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Jul 20 18

In Gewittern singen

In Gewittern singen,
und wenn die Trommel
der Angst ferner Donner
zärtlich kreisend rührt,
den Blitzen winken.

Seufzer im Mund
wie blutende Blüten,
das Rosenfleisch der Seufzer
kauen und die Pollen
von den Lippen sprühen.

Mit der weiß gepuderten Maske
des Schicksals lächeln,
wenn die Dunkelfalter
im Stürzen hoher Scheite
knisternd
blaue Schwaden schwärzen.

Aus dem Zwielicht heben
Tat und Traum,
mit Bitterharz die Locke
ans Gitter kleben
vor dem Opferbild.

Mit dem Einschlag,
und glühend noch,
nicht lebend sinken,
sterbend sich besiegen,
wenn um den aufgeplatzten Leib
scharf säuselnd Mücken schwirren,
die hellsten Blutes
Wundenpforte suchen.

Hingestreckt zwischen Goldlack
und Purpurlache
die versengte Brust
weiten
mit den Ruhmes-Krallen,
als müsse was innen hüpft,
der gurrende Vogel,
jetzt die Flügel spreiten.

O süßes Klatschen,
wenn er durchs Schattengeflecht
von Blättern bricht,
das Seidenkissen der Wolke zerpflückt,
die Schraffur entsetzten Lebenswillens,
den Schrei des Schnabels,
auf die Stirn des Abends kratzt.

Fällt wie überreife Frucht,
wurmstichig,
er dumpf auf moosige Mulde,
den Gewittern singen,
singen,
die Augen nach Innen gedreht,
wie eines bacchisch Geköpften
lallender Traubenmund
aus dem Glutnest der Reben.

 

Jul 19 18

Heimsuchung

Ein Riss geht durch die bronzene Glocke der Zeit
und kläglich scheppert das Geläut.
Der Klöppel Unrast schlägt sie bald entzwei,
dass offen steht, was uns erneut,
der blaue Abgrund Ewigkeit.

Wir fallen wie seufzende Federn der Luft
von Augenblick zu Augenblick,
Gestöber blinder Flocken,
das auf Gräbern glitzernd wölbt
die weiße Stille Glück.

Wir schmelzen wie ein Schnee im lauen Wind
und rinnen mit dem Tau,
wilden Efeus Dunkelglanz,
in den Klage-Schoß zurück
und stillen ihn mit Tränen wie ein Kind.

 

Jul 19 18

Lied von der Frucht

Fiel nicht eine Knospe in der Nacht
lautlos auf des Schlummers weichen Samt?
War Verheißung nicht die Sternensaat,
die in schwarzen Falten aufgeflammt?

Hinterhof der grauen Winternacht
hüllt in Schnee das Antlitz kalter Qual.
Frucht und Knospe, Gold und Grün vertan,
fahle Borke, krumme Äste kahl.

Ob noch einmal blaue Frühlingsnacht
lichten Wortes Wunderknospe treibt?
Einmal noch dem kindlich frommen Blick
rotes Obst im Korb der Strophe bleibt?

 

Jul 18 18

Gras im Dunkel

Gras im Dunkel
Gras und Tau
Taues Schmerzgefunkel
und ein Hauchen
blasse Lilien-Lippen
die ins Wasser tauchen
in das Wasser weich und grau

Ried im Dämmer
Wellen-Schneisen
unter Schwänen
die noch schläfrig sind
weiße Feder-Schemen
die auf Weihern kreisen
auf den Weihern grün und lind

Gras im Flimmern
Sonnen-Mücken
somnambuler Reigen
und ein Schluchzen
plötzlicher Fontänen
die aus Teichen steigen
aus den Teichen kalt und blau

 

Jul 17 18

Stefan George, Komm in den totgesagten park und schau

Fingerzeige zur Interpretation

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade.
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau.
Die späten rosen welkten noch nicht ganz.
Erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht.
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

 

Dies ist kein romantisches Natur- und Jahreszeitengedicht, dessen Sinn sich vorgeblich mittels Einfühlung erschlösse.

Der im Gedicht gezeigte Park („schau“) ist ein Garten aus Worten.

Der Sprecher des Gedichts ist mitgedichtet oder Teil des Gedichts. Er ist nicht identisch mit der natürlichen Person Stefan George.

Wir könnten, um die natürliche Person zu benennen, die gemischte Schreibweise benutzen: Stefan George, die fiktive Person oder poetische Maske des nur im Gedicht anwesenden Dichters in Versalien ausdrücken: STEFAN GEORGE.

Wir unterscheiden demnach die natürliche Person, den Träger des Namens Stefan George, der 1868 im heutigen Bingen geboren wurde und nach vielen Lebens- und Wanderstationen 1933 in Minusio verstarb, von der fiktiven Person oder der poetischen Maske oder dem Dichter, dessen wesentliche sprachlichen Handlungen (Sprechakte) in diesem Gedicht darin bestehen, den Leser seinerseits zu bestimmten Handlungen aufzufordern („komm“, „schau“, „nimm“, „erlese“, „küsse“, „flicht“, „vergiss nicht“, „verwinde“).

Wir betonen nochmals: Der Dichter des Gedichts ist NICHT die natürliche Person Stefan George, sondern STEFAN GEORGE, eine literarische Maske, eine künstliche Stimme, die von dem, was sie sagt, dem Gedicht, allererst erzeugt oder in den imaginären Raum der Dichtung projiziert wird.

Die künstliche Stimme können wir mit einer verstellten Stimme vergleichen: Der Physiologe kann mit seiner Schallanalyse die Identität des natürlichen Sprechers ausfindig machen. Doch die Absicht dessen, der seine Stimme verstellt, ist es gerade, seine natürliche Identität zu verschleiern oder mittels der Mimikry einer fremden Stimme zu verhüllen.

Etwas Ähnliches ereignet sich im Gedicht: Der Dichter spricht im Namen einer Instanz, deren Umriss, Herkunft und Intention uns allererst im Gedicht selbst mehr oder weniger kenntlich werden.

Wir streifen hier den Ursprung dichterischer Rede: Sie ist eine Überwältigung der Stimme einer natürlichen Person durch eine fremde Instanz, Orpheus vielleicht oder Dionysos, oder gleicht der als Vergewaltigung empfundenen Inspiration der wahrsagenden Priesterin in Delphi durch den Gott Apollon.

Leicht zugänglich wird diese Metamorphose bei allen so genannten Rollengedichten. So nennt der zweite Teil des Gedichtbands Das Jahr der Seele, den das Gedicht Komm in den totgesagten park und schau einleitet, als fiktiven Sprecher den Waller im Schnee, eine Maske der Stimme eines Pilgers und Wanderers durch den Winter der Seele.

Was für den fiktiven Charakter der Dichter-Persona gilt, finden wir ebenso, wenn auch versteckter, bei der Person des angesprochenen Hörers oder Lesers: Sie wird im Hören und Lesen des Gedichts mitgedichtet. Ja, diese Projektion einer neuen Persona oder um den klassischen Begriff zu verwenden, den der Dichter in den Titel des Werks gerückt hat, der Seele, ist die eigentliche Intention des Gedichts.

Die Handlungen, zu denen der fiktive Sprecher oder die poetische Maske oder der Dichter den Leser auffordert, sind keine realen, sondern fiktive Handlungen. Aus Wort-Rosen, Wort-Astern und Wort-Blättern lässt sich kein wirklicher Kranz flechten.

Aufforderungen, Mahnungen, Warnungen oder Befehle sind sprachliche Handlungen, die einen institutionellen oder rituellen Kontext voraussetzen, der sie mit mehr oder weniger starker Macht und autoritativer Wirkkraft begabt. So ist die Aufforderung des Richters, der Angeklagte solle die Wahrheit sagen, mit der autoritativen Wirkkraft begabt, die dem Richter aus seiner institutionellen Funktion als des Repräsentanten des Gesetzes (und nicht der natürlichen Person N. N., die zufällig dieser Richter ist) zukommt.

Welche autoritative Wirkkraft verleiht der Aufforderung des Sprechers und der Stimme des Gedichtes ihre Geltung? Das Charisma oder der Zauber ihres Klangs.

Sollte der Angeklagte oder der Zeuge der Aufforderung des Richters, die Wahrheit zu sagen, nicht nachkommen und ist er auf die Wahrheitspflicht vereidigt worden einen Meineid begehen, kann sein Vergehen mit einer Strafe sanktioniert werden.

Dagegen können wir uns scheinbar schadlos der Aufforderung des Dichters, in den Zaubergarten seines Parks erlesener Wort-Blumen einzutreten, entziehen.

Doch mögen wir den Schaden daran ermessen, dass eine im Gedicht evozierte neue Gestalt der Seele in diesem Falle ungesagt oder wie es im ersten Vers heißt „totgesagt“ bliebe.

Das Charisma der dichterischen Stimme erzeugt eine neue Gestalt der Seele, die in der Imago oder Bildhaftigkeit eines herbstlichen Parks erscheint. Ja, wir müssen akzentuieren: Sie erscheint oder figuriert als diese Imago.

Die intendierte, mitgedichtete, aufgerufene oder evozierte Seele ist nichts Unkörperliches, keine mentale Entität, keine res cogitans, sondern die Identität dessen, der schaut, mit dem, was er als sinnenfällige Phänomene erblickt: Der Schimmer ferner lächelnder Gestade/Der reinen Wolken unverhofftes Blau.

Die sinnenfällig lebende, gleichsam von Vers zu Vers atmende Seele vergewissert sich ihres Daseins wie im gesamten Zyklus des Gedichtbands Das Jahr der Seele im Medium der Landschaft und der elementaren Phänomene der Jahreszeiten Herbst, Winter und Sommer. Dabei handelt es sich nicht darum, die Natur und die Landschaft zu poetisieren und mit ausgesuchten Metaphern zu dekorieren, sondern um etwas anderes, ja geradezu Gegenteiliges: Die natürlichen Phänomen wie in unserem Gedicht der Schimmer der Gestade, das Blau des Himmels, der aus Rosen, Astern und dem übriggebliebenen Grün der Gräser und Halme gewundenen Kranz – sie bilden den Wortschatz einer Sprache, in der sich die Seele des Dichters und Lesers artikuliert, anspricht und ausspricht, in der sie sich neu bildet, indem sie mit sich selbst spricht.

Das letzte Wort des ersten Verses „schau“ korrespondiert mit dem letzten Wort des Gedichts „gesicht“. Was sie gesehen, was sie zum Kranz geflochten hat, ist das neue Gesicht der Seele.

Wir finden im Bild der Seele eine hier und da bunt gestreute oder gedämpft-sfumatohaft anmutende Verteilung von Farbwerten und Lichtern. Schimmer leuchten auf, als würde das Licht lächeln, Teiche spiegeln dieses Lächeln wider und das Blau der Wolken, das durch den Dämmer der Zweige bricht. Als kräftige Farbakzente begegnen uns das Blau des Himmels und der Purpur von Reben, als milde das tiefe Gelb der Birken und das weiche Grau von Buchs.

Wir könnten bei den imaginären Bildern, die uns im Gedicht aufschimmern, genauso gut an Stilleben von Chardin oder Cézanne wie an Parklandschaften der Impressionisten denken.

Der Park des Gedichts gleicht wohl einer durch Kultivierung der wilden Natur abgerungenen friedlichen Insel sorgloser Muße. Doch er öffnet sich gleichsam über seine Einzäunung hinweg der Erinnerung an südliche Ferne (Der schimmer ferner lächelnder gestade) und nach oben ins luzid-transparente Azur-Blau, das im Grenzenlosen verschwimmt.

Das Blau des Himmels und der Purpur wilder Reben sind gleichsam dionysische Farbwerte gegenüber den apollinisch gestillten Herbsttönen von Gelb und Grau, dem blassen Rot der schon hingesunkenen Rosen und dem verwaschenen blauen oder rosafarbenen Ton der Astern, gewiss auch dem fahlen Grün von welkendem Gras und Halmen. Der dionysische und der apollinische Aspekt des seelischen Daseins sollen, so die Aufforderung des Gedichts, in einem Kranz verwunden und verflochten werden.

