Anmut und hohles Pathos
Altersblässe cachiert Angst vorm Verfall mit Rouge.
Eitler Beau, schon ergraut, Silber durchwirkt sein Haar.
Kalte Lippe der Wollust
gaukelt Liebe mit feuchter Glut.
Anmut aber erblüht, leise erweckt vom Strahl.
Welkt die Blume dahin, neigt sie das Angesicht
scheu zur Erde, verbirgt es
in den Schatten des Laubs, das grünt.
Hohles Pathos umstrickt Lügen mit Talmiglanz.
Abgrund schüttet umsonst Kehricht der Phrase zu.
Von Parfum überdeckte
Fäulnisdüfte enthüllt der Schweiß.
Tief aus nächtigem Laub dringt der Violen Duft.
Lang verschwiegenes Wort quillt aus dem Vers ans Licht,
gleich der Träne, sanft schimmernd
auf der Wange, wie Schnee, der taut.
Gesang ströme das Blut
Berg aus Knochen und Zeit, willst du, zu Hause fremd,
darauf errichten dein Zelt? Steige herab und geh
als ein Dichter ins Stromtal,
nah sich fühlend stets Quell und Meer.
Erinnerung, wie grau macht sie die Asche noch.
Wie ein bitterer Rauch süßes Gefühl dir raubt.
Hier, wo singen die Wellen,
wasche die Schwermut dir ab der Fluß.
Wüst bekritzeltes Blatt, Zeuge verstörten Geists,
wie Liebe es tut, sieht sie Betrügers Schrift,
zerreiß, was dich verzerrt hat,
sieh im Wasser dein Spiegelbild.
Fandst du Ruhe im Schilf, strömt dir Gesang das Blut.
Rhythmen ewigen Sinns tragen dich fort von dir,
fort vom Wirrwarr des Herzens,
zum Geheimnis des Ursprungs heim.
Kehr ins Lichte zurück
Sicher wähnt sich, wer kriecht. Aufrechten droht der Fall.
Doch auf schwindligem Grat wandelt der Kühne hin.
Mag er zittern, er trinkt aus
dem kristallenen Kelch das Licht.
Der Gebückte verbirgt Unglück und Leid umsonst,
von der Rute, die schlug, blutet die Seele noch.
Was von Liebe er lallt, ist
trüb wie Blüten auf faulem Grund.
Vom Rauch der Lüge gewürgt, Kehlen, sie röcheln schon Tod.
Doch die gesalbt mit Öl, klebrigem Fusel des Wahns,
säuseln, schöner sei Leben,
das im Kehricht des Unwerts wühlt.
Kehr ins Lichte zurück, schlug dich das Schicksal auch.
Im Traum glänzen sie noch, Trauben verheißnen Weins.
Lieder mögen sie pflücken,
keltern odische Rhythmen bald.
Heimkehr ist Abschied auch
Dem Andenken an Friedrich Georg Jünger
Klagepsalm, Elegie: Tod war der Musaget.
Taubheit fragt nach dem Sinn. Ariel schweb hinan
in den blauenden Äther,
unsrer sinkenden Sehnsucht Bild.
Wärmt kein Feuer den Lar? Heimkehr ist Abschied auch:
Geht sie heiter des Wegs, sieht sie vermüllt den Teich,
wild verwuchert den Friedhof,
auf dem Grabstein verblaßt die Schrift.
Was gesungen Homer, Woge, sie rauscht es noch,
und was Sappho gefühlt, ritzt noch ins Mark ihr Vers.
Leiden stiftet Gedächtnis,
Verse, dürftige, düngt der Schmerz.
Schaum glänzt, Blüten des Sturms. Was wir gedacht, war Schaum.
Lieblich scheint er im Licht, gräßlich, speit Nacht ihn aus.
Geist der Liebe: Gespenst, saugt
an der Vene der Schwermut Alb.
Welle um Welle Gesang, Feuchte, die Zungen löst:
Ebben die Pulse der Lust, stottert ein trockner Mund.
Doch die Wellen Homers, sie
rauschen jenseits des Menschen noch.
Ephemer
Ephemeres Geschlecht, Falter im Kerzenschein,
wähnend, was sie erblickt, was sie erregte so heiß,
künde ewiges Sein. Er-
lahmend knistert, was sanft geschwirrt.
Offne Knospen des Tags drehten sich sonnenwärts.
Sie verschließen ihr Herz, Liebe, verstoßner, gleich.
Wenn sie träumen, erglänzen
Tränen, kühlender Tau des Monds.
Früchte, leuchtend im Laub herbstlicher Dämmerung,
eine finstere Hand greift nach den edlen, Wind,
und sie fallen ins Dunkel,
Moose seufzen, es seufzt das Gras.
Worte, flüsternd gehaucht, Schreie der Angst, der Qual:
Flecken grauen Papiers. Grämliche Lippe spuckt
Rätselbitteres aus. Fahl
schimmern Oden von Hölderlin.
Gaukle, Luftgeist
Gaukle, Luftgeist, hinan, Ariel, traurig-froh,
lächelnd flattere auf, bläht dir das Flügelpaar
Hauch noch südlicher Buchten.
Laß uns fühlen, wie leicht der Vers,
wenn er Anmut und sanft Sehnsucht besingt und Schmerz,
heißes Vogelgeschrei, kühl unterm Mond den Tau,
der an Wimpern erzittert,
findet Schlummer die Liebe nicht.
Schläfst du, Hirte, im Gras, Ganymed, sprich im Schlaf,
sag, wie Luna dich liebt, deiner gedenkt, wenn schon
neidisch Eos emporäugt,
dich mit stachligen Küssen weckt.
Du auch, Sänger der Nacht, singe uns noch im Traum,
hat auch schmelzender Ton keinerlei Widerhall
zwischen Mauern der Trübsal
und dem blechernen Mund des Lärms.
Das untergegangene Bild
Die Ozeane, schäumend, saugt Mond sie an,
die übers Ufer treten, Ströme, umschilft von Nacht,
was Leben hat erdichtet, Wasser,
Spuren im Sande, löscht aus es wieder.
Die hohen Male, gleißend im Strahl des Ruhms,
wo hieratisch goldene Chiffre glänzt,
sie schwanken schon, sind unterspült vom
Glucksen der Wellen und dunklem Seufzen.
Die Flammen aber, züngelnd im trocknen Gras,
ins Waldreich fräsen gierig sie Schneisen ein.
Der einst sie barg für Vestas Herde,
wischt sich vergebens den Ruß vom Antlitz.
Als Satans Fackel ragt das Gipfelkreuz
und kündet, Asche werde des Lebens Baum.
Die man ihm nahm, des Laubwerks Schatten,
können des Sterbenden Stirn nicht kühlen.
Wir Dämmertrunknen trauern dem Bild nicht nach,
das Lethe schluckt, verrunzelt vom Funkenfraß.
Was einst ikonengleich gelächelt,
wurde zernarbt vom Geschmeiß des Zeitgeists.
Brodem schwarzer Bitternisse
Sehr fern und leise tönen Kristallen gleich
Gesänge, wie von Kelchen ein Widerhall,
die festtagsfreudig überschäumten:
Tropfen entflammten den Schnee der Höhen.
Du hörst sie, Dichter, noch in den Nächten, wenn
sich schlaflos wälzt die Seele und bangend fragt,
wohin entschwand, was Schönes liebte,
Schwan ward und Leda mit Traum umflockte,
aus Quellen tauchte, schuppiger Nymphe Glanz,
entführte tief in Grotten Horaz hinab,
doch triefend stieg empor er wieder,
bergend die Muschel, der Verse Perlmutt.
Entfloh auch Daphne schauernd vorm Gott des Lichts,
war Kuß der Strahl, der goldene, schon dem Schoß,
zum Lorbeer wurde sie verwandelt,
daß als Bekränzter Apollon singe.
Uns scheint verhängt, ein Grabtuch der Nacht, das Vlies,
gewebt aus Fäden schäbigen Garns, gebläht
vom Brodem schwarzer Bitternisse:
Taub sind die Finger der Morgenröte.
Der Schlüssel bist du selber
Der Schlüssel bist du selber. Sobald dein Bild
im Blau von Augen zarter als Dunst verschwebt,
an deiner Seite Anmut schreitet,
hat sich schon leise die Tür geöffnet.
Die Knospe Mund, verschlossen, vom Mond gekränkt,
sie tut sich auf, haucht flüsternd dein Mund sie an.
Und wenn du ihren Duft einatmest,
nährt sich dein Geist am Gewölk des fremden.
Stehst aber du vor Hieroglyphen starr,
vorm kalten Funkeln nächtlicher Sterngewalt,
erahn, wie tauend niederperlten
Eisblumen: Heiß ging im Schlaf dein Atem.
Doch sei vor Gauklern, Worttürmern, auf der Hut,
sie stopfen wunde Herzen mit Phrasen voll,
als wär ein Passepartout, was glitzert:
einmal gedreht, schon entzweigebrochen.
Die begrünte Schwelle
Sieh, die verwaist, die Schwelle begrünt ein Moos.
Was aber Lippen seufzten, geküßt im Schlaf,
ist aufgeblüht noch in der Nacht dem
sinnenden Herzen, das wach geblieben.
Der Schatten wandert neben dem Einsamen.
Und taucht den Blick der Dürstende, sieht er sich,
ein trunknes Bild des weichen Wassers.
Milde befeuchtet den Mund der Erdgeist.
Schloß auch die Knospe traurig die Lider schon,
es schwebt ein Duft noch lange im Dämmer fort.
Dort mögen schweigend Arm in Arm
Liebende wandeln, gewiegt von Träumen.
Dich aber Dichter nähret ein Honiglicht
und des Erinnerns liebliches Schattenspiel.
Gestillt vom Blut der Verse scheint
selbst noch zu lächeln des Dämons Fratze.
Wohin denn Dichter
Wohin denn Dichter, watest du nicht längst im Sumpf,
sind nicht Gespenster, Wahn, was dir Fäulnis wölkt?
Wie kannst du deine Furchen ziehen,
fällt, was du säst, was du hoffst, ins Dunkel?
Gedenkst du aber Abrams Geschick und willst
in Auen wandern, selig begrünt vom Licht,
klafft jäh ein Abgrund auf, kein Engel
reißt dich hinan und kein Flügelrauschen.
So mag ein Schilf dich bergen, wenn schon der Mond
steigt fahl empor, o schwebendes Totenmal.
Da ächzt das Röhricht unterm Kiele.
Klebt noch zum Fahrgeld ein Vers am Gaumen?
Blindenschrift
Die Knospen rufen, bis die Nacht sie schließt.
Aufs Blatt schreibt Licht und Dunkel Hieroglyphen.
Die Seelen, die in zarten Schalen schliefen,
du schlägst sie, weckst sie, Dichter, auf und liest.
Doch liest du nicht mit Augen, sondern blind,
wie Blindenfinger eingekerbte Zeichen
hellsichtig, dunkel fühlend überstreichen,
ob Boten sie des Unsichtbaren sind.
So zieht den Träumer hohen Mondes Gang
ins Fluten aufgeschäumter Meereswellen.
So wird das Schweigen Gottes zum Gesang
in Davids Psalmen, der Oase Quellen.
O mürbes Blatt, zernagt von Parasiten,
das dich verstummen macht, den Eremiten.
Finis Hesperiae
Gepanschten Wein hat Narren man kredenzt,
doch Fusel kann die Wahrheit nicht erwecken.
Als Frau hofiert man schamlos, was geschwänzt.
Ein Dildo soll, was unfruchtbar, verdecken.
Den weißen Schaum um Aphrodites Lenden
bepißt ein Neger, dem sie Freibier spenden.
Der Wohllaut frühen Sanges ist verhaßt,
die Chöre, die ins Morgenrot geschritten.
Die zarten Rosen Walthers sind verblaßt,
umsonst hat Trakls Herz die Nacht durchlitten.
Nun zucken Schatten in obszönen Gesten,
Wahnschrei entquillt von Lippen, längst verwesten.
Der Haß auf alles Edle ist uralt,
der Neid ein Erbteil dunkler Erddämonen,
wenn Lachen aus den hohen Sälen schallt,
wo leichten Lebens blonde Götter wohnen.
Das Gift ist in die Blutbahn schon gedrungen,
verdüstert selbst, die einst das Licht besungen.
Nun geh ich diesen Pfad allein
Das Schilf des Ufers seufzte weich,
als Arm in Arm wir sind gegangen,
vor uns die Wolke, lilienbleich
wie deine Lider, deine Wangen.
Wind hat noch scheuen Duft gebracht
von Rosen, die schon halb verschlossen,
aus Gärten, wo die Huldin Nacht
des süßen Schweigens Tau ergossen.
Dir hat, barg auch das Herz noch Glut,
ein kühler Hauch den Mund versiegelt.
Ich schwamm auf deines Schweigens Flut,
wo sich des Mondes Glanz gespiegelt.
Nun geh ich diesen Pfad allein.
Kein Duft, kein Stern ist, mir zu sagen,
wohin wie eines Grabes Stein
der Liebe Bildnis ich soll tragen.
Des Bewußtseins Fron
Nachts sickern Stimmen durch die Mauerfugen.
So klingen lebensfeuchte Zungen nicht.
Es sind die Ahnen, die das Dunkel trugen
und sich verzehrt nach sanfter Blicke Licht.
Nachts ächzen Dielen unbetretener Treppen.
So weckt kein mürbes Holz, was aufrecht geht.
Es sind Lemuren, die zur Tür sich schleppen,
wo ihres Grabes Schmach, dein Name, steht.
Und wenn du in der Sonne wandelst, heiter,
geht dir zur Seit, Obszönes mauschelnd, Hohn
auf Gottes Bildnis, Schatten, dein Begleiter.
O sinke wieder in den schwarzen Mohn,
daß dir den Kosmos löscht der Wahnbereiter,
für Stunden lockert des Bewußtseins Fron.
O Bruder Tod
Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Johann Wolfgang von Goethe
Die Drossel saß auf zart bemoostem Pfahl.
Die Schwester sang ihr Lied im Morgenrot.
Es wärmte sich das Herz am Liebesstrahl.
Die rote Lust des Bluts ahnt nichts vom Tod.
Die Drossel sang ihr Lied im Morgenrot.
Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Ein banges Pulsen schwang sich ein ins Lot,
als tropfe in den Adern Licht ins Blut.
Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.
Doch glimmt der stille Schnee im Abendrot,
seufzt unterm Eise hohen Lebens Flut.
Sanft komme, fleht das Herz, o Bruder Tod.
Dichters Meerfahrt
Wenn Trübnis auf der Seele Iris klebt,
wird auch kein Glanz in die Kajüte dringen.
Auf Schatten wogt das Wort, die Traum gewebt,
im Dunst des Hafens weiß es nicht zu singen.
Reib, Dichter, dir den Schlaf vom Seherauge,
daß es zur Sicht auf ferne Küsten tauge.
Schon schreit die Möwe, braust der Ozean,
die Insel schimmert, Gischt trinkt ihre Kreide,
der Azur aber, rein und diaphan,
umhüllt dein Lied wie blauer Sehnsucht Seide.
Bring heim die goldne Frucht in ihrem Bausche,
daß uns ihr Duft entrückt zu hellem Rausche.
Der Fäulnis Zwitterboten
In Erinnerung an Günter Eich
Das Herz ergraut, im Niemandsland geboren,
trieft bald der Mund von fadem Phrasenschleim.
Es ging der Ahnen lichtgezeugter Keim
als schwarze Blume auf, Gespött der Horen.
Was Wohlgeruch verströmen sollte, süßen,
daß Träume sich die edle Seele trinkt,
entartete, ein blühend Aas, das stinkt
nach kruder Verse ungewaschenen Füßen.
Um Anusrosen schwirrt Zeitgeist-Gelichter,
ekstatisch leckt es, die Todpollen koten,
und was es schlürft, sein Nektar ist Urin.
O schweigt vom Land der Denker und der Dichter.
Uns künden dreist der Fäulnis Zwitterboten,
sie glänze wie ein Vers von Hölderlin.
Das Fenster und der Turm
Dem Andenken an Friedrich Hölderlin
Das Fenster, wo er stand, dem Licht zu danken
und auf den lieblichen, den Neckarauen
den milden Glanz des Morgentaus zu schauen,
sieh, wie es fahle Schatten überranken.
Die sich zum blauen Äther aufgeschwungen,
zerkratzt von Schreien ward der Samt der Töne,
die er beschwor, daß sich der Geist versöhne,
verschluckt vom Dunst der Stern, den er besungen.
Wir hören schon das Turmgemäuer splittern,
als stießen einen Rammbock die Titanen,
sich Brachland, Wüsteneien zu erschließen.
Der barhaupt weilte unter den Gewittern,
ließ uns Enterbten nur ein dumpfes Ahnen,
wie Lichtgesänge jäh zum Orkus fließen.
Zarter Worte Schmerzensfalten
Ein welkes Blatt, das auf dem Wasser schwimmt,
und grüner Dämmer hat es schon verschlungen.
So wogt der Vers, der dunkle gibt und nimmt,
doch keiner weiß, ward er verschluckt, zersungen,
wird er versickern bald im Blütenlosen,
noch Feuchte bringen fernen Sommers Rosen.
Was durch das Uferschilf des Traumes glitt,
die stummen Schatten lassen sich nicht halten.
Ob kund sich tut, was einsam Liebe litt,
fühlt sich an zarter Worte Schmerzensfalten.
Die süß gelallten sind wie glatte Seide,
ihr Glanz tönt hell auf stummer Puppen Kleide.
Dort liegt die Muschel, weiß und keusch, im Sand.
Ob sie die Perle birgt, gleicht dem Versprechen,
das sich erfüllt nur, wenn verruchte Hand
es wagt, den Perlmuttschaum entzweizubrechen.
Wir aber wollen sanft ans Ohr sie heben,
zu lauschen, ob noch fern Sirenen leben.
Im Hungerwinter
Wie staubig war die Hand. Sie hat gewühlt
im trocknen Acker nach vergessenen Knollen.
Herbst war. Doch hat er Winter schon gefühlt,
als wär sein graues Herz im Schnee verschollen.
Und Winter kam. Es leckte wüst im Herd
die Hungerglut nach ferner Kindheit Brühen.
Und ächzten Scheite, hat er sich verzehrt
nach eines Mundes seufzendem Erglühen.
Doch hat er nur ein kaltes Glas behaucht,
das hoher Anmut Blumenantlitz schreinte.
Das Bild verschwamm, als wär es eingetaucht
in Wasser, die ein Quell im Dunkel weinte.
Der Herd erlosch. Ihm schien im Traum ein Wild
im Schnee zu scharren. Aus der Furche ragten
bloß Knochen. Unterm Huf sang orphisch mild,
was stumm die Geister trug, die es zernagten.
Vom Sinn dichterischen Sagens
Was dunkel wir erahnen, vag empfinden,
ist zarten Staubgefäßen, Pollen gleich.
Sie wehen hin. Doch haften sie an Fühlern weich,
wenn Falter sich ins Blumendunkel winden.
Wie sie den Keim zu ihren Schwestern tragen,
daß sie an fremder Schöne würden reich,
kann flügelnd dichterisches Wort uns sagen.
Wie Früchte, Dämmerlaubes späte Sonnen,
blieb, was wir heiß begehrten, ungepflückt.
Der Glanz von Tropfen, der uns früh entzückt,
im Abendschatten ist er hingeronnen.
Doch kann ein Dichter es uns wiedergeben.
Die Frucht ward ihm in Liedes Herbst entrückt,
von Reimen überglänzt das stille Leben.
Prüfe, wer aus Vollmacht spricht
Sieh, Finger aus dem Abgrund jäh gereckt,
sie zucken tierhaft, stummer Ängste Krallen.
Stumm, Dichter, bleibt auch deiner Schwermut Lallen,
der Sintflut Gischt, von Gottes Sturm geweckt.
Sieh auch, wie Gnade aus dem Abgrund reißt,
in Segensgesten löset sie die Krämpfe.
Daß dir den Schrei zu sanften Psalmen dämpfe,
der Wasser wandelte in Wein, der Geist.
Drum prüfe, wer dir in dein Dunkel spricht.
Verwirf des Hochmuts Girren, feiles Spotten,
das Diener hohler Götzen grinsen macht.
Das Schöpferwort erkennest du am Licht.
Laß es versengen Dämons trockne Motten –
ins Lied gehüllt führt es uns durch die Nacht.
Traumgerank
Verglühend wölkt uns Sommer Rauch.
Wie wir im Schattenlaub von Linden
uns leichter in den Abschied finden,
umweht ihn auch der Wehmut Hauch.
Was fern wie helles Rauschen quillt
aus schlummerloser Erde Schründen,
sind Stimmen, die ins Dunkel münden,
der Liebe Seufzen, ungestillt.
Den mürben Lippen ist kein Trank,
daß er zum Liede sie befeuchte.
Die Nacht taucht ihre fahle Leuchte
in unser schwankes Traumgerank.
Zum Schnee, zur Stille
Und bist du seitwärts einst auch abgezweigt,
den Pfad zu wandeln in die Mythenfülle,
allmählich stieg er auf zum Schnee, zur Stille,
wo Enzian in weißer Leere schweigt.
Den Proviant der Worte hast du aufgezehrt,
dem Strahl der Sonne ähnlich, die von Osten
uns anbefiehlt, den lichten Sinn zu kosten,
bevor der Seele Tag ins Dunkel kehrt.
So leg dich in den Schnee, der Träume Gischt,
den kühlen Trost der Schwermutkranken,
bis an der Wimper zittert trüber Tau.
Schon hat die Träne dir das Bild verwischt.
Und was geblüht an grüner Verse Ranken,
versinkt in einem orphisch tiefen Blau.
Ihr heiter-ernsten Töne
Dem Andenken an Eduard Mörike
Ihr heiter-ernsten Töne,
o Äolsharfenklang,
der Windsbraut Traumgesang,
von Schwermut sanfte Schöne.
Mag auch die Sonne sinken,
Mond schwebt im Veilchenblau,
läßt uns die Schöne Lau
aus ihrer Quelle trinken.
Und schneidet Tages Schrillen,
lockt uns dein Lied alsbald
in seinen Dämmerwald,
den wunden Sinn zu stillen.
Ihr heiter-ernsten Töne,
daß eure Zaubermacht
des Abgrunds stumme Nacht
mit Sterngesängen kröne.
Liebe schlägt die Augen auf
Wie taumelt hin der Geist, gleich Faltern müd,
die sich aus blauen Veilchen Schlaf gesogen,
und ist beflügelt doch ins Licht geflogen,
zu kehren mit dem Honig heim, dem Lied.
So flackern Kerzen, die Liebe angefacht,
daß Augen feucht sich eins im andern spiegeln,
bis sie erlöschen unterm Hauch von Flügeln,
wenn düster schwirrt der Schwermut Bote Nacht.
In Mnemosynes Garten sind noch Waben,
aus denen dunklen Lichtes Honig quillt
von den Violen, die im Mond geblüht.
Mag sich der müde Geist daran erlaben,
auf daß er Wachs in hohe Leuchter füllt,
und Liebe schlägt die Augen auf und sieht.
Kann uns noch eine Schwalbe retten?
Dort kühlt die Stirne Tau, Moos dämpft die Schritte,
und unsre Augen wäscht ein hohes Licht.
Es ist, als ob ein Angstgespinst uns glitte
in milden Abends Hauch vom Angesicht.
Wie Blumen still sind sacht gepflückte Worte,
die, Musen, ihr auf Dichters Schwelle ließt.
Nun aber tönt schon wie aus fernem Horte
ein Wasser, das um weiße Säulen fließt.
Kann, Liebe, uns noch eine Schwalbe retten,
wenn jäh ihr Schrei in Südlands Gärten reißt,
die Schwermut sich aufs Vlies von Veilchen betten?
Stillt goldene Wolke noch den kranken Geist?
Ach nein, uns hält Gemäuer hier gefangen,
wo einst genistet hat, was längst entflog.
Umsonst, daß wir nach süßen Schimmern langen,
wenn sich des Lebens Zweig herniederbog.
Dies ist die Zeit der Genien nicht mehr
Sieh Schatten durch verdorrte Schilfe streifen.
Schmal ist der Steg des Abends, und er schwankt.
Wie wird der Geist von Dorngestrüpp umrankt,
wo ihm der Schwermut bittre Beeren reifen.
Erloschen scheint, was Gaias Reich entquollen.
Die helle Stimme, die das Grün benetzt,
hat wie ein graues Herz jäh ausgesetzt.
Des Orpheus goldne Laute ist verschollen.
Dies ist die Zeit der Genien nicht mehr,
die, Dichter, dich in Gärten früh entrückten,
wo dir im Dämmerlaube Trauben glommen.
Die Waben sind vom lichten Honig leer,
die Wassergeister, die dein Herz verzückten,
sind durch Kloaken heim ins Nichts geschwommen.
O Tropfen Wollust
Wenn drückend ist die Luft, der Geist ermattet,
und zwischen Wolken stürzt der Schwalbe Schrei,
wie sehnen wir des Abends Hauch herbei,
im Gras den Schlummer, Träume, laubumschattet.
Wir wähnen im Geflimmer Anmut schreiten
und wie auf ihrer zarten Schulter schwebt
der Krug mit kühlem Most, der neu belebt,
doch muß das Traumbild jäh vorübergleiten.
Da stößt das Fenster auf des Windes Faust,
und atemholend lauschen wir dem Singen,
wenn sanfter Regen hin durchs Blattwerk braust.
Als würden, Äthers blauer Flut entsprungen,
die Engel ihre weiße Wäsche wringen.
O Tropfen Wollust auf verdorrten Zungen.
Die Wandlungen des Waldgotts
Die Hörner, die einst Pan, den Gott, geziert,
sie fielen plötzlich ab, wie mürbe Dornen
vom Rosenstrauch, den Feuchte nicht mehr nährt.
Die Hufe, die geknickt so mancher Blume
den sehnsuchtsvoll ins Licht gereckten Arm,
sind hingeschmolzen wie ein Rest von Schnee,
wenn Sommers Lippen Gassenhauer pfeifen:
Umschmeichelt hat die Fersen ihm das Gras.
Ihm tauchte leuchtend auf aus stillem Teich,
wo einst nach Nixen er gespäht, geschwänzten,
sein lächelndes Gesicht, voll Ebenmaß
die Züge, an der Schläfe keck die Locke,
die roten Schimmer auf die Stirne warf.
Weg war, der wild gewippt, der Ziegenbart.
„Nun“, sprach snobistisch näselnden Akzents
der Ex-Gott ohne Huf und Tiergehörn,
wo ihm sonst Fühlung mit der Erde ward,
von ihren heißen Adern süßes Glucksen
und das er gern gewühlt ins Dämmerlaub,
„nun ist es aus mit dem Nomadenleben,
ich will mich in den Chiton hüllen, des Mantels
Faltenflut mit goldenen Fibeln stauen,
Sandalen, die nicht quietschen, tragen.
Die Flöte tausch ich, um gelehrt zu tun,
ein gegen die mit Wachs getünchte Tafel.
Wer mag denn noch das Tongekringel sehen,
das ihr entströmt aufs Lämmerfell, ins Moos.
Nun will Student ich werden in der Stadt,
mit Phaidros still im Schatten der Platane
dem sanften Murmeln des Illisos lauschen
und jenes weisen Mannes Honigmund,
aus dem die goldenen Worte süßer triefen
als aus den Waben meiner Waldesbienen.
Wie wir den Tiergeist glücklich überwinden,
dies künden sie, wenn Eros, ungestillt
im Fleisch, steigt hoch und höher, stufenweise,
bis er in reinen Äthers Blau entschwebt.“
*
O armer Pan, wie hast du Sokrates
das Wort vom Mund gepflückt, die Blume,
die nur im Paradies des Idealen
blüht, das allein die schmale Pforte öffnet
dem Pilger, der vom Schuh müd abgestreift
die stummen Krumen dieser harten Erde.
Wie bist du aufgeschreckt jäh in der Nacht
und fühltest an der Stirn ein zartes Jucken
von Beulen links und rechts, als würden dir
aufs neu die tierischen, die Hörner sprießen.
O wie verlangte es dich nach der Flöte,
um dunklem Weh zu winden hellen Klang.
Der Vampir Liebe
Als Engel kehrt um Mitternacht zurück,
wenn einsam liegt die Seele, mondumschattet,
was an der Vene sog, bis sie ermattet,
der Vampir Liebe, der geschlürft ihr Glück.
Und wenn sein Flügel weiche Flocken weht,
ist ihr, als müsse sie im Schnee ersticken,
als würden kristalline Uhren ticken,
die langsam schmelzen, bis der Zeiger steht.
Sie träumt, es nahe sich ein Mund dem ihren,
als wolle er sie küssen oder säugen
mit süßen Giften und mit bitterm Tau.
Des Menschen Seele gleicht den scheuen Tieren,
die sterbend noch aus dunklen Höhlen äugen,
ob das verheißene kommt, das schöne Blau.
Epiphanie der Nacht
Sie kommt die Brücke, die ins Dunkel führt,
und über einen Abgrund nur aus Dunkel.
Auf deines Schlafes Schwelle harrt sie lang,
Opal das Aug, ihr Blick ist Wahngefunkel.
Was auf der Nymphe Kopf so lieblich wippt,
Gefieder ist es, blau, weiß, purpurfarben.
Der Wundervogel, dem sie es entriß,
singt fern im Paradies, wo Schatten darben.
Sie lechzen nach dem magischen Gesang,
wie nach dem Becher Schwermutkranke.
Nun übertritt ihr Fuß die Schwelle sacht,
daß nicht der bunte Schmuck des Haares schwanke.
Ihr Lächeln schimmert gleich der Maske starr
im Spiel des Noh. Wie aus der Pythia Munde
tönt es. So tönen Muscheln sehnsuchtsdumpf,
die Flut geschwemmt in wild durchbrauste Sunde.
Als hätte sie sich über dich gebeugt,
ist dir schon bang, daß Geisterlippen küssen.
Es ging ein Hauch nur, der dich aufgeweckt.
Ein blasser Flaum liegt auf zerwühltem Kissen.
Der Schwermut leise Winke
Fühl dich vom Maul des Markts nicht angesprochen,
mit jeder Antwort machst du dich gemein.
Was man dir einschenkt, ist kein reiner Wein,
bloß Schaum, in den der Zeitgeist sich erbrochen.
Zum Urinoir ward nun das Marmorbecken,
wo einst die Muse ihre Haare wrang,
zum Surren heißer Kabel Chorgesang,
woran betäubte Sklavenzungen lecken.
Auf schroffe Gipfel, frostzerfurchte, klimme,
wo keiner Hoffart Lärm dich mehr erreicht.
Dort tauch den Schmerz ins Blau des Enzians.
Auf Wogen von kristallenen Träumen schwimme,
bis über dir der Venus Glanz erbleicht
und du entschläfst im warmen Schnee des Schwans.
Kleine philosophische Zwischenfragen
„Die Welt ist im Kopf!“
„Und wo,
Herr Berkeley,
Herr Kant,
Herr Fichte,
Herr Schopenhauer
ist dann der Kopf?“
*
„Alles ist nur ein Gehirnphänomen!“
„Was für eine Art Phänomen ist aber dann das Gehirn?“
*
„Alle Wahrnehmung ist subjektiv!“
„Wie stellst du dann fest, daß dich deine Wahrnehmung getäuscht, gefoppt, hinters Licht geführt hat?“
*
„Zeus konnte sich in Blitz und Donner verkörpern, Apollon in der Sonne, Selene im Mond.“
„Sind die Bilder der Götter also eine Art Kippbilder, wie das Bild vom Hasen, das, wenn man länger hinschaut, plötzlich als Bild einer Ente erscheint – oder umgekehrt?“
*
Die Bibel: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.“
Feuerbach, Marx, Freud: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bild.“
„Wenn Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf, ist es dann nicht natürlich und sinngemäß, ja logisch, daß der Mensch Gott nach seinem Bilde schuf?“
*
„Ich kann nur selber wissen, was ich mit den Worten, die ich sage, meine!“
„Hast du dir das Wissen um die Tatsache, daß das Wort Wasser dasselbe bedeutet wie die chemische Formel H2O aus den Fingern gesogen oder nicht doch von anderen erfahren?“
*
„Man kann die Werke von Franz Kafka nur auf dem Hintergrund seiner jüdischen Herkunft, seiner Konflikte mit dem Vater oder seiner neurotischen Angst vor Frauen verstehen!“
Müßten sich daran gemessen, Herr Safranski, Werke wie das Gilgamesch-Epos, die Ilias des Homer oder das Buch des Jesaja, von deren Autoren wir keine oder nur sehr spärliche biographische Nachrichten haben, unserem Verständnis nicht ganz oder weitgehend entziehen?“
Süßen Dufts ist Erdenglück
Alles ruht, gleich einer Nature morte,
wo blaue Trauben in der Silberschale
seltsam schimmern wie im fahlen Strahle
die Augen Ganymeds in Lunas Hort.
Wie konnte malen stiller Anmut Bild,
wo liebend Schatten sich um Früchte ranken
und an der Blume Lippen Falter schwanken,
in dem geschrien das Blut, der Abgrund wild?
Es war der Maler, dem den dunklen Blick
ein Engel hieß ins Dämmerlicht zu tunken,
und war vom bittern Wermut er auch trunken,
zu fühlen, süßen Dufts ist Erdenglück.
Sie aber kehrten nicht ein
Denn so kehren die Himmlischen ein, tiefschütternd gelangt so
Aus den Schatten herab unter die Menschen ihr Tag.
*
Wozu Dichter in dürftiger Zeit?
*
Weh mir, wenn …
*
Die Mauern stehn sprachlos und kalt.
Im Winde klirren die Fahnen.
Friedrich Hölderlin
Sie aber kehrten nicht ein.
Kein Blitz durchbrach die Wolkenmauer Düsternis.
Kein Flügelschlag des himmlischen Boten
zerteilte, daß sie töne, die Dämmerung.
Im Kelche des Lichts
schwamm im Tau
die tote Mücke.
Künstlich wird nun die Erde
beatmet.
Doch ihr Keuchen klingt
im Ohr der Freunde,
die am Sterbebett
mit traurig-schönen Veilchen knien,
beinahe schon obszön.
Das Mark des Dichterworts
ward ausgekratzt
vom schartigen Messer
tonloser Phrasen.
Selene taumelt,
ein stumpfer Klotz,
verätzt vom Geifer
blecherner Titanen,
durch die Gottesleere,
ein Schmutzfleck
auf dem fadenscheinigen
Trauerkleid der Nacht.
Die Tische wurden abgeräumt,
ins Meer geflossen ist
das Schneegesims der Höhen,
und was noch schüchtern blaut,
ist ins Erinnerungsalbum
eingepreßter Enzian.
Der Glanz des Marmors,
das lichte Vlies der Götterbilder,
um trunkene Lenden strömend,
trübte Lymphe
ausgeträumter Augen.
Die Frucht, die wie der Sonne Gold
im weichen Duft des Morgens glomm,
ward fahler als der Mond,
wenn er ins Schwermutsdickicht sinkt.
Sie blaßte, als Vernunft,
ein schwarzer Wurm,
ihr alle Süße ausgesogen.
Schimmlig wurde das Brot,
unverdaulich die Liebe.
Verwässert hat den Wein
für ausgelallte Zungen
fader zwitterhafter Zeitgeschmack.
Wir harren, verschont
vom Strahle des Vaters,
bis in die Fingerspitzen taub,
den feuchten Samt der Abende zu fühlen,
in Waben dürstender Luft,
flügellose Drohnen,
im Zwielicht dämmernd,
des Sturms.
Das Wehen in den Angstgespinsten
kündigt ihn schon an.
Der entrückte Vates
Dem Andenken an Friedrich Hölderlin
Der Kelch, dem Evoe die Flamme sang
und den du in die Dämmerung gehoben,
war wie die Seele, die empor sich schwang,
zu fühlen Äthers blauen Hauch von droben.
Ward von dem hohen Traumbild ihr auch bang,
sie ist erwacht, Dionysos zu loben.
Ja, Wohllaut ist der stummen Qual geweht,
die Angst ward offner Knospe Dankgebet.
Du aber, Dichter, der die Glut genährt
mit Tropfen Bluts und goldnen Sanges Samen,
bist jäh entschwunden. Schwermut hat gegärt,
in Waben dich zu bergen fremder Namen.
Doch hat die Einsamkeit dir noch verklärt
ein Zittern in entrückter Himmel Hamen.
Ja, deine Flamme schmilzt wie Purpurwein,
was uns zur Erde beugt, das Herz, den Stein.
Es ist vorbei
O Schattenbild, es ist vorbei.
*
Könnt ich’s noch einmal vor die Seele rufen!
Friedrich Hölderlin, Der Tod des Empedokles
Es ist vorbei. Erinnerung, ein Glanz,
der matt sich nur in Tränen spiegelt.
Und kam aus einem Himmel, einem Wort,
von blauen Äthers Hauch beflügelt.
Als wär der dunkle Brunnen, der Gesang,
vertrocknet unter scharfen Strahlen,
und die genährt einst hat des Gottes Huld,
des Mundes Blumen mußten fahlen.
Wo Rose übersonnt den Lilienschnee,
zerschlagen hat die edle Vase
die Niedertracht, der Mißgunst dumpfer Knecht,
enthemmt vom Chloroform der Phrase.
Es ist vorbei. Der Völker Herz, es schlägt
nicht mehr, ward Hertha aus der Brust gerissen
von Klauen, scharf gewetzt am Totenmal,
von dunklen Meuten totgebissen.
Sprach uns wie eine Laute, die nachtönt,
läßt müde Hand sie los, daß wiederkehre
die Seele noch, der Abendwind?
Ein Schluchzen war’s, Gewürg der Leere.
Siehe:
Der Tod des Empedokles, Regie Danièle Huillet, Jean-Marie Straub (1987):
https://www.youtube.com/watch?v=2LIBvXmX4ww
Abschied, dämmerweiche Welle
Sanft von Seufzern aufgezehrter Hauch.
Abschied, dämmerweiche Welle,
weißen Schaum von Blüten hebend noch
auf der Liebe hohe Schwelle.
Abendrot, ein edler Purpursaum
um ein ländlich blaues Linnen.
Blumen, Sehnsucht nach des Mondes Tau.
Glanz will noch zur Erde rinnen.
Einsam bist, o Freund, du nun nicht mehr,
Stimmen sind ja, die dich meinen,
silbern wie in Grotten wachen Schlafs
fallen Tropfen, Wasser weinen.
Und sie rufen zärtlich, kehre heim,
wo wie Glas hell tönt die Grille,
aber ewig ihre Bläue wölbt
überm Spiel der Schatten Stille.
Die Wunderkiste
KUNST steht auf der Kiste, Versalien prangen.
Greif hinein, fühl, wie der Zeitgeist tickt.
Büsten Goethes, wüst durchbohrt von Stangen,
die Menora, siebenmal geknickt.
Regenbogenfarben Vibratoren,
kaum berührt, erwacht ein dumpfer Klang
wie von Schlegeln aufgeputschter Mohren,
trommeln sie den Weißen Untergang.
Eingelegt in Formaldehyd, erstarren
Tiere mumienhaft in Glasvitrinen,
Töten für die Kunst scheint woken Narren
fast so schön wie baden in Latrinen.
Eine Miniatur der Sphinx, die golden
ihren Arsch für Kitschvoyeure reckt.
Der sich Musen hingab, Wollust holden,
Fuchs hat sie im Wiener Wald entdeckt.
Doch zuunterst liegt ein Ding, ein schweres,
einst bestimmt zum Ablauf von Urin,
dann als Meisterwerk gekürt, ein hehres
Vorbild für den postmodernen Spleen.
Hör, weshalb sie hier im Dunkeln dämmern,
Mißgestalten, die kein Licht mehr preist:
Sie erwarten Schlag auf Schlag von Hämmern,
kühl vollführt von einem freien Geist.
Zur Veranschaulichung:
https://www.alamy.de/fotos-bilder/damien-hirst-schaf-formaldehyd.html?sortBy=relevant
https://www.arsmundi.de/ernst-fuchs-skulptur-die-sphinx-mit-dem-goldhelm-die-miniatur-bronze-teilvergoldet-916503/
https://de.wikipedia.org/wiki/Fountain_(Duchamp)#/media/Datei:Duchamp_Fountaine.jpg
Auf der Flucht
Gut, daß du früh ins Abseits bist entflohen,
wo sanftes Gras im Abendwind erzittert,
da nun im Haus der Väter Flammen lohen
und das Gebälk der Träume jäh zersplittert.
Zu Totholz, um das Parasiten zanken,
ward, was du lasest, was du einst geschrieben.
Sieh, wie an Dämons Drähten Schädel schwanken,
die von der Musen schönen Leibern blieben.
Grab, Dichter, dir in Gaias Tiefe Stollen,
wie Tiere, scheue, die auf Stille sinnen.
Lausch nicht den Seufzern, bang emporgequollen,
laß ungerührt der Klage Quell verrinnen.
Auch ein Teppich des Lebens
Eingewebt sind Blüten,
Purpur wilder Reben,
blassend oder glühend,
in das stille Leben.
An zerborstenen Mauern:
weichen Wehens Ranken.
Blumen, die verdämmernd
auf Gewässern schwanken.
Schwäne aber tunken
Schlafes Flaum ins Wasser.
Mond, ins Laub der Träume
sinkt er blaß und blasser.
Hirten, hingelagert
auf den Bausch der Moose,
singen, wie gerettet
ward der Schönheit Rose.
In der Ferne ragen
blauer Nacht Zypressen.
Gold von hohen Sommern
bleibet unvergessen.
Sterne sind wie Tränen,
die zur Erde quillen,
um der Schwermut Becher
noch mit Glanz zu füllen.
Säumt auch Nacht den Teppich,
Schneelicht floß von droben.
Schnee auf Orchideen,
Vlies, aus Licht gewoben.
Daß kein dumpfer Zeitgeist
das Gewirk zertrete,
sein Gedächtnis schimmre,
darum Dichter bete.
Aura und Wind
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
„Petra glaubt, daß Peter sie betrogen hat.“
„Die alten Griechen meinten, der Mond sei eine Verkörperung der Göttin Selene.“
„Wir wissen, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“
„Christen glauben, daß sich der transzendente Sinn der Welt durch das Wunder der Inkarnation in ihr offenbart hat.“
Der Gedanke ist die Darstellung eines möglichen oder wirklichen Sinnzusammenhangs.
Gedanken sind komplex; ein Name wie „Petra“ enthält noch keinen Sinnzusammenhang, auch kein Prädikat wie „eifersüchtig“; ihre Zusammensetzung schon. Aber der eigentliche Gedanke besteht erst in der Setzung des Sinnzusammenhangs.
Um den Gedanken auszudrücken, verwenden wir einen epistemischen Ausdruck wie glauben, meinen, wissen und kleiden den Inhalt des epistemischen Ausdrucks in die abhängige Rede (glauben, meinen, wissen, daß p, wobei p einen möglichen oder wirklichen Sinnzusammenhang darstellt).
Zu glauben, daß p und nicht-p, heißt einen Pseudo-Gedanken zum Ausdruck bringen; denn es ist widersinnig zu meinen, daß es viele Erdplaneten gebe, aber der Mond der einzige sei.
Wenn Petra glaubt, daß Peter sie betrogen habe, Peter aber in Wahrheit der Freund einer anderen Frau ist, stellt der Inhalt ihres Glaubens nur scheinbar einen sinnvoll möglichen Sachverhalt dar; in Wahrheit ist er inkonsistent und daher ein Schein-Glaube.
Die wahre oder auch wahrheitswidrige Annahme Petras, ihr Freund Peter habe sie betrogen, ist nur sinnvoll in einer Welt, in der es Treue und Untreue als moralische Sachverhalte oder sinnvolle Lebenszusammenhänge gibt.
Wir können uns durchaus Lebenswelten vorstellen, in denen Treue und Untreue keine moralischen Sachverhalte darstellen; in diesen Welten gäbe es schlicht keinen Begriff für das, was wir Treue und Untreue nennen.
In einer Welt, in der Untreue nicht möglich wäre, gäbe es auch keine Treue.
In einer Welt, in der ein Paar aufgrund hormoneller Wirkmechanismen ein Leben lang aneinander gebunden wäre (vergleichbar der hormonellen Bindung der Drohnen untereinander und an die Bienenkönigin), wäre die Untreue eines Partners kein tadelnswertes moralisches Fehlverhalten, sondern das Symptom einer Erkrankung oder neuronalen Dysfunktionalität.
Der Dieb, dem man die böse Tathand abhackt, kann nicht mehr stehlen, aber auch nicht unter Beweis stellen, daß er nach Abbüßung seiner Strafe ein rechtschaffenes Leben zu führen willens ist.
Wenn Petra glaubt, Peter betrüge sie, obwohl sie überhaupt nicht mit ihm liiert ist, können wir auf wahnhaftes Denken schließen. – Der Glaube des Wahns ist demnach keineswegs ohne Sinn, aber schlicht irreal. Denn wäre Petra wirklich mit Peter liiert, wäre ihr Glaube, er sei ihr untreu, sowohl sinnvoll als auch nicht widervernünftig.
So gelangen wir von der irrealen Sinnhaftigkeit des Wahns zu einem angemessenen Begriff einer Vernunft, die sich sowohl auf sinnhafte Strukturen und Relationen als auch auf Realitäten bezieht oder beziehen kann.
Eine Welt, in der natürliche Phänomene wie die kosmischen Vorgänge, die Jahreszeiten, Zeugung, Geburt und Tod, der Flug der Vögel und das dichterische Wort offen für übernatürliche Ereignisse sind, nennen wir die mythische Welt.
In der mythischen Welt ist jedes natürliche Etwas mit einer Aura umgeben, die auf einen göttlichen Sinnbezug verweist. In der Quelle singt eine Nymphe, im Blitz spricht der Wille des Zeus, in der anmutsvollen tänzerischen Geste bezeugt sich die Nähe der Muse Erato, den Kuß der Liebe besiegelt die Liebesgöttin Aphrodite.
Die ihrer göttlichen Aura entkleideten Dinge sind gleichsam nackt, eindimensional, stumm. In der nichtmythischen Welt erscheint es widersinnig anzunehmen, die Mondgöttin Selene könne sich auf die Erde zum Hirten Ganymed begeben und ihn mit einem Kuß in einen somnambulen Zustand versetzen, in dem er mit ihr Kinder zeugt.
Daß mythisch erregte Völker die Abkunft ihrer Könige von der Gottheit Sonne herschrieben, ein Gedanke, der noch im erhabenen Symbolismus des barocken Herrscherkults nachklingt, erscheint uns ernüchterten Bewohnern der nichtmythischen Welt absurd, wahnhaft, zumindest unverständlich.
Das Messer der Guillotine hat nicht nur das Haupt des französischen Königs vom Leib getrennt, sondern gleichsam auch die in einem anderen Weltzustand gebildeten Nervenfasern des mythischen Denkens zerschnitten.
Der Mythos erzählt, Zeus habe sich in einen Schwan verwandelt und mit Leda neben anderen Kindern Helena gezeugt, die sich als fatale Ursache des trojanischen Krieges entpuppte. – Wir wissen um die realen Bedingungen sexueller Fortpflanzung, die nur zwischen einem männlichen und einem weiblichen Exemplar derselben Spezies möglich ist; und ebenso um die realen Ursachen von Kriegen wie den Kampf um knappe Ressourcen, die imperialen Ambitionen von großen Mächten oder die Suche nach Vergeltung für erlittene kollektive Kränkung.
Mit dem Glauben an die Inkarnation ist der Kern der christlichen Lehre berührt, einer Lehre, die nicht die mythische Welt, sondern die monotheistische des Judentums zur Voraussetzung hat. Nur einem allmächtigen Gott ist es möglich, das die Vernunft übersteigende Wunder zu vollbringen, sich in einem menschlichen Wesen zu inkarnieren, das heißt, seinen Körper nicht bloß als Maske und äußerliche Verpuppung zu benutzen, doch dabei den Existenzkern des Wesens vom physischen Schmerz bis zum Tod allerhöchstens zu imitieren, zu simulieren.
Nur in der christlichen Lehre finden wir Sinnzusammenhänge, die von Widersprüchen und Inkonsistenzen wie der Gegenwart des Ewigen im Zeitlichen oder der Anwesenheit des Unendlichen im Endlichen (Wunder der Eucharistie) nicht aufgezehrt werden.
Die zur Hure der Wissenschaft entartete Vernunft muß freilich Wunder wie die Offenbarung Gottes vor Abraham im brennenden Dornbusch oder die zeichenhaften Wunder Christi, vom Wunder der Inkarnation und der Auferstehung oder vom Pfingstwunder zu schweigen, als irrationale Träumereien einer unaufgeklärten Menschheit denunzieren. Die sich der Wissenschaft als ideologisches Sprachrohr verdingende Vernunft ist nicht nur antimythisch, sondern antijüdisch und antichristlich sui generis.
Als der mythische Sternengesang verstummte und die Quellen des Helikon versiegten, blieben dem Dichter die Hymnen an die Nacht.
Die Chöre der Engel waren lange verklungen, als Rilke seine Duineser Elegien schrieb.
Unter dem geisterfüllten Himmel eines Claude Lorrain treten die biblischen Gestalten in den Schatten antiker Pastoralen.
Ergreifend ist die Stimme des gequälten Verlaine, die bald lieblich mit dem Schaum auf Rokokodelphinen knistert, bald im Blut des Aufruhrs verröchelt.
Für die mürrische Haut des Aufgeklärten ist die mythische Aura nur ein lästiger Luftzug.
Jede antike Säulengattung hat ihre eigene Aura, ihre eigene seelische Atmosphäre. – Durch die betonierten Bauhaus-Kolonnaden bläst nur der Wind.
Vor dem verfallenen Grab des Vergil überkommt uns der Gedanke, daß wir selbst lange schon geistig tot sind.
Erst ist es die tönende Sonnenscheibe, dann die Sphärenharmonie, schließlich sind es, fern zwar, kaum mehr oder nur in Traumzuständen noch hörbar, die Chöre der Engel und am Ende die große stumme Leere jener unendlichen Räume.
Als wären wir Touristen des Daseins, auf den Borden schon eingestaubt der Nippes der Andenkenläden, und dann das gähnend immer wieder ausgedehnte Reden und Reden über jenen Strand, jene Bucht, jene Insel, an deren Namen man sich nicht mehr erinnert.
Geistig matt, seelisch abgestorben – aber sie quasseln noch immer begeistert von den jugendlichen Drogenvisionen, die ähnlich klischeehaft waren wie die Bilder der Reiseveranstalter, mit denen sie in nie gesehene Paradiese locken wollen.
Bei den bärtigen Pseudo-Propheten und ungut riechenden George-Nachfolgern in Gesundheitslatschen wirkt das gewollt Erhabene unfreiwillig lächerlich oder banal.
Schmalzige Jünglinge, die mit von Sirup und Wermut belegter Stimme ekstatisch oder bedeutungsheischend gedehnt rezitieren.
In der klaffenden Wunde, da, wo man gleichsam das Dritte Auge herausoperiert hat, eitert der Kitsch.
Claude Lorrain
Allem sprichst du freundlich zu: Umwinde,
was an Schatten dich umseufzt, umrankt,
mit meiner Blicke blütenhellem Zittern.
Wo auf lichten Wellen Sehnsucht schwankt,
bläht sich weißes Segel weich im Winde,
grünt Efeu schon an filigranen Gittern.
Die Tiere gehen leicht, wie Wolken gehen,
derselbe klare Dunst, der beide trägt,
läßt, was entschwindet, liebend auferstehen.
Die Ziegen, Schafe, Rinder wandeln frei,
kein Pferch beengt, kein Brandmal wird geprägt,
sie fesselt einzig Wohllaut der Schalmei.
Er aber ragt in bläulichem Gewande,
ein Gärtner wie für Edens Überfluß,
und vor ihm kniet die schönste der Marien –
jetzt salbt sie ihn mit ihres Blickes Kuß.
Die Scherstern stehen staunend noch am Rande,
leer ist das Grab, entrückt, die sterbend schrien.
Ascanius hat den Bogen straff gespannt,
doch lässest du das Purpurrot nicht rinnen,
der heilige Hirsch schaut ruhig nur, gebannt.
Du überwölbst den Abgrund mit dem Schein
von sanften Flammen. Heiteres Besinnen
schenkst du wie milde Sonnen dunkler Wein.
Die uns den Geist, das müde Herz zerstücken,
die rohen Bilder, trüber Sud des Wahns,
kann uns das Auge noch dein Dämmer feuchten,
die Ufer, zart gesäumt vom Schnee des Schwans?
Wird deine Pastorale je entzücken,
die stieren, wenn Kadaver faulig leuchten?
Siehe auch:
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/landschaft-mit-christus-der-maria-magdalena-erscheint
https://en.wikipedia.org/wiki/Landscape_with_Ascanius_Shooting_the_Stag_of_Sylvia#/media/File:Ascanius_Shooting_the_Stag_of_Sylvia_1682_Claude_Lorrain.jpg
https://www.meisterdrucke.com/kunstdrucke/Claude-Lorrain/267259/Pastorale-Landschaft,-1645.html
Unerfüllt
Ob es eine unerfüllte Sehnsucht ist, die einen Menschen wahnsinnig macht?
(Ich dachte an Schumann, aber auch an mich.)
Ludwig Wittgenstein
Auch wenn die Blume Wort sich aufgetan,
spät schien ihr Lächeln noch, das wehmutbleiche,
verströmte keinen Duft ihr Mund, der weiche,
wie blauen Hauch im Schnee der Enzian.
Und lauschtest du im Dunkel, ob ein Quell
im dürren Gras, im dürstenden, entspringe,
ein Vogel süß im Laub des Dämmers singe,
schlug dir nur jäh Pans Huf ans Trommelfell.
Dir blieben, Dichter, tauben Nervs Chimären,
ein Rauch, der aus der Sehnsucht Asche weht,
nur ausgelöschte Augen edler Sprossen.
Getrübtes Bildnis läßt sich nicht verklären.
Es ätzte ein Erinnerungssekret
das Inkarnat, vom Reimvlies einst umflossen.
Der getrübte Augenblick
Die im Frühlicht singen, orphisch stammeln,
ahnen nicht, daß aller Laut erlischt,
wenn die Nacht die Bitterkräuter mischt
in den Honig, den Tagwesen sammeln.
Glücklich, die, verschont vom Todesgrauen,
sich in stiller Bläue Nester bauen.
Alle Tage hat Kairos verdichtet,
alle Sommer bündeln sich zum Strahl,
und der Sehnsucht dunkles Muttermal
ist von feuchtem Tauglanz schon durchlichtet.
Uns zerläuft der Augenblick in Ringen,
die an schroffer Norne Stirn zerspringen.
Sorge nährt uns, eine düstre Amme,
Schwermut, reife Traube, purpurn, süß,
ungepflückter Traum vom Paradies,
bis das Mark verzehrt hat Dämons Flamme.
Wenn sich Sänge abendlich erheitern,
tragen stumm wir heim die Last von Scheitern.
Tier und Mensch
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
„Wo sind die Hände der Vögel?“, fragt das Kind.
*
Auch bei den Vögeln scheint es sublime Sänger und vulgäre Krächzer zu geben.
*
Der semantische Abgrund zwischen dem bedeutungsgebundenen Verlauten der menschlichen Stimme, ob auf Suaheli oder Englisch, ob heiser oder wie geölt, ob stotternd oder fließend, und dem bedeutungslosen, aber sinnvollen Vogelgezwitscher.
*
Der ontologische Abgrund zwischen dem gleichsam geraden, unbezweifelten, bis in den Tod bejahten Leben der Tiere und dem gleichsam schief in die Welt gestellten, leicht vom Zweifel angekränkelten, vom Wissen um die Kontingenz und den Tod angefochtenen des Menschen.
*
Die Maskenhaftigkeit des Tiergesichts und unsere seltsame Art, uns mittels physiognomischer Nachforschungen zu erinnern; ebenso halbbewußt immerfort mittels Lächeln, Zucken, Zwinkern, Naserümpfen, Zungenspitzen, Lippenkräuseln und tausend andere physiognomische Taschenspielertricks das Gemeinte oder gar das eigentlich Gemeinte herauszustreichen.
Der Wolf, der Hengst, der Affe mag im Rudel, der Herde, der Horde herabgestuft werden, aber er verliert nicht wie der entehrte Mensch sein Gesicht.
Nein, sie lächeln nicht, wenn sie sich freuen, weinen nicht beim Verlust des Liebsten.
Den Leichnam, den wir rituell bestatten, lassen sie verwesen.
*
Leuchtkäfer, wie vom Elan vital gleichsam immer neu angezündete und wieder ausgelöschte Blicke, die in die Nacht des Bedeutungslosen glimmen.
Kafkas Käfer oder der Mensch im Bewußtsein seiner Weltfremdheit ist über sich selbst entsetzt.
*
Die tierischen Organismen scheinen Inkarnationen und Metamorphosen einer universellen kosmischen Intelligenz, die vor allem in der Intensität und Differenziertheit der sinnlichen Wahrnehmung wahre Gipfel erreicht.
Ein Laut, ein Schatten, ein Flimmern genügt, um sie zu orientieren und ihr Verhalten sinnvoll zu konditionieren.
Die Taube weiß um die Zeit, da jener Schatten, von dessen Menschsein sie nichts ahnt, an der Gardine nestelt, und sie stürzt sich stracks hinab, um die erwarteten Körner, die er auf den Hof streut, aufzupicken.
Was wir am tierischen Verhalten zu verstehen meinen, so wie wir artikulierte Laute als Mitteilungen verstehen, sind Projektionen unserer Erwartungen, erfüllter und enttäuschter Wünsche, Traumbildern nicht unähnlich.
*
Der Dackel, der auf den Ruf „Resi“ aufgeregt wedelt oder zu dem Rufer eilt, weiß nicht, daß er „Resi“ heißt. – Er kann sich nicht sagen „Resi war lieb, deshalb bekommt sie von Herrchen ein Leckerli“, so wie das Kind auffordernd sagt: „Peter lieb, Peter Schokoeis!“
*
Wir leihen dem Engel Flügel, dem Leviathan die Gestalt des Wals, dem Satyr eine Mischgestalt aus Mensch und Ziegenbock. – Hier sehen wir den urtümlichen Symbolismus des menschlichen Geistes am Werk, der zur Steigerung seiner Ausdruckskraft neben den Elementen und den Blumen, Bäumen, Früchten immer wieder auf Gestalt und Lebensform der Tiere zurückgreift.
Jesaia läßt sechsfach geflügelte Engelswesen vor dem Thron des Herrn ihr Hosianna ausrufen.
Die Tiergötter der Ägypter oder Inder sind keine Zeugnisse einer niederen Kulturstufe, sondern sublime Bilder des Unbewußten.
Baudelaire halluziniert im tierhaften Aas die Häßlichkeit des im Unkeuschen verwesenden Fleisches.
*
Die Illusion, der Grad der genetischen Übereinstimmung gewährleiste eine hermeneutisch leicht aufschließbare seelische Verwandtschaft, ist nicht minder trügerisch wie der Glaube, Affen könnten die menschliche Schrift erlernen, weil sie auf Sprachzeichen zu tasten konditioniert werden.
*
Das Punctum saliens oder der ontologische Sprung ermißt sich aus der Differenz des Terminus „Erzeuger“ und des Namens „Vater“.
„Vater“ ist der Inbegriff des von kulturellen Institutionen und Sitten überformten Geschlechtslebens, mit all seinen rechtlichen und metaphysischen Implikationen, vom Erbrecht bis zum Herrengebet.
Die Taube brütet mit dem Täuberich die befruchteten Eier aus, doch die flügge gewordenen Jungvögel kümmern sie nicht mehr.
Wie fern allem animalischen Sich-Schlängeln, Sich-Winden, Kriechen: Stabat mater oder die Mutter Jesu vor dem gekreuzigten Sohn.
*
Wozu Dichtung, wenn eine algorithmisch scharfgestellte Signalgebung genügte?
Wozu das Wohltemperierte Klavier, wenn animalisches Grunzen genügte?
Wozu die sublimen Lichtspiele im Garten eines Claude Monet, wenn der Purpur auf der Haut der Verführten genügte?
*
Tiere können in Not geraten, entarten und elend krepieren, aber nicht am Leben scheitern.
Tiere töten, um zu überleben, aber leben nicht, um zu töten.
*
Elite und Hierarchie sind soziologische Begriffe, nicht wie Dominanzstellung und Hackordnung ethologische.
Mensch und Humanität sind keine zoologischen Begriffe.
Mann und Frau sind biologische, Vater und Mutter kulturhistorische Begriffe.
Dummheit leugnet den biologischen Unterschied von Mann und Frau und die Bipolarität der Geschlechter; Bosheit den ontologischen und semantischen Rang von Vaterschaft und Mutterschaft oder den kulturellen Wert der auf Monogamie gegründeten Familie.
*
Wären Kulturen, wie Spengler meinte, seelisch in sich abgeschlossene Gestaltungsräume, wie mittels Übersetzung von der sogenannten faustischen in die sogenannte apollinische dringen?
Welcher Illusion oder Selbsttäuschung säßen wir auf, wenn wir die Äneis des Vergil im Original und a fortiori in einer deutschen Übersetzung lesen?
Ist die betrachtende Deutung des Torso von Apoll im Gedicht Rilkes nichts als eine Art geistiger Luftspiegelung?
*
Menschen können Absichten hegen und sie durch zweckgerichtetes Handeln verwirklichen. – Absichten sind keine geheimnisvollen Vorgänge im sogenannten Mentalen oder verborgene Hirnaktivitäten, sondern wahrnehmbare Ereignisse im sozialen Raum: Einer ruft dem Ober zu: „Bitte zahlen!“ Die Anwesenden erkennen, daß er die Absicht hat, die Tafel zu verlassen.
Die Taube auf dem Dach hat nicht die Absicht, die ausgestreuten Körner aufzulesen, sie ist darauf konditioniert, sich herabzustürzen, sobald sie ihrer ansichtig wird. – Könnte sie sprechen, würde sie nicht sagen: „Ich habe vor, die ausgestreuten Körner aufzupicken.“
Wir äußern Sätze in der Absicht, daß andere verstehen, was wir beabsichtigen oder damit sagen wollen. – Die Taube hat kein Gegenüber, dem sie etwaige Absichten zu erkennen geben will. – Der Kater, der zwecks einer späteren Verköstigung die erlegte Maus verbuddelt, tut dies nicht in der Absicht, der Katze, die ihn, wie er bemerkt hat, heimlich beobachtet, zu imponieren und zu zeigen, wie gewitzt er ist. Die Katze würde ja seine Absicht, ihr dies kundzutun, keinesfalls honorieren, sondern, sobald er sich aus dem Staub gemacht hat, die versteckte Beute ausgraben und selbst verzehren.
Die von uns kundgetanen sprachlichen Äußerungen stehen in einer internen Relation zu den jeweiligen Absichten ihrer Kundgabe.
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Für das Tier ist ein jeder Tag derselbe Tag. Dagegen treiben wir nicht, wie man so sagt, in einem anonymen Strom der Zeit, sondern gliedern das spezifisch humane Zeitbewußtsein unentwegt in wechselnden Horizonten von Erinnerungen und Erwartungen. Mag der angehäufte Hügel erfüllter und enttäuschter Erwartungen auch stetig wachsen, wir stehen nie am endgültig erreichten Gipfel: wir können nicht alle Phasen des Erlebten beispielsweise nach Altersstufen einordnen und rubrizieren, um ihnen ein für allemal einen unantastbaren Seins- und Erinnerungswert zuzuweisen.
*
Tiere messen sich keinen intrinsischen Wert zu. Wir aber bewegen uns in sozialen Räumen, in denen der zugesprochene oder abgesprochene Status, die Formen von Inklusion und Exklusion von wesentlicher Bedeutung sind. Das vom ranghöheren Männchen zurechtgewiesene Gruppenmitglied fühlt sich nicht gekränkt oder stigmatisiert, sondern fügt sich gleichsam schicksalsergeben in seine Lage. Wie anders der mit einem Stigma gekennzeichnete aus der Gruppe (der Familie, der Sippe, dem Verein, der Religionsgemeinschaft) ausgeschlossene Mensch.
Das Gefühl der Entwertung und Kränkung vermag ganze Nationen heimzusuchen und damit geschichtsmächtig zu werden; so ist das Datum des 30. Januar 1933 nicht zu begreifen ohne das kollektive Gefühl der Kränkung Deutschlands in Folge des Versailler Vertrags.
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Langweilt sich die Katze, die wie eine hellenistisch elegante Statue regungslos am Fenster hockt und mit leerem Blick den des albern auf sie einquasselnden Passanten konterkariert? – Was Pascal und Baudelaire Ennui nennen, ist ein menschliches Spezifikum, eine exotisch fahle Blume, die nur auf dem Humus der Conditio humana gedeiht.
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Die Maus mag panischen Schrecken verspüren, wenn sie des lautlos herangleitenden Schattens der Eule über ihr gewahr wird; aber keiner Maus und keinem anderen Tier würden wir jene Geisteskrankheit zusprechen, die der Psychiater Psychose mit dominantem Verfolgungswahn nennt.
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Tiere mögen wie der in einen Hühnerstall eingedrungene Fuchs in einen Blutrausch geraten; aber nur Menschen sprechen wir eine antisoziale Haltung zu, nur von Menschen sagen wir, daß sie Verbrechen begehen.
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Historische Kategorien wie Arbeit und Krieg, Macht und staatliche Herrschaft vertiefen auf prägnante Weise den ontologischen und semantischen Unterschied zwischen Tier und Mensch.
Die Vögel bauen ihr Nest; doch ihr Bau und „Eigenheim“ erfüllt nicht die Kriterien unseres Begriffs von Eigentum: Sie können es weder vermieten oder verkaufen noch vererben; der Nestbau durchläuft in der Generationenfolge keinen Wandel kunstgeschichtlicher Stilformen wie Gotik, Barock, Klassizismus oder Jugendstil.
Ein Volk von Termiten mag ein Volk von Ameisen überfallen und besiegen; doch wird der Sieger die Besiegten nicht versklaven.
Es kam noch von keinem Bienenstaat die Kunde, es habe sich in jenen Tagen ein Aufstand, vergleichbar dem Aufstand unter Spartacus oder der Französischen Revolution, ereignet, aufgrund dessen die Monarchie gestürzt und eine republikanische Ordnung ins Leben gerufen worden sei.
