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Jan 22 21

Magisches Denken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Beim Kuckuck-Spiel schlägt das Kind die Hände vors Gesicht und wähnt, es sei nicht da.

Die primitive Vorstufe zur Negation sehen wir im volitionalen „Weg!“, „Pfui“, „Nicht“ – wobei „nicht“ hier nicht konstatierend gebraucht wird, sondern etwa in dem Sinne: „Das bitte nicht“ oder „Nicht auch das noch!“

Der Ball ist unter den Schrank gerollt, das Kind ruft erstaunt oder enttäuscht: „Weg!“ Es ist nicht ganz klar, ob es damit die Feststellung trifft oder impliziert, daß der geliebte Gegenstand nicht mehr da ist, oder ob es meint, es werde von ihm gefoppt.

Wenn wir uns in eine fiktive Lebensform versetzen, bei der alle Kognitionen vom Ausdruck des Wollens und Begehrens, also durch reine Volitionen, überlagert wären, käme die Feststellung, daß ein Gegenstand, der gewöhnlich in Reichweite war, plötzlich verschwunden ist, der Verblüffung oder dem Erschrecken darüber gleich, daß er uns, einem lebenden Wesen ähnlich, genasführt, enttäuscht, verlassen hat. – Das wäre vielleicht keine schlechte Definition magischen Denkens.

Der Freund ist zum Ort und zur ausbedungenen Zeit der Verabredung nicht erschienen. Wir können vernünftigerweise annehmen, daß er aus zwingenden äußeren Gründen gehindert war zu erscheinen; wir können uns aber auch, trotz besseren Wissens von seiner Treue und Verläßlichkeit, finsteren Ahnungen hingeben, der Befürchtung, daß er gar nicht kommen wollte und mit seinem Ausbleiben seinen Unwillen oder seine Mißachtung zum Ausdruck bringt.

Wir können die Abwesenheit des anderen gleichsam mit beruhigenden oder verstörenden Gedanken füllen, zwischen Beschwichtigungen und Selbstzweifeln schwanken.

Zu glauben, daß wir selber weniger, leerer, ohnmächtiger werden, wenn wir einen wertvollen Gegenstand verlieren oder sich ein geliebter Mensch von uns abwendet oder stirbt, scheint ebenfalls ein charakteristisches Merkmal magischen Denkens zu sein.

Magisches Denken ist nicht, wie Rationalisten, Aufklärer, Gläubige einer höheren Menschheitsmoral und Adepten der Frankfurter Schule wähnen, eine Form des Denkens und eine durch sie geprägte Weise sozialen Umganges, deren Überreste vielleicht noch bei den nackten Indigenen auf Papua-Neuguinea oder in den Urwäldern Amazoniens bestaunt werden können, das im übrigen aber aus der westlich geprägten zivilisierten Welt dank allgemeiner Volksbildung und dem Siegeszug der Technik und unter der Strahlkraft des wissenschaftlichen Weltbilds verschwunden ist; magisches Denken ist vielmehr in allen häuslichen und institutionellen Bereichen lebendig, in denen wie in Urzeiten die Charismen der Macht und Beeinflussung, die Suggestionen und Insinuationen des intimen Geplauders und der öffentlichen Rede sowie der Zauber der Poesie und Musik ihre archetypischen Rollen spielen.

Die sanften und lilienhellen, die herben und achatschwarzen Harmonien Mozarts, die schwermutblauen Veilchen und efeustillen Dämmerungen Schuberts, die ozeanisch brausenden Klänge Bruckners, sie haben die magische Wirkung von Inhalationen exotischen Räucherwerks, von Injektionen indianischer Gifte.

Magisches Denken bemächtigt sich in den Formen der Neurose und Psychose auch des klarsten, hellsichtigsten Kopfes, wie des großen Logikers Gödel, der Hungers starb, weil er die von seiner Frau zubereiteten Speisen als vergiftet von sich wies.

Die magische Wirkung des tränenglänzenden Blicks der untreuen Liebe kann durch noch so stichhaltige Argumente nicht widerlegt, durch skeptische Erwägungen nicht gemindert werden.

Faust, der deutsche Intellektuelle par excellence, ergibt sich, um der Dürftigkeit, der Starre und dem Moder seines Empfindens zu entrinnen, der schwarzen Magie; doch wenn er in quälenden Leidenschaften entbrannt, vom Lidschlag des fernsten Horizontes berückt, auf dämonischen Flügeln die Weltteile und Zeitalter durchrast hat, sehnt er sich nach der Stille des meerblauen Augenblicks, die ihm der seraphische Zauber der wolkenlosen Höhe zu gewähren oder wenigstens zu versprechen scheint.

Der kleine, mickrige, rachsüchtige Mephistopheles, der auf dem Balkon des Reichstages vor dem Flammenmeer der aufgewühlten Masse sein hypnotisches Krächzen anstimmte.

Magische, zauberische Substanzen und Stoffe, die mit ihrem Funkeln und Gleißen, ihrem Knistern, Flüstern und Duften sich der nach Glanz und Entrückung dürstenden Seele bemächtigen, Opal und Smaragd, Bernstein und Rubin, Samt und Brokat, Quellen, Flammen und Blüten.

Magie des Sexus, die beliebig welches Organ und Segment des begehrten und gefürchteten Körpers, Haar und Auge, Mund und Brust, Nabel und Geschlechtsteil, Hände und Füße mit einer imaginären Energie aufzuladen vermag, die den Besessenen zum Voyeur und Fetischisten, zum Verfolger und Selbstquäler, zum Mörder und Selbstmörder verurteilt.

Worte der Dichtung, Phiolen des Verses voll magischer Essenzen, die ihren betörenden Duft, ihr bezauberndes Melos über dem Empfängnisbereiten ausschütten.

Der epische Stoff des Bluts und was ihn zum Wallen oder Stocken bringt, zum Erstarren oder Brausen, wir finden ihn in der Gothic Novel, in der Gespenstergeschichte und im Kriminalroman.

Die Todesdrohung und der Wunsch nach Unsterblichkeit sind urtümliche Themen des magischen Denkens.

Das Versprechen des lustigen Brunnens im Paradies eines Hieronymus Bosch, der alle verjüngt, die in ihn eintauchen, wir finden seine Magie in der Werbung für die Wundersalbe, die Falten und Runzeln wegzaubert, in der Anpreisung dieses Vitaminpräparates und jenes Heilkräuterextraktes, die verlorene Vitalität und Lebensfreude zurückgeben.

Ominöse Silben, rhythmisch und monoton an der Perlenschnur des Gebets heruntergeleiert, rituelle Gänge, deren erhabene Schritte um einen kultischen Ort, einen kunstvoll behauenen Stein gemessen und streng abgezirkelt sind, nimmer endende Litaneien, die vom Balsam der Ergebung betäubte Zungen in die Nacht der Verlorenheit lallen, sie sollen den finsteren Gast, der mit knöchernem Finger an die Pforte pocht, aufhalten, besänftigen, in den Schlaf wiegen.

Der Philosoph und Intellektuelle mit dem feinen Gespür für die Erregungen und hysterischen Neigungen der Halbgebildeten des Kulturbetriebs okuliert auf die alten Stämme des Unbewußten die frischen Knospen magischer Begriffe, und im Wachtraum vom ganz anderen Leben lallen und psalmodieren die Nervösen und Aufgeregten sie nach: unendliches Begehren, Differenz, Alterität, Nichtidentität.

Dem schlichten Gemüt genügt der Stern an der Mütze des strammen Anarchisten, der Orden am Revers des feisten Diplomaten, das Funkeln der Anstecknadel des berühmten Künstlers, die üppige Schleppe der Diva, und jenes frei vagabundierende Charisma mag sich auf ihn übertragen, das ihn die abgebrannte Zigarette auf dem Tresen der schäbigen Hotelbar vergessen macht.

Die magische Strahlkraft glänzender Katalogbilder, die den Tagtraum des kleinen Mannes auf dem ächzenden Rattansessel seiner Einsamkeit mit wogenden Palmen, der schäumenden Brandung des Ozeans und der ihr triefend entsteigenden botoxlippigen Aphrodite dekorieren.

Den Strahlenkranz der Mandorla um den Heiligen, die Madonna oder den Buddha, ihn hat die lauterste Flamme des menschlichen Herzens entzündet.

An den Dingen und Orten und Zeichen, die er rein hält von sinisteren Eingebungen und schmutzigen Gedanken, zeigt sich die Größe des Menschen.

 

Jan 21 21

Sprachdenken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir nennen einen mimischen, gestischen oder sprachlichen Ausdruck gezwungen, übertrieben, forciert oder einfach falsch, wenn es sich um eine Pose handelt, die nach der Aufmerksamkeit eines realen oder imaginären Publikums schielt. Dabei kann es sich um einen erhofften Applaus oder eine befürchtete Zurückweisung handeln.

Furcht vor möglicher Zurückweisung ist eine gesteigerte Form der Furcht vor fremden Blicken. Wir nennen den mimischen, gestischen oder sprachlichen Ausdruck dieser Furcht Verlegenheit.

Verlegenheit ist oft die giftige Frucht einer überscharfen Selbstbeobachtung

Die seelische Quelle des Ausdrucks, der weder eine Pose noch verlegen ist, sind wir versucht, Einfalt, Schlichtheit des Gemüts und Naivität des Empfindens zu nennen.

Aber das kann täuschen; denn Einfalt, Schlichtheit, Naivität des Empfindens kann die mittels raffinierter poetischer und musikalischer Technik hervorgerufene Suggestion eines Kunstliedes sein, das den vollkommenen Ausdruck eines Volksliedes angenommen hat; wie der Dichter der heiteren Melancholie in seinen Fêtes galantes den verwöhnten und gelangweilten Damen ins Mondlicht getauchte Blüten in den Schoß wirft und den Hofschranzen das lüsterne Wehen des Schäferkleides überstülpt.

Wir nennen als Beispiel artifiziell-naiven Ausdrucks das Lied „Komm, schöner Mai, und mache/die Bäume wieder grün/und laß mir an dem Bache/die kleinen Veilchen blühn“, dessen Originalversion von Christian Adolph Overbeck stammt und das in der von Joachim Heinrich Campe modifizierten Liedfassung von Mozart vertont worden ist.

Das Wort Naivität hat dasselbe Etymon wie Natur; es wäre reizvoll, dem Gedanken nachzugehen, warum die echte oder kunstvoll nachgeahmte Naivität der Volks- und Kunstlieder ein solch bezwingendes Merkmal deutscher Dichtung und Musik darstellt.

Naivität des Empfindens kann der Quell schlichten dichterischen Singens und Sagens, Naivität des Ausdrucks kann aber auch das ästhetische Ziel und der bewußte Zweck der mit kunstvollen Techniken operierenden Dichtung und Komposition sein.

Goethe hat die Echtheit, urtümliche Kraft und Archaik des naiven Empfindens, das er aus dem dunklen Brunnen des Selbstgefühles schöpft, und zugleich die Subtilität und virtuose Wendigkeit, womit er noch den schlichtesten Ausdruck wie den der Abendstille ins Grandiose, Lichtvolle, Geistige, in ein Clair-obscur sublimer Schattenranken hebt.

Die faden und schalen, aber auch die allzu scharfgewürzten Erzeugnisse der zeitgenössischen Lyrikköche, und hier ist Gendern allemal geboten, vor allem der sudelnden und panschenden Lyrikköchinnen, sind Ergebenheitsadressen und devote Posen vor dem unsicheren, bildungsfernen, wurzellos und anämisch gewordenen Kunstgeschmack eines Publikums, dessen Applaus ihnen die hochdotierten Preise des Literaturbetriebes sichert und damit ihre Daseinsfristung in der Komfortzone der hell illuminierten Akademien und gut geheizten Lyrikkabinette, in die kein Schatten, kein kalter Hauch des Ungeheuers namens Leben dringt.

Overbecks und Mozarts Kinderlieder atmen die würzige Luft der durch Rousseau entdeckten oder doch erstmals mit zarten Wasserfarben hingetupften Landschaft der Kindheit, die noch nicht vom Wegenetz der Zivilisation durchschnitten ist.

Der Psychologe Wilhelm Stern, der gemeinsam mit seiner Frau erstmals empirische und systematische Beobachtungen zur Entwicklung der Kindersprache anhand des Spracherwerbs der eigenen Zöglinge unternommen hat, berichtet, wie seine kaum einjährige Tochter auf die Äußerung „Ticktack“ ihre Blicke in Richtung der tickenden Uhr gewandt hat; wenig später vermochte das Kind die Uhr mittels dieser Lautäußerung selbst zu benennen. Entscheidend für den systemisch und endogen gesteuerten Fortgang der sprachlichen und geistigen Entwicklung des Kindes ist aber der Umstand, daß es den Namen unabhängig von der akustischen Reizquelle zum Hinweis auf die im Jackett des Vaters verborgene Taschenuhr anzuwenden lernte.

Wir berühren hier eine der Quellen des Gedankens, wie er sich in der Sprache darstellt: die Begriffsbildung; die andere Quelle, die Prädikation, zeigt sich in den Einwortsätzen, wenn das Kind alles, was vier Beine hat, ob Hund, Katze oder Pferd, als „Wauwau“ bezeichnet und damit meint: „Sieh mal, ein Wauwau!“

Die Einheit von Begriffsbildung und Prädikation, wie sie die logische Notation in der simplen Aussagefunktion F(a), sprich: Der mit a gemeinte Gegenstand hat die Eigenschaft F, darstellt, ist demnach eine frühe kognitiv-sprachliche Leistung des Kindes; sie stellt somit die romantische Annahme seiner infantilen Einfalt in Frage.

Das frühe Keimen und Sprossen des sprachlichen Gedankens oder Sprachdenkens, deren ausgewachsene Blüten im Garten unserer Sprachkultur gedeihen, macht die Vorstellung von der vorzivilisatorischen Wildheit des Kindes, wie wir sie bei Rousseau und den in seinen Spuren wandelnden Romantikern finden, zumindest fragwürdig.

Der ausgewachsene Gedanke situiert sich als Kreuzungspunkt in einem unübersehbaren Netzwerk von Gedanken, dessen Ränder gleichsam in der Ferne des Virtuellen verschwimmen und dessen Mittelpunkt kein natürlicher Ort ist, sondern sich je nach den Anforderungen des gewählten Aussagesystems verschiebt. So gravitieren unsere Gedanken an einen Freund um die Begriffe von Freundschaft und Vertrauen, unsere Gedanken über die Strafwürdigkeit einer Tat um die Begriffe von Gesetz und Verantwortung, unsere Gedanken über Gedanken um die Begriffe des Objekts und seiner relationalen Eigenschaften.

Wenn das Kind mit „Wauwau“ Hund, Katze oder Pferd meinen kann, hat es schon vor der Spezifikation des Artbegriffs den Allgemeinbegriff verwendet. Wenn es mit „Ticktack“ die Wanduhr, die Taschenuhr und Kirchturmuhr meinen kann, hat es schon vor diesen Spezifikationen den Gattungsnamen „Uhr“ verwendet.

Aufgrund der Loslösung des Gedankens von unseren sensorischen Reizquellen und der unmittelbaren Wahrnehmungssituation vermögen wir den Begriff von Objekten zu bilden, die wie der Begriff unseres nach Amerika ausgewanderten Freundes reizunabhängige Kriterien der Identität aufweisen, und Dingen Eigenschaften zuzusprechen, wie die Eigenschaft zerbrechlich oder jähzornig zu sein, die reine Dispositionen, Virtualitäten und keine aktuellen Vorkommnisse darstellen.

Schon Kleinkinder wissen, wer gemeint ist, wenn sie aufgefordert, die Zunge herauszustrecken oder eine Klangfolge nachzusingen, dies ohne zu zögern, geschweige denn darüber zu reflektieren, tun; die Annahme, der Selbstbezug beruhe auf Reflexion, dem korrekten Gebrauch des Personalpronomens der ersten Person Singular oder gar der Erfassung des Selbstbildes im Spiegel, ist Unsinn.

Daß wir dank spezifischer Sprechakte in der Lage sind, mittels Bildung von Begriffen den Gegenstand in die Welt zu setzen, den sie benennen, wie im Falle des Versprechens das Versprochene oder im Falle des Richterspruchs die Strafe, ist allerdings eine reife Leistung.

Auf diese Weise konstituiert die dichterische Sprache durch evokative, beschwörende Benennung den Gegenstand ihres Sagens; so sind die Veilchen Sapphos und Mörikes nicht jene, die uns der Spaziergang im hellen Frühlingslichte oder die botanische Klassifikation eines Linné vor Augen führt, auch wenn wir nur auf Basis solcher Wahrnehmungen und Belehrungen um das Vorkommen dieser Blumen wissen, sondern sie sind insofern gedichtet, als ihr Tauglanz an die Tränen um den fernen Geliebten, der zarte bläuliche Dämmer ihrer Blüten an die Schwermut des unglücklich Liebenden gemahnt; die Suggestion dieser Liebesdinge muß uns freilich nicht anhand einschlägiger Dokumente aus der Biographie des Dichters nahegelegt oder dokumentarisch bekräftigt werden.

Bei der Entwicklung der Kindersprache bemerken wir das allmähliche Hervortreten der Wortarten Demonstrativ, Substantiv und Verb und ihre Reihung zu Kurzsätzen wie „Dada Wauwau“ und „Puppa schlafen“; stufenweise folgen Interjektion, Nennung, Prädikation, und zwar noch ohne jedwede Flexion oder flektierende Verknüpfung.

Ein später Zug in der Sprachentwicklung sind die Markierung der syntaktischen Positionen der Wörter, in den flektierenden Sprachen mittels Flexionsbildung am Wortende, und die Markierung der syntaktischen Positionen der Sätze mittels Bildung von Satzgefügen durch den Gebrauch der Konjunktionen, Zeitformen und Verbmodi.

Erst mittels Satzgefügen sind wir in der Lage, durch Verknüpfung einfacher Gedanken komplexe Gedanken zu bilden und auszudrücken. Aus „Baby Milch“ und „Baby Schlaf“ wird „Baby trinkt Milch“ und „Baby schläft“; daraus „Baby hat Milch getrunken“ und „Baby schläft“; endlich der komplexe Ausdruck des komplexen Gedankens: „Wenn das Baby Milch getrunken hat, schläft es“ oder sogar: „Weil das Baby Milch getrunken hat, schläft es.“

Der Gebrauch der Negation und des irrealen Verbmodus macht es uns möglich, gedankliche Bedingungsgefüge faktischer und kontrafaktischer Natur zum Ausdruck zu bringen: „Obwohl das Baby seine Milch getrunken hat, schläft es nicht.“ – „Hätte das Baby rechtzeitig seine Milch bekommen, würde es jetzt schlafen.“

Es ist bemerkenswert, daß uns das Volkslied wie viele Lieder des „Knaben Wunderhorn“, aber auch das ihm nachempfundene und nachgebildete Kunstlied wie die Lieder Goethes und Eichendorffs syntaktisch schlichte Formen bieten, die auf komplexe gedankliche und grammatische Subordination Verzicht tun, während uns die große Lyrik wie in den Oden des Horaz oder den Hymnen und Elegien Goethes mit komplexen gedanklichen Verknüpfungen auf den verschlungenen, manchmal sich überkreuzenden, manchmal im Dickicht sich verlierenden Pfaden einer gleichsam rankenden Syntax überrascht.

Wir scheinen nur denken oder etwas in die Form des Gedankens fassen zu können, was sich auf die formalen Strukturen syntaktisch wohlgebildeter und semantisch nicht leerer Sätze und Satzgefüge abbilden und reduzieren läßt. Auch komplexe Gedanken zweiter Ordnung müssen diesen Anforderungen genügen; so können wir den komplexen Ausdruck „Peter glaubt, sein Freund Hans habe ihn verraten“ in die formale Struktur auflösen: „Peter glaubt: Hans ist sein, also Peters, Freund“ und: „Peter glaubt, Hans habe ihn selbst, Peter, verraten.“

Inkonsistente Gedanken sind keine; Peter kann nicht glauben, er sei eine andere Person als diejenige, die von sich sagen könnte, er glaube oder glaube nicht, daß dieser oder jener Sachverhalt besteht.

Peter kann nicht glauben, sein Freund Hans habe ihn verraten, wenn er die Semantik des rückbezüglichen Pronomens „ihn“ nicht beherrscht; andernfalls könnte er zu glauben kundtun, Hans habe einen anderen, nicht ihn selbst, verraten.

Wir können unseren Selbstbezug rein gestisch zum Ausdruck bringen, wenn wir als kleiner Pimpf, vom Lehrer aufgerufen, aus der Reihe treten; doch wenn unser Selbstbezug in einen komplexen Gedanken eingebettet ist, wie in den Gedanken, daß wir glauben, unser Freund habe uns verraten, müssen wir die formalen Strukturen der Sprache zu Hilfe nehmen.

 

Jan 20 21

Gespenster meiner Kindheit

Die Dämonen meiner Kindheit,
die Tag- und Nachtgespenster,
hausten im Kartoffelkeller,
trippelten nächtens auf den Fliesen,
hockten in der Regenrinne,
raschelten in der Besenkammer.

Ein Gespentchen hieß Euterpe,
tagsüber schliefʼs im Kleiderschrank,
nachts pochte es, recht sanft und zag,
ich tat ihm auf, es huschte
auf seinen rosigen Füßen,
sprang mit den Ärmeln flügelnd
in mein Bett,
es krabbelte aufs Kissen, wiegte
das goldbelaubte Köpfchen
und seine grünen Augen
warfen wunderliches Licht.
Und wenn ich sanft die Fusseln,
die Flocken aus dem Haar ihm zupfte,
begann es bald zu wispern,
zu flüstern, bald zu singen.

Sie wurden mit mir groß,
die kleinen Tag- und Nachtgespenster,
bloß rascher alt und tumb und schlaff als ich.
In der Rinne fließt jetzt nur noch Regen,
kein Nachtgetrippel mehr auf Fliesen,
kein Mucks mehr aus der Kammer.

Doch manchmal blickt mich eines an,
höhnisch und verschlagen,
aus eines Boten Grinsen,
ein andres, schrilles, unverschämtes,
foppt mich im Gepfiff
des launigen Herrn Nachbarn.

Einmal beugte sich ein feuchtes Ding
heiß über mich,
und es schlug die Flosse
ein Flußgespenst mir ins Gesicht.

Doch der Rest ist abgetaucht,
hat sich ins Altenteil gefunden,
ein müder Greisenchor.
Sindʼs Spinnen fern im Schuppen
des aufgegebnen Gartens
oder die am trüben Teich dort quaken,
Frösche, die nach Fliegen schnappen?

Nur Euterpe, der kleine Dämon, ward nicht groß.
Er haust nicht mehr im Kleiderschrank,
hat eine eigne Stube,
mit Teppich, Spiegel, Blumen,
und einer Hängematte.
Ich stell ihm täglich Früchte vor die Tür.
Er huscht noch gerne auf mein Kissen,
noch immer, wenn sein Haar ich zupfe,
hebt er bald zu wispern,
zu flüstern, bald zu singen an.

Noch immer werfen seine grünen Augen
in meine Schwermutnacht
ihr wunderliches Licht.

 

Jan 20 21

Der Schritt, der ungeahnte

War es dir nicht, als sähest du
im Dunst aus Abflußrohren
den Rauch der frühen Ufer,
im Flackern eines Screens
der Käfer Funkenflug
im grünen Tal der Nacht?

So glüht im Herbst des Sagens,
als lägest du im Gras,
und weißt nicht, kommt das Sausen
vom Wind, von deinem Blut,
die Frucht, die so verschwiegen
im Laub der Angst gesäumt.

War es dir nicht, als hörtest du
im Sirren der Maschinen
der Kindheit trunknes Zwitschern,
im Ächzen einer Tür
den Totenruf des Käuzchens
vom Moor der Dämmerung?

So knirscht im Schnee des Schweigens,
als lägest du im Grab,
und weißt nicht, rührt das Stäuben
vom Wind, von fremdem Hauch,
der Schritt, der ungeahnte,
der dir die Nacht erhellt.

 

Jan 19 21

Henri Michaux, Saint

Et circulant dans mon corps maudit, j’arrivai dans une région où les parties de moi étaient fort rares et où pour vivre, il fallait être saint.

Mais moi, qui autrefois avais pourtant tellement aspiré à la sainteté, maintenant que la maladie m’y acculait, je me débattais et je me débats encore, et il est évident que comme ça je ne vivrai pas.

J’en aurais eu la possibilité, bien! mais y être acculé, ça m’est insupportable.

 

Heilig

Ich geisterte in meinem verfluchten Körper herum und gelangte zu einer Gegend, wo die Teile meines Ich sehr selten waren und wo man, um zu leben, heilig sein mußte.

Doch ich, der ehemals so sehr nach der Heiligkeit gestrebt hatte, rang nun, da mich die Krankheit dazu nötigte, mit mir und ich ringe noch mit mir, und es ist klar, daß ich so nicht leben werde.

Ich hätte die Möglichkeit dazu gehabt, gewiß! Doch dazu genötigt zu sein, das ist mir unerträglich.

 

Jan 19 21

Ich gehe zu den Tieren

Und wenn ich wieder traurig bin,
so geh ich zu den Tieren,
der Katze beispielsweise,
und schaue, wie sie ungerührt
am offenen Fenster sitzt und sitzt,
als wäre dort, gerade dort
der Weltennabel.

Auch seh ich gern den Wurm
im Lehm der Erde glänzen,
wie er sich ringelt, windet
in weiche Ewigkeit,
das dünkt mich anmutsvoll,
und pickt ihn auf die Amsel,
ist noch sein Todeszappeln
ein kleines Spiel im großen Spiel.

Und die im Winde schwingt,
in ihrem Netz aus Fäden
verzwirnter Lebenslist,
hat sich mit Nacht umsponnen,
die kluge Spinnerin,
die Spule Herz, wie sirrt sie leise,
bis jählings sich der Faden spannt.

Dem Kind warʼs feuchter Odem,
die Wärme dumpfen Stalls,
das Scharren, Klirren, Muhen,
das Schaukeln heller Euter,
was seine Traurigkeit,
die lose Kinderträne
leicht rollen ließ
in einen Krug mit Milch.

Zu Menschen geh ich nicht,
sie haben nicht wie Tiere
die Anmut stummen Seins,
ihr Blick kann mich nicht halten,
er schwirrt durchs Blau wie Spelz,
und was sie lauthals künden,
ist leeren Abgrunds Hall.

 

Jan 18 21

Gemunkel

Ei, was brummt denn dort?
Ist es eine Biene?
Sommer ist längst fort.
Nein, es ist Pauline.

Und aus wessen Mund
kommt dies Weh-Gejaule?
Nein, das macht kein Hund.
Ja, es ist der Paule.

Wissen willst du es,
was die beiden treiben,
ob sie schmerzt Tristesse,
ob sie fröhlich leiben?

Sagen kann ichʼs nicht,
hier ist es so dunkel,
denn es wirft kein Licht,
dieses Vers-Gemunkel.

 

Jan 18 21

Solitär

Verloren gab es dich von je,
schon als die warme Hand das Leben
von deiner Stirne nahm,
die feuchte Glut der Blicke
ein Schimmern kalter Sterne ward.

Gezeichnet hat es dich,
als es den Lilienkelch der Hüfte,
der sich dem Dunkel hingereckt,
gestreichelt hat
mit Feuernesseln.

Die weiße Muschel deines Lieds,
von grünen Rauschens langer Nacht
so wunderlich gewunden,
am öden Niemandsstrand
hebt sie kein Kind ans Ohr.

Und was du sagst, ist Schnee,
der unter einer Krähe Schrei
vom Baum des Urleidwalds
im grauen Winterlicht
wie tote Pollen stäubt.

Der Faden des Gefühls,
zu zitternd, um die kleine Öse
der Zärtlichkeit zu finden,
hat sich in wirre Zeichen,
in Rätselwerg verfitzt.

Was in dir klopft und pocht,
es ist voll Blutes Sang kein Herz,
ein Dämon ist es,
der sich mit geistesfeinem Schnabel
die Öffnung pickt,
aus der er, wenn du stirbst,
ins Freie fliegen kann.

 

Jan 17 21

Henri Michaux, Ma vie

Tu t’en vas sans moi, ma vie.

Tu roules,

Et moi j’attends encore de faire un pas.

Tu portes ailleurs la bataille.

Tu me désertes ainsi.

Je ne t’ai jamais suivie.

Je ne vois pas clair dans tes offres.
Le petit peu que je veux, jamais tu ne l’apportes.
A cause de ce manque, j’aspire à tant.
A tant de choses, à presque l’infini…
A cause de ce peu qui manque, que jamais tu n’apportes.

 

Mein Leben

Du machst dich ohne mich davon, mein Leben.

Du fährst dahin,

ich aber zögere noch, einen Schritt zu machen.

Du trägst die Schlacht woandershin.

So läßt du mich im Stich.

Ich bin dir nie gefolgt.

