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Sep 24 21

Das Traumbild, das wir sind

Wie weiße Blüten fortgetragen
von einem seelenlosen Sturm,
versinken Blüten, die wir sagen,
zum Unterreich und seinem Wurm.

Wie Frühlingsmondes müdes Scherzen
in Pfützen, mildem Hauch getaut,
sind unsrer Liebe kleine Kerzen,
die flackern, reden wir zu laut.

Wie Zeichen, in den Sand geschrieben
von einem träumerischen Kind,
verwehn die Lieder, die wir lieben,
zerstiebt das Traumbild, das wir sind.

 

Sep 23 21

Dummheiten des Zeitgeistes

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Auffassung des Sokrates von der Lehrbarkeit der Tugend oder der Einheit von Wissen und Tun des Guten (was immer das sein mag) scheint keine harmlose Sottise zu sein, sondern eine fatale Dummheit, die weitere fatale Dummheiten im Schlepptau der Jahrhunderte hatte, von den größenwahnsinnigen Erziehungs- und Umerziehungsprojekten der zwielichtigen Aufklärung und der Französischen Revolution bis zu den todbringenden Umerziehungslagern der Genossen Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot, von den Lagern zur Vernichtung jener, die aufgrund genetischer Mängel oder kultureller Absonderlichkeiten für nicht umerziehbar erachtet wurden, zu schweigen.

Die Dummheit, die der Feigheit gleichkommt, die Grausamkeit der Wahrheit in Augenschein zu nehmen und sich vor dem Medusenhaupt des Daseins blind zu stellen. Er hat sie gequält und vergewaltigt, als habe er sich außerhalb des Horizonts des Sittengesetzes aufgehalten, in jenem Tal der Finsternis, in das die Sonne des Guten nicht hineinleuchtet. Doch er hat die Untat nicht begangen, weil er nicht gewußt hätte, daß es eine böse Tat war, nicht einmal, obwohl er wußte, daß es eine böse Tat war, sondern, WEIL er wußte, daß es eine böse Tat war. Er hat sie gequält, nicht weil er nicht gewußt oder wahrgenommen hätte, daß sie litt, ja nicht einmal, obwohl er wußte und wahrnahm, daß sie litt, sondern, WEIL er wußte und wahrnahm, daß sie litt.

Die Dummheit der zahllosen angeblichen Intellektuellen, die das Sein mit dem Begriff verwechseln, den Vorstellungsinhalt mit der Vorstellung, das Wissen mit der Meinung; als handele es sich bei dem, was wir das natürliche Geschlecht, ein Volk oder eine Nation nennen, um etwas, was Krethi und Plethi sich darunter vorstellen; und das, weil Krethi und Plethi sich nichts darunter vorstellen können oder wollen, ipso facto nicht existiert.

Die Dummheit der selbsternannten Tugendwächter, die sich im moralischen Totschlagwort „rassistisches (ethnisches, soziales) Vorurteil“ verbirgt; denn der jüdische Siedler, der den mit einem Sprengstoffgürtel bewaffneten Araber auf der Schwelle nicht lächelnd willkommen heißt, sondern zumindest mißtrauisch beäugt und vor ihm auf der Hut ist, sitzt keinem unbegründeten rassistischen Vorurteil auf, sondern verhält sich auf dem Hintergrund der natürlichen und spontanen Animositäten zwischen Angehörigen fremder oder gar feindseliger Gruppen durchaus rational oder vernünftig. Der verarmte Bauer m zaristischen Rußland unterlag keinem rassistischen oder sozialen Vorurteil, sondern handelte auf dem Hintergrund der Spannungen und Konflikte zwischen sozialen Gruppen durchaus rational oder vernünftig, wenn er dem Geldjuden, auf dessen Kredit er angewiesen war, mißtraute, denn seinen Schwager hatten dessen Wucherzinsen, die er nicht mehr abtragen konnte, in den Schuldturm gebracht.

Der Christ im frühen Imperium Romanum konnte zurecht dem heidnischen Nachbarn mißtrauen, lebte er doch in der Furcht, von ihm wegen Mißachtung des Kaiserkults vor Gericht gebracht zu werden; dagegen mußte sich die den alten Göttern die Treue haltende Matrone unter dem christlichen Regime eines Diokletian oder Theodosius vor dem Ressentiment und der Denunziation des katholischen Nachbarn fürchten.

Es wäre nicht nur stupid, sondern unverschämt, dem im Versteck lebenden Juden ein rassistisches Stereotyp zu unterstellen, wenn er einen jeden ihm fremden Deutschen in Verdacht hatte, ihn der Vernichtungsmaschinerie des Holocaust preiszugeben. Und dennoch handelte er rational oder vernünftig, wenn er die Angehörigen der ihm feindlich gesinnten Gruppe so betrachtete, als wäre ein solches rassistisches Vorurteil angebracht.

