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Feb 18 18

Natur und Kunst

Wie anders denn wallend
die Stufen des Schlafs herab
kann der Muse seidener
Umhang denn rauschen?

Wenn das Wort, eine Mistel
voll dunklen Grams, geistert
in laubichter Höhe, schüttelt
Sturm bald es zu Boden.

Die Kuh mit Heras Augen
ist mehr wert als der glotzende
Mann mit Druckerschwärze
am trockenen Gaumen.

Die eitlen Krämpfe der Kunst,
die Nebel zwischen bangen
Herzen, hat Himmels reines
Blau zu Tropfen gelöst.

 

Feb 18 18

Drei Rosen

Drei Rosen schenke ich dir,
sie sind nicht weiß,
sie sind nicht rot,
sie sind nur Worte
Grau in Grau.

Drei Rosen schenke ich dir,
sie duften nicht,
sie welken nicht,
in ihrem Innern
glänzt ein Tau.

Drei Rosen schenke ich dir,
sie öffnen sich,
sie neigen sich
vor deinen Schmerzen,
süße Frau.

 

Feb 18 18

Einsames Fenster

Ich sah den Tod, eine Mücke,
den Schatten einer Mücke,
in der Gardine verklebt.

Ewig währt aber Licht,
das wie Blicke oder Bäche
herabeilt über die Hügel.

Ich sah dein scheues Auge
glimmen, und das Lid
der Nacht senkte sich schon.

O komm dort mir entgegen,
über die Brücke aus Wasser
und Schwanenlicht.

Ich sah das weiße Linnen
des Schnees gebreitet
auf schlafende Krumen.

Und aus blauer Tiefe
fiel der Rose rötlicher
Tau in die Stille.

 

Feb 17 18

Schlaflos

Unter so viel Lidern

Atem,
Halmes
Gebet.

Wurzel,
Schweige-
Knoten.

Knospen,
Zweiges
Rätsel.

Schatten,
duftlose
Dolde.

Wasser,
Mondes
Grab.

Blüte,
Staubes
Wahn.

Auge,
blindes
Wort.

 

Feb 17 18

Verbotene Verse

Frauen und Blumen
Für Eugen Gomringer

Die hinneigt den Schoß
den Blitzen der Nacht,
dem Sperma des Lichts,
geduldige Rose.

Der Tränen tropfen
von zitternden Lippen,
von Wimpern des Traums,
jungfräuliche Lilie.

Aufreckend zum Herrn
die Knospen roter,
weißer Brüste, Päonie,
o Sklavin des Dufts.

Mondtau des Stachels,
Blutsaum der Wildnis,
Hymnus der Schatten,
demütige Distel.

Das duftet den Schmerz
in purpurnen Seufzern,
von Hufen zerdrückt,
o Veilchen des Pan.

 

Feb 17 18

Die Weide

Du trinkst die graue Milch,
der Erde Seufzer.

In deinem grünen Schoß
gähnt feist der Mond.

Schwebt heran der Schwan,
spinnst du Silbergarn.

Kitzelt dich die Sonne wach,
bläst du Fäden Gold.

Schnäbel kämmen deine
Mädchensträhnen.

Starr äugst Wolken du
beim Weinen nach.

Dem rauhen Mund lallt Glanz
die Honig-Zunge.

Hoher Trauer tropfen deine
tausend Wimpern.

Frühling zupft dir vom Finger
Flimmer-Flusen.

Sommer schamponiert dein Haar
mit grünem Schaum.

Vor deiner späten Glut
steht beschämt der Tod.

Du entschwebst ein Schneegespenst
in blaue Nacht.

 

Feb 16 18

Die nur gackern und nicht brüten

Tohuwabohu
überm Rinnsal des Aborts,
obszöner Dunst
vor dem geistigen Abend
des Lilienlichts –

das glauben sie
dem Blutwolf zu schulden
und den Lämmern,
die er gerissen.

Als könne man ihrer
würdig gedenken
durch Zerpflücken
der inneren Rose.

Ausgerenkter Versfuß,
erwürgter Reim,
verätzte Bilder,
Unzucht mit Allegorien –

damit glauben sie
dem Kitschwulst
des Klumpfußes,
blutleeren Bälgern,
sterilen Zelluloidküssen
noch tausend Jahre
widerstehen zu müssen.