Deine Offerten durchschaue ich nicht.
Das kleine bißchen, das ich will, bringst du nie herbei.
Wegen dieses Mangels strebe ich nach so viel.
So vielen Dingen, beinahe dem Unendlichen …
Wegen dieser Kleinigkeit, die fehlt, die du nie herbeibringst.

 

Jan 17 21

Henri Michaux, Entre ciel et terre

Quand je ne souffre pas, me trouvant entre deux périodes de souffrance, je vis comme si je ne vivais pas.

Loin d’être un individu chargé d’os, de muscles, de chair, d’organes, de mémoire, de desseins,
je me croirais volontiers, tant mon sentiment de vie est faible et indéterminé, un unicellulaire microscopique, pendu à un fil et voguant à la dérive entre ciel et terre, dans un espace incirconscrit, poussé par des vents, et encore, pas nettement.

 

Zwischen Himmel und Erde

Wenn ich nicht leide, mich zwischen zwei Perioden des Leidens vorfinde, lebe ich, als lebte ich nicht.

Weit entfernt davon, eine Person zu sein, beladen mit Knochen, Muskeln, Fleisch, Organen, Erinnerungen, Absichten, fühlte ich mich eher, so schwach und verschwommen ist mein Lebensgefühl, als mikroskopisch kleiner Einzeller, der an einem Faden hängt und in der Drift zwischen Himmel und Erde schwebt, in einem unbegrenzten Raum, von Winden gewirbelt, und das nicht einmal deutlich und klar.

 

Jan 16 21

Zauber der Frühe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wohl sind sie menschengestaltig, die uns entrückten antiken Götter, doch wilden überpersönlichen Mächten nicht fern, es schwirren die tödlichen Pfeile Apolls, die giftigen des Eros, Eichen spaltet der Blitz des Zeus und im Aufruhr pflügt die Wogen der Dreizack Poseidons, Artemis verwandelt mit nichts als bösen Blicken den frechen Jäger in eine Hirschkuh, die seine eigenen Hunde zerreißen.

Alles andere als harmlos und friedfertig aber ist der Gott der Juden, zumal seine Allmacht an keinen Grenzstein und keine Hecke um den Hain einer anderen Gottheit stößt. Seine Gesetze schneiden ins Fleisch und sein Blutdurst macht nur vor der gänzlichen Unterwerfung eines Abrahams halt, der willens ist, ihm seinen Sohn hinzuschlachten.

Nur einem Gott, der töten kann, vernichten, indem er sein leuchtendes Angesicht abwendet, aber sich seiner Frommen erbarmt, konnten die Psalmen als edelste Kränze dichterischen Ausdrucks der Hebräer auf den Altar gelegt werden.

Nur wo das Gespür für die Gefahr, die Wildheit und das Abenteuer des Lebens nicht gänzlich vom Schluchzen des Schlagers und dem monotonen Sirren der Maschinen übertäubt ist, bleibt das Herz der Dichtung heiß.

Der frühe Dichter ist dem kühnen Seemann verwandt, der sich auf ächzenden Planken in die Gischt des Unbekannten wagt; der die große Schwermut aus der Windstille und dem unheimlichen Kräuseln der Tiefsee in sich aufnimmt; der die schwindelnde Höhe des zuletzt noch Sagbaren am trägen, traumstarren Flug des Albatros im blauen Abgrund ermißt; der die Einsamkeit des an fremde, menschenleere Küsten Verschlagenen als Erwählung und Prüfung begreift, dort die funkelnden Steine und leuchtenden Früchte einzusammeln und in die Sprache der Heimat mitzunehmen, wo sie der dumpfe Rezensent als überflüssigen Zierrat von sich abstreift, der enttäuschte Liebhaber aber als köstliches Kleinod empfängt, mit dem er sich nicht die Geliebte, aber die Empfindung der Liebe zurückerobert.

Die großen Dichter waren in ihrem früheren Leben Seefahrer, Abenteurer, Weltenbummler, Jäger und Krieger.

Veilchenzarte Mädchenhaut schrickt vor den blitzenden Dolchen männlicher Verse zurück, aber auch ihren mystischen Blüten, da sie unter Stacheln hervorleuchten.

Der Kampf in Spiel und Ernst, in der Zwiesprache der Liebe und im Zwiegespräch der einsamen Seele weiht uns in die geheimen Mechanismen der Kommunikation ein.

Die gestisch und sprachlich geregelte Kommunikation hat nicht, wie oberflächliche Wahrnehmung annimmt, zwei, sondern vier Pole: jeweils, kybernetisch gesprochen, einen Sender und einen Empfänger auf beiden Seiten, den wechselnd-reflexiven Seiten des Sprechenden und Hörenden, des Gebenden und Nehmenden, des Urteilenden und des Beurteilten (oder gar Verurteilten). Was ich als Äußerung aussende, empfange ich gleichzeitig als Resonanz des Gehörten, leibhaft Empfundenen, als Gebärde Verkörperten. Empfange ich das Stichwort eines treffend-enthüllenden Vergleichs oder den Schlag des entwaffnenden Arguments, sende ich gleichzeitig dem ins Bild gesetzten Kombattanten, dem Gesprächs- und Liebespartner die erheiternde oder beschämende Ansicht meiner Verwirrung oder Vernichtung.

Die Kunst ist kein Zierrat am Gewöhnlichen, die Dichtung kein Lidstrich am trüben Auge des Alltags.

Der vollkommen geformte Krug und die körnige, farbige Wendung sind mehr als Präliminarien der Kunst und der Dichtung.

Gewiß, der frühe Rhapsode Homers gehört dem immer auch zwielichtigen Volk der Fahrenden an; doch reist er von Hof zu Hof, die Elite erfreut sich seiner Muse, eben noch applaudierten ihm die feinen Herren und edlen Frauen im Palast des Menelaos, schon schifft er sich nach Kreta ein oder eine der ionischen Inseln, um seine Gesänge, leuchtend wie das offene Meer und verschlungen wie das Totentuch Penelopes, das sie für Laertes zu weben vorgab, einem Publikum zu Gehör zu bringen, das dank schöner Bildung feinnervig und musikalisch genug ist, um in den glänzenden Wogen ihrer Vergleiche zu baden, unter dem ewig schimmernden Sternengang ihrer Reprisen und Resonanzen heiterer Ruhe zu genießen.

Die frühen Zeugnisse der Handwerkskunst wie Vase und Becher, Schwert und Helm, Brosche und Fibel sind kraft der künstlerischen Eigendynamik meisterlichen Töpferns, Schmiedens und Bildens bewundernswerte Artefakte. Die Verse Homers, die in ihrer Tiefe dieser bronzezeitlichen Schicht zugehören, sind wie kostbare Spangen, zierliche Armreife und mit allegorischen Emblemen und Sagenmotiven bemalte Amphoren und Schilde der Sprache.

Der Zauber der Frühe gleicht dem Erwachen von Veilchen, an denen noch der Tropfenglanz der Träume schwebt.

Den plumpen Kerl oder den Demos reizen nur fett glänzende, schwellend-schwülstige Formen der Plastik, schreiende Farben des Plakats oder schluchzende Kantilenen am Lied.

Gepanschte Verse, überzuckerte Reime, Moschusgeruch öliger Metaphern.

Oder noch ärger, die dünne Buchstabensuppe des veganen Geschmacks, die ausgezehrten Wangen dürftigen Sagens, die Anthologie unartikulierten Magenknurrens und zahnloser Bettelsprüche, der vom beißenden Tabaksrauch mitternächtiger Diskussionen verhüllte sapphische Mond.

Die gefeierteste Errungenschaft ungezügelter lyrischer Schinderei ist der strenggläubig auferlegte Verzicht auf Metrum und Reim, Strophe und Vers, das monoton klatschende Walken eines ungesäuerten Wörterteigs.

Fetter Lyrik-Schmand, aus der Form gequollene Baisers, deren  mißlichen Nachgeschmack und schlechte Verdaubarkeit nur der Magenbitter Horazischer Satiren vertreibt.

Pfeifend ausgewalzter keimfreier Erinnerungs- und Assoziationsteer, grauer Asphalt des als authentisch gepriesenen Gedichts, auf dem nicht einmal die Spatzen kleiner Scherze eine einsame Pfütze finden, um daran neckisch zu nippen.

Poésie pure, der fernhin glänzende Schnee auf den einsamen Graten eines Horaz oder Mallarmé, in den der vom Ernst seines dumpfen Daseins gequälte und vom Harndrang seiner sinisteren Moral heimgesuchte deutsche Schulmeister sein Schuldbekenntnis pinkelt.

Zauber der Frühe, da ein fühlender Mund der aus schlichtem Rohr geschnitzten Flöte für die noch schlummernde Geliebte die taufrischen Töne entlockte, die über das dämmernde Laub ihrer Träume rannen.

Den Zeugungsunfähigen soll man nicht nach den geheimnisvollen Keimen des Lebens befragen.

Beim ideologisch Kastrierten sucht man vergebens nach den Pollen lyrischer Fruchtknoten, nach den Waben wohlgefügter Verse.

Ist Hermeneutik Hebammenkunst, so muß sie sich eingestehen, das Kind weder gezeugt noch ausgetragen zu haben.

Der Zauber Homers leuchtete dem sublimen Geschmack einer aristokratischen Elite; die Massenproduktion von Vasen und Versen des Hellenismus und des republikanischen Rom ist ein Spiegel für den zeitgenössischen Ausstoß von Wegwerfartikeln und lyrischen Knallbonbons.

Die Intelligenz der Technik, mit der unermüdliche Wortschinder ihre Dummheiten in Bruchteilen von Sekunden über den Globus zu streuen vermögen, kann diese weder wettmachen noch entschuldigen.

Dem wachen Sinn und dem müden Herzen genügt der kleine Wink, fast verschwindend im Decrescendo ind Misterioso der Violinen, vor der großen Geste und dem massierten Aufwand im Triumph der Posaunen, Hörner und Trompeten scheuen sie zurück.

Die stereotypen Bilder und stehenden Wendungen Homers wirken weder aufdringlich noch ermüdend, sondern einnehmend und beruhigend wie die sich wiederholenden geometrischen und floralen Muster archaischer Amphoren.

Heiterkeit ist das Licht unter der Sonne Homers, in das sich die flüchtigen Schatten der Schwermut mischen.

Heiterkeit: Nicht mit Haut und Haar dem Ort und der Zeit verfallen zu sein, an die uns das Schicksal bannte; mit dem eigenen Schatten wie die Zeiger der Sonnenuhr langsam und stetig wandern.

Verfall und Untergang, die unausbleiblich weil aus dem Innern steigend uns übermachen, nichts anderes entgegenhalten als das milde Lächeln dessen, der an der Schwelle steht und auf die Seinen und das Seine zurückblickt.

Die plastische Gestalt des Daseins wird allmählich zwischen den Mühlsteinen des Schicksals zermahlen und zerrieben; ein feiner Staub bleibt zuletzt zurück, der im Zugwind aus der plötzlich geöffneten Tür, die ein fremder Gast betritt, in den schrägen Strahl der Abendsonne aufsteigt und verweht.

 

Jan 15 21

Verlöschend

Tropfenglanz an schwanken Halmen,
Blut am Saum der Nacht,
und es rinnt dahin.

Die um graue Namen flammten,
Knospen hohen Danks,
sie verlöschen still.

Wasser, die das Blau gespiegelt,
schmerzt ein Schwanenlicht,
und sie atmen Rauch.

Die um Kelch und Kreuz geflügelt,
Lieder tränenhell,
sie entschlummern auch.

 

Jan 15 21

Sachverhalt und Gedanke

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dank des Vampirismus der Zivilisation und der Feminisierung der Institutionen und Sitten verkümmert der Drang heroischer Männer nach dem Abenteuer des Lebens und des freien Denkens; nicht nur der emotionale Ausdruck auf den Gesichtern des Stubenhockers und des gähnenden Lebensfristverlängerers in Ärmelschonern verkümmert. Das von der Woge des Unbekannten überschäumte und unter den Schreien Poseidons bebende Schiff der kühnen Dichtung und des hohen Gedankens vermodert im Hafen der Langeweile.

Nur Christus gebührt das göttlich-schöne Antlitz, das sich auch in der Todesangst nicht verzerrt; das wußten die großen Maler und umringten den Mann der Passion auf seinem Kreuzweg mit den häßlichen Fratzen und dämonischen Visagen der römischen Soldateska.

Das synthetische Grauen Kafkas.

Poetische Scharlatane, die in das trübe Wasser einer Pfütze treten und ein Geschrei erheben, als wäre es die Sintflut. Philosophische Falschmünzer, die sich mit dem bunten Flickenkleid fremder Gedanken schmücken, die sie als dernier cri aus eigener Werkstatt anpreisen.

Welche geistige Öde: Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ als schulische Pflichtlektüre, mit der von biederen Schulmeistern und jüdelnden Akademikern (mit vom Großvater überkommenem makellosem arischen Ahnenpaß) ausgetüftelten und dogmatisierten Interpretation auf die „Entfremdung des modernen Menschen“ oder noch ärger „die Unterdrückung und Verstümmelung des Individuums in der Kleinfamilie“.

Absonderungen stereotyper Wendungen und Klischees aus dem Munde von Politikern, Künstlern, Mediensklaven, dem automatischen Speichelfluß des Pawlowschen Hundes nicht unähnlich. Was ist hier der Auslöser des konditionierten Gebarens? Das Flackern devoter Blicke, das Gellen der imaginären Glöckchen an der dem Gegner übergestülpten Narrenkappe.

In der Erzählung „Das Urteil“ läßt Kafka dem verstörten Herrn Sohn vom zum Riesen in Unterhosen aufgeblähten Herrn Vater aus nichts als Jux und Perfidie den Tod durch Ertrinken anbefehligen. Welche Übertreibung, welche Geschmacklosigkeit! Manchmal enttäuscht selbst Kafka als Genie der Narration, wenn er auch meist durch eine feinziselierte, mit gespitztestem Bleistift exekutierte Diktion besticht.

Das über den Sohn verhängte Todesurteil sollen wir am Ende, wenn es nach dumpfen deutschen Musterpädagogen geht, auf das Gewaltpotential des Patriarchats oder im Sinne der schlichten Hausmannskost psychologischer Veganer auf Kafkas ödipale Ängste beziehen – wie fade, wie abgestanden, wie langweilig!

Der vom billigen Fusel allumfassenden Verstehens und Vergebens trunkene Narr auf Kanzel und Katheder, der von der Gottesebenbildlichkeit von Hinz und Kunz faselt, verleugnet die theologische Wahrheit, daß nach dem Fall nur der eingeborene Sohn dem Vater ähnlich sieht.

Unser Erinnerungsvermögen beruht nicht auf einer Galerie von Bildern, die mit einem zeitlichen Index für jenes Ereignis ausgestattet sind, das sie abbilden; wenn wir uns an den Garten unserer Kindheit erinnern, steigen bestenfalls schematische Umrisse aus dem Nebel der Erinnerung auf, die wir weder mit genauen räumlichen noch zeitlichen Koordinaten versehen können.

Der Vergleich der Erinnerung mit einem Gang durch die Alte Pinakothek ist eine trügerische Analogie.

Wir haben keine Schwierigkeit, uns daran zu erinnern, wie wir vorgestern unseren Freund Peter im Park getroffen haben und ihm zusagten, ihm heute das ausgeliehene Buch zurückzubringen. Wie das Wetter war, ob dort Orchideen blühten oder Rauhreif auf den Blättern lag, wie Peter aussah, wie er gekleidet war, all dies und vieles andere, was wir der ikonischen Kraft des Vorstellungsvermögens zuschreiben, spielt für unsere Erinnerung an das Treffen und unser Versprechen keine Rolle. Ausschlaggebend ist indessen die begriffliche und propositionale Form, in der wir das, woran wir uns erinnern, darstellen: nämlich, daß wir Peter da und dort trafen, daß wir ihm dies und jenes versprachen.

Das Kriterium der Korrektheit unserer Erinnerungen beruht auf der korrekten Darstellung des Sachverhalts, der in dem relevanten Zeitpunkt stattfand. Die Darstellung kann bisweilen das in der Vergangenheit Wahrgenommene zu Rate ziehen, ist aber kein Wahrnehmungsurteil. Mit der Erinnerung an die richtige Wahrnehmung, daß Peter ein kariertes Hemd anhatte und mißmutig dreinschaute, kann ich den Sachverhalt, ihm begegnet und meine Zusage gemacht zu haben, weder stützen noch in Frage stellen.

Wahre oder falsche Urteile über Sachverhalte können nicht mittels Assoziationen von Wahrnehmungen oder sie repräsentierenden Vorstellungsbildern gebildet werden. Sie wiesen sonst keinen grammatisch-logischen Unterschied zu Traumberichten auf.

Kinder zeichnen abstrakte Strichmännchen, die weit hinter dem, was sie an plastischen Gestalten und wohlproportionierten Figuren in ihrer Umgebung sehen und gesehen haben, zurückbleiben; sie zeichnen nicht Bilder ab, die ihnen etwa die Galerie ihres Gedächtnisses bereithielte, sie zeichnen Begriffe: Mensch, das heißt ein Lebewesen mit einem Kopf und zwei Augen, zwei Armen und Händen, mit denen es nach einem Ding greift, und zwei Beinen und Füßen, auf denen es steht.

Wir bedürfen für die angemessene Alltagsverwendung des Begriffes „Mensch“ keiner terminologisch und ontologisch ausgefuchsten physiologischen, biologischen oder sozialen Theorie; ähnlich wie wir getrost von Wasser sprechen, auch wenn wir nicht wissen, daß es H2O ist.

Die Verwendung des Begriffes „Mensch“ steht auf dem freilich nie ganz sicher auftretenden Fuß der Analogie, daß wir „Mensch“ nennen, was so aussieht wie ein Mensch, unangefochten und nicht in skeptische Zweifel gestürzt durch Machsche Täuschungen im Spiegel.

Es besteht ein wesentlicher grammatisch-logischer Unterschied zwischen den Fällen, in denen wir falsche Begriffe verwenden, und denen, in denen wir Begriffe falsch verwenden: Aufgrund einer oberflächlichen Ähnlichkeit der Zeichenausgabe des Computers ihm eine Sprachfähigkeit zu unterstellen, wie nur Menschen sie haben, geht begrifflich in der Bestimmung der Fähigkeit von Maschinen fehl; wenn Klein Erna wähnt, ihr Hündchen Fips könne ihr versprechen, sich heute früher schlafen zu legen, mag sie in einer kindlichen Märchenwelt leben, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine falsche Verwendung des Begriffs „Versprechen“.

Sachverhalte kann man nicht wahrnehmen, sie sind in das, was wir wahrnehmen, unsichtbar verflochten wie die Verknotungen und Verschlingungen auf der Rückseite eines handgewebten Teppichs, von dessen Vorderseite wir nur die schönen Muster und Motive sehen.

Wenn ich das Blumenbild mit schwarzer Farbe übermale, sehe ich ein anderes Bild, die verschmierte schwarze Fläche. Wenn ich den Sachverhalt, meinem Freund etwas versprochen zu haben, verneine, bleibt gleichsam gar nichts übrig, ähnlich dem Gekritzel auf der digitalen Tafel, das ich ohne Rest wegwischen kann.

Ein Gegenstand kann je nach Sichtbedingungen adäquat oder verzerrt wahrgenommen werden, in jedem Falle haben wir einen visuellen Eindruck. Wenn sich aber herausstellt, daß eine wesentliche Bedingung für die Geltung eines Versprechens nicht erfüllt worden ist, ich zum Beispiel meinen Freund angelogen habe, fiel der Sachverhalt gleichsam ins Wasser und ward nicht mehr gesehen

Wenn ich das Bild von Vermeer unter optimalen Sichtverhältnissen betrachte, kommen seine farblichen Werte und Nuancen optimal zur Geltung; wenn ich das Versprechen eingelöst habe, verschwindet der Sachverhalt.

Wir können, anders als Wittgenstein im Traktat annahm, die Welt nicht aus atomaren logisch-ontologischen Bestandteilen aufbauen, denn Sachverhalte sind keine aus Elementen und atomaren Bestandteilen aufgebauten Gegenstände.

Der Sachverhalt, daß mein Freund lächelte, als ich ihm das Buch wie versprochen zurückbrachte, setzt sich nicht aus den Ennervationen und Muskelbewegungen auf seinem Gesicht zusammen, die bei seinem Lächeln eine kausale Rolle spielen.

Der Sachverhalt, daß sich in diesem Glase Wasser befindet, besteht nicht aus einer Menge von Wasserstoffmolekülen und Sauerstoffatomen; auch wenn ich den Sachverhalt nicht ohne das Dasein dieser Elemente zum Ausdruck bringen könnte.

Was wir als Wasser wahrnehmen, fühlen, schmecken, könnte in einer anderen Welt aus anderen Elementen als H2O bestehen. Nicht so, was wir den Sachverhalt des Versprechens nennen: Sind seine Bedingungen erfüllt, gilt er, ob unter Engeln, Teufeln oder Menschen, sonst nicht.

Wir nehmen etwas wahr, aber wir sprechen über etwas. Wir können über das, was wir wahrnehmen, sprechen und über das, was Peter über seine Wahrnehmung gesagt hat; wir können die artikulierten Laute einer sprachlichen Äußerung wahrnehmen, aber nicht den mit ihr gemeinten Sinn. Der Sinn einer Äußerung erschließt sich unserem Verstehen; einen Satz und den mit ihm dargestellten Sachverhalt verstehen ist aber etwas anderes als die artikulierten Laute seiner Äußerung wahrnehmen.

Erinnerungen und bestimmte Gefühle haben wie Sätze, aber anders als Wahrnehmungen, nicht nur einen perzeptiven, sondern auch einen begrifflichen oder intentionalen Gehalt. Ich erinnere mich an Peters freudiges Lächeln, als ich das Versprechen einlöste und ihm das Buch zurückbrachte; aber die Erinnerung daran, daß Peter sich gefreut hat, lächelt nicht.

Die Stimmung der Schwermut und das Gefühl einer unbestimmten Angst, wie sie Kierkegaard und Heidegger beschreiben, haben keinen spezifischen intentionalen Sachgehalt; diesen enthalten aber die Trauer um den Tod eines geliebten Menschen und die Angst, aufgrund eines Fehlverhaltens einen Freund zu verlieren.

Nicht gefühlsgetönte Interjektionen und damit verbundene Kundgaben wie Aufforderungen und Appelle, sondern intentional, begrifflich oder gedanklich bestimmte Benennungen und Prädikationen sind der Ursprung und Wesenskern der menschlichen Sprache.

Es gibt keinen psychologischen und semantischen Übergang von der Interjektion „Aua!“ zur Äußerung des Kindes „Papa groß“ oder „Puppe schläft“. Das legen die unübertroffenen Untersuchungen und Analysen Karl Bühlers über die geistige Entwicklung des Kindes nahe.

Die gedankliche Leistung des Kindes, das von der Puppe sagt, sie schlafe, geht nicht aus der bloßen Wahrnehmung hervor; denn was an einer Puppe deutet auf ihren Schlaf?

Wenn das Kind namens Carla feststellt, daß Papa groß ist, wird es bald auch feststellen können, daß es selbst im Verhältnis zu ihm klein ist, und sagen „Papa groß, Carla klein“; im nächsten Schritt aber sagen: „Papa groß, Carla nicht“.

Die semantische Leistung der Äußerung eines Sachverhalts oder Gedankens ist abgeschlossen, wenn sie als Behauptung erfaßt wird, die auch verneint werden kann; denn damit gelingt der Übergang zur Bildung von relationalen Ausdrücken wie „Papa größer als Carla“ oder „Carla nicht größer als Papa“ und konsistenten Satzgefügen wie „Puppe kleiner als Carla, Carla kleiner als Papa“, was den Gedanken impliziert: „Wenn die Puppe nicht größer als Carla und Carla nicht größer als Papa ist, dann ist die Puppe nicht größer als Papa.“

Wenn man alle Gegenstände aus dem Zimmer räumt, bleibt das leere Zimmer übrig; aber die Verneinung eines Sachverhalts bezieht sich auf keinen gleichsam aus unserer Lebenswelt in den Nebel der Vorwelt entrückten oder extraterrestrischen Sachverhalt. Was wir als unwahr bezeichnen, wie die Falschheit der Behauptung, es gebe eine größte Primzahl, stellt einen sprachlichen Sachverhalt dar, nämlich die Verneinung der wahren Aussage, daß es zu jeder gegebenen Primzahl einen Nachfolger gibt, aber keinen realen Sachverhalt. Doch die wahre Aussage, zu jeder gegebenen Primzahl lasse sich ein Nachfolger bilden, stellt nicht nur den sprachlichen Sachverhalt einer Behauptung dar, sondern einen Gegenstand des mathematischen Universums.

Die Tatsache des Todes zieht eine absolute Grenze, in der wir nur mehr uneigentlich vom Leben des Verblichenenreden können, denn die Sachverhalte und Begebenheiten einer abgeschlossenen Biographie tauchen alsbald in das mildere Licht der Trauer und das unwirkliche der Nostalgie, wobei die Disteln eines widerborstigen Charakters sogar mit ihren giftigen Stacheln langsam im anonymen Wüstensand eines unerhörten oder gemeinen Schicksals versinken.

Daß die Geburt und der Tod jeweils einen absoluten Sachverhalt und einen singulären Sachverhalt zur Geltung und Wirkung bringen, erfahren wir am intensivsten, wenn wir den Ereignissen beiwohnen.

Die indefiniten Pronomina „etwas“ und „jemand“, mit denen wir uns auf alles und jeden beziehen, denen wir einen Namen geben können, stellen die allgemeinsten ontologischen Begriffe dar, die uns die natürliche Sprache frei Haus liefert. Sie implizieren den Begriff der Identität, der Negation und der Subordination, denn etwas, was wir Rose nennen, schließt die Bezeichnung Orchidee aus, was Pflanze, die Bezeichnung Tier, was Peter, die Bezeichnung Anna; was wir Rose nennen, ist der Bezeichnung Pflanze subordiniert, was Pflanze, der Bezeichnung Lebewesen.

 

Jan 14 21

Henri Michaux, La mer

Ce que je sais, ce qui est mien, c’est la mer indéfinie.

A vingt et un ans, je m’évadai de la vie des villes, m’engageai, fus marin.
Il y avait des travaux à bord.
J’étais étonné.
J’avais pensé que sur un bateau on regardait la mer, qu’on regardait sans fin la mer.

Les bateaux furent désarmés.
C’était le chômage des gens de mer qui commençait.

Tournant le dos, je partis, je ne dis rien, j’avais la mer en moi, la mer éternellement autour de moi.

Quelle mer?
Voilà ce que je serais bien empêché de préciser.

 

Das Meer

Das, was ich kenne, das, was mir gehört, ist das Meer, das unbestimmte.

Mit einundzwanzig entfloh ich dem Leben der Städte, heuerte an, wurde Matrose.
An Bord gab es Arbeit.
Ich war verblüfft.
Ich hatte gedacht, auf einem Schiff betrachte man das Meer, betrachte man pausenlos das Meer.

Die Schiffe wurden aufgegeben.
Damit verloren die Seeleute ihre Arbeit.

Ich kehrte ihnen den Rücken, ich ging weg, sagte kein Wort, ich hatte das Meer in mir, das Meer auf immer um mich.

Welches Meer?
Tja, das genauer zu sagen wäre ich außerstande.

 

Jan 14 21

Jahrestage der Seele

Du weiche Frühlingsluft,
du hast die kranke Seele,
daß sie sich kaum mehr fühle,
entrückt in dunklen Duft.

Du blaue Sommernacht,
du hast dem fremden Gast
des Südens Hauch gebracht,
betauter Trauben Glast.

Du herbstverklärtes Laub,
in dein Geheimnisschauern
löst sich des Menschen Trauern
und Sinnens feiner Staub.

Du helle Winternacht,
Kristall aus Schaum und Geist,
vom Strahl des Monds entfacht,
ist er der Schmerz, der preist.

 

Jan 13 21

Am Denkstein verblüht

Grauendes Nervengeflecht,
von sirrenden Nadeln
träumender Moiren
da und dort schon aufgetrennt,
Spleiße, rußig
vom Blitzen schartiger Zungen.

Gilbendes Blumengebinde,
am Denkstein verblüht,
zerküßt von Staubes Lippen,
Ruch der Entsagung,
vermengt mit dem Blaken
nachtblauer Flammen.

Zweifelnde Schattenranken,
ins Schneelicht gesprochen
vom Mund, der sich auftut,
als hätten Kristalle noch Duft,
vom Mund, der sich schließt,
wenn Reif den Efeu entrückt.

 

Jan 13 21

Henri Michaux, Chaque jour plus exsangue

Le Malheur siffla ses petits et me désigna. «
« C’est lui, leur dit-il, ne le lâchez plus. »
Et ils ne me lâchèrent plus.

Le Malheur siffla ses petits.

« C’est lui, leur dit-il, ne le lâchez plus. »

Ils ne m’ont plus lâché.

 

Tag um Tag weniger Blut

Das Unglück zischte seine Jungen an und zeigte auf mich.
„Das ist er“, sagte es ihnen, „laßt nicht mehr von ihm ab.“
Und sie ließen nicht mehr von mir ab.