Die Dummheit der Annahme, das Mißtrauen und die Vorsicht, die unter Angehörigen fremder oder einander feindlich gesinnter ethnischer und sozialer Gruppen herrschen, gehe beklagenswerterweise auf rassistische und andere Vorurteile zurück, impliziert die noch größere Dummheit der Annahme, man könne diesen perennierenden verdächtigen Dispositionen mittels pädagogischer Exerzitien und Moralpredigten oder einschüchternder moralischer Propaganda ein für allemal den Garaus machen.

Die sentimentale Dummheit, das jesuanische Gebot der Nächstenliebe für ein universales Moralgesetz zu halten oder marktschreierisch von Kanzeln und Kathedern als ein solches auszurufen; den Freund, den Geliebten, den Sohn, der einen nach Strich und Faden betrogen und übers Ohr gehauen, gedemütigt und drangsaliert hat, wird keiner, der noch bei Trost ist oder seine Selbstachtung nicht vollends über Bord geworfen hat, mit einem Festmahl erfreuen, wenn er verarmt und heruntergekommen an die Türe klopft. Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn gilt ja nicht als Maßgabe unter Menschen, sondern als Gleichnis für Gottes übermenschliche Geduld und Gnade, eine Hoffnung wider alle Hoffnung.

Die Dummheit verstiegener Kathederphilosophen in der Vorstellung, der Ausgegrenzte, der arme Teufel, der Krüppel, der Irre oder der Verbrecher seien mit den Normalen und den Banausen verwehrten okkulten Fühlorganen gesegnet, um eine tiefere Wahrheit über Gott und die Welt aufzuspüren, vermögen nicht der Gang durch die Elendskloake, nicht der Gestank der Armut, weder der Mückenschwarm um die Schwären des Aussätzigen noch das sinnlose Lallen des Schizophrenen oder der stumpfe Blick des Triebtäters vom bequemen Polster der Arroganz herabzureißen.

Die Dummheit, dem Unternehmer sexistische, rassistische oder ethnozentrische Vorurteile zu unterstellen, weil er lieber einen muskelstrotzenden Kerl als ein zartbesaitetes Mädchen in seiner Sicherheitsfirma einstellt, der den gewitzten, fleißigen und akribischen Japaner, Chinesen oder Inder auf dem Finanzverwaltungsposten einem des Rechnens kaum mächtigen Polynesier oder Schwarzafrikaner vorzieht und der lieber Geschäfte mit Südkoreanern als mit italienischen Mafiosi macht.

Die Dummheit, die Unfähigkeit des Dichters und Künstlers, ein geordnetes bürgerliches Leben zu führen, zur Ursache seiner Kreativität zu verklären; Verlaine war kein großer Dichter, weil er ein Säufer, Hurenbock und Straftäter war, sondern er war es, obwohl er ein Säufer, Hurenbock und Straftäter war.

Die Dummheit, die natürliche Tatsache der physischen und geistigen Unterschiede zwischen den Rassen, ja deren Existenz selbst zu leugnen, aber auf Schritt und Tritt dem Kampf gegen sogenannte rassistische Vorurteile, das heißt tiefwurzelnde Dispositionen des Mißtrauens, der Angst und des Neides oder des Unterlegenheitsgefühls, die ein unvermeidliches  Resultat dieser Unterschiede bilden, das Wort zu reden.

Die universelle Animosität zwischen den ethnischen, sozialen, religiösen und kulturellen Gruppen erklärt das Verhalten ihrer Mitglieder; sie kann durch keine pädagogisch-psychologische Universaltherapie, kein religiös aufgeladenes Welterlösungsprogramm und keine staatliche Tugendverordnung geheilt und aus der Welt geschafft werden. Dies zu glauben und sich Therapien und Programme dieser Art zu verschreiben oder anderen aufzunötigen ist nicht nur dumm, sondern wie jede Form der Realitätsblindheit gefährlich.

Jene, die nicht miteinander leben können, müssen eine gebührende Distanz zwischen sich schaffen.

Im Falle unverträglicher Animositäten hilft keine Integration, sondern nur Segregation.

Einen der klügsten und scharfzüngigsten, witzigsten und tiefsinnigsten deutschen Schriftsteller, Lessing, selbst ihn machte die sentimentale Dummheit, wie sie seine Ringparabel offenbart, geistig matt.

Die Dummheit intellektueller Blasiertheit und pseudotiefsinniger Sophisterei, die in der Annahme liegt, nicht Peter und Hans sprächen, sondern die Sprache, das Unbewußte, das Begehren oder die Macht, verwischt mutwillig die begriffliche Grenze zwischen Wahrheit und Lüge und macht die Begriffe von Verantwortung und Vertrauen, die Basis eines irgend geordneten Gemeinschaftslebens, sinnlos und zunichte.