Als könne man
dem weißen Rausch
durch den schwarzen
wehren,
als könne man die Ödnis
durch Selbstverwüstung
wässern,
verbranntem Fleisch
durch Selbstzerfleischung
Abbitte tun.

Spucken
auf das Schöpfungsei,
Zerdeppern
gesprenkelten Geleges,
das im Nest des Mondes
schaukelt,
ist Unart der Unfruchtbaren,
die nur gackern
und nicht brüten.

 

Feb 15 18

Die Kiefer

Einsam auf Felsen,
überm Strandhafer
dem Wind ergeben,
beschwöret fein gefiedert
dein Seher-Geist
die Wunder-Zapfen.

Aus deinen Harzen
buk Erdendunkel
Tränen hellen Amber-Steins.

Bacchisch sang die Nacht,
wenn loses Mädchenhaar
wie deiner Späne
betörender Rauch
wild im Tanz gelodert.

In deines Daches Schatten
fand der Hauch der Flöte
entschlummernd sich das Lied.

In Finnlands Dämmerschnee
rötest du mit Christi Blut
die Wehmut des Verirrten.

Dem dunklen Schmerz
der Bukowina
durchbohrest
knotig du das Kreuz.

Germaniens Nebel
tauchen silbern
deine schlanken Pfeiler
ins Gebet des Morgenlichts.

In Kyotos Schreinen,
wo geschwisterlich
der Kirschbaum blüht,
streckst du
die grünen Arme
nach dem Ahn der Dichtkunst aus.

 

Feb 15 18

Überlallt von Blut

Hier ist das Lied
mit Lehm vergoren,
überlallt von Blut.

Es können Gott
nur Zungen nennen,
überträumt von Glut.

Hier ist das Bild
verwischt von Tränen,
blättert ab das Blau.

Es neigt der Schwan
das Haupt ins Wasser,
Weiß zerfließt in Grau.

Hier löscht den Kuß
der Hauch von Lippen,
Wort verblaßt im Mund.

Rose hebt den Kelch,
gefüllt mit Seufzern,
bang zum Himmelsrund.

 

Feb 15 18

Was ich sah III

Ich sah im dunklen Hof
ein rotes Blatt
und dachte dein.

Verglühter Kuss,
von Sommers Lust
der Widerschein.

Ich sah am welken Halm
die Biene starren
nach dem Tanz.

O süße Lieder,
Herzens Waben
fülltet ihr mit Glanz.

Ich ging den alten Pfad,
verschlossen war
das Gartentor.

Ihr Blüten uferlos,
blaue Lüfte,
wo ich mich verlor.

Ich sah vorm Hochaltar
ein Weiblein knien
wurzelkrumm.

Ihr weißen Engel,
ihr grauen Tauben,
seid ihr alle stumm?

 

Feb 14 18

Küßt du mich bald, Undine?

Lippe und Wabe,
von Süße umglänzt.

Träne und Flamme,
verrinnest im Schlaf.

Seh ich dich bald,
Meeresbläue
unter Himmels
zitterndem Lid?

Krokus und Veilchen,
betauest den Schmerz.

Veilchen und Krokus,
ihr Töchter des Lichts.

Hör ich dich bald,
Eilands Schilf,
äolischen
Odems Zunge?

Myrte und Lilie,
umschauerst das Leid.

Lilie und Myrte,
ihr Schwestern des Monds.

Küßt du mich bald,
Undine,
hinab in
die Nacht deines Haars?

 

Feb 14 18

Von Feuern beschrieben, vom Schweigen bewässert

Blatt,
von Schatten
genährt,
von Feuern
beschrieben.

Sind verglüht
Inschrift und Tau,
legst du wieder
dein Gold auf das Herz.

Moos,
vom Schweigen
bewässert,
von Flocken
gewärmt.

Sind getaut
Sporen und Schnee,
gibst du Schritten
der Seufzer Geheiß.

Schilf,
grüner Pfeiler
des Himmels,
Syrinx
der Lüfte.

Sind erfüllt
Brunnen und Nacht,
schmiegst du wieder
dich Pan an den Mund.

 

Feb 13 18

Gaukelei

Licht hat Perlen,
tränengroß,
glänzen mir auf
Blattes Schoß.

Nacht hat Stimmen,
vogelzart,
krallen sich mir
in den Bart.

Tag hat Knospen
mir vertraut,
öffnen Augen
einer Braut.

Morgentauben picken
liebe-blaß
Verse an mein
Fensterglas.

Abendröte gaukelt
warm und licht
an die Wände
dein Gesicht.

 

Feb 13 18

Die Male dämmern

Wellen, Stimmen,
uferlos.

Schmiegt dein Leid
Myrtenschatten
noch um mich?

Stimmen, Wellen,
dunkler Schaum.

Meint ein Stern,
derselbe Blick noch
dich und mich?

Aschen sangen,
grauer Mund.

Schenkt dein Lied
mir jemals wieder
Rosenglut?

Rosen tranken
Schmerz und Tau.

Wird ein Schnee
im Abschied glühen
purpurrot?

Basaltne Male,
überschneit.

Gestöber stumm,
die Male dämmern
namenlos.

 

Feb 13 18

Der ausgeblühte Mund

Sind es noch die Gemeinten,
da einst das Wort sie verließ?

Das Schild ist abgeblättert,
der Name durchgestrichen.

Das Fenster ist eingeschlagen,
flogen Schwalben hindurch?

Die Tapeten sind abgerissen,
wo weilen die Getreuen, wo?

Stimmen hörst du keine vertraut,
nur Zwitschern ängstlicher Brut.

Wirbel von Kalk im Gegenlicht,
wortlos stapft ins Weglose Zeit.

Die Zunge blütenleeren Winds
leckt vom tauben Blatt den Tau.

Ich aber bleibe bei euch, sind
sieʼs noch? Das Zimmer ist leer,

flackert es auch von Schatten,
die von grauen Mauern bröckeln.

Bei euch alle Tage bis ans Ende,
ist ausgeschüttet nicht, leer

bis auf den Grund, der hohe Kelch,
als der sich darbot das Wort?

Bis an das Ende der Welt, leer,
wie der ausgeblühte Mund

der weißen Winde unter dunklen
Wassers Mond, bin ich bei euch.

 

Feb 13 18

Wie es hier ist

Was hier übers Ufer gelangt
und was noch glänzt, matt
irisierend noch eine Weile,
ist ein toter Fisch.

Was für bare Münze gilt,
als schillerten golden Schuppen,
in Hochglanzfotos gewickelt
der tote Fisch eines Traums.

Splitter von Nagellack, du aber,
abgeschnittene Locke, verklebtes Lid,
du hast, Spange, aus dem Haar gerutscht,
Worte des ewigen Lebens.

Was da nicht zergeht auf Zungen,
Worte, nicht blutig zerbissen,
in Herzkammern verbrannt,
Worte des ewigen Lebens.

Hier ist die Taube tot, die hoch
noch flattert, Gurren aber dunkel,
schwarz der Sonne Sinn, die Wege
weich von vergeßlichem Moos.

Die über die Wange rann,
unbewußt, die Spur der Schminke,
Träne sprachʼs, des Dunklen Glanz,
für uns, für keinen, für sich.

 

Feb 12 18

Halme, Gräser, Zeichen

Halme, Gräser,
aus Polstern starrend von Schnee,
übrig gebliebenes Leben,
Scheinexistenzen,
dürre Schemen,
zitternd im Wind,
verglühten Sommers
karge Spuren,
schmucklose.

Nicht einmal sie selbst,
Halme und Gräser –
Schatten der Halme,
Schatten der Gräser,
unwirkliche Linien im Schnee,
Spuren von Spuren.

Leicht verwischt,
wenn Wind geht,
und lesbar wieder
in der Eintönigkeit
stillen Lichts.

Schnee,
weiß wie das Ungesagte,
Schatten,
grau wie das Sagbare.

Wind,
unverständiger Leser,
der die Zeichen veruntreut.

Wahr scheint
das Licht,
das mit Schatten schreibt
vom Sinnrest des Lebens.

Dasselbe Licht,
das den Schnee schmilzt,
die Schatten weckt,
die Zeichen überschreibt.

Und Feuchte zieht
in dürre Halme,
grüne Zierde
ins Gras.

Behaupten sich
Halme, Gräser
aus belebtem Grund,
sagen sie selbst,
schattenlos,
sich aus.

Wind wird sie lesen,
selbst wenn er sie biegt
und sie zittern.

 

Feb 11 18

Monolog der einsamen Mütze

Wie ich den Sommer hasse, dies grüne Leben,
wie schmachtend Strahl sich auf der Welle suhlt,
wenn Blumen nackend sich dem Winde biegen,
was Bienen, ganz von süßem Duft verdummt,
halb schlafend ins Ohr der weißen Nesseln schwätzen.
Wie gut, daß Dämmer eines Schrankes mich umhüllt,
und nur durch Ritzen Schimmer milchig sickern,
wo Dunkelheit das flackernde Geschrei erstickt.
Und ist das Holz so alt und modermuffig,
sinkt Flieders Atem süßlich durchs Gebälk,
wenn die das Herz zerfleischen Schnäbel kratzen
ins Blau des Himmels Streifen von Gesang.
Wie ich den Sommer hasse, dies geile Hecheln
und Überschnappen, wenn strotzend Busch und Gras
die Augen hissen rot und gelb und Knospen
das Maß des Anstands überschwellen, geplatzt
von zu viel Sonnenkitzel Keime schütten
und Flaum und Schaumes Fieder findet Wehr
nicht mehr am Gartenzaun, hoch zwitschernd quellen
aus Nest und Erdenloch die Rufe, heiß
und naß an wilde Ohren, wilde Mäuler.
Am ärgsten widert Schamlosigkeit
mich an, da frechem Wind und blanken Strahlen
Gekringel blonder Locken luftig glänzt
und meiner weichen Hut fatal entrissen
wollüstigem Gaffen preisgegeben ist.
Ach einst die zarten Ohren, frostgerötet,
entblößten Muscheln kann den feuchten Lärm
geistlosen Raschelns, Lallens, Stöhnens
des Sommerfiebers nicht ich dämpfen,
vor Phrasen kitschig angemalten Munds
in schwüler Nacht abschirmen nicht.
Ich denke traurig der in Fächern unten
verkrochnen Freunde, des dicken Wolle-Schals,
des Handschuhpaars: Wie mag es ihnen gehen?

 

Feb 10 18

Weißer Kelch

Du weißer Kelch,
auf dunklen Wassern schwebend,
dich formte groß das Licht,
von Schweigen angefüllt,
o stilles Angesicht.

Du bebst im Hauch,
von fremdem Hauche bebst du,
die Welle nimmt dich mit,
die Sonne kümmert nicht,
was deine Nacht erlitt.

Du träumst den Mond
und deine Lider zittern,
du träumst ihn rot und rund,
und öffnest feucht von Tau
den stummen Blumenmund.

Du weißer Kelch,
den Schatten Schimmer gebend,
Geheimnis, süß und schlicht,
was deinem Schoß entquillt,
schenkt Seufzern das Gedicht.

 

Feb 10 18

Sanfte Rose Nacht

Sanfte Rose Nacht,
schmerzbetaute Blüte,
behauch den Mund,
auf daß er bete.

Hohen Lebens Kelch,
knospenfeuchte Stille,
mit dunklem Glanz
das Auge fülle.

Sanfte Rose Nacht,
Schlafes blasse Wange,
bald küsse Licht
dich wach für lange.

 

Feb 9 18

Die Wolke und ihr Schatten

Was der Wolke gleich
und Wolkenschatten
sich vorübergehend zeigt,
das Wahre,
bleibt ungesagt.

Wortes leeren Spiegel
überhaucht ja nicht,
und sei er noch so weich,
fremden Atems Mund.

Zart gespannt ist der Faden
zwischen Sonne und Geist,
es schwebt die Träne
zwischen Seele und Mond
an scheuer Wimper.

Und reißt der Faden,
kehren Wolken
aus dem Ungesagten,
und sinkt die Wimper,
glänzt das Blatt
im Tau der Nacht.

 

Feb 9 18

Tage, Jahre

Wie unter Reben,
wenn einmal
Sonnenfäden wehen,
dann wieder
blaue Trauben scheinen
in das dunkle Grün
der Tage.

Sommer flocht den Mohn
ins gelbe Haar des Ackers,
Herbst war still
mit langsamem Rinnen
von Tropfen.

Und Tage stürzen,
Bäumen gleich
unter der Axt,
und kahler glänzt
die Lichtung des Winters.

Und Jahre,
wie Blätter des Vorjahrs,
schwarz,
gedächtnislos,
fegt harter Reschen
von Friedhofswegen.

Kehrt einmal,
woran Bienen tranken,
dein Gold zurück,
kleinen Lebens Primel,
und grünet heim
ins Tal hinab
das Wasser?

 

Feb 8 18

Lindenblatt

O der Linde grüne Schläfe,
leuchte Heiterkeit,
als ob mich frühe Zeit
wiederträfe.

Du opferst dich der Sonne
für ein Schattenspiel,
so kleiner Samen Ziel
Sterbenswonne.

Dann tropft dir aus den Poren
dünne gelbe Glut,
du stirbst wie Liebe tut,
unverloren.

Wie erdwärts sehnend zittert
ausgebleichtes Sein,
ich trinke Herbstes Wein,
unverbittert.

 

Feb 8 18

Über Inspiration

Sentenzen und Aphorismen

Es kann nur eines geben: inspiriert oder nicht inspiriert.

Goethe oder Heine, Trakl oder Brecht, Celan oder Grünbein.

Damit ist nichts erklärt, aber alles gesagt.

Nichts erklärt: Denn um zu wissen, was inspiriert ist, ja um zu wissen, was NICHT inspiriert ist, bedarf es der Inspiration.

Alles gesagt: Nur was vom Geiste zur Sprache kommt, kann die Grenze des Sagbaren bis zum Rand des Unsagbaren erfüllen und ermessen.

Sind der Zauber und das Faszinosum, die von den inspirierten Schriften und Sprüchen, vom Charme großer Musik, ausgehen, kein Kriterium der Inspiriertheit?

Nein, denn auch Satan bezaubert und bedient sich durch eine Art Betäubung oder durch Schändung der Musen.

Auch wenn die Musen unter Satans Würgegriff stöhnen, vernimmt man in der Ferne noch eine seltsame Art von Musik.

Anhauchung, Begeisterung, Inspiration: Bilder und Metaphern, die das, was sie meinen, voraussetzen oder implizieren. Sie erklären also nichts, sondern sind Hinweise und Winke.

Gottes Geist kann sich nur selbst verstehen und auslegen. So hören wir aus der Muschel das Rauschen des eigenen Bluts.

Man könnte auch von der Quelle reden, die das Wort bewässert, von der Quelle, deren Rauschen das Wort erfüllt. Und wir verstehen ohne weiteres, was das Revers-Bild meint, wenn wir sagen, die Quelle sei versiegt oder vertrocknet.

Wir denken an Reinheit, Klarheit, Lauterkeit und Demut, wenn wir das Bild der Quelle verwenden, doch kann es nur der reine, klare, lautere und demütige Geist wie der goldene Sand der Wüste dankbar in sich aufnehmen.

Licht und Wolken, Blüte und Blatt, Tropfen und Tau, Feuer und Rauch, Erde und Strom, Wald und Lichtung, Flocken und Schnee: Alle natürlichen Phänomene verwandeln sich unter dem Blick der Muse in heilige Zeichen oder Embleme der Gottheit.

Die Flocken gehören in der heiligen Ursprache zum Dasein der Zeichen, alles andere ist wie Celan es nennt, schon Metapherngestöber.

Sprechen wir von Inspiration, berühren wir den Ursprung des dichterischen Sagens. Das Bild des wehenden Zweigs, dessen bewegter Schatten über das dichterische Wort streift, ist selbst das Wehen, der Zweig und der Schatten.

Wir sprechen von einer Anwandlung, als hätte eine kühle Brise das schlaffe Zelt der Mittagsschwüle gebläht, bis an seinem losen Flattern bemerklich wird, daß es nur eine Grille oder ein Capriccio war.

Es ist eine Folge der Wirkung des Heiligen Geistes, weissagend oder prophetisch davon zu künden, daß Gott als Schöpfer der erste oder anfängliche Inspirator ist.

Ohne Beistand des Heiligen Geistes kann man also das Wort Gottes, verbum Dei, nicht verstehen.

Das reine Wasser der Quelle ist fruchtbar und an seinem Rand und in seiner Tiefe sprießt und gedeiht die Kreatur. Das kreatürliche Dasein weist in seiner Wohlgeformtheit und dem Gedanken der Ordnung, die sich in seinem Leib, seinem Wuchs und seiner Bewegung kundtun, auf den Formsinn und den Ordnungstrieb seines schöpferisch gesprochenen Ursprungs hin.

In der Tiefe des Wassers, das die Quelle der dichterischen Inspiration spendet, finden wir die schön gebaute Muschel des Gedichts mit dem feingliedrigen Bau seiner Rhythmen und Strophen und dem Fruchtfleisch des verborgenen Sinns.

Wir finden im dichterischen Wort den Inhalt oder das, was es beschreibt und darstellt, und den schöpferischen Akt, daß es anruft, beschwört und hinstellt, was immer es an Dingen und Sachverhalten benennt und beschreibt.

So unterscheiden wir am Schöpfungsbericht das, WAS alles als daseiend und lebend beschrieben und benannt wird, von der Tatsache, DASS all dies ins Dasein und Leben gerufen wird.

So ist ja das Geheimnis der Welt nicht irgendein in ihr enthaltener sonderlich staunenswerter Inhalt, sondern ihre Existenz.

Wir könnten vermuten oder erwägen, inwiefern die satanische Bezauberung dazu verdammt ist, unfruchtbar zu bleiben oder sogar die Frucht zu verderben und die Ordnungen des Lebendigen zu zerbrechen. Die ihr Hörigen genießen an solch bizarren Deformationen eine sterile Form der Wollust.

Die sich an der Phrase vom Verschwinden des Subjekts oder dem Versiegen und Zerbröckeln der Autorschaft ergötzen, muß man als flüchtige Schatten unter den blinden und niedrigen Horizont der Leugnung Gottes als auctor divinus stellen.

Nachdem seine Schwester Hermine Wittgenstein ihre Verstörung angesichts der Tatsache zum Ausdruck gebracht hatte, daß ihr Bruder Ludwig nicht nur seinen ererbten ungeheuren Reichtum in den Wind geschlagen habe, sondern nunmehr auch sein Genie in einem geistig und physisch dürftigen Dasein als Volksschullehrer in der finstersten Provinz Niederösterreichs verschwenden wolle, antwortete ihr der Philosoph in einem Brief mit einem inspirierten Bild: Sie verhalte sich wie jemand, der sich bei geschlossenem Fenster über die sonderbaren Bewegungen eines Passanten unten auf der Straße verwundere, unwissend, daß dieser gegen einen heftigen Sturm angehe. So sind, könnten wir sagen, die wunderlichen und fremdartigen Ausdrucksformen inspirierter Dichtung manchen rätselhaft oder anstößig. Doch rührt dieser befremdliche Eindruck aus der Tatsache, daß sie das Gedicht wie die sonderbaren Bewegungen und Haltungen des Passanten in Wittgensteins Brief gleichsam bei geschlossenem Fenster hinter einer Scheibe betrachten, die den in der Tiefe brausenden Sturm wahrzunehmen verhindert.

Horaz nennt sich in der Ode 2, 20 vates, einen Seherdichter und deutet die damit gemeinte Berufung im Bild der Verwandlung in einen Schwan, der auf dem Strom des Äthers über Städte und Länder bis zu den Grenzen der bekannten Welt dahingleitet, wo selbst exotische Völker und die seligen Inseln seinen Schwanengesang vernehmen. Eingang und Ausklang der Ode sind sinnreich verschränkt: Mit der Bitte an seinen Förderer Maecenas, hohen Pomp und zeremonielle Klage von seinem Grab zu verweisen, greift er auf das Eingangsbild seines unter dem Anhauch der Muse schon verwandelten Daseins zurück, in dem er über die stygischen Gewässer der Todverfallenheit hinwegfliegt. Wir haben an diesen Versen ein besonders kostbares Zeugnis der Ahnung des Ewigen aufgrund der Begeistung durch den göttlich-schöpferischen Odem (besonders kostbar, weil ganz außerhalb des biblischen Schrifttums stehend).

Verwandlung in ein geflügeltes Wesen, ob Vogel oder Engel, ist ein wiederkehrender Topos der Inspiration von Horaz bis Eichendorff, und damit sinnvoll verknüpft die Entrückung in eine übermenschlich-himmlische Sphäre des Glanzes und der Schönheit, in eine ferne Höhe, deren Gestirne der dunkle Spiegel des Styx und der Totenflüsse der Unterwelt nicht reflektieren.

Die Inspiration hat für Horazens gewandeltes Selbstverständnis eine solch intensive Anmutung, daß er sogar aus dem antiken Dunstkreis der untröstlichen Klage um das sterbliche Dasein in das reine Licht der göttlichen Dauer hervortritt, auch wenn sich dieser Gedanke scheinbar in den welkenden Flor des Ruhmes kleidet (berühmter als des Dädalus Sohn Ikarus, der freilich anders als der begnadete Vates abgestürzt ist, weil ihn nicht himmlischer Hauch emportrug, sondern dünkelhafte Menschenkunst), Lorbeer, betaut von den Tränen um die fernen Lieben dürftiger Herkunft, die der heiße Wind seines erhabenen Flugs für immer abwischt.

Das Lied des inspirierten Dichters ist als Schwanengesang schon, mit Paul Celan zu sprechen, jenseits der Menschen gesungen. Nicht sein Gehalt ist wesentlich (und die Lieblingstöne der Dichter, die Vogelstimmen, haben ja keinen Inhalt), sondern die reine Tatsache seiner Existenz.

 

Horaz, Oden, Buch II, 20

Non usitata nec tenui ferar
penna biformis per liquidum aethera
vates neque in terris morabor
longius invidiaque maior

urbis relinquam. non ego, pauperum
sanguis parentum, non ego, quem vocas,
dilecte Maecenas, obibo
nec Stygia cohibebor unda.

iam iam residunt cruribus asperae
pelles et album mutor in alitem
superne nascunturque leves
per digitos umerosque plumae.

iam Daedaleo notior Icaro
visam gementis litora Bospori
Syrtisque Gaetulas canorus
ales Hyperboreosque campos.

me Colchus et qui dissimulat metum
Marsae cohortis Dacus et ultimi
noscent Geloni, me peritus
discet Hiber Rhodanique potor.

absint inani funere neniae
luctusque turpes et querimoniae;
conpesce clamorem ac sepulcri
mitte supervacuos honores.

 

Ein Zwiegewächs mit reinen und starken Flügeln,
als Seherdichter trägt mich der Ätherstrom, auf
der Erde hält mich nichts, ich bin der
Mißgunst entronnen, von ferne leuchten

die Städte. Ich, nur ärmlicher Eltern Blut,
ich, den du rufst, Maecenas, entgehe wohl
der Todverfallenheit und werde von
stygischen Wassern umfangen nicht ganz.

Da, da umwachsen runzlige Häute mir
die Fesseln und ich werde verwandelt vom
Haupt her in einen weißen Vogel, es
sprießt um die Finger, die Schultern Flaum mir.

Berühmter schon als Ikarus, Dädalus
Sohn, schaut der Küste Rauschen am Bosporus
mich, Syrten Gätulas vernehmen den
Schwanengesang und die seligen Inseln.

Mich hört der Kolcher, mich, der die Furcht verheimlicht
vorm Marserheer, der Daker, es hört mich singen
das Grenzvolk der Gelonen, Spanien
hört und der Zecher der Rhône hört mich.

Es soll am leeren Grabe mir nicht ertönen
bezahlte Flöte, hässliches Stöhnen nicht
und Jammern. Verhalte die Stimme, hohler
Pomp bleibe fern meiner Totenfeier.

 

Feb 7 18

Orphisch

Samen des Lichts,
sie dauern wie Mücken
in der Kohle der Urangst
und harren des Tags
unter den schmutzigen Nägeln
des blinden Bettlers.

Sehen heißt blind sein
für das glitzernde Öl
auf schwankenden Straßen
und den Starrsinn der Gezeiten,
auf denen tote Monde
auf- und niederschäumen.

Jener aber barg den Samen
in der duftenden Hirtentasche
aus Kräutern und Moos,
um sie an die blauen Fäden
der Luft zu kleben.

Genährt von Küssen
mit Seraphs Honig,
ward ihm das Ohr
ausgeleckt von Meeres
rauschender Zunge.

Sehen heißt Sprechen
mit der Kehle der Drossel
und den Lippen des Feuers.

Sehen heißt Becken sein
für den Wirbel des Winds,
Dung für den Sonnenfalter,
hingebogenes Blatt
für Regens süße Peitsche.

Singen heißt Schweigen
unter den Flügeln des Baums,
die Feuer fangen von oben.

Singen heißt Erde sein
für den Pflug des Wassers,
das um Sternlicht weint,
Traube, zerquetscht
für den Wein des Gebets,
Schnee, der tauend seufzt
unter Gottes Schritten.

 



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