Das Unglück zischte seine Jungen an.

„Das ist er“, sagte es ihnen, „laßt nicht mehr von ihm ab.“

Sie haben nicht mehr von mir abgelassen.

 

 

Jan 12 21

Lückenbüßer

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

An der Lücke in der Buchreihe oder der Zeile, am Fleck an der Wand, am Loch in der Gardine bleibt der Blick hängen.

Die Zunge, die immer wieder die Lücke des herausgefallenen Zahnes befühlt und betastet.

Mancher Fleck wirkt einnehmend, der Schönheitsfleck; leichtes Schielen charmant, der Silberblick. – Nicht so Pockennarben, nicht hervorquellende Augen.

Die Lücke in der Wahrnehmung füllen wir mittels Hypothesen über die Konstanz von Dingen und die Kontinuität von Ereignissen; den Ball, der in ein Rohr rollt und am anderen Ende wieder austritt, sieht schon das Kind für denselben Gegenstand an.

Den Mann, der abends das Haus betritt und morgens wieder verläßt, glauben wir nicht durch die Ereignisse der Nacht wesentlich verändert; den Träumen, die er hatte, billigen wir nicht zu, ihn in seiner Persönlichkeit einschneidend zu modifizieren.

Täten wir dies, lebten wir in einer anderen Welt; etwa in einer, wie sie uns Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ vor Augen führt.

Die fehlende Silbe, das ausgefallene Wort, die Lacuna einer Textzeile füllt der kundige Philologe mittels Analogieschluß vom Kontext auf das Gemeinte, Sinnvolle, Ähnliche aus. Der Kontext kann der übergeordnete Abschnitt, das ganze Buch, das ganze Werk des Schriftstellers sein.

Analogien sind die Lückenbüßer des menschlichen Denkens.

Das sprachlich fortgeschrittene Kleinkind bildet zu dem öfters gehörten Ausdruck „länger“ oder „dunkler“ den analogen „guter“ oder „nächter“ (vom Substantiv Nacht). Auch wenn es danebengreift, beweist es mit solchen analogen Bildungen eine gleichsam poetisch-grammatische Fähigkeit.

Analogien sind bisweilen schwache Kerzen, die ein fragwürdiges Dämmerlicht auf die nächtliche Umgebung werfen oder die Konturen der Dinge gespenstisch verzerren.

Manchmal bieten Analogien den Trost einer kampflos errungenen Gewißheit. Doch kommt er, der unerbittliche Sturm des Schicksals, der diese anheimelnden Kerzen ausbläst.

Die Wissenschaft geht fehl, wenn ihre Sprache in Analogieschlüssen luxuriert; Freuds Annahme über den Vatermord der urzeitlichen Horde ist eine phantastische und unerweisliche Analogie aus der Theorie des ödipalen Konflikts in der Individualentwicklung.

Eine sinnreiche Analogie aber ergibt sich aus der Annahme, die frühen Entwicklungsphasen des Spracherwerbs beim heute lebenden Kind ließen Rückschlüsse auf die sprachliche Entwicklung der menschlichen Frühzeit erkennen.

Zunächst sind die kindlichen Lautäußerungen ungeformte Einwortsätze, deren Funktionen als Ausdruck, Aufforderung oder Benennung, wenn der Äußerungskontext keine näheren Aufschlüsse zuläßt, noch ungeschieden auftreten. „Wauwau!“ kann heißen: „Oh, was für ein lieber Hund“; „Gib mir das Hündchen zum Spielen!“; „Schau mal, da ist ein Hund!“

„So wie es bei uns ist, muß es überall sein!“ – Sagt der Philister, der sich andere Lebensformen nicht vorstellen kann, aber auch der Kosmologe, der davon ausgeht, daß im Rest des Universums alles so aussieht oder nach denselben Gesetzen abläuft wie in dem von uns beobachteten Ausschnitt.

Die Kriterien der Identität sind andere als die der Ähnlichkeit. – „Heute habe ich Peter auf der Straße gesehen.“ – „Peter weilt zur Zeit in Amerika, wen du gesehen hast, war sein Zwillingsbruder Hans, der kürzlich in unser Viertel gezogen ist.“

Fehlende Teile und Glieder ergänzen wir spontan am projektiven Bild der ganzen Gestalt.

Der Paläoontologe schließt vom Fußabdruck im Sand auf den aufrechten Gang, vom einzelnen Zahn auf die Struktur des Gebisses und die Ernährungsweise, vom Unterkiefer auf die Form des Gesichts. Aber die Datierung seiner Funde anhand des radioaktiven Zerfalls von Isotopen ist kein Analogieschluß, sondern ein deduktiver Schluß von den physikalischen Daten auf das Alter.

„Das sieht ihm ähnlich!“ – Wir schließen von einer Reihe von Verhaltensbeobachtungen auf den Charakter eines Menschen, das heißt auf seine Disposition, sich in ähnlichen Situationen ähnlich zu verhalten. Doch bisweilen müssen wir uns eingestehen, daß wir ein bestimmtes Verhalten nicht erwartet hätten.

Wittgenstein glaubte, in bestimmten, wenn nicht den meisten Fällen die Identität der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken durch die Ähnlichkeit der Sprachspiele ersetzen zu können, in denen sie verwendet werden. Spiele sehen sich mehr oder weniger ähnlich, doch lassen sich nicht alle als Instanzen eines Allgemeinbegriffs darstellen oder aus einer allgemeingültigen Definition ableiten.

Doch von der Ähnlichkeit von Familienangehörigen zu sprechen, ist nur sinnvoll, wenn wir wissen, daß sie miteinander verwandt sind: Verwandtschaft aber beruht ihrerseits nicht auf Ähnlichkeit, sondern auf Abstammungslinien, die wir objektiv mittels DNA-Analyse verifizieren können.

Familienmitglieder können sich trotz Verwandtschaft manchmal nicht ähnlich sehen.

Identität ist der logisch ursprüngliche, Ähnlichkeit der abgeleitete Begriff.

Die Analogieschlüsse des Philologen, der die Lücke im Text durch sinnadäquate Ausdrücke komplementiert, beruht auf der Annahme der Identität des Autors, bei einem anderen Autor wäre der gewählte, die Lücke füllende Ausdruck nicht sinnadäquat.

Sprechhandlungen wie die Aufforderung, die Frage, das Versprechen sind Instanzen oder Exemplifizierungen jenes Typus von Sprechhandlung, den wir Aufforderung, Frage oder Versprechen nennen. Der Typus bildet die semantische Identität, die Instanzen Variationen auf dasselbe Thema, die einander ähnlich sind.

Wir können neue Typen, Begriffe, Strukturen von Sprechhandlungen erfinden; so erfanden wir in Analogie zur echten Frage die rhetorische Frage, in Analogie zur behauptenden Aussage die ironische Aussage.

Wir können von der Ähnlichkeit nicht auf Verwandtschaft oder die Identität des Begriffes schließen; der Sprachcomputer spuckt Zeichen aus, die denen der menschlichen Sprache ähnlich sind, aber wenn wir ihn einem Turing-Test unterziehen, der seine Verlautbarungen nach Kriterien des spontanen Vorgangs von Dialogen zwischen Menschen bemißt, besteht er ihn nicht.

Der kindlich Fromme nennt Gott Vater; diese helle Kerze familiärer Analogie ward Nietzsche von jenem Sturmwind ausgeblasen, den er Fatum nannte. Doch sein eigener Analogiezauber hieß: Amor fati.

Das Versagen der Analogie zwischen unseren Begriffen und dem unbegreiflichen Dunkel des Daseins erleben wir als Schwermut.

Mit der Entdeckung des Unähnlichen, der irrationalen Zahl bei Pythagoras, beginnt das philosophische Grübeln; mit der Erfahrung der Unverhältnismäßigkeit von Leid und Gerechtigkeit, wie bei Hiob, das theologische.

Wir können nur die Früchte von den Bäumen im Garten der Sprache pflücken, den wir sorgsam hegen und pflegen. Er kann durch die Invasion freßwütig schmatzender Raupen Schaden nehmen, durch den Sturm der Geschichte verwüstet werden.

Die Einschußlöcher im Nervengeflecht des Bewußtseins und Selbstgefühls, die feindselige Worte und schartige Gesten uns rissen, wachsen nicht wieder zu und bleiben wundenwach, wenn wir sie immerfort mit der Zunge der Erinnerung belecken.

Dem Archäologen stehen reichlich Scherben und Steine zur Verfügung, mit denen er die zerstörten Stellen und blinden Flecken des ramponierten Mosaiks nach Analogie des projektiven ganzen ergänzt; die zerstörten Stellen der Erinnerung, die uns traumatisches Erleben weggekratzt hat, suchen wir vergeblich mit dem lebendigen Material zu flicken, das wir dem Zellverband unseres Bewußtseins entreißen. So erklärt sich manches Stolpern und Stottern, so Verlegenheit und Verstummen.

Wir können einen Satz verstehen, wenn wir wissen, daß er nach Analogie eines anderen Satzes gebildet ist, den wir verstanden haben. Doch zu unserem individuellen Leben steht uns keine Analogie zur Verfügung.

Unser Leben ist in vielerlei Hinsicht eine Exemplifizierung typischer Lebensläufe; doch in den Biographien anderer Leute herumzuwühlen und zu buddeln, bringt uns nicht auf den Grund der eigenen.

Sieht ein Zwilling dem anderen auch noch so ähnlich, sind es doch zwei getrennte Wesen. 4/4 und 1 sehen sich überhaupt nicht ähnlich, und sind doch derselbe Zahlenwert.

Das Höchste, wozu wir es auf gedanklichem Wege bringen, ist zu sagen, daß etwas so oder so ist; zu sagen, daß die Frucht in dieser Schale ein Apfel ist, ist etwas anderes als der Ausdruck der Wahrnehmung des Apfels in der Schale. Die Wahrnehmung des Apfels ist nicht die Feststellung des Sachverhalts, daß die Frucht in der Schale ein Apfel ist.

Wir können die Annahme oder die Aussage, daß die Frucht ein Apfel ist, verneinen, nicht aber die Wahrnehmung der Frucht.

Die Möglichkeit der Verneinung impliziert das Vorkommen eines Gedankens der Form, daß etwas so oder so ist.

Der Gedanke enthält eine unbegrenzte Kette möglicher Gedanken; denn aus dem Gedanken, daß dies so ist, folgt, daß es nicht der Fall ist, daß dies nicht so ist. Der Vorgang der Negation läßt sich beliebig iterieren.

Die Analogie führt uns zur Vermutung, daß etwas so oder so ist, nicht aber zur Feststellung des Sachverhalts, daß es so oder so ist, denn diese beruht auf dem Kriterium der Identität der Bedeutung.

Sachhaltig überprüfbare Gedanken und Aussagen bedürfen einer präzisen baumartig hierarchisierten oder netzartig verwobenen Ontologie, die sich in der Anwendung wissenschaftlicher Klassifikationen und Terminologien, wie der botanischen oder zoologischen, bewähren muß.

Wir haben indes keine Schwierigkeiten, das Kleinkind zu verstehen, das zu allem, was auf vier Beinen läuft „Wauwau“ sagt, wie wir selbst ohne Federlesens klare Urteile bilden, in denen wir von Sonnenuntergängen und Walfischen reden.

In der Sprache der lyrischen Dichtung finden wir eindrucksvolle Relikte einer prälogischen, animistischen und mythischen Stufe des Bewußtseins, die sich vorzüglich unter Anwendung von Analogien wie Blut und Leben, Springquell und Jubel, Wolke und Traum, Wasser und Tod zum Ausdruck bringt.

Die Äpfel, die uns in der Schale lyrischer Verse dargeboten werden, haben bisweilen den goldenen Glanz und purpurnen Schimmer eines unwirklichen Lichts, das eher dem Strahl des Monds eines fremden Planeten ähnelt als dem des Erdtrabanten.

 

Jan 12 21

Henri Michaux, Repos dans le malheur

Le Malheur, mon grand laboureur,
Le Malheur, assois-toi,
Repose-toi,
Reposons-nous un peu toi et moi,
Repose,
Tu me trouves, tu m’éprouves, tu me le prouves.
Je suis ta ruine.
Mon grand théâtre, mon havre, mon âtre,
Ma cave d’or,
Mon avenir, ma vraie mère, mon horizon.
Dans ta lumière, dans ton ampleur, dans mon horreur,
Je m’abandonne.

 

Ruhe im Unglück

Unglück, mein großer Pflüger,
Unglück, lass dich nieder,
ruh dich aus,
ruhen beide wir ein wenig, du und ich,
ruhe aus,
du findest mich, du schindest, überwindest mich.
Ich bin dein Trümmerfeld.
Mein großes Spiel, mein Ziel, mein Pfühl,
mein Keller aus Gold,
mein Morgenlicht, mir Mutter ganz, mein Horizont.
In deinem Glanz, in deinen Auen, in meinem Grauen
streck ich mich aus.

 

Jan 11 21

Henri Michaux, Bonheur

Parfois, tout d’un coup, sans cause visible, s’étend sur moi un grand frisson de bonheur.

Venant d’un centre de moi-même si intérieur que je l’ignorais, il met, quoique roulant à une vitesse extrême, il met un temps considérable à se developer jusqu’à mes extrémités.

Ce frisson est parfaitement pur.
Si longuement qu’il chemine en moi, jamais il ne rencontre d’organe bas, ni d’ailleurs d’aucune sorte, ni ne rencontre non plus idées ni sensations, tant est absolue son intimité.

Et Lui et moi sommes parfaitement seuls.

Peut-être bien, me parcourant dans toutes mes parties, demande-t-il au passage à celles-ci :
« Eh bien? ça va? Est-ce que je peux faire quelque chose pour vous ici? »
C’est possible, et qu’il les réconforte à sa façon.
Mais je ne suis pas mis au courant.

Je voudrais aussi crier mon bonheur, mais quoi dire? cela est si strictement personnel.

Bientôt la jouissance est trop forte.
Sans que je m’en rende compte, en quelques secondes cela est devenu une souffrance atroce, un assassinat.

La paralysie! me dis-je.

Je fais vite quelques mouvements, je m’asperge de beaucoup d’eau, ou plus simplement, je me couche sur le ventre et cela passe.

 

Glück

Bisweilen hüllt mich, plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, ein tiefer Schauer des Glückes ein.

Aus dem Zentrum meiner selbst kommend, so innerlich, daß ich es nicht kannte, braucht er, auch wenn er sich mit äußerster Geschwindigkeit einherwälzt, braucht er eine beträchtliche Zeit, um sich bis zu meinen Extremitäten auszubreiten.

Dieser Schauer ist vollkommen rein.
Während er sich in mir seinen Weg bahnt, trifft er nie auf ein unteres Organ, und auch sonst auf keines, er trifft auf keine Vorstellungen noch Empfindungen, so absolut ist seine Intimität.

Und er und ich sind vollkommen allein.

Während er all meine Teile durchläuft, mag es geschehen, daß er sie im Vorübergehen fragt:
„Na, wie geht’s? Kann ich hier irgendetwas für euch tun?“
Das kann passieren, auch, daß er sie auf seine Weise tröstet.
Doch bin ich nicht auf dem Laufenden.

Auch ich würde mein Glück gern herausschreien, doch was sagen? Das ist eine ganz persönliche Angelegenheit.

Bald wird der Genuß zu stark.
Ohne es recht mitzubekommen, ist daraus in Sekundenschnelle ein gräßliches Leiden entstanden, ein Meuchelmord.

„Paralyse!“, sage ich mir.

Ich mache schnell ein paar Bewegungen, besprenge mich reichlich mit Wasser oder noch einfacher, ich lege mich auf den Bauch, und es geht vorüber.

 

Jan 11 21

Der Kinderwagen

Wie Schiffe, so wogten sie hin,
bastgeflochtene Körbe
auf Rädern mit astkrummen Speichen,
die hohl sirrten, dumpf quietschten,
eines rollte davon,
das schon lange gewackelt.

Ein bauchiger Baldachin
barg dich, Kind, vor der Welt,
den Bissen der Sonne, der Windsbraut,
manchmal hörtest du tröpfeln
elegischen Singsang den Regen,
Samtpfoten tupfen den Schnee.

Ein Glöckchen klirrte sein Ja
den holprigen Pflastersteinen,
im flauschigen Kissen war Schlaf,
bis eine nestelnde Hand
den blumigen Vorhang dir auftat:
das Lächeln graublauer Augen.

Lalltest dein erstes Wort
du hier vor dem Licht sanfter Blicke,
den Zwillingsklang deiner Freude,
oder hernach, als ihr Arm,
die weiche Biegung der Lust,
unter ihr Seufzen dich hob?

Hat er noch lange gedämmert,
der zersplissene Kinderwagen,
unter dem Dache, im Schuppen,
bei verschollenen Dingen,
sinkt er noch langsam, noch langsam
in des Erinnerns Morast?

 

Jan 10 21

Reife und Größe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das reife Urteil können wir Kindern und Phantasten politischer und künstlerischer Provenienz nicht überlassen, gehört doch die Einsicht in die Unterschiede zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, kindlichem Spiel und Ernst des Lebens, Fiktion und Realität zu seinen Voraussetzungen.

Das reife Urteil ist die Frucht der Einsicht in die Mittel und Wege, ein Hindernis und eine Schwierigkeit zu überwinden, die sich weder durch instinktgebundene noch als Gewohnheit andressierte oder konditionierte Bewegungen, sondern nur durch zweckdienliche und sinnreiche Methoden wie die Entdeckung von Umwegen oder die Erfindung adäquater Instrumente überwinden lassen.

Es ist vergebens, die geschlossene Tür einzurennen oder das zugeschnappte Schloß zu demolieren; sie öffnet sich nur dem, der den richtigen Schlüssel im Schloß umdreht.

Der Nestling ist herangereift, wenn er flügge wird; der Instinkt, die Altvögel mittels Schreien und aufgerissenem Schnabel zum Füttern zu bewegen, schwindet. Der junge Vogel verläßt das Nest, pickt nach Würmern, schnappt nach Fliegen und baut sich bald im eigenen Revier seine eigene Brutstatt.

Die Vergötzung des Juvenilen ist ein Kennzeichen einer dekadenten Gesellschaft.

Die Entwicklung des Körpers und des Gehirns unterliegt gesetzmäßigen Phasen der Reifung; wichtige Schwellen sind das Erlernen der Sprache und die Ausprägung des sexuellen Dimorphismus in der Pubertät. Der Stotterer eignet sich meist nicht zum Rezitator, der Hermaphrodit nicht zum Vater.

Wer nicht flügge werden will, scheut den Ernst, den Kampf, das Abenteuer des Lebens oder ist ein fauler Parasit, der den Eltern und ihren Surrogaten, den Partnern, den Freunden, dem Staat, auf der Tasche liegt.

Bei den Gliederfüßlern wie den Ameisen, Bienen und Wespen fehlt das kindliche Lernen motorischer Geschicklichkeit und sozialer Verständigung im Spiel; sie bedürfen seiner nicht, denn sie tragen die Programme zweckvollen Verhaltens und instinktgeleiteter Verständigung im Unterschied zu den spielerisch lernenden Wirbeltieren vollausgeprägt in ihrem Erbgut.

In der christlichen Lehre finden wir eine Spannung zwischen der Wahrheit dessen, was Kierkegaard Ernst nennt: „Jeder nehme sein Kreuz auf sich“, und dem Gebot: „Ein jeder trage des anderen Last.“ So haben sich sowohl Realisten als auch Utopisten auf sie berufen.

Die Griechen sahen die reifste Frucht der Einsicht im Ratschluß des Zeus, der freundlichen Geste der Wege und Auswege weisenden Athene und der Weisheit Apolls, Göttern der Höhe und des Lichts.

Die Einsicht, die sich im gültigen Urteil niederschlägt, ist ein spezifisches Humanum; sie bedarf des ruhigen Überblicks über verworrene und schwierige Lagen und Herausforderungen; sie sieht den verborgenen Weg oder Umweg, der hinausführt, oder die Mittel und Werkzeuge, einen Ausweg zu bahnen. Sie nimmt das Risiko des Irrwegs und des Irrtums auf sich und vermag den möglichen Nutzen oder Schaden mittels logischer Folgerungen auszuloten und zu gewichten.

Die Intelligenz, die sich im sinnvollen Hantieren mit präparierten Werkzeugen wie bei den Menschenaffen niederschlägt, ist vorsprachlich; ihre erfolgreichen Handlungsmuster können nachgeahmt, aber nicht mittels objektiver Dokumentation tradiert werden.

Der Schimpanse bringt es so weit, die ungreifbare Frucht unter Zuhilfenahme eines Stockes herunterzuschlagen; der Mensch pflanzt und züchtet den Baum in seinem Garten, der ihm die köstlichsten Früchte schenkt.

Die Verteilung der Urteilsfähigkeit auf die Mitglieder sozialer Gruppen unterliegt wie die der Intelligenz und der logischen Kompetenz, mit denen sie korreliert, der Gaußschen Kurve.

Wir unterscheiden intellektuelle und seelische oder mentale und moralische Formen der Unreife. Die intellektuelle Unreife zeigt sich in der Verwechslung von Ursache und Grund, von Gesetzmäßigkeit und Sinnhaftigkeit sowie in der Verkümmerung oder Verwahrlosung der sprachlichen Syntax bei der Darstellung komplexer Beziehungen; man entschuldigt ein Fehlverhalten als scheinbar unausbleibliche Wirkung eines Affekts und gibt als Grund für eine kriminelle Tat die verhängnisvolle Wirkung einer düsterer Herkunft an; den Sinn eines Gemäldes erklärt man mit den Gesetzmäßigkeiten der Komplementarität und Kontrastwirkung der Farben. Man sagt „durch“, wo es heißen müßte „dank“ oder „wegen“, man gebraucht die Konjunktion „als“, wo „nachdem“ oder „obwohl“ am Platze gewesen wäre. – Seelische und moralische Formen der Unreife bezeugen die Unfähigkeit, Unglück zu ertragen, und die larmoyante Einstellung, die Konflikte und Leiderfahrungen, die unausbleiblich aus intimen Beziehungen wie Liebe, Ehe und Familie oder institutionellen Ordnungssystemen wie Unternehmen und Staaten entspringen, dem schieren Vorhandensein solcher Beziehungen und Institutionen anzulasten.

Das logische Denkvermögen reift am korrekten Gebrauch der syntaktischen Verknüpfung von Sätzen; an der grammatisch korrekten Darstellung von temporalen, kausalen oder konzessiven Sinnzusammenhängen, von realen und irrealen Bedingungsgefügen.

Die Einsicht integriert die perspektivischen Verzerrungen und die optische Wirkung der eigenen Sichtschneisen und Fluchtlinien in das gesehene Bild. Die Scheinbewegung der Sternbilder am nächtlichen Himmel ist eine  Funktion der Eigenbewegung der Erde.

Der Schluß von Anzeichen und Indizien setzt den Begriff des zu erschließenden Gegenstandes voraus; der Flußlauf die Quelle, der Rauch das Feuer. Der Schluß von paläoarchäologischen Funden von Überresten des Frühmenschen in Griechenland (Graecopithecus), die nachweislich älter sind als die afrikanischen Funde, erschüttert die Annahme, der Vorfahr des Homo sapiens sei in Afrika entstanden.

Die natürliche Reife der menschlichen Entwicklung markiert die physische Disposition zur Zeugung und Schwangerschaft; die sittliche die angemessene Übernahme der Rolle des Vaters und der Mutter.

Die wesentlichen Kennzeichen menschlicher Reife sind Dispositionen und Fähigkeiten, wie greifen und hantieren, stehen und laufen, reden, schreiben und malen zu können.

Das wesentliche Kennzeichen ausgereifter sprachlicher Kompetenz ist die Fähigkeit zur Benennung und Beschreibung des Benannten.

Der Übergang vom Ausruf „Aua!“ zur Äußerung „Ich habe Bauchweh“ zeigt die entscheidende Schwelle an, die von der Kundgabe zur reifen sprachlichen Darstellung führt.

Der Übergang von der Beschreibung „Peter sagte X, Hans sagte Y, worauf Peter wiederum Z äußerte“ zur Verwendung des universellen Namens „Gespräch“ für diese Art von Ereignis zeigt die entscheidende Schwelle an, die von der Reihung von Sätzen zur ausgereiften Ontologie von Objekten, Attributen und Ereignissen führt; denn Gespräch nennen wir jenes Ereignis, bei dem zwei Personen in der Rolle von Sprecher und Hörer einander abwechseln.

Falsche und angemaßte Größe sehen wir allenthalben, wo geistige Zwerge auf dem Kothurn der Macht und Arroganz einherschreiten.

Reife und Größe können Schwestern, aber auch feindliche Brüder sein.

Der größere Baum wirft den längeren Schatten.

Sein eigenes Krächzen schätzt der Rabe höher als den Gesang der Lerche.

Größe der Macht, die gemein, und Größe des Geistes, die einsam macht.

Der Kleingeist jätet lieber die Lilien, die sein Gemüse überragen, als sich an ihrer Schönheit zu erfreuen.

Seelische Reife zeigt sich in der Neigung, unerreichbare Größe zu bewundern, statt sie neidzerfressen niederer Motive zu verdächtigen.

Größe, die sich vor der Gefahr der Hybris rettet, indem sie sich eingesteht, daß ihr sublimster Ausdruck ein Geschenk der Götter war.

Größe dessen, der schweigt, wenn die Quellen versiegen, die verstimmte Laute in den Baum hängt, der ihm zum letzten Male grünt.

Männer, die ihre schöne, stille Geliebte dem billigen Ruhm des lauten Jahrmarkts opfern.

Frauen, die billigen Ruhm ernten, wenn sie die schöne Leiche im Keller großer Männer ausbuddeln.

Echte oder angemaßte Größe ist die Aura der Autorität und Führerschaft, ohne die soziale Gruppen zerfallen.

Intelligenz kann man nicht vortäuschen.

Der Lehrer, der sich so klein macht wie seine Pimpfe und so tut, als wisse er nicht mehr als sie, ist eine lächerliche Figur des Zeitgeistes.

Von dem Arzt, der als Scharlatan entlarvt wird, weil er seine Approbation betrügerisch erschlichen hat, will sich keiner behandeln lassen.

Der farbenblinde Maler und der amusische Dichter werden gefeiert; freilich, der abstrakte Schinken ist gut genug, den Schmutzfleck an der Wand zu verdecken, das unharmonische Gezeter die innere Öde zu übertäuben.

Wenn alle für ebenbürtig gelten, wird die Dummheit und Verkommenheit der Dümmsten und Verkommensten zum Maßstab.

Manche haben dem Bruder die Suppe versalzen, manche den Nachbarn verpfiffen, manche zogen singend durch den Sumpf der Perversionen, diejenigen nicht zu vergessen, die im Blut vor dem Götzen wateten, den sie als ihre Wahrheit anbeteten und propagierten – doch alle kommen als reine Unschuldslämmer ins Paradies eines Origenes und Rousseau oder des zeitgenössischen Egalitarismus.

Zu pervers und bizarr, um nicht zum Idol zu taugen.

Zu schön, harmonisch und sublim, um einer Aufnahme in die Anthologie zeitgenössischer Gedichte für würdig befunden zu werden.

Größe zeigen wie auf den Gebieten der Mathematik und Wissenschaft nicht minder die Erfinder und Entdecker im Garten der Dichtung; so Sappho, Alkaios und Asklepiades, die es um den Ausdrucksreichtum ihrer rhythmischen Wasserspiele und strophischen Ranken erweiterten; so Horaz, der ihre metrischen Formen als hellhörige und tiefblickende Organe und Instrumente zur Verfeinerung der lateinischen Dichtersprache entdeckte und verwendete.

Der unreife Apfel schmeckt sauer, das Geschwätz des Zeitgeistes fade.

Die reife Frucht leuchtet, vom fauligen Anhauch bekommt sie häßliche Flecken.

Die uns die Ahnen säten, die Funken des Logos spermatikos, im Dunkel flackern sie noch wie schwache Friedhofskerzen.

 

Jan 9 21

Alte Weide, junge Blüte

Die sich übers Wasser neigt,
und ihr Sein ist Schauern,
Weide, alte Weide,
als fühlte sie dein Trauern,
als wüßte sie vom Leide,
und weshalb die Liebe schweigt.

Die auf dunklem Wasser scheint,
und ihr Sein ist Wallen,
Blüte, junge Blüte,
als hielte sie dein Fallen,
als wüßte sie von Güte,
und weshalb die Liebe weint.

 

Jan 8 21

Farbproben

Die graue Wolke flutet,
die graue Wolke reißt,
die graue Wolke blutet,
die graue Wolke.

Die blaue Vase zittert,
die blaue Vase schwebt,
die blaue Vase splittert,
die blaue Vase.

Das grüne Auge funkelt,
das grüne Auge träumt,
das grüne Auge dunkelt,
das grüne Auge.

Die weiße Blüte trauert,
die weiße Blüte trinkt,
die weiße Blüte schauert,
die weiße Blüte.