Dummheit oder Verlogenheit, nicht sehen zu wollen, daß ein unterlegener sozialer Status meist nicht die Folge einer Unterprivilegierung ist, sondern die Unterprivilegierung eine Folge minderer Begabung oder mangelnder Motivation.

Er hatte keine Chance, sagt die dumme Sentimentalität; er war der Herausforderung geistig nicht gewachsen oder wenn gewachsen nicht willens, seine Chance zu nutzen, die kühle Vernunft.

Dummheit und Intelligenz sind nach dem Verlauf der Gaußschen Kurve ungleich über die Individuen, Rassen und Völker verteilt. Die Juden brachten, trotz jahrhundertelanger Verfolgung und Gettoisierung mit die bedeutendsten Mathematiker hervor. Der große Mathematiker Pascal wurde von dem um sein Seelenheil besorgten Vater jeder Chance und Gelegenheit beraubt, seine mathematische Begabung regelrecht auszubilden; doch fand der kleine Junge, auf den Fliesen des Elternhauses spielend, spontan grundlegende Axiome der Euklidischen Geometrie

Die gefährliche Dummheit, die zugleich eine Form subtiler Verachtung darstellt, Frauen ohne Ansehen ihrer intellektuellen Fähigkeiten in Positionen zu befördern, denen sie nicht gewachsen sind, oder das Anspruchsniveau ihrer Aufgaben in dem Maße zu senken, daß sie ihnen gewachsen sind.

Dummheit, die ex cathedra verkündet, Sprache diene der Verständigung.

Das Kauderwelsch der Gaunersprache dient dem Zweck, von anderen NICHT verstanden zu werden, auf daß man sie umso gewiefter übers Ohr hauen kann.

Das Kauderwelsch der zeitgeistigen Intellektuellen, eine besondere Abart von Gaunersprache, dient dem Zweck, andere mittels enigmatischer Wendungen und auf nichts referierender Kunstbegriffe und rhetorischer Schnörkel zu verblüffen und durch herablassende Hinweise auf das kümmerliche Gemüsebeet ihres sie kaum ernährenden Wissens zu beschämen; eine bisweilen erhabene Narrheit streifende Weise, Eindruck zu schinden, sodaß dem Schinder ein nicht zu verachtender monatlicher Salär zugebilligt wird.

Dummheit, mittels gleichsam empörten und intransigenten Fragens das Evidente in den Dunst des Rätselhaften zu tauchen, das Selbstverständliche unverständlich werden zu lassen und den mühsam gebahnten Pfad des Lebens mit dem erhabenen Bombast und Plunder des angeblich Fragwürdigen zu verstellen.

Von Männern und Frauen, Vätern und Müttern, Liebe und Haß, Vernunft und Dummheit, Wahrheit und Lüge sans phrase und ohne moralisch gebotenes Stottern und Stocken zu reden entlarvt der Idiot der Kritik als Symptom einer geistigen Krankheit namens Normalität.

Dummheit, empirische Aussagen und Wahrscheinlichkeitsverdichtungen mit Gesetzeshypothesen zu verwechseln; er hat dreimal hintereinander einen Pasch gewürfelt, die Götter müssen ihm gewogen sein; der Sommer war ungewöhnlich trocken und heiß oder (was schert Dummheit logische Konsistenz) der Sommer war ungewöhnlich feucht und kühl, es muß der Klimawandel sein. Vernunft hält sich an das geflügelte Wort, wonach eine Schwalbe noch keinen Sommer macht.

Dummheit, mittels verlogener Hermeneutik das Joch der Wahrheit abzuschütteln. – Sie hat dich mit deinem Freund betrogen; Betrug und Treue, Kränkung und Eifersucht sind Begriffe einer anachronistischen Einstellung und kleinkarierten Fühlweise. Sie haben die Twin Towers aus religiösen Motiven zerstört und ihrem religiösen Wahn tausende Leben geopfert; aber eigentlich, wenn man tief genug schürft, entpuppt sich ihre Religion als lieblicher Quell des Friedens, ihr Verkünder als Ausbund der Menschenliebe.

Die Dummheit, das sogenannte Gute oder moralisch Gebotene für eine eindeutig identifizierbare allgemeine Eigenschaft von Einstellungen und Handlungen zu halten, die allerdings nur Berufenen wie seinen Auguren auf den Gipfeln des Zeitgeistes, von der Avantgarde revolutionärer politisch-religiöser Kader bis zu den Verächtern des Common Sense in den akademisch-medialen Kaderschmieden, im hellen Licht des Ideals zu erblicken vergönnt ist. Man achte auf den säuerlichen Nachgeschmack beim Gebrauch des Begriffs „Avantgarde“ in seiner politisch-moralischen oder ästhetischen Bedeutung und begutachte die fatalen Folgen dieser Dummheit, von der Verwüstung traditioneller Sitten und Siedlungsräume bis zur Verödung der Plätze und Ausstellungshallen durch avantgardistische Kunstwerke oder die Verkarstung der Sprachlandschaft und die Verhöhnung des Geistes der Sprache durch Wendungen wie „jeder und jede“, „was frau dazu meint“ oder „Studierendenversammlung“.