Bienenstaat ist eine ebenso verführerische und gleisnerische wie verfängliche Metapher wie Bienenkönigin oder Schwänzeltanz der Bienen. Noch keine Bienenkönigin wurde von den Häschern einer Rivalin vergiftet oder zur Abschreckung ihres bisher ihr ergebenen Volkes öffentlich hingerichtet. – Die Bienen tanzen nicht, sondern vollführen Bewegungsmuster zur Orientierung ihrer Schwestern; es handelt sich nicht um zweckfreie ästhetische Tanzformen, die sich je nach Zeitgeschmack grundlegend, etwa vom gezierten Menuett bis zum wilden Ausdruckstanz, ändern können.
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Wölfe, Katzen, Hunde mögen ihr Revier durch Absonderung von hormonhaltigen Stoffen im Urin markieren; aber diese Markierungen erfüllen nicht die Kriterien zweckvoll entwickelter Zeichen wie unsere Wegmarken und Schriftzeichen, die im Gegensatz zu den Marken animalischen Ursprungs immer auch einen semantischen Gehalt haben wie der Richtungspfeil oder der mit einem Pfeil versehene Schriftzug „Zur Waldkapelle“.
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Sich als Protuberanz zentralnervöser Aktivitäten oder als biologische Maschine zu verstehen ist das Symptom einer Geisterkrankheit, die heute den zweifelhaften Ruhm einer Pseudo-Wissenschaft einheimst.
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Gewiß haben Tiere Emotionen, Erwartungen und Befürchtungen, doch können wir diese keiner Instanz zuordnen, die unseren Maßstäben und Kriterien für das Dasein eines Selbstbewußtseins entspricht.
Wenn der Schizophrene davon spricht, seine Gedanken würden ihm von einer fremden Macht diktiert, wissen wir, daß sein Selbst gleichsam porös und löchrig geworden ist, während der Gesunde seine Gedanken nicht von sich ablöst, sondern in ihnen webt und lebt.
Der Biber mag nach seiner Rückkehr den Bau nach Spuren eines realen Eindringlings untersuchen; der Schizophrene untersucht seine elektrischen Geräte nach manipulativen Eingriffen eines imaginären Verfolgers. – Sein Verhalten ist nicht sinnlos, aber unvernünftig.
So gelangen wir auf dem Umweg über die Erklärung wahnhaften oder psychotischen Fühlens und Denkens zu einem erweiterten Begriff der Vernunft (zurück), der unser Verständnis der ontologischen und semantischen Unterschiede zwischen Tier und Mensch vertieft. – Erweitert dürfen wir ihn nennen, wenn wir nicht nur die rechnende Verstandestätigkeit, sondern auch das Selbstgefühl, die Phantasie sowie das Erinnerungs- und Sprachvermögen in ihn einschließen.
Man könnte versucht sein zu sagen, die Maus beziehe die ihr von der heranschwebenden Eule drohende Gefahr auf ihr Leben, kurz auf „sich“ oder der sich auf die Brust schlagende Gorilla drücke damit aus, er sei hier der Herr, habe hier das Sagen. Doch können wir die Fluchtbewegung der Maus und die herrische Geste des Affen auch ohne Bezugnahme auf eine Form des Selbstbewußtseins erklären und verstehen; dagegen nicht die schamvolle Reaktion des Passanten, der einem anderen versehentlich, ja ohne daß dieser es bemerkte, auf den Fuß getreten ist.
Selbstbezogene Reaktionsmuster wie Unsicherheit, Verlegenheit, Scham und Selbstzweifel angesichts eines realen oder auch nur eingebildeten Versagens treffen wir bei Tieren nicht an; der Affe mag bei der Aufgabe, zur Erlangung der Banane einen Stock oder mehrere aufeinander zu stapelnde Kisten zu Hilfe zu nehmen, versagen; aber er wird, sieht er sein Geschwister die Aufgabe spielend lösen, nicht in Verlegenheit geraten, sich vor Scham in den Winkel zurückziehen und an seiner Intelligenz und seinem Wert zweifeln.
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Wir sehen durch eine Scheibe, die in gewissen Zeitabständen die Farbe wechselt, Rot, Grün, Blau, auf eine Landschaft; schließlich erscheint die Scheibe farblos und transparent. Mit welchem Recht können wir sagen, jetzt sähen wir die Dinge da draußen, wie sie „wirklich“ sind?
Wir könnten damit folgendes meinen: Die Sicht durch die farbige Scheibe repräsentiert unsere Wahrnehmung, die infolge krankhafter Selbstbezogenheit wie bei starkem Selbstzweifel oder paranoider Angst verzerrt erscheint; während uns die gesunde oder gelassene Haltung eine gewisse Klarsicht verschafft.
Hat, was wir mit „ich“ meinen, einen bestimmten Ort, beispielsweise in diesem oder jenem Hirnareal? – Dies scheint genauso absurd wie anzunehmen, das Lächeln meines Gegenübers sei die Folge eines von außen nicht sichtbaren „Feuerns von Neuronen“ in seinem Gehirn, das seinerseits von meinem Lächeln stimuliert worden ist. Ich würde demnach angesichts der Tränen im Angesicht meines Gegenübers mit einem anderen und anderswo im Gehirn lokalisierten Feuern von Neuronen reagieren. Aber ich bin dabei derselbe wie jener, der das Lächeln mit einem Lächeln quittierte.
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Der alte Hund des Odysseus erkennt ihn nach seiner Rückkehr nach Ithaka ohne weiteres wieder, während selbst die Gemahlin Nausikaa seine Identität erst nach der Offenbarung seiner intimen Kenntnisse aus ihrem Eheleben erkennt und anerkennt. – Aber der Hund selbst, er ist gealtert, gebrechlich, und sterbend legt er sich zu seines Herren Füßen; doch könnten wir von ihm wie auch von keinem anderen Tier sagen, er habe sich auf der Grundlage langer Erfahrung und der Bewältigung mancher Krisen charakterlich stark verändert oder sei geistig und sittlich gereift.
Pfad ins Abendrot
So wandeln wir den Pfad ins Abendrot,
wo Moose unsre Schritte dämpfen.
Wie Nachtviolenduft scheint süß der Tod,
Ruh, tiefe Ruh nach all den Kämpfen.
Noch glühen Tropfen Lichts im Dämmerlaub,
und wenn sie fallen, seufzt die Erde.
Uns hat der Vers gewirbelt, goldner Staub,
Eratos liebliche Gebärde.
Und hüllt uns ein die Nacht in schwarzen Samt,
sei er bestickt mit Blüten, weißen.
Die Sonne sank, die unser Lied entflammt,
Mond schenkt ihm noch ein fahles Gleißen.
Der Schatten löst sich ab vom Leichnam jäh
und wandert noch allein ein Weilchen.
Doch kehrt er um, als ob er weinen säh
von ihm verdunkelt holde Veilchen.
Der wundersame Parasit
Das Untier, wulstig, einem Wurme gleich,
klebte ihm im Nacken, trank aus der Vene
Schluck um Schluck, das heiter machte, Blut.
Das war keine Staubgespinst, ihm höhlten
die Augen fahle Glut und kalte Flammen,
daß Schrecken schmolz und Wollust fror.
Sie sagten, er selber habe es erzeugt,
entsprungen sei es seinem Geist, dem kranken,
und reichten ihm die lila Kügelchen.
Doch hat er eins geschluckt, vernahm er bald
das Schluchzen wilder, fühlte Tropfen Chroms
übers Rückgrat rinnen, warm ins Mark.
Die Ärzte kennen nur der Seele Schale,
die trübe waschen sie mit bittrer Lauge.
Sie sehen nicht die Risse, die subtilen,
in denen unaustilgbar feinster Schleim
von Amöben ungeheuren Lebens wimmelt.
Den Unheilsgast, er ließ ihn sich nicht nehmen
und atzte ihn mit zahmer Pflanzenkost,
Kresse, Boretsch, Kerbel, Sauerampfer,
die dunkle Vene mochte sich erhellen.
Ihn hüllte müßig Schlürfen ein und Schmatzen,
wenn er mit Pindar Schnee sah auf den Gipfeln,
den Schaum der Meere glitzern mit Homer,
und mit Vergil Camillas Panzer blitzen.
Doch als er im Ovid blindlings geblättert,
gab dies dem lahmen Dämon einen Kick:
Er sprang ihm jählings von der Schulter. Schon
hat behend im Vorhang er gebaumelt,
ein antiker Sphinx en miniature
mit Brüsten spitz und Nachtigallenkrallen.
Die Brüste tönten wie gewiegte Glocken,
die Krallen kratzten Seufzer aus dem Samt.
„Du glaubst, du bist mich los!“ War’s nicht die Stimme,
die einst ihn girrend in die Schilfnacht zog,
von Mondes scharfer Sichel überschwirrte?
„O nein, zuerst mußt du das Rätsel lösen,
soll ich nicht länger um dein Haupt gespenstern.
Nun, Tagwesen denk’s: Was kriecht daher
am Morgen, erhebt sich mittags in die Lüfte,
hängt schließlich starr im Spinnennetz der Nacht?“
Er wußte es sogleich: Die Raupe kriecht ja
früh von Blatt zu Blatt, sie frißt, wird fett,
die Sonne wandelt sie in einen Falter,
der Anmut Bild, der Dichtkunst Doppelgänger,
der in den Trug der blauen Sehnsucht schwebt
und dämmert’s sich ins Netz der Norn verstrickt.
Er biß sich auf die Lippen, Idiot der Liebe,
schwieg, daß ihn sein Parasit nicht lasse,
und er dann einsam und gedächtnislos
nur eines möchte: schlafen, dämmern, schlafen.
So hat die Sphinx gespenstisch sich zurück-
gestaltet in den Wurm, den windigen,
und hielt ihn wach mit Saugen, Schlucken, Schluchzen.
Gern wandelt er im Park der Anstalt nun,
wohin er wehrlos lächelnd ward verbracht,
erfreut am Flattern sich der Ephemeren,
die rätselschöner Knospen Schein behext.
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