 

Jan 7 21

Vis verborum

Über semantische Mächtigkeit

At idola fori omnium molestissima sunt; quae ex foedere verborum et nominum se insinuarunt in intellectum. Credunt enim homines, rationem suam verbis imperare. Sed fit etiam ut verba vim suam super intellectum retorqueant et reflectant; quod philosophiam et scientias reddidit sophisticas et inactivas. Verba autem plerunque ex captu vulgi induntur, atque per lineas vulgari intellectui maxime conspicuas res secant. Quum autem intellectus acutior, aut observatio diligentior, eas lineas transferre velit, ut illae sint magis secundum natura, verba obstrepunt.

Doch am widrigsten sind die Idole des Marktes; mittels syntaktischer Verknüpfung von Nomen und Verb im Satz haben sie sich in den Verstand eingeschlichen. Zwar meinen die Leute, kraft der Sprache ihren Geist im Griff zu haben. Doch passiert es wohl, daß die Worte ihre Macht hinterrücks über den Verstand ausüben, ihn biegend und beugend. Das Ergebnis sind Sophisterei und geistige Lähmung in Philosophie und Wissenschaft. Die Sprache aber ist meist auf das geringe Fassungsvermögen der Menge zugeschnitten, und sie unterteilt die Gegenstände nach Linien und Gesichtspunkten, die am ehesten dem Verstand des gemeinen Mannes einleuchten. Wenn aber der schärfere Intellekt und die sorgsamere Beobachtung diese Einteilungen verschieben wollen, auf daß sie der wahren Natur des Gegenstandes mehr entsprechen, sträuben sich die Worte mit lautem Getöse.

Francis Bacon, Novum Organum, Aphorismus LIX

 

Das Mißtrauen der Philosophen gegenüber den Trugbildern und Fallstricken der sprachlichen Darstellung ist so alt, wie die Vermutung oder Entdeckung, daß unsere Begriffe oder Konzepte ihrem sprachlichen Ausdruck verhaftet bleiben, gleichsam wie Herder sagt an ihm kleben. Eigentlich, so die seltsame und denkwürdige Schlußpointe des platonischen Kratylos, sei es besser wortlos zu denken, wenn man zu den Sachen selbst oder der Wahrheit vordringen will, oder wie Bacon es unter fast blasphemischer Anspielung auf ein Jesuswort ausdrückt: In das neue säkulare Himmelreich der Wissenschaft, das Paradies, das nunmehr um uns seine seltsamen Blüten treibt, gehöre nur, wer rein und unschuldig ist wie ein Kind (infans: das Kleinkind, das der Sprache noch nicht mächtig ist).

Bei Wittgenstein finden wir beides, das Mißtrauen, das sich wie im Bild von der in die Sprachfalle geratenen Fliege bis zu Angst und Panik steigert, und das Vertrauen in die vis verborum und die konzeptuelle Kraft der natürlichen Sprache, wie es seine Ausführungen zu den Sprachspielen vor Augen führen, die ja dem alltäglichen Sprachgebrauch abgelauscht und abgemerkt sind.

Neben den grammatischen Einteilungen wie die in Nomen, Verb, Adverb finden wir die semantischen nach Wortfeldern, Sachgruppen und Bedeutungsschichten, die sich wie die Wortfelder „Hand“, „Handlung“ und „Aufforderung“ überlappen, überlagern oder hierarchisch untergliedern oder einander sinngemäß ablösen (erst ergeht die Sprachhandlung „Reiche mir doch das vor dir liegende Buch“, dann folgt der Griff nach dem Gewünschten).

Wenn wir mit Karl Bühler die Vermutung aufgreifen, der Imperativ oder die Aufforderung sei einer der urtümlichsten Sprechakte, dessen Ursprünge sich vor die Bildung der Flexionssysteme der indogermanischen Ursprache zurückverfolgen lassen, denken wir spontan an sprachliche Ausdrücke wie: „Hierher!“, „Dorthin!“, „Vorwärts!“, „Nicht weiter!“, „Komm!“, „Gib es mir!“, „Da, nimm!“

Wir befinden uns an der Seite dessen, der einen anderen hier und jetzt zu etwas auffordert, im Mittelpunkt der geteilten Wahrnehmungssituation und im Zentrum des deiktischen Zeigefelds der Sprache. Die deiktischen Indikatoren „hier, dort, jetzt, vorher, dann“ und „ich, du, dieses, jenes, dieser, jener, diese, jene“ teilen das primäre Wahrnehmungsfeld gleichsam in Tast- und Sichtschneisen rings um den Körper dessen auf, der hier und jetzt seine Aufforderung an den Sozius oder die Gruppe richtet.

Der menschliche Körper ist ein Primärobjekt sprachlicher Einteilungen; all seine Glieder und Organe sind von Kopf bis Fuß von der vis verborum erfaßt, von den Haaren über die Teile des Gesichts bis zu den Gliedmaßen; wir belassen es nicht bei Auge und Ohr, sondern unterscheiden Wimpern und Lider, Ohrläppchen und Ohrmuschel, belassen es nicht bei Hand und Fuß, sondern unterscheiden Finger und Zehen, Nägel, Wurzel und Kuppe.

Schlagen wir in einem medizinischen Handbuch nach, finden wir unter dem Lemma „Finger“ die Angabe Digitus, der drei Knochen aufweist: Phalanx proximalis, media und distalis, nur der Daumen hat zwei Phalangen und nimmt eine Oppositionsstellung gegenüber den anderen Fingern ein.

Die äußerst subtile und verästelte sprachliche Klassifikation der Organe des menschlichen Körpers gehört, vergleichbar mit dem botanischen und zoologischen Klassifikationssystem eines Linné, zu den Höchstleistungen der sprachlichen Darstellung in Physiologie, Chirurgie und Neurologie.

Aber auch der Chirurg fordert bei der Vorbereitung des operativen Eingriffs die Assistentin auf, ihm die Schutzhandschuhe über die Hände zu streifen; der Wissenschaftler, der Mediziner oder der Physiologe, muß, bevor er über die intrinsische Muskulatur des Digitus spricht, als Kind gelernt haben, die Wörter Hand, Finger und Fingerspitze richtig zu verwenden.

Die biologische Tatsache der Struktur der menschlichen Hand mit der opponenten Stellung des Daumens und ihrer zentralnervösen Steuerungskomplexität ist gemeinsam mit der genetischen Anlage zur Ausprägung der Sprachfähigkeit in den entsprechenden Hirnarealen und den Organen der Lautproduktion wie Gaumen, Zunge und Kehlkopf und dem aufrechten Gang ein entscheidendes Kennzeichen der menschlichen Spezies.

Die Semantik des Wortes Hand und seine Ableitungen und Weiterungen wie in den Begriffen Handlung, Handwerk, Handel und Verhandlung bezeugen es.

Mit der Hand tasten und fühlen wir, im Greifen und Zurüsten, im Formen und Umbilden, im Gebrauch und Umgang mit den alltäglich notwendigen Dingen und der erfolgreichen Durchführung der zum Lebenserhalt erforderlichen Handlungen erweist sich die Hand neben der Zunge als Werkzeug und Organ des menschlichen Geistes.

Wir können die Hand beim Grüßen und gestikulierenden Reden als Instrument der emotionalen und deiktischen Kundgabe, in der Gebärdensprache als Träger symbolischer Zeichen benutzen.

Auch die Semantik der vom Wort Hand abgeleiteten verbalen und adverbialen Ausdrücke gibt uns einen guten Einblick in die menschliche Lebenslage: Wir handeln klug, geschickt, angemessen und richtig oder töricht, täppisch, unangemessen und verkehrt; was nicht gut in der Hand liegt, ist unhandlich; eine handlungsarme Erzählung dünkt uns langweilig.

Vor allem müssen wir unsere Handlungen bei der Kooperation mit anderen, vom Handwerk bis zur Arbeit in Labor und Büro, sinnvoll, ökonomisch und zweckdienlich aufeinander abstimmen; dazu verwenden wir Steuerungsinstrumente wie Blicke, Sprechakte der Anweisung, Bitte oder Frage, desgleichen Kalender und Dokumente.

Die Geschlechtsteile sind uns die natürlichen Merkmale für die Klassifikation der Geschlechter; ihre seltenen Fehlbildungen und Dysfunktionalitäten sind uns kein hinreichender Grund, die fundamentale semantische Einteilung nach der sexuellen Bipolarität von Mann und Frau infrage zu stellen.

Die Regulierung und Kultivierung der in der menschlichen Sexualität angelegten natürlichen Neigungen in Institutionen wie der Ehe, der Familie und der auf Freundschaft gegründeten Liebe liefern uns reichste semantische Felder tragender Unterscheidungen, Einteilungen und Klassifikationen. Neben der Semantik von Liebe und Erotik, Fürsorge und Vertrauen finden wir eines der wichtigsten Klassifikations- und semantischen Ordnungssysteme in der Struktur der Verwandtschaftsbeziehungen; denn die soziale Position und der Lebenssinn des Menschen orientieren sich an Umständen wie Vaterschaft und Mutterschaft, an der Zahl der Geschwister, an der Beziehung von Blutsverwandten und verschwägerten Familienmitgliedern, an der Erbschaft von materiellen und kulturellen Gütern einschließlich der Muttersprache, also der Pflege von Traditionen oder ihrem Verfall, an den persönlichen und intimen Erinnerungen, deren vorzüglicher Stoff die Erlebnisse im häuslichen Umfeld darstellen.

Die vis verborum der Ahnen versorgt uns noch heute mit dem Wörterbuch für die Sprache der Liebe und der Sorge, des Vertrauens und der Lebensfreude, deren Schatten und Entartungen gleich daneben eingetragen sind, unter Stichworten wie Feindseligkeit, Vernachlässigung, Mißtrauen und Angst.

Neben der Rhetorik der Hand finden wir die Redekunst der Augen; denn Blicke können sprechen, Leidenschaft und Verlangen, Verlegenheit und Scham ausdrücken, Zuneigung und Haß, sie können strafen und drohen, locken und besänftigen.

Im Ausgang von der Mitte unseres leiblichen Daseins gelangen wir über das Nahfeld und den nächsten Um- und Wirkungskreis des Gehens, Stehens und Liegens, des Wachseins, Schlafens und Träumens, des Handelns und Genießens zu immer universelleren semantischen Gliederungen wie Jugend, Reife und Alter, Schicksal und Verantwortung, Leben und Tod.

Wir müssen die Temperatur nicht messen, um zu fühlen, daß wir frieren oder fiebern, nicht das Metermaß anlegen, wenn wir von Nähe und Ferne sprechen, nicht den Hormonstatus chemisch analysieren, wenn wir sagen, wir seien fröhlich, traurig oder gleichmütig.

Der Mediziner kann anhand der Hormonausschüttung oder des Hirnscans Ursachen für den Umstand ausfindig machen, daß der Patient von hartnäckiger Trauer und Schwermut geplagt wird; aber er kann seine Untersuchung allererst ansetzen, wenn ihm der Patient seine Situation geschildet hat, mit dem altvertrauten psychologischen Vokabular, in dem wir die klassischen Einteilungen der Gefühle und Stimmungen finden.

Wir können die Einteilungen und semantischen Ordnungssysteme unseres psychologischen Wörterbuchs nicht durch ein nichtintentionales und rein objektivierendes Vokabular ersetzen. Wenn ich dir erfreut über dein Kommen sage: „Hier findet gerade das Feuern von XYZ-Neuronen statt“, wirst du nie und nimmer verstehen, daß ich meiner Freude Ausdruck gegeben habe; denn du könntest ja mit einer rein wissenschaftlich objektiven Semantik nicht einmal die elementare Zuordnung von mein und dein, ich und du vornehmen, wüßtest also angesichts meiner kryptischen Aussage nicht, ob von mir oder dir die Rede ist.

Unser Vertrauen in die vis verborum, die Kraft der Sprache, das Antlitz und die Konturen der Dinge zu beleuchten, wenn auch bisweilen flackernd und diffus, meist aber im hellen Licht unseres Lebenstages, wird nicht gemindert, wenn sie uns mit Mythen und Märchen, Sagen und Legenden, lyrischen und epischen Dichtungen in das Reich der Fiktion verlockt.

Der mit der vis verborum zerfallene skeptische Philosoph und düstere Anbeter des reinen Lichtes der wissenschaftlichen Aufklärung, der fürchtet, im leider von den dämonischen Jüngern der semantischen Transparenz und Eindeutigkeit noch nicht gerodeten finsteren Wald der Sprache von Wort-Gespenstern und Begriffs-Ungeheuern heimgesucht zu werden, gleicht dem vom Fieber geschüttelten Kind, das nachts im Klappern der Fensterläden die Wut der Windsbraut aus dem kürzlich gehörten Märchen gewahrt, die es holen und in ihre dunkle Höhle verschleppen will.

 

Jan 6 21

Sprachliche Darstellung

Notizen zur Axiomatik der darstellenden Sprachfunktion

Die elementaren logischen Formen, die uns einfache Aussagen wie „Der Hund schläft“ oder „Peter und Hans sind Freunde“ liefern, sind die prädikatenlogischen F(a) und R(a, b).

Die Hoffnung (oder des frühen Wittgenstein Ambition), anhand dieser einfachen logischen Formen des Satzes eine vollständige Ontologie aufbauen zu können, erweist sich als Illusion, sobald wir auf Aussagen stoßen, deren Subjekte sich nicht als Namen für atomare oder elementare Bausteine der Welt wie Hunde oder Personen symbolisch darstellen und interpretieren lassen:

„Das Wasser des Rheins besteht aus H2O.“
„Der Winter ist eine Jahreszeit.“
„Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918.“

Wir beziehen uns mit dem Ausdruck „das Wasser des Rheins“ nicht auf einen Tropfen, mit dem Ausdruck „Winter“ nicht auf einen Tag, an dem Schnee lag, mit dem Ausdruck „der Erste Weltkrieg“ nicht auf den 1. September 1914, an dem er ausbrach, sondern auf komplexe Entitäten, die wir mehr oder weniger beliebig nach frei gewählten Partitionen und Klassifikationen untergliedern können; letzte nicht analysierbare Einheiten müssen wir nicht supponieren.

Wenn das, worüber wir reden, Stoffe oder Ereignisse sind, können wir sie nicht mit Namen benennen, die sich auf einfache semantische Einheiten beziehen.

Würden wir dies versuchen, um den ontologischen Atomismus zu retten, gerieten wir in Fallstricke von Fragen wie: Zerlege ich, was ich mit „Wasser“ meine, in dasjenige, was ich mit dem Ausdruck „Wassermoleküle“ meine, und was ich mit dem Ausdruck „Erster Weltkrieg“ meine, in die Tage vom 1. September 1914 bis zum 11. November 1918? Aber warum nicht in Atome, warum nicht in Stunden?

Dennoch sind wir bei der veridischen sprachlichen Darstellung zuletzt immer auf Benennungen und Beschreibungen angewiesen, auch wenn wir Benennungen nicht bloß auf den Gebrauch von einfachen Namen für einfache Gegenstände einengen, auch wenn wir x-stellige Relationsausdrücke verwenden.

Die ontologisch elementare Form der Benennung lautet „dasjenige S, das“; in Kombination mit einem deskriptiven Ausdruck ergibt sich die erweiterte Form „dasjenige S, das F ist“. „Dasjenige Tier, was jetzt im Körbchen liegt“ benennt meinen Hund, der jetzt in seinem Körbchen liegt.

„Dasjenige Lebewesen, was ein Herz und Lungen hat, ist ein Tier.“ – Somit erhalten wir die aristotelische Gliederung von Indivual-, Art- und Allgemeinbegriffen: Hund, Tier, Lebewesen.

Wenn wir demselben Gegenstand in unserer veridischen Darstellung ein und dieselbe Eigenschaft P nicht gleichzeitig zusprechen und absprechen können, gilt, daß Existenz Inkonsistenz ausschließt.

Die aristotelische Ontologie erlaubt, anders als die des Wittgensteinschen Traktats, den Gebrauch von komplexen Namen für Substanzen; Begriffe können in unterschiedliche Unterbegriffe abgeteilt werden, denn Lebewesen können Tiere oder Pflanzen sein, Tiere Hunde oder Katzen; partikulare Begriffe dagegen sind Instanzen bestimmter Universalbegriffe, dieser Hund ist die Instantiierung des Gattungsbegriffes Hund, Hunde sind Tiere, und Tiere sind Lebewesen.

Eine um die Zeitdimension erweiterte nichtaristotelische Ontologie umfaßt nicht nur Namen für Gegenstände und Prädikate für Attribute, sondern auch Namen und Prädikate für Ereignisse.

Ereignisse sind Prozesse an und zwischen Gegenständen, sie können durch komplexe Begriffe benannt und durch einstellige und mehrstellige Prädikate beschrieben werden: Peter erwacht. Peter und Hans streiten sich. Peter erzählt Hans von Sylvia.

Die veridische sprachliche Darstellung bedarf einer logischen Mannigfaltigkeit und semantischen Mächtigkeit, die der Struktur des Dargestellten entspricht. Dies bleibt einer realistischen Ontologie von der Bildtheorie des Traktats.

Wir können eine vollständige Semantik der Aussage nicht auf einer rudimentären Semantik der Kundgabe begründen. Die Interjektion, der Vokativ, der Imperativ verbleiben unterhalb der Schwelle der Benennung und Beschreibung.

Die aufleuchtende rote Lampe signalisiert Gefahr, sagt aber nicht, um welche Gefahr es sich handelt. Der Pfeil auf der Wanderkarte zeigt uns die einzuschlagende Richtung, nicht aber, welche Aussicht in welche Landschaft sich am erreichten Ziel eröffnet. Der Zuruf und die Aufforderung des Freundes heißen mich, zu ihm zu kommen, nicht aber, aus welchem Grund und zu welchem Behufe.

Der Ausdruck der Kundgabe kann wie die Interjektion und der Hilferuf mehr oder weniger intensiv, echt und authentisch oder unecht und heuchlerisch sein (der Hilferuf des Schwindlers und Betrügers), doch allein die sprachliche Darstellung kann mehr oder weniger angemessen, richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein.

Nur die topographische Karte, die auf systematischen Verfahren der Projektion und isomorphen Abbildung aufgebaut ist, kann ein Bild der Landschaft wiedergeben und dem Zweck der Orientierung diesen.

Nur beim Vorliegen symmetrischer Relationen können wir die Relata in dem Ausdruck R(a, b) vertauschen (Peter und Hans unterhalten sich).

Im Verhältnis zu den Zellen und Molekülen, aus denen sein Organismus besteht, ist Peter der Name für eine komplexe Struktur; im Verhältnis zu den Situationen und sozialen Organisationen, in denen er sich aufhält, ist Peter der Name für ein einfaches Element.

Die logische Mannigfaltigkeit der Darstellung zeigt sich in der Gliederung und relationalen Aufteilung ihrer Elemente: Die Zellen und Moleküle sind Teile des Organismus namens Peter, die Person Peter ist Teil der Gesprächssituation, an der Hans und Sylvia teilnehmen, und er ist Mitglied eines Vereins.

Wir reden nicht von den Zellen seines Körpers oder den neuronalen Vorgängen in seinem Gehirn, wenn wir beschreiben, wie Peter sich mit Hans unterhält.

Die topographische Wanderkarte bedient sich abstrakter ikonischer Zeichen, die in der Legende erklärt werden, beispielsweise Zeichen für Nadel- oder Laubbäume, Flüsse, Seen oder kulturelle Monumente. Wir können den Zeichen für Laubbäume nicht entnehmen, ob es sich um Lärchen oder Buchen handelt.

Wenn wir von unserer Wanderung im Freundeskreis erzählen, bevorzugen wir die spezifische Benennung und sprechen anstatt vom Laubwald vom Buchenwald, anstatt vom kulturellen Monument vom Römerkastell.

Je spezifischer und nuancierter, charakteristischer und atmosphärischer die sprachliche Darstellung, umso mehr nähert sie sich der dichterischen Darstellung.

Die Wahrheit der Darstellung zeigt sich in ihrer Anwendbarkeit und Reproduzierbarkeit; ich erzähle, was ich von der Aussicht auf dem Berg aus gesehen habe, den Fluß im Tal, die Weinberge an seinen Ufern, den Winzerort mit seiner alten romanischen Kirche. Wenn einer der Zuhörer, von meiner malerischen Schilderung angeregt, mir auf meinen Wanderpfaden folgen möchte, kann er, was ich gesehen habe, ebenfalls sehen.

Auch wenn wir uns darin irren, eine romanische Kirche gesehen zu haben (weil es eine gotische war), haben wir uns nicht darin geirrt, eine Kirche gesehen zu haben. Der Fehler in der Spezifikation wird einigermaßen wettgemacht durch den Gebrauch von Allgemeinbegriffen.

Je subtiler und spezifischer, je dichter der Feingehalt und je minutiöser die Granularität einer sprachlichen Darstellung, umso höher die Wahrscheinlichkeit von Mißgriffen und Fehlangaben; je flacher und grobkörniger, je abstrakter und allgemeiner die Darstellung, umso geringer die Fehleranfälligkeit.

Je mehr wir unseren Bericht metrisieren und quantifizieren oder einer wissenschaftlichen Terminologie angleichen, umso näher kommt er einer wissenschaftlichen Darstellung; um dies zu leisten benutzen wir Meßgeräte wie Uhren, Thermometer und Navigationsgeräte; für einen geographisch fundierten Abriß unserer Wanderung greifen wir auch auf zoologische und botanische Bestimmungsbücher zurück und sprechen nicht mehr von einer Lärche, sondern von der Larix decidua, nicht mehr von einer Buche, sondern von der Fagus orientalis. Im Maße der Annäherung an die wissenschaftliche entfernen wir uns von der dichterischen Darstellung.

Eine sprachliche Darstellung, die beansprucht, das Universum oder alles zu umfassen, wie die Ontologie des Aristoteles, müßte sich selbst enthalten; das aber scheint uns an die Grenze des sprachlich Darstellbaren zu führen.

Wer sich im Spiegel betrachtet, sieht sich seitenverkehrt und kann sich nicht gleichzeitig frontal und im Profil sehen, geschweige denn von hinten.

Wir können unsere sprachlichen Darstellungen auf jeweils angemessene und relevante Kriterien der Korrektheit, Stimmigkeit, Vollständigkeit und Wahrheit überprüfen; doch ähnlich, wie wir nur jeweils bestimmte Sichtschneisen in der Landschaft erblicken und auffassen können, müssen wir uns bei unseren sprachlichen Darstellungen mit dem von der jeweils angewandten Projektionsmethode gelieferten Umriß begnügen; es sei denn, wir wenden ein anderes Verfahren an, statt Erzählung den wissenschaftlichen Bericht, doch dann erhalten wir eine andere Darstellung, für die andere Kriterien der Korrektheit, Stimmigkeit, Vollständigkeit und Wahrheit in Frage kommen.

Wir können unseren Bericht von der Wanderung in unsere Lebensgeschichte einordnen, unsere Lebensgeschichte in die Geschichte unserer Familie, die Genealogie unserer Familie wenn es hoch kommt bis zum Siebenjährigen Krieg zurückverfolgen; doch je mehr wir zurückgehen und in umso weitergreifende Horizonte wir unseren Bericht einordnen (und wir könnten es bis zum Urknall forttreiben), umso flüchtiger, ephemerer wird, was wir zu sagen haben.

Jede sprachliche Darstellung ist relativ zur logischen Mannigfaltigkeit und semantischen Mächtigkeit der in ihr verwendeten Begriffe. Darstellungen mit unterschiedlicher logischer Mannigfaltigkeit und semantischer Mächtigkeit lassen sich nicht ohne weiteres ineinander übersetzen. Die vollständig in wissenschaftlicher Beschreibung und Terminologie wiedergegebenen Wahrnehmungen und Beobachtungen während unserer Wanderung können wir nicht ohne weiteres in einen erzählenden Bericht übersetzen.

Die objektive sprachliche Darstellung tilgt die Ich-Perspektive; von meiner Erinnerung, wie ich mich während meiner Wanderung unter einer Lärche ausgeruht habe, verbleibt nur das Residuum der nüchternen botanischen Auskunft, daß an genau diesem topographisch identifizierbaren Ort eine Larix decidua steht.

Alle sprachlichen Darstellungen, die Anspruch auf Wahrheit erheben, eint die Tatsache ihres intentionalen Gehalts; doch die Art, wie sie ihn erfassen, ist eine Funktion ihrer jeweiligen logischen Mannigfaltigkeit und semantischen Mächtigkeit. Mit fein gewebtem Begriffsnetz fangen wir auch die kleineren Fische, die im grob gestrickten nicht hängen bleiben.

 

Jan 5 21

Marginalien

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die alten Hochkulturen beginnen mit der Verwaltung des sozialen Lebens; sie sind eine Leistung der Schrift, denn sie dokumentieren die Entscheidungen, Wende- und Knotenpunkte im Leben der Gemeinschaften in signierten Akten, Erlassen, Rechtsdekreten, Richtersprüchen, Vermessungen, Verträgen, Kredit- und Erbscheinen. Um die dunklen Zentren der Macht, die Paläste, Burgen, Höfe, haust in den Waben der Verwaltung ein neuer Menschentyp, der Schriftgelehrte, der Beamte, der Archivar, der Sachverständige, der Richter, der Anwalt und schließlich der Historiograph. Sie verkörpern das kollektive Gedächtnis.

Die zukünftigen Gesellschaften verkörpern das kollektive Gedächtnis als Steuerungsorgane in digitaler und virtueller Form. Der neue Menschentyp gedeiht im Silicon Valley.

Die Embleme und Wahrzeichen des zivilisierten Menschen sind der Personalausweis, die Versichertenkarte und die Bankkarte.

Bald wird man den Neugeborenen wie heute schon den Jungtieren der Zoos Chips und Transponder implantieren, die sie jederzeit orten und identifizieren können und ihr Erdenwallen vollständig dokumentieren, ihren beruflichen und sozialen Status, ihre Krankheiten, ihr psychologisches Profil.

Die politischen Führer werden beobachtende, planende und ausführende Organe der Wissenschaft.

Der ferngesteuerte Mensch der Zukunft wird keine eigene Stimme mehr haben, sondern nach Ansage reagieren; die von ihm zu äußernden Sprechakte werden einem Repertoire entnommen, das auf die jeweilige Situation abgestimmte Kundgaben ediert; alle Gedanken und Verlautbarungen werden abgehört. Der Paranoiker wird recht behalten.

Der neue Mensch des wissenschaftlich-technisch gesteuerten Daseins wird keine Verbrechen mehr begehen, seine asozialen Neigungen werden umgehend von den neuronal eingepflanzten Steuerungsorganen erkannt und unterdrückt, er wird nicht mehr durch eigene Träume beunruhigt oder in gefährliche Freiräume gelockt, sondern im Schlaf und der Freizeit von Traumspielen unterhalten, die eigens auf seine Triebstruktur abgestimmt sind.

Der anachronistische und unbedachte Akt der Zeugung wird von der medizinischen Hygiene wohlbedachter künstlicher Befruchtung abgelöst.

Die genetische Eignung der Eier und Samen wird von einer staatlichen Reproduktionsanstalt zur Sicherung gesunden Nachwuchses geprüft; nur geeignete Geschlechtszellen werden einer überwachten Verschmelzung zugeführt. Der in künstlichen Brütern reifende Embryo wird bei Bedarf mittels genetischer Eingriffe optimiert. Die Kinder werden in staatlichen Aufzuchtsanstalten großgezogen und sozial trainiert.

Nach der fristgerechten Entnahme, laborgeschützten Pflege und kalkulierten Verschmelzung der männlichen und weiblichen Geschlechtszellen werden die Spender-Organismen mittels hormoneller und neurologischer Steuerung geschlechtlich neutralisiert. Begriffe wie Liebe, Begehren, Eifersucht, Treue, Sehnsucht und Liebesschmerz werden aus den amtlich kontrollierten und neuronal implementierten Wörterbüchern entfernt. Stücke wie „Romeo und Julia“ können dank der erfolgreichen Auflösung der zu Verwirrung, Neurose und Diskriminierung führenden Geschlechterspannung, weil unverständlich geworden, ohne das Gefühl eines kulturellen Verlustes hervorzurufen ebenso aus dem Verkehr gezogen werden wie die abendländische Liebeslyrik von Sappho bis Goethe.

Menschen werden zu biologischen Maschinen deklariert; schadhafte und verschlissene Organe können ausgetauscht, ganz ausgelaugte Organismen abgeschaltet werden.

Der Mensch der Zukunft stirbt keines natürlichen Todes mehr.

Ohne die Möglichkeit, sie zu übertreten, keine Norm.

Wer nicht lügen könnte, kann nicht aufrichtig sein.

Wer nicht töten könnte, kann keine Gnade walten lassen.

Lobenswert ist nur, was hätte schiefgehen können.

Eine Linie auf dem Blatt – schon sprechen zu uns hier und dort, Bahn, Grenze und Schwelle.

Wem man die Fähigkeit zum Bösen herausoperiert hat, ist nicht gut, sondern lau.

Wer keiner Ungerechtigkeit und keiner Bosheit fähig ist, kann nicht gerecht und gut sein.

Die Anekdote erschließt die Biographie, nicht die Statistik.

Wenn man Leute beobachtet, die sich unbeobachtet glauben, erfährt man mehr von ihren Träumen und Ängsten als durch Psychoanalyse.

Daß es Leute mit lückenhaften Kenntnissen der Grammatik bis an die Spitze des Staates und von Unternehmen, ja auf Lehrstühle der Literaturwissenschaft oder an die Seite attraktiver Partner bringen, beweist, daß sprachliche Gewandtheit und Perfektion kein elementares Selektionskriterium mehr darstellen.

Heute darf sich, wer der deutschen Grammatik nur in bescheidenem Maße mächtig ist, mit hochdotierten Preisen von Dichterakademien schmücken.

Die Interjektion und der Hilferuf sind noch keine Sprache; erst wer dem herbeigeeilten Helfer berichtet, wie und warum er in die mißliche Lage geriet, spricht mit semantischem Zungenschlag.

Wer es nicht hätte anders sagen können, hat nichts gesagt.

Der Hilferuf ist Teil der Sprache nur, wenn er die satzförmige Äußerung impliziert: „Ich bin hier.“

Was man verschweigt, ist Teil der Sprache.

Wer sich nicht hätte verrechnen können, hat nicht gerechnet.

Die Maschine hat sich nicht verrechnet, sondern versagt.

Daß sie für fremde Ohren, insbesondere für uneingeweihte oder argwöhnische, unverständlich sei, ist eine Funktion der Sprache, wie der Ritualsprache oder der Gaunersprache.

„Hokuspokus“ – so „übersetzt“ der Aufgeklärte das Mysterium des Glaubens („hoc est enim corpus meum“).

Im Lateinischen bildet der Ablativus absolutus, souverän gehandhabt von Tacitus, eine Form der sprachlichen Ökonomie und Verdichtung, die wir in der Übersetzung unter Angabe der zeitlichen und kausalen Bezüge auflösen müssen: Urbe devastata incolae fugerunt. Nachdem (oder weil) die Stadt verwüstet war, flohen die Einwohner. Bei verneintem Hauptsatz allerdings ergibt sich ein konzessiver Sinn: Urbe devastata incolae non fugerunt. Obwohl die Stadt verwüstet war, flohen die Einwohner nicht.

Schwätzer heißen wir einen nicht nur, weil er uns kostbare Zeit raubt, sondern auch, weil er das bündig zu Sagende hinter den Ranken selbstgefälliger Rhetorik verbirgt.

Wer ein Licht ins Dunkel des Ungedachten wirft, tut dies meist auch mit der Strahlkraft neuer Begriffe. So nutzen Platon und Aristoteles die Möglichkeit der Substantivierung von Verb und Verbaladjektiv im Griechischen (das Sein, das Seiende) zur Bildung neuer ontologischer Aussagen.

Die vom Leben stiefmütterlich Behandelten oder Geschlagenen können manchmal ihr Handicap kompensieren. Es sind die großen Talente ihres Fachs und die kleinen Genies des Lebens.

Wer nie unter Ausdrucksnot litt, mag Zeitungschreiber werden, aber kein Dichter.

Der emotional Verwirrte und Ertaubte redet ständig über Gefühle.

Ontologisch und sozial bedeutsame oder relevante Begriffe sind hierarchisch strukturiert; sie gehorchen logischen Formen der Exemplifikation, der Implikation, Konsistenz und Inkonsistenz. Peter exemplifiziert den Begriff einer Person; nur Personen, keine sonstigen Entitäten wie Tiere oder Pflanzen können Mitglieder von Vereinen, Unternehmen, Kirchen oder Armeen sein. Peter kann nicht zugleich praktizierender Katholik und Mitglied der Humanistischen Union, nicht Mitglied der Heilsarmee und Sommelier im Luxusrestaurant sein.

Sprech- und Schreibakte konstituieren und strukturieren die soziale Zeit, wie die Unterzeichnung eines Kreditvertrages, die den Kreditnehmer verpflichtet, über lange Zeitperioden hinweg der Abtragung seines Kredits nachzukommen.

Wer sich auf den Vorgang des Schluckens konzentriert, wird sich verschlucken.

Das Bewußtsein zu träumen ist eine Schwelle zum Erwachen.

Der seines Daseins, seiner Gefühle, seines Leibes allzu Bewußte verläßt bald das Haus nicht mehr, wird apathisch, verstummt.

Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen Terror und Kitsch, man betrachte den Kunstgeschmack eines Hitler, Stalin oder Mao.

Kitsch heißt, Schwären unter Flitter und Talmi, den Klumpfuß und das böse Horn mit Kothurn und Diadem verdecken, heißt, vor das Grauen des Daseins und des Todes die mit floralen Ornamenten bestickte spanische Wand sentimentaler Gefühle rücken.

Der Blinde tastet mit dem Fühl-Stock die Unebenheiten des Weges und die glatten Stellen des möglichen Fortganges ab. Dies ist die Ursituation des primären Spracherwerbs. Die ersten Äußerungen gleichen den Fühl-Bewegungen des Blindenstocks. Die Korrekturen der Eltern hemmen das Kind, ihre bestätigenden Äußerungen leiten es weiter.

Die Analogie des primären Spracherwerbs mit dem Erlernen einer Fremdsprache führt systematisch in die Irre.

Das kybernetische Modell von Sender und Empfänger bleibt unterhalb des begrifflichen Niveaus der Semantik natürlicher Sprachen. Der Hilferuf des Kindes als unmittelbare Kundgabe steuert das Verhalten des besorgten Vaters, der ihn als Appell versteht, ihm zu Hilfe zu eilen, aber er teilt ihm nichts über die Situation des Kindes mit.

Der Schwänzeltanz der Biene und ihre Absonderung chemischer Spuren steuern das Verhalten der Schwarmgenossinnen, die sie als Appell auffassen, die „gemeinte“ Blumenwiese aufzusuchen. Aber die Schwester teilt ihnen keine botanischen Wahrheiten über die neue Nahrungsquelle mit.

Die Aufforderung des Großvaters, der Enkel möge ihm aus dem Nebenzimmer seine Hausschuhe bringen, muß das Nahfeld der gemeinsamen Wahrnehmungssituation sprachlicher Deixis („die Schuhe dort“) transzendieren; sie ist aber mittels der Verwendung deskriptiver Ausdrücke semantisch vollständig und als Sprechakt performativ abgeschlossen.

Im Gespräch finden wir die Steuerung des Gesprächspartners mittels deiktischer Verweise im geteilten Wahrnehmungsfeld („Reiche mir doch das Buch, das vor dir liegt“); freilich mehr noch die wechselseitig-reflexive Beeinflußung mittels Mitteilung von Überzeugungen und ihrer Revisionen und Korrekturen, aber auch von Hypothesen („Peter hat mich gestern auf der Straße nicht gegrüßt, er trägt mir mein Fehlverhalten nach.“ – „Ich habe heute mit ihm telefoniert, sein Vater ist gestorben; daher wohl seine Geistesabwesenheit.“)

Der treue Hund kann seinem Herrchen nicht versprechen, früher schlafen zu gehen. Den Grund ersehen wir aus der semantischen und deontischen Struktur menschlicher Versprechen: Sie haben einen intentionalen Gehalt, der nur satzförmig darstellbar ist: „Ich verspreche dir, heute früher ins Bett zu gehen, um morgen zeitig mit dir zu unserem Ausflug aufzubrechen.“ Aufgrund des Verhältnisses dessen, der das Versprechen gibt, zu demjenigen, dem es gilt, beispielsweise ihrer freundschaftlichen Bindung, und der aus seiner Nichteinlösung drohenden Sanktion (Schädigung oder Bruch der Freundschaft) entfaltet der Sprechakt seine deontische Kraft.

Das Geschenk verpflichtet den Beschenkten, sich bei Gelegenheit erkenntlich zu zeigen.

Das gegebene Wort erzeugt in demjenigen, der es entgegennimmt, den Anspruch auf seine Einlösung. Die rechtens ergangene Aufforderung dagegen beruht auf dem (autoritativen) Anspruch dessen, der sie äußert, auf die Einlösung durch denjenigen, an den sie ergeht.

Mit den Bewegungen des Taktstocks demonstriert der Dirigent den autoritativen Anspruch, daß die Orchestermusiker ihren Teil der Partitur in synchroner und expressiver Abstimmung mit den Mitspielenden ausführen. Partituren sind den Willen des Komponisten dokumentierende Anweisungen zu ihrer Übersetzung in angemessene Interpretationen.

 

Jan 4 21

Fühlest du es auch

Wort war deine Träne,
Traumes Moos entquollen
auf die blasse Wange,
dunkler Glanz der Nacht.

Wie sind wir verschollen,
schlafend, halb erwacht,
mondner Schnee der Schwäne,
Dämmerung so bange.

Atem gab dein Schweigen,
dunklen Wassers Hauch,
und die Wellen bogen
meines Schweigens Gras.

Fühlest du es auch,
Schwermut ohne Maß,
müder Knospen Neigen,
uferloses Wogen?

 

Jan 3 21

Kommt ein Duft aus jenem Garten

Wenn die Türme Babels grauen,
will ich nach den Gräbern schauen,
ob ihr Licht noch scheint.

Marmorglanz mag mich nicht freuen,
ich will blasse Blumen streuen,
wenn die Liebe weint.

Dunkel sind des Lebens Gänge,
dunkle Wasser Nachtgesänge,
Schwanenlicht, das sinkt.

Kommt ein Duft aus jenem Garten,
will ich vor dem Tore warten,
bis der Engel winkt.

 

Jan 3 21

Warum bist du aufgewacht

Manchmal lehnst du in der Nacht
deine Stirne an die Scheibe,
schaust des toten Mondes Pracht,
fühlst die Nacht in deinem Leibe.

Fahl ein Fleck aus zweiter Hand,
grau von grauem Dunst umschwommen,
ist der Mond, ein dunkler Brand,
ist dein Leben ausgeglommen.

Öffne nur das Fenster, lausche,
diese Nacht singt dir kein Lied,
und kein Quell, der es dir rausche,
und kein Auge, das dich sieht.

Warum bist du aufgewacht
aus dem Schlaf, dem blütenlosen,
hülle dich ins Tuch der Nacht,
unbestickt mit Sternen, Rosen.

 

Jan 2 21

Hündchen

Denkst, mein Hündchen, du auch zart,
wenn du deine Pfötchen streckst
auf das weiche Sofakissen,
wenn du dir das Mäulchen leckst
mit dem Zünglein so apart,
an die eine, die wir beide
nun vermissen,
an das Frauchen, dieses Frettchen,
das mit seinem Halsgeschmeide,
seinem Perlenkettchen,
heimlich in der Nacht
aus dem Staube sich gemacht,
uns zum Leide?

Denkst, mein Hündchen, du der Stunden,
da im Gras du um sie hüpftest,
neckisch untern Rock ihr schlüpftest,
ihr den roten Ball gefunden?
Wie melodisch war dein Jaulen,
wenn das leise Lied sie sang,
wie ein Seufzen dir entrang
träumerischer Hand ihr Kraulen.
Nein, dich juckt nicht der Verlust
so wie Morgenstrahl das Näschen,
wenn du dreimal niesen mußt.
Seh ich deine Blicke feuchten
etwa süßer Wehmut Bild,
nicht der Napf nur macht sie mild,
wo die fetten Brocken leuchten.
Ach, ich sah, wie du den Ball,
der noch Duft von ihrem Leben,
Moleküle Glücks gegeben,
in das Körbchen hast getragen,
und du kautest drauf herum,
Augen zu und mit Behagen.
Hast ein Herz nicht minder zart
als ein Dichter, den es rührt,
wie es nah die Ferne spürt,
lebst nicht nur der Gegenwart.

 

Jan 1 21

Das Licht des Logos

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Im Dunkeln tasten wir unsere Umgebung bisweilen mit einer Taschenlampe ab; wir leuchten den Pfad aus, auf dem wir sicheren Schrittes an unser Ziel gelangen wollen. Vernehmen wir ein ungewöhnliches Geräusch, richten wir den Strahl in die Richtung seiner Herkunft, um uns zu vergewissern, ob nicht etwa Gefahr droht oder ein Fremder uns auflauert. Doch es war nur ein knackender Ast, es waren nur Tropfen, die vom Blattwerk fielen, als ein Vogel sich dort niederließ.

So tasten wir mit dem Organ unserer Sprache den Unbekannten ab, der uns im Dunkel auf dem verwaisten Bahnsteig anspricht.

Im Licht unserer Fragen sollen der Unbekannte und das Unbekannte sein Profil, sein Gesicht zeigen.

Der Fremde ist nicht nur eine Quelle der Verunsicherung, sondern begegnet uns in der Rolle des Prüfers, Sachverständigen und Richters als Instanz des Vertrauens, nämlich eines erwarteten und erwünschten objektiven Urteils, das nicht durch Bestechung oder verwandtschaftliche Voreingenommenheit getrübt und zurechtgebogen ist.

Der Junge, der sich im Dickicht verirrt hat, ruft laut und immer lauter nach dem Vater, mit dem er sich am Morgen zu einem kleinen abenteuerlichen Ausflug aufgemacht hat. Sein Ruf hat die allgemeine kommunikative Gestalt, die wir so wiedergeben können: „Ich bin jetzt hier.“ Wir treffen auf die von Karl Bühler so genannte Origo im deiktischen Zeigefeld der Sprache.

Wir können das sprachliche Zeigefeld mit dem Sehfeld vergleichen: Eine Figur hebt sich stets von einem Hintergrund ab, ein Sagen vor dem Hintergrund des virtuell Sagbaren.

Unsere Rede wirft ein bestimmtes Licht auf die Dinge; sie mögen uns von einer diffusen Aura des Geahnten, Bedrohlichen, Geträumten umgeben oder mit scharfer, harter Kontur entgegenblicken.

Unser Sprach-Licht ist stets von einer Dunkelheit umgeben, deren Anwesenheit in den Schatten spricht, die zwischen unsere Wörter und Sätze fallen. Die Dunkelheit spricht vernehmlicher im Wort der Dichtung; kündet vom endgültigen Verlöschen, vom Vergessen, vom Schweigen.

Paradies: immerwährende Festbeleuchtung, purpur-goldener Glorienschein auf Lobgesanges ewigem Wellenschlag oder schattiger Garten wolkenartiger Alhambra, wo das selige Seufzen des Wassers, auf dem sich Orchideenblüten wiegen, bisweilen vom Kreischen barbusiger Jungfrauen unterbrochen wird – dann doch lieber das Dunkel, das Schweigen, das Nichts.

Die Antwort muß zur Frage passen wie das sich auftuende Schloß zum passenden Schlüssel.

Der Dialog besteht aus Variationen auf das Thema „Frage und Antwort“. Er bleibt wie öfters bei Sokrates aporetisch, wenn der Frager nicht befragt werden will oder die Welt des Befragten in Frage stellt.

Liebeszeichen sind wie zerbrochene Symbola, Ringe, die jeweils nur an den Bruch- und Nahtstellen zusammenpassen.

Wie der Maler mit den Farben auch Licht und Schatten verteilt, weiß der Dichter sublimer Gebilde das Licht des Wortes unter die Ranken des Verschwiegenen zu streuen.

Bisweilen ist das nicht ausdrücklich Gesagte, das dunkel Gelassene, der eigentliche Grund des Gedichts.

Das allzu deutlich Gesagte, das viel zu grell Beleuchtete, wirkt trivial und aufdringlich.

Gedichte, die uns unter dem Überhang aufgeblähter Metaphern oder mit dem Schattenspiel rätselhafter Assoziationen Botschaften übermitteln wollen, die sich wie die Frequenzen alter Radioempfänger im Rauschen gegenseitig auslöschen.

Der unwillkürliche Ruf des Kindes, das sich im Dickicht verirrt hat, ist zugleich Ausdruck der Hilflosigkeit und Appell, der Vater möge es finden und ihm beistehen.

Die schmerzliche Gebärde des sterbenden Galliers (in der hellenistischen Plastik) ist nur Ausdruck und kein Appell; die Kunst isoliert das Ausdrucksmoment, gleichsam durch Theatralisierung oder Inszenierung.

Weil sie des Appellcharakters entbehrt, können Kunst und Dichtung das Ausdrucksmoment bisweilen in einem Maße steigern, forcieren und übertreiben, wie es uns im gewöhnlichen, nicht inszenierten Alltag manieriert und aufdringlich, ja maskenhaft und lügnerisch anmuten würde.

Luthers Bibelübersetzung ist, wie er es selbst auffaßte und empfand, das aus dem Flammenquell des Heiligen Geistes angezündete Sprach-Licht, das über die Deutschen kam – und blieb, solange ihre Dichter es in ihre Werke aufnahmen und sie als Lampen für den Lebensweg in der Finsternis dieser Welt weiterreichten.

Charakterisierung der Gegenstände mittels Spezifikation und Prädikation ist die vorzügliche Leistung der darstellenden oder symbolischen Funktion der Sprache; „Rose“ ist spezifischer als „Blume“, „purpurfarben“ sprechender und charakteristischer als „rötlich“. Darstellungen können aus sich selber leuchten, ohne die sprachlichen Funktionen des Ausdrucks und Appells zu bedienen. Stifters Nachsommer ist eine reine Darstellung stillen Daseins mittels Charakterisierung der in ihm kaum handelnden, nur atmenden Personen, der sie einhüllenden Duft- und Blütenschalen und der sie ins Dämmerlicht tauchenden Schattenranken der Erinnerung.

„Zu nahe treten“ ist prosaisch; „aufs Fell rücken und am Zeug flicken“ ist idiomatisch, körnig, charakteristisch, es ist der Unterschied von Zeitungsdeutsch und der Sprache Goethes oder Gottfried Kellers.

Der Hilferuf des Knaben ist keine Beschreibung seiner Hilflosigkeit. Erst wenn das Kind dem herbeigeeilten Vater erzählt, wie es in die mißliche Lage geriet, kommt die Sprache zu ihrem Recht symbolischer Darstellung.

Die poetologische Verknüpfung der dichterischen Gattungen des epischen Erzählens, des lyrischen Ausdrucks und des dramatischen Appells mit den Bühlerschen Sprachfunktionen, wie sie Emil Staiger geistreich und profund vorgeführt hat, mag sie in der Durchführung auch bisweilen forciert wirken, ist mehr als die bedächtige Auffächerung eines scharfsinnigen Aperçus.

Das Licht des Logos, das, wie es der alte Ritus der Osternacht vergegenwärtigt, in die Finsternis der Welt eingeht, wird weniger von der menschlichen Rede gespiegelt als vom preisenden Gesang des Hymnus.

Uns blieben die bang im Nachtwind flackernden Lichter auf den Gräbern der Ahnen.

Die billigen Wahrheiten des Marktes sind gemessen an jenem Sprachleib aus Licht Schatten, die nicht nähren.

Die Kerze, die am Osterfeuer entzündet und mit den Emblemen der Erlösung versehen wird, ist im Sinne des Organon-Modells der Sprache Karl Bühlers aufgefaßt ein darstellendes Symbol des Logos, ein Ausdruck der göttlichen Liebe und den Frommen ein Geheiß, ihre Herzen daran zu entzünden.

Das Organon-Modell der Sprache können wir auch auf nonverbale rituelle Zeichenhandlungen anwenden.

Die kurze Linie der Kommunikation zwischen Ausdruck und Appell (Hilferuf des Kindes) vermag den engen, auf das gegenwärtige Umfeld ausgerichteten Horizont nicht zu überschreiten; anders die Erzählung oder der Bericht des Kindes, wie es in die mißliche Lage geriet. Die kurze Linie finden wir auch im Tierreich, nicht aber die darstellende Funktion der Sprache, den eigentlichen Logos der Sprache.

Indes müssen wir die antike Auffassung des Logos als unterschiedsloses Zeichen oder transparentes, mittels dialektischer Kritik gereinigtes Glas, durch das wir die Gegenstände und Sachverhalte in ihrem Dasein und Sosein erblicken, aufgeben; denn wir können die Rechenoperation 2 x 2 = 4 nicht ausführen oder den Gedanken „Ich glaube, auf der anderen Straßenseite geht mein Freund Peter“ nicht denken, ohne die Zeichen, mit denen wir sie darstellen, zu verwenden.

Wir können außerhalb des darstellenden Universums und der symbolischen Ordnung der Sprache nichts meinen, glauben, hoffen oder befürchten.

Wir können nicht mittels Bildern oder Vorstellungen denken oder etwas meinen; wir könnten uns zwei oder vier Gegenstände vorstellen, aber nicht die Operation der Multiplikation als mentales Bild auffassen. Wir könnten uns vorstellen, wie dort unser Freund Peter entlanggeht, aber nicht uns vorstellen, daß wir glauben, er gehe dort. Die einzige Repräsentation oder Darstellung für die Annahme, den Glauben oder die Überzeugung, dort gehe unser Freund Peter, ist der Satz: „Ich glaube, dort geht mein Freund Peter.“

Wir bemerken, daß aufgrund der darstellenden Funktion der Sprache die Analogie zwischen Sehen und Sagen an ihre Grenze stößt; denn wir können natürlich über alles Mögliche sprechen, was wir nicht sehen wie über unseren in Amerika weilenden Freund Peter, was wir nie gesehen haben wie den Übergang Caesars über den Rubikon oder was wir nie sehen werden wie die Vernichtung der Erde bei der einstigen Expansion der Sonne.

Unsere Annahmen und Überzeugungen sind keine unmittelbaren Wirkungen physischer Ursachen; die Annahme, bei jener Person, die auf der anderen Straßenseite geht, handele es sich um meinen Freund Peter, kann falsch sein, denn es ist sein Zwillingsbruder Hans, dessen Wahrnehmung sich nicht merklich von der Wahrnehmung von Peter unterscheidet.

Was wir uns mit der Errungenschaft der darstellenden Funktion der Sprache einhandeln, sind die Möglichkeiten des Irrtums, von Fabel und Fiktion, aber auch der Lüge. Der in seiner Bedrängnis unwillkürlich um Hilfe rufende Knabe kann nicht irren oder lügen; doch der Kriminelle kann den Hilfsbedürftigen simulieren, um dem hilfsbereiten Passanten in die Tasche zu greifen.

Ursachen, wie sie die Neurowissenschaft und ihre gläubigen philosophischen Adepten für Überzeugungen ausfindig machen wollen, geben uns kein Kriterium für die Wahrheit oder Falschheit von Überzeugungen an die Hand, die mit ihnen korrespondieren; so die unwahre Überzeugung des Logikers Gödel, seine Frau reiche ihm ein vergiftetes Getränk, die dieselben neuronalen Muster zur Grundlage hat wie die wahre Überzeugung des Sokrates, der ihm gereichte Becher enthalte den tödlichen Schierling.

Schlichte Annahmen wie diejenige, dort gehe mein Freund Peter, implizieren eine unbegrenzte Anzahl an weiteren Überzeugungen, die wir nicht überschauen oder aus grundlegenden Prämissen ableiten können, wie die Überzeugung, Peter sei ein Bewohner dieser Stadt, die in Deutschland liegt, das ein Land im Nordteil der Erdkugel ist, die sich im Laufe eines Tages um sich selber dreht und dabei um die Sonne rotiert, die ein Stern innerhalbe der Milchstraße ist, die eine Galaxie unter unzähligen Galaxien des Universums ist …

Mathematische Berechnungen lassen sich mit unterschiedlichen Zeichensystemen wie dem arabischen oder dem digitalen darstellen, wenn sie nur jeweils wahrheitserhaltend ineinander transformierbar sind; ein medizinischer Befund läßt sich ohne Sinnverlust auf Deutsch, Englisch, Chinesisch oder Urdu wiedergeben. Aber das „Je ne sais quoi“ eines Mallarméschen Gedichts kann nur an diesem selbst erfahren werden, auch wenn der Deutsche, der Engländer, der Chinese oder Inder eine Übersetzungshilfe in seiner jeweilige Muttersprache zu Rate zieht.

Idealismus, Rationalismus und Aufklärung eint der Glaube, die natürlichen Sprachen seien gegen die Wahrheit und Relevanz des mitgeteilten Gedankens indifferent; der Fromme aber muß daran festhalten, daß die Mitteilungen der Botschaften des göttlichen Logos nicht zufällig auf Hebräisch, Griechisch und wie Luther und Hölderlin glaubten auf Deutsch erfolgt sind.

Die Möglichkeit des Irrtums und der Lüge, des Wahns und des Betrugs ist die dunkle Rückseite des Lichtes der Sprache, die wie der Schatten von der Quelle des Lichts und dem Gegenstand, der ihn wirft, nicht ablösbar ist.

Die Möglichkeit der Wahrheit und des Irrtums ist eine Folge der Ablösung der Aussage vom deiktischen Umfeld der sprachlichen Origo (ich, jetzt, hier): Ich kann dich auf die hinter der Wand im Nebenzimmer schlafende Katze nicht mittels Zeigegeste oder deiktischer Äußerung („Sieh mal, dort schläft meine Katze!“) hinweisen; aber ich kann es dir sagen („Im Nebenzimmer schläft meine Katze“). Freilich kann ich mich irren, und die Katze hat sich durchs offene Fenster längst aus dem Staub gemacht; ich kann dir etwas vormachen, falls ich gar keine Katze habe.

Die funktionalen Träger der sprachlichen Darstellung, die manche als Gedanken oder Propositionen von ihr ablösen wollen (doch dies scheint nicht möglich zu sein), sind Namen und Beschreibungen (deskriptive Ausdrücke); mit dem Namen „Bella“ kann ich auf meine Katze hinweisen, gleichgültig, wo sie sich gerade aufhält (ja, auch wenn sie gestern gestorben sein sollte); mit dem deskriptiven Ausdruck „die Stadt, die am Zusammenfluß von Rhein und Mosel liegt“ kann ich auf die Stadt namens Koblenz verweisen. Mit dem Ausdruck „Zusammenfluß von Rhein und Mosel“ beziehe ich mich nicht wie mit „Bella“ und „Peter“ auf einen raumzeitlich abgegrenzten Gegenstand, sondern auf ein raumzeitlich kontinuierliches Ereignis. Zusammenflüsse sind Ereignisse, die durch viele Stoffe und Raum-Zeit-Koordinaten exemplifiziert werden können (Milch und Kaffee in dieser Tasse; Lava und Rheinwasser beim Ausbruch des Eifelvulkans vor 11.000 Jahren).

Mit Ausdrücken wie „ich glaube, Peter glaubt“ kann ich auf Einstellungen und Überzeugungen anderer Personen hinweisen; anders als bei Ausdrücken wie „ich glaube, Peter hat Schmerzen“ habe ich bei der Bezugnahme auf die Gedanken und Einstellungen anderer Personen kein eindeutiges Kriterium ihrer Rechtfertigung durch die Beobachtung ihres Verhaltens. Peter weicht mir auf der Straße aus; ich glaube, er hat ein schlechtes Gewissen, weil er auf meine Einladung nicht geantwortet hat; aber er ist nur in Eile und hat mich gar nicht gesehen.

Tiere verständigen sich auf Basis des Signalaustausches im unmittelbaren Aktionsumfeld; der Ruf des Nestlings kontrolliert das Brutverhalten der Elternvögel; der Schrei des Murmeltiers warnt die Verwandten vor dem Herannahen des Beutegreifers. Aber der Jungvogel teilt den Altvögeln nicht mit, wie es um ihn steht wie das Kleinkind, wenn es sagt „Peter Durst“; das Murmeltier verfügt weder über einen Namen noch eine Beschreibung für den Adler.

Die menschliche Sprache ist daher nicht, wie viele meinen, nur eine Funktion kommunikativer Verständigung; sie ist wohl in diese durch eine Vielzahl von sprachlich vermittelten Handlungen eingebettet, aber ihre eigentümliche Leistung ist die symbolische Darstellung.

 

Dez 31 20

Wimpern frühen Lichts

Wimpern frühen Lichts,
Tropfen, die an Gräsern zittern,
und die Blicke, scheue blaue,
zwischen zarten Schweige-Gittern.

Wassers weicher Sang,
Flossen, die ins Dunkel blitzen,
Träne, leises Wort,
wenn geheime Dornen ritzen.

Seufzen grüner Nacht,
Zweige, die wie Träume schwanken,
und die Blicke, scheue feuchte,
zwischen zarten Schweige-Ranken.

 

Dez 30 20

Giovanni Pascoli, Sera d’ottobre

Lungo la strada vedi su la siepe
ridere a mazzi le vermiglie bacche:
nei campi arati tornano al presepe
tarde le vacche.

Vien per la strada un povero che il lento
passo tra foglie stridule trascina:
nei campi intuona una fanciulla al vento
Fiore di spina!

 

Abend im Oktober

Entlang des Weges sieh in Traubenbögen
an Dornenhecken lächeln purpurne Beeren:
Vom gepflügten Acker zu den Futtertrögen
träg die Kühe kehren.

Kommt des Wegs ein Bettler, der gelinden
Schrittes die Blätter streift, klirrende Sporne.
Im Felde sagt eines Mädchens Lied es den Winden:
Blüten, Blüten am Dorne!

 

Dez 29 20

Giovanni Pascoli, Il lampo

E cielo e terra si mostrò qual era:

la terra ansante, livida, in sussulto;
il cielo ingombro, tragico, disfatto:
bianca bianca nel tacito tumulto
una casa apparì sparì d’un tratto;
come un occhio, che, largo, esterrefatto,
s’aprì si chiuse, nella notte nera.

 

Der Blitz

Himmel und Erde entbargen, woraus sie gemacht:

die Erde schwer atmend, fahl, des Aufruhrs Spiel,
verstellt der Himmel, tragisch, abgetan:
Weiß, ganz weiß im stummen Gewühl
ein Haus, erschien, verging mit einem Mal,
tat wie ein Auge, geweitet vor Qual
sich auf, schloß sich im Dunkel der Nacht.

 

Dez 28 20

Im verwilderten Garten deutscher Mädchen-Lyrik

Eine Polemik

Im Feuilleton des allgemeinen deutschen Intelligenzblattes werden wir ausgerechnet an Heiligabend von der Überschrift „Atmest du noch?“ aufgeschreckt oder sollen wir sagen fast nicht einmal mehr nur metaphorisch gewürgt. Wer so gefragt wird, ist als geistig Scheintoter ja der Höflichkeit einer wahrheitsgemäßen Antwort eigentlich enthoben. So aber wird sage und schreibe (nein, entsage und schweige!) in einem Gedichtbüchelchen gefragt, dem die Redaktion des Blattes in einem Anfall spiritueller Narkolepsie eine Besprechung durch einen Hagiographen eingeräumt hat, der der Dichterin mit Haut und Haar und ist zu befürchten anderen Körperteilen verfallen ist (das Großhirn hat ja länger schon in den rauchgeschwärzten Grotten der aus dem Sumpf neudeutscher Frömmigkeit aufgetauchten Sibyllen abgedankt).

Hier wird dem um Atem ringenden Leser das Werkchen eines hübschen, wenn auch ungebildeten Mädchens, das in den düsteren Wald der deutschen Sprache (und Grammatik) verschlagen gar schief vor sich hin pfeift, zugleich liebedienerisch und marktschreierisch als epochaler Durchbruch in neue Ausdruckszonen angepriesen.

Leider hat sich die Literaturwissenschaft des allseits irrlichternden Phänomens der Phraseologie von Lyrik-Rezensionen noch nicht angenommen; hier könnte sie fündig werden, bei Formulierungen wie jener, die sogenannten Verse der Autorin eröffneten „ungeheure, nicht selten unmittelbar ergreifende Räume im Gestern, Heute und Morgen.“ Man spüre dem, wie man mädchenlyrisch zu sagen pflegt, nach: Räume, die ergreifen, Räume aus Zeit (gestern, heute, morgen), Räume ungeheuer … ja, nicht ganz geheuer, weil einem von dort Gespenster und bleiche Wiedergänger aus Talmi, Bombast und verquaster Bildsprache entgegentaumeln.

Eines dieser Wort-Gespenster, die wohl grammatisch-semantische Ungetüme sein mögen, aber unter dem Stethoskop des Kritikers nur ein anämisches Glucksen und Fiepen kundtun, simuliert dennoch ein starkes Pulsieren:

das pulsierende Unten und Oben/in dem etwas überdauert, älter als Ahnen, als Adressen/als deine alarmbereiten Adern und die Angst, du oder/die Anderen wären nun nicht mehr fassbar.

Wir bemerken zunächst die epidemisch verbreitete Falschmünzerei, mittels des Schriftbildes aus mehr oder weniger willkürlich umbrochenen Zeilen das Dasein echter Verse vorzugaukeln. Dies ist das leider verhängnisvolle Erbe des Vers libre, der nur in der anmutig-zügelnden Hand großer Meister sich nicht über den Rand der Zeilen in den Abgrund der Leere, des Unsäglichen, des Nichtssagenden hinabstürzt. – Der Umbruch „du oder/die Anderen“: als müsse man baß erstaunen, wenn nach einem Du von anderen die Rede ist.

Wir konstatieren die beckmesserische Verbohrtheit, durch die Monotonie der Alliteration (Ahnen, Adressen, Alarm, Angst, Anderen) dem in der sauerstoffarmen Luft flatternden Gedanken einen vagen Halt zu verleihen. – „älter als Ahnen, als Adressen“, welch mißliche Begegnung, welch forcierte Bedeutungshuberei.

Und welcher Gedanke kommt hier zutage? Ein Unten, ein Oben, die pulsieren. Ist es die Unterwelt, in der es rumst, ist es der Himmel, wo es rumort? Wir wissen es nicht, es ist nicht faßbar – ein sibyllinisches Mädchengeheimnis. Kann ein Unten, ein Oben pulsieren? Oder wenn schon etwas pulsiert, dann nach unten, nach oben? Was hat älter als unsere Ahnen überdauert? Etwas. Basta. Eine mystische Bouffonnerie. Ein Mädchengeheimnis. Oder lyrischer Nonsense wie jene „alarmbereiten Adern“, denn Adern melden keine drohende Gefahr, sondern Nerven.

Der verzückte Rezensent kommentiert diese Stelle auf dem grammatischen Niveau seiner Angebeteten so: „Diese Durchdringung hin zum Anderen ist es, die Ms. Gedichten den Charakter einer ungeahnten Überbrückung verleiht.“ Aber etwas kann nur etwas durchdringen, es kann höchstens etwas zu etwas oder einer zu einem anderen durchdringen. – Hier werden wieder einmal wie in der vollmundigen und also heuchlerischen Sonntagspredigt Brücken gebaut, natürlich ungeahnte, um nicht zu sagen ungeheure; daß Dichtung ihren Atem für jene Einsamen aufspart, die an der Grenze des Sagbaren, des Unzugänglichen, des Totenflusses stehen, solch schmerzliches Besinnen ist aus dem dünnblütigen Pulsieren dieser lyrisch behübschten Gedankenwelt verbannt. Wäre diese Art zu denken nicht allzu viril und toxisch? So schwadroniert die Autorin, horribile dictu, in einem Gedicht auch gendergerecht von einer „Käferin“, um nur ja keinen männlichen Käfer auf ihrem Blumenkissen krabbeln und sich gar erleichtern zu lassen.

Noch ein kleines Wort-Gespenst:

Ist es/dein Erleben oder das Sehen von/dir selbst mit inneren Augen?//Dringen diese Poren in offene/Wunden, durchsiebt dich durch/die Ohren ein Sirren von Verlorenem? Ist das Jetzt jetzt?

Kein noch so großherziger Leser, dessen Gefühl für die Harmonie von Rhythmus und Sinn nicht gänzlich ertaubt und abgestorben ist, wird in einem kurzatmigen „Ist es“ einen Vers erkennen und anerkennen wollen. – Ein trockener und prosaischer Begriff wie „Erleben“ aber ragt wie ein abgenagter Knochen aus dem Gras eines jeden Gedichts, wenn es nicht das bittere Kraut eines Totenangers ist. – „dein Erleben“, „das Sehen“, Ausdrücke dieser Art sind tote Brocken eines Nominalstils, der sich für Formulare oder psychologische Testprotokolle schickt, nicht für das Gedicht.

„das Sehen/von dir selbst“ – ein Umbruch reiner Willkür; und nein, das von einem Verbalsubstantiv abhängige Objekt wird im Deutschen mit dem Genitiv konstruiert (das Sehen deiner selbst); aus dem zerfledderten Handbuch deutscher Mystik ohne Rettung des einstigen Gehalts abgekupfert: „inneres Auge“. Und dieser Gehalt ist nach dem Untergang der platonischen Vorstellung der Seele und des kartesischen Modells von Denken und Bewußtsein auch nicht zu retten; wir sehen uns nicht in einem inneren Spiegel mit einem inneren Auge, und täten wir es, wüßten wir die Identität dessen, den wir sehen, nicht auszumachen, sondern im Spiegel der Reaktionen unserer Umwelt: Wenn der Freund lächelt, weil ich ihn freundlich begrüßt oder mit einem Geschenk überrascht habe, erfahre ich, was es heißt, jemand zu sein, der freundlich oder großzügig ist.

„Dringen diese Poren in offene/Wunden …“ – Ach nein, Poren dringen nirgendhin, sie pflegen nichts zu unternehmen, sondern etwas aufzunehmen; „offene/Wunden“ – wieder der wichtigtuerische, aber eitel-nichtssagende Umbruch; „Wunden“ hätte genügt, von offenen Wunden prahlt nur der Kriminalreport in der Tageszeitung. „Poren“ – „Ohren“, „Verlorenem“: an den Strand des Niemandsmeeres geschwemmte vertrocknete Reim-Quallen. – Kann sich das Verlorene durch Sirren bemerkbar machen? Was hier noch sirrt, ist ja dorthin nicht verlorengegangen. Kann ein Sirren die Ohren durchsieben? Ist nicht eher das Ohr bisweilen ein Sieb für den Klang, den nicht gehörten? Hat nicht die sich aufdrängende Assonanz (Sirren – sieben) zum Ungedanken verleitet? Fragen über Fragen, aufgewirbelter Staub, der sich rasch, als wäre nichts geschehen, wieder legt, artig aufgereiht an der Leine im lauen Fühl-Wind hübsch flatternde Mädchenwäsche. – Und nein, das Jetzt ist nicht jetzt; sondern: Ich bin es jetzt leid, solche Texte zu lesen; denn „jetzt“ ist kein Nomen, sondern ein Adverb. Ach weh, wenn zarte Mädchenhände sich an den Disteln und Kakteen in der Steppe männlichen Philosophierens ritzen.

All das will die Mitteilung tiefer, bedeutungsschwerer Botschaften suggerieren; doch ist es seichtes Gewässer, das in der Sonne der Einfalt und der Eitelkeit blinkt und leichten Schrittes durchwatet werden kann. Es repräsentiert jene Zeitgeist-Ideologie, nach der sich Hinz und Kunz die Hände reichen, weil sie das zur sentimentalen Sottise plattgewalzte Wort Rimbauds, ich sei ein anderer, auf die Fahne der neuen Heilsarmee geschrieben haben, mit der sie jene ominöse Brücke überqueren, die auf den dünnen Stelzen des gut Gemeinten, aber schlecht Durchdachten bedrohlich schwankt.

Der vom Mädchentum solch windiger Botschaften berauschte Rezensent zitiert aus dem Vorwort zu diesem epochalen Werk, aus der Feder eines nicht minder Berückten: „Wo an den Rändern ein Zusammenleben aller Kreaturen – wie es so schön heißt, auf du und du – möglich wäre, dorthin changieren diese Gedichte …“ Ach nein: Etwas kann changieren, wie eine Farbe zwischen Purpur und Violett, aber nichts kann dorthin changieren, wo es nicht schon ist. Der FAZ-Leser darf sich auf diesem Sprachniveau zu Hause und sicher fühlen, da es so niedrig ist, daß er mit dem ersten kleinen Schritt nicht aus schwindelnder Höhe zu fallen droht, sondern in der Kleinbürgerküche des Nachbarn landet, wo der Kanarienvogel zwitschert und lauwarmes Geschwätz den wachen Sinn benebelt. Und: Welche Verlogenheit und Heuchelei, die eschatologische Formel vom Einklang aller Kreatur aus dem Mund von Leuten zu vernehmen, denen jedweder Glaube an eine göttlich-erlösende Macht oder die Wiederkehr des Messias in den Wüsten des Zeitgeistes vom Sand der religiösen Indifferenz zugeweht worden ist. – Doch Gott hin, Messias her; saget es dem Löwen, der die Antilope reißt, saget es der Eule mit der Maus in den Krallen; saget es dem Fanatiker, der die Bombe am Altar der Ungläubigen zündet.

Der Titel des Lyrikbandes zeigt ein emblematisches Bild der neuen deutschen Naturfrömmigkeit, die sich wohl unangekränkelt von der Einsicht, daß der Mensch beides, ein natürliches und kultürliches Lebewesen ist, wessen man durch genauere Betrachtung des Begriffs „natürliche Sprache“ innewird, im wilden unrhythmischen Pulsieren der Gedichte wiederfinden soll: Eine Art von innen grell angestrahltes Gewächshaus schwebt auf einem „ungeheuer“ vergrößerten grünen Ahornblatt. Dazu in sirrendem Tonfall der Rezensent: „Gemäß dieses Bildes von einem dennoch möglichen Einklang …“ Ach nein, die Präposition „gemäß“ wird auf gut Deutsch nicht mit dem Genitiv, sondern dem Dativ konstruiert. Und nein: Einklang ist ein sublimes Ideal der Kunst, das Gedicht evoziert ihn durch die Harmonie von Sinn und lautlicher und rhythmischer Gestalt, es sollte vor dem Mißbrauch für utopisch-politische Ziele durch Leute bewahrt werden, die jedem, der ihren frömmelnden, aber gefährlichen Umtrieben und bigott-perversen Umzügen unter Grotesk-Masken von Mischwesen vom Straßen- und Daseinsrand aus ungerührt-skeptisch zusieht oder sich spöttische Bemerkungen erlaubt, den Mund verbieten oder als Tier-, Frauen- und Menschenfeind beim Amt für moralische Korrektheit anschwärzen.

Das Ethos des freien Mannes aber hat zur Maxime: Sei stets der Wächter deiner Schwelle und wehre jenen, die von bösen Absichten geleitet dir und den Deinen aufs Fell rücken und am Zeug flicken wollen; laß sie nur übertreten von jenen, die du für wert befindest, mit dir auf Augenhöhe zu verweilen; suche nicht, wen du höher achtest als Freund und Kumpan, mit sentimentalen Gesten und weibischer Anempfindelei auf das zerschlissene Sofa wertblinder Gemütlichkeit herabzuziehen oder den großen Ahnen mit dem Stern am Revers in schwülstigen Tagträumen zu duzen; und willst du ein Werk vollbringen, das über den Tag hinaus Bestand hat, laß auf einsamer Tenne den kalten Wind der Selbstprüfung und des künstlerischen Gewissens die Spreu vom goldenen Korne fegen.

Der verwilderte Garten der Mädchen-Lyrik, er mag uns als Zeugnis dafür dienen, was geschieht, wenn die Bildungstraditionen und Sprachkulturen, in denen Leuchtfeuer wie Pindar, Sophokles, Vergil, Horaz, Dante oder Goethe, Hofmannsthal und George ganzen Generationen Orientierung gaben, untergegangen sind.

Zu diesen Sprachkulturen gehörte auch, wenn wir an Namen wie die Droste, die Günderode, Gertrud Kolmar oder Christine Lavant denken, der gehegte Garten der Dame Dichterin; ihr wuchs die Blume des Wortes zu, weil sie den Grund von den Schatten des wuchernden Unkrauts freihielt und sie wässerte, nicht mit dem Brackwasser anempfundener Gefühle und ausgeliehener Ideen, sondern mit ihren selbsteigenen Tränen.

 

Dez 27 20

Dame Dichterin

Hort der Dame Dichterin,
Sonne gelber Rose,
nachtbetaut im Moose,
Veilchendemut, hoher Sinn.

Ihrem Gang im Abendlicht
seufzten Gras und Farne,
Mondes wirre Garne
spielten ihr ums Angesicht.

O des Eros Purpurball
fiel zu ihren Füßen,
süßer ihr zu fließen
dämpfte sich des Wassers Schall.

Wo sie Vögeln Körner gab
und ihr Vers wie Seide
rauschte, bei der Weide
findest du verwaist ihr Grab.

 

Dez 27 20

Das Blau des Tages ist vertan

Von Mohnstaub rieselnd Dämmerlicht,
und gilbend Nebelranken,
um wen die Tränen, weißt du nicht,
die stumm geweinten, blanken.

Das Blau des Tages ist vertan,
die Knospe hingesunken,
schon überwuchern Bild und Bahn
die Halme, schattentrunken.

Und was im Dunkel zu dir dringt,
als würden Brunnen klagen,
ist nur dein Herz, das leise singt
von hohen Sommertagen.

 

Dez 26 20

Sprache und Ontologie IV

Sanktionsregime und soziale Ontologie

Angst vor Sanktionen aller Art ist der Kitt des Sozialen; ein Regime von Sanktionen (bzw. von Drohungen und Risiken) und ein System von präskriptiven Sätzen und Äußerungen bilden das Fundament der sozialen Ontologie. Keine Gemeinschaft oder Gesellschaft ohne Angst vor Strafe, mit der äußersten des Ausschlusses oder des Todes. Die Forderung von Utopisten und religiösen oder politischen Fanatikern, man sei moralisch verpflichtet, eine Gemeinschaft ohne Angst und eine Gesellschaft ohne Zwangs- und Strafregime zu entwickeln, ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Wir unterscheiden zwei Formen des korrekten und also auch des inkorrekten Tuns: eine vorgeschriebene Handlung auszuführen oder zu unterlassen; und eine vorgeschriebene Handlung mehr oder weniger gut und also auch schlecht auszuführen.

Der Autofahrer soll vor dem Überholmanöver den Blinker setzen; unterläßt er es, handelt er verbotswidrig. – Der ansonsten für seine sprachliche Sorgfalt bekannte Autor verwechselt die Wendung „nichts weniger als“ mit einer doppelten Verneinung, also einer betonten Bejahung, obwohl sie eine verstärkte Verneinung meint. Er hat sich also schlecht, weil sprachlich nicht korrekt ausgedrückt.

Der Autofahrer setzt den Blinker aus verschiedenen Gründen: weil er es so in der Fahrschule gelernt hat, weil er umsichtig und darauf bedacht ist, sich selbst und andere nicht zu gefährden; aber auch und vielleicht primär aus dem Grund, weil er befürchten muß, bei Unterlassung der vorschriftsmäßigen Handlung ein Knöllchen zu kassieren.

Der Schriftsteller bemüht sich aus verschiedenen Gründen um eine sprachlich korrekte Diktion: weil er von den Eltern stets korrigiert wurde, wenn er sich als Kind grammatikalische Schnitzer und semantischen Unfug geleistet hat; weil er in der Schule und im Studium gelernt hat, möglichst fehlerfrei zu sprechen und zu schreiben; weil er höflich und darauf bedacht ist, dem Hörer und Leser das Verständnis durch fehlerhaften oder verquasten Ausdruck nicht unnötig zu erschweren; aber auch und vielleicht primär aus dem Grund, sich vor den Lesern und den gefürchteten oder bewunderten Kollegen nicht lächerlich zu machen, wenn er sie mit sprachlichem Pfusch oder stilistischer Schlamperei nichts weniger als ergötzt.

Alles, was wir (nicht nur im Rampenlicht der Öffentlichkeit) sagen und tun, steht mehr oder weniger im Brennpunkt der Aufmerksamkeit des anonymen Beobachters namens Gesellschaft, der sich in der Maske der Eltern und Geschwister, des Pfarrers und des Lehrers, der Ehefrau oder Geliebten, des Nachbarn, des Kollegen, der Kassiererin, des Obstverkäufers, des Arztes oder des Therapeuten versteckt, von den offiziellen Repräsentanten eines institutionalisierten oder formalen Sanktionsregimes wie dem Aufsichtspersonal bei Wettkämpfen oder der Polizei zu schweigen.

Wer den Turm nicht vor der Dame rettet, spielt schlecht Schach; wer ihn querfeldein zieht, spielt überhaupt kein Schach. Der erste wird mit dem Verlust der Dame oder der Partie bestraft; der zweite damit, daß er von dem Spiel ausgeschlossen wird.

Auch sogenannte primitive Gesellschaften ohne ausgebildetes institutionalisiertes, staatliches und rechtlich kodifiziertes Sanktionsregime werden von einem System von Dispositionen zu präskriptiven Äußerungen überformt und durchwaltet. Nur der Schamane darf Träume deuten und wahrsagen, nur der Initiierte an den heiligen Gesängen und Tänzen teilnehmen.

Die soziale Ontologie fußt nicht auf angeblich dem Menschen angeborenen Rechten und Ansprüchen, sondern auf der Geltung von Vorschriften, Regeln und Verpflichtungen sowie jenen Sanktionen, die ihrer Verletzung oder Mißachtung auf dem Fuße folgen.

Vorschriften und Sanktionen aber gründen in dem Spielraum oder Freiheitsgrad, der sich in der jedem Symbolsystem innewohnenden Möglichkeit manifestiert, es außer Kraft zu setzen, zu umgehen oder zu mißbrauchen.

Das Sanktionsregime ist umso härter und unerbittlicher, je größer das Risiko oder der Schaden ist, der aus der Regelverletzung resultiert. So mag der eingebildete Dichter die Sprache verhunzen und sich an schiefen Metaphern oder verwackelten Sprachbildern delektieren. Die soziale Nische, in der er seine geistige Scheinexistenz fristet, strahlt nicht weiter irritierend und verstörend auf lebenswichtige soziale Knotenpunkte und die Nervenstränge der gesellschaftlichen Kommunikation aus; ja, seine narzisstischen Grimassen im Zerrspiegel eines dichterischen Idioms ohne geregelte Syntax und transparente Semantik mögen verzückte oder bestochene Kollegen zum Anlaß nehmen, ihn mit Preisen und nicht unbeträchtlichen Fördermitteln auszustatten; doch seine Glossolalien verhallen echolos in den Vortragssälen der Universitäten, Buchhandlungen und Lyrikkabinette und haben für die Handlungen und Ereignisse in Gerichts- und Operationssälen, in Laboren und Forschungseinrichtungen oder den Überwachungssystemen der Flughäfen glücklicherweise keine Relevanz.

Anders steht es um den sprachlichen Spielraum und Freiheitsgrad, den wir in der Möglichkeit oder der Disposition erfassen, den Eltern nicht die Wahrheit über das Schulversagen mitzuteilen, der Ehefrau den sexuellen Betrug oder den Finanzschwindel zu verschweigen, ein Bankkonto unter gefälschter Identität zu eröffnen, dem Polizisten gegenüber die eigene Täterschaft oder Mittäterschaft abzustreiten oder vor Gericht den unschuldigen Konkurrenten einer Straftat zu bezichtigen.

An dieser Stelle wird uns der Umstand augenscheinlich, daß es sich bei Wahrheit und Lüge nicht nur um epistemische und moralische Begriffe handelt, die im sterilen Raum des philosophischen Seminars ihr harmloses Diskursdasein fristen, sondern um echte Herausforderungen für die Entwicklung und die Stabilität sozialer Sanktionsregime.

Das Kleinkind und der Demente haben unsere Sympathie und gelten für harmlos, weil sie die nötige Intelligenz und Schläue, die Gerissenheit und Perfidie noch nicht oder nicht mehr aufbringen, um uns hinters Licht zu führen, zu beschwindeln und zu belügen.

Wenn das Telefon klingelt, aber keine Nummer auf dem Display erscheint, sind wir zurecht mißtrauisch und heben nicht ab. Wenn uns nachts auf dem leeren Bahnsteig eine sinistere Gestalt anspricht, verweigern wir die Erfüllung der Bitte um eine Zigarette oder einen Euro. Unser berechtigtes Mißtrauen beruht auf dem Mangel von Vertrauen, das wir nur auf der Grundlage einer näheren Bekanntschaft und einer Reihe von Dialogsituationen gewinnen, in denen das Hintergrundprofil und Gesicht des Gesprächspartners ausgeleuchtet werden.

Mit dem Abbau der Fremdheit wächst im Regelfalle der Grad des Vertrauens; doch wir können uns täuschen, und der lächelnde Fremde ist ein Trickbetrüger oder gemeiner Dieb.

Wir finden Vorschriften für den initiatorischen Dialog, die nicht nur das präskriptive System von dialogischen Regularien wie Wahrheit, Klarheit und Relevanz der Aussage umfassen, sondern das Spiel von Frage und Antwort auf den Prüfstand vertrauensbildender Maßnahmen stellen.

Das Mißtrauen geht dem Vertrauen voraus; dieses wächst in dem Grade, wie jenes aufgrund bewährter oder gut erfundener Testverfahren abnimmt. Die Annahme von sogenannten Psychologen und Pädagogen, man müsse stets auf ein dem Menschen angeborenes Urvertrauen rekurrieren, ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.

Nur aufgrund der Möglichkeit, die Unwahrheit zu sagen, haben wir die Fähigkeit, uns so gut es geht und nach bestem Wissen und Gewissen an die Wahrheit zu halten. Wer nicht belogen, übers Ohr gehauen und um sein Erspartes geprellt werden will, muß um die Möglichkeit der Lüge, des Schwindels und Betruges wissen, um den Gauner und den Scharlatan zu durchschauen.

Den Schwätzer und den Dummkopf, die unwissentlich die Unwahrheit sagen, können wir zurecht belehren oder getrost ignorieren; doch wer wissentlich die Unwahrheit redet, dessen mehr oder weniger bösartige Absichten gilt es zu durchschauen und zu durchkreuzen.

Nur philosophische Schaumschläger und gefährliche Utopisten behaupten, das Sanktionsregime für den lügnerischen Mißbrauch der Rede zu Zwecken von Irreführung, Scharlatanerie und Betrug sei eine repressive Zwangsjacke in den Händen toxischer Autoritäten und Diskurspolizisten.

Gruppenidentitäten zeigen und bewähren sich in bestimmten sprachlichen Formen und Mustern wie dem Idiolekt, dem Dialekt, der Fachsprache, der sakralen und rituellen Formelsprache oder der Gaunersprache. Keine Gruppe läßt sich ungerührt am hauseigenen Sprachmuster flicken, sondern eine jede sucht alle Formen der Verunglimpfung, böswilliger Parodie und Verleumdung mit einem Zensurregime abzuwehren. Über die Bedeutung der Polemik bei der Rechtfertigung und Bestreitung von Gruppenidentitäten belehrt ein flüchtiger Blick in die von Verzerrungen, böswilligen Unterstellungen und Haßtiraden überquellenden Flugschriften, Pamphlete und Satiren der Religionskontroversen zur Reformationszeit, des Bauernkrieges oder des Ersten Weltkrieges.

Aufgrund der sprachlichen Manifestation von Gruppenidentitäten und der ständigen hygienischen Bemühungen um ihre Reinhaltung können wir nicht umhin, einen Begriff von Gemeinschaft oder Gesellschaft ohne Zensur und Sprachregime auszuschließen.

Das Bild, das wir uns von uns selbst machen, kann in Nuancen der Farbgebung und der Sujetdarstellung von dem Bild abweichen, das sich andere, die uns gut kennen oder beobachten, von uns machen. Doch können die beiden Bilder nicht völlig voneinander divergieren; es gibt genügend Prüfverfahren, um die Fiktionalität oder Lügenhaftigkeit meiner Geschichte, ich hätte in den letzten zwei Jahren in Italien verbracht, anhand der Wahrnehmung meiner Nachbarn oder Kollegen auffliegen zu lassen.

Wer das Gerücht in Umlauf setzt, er habe bis gestern in Italien gelebt, aber vorgestern von seinem Nachbarn auf der Straße erkannt und gegrüßt worden ist, gilt uns nicht für einen Lügner oder einen sympathischen Phantasten, sondern für verrückt.

Das Zensur-, Straf- und Sanktionsregime erstreckt sich von symbolischen Gesten wie dem Stirnrunzeln, dem Hochziehen der Augenbrauen oder dem jähen Augenaufschlag, wenn der distanzlose Gast sich ohne zu fragen eine Zigarette ansteckt oder sich selbst das Weinglas nachfüllt, über schlichte Zurechtweisungen und Korrekturen des Lehrers, wenn der Schüler die Präposition „gemäß“ mit dem Genetiv konstruiert oder die binomische Formel nicht anwenden kann, über die Tabuisierung des Gebrauchs von Vulgärausdrücken in besserer Gesellschaft, auch wenn sie in düsteren Spelunken geduldet werden mögen, oder der Störung der Pietät und Friedhofsruhe durch krakeelende Nachtschwärmer oder der Schändung sakraler Stätten und der Verunglimpfung heiliger Namen bis zu jenen Tötungsdelikten, die aus Rache und zur Vergeltung für die Verletzung der Ehre von Familien, Sippen und Mafiabanden verübt werden; die Todesstrafe mag kein offizielles Element des Strafrechts mehr sein, hier gilt sie nach wie vor.

 

Dez 25 20

Nachbild

Wenn von Zweig zu Zweig sich schwingen
bunte Schatten und Gezwitscher,
fallen auf die Schwermut-Wasser
deines Liedes goldne Kringel.

Zittern Tropfen uns vom blauen
Tag an traumesbangen Wimpern,
wollen wir die Augen schließen,
feuchten Schimmers Nachbild schauen.

Treiben Blüten wir auf grünen
Wellen, und die Ufer weichen,
hören wir wie Abschiedsweisen
summen fern und ferner Bienen.

Rinnt des Abends Gold von Mauern,
duftlos will mein Wort verzweifeln,
taut an deinem Hauch mein Schweigen,
sendest Knospe du dein Schauern.

 

Dez 24 20

Der Gnadenreichen

Dein Geist ist Schwanenfittichs Tauchen
in blauen Wassers Blütennacht.
Dein Wort, der Liebe sanftes Hauchen,
hat meinem Wort den Tau gebracht.