Die Dummheit der Fragen übertrifft oft die Dummheit der Antworten.

Ist alle Wahrnehmung subjektiv? Aber subjektive Wahrnehmung, wie die Wahrnehmung der grünen Ampel, ist die Bedingung objektiver Ereignisse, wie des Ereignisses, daß ein Fußgänger über die Kreuzung geht. Können Mäuse, Tauben, Affen denken? Aber denken heißt Gedanken haben, Gedanken erfordern, worüber Tiere nicht verfügen, Medien der Darstellung, der Aufzeichnung, des Ausdrucks, wie Bilder, Diagramme oder Sätze.

Die Dummheit, das Leben auf der Suche nach Antworten auf sinnlose Fragen zu vergeuden.

 

Sep 22 21

Süßes Leben

Wenn deine sanften Augen dunkler blauen
und dunkler wölben sich die Augenbrauen,
gießt Abendsonne ihren Wein.

Wir gehen schweigend auf dem Pfad der Reben,
und Schweigen füllt der Trauben süßes Leben,
noch glüht des Ungesagten Stein.

Wenn deine Finger sich um meine krallen
und Taubenfedern aus den Zweigen fallen,
hüllt uns des Mondes Laken ein.

Wir gehen singend auf dem Uferpfade
und Singen steigt aus nymphengrünem Bade,
der Tropfen klingt am stummen Stein.

 

Sep 21 21

Schattenpfade

Wir gehen noch ein wenig durch die Reihen
der Apfelbäume, die wir einst gesetzt.
Wir sehen Blüten, die ins Dunkel schneien,
und fühlen, wie ein sanftes Licht verletzt.

Und was wir sagen, sinkt wie lose Samen
schwach zitternd einer stummen Erde zu.
Und was wir meinen, übersteigt die Namen,
mit denen wir uns nennen ich und du.

Wir sind uns nahe, wie sich Schatten dehnen
einander über, falschen Mondes Scherz.
Wir sind uns fremd wie ferne gehend Venen,
die stocken macht ein ungestilltes Herz.

 

Sep 20 21

Der Staub

Wo kommt er her?

Aus wahnzerwühlter Erde,
verkohlter Geigen Holz,
aus Mondes Aschenurnen,
zerstampfter Trauben Nacht,
da feuchter Hauch aus Kellern
ihn auf des Tages Schwelle hob?

Und wandelst heiter du am Fluß
die moosgedämpften Abendpfade,
wie flimmern seine Fäden,
fast lesbar, auf dem blauen,
transparenten Tuch der Luft.

Sinkst du aber wie ein Knöchel
plötzlich in das Moor des Schlafs,
bläst mit ihrem schlechten Atem
die Parze ihn dir ins Gesicht,
und dir träumt,
du liegst, ein Toter auf der Bahre,
und fühlst die schwarzen Nägel wachsen.

Und alle Worte werden dir zu Staub,
der sich des Nachts auf jene Muster setzt,
die du im Abendlicht gewirkt.

Du glaubst, sie auszuwaschen sei
der Tränen reines Maß genug,
doch unter Tränen lösen sie sich auf.

Du wringst und wischst
und schäumst und scheuerst,
du rutschst auf deinen Knien
vor eines Dämons fahlem Grinsen,
bis es dein nasser Lappen klatschend löscht.

Und gehst du freier atmend um das Haus,
wo gnädig Tau und sanfter Regen
das Werk der Reinigung vollbringt,
erwartet dich auf blanken Fliesen
die erste Flocke, dir zu künden,
vergebens ist der Kampf,
ewig Staubes Wiederkehr.

Wann lernst du dich der Liebe beugen
zum Schicksal, das mit Schatten reizt,
dich wachhält unter schläfrigem Gewebe,
die Haut der Dinge immer neu verdunkelt,
daß deine Hand, die zärtliche,
den warmen Schimmer neu enthüllt?

 

Sep 19 21

Das Gesetz des Ausgleichs

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Im schwarzen Wasser spiegeln sich die bunten Lichter von Bord des weißen Schiffes, von dem Fetzen heiteren Gesanges, Lachen, Klirren von Gläsern ans Ufer herüberwehen; der dort in der Einsamkeit des Abends, seines Abends, verharrt und sie vernimmt, sieht in den farbigen Schlieren des Lichts, die von den Wellen fortgespült werden, die Unerfüllbarkeit aller Sehnsucht, die Verlorenheit des menschlichen Daseins.

