmäht das Mitgefühl,
das die Hand dem Elend hinstreckt auf den Straßen. Tränen aber
sind der Erde Gabe für das Herz des Menschen, sie steigen
aus dem Grund der Erde auf
wie der Saft, sind ein dem Schlaf entquollnes Wasser.

Darum will ich dich nie wieder scheel beäugen,
Dichtung, dich nicht tändelnd überlisten, dich, der Tränen
wahre Stimme,
was scheren mich die Lacher, denn du allein
gibst mir eine Waffe an die Hand, nicht freilich wider
meinen Schmerz, sondern den Schmerz selbst als Waffe
gegen die Verzweiflung am Leben. So sage ich,
nach abertausend andren, jenen, die dich vernehmen können:
Du bist zum Vortrefflichen ein Weg, und ihr, Worte sonderbar,
mit eurer Musik von innen, und ihr, geflüsterte Silben,
seid einzig Arznei für unser Leiden. Wer
könnte denn
vorgeblich im Verzicht auf das Wort
das Geheimnis sagen ohne Wege des Todes, gar im Verzicht
auf nur ein Stück
des Wegs an der Grenze der Zeit die Seele, die vorübergeht
und sich am Grund der Zeit zum Frühling
der Kindheit kehrt und jenseits der Kindheit, zur Nacht,
die leuchtet vom Gewimmel der Auserwählten des Alls?
Und selbst Musik, die nichts als Ausdruck ist, nährt sich daran.

So will ich euch vertrauen, Worten, mir anheimgegeben
von meiner Mutter Stimme, in der Landschaft der fünf
Flüsse,
auf einer Erde, deren Grenze von unsichtbaren Mäandern durchzogen ist,
in einem Garten voll von Rosen, mich zu wecken. Ich nehme euch,
wie ihr seid, unvollkommen und vollkommen für die Zukunft, ohne mehr
etwas anderes
von euch zu verlangen, als Leib zu sein,
vermengt mit einer ungewissen Seele, feuchter Lehm der Sprache, Glück,
verborgen
unter dem Glanze dieses Mantels aus Erde, die wir bisweilen,
so es uns gefällt, Landschaft nennen. Dieses Land will ich bewohnen.

Wem soll ich danken für deine Gegenwart und deine Gaben,
meine Vortreffliche? Wem soll ich danken für dein Lächeln,
deine Geduld und deine Güte und die große Sorgfalt,
die du allem zugedacht? Zu wem sage ich
mitten auf dem Wege unsres Lebens Worte des Danks,
daß ich sie über das Grau-in-Grau des Alltags höbe,
in einem Zeitalter ohne Größe, um zu sagen, wer du warst?
Ich spende sie jenem, der, du weißt von ihm nunmehr
den wahren Namen, die wahre Armut ist und der Ruhm, und dir will ich
danke
sagen für so viele Stunden deiner Gegenwart.

 

Nov 11 18

Schnitte durch ein Dichterleben

Es war ein Veilchenduft,
ein Licht, das schmerzlich tropfte
vom Barte weißer Nelken,
was mich sagen läßt,
die Nacht der Geburt war wunderlich.

Ich war die Schlafzimmerkommode,
worein Mutter ihre Perlen steckte,
ins Geheimfach lila Briefe,
ich mußte all sie lesen,
dann war es plötzlich leer.

Ich war das krumme Messer,
womit Großvater den Hühnern
durch die Kehle schnitt.
Und lag dann schartig auf dem Fenstersims
und glänzte manchmal in der Nacht.

Ich war der Knäuel weicher Wolle,
den Großmutter lallend aufgewickelt,
und ließ die Katze damit spielen,
ich muß sagen, ach,
der Knäuel ward zerzaust.

Ich war in Vaters Haar die Flamme,
in seiner Kehle dunkle Glut,
die kein Schrei ihm löschen konnte
und kein Wein. So singe ich
mein Lied aus Feuer und aus Wein.

Ich war einer Liebsten Lippenstift
und gab ihr eine Nacht voll Glanz,
doch wischte eine fremde Hand
die falsche Blüte ab vom Mund.
Ich muß sagen, ach … sagen, ach.

Ich bin, ein roter Ball,
geschubst von einem wilden Knilch,
um die ganze Welt gerollt,
und muß nun sagen, ach,
die Erde ist nicht rund.

 

Nov 11 18

Bist du noch da?

Ist etwas von dir im Wind,
in seiner Schmeichelei,
kost er die Stirn so lau,
in seinem Ungestüm,
fährt er durchs Haar so wild?

Ist etwas von dir im Duft
aus fernen Gärten,
wo du mit Veilchen lagst,
in leeren Räumen,
wo warm dein Atem war?

Ist etwas von dir im Klang,
der sich vom Tropfen löst
in Sommers blauen Tag,
der im Gebälk des Dunkels stöhnt
in grauer Winternacht?

 

Nov 11 18

Jean-Yves Masson, Nous sommes venus tard

Aus: Poèmes du festin céleste

Nous sommes venus tard et les chemins mentaient
qui promettaient une lumière au prix des cendres.
Les routes étaient sombres et les forêts brûlaient
là-bas, dans le déclin du jour amer.
Ah oui, nous sommes venus tard, il s’est fait tard,
et nous avons trouvé le lit défait, la chambre obscure.
Depuis longtemps le feu dans l’âtre était éteint.
Mon âme, est-il possible qu’il soit si tard ?
Ah, les pays sont oubliés, qui nous aimaient.
Fumée du corps, dissipe-toi : l’hôte est parti.

 

Wir sind spät angekommen, es trogen die Wege,
die ein Licht versprachen um den Preis von Aschen.
Die Straßen waren dunkel und drüben brannten
die Wälder, da der bittere Tag sich neigte.
Ach ja, wir sind spät angekommen, es ist worden spät,
und wir fanden das Bett ungemacht, das Zimmer verdunkelt.
Lang schon war das Feuer im Ofen erloschen.
Ist es, meine Seele, denn möglich, daß es so spät ist?
Ach, vergessen sind die Länder, die uns liebten.
Rauch des Körpers, lös dich auf: Der Hausherr ist fortgegangen.

 

Nov 11 18

Jean-Yves Masson, De quoi me parlais-tu, ma mère

Aus: Onzains de la nuit et du désir

De quoi me parlais-tu, ma mère, avant le jour,
de quel pays lorsque je n’étais qu’aube
et que m’enveloppait la nuit ?
Je sais. Nous habitâmes une terre de joie,
dans le commencement du monde avec les ombres
de l’avenir, qui était le pays de la patience.
Dans le jardin d’avant l’aurore où la lumière
avait lentement mis ses marques, ses empreintes,
tes paroles naissaient comme s’ouvrent des fleurs
et je guettais loin par-delà les grilles
le mystérieux silence de la bonté.

 

Wovon sprachst, Mutter, du mir, vor Anbruch des Tages,
von welchem Land, da ich nichts war als Morgengrauen
und die Nacht sich um mich geschlungen?
Ich weiß. Wir wohnten auf einer Erde der Freude,
als die Welt anhob mit den Schatten
des Kommenden, das ein Land der Geduld war.
Im Garten vor dem Morgenrot, wo das Licht
nach und nach seine Zeichen gesetzt hatte, seine Fußspuren,
traten deine Worte zutage, wie Blumen sich öffnen,
und ich erriet weit jenseits der Gitter
die geheimnisvolle Stille der Güte.

 

Nov 10 18

Lektüre

Betrachte Schorf und Flecken
auf der Haut des Baums,
wie Moose schreiben, Flechten,
schreibt kein Letternschmock.

Das Zeitgeschick entziffre
dir im Taubenkot
auf Friedrichs Bronzenase –
wirf die Zeitung weg.

Im Abtritt deutschen Geistes,
warm von Angst-Urin,
Geschmier von Menschheitsphrasen –
wirf die Brille weg.

Du mußt nicht Schmöker wälzen,
öffne zarte Hand,
da stehn dir eingeschrieben
Linien des Geschicks.

Liest Schatten du aus Blicken,
hüll dich in sie ein,
in Wassers vagem Zittern
lies den Liebestod.

Kometenschweifes Sprühen
sei dein Nachtbrevier,
der Liebe Flammenbisse
auf verkohltem Blatt.

Die Wimpern grüner Augen
buchstabier, was salbt
mit Nacht die Knospenlider,
tränenhelle Schrift.

Ein Fragezeichen krümmt sich
durch den Baum und harrt
auf Antwort nicht, ein Komma
kringelt Wurm im Mulch.

Wenn Spießers Wolkenbetten
schlitzt Tribunen-Blitz
mit seinem Ausrufzeichen,
schlag die Seite um!

Erlös die Sommersprossen
aus der Klammerhaft
um eines öden Lebens
schönsten Nebensatz.

Durchschlüpf mit roten Schnecken
Gartenzwerges Zaun,
zieh leicht im Lehm der Schwermut
den Gedankenstrich.

Mit Eulen lies, mit Füchsen
windgestrichnes Gras,
des Regens Predigt wecke
deinen flachen Puls.

Durchschwimme nackt das Epos,
tiefer als Homer,
des Blutes hohe Wogen,
singend uferlos.

Besprenge sanft mit Liedern,
Tropfenglanz der Nacht,
an Reimes Traube zitternd,
liebesweichen Schoß.

Und haucht aus Veilchenlippen
duftend dir das Wort,
beschlag es keusch den Spiegel
deines dunklen Traums.

 

Nov 9 18

Im alten Garten

Alter Garten, wo dir Blätter
flüstern, was du längst geahnt,
Abendzeit hat Veilchenduft,
und das Auge seine Träne.

Schönes Antlitz, das die Sonne
scheidend dir aufs Wasser legt,
und dir schrickt die Hand zurück,
daß es noch ein Weilchen blicke.

Doch dies wunderliche Singen,
rinnend über Stein und Moos,
rinnt auch über deinen Schmerz,
muß aus tiefen Träumen kommen.

Alles hüllt es ein mit Hauchen
schwermutsanft, den Apfelbaum
vor dem morschen Gartenhaus,
und im Glanze krumm, den Wurm.

Weht der Wind es her von Gräbern,
wo es aus dem Dunkel steigt,
tropft es von dem toten Holz
efeudunkel, leises Flehen?

 

Nov 9 18

William Butler Yeats, I summon to the winding ancient stair

Aus: The Winding Stair and Other Poems

I summon to the winding ancient stair;
Set all your mind upon the steep ascent,
Upon the broken, crumbling battlement,
Upon the breathless starlit air,
Upon the star that marks the hidden pole;
Fix every wandering thought upon
That quarter where all thought is done:
Who can distinguish darkness from the soul?

 

Je t’appelle : viens à l’antique escalier en spirale ;
concentre-toi de tout ton esprit sur la montée aride,
Sur les créneaux ruinés qui s’effritent,
Sur l’air constellé que nul souffle n’agite,
Sur l’étoile qui indique le pôle caché;
Concentre toutes tes pensées errantes sur
Ce lieu où toute la pensée s’élabore :
Qui peut distinguer entre l’âme et l’obscurité ?

(Übersetzung: Jean-Yves Masson)

 

Ich geh hinan durch alten Turms Gewinde.
Der Geist sei ganz im Steigen dieser Stufen
durch bröckelndes Gemäuer aufgerufen,
daß Sternenluft, unatembar, er finde
und über dunklem Pole Sternes Brennen;
als Fixstern hefte allen Schweifens Glut
in diesen Grund, wo alles Sinnen ruht:
Wer kann das Dunkel von der Seele trennen?

 

Nov 8 18

Die Leichten und die Bangen

Wie gehn sie leicht auf dieser schweren Erde,
ein Pollenflug, daß kaum ihr Gehen streift
und kaum ihr leises Singen haften bleibt,
auf goldgetränkten Spiegeln blasses Hauchen.

Sie sind aus Stoff wie Wolken sind, wie Flieder
sich unter schweren Tropfen wiegt und glänzt,
sind ihre Träume, schimmernd rundet sich
ihr Tag und fällt wie Frucht ins Gras des Schlafes.

Doch jene starren scheu und schwarz wie Krähen
auf wurmgehöhltem Strunk, und kirschkernklein
sind ihre Herzen und pulsen traumlos hin,
vor Hunger häßlich, onyxkalten Blickes.

Ein Abgrund trennt die Leichten und die Bangen.
Des Lichtes Falter scheut das faule Fleisch,
an dem ein krummer Schnabel hackt, und schwebt
zum Lilienschnee. Wie bald sich jener rötet.

 

Nov 8 18

Jean-Yves Masson, Et maintenant, éveille-toi, mon âme

Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse

Et maintenant, éveille-toi, mon âme,
car il est temps pour toi de vivre dans l’éveil
le rêve de la vie. Parcours les chemins d’ombre
que tu connus dans le sommeil, ouvre les portes qui conduisent
vers le théâtre de la chair et de l’esprit. Je veux
découvrir maintenant quelle apparence je possède
après l’hiver de la métamorphose. Ouvre
les yeux, mon âme, servante de la vie terrestre
voici que tu nais forte au jour et prête pour les noces enfin.

 

Und nun, du meine Seele, wach auf,
deine Zeit ist da, daß im Wachen du lebst
den Lebenstraum. Eile durch die Schattenpfade,
du kennst sie im Schlaf, öffne die Pforten, die ins Theater
des Fleisches und des Geistes führen. Ich will
nun endlich sehen, in welcher Gestalt ich auftrete
nach dem Winter der Verwandlung. Öffne
die Augen, meine Seele, Dienerin des irdischen Lebens,
nun, da auf der Höhe des Tags du zur Welt kommst, endlich zur Hochzeit bereit.

 

Nov 7 18

Schalentiere

Wir sind die Schalentiere,
vom grünen Klang der Binsen
gelockt aus dunkelblauem Schlaf.

Das Funkeln zarter Fühler,
aus Harnisch-Gittern webend,
führt glitzernd uns zum Strand.

Der Sonne zu! Das Dröhnen
des Himmelsgongs, der Gischt
verwirrt den Scheren-Klapper-Chor.

Wir schlüpfen über Muscheln
und tanzen Hummer-Walzer,
gespreiztes Krabben-Menuett.

Wir schreiben mit Mandibeln
des Daseins schiefe Runen
dem trunknen Meergott in die Hand.

Aus Dämmerhöhlen recken
Antennen wir Langusten,
ob Schlafes Schäume sprüht der Mond.

Wir sind die Schalentiere,
vom Muschelhorne Tritons
gelockt zu Galateias Mahl.

 

Nov 7 18

Jean-Yves Masson, Berceuse

Aus: Poèmes du festin céleste

Quand le sommeil descend sur le calme des tombes,
dors, héritier de tant de veilles, dors.
Quand la nuit vient bercer les ombres de nos morts,
dors pour calmer la vie encore inquiète, dors.

Dors et rejoins le monde d’avant toi
et les rêves d’avant la chair,
les rêves obstinés des morts, mon enfant, dors.

Dors et rejoins la force émue des plantes,
la crue des fleuves sous le manteau de la lumière,
les fleurs qui s’ouvrent vers le soir et le raisin
lent qui mûrit, qui craint l’orage. Dors.

Et pour que tourne cette terre sur son axe
selon la grande mue du temps, dans l’incessant
désir qui fait se mouvoir toute chose, mon enfant, dors.

Dors pour que vivent encore en toi les morts,
tandis que dans ton âme des cités
s’éveillent, où tu marchas dans la lumière d’un autre corps,
dors jusqu’à ton matin de créature, mon enfant, dors.

 

Wiegenlied

Wenn der Schlaf auf die Stille der Gräber herabsinkt,
während in deiner Seele Städte
erwachen, wo du einst gingst im Lichte eines anderen Körpers,
schlafe, zu stillen das noch bange Leben, schlaf.

Schlaf und kehr zur Welt vor dir zurück,
den Träumen vor dem Fleisch,
den Träumen starr von Toten, schlaf, mein Kind.

Schlaf und kehr zu der Planeten Wirbel-Macht zurück,
zum Überschwappen der Flüsse unterm Mantel des Lichts,
den Blumen, die sich dem Abend öffnen, und der trägen
Traube, die reifend schwillt und vor den Blitzen bebt. Schlaf.

Auf daß sich diese Erde um ihre Achse drehe
nach der Zeiten hohem Schwung, im Sehnen
endlos, woraus sich alles immer regt, schlaf, mein Kind.

Schlafe, auf daß in dir die Toten weiterleben,
während in deiner Seele Städte
erwachen, wo du einst gingst im Lichte eines anderen Körpers,
schlafe, bis zum Morgen deines Wesens, schlaf, mein Kind.

 

Nov 6 18

Jean-Yves Masson, Soir

Aus: Offrandes

Amour, inclinons-nous vers cette terre qui respire,
tandis que passent les vaisseaux du soir
qui se cherchent et se confondent,
et toi, multiple
dieu multiple, ouvre pour nous les fleurs dernières
de cette serre aux vitres invisibles où nous aurons
passé, cherchant d’un même regard l’un de l’autre
sur la toile nocturne le nom d’étoiles.

 

Abend

Neigen, Liebe, wir uns hier der Erde zu, die wieder atmet,
während die Schiffe des Abends vorübergleiten,
die sich suchen und sich verlieren,
und du, Vielgeblatt
Gott Vielgestalt, blättere uns die letzten Blüten auf
in diesem Glashaus mit Scheiben unsichtbar, wo wir gleich
vorübergehen, suchend eines Blickes zwiegesichtig
auf dem Tuch der Nacht den Namen Stern.

 

Nov 6 18

Jean-Yves Masson, Le voleur d’eau

Aus: Poèmes du festin céleste

Le voleur d’eau qui fuit à travers le désert,
poursuivi par de très grands chevaux d’oubli,
se cache dans des tombes de noir secret,
réveille la patience des lampes éteintes,
dépose son fardeau d’argile sur le sol.
Ranime en lui des mots aux lèvres desséchées,
baptise de sa soif les ossements anciens
sur lesquels a soufflé le feu de la colère,
le très vieux feu d’Hadès. Murmure
dans le silence sans écho une prière
pour mille bouches assoiffées, un sortilège.
Et de l’eau monte une lumière au fond des jarres.

 

Der Wasserdieb, der durch die Wüste floh,
verfolgt von Riesen-Pferden des Vergessens,
versteckt sich in Gräbern aus geheimem Dunkel,
erweckt die Geduld erloschener Lampen,
legt seine Lehm-Last auf dem Boden nieder.
Hebe ihm Lebensworte auf die vertrockneten Lippen,
taufe auf seinen Durst die alten Gebeine,
auf die das Feuer des Zornes gehaucht hat,
das uralte Feuer des Hades. Flüstere
in die echolose Stille ein Gebet
für tausend durstige Münder, einen Zauberspruch.
Und vom Grund der Krüge steigt aus dem Wasser ein Licht.

 

Nov 6 18

Über die Bedeutung des menschlichen Namens

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Archaische Stämme bezeichnen sich mit Namen, die wir mit dem Begriff „Mensch“ wiedergeben.

Sich Namen zu geben heißt, ein Mensch zu sein. Der Mensch ist das Tier, das sich einen Namen gibt.

Menschliche Eigennamen im eigentlichen Sinne wie Karl, Anna, Paul oder Hildegard sind nicht deskriptiv wie der vom Eigennamen abgeleitete Titel Kaiser (von Caesar) oder wie der die messianische Abkunft beschreibende Name Christus.

Tiere geben sich keine Namen, sie haben solche, die wir ihnen geben. Sie verfügen nicht über eine Sprache, in der eine Namensgebung nur auf der Grundlage des im rituellen Akt der Taufe wachen Bewußtseins des Nennenden von der eigenen und der Identität des Benannten möglich ist („ICH taufe DICH auf den Namen …“). Tiere haben keinen Namen im eigentlichen Sinne, weil sie keine Biographie haben, und sie haben keine Biographie im eigentlichen Sinne, weil sie namenlose Wesen sind.

Der Sinn des menschlichen Namens beruht auf den rituellen und institutionellen Aufgaben, die ihm in der menschlichen Gemeinschaft zukommen: zunächst die Identifikation einer Person anhand ihrer familiären Herkunft (in manchen Sprachen gekennzeichnet mittels eines Suffix wie in den skandinavischen durch das Suffix -son in Mathisson, Sohn des Mathis, oder -dottir wie in Leifsdottir, Tochter des Leif), sodann zur Bezeugung und Besiegelung von Amtshandlungen, Akten, Urkunden, Aussagen vor Gericht, Dekreten, Zeugnissen oder Testamenten.

Die dem Namen zugeflossene Magie speist sich aus der Vorstellung, Seele und Lebenskraft seines Trägers seien mit ihm wie ein Gefäß und sein Inhalt verbunden, und den Namen ehren oder entweihen hieße dieses Leben erhöhen oder verdunkeln, würzen oder vergiften.

Wir unterscheiden in unserem Kulturkreis Rufnamen und Familiennamen, wobei mediterran und abendländisch von Juden, Griechen, Römern, Kelten und Germanen her der Familienname der Name des Vaters ist, dessen genealogische Linie von Geschlecht zu Geschlecht vererbt wird. Der Name des Vaters ist das Paßwort auf den Graten des historischen Übergangs, ob zum Ruhme oder zum Elend, im Glanz und im Grauen. Die patrilineare Überlieferung des Namens ist der geschichtliche Ursprung und Resonanzraum von Pietät und Ahnenkult als Ursprung der Religion, von Gedächtnis und Erzähllust als Ursprung des Mythos, der Legende und schließlich der Historiographie sowie von Sammlung und Pflege vorbildlicher Exempla als Stimuli juvenilen Tatendrangs, von kultureller Höchstleistung und kriegerischer Zerstörung, künstlerischer Blüte und traditionsfeindlicher Barbarei – eines ist ohne das andere nicht zu haben.

Der Name als soziale Institution ist die Keimzelle des Geschehens, das wir Geschichte nennen. Die alte Historiographie (vor der zahlenförmigen Chronologie) folgt in der Abfolge der Ereignisse den Namen der Herrscher und Könige; so listet Herodot die Namensreihe der lydischen und persischen Herrscherhäuser auf, um seine Erzählung zeitlich zu strukturieren, noch Tacitus bleibt diesem Verfahren treu, das erst infolge des Übergewichts der christlichen Zeitrechnung abgelöst wird.

Die erste und primordiale Historie ist die Familienchronik, das Gedächtnis der Ereignisse um die Träger eines gemeinsamen Namens.

Die Heiligung des Namens macht seinen Träger sakrosankt, sie führt zur Heraldik und Emblematik, zu Schwur und Eid auf die mit dem Emblem des Namens ausgezierte Fahne. Die damnatio memoriae oder die Entweihung des Namens macht ihren Träger vogelfrei. Sie bedeutet das Auslöschen des Gedächtnisses einer Person, eines Hauses, eines Geschlechternamens. Die Formen der Entweihung und Schändung des Namens sind Legion, sie reichen von der satirischen und karnevalesken Entstellung über die magische Verfluchung bis zur Dämonisierung (die asiatischen Horden, die Hexen, die Juden).

Das historische Ringen ist der Kampf um den Glanz und Ruhm oder den Untergang der Namen von exzellenten Personen und großen oder maßlosen Herrschern, Geschlechtern und Völkern.

In den Epen der Völker von Homer und Vergil bis zur Bhagavadgita und Edda erkennen wir den Kampf um den Ruhm des göttlichen und heroischen Namens. In Shakespeares Königsdramen sind die handelnden Personen als Träger landmannschaftlicher Namen wie beispielsweise Cornwall, Kent, Gloucester in der Tragödie „König Lear“ benannt.

Die Geschichte des alten römisch-deutschen Kaiserreichs liest sich wie die Abfolge und Perlenkette von Namen der sich um die Herrschaft streitenden Stämme von Merowingern, Karolingern, Franken, Sachsen, Bayern, Friesen, Schwaben, Hohenzollern, Preußen.

Der Eigenname bezeichnet sowohl die Person als auch das ihr gehörige Eigentum an materiellen und geistigen Gütern. Ohne Name kein Recht und kein Rechtsinstitut, das beispielsweise die Verfügung über Hab und Gut, Erbe und Schuld eines Namensträgers in Kraft setzt oder außer Kraft setzt.

Das historische Ringen ist auch der Kampf um den Ruhm der Namen von Völkern wie der Griechen mit den Persern, der Römer mit den Karthagern, der Juden mit den Assyrern, Babyloniern oder Seleukiden, aber seit der Ära des Monotheismus auch von Weltreligionen, die nichts wären ohne die auratische Ausstrahlung der Namen ihrer Gründer.

Das durch siegreiche Feldzüge und kulturellen Glanz ruhmvoll aufgepflanzte Banner des Geschlechternamens weht auf dem First eines Hauses wie des Hauses Habsburg, Luxemburg oder Brandenburg.

Für den Ruhm des glanzvollen Namens mag der Held, der vagabundierende Söldner oder das träumerische Gemüt den Tod in der Schlacht suchen wie der Prinz von Homburg im Drama von Kleist.

Wie eng die Identität der Person und die Integrität des Namens verknüpft sind, zeigt das Schicksal des Verfemten oder dessen, der sein Gesicht verloren hat und sich von sozialer Scham getrieben in ein Pseudonym oder die Anonymität flüchtet, und der Fall des Wahnpatienten, der sich manisch gestimmt eines fremden glorreichen Namens rühmt.

Ist Dr. Jekyll das vom Tageslicht verscheuchte oder versöhnte Monstrum Mr. Hyde oder Mr. Hyde das im Grauen der Dämmerung aus der Haut gefahrene monströse Selbst des Dr. Jekyll? Jedenfalls markiert der Autor der Horrorgeschichte die beiden Seiten des hybriden Wesens mit zwei unverwechselbaren Namen, ohne uns über die Janusköpfigkeit einer solchen Doppelnatur den letzten Aufschluß zu geben.

Menschen, Familien, Geschlechter, Völker, Kulturen ringen untereinander und miteinander um den Erhalt und die Mehrung des Ruhms ihres Namens. Wir entnehmen diesen geschichtsmächtigen Tatbestand ungezählten Zeugnissen. Wir nennen nur den gymnischen und künstlerischen Agon der Hellenen, ihrer alten Adelsgeschlechter, ihrer Städte und Stadtstaaten, die im Wettkampf ringenden Athleten, Sänger und Chöre, die dramatischen Festspiele zur Ehren des Dionysos in Athen; den Kampf der griechischen Philosophenschulen der Platoniker, Peripatetiker, Epikureer und Stoiker um die klügsten Köpfe der freien Jugend; die geistigen Strömungen der Orden in der Scholastik oder die mit harten Bandagen ausgefochtene Konkurrenz von Kunstschulen und künstlerischen Stilen wie Klassizismus, Naturalismus, Symbolismus, Jugendstil oder Abstraktion in Dichtung, Kunst und Architektur; solchen Kollektivnamen wurde geopfert an Blut, Schweiß und Tränen wie dereinst den mythischen Göttern.

Was der schwarzen Aura von Namen wie Hitler, Marx, Lenin, Stalin, Mao geopfert wurde, können Worte nicht fassen.

Wenn ein Kulturvolk den eigenen Namen und alten Ruhm, den seine wahren Heroen in Dichtung und Kunst ihm anhäuften und gültig besiegelten, verramscht oder dem Hohn seiner entnervten Eliten preisgibt, kann es nur noch in die billigen Kitzel und schnöden Ersatzkämpfe von Moden und Marken flüchten, freilich auch ein Agon der Namen – doch um den Preis eines hektischen oder stupiden Konsums, der keine tieferen spirituellen Bedürfnisse mehr zu stillen vermag.

Die Gründer tauften die Orte und Städte ihrer neuen Siedlungen und Kolonien, oft auf die Namen der Ahnen, vergöttlichter Heroen oder der Götter wie Athen, Sparta und Rom. Der Göttin Roma wurden kultische Ehren zuteil, und solange ihr Tempel stand und ihr Brunnen Wasser gab, war der imperiale Glanz ihrer Stadt noch nicht verblaßt.

Der Kampf um die Hoheit des Namens zeigt sich immer wieder in der Neubenennung der Städte durch die Eroberer und Invasoren, so wurde aus Byzanz Konstantinopel, aus Konstantinopel Istanbul, aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt und aus Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz. Wann die Namen von Straßen, Stadtteilen und Städten in Deutschland mit orientalischen Schriftzügen prunken, ist nur eine Frage der Zeit.

Was wären ohne die Namen einer Beatrice, Laura oder Diotima die Dichtungen Dantes, Petrarcas und Hölderlins? Hier hat die Aura des Namens in der Tat eine größere Strahlkraft als die leibhaftige Geliebte – für die Liebenden selbst wie für uns Nachgeborene.

Es ist bei alledem merkwürdig zu gewahren, daß in uns allen unter den unzähligen Schriftzügen der Namen auf Emblemen, Buchtiteln, Etiketten, Briefköpfen, Klingelschildern, Zeugnissen, Attesten und Adressverzeichnissen, zwischen all den gerufenen, geflüsterten, verschwiegenen, sehnsüchtig oder schamvoll erinnerten Namen sich immer wieder ein Abgrund oder Spalt auftut, aus dem die blaue Luft oder das dunkle Wasser des Namenlosen eindringt, uns mit kindlichem Zauber zu betören oder ins graue Vergessen zu tauchen. Und scheinen wir uns nicht im Namenlosen, wo keine Letter und kein zudringlicher Anruf unseres Namens das wogende Element der Seele vergittert, keine Beschilderung uns den dürftigen Aufenthalt bemißt, eigentlicher zu Hause?

Die geschichtsbildende Macht des Namens umgrenzt das Menschliche nicht ganz, es klafft ein Loch im Dach der historischen Heim- und Werkstatt, und gleichmütig im Halbschlaf der Dämmerung ausgestreckt erblicken wir wie aus einem dunklen Brunnenschacht die von Vogelflug-Blitzen rätselhaft durchkreuzte blaue Nacht und mit dunstigem Schleier die Nichtigkeit unseres Lebens heiter verhüllend das namenlose Auge des Monds.

 

Nov 5 18

Jean-Yves Masson, Je me souviens d’un jardin d’encre

Aus: Poèmes du festin céleste

Je me souviens d’un jardin d’encre dans un livre
que l’on avait déplié contre le mur,
où l’on suivait des yeux la forme des nuages
que le pinceau avait décrite avec douceur.
Dehors, dans les jardins, je retrouvais l’œuvre du peintre,
les arbres d’encre torturés qui se dressaient
devant l’étang, refusant d’affronter le ciel
et protégeant la terre éprise de leurs branches.
Et je me suis penché vers l’eau dormante
qui formait dans les joncs un signe d’eau.
Moi, le fils d’Occident, sur la terre orientale,
je contemplais, en ignorant, le fruit de la sagesse
d’un lettré du Japon qui avait fait tracer
dans ce jardin avec de l’eau le nom de l’eau.
Et tel est l’art : non pas expliquer mais comprendre,
et ne cacher que ce que l’on veut faire voir.

 

Ich erinnere mich an einen Garten aus Tinte in einem Buch,
das man an einer Mauer aufgeblättert hatte,
wo die Augen Wolkenformationen folgten,
von einem Pinsel voller Zartheit aufgemalt.
Draußen in den Gärten fand ich das Werk des Malers wieder,
die Bäume in der Tintenmarter, die vor dem Teich
aufragten, die Stirn vom Himmel abgewandt
und die verliebte Erde mit ihren Zweigen schirmend.
Ich beugte mich über das schlafende Wasser,
das im Schilf ein Wasserzeichen formte.
Ich, der Sohn des Abendlands auf orientalischer Erde,
ich beschaute, ohne zu verstehen, die Frucht der Weisheit
eines gebildeten Japaners, der in diesem Garten
mit Wasser den Namen Wasser schrieb.
Dies ist die Kunst: nicht erklären, sondern verstehen,
und nur verbergen, was man offenbaren will.

 

Nov 5 18

Jean-Yves Masson, Arbres de grand sommeil

Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse

Arbres de grand sommeil, confidents de ces jours d’enfance
où le temps neuf dévoilait sa lumière ardente,
arbres chargés d’abîme inverse, traits d’union entre vie et mort.

J’en appelle à votre amitié quand chante l’oiseau de l’orage
quand la nuit vient, quand le cœur étouffe en silence,
que toute route se dérobe et que vient le doute ou la peur.

Près de vous je suis cet enfant qui s’en allait vers la frontière
à la recherche de la langue où l’origine
chante au-delà de toute langue, dans la musique de vos voix.

 

Bäume großen Schlafs, Vertraute jener Kindertage,
da die frühe Zeit ihr flackerndes Licht enthüllte,
Bäume, unter oberen Abgrunds Last, Mischlinge von Leben und Tod.

Ich beschwöre unsere Freundschaft herauf, wenn der Gewittervogel singt,
wenn die Nacht naht, wenn das Herz erstickt am Schweigen,
daß jeder Weg einbricht und Zweifel kommt oder Angst.

In eurer Nähe bin ich das Kind, das sich zur Grenze aufmacht,
um die Sprache zu suchen, die aus dem Ursprung
jenseits aller Sprache singt, in der Musik eurer Stimmen.

 

Nov 5 18

Jean-Yves Masson, L’ange venait encore

Aus: Onzains de la nuit et du désir

L’ange venait encore sur le seuil
et sans entrer tenait dans ses mains la lumière,
une lampe de faible éclat.
Et il disait : « Voici la lumière du soir,
tandis que des pays inanimés s’éveillent,
salue ce peu de jour que je tiens dans mes mains ».
Mais quand il eut parlé et que la lumière fut éteinte,
je vis que ses mains étaient lumineuses,
son visage baigné de larmes rayonnait.
Et lui, me désignant la nuit pour mon domaine,
disait plus bas : « Toute aube a dans ses mains le soir ».

 

Wieder stand der Engel auf der Schwelle
und hielt ohne einzutreten das Licht in seinen Händen,
eine Lampe schwachen Glanzes.
Und er sprach: „Dies ist das Licht des Abends,
während das entseelte Land erwacht,
grüße diesen kleinen Tag, den ich in Händen halte.“
Kaum war er verstummt, das Licht erloschen,
erblickte ich das Leuchten seiner Hände
und sein Gesicht, das in Tränen schwamm und strahlte.
Er wies die Nacht mir zu als Heimstatt
und flüsterte: „Jedes Morgenrot hält den Abend in der Hand.“

 

Nov 5 18

Jean-Yves Masson, Dormir est un jardin de vent

Aus: Neuvains du sommeil et de la sagesse

Dormir est un jardin de vent ce soir, une arche d’air
sur l’océan de mes pensées qui jusqu’alors
avaient fui le sommeil et son trône de sable.

Dormir est un pays où mon ami m’attend
où parlent par sa voix toutes les sources d’aube
et les chagrins de l’enfance perdue.

Comble-moi de tes dons terribles, dieu des fables
toujours recommencé, fais qu’une fois encore je retourne
au cœur secret de la métamorphose.

 

Schlafen ist ein Garten im Abendwind, eine Arche der Luft
auf dem Ozean meiner Gedanken, die bis jetzt
den Schlaf geflohen und seinen Thron aus Sand.

Schlafen ist ein Land, wo mich mein Freund erwartet,
wo mit ihren Stimmen allen die Dämmer-Quellen reden
und der verlornen Kindheit Kümmernisse.

Erfülle mich mit deinen Schreckensgaben, Gott der Mären,
du alten Ursprungs ewig neu, auf daß einmal noch ich kehre
zum geheimen Herzen der Verwandlung heim.

 

Nov 5 18

Nimm die Veilchen mit

Über dir der Strahl,
Haar und Halme funkeln.
Unter mir der Sand,
Gras und Augen dunkeln.

Du magst regenblind
Tau und Tropfen lauschen.
Vor mir geht der Blitz,
hinter mir das Rauschen.

Siehst im Morgenlicht
blaue Augen leuchten,
nimm die Veilchen mit,
die von Tränen feuchten.

 

Nov 5 18

Poetica in nuce

Wir schweben im Gewand des Winds
aus Vogelstimmen, Meeressagen,
dem Bienenlied der dunklen Waben.

Wir steigen aus dem Schoß des Lichts
mit Distelflusen, Mückenwolken,
wir winden goldnen Abends Locken.

Wir streuen Flocken auf die Gruft
und winterharschen Harmes Splissen
und schmelzen, Schnee von Glitzer-Küssen.

Wir sind die Treppen blauer Luft,
die sich an dunkle Herzen lehnen,
an Höhenschwindel sie gewöhnen.

Wir sinken aus dem Herbst des Laubs
wie Trauben in den Wein der Lieder
und kehren, Sommer-Hummeln, wieder.

 

Nov 5 18

Julien Gracq, Le vent froid de la nuit

Je l’attendais le soir dans le pavillon de chasse, près de la Rivière Morte. Les sapins dans le vent hasardeux de la nuit secouaient des froissements de suaire et des craquements d’incendie. La nuit noire était doublée de gel, comme le satin blanc sous un habit de soirée, — au-dehors, des mains frisées couraient de toutes parts sur la neige. Les murs étaient de grands rideaux sombres, et sur les steppes de neige des nappes blanches, à perte de vue, comme des feux se décollent des étangs gelés, se levait la lumière mystique des bougies. J’étais le roi d’un peuple de forêts bleues, comme un pèlerinage avec ses bannières se range immobile sur les bords d’un lac de glace. Au plafond de la caverne bougeait par instants, immobile comme la moire d’une étoffe, le cyclone des pensées noires.

En habit de soirée, accoudé à la cheminée et maniant un revolver dans un geste de théâtre, j’interrogeais par désœuvrement l’eau verte et dormante de ces glaces très anciennes; une rafale plus forte parfois l’embuait d’une sueur fine comme celle des carafes, mais j’émergeais de nouveau, spectral et fixe, comme un marié sur la plaque du photographe qui se dégage des remous de plantes vertes. Ah ! les heures creuses de la nuit, pareilles à un qui voyage sur les os légers et pneumatiques d’un rapide — mais soudain elle était là, assise toute droite dans ses longues étoffes blanches.

 

Ich wartete auf sie im Jagd-Pavillon, nahe beim Totenfluß. Die Tannen schüttelten im Wage-Wind der Nacht Leichentuch-Geraschel und Brand-Geknister aus. Die schwarze Nacht war mit Frost gefüttert, dem weißen Atlas unterm Abendkleide gleich – draußen liefen Locken-Hände von allen Seiten über den Schnee. Die Mauern waren große dunkle Vorhänge, und auf den Schnee-Steppen weißer Tischtücher erhob sich, soweit das Auge reichte, wie Feuer sich von zugefrorenen Teichen ablösen, das geheimnisvolle Licht von Kerzen. Ich war der König eines Volkes blauer Wälder, wie ein Pilger, der sich mit seinen Bannern am Ufer eines Eissees aufpflanzt. An der Decke der Höhle flackerte manchmal, starr wie das Moiré-Muster eines Tuchs, der Wirbelsturm schwarzer Gedanken.

Im Abendanzug, den Ellenbogen auf den Kamin gestützt und indem ich in theatralischer Manier mit einer Pistole fuchtelte, verhörte ich, um die Zeit totzuschlagen, das grüne, schlafende Wasser dieser uralten Eisflächen; eine äußerst heftige Windböe ließ sie manchmal von einer dünnen Schweißschicht anlaufen wie die Oberfläche von Karaffen, doch ich tauchte von neuem auf, gespenstisch und angewurzelt wie der Bräutigam auf der Fotoplatte, der bei der Entwicklung aus dem Strudel grüner Pflanzen hervortritt. Ach, die leeren Stunden der Nacht, vergleichbar einem, der auf den leichten, pneumatischen Knochen einer Stromschnelle reist – doch plötzlich war sie da, saß ganz aufrecht in ihren langen weißen Stoffen.

 

Nov 5 18

Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte 34–36

34

The night is upon me.
My desires that wandered all day have come back to my heart like
the murmur of the sea in the still evening air.
One lonely lamp is burning in my house in the dark.
The silence is in my blood.
I shut my eyes and see in my heart the beauty that is beyond all forms.

 

Die Nacht ist über mir.
Meine Wünsche, die den ganzen Tag wanderten, kommen zu mir zurück wie
das Murmeln des Meers in der stillen Abendluft.
Eine Lampe nur brennt in meinem Haus in der Dunkelheit.
Die Stille ist in meinem Blut.
Ich schließe meine Augen und sehe in meinem Herzen die Schönheit, die alle Formen übersteigt.

 

35

What is this melody that overflows my life, only I know and my
heart knows.
Why I watch and wait, what I beg and from whom, only I know and
my heart knows.
The morning smiles like a friend at my gate, the evening droops
down like a flower by the edge of the woods.
The flute music floats in the air in the dawn and in the dusk. It
beguiles my thoughts away from my toils.
What is this tune and who plays it ever, only I know and my heart knows.

 

Welch eine Melodie dies ist, die mein Leben überflutet, weiß nur ich allein und
weiß allein mein Herz.
Weshalb ich Ausschau halte und warte, worum ich bitte und vom wem, weiß nur ich allein und
weiß allein mein Herz.
Der Morgen lächelt mir an meiner Tür wie ein Freund, der Abend welkt hin
wie eine Blume im Winkel des Walds.
Das Lied der Flöte flutet in der Luft in der Morgenfrühe und der Abenddämmerung. Es
lockt meine Gedanken von meinen Mühen.
Was dies für eine Weise ist und wer immer sie spielt, weiß nur ich allein und
weiß allein mein Herz.

 

36

Thou didst well to turn me back when I came begging.
In thy parting glance I saw a smile; and since then
I have learnt my lesson. I break my old alms bowl,
I wait for my chance to give what is mine.
From the morning crowds have gathered at thy gateway.
Let their need be all fulfilled. When at the fall of night they disperse, and cries are hushed; when
stars seem listening to some epic of the age before their birth-time, of the fight of new-born light with ancient darkness,
to thy feet I come with homage of my longing:
‘Take my lute in thine own hand and play it, Master.’

 

Du hast recht daran getan, mich wegzuschicken, als ich bettelnd ankam.
In deinem Abschiedsblick sah ich ein Lächeln; und seitdem
habe ich meine Lektion gelernt. Ich zerbreche meine alte Bettlerschale,
ich warte auf die Gelegenheit, das Meinige zu geben.
Von früh auf haben sich die Scharen am Eingang versammelt.
Erfülle ihre Wünsche ganz. Wenn sie sich bei Einbruch der Nacht zerstreuen und die Rufe verstummt sind; wenn die Sterne einem Epos zu lauschen scheinen, weit älter als ihre Geburt, vom Kampf des neugeborenen Lichts mit der alten Dunkelheit,
komme ich zu deinen Füßen mit der Huldigung meiner Sehnsucht:
„Nimm meine Laute in deine Hand und spiele du sie, Meister.“

 

Nov 5 18

Jean-Yves Masson, Saint-Jean-Des-Rois

Aus: Poèmes du festin céleste

Il nous sembla soudain que les oranges
qui brillaient là sur l’arbre dans le soir
dans le demi-sommeil de la lumière parlaient enfin
d’une contrée connue jadis et désirée.

Mais maintenant que la prière autour de nous
monte des murs, et que l’hiver suspend sans poids
son don de fleurs de givre à ces feuillages,
comment penser encore à ces soleils aux cœurs obscurs ?

Ah maintenant, comment se souvenir des fleurs dans l’ombre,
et des parfums, des mots légers qui les nommaient ?
Toi plus savante, encore un jour, lumière,
sèche nos larmes, toi fidèle qui te souviens.

 

Uns schien es plötzlich, daß die Orangen,
sie schimmerten am Baum dort in den Abend,
in den Halbschlaf des Lichts, endlich von einer Gegend
erzählten, bekannt dereinst, ersehnt.

Doch im Augenblick, wenn das Gebet rings um uns
die Mauern erklimmt und der Winter seine gewichtlose
Gabe von Eisblumen in dies Blattwerk hängt,
wie noch jener Sonnen gedenken in dunklen Herzen?

Ach, wie im Schatten nun der Blumen sich erinnern
und Düfte, leichter Worte, die sie nannten?
Das es besser weiß, noch einen Tag, du Licht,
trockne unsre Tränen, treues, du erinnerst dich.

 

Nov 4 18

Jean-Yves Masson, De quoi parlent-ils à présent

Aus: Onzains de la nuit et du désir

De quoi parlent-ils à présent dans le silence,
les arbres, au-dessus des grillages,
dans les allées où nous ne marchons plus main dans la main,
ma mère ? Où brille encore
dans des étés de tendre espoir le silence des fruits,
obstinément dans ce jardin que j’ai quitté
et qui m’obsède, encore vierge de désir et de souffrance ?
Qui vient le soir
pencher sur l’eau éteinte son visage
à l’heure où le sommeil s’étend sur l’herbe
dans la confidence des morts ?

 

Wovon sprechen sie jetzt in der Stille,
die Bäume, über den Gittern,
in den Alleen, wo wir nicht mehr gehen Hand in Hand,
Mutter? Wo noch immer leuchtet
in Sommern zarten Hoffens die Stille der Früchte,
starrköpfig in jenem Garten, den ich im Stich ließ
und der mich verfolgt, jungfräulich an Sehnsucht noch und Schmerz?
Wer kommt des Abends,
sein Antlitz über das verblaßte Wasser zu beugen,
zur Stunde, da der Schlaf sich über das Gras hinstreckt
ins Geflüster der Toten?

 

Nov 4 18

Wer wohnt hier noch?

Nachtgetrippel nackter Frauenfüße
auf der harten Bohle, kalten Fliese,
Löffelklirren. Stille bang.

Wehmutstriller einer süß verlognen
Mädchenkehle träufeln Milch und Honig
krausen Traumes Haar hinab.

Rieselt Estrich, knistert Kalk und Mörtel
oder stippen flink Kanarienvögel
Salz ins Einmachglas des Schlafs?

Listig schnäbelnd hat verharschte Schläfe
Morgenstrahl getaut. Ob Seufzer säen
Flocken auf den Schoß des Tags?

 

Nov 4 18

Julien Gracq, Vergiß mein nicht

Ce que tu fais à cette heure tardive de la nuit ?
Peut-être assise à coudre dans cette lumière bonne des soirées diligentes, des mains soigneuses, cette foisonnante envie du bon ouvrage qui délie les langues pour un babil bienveillant sous la lampe, et les chaudes pensées gaies qu’on distribue à la ronde à l’absent amical — peut-être à la fenêtre devant un bois de pins sous la lune brillante, tu touches le grand froid minéral qui rôde entre les planètes avec les doigts mouillés de ta main, et tu penses que je suis, loin, derrière cet horizon où s’enfonce un train empenné de ses douces lumières, si enivré de son bruit de fer dans la nuit calme — peut-être un livre me trahit-il dans un battement d’éventail de ces pages tournées dans la fièvre au vent doux d’une chevelure, et des infortunes te bouleversent où rien ne te paraîtrait tout à coup plus malséant que j’aie aucune part — ou bien dans la chambre où tu t’endors, où soudain tout me déserte et t’oriente selon les mystérieux indices du prochain matin, tu coules au milieu de tes rêves dans l’enivrement d’être si seule, et travaille avec délices pour les voleurs de nuit toute une ruche de mauvaises abeilles.

 

Was tust du da zu dieser späten Stunde der Nacht?
Vielleicht sitzt du hier, um bei diesem Licht, das emsigen Abendstunden freundlich scheint, sorgsamen Händen, diese wuchernde Lust eines guten Werks zu nähen, das die Sprachen in ein wohlwollendes Geplauder unter der Lampe auftrennt und die lebhaften, heiteren Gedanken, die man rings dem abwesenden Freund austeilt – vielleicht berührst du am Fenster vor einem Kiefernwald unterm schimmernden Mond den großen, kalten Mineral, der unter den Planeten herumstreift, mit den benetzten Fingern deiner Hand und du denkst, ich sei, fern, hinter diesem Horizont, wo ein Zug, von seinen sanften Lichtern umfiedert einsinkt, so berauscht vom Lärm des Eisens in der ruhigen Nacht – vielleicht verrät mich ein Buch mit dem Gefächel des Fächers dieser Seiten, im Fieber gewendet vom süßen Wind eines Haars, und Unglück wühlt dich auf, wo nichts dir je ungehöriger erschiene, als daß ich teil daran hätte – oder im Zimmer, wo du einschläfst, wo mich plötzlich alles verläßt und dich auf die geheimnisvollen Zeichen des nächsten Morgens ausrichtet, strömst du in der Trunkenheit, so allein zu sein, zum Mittelpunkt deiner Träume und baust für die Diebe der Nacht mit Wonne einen ganzen Korb bösen Bienen.

 

Nov 3 18

Wie Blumen tun

Wie Blumen tun
mit sanften Bebens Lidern,
die Augen schließen
unter Abschieds süßem Duft.

Wie Flocken sinken
langsam durch die weiße Nacht,
an weichen Wangen
glitzernd schmelzen.

Wie Tropfen fallen
haltlos vom Blütenrand,
leise ganz zerspringen
im dunkelgrünen Moos.

Wie Nachtigallen
mit Liedes Liebesperlen
durch grüne Schatten
niederrinnen.

Wie Flausch des Löwenzahns,
von kinderheißem Mund
entzweigeblasen,
in blauer Luft zerstieben.

 

Nov 3 18

Allein am Strom

Singt vorbei der Strom,
glitzern Schaum und Wirbel,
rote Blätter, gelbe
wallen schwankend fort.

Und du sitzt für dich im Gras,
Gras hat dir nur Raunen.
Abend haucht den grauen Tau.

Schluchzt vorbei das Schiff,
schimmern Haut und Masken,
goldne Klänge, dunkle,
weichen schmeichelnd hin.

Und du liegst allein im Moos,
Moos hat dir nur Schweigen.
Nacht löst auf den Rätsel-Traum.

 

Nov 3 18

Julien Gracq, Un hibernant

Le matin en s’éveillant, les doubles fenêtres l’emprisonnaient dans la forêt vierge de leur délicate palmeraie de glace.
Il n’était besoin que de les arroser pour qu’elle poussât en une nuit.
On s’étonnait cependant à peine de marcher la tête en bas : le ciel n’était plus que du terreau gris sale, mais la voie lactée de la neige éclairait le monde par-dessous.
Tous les visages étaient beaux, rajeunis, — la neige enfantait des corps glorieux.
A midi dans le jardin de neige et d’ouate, debout sur un pied et retenant son souffle, il réaccordait le silence.
Le soir le labyrinthe duveteux du brouillard cadenassait la maison, — les portes restaient battantes.
Puis le rayon de lune rôdait autour de la chambre jusqu’à ce que la fenêtre posât sur le lit une grande croix noire.
Ces délicates escroqueries lumineuses pourtant n’étaient pas toujours sans danger.

 

Ein Winterschläfer

Als er am Morgen erwachte, schlossen ihn die Doppelfenster in den jungfräulichen Wald ihres zarten Glaspalmenhains ein.
Man müßte sie nur gießen, damit er ihnen des Nachts entsprösse.
Es rief nicht einmal Verwunderung hervor, daß er auf dem Kopf stand: Der Himmel war nichts weiter als ein grauer, schmutziger Humus, indes die Milchstraße des Schnees die Welt von unten beleuchtete.
Alle Gesichter waren schön, verjüngt – der Schnee gebar herrliche Leiber.
Am Mittag stand er im Garten von Schnee und Watte auf einem Bein, hielt den Atem an und stimmte die Stille neu.
Am Abend verriegelte das flaumige Labyrinth des Nebels das Haus – die Türen schlugen weiterhin.
Dann schlich der Strahl des Mondes so lange um das Zimmer, bis das Fenster ein großes, schwarzes Kreuz auf das Bett breitete.
Diese köstlichen Gaukeleien des Lichts, sie waren dennoch nicht immer ungefährlich.

 

Nov 3 18

Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte 31–33

31

Love, thou hast made great my life with death’s magnificence, and
hast tinted all my thoughts and dreams with radiant hues of thy farewell rays.
The tear-washed limpid light reveals at life’s last sunset-point
the hints of Paradise, where descending flame of kiss from
starry sphere of love lights the sorrows of our earth to
splendour of their end, in one blazing ecstasy of uttermost extinction.
Love, thou hast made one vast wonder Life and Death for me.

Du hast, Liebe, meinem Leben Größe verliehen mit der Herrlichkeit des Todes und
hast all meine Gedanken und Träume mit den Farbtupfern deiner Abschiedsstrahlen getönt.
Das durchsichtige Tränenwasser des Lichts enthüllt am letzten Sonnenrand des Lebens
des Paradieses Spuren, wo der Flammenkuß aus dem Sternenraum der Liebe
herniedersteigt und die Trübsal unserer Erde bis zu ihrem Ende hin erhellt,
in einer lodernden Verzückung geht gänzlich sie unter.
Du hast mir, Liebe, Leben und Tod in ein einziges großes Wunder verwandelt.

 

32

As the tender twilight covers in its fold of dusk-veil marks of
hurt and wastage from the dusty day’s prostration, even so
let my great sorrow for thy loss. Beloved, spread one
perfect golden-tinted silence of its sadness o’er my life.
Let all its jagged fractures and distortions, all unmeaning
scattered scraps and wrecks and random ruins, merge in
vastness of some evening stilled with thy remembrance,
filled with endless harmony of pain and peace united.

 

Wie das zarte Zwielicht in den Falten seines Dämmer-Schleiers Male von
Schmerz und Verlust durch die Erschöpfung im Staub des Tages birgt, so
laß auch mir die große Trauer um deinen Verlust. Geliebte, breite einen
vollkommenen Goldglanz des Schweigens dieser Traurigkeit über mein Leben.
Laß all seine schroffen Brüche und Krümmungen, all die sinnlos
zerrissenen Schnipsel und Scherben und Ruinen des Zufalls sich in der Weite
eines Abends verschmelzen, der von Erinnerung gestillt ist,
erfüllt von der grenzenlosen Harmonie von Leid und Frieden ineins.

 

33

Through death and sorrow
there dwells peace
in the heart of the Eternal.
Life’s current flows without cease,
the sunlight and starlights
carry the smile of existence
and springtime its songs.
Waves rise and fall,
the flowers blossom and fade
and my heart yearns for its place
at the feet of the Endless.

 

Neben Tod und Trauer
wohnt Frieden
in des Ewigen Herz.
Die immerwährenden Ströme des Lebens,
Sonnenlicht und Sterngeflimmer
schenken das Lächeln des Daseins
und Frühling seine Lieder.
Wogen schwellen und ebben,
die Blumen blühen und welken,
und mein Herz sehnt sich nach seiner Stätte
zu Füßen des Unendlichen.

 

Nov 2 18

Letzter Liebesdienst

Novembermond ließ zögernd
den zarten Schleier los.
Die schiefen Schultern der Weiden
tragen weiße Epauletten.

Die kleinen Zitter-Zungen
der Totenlichter schicken
ihr leises Stundengebet
in die Dämmerung.

Umsonst sucht früher Strahl
nach Blau im Ochsenauge
des Kapellengiebels. Ein Busch
stäubt unterm Amselschrei.

Sie geht, im Krug das Heidekraut,
flüsternd durch die Reihen.
Sie wischt den Schnee vom Stein,
damit ein Name golden sei.

 

Nov 2 18

Julien Gracq, La vie de voyage

Nous quittions la ville vers trois heures du matin, quand les maisons ténébreuses des avenues se relancent de façade en façade les oiseaux de nuit, comme un tir aux pigeons de coussins de soie. L’aube se levait en ruban de lumière bleue sur les rails d’un tramway des faubourgs, — mais, dès avant la terre promise, le ciel change ! c’est la pluie sur les vitrages d’un hôtel désaffecté de la plage, le déjeuner de pain gris sur lequel la mer fait le bruit des larmes.

A qui s’en prendre ? tout désorientés, perplexes, nous faisons les cent pas sur l’estacade, en jetant nos morceaux de pain dans la mer. Voici : maintenant j’ai jeté sur mes épaules la pèlerine des pauvres, rattaché mes chaussures au coin amer d’une borne, et, tout seul maintenant sous la gargoulette des gouttières, j’attends l’heure de l’ouverture des épiceries.

 

Leben auf Reisen

Wir verließen die Stadt um drei Uhr in der Früh, wenn die im Dunkel liegenden Häuser der Straßen sich von Fassade zu Fassade die Vögel der Nacht zuwerfen wie ein Schuß auf Tauben aus Seidenkissen. Die Morgendämmerung erhob sich in einem Streifen blauen Lichts über den Straßenbahngleisen der Vorstädte – doch fern das Land der Verheißung, das Wetter schlägt um! Es regnete auf die Scheiben eines leerstehenden Hotels am Strand, das Frühstück – Graubrot, belegt mit dem Tränengebraus des Meers.

An wem seinen Ärger loswerden? Völlig orientierungslos, perplex, machen wir hundert Schritte über den Hafendamm und werfen unsere Brotkrumen ins Meer. Sieh an: Nun habe ich mir den Umhang der Armen über die Schultern geworfen, meine Schuhe im bitteren Winkel eines Fahrkartenautomaten wieder zugebunden und warte, ganz allein unter dem Tropfen einer Traufe, darauf, daß endlich die Läden aufmachen.

 

Nov 2 18

Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte, 28–30

28

You will lead me from star to star to waken me in new mornings of love.
It is your love that draws out the flow of my being through the
maze of channels of new life over your endless worlds.
You will startle me with new visions of fulfilment at every bend
of the road and fashion my moments with immortal forms of joy.
The infinite life will never remain chained in unchanging
shackles of immortality but will speed through death to
death to countless new shrines of light in its eternal pilgrimage of love.

 

Du wirst mich von Stern zu Stern geleiten, um mich in neuen Morgenfrühen der Liebe aufzuwecken.
Deine Liebe ist es, die den Fluß meines Daseins in den labyrinthischen
Kanälen eines neuen Lebens durch endlose Welten führt.
Du wirst mich mit neuen Bildern der Erfüllung an jeder Biegung
des Wegs erschrecken und meine Augenblicke in ewige Gestalten der Freude verwandeln.
Das unendliche Leben wird niemals in unbiegsame Ketten der Unsterblichkeit
gefesselt, sondern wird von Tod zu Tod
zu neuen Schreinen des Lichts ohne Zahl eilen, und die Pilgerreise der Liebe wird ewig währen.

 

29

Dark clouds have blotted all lights from above; and we caged
birds cry and ask you: ‘My friend, is it the death moment
of creation? Has God withdrawn His blessings from the sky?
Times were when the sudden breath of April would waft the distant
fragrance of hope into our hearts, and the morning light
would gild the iron bars of our prison with its golden
spell and would bring the gladness of the open world into our cage.
But, see, it is all dark in the hills yonder, and not a thinnest
rift has been made by the scimitar of light cutting through the massive gloom.
Our chains today sit heavy on our feet, and not a flush of glow
is left in the sky with which to build an illusion of joy.
But let not our fear and sorrow pain you, my friend!
Come not to sit at the door of our cage to cry with us.
Your wings are unfettered.
Far away from us you soar beyond all clouds.
And from there send us the message in song:
‘The light is shining for ever. The lamp of the sun is not out.’

 

Dunkle Wolken haben alles Licht aus der Höhe befleckt; und wir Vögel
in Käfigen schreien und fragen dich: „Mein Freund, ist der Tod ein Augenblick
der Schöpfung? Hat Gott seine segnenden Hände abgezogen vom Himmel?
Es waren Zeiten, da wehte der jähe Atem des April den fernen
Dufthauch der Hoffnung in unsere Herzen, und das Morgenlicht
beglänzte die Eisengitter unseres Gefängnisses mit goldenem
Zauber und brachte die Freude der freien Welt in unseren Käfig.
Sieh doch, drüben auf den Hügeln ist alles finster, und der Krummsäbel
des Lichts, der die dichte Düsternis durchschneidet, ließ nicht die schmalste Spalte.
Heute drücken uns die Ketten arg am Fuß, und kein Blütenschimmer
verblieb am Himmel, der Freude Trugbild uns zu dichten.
Doch unsere Angst und unser Kummer sollen dich, mein Freund, nicht schmerzen!
Verweile nicht am Tore unsres Käfigs, mit uns zu weinen.
Deine Flügel sind gebunden nicht.
Fern von uns steigst du über alle Wolken auf.
Schick uns von dort im Lied die Kunde:
„Das Licht wird scheinen immerdar. Der Sonne Leuchte ist erloschen nicht.“

 

30

The battle is over. After strife and struggles the treasure is
gathered and stored.
Come now, woman, with your golden jar of beauty. Wash away all
dust and dirt, fill up all cracks and flaws, make the heap shapely and sound.
Come, beautiful woman, with the golden jar on your head.
The play is over. I have come to the village and have set up my
hearth stone.
Now come, woman, carrying your vessel of sacred water; with
tranquil smile and devout love, make my home pure.
Come, noble woman, with your vessel of sacred water.
The morning is over. The sun is fiercely burning. The wandering
stranger is seeking shelter.
Come, woman, with your full pitcher of sweetness. Open your door
and with a garland of welcome ask him in.
Come, blissful woman, with your full pitcher of sweetness.
The day is over. The time has come to take leave.
Come, O woman, with your vessel full of tears. Let your sad eyes
shed tender glow on the farewell path and the touch of thy
trembling hand make the parting hour full.
Come, sad woman, with your vessel of tears.
The night is dark; the house is desolate and the bed empty, only
the lamp for the last rites is burning.
Come, woman, bring your brimming jar of remembrance. Open the
door of the secret chamber with your unbraided streaming
hair and spotless white robe, replenish the lamp of worship.
Come, suffering woman, bring your brimming jar of remembrance.

 

Die Schlacht ist vorbei. Nach Krieg und Kämpfen ist der Schatz
gesammelt und verwahrt.
Nun komm heraus mit deinem goldnen Krug von Schönheit. Wasch allen
Staub ab, allen Schmutz, die Risse fülle und die Male, gib dem Angehäuften reine Wohlgestalt.
Nun komme, Frau, den goldenen Krug auf deinem Haupt.
Das Stück ist aus. Ich kehrte heim zu meinem Dorf und habe meinen Herd geschürt.
Nun komme, Frau, mit deinem Krug geweihten Wassers; mit
stillem Lächeln und ergebener Liebe reinige mein Haus.
Komm, edle Frau, mit deinem Krug geweihten Wassers.
Der Morgen ging dahin. Der Sonne Strahl ist scharf. Der wandernde
Fremde sucht einen Unterschlupf.
Komme, Frau, mit deinem Krug voll Süße. Öffne deine Tür
und mit einer Girlande heiße ihn willkommen.
Komme, herrliche Frau, mit deinem Krug voll Süße.
Der Tag ist vorüber. Die Zeit des Abschieds nah.
Komme, o Frau, mit deinem Krug voll Tränen. Laß deine traurigen Augen
zarten Glanz auf den Pfad des Lebewohls vergießen und die Berührung deiner
bebenden Hand mache die Abschiedsstunde voll.
Komme, traurige Frau, mit deinem Krug von Tränen.
Die Nacht ist schwarz; das Haus ist einsam und das Bett ist leer, einzig
die Lampe leuchtet für die letzten Riten.
Komme, Frau, mit deinem Krug, der von Erinnerungen überschäumt. Öffne die
Tür des geheimen Zimmers mit dem Strömen deiner losen Locken
und deinem fleckenlosen weißen Kleid, füll die Lampe der Anbetung auf.
Komme, leidende Frau, bringe deinen Krug, der von Erinnerungen überschäumt.

 

Nov 1 18

68 – ein toter Stern

Lümmeln auf dem expropriierten Rasen
vor der Alma Mater (an die Mutter durfte man
nicht denken, ihre Milch galt für vergiftet),
in Jeans, Rollkragenpulli, Mao-Jacke
und Turnschuhen, an einem Lederriemen
um den Hals ein roter Stern oder
ein Totenschädel aus Elfenbein
(solch neuen Talismanen, denn magisch
umhaucht west der wüsteste Schädel),
die Haare zerzaust, als bliesen immer Böen,
oder eine fettige Matte, die man herrisch
oder kokett über die Schulter schlug.

„Genossin“ hießen die bärtigen Marxologen
die Kleine, die ihren Mistgeruch
aus der schwäbischen Provinz,
der noch aus den klobigen Boots stieg,
mit dem Qualm einer Roth-Händle übertäubte,
„Genossin“, als wären sie, die unbeschnittene
Triebstruktur in der Hosentasche,
vorgestern noch mit ihr intim gewesen,
lange her.

Die neue Hörigkeit des Weibes feierten
die freischwingenden Schwänze der Kader
als Emanzipation und quittierten sie
mit dem Totenschein für obskure Föten.

Doch mit dem Hippietum vorm Audimax
hatte es bald ein Ende, wenn ihnen wie somnambulen
Puppen die Schrei-Schlingen der Megaphone
an den Hintern rissen, die das Gras
der Anarchie plattgedrückt, und Mann
und Weib, ein einig Völkchen im messianischen
Sturm des Endsiegs der Weltrevolution
strammstand vor neuen Totschlagwort-
schreiern, die kubanische Zigarre im Mundwinkel
oder im geschmacklosen Streifen-Pullover
die Bartstoppeln der Askese für die Utopie
der klassenlosen Hanswurstiade gewichtig
auf und ab streichend.

Den müden greisen Herren schlug man den Krück-
stock, auf dem sie ihre kleine, von Tapferkeits-
medaillen verunzierte Würde stützten,
wie die Gassenjungens weg, das neue Johannisfeuer
der höheren Moral, um das sie bündisch sich scharten,
die Stirn in einem rituellen Schmierentheater stigmatisiert
mit der Talmi-Asche rhetorisch ausgebuddelter Toter,
es loderte mit geifernder Flamme über den Fetzen
der Talare und Bücher, ach alten Scharteken,
die nach ranziger Frömmelei rochen
und dem Weistum des glorreich dunklen
Lebens, von genieverseuchten Sprach-Friseuren
ins dunkle Vlies rauschender Verse
homerisch onduliert.

Sie aber leisteten den Schwur auf grelle Fahnen,
bestirnten, rot vom Blut, das aus dem Schlachthaus
asiatischer Horden rann, von den Schädelstätten
der Verbrüderung unter Gleichgeschorenen.

Latzhosen-Künstler pappten aus dem Abfall
halluzinogener Träume die Idole für den Pop-
und Vulgo-Konformismus des Abseitigen, Schrillen,
je fremder ätzend, umso kitzliger tauben
Zungen für gestammelte Schein-Verzückung.

Den gemessenen Vers zerstückelten Propheten
hohler Bauchrednerei als würgende Schlinge,
die den Adamsapfel sexuell geschwollenen Lallens
stranguliere, den fliegenden Samen des Reims,
der auf den jungfräulichen Auen heimatlicher
Ströme nicht fruchten solle, entkeimten
apokalyptische Zeugungsdienstverweigerer,
die im Gleichklang ferner Stimmen
das Geheimnis süßen Liebesbundes schmerzte.

Lederne Zungen kündeten hedonisches
Verfließen, die Sprengung des Charakterpanzers
im Korsett der Phrase keuchende Priester
ozeanischen Gefühls, vom Star befallene,
im Dickicht der Angst blutende Gurus
die Erweiterung der Iris in der blauen Nacht
des Surrealen, sich ständig am Hoden
der Selbstsucht kratzende Kommunarden
die freie Liebe.

Friede ihrer Asche jenen, die am Haschischrauch
und den Ausdünstungen des schwelenden
Müllbergs von Mao-Bibeln, MEGAs, Pornoheftchen,
Ho-Chi-Minh-Postern, Vietnam-Fahnen und Karten
nie angetretener Fahrten langsam erstickten!

Krieg den feisten Parvenüs, die ihre Knallfrösche
und Handgranaten in der untersten Schublade
versteckten und mürbe wie runzlige Äpfel
das Arom ihrer Seelenfäule und das stumpfe
Irrlicht ihres toten Sterns in die Windungen
junger Hirne und die Falten zarter Herzen verströmen!

 

Nov 1 18

Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte 25–27

25

Light thy signal, Father, for us who have strayed far away from thee.
Our dwelling is among ruins haunted by lowering shadows of fear.
Our heart is bent under the load of despair and we insult thee
when we grovel to dust at every favour or threat that mocks our manhood.
For thus is desecrated the dignity of thee in us thy children
for thus we put out our light and in our abject fear make it seem that our orphaned world is blind and godless.

 

Wink uns, Vater, mit deinem Licht, denn wir haben uns weit verirrt von dir.
Wir hausen in Ruinen, umgeistert von lauernden Schatten der Angst.
Unser Herz ist unter den Stein der Verzweiflung gequetscht und wir, im Staube kriechend,
spotten deiner bei jeder Huld und jeder Gefahr, die unserer Mannheit trotzt.
Darum ist deine Würde in uns, deinen Kindern, entweiht,
darum löschen wir unser Licht, und in unserer elenden Angst scheint uns die verwaiste Welt düster und gottlos.

 

26

Yet I can never believe that you are lost to us, my king, though
our poverty is great, and deep our shame.
Your will works behind the veil of despair, and in your own time
opens the gate of the impossible.
You come, as unto your own house, into the unprepared hall, on
the unexpected day.
Dark ruins at your touch become like a bud nourishing unseen in
its bosom the fruition of fulfilment.
Therefore I still have hopenot that the wrecks will be mended,
but that a new world will arise.

 

Noch immer kann ich nicht glauben, du seiest uns, mein König, verloren, auch
wenn unsere Armut groß und tief unsere Schande ist.
Den Schleier der Verzweiflung hauchst willig du im Verborgenen an und öffnest
das Tor des Unmöglichen zu deiner Zeit.
Du trittst, wie in dein eigenes Haus, unerwartet in die Halle, an einem Tag,
den keiner ahnt.
Dunkle Ruinen blühen unter deinen Händen auf, wie eine Knospe, in deren verborgenem Innern die Frucht heranreift.
Deshalb habe ich noch immer Hoffnung, nicht daß die Bruchstücke wieder verleimt werden,
sondern eine neue Welt erscheint.

 

27

Be not ashamed, my brothers, to stand before the proud and the
powerful with your white robe of simpleness.
Let your crown be of humility, your freedom the freedom of the soul.
Build God’s throne daily upon the ample bareness of your poverty, and know that what is huge is not great and pride is not everlasting.

 

Seid nicht beschämt, meine Brüder, vor den Stolzen und
Mächtigen in eurem reinen Kleid der Schlichtheit dazustehen.
Eure Krone heiße Demut, eure Freiheit die Freiheit der Seele.
Bildet Gottes Thron Tag für Tag aus der reichen Blöße eurer Armut und wisset, was riesig ist,
hat keine Größe, und Stolz, er dauert nicht.

 

 

Okt 31 18

Wirbel

Gespenster im Albtraum der Luft,
Rascheln ausgemergelter Blätter,
abgehackte Köpfe
herbstlichen Hochgerichts,
die über den feuchten Asphalt rollen.

So tänzelt mit amöbenzartem
Geisterbein der schlanke Trichter
des Hurrikans über die Erde,
um sein blindes Auge
rotiert die Galaxie
vergifteter Milch,
Anmut schäumend.

Welche Schönheit kosmischer
Harmonie in den Lotusblumen
der Vernichtung,
welcher Schmerzensduft
aus den Wunder-Knospen
schwarzer Rosen des Orkans.

So speit der Tüllen-Mund
mannweiblicher Propheten
den Juckseim der Phrase
auf den hündisch
hingereckten Demos,
so saugt der Schnabel-Mund
bacchantischer Eunuchen
die Fäulnis-Blätter und Schnipsel
phallischer Bilder
aus den Löchern von
abertausend Schädeln,
trepaniert vom Meißel
silbern tönenden Auf-
und Nieder-Menschelns,
und die warme Waben
halluzinierenden Horden
wirbeln los, nachtschwärmende
Bienen, und tasten
mit den Zungen-Rüsseln
in fremde Blumentaschen.

Die schönen Mütter des Walds,
wo das Unterholz der Tierangst knackt,
recken tränenglitzernde Trauben,
blutig gekratzte Brüste
dem Kuß des Gliederlösers entgegen,
tanzen mohngefleckten Haars
um lichte Pyramiden,
zierlich geschichtet aus Knochen,
schwingen kleine Arme, rosige Beine,
den Kindern ausgerissene
Opfergaben des Sturmgotts.

O gleißendes Geschmeide
ambrosischer Nacht,
was dort nach dem Gewitter der Zeit
überm Gipfelschnee glänzt,
dem Dämmer abgebrannter Rosen,
sind, Ariadne, die Nägel der Sterne,
geschlagen mit dem Zapfen
des Thyrsos in den schwarzen
Katafalk des Schweigens.

 

Okt 31 18

Rabindranath Tagore, Poems, Gedichte 22–24

22

They who are near to me do not know that you are nearer to me
than they are.
They who speak to me do not know that my heart is full with your
unspoken words.
They who crowd in my path do not know I am walking alone with you.
They who love me do not know that their love brings you to my heart.

 

Die mir nahe sind, wissen nicht, daß du mir näher
bist als sie.
Die zu mir sprechen, wissen nicht, daß mein Herz erfüllt ist von deinen
unausgesprochenen Worten.
Die sich auf meine Pfade drängen, wissen nicht, daß ich mit dir allein unterwegs bin.
Die mich lieben, wissen nicht, daß ihre Liebe dich zu meinem Herzen führt.

 

23

Far as I gaze at the depth of Thy immensity
I find no trace there of sorrow or death or separation.
Death assumes its aspect of terror
and sorrow its pain
only when, away from Thee,
I turn my face towards my own dark self.
Thou All Perfect,
everything abides at Thy feet
for all time.
The fear of loss only clings to me
with its ceaseless grief,
but the shame of my penury
and my life’s burden
vanish in a moment
when I feel Thy presence
in the centre of my being.

 

Sei weit ich auch in die Tiefe Deiner Unendlichkeit blicke,
nirgends finde ich dort die Spur von Leids, von Tod oder Trennung.
Der Tod zeigt sein Schreckgesicht
und das Leid sein Schmerzensantlitz nur,
wenn ich dir abgewandt
meine Augen auf mein dunkles Selbst hefte.
Du vollkommen ganz und gar,
alles weilt zu deinen Füßen
für und für.
Die Angst vor Verlust klammert sich wohl an mich
mit ihrer ewigen Bekümmernis,
doch die Scham vor meiner Dürftigkeit
und die Bürde meines Lebens
sind augenblicks verflogen,
wenn ich Deine Gegenwart
in der Mitte meines Seins empfinde.

 

24

I ask for an audience from you, my King, in your solitary chamber.
Call me from the crowd.
When your gate was kept open for all I entered your courtyard
with the bustling throng, and in the confusion found you not.
Now when at night they take up their lanterns and go by different
roads to their different homes, allow me to linger here for
a moment, standing at your feet, and hold up my lamp and see your face.

 

Ich bitte dich, mein König, um eine Audienz in deinem einsamen Gemach.
Ruf mich aus der Menge heraus.
Als dein Tor allen offenstand, betrat ich deinen Hof
mit der wimmelnden Menge und in all dem Gewühl fand ich dich nicht.
Da sie nun in der Nacht ihre Lampen ergreifen und da und dorthin
in ihre Heimatdörfer gehen, erlaube mir, für einen Augenblick hier
zu verweilen, zu deinen Füßen stehend meine Lampe emporzuheben und dein Gesicht anzuschauen.

 



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