Hat traurig auch mein Herz gesungen
ein Lied, als nah kein Herz mehr war,
hast du um düstre Stirn geschlungen
das Licht der Rose wunderbar.

Bin ich wie Kinder die verloren
geirrt im dunklen Wald der Welt,
hast huldvoll du dem reinen Toren
mit Lilien Wahn und Weg erhellt.

Ich will getrost im Dunkel warten,
wenn Blume auch und Stern versinkt,
bis mir das Tor zu deinem Garten
dein Engel auftut und mir winkt.

 

Dez 23 20

Sprache und Ontologie III

Ontologie der Person und sprachliches Ethos

„Peter hat das Gedicht nicht geschrieben, sondern Georg.“ – Hier wird Peter die Autorschaft bestritten und einer anderen Person zugewiesen. Vielleicht hätte Peter ein ähnliches Gedicht schreiben können, doch in diesem Falle war es Georg, der es schrieb. Die Fähigkeit, ein Gedicht zu schreiben, ist ebenso w­ie die Neigung, Gedichte zu schreiben, eine mentale Disposition, die wir ausschließlich Personen zuweisen. ­

Wir unterscheiden Neigungen, Dispositionen und Fähigkeiten von ihren motorischen, gestischen und verbalen Äußerungen wie dem Schlittschuhlaufen, Tanzen oder Singen. Die Äußerung eines Satzes wie „Es regnet“ verweist auf die Fähigkeit, Deutsch zu sprechen, die Äußerung eines Satzes wie „It’s raining“ auf die Fähigkeit, Englisch zu sprechen. Wer Sätze sagt wie „Es regnet“, muß auch Sätze sagen können wie „Es schneit“, „Die Sonne scheint“ oder „Ich gehe schlafen“ und abertausend andere.

Betrachten wir folgende kleine Liste gleichbedeutender Sätze in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Lateinisch und Altgriechisch:

Es regnet.
It is raining.
Il pleut.
Piove.
Pluit.
Ζεὺς ὕει.

Es fällt ins Auge, daß diese indoeuropäischen Sprachen Aussagen über die Wirkung von Stoffen oder Substanzen, wie hier des als Regen erfahrenen Wassers, entweder wie das Italienische oder Lateinische ohne Subjekt oder wie die anderen Sprachen mit einem Scheinsubjekt bilden; das deutsche Pronomen „es“, das englische „it“ und das französische „il“ sind in Wahrheit Scheinsubjekte, denn anders als die deiktischen Personalpronomen „ich“, „du“, „er“, „sie“, „wir“ und „ihr“ weisen sie auf kein handelndes Subjekt hin, sondern auf ein subjektloses Geschehen, eben den Regen.

Das gilt auch für den seltsam anmutenden altgriechischen Satz, der zwar vom obersten Olympier aussagt, daß er regne, was aber schon zu Zeiten Homers mehr wie eine verblaßte Metapher für die schlichte Feststellung, daß es regnet, gewirkt haben muß, auch wenn ihr ein Spötter wieder einmal hat Leben einhauchen können, der die Wendung zum Anlaß nahm, sich über den Umstand zu mokieren, daß es Pflanzen und Tieren und Menschen wohl bekommt, wenn der Vater der Götter und Menschen aus höchsten Höhen sein Wasser abschlägt.

„Der Apfel fällt vom Baum“, „Die Katze springt vom Fenstersims“, „Peter überquert die Straße“, „Es fing an zu regnen“: In diesen Sätzen, die Vorgänge und Ereignisse beschreiben, kommen die unterschiedlichen Ontologien von Dingen, Gegenständen, Personen und Substanzen zur Geltung, was freilich durch die Ähnlichkeit ihrer grammatischen Form verdeckt wird.

Betrachten wir den ontologischen Unterschied von Personen und Substanzen. Wenn wir sehen, wie Peter den ersten Schritt auf den Zebrastreifen setzt, unterstellen wir ihm als handelnder Person die Absicht, die Straße zu überqueren. Doch nur im mythischen Rest der verblaßten Metapher, daß Zeus regnet, fassen wir noch die geistige Neigung des frühen Menschen, den Naturvorgängen Absichten zu unterstellen; die Kinder der Aufklärung dagegen sehen in der Natur keine absichtsvollen Prozesse, keine providentiellen Ereignisse mehr.

„Es begann zu regnen“ – ein paar Tropfen genügen, die Aussage zu rechtfertigen, ohne daß wir angeben müßten, bei welcher Anzahl von Tropfen die Aussage gilt. Dagegen sollten auf den ersten Schritt Peters ein zweiter und ein dritter folgen, um auszuschließen, daß er etwa versehentlich nach vorne trat.

Wir müssen ein paar Tropfen gespürt haben, um vom Regen sprechen zu können; und was wir mit Regen meinen, ist einfach die Summe aller in unserem Umfeld niederfallenden Tropfen.

„Der Regen hat aufgehört.“ – „Peter hat die Straße überquert.“ Wenn der Regen aufgehört hat, haben sich die Regenwolken verzogen oder aufgelöst; doch wenn Peter die Straße überquert hat, ist er noch da und begrüßt seinen Freund Hans, der ihm von der anderen Straßenseite zugewunken oder zugerufen hat.

Die Konstanz und Kontinuität von Dingen und Personen über gewisse zeitliche Strecken und innerhalb gewisser räumlicher Kontexte ist ein wesentliches Merkmal ihrer Ontologie.

Die Teile von Substanzen wie Regentropfen, Schneeflocken oder die Duftmoleküle von Blumen und Gräsern haben keine Dispositionen, Fähigkeiten oder Möglichkeiten, jetzt etwas anderes zu tun, als was sie eben taten; während die Katze, die eben noch faul auf dem Fenstersims lag, jetzt herunterspringt und einer Maus nachjagt, und Peter, der eben noch über den Bürgersteig trottete, auf das Winken oder den Zuruf seines Freundes aufmerksam geworden, jetzt die Straße überquert.

Wenn Peter auf das Winken von Hans oder seinen Zuruf die Straße überquert, antwortet er damit auf die Geste seines Freundes; sein Gang ist sowohl ein physischer als auch ein symbolischer Akt, wie alle Sprechhandlungen, könnten wir ergänzen.

Peter hätte das Winken seines Freundes oder seinen Zuruf auch ignorieren können, er hätte weitergehen können und so tun, als sehe und höre er den Freund nicht. Auch dieses Ignorieren wäre eine gestische Antwort, auch sein Schweigen wäre ein Sprechakt.

Wenn die natürlichen Bedingungen, wie die Windstärke oder der Kondensationsgrad zur Bildung von Wasser, erfüllt sind, fällt der Apfel vom Baum, beginnt es zu regnen; wenn die Katze die Maus erspäht, springt sie instinktiv vom Fenstersims. Wir können nicht sagen, der Apfel hätte auch noch ein Weilchen am Zweig hängen bleiben, der Regen ausbleiben, die Katze den instinktiven Fangreflex ignorieren können.

Die Anwendung des irrealen Konditionalis auf Sätze, die mögliche oder virtuelle Handlungen beschreiben, oder die Darstellung kontrafaktischer Annahmen ist ein sprachliches Kriterium für den ontologischen Status von Personen.

„Hätte Peter nicht verschlafen, hätte er den Zug noch erwischt.“ – Sein treues Hündchen hat ihn jedenfalls nicht geweckt. Hat es auch verschlafen? Hunde freilich können weder verschlafen noch zu spät kommen, geschweige denn sich vornehmen, früher schlafen zu gehen oder länger wach zu bleiben.

Der Satz: „Wären die Naturgesetze andere, als sie sind, und wären die Randbedingungen bei der Expansion des Universums nur geringfügig anders gewesen, würden wir nicht existieren. Also …“ Und dann folgt womöglich ein theologisches Argument. – Aber dieser Satz ist ein Schein-Satz, denn die Welt ist, wie sie nun einmal ist. Punctum.

Die Welt ist nicht etwas, von dem man sagen könnte, daß es die ontologische Instanz eines Allgemeinbegriffs oder einer Universalie ist, wie die Katze dort auf dem Fenstersims die ontologische Instanz der zoologischen Ordnung der Feliformia (der Katzenartigen) und Peter die ontologische Instanz einer menschlichen Person (der menschlichen Spezies).

Universalien sind gleichsam Leerstellen und Platzhalter auf dem ontologischen Formblatt und Organigramm, bei denen unter der Rubrik „Name“ der individuelle Name, unter „Wohnort“ der Name einer Stadt, einer Straße, eines Landes, unter „Beruf“ die jeweilige Berufsbezeichnung einzutragen sind.

Die deutsche Grammatik behandelt unter dem Abschnitt „Fragesätze“ die syntaktische Form von Fragen und gibt dazu Beispielsätze wie: „Hast du heute Nachmittag Zeit“, „Bist du schon in London gewesen?, „Leben deine Eltern noch?“ Diese Beispielsätze werden erst zu echten sprachlichen Partikularien oder Instanzen des Typus Fragesatz, wenn sie in einem spezifischen Kontext geäußert werden. So, wenn Peter Hans fragt, ob er heute Nachmittag Zeit habe, ob er schon in London gewesen sei oder ob seine Eltern noch leben.

Der Zuruf von Hans ist eine Instanz jener Sätze und Sprechakte, die wir Aufforderungen nennen; diese Rose, auf die ich dich im Garten wegen ihrer besonderen Pracht hinweise, ist ein Exemplar jener Blumensorte, die wir Rosen nennen.

Wir treffen nirgendwo auf Rosen, sondern immer nur auf diese weiße oder diese rote; wir treffen uns nicht mit typischen Menschen, sondern immer nur mit diesem oder jenem besonderen, mit Hans oder Peter.

Oft dient uns die Klassifikation durch Allgemeinbegriffe der Orientierung im Einzelnen: Ich weise dich auf die außergewöhnlichen Merkmale dieser prächtigen Rose hin. Du fragst: „Meinst du die Form oder die Farbe?“

Peter hätte das Winken oder den Zuruf seines Freundes ignorieren können, wenn er ihm den Umstand übel nähme, daß er auf seine letzte E-Mail nicht geantwortet hat. Wir schließen von einem solchen Verhalten auf eine gewisse moralische Empfindlichkeit und nennen Personen, die es an den Tag legen, nachtragend.

Charakterliche Dispositionen und Neigungen wie die, nachtragend, verlegen, jähzornig oder unterwürfig zu reagieren, sind keine verborgenen Züge der Innerlichkeit, denn würden sie sich nicht bisweilen in Gesten und Äußerungen kundtun, hätten wir keinen Anlaß und Grund, sie den Betreffenden zuzuschreiben.

Die Disposition und die Fähigkeit, eine Sprache zu sprechen, sind ein wesentliches Kennzeichen der Ontologie der Person, auch wenn der Säugling noch nicht und der Sterbende nicht mehr sprechen können. Dabei gilt: Es gibt keine allgemeine oder universale Sprache, sondern immer nur partikulare oder besondere natürliche Sprachen, Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch. Aus den Kategorien des Aristoteles und Kants können wir kein universales philosophisches Idiom konstruieren, in dem sich Peter mit Hans verständigen könnte.

Jede natürliche Sprache verkörpert ein mehr oder weniger diffuses Weltbild und ein mehr oder weniger artikuliertes Ethos.

Sprecher von Sprachen ohne Zahlbegriff können keine höhere Mathematik entwickeln.

In allen natürlichen Sprachen findet sich das Äquivalent für den Sprechakt der Aufforderung. Die Aufforderung und die Arten, ihr zu entsprechen, zumindest durch eine bejahende oder verneinende Geste, sind die Grundlagen des sprachlichen Ethos.

Peter bejaht die Aufforderung von Hans, ihm die ausgeliehene Summe Geldes übermorgen zu erstatten. Hält sich Peter nicht an die Abmachung, droht ihm eine soziale Sanktion; sie mag daraus resultieren, daß Hans das Gerücht in Umlauf bringt, wie unzuverlässig und wortbrüchig Peter ist, oder auch in der Aufkündigung ihrer Freundschaft.

Hat Peter seinem Freund das Geld verabredungsgemäß ausgehändigt, ist dessen Forderung erfüllt und erlischt. Dagegen erlischt Peters Eheversprechen erst, wenn seine Frau die Scheidung eingereicht hat oder verstorben ist.

Unser Zeitbewußtsein ist nicht nur eine mentale Eigenschaft der reinen Subjektivität, wie Husserl anhand des Musikhörens phänomenologisch getreu dargelegt hat, sondern in erster Linie eine soziale Funktion, wie uns der zeitliche Index und die Geltungsdauer von Versprechen, Verabredungen, Abmachungen und Verträgen vor Augen führen.

Informelle und formelle Verpflichtungen sind die Basis des durch die natürliche Sprache konstituierten und kommunizierten Ethos. Im Rest des Universums hat dieses Ethos keinen Ort und keine Geltungskraft.

Wir können unseren Hund dressieren, uns die Zeitung aus dem Flur zu apportieren; aber unser treuer Hund weiß sich nicht zu dieser Dienstleistung verpflichtet, weil er im Falle ihrer Vernachlässigung befürchten müßte, daß sein guter Ruf bei den Hunden der Nachbarschaft Schaden nähme.

Das aus den sprachlichen Handlungen der Aufforderung, der Bitte, des Versprechens und der Verpflichtung erwachsene sprachliche Ethos ist ein singuläres Merkmal der Ontologie der Person.

Ein Gutteil dessen, was wir moralische Übel und seelisches Leiden nennen, entspringt aus den Fallstricken, die am Grunde unseres sprachlichen Ethos lauern: Wir gehen Verpflichtungen ein, die wir aufgrund mangelnder Kräfte und Talente oder aus Charakterschwäche nicht einlösen können, und fühlen uns überfordert oder versinken wegen unseres Versagens in depressive Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Wir weichen aus Bequemlichkeit, Trotz oder Hang zur Liederlichkeit der Übernahme von Verpflichtungen aus, die unserem Leben eine Richtung und dauernden Wert geben könnten, und versinken in innere Öde, Trübsinn und Langeweile.

Loben, Preisen, Rühmen gehören ebenso zum sprachlichen Ethos wie Tadeln, Zurechtweisen und üble Nachrede. Die sanfte, begütigende Stimme der Mutter, die strenge, strafende des Vaters oder die mäkelnde, hänselnde der Geschwister begleiten uns ein Leben lang, und wir hören sie mit dem inneren Ohr, ja noch in unseren Träumen oder wie bei psychotischen Anfällen als akustische Halluzinationen, weil sie in den Stimmen der Gruppen und Gemeinschaften, in denen wir Aufgaben übernehmen, uns bewähren oder versagen, ihr Echo finden.

 

Dez 22 20

Die Liebe nimmt es hin

Bei manchen sieht der leere,
der knurrend dumme Bauch
den Wurm nicht in der Beere.

Und mancher steht im Dunkeln,
wenn rings an Kraut und Lauch
wie Augen Tropfen funkeln.

Der Trübe sieht durchs Fenster
im fahlen Dämmerschein
stumm winken ihm Gespenster.

Der Heitre schaut versunken,
als dürft er glücklich sein,
ihr Haupt die Schwäne tunken.

Wo zarte Engel beten,
mag selbst der rohe Sinn
die Blume nicht zertreten.

Stößt Dichters Wort an Mauern,
die Liebe nimmt es hin,
mag schweigend auch erschauern.

 

Dez 21 20

Die Nacht des Schwans

Es ist ein grauer Schwan,
den seine schönen Schwestern
gar necken und verlästern,
und haben Leids ihm angetan.

Nur nachts fühlt er es kaum,
da grüßen brüderliche Schatten,
auf Himmels blauen Matten
sinkt ihm der Sterne Schaum.

Er schaut sein Spiegelbild
in Wassers Zauberwellen
im Monde sich erhellen,
o Nächte still und wundermild.

Bricht seinen Traum der Tag entzwei,
wenn Lilien Kränkung senden,
der Schwestern Federn blenden,
sehnt er die Nacht, die Nacht herbei.

 

Dez 20 20

Sprache und Ontologie II

Die semantisch-logische Analyse kann die Sense sein, mit der sich die Ontologie einen Weg durch das Dickicht der Sprache bahnt, um zu einer Lichtung klarer und transparenter philosophischer Darstellung zu gelangen. – Bisweilen genügt es freilich, ein paar Umwege zu gehen, um ebenfalls ungehindert die Lichtung zu erreichen.

Aufgrund der semantischen Analyse des alltäglichen Gebrauchs von Begriffen wie „etwas“, „Gegenstand“ und „jemand“ schreiten wir zur ontologischen Festlegung, daß es neben Dingen wie Bäumen, Mäusen und Fahrrädern sowie Substanzen wie Wasser, Schnee und Blut Personen gibt, die zwar auf chemischem und physikalischem Niveau in unzählige Teile und Teile von Teilen zerfallen, aber auf sozialem Niveau ontologische Einheiten darstellen.

Mittels semantischer Analyse verschaffen wir uns Klarheit über die Referenz von Begriffen wie „Baum“, „Maus“ und „Person“. Wenn wir zumindest eine adäquate Anwendung oder eindeutige Projektion des Begriffs registrieren, würdigen wir ihn (vorläufig) eines ontologischen Ranges.

Wenn der Neurologe von der Aktivität neuronaler Muster im Gehirn von Peter spricht, sagt Peter: „Ich höre eine Klaviersonate von Mozart.“

Es bleibt nach wie vor unerfindlich, wie man eine Äußerung wie „Ich höre eine Klaviersonate von Mozart“ in das entsprechende neuronale Muster oder das neuronale Muster in den Satz „Ich höre eine Klaviersonate von Mozart“ übersetzen kann.

Es mutet beinahe lächerlich an, sich vorzustellen, in Peters Gehirn würde auf neuronalen Bahnen das repräsentiert, was der Pianist vom Blatt spielt, wenn er eine Klaviersonate Mozarts vom Blatt spielt, lächerlich, sich vorzustellen, mittels einer adäquaten Transkription dessen, was sich in Peters Gehirn auf neuronalen Bahnen abspielt, könnte der kundige Pianist Mozarts Klaviersonate wiedererkennen.

Auch wenn wir keine Ahnung von der Aktivität neuronaler Muster im Gehirn der Person haben, sprechen wir im Rahmen unseres alltäglichen Wahrnehmens und Erlebens ohne epistemische und ontologische Skrupel davon, daß Peter Musik hört.

Der Neurologe, der die neuronale Aktivität seiner Versuchsperson beobachtet, kann nicht sagen, ob sie an ihre Mutter oder ihre Freundin denkt; er kann es nur herausfinden, wenn er wie wir Normalsterblichen die Versuchsperson befragt und diese aufrichtig von ihren Gedanken berichtet.

Die Person, die gemäß dem Rätsel der Sphinx am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf drei Beinen geht, also gravierenden Modifikationen in der Zeit unterliegt, ist doch als Kleinkind ontologisch dieselbe Person wie als Greis. Die Identität der Person in der Zeit beruht nicht auf einem Kontinuum dessen, was man poetisch-verschwommen Bewußtseinsstrom nennt, denn sie könnte psychotisch bedingten Erinnerungsstörungen unterliegen, ohne daß wir ihr die personale Identität absprechen würden.

Vielleicht sind es auf physikalischem Niveau bestimmte neuronale Muster, die das Kontinuum der personalen Identität in der Zeit bedingen; aber wir sprechen von Peters Kindheit, ohne eine Kenntnis der zugrundeliegenden physikalischen Referenz zu haben, wie von dem vor einigen Jahren verstorbenen Johannes, bei dem von dieser Referenz keine Rede mehr sein kann.

Substanzen wie Fließgewässer oder Wolken bilden andere Referenzpunkte als Mäuse und Menschen; ich kann vom fließenden Wasser im Rhein oder von den schnell vorüberziehenden Wolken reden, auch wenn ich weiß, daß das Wasser jetzt nicht mehr aus denselben Molekülen und die Wolken nicht mehr aus denselben Molekülkonstellationen bestehen wie noch vor einer Minute.

Menschen sprachen vom Wasser des Rheins, auch als sie nicht wußten, daß es H2O ist, mit derselben Berechtigung und ontologischen Transparenz und Adäquatheit, mit der sie vom Sonnenuntergang sprachen, auch wenn sie nicht wußten, daß sich die Erde um sich selber dreht.

Unterliegen wir als Sprecher einer indogermanischen Sprache einer grammatischen Suggestion, wenn wir Dinge, Entitäten oder Gegenstände wie Moleküle, Neuronen, Mäuse und Fahrräder, Substanzen wie Wasser, Schnee und Blut, Personen wie Caesar, Hildegard von Bingen oder Onkel Kurt sowie Ereignisse wie die Krönung Karls des Großen oder die Geburtstagsfeier von Tante Hilde ontologisch auszeichnen, nicht aber fiktive Entitäten wie Einhörner, mythische Personen wie Odysseus und die Göttin Athene sowie legendäre und traumartige Ereignisse wie die Versammlung der Krieger in Walhalla und Peterchens Mondfahrt?

Der Mensch in der Masse, vor allem der aufgewühlten, zeigt uns ein anderes, häßlicheres Gesicht als derjenige, den wir im ruhigen Gespräch von Angesicht zu Angesicht angetroffen haben; doch wenn Hans aus der wütenden Menge heraus einen Stein auf einen Polizisten schleudert, wird er als Einzelperson zur Verantwortung gezogen, ohne daß er aufgrund der Massenerregung mildernde Umstände erfährt.

Ich kann den platonischen Satz „Theaitetos sitzt“ auf zweierlei Weise verneinen: „Es ist nicht der Fall, daß Theaitetos (dort) sitzt“ und „Es ist nicht Theaitetos, der (dort) sitzt.“ Doch weder, wenn Theaitetos dort nicht auf der Bank sitzt, sondern herumläuft, noch, wenn nicht Theaitetos dort sitzt, sondern Lysis oder niemand, stoße ich auf eine semantisch bedeutsame Referenz, die meine Ontologie bereichert.

„Niemand sitzt auf der Bank“, „Nichts ist geschehen“: Es ist offensichtlich, daß ich mit diesen und ähnlichen Negationen keine ontologisch neuen Felder betrete. Mit den Aussagen, daß im Moment keiner auf der Parkbank sitzt oder der langweilige Urlaubstag ohne besondere Vorkommnisse verstrichen ist, wird nicht in gleicher Weise Bezug genommen auf eine Tatsache wie mit der Aussage, daß Theaitetos auf der Bank sitzt oder ausgerechnet an diesem Wintertag die Heizung ausgefallen ist.

Das Wörtchen „nichts“ hat in der Philosophie Europas von Platon über die jüdische und christliche Mystik bis zu Heidegger und Sartre eine Corona diffuser Bedeutungen erhalten, die selbst seinen metaphorischen Gebrauch in Mißkredit gebracht haben.

Begriffe haben unterschiedliche Körnung, je nach dem ontologischen Niveau, auf dem wir sie situieren: Eine Person ist im Vergleich mit den Atomen, Zellen, Neuronen, aus denen ihr Körper besteht, ein grobkörniger Begriff, dagegen im Vergleich mit den naturwüchsigen oder institutionellen Einheiten, deren Mitglied oder Teil sie ist, wie der Familie, dem Verein, dem Unternehmen, dem Staat, ein feinkörniger Begriff.

Wir können eine Person anhand eines einzigen charakteristischen Merkmals oder eines spezifischen, ontologisch eindeutigen Kriteriums identifizieren; so wenn wir mit „Wittgenstein“ jene Person meinen, die den „Logisch-philosophischen Traktat“ geschrieben hat, auch wenn wir nicht wissen, daß Wittgenstein die „Philosophischen Untersuchungen“ geschrieben hat.

Wenn wir wissen, daß Peter der Vater von Hans ist, wird unser Wissen, daß er blaue Augen hat, keine echte Erweiterung unserer Ontologie der Person darstellen, denn blaue Augen haben viele, aber der Vater von Hans ist nur einer.

Umso genauer, detaillierter, minutiöser wir eine Person (einen Gegenstand) beschreiben, desto weniger relevant werden unsere deskriptiven Aussagen für die Feststellung ihres ontologischen Status. Diese Beobachtung bestätigt die Annahme, daß Philosophie keine Literatur und keine Dichtung ist. Die Dichtung beispielsweise kann die Intensität der Gegenwart einer Person in der Beschwörung ihres lebendigen Blicks einfangen und die intensive Wirkung ihrer Abwesenheit im leeren Blick dessen, der an dieser Abwesenheit leidet.

Trotz der materialen Mannigfaltigkeit der Vorstellungsbilder, Phantasmen und Wahnideen, die wir der Symptomatik der Psychose zuordnen, finden wir immer wieder dieselben typischen Muster wie das Stimmenhören, Halluzinationen oder Verfolgungsideen. Wir können von der Beschreibung dieser typischen Muster nicht auf die konkrete Person schließen, die unter ihnen leidet. Um diese Muster für die Diagnostik oder Therapie heranziehen zu können, müssen sie in die Beschreibung der Lebensvollzüge des Patienten integriert werden.

Ein wesentliches semantisches Verfahren zur Ermittlung ontologischer Feststellungen und Zuschreibungen besteht in der Aufteilung und Gliederung (der semantischen Artikulation): Wir schreiten von der phonologischen Ebene des Satzes zur grammatisch-syntaktischen und von dieser zur semantischen Ebene. Auch wenn wir die phonologische und syntaktische Ebene mittels Übersetzung in eine andere Sprache vollkommen austauschen, können wir in den meisten Fällen zumindest den elementaren oder primitiven semantischen Gehalt konservieren.

Doch wenn wir die Liebesgedichte der Sappho mit den mystischen Gebetsanrufungen einer mittelalterlichen Heiligen vergleichen, merken wir bald, daß hier unvereinbare Konzepte von Verehrung, Hingabe und Liebe aufeinandertreffen.

Wenn wir sagen, Hans sei von Beruf Lagerist, können wir seine beruflichen Tätigkeiten nicht auf das feinkörnige Niveau reduzieren, auf dem wir von den Ennervationen seiner Hand und der Krümmung seiner Finger reden; sondern wir müssen etwa sagen, er räume bestimmte Waren in bestimmte Regale.

Wir sprechen vom Beruf oder der Profession einer Person; doch diese Kennzeichnung hat keine unmittelbare Relevanz für ihren ontologischen Status; sie kann ja den Beruf wechseln oder arbeitslos werden, ohne diesen Status zu verlieren. Dies gilt im gleichen Sinne auch von Kennzeichnungen wie „verheiratet“, „magenkrank“ oder „jähzornig“.

Verstehen wir unter Jähzorn die Neigung, schon bei nichtigen Anlässen wie einer unwirschen Geste und herausfordernden Mimik oder einem scharf fixierenden Blick aus der Haut zu fahren, können wir sie als Verhaltensdisposition auffassen, die uns nicht nur bei Peter, sondern auch bei dem Wachhund Rex begegnet. Dispositionen zu emotionalen Reaktionen scheinen keine unmittelbare Relevanz für die Zuordnung des ontologischen Status an denjenigen zu haben, an dem wir sie bemerken.

Der Grad der Feinkörnigkeit unserer ontologischen Bezugnahme ist abhängig von den Absichten und Zwecken, die wir damit verfolgen; so ist die Genauigkeit der Wanderkarte mittels Maßstabsvergrößerung gegenüber der Straßenkarte für Autofahrer erhöht; dadurch findet der Wanderer nicht nur die Burg, sondern auch die versteckte Grotte oder die verborgene lauschige Quelle. Die Beschreibung von Pflanzen und Tieren ist um ein Vielfaches genauer, detailreicher und subtiler in den entsprechenden botanischen und zoologischen Handbüchern als im Lehrbuch für die unteren Klassen, in dem wohl von Rosen und Tulpen, von Hunden und Katzen die Rede ist, aber kaum einmal zwischen Beet- und Kletterrosen, zwischen Pinschern und Windhunden oder zwischen Siamkatzen und Perserkatzen unterschieden wird.

Die Topographie der Wanderkarte muß auf veridischen Projektionen der vermessenen und dokumentierten dreidimensionalen Landschaft mit ihrem Wegenetz auf die zweidimensionale Fläche der symbolisch repräsentierenden Karte beruhen, damit sie unsere Absichten und Zwecke erfüllt; denn das auf der Karte eingetragene Knusperhäuschen der Hexe würde der Wanderer vergebens suchen. Ebenso die Abbildungen der Pflanzen und Tiere mit ihren botanischen und zoologischen Klassifikationen: Sie müssen veridische Projektionen der realen Pflanzen und Tiere darstellen; denn weder die blaue Blume noch das Einhorn, die etwa in das botanische oder zoologische Handbuch geraten sind, vermögen unsere wissenschaftliche Neugier zu stillen.

Die Karte und unser ontologisch transparentes und semantisch geregeltes Aussagesystem müssen über eine isomorph-projektive Ähnlichkeit mit dem Gegenstand, den sie darstellen, verfügen, damit wir uns anhand ihrer orientieren oder verständigen können.

Die Syntax und Semantik jener Sätze, mit denen wir von einzelnen Entitäten Eigenschaften und Zustände prädizieren, wie in dem Satz: „Der Hund liegt im Körbchen“ oder dem Satz: „Peter überquert die Straße“, sind anders geartet als die Syntax und Semantik von Sätzen, in denen wir von Substanzen oder Stoffen Eigenschaften und Zustände prädizieren, wie in den Sätzen: „Es regnet“ und „Es schneit.“

Eine wahre Totalrepräsentation oder ein vollständiges Bild der Welt entwerfen zu wollen, das all ihre Teile und Elemente umfaßt, ist schon deshalb nicht möglich oder inkohärent, weil das Bild selbst als Teil der Welt dabei unter den Tisch fällt; eine Wiederholung und Iteration des Verfahrens aber führen zu einem unendlichen Regreß.

Weil unsere ontologisch veridischen Aussagesysteme sich nicht selbst isomorph abbilden und sich nicht selbst enthalten, bleiben sie notwendig unvollständig.

Nur wenn wir unsere projektiven Modelle auf die Wiedergabe von Types statt Tokens einschränken, könnten wir Vollständigkeit erzielen. Damit aber sind wir gehalten, abstrakte Entitäten wie Zahlen und Typen in unsere Ontologie aufzunehmen.

Wir müssen folgende unbeweisbare, aber methodisch unverzichtbare Maxime aufstellen: So wie wir unsere Milchstraße auf einer Sternenkarte projektiv modellieren, wird es wohl in allen Galaxien, also im Rest des Universums, aussehen. – Das Verfahren der semantischen Gliederung und Artikulation, das wir an Ort und Stelle ontologisch erfolgreich durchführen, muß auch am Nordpol, im Andromedanebel sowie in der näheren und ferneren Vergangenheit und Zukunft anwendbar, gehaltvoll und gültig sein.

Wir können ontologisch bedeutsame syntaktische Muster wie Formulare oder Organigramme betrachten, auf denen neben den Typen-Angaben wie „Person“, „Tätigkeit“ und „Zustand“ Leerstellen oder Platzhalter stehen, in die man die individuellen Token-Bezeichnungen eintragen kann, etwa: „Theaitetos sitzt.“

Wir können ontologisch bedeutsame Gliederungen und Schematisierungen an den Farb- und Tonskalen vornehmen, indem wir sie nach den Kriterien Helligkeit und Intensität oder Kontrastwirkung und Komplementarität ordnen; aber das, was Goethe die sittliche Wirkung der Farben nennt und, können wir ergänzen, was man die psychologische Wirkung der Töne nennen kann, läßt sich in unserer ontologischen Matrix nicht mehr erfassen.

Wenn wir in unserer grobkörnigen Sprechweise von Hunden und Katzen reden, kann der Molekularbiologe auf die jeweiligen feinkörnigen DNA-Muster als adäquate Referenz verweisen.

Man spricht zurecht von einem mehr oder weniger fein gewebten Netz der Begriffe, in dem wir auffangen, was nicht durch die Maschen fällt; wir könnten aber auch von begrifflichen Mikroskopen und Teleskopen reden, die sich gemäß der jeweiligen ontologischen Nähe und Ferne justieren lassen.

Wir sprechen von der Vagheit von Begriffen wie „hier“ und „dort“, „früher“ und „demnächst“, „Freundschaft, „Liebe“ und „Glück“, wenn ihre Verwendung kontextuellen Einschränkungen unterliegt, desgleichen von der ontologischen Unbestimmtheit von Begriffen wie „Einhorn“, „Rübezahl“ und „Stein der Weisen“, wenn ihre Referenz die Null-Menge darstellt.

Das Fieberthermometer bildet ein ontologisch projektives Modell zur Erfassung der Körpertemperatur, denn die Ausdehnung der Quecksilbersäule ist der Körpertemperatur direkt proportional. Die Aussage: „Peter hat Fieber“ ist wahr, wenn die eingezeichnete rote Linie an der Quecksilbersäule überschritten ist.

Die Prüfung der Transparenz unserer projektiven begrifflichen Fenster und ontologischen Modelle auf dasjenige, was sie identifizieren und klassifizieren, ist die Aufgabe der semantischen Analyse.

Die Aussage, daß Peter Hans begrüßt, kann entweder falsch sein, weil keine Form der Begrüßung vorliegt, oder weil umgekehrt Hans Peter begrüßt. Im ersten Falle scheitert die Transparenz der begrifflichen Projektion am Fehlen der Relation, im zweiten Fall an der verfehlten Reihenfolge der Relata.

Begriffliche Transparenz unserer projektiven Modelle wäre die Voraussetzung eines semantischen Realismus, semantischer Realismus die Voraussetzung eines ontologischen Realismus. Die Frage nach seiner Möglichkeit bleibt wohl angesichts der Mannigfaltigkeit der menschlichen Lebensformen und Sprachen offen, aber vielleicht auch nicht zu beantworten, und zwar aufgrund der Diskontinuitäten in der Abfolge basaler Theorien wie beispielsweise der astronomischen Theorien von Ptolemäus über Kopernikus und Newton bis Einstein und anderer Theorien, von denen nicht klar ist oder unklar bleiben muß, ob sie sich vollständig und ohne Sinnverlust wie eine Sprache in eine andere übersetzen lassen oder ob sie zumindest Kerne und Muster neuer Sprachen hervorbringen, die mit den von ihnen verdrängten Theorien inkommensurabel sind.

 

Dez 19 20

Sprache und Ontologie I

Er ist an der Rechenaufgabe gescheitert, hat die Prüfung nicht bestanden, kam seinen beruflichen Anforderungen nicht nach und wurde entlassen, weil seine Mutter getrunken und ihn vernachlässigt hat, weil die Prüfer an seiner abweichenden sexuellen Orientierung Anstoß nahmen, weil sein Arbeitgeber ihn aus Schikane überfordert hat. Nein: weil er zu dumm war, um die Gleichung zu lösen, weil er sich ungenügend auf die Prüfung vorbereitet hat, weil er wichtige Kundentermine verschlafen hat.

Wir lassen uns gerne von einer oberflächlichen Psychologie über grundlegende Elemente unserer Ontologie täuschen, die wir semantisch ziemlich leicht aufspüren können, wenn wir davon sprechen, jemand habe diese oder jene Eigenschaften, Neigungen und Dispositionen oder jemand sei ein Mann oder eine Frau, intelligent oder dement, musisch begabt oder amusisch, bei Sinnen oder schizophren.

Wir finden ähnliche von einer oberflächlichen Psychologie inspirierte und verfehlte Kausalannahmen oder Pseudo-Erklärungen allenthalben. Er wurde nicht zum Trinker, weil sich seine verständnislose Frau von ihm getrennt und die Mitwelt sich mitleidlos und ohne Empathie von ihm distanziert hat, sondern aufgrund seiner Trunksucht geriet seine Ehe in die Schieflage, wegen seiner ständigen Fahne, seiner Unbotmäßigkeit und Verwahrlosung hat sich die Umwelt genervt und angewidert von ihm distanziert.

Sein Leben geriet aus der Bahn, weil er entdeckt hat, daß sein Vater in die Verbrechen der Nazis verstrickt war. Nein: Sein Leben, eine ontologisch komplexe Struktur von Charaktereigenschaften, Persönlichkeitsmerkmalen, Neigungen und Dispositionen, die tiefer liegen als die Überzeugungen und Ansichten, die man sich in seinem Verlauf bildet, sein Leben wäre auch mißraten, hätte er entdeckt, daß sein Vater zum Widerstand gehört hat.

Warum Aristoteles und kein anderer, und ein Grieche und zu dieser und keiner anderen Zeit, die Logik hat begründen können, wissen wir nicht und können wir nicht wissen.

Sich vorzustellen, wie es wäre, nicht geboren zu sein, ist widersinnig.

Sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es die Welt nicht gäbe, ist absurd.

Obwohl wir keine klare Theorie über das haben (oder haben können), was wir eine Tatsache nennen, sagen wir ohne zu zögern, daß der Satz: „Die Erde gab es schon lange vor meiner Geburt“ durch die Annahme gerechtfertigt wird, daß es die Erde schon lange vor meiner Geburt gab.

Ein Bild scheint mindestens zwei Elemente aufweisen zu müssen, damit es zu einem Piktogramm wird, zum Beispiel eine lineare Strecke und eine Pfeilspitze an ihrem einen Ende, damit es zu einem Bild eines Pfeiles wird, dessen Richtungsangabe ich ohne Mühe zur Kenntnis nehmen kann.

Wie viele Elemente oder syntaktische Einheiten muß ein Satz mindestens aufweisen, damit er semantisch gehaltvoll ist?

„Theaitetos sitzt“ scheint wie das Pfeil-Bild nur zwei Elemente zu haben; doch in Wahrheit können wir den Satz so analysieren: T ϵ (S), und neben den Namen T für Theaitetos und S für die Menge aller Sitzenden haben wir als dritte syntaktische Form das Elementzeichen, das den Bezug der beiden genannten Elemente angibt.

Ihre Sprache schien verwirrt, sie sprach von sich in der dritten Person, etwa wie es kleine Kinder machen, die von sich sagen: „Peter Aa!“ Sie hat wohl einen Ausfall bei der Sprachentwicklung erfahren, womöglich aufgrund der Vernachlässigung durch ihre Mutter. Nein: Sie leidet unter einer Psychose.

Die Psychose, eine ontologisch komplexe Struktur von bedeutungs- und symbolverzerrenden Verhaltens- und Vorstellungsformen, Persönlichkeitsmerkmalen und genetischen Dispositionen, können wir nicht kausal mittels der verstörten, irritierten und meist verständnislosen oder gar grausamen Reaktionen erklären, die ihre seltsamen und oft erschreckenden Äußerungen durch die Umwelt erfahren; diese Reaktionen mögen ein verzerrtes Spiegelbild der psychotischen Äußerungen darstellen, sie sind indes durch diese Äußerungen ausgelöst, nicht die Psychose durch das verstörte Gebaren der Umwelt.

Die Ontologie der Psychose können wir semantisch aufspüren, indem wir das vom Alltagsgebrauch abweichende Sprachbild des Patienten minutiös aufzeichnen und analysieren, um hier und dort auf verborgene Krümmungen und Verzerrungen der normalen Syntax und Semantik zu stoßen, die vielleicht Hinweise auf tieferliegende Persönlichkeitsmerkmale gestatten.

„ich“ deutet nicht auf einen Gegenstand, der nur dem Sprecher bekannt ist; denn wenn ich von mir behaupte, ich hätte noch bis gestern nicht hier, sondern in Berlin gewohnt, widerlegt meine Aussage ein Nachbar, der mich vorgestern hier gesehen hat.

Meine Äußerung, daß ich traurig bin, kann bezweifeln, wer mich gut genug kennt, um zu wissen, daß ich mich bisweilen in der Identifikation der eigenen Gefühlszustände täusche, oder wer um meinen Hang zur Selbsttäuschung weiß.

Wir müssen uns angesichts des Pfeil-Bildes fragen, welche Bedeutung und Relevanz es für den hat, der es wahrnimmt: Insofern haben wir mit dem Beobachter immer ein drittes semantisches Element.

Bei jedem Bild finden wir einen unsichtbaren Punkt, der den Betrachter repräsentiert; so wie auf der Wanderkarte am Waldrand ein Zeichen für den Standort des Betrachters eingetragen ist.

Durch den ontologischen Eintrag des Subjekts und Beobachters wird die Beobachtung nicht subjektiv und das Wahrgenommene nicht zur fragwürdigen Fiktion; wie auch die eingezeichneten Wege auf der Wanderkarte durch den ebenfalls verzeichneten Beobachterstandort nicht subjektiviert werden, sondern im Gegenteil erst objektive Relevanz für den Betrachter bekommen.

Die semantische Leserichtung ist nicht vorgegeben. Wir können sagen: „Das ist Theaitetos, der dort sitzt“ oder: „Der da sitzt, ist Theaitetos“.

Wenn wir sagen: „Theaitetos sitzt auf der Bank“, können wir mittels der Verwendung eines präpositionalen Ausdrucks eine ontologisch wahre Positionierung darstellen, denn der Satz wäre falsch, würde Theaitetos unter der Bank kauern.

Wenn wir das Tempus einführen und etwa die Aussage bilden: „Theaitetos hat auf dieser Bank gesessen“, können wir ihre ontologische Bedeutung und Relevanz semantisch dadurch aufweisen, daß wir einen Zeitpunkt in der Vergangenheit wählen, an dem wir gesagt haben könnten: „Theaitetos sitzt auf der Bank.“

Wir könnten aber auch einen Zeitpunkt in der Zukunft wählen und die ontologische Bedeutung der von ihm aus formulierten Aussagen dadurch aufweisen, daß wir sagen: „Theaitetos hat auf dieser Bank gesessen.“

Auf der Basis solcher zeitlicher Perspektivwechsel können wir die Ontologie temporalisieren, ohne die Gleichsinnigkeit und Eindeutigkeit unserer Aussagen zu relativieren.

Mittels Tempuswechsel gewinnen wir fiktive Kontexte: Wenn wir etwa lesen: „Lange sitzt Theaitetos auf der Bank und grübelt vor sich hin. Als es zu regnen begann, stand er auf und …“, wissen wir, daß es sich um den fiktiven Kontext einer Erzählung handelt.

Die Töne einer Tonskala sind echte Teile sowohl einer physikalisch messbaren Reihe als auch einer Reihe distinkter Hörerlebnisse. Wenn wir einen Ton erhöhen oder vermindern, haben wir jeweils andere Hörerlebnisse, die uns etwa den Eindruck einer Erhellung oder Verdüsterung der musikalischen Atmosphäre vermitteln.

Die Komplexion von Tönen oder der musikalische Akkord vermittelt uns einen komplexen seelischen oder Erlebniseindruck.

Wir können Wasser oder H2O mittels Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen; Wasserstoff und Sauerstoff sind echte Teile von Wasser, die sich nicht weiter in andere chemische Elemente zerlegen lassen, sondern nur in Elementarteilchen.

Die sensorischen Erlebnisse, die uns Wasser vermittelt, sind vollkommen distinkt von denen, die uns Wasserstoff und Sauerstoff vermitteln.

Wasser ist wie der musikalische Akkord, seine Elemente wie die Töne, aus denen sich der Akkord zusammensetzt.

Eine bestimmte Zusammenstellung oder Komposition von Farben gibt uns malerisch und visuell jenen komplexen Erlebniseindruck, den uns musikalisch und auditiv ein Akkord vermittelt.

Wie wir mittels semantischer Betrachtung oder Analyse von Sätzen über Höreindrücke zur Feststellung von ontologischen Einheiten des Hörbaren gelangen, nämlich der Grundtöne und ihrer Komposition in Akkorden, so kommen wir mittels der semantischen Betrachtung von Sätzen über Farbeindrücke zur Feststellung von ontologischen Einheiten des Sichtbaren, nämlich der Grundfarben und ihren Mischungen.

Wir sagen nicht, wenn wir in einiger Entfernung eine Person gewahren, deren Identität wir erst bei ihrem Näherkommen bemerken: „Dort nähert sich ein Körper, es ist Peter“, sondern: „Dort kommt jemand, es ist Peter.“

Wenn der Lehrer fragt, wer die Tafel vollgeschmiert hat, kann der Schüler verlegen, aber mutig mit der Hand auf seine Brust zeigen und damit meinen „ich“. Denn mit der Geste weist er weder auf seinen Körper noch etwa auf eine sonst verborgene Innerlichkeit, die wir Seele nennen.

Aufgrund der semantischen Betrachtung und Analyse von Äußerungen wie: „Dort kommt jemand, es ist Peter“ gelangen wir zu einer ontologischen Einheit, die wiederum nicht weiter zerlegbar und analysierbar ist; der Tradition und Konvention gemäß nennen wir sie Person.

Peter kann auf sich verweisen, indem er auf sich zeigt oder von sich in der ersten Person spricht. Wir können auf Peter verweisen, indem wir auf seinen Köper zeigen und dabei ihn als Person meinen oder indem wir von ihm in der dritten Person berichten.

Obwohl Peters Körper auf zahllose Arten in chemische, neuronale, molekulare Teile und Teile von Teilen analysiert werden kann, bildet die Person Peter eine nicht weiter zerlegbare ontologische Einheit. Die Person Peter kann nicht mit einer anderen Person wie eine Farbe mit einer anderen Farbe oder Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verschmelzen; die Person kann mit anderen Personen kein komplexes Gebilde formen wie die Einzeltöne einen Akkord.

Peter bildet mit den Mitgliedern seiner Familie eine Art naturwüchsige Einheit, doch keine komplexe Einheit wie die Bienen im organisch und chemisch funktionell strukturierten Bienenschwarm; er bildet mit den Mitgliedern seines Schachclubs eine institutionelle oder formale Einheit, in die er aufgrund geregelter Verfahren freiwillig eintritt, aber auch freiwillig wieder austreten kann.

Die Ontologie der Einheiten, die wie Ehen, Vereine, Unternehmen, Armeen, Kirchen oder Staaten aus Personen bestehen, kann anhand der formalen Verfahren des Ein- und Austritts oder der Inklusion und Exklusion und der dabei verwendeten verbalen und gestischen Zeichenhandlungen semantisch analysiert werden.

So finden wir bei der Ehe das formale Verfahren der Trauung und den Sprechakt des Ehegelöbnisses, in den inversen Formen die Scheidung und die Entpflichtung vom Eheversprechen.

Freiwilligkeit ist in vielen Formen personaler Bindung und Verpflichtung ein echtes Kennzeichen der Ontologie der Person, sie berechtigt uns dazu, den Handelnden Absichten oder Intentionen zu unterstellen, die wir anhand der beteiligten Sprechakte identifizieren können wie des vor dem Standesbeamten und den Trauzeugen gegebenen Ja-Worts oder des Treuegelöbnisses des Rekruten.

Was wir am Handeln der Tiere beobachten können, entbehrt dieses Moments der personalen Freiwilligkeit wie die Brutpflege der Bienen oder die instinktgeleitete Jagd der Beutegreifer.

Wasserstoff verbindet sich spontan mit Sauerstoff zu Wasser, während wir die Bildung von Akkorden oder Farbkompositionen als Teil eines kreativen Akts ansehen, der auf die Absichten und das künstlerische Wollen einer freiwillig handelnden Person verweist.

 

Dez 18 20

Nebelmoor

Wie Geister schweben Busch und Baum,
des Wassers Seufzen ist verstummt,
was atmet, schleicht geduckt, vermummt
durchs Nebelmoor, am Tag im Traum.

In Dunst zerrinnt das Steingesicht,
ein banger Vogelruf zerstäubt,
vom Rauch des Schweigens übertäubt,
in bleichen Tüchern geht das Licht.

Als hätte nie im trunknen Blau
die Anemone hier geglüht,
der Lilie Sternenblick gesprüht,
weiß nichts die Welt als totes Grau.

Wird brechen durch dies trübe Glas
der Liebe hoher Purpurklang,
uns wieder glänzen Wassers Sang,
die warme Haut dir kitzeln Gras?

 

Dez 17 20

Einsprüche

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sie klatschen dir einen Haufen Kot auf die Schwelle und behaupten, das sei Kunst. Wenn du jetzt die Nase rümpfst, verketzern sie dich und klagen dich des Hochmuts an, der Intoleranz und reaktionärer, als Feinsinn getarnter Verachtung des Primitiven und Authentischen, des Bekenntnisses zu einem elitären Kunstbegriff.

Der Krakeeler gilt für den wahren Sänger, die Nervensäge für empfindsam, der spätpubertäre Laller für einen neuen Klopstock, der pickelnarbige Schmarotzer und rotnasige Tippelbruder für das strahlende Idol erfüllten Lebens.

Wenn der Schwarze den kleinen Laden eines Weißen ausraubt, nachdem er ihn abgestochen und seine Tochter vergewaltigt hat, gilt dies für einen Akt der Rebellion und Befreiung, ist es umgekehrt und ein Weißer begeht die Tat, sprechen alle mit großer Entrüstung von einem abscheulichen Akt der Menschenverachtung und des Rassismus.

Eine Gruppe, die sich dank der Förderung der Dummdreisten und Degenerierten das eigene Grab schaufelt.

Höflichkeitsbezeigungen gegen eine Frau gelten für abschätzig, sexistisch, verwerflich.

Des Dichters Ode auf Frauenschönheit und weibliche Anmut wird als Zeichen toxischer Männlichkeit dekonstruiert oder gleich aus dem Schulbuch verbannt.

Prophetische Gabe und geniale Schöpferkraft werden Titel für Einsamkeit und innere Emigration.

Reim, harmonische Fügung, geballter Rhythmus, metaphorisches Ranken- und Schattenspiel sind in den Augen und Ohren der Medien-Intellektuellen, also der Gralshüter des ästhetischen Grobianismus der Massen, Zeichen für Rückständigkeit und Neurose, der Flucht vor der bösen Welt in Sentimentalität und Kitsch.

Bilder und Klänge, die unseren Feinsinn verletzen, unsere Nerven foltern und unsere logischen Instinkte zerrütten, können und wollen wir nicht für genießbar und einsichtig halten, nicht für Werke, die unser Leben reicher und unsere Vernunft lebendiger machen.

Die staatliche und institutionelle Förderung von Kunst und Kultur ist die Ursache ihrer Degeneration.

Der Kult des Armen, des Verrückten, des Perversen ist ein Verfallssymptom der christlichen Moral oder der mißverstandenen christlichen Lehre.

Die Talentlosen lärmen auf der vorderen Bank, der Begabte langweilt sich auf der letzten.

Die allgemeine Schulpflicht und die mentale Kontrolle des Unterrichts in Schulen und Akademien durch den Staat führen zur Nivellierung des geistigen Niveaus und aller kulturellen Standards.

Die allgemeine staatliche Wohlfahrt zerstört die Selbstachtung des einzelnen.

Das Leiden Nietzsches, Hölderlins, van Goghs beruht nicht auf den fatalen Auswirkungen einer bösartigen und kriminellen Umwelt, sondern war ihr fruchtbares Verhängnis, ihre schreckliche und wunderbare Form des Auserwähltseins.

Die Welt toto coelo anders zu wollen, als sie ist, dieses mentale Virus schädigt die Vernunft, diese Nervenschwäche schmeichelt einer faulen Moral.

Die Auslese, Bevorzugung und Förderung des Wertvollen, Gedeihlichen, Seltenen ist die Maxime sowohl der Kunstlehre als der Ethik.

Wenn der Leib spricht und das Herz singt, verstummen die Gespenster.

Wer sein eigenes Glück befördert, macht sich verdienter als einer, der im Unglück der anderen versinkt.

Wie, das eigene Glück befördern? – Schon meldet das schlechte Gewissen seinen Einspruch an.

Doch der Einspruch der vulgären Moral beruht auf der falschen Rechnung, die jeweils gegenüber der Habenseite gewonnenen eigenen Glücks auf der Verlustseite den Mangel an Glück oder das Unglück eines anderen auflistet.

Glück aber ist ein komplexer Begriff und nicht nur der Name für einen Gefühlszustand; denn Glück, Erfüllung, Steigerung des Daseins sind immer auch die Wirkung ausgehaltenen, überwundenen oder sublimierten Leids, ähnlich wie Einsicht und Vernunft das Ergebnis des Kampfes gegen geistige Verwirrung oder den Wahnsinn darstellen können.

Der Prophet ersteigt einsam jene Höhe, auf der ihm sein Gott die Tafeln neuer Sprüche darreicht.

Immer nur auf Augenhöhe mit einem realen oder imaginären Du sich bereden, verengt den Horizont, von dem die Brandung einer anderen Rede herüberrauscht.

Der von den Zuschüssen der staatlichen Ordnung gemästete Künstler, der mit seinen delirierenden Werken von Chaos und Anarchie kündet.

Der Politkommissar und der anarchische Künstler – Brüder im Geiste.

Der Begriff der öffentlichen Meinung schließt aus, daß es keine Zensur gibt, der Begriff der Kunst, daß ihre vollkommenen Werke massentauglich sind, der Begriff der Gesellschaft, daß die Verteilung ihrer Güter gerecht und gleich ist.

Die feinnervige Hand ist die physische Instantiierung des Talents eines Chirurgen oder eines Pianisten.

Unsere Ambitionen sind im besten Falle das Echo der physischen Instantiierung unserer Talente, wie der Wunsch, einmal Sänger, Maler, Koch oder Sommelier zu werden.

Der Glaube, alle seien für alles begabt, bezeugt die stupide Unempfänglichkeit für den Geist, der weht, wo er will.

Wer fordert, daß wir unsere Türen nicht abschließen und unsere Grenzen nicht wahren, ist ein Komplize von Dieben und Räubern.

Die Künder und Wächter der staatlich verordneten Moral beschneiden oder verhindern die Möglichkeit der von ihnen Eingeschüchterten, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Die heuchlerisch und salbungsvoll Selbstopfer und allgemeine Caritas predigen, wollen Gut und Geld verteilen, das ihnen nicht gehört.

Wer durch Disziplin, Arbeit, Einsatz seiner physischen und moralischen Kräfte zu Vermögen kam oder zur Bewunderung der Eingeweihten für erlesene Werke, wird niedriger Motive oder betrügerischer Machenschaften verdächtigt; der licht- und arbeitsscheue Scharlatan, der mittels faulen Zaubers und blendender Gaukeleien ins Rampenlicht kommt, wird bewundert und dekoriert.

Die einen wissen nicht, was sie sind, die anderen glauben, es zu sein. Und oft sind es dieselben.

Die Bipolarität von männlichem und weiblichem Geschlecht zu leugnen – eine sich fortschrittlich gebende Form infantiler Regression.

Jeder hat das Recht, den anderen nicht verstehen zu wollen.

Die salbungsvolle Predigt allgemeiner Toleranz ist ein Symptom geistiger Impotenz und eines sich edel dünkenden Masochismus.

Wir haben das Recht, den Kater, der des Nachts brünstig in einer Weise jammert, die unserem ästhetischen Empfinden Hohn spricht, vom Hinterhof zu verscheuchen.

Wir können nicht dulden, daß unfähige Ingenieure die Brücke bauen, über die wir heil ans andere Ufer gelangen wollen.

Wir dürfen guten Gewissens die Zecke, die unser Blut saugt, die Mistel, die unseren Obstbaum verunziert, den Schwätzer, der uns ins Essen und ins gute Leben quatscht, beiseiteschaffen.

Den Unsinn der Dummheit und den Gestank der Perversion müssen wir zwar als unausrottbar hinnehmen, aber kein moralisches Gebot kann uns verpflichten, sie zu tolerieren, wenn wir ihnen aus dem Weg gehen können.

Algorithmen kann man entwerfen, aber keine natürlichen Sprachen.

Der Kosmos, wie er ist, ungeheuerlich und phantastisch, die Natur, wie sie ist, rätselhaft, schön und grausam, das Schicksal, Mann oder Frau, schön oder häßlich, begabt oder unbegabt zu sein – dies sind die Mächte, angesichts derer der Kleingeist in die Hose macht, der Moralapostel sein Lamento anstimmt und der Fanatiker seine Umsturz- und Heilspläne ausbrütet.

Hat ein Autor, den wir Homer nennen, die Odyssee geschrieben? Ja und nein. Eine überragende Intelligenz und fein verästelte künstlerische Sensibilität waren am Werk, um den großen Stoff zu formen, zu gliedern, sangbar zu machen. Aber was in dem Epos wogt und rauscht, das Lied des Meeres, was in ihm dämmert und leuchtet, die Gestalt der Götter, was in ihm träumt und sinnt, die Seele des einsamen Schiffbrüchigen, quillt aus dem dunklen Brunnen der kollektiven Erinnerung, den die Muse bewacht.

 

Dez 17 20

Als sänge mir dein Herz

Als flöge mir dein Schatten zu
von Wolken, sänge mir dein Herz
aus Quellen dunkelblaue Ruh.
Als hauchte einer Weide Schauer
ein Hauchen mir von deinem Mund.
Als trieben Flüsse meiner Trauer
die Iris deines Lächelns zu.
Als träufte Efeu an der Mauer
mir Tropfen Lichts ins dumpfe Blut.
Als hörte ich im Angelus
die Glocke deiner Freude beben.
Als könnte deiner Seele Gruß
erwecken noch mein totes Leben.

 

Dez 16 20

Das Tor des Abends

Laß furchtlos uns ins Grenzenlose gehen,
die Bläue deines Augs ist Meer genug,
in meinem magst ein Maar du dämmern sehen.

Dein Duft ist mir zum Gücklichsein genug,
verschmilzt er ja mit goldner Träume Wehen,
und singst du gar, genug, genug.

Laß lächelnd uns am Tor des Abends stehen,
und scheint die Huld der Rosen nah genug,
so wollen wir durchs Tor zu ihnen gehen.

Kühlt unsern Schmerz ihr milder Tau genug,
mag Rosendunkel auch um Morgen flehen,
die weiche Träne hat noch Glanz genug.

O Liebende, die durchs Tor des Abends gehen.

 



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