Je inniger, strahlender, sublimer der Klang emporsteigt, wie bei Bruckner, umso schwindelerregender, bestürzender, klaffender die Leere, die sich unter uns auftut.

Nur das vollkommene Kunstwerk, wie Dantes Göttliche Komödie, Bachs Wohltemperiertes Klavier oder Goethes Faust, zeigt die innige Totalität des Lebens, die harmonische Einheit seiner Stimmen und Gegenstimmen.

Das Ideal des uomo universale scheint an jenen, denen man seine Verwirklichung zuzusprechen geneigt ist, nur schattenhaft und fragmentarisch auf.

Dem Asketen des Schweigens hängt der Mund schief.

Das beherrschende Thema des menschlichen Dramas, ob Tragödie oder Satyrspiel, Komödie oder Farce, ist der Gegensatz des männlichen und weiblichen Geschlechts.

Der große Dichter und der außerordentliche Künstler vermögen dem Gegensatz in glücklichen Augenblicken mittels des Spiels und Widerspiels von Licht und Schatten, Sonne und Frucht, Wort und Stille, Linie und Leere Ausdruck zu verleihen.

Die Behauptung, Licht sei ein Teilchen, und die Behauptung, Licht sei eine Welle, bilden keinen Widerspruch, sondern einen komplementären Gegensatz.

Der Gegensatz von Vernunft ist nicht Unwissen, sondern Dummheit.

Wir können unsere Entscheidungen und unsere Theorien nicht auf irgend sichere Fundamente von Gewißheit gründen; wir müssen im Zwielicht des Ungewissen handeln und können unsere Theorien nur auf empirische Annahmen stützen, die ihrer Natur nach nie vollständig beweisbar sind.

Es ist vernünftig anzunehmen, daß die Sonne morgen wieder scheinen wird; aber dies ist eine auf zahllosen vergangenen Beobachtungen fußende empirische Vorhersage; doch keine Vorhersage kann den Grad der Gewißheit eines mathematischen Beweises haben.

Es ist mit der Gesamtheit unserer wissenschaftlichen Annahmen nicht unverträglich anzunehmen, daß die Sonne morgen nicht wieder scheinen wird; aber es ist wenig vernünftig.

Wer etwas dem anderen verspricht, macht bekanntlich keine Voraussage über sein zukünftiges Verhalten; wenn man die Zusage des Freundes, das ausgeliehene Buch morgen wieder auszuhändigen, als Voraussage mißversteht, wird man sein Versprechen nie ganz ernst nehmen, weil Prognosen immer problematisch sind; aber dies wäre unvernünftig, denn vernünftigerweise gilt uns die in der Vergangenheit erprobte Zuverlässigkeit des Freundes und unser darauf fußendes Vertrauen mehr als der theoretische Zweifel.

Die Vergangenheit ist die Lehre, daß die Szenerie wechselt und die Dialoge und Monologe mal simpler gestrickt, mal dichter gebaut sind, aber die Masken, Handlungsverläufe und Intrigen bleiben; man gibt sich alle Mühe, steigert sich, bisweilen ins Manierierte, bisweilen ins Groteske; doch vergebens hofft man auf den Applaus eines erhabenen Publikums, der Götter; oder gar auf das Trampeln und Zischen eines weniger erhabenen Publikums, der Dämonen.

Die Schildkröte trägt ihr eigenes Gehäuse; das gibt ihr Sicherheit, aber verlangsamt ihren Schritt.

Die Antilope, das Rehwild, die Maus sind hellhörig und wachsam bis in den Schlaf, flink und geschickt bei den Sprüngen und Schlenkern ihrer Fluchtbewegungen; aber gegen die Pranken des Löwen, die Zähne des Wolfs, die Krallen des Uhus haben sie keine Gegenwehr.

Der feinsinnige Dichter schenkt der Geliebten, was in der Dämmerung noch ihr leuchtet, die Blume des Munds; aber in der Angst der Welt versagt er, ein Kind schenkt er ihr nicht.

Ein Unhold des Lebens, ein Trunkenbold und Hurenbock wie Verlaine schreibt die zartesten Gebilde in den reinen Schnee der Einsamkeit, legt die keuschen Knospen sublimer Hymnik auf den Altar der jungfräulichen Mutter.

Drei Brüder erhalten zu gleichen Teilen das väterliche Vermögen ausbezahlt. Der erste vergeudet es im Bordell und in der Kneipe, er endet in der Gosse; der zweite leiht es zu Wucherzinsen aus und verschanzt seinen nagenden Geiz und Verdruß hinter den Mauern einer prächtigen Villa; der dritte, ein fahrender Sänger, vergräbt es unter einem Baum, den nach langen Fahrten wieder blühen zu sehen er in später Zeit heimzukehren willens ist; doch der Wanderer gilt für verschollen und der Baum ward längst umgehauen.

Das schöne, schlichte Bild der unmöglichen Hoffnung, der frommen Einfalt: „Rose ohne Dornen.“

Der Feinsinnige, der sich in den Disteln des Alltags verfängt, wird seine Wunden nicht zu anklägerischer Demonstration vorweisen.

Der goldene Wein, der nur in dunklen Gewölben heranreift.

Der kluge Ratgeber, der sich selbst nicht zu helfen weiß.

Der Mann, zum Schutzgeist der reifenden Frucht und der nährenden Mutter berufen, übt die hellste Wachsamkeit und die schärfste Intelligenz im tödlichen Handwerk der Jagd und des Kampfes.

Unser Begriff von Liebe ist, jenseits der heißen Tränen des Eros, eine seltsame Mischung milder Muttermilch und herben väterlichen Honigs.

Warum ist der Mann in mathematisch-logischer und technischer Intelligenz der Frau von Natur aus überlegen? Er entwickelte sie, sein genetisches Potential taktend, in tausenden von Jahren bei der geometrisch präzisen Vermessung von Ort und Abstand der Jagdbeute und des herannahenden Feindes, in der Herstellung wirksamer Waffen, in den Berechnungen des Saat und Ernte ausweisenden Kalenders und der ihn bedingenden Umläufe der Gestirne.

Der Schoß und die Sanftmut der Frau, das Geschlechtsteil und die Mordlust des Mannes: coincidentia oppositorum oder wie Heraklit es nannte, gegenstrebige Harmonie.

Das universale Gesetz des Ausgleichs zeigt sich in der ungleichen Verteilung der Begabungen und Temperamente, ob bei den Völkern oder Kulturen, bei den Geschlechtern oder Individuen.

Das mathematische Genie, Pascal oder Wittgenstein, fällt im von wohlriechenden, gebildeten Damen geführten Salon geistreicher Plauderei in betretenes Schweigen; das heitere Gemüt verdunkelt sich vor der gefurchten Stirn des Tiefsinns; die vom wilden Strahl der Sonne gekränkte Sanftmut zieht sich in die Laube der Dämmerung zurück.

Nichts Neues unter der Sonne, dies ist die Lehre von der Sinnlosigkeit allen Geschehens; doch daß ein Mozart erschien, ein Bruckner, mag sie nicht widerlegen, aber läßt die Seele, so verloren und ausgesetzt sie immer sei, nicht ganz mit sich allein.

Der Teufel hebt bei der 4. Sinfonie Bruckners, wenn sich der Klang im Finale zu den lichten Höhen einer uns einzig durch ihn offenbarten Herrlichkeit emporschwingt, der Sonne gleich, die den Schnee des fernen, unbesteigbaren Gipfels streift und erglühen läßt, ein wütendes Geschrei an; er hat ihren Sinn begriffen.

 

Sep 18 21

Verwehte Blüten

Hat das Zwielicht Schnee gestreut
auf die Wimpern, auf die Locken,
will ich, süßer Schmelz erfreut,
küssend lösen dir die Flocken.

Sehen Birken wir umrankt
von des Efeus bangem Sehnen,
will ein Schatten ich, der schwankt,
mich an deine Schulter lehnen.

Hat der Mond den Tau entfacht,
Schmerzkristalle auf den Hügeln,
will ich dir, ein Strom der Nacht,
sie in dunklen Versen spiegeln.

Sehen Blüten wir verweht,
da die blauen Fluten münden,
will ich, sieh, die Sonne geht,
sie zum lichten Kranz dir winden.

 

Sep 17 21

Vom normativen Gehalt der Sprache

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Maß, Zahl, Symmetrie, Gestalt und Struktur sind dem physischen und seelischen Dasein inhärent und wesentliche Merkmale natürlicher und sozialer Ordnungen wie der Ordnungen und Strukturen von pflanzlichen und tierischen Organismen und der menschlichen Sprache und Kultur.

Sprechen lernen heißt im günstigen Falle lernen, sich korrekt und angemessen auszudrücken; und mit einem solchen disziplinierten Wohlverhalten in den größeren normativen Ordnungen der sozialen Welt Zugänge und Nischen des Lebens und Überlebens zu finden.

Wenn wir von jemandem sagen, er sei an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit geboren, kann es kein anderer sein, von dem wir dasselbe sagen.

Viele wurden in dieser Stadt geboren, einige sogar zur selben Zeit; aber nur dieser zu dieser Stunde an diesem Ort.

Geburtsort und Geburtszeit gelten uns als Identitätsmerkmale eines wesentlichen Begriffs der sprachlichen Ontologie, der Person.

Wir verfügen in der Sprache über einen Identitätsmarker, mit dem wir die Identität dessen, der an diesem Ort zu dieser bestimmten Zeit geboren wurde, ausdrücken: den Eigennamen.

Wenn es Peter ist, über den wir sprechen, sagt jemand, der mit Peter eine andere Person meint als jene, die an diesem bestimmten Ort zu dieser bestimmten Zeit geboren wurde, die Unwahrheit, auch wenn er sich korrekt ausdrückt und dasselbe sagt wie jener, der eine wahre Aussage macht.

Die Sprecherintention gehört zum Gesagten, und sie kommt gleichsam in ihrer wahren Gesinnung früher oder später ans Licht, wenn einer beispielsweise von Peter behauptet, was nur auf Hans zutrifft.

Wir können Eigennamen wie Peter nur sinnvoll und korrekt verwenden, wenn wir ihren Trägern wesentliche Eigenschaften wie jene, an diesem bestimmten Ort zu dieser bestimmten Zeit geboren worden zu sein, zuordnen können.

Die Augenfarbe und manches dieser Art wie Kurzsichtigkeit und Fahrigkeit scheinen nicht zu diesen wesentlichen Attributen zu gehören, denn an Peters Augenfarbe erinnert sich vielleicht gerade nicht, wer durchaus Zutreffendes über Peter zu sagen hat.

Wenn Peter sagt, er wisse aufgrund seiner Geburtsurkunde, wann und wo er geboren wurde, muß seine Aussage, soll sie korrekt und stichhaltig sein, zwei Kriterien erfüllen:

1. das grammatisch-semantische Kriterium der Reflexivität, welches folgende Analyse seiner Aussage impliziert: „Ich weiß, daß ich, Peter, an diesem Ort zu dieser Zeit geboren wurde.“ Natürlich könnte Peter sich aufgrund eines Fehlers in der Urkunde irren oder unter Vorlage einer gefälschten Urkunde lügen, doch bliebe in beiden Fällen die grammatisch-semantische Struktur der Reflexivität der Aussage unangetastet.

2. das logische Kriterium der Identität der epistemischen Aussage über ein echtes Wissen in der ersten Person mit der Aussage in der dritten Person: Denn für Peters Aussage in der ersten Person „Ich weiß, daß …“ können wir in solchen Fällen salva veritate die Aussage in der dritten Person einsetzen „Peter weiß, daß …“; und statt „Peter weiß, daß …“ wiederum sagen „Hans oder Hanna weiß, daß …“, wenn Hans oder Hanna das ihnen vorgelegte Dokument für authentisch halten.

Dagegen gilt trivialerweise für Aussagen wie Peters Aussage „Ich glaube (hoffe, befürchte), daß ich Hans im Park treffen werde“ wohl das Kriterium der grammatisch-semantischen Reflexivität, nicht jedoch das epistemische Kriterium der Austauschbarkeit von erster und dritter Person, denn was Peter glaubt, hofft oder befürchtet, glaubt, hofft oder befürchtet Petra noch lange nicht.

Phoneme müssen distinkt sein, damit sie Unterschiede der Bedeutung auszudrücken vermögen wie „kalt“ und „bald“ oder „moon“ und „soon“, „salus“ und „malus“. Das phonematische Material der vom Sprechapparat ethnisch und individuell höchst mannigfaltig hervorgebrachten Geräusche und Klänge mögen wir konventionell nennen (doch auch sie gehorchen Gesetzen phonematischer Natur), indes die Tatsache seiner semantisch relevanten phonologischen Differenzierung ist keine Konvention. Wie bedeutungstragende Phoneme die Lautmasse formen und gestalten, strukturieren und diskriminieren, kann man als konventionell ansehen, die normativ gehaltvolle Tatsache, daß sie es tun, in welcher Weise auch immer, ob beispielsweise durch Tonhöhendifferenzierung oder ausdrucksstarke Vokalisierung und Diphthongisierung, ist ein Strukturgesetz der Sprache.

Daß wir mit dem Namen Peter eine Person dieses Namens bezeichnen und meinen, aber nicht zugleich das Eigentum dieser Person an beweglichen und nichtbeweglichen Gütern oder ihre Kinder und Haustiere mitbezeichnen, ist keine konventionelle Angelegenheit, auch wenn es schwierig ist, sich über den Gehalt des Begriffs einer Person ins Klare zu setzen; denn die Frage, ob wir Peters Augenfarbe, seine derzeitige Körpertemperatur oder seinen Hormonstatus ebenso unter diesen Begriff subsumieren wie uns wesentlicher erscheinende Eigenschaften wie seine Intelligenz, seine musikalische Begabung und sein freundliches Wesen, können wir beiseitelassen, solange wir an dem fundamentalen semantischen und ontologischen Kern des Begriffs festhalten.

Mit der semantischen Funktion des Benennens und Prädizierens gelangen wir in den normativ gehaltvollen Bezirk der Sprache, denn die Aussage „Peter wohnt in Paris“ ist falsch und bedarf des Tadels und der Richtigstellung, wenn er in Berlin wohnt, und die Aussage „Peter ist mit Anna befreundet“ ist wahr und wird ohne viel Aufhebens als bare Münze eingesteckt, wenn Anna seine Freundin ist.

Den Ausruf „Peters Miene verfinstert sich!“ können wir als Warnung auffassen, Peter nicht weiter mit inquisitorischen Fragen zu behelligen; dabei ist zugleich der wortgleiche Ausdruck „Peters Miene verfinstert sich“ der semantische Kern oder Satzradikal seiner mittels Stimmführung oder das Ausrufezeichen modifizierten performativen Bedeutung, eben des Satzmodus der Warnung. Wenn allerdings Peter in der relevanten Situation eine heitere Miene zur Schau stellt, scheitert der Satzmodus an der Verfehlung des deskriptiven Aussagekerns. Wir korrigieren den Sprecher, indem wir ihn auffordern: „Schau mal genau hin!“

Der deskriptive Aussagekern mit seinen semantischen Funktionen der Benennung und Prädikation ist der Stein des Anstoßes für jede rein nominalistische oder konventionalistische Sprachauffassung, von der ewigen Vertagung des Satzsinns durch die postmoderne „Theorie“ zu schweigen.

Nur Personen können sprechen, das heißt, im Falle des Falles für das, was sie sagen, verantwortlich zeichnen, zu ihrem Wort stehen oder sich hinter ihren Worten verbergen, ihre Aussagen verdeutlichen oder verschleiern, sie logisch gültig oder ungültig ableiten und empirisch mit plausiblen oder weithergeholten Hinweisen begründen oder sie in den bodenlosen Sand des Irrationalen setzen, aber sie auch im Lichte sinnfälliger Kritik korrigieren, modifizieren oder zurückziehen. In diesem philosophisch prägnanten Sinne können wir Tieren die Fähigkeit zur Sprache nicht zubilligen.

Wir verfügen über die Fähigkeit, Worte über Worte zu machen, das Geschriebene im Lichte besserer Einfälle und treffender Vergleiche zu ergänzen und das Gesagte angesichts der offenkundig gewordenen Tatsachen zu revidieren oder zurückzunehmen, ja uns stilloser, aber Eindruck schinden sollender Wortungetüme zu schämen oder uns für eine Lüge zu entschuldigen. Dieses aus dem Normbereich der Sprache erwachsende Ethos gibt uns einen Vorbegriff dessen, was wir die Freiwilligkeit (und demgemäß auch die sich beispielweise im sprachlichen Lapsus zeigende Unfreiwilligkeit) einer Handlung nennen.

Wir unterscheiden den deskriptiven Gehalt einer Aussage von der kommunikativen Funktion ihrer Verlautbarung, den ein Satz auf Basis des Modus der Äußerung wie des Modus der Behauptung, Frage, Aufforderung oder des Versprechens annimmt. So wird der deskriptive Gehalt im Satz „Peter wohnt in Berlin“ zu einer Behauptung, wenn sie die Aussage, er wohne in Paris, richtigstellt.

Die Welt, in der wir leben, gliedert sich in die nicht abzählbare Menge der Namen und Begriffe, die wir ständig mittels erweiterter Taxonomien und Klassifikationen vervielfältigen, und deren unübersehbar mannigfache Schnittmengen, die uns aufgrund neuer Erfahrungen einfallen, die sich uns ad oculos aufdrängen oder die wir im freien Spiel der Einbildungskraft in dichterischer Sprache zum Ausdruck unserer Gestimmtheiten, Lebensgefühle und Intuitionen verwenden.

In der Aussage „Peter ist der Erbe erster Ordnung des väterlichen Vermögens“ verknüpfen wir die semantische Funktion der Benennung sowohl mit der Taxonomie des kulturell relevanten Verwandtschaftssystems als auch mit der Klassifikation des unsere Kultur prägenden Erbrechts.

Jede Norm impliziert die Möglichkeit ihrer Übertretung, jede Ordnung die Gefahr ihrer Unterminierung und Zerstörung; dies gilt für die soziale Ordnung, aber auch für die Sprache.

Indes dementiert der Verbrecher nicht den Sinn der Strafordnung, sondern bestätigt sie vielmehr.

Die Logophrenesie und das wütend delirierende Gezeter des Psychotikers wirken bisweilen wie eine infantile, also blinde und ohnmächtige Rache an der väterlichen Ordnung des Namens.

Wