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Sep 23 19

Das zarte Gras der Stille

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dummheit ist nicht heilbar; sie ist vegetativ wie das Nickerchen nach üppigem Mahl, wie das Schnarchen Homers.

Herrschaft des Demos impliziert die zyklische Ausbreitung von Massenwahn.

Vor den Argusaugen des Demokraten findet der aristokratische Hüter der Sprache immer weniger Schlupfwinkel, um die natürliche Extravaganz und unbotmäßige Grazie seiner Rede zu bergen.

Der natürliche Ausdruck der Freiheit des Demos ist sein Feixen, Jauchzen und Grölen – und der Ruf- oder Lynchmord an dem, der abseits steht und angewidert schweigt.

Die Rhetorik der Politik schöpft aus dem Wörterbuch des Teufels, das von Euphemismen nur so wimmelt.

Die geistig Impotenten haben die Kunst moralisiert und politisiert.

Je stupider, öder, unfruchtbarer der öffentlich alimentierte Kunstbetrieb, umso schriller, lauter, ekstatischer.

Die Waldmaus läßt sich von den Leckereien, Speck und Kuchen, nicht verlocken und bestechen, die ihr die Stadtmaus kredenzte, nicht weil, wie der Fabeldichter meint, die Nähe des Menschen sie erschreckte, sondern die frugale Nahrung ihrer Heimat ihr würziger und schmackhafter mundet und sie ihre Jungen lieber als in verrotteten Matratzen im moosigen Schlupfloch des Waldes birgt, auch wenn aus dem Dunkel bisweilen böse Augen blitzen.

Die weibliche Stimme, die nun an den Kathedern gehätschelt wird, ist eine frigide krächzende, sich heiser überschlagende Karikatur der männlichen.

Die Marktschreier des „Nie wieder“ kennen den ersten historiographischen Grundsatz nicht, daß die Bedingungen, Erlebnishorizonte und Erwartungen der vergangenen Gegenwart nicht diejenigen der aktuellen sind.

Der große Gesang entspringt einem reinen Quell, nicht der Kloake der Aktualität.

Die Unfruchtbaren suchen ihr steriles Heil, ihre Eunuchenlust in der Kritik.

Kindergärten, Schulen, Universitäten, Vereine, Kirchen und Unternehmen werden von den Leviten und Fanatikern einer alles vermischenden neuen Unreinheit ethisch gesäubert.

Milch ins Blut, Wasser in Wein, Wahn ins Wort heißt des Deutschen Reinheitsgebot.

Das Niederreißen der Ränge und Hierarchien, das Öffnen aller Grenzen und Beschränkungen befeuert den Neid, verschärft die Zwietracht und steigert die Verwirrung.

Man kann das Meer nicht mit einer Muschelschale ausschöpfen, die Erfahrung nicht mit dem Begriff, die Empfindung nicht mit dem Wort.

Sie wollen nichts über sich, und ihr Horizont ist leer.

Klarheit über das Gewesene verschafft nicht die Erinnerung, sondern das dingliche Zeugnis.

Der Zeitzeuge ist meist eine dubiose Figur, je weiter er sich vom Ausgangspunkt entfernt, umso mehr verschwimmt seine Erinnerung wie milchiges Glas und setzt einen Bodensatz an Legenden ab, die dem Zeitgeschmack schmeicheln.

Wenn wir gefragt, ob wir gestern im Park gewesen seien, ohne Zögern mit ja antworten (denn wir waren dort), müssen wir nicht umständlich im Gedächtnis nach der passenden Vorstellung suchen, als wäre es eine Lagerhalle, in der sich die Erinnerungen wie Bilder und verstaubte Folianten stapeln.

Die Erinnerung kann kein Bild des Erinnerten sein, wäre sie es, brauchten wir ein weiteres Bild, das die Echtheit des ersten bezeugte (und so weiter ad infinitum).

Wir müssen die Sprachregel spontan anwenden, wäre dem nicht so, müßten wir nach einer weiteren Regel Ausschau halten, an der wir überprüfen, ob wir die erste korrekt verwendet haben (und so weiter ad infinitum).

Das logische Salz verhindert, daß der Eintopf unserer Rede schal wird, wenn wir ihm neben einer Äußerung ihr glattes Gegenteil beimengen.

Den Satz vom auszuschließenden Widerspruch können wir nicht begründen, denn versuchten wir es, müßten wir uns wiederum auf ihn stützen.

Auch wenn ich den Rosenduft nicht rieche, nicht das Rauschen der Blätter höre, die das Gedicht beschwört, vermag es doch Sommers hellen Zauber in mir zu wecken.

Das feine, an die Resonanzen der Dämmerung gewöhnte Ohr vernimmt das Mitgesagte, das Verschwiegene, das Ungesagte.

Das geistreiche, vom Clair obscur verwöhnte Auge läßt sich vom Plakat (und allem Plakativen) nicht blenden.

Die sehende, an den Narben der Erfahrung erwachte Hand verweilt nicht ungern auf den weichen Wangen des Eros, doch auf den Runzeln der geliebten Stirne hält sie inne.

Die großen Worte, die da alle im trüben Schlamm der Floskeln und Parolen versickerten.

Die Sprache, die uns nährt, hat ihre Jahreszeiten des Fruchtens und der Dürre.

Wir haben für die Zeiten der Dürre einen Vorrat köstlicher Früchte in den dunklen Kammern der Überlieferung.

Der äußersten Gefahr enthebt uns bisweilen die Entrückung.

Kindfrau ist des Dichters Muse. – Ach nein, ein Bürger ist er nicht, er will sie weder ehelichen noch mit ihr ins Bett.

Wenn Geschwätz uns übermannt, fliehen wir zu den Gräsern und Blumen, wenn Wahn uns heimsucht, neigen wir uns dem Rauschen der Quellen und Ströme, wenn aber der Abgrund des Schweigens sich auftut in uns – sind ohne Halt wir verloren oder im Bodenlosen schwebend gerettet?

Entsagung, das zarte Gras der Stille.

Ein Nachbild, das verlöscht, ein Nachhall, der verklingt.

Die Freiheit weiß nichts mit sich anzufangen, die Vernunft gähnt und dreht sich auf die andere Seite, die Einfalt aber streift barfuß durchs Gras und plaudert mit den Schatten.

Die Einfalt nimmt mit graziöser Geste die Blume aus der Hand des Buckligen und achtet nicht der Spötter.

Die Einfalt küßt den moosigen Stein für sein Schweigen, das herabgefallene Blatt für sein Rauschen, das Hündchen für sein pochendes Herz, den gelb-grünen Sittich, weil er sich auf ihren Kopf und ihre Schulter setzte.

Die Einfalt küßt, die sie stach, die schöne Rose.

Sie meint Erlösung, wenn sie einen Hauch läßt zwischen Mund und Mund.

Amor staunt vor ihrer reinen Anmut und läßt den Bogen sinken.

Wo sie Abschied winkend stand, blüht eine Lilie zwischen Hoffen und Hoffen.

Nein, die Wunde schließt sich nicht, doch sie leuchtet bisweilen, eine Rose der Nacht.

 

Sep 22 19

Paul Verlaine, L’espoir luit comm un brin de paille

L’espoir luit comme un brin de paille dans l’étable.
Que crains-tu de la guêpe ivre de son vol fou ?
Vois, le soleil toujours poudroie à quelque trou.
Que ne t’endormais-tu, le coude sur la table ?

Pauvre âme pâle, au moins cette eau du puits glacé,
Bois-la. Puis dors après. Allons, tu vois, je reste,
Et je dorloterai les rêves de ta sieste,
Et tu chantonneras comme un enfant bercé.

Midi sonne. De grâce, éloignez-vous, madame.
Il dort. C’est étonnant comme les pas de femme
Résonnent au cerveau des pauvres malheureux.

Midi sonne. J’ai fait arroser dans la chambre.
Va, dors ! L’espoir luit comme un caillou dans un creux.
Ah ! quand refleuriront les roses de septembre !

 

Die Hoffnung schimmert wie im Stall das Stroh.
Was fürchtest du der trunknen Wespe irren Flug?
Sieh, aus einem Spalt bläst Sonne goldnen Staub genug.
Wirst, die Hände auf dem Tisch, Schlummers du nicht froh?

Arme, bleiche Seele, trink doch nur vom Born, er rinnt
so kühl. Und schlafe dann, du siehst, ich warte zu
und kose deine Träume, hältst du Mittagsruh,
und du wirst lallen, ein gewiegtes Kind.

Die Glocke tönt. Sei, Gnädige, so gut, entferne dich.
Er schläft. Wie ist der Schritte Widerhall so wunderlich
von einer Frau in eines Armen Hirn voll Pein.

Die Glocke tönt. Ich hab im Zimmer frischen Duft verstreut.
Schlaf! Die Hoffnung glimmt wie in der Kuhle ein Marmelstein.
Wann werden, ach, Septemberrosen blühn erneut!

 

Sep 21 19

Wie oft versickert uns das Lied

Ein Quell, der hoher Schlucht entspringt,
und klare Wasser schäumen,
wo Anemonen säumen,
ein reiner Mund, der Wahres singt.

Und hemmt der Fels ihn rund zum Teich,
träumt er von Wolkenhügeln,
von zarter Schwäne Flügeln,
ein Aug, von Sehnens Träne weich.

Wie oft versickert uns das Lied,
vom Gipfelschnee geronnen
im Lächeln ferner Sonnen,
das lichte Wort im dunklen Ried.

 

Sep 20 19

Nun will die müde Stirn ich neigen

Nun, da die zarten Farben blassen,
rinnt wie Lilienlicht
dir vom Angesicht
ein Tau, den keine Blüten fassen.

Nun will die müde Stirn ich neigen,
Erde ist der Schoß,
Mond glänzt kalt und groß
auf unser liebedunkles Schweigen.

Wir wollen auf ein Schneien warten,
weiß zerfließt das Bild,
das uns weich umhüllt,
wie erster Blüten Schnee im Garten.

 

Sep 20 19

Hahn und Henne

Dem Hahn, der morgens sein Gefieder
der Sonne reckt aus Dunges Dunst,
scheint sein Gekrächze hehre Kunst,
ihm haucht der Mist, was uns der Flieder.

Die Hennen scharren ihm zu Füßen,
das Ei ist ihr Elysium,
sie krähen nicht und picken stumm,
als ob die Arien sie genießen.

Und wenn sie halb im Schlafe brüten,
bis an die warme Schale pocht
ein neues Leben unverhofft,
sind sieʼs, die Glucken, die es hüten.

 

Sep 19 19

Der Heimatlose

Kann der kalte Schnee denn Heimat sein
dem, der auf der Erde liegt,
ganz von Flocken überstiebt,
groß den Himmel sieht, sich selber klein?

Bleibt der Heimatlose nicht allein,
wird, dem keine Hand sich reicht,
das versteinte Herz erweicht,
sieht am Himmel er den Abendschein?

Wird das graue Fatum einmal hell,
das ihn nackt ins Leere stieß,
Staub, doch nicht von Blüten blies,
hört im Dunkel er den süßen Quell?

 

Sep 18 19

Von Gründen und Maßstäben

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Ros’ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet.

Angelus Silesius

Den Maßstab legen wir fest und messen MIT ihm, ihn selbst messen wir nicht.

Etwas anderes ist es, vom Maßstab zu sprechen, etwas anderes vom Gemessenen. Hat der Lehrling den geeigneten Maßstab angelegt und richtig gemessen, kann dies Anerkennung oder Lob verdienen, hat er falsch gemessen, Tadel. Doch wenn wir einen ungeeigneten Maßstab verwenden, ein dehnbares Gummiband zur genauen Vermessung der Kante eines starren Körpers, ist dies nicht falsch, sondern unsinnig; wir verdienen nicht Tadel, sondern ernten nur Kopfschütteln.

Wir gehen um das Haus herum und betrachten seine Größe, Lage, Bauform; um die Sprache, das Denken, das Leben, die Welt können wir nicht herumgehen, sie von außen betrachten und vermessen.

Das Selbstverständliche, Einfache, Triviale ist kein Grund, auf dem wir stehen; es schwebt gleichsam in der Luft.

Das Einfache und vor Augen Liegende ist, was keiner sieht, was grundlos aus sich west.

Lebten wir in einer Welt, in der unsere Partner, Freunde, Kollegen plötzlich verschwänden (nicht stürben, sondern sich in Luft auflösten), bräche unsere Weise des Redens, Tuns, Erinnerns in sich zusammen.

Wenn wir davon ausgehen müßten, daß die Person, die uns heute ein Buch, Geld, ihr Auto geliehen hat, morgen spurlos von der Erdoberfläche verschwunden sein könnte, würden wir ihr heute nicht versprechen (oder nur mit äußersten Vorbehalten), ihr nächste Woche das geliehene Gut wieder auszuhändigen.

Die Philosophen, die von der Vernunft, der Rationalität und allen Verfahren der Begründung vollständig eingenommen sind, werden von einem Verlangen getrieben, das, uneingeschränkt und gleichsam ohne Schatten, gedankenlos und dumm ist; denn das jeweilige Spiel der Gründe läuft in seinem jeweiligen Rahmen ab, und dieser läßt sich klarerweise nicht wieder begründen oder mit gleichsam letzten Gründen oder für sich selbst sprechenden Evidenzen rechtfertigen; er ist weder vernünftig noch unvernünftig, weder rational noch irrational, nicht wahr und nicht unwahr (wie das organische Leben selbst).

Es liegt an uns, wo wir die Reihe der Gründe und Begründungen abbrechen oder in den Nebel des Ungewissen, Unerforschlichen oder Gleichgültigen tauchen lassen. Sie war dir untreu, er hat dich verraten: Das zu wissen genügt, mit ihnen zu brechen; denn wer weiterfragt, verirrt sich in einem psychologischen Labyrinth aus Gründen und Abergründen.

Die einen sehen ein geistiges Licht, die anderen verharren im alltäglichen Grau in Grau. Die Erleuchteten können den anderen nicht mit Gründen und Evidenzen kommen, sie eines Besseren zu belehren – und umgekehrt.

Wer damit rechnen müßte, daß die Person, mit der er sich zu Bett gelegt hat, am anderen Morgen eine andere sein könnte (oder er selbst ein anderer), hätte den Rahmen, in dem wir von Vertrauen, Liebe, Freundschaft reden, schon verlassen oder nie sich darein gefunden.

Wir verstummten augenblicks, würden wir den Anfang des ausgesprochenen Satzes, kaum daß wir ihn beendet hätten, schon vergessen haben; oder würden wir annehmen, daß der Satz, der uns über die Lippen kommt, eine Eingebung oder Einflüsterung einer fremden Macht (wie unseres Nervensystems, unserer Triebe, der Algorithmen des neuronal verkörperten linguistischen Systems) wäre.

Die Ballspieler, die Schachspieler spielen nach Regeln; aber nicht jede ihrer Bewegungen und Züge kann aus dem Regelwerk abgeleitet oder prognostiziert werden.

Ein Sonett, das sich gleichsam algorithmisch aus dem Vorschriften für die Verwendung von Metrum und Reim, Strophe und Aufbau zur Bildung von Sonetten ableiten ließe, wäre kein Gedicht.

Wir stehen am Fenster und sehen dem Treiben der Welt zu; aber die Tatsache, daß wir es sind (und niemand sonst), die dort stehen, daß wir es sind, die dort unseren Betrachtungen nachgehen (und gerade diesen und keinen sonst), hat keinen tieferen Grund; anders als die Tatsache, daß jetzt ein Blatt vom Baum des Nachbargartens fällt, daß jetzt der Mond aufgeht oder daß wir jetzt müde werden.

Es ist unsinnig zu sagen, an unserer statt könnte auch ein anderer am Fenster stehen, ein anderer fühlen und denken, was wir denken, ein anderer geboren worden sein.

Wir können nicht wissen, was es heißt, zu sein, wer wir sind, denn es zu wissen implizierte die Möglichkeit, es nicht zu wissen.

Wir vertrauen darauf, daß die Erde nicht plötzlich nachgibt, wenn wir über die Türschwelle treten, daß wir an unserem verabredeten Treffpunkt den Freund erkennen, daß wir seine Äußerungen verstehen – aber wir können es nicht wissen.

Wir können nicht beweisen, daß wir nicht offenen Auges träumen, wir können nur darauf bauen.

Sicher, die Historiker können Gründe geltend machen für den Ausbruch des trojanischen Krieges – doch welch seltsamen Kriegsgrund sahen die Beteiligten, wenn sie sich die Geschichte vom Priamossohn Paris aus Troja und dem Versprechen der von ihm erkorenen Göttin Aphrodite erzählten, ihm die schönste Frau auf Erden, die mykenische Helena, zu verschaffen.

Welche Weisheit in der kreationistischen Mythe, das Schöpferwort eines allmächtigen Gottes habe den Zustand hervorgebracht, in dem wir uns nun einmal vorfinden. Welche Stupidität in der evolutionistischen Annahme, die ganze Angelegenheit sei auf ein paar Mechanismen der Auslese und Anpassung zurückzuführen, die am Ende Organismen mit extravaganten Gehirnen hervorbrachten, so daß sie sich nun fragen können, was sie hier treiben.

Es ist wie mit dem Schlucken oder Atmen, wenn man überscharf und überwach darauf achtet und lauert, kommt man aus dem Takt oder wird verrückt.

Die Entdeckung, daß wir nichts mehr sagen, wenn wir das Behauptete gleichzeitig verneinen, die Entdeckung des Logischen überhaupt, gleicht dem hellen Klang des Wittgensteinschen Spatens, der vom harten Fels der Normativität der Sprache abprallt.

Der Sinn der Rede ist nicht gegeben, sondern aufgegeben, nicht Entität, sondern Norm; wir verstehen die Aussage als Aussage, die Aufforderung als Aufforderung, die Frage als Frage, die Antwort als ihr angemessen, andernfalls öffnen wir das Spundloch im Boot der Rede und versinken in den Fluten des Unsinns.

Der Sinn des Gesagten, der Gedanke, ist keine Entität oder Proposition, sondern die Spur eines Tuns, die auch die Spur eines Fehltritts sein kann. Deshalb korrigieren wir Äußerungen am Maßstab des Korrekten, Richtigen, Angemessenen.

Wir sagen, jemand habe sich im Ton vergriffen, wenn seine Äußerung im Verhältnis zum geringfügigen Anlaß überreizt und schrill oder angesichts einer dreisten, ehrverletzenden Äußerung kleinlaut und leisetreterisch war; den Maßstab unserer Beurteilung entnehmen wir der jeweiligen Situation, die wir intuitiv erfassen müssen.

Wir sagen, einer habe gut reagiert, wenn er dem Maulhelden oder dem schamlosen Lügner über den Mund gefahren ist; in einer Welt, in der Maulhelden verehrt und Lügner bewundert werden, stehen wir freilich auf verlorenem Posten. – Von einer allgemeinen Idee des Guten oder einem universellen Maßstab des Richtigen kann jedenfalls keine Rede sein.

Das joviale Auftreten und freimütige Plaudern erheitern die gemütliche Freundesrunde, sind aber auf der Beerdigungsfeier deplaziert. – Freilich, einer mag mit der Rezitation von Trakl-Gedichten und nekromantischem Geraune auf der Party Eindruck schinden.

Unser Mißgriff bei den geeigneten Maßstäben ähnelt bisweilen der enharmonischen Verwechslung der Noten As und Gis; auch wenn sie gleich klingen, gehören sie doch unterschiedlichen harmonischen Reihen an.

Wenn wir vom Wege abgekommen sind, erkennen wir dies manchmal daran, daß die Wegmarken nicht mehr das Ziel oder den Namen des Ortes anzeigen, zu dem wir aufgebrochen sind.

Wir können nicht irren, ohne von etwas Gewissem ausgegangen zu sein.

Wir müssen etwas im Sinn gehabt haben, wenn uns unser Unterfangen plötzlich sinnlos dünkt.

Wir können nur befragen, was nicht gänzlich ohne Sinn daherkommt.

Wir hoffen, an Türen zu klopfen, die uns aufgetan werden.

Wenn wir alles in Frage stellen, zerstören wir den Sinn des Fragens.

Wir können uns nicht als Bewohner oder Elemente eines alles umfassenden, universellen Bezugsrahmens sehen und verstehen, ob wir ihn Kosmos, Leben oder Gesellschaft nennen. Sicher sind wir Teil des Kosmos, aber wir gingen in die Irre, verstünden wir uns ausschließlich als gesetzmäßige Kombination physikalisch-chemischer Elemente und Strukturen, gewiß sind wir Teil der organischen Natur, aber uns entgingen die Pointe und der ganze Witz, verstünden wir uns einzig als emergente Komplexion neuronaler Netzwerke, und wir starrten blöde in den Spiegel, begriffen wir uns nur als der Sozius oder das Double des anderen.

Wir sind nicht die Summe oder Komplexion unserer Empfindungen, Intentionen und Erinnerungen; denn wäre dem so, wären unsere Gefühle und Gedanken Inhalte oder Funktionen einer ablösbaren, objektivierbaren Entität, gleichgültig, ob wir sie Seele nennen oder mit dem Gehirn ineinssetzen.

Auch wenn ich ohne Augen und Sehzentrum nichts sehen könnte, sieht mein Gehirn nicht, was ich sehe.

Du könntest deine Erinnerung, gestern deinen Freund Peter im Park getroffen zu haben, mittels Aufweis von Gründen als korrekt beschreiben, indem du beispielsweise Zeugen für die Korrektheit des Satzes benennst: „N. N. hat gestern Peter im Park getroffen.“ Doch dieser wahre Satz, durch objektive Gründe gerechtfertigt, wäre seinerseits kein Grund für den Nachweis der subjektiven Tatsache, daß es sich bei der Erinnerung, gestern Peter im Park getroffen zu haben, um DEINE Erinnerung handelt.

Wenn du dich irrtümlich erinnerst, gestern deinen Freund Peter im Park getroffen zu haben (denn es war vorgestern), bleibt es doch deine wenn auch irrtümliche Erinnerung, die jeder möglichen Rechtfertigung durch den Aufweis objektiver Gründe entbehrt.

Unsere Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen sind keine seelischen Inhalte, die wir uns korrekt oder versehentlich zuschreiben können.

Wir sind wie der eigene Schatten, auf den wir nicht springen können.

Für das, was wir unmittelbar sind und erleben, haben wir kein völlig angemessenes Bild und keine erschöpfende Metapher oder bleiben alle Vergleiche unzulänglich und ohne handlichen Maßstab; wenn Sappho die erotische Erfahrung mit einer sie durchrieselnden Glut vergleicht, klafft eine Lücke zwischen all den Bildern von Körpern, die wir je haben brennen sehen, und der Innigkeit der Empfindung der Liebenden, die sich als glühend erlebt. – Glut, die nichts verzehrt als sich selbst, Feuer, das sich vom Mark der Imagination nährt, Rose, die für sich selber blüht.

 

Sep 17 19

Die Toteninsel

Im Zwielicht geben sich die Toten Zeichen
und entrücken Tag und Wort
in den alten Schweige-Ort,
wo große Asphodelenkronen bleichen.

Wie weiß an jenem Eiland Schwäne ziehen
ihre schaumgeseufzte Spur,
Flocken fallen auf die Flur,
wie Klagen, die in Himmelsauen blühen.

Wenn eines fremden Mondes purpurrotes
Mal verblaßt im schwanken Ried,
hören sie am Strand das Lied
beim Nähergleiten eines schwarzen Bootes.

 

Sep 17 19

An den Purpur

Achilleus schmollte düster im Verstecke,
Briseis zog der Fürst ins Bett,
ihrer Daumen Violett
verriet den edlen Saft der Purpurschnecke.

Die Polster, die nach Meer und Algen rochen,
häufte der Phäaken Magd,
daß den Gast kein Albtraum plagt,
bis Rosenfinger an die Schläfe pochen.

Tags rötet heitres Spiel Odysseusʼ Wangen,
einer wirft den Purpurball
hoch auf Äthers Wolkenwall,
einer muß die Füße in der Luft ihn fangen.

Des Vaters Tränen konnten Gnade finden,
unter Scheiten glänzt Gebein,
Brüder löschen sie mit Wein,
um Hektors Urne schimmern Purpurbinden.

Daß sie von Ranges hohem Siegel wüßten,
war die Toga blutgesäumt,
purpurn hat Byzanz geträumt,
nur unsre Seele seufzt an trüben Küsten.

 

Sep 16 19

Halkyonische Tage

Die Toren fragen keuchend immer weiter
nach der Gründe letztem Grund,
ach, sie hielten erst den Mund,
machte sie die Meeresstille heiter.

Könnte hohe Purpurnacht sie laben,
die wie Südens dunkler Wein
dringt mit Liedes Tropfen ein,
daß sie länger nicht mehr Kopfweh haben.

Und der Frage harten Stachel treiben
sie ins Herz dem Leben tief,
wo im Schatten Pan nackt schlief,
soll kein warmes Blut, das singt, mehr bleiben.

Könnten sie die große Stille halten,
wie die Blumen unverzagt
ihre Kelche, wenn es tagt,
glänzte ihnen Tau in Herzens Falten.

Ihre Worte sind wie braune Blätter
der Novemberwinde Raub,
wie sie rascheln, eitles Laub,
das verfault in Dunst und Regenwetter.

Könnte sie das rein Belassne tragen,
zarter Flügel, lauer Wind,
wo die leisen Veilchen sind,
Glück in halkyonisch-stillen Tagen.

 

Sep 16 19

Gabriele D’Annunzio, Ai Lauri

Aus: Hortulus animae

Lauri, che ne la grande ombra severa
accoglieste il pensoso adolescente,
parlatemi di lui, la prima sera.

Parlatemi di lui benignamente
vecchi lauri, però ch’egli forse ode;
però ch’egli è lontano e pur presente.

Quanto v’amava il giovine custode!
E quante volte a la sua fronte amica
tendeste i rami in ascoltar la lode!

Egli leggea quel libro ove pudica
l’Anima geme, lacrima e desìa
chiusa nel velo d’una Grazia antica.

Lento d’intorno il bel giardin salìa
fiorendo, come un sogno dal cuor sale;
rigato da la pura melodìa,

in una luce insolita spirtale
che non era del cielo ma sul mondo
effusa da la pagina immortale.

O lauri, io son colui. Non più m’ascondo.
20Io son colui che lesse il libro e vide
quella luce e gioì nel cor profondo.

Tutto è perduto? Il raggio ultimo irride
nel gran bacino l’acqua putre e scarsa;
il paone su l’alto muro stride;

tra la gramigna livida e riarsa
giacciono spenti i cari iddii del loco…
Ogni divinità dunque è scomparsa?

Sol giunge suono di campane fioco.
A qual dolore l’onda pia si frange!
L’ombra invade una casa a poco a poco,

la triste casa ove mia madre piange.

 

An die Lorbeeren

Ihr Lorbeern, ihr habt im Schatten einst bewacht,
im hohen, strengen, den sinnenden Sohn,
sagt mir von ihm in dieser ersten Nacht.

Erzählt von ihm in einem milden Ton,
ihr Lorbeern alt, weil er vielleicht uns hört,
er ist wohl fern und dennoch nahe schon.

Wie hat der junge Hüter euch verehrt,
wie oft habt ihr die holde Stirne mild
mit Zweigen gestreift, von seinem Lob betört!

Er las in jenem Buch, wo schamerfüllt
die Seele stöhnt und Träne und Begier
antiker Anmut Schleier tief verhüllt.

Langsam tat sich auf des Gartens Tür
zum Blütenreich, wie Herzen Traum entspringt,
gekräuselt von reiner Melodien Zier,

ins Licht, von unerhörtem Geist beschwingt,
das nicht vom Himmel, sondern dieser Welt
aus einer Quelle floß, die ewig singt.

O Lorbeern, ich binʼs, seht mich unverstellt.
Bin jener, der das Buch gelesen und erschaut
dies Licht, das Herz von Freude ganz erhellt.

Ist alles aus? Auf Wassers schmutzige Haut
im großen Rund speit Spott der letzte Strahl.
Es kreischt der Pfau auf hoher Mauer laut.

Zwischen Quecken, bläßlich und verbrannt,
liegt der Heimatgötter edler Chor …
Ist nun alle Göttlichkeit verbannt?

Nur Klang von Glocken flutet matt ans Ohr.
Die fromme Woge bricht ein Schmerz, versteint!
Das Dunkel kriecht an einem Haus empor,

das düstre Haus, wo meine Mutter weint.

 

Sep 15 19

Gabriele D’Annunzio, La Buona Voce

Aus: Hortulus animae

Sei solo. D’altro più non ti sovviene.
E d’altro più non ti sovvenga mai!
Sul tuo cuore fluisca l’oblìo lene.

Ti sien dolci questi umili sentieri.
Ancóra qualche rosa è ne’ rosai.
Sarà domani quel che non fu ieri.

Domani prenderà novo coraggio
e nova forza l’anima che teme.
A la prima rugiada, al primo raggio
non s’alza l’erba che il tuo piede preme?

 

Die gütige Stimme

Du allein. Keiner da, dir beizustehen.
Daß niemand jemals komme, besser auch.
Vergessenheit soll weich dein Herz umwehen.

Deine Pfade mache Demut sacht und klar.
Noch manche Rose blüht am Rosenstrauch.
Und morgen, die noch gestern unsichtbar.

Morgen faßt die Seele neuen Mut
und neue Kraft, die heute furchtsam blickt.
Reckt nicht im frühen Rot, in früher Glut
das Gras sich wieder, das dein Fuß zerdrückt?

 

Sep 14 19

Gabriele D’Annunzio, L’Erba

Aus: Hortulus animae

Erba che il piede preme, o creatura
umile de la terra, tu che nasci
ovunque, in fili tenui ed in fasci,
e da la gleba e da la fenditura,

e sempre viva attendi la futura
primavera nei geli orridi, e pasci
l’armento innumerevole, e rinasci,
pur sempre viva dopo mietitura,

erba immortale, o tu che il piede preme,
io so d’un uomo che gittò nel mondo
un seme come il tuo dolce e tenace;

e nulla può distruggere quel seme…
- Pensa l’Anima un carcere profondo
ove l’erba germoglia umile in pace.

 

Das Gras

Gras, unter Ferse geduckt, o Kreatur
der Erde demutvoll, du kannst gedeihn
überall, als schwacher Halm, im Rain,
auf Schollen, in der Furchenspur,

ewig lebend harrst du der Sonne nur,
wenn Frühjahr taut den grausen Frost, bis dein
Ergrünen Herden wieder nährt, o nein,
kein Sensenstreich mäht deine Urnatur,

unsterblich Gras, das Füße leicht zerdrücken,
ich weiß um ihn, der säte einen Keim
auf diese Welt, wie deinen, süß und hart.

Und nichts kann diesen Keim jemals zerstücken …
– Denk dir die Seele: ein Verlies, geheim,
und drüber wuchert Gras, so friedlich-zart.

 

Sep 14 19

Gabriele D’Annunzio, Un Sogno (I)

Aus: Hortulus animae

Io non odo i miei passi nel viale
muto per ove il Sogno mi conduce.
È l’ora del silenzio e de la luce.
Un velario di perle è il cielo, eguale.

Attingono i cipressi con oscure
punte quel cielo: immoti, senza pianto;
ma sono tristi, ma non sono tanto
tristi i cipressi de le sepolture.

Il paese d’in torno è sconosciuto,
quasi informe, abitato da un mistero
antichissimo, dove il mio pensiero
si perde, andando pe ’l viale muto.

Io non odo i miei passi. Io sono come
un’ombra; il mio dolore è come un’ombra;
è tutta la mia vita come un’ombra
vaga, incerta, indistinta, senza nome.

 

Ein Traum (I)

Ich hör nicht meine Schritte auf dem Pfade,
dem stummen, den mich führt mein Traumgesicht.
Die Stunde kennt nur Stille, kennt nur Licht.
Ein Schleier perlt von Himmels Balustrade.

Mit dunklen Spitzen die Zypressen rühren
an den Himmel: ohne Regung, tränenlos,
doch trauervoll, es trauern nicht so groß
die Zypressen, die zu Gräbern führen.

Die Landschaft kommt mir fremd entgegen,
wie ungestalt, von Mysterien behaust
aus alter Zeit, mein Sinnen ist umbraust,
betret ich sie auf diesen stummen Wegen.

Ich hör nicht meine Schritte. Ich bin bloß
ein Schatten. Und wie ein Schatten ist mein Leid.
Mein Leben ist nur einen Schatten breit,
vage, schwank, verschwommen, namenlos.

 

Sep 13 19

Gabriele D’Annunzio, Un Sogno (II)

Aus: Hortulus animae

Era morta, era fredda. La ferita
era a pena visibile, in un fianco:
piccolo varco per sì grande vita!

Il lenzuolo pareva assai men bianco
del cadavere. Mai nessuna cosa
vedran gli occhi più bianca di quel bianco.

Fiammeggiava l’estate impetuosa
ai vetri; e insetti che pareano enormi
facean ne l’afa un rombo, senza posa.

Ella era fredda. Io le dicea: – Ma dormi? -
Con un sorriso stupido ed atroce
io ripetea, da presso: – Dormi? Dormi?

Dormi? – E il pensier che quella rauca voce
non fosse mia, mi strinse di paura.
Ascoltai. Non si udì fiato né voce.

Parevano di fiamma quelle mura.
In quell’afa un odor sempre più forte
saliva, come in una sepoltura.

L’invincibile odore de la morte
mi soffocava. E bene, io soffocai.
Io stesso chiuso avea finestre e porte.

- Dormi? Dormi? – Ella non rispose mai.
Il lenzuolo parea di lei men bianco.
Su la terra nessuna cosa mai

vedran gli occhi più bianca di quel bianco.

 

Ein Traum (II)

Sie war tot, war kalt. Das Wundenmal
lag an der Seite, wie versteckt ein Reis:
ein hohes Leben und ein Ausgang schmal.

Das Laken war bei weitem nicht so weiß
wie dieser Leichnam. Kein Auge je erblickt
ein Ding, das weißer ist als dieses Weiß.

Flammen hat Sommers Ungestüm geschickt
vor die Scheiben. Insekten, riesengroß,
schwirrten in der Schwüle, sinnentrückt.

Sie war kalt. Ich frug sie: Schläfst du bloß?
Und stumpfsinnig lächelnd, grauenvoll,
sprach in ihr Ohr ich: Schläfst du bloß?

Schläfst du? – Die Stimme, die so rauh erscholl,
schien mir nicht meine und mir wurde bang.
Ich lauschte. Kein Hauch, der einem Mund entquoll.

Ein Feuer aus den Mauerritzen drang.
In der Schwüle schluckte Rauch das Licht,
dichter noch als eines Sargs Behang.

Des Todes Moderduft, der jeden bricht,
erstickte mich. Gut denn, verstopft mein Schlund.
Ich machte selbst ja Tür und Fenster dicht.

Schläfst du, schläfst du? – Nur Schweigen ward mir kund.
Das Laken strahlte nicht wie sie so weiß.
Nie wird ein Aug auf diesem Erdenrund

ein Ding erschauen weißer als dies Weiß.

 

Sep 13 19

Henri de Régnier, Chanson

J’ai fleuri l’ombre odorante
Et j’ai parfumé la nuit
De la senteur expirante
De ces roses d’aujourd’hui.

En elles se continue,
Pétale à pétale, un peu
Du charme de t’avoir vue
Les cueillir toutes en feu.

Est-ce moi, si ce sont elles ?
Tout change et l’on cherche en vain
A faire une heure éternelle
D’un instant qui fut divin ;

Mais tant qu’elles sont vivantes
De ce qui reste de lui
Respire l’ombre odorante
De ces roses d’aujourd’hui.

 

Lied

In Dunkels Duft erblüht,
erfülle ich die Nacht
mit Wohlgeruch, versprüht
von solchen Rosen sacht.

In ihnen strahlt noch mild,
Blatt um Blatt entrückt,
das zauberhafte Bild,
wie du ihr Glühn gepflückt.

Bleib ich, wenn jene schwinden?
Der Sterbliche sucht vergebens
Blüten zu entwinden
dem Kranz des seligen Lebens.

Solang sie aber leben,
und verweht es auch,
was Dunkels Düfte geben,
atme Rosenhauch.

 

Sep 12 19

John Keats, Bright Star

Bright star, would I were stedfast as thou art–
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,

The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft-fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors–

No–yet still stedfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,

Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever–or else swoon to death.

 

Fixstern, könnte ruhig ich wie du nur stehen,
nicht einsam glänzen nur in hoher Nacht,
ewig mit wimpernlosen Augen sehen,
als Lebens Eremit, der duldsam wacht,

des Wassers Wogen, die wie Priester spülen
den Erdenschlamm vom Menschenland,
auf Masken Schnees hinstarren, die niederfielen
auf Hügel sacht und auf der Moore Sand,

nein, ganz ruhig und in sicherem Halt
an der Liebsten schwellende Brust mich schmiegen
und fühlen, wie sie auf- und niederwallt,

erwacht für immer in ein süßes Wiegen,
ganz still, um ihren süßen Hauch zu trinken,
und immer so leben – oder tot entsinken.

 

Sep 12 19

Dante Gabriel Rossetti, Autumn Song

Know’st thou not at the fall of the leaf
How the heart feels a languid grief
Laid on it for a covering,
And how sleep seems a goodly thing
In Autumn at the fall of the leaf?

And how the swift beat of the brain
Falters because it is in vain,
In Autumn at the fall of the leaf
Knowest thou not? and how the chief
Of joys seems—not to suffer pain?

Know’st thou not at the fall of the leaf
How the soul feels like a dried sheaf
Bound up at length for harvesting,
And how death seems a comely thing
In Autumn at the fall of the leaf?

 

Herbstlied

Kannst beim Fall der Blätter du nicht fühlen,
wie Herzen bleichen, sich betrüben,
wenn eines auf sie niedersinkt,
wie Schlummer sie Erlösung dünkt,
wenn im Herbst die Blätter stieben?

Nicht, wie stolpert des Gehirnes Traben
vor dem ungeheuren Graben,
wenn im Herbst das Laubwerk fällt,
und wie von aller Lust der Welt
nichts bleibt als keinen Schmerz zu haben?

Kannst beim Fall der Blätter du nicht spüren
der Seele Bangen beim Zusammenschnüren,
wie dürre Garbe unter hartem Ring,
wie Sterben scheint ein süßes Ding,
wenn Herbstes Laub die Lüfte rühren?

 

Sep 11 19

Wenn das Dunkel tiefer sinkt

Und taucht der Tag ins goldne Licht,
so wollen Hand in Hand wir gehen,
einander in den Augen sehen,
wie sanfter Liebe Glanz sich bricht.

Und wenn das Dunkel tiefer sinkt,
so wollen wir im Garten schauen,
wie rote Beeren mählich grauen
und bleiche Lilie Abschied winkt.

Erlosch der letzten Rose Pracht,
so wollen Herz an Herz wir schmiegen,
und lauschen, wie so sanft versiegen
die Quellen in der hohen Nacht.

 

Sep 10 19

Wir kommen aus der Nacht

Wir kommen aus der Nacht,
dem Dunkel fallen,
von Rätseln übersät
wie giftigen Stacheln,
wieder wir anheim.

Und was dazwischen glänzt,
und was dazwischen schimmert,
sind die bald verdämmern,
sind die bald verlöschen,
Blüten, Augen, Tränen.

Aus Nacht hat uns gehoben
die grüne Woge Schmerz,
und glomm sie fahl von Schäumen,
so war es toter Mond.

Was uns ins Dunkel leitet,
hat Rosenodem nicht,
ist keines Engels Lächeln,
was dort am Abgrund glüht,
ist Wahnes wilder Mohn,
was dort am Eingang grinst,
schlangenumsäuselt,
den Dolch der Zunge
röchelnd ausgestreckt,
das aufgespießte Haupt
des dunklen Gottes.

 

Sep 10 19

Émile Verhaeren, Viens jusqu’à notre seuil

Aus: Les Heures du Soir

Viens jusqu’à notre seuil répandre
Ta blanche cendre
Ô neige pacifique et lentement tombée :
Le tilleul du jardin tient ses branches courbées
Et plus ne fuse au ciel la légère calandre.

Ô neige,
Qui réchauffes et qui protèges
Le blé qui lève à peine
Avec la mousse, avec la laine
Que tu répands de plaine en plaine !
Neige silencieuse et doucement amie
Des maisons, au matin dans le calme endormies,
Recouvre notre toit et frôle nos fenêtres
Et soudain par le seuil et la porte pénètre
Avec tes flocons purs et tes dansantes flammes,
Ô neige lumineuse au travers de notre âme,
Neige, qui réchauffes encor nos derniers rêves
Comme du blé qui lève !

 

Komm bis zu unsrer Schwelle her,
breite deiner Asche Meer,
o Schnee, der Frieden bringt und zögernd fällt:
Die Gartenlinde, deren Astwerk niederschnellt,
sie hebt die leichte Lerche nicht gen Himmel mehr.

O Schnee,
du wärmst wie eine gute Fee
das Korn, das schwermutvolle,
mit dem Schaum, mit der Wolle,
die du streust von Scholle zu Scholle!
Schweigsamer Schnee, ein Freund so mild
den Häusern, die Morgens leichter Schlummer hüllt,
bedecke unser Dach und an die Fenster rühre,
dring unversehens durch die Schwelle und die Türe
mit deinen reinen Flocken und tanzenden Flammen,
o leuchtender Schnee, halt unsre Seelen zusammen,
Schnee, der noch unsre letzten Träume belebt
wie das Korn, das sich wieder erhebt!

 

Sep 9 19

Émile Verhaeren, Les Arbres

Quand les terreaux, déjà roussis et purpurins,
Flamboient, sous les couchants mortuaires d’automne,
On voit, d’un carrefour livide et monotone,
Partir pour l’infini les arbres pèlerins ;

Les pèlerins s’en vont, grands de mélancolie,
Pensifs, pieux et lents, par les routes du soir,
Les pèlerins géants et lourds et laissant choir
Leur feuillage de pleurs de tristesse et de lie ;

Les pèlerins marchant invariablement,
Toujours, sur double rang, depuis combien d’années ?
Toujours, vers l’horizon et ses gloires fanées
Et son insurmontable et despotique aimant ;

Les pèlerins, dont les manteaux tout en lumière,
Mordus par le soleil vespéral qui s’endort,
Apparaissent ainsi que des vêtements d’or,
Traînés, dans un chemin d’encens et de poussière ;

Les pèlerins, aux vieux sommets houleux et fous,
Que regardent passer, le long de leurs sillages,
De mystiques hameaux et de fervents villages,
Courbés dans la prière et jetés à genoux.

 

Die Bäume

Sind purpurrot entflammt der Erde Weiten,
sieht man unter herbstlichem Grabeslicht
von einem Kreuzweg, mit Aschen fahl verpicht,
die Pilger-Bäume ins Unendliche schreiten.

Von dannen gehen die Pilger in düsterem Wallen,
sinnend, fromm und sacht auf Pfaden zur Nacht,
die Pilger, riesig und schwer, und Laubes Pracht
voll Tränen, Trauer und Trübsal lassen sie fallen.

Die Pilger ziehen dahin, sie hemmen keine Sperren,
von je zu zweien gereiht, seit wie langer Zeit?
Von je zum Horizont und seiner verblichenen Herrlichkeit
und dem Magneten, dem unüberwindlichen Herren.

Die Pilger, ihre Mäntel ganz ins Licht gebogen,
sind von der sinkenden Abendsonne entzückt,
und scheinen wie Gewänder, mit Gold bestickt,
auf Wegen von Weihrauch und Staub gezogen.

Die Pilger, auf alten Höhen in erregtem Lallen,
betrachten in den Strudeln ihrer schwellenden Flut
schwärmerische Weiler und Dörfer voll Glut
ins Gebet sich beugen und auf die Knie fallen.

 

Sep 8 19

Émile Verhaeren, Ô le calme jardin d’été

Aus: Les Heures d’Après-midi

Ô le calme jardin d’été où rien ne bouge !
Sinon là-bas, vers le milieu
De l’étang clair et radieux,
Pareils à des langues de feu,
Des poissons rouges.

Ce sont nos souvenirs jouant en nos pensées
Calmes et apaisées
Et lucides – comme cette eau
De confiance et de repos.

Et l’eau s’éclaire et les poissons sautillent
Au brusque et merveilleux soleil,
Non loin des iris verts et des blanches coquilles
Et des pierres, immobiles
Autour des bords vermeils.

Et c’est doux de les voir aller, venir ainsi,
Dans la fraîcheur et la splendeur
Qui les effleure,
Sans crainte aucune et sans souci,
Qu’ils ramènent, du fond à la surface,
D’autres regrets que des regrets fugaces.

 

O der Sommergarten, von Stille übergossen!
Nur dort im klaren Teich,
von Sonnenstrahlen weich,
Feuerzungen gleich
Fische mit roten Flossen.

Sie sind die Erinnerungen, die in unsern Herzen baden
und sanften Frieden atmen,
sie leuchten, wie des Wassers Licht
von Ruhe und Zuversicht.

Heller wird das Wasser, die Fische springen heiß
in den prunkenden Sonnenschimmer,
nahe bei Liliengrün und Muschelweiß
und Steinen, die an Ufern
harren von purpurnem Glimmer.

Wie süß zu sehen, wie sie her und hin gelangen
durch den frischen glänzenden Schaum,
hauchend ihren Saum,
ohne Furcht und Bangen,
vom Grund zum Spiegel aufzuwühlen
andere Betrübnisse als die versprühen.

 

Sep 7 19

Wie Jesus seinen Glauben an Gott verlor

Des Jüngers Wimper tropfte schon Verrat
in milden Weines Opferschale,
den rein gesprochnen Dank zum Mahle
verschlang ein Schlund wie schwarzes Moor die Saat.

Als weichen Schritts hintrat im Purpursaum
Pilatus und frug nach seinem Namen,
fühlt er nur schwachen Juden-Samen,
sah Venus steigen aus dem Meeresschaum.

Und Todesschweiß und Tränen von Gethsemane,
sie waren banger Seele Zeichen,
Prophetenlippen mußten bleichen
vorm bittern Kelch, Verzweiflung seufzen weh.

Und als er unterm bösen Hammer schrie,
sah er das Paradies verblassen,
und hauchte, gnadenlos verlassen,
aus: „Eli eli lama sabachthani.“

 

Sep 7 19

Émile Verhaeren, Hélas ! les temps sont loin

Aus: Les Heures du Soir

Hélas ! les temps sont loin des phlox incarnadins
Et des roses d’orgeuil illuminant ses portes,
Mais, si fané soit-il et si flétri – qu’importe ! -
Je l’aime encor de tout mon coeur, notre jardin.

Sa détresse parfois m’est plus chère et plus douce
Que ne m’était sa joie aux jours brûlants d’été ;
Oh ! le dernier parfum lentement éventé
Par sa dernière fleur sur ses dernières mousses !

Je me suis égaré, ce soir, en ses détours
Pour toucher de mes doigts fervents toutes ses plantes ;
Et tombant à genoux, parmi l’herbe tremblante
J’ai longuement baisé son sol humide et lourd.

Et maintenant qu’il meure et maintenant que viennent
Et s’étendent partout et la brume et la nuit ;
Mon être est comme entré dans sa ruine à lui
Et j’apprendrai ma mort en comprenant la sienne.

 

Nun ist die Zeit vorbei, da Flammenblumen warten
und Rosen an der Tür auf hellen Prangens Stiel,
doch ist er auch verwelkt, verdorrt – gleichviel,
ich liebe ihn noch immer innig, meinen Garten.

Seine Not ist mir bisweilen lieber, süßer gar
als seine Lust mir war in sommerlichem Glühen.
Oh die letzten Düfte, die so zögernd fliehen
von letzten Blüten über letzten Mooses Haar!

Ich bin heut Abend herumgeirrt in seiner Dunkelheit,
meine heißen Hände um all sein Gewächs zu schmiegen,
von grünem Zittern umgeben, auf Knien zu liegen,
die feuchte, schwere Erde zu küssen, lange Zeit.

Und nun, da er stirbt, und nun, da ihn umloht
von allen Seiten Nebel und die Nacht sich breitet,
bleibt zum Leben, was durch seine Trümmer zu ihm gleitet,
und mir geht auf, was sterben heißt, an seinem Tod.

 

Sep 6 19

Émile Verhaeren, Le moulin

Le moulin tourne au fond du soir, très lentement,
Sur un ciel de tristesse et de mélancolie,
Il tourne et tourne, et sa voile, couleur de lie,
Est triste et faible et lourde et lasse, infiniment.

Depuis l’aube, ses bras, comme des bras de plainte,
Se sont tendus et sont tombés ; et les voici
Qui retombent encor, là-bas, dans l’air noirci
Et le silence entier de la nature éteinte.

Un jour souffrant d’hiver sur les hameaux s’endort,
Les nuages sont las de leurs voyages sombres,
Et le long des taillis qui ramassent leurs ombres,
Les ornières s’en vont vers un horizon mort.

Autour d’un vieil étang, quelques huttes de hêtre
Très misérablement sont assises en rond ;
Une lampe de cuivre éclaire leur plafond
Et glisse une lueur aux coins de leur fenêtre.

Et dans la plaine immense, au bord du flot dormeur,
Ces torpides maisons, sous le ciel bas, regardent,
Avec les yeux fendus de leurs vitres hagardes,
Le vieux moulin qui tourne et, las, qui tourne et meurt.

 

Die Mühle dreht im Grund des Abends sich ganz lahm,
vor einem Himmel, dem nur Traurigkeit und Schwermut blieb,
sie dreht sich, dreht sich, und ihr Flügel, schmutzig-trüb,
ist trist und schwach und schwer und voller Gram.

Seit die Sonne schied, sind ihre Arme wie Klagearme nur,
sie hoben und sie senkten sich, und wieder
sinken sie tief in die dunklen Lüfte nieder
und in die ungeheure Stille der erloschenen Natur.

In den Weilern schlummert ein Tag voll winterlichem Leid,
die Wolken sind schlaff von ihren düsteren Fahrten,
und in den kleinen Wäldern, die ihre Schatten sparten,
führen die Spuren hin zu toten Horizonten weit.

Hölzerne Hütten scharen sich um einen alten Teich
wie Elendsgestalten in einem trauten Rund.
Eine Lampe aus Kupfer leuchtet im kahlen Grund
und fleckt die Fensternischen fahl und bleich.

Und in der weiten Ebene, am Ufer des Stroms, den Schlummer lockt,
schauen die stumpfen Häuser, an denen die Wolken sich reiben,
mit den geborstenen Augen ihrer stierenden Scheiben
auf die alte Mühle, die sich dreht und des Kreisens müde stockt.

 

Sep 5 19

Émile Verhaeren, Avec mes vieilles mains

Aus: Les heures du soir

Avec mes vieilles mains de ton front rapprochées
J’écarte tes cheveux et je baise, ce soir,
Pendant ton bref sommeil au bord de l’âtre noir
La ferveur de tes yeux, sous tes longs cils cachée.

Oh ! la bonne tendresse en cette fin de jour !
Mes yeux suivent les ans dont l’existence est faite
Et tout à coup ta vie y parait si parfaite
Qu’un émouvant respect attendrit mon amour.

Et comme au temps où tu m’étais la fiancée
L’ardeur me vient encor de tomber à genoux
Et de toucher la place où bat ton coeur si doux
Avec des doigts aussi chastes que mes pensées.

 

Mit meinen alten Händen deiner Stirn so nah
streiche ich dein Haar zurück und küsse an diesem Abend,
während du am dunklen Herd ein wenig schläfst,
die Wärme deiner Augen unter deinen langen Wimpern.

O, wie tut am Ende dieses Tags Liebkosung gut!
Meine Augen tasten die Jahre ab, die wir hier leben,
und mit einemal scheint mir dein Dasein so vollkommen,
daß mich Ehrfurcht rührt und meine Liebe sanfter macht.

Und wie zur Zeit, da wir verlobt noch waren,
kommt wieder mich die Inbrunst an, ins Knie zu gehen
und die Stelle, wo so süß dein Herz dir pocht,
anzurühren mit Fingern wie mein Sinnen keusch.

 

Sep 5 19

Invokationen

Die ihr in Reif und blauem Firne zittert,
Veilchen du und Enzian,
Sohn von Schnee und Wolke, Schwan,
daß uns dank euch das Leiden nicht verbittert.

Wärt ihr von Lichtes Knospen nicht erkoren,
Biene du und Schmetterling,
Falter mit dem roten Ring,
der Rosen weher Duft wär uns verloren.

Die an des Traumes grüne Scheiben klopfen,
Schwalben, Sommers Widerhall,
Lerchen und du Nachtigall,
bleibt hier, solang die sieben Leuchter tropfen.

 

Sep 4 19

Émile Verhaeren, Roses de juin

Aus: Les Heures d’après-midi

Roses de juin, vous les plus belles,
Avec vos coeurs de soleil transpercés ;
Roses violentes et tranquilles, et telles
Qu’un vol léger d’oiseaux sur les branches posés ;
Roses de Juin et de Juillet, droites et neuves,
Bouches, baisers qui tout à coup s’émeuvent
Ou s’apaisent, au va-et-vient du vent,
Caresse d’ombre et d’or, sur le jardin mouvant ;
Roses d’ardeur muette et de volonté douce,
Roses de volupté en vos gaines de mousse,
Vous qui passez les jours du plein été
A vous aimer, dans la clarté ;
Roses vives, fraîches, magnifiques, toutes nos roses
Oh ! que pareils à vous nos multiples désirs,
Dans la chère fatigue ou le tremblant plaisir
S’entr’aiment, s’exaltent et se reposent !

 

Rosen im Juni, ihr schönsten von allen,
mit euren Herzen, sonnendurchdrungen,
Rosen, in denen Wucht und Stille sich ballen,
leicht wie Vögel, die sich im Flug auf Zweige geschwungen.
Rosen im Juni und Juli, aufrecht und unverbraucht,
Münder, Küsse, in jähe Erregung getaucht
oder schlummernd im wiegenden Wind,
Liebkosung von Schatten und Gold, die über den Garten rinnt.
Rosen stummen Glühens, weichen Wollens Flaum,
Rosen der Wonne in euren Miedern aus Schaum,
die ihr die Tage hohen Sommers hinbringt,
euch zu lieben, während die Sonne singt.
Rosen des Lebens, der Frische, der Herrlichkeit, all unsre Rosen,
oh, wie euch unsere vielblättrigen Wünsche winken,
die im süßen Ermatten oder im bebenden Trinken
eins im andern sich lieben, aufrauschen und in den Schlaf sich kosen.

 

Sep 4 19

Der Weisheit goldenes Licht

Ginge weich die Knospe, Ledas Schoß,
auf vor eines Uhus Schielen?
Könnten Amoretten spielen
auf ergrauter Herzen dürrem Moos?

Spuckt auf Aphrodites Blumenbrust
schwarzen Auswurfs Gift ein Zwitter,
wirft ihn nicht der Sonnenritter
in die Gruft, Apollos Flammenlust?

Stürzte sich Narkissos schmelzbetört
in des Spiegels schönen Schrecken,
würde ihm entgegenblecken
eine Fratze, deren Blick verstört?

Häßlich ist geflecktes Angesicht,
mischt man Edle und Gemeine,
glimmen fader Lüste Weine,
Wahn verlacht der Weisheit goldnes Licht.

Schaben flüchten vor dem Lampenglanz,
doch vom Sommerblust geblendet,
der ins Blaue sich verschwendet,
schwingt der Düstre schief im Sensentanz.

 

Sep 3 19

Widerhall im Herz-Verlies

Dämmerung und stilles Abendrot,
sie sind uns geblieben,
Blüten ferner Lieben
sind zerstreut, die sanften Lieder tot.

Und die laue Lüfte küssten süß,
blauer Nächte Glocken,
die zur Einkehr locken,
sind ein Widerhall im Herz-Verlies.

Schatten und des Laubes dürrer Sang
sind, die auf uns warten
in dem alten Garten,
Stern der Höhe, zitternd blaß und bang.

Dämmerung und fahles Morgenrot,
sie sind uns geblieben,
alles, was wir lieben,
ist wie Mondes Glühen, das verloht.

 

Sep 2 19

Das Bild verschwimmt

Wie einer Rose weißes Blütenblatt
ist deine Hand herabgesunken,
vom tiefen Blau des Abends trunken
verzittert sich das Lid, ein Falter matt.

Das letzte Gold, das in der Locke glimmt,
ist wie Gesumm verirrter Bienen,
und die uns Liebesspiegel schienen,
die Augen dunkeln und das Bild verschwimmt.

Der golden aus geneigtem Kelch uns rann,
der Wein der Lippen ist vergossen,
was uns wie lichtes Grün umflossen,
liegt blind zerdrückt in dumpfen Schlafes Bann.

 

Sep 1 19

Stabat mater

Stabat mater dolorosa
Iuxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius;
Cuius animam gementem,
Contristantem et dolentem
Pertransivit gladius.

O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti.
Quae maerebat et dolebat,
Et tremebat, cum videbat
Nati poenas incliti.

Quis est homo, qui non fleret,
Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari,
Piam matrem contemplari
Dolentem cum filio?

Pro peccatis suae gentis
Iesum vidit in tormentis
Et flagellis subditum.
Vidit suum dulcem natum
Morientem, desolatum,
Cum emisit spiritum.

Eia, mater, fons amoris,
Me sentire vim doloris
Fac, ut tecum lugeam.
Fac, ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum,
Ut sibi complaceam.

Sancta mater, illud agas,
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.
Tui nati vulnerati,
Iam dignati pro me pati,
Poenas mecum divide.

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
Donec ego vixero.
Iuxta crucem tecum stare,
Te libenter sociare
In planctu desidero.

Virgo virginum praeclara,
Mihi iam non sis amara,
Fac me tecum plangere.
Fac, ut portem Christi mortem,
Passionis eius sortem
Et plagas recolere.

Fac me plagis vulnerari,
Cruce hac inebriari
Ob amorem filii.
Inflammatus et accensus,
Per te, virgo, sim defensus
In die iudicii.

Fac me cruce custodiri,
Morte Christi praemuniri,
Confoveri gratia.
Quando corpus morietur,
Fac ut animae donetur
Paradisi gloria.

 

Stand die Mutter schmerzerschüttert
unterm Kreuz, die Träne zittert,
als ihr lieber Sohn da hing.
Durch ihr Herz, das seufzend klagte,
Herz, das ihr vor Leid verzagte,
eines Schwertes Spitze ging.

Ach, von Trauer schwer beladen
war die Mutter voll der Gnaden,
die den Einzigen gebar.
Sie ergriff ein wehes Grauen
und erbebte, zu erschauen,
was des Hohen Ende war.

Wen würd Träne nicht berücken,
Christi Mutter zu erblicken
in der Marter so versteint?
Wer empfände kein Erbarmen
vor der Mutter voller Harmen,
die um ihren Liebsten weint?

Für des eignen Volkes Sünden
sieht sie sich am Holze winden
Jesus, den die Geißel schlug.
Sieht den Sohn, den vielgeliebten,
sterbend sieht sie den betrübten
tun den letzten Atemzug.

Mutter, du der Liebe Quelle,
mach mir das Empfinden helle,
daß dein Leiden mich durchdring.
Herzens Dürre mir entzünde,
daß ich Christi Liebe finde,
meinen Geist um seinen schling.

Hohe Mutter, jene Wunden,
die am Leib des Herrn wir finden,
präge meinem Herzen ein.
Laß die Wunden deines Sohnes,
edle Rosen seines Thrones,
Fülle meines Lebens sein.

Laß mich innig mit dir weinen,
Schmerz um Jesu soll uns einen,
bis an meiner Tage Ziel.
Mit dir eins am Kreuz zu stehen,
trauernd gern dir beizustehen,
treibt mich innerstes Gefühl.

Jungfrau in dem reinsten Kleide,
nimmer wär es mir zuleide,
sengt mich deiner Tränen Glut.
Laß mich Christi Tod mittragen,
gern von seinen Leiden sagen
und von seinem Opferblut.

Laß mich mit den Wunden bluten,
und am Kreuz soll mich durchfluten
Liebeswoge für den Sohn.
Ich sei Feuer, ich sei Flamme,
daß mich nicht der Zorn verdamme,
stehst du bei mir vor dem Thron.

Laß das Kreuz mich stets behüten,
Christi Tod den Sturm begüten
und mich ruhn im Gnadennest.
Muß der Leib einst auch vergehen,
hilf der Seele dann zu sehen
selig Paradieses Fest.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=K8-IrXDAm8I
https://www.youtube.com/watch?v=xHQVtYzjLao

 

Aug 31 19

Morgenzwielicht

Wie fällt auf der Erinnerung Ruinen
das Morgenzwielicht fahl,
sind Fenster fremd und kahl,
die warmen Flackerns Kerzen dir erschienen.

Wie auf dem schwarzen Halm die stumme Mücke
schleichst du am schiefen Ort
der Welt ins Leere fort,
doch ist kein Tau, der dich wie sie entzücke.

Und wenn vom falschen Kuß des Lichts die Scheiben
erglänzen nach und nach,
beugst du das Haupt in Schmach
vor jenen, die bei Sonnenknospen bleiben.

 

Aug 30 19

Gethsemane

Komm mit in jenes Gartens Dämmergrund,
wo schimmert fahl das Ölbaumblatt,
der trockene Herzen gewässert hat,
es schwebt der bittre Kelch vor seinem Mund.

Die Wolke, die am leeren Himmel loht,
sie bringt der Gnade Tropfen nicht,
der Tränenblick des Sohnes spricht
von Trauer über seines Vaters Tod.

Wo ist der edlen Frauen, der Jünger Schar,
die Geist vom Quell des Lichtes trank?
Sie liegt in Traumes Banden krank,
erwacht erst, sagt dem Holz der Hammer wahr.

Ins Tal der stummen Brunnen geht er hin,
verlorener Liebe sanfter Hirt,
es seufzt das Gras, die Mücke schwirrt,
das Fleisch blieb Finsternis wie im Beginn.

 

Aug 30 19

Der trockene Regen der Verse

Gedichtes Rosen duften nicht,
sie wurzeln nicht im Garten,
wohl tief aus dunklem Warten
die Knospe Wort ins Blaue bricht.

Wenn es im Metrendickicht gluckt,
war es ein trockner Regen,
das blinde Bild schenkt Segen,
hat es Apollos Blick durchzuckt.

Nur manchmal stapft ein fremder Hirt
durch Strophen holder Wiesen
und flötet von Paradiesen,
ein weicher Reim hat ihn verwirrt.

 

Aug 29 19

Dulders Angesicht

Preß die Stirne, halt das Ohr
an des Kreuzes Einsamkeit.
Bebt nicht deine Dunkelheit,
zieht kein Seufzen dich empor?

Hör, wie Wasser heller singt,
aller Himmel tunkt darein
seiner Schmerzen grauen Schein,
bis die Bläue ihm gelingt.

Tuch, gewebt aus Fäden Licht
glänzt wie Milch und Edelweiß,
Tuch, betropft von Angst und Schweiß,
zeigt des Dulders Angesicht.

 

Aug 28 19

Die letzte Aster

Vom Schnee des Mondes überhaucht
die kleinen Veilchen starben,
es neigen sich die Garben,
das Blut der Rosen ist verraucht.

Wir gehen durch das Stoppelfeld,
und deine Augen sagen,
was Herz und Mund nicht wagen,
verdüstert ist der Geist der Welt.

Und ist dein Haar auch aschengrau,
und keine Küsse lassen
die Wangen blühn, die blassen,
die letzte Aster schimmert blau.

 

Aug 27 19

Die Wasser glucksen

Die Wasser glucksen, süßen Atems Stocken,
Himmel fliederblaß,
Lilienwangen naß,
und Waldes Funken, die ins Freie locken.

Wir wollen wie Jasmin in Juninächten
uns verströmen ganz,
Tränen, uns der Glanz,
blaut ihr Veilchen, euch ins Haar zu flechten.

Laß knien uns im Schnee der bleichen Strahlen,
Born und Mund versiegt,
Mond, vom Schilf gewiegt,
bis Frührot Rosen schüttet aus den Schalen.

 

Aug 26 19

Sprache und Geschlecht

Eine sprachphilosophische Skizze

Welcher grimmige Herakles wird dereinst mit der unerbittlichen Forke den Augiasstall der Nation ausmisten und mit der gnadenlosen Keule ihre tönernen Götzen zerschlagen?

Der Moribunde, der sich aufgrund der Zersetzung seiner Hirnsubstanz an Wahnvorstellungen von seiner hohen moralischen Sendung berauscht, läßt sich über seinen wahren Zustand nicht mehr in Kenntnis setzen.

Dummheit kennt im Gegensatz zur Klugheit keine Grenzen, sie geht vor dem Widersinnigen und Paradoxen nicht in die Knie, ja wird vom Absurden noch beflügelt.

 

Die mit dem bösen Willen pathologisch verschmolzene Dummheit auf dem Gebiet der geschlechtsbezogenen Sprache wittert mit ihrem pervertierten Instinkt in der Verwendung des grammatischen Geschlechts die Herabminderung des natürlichen, im Gebrauch des generischen Maskulinums die Diskriminierung des Femininums.

Als wäre DER Backfisch oder DER Sopran EINE Weibsperson in verstümmelter Gestalt. DER dumme Vogel scheint den Beckmessern der korrekten Sprache ein besonderer sprachlicher Leckerbissen für DIE Katze auf dem heißen Blechdach der Gleichstellung zu sein und DAS Kind oder DAS Weib sich den Sprachkastraten gemäß seiner Geschlechtlichkeit zu schämen.

Sexualität ist bei zweigeschlechtlichen Organismen wie dem Menschen die Verschmelzung der männlichen und weiblichen Gameten, also von Spermium und Eizelle. Das Verhalten, das diesen biologischen Vorgang einleitet, begleitet und verwirklicht, nennen wir erotisch, einschließlich seiner imaginären Vergegenwärtigung in Träumen, Kunstwerken und Dichtungen.

Erotik mit Sex gleichzusetzen verrät das Niveau derer, die es mit Männern und Frauen ebenso halten.

Sprachliche Verlautbarungen über mentale Zustande im Licht unserer sexuellen Natur nennen wir Aussagen, die mittels Verwendung psychologischer Prädikate wie „verliebt“, „glücklich“ oder „eifersüchtig“ psychische Eigenschaften beschreiben oder einer Person zuschreiben; was wir umgangssprachlich Seelenleben auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit nennen, ist demnach ein Kürzel oder eine Abbreviatur des Inhalts von Aussagen wie: „Er hat sich in Helga verliebt“ oder: „Ich bin in Helga verliebt“; „Er ist aufgrund ihrer Liebesbekundungen glücklich“ oder: „Ich bin wegen ihres Kokettierens mit Peter eifersüchtig.“

Verliebtheit ist eine Neigung, sich auf die typische Art von Verliebten zu gebärden; sie erfüllt ein gestisches und sprachliches Muster.

Wir unterscheiden biologische Tatsachen wie die Tatsache, daß die menschliche Sexualität wie bei allen landlebenden Wirbeltieren durch innere Befruchtung gekennzeichnet ist, von psychologischen Tatsachen wie den Neigungen, Vorlieben und Wünschen von Männern und Frauen, die wir an durchschnittlichen Mustern ihres Verhaltens ablesen, zu denen wir auch das sprachliche Verhalten zählen.

Bekanntermaßen treffen wir auf eine semantische und epistemische Asymmetrie bei der Verwendung psychologischer Prädikate in deskriptiven Sätzen in der dritten Person (in den unterschiedlichen grammatischen Zeiten) und in Äußerungen der ersten Person Singular. Der Satz „Er ist in Helga verliebt“ verlangt bei Fragen nach einer Begründung die Angabe empirischer Belege, die wir der Beobachtung des Verhaltens der gemeinten Mannsperson entnehmen. Wir schauen, ob und wie der Betreffende das gestische und sprachliche Muster erfüllt, das typisch ist für Leute dieses Erregungszustandes. Anders bei dem Satz „Ich bin in Helga verliebt“: Hier fragen wir nicht nach dem Grund der Berechtigung der Selbstzuschreibung des psychologischen Prädikates „verliebt“ – denn jeder, der in Helga verliebt ist, kann den Satz umstandslos äußern.

Mag der Sprecher sich auch nicht ganz im Klaren sein über den Grad und Ernst seines Verliebtheitsgefühls – auch in diesem Falle wird er den Satz nicht wie eine Vermutung oder Hypothese ansehen, die er aufgrund der Beobachtung seines eigenen Verhaltens aufgestellt hat. Er hat nicht aus der Tatsache, daß er oft an Helga denkt, immer wieder fasziniert ihre Fotographie betrachtet und wenn ihr Name fällt, unwillkürlich errötet, auf die Tatsache geschlossen, daß er wohl in sie verliebt sein muß.

Offensichtlich können nur Männer und Frauen wechselseitig oder ineinander verliebt sein; die Berechtigung der Zuschreibung des psychologischen Prädikates „verliebt“ ist demnach nur im Rahmen der Zuschreibung des natürlichen Prädikates „Mann“ oder „Frau“ möglich.

Wir bemerken, wie bestimmte Kategorien unsere sprachrelativistischen Ontologien begründen, die sich logisch voraussetzen oder implizieren. Die Kategorie der psychologischen Prädikate auf dem Gebiet der geschlechtsbezogenen Sprache oder der Erotik setzt die Kategorie der natürlichen Prädikate voraus; ein Verliebter ist entweder ein Mann oder eine Frau. Doch nicht umgekehrt: Mann oder Frau zu sein impliziert nicht notwendig, verliebt zu sein.

Die Psychologie der Liebe ist eine Übersetzung der Physiologie der sexuellen Natur der Liebenden; doch kranken die Einträge im Wörterbuch an der Verschwommenheit der Metaphorik und der Unbestimmtheit der Bezugnahme. So können wir den Zustand der Verliebtheit nicht eindeutig einem spezifischen Hormonstatus zuschreiben und einen spezifischen Hormonstatus nicht immer eindeutig einem bestimmten Erleben und Empfinden, das wir Verliebtheit nennen.

Aussagen in der ersten Person Singular mit nichtpsychologischen Prädikaten kann man zur Bestätigung durch Aussagen in der dritten Person heranziehen; so würde die seltsame Aussage aus dem Munde Helgas: „Ich bin ein Mann“ durch die aufgrund der Beobachtung oder einer medizinischen Untersuchung leicht zu belegende Aussage widerlegt: „Sie ist eine Frau.“

Sollte allerdings die medizinische Untersuchung Helgas ergeben, daß sich ihr Hirnstoffwechsel und der Testosteronspiegel in ihrem Blut an den der männlichen Vertreter der Gattung angenähert haben, könnten wir zu dem Ergebnis kommen, daß in ihrer Selbstauskunft ein Körnchen Wahrheit enthalten ist, insofern sie keine Frau im Lichte der medizinischen Tatsachen zu sein scheint. Doch auch in diesem Falle verwandelten sich die natürlichen Prädikate Mann und Frau nicht in psychologische Prädikate, die wir uns aufgrund spontanen Selbstgefühls kriterienlos zuschreiben könnten. Die adäquate Form der Selbstauskunft wäre in diesem Falle daher die Aussage Helgas: „Ich fühle mich eher als Mann denn als Frau.“

Wenn wir erfahren, daß Helga eine geborene Meyer ist, wissen wir, daß ihr Vater Meyer heißt, ähnlich wie wir dem Namen Gaius Julius Caesar entnehmen, daß dieser Gaius väterlicherseits der altrömischen Sippe der Julier entstammt. Der Eigenname dient demnach im Kontext patrilinearer Abstammungskennzeichnungen sowohl der Identifikation der Person wie der Markierung ihrer Herkunft und ihres Geschlechts.

Sobald der kausale Zusammenhang zwischen Sexualakt und Zeugung erkannt ist, wird der Mann danach trachten, durch Überwachung der Frau die Abstammung ihrer Kinder als Träger seiner DNS zu sichern. Die patriarchalische Familie und die ihr aufgebürdete Kontrolle der Absicherung des männlichen Erbes im physischen, materiellen und kulturellen Sinn ist demnach keine Folge der Überlegenheit, sondern der Unsicherheit des Mannes (pater semper incertus).

Die kulturellen Unterschiede des familiären Lebens verschiedener Rassen und Ethnien wie Monogamie und Polygamie sind unter anderem eine Funktion der unterschiedlichen Normalverteilung des Testosteronspiegels und des zu diesem im umgekehrten Verhältnis stehenden durchschnittlichen Intelligenzquotienten ihrer männlichen Mitglieder. Aufgrund der dem Christentum entwachsenen westlichen Kultur und der sie kennzeichnenden Monogamie wird der Mann als verantwortlicher pater familias zu intelligenten Hochleistungen motiviert, mit denen er die Versorgung der Familie zu sichern bestrebt ist.

Die biologische Fähigkeit, weibliche primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zu entwickeln und befruchtungsfähige Eier zu generieren, eine Zygote im Uterus auszutragen und den nach neunmonatiger Schwangerschaft geborenen Säugling mit Muttermilch zu versorgen, prägt den Charakter oder die Psychologie der Frau, ebenso wie umgekehrt den Charakter des Mannes die Fähigkeit, in den Gonaden Spermien zu produzieren und sie über den Penis in die Vagina der Frau zu injizieren.

Eine wesentliche Ursache der biologischen und psychologischen Differenz der Geschlechter bildet nicht nur der Unterschied der sexuellen Organe, sondern nicht minder ihre unterschiedlich vernetzte und unterschiedlich mit Hormonen überschwemmte Hirnstruktur, was sich in jeweils spezifischen Verhaltensdispositionen, emotionalen Reaktionsmustern und intellektuellen Leistungsmerkmalen manifestiert.

Wir unterscheiden psychologische Prädikate, die sich aus den natürlichen Ressourcen des sexuellen Dimorphismus speisen wie „verliebt“ und „eifersüchtig“ vom Rest der psychologischen Prädikate, die wie „jähzornig“, „traurig“ oder „introvertiert“, aber auch „großherzig“, „engstirnig“ und „dumm“ auf allgemeine Merkmale der menschlichen Natur zurückgehen.

Von den psychologischen Prädikaten unterscheiden wir die sozialen Prädikate wie „verlobt“, „verheiratet“ und „geschieden“, die sich auf soziale Konventionen der Sprachgemeinschaft beziehen.

Zu guter Letzt bereichern unser Vokabular und unsere sprachliche Ontologie alle natürlichen Prädikate wie „Hund“, „Baum“ oder „Stern“, zu denen auch „Mann“ und „Frau“ gehören.

Die korrekte Verwendung von Prädikaten bemißt sich anhand spezifischer Kriterien, wie Angemessenheit, Wahrheit oder Sinnfälligkeit. Es ist angemessen und sinnfällig und entspricht der Wahrheit von jemandem zu sagen, er sei geschieden, wenn er verheiratet war und es jetzt nicht mehr ist (falls sein ehemaliger Ehepartner noch lebt). Es ist dagegen nicht angemessen und widersinnig (daher weder wahr noch falsch), von einem Hund zu sagen, er sei verlobt, oder von einem Baum, er sei eifersüchtig.

Wie gesehen gibt es psychologische Prädikate, deren Verwendung in der ersten Person Singular wir nicht anhand spezifischer Kriterien bemessen. Wenn Peter sagt: „Ich bin in Helga verliebt“, verstehen wir diesen Satz als Äußerung seines Empfindens, wenn wir ausschließen, daß Peter lügt oder verrückt ist (und also nicht weiß, was er sagt). Aufgrund der semantischen und epistemischen Asymmetrie zwischen Äußerungen der ersten und Aussagen in der dritten Person verstehen wir die Äußerung Peters: „Ich bin in Helga verliebt“ anders als den über Peter geäußerten Satz: „Er ist in Helga verliebt.“

Sind die Äußerungsbedingungen nicht in den Nebel der Zweideutigkeit gehüllt, wissen wir, wie es um Peter bestellt ist, wenn er seine Verliebtheit in Helga eingesteht. Doch der Satz: „Peter ist in Helga verliebt“ hat eher den Rang einer Vermutung oder Hypothese, wie wenn wir aufgrund von Peters Erröten, sobald die Sprache auf Helga kommt, sagen: „Peter ist wohl in Helga verliebt.“ Peter könnte aber auch erröten, weil er Helga gegenüber einen peinlichen Fauxpas begangen hat, dessen er sich schämt. Um die Wahrscheinlichkeit der Vermutung, Peter sei in Helga verliebt, zu erhärten, bedürfen wir neben der Beobachtung seines Errötens demnach weiterer Indizien, Anzeichen oder Symptome, die für das Gebaren und das Verhaltensmuster Verliebter typisch sind.

Sprachhandlungen sind normative Akte, insofern unsere Äußerungen Kriterien der korrekten Verwendung unterworfen sind und sich die Anwendung von psychologischen, sozialen oder natürlichen Prädikaten an der Beobachtung von Anzeichen und Symptomen ausrichtet, die im Verwendungskontext bereitliegen müssen.

Welche Verwendungskontexte könnten wir für die Aussage: „Er ist ein Mann“ oder: „Sie ist eine Frau“ ausfindig machen? Nur seltene oder exotische; so mag man zum nicht geringen Erstaunen in einer zwielichtigen Bar über das männliche Geschlecht einer effeminierten blondgelockten und grell geschminkten Person aufgeklärt werden. Ansonsten kommt die Hebamme oder Krankenschwester aus dem Kreißsaal zu dem aufgeregt wartenden Vater und verkündet: „Es ist ein Junge (ein Mädchen)“, eine Aussage, deren korrekte Verwendung auf die Beobachtung spezifischer Anzeichen und Symptome zurückgeht, wie einer Vagina oder eines Penis.

Die Zuschreibung des natürlichen Geschlechts durch Dritte erfolgt in Sätzen, deren korrekte Verwendung des jeweiligen deskriptiven Prädikats den relevanten medizinischen und physiologischen Kriterien gehorcht und durch einfache Beobachtung oder Diagnostik bis auf einen statistisch marginalen Rest (Zwitter) gut abgesichert werden kann.

Können wir einen Verwendungskontext ausfindig machen, in dem die Aussage: „Ich bin ein Mann (eine Frau)“ sinnvoll ist? Dieser Kontext wäre so exotisch und ungewöhnlich wie eine Situation, in der einer mit Verwunderung feststellt: „Das ist meine Hand!“ oder: „Das bin ja ich!“

Das Kind, das beim Spiel der aufeinandergepatschten und schnell wieder hervorgezogenen Hände seine Hand am Schluß gerade noch hervorzieht, könnte ausrufen: „Das ist meine Hand!“ Wer an einem Schaufenster vorbeigeht, könnte vielleicht, überrascht von seinem undeutlich oder verzerrt reflektierten Spiegelbild, ausrufen: „Das bin ja ich!“ Doch wer, es sei denn ein Verrückter, tritt vor den Spiegel und ruft überrascht aus: „Ich bin ja ein Mann (eine Frau)!“?

Freilich, die Äußerung des übergriffigen Zeitgenossen „Ich bin halt ein Mann!“, wenn er seine Hand unvermittelt über das Knie der Frau schiebt, die sich neben ihm auf dem Barhocker rekelt, und sollte es in seiner gewagten Blöße noch so locken, lassen wir nicht als Entschuldigung gelten.

In der Äußerung „Ich bin halt ein Mann“ wird das natürliche Prädikat wider den Anschein als psychologisches Prädikat ähnlich wie die Eigenschaftswörter „männlich“, „mannhaft“ und „maskulin“ gebraucht, denn mit diesen Prädikaten wollen wir nicht das natürliche Geschlecht benennen und hervorheben, sondern Eigenschaften wie „mutig“, „entschlossen“, „draufgängerisch“. Analoges gilt für „fraulich“, „weiblich“ und „feminin“. Sätze mit solchen psychologischen Prädikaten sind keine auf Kriterien und Gründe nicht angewiesene Äußerungen, sondern Aussagen, für deren legitime Verwendung wir leicht auf Beobachtungen des Gebarens und Verhaltens hinweisen können. So nennen wir einen mädchenhaft ondulierten, leicht tänzelnden Mann feminin, auch wenn er diese Beschreibung als Selbstbeschreibung nicht gelten lassen würde.

Da „Mann“ und „Frau“ keine psychologischen Prädikate sind, können sie auch nicht in kriterienlosen Äußerungen des Selbstempfindens verwendet werden, wie die Prädikate in den Sätzen: „Ich bin in Helga verliebt“, „Mir ist kalt“ oder „Wie komisch das schmeckt!“

Zu glauben, man könne „Mann“ und „Frau“ wie psychologische Prädikate in Selbstzuschreibungen verwenden, die keinen Kriterien der Angemessenheit, Wahrheit und Sinnfälligkeit unterworfen sind und daher auch nicht von Dritten bezweifelt und korrigiert werden können, kommt der Meinung des Psychotikers gleich, der wähnt, er habe mit der Äußerung „Ich heiße Napoleon“ seinen wahren Namen genannt.

Selbst die scheinbar angemessene und wahre, wenn auch exotische Äußerung Helgas: „Ich bin eine Frau“ könnten wir aufgrund uns vorliegender medizinischer Befunde über ihren Hormonstatus in Frage stellen.

Wir markieren und betonen die wesentliche Differenz zwischen Äußerungen in der ersten Person Singular, die psychologische Prädikate verwenden, die sich der Sprecher selbst zuschreibt, wie die Äußerungen: „Ich bin verzagt“ oder: „Ich fühle mich von meinem Mann hintergangen“, von Aussagen in der dritten Person, die psychologische oder andere Prädikate verwenden, die einem Dritten, von dem die Rede ist, zugeschrieben werden, wie die Aussagen: „Das Verhalten seiner Frau hat ihn aus der Bahn geworfen“ oder: „Die Untreue ihres Mannes hat sie hart getroffen.“ Äußerungen der ersten Form bedürfen keiner Rechtfertigung durch Angabe von Gründen; Aussagen der letzten Art können auf Nachfrage durch Angabe von Gründen erhärtet oder falsifiziert werden.

Die Dummheit der Sprachverderber in Sachen politisch korrekter geschlechtsbezogener Sprache zeigt sich in der gänzlichen Unkenntnis dieses normativen Unterschieds der Satzverwendung sowie in der abstrusen Annahme, die Zuschreibung des natürlichen Geschlechts wäre der Selbstzuschreibung psychologischer Prädikate homolog und bedürfe demgemäß keiner Rechtfertigung und Begründung, sondern sei das Ergebnis einer vermeintlich freien Wahl.

Die Sprache ist aufgrund ihrer Grammatik ein normativ geordnetes Darstellungssystem, das je nach Ausdrucksfunktion unterschiedliche Kategorien mit ihren regionalen Ontologien bereithält, wie man an der Verwendung psychologischer, sozialer und natürlicher Prädikate sieht. Aber sie dient keinem übergeordneten Zweck, schon gar nicht dem der Gesinnungslenkung mittels sexualmoralisch korrekter Wortwahl.

Wenn wir sagen, wir gehen zum Bäcker, zum Arzt oder zum Anwalt, also das geschlechtsneutrale generische Maskulinum benutzen, schließen wir nicht aus, daß eine Frau die Brötchen gebacken hat und uns ein Mädchen den Kuchen über die Theke reicht, daß uns eine Ärztin untersucht oder eine rechtskundige Dame berät; wenn wir aber sagen, wir gehen zur Bäckerin, zur Ärztin oder zur Anwältin, schließen wir aus, daß uns ein männlicher Vertreter des Fachs in die Quere kommt.

Der Umstand, daß der Gebrauch höflicher Wendungen wie „meine Gnädigste“, „gnädige Frau“ oder „die Dame des Hauses“ außer Kurs gesetzt oder gar mit einem Sprechtabu behaftet worden ist, belegt die Paradoxie, daß die Frauenemanzipation zum Ikonoklasmus des würdigen Bildes der Frau geführt hat.

Wenn die Hausfrau und Mutter über Jahrzehnte als Magd des Mannes und Sklavin der Küche oder als Gebärmaschine verhöhnt und verunglimpft und den Frauen als allein seligmachendes und einzig lebenswertes Ideal die angebliche Selbstverwirklichung durch den Acht-Stunden-Arbeitstag eingeimpft worden ist; wenn zudem die gewachsene Sprache in ein groteskes Moralkorsett von unsinnigen Sprachregelungen gezwängt wird, um die natürliche Ordnung der Geschlechter zu verwirren und die tradierte Sittlichkeit des familiären Lebens zu zersetzen, sollte keiner sich über das fatale Ergebnis dieser ideologischen Vergiftung verwundern, nämlich das allmähliche Aussterben des eigenes Volkes. Indes, ist es eine von Dummheit oder von Bösartigkeit ins Absurde getriebene Paradoxie, wenn dieselben Leute die Invasion von Fremdvölkern als Erlösung vom Joch der eigenen kulturellen Identität bejubeln und sie gleichzeitig zur Bestandsrettung des eigenen Volkes verklären?

Die Sprache, die sie aus der Nacht der Trübsal wecken sollte, war nur Chloroform.

 

Aug 25 19

Laue Abendluft

Wenn sich die müden Augen netzen
beim blauen Glockenklang,
wie leicht und liebensbang
die Falter sich auf Mohnstaub setzen.

Du, geh mit mir durchs leise Klagen
der lauen Abendluft,
es seufzt der Veilchenduft,
was meine Lippen sich versagen.

Die Efeublätter, wie sie beben,
das dunkle Heimchen zirpt,
als ob die treue Liebe stirbt,
o Pollen, die aufs Wasser schweben.

Und perlen von den weichen Moosen
wie fremden Hauches Raub
die Träume in den Staub,
erblühen auf den Wolken Rosen.

 

Aug 24 19

Das bange Kind

Von basaltenen Fenstersimsen rannen
unter zarten Hauben Schnees
Frühlingsküsse süßen Wehs,
Waldes Dunst wie Milch, verdampft aus Kannen.

Flamme, die in feuchten Scheiten zischte,
Netze spann die Spinne Licht,
wo die Mücke Schatten sticht,
Pendelschläge, mit Seufzern untermischte.

Steckst du einen Zweig geweihter Palmen
an des Kreuzes Einsamkeit,
hörst du, wie es schreit,
Kind, umgittert von den schwarzen Halmen?

 

Aug 23 19

Die Heimat leuchtet fern

Wir wollen rohem Sinn entfliehen,
die Lerche ist verstummt,
die Liebe schleicht vermummt
an Mauern hin, wo Fratzen glühen.

So Lilien mit den Veilchen sprechen,
in stillen Abends Strahl,
bei Herzen, sehnsuchtsfahl,
dort wollen Dankes Brot wir brechen.

Die Heimat leuchtet fern in Auen,
von Engeln mild erhellt,
von Blüten weich gewellt,
die wir im Aug der Liebe schauen.

 

Aug 23 19

Die müden Mythomanen

Mythenfaulig stinkt ihr Pfuhl
von vergorenen Trauben,
wer will ihnen glauben
Harzgeruch von Irminsul?

Gleißender Verse schwarzer Aal
schlüpft durch taube Finger
müder Metrenschwinger.
Brillenguru nennt sich Baal.

Was des Atems Lücken stopft,
Dyspnoe-Gebresten,
Ring erborgter Questen,
der von Opern-Kunstblut tropft.

Sperrholz-Leier grell bemalt,
Sperber und Meduse,
aufgedunsene Muse,
hat Apollon bald zerstrahlt.

Was sie streuen deutschem Sang,
sind nur Jahrmarktrosen,
Wunden, die nicht glosen,
machen uns die Nächte lang.

 

Aug 22 19

Die blassen Herzen

O ihr einsam, Klänge holden Wehs,
als liefen Tränen immer,
geheimen Hauches Schimmer,
über Blütenwangen weichen Schnees.

Wie ist Himmels Aschenantlitz grau,
kein Vogel, der uns sänge,
was uns die Träume enge.
Wie schien früher Liebe Auge blau.

Kommt mit Südens Lüften salzumweht
des Feuers Scheide-Wetter,
ein Rauschen wilder Blätter,
o ihr blassen Herzen, wer besteht?

 

Aug 21 19

Sind noch Götter?

Sind noch Schwingen, weich zu hüllen,
uns, die Traumverwirrten,
sind noch sanfte Hirten,
wilde Herzen mit Gesang zu stillen?

Was mag durch die Nächte tragen,
gibt des Hoffens Osten
im Gebet zu kosten,
die am Abendrot verzagen?

Sind noch Götter, die mit Blitzen
uns von Fernen künden,
wo die Lieder münden,
blauen Eilands Blütenspitzen?

 

Aug 20 19

Aufflug der Kraniche

Wenn Kranichschreie Abschied meinen,
wird grünes Wasser grau.
Wie unterm Schmerzenstau
die zarten Veilchen einsam weinen.

Als wir durch weiche Schilfe glitten,
Geschwister im Schattenspiel,
schob seufzend sich der Kiel
auf schwarzen Sand, wo Wellen stritten.

So ließen wir die Ruder fahren,
und lagen Hand in Hand
an blauen Abgrunds Rand,
betört vom Glück der hohen Scharen.

 

Aug 19 19

Locken weicher Wasser

Die das lange Haar der Gräser kräuseln,
Locken weicher Wasser,
falber Dolden blasser
Widerschein und Mündens grünes Säuseln.

Laß uns mit den losen Blüten schwimmen,
unter uns der Leiden
Dunkelglanz von Weiden,
über uns wie Tränen Sternenglimmen.

Siehst du noch die Früchte, ungepflückte,
aus des Dämmers Zweigen
sich herniederneigen,
und wie Küsse schimmern, süß entrückte?

 

Aug 18 19

Winterliches Feld

Harte Stoppeln, Schattennarben auf den weißen
Wangen der Einsamkeit,
Schreie wahngeweiht,
Ratten, die sich ineinander blind verbeißen.

Hochgewehte Aschen waren Herbstes Sänge,
ausgetretene Glut,
ferner Liebe Blut,
schwarz versickernd in der Erde Totengänge.

Braune Puppen, die auf dürren Halmen schaukeln,
ungeschlüpfter Traum,
fühlen dunkel kaum,
wenn im kalten Mond die schönen Flocken gaukeln.

 

Aug 18 19

Verschneiter Garten

Unerfüllter Sehnsucht Käfer leuchten
auf der Ginsterwiese.
Käme Herbst und bliese
Flammen aus, die uns wie Herzen deuchten.

Stille Freude wird verschneitem Garten,
wo die kapriziösen
dunklen Triebe dösen,
keusche Flocke blüht an Wimpern, zarten.

Harsch gewiegt von blauen düftelosen
Himmeln fühlt der Baum
seine Säfte kaum,
einsam träumt der Erde Schoß von Rosen.

 



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