Wir gehen gleichsam in drei Strophen drei absteigende Stufen von der Schau bis zum Tun und Wirken (dem Flechten und Winden): Der Übergang von der reinen Schau zum Tun bildet der dritte Vers der zweiten Strophe, also genau die Mitte des Gedichts: Hier fällt der Blick auf ein Ur-Symbol der Seele, die Rose. Ihm folgt die entscheidende Aufforderung: Erlese küsse sie und flicht den kranz. Sie verleiht dem Tun der Seele einen edlen und sublimen Charakter. Da nun das Tun nicht nur Ausdruck einer abstrakten mentalen Entität ist, sondern den ganzen seelisch-sensorischen Gehalt umfasst, sehen wir darin auch die Aufforderung, die Seele selbst zu veredeln, zu adeln oder zu sublimieren.

In der Anmutung, die erlesenen Rosen zu küssen, begegnet uns an exponierter Stelle die einzige leibhafte Gebärde des Gedichts, eine der hingebungsvollsten und innigsten Erotik: Sind ja die hier geküssten Lippen Blütenblätter. Dies deutet auf eine äußerste Sublimierung des tierischen Sexus in eine Form des himmlischen Eros, wie sie Dantes Himmelsrose gebührte.

Dieser sublime Zug wird mit dem Rückgriff auf die urtümliche Emblematik des Kranzes verstärkt. Dass sich die Schau des Parks in dem aus Rosen, Astern und grünen Gräsern gewundenen Kranz verdichtet und gleichsam Flora als versteckte Allegorie aus dem Schatten der Büsche und Bäume tritt, verweist uns auf den radikalen Ausschluss allen tierischen Lebens: kein Vogel, der sänge, kein Pfau, der schriee, kein Fisch, der aus dem Weiher schnellte. Alle mit dem natürlichen Leben des Tiers verknüpften Gebärden der Bewegung und Lautung sind verbannt. Eine tiefe Stille ist auf alles gebreitet. Selbst der laue Wind rührt kein Blatt, keinen Halm.

Die Aufforderung, die das Gedicht an die Seele des Hörers und Lesers erhebt, gipfelt demnach negativ im Ausschluss des tierischen Lebens mit all seinen Aspekten von Gier und Verschlingen, Siegen und Erliegen, Zeugen und Töten, Verletzen und Schmerzempfinden, Auftrumpfen und Dahinsiechen.

Der Kranz, der hier geflochten wird, ist kein Siegeskranz, darauf deutet leise schon das im Wort „verwinden“ mitgemeinte Verzichten und Überwinden. Dennoch enthält das Emblem den ursprünglichen Sinn der Weihe, wurden Blumenkränze doch vor die Bildnisse der Götter und auf ihre Altäre gebreitet.

Doch hier, im Park dieses Gedichts, finden sich keine Götterstatuen, keine romantisch zerfallenen Altarsteine. Wen also mag der Kranz schmücken? Die Seele selbst, die aufgefordert ist, ihn sich zu flechten.

Der Kranz erscheint auch als Schattenriss im Flechtwerk der Reime mit dem Reimschema: a b a b//a a c c//d e e d, wobei wir wiederum die Mitte finden, von der sich die beiden aus eigenständigen Reinwörtern gebildeten Reihen verzweigen.

Das reale Leben stolziert, irrt oder stolpert auf diesem fatalen Gestirn einher, angetan mit der tragischen und der komisch-grotesken Maske, die eine setzt ihm die hagere Hand der Schuldverstrickung, der Angst vor der Leere und der Vergänglichkeit auf, die andere die bebende des animalischen Triebs. Flüchtet sich das Gedicht in einem selbstgefälligen und selbstverliebten ästhetischen Eskapismus vor diesen unabwendbaren Daseinsmächten in eine bukolische Scheinwelt? Nein, das Dunkel des Lebens ist anwesend, wenn auch nur flüchtig spürbar in einem Hauch herbstlicher Melancholie. Es ist ein letzter Kranz, der hier gewunden wird.

Der Angeklagte oder der Zeuge vor Gericht versteht, was der Richter mit seiner Aufforderung meint, sich geflissentlich an die Wahrheit zu halten, nicht allein aufgrund der Tatsache, dass er des Deutschen mächtig ist, sondern weil er darüber hinaus versteht, dass die Äußerung den Modus oder den Charakter einer Aufforderung hat, der sich zu entziehen missliche Folgen nach sich ziehen könnte. Wir machen hier den klassischen Unterschied zwischen semantischem oder wörtlichem Verstehen und pragmatischem oder übertragenem Verstehen, das wir dem Kontext der wörtlichen Rede als Intention des Gesagten entnehmen.

Was verstehen wir, wenn wir die Aufforderung des Dichters vernehmen, aus nichtexistenten Blumen einen rein fiktiven Kranz zu flechten? Nun, wir winden im Medium des Gedichts einen Kranz aus Worten. Die Worte aber sind wie die fiktiven Blumen vom Hauch des Herbstes schon gezeichnet. Wir fühlen, bald sind sie wie jene ganz verblasst, Worte, von denen nichts bleibt als vielleicht ein leiser, weher Duft der Erinnerung.

Fassen wir das Gedicht als Selbstgespräch auf, und viele Du-Anreden in den Gedichten Georges sind Selbst-Anreden, so können wir sagen: Der Kranz, den zu winden das Gedicht auffordert, ist das Gedicht selbst, und der ihn zu flechten unternahm, der Dichter, weiht ihn sich selbst.

 

Jul 16 18

Lied vom Wald

Öffne Wald die Schattentüre
dämpfe meinen Schritt im Moos
Dass ich Hauch des Ursprungs spüre
taue mir dein dunkler Schoß

Schweigen lehre mich das Trillern
kleiner Kehlen im Geblatt
Im Gezweige blaues Schillern
mache meine Blicke satt

Deutung glänze mir aus Zeichen
Aug der Rinde eingeprägt
dass im Rauschen hoher Eichen
mich der Sinn zur Quelle trägt

Wenn mir über Wipfeln winken
Augen in die große Nacht
seien Wald im Niedersinken
Lied und Leid dir heimgebracht

 

Jul 15 18

Lied vom Leid

Wenn wie falbes Gras
sich niederbeugt
dein Gram
unter dunkle Schauer
hör was Regen schäumt
der mit weichen Tropfen
die Falten
deiner Trauer
mit Glanz umsäumt

Wenn wie Schwalbenschrei
ins Grauen irrt
dein Leid
sieh die Stille schwebt
auf den Wassern
der Einsamkeit
ein weißer Flaum

Wenn wie Bienenschwarm
im welken Hort liegt stumm
dein Harm
hör im schwarzen All
der toten Zeit
das Lebenslied
der Nachtigall

 

Jul 15 18

Durst der Geister

Unterm Monde beben
Anemonen
und Lupinen
Flehen stiller Kerzen
gestillt
vom goldnen Tanz
der Bienen
Seltsam der Erde
Sonnendienst zu leben
doch zugleich dem Glänzen
schwarzer Onyx-Rosen
auf den Jenseits-Auen
hingegeben
schlafwandelnd unterm Rauschen
grauer Wipfel
die an Gottes Ohnmacht grenzen
in Dantes dunklem Wald zu gehen
irrend vom Weg dem rechten
und kein Augur kein Vergil
den Vogelflug und Geisterruf
unsrem Kummer in den Sinn
der hohen Ordnungen zu flechten
mit der Deutekunst zum wahren Ziel
Kein Gnaden-Engel
den reine Flamme schattenlos erschuf
der Blüten streute
vor unsre bäurisch verhornten Zehen
Wir müssen in den Klüften
immer einsam gehen
behaucht von Geistern
und Dämonen
die im Dunkel
auf bangen Zweigen sitzen
gebannt wie Eulen
Ruhelose Ahnen
die mit Stängeln
und mit Dornen-Stimmen
Löcher in die Herzen
und die Träume ritzen
O die müde Leere
da unsre Augen wieder
Qual und Dämmer trinken
und Tag legt auf Schultern
uns das Scheit der Schuld, das schwere
Doch jene glimmen
lichte Mücken
in der Nacht der Seele
schwirren auf und nieder
wenn wir aufs Kissen sinken
O stillte ihren Durst
der Wein der Lieder
aus edlen Trauben
die unterm blauen Schimmer
herbstlicher Lauben
uns geglüht
die zu ihrem Fest
in der dunklen Kelter
unsrer Schmerzen
weinend wir gepresst

 

Jul 14 18

Weicher Torf

Staubes Zungen
Distel und Dorn
Dickicht
das um blaue Lider
Rittersporn
gedrungen

Flammen-Stimmen
Flüche und Scherz
Flimmerwitz
die in welker Liebe
Rosenherz
verglimmen

Aschen-Flicken
Schuppe und Grind
schwarzer Tau
die Sommers Lallen
veilchenlind
ersticken

Dein Reich zu neuen
Lilie Königin
als weichen Torf
laß verkohlter Wachen
mürben Sinn
dir streuen

 

Jul 13 18

Ungesagt

Was schwerelos
ein Flügel
dunkler Seufzer
über Wassern
schwingt
sagt kein Mund
der den Tau von Küssen
singt
Was stummem
Leide Rosen
oder Veilchen sind
sagt kein Quellen
unter weichen Moosen
Der auf Steinen
nächtlich glimmt
scheuem Schnee
zerstiebt es harsch
der Wind
Was am Zweig
des Dämmerns glüht
ist dem Wurm
ein kalter Kern
Was auf Wellen
leiser Verse
schwimmt
verschollener Schwäne
Flaum
erloschener Blüten
Stern
wird wirklich nur
im Spiegel
einer Träne

 

Jul 13 18

Rheinpfad

Dunkle Wasser
rauschen
am bemoosten Stein
Schilfe zittern
gefiederte Pfeile
in Stromes tauben Lenden
Grünes Licht
schäumt aus den Krügen
der Nacht
Geh noch einmal
den schmalen Pfad
der sich aufwärts windet
zu sehen ob die Bilder
in basaltenen Stöcken
noch ein Heil entblättern
wie Blumen lächeln
um die holden
um die Schmerzensgesten
ob noch Flammen
geistig reden
mit den Schatten
ob Waldesschlucht
mit kühlem Hauch
tief aus betautem Schoß
den Mittagsdämon
schläfert ein
Geh einmal noch
bis zum rohen Holz
wo Gedächtnis
am rostigen Nagel
blutet
wo giftig leuchtet
Vogelbeere
doch Veilchen scheu
wie erster Liebe
Kuss
ob krummer Eiche
schiefer Mund
noch trieft
verwaistem Kind
der Klage Bitterharz
Streck dich auf die Bank
am letzten Aussichtspunkt
dass gezacktes Blatt
mit goldenem Licht
dich säuge
bis dich über Traumes
Schwelle hebe
blaue Glocke
aus der Heimat
versunkenem Tal

 

Jul 12 18

Der goldene Zweig

Pflück vom Ginsterbusch
am Sommernachmittag
in einem rebengrünen Tal
des Sagenstroms
den goldenen Zweig
und reich ihn der Sibylle
die am Tor der Nacht
dein wartet
dass deinen Toten
Tropfen des Erinnerns
unter Schatten schimmern
Füll den blauen Krug
aus dem Schieferland
mit lichtem Tau
misch auch deiner Tränen
Wehmutgran darein
leg ein Rosenblatt darauf
dass ein Dankesopfer werde
klopfe dreimal
an die Schattenpforte
Vater, Mutter, komme,
trink, o trinke,
dass dir einmal noch
die Lippe blühe
einmal noch ihr rinne
Wiegenlied
trunknen Mundes
Schwanensang
dem Sohn
der träumend geht
unter Lebenden wie tot
dass unter Toten
er im Augenblick
des süßen Liedes lebt

 

Jul 12 18

Knospe

Hingegeben
Rose
lichte Wunde
in das Zittern
roter Tropfen
an den Schattengittern
Flügelweicher Lider
Beben
am blauen Saum
der Abendstunde
Lippen
um ein ungesagtes
Nächtiges
geschwungen
von Bängnissen
beschneit
Schmerzensknospe
unter eines Kusses Strahl
für ein Leben
duftgeweiht
ein
nur ein Mal
aufgesprungen
Herz
nun tagt es

 

Jul 11 18

Nugae

In den grauen Weiten
über grauen Brachen
wo Rabenvögel
letzte Körner picken
herbsteln
müden Dichters
hingehauchte Wenigkeiten
Hier ein Purpurdünstchen
dort ein Wolkenflöckchen
Wenn auch safrangelbe Boten
ausgerauschter Linden
auf kleinen Wasserlachen
trockne Wortartisten
keineswegs erquicken
Bacchischem Schoten-
und Erbsenknallen
nachgelallte Brünstchen
keine Gnade finden
vorm öligen Gemächte
von Silbenmaschinisten
Und bleibt ihm einer Pforte
fernes Ächzen
die in rostigen Angeln schwingt
ist es ihm die Abschiedsweise
eines aufgelassnen Wingerts
dass an hohen Stromes Glanz er dächte
O die Herzen die nach Tropfen
süßer Töne lechzen
Er schüttelt Zweige
ob Früchte auf den harten Schoß
der Erde klopfen
Er kniet ins Gras der Elegien
Seufzern eine Schneise
Er wühlt im waldichten Moos
ob ins Ohr des Kummers
noch ein Rinnsal singt

 

Jul 11 18

Wunderlich

Ins Dunkel streckte ich die Hand,
Regen fasste, hob sie sacht,
glitzerte ein Mund und sprach:
„Küss, die Hand, mein Herr!“

Ich schwamm auf Wassers Spiegelglas,
hatte ganz mein selbst vergessen,
Wasser dunkelte und sprach:
„Tauch in meine grüne Nacht!“

Wind fiel blätterfeucht in mein graues
Haar und legte mir ein Samenkorn
auf die Schulter. „Iss und werde“,
vernahm ich, „selbst der Baum!“

Schlafend ging ich durch den Schnee,
Flocken stoben durch die leere Brust,
an Herzens statt sang es vogelzart:
„Bin noch, Liebster, bin noch da!“

Ich lag in schwarzes Erde, kaute
im engen Pferche Schatten,
wuchs mir, im Herzen wurzelnd,
nervdurchsponnen eine Knospe

aus dem Mund in den Efeustaub,
neigt sich eine Zwillingsknospe,
öffnet mir den Schoß, sagt der Duft:
„Bist noch, Liebster, bist noch da!“

 

Jul 10 18

Die schwesterliche Helle

Draußen hast du lang gewacht
doch dein Stern
ging nicht auf
zwischen bleichen Lidern
toter Wolken
So bist du kommen
über meine schmale Schwelle
und legtest deine Nacht
den leeren Kern
in die ärmlich aufgeglommen
die schwesterliche Helle
O träume nur die leisen Stimmen
letzter Scheite
seufzendes Verglimmen
bis des Morgens dumpfer Kiel
im blauen Treibeis kracht
deines Rätsels Fahne
ruft in hoffnungslose Weite
Nimm den Ring
er ist noch warm
von meinem Blut
wirf ihn
siehst du schon das Ziel
beschneit von einem Schwane
in die salzige
immer trostlos schäumende
Meeresflut

 

Jul 10 18

Rußende Flamme

Was machte reine Liebesflamme
rußen?
Was Missgunst steigen
aus dem Tal der Stille
von Lilien Anemonen
Margeriten
die der Sonne neigen
kaum erwachte Lebensfülle?
Wer schnitt die Lider
von den Augen
die am Abgrund wohnen
dass sie die Nacht der Blitze
Wahn in Herzen saugen?
Wie fleckte
Schnee der Stirne
Hohnes Unflat
wenn sie selber ihn nicht
weckte?
So ward an Proserpinen
vom Lied der Wasser
eingewiegte Blüte
ein schwarzer Hauer
lüstern
der nur Dunkelheit gerissen
dass ergeben ihm zwei Sterne schienen
dass ihm Blumen-Schauer
Todes-Flüstern
tropfte auf den faden Bissen
Der die Fackel senkte
in Dodonas Wald
von hohen Eichen
sang die Asche
aus den Flammenzeichen
Sanfte Glut
von blauen Veilchen
scheuer Anmut Röten
gerann an Satyrs
blinden Hufen
die im Tanze töten
dunkle Kruste
Blut

 

Jul 9 18

Zerflossen

Zweige
zittern leiser
Schatten
kleben an den Mauerwänden
an Mörtelsprüngen
rostigen Nägeln verfangen
wie Büschel Haare
feuchte Strähnen
an den bleichen Wangen
einer Weinenden
Staubige Reiser
die aufs leere
Dämmern harren
Kein Duft
steigt aus der Schwere
außer Aschenflocken
ungestillter Rosen
selbstgelegter Brand
In fahler
Geisterluft
schwebt ein Auge
und vom tränenlosen
Starren
dürr und trocken
wird wie aufgeschnittene
Frucht
es trübend schmaler
Federn einer Taube
auf dem Asphaltgrau
dass ein Nichts sich dunkel fühle
zarter Flügel
ausgelittene
Liebesflucht
durch das kühle
Jenseits-Blau
Stimmen
ferner Abendglocken
gegossen
in der Esse
des Martyriums
sind in Schlafes
schwarzem Blut
zerflossen

 

Jul 8 18

Sichtschneisen II

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir wissen, worüber wir reden, wenn ich dir sage: „Gestern habe ich meinen Freund Peter im Park gesehen.“

Worüber wir reden, ist der Gehalt meiner Äußerung (in schulmäßiger Formulierung der Gegenstand oder das intentionale Objekt meiner Äußerung).

Du verstehst meine Äußerung auf Grund der Tatsache, dass du des Deutschen mächtig bist.

Du musst nicht wissen, wer mein Freund Peter ist, sondern nur, was es heißt, jemanden einen Freund zu nennen.

Du musst nicht wissen, ob ich entweder einen Freund namens Peter habe oder nicht einen Freund namens Peter habe.

Demnach ist dein Verständnis meiner Äußerung unabhängig von der Tatsache, ob sie wahr oder falsch ist. Denn meine Äußerung ist gewiss falsch, falls es sich herausstellt, dass ich keinen Freund namens Peter habe und folglich einen Freund namens Peter gestern im Park nicht gesehen haben kann.

Es ist evident, dass der Gehalt meiner Äußerung oder das intentionale Objekt des Sprechaktes nicht mit dem grammatischen Objekt des Satzes oder dem durch ihn repräsentierten visuellen Gegenstand identisch ist: Denn sollte ich die Unwahrheit gesagt haben oder unter meinen Freunden sich keiner namens Peter befinden, bleiben der Gehalt meiner Äußerung und dein Verständnis dieses Gehalts davon unberührt.

Du verstehst, was ich sage und meine, auch wenn du nicht weißt, ob was ich sage, zutrifft oder nicht, wahr ist oder nicht. Doch wenn du nicht verstehst, dass meine Äußerung eine behauptende Kraft hat, verstehst du sie nicht. Du mußt nicht wissen, dass sie wahr ist oder dass sie falsch ist, sondern dass sie entweder wahr oder falsch sein muss.

Das Verstehen einer geäußerten Behauptung ist demnach unabhängig von der faktischen Wahrheit oder Falschheit des Geäußerten, nicht aber von der prinzipiellen Wahrheitsbedingung, dass sie wahr oder falsch ist.

Wenn du meinen Freund Peter nicht kennst oder wenn ich keinen Freund namens Peter habe, kannst du den Gehalt der Äußerung verstehen, ohne dir unter dem Namen Peter das Geringste vorstellen zu können.

Nennen wir Vorstellungen schulmäßig mentale Bilder oder Repräsentationen, folgt daraus: Du verstehst, was ich sage, ohne dass dein Verständnis vom Aufrufen oder der Assoziation mentaler Bilder begleitet sein müsste.

Mitglieder schriftloser Völker mögen die Zahl der Schafe anhand der Finger oder der vorgestellten Finger abzählen. Du aber kannst die Summe der natürlichen Zahlen von 1 bis 100 nach der Gaußschen Methode bilden, ohne dir dabei etwas Besonderes vorzustellen.

Wir können die Abwandlungen eines musikalischen Themas in einer Bachschen Fuge im Wellengang ihrer Variationen wie Modulation, Umkehrung oder Krebsgang verfolgen, ohne uns auf mentale Bilder zu stützen, die uns dabei gleichsam über Wasser hielten.

Die Ton- und Akkordfolge, die wir hören, ist nicht identisch mit der Ton- und Akkordfolge der Partitur. Denn der Unterschied zwischen der Notenfolge auf dem Papier und der gehörten Tonfolge ist so groß wie der zwischen einem Toten und einem Lebenden.

Es ist alles andere als klar, wie das Ich-Bewusstsein es vermag, dem toten Buchstaben oder den toten Noten Leben einzuhauchen.

Die Tatsache, dass unser sprachliches und gedankliches Verstehen unabhängig vom Bestehen oder Nichtbestehen mentaler Bilder funktioniert, erhellt aus dem Gebrauch der Negation: Denn welches wäre das Bild eines negativen Tatbestands? Beispielsweise des negativen Tatbestands, der in folgender Äußerung dargestellt wird: „Wider Erwarten habe ich gestern meinen Freund Peter nicht im Park gesehen.“

Meine Äußerung „Ich habe gestern meinen Freund Peter im Park gesehen“ scheint ohne Verlust von Sinn und Gehalt übersetzbar in deinen Gedanken: „Er hat gestern seinen Freund Peter im Park gesehen.”

Doch das ist falsch. Denn meine Äußerung kann nur adäquat in einen analogen Ausdruck deines Gedankens übersetzt werden, wenn du dir etwa sagtest: „Er behauptet, was ich sinngemäß behaupten würde, wenn ich gestern meinen Freund Konrad im Park gesehen hätte, nämlich: Ich habe gestern meinen Freund Konrad im Park gesehen.“

Nennen wir dieses Verfahren der gedanklichen Übersetzung einer Äußerung in der ersten Person die perspektivische Projektion.

In der perspektivischen Projektion bleibt die Zentralperspektive des wahrnehmenden und sprechenden Ich-Bewusstseins erhalten.

Wir gehen davon aus, dass eine digitale Maschine wohl darauf programmiert werden könnte, bei passender Gelegenheit zu äußern: „Ich habe gestern meinen Freund Peter im Park gesehen.“ Doch wäre sie nicht in der Lage, eine perspektivische Projektion vorzunehmen und sich oder uns zu sagen: „Er behauptet, was ich sinngemäß behaupten würde, wenn ich gestern meinen Freund Konrad im Park gesehen hätte, nämlich: Ich habe gestern meinen Freund Konrad im Park gesehen.“

Das Ich-Bewusstsein wurzelt in den Leibempfindungen.

Die leibhafte Empfindung des süßen Geschmacks kann nicht mittels chemischer Analyse der Moleküle der ihn verursachenden Substanz, wie der Erdbeere oder des Zuckers, erklärt werden.

Der Säugling empfindet den süßen Geschmack, ohne sagen zu können „Das schmeckt süß“. Die Maschine könnte darauf programmiert sein, bei passender Gelegenheit zu äußern: „Das schmeckt süß“, ohne den süßen Geschmack empfinden zu können.

Freilich können wir vorgeben, einen süßen Geschmack zu empfinden, ohne ihn zu empfinden. Die Maschine könnte dies nicht.

Maschinen können nicht lügen, weil sie kein Ich-Bewusstsein haben.

Wenn wir annehmen, dass Säuglinge allen Anzeichen nach etwas Süßes als süß empfinden, schließen wir daraus, dass das Ich-Bewusstsein in einem sei es auch rudimentären Selbstgefühl wurzelt, das uns vorsprachlich gegeben ist. Ich ist keine Ableitung der Funktion, von sich sprechen oder „ich“ sagen zu können.

Die Empfindung der Süße erwacht auf der Zunge und verbreitet sich im Mundraum. Wer immer den süßen Geschmack der Erdbeere empfindet, wird nicht von sich sagen, dass er, der Empfindende, auf der Zunge erwache und sich im Mundraum verströme.

Die Empfindung der Süße hat keinen Gegenstand und die Äußerung „Das schmeckt süß“ kein intentionales Objekt.

Daraus schließen wir, dass die primären Ausdrücke für das Selbstgefühl wie die Äußerungen über Empfindungen keine Gedanken sind, weil sie die Wahrheitsbedingung von Gedanken, eben wahr oder falsch sein zu können, nicht erfüllen.

Die Äußerung „Das schmeckt süß“ ist gleichsam immer wahr und deshalb weder wahr noch falsch.

Wenn ich einen süßen Geschmack zu empfinden glaube, aber nichts Süßes zu mir genommen habe, wird meine Äußerung „Ich empfinde einen süßen Geschmack“ nicht in ähnlicher Weise falsifiziert wie die Äußerung „Gestern habe ich meinen Freund Peter im Park gesehen“, wenn sich herausstellt, dass ich keinen Freund dieses Namens habe.

Können wir sagen: Je sens donc je suis?

Das wäre wenig sinnvoll, denn unsere Äußerungen über das Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten oder die existenzquantifizierende Zuordnung eines Individuums zu einer definierten Menge unterliegen der Wahrheitsbedingung, nicht aber wie gesehen unsere primären Äußerungen über Selbstgefühle.

Wir könnten meinen, jemand habe etwas Falsches gesagt, wenn er eine Erdbeere verzehrend äußert: „Das schmeckt bitter.“ Aber dann hat er entweder tatsächlich einen bitteren Geschmack empfunden (weil etwas in seinem Nervensystem anders läuft als bei uns) und dann ist alles in Ordnung. Oder er versteht sich nicht auf den korrekten Gebrauch der Eigenschaftswörter für Geschmacksempfindungen, und dann ist ebenfalls alles in Ordnung, außer mit seiner Sprachverwendung. Seine Äußerung war nicht falsch, sondern unsinnig.

Der Empfindende ist gleichsam in die Empfindung eingehüllt.

Der Empfindende ist der Nullpunkt der Empfindung, von dem alle Koordinaten ausstrahlen, die wir nach den uns geläufigen Namen für Empfindungen benennen.

Wenn wir den Nullpunkt aus dem n-dimensionalen Koordinatensystem entfernen, bricht es zusammen.

Die Empfindung dauert mehr oder weniger lang. Ist derjenige, der empfindet, um die Zeitspanne gealtert, die sie anhält?

Derjenige, der gestern seinen Freund Peter im Park gesehen hat, und heute äußert: „Ich habe gestern meinen Freund Peter im Park gesehen“, muss dieselbe Person sein, ungeachtet der Tatsache, dass ein Tag vergangen oder er einen Tag älter geworden ist.

Wir unterscheiden die Zeit der Empfindung von der Dauer dessen, der empfindet.

Anfangs ist der Geschmack der Süße intensiv, dann wird er fader und verblasst. Nicht so derjenige, der den Geschmack empfindet.

Wenn du schläfst, bist du gleichsam nicht vorhanden, und wenn du aufwachst, gleichsam wieder da. Doch nicht so wie dein Freund Peter, der plötzlich aus dem Park verschwunden war, dir aber nach Stunden auf der Straße wiederbegegnet ist.

Denn solltest du glauben, Peter nach etlichen Stunden wieder auf der Straße gesehen zu haben, könntest du dich irren, weil es nicht Peter war, sondern sein Zwillingsbruder.

Wenn du aus dem Schlaf aufwachst, könntest du nicht dermaßen fehlgehen zu glauben, da seist du wieder, während es in Wahrheit dein Zwillings-Ich wäre.

Man kann nicht glauben, ein anderer sei an unserer statt erwacht.

Ja, man kann nicht einmal glauben, man sei erwacht oder wach. Denn zu glauben, man sei wach, implizierte glauben zu können, man sei es nicht.

Aber zu glauben, man sei nicht wach, impliziert das Gegenteil. Demnach sind solche Annahmen sinnlos.

Man kann zu träumen glauben. Doch nicht, ein anderer träume an unserer statt.

Das Ich ist weder komplex noch zusammengesetzt. Wir erinnern uns, doch wir sind nicht die Komplexion oder Summe unserer Erinnerungen.

Wir können uns in unseren Erinnerungen täuschen. Wie darin, gestern unseren Freund im Park gesehen zu haben. Doch wir können uns nicht darin täuschen, dass wir uns zu erinnern glauben.

Das Bild, wir seien Schatten an der platonischen Höhlenwand oder Träume in Gottes Traumbewusstsein, ist grandios (wie es Platon oder Borges ausmalen), aber schief und nur scheinbar tiefsinnig. Denn der Schatten oder der Traum kann nicht wissen, er sei Schatten oder Traum.

Wir sind ebensowenig Rollen und Masken auf der Bühne der Welt in einem Schauspiel, das Gott, die Gesetze der Evolution oder der Geschichte geschrieben haben: Der Schauspieler muss die Maske abnehmen können, um als Bürger nach Hause zu gehen und sich in seiner Küche eine Suppe aufzusetzen.

Wir können Rollen spielen und Masken aufsetzen und bleiben doch das von seiner Einsamkeit gezeichnete Ich, das sich in keiner Rolle völlig verlieren, unter keiner Maske völlig vergessen kann.

Einsamkeit als soziales Phänomen ist trivial und erklärbar, die Transzendenz des einsamen Ich ist weder trivial noch erklärbar.

Das lyrische Ich bedeutender Dichtung wie der Goethes, Hölderlins, Hofmannsthals, Georges, Rilkes und Benns ist eine perspektivische Projektion des ontologisch einsamen Ich.

Wir finden in großer Dichtung sinnfällige Ich-Symbole wie Quelle, Fluss, Blüte, Stern oder Wunde.

Der Ursprung von Dichtung und Religion ist die Ausgesetztheit des ontologisch einsamen Ich.

Hebt nicht die Gnade das Ich auf, wie diese Wunde nur der Tod schließt?

Die grausame Zerstückelung der dionysischen Ekstase ist ein Mythos des gezeichneten Ich.

Und jene, die in fremden Zungen in den Liebeshymnus einstimmen, sind sie verwandelt nicht mehr sie selbst?

Romantisch-dionysischer Mythos: Verschmelzung, Entrückung, Verlöschen.

Apollinischer Mythos: Dauer im Wechsel, Verwandlung ins Eigenste, wie Philomela singt vom Ursprung ihrer Wunde, aber singt.

 

Jul 7 18

Blumenohr

Liebe
vom Zweifelsinne
aufgewühlt
hofft im Mittagsblau
die Stille
die sie glättet
Sie liest von blassen Lippen
„Komme, komm
bald wieder!“
Wort das sie ins Leben
rettet
Wort das sie zu Wassern
lockt
wo die Schimmer geben
Hofft ihr Zagen
zarte Mücke
im Gespinst der Nacht
werde blaue Luft
ins Offne tragen
Sie wickelt in Falten
des Winds das Herz
bangt dass seine Flammen
bald erkalten
Sie psalmodiert
aus alten Briefen
die vergilbten Namen
bis sie stockt
und im Schnee des Ungesagten
friert
Sie zittert sich ins Gras
auf schwanken Inseln
ob sie versunkne Glocken riefen
Aus der Hand des Blattes
liest sie dunkle Kunde
„Kommt er, kommt er
nicht?“
Was sie an Knospen las
stilles Schließen
einer Wunde
öffnet sich
wenn Tropfen fließen
auf das dämmernde
Gesicht
Sie ist das Blumenohr
das sich selber lauscht
was im Halme steigt
aus dem Schattenreich
was in Adern schwillt
drängend oder weich
was dunkle Erde schweigt
hadernd oder mild
ob die toten Seelen
an den Wurzeln kauern
ob den hohen Blütenchor
sie mit dem Liede
überschauern
das säumend nur
verrauscht

 

Jul 7 18

Die Verwandlung der Schwestern

Ne l’ora che comincia i tristi lai
la rondinella presso a la mattina,
forse a memoria de’ suo’ primi guai,

e che la mente nostra, peregrina
più da la carne e men da’ pensier presa,
a le sue visïon quasi è divina.

Zur Stunde, da die Schwalbe ihre Klage
am Morgen anhebt, sie ist wohl bedrückt,
gedenkt sie ihrer frühen Unglückstage,

wenn unser Sinn ist mehr entrückt
dem Fleische noch, Gedanken ihn nicht engen,
scheint göttlich er von seiner Schau verzückt.

Dante Alighieri, Divina Commedia, Fegefeuer, IX, 13–18

                               *

Die Zeichen, die ins Tuch sie eingewebt
der treuen Schwester Prokne, sie zu lesen,
ein Herz, das aus demselben Blute bebt,

vom selben Schmerz am Zwillings-Quell genesen,
schäumt heller als der Liebe heißer Strahl,
im Blick des Mannes ist er Dolch gewesen,

in Philomelas Schoße Todesqual.
Als unter trunknem Schritt die Halme bogen,
von Blättern, Lippen rannen Seufzer fahl,

im Schwirren weicher Rohre Locken flogen,
war fremden Gottes Traumgesang das Heil,
da sie aus Kelchen Sonnenglut gesogen.

Der Rebe krumme Wurzel wurde Beil,
zu metzeln, zu hacken den Bastardspross, den schönen
Kopf vom Rumpf zu trennen, rachegeil,

den Vater mit dem Schreckensmahl zu höhnen,
das sie im Saft geschmort von Blut und Wein,
die Silberschale mit dem Haupt zu krönen.

Beflügelt ward die Flucht, das Grauen Schein,
der dunklen Schwestern aus der Höhe blaute
und hob aus Schwere sie ins leichte Sein

verzückter Federn, vom Kuss der Luft betaute.
O Wunder, wie hoher Geist aus dem Verfall,
aus Wahn und Chaos Schönes sich erschaute,

der Schwalbe Flug, das Lied der Nachtigall.

 

Mythos:
Prokne, Schwester der Philomela, wird dem rohen fremdländischen Thraker-Herrscher Tereus angetraut, doch hat es seine unbezähmte Geilheit und Besitzgier auf die schöne Philomela abgesehen, er lockt sie in einen Wald, um sich an ihr zu vergehen. Der dort von dem Missetäter in einem Stall gefangenen Frau hat er die Zunge abgeschnitten, auf dass sie die grausame Wahrheit nicht über die Lippen bringen und ihrer Schwester anvertrauen kann. Sie aber webt die Zeichen ihrer Leidensgeschichte in ein Tuch und vermag es ihrer Schwester Prokne auszuhändigen. Diese kann die Zeichen lesen und befreit Philomela, dabei geraten die beiden Mädchen im Wald in den rauschhaften Umzug des Dionysos. Im Aufruhr und ekstatischen Tanz der Mänaden werden ihre finsteren Rachegelüste entfacht. Sie zerstückeln bacchantisch erregt den kleinen Sohn Itys aus der ehelichen Verbindung zwischen Prokne und dem Vergewaltiger, der aus dem überhitzten Gefühl der Blutsverwandtschaft der Schwestern zu einem Bastardspross herabsinkt, sie kochen aus den Fleischbrocken ein Mahl und setzen es dem Vater zum Hohne vor. Nachdem er sich reichlich daran gelabt hat, offerieren sie den abgeschlagenen Kopf seines Sohnes auf einer silbernen Schale. Die anschließende Flucht der Mädchen vor der Mordwut des entsetzten Vaters gelingt nur dank des Eingreifens einer höheren Macht: Zeus, Gott des Lichts und der kosmischen Weisheit, verwandelt die Schwestern in Vögel, in eine Schwalbe und eine Nachtigall. So sehen wir im Lichte des Mythos die Verwandlung der dunklen Schwestern im Aufschwung zur Helle des olympischen Himmelslichts vor dem Hintergrund des Grauens und Schreckens, woraus sie sich beflügelt in die Lüfte retten, die Schwalbe beschenkt mit der Anmut ihres Flugs, mit der Süße ihres Lieds die Nachtigall.

 

Jul 6 18

Das Zeichen

Gehen wir ins Schweigen
hohen Lebens
heim zur Quelle
der sich liebend neigen
Traum und Blüte
sanften Bebens
Fliehen aus den Tälern
wir ins Helle
die aus Blicken
hoher Güte
sich ergießt
in die Blumenschale
unsrer Schauer
lautlos fließt
Dass den Tagen
die im Dunst ersticken
am trüben Fensterglase
heißer Hauch
das Zeichen male
Dass um unsrer Fragen
vagen Blumensaum
Lichtes Bienen schweifen
von den Staubgefäßen
die in weißer Stille
gegenständig zagen
reine Pollen streifen
Dass aus eignem Sein
wir ein Wasser schöpfen
das im hohen Leuchten
sich wandelt uns
in Wein

 

Jul 5 18

Gespinst der Nacht

Im Gespinst
der nächtigen Spinne
wirren
Windes
blinde Hände
Durch den Dunst
der Schattenwände
sirren
Schattenschwalben
Tropfen
zittern
an den weichen Wangen
Anemonen
Dass der dunklen Erde
Dulden
heller werde
Glänzen rinne
in den Grund
wo die toten Seelen
wohnen
Ihr Tränen
eines Kindes
wenn die bangen
Traumgedanken
an den Schattengittern
ranken
o wenn im Blau
das über Gräsern winkt
im Gespinst der Nacht
der Morgentau
ihm lächelnd blinkt

 

Jul 5 18

Worte leer gesprochen

Hülsen
die ins Abseits rollen
Worte
leer gesprochen
Knospen
die sich wieder schließen
Hände
bange Vögel
in Traumgestrüpp gekrochen
und die manchmal
uns noch fließen
Tränen
blauer Mohn
dämmerfahl
unter grauen Schauern
lange schon
verschollen
und die manchmal
uns gemahnen
Schattenranken
zarter Flechten Qual
auf Friedhofsmauern
an die hohen Ahnen
ausgeseufzte Lieder
im namenlosen Staube
auf und nieder
schwanken

 

Jul 5 18

Einmal noch II

Einmal
Stäuben noch
wie keuschen Schnees
im Sternenhauch
von weichen Mooses Wort
das wimpernd schon auf Tropfen
sinnt

Einmal noch
Knirschen
goldener Körner
wenn Schaum des Winds
zwischen Schlaf und Schilf
fernes Lichtgefieder
blitzt

Einmal noch
Kühlung
heißem Puls
wenn Mädchen-Plauderns
Wasserfaden
wilder Huf des Satyrs unter-
bricht

Einmal
Fühlung noch
wenn weiße Blüte
von sanfter Geisterhand gepflückt
letzter Kuss
auf stumme Lippen
sinkt

 

Jul 4 18

Die Quelle

Gras und Schilf
Nest eines Munds
der mit Kristallen sang
brach sich der Strahl
an Wellenstrophen
schöpfte
sich ein Auge
mit den Schattenwimpern
Schlaf
Ging ein Traum
zum Quell und sprach:
Mich dürstet
nach dem Mund
der mir singt
die Ferne nah
der mir füllt
die weiße Knospe
mit dem reinen Lied
dass ins Licht
ich mich entfalte
Und die Quelle sang:
Sinke nieder
auf den Grund
Schauer hat
mein Gras
mein Mund
ist glatt
ein Spiegelglas
lass von Blitzen
meiner Lieder
deiner Knospe
Hülle ritzen
deine Qualen
werden Tropfen
und sie rinnen
auf die offnen
Blütenschalen
als hätten deine
Schattenwimpern
dir aus innrer Quelle
geschöpft die reine
Gunst der hohen Helle

 

Jul 4 18

Wozu

Mund wozu
wenn reinen
Wassers Lächeln
ungeküsst
verrinnt

Aug wozu
wenn scheuer
Knospe Schmerz
unter Blüten-
Lidern dunkelt

Herz wozu
wenn Geläut
der Abendglocke
unterm Schnee
erstickt

 

Jul 3 18

Sichtschneisen I

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Ich kann dein Leben nicht leben, du nicht meinen Tod sterben.

„Es könnte alles anders sein“ – das ist Unsinn.

Wärst du ganz anders, existiertest du nicht als derjenige, der du jetzt bist.

Wäre alles anders, existierte derjenige nicht, der glaubt, sich dies vorstellen zu können.

Es gibt kein externes Kriterium, an dem gemessen alles als so oder anders gewertet werden könnte.

Einer nimmt einen fremden Namen an, einer schreibt unter einem Pseudonym:
Es ist derselbe, der gestern Hans und heute Peter gerufen wird; es ist derselbe, der gestern mit seinem Geburtsnamen und heute mit einem fiktiven Namen zeichnet.

Wäre es nicht derselbe, verlöre der Begriff „Pseudonym“ seinen Sinn.

Wäre ich morgen ein anderer, könnte ich von dieser seltsamen Metamorphose nichts wissen.

Die Schatten in Dantes Hölle sprechen mit der ihnen ganz eigenen lichten Stimme.

Der Priester, der eine Taufe vollzieht, auch wenn er während der Zeremonie von abscheulichsten Phantasien gequält worden ist, hat den rituellen Akt dennoch vollgültig vollzogen.

Der Täufling hat einen Namen, auch wenn der Priester beim Aussprechen des Namens an etwas ganz anderes gedacht hat.

Dieser Vorgang ist ein semantisches Modell der Benennung und der Konstitution von Sinn.

Doch eine Maschine ohne Bewußtsein hätte den semantischen Ur-Akt nicht gültig vollzogen.

Warum? Sie könnte nicht wissen, dass sie eine Maschine ist, deren semantische Handlungen Schein-Handlungen sind, weil sie per definitionem nichts weiß.

Eine Maschine kann nicht sprechen, nicht nur weil sie nicht wissen kann, dass sie eine Maschine ist, sondern weil sie nicht einmal wissen kann, dass sie existiert.

Die Maschine könnte nicht meinen, dass sie keine Maschine sei, so wie wir von seelischer Auszehrung heimgesucht oder wie manche verrückten Philosophen von der verrückten Idee besessen meinen können, wir seien keine Menschen, sondern Maschinen.

Dass etwas da ist, irgendetwas, und sei es ein flackerndes Nichts, bevor es ein Gesicht annimmt, diese Tatsache ist symmetrisch und gleichursprünglich damit, dass etwas für irgendeinen, für mich oder für dich, da ist.

Der Hinweis darauf, dass etwas da ist, ist gleichsinnig mit der Aussage, dass etwas in den Gesichtskreis dessen tritt, der sagen könnte: „Da!“

Es muss Ur-Namen, Ur-Zeichen oder Ur-Begriffe geben, die nicht mittels Kombination bereits bekannter Zeichen gebildet werden.

Ein solcher Ur-Begriff ist „ich“. Wir kommen nicht von der Verwendung von „du“, „er“ und „sie“ zum Begriff „ich“.

Ein anderer ist „dies da“, der Sinnhorizont aller Dinge und Ereignisse, die dem Ich widerfahren.

Ein anderer wiederum „nicht“, womit wir die Grenze zwischen dem, was uns, und dem, was anderen widerfährt oder sonstwie geschieht, ziehen.

Mithilfe der Negation durchfurchen wir das Feld des Sinns, an den Seiten häufen sich die irrelevanten Möglichkeiten oder die ins Unkraut gefallenen Samenkörner.

Die Möglichkeit, wer? zu fragen, deutet auf den ontologischen Grund der Sprache.

Wer hat es gesagt, wer spricht?

Auf die Frage wer? antworten wir durch Angabe eines Namens. Peter hat es gesagt.

Peter ist nicht die Summe aller möglichen Beschreibungen, die wir von Peter durch Auflistung von Eigenschaften geben können, Eigenschaften wie Geschlecht, Größe, Alter, Beruf, Krankheiten, Vorlieben.

Peter ist nicht die biologische und soziale Identität als eine beliebige Summe von Eigenschaften. Wir treffen ihn nach zwanzig Jahren wieder, er hat sein Geschlecht umwandeln lassen, seinen Beruf gewechselt, ist von der Kinderkrankheit genesen und spielt heute lieber Schach als Fußball. Aber es ist derselbe Peter, mit dem wir in die Schule gingen.

Wir unterscheiden die biologisch, psychologisch und sozial definierte Identität oder Persönlichkeit von der semantisch-ontologischen Identität, die wir mit dem Namen verbinden, den der Täufling durch den Taufakt erhält.

Wir könnten im ungünstigsten Falle anhand unserer Beobachtungsdaten nicht mehr ermitteln, ob der Mann, der morgens das Haus verlässt, zu dem wir ihn abends als unseren Freund Peter begleitet hatten, derselbe Mann, Peter, ist. – Er aber weiß es.

Peter muss nicht wissen, dass Peter das Haus verlässt, nur, dass er es ist und kein anderer.

Wer meint, diese Rose sei rot, während sie in Wahrheit gelb ist, mag sich irren, weil er vielleicht fehlsichtig ist oder nicht gelernt hat, das Farbprädikat „rot“ korrekt zu benutzen. Doch wenn er im Ernst meint, die Blume sei rot vor Zorn, scheint er sich nicht auf eine Weise zu irren, die wir einsehen und korrigieren können. Er hat den Horizont des uns alltäglichen Sinns überschritten und spricht aus einem anderen Sinnhorizont als dem uns geläufigen.

Vielleicht ist er ein Dichter. So würden wir Dichtung als Entwurf einer Welt betrachten, in der die uns geläufigen Antworten auf die Fragen nach der semantisch-ontologischen Identität Wer? und Was? ungewöhnlich und neuartig ausfielen. So spricht im 26. Gesang des 1. Buchs der Divina Commedia Dantes die Zunge einer Flamme für den in die Hölle verbannten Odysseus.

Wenn die Rede davon ist, eine Rose neige ihr Haupt, verbleiben wir im Umkreis konventioneller Metaphorik. Wenn wir hören, die Rose sei eine verwunschene Prinzessin, die ihren Duft demjenigen aufspart, der ihre Schönheit ehrt, ohne sie zu pflücken, vernehmen wir den echten Märchenton.

Die Negation ist das Tor zum semantischen Begriff des Sinns.

Wir reden von Peter, und schließen dabei alle Personen, die nicht Peter sind, aus dem Sinnhorizont aus.

Wir sprechen Peter alle möglichen Eigenschaften zu, und können dabei im Zweifel sein, ob er musisch begabt oder ein Banause, tapfer oder feige, ehrgeizig oder träge ist, doch wenn sich herausstellt, daß er nicht die Person ist, die wir im Park gesehen haben, sondern deren Zwilling, sprechen wir über einen anderen.

„Es könnte alles ganz anders sein“ – aber wenn es so wäre, wüßten wir es nicht.

Denn auch der dies sagt, wäre nicht mehr derselbe.

Also macht es keinen Unterschied.

Daraus schließen wir: Sätze, die keinen Unterschied erkennen lassen im Falle, dass sie gelten oder nicht, sind sinnlos.

„Wäre ich nicht geboren, gäbe es die Spezies Mensch nicht, hätte David Goliath nicht besiegt“ – das sind unsinnige Annahmen, denn die Welt, die sie antizipieren, ist von der unseren begrifflich prinzipiell verschieden und demnach für uns unzugänglich.

Peter kann seine Freundin Carla an seiner statt mir das Buch aushändigen lassen, das er versprochen hat, mir an besagtem Tage wieder zurückzugeben. Doch nur er selbst, nicht ein anderer, kann dieses Versprechen gegeben haben.

Wir können auch sagen, in den wesentlichen subjektiven Bezügen unseres Lebens können wir uns nicht vertreten lassen.

Die Tatsache, dass einer den roten Fleck dort als Rose sieht, ist eine andere ontologische Tatsache, als diejenige, die der Satz beschreibt, dass dort eine rote Rose ist.

Der Blick kann nicht auf den Inhalt oder die Beschreibung des Gesehenen zurückgeführt werden.

Wir können die Tatsache der Wahrnehmung oder das Dasein der subjektiven Welt nicht auf die wahrgenommenen Inhalte zurückführen.

„Dort geht Peter.“ Dieser Satz, wie alle Sätze, deren Inhalt aus der Beschreibung von Sinnesdaten oder Beobachtungen besteht, ist eine Funktion der Tatsache, daß es jemanden gibt, der den Satz aufgrund seiner Wahrnehmung äußern könnte.

Die Tatsache, dass einer spricht, gehört einer anderen ontologischen Ebene an als das, was er äußert.

Wer redet, führt sich gleichsam selbst im Munde, die von ihm geäußerte Rede kann jeder andere nachsprechen.

Die hier etablierten Begriffe wie ego cogitans, Selbstaffektion, Subjektivität oder Dasein sind Fingerzeige, aber ohne selbsterklärende Evidenz.

Eine Evidenz finden wir in der bemerkenswerte Tatsache, dass die originären Zeichen oder Symbole für die Ich-Instanz sowohl singulär als auch universell sind: Der Pfeil auf der Wanderkarte steht für den je Einzelnen, der daran seinen Standort erkennt, und kann von allen Verständigen gelesen werden.

Eine andere Evidenz gewährt uns die sprachliche Tatsache, daß die Bildung der reflexiven Fürwörter mich und mir, mit denen wir leicht selbstbezügliche Empfindungen, Handlungen oder Widerfahrnisse wie „ich fühle mich schwach“, „ich wusch mir die Hände“ oder „ich verletzte mir den Finger“, ausdrücken können, sich eines anderen Wortstammes bedient als die nichtreflexive Form des Nominativs ich.

Das deutet auf die elementare Einsicht hin, dass die mit „Ich“ gemeinte Instanz nicht das Produkt oder Erzeugnis einer Reflexion ist, also auch nicht gelernt oder antrainiert werden kann.

Der Spiegel sagt nicht: „Du bist es.“

Und würde er es sagen, müsstest du, um zu verstehen, was er meint, schon gewusst haben.

Die Schachfigur belegt ein bestimmtes Feld auf dem Schachbrett. Das ist ein Modell der Bestimmtheit des Sinns.

Doch oft ist das Bedeutungsfeld vage oder verschwommen, ohne dass wir vor den Kopf gestoßen sind oder aus dem Spiel aussteigen.

Wenn wir von unserem Freund, der am Schreibtisch noch an einer wichtigen Arbeit sitzt, mit einem Fingerzeig Richtung Sofa und die Zeitungen auf der Anrichte aufgefordert werden, uns noch ein bisschen zu gedulden, werden wir, auch wenn „ein bisschen“ ein unbestimmter Ausdruck ist, doch ungeduldig, wenn wir den Lokalteil schon ganz gelesen haben, ohne dass sich unser Gastgeber gerührt hat.

Mag für Gott ein Äon wie ein Regentropfen an der Fensterscheibe verrinnen, uns kann die kurze Zeit, die wir auf den Geliebten warten, eine Ewigkeit dünken.

Wir können das Warten als Zumutung oder Selbstentfremdung empfinden. Wir können auch gleichsam zu uns selbst zurückkehren und uns der Wirklichkeit der stets gewärtigen inneren Leere stellen. Denn diese wird nur kurzzeitig und scheinbar durch die Stillung physischer Bedürfnisse aufgefüllt oder verdrängt. In Wahrheit existieren wir wie Wartende an einem Gleis, das längst tot ist. Wenn wir auf dem aufgeplatzten Asphalt, aus dessen Ritzen Löwenzahn und Gräser sprießen, in Gruppen herumstehen, plaudern wir über mehr oder weniger exotische Reiseziele. Doch die Fahrpläne sind Makulatur. Da ragt der eine oder andere Erzähler heraus, der durch die Kühnheit, den Charme und die Großzügigkeit seiner Traumberichte fasziniert. So gelangen wir zur Einsicht, dass der uns gemäße Zeitvertreib auf die Flucht zu imaginären Zielen hinausläuft, die Dichtung.

Der Mensch, könnten wir sagen, lebt nicht vom Brot allein, er bedarf auch des Weins der Symbole.

Wir erkennen die Wirksamkeit der Symbole schon auf der natürlichen Ebene: So ist der Kuss das natürliche Siegel auf dem Bund der Liebe und Freundschaft, aber auch wie der des Judas des Verrats.

Die Redewendungen, die wir zum Gruß und Abschied, zu Lob und Tadel, Freude und Trauer, Anteilnahme und Beileid gebrauchen, gehören zu den Urformen unserer symbolischen Welt.

Der Dichter erweitert und vertieft die uns naturgemäß angewurzelte symbolische Welt, indem er ihr frisches Blut aus dem Adergeflecht seiner Verse zufließen lässt oder ein neues Sternbild an den leeren Himmel wirft, das dann und wann, in der blauen Stunde der Selbstversunkenheit, auf dem dunklen Wasser unserer Ratlosigkeit und Leere geisterhaft schimmert.

 

Jul 2 18

Flocke

Zieht dich die Taube
mit dem harschen Flattern
noch über eines Kirschbaums
Blätterschatten?

O nicht weit
nicht weit!

Wie fremd klang schon
ihr Gurren vor dem Fenster
das im Nest
zerrissener Briefe
unter deiner Küchenspüle
die blinde Brut
der flügellosen Wünsche
weckt

Da war ein Fleck
der deine Aussicht trübte
wie einer Rose
zart zerknüllte Wange
auf kalter Scheibe
(geisterhafte Wand
hier dieses Wort
und jenseits jener Duft)
der bald
verblasste

Nur rührt dich weißer Flaum
der wie aus einer Wolke
Flocke
der Erinnerung
aufs Fenstersims
dir lautlos
schwebt herab

 

Jul 2 18

Paul Valéry, Baignée

Un fruit de chair se baigne en quelque jeune vasque,
(Azur dans les jardins tremblants) mais hors de l’eau,
Isolant la torsade aux puissances de casque,
Luit le chef d’or que tranche à la nuque un tombeau.

Éclose la beauté par la rose et l’épingle!
Du miroir même issue où trempent ses bijoux,
Bizarres feux brisés dont le bouquet dur cingle
L’oreille abandonnée aux mots nus des flots doux.

Un bras vague inondé dans le néant limpide
Pour une ombre de fleur à cueillir vainement
S’effile, ondule, dort par le délice vide,

Si l’autre, courbé pur sous le beau firmament,
Parmi la chevelure immense qu’il humecte,
Capture dans l’or simple un vol ivre d’insecte.

 

Überströmt

Fruchtfleisch badet sich in einer jungen Schale
(es blaut in bebenden Gärten) doch ganz unbenetzt,
sie trennt die Kordel von des Helmes hohem Male,
rein leuchtet Gold, das dem Hals ein Grabmal setzt.

Schönheit, Rosen und Spangen falteten sie aus!
Sie trat selbst aus dem Spiegel, wo ihre Perlen quellen,
seltsam versprühter Flammen peitscht der trockne Strauß
das Ohr, verwaist auf nackter Worte sanften Wellen.

Ein vager Arm, dem transparent das Nichts geronnen,
zerfranst um einen Blumen-Schatten-Strauß betrogen,
vergeht in Kräuseln, schläft entwirklicht von den Wonnen,

der andre, rein dem schönen Firmament gebogen,
greift durch der Haare Fülle, die ihn weich umleckt,
im schlichten Golde trunknen Fluges ein Insekt.

 

Jul 1 18

Paul Valéry, Valvins

Si tu veux dénouer la forêt qui t’aère
Heureuse, tu te fonds aux feuilles, si tu es
Dans la fluide yole à jamais littéraire,
Traînant quelques soleils ardemment situés

Aux blancheurs de son flanc que la Seine caresse
Émue, ou pressentant l’après-midi chanté,
Selon que le grand bois trempe une longue tresse,
Et mélange ta voile au meilleur de l’été.

Mais toujours prês de toi que le silence livre
Aux cris multipliés de tout le brut azur,
L’ombre de quelque page éparse d’aucun livre

Tremble, reflet de voile vagabonde sur
La poudreuse peau de la rivière verte
Parmi le long regard de la Seine entr’ouverte.

 

Valvins

Willst du den Gürtel lösen diesem Wald,
der glücklich dich umfächelt, aufs Blatt geflossen,
in flüssigem Boot für immer Wortgestalt,
treiben Sonnen, ausgestreute Sommersprossen

auf seiner Lende Schnee, sie liebkost die Seine
gerührt oder ahnend Nachmittagsgesang
auf einen langen Zopf, benetzt von Waldes Träne,
zieht deinen Schleier sie durch Sommers Überschwang.

Doch dir nahe, den das Schweigen Schreien beut,
ganz im bloßen Himmelsblau verbreitet,
der Schatten, auf die Seite eines Buchs gestreut,

zittert immer, Schleiers Widerschein, der gleitet
auf die bestäubte Haut der grünen Ufersäume,
wo lang die Seine blickt, die Lider senken Träume.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=Valvins&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjyl-n1yv7bAhUKCpoKHawGCzgQ_AUIDCgD&biw=1120&bih=595#imgrc=am7BSkEIxUMubM:

 

Jul 1 18

Paul Valéry, Vue

Si la plage penche, si
L’ombre sur l’oeil s’use et pleure
Si l’azur est larme, ainsi
Au sel des dents pure affleure

La vierge fumée ou l’air
Que berce en soi puis expire
Vers l’eau debout d’une mer
Assoupie en son empire

Celle qui sans les ouïr
Si la lèvre au vent remue
Se joue à évanouir
Mille mots vains où se mue

Sous l’humide éclair de dents
Le très doux feu du dedans.

 

Vor Augen

Wenn sinkt der Strand, wie
überm Auge Schatten weicht und weint,
wenn Träne ist Azur, sie
im Salz von Zähnen rein erscheint,

die Jungfrau, in Schwaden oder Luft,
die sie wiegt in sich und dann haucht
dem Wasser hoch aus Meeres Duft,
schläfrig in ihr Reich getaucht,

jene, kann sie auch nicht fassen,
wenn die Lippe windbewegt
gewillt ist zu verblassen,
tausend leere Worte, da sich regt

unter Zahnes Blitz, dem feuchten,
des Innern übersüßes Leuchten.

 

Jul 1 18

Paul Valéry, Hélène

Azur! c’est moi… Je viens des grottes de la mort
Entendre l’onde se rompre aux degrés sonores,
Et je revois les galères dans les aurores
Ressuciter de l’ombre au fil des rames d’or.

Mes solitaires mains appellent les monarques
Dont la barbe de sel amusait mes doigts purs;
Je pleurais. Ils chantaient leurs triomphes obscurs
Et les golfes enfuis aux poupes de leurs barques.

J’entends les conques profondes et les clairons
Militaires rythmer le vol des avirons;
Le chant clair des rameurs enchaînes le tumulte,

Et les Dieux, à la proue héroïque exaltés
Dans leur sourire antique et que l´écume insulte,
Tendent vers moi leurs bras indulgents et sculptés.

 

Helena

Azur, ich bin’s … Ich komme aus den Todesklüften
die Wellen hören, die in Klangkaskaden schmettern,
und schau Galeeren wieder in den Sonnendüften
aus Schatten steigen mit den goldnen Ruderblättern.

Nach Herrschern rufen einsam meine Hände,
ihr Bart aus Salz war meiner keuschen Finger Schmiege.
Mir kamen Tränen. Sie sangen ihre düstern Siege,
die Buchten, die verdunkelt vieler Spanten Wände.

Ich hör die Muscheln in der Tiefe, die Fanfaren
dem Flug der Riemen ihren Rhythmus wahren.
Das helle Lied der Ruderer fesselt Sturmes Stöhnen,

die Götter am Helden-Bug Galionsfiguren
des frühen Lächelns, dem Gischtes Spritzer höhnen,
mir recken vergebend sich die Arme der Skulpturen.

 

Jun 30 18

Paul Valéry, Au Bois Dormant

La princesse, dans un palais de rose pure,
Sous les murmures, sous la mobile ombre dort,
Et de corail ébauche une parole obscure
Quand les oiseaux perdus mordent ses bagues d’or.

Elle n’écoute ni les gouttes, dans leurs chutes,
Tinter d’un siècle vide au lointain le trésor,
Ni, sur la forêt vague, un vent fondu de flutes
Déchirer la rumeur d’une phrase de cor.

Laisse, longue, l’écho rendormir la diane,
Ô toujours plus égale à la molle liane
Qui se balance et bat tes yeux ensevelis.

Si proche de ta joue et si lente la rose
Ne va pas dissiper ce délice de plis
Secrètement sensible au rayon qui s’y pose.

 

Im schlafenden Wald

Die Prinzessin schläft im Schloss der reinen Rose
unter Geflüster, unter leichter Schatten Schwingen,
aus Korallen hauchen Stimmen, schwerelose,
und selig picken Vögel an ihren goldenen Ringen.

Sie hört die Tropfen nicht in ihrem Fall,
von ferne läuten nicht der leeren Zeiten Hort
noch überm Blättermeer der Flöten lauen Hall
zerstieben eines Waldhorns stockenden Akkord.

Lass Echo schläfern ausgestreckt Diane,
O immer einiger mit schmeichelnder Liane,
die wiegt sich, trifft dein Auge unter Blättern.

So nahe deiner Wange, Rose, die so träge schaukelt,
wird nicht der Falten Wonne dir zerschmettern,
geheimen Sinnes mit dem Strahle, der dort gaukelt.

 

Jun 30 18

Paul Valéry, César

César, calme César, le pied sur toute chose,
Les poings durs dans la barbe, et l’œil sombre peuplé
D’aigles et des combats du couchant contemplé,
Ton cœur s’enfle, et se sent toute-puissante Cause.

Le lac en vain palpite et lèche son lit rose ;
En vain d’or précieux brille le jeune blé ;
Tu durcis dans les nœuds de ton corps rassemblé
L’ordre, qui doit enfin fendre ta bouche close.

L’ample monde, au delà de l’immense horizon,
L’Empire attend l’éclair, le décret, le tison
Qui changeront le soir en furieuse aurore.

Heureux là-bas sur l’onde, et bercé du hasard,
Un pêcheur indolent qui flotte et chante, ignore
Quelle foudre s’amasse au centre de César.

 

Caesar

Caesar, ruhiger Caesar, deinen Fuß auf allen Dingen,
im Bart die harten Fäuste, im dunklen Auge hängen
Adler und Schlachtenbilder von Sonnenuntergängen,
es schwillt dein Herz und fühlt, es könne alles zwingen.

Vergebens wogt der See und züngelt sich zu Rosen vor.
Umsonst glänzt junges Korn in goldner Pracht.
Du straffst mit Knoten in des Leibs geballter Macht
die Order, die Axt für deines Munds verschlossnes Tor.

Der Weltkreis, Fernen, wo alle Linien verschwimmen,
das Reich, es wartet auf Strahl, Dekret und Scheites Glimmen,
zu stürzen diesen Abend in Morgenrotes Zorneslicht.

Dort unten vom Glück gewiegt, der Welle wandelbar,
treibt dumpf ein Fischer und er singt, er weiß nicht,
welch ein Blitz sich staut in deiner Mitte, Caesar.

 

Jun 29 18

Paul Valéry, Naissance de Vénus

De sa profonde mère, encor froide et fumante,
Voici qu’au seuil battu de tempêtes, la chair
Amèrement vomie au soleil par la mer,
Se délivre des diamants de la tourmente.

Son sourire se forme, et suit sur ses bras blancs
Qu’éplore l’orient d’une épaule meurtrie,
De l’humide Thétis la pure pierrerie,
Et sa tresse se fraye un frisson sur ses flancs.

Le frais gravier, qu’arrose et fuit sa course agile,
Croule, creuse rumeur de soif, et le facile
Sable a bu les baisers de ses bonds puérils;

Mais de mille regards ou perfides ou vagues,
Son oeil mobile mêle aux éclairs de perils
L’eau riante, et la danse infidèle des vagues.

 

Geburt der Venus

Aus mütterlicher Tiefe, frostiges Gewitter,
auf blanker Schwelle dort des Sturms, vom Gischt
das Fleisch so bitterlich zur Sonne ausgezischt,
verschüttet Diamanten sie, des Wirbels Flitter.

Ihr Lächeln kommt, es gleitet hin zu weißen Händen,
von gequetschter Schulter Morgenland fließt Tau,
der feuchten Thetis edler Perlen-Bau,
ihr Zopf bahnt einen Schauer um die Lenden.

Der kühle Kies, ihn netzt ihr Fuß zur Flucht gewandt,
gibt nach, die Höhlen seufzen Durst, der Sand
hat ihrer kindlichen Sprünge Küsse getrunken.

Doch tausend Blicke, harter oder weicher Glanz,
ihr reges Auge mischt unter die Schreckensfunken,
des Lächelns Feuchte und treuloser Wogen-Tanz.

 

Jun 29 18

Paul Valéry, Féerie I

La lune mince verse une lueur sacrée,
Toute une jupe d’un tissu d’argent léger,
Sur les bases de marbre où vient l’Ombre songer
Que suit d’un char de perle une gaze nacrée.

Pour les cygnes soyeux qui frôlent les Roseaux
De carènes de plume à demi lumineuse,
Elle effeuille infinie une rose neigeuse
Dont les pétales font des cercles sur les eaux…

Est-ce vivre?… Ô désert de volupté pamée
Où meurt le battement faible de l’eau lamée,
Usant le seuil secret des échos de cristal…

La chair confuse des molles roses commence
À frémir, si d’un cri le diamant fatal
Fêle d’un fil de jour toute la fable immense.

 

Feerie I

Der schmale Mond wirft einen Heiligenschein,
einen Rock aus Silberfäden leicht gewebt,
aufs Marmorsims, wo träumend eine Jungfrau schwebt,
Perlen- und Gaze-Schimmer hüllt sie ein.

Den seidnen Schwänen, die mit der Kiele Flaum,
halb in Licht getaucht, streifen Schilfes Rohr,
zupft sie unendlich einer Rose schneeigen Flor,
und auf dem Wasser kreist der Blütenschaum.

Heißt das Leben? … O Wonne Wildnis, blass und blasser,
wo stirbt das vage Pulsen golddurchwirkter Wasser
und hat kristallnen Echos geheime Schwelle überrannt.

Das Fleisch der weichen Rosen rings zerstreut es fängt
zu zittern an, als schneide Schicksals Diamant
des Tages Faden durch, woran das ganze Wunder hängt.

 

Jun 28 18

Paul Valéry, Féerie II

La lune mince verse une lueur sacrée,
Comme une jupe d’un tissu d’argent léger,
Sur les masses de marbre où marche et croit songer
Quelque vierge de perle et de gaze nacrée.

Pour les cygnes soyeux qui frôlent les roseaux
De carènes de plume à demi lumineuse,
Sa main cueille et dispense une rose neigeuse
Dont les pétales font des cercles sur les eaux.

Délicieux désert, solitude pâmée,
Quand le remous de l’eau par la lune lamée
Compte éternellement ses échos de cristal,

Quel coeur pourrait souffrir l’inexorable charme
De la nuit éclatante au firmament fatal,
Sans tirer de soi-même un cri pur comme une arme?

 

Feerie

Der schmale Mond wirft einen Heiligenschein,
wie einen Rock aus Silberfäden leicht gewebt,
aufs Marmorsims, wo träumend eine Jungfrau schwebt,
Perlmutt- und Gaze-Schimmer hüllt sie ein.

Den seidnen Schwänen, die mit der Kiele Flaum,
halb in Licht getaucht, das Schilf umkosen,
pflückt sie, streut sie aus den Schnee der Rosen,
und auf den Wassern kreist der Blütenschaum.

Holde Wildnis, Einsamkeit in Traum zerflossen,
da vom Mond mit Glimmerlahn durchschossen
ewig zählen Wellen ihre Echos aus Kristallen,

wer ertrüg den gnadenlosen Zauber solch
einer Nacht, wenn Sterne schicksalhaft zerfallen,
und zückte aus sich nicht blanken Schreies Dolch?

 

Jun 28 18

Laub von Schatten

Laub von Schatten
rankt
dem Efeu gleich
am schmalen Fenster
schlängelt
durch die Gitterstäbe
Blaue Früchte
klopfen
im Abendhauch
wie alten Flehens
Hände
an das Glas
woran ein Auge
heller Tropfen
blitzt
Blume die gezittert
auf dem Wasser
unterm Kuß des Lichts
und der Mund der Tiefe
seufzte
schließt die Knospe
um ein Herz
das nicht träumt
Auf der Schwelle
sitzt ein Kind
ausgerollt dämmert
bunt der Ball
noch feucht vom Tau
geknickter Gräser
Die es rief
Stimme aus dem Laub
der Schatten
sank
ein Glitzern am Blatt
dem Efeu gleich
hinab zur stummen Erde
Schwarze Ziffern
streuen Samenkapseln
in den Schnee des Monds
Keine Seele kommt
und liest
Abendblaue Knospe
schließt sich
um ein Herz
das nicht schläft

 

Jun 28 18

Lacrimosa

Lacrimosa dies illa
Qua resurget ex favilla
Judicandus homo reus.
Huic ergo parce, Deus.
Pie Jesu Domine,
Dona eis requiem.
Amen.

 

Jener Tag wird Tränen sehen,
wenn aus Aschen auferstehen,
Menschen vor dem Richter beben.
Laß, Gott, deine Engel schweben.
Jesus, Herr du mild und weich,
Laß sie ruhn in deinem Reich.
Amen.

 

Mozart, Requiem:
https://www.youtube.com/watch?v=mhYCaQkbkyw

 

Jun 27 18

Paul Valéry, Orphée

Je compose en esprit, sous les myrtes, Orphée
L’Admirable!… le feu, des cirques purs descend;
Il change le mont chauve en auguste trophée
D’où s’exhale d’un dieu l’acte retentissant.

Si le dieu chante, il rompt le site tout-puissant;
Le soleil voit l’horreur du mouvement des pierres;
Une plainte inouïe appelle éblouissants
Les hauts murs d’or harmonieux d’un sanctuaire.

Il chante, assis au bord du ciel splendide, Orphée!
Le roc marche, et trébuche; et chaque pierre fée
Se sent un poids nouveau qui vers l’azur délire!

D’un Temple à demi nu le soir baigne l’essor,
Et soi-même il s’assemble et s’ordonne dans l’or
À l’âme immense du grand hymne sur la lyre!

 

Orpheus

Geist dichtet unter Myrten mir Orpheusʼ Wunderglanz,
und Feuer rinnt von reinen Kuppeln nieder.
Er legt auf kahlen Gipfel seinen Siegeskranz,
da wölken eines Gottes hohe Lieder.

Der Gott singt und die Allmacht-Mauer birst.
Die Sonne sieht das Grauen, wie sich regt Gestein.
Nie gehörte Klage bannt auf hohen First
einem Heiligtume Goldes Zauberschein.

Er singt am Himmelsufer lichtumspült,
Orpheus! Fels wandert, wankt, ein jeder Stein, er fühlt
die Fee der leichten Last ins hohe Blau entrückt!

In einen Tempel halbentblößt Abend taucht den Flug,
sich selber sammelt, weiht er in den goldenen Fug
der Riesenseele, die dem Lied der Leier glückt!

 

Jun 27 18

Paul Valéry, La Fausse Morte

Humblement, tendrement, sur le tombeau charmant
Sur l’insensible monument,
Que d’ombres, d’abandons, et d’amour prodiguée,
Forme ta grâce fatiguée,
Je meurs, je meurs sur toi, je tombe et je m’abats,

Mais à peine abattu sur le sépulcre bas,
Dont la close étendue aux cendres me convie,
Cette morte apparente, en qui revient la vie,
Frémit, rouvre les yeux, m’illumine et me mord,
Et m’arrache toujours une nouvelle mort
Plus précieuse que la vie.

 

Die Schein-Tote

Ergeben, zärtlich, auf dem bezaubernden Grabmal,
ein Denkstein weiß von keiner Qual,
dessen Schatten, hingestreute Liebeszeichen
deiner Anmut Blässe gleichen,
dort sterbe, sterbe ich auf dir, ich stürze ein,

doch kaum gesunken auf des Grabes Stein,
da seine schmale Pforte mich zur Asche winkt,
erscheint die Tote, in die frisches Leben dringt,
erbebt, ihr Lid geht auf, ihr Biss, er macht mich rot
und reißt aus mir nur immer neuen Tod,
der mehr als Leben Fülle bringt.

 

Jun 26 18

Paul Valéry, Un feu distinct

Un feu distinct m’habite, et je vois froidement
La violente vie illuminée entière…
Je ne puis plus aimer seulement qu’en dormant
Ses actes gracieux mélangés de lumière.

Mes jours viennent la nuit me rendre des regards,
Après le premier temps de sommeil malheureux ;
Quand le malheur lui-même est dans le noir épars
Ils reviennent me vivre et me donner des yeux.

Que si leur joie éclate, un écho qui m’éveille
N’a rejeté qu’un mort sur ma rive de chair,
Et mon rire étranger suspend à mon oreille,

Comme à la vide conque un murmure de mer,
Le doute, — sur le bord d’une extrême merveille,
Si je suis, si je fus, si je dors ou je veille ?

 

Helles Feuer

Ein helles Feuer wohnt in mir, der fröstelnd sieht
des Lebens strenge Macht im Lichte ganz entblößt.
Ich kann nur lieben noch, wie mir im Schlaf geschieht,
die Anmut seines Spiels, im Glanze aufgelöst.

Die Tage schenken Blicke meiner Nacht erneut
nach ersten Schlummers schwerem Unheilsbeben.
Hat sich das Unglück willig in die Nacht verstreut,
dann kehren sie, mir Leben, Augen mir zu geben.

Bricht ihre Freude auf, hat Echo das mich weckt
nur einen Toten ans Ufer meines Fleischs gespült,
und eignes Lachen fremd hat mir ans Ohr geheckt,

wie in die leere Muschel Meeres Murmeln wühlt,
den Zweifel – an einem Strand, von Feenschaum beleckt:
Bin da ich, war ich, wach ich, hat mich Traum geneckt?

 

Jun 26 18

Schick Deinen Engel Herr

Schick Deinen Engel Herr
jenen leisen
dessen Flügelspitzen
Tau gestreift
silbern am Gesträuch
der Dämmerung
da Seine Aura
auf Tabors Gipfel
schwebte
Schick mir diesen Herr
daß er mir das Grauen
greller Bilder
trüber Träume
von den Lidern hauche
Schick Deinen Engel Herr
jenen jungen
der seine Fackel
in der Wolke Wohlgeruch
getaucht
von Gewürz und Ölen
als die Schöne
milden Sinns
Sein Haupt gesalbt
Schick mir diesen Herr
daß er mir die Fäulnis
welker Worte
Lügenpusteln
von den Lippen brenne
Schick Deinen Engel Herr
jenen kessen
der einen Apfel stahl
der aus übervollen Körben fiel
beim Hochzeitsmahl
zu Kanaan
und er schmeckte
Schick mir diesen Herr
daß er in die Lücke
meines Verses
blassen Reimes
eine goldne Locke drücke
Schick Deinen Engel Herr
jenen sanften
der mit Tränen harrte
und lehnte eines Flügels
weißes Beben
an den hohen Stein
des Felsengrabs
Schick mir diesen Herr
mein Gesicht zu hüllen
mit seiner kühlen Schwinge
daß unter Seufzern
eines Herzens
das verklingt
sein Flaum
noch bausche

 

Jun 26 18

Lebenslied verrinnt

Züngelt
flackert
die Flamme
wie das Wachs der Kerze
schmilzt
wie es weich
an den Seiten niederrinnt!
Wie es rinnt
und sich am Grund
in ungestalten Formen
neu verhärtet
unförmig
ungestalt!
Ist das Mark
durchweicht
schwimmt der Docht
im Sud der Leere
kann tauber Finger
sinkende Glut
nicht auf die Kuppe heben!
Rinnst
Lied des Lebens
rinnst du so
aus dem Brunnenmund
an Steines
schwarzer Wange
rieselnd
deinen Glanz vertröpfelnd
und verschluchzt
da drunten
fern vom Widerhall
von Blatt und Stirn
in grauen Lachen
die kalter Hauch
verharscht
unter Disteln stäubt
und Dorngestrüpp?
Wessen Hand
aufgewölbtes
Rosenblatt
finge denn
die Tropfen auf
Wasser
der Erinnerung?
Schon ist die Schmerz-Triole
Nachtvogels
nächtigste
Entäußerung
schwarzer Sonne
Schaum des Winds
auf der Birke
fahler Haut
hinabgeseufzt!
Und das Wort
das mich dir gab
das Wort
das dich mir gab
hat kaum das Auge
aufgeschlagen
blendet es
hohen Schicksals
Blitz
oder das fremde Auge
eines Leuchtturms
der schon wankt
und im Morast
versinkt
O der Kelch
den schöne Hand
ins Licht der Wunde hielt
und füllte sich mit Licht!
O das Tuch
das scheue Hand
dem Schmerzensantlitz lieh
und seiner groben Fasern
Dunkelheit
sog auf das lichte Bild!
Welches Blatt
finge denn
die Tränen auf?
Welche Hand
Wasser der Erinnerung?

 

Jun 25 18

Paul Valéry, L’Abeille

Aus: Charmes

Quelle, et si fine, et si mortelle,
Que soit ta pointe, blonde abeille,
Je n’ai, sur ma tendre corbeille,
Jeté qu’un songe de dentelle.

Pique du sein la gourde belle,
Sur qui l’Amour meurt ou sommeille,
Qu’un peu de moi-même vermeille,
Vienne à la chair ronde et rebelle !

J’ai grand besoin d’un prompt tourment :
Un mal vif et bien terminé
Vaut mieux qu’un supplice dormant !

Soit donc mon sens illuminé
Par cette infime alerte d’or
Sans qui l’Amour meurt ou s’endort !

 

Die Biene

Dein Stachel, ist er noch so dürr,
trägt, blonde Biene, Schicksalsfracht,
mein Bienenkorb wölbt zarte Tracht
aus Spitzentüll und Traumgewirr.

Stich in den schönen Kelch der Brust,
wo Liebe liegt im Schlaf, im Tod,
daß rinne mir ein hohes Rot
auf meines Fleisches runde Lust!

Ich brenne nach der raschen Qual,
die helle Pein, die schnell vergeht,
geht über dunkles Wundenmal!

So sei mein Sinnen lichtumweht,
von flinker Flügel Gold bedroht,
sonst schläft die Liebe, ist sie tot!

 

Jun 25 18

Blumenschale

Blumenschale
holdes Wölben
transparenter Hand
der das Wasser
aus dem Brunnenmunde
sang
ein Traum von Ebenmaß
ein Knospenkelch
aus reinem Glas
gelang
in stiller Schöpferstunde
Und bricht
durch ihre Spiegelwand
in Farbendunst
das Morgenlicht
füllt ihr Sein sich voller
mit dem Überhang
der Liebesgunst
weißer gelber Blütenblätter
auch wenn Schatten wirren
Blatt und Halm
auch wenn Tränen
an den Wimpern flirren
und sie rinnen
und sie fallen
aus der Schale
auf das harsche Linnen
wo im Blau
der Winternacht
blinder Tau
sie frieren
Hebt
ein Wort der reinen Kunst
sie auf seinen Blütenrand
wird ihr Glanz
sich nicht verlieren
Auch wenn Keim
und Duft
im dämmerndem Zimmer
schon verweht
leuchtet
bis die Nacht vergeht
leiser Schimmer
in der Blumenschale
saugt ein Falter
leiser Reim
vom Munde der Narzisse
letzte Küsse

 

Jun 24 18

Leiser Sang XX

Strahl hat dich geweckt
aus dem Schilf des Schlafs
Vogel sang
auf schwankem Halme
Blaue Zunge hat geleckt
an deiner Wange Wind
Du gehst die alten Wege
Wasser
hat sie vorgebahnt
frühen Liedes Rauschen
vom Nebeltal
über Moos und bange Stege
in den hohen Wald
am Licht der Quelle
zu lindern
deine dunkle Qual
Und du steigst
zur Wolkenhelle
auf mit Lerchen
die im Mittag schweben
barfuß auf warmem Stein
zu stehen
am Kräuterduft
dem zarten
dich zu laben
der Lieben zu gedenken
die am Strome leben
oder unter stillen Veilchen
warten
auf ein Wiedersehen
die das Brot dir gaben
und den edlen Wein
des Gesanges
Und dir träumt
wie deiner Lippen Hauch
in scheuer Blätter Wehen
ihnen Trost mag schenken
ganz umsäumt
von Flocken
weißer Schlehen
Und du harrst
einsam vor den Gittern
eines Bildstocks
der Passion
wo die späten Rosen
ranken
wo die letzten Schatten
zittern
Und aus dunklem Grunde
tönen dem verlornen Sohn
Abendglocken
wie ein fernes
frohes Danken

 

Jun 24 18

Leiser Sang XIX

Auf Herbstes kargen Hügeln
Feuer
als versprühten
im Sterben aufgereckte
Seelen
stumme Schreie
Welke Blätter
rote Zungen
die sich einwärts krümmen
ausgesungen
Du erblickst
vom Schatten-Garten
feucht und kalt
das Verschwelen
zarter Aschen
auf den Hügeln
Du hörst
unter wolkenmüden
Schatten-Schwingen
toter Hölzer
Purpurrippen
singen
Und schon bald
rinnt dein Warten
loser Staub
aus Mohnes
schwanker Kapsel
Was auf deinen Wangen
was auf deinen Lippen
früh geblüht
holdes Bangen
süßes Stammeln
ist verglüht
Die Morgenlicht
betaut
Duft verströmte
blonde Locke
ist ergraut
Rätselleise
ist der Schmerz
hinabgetropft
in roten Blattes
dürre Schneise
Auf die schwarze Erde
klopft
vergällte Frucht
Bläst der Wind
in Scheite
die zerbröckeln
stieben
aus dem Grab erwacht
Geister-Funken
in die leere Weite
vor das dunkle Tor
Dann ist alles
was dein Schauen hob
was dein Hauch beschwor
in die Nacht gesunken
Nacht
o tränenlose
schwarze Rose

 

Jun 23 18

Laudate Dominum

Laudate Dominum omnes gentes
Laudate eum, omnes populi
Quoniam confirmata est
Super nos misericordia eius,
Et veritas Domini manet in aeternum.

Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto.
Sicut erat in principio, et nunc, et semper.
Et in saecula saeculorum.

Amen.

 

Lobet den Herren, alle Stämme,
Lobet ihn, ihr Völker alle,
Denn ausgegossen ist
sein Erbarmen über uns,
des Herren Wahrheit bleibt in Ewigkeit.

Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit,
in Ewigkeit.

Amen.

 

Wolfgang Amadeus Mozart:
https://www.youtube.com/watch?v=rbWq6rWv2I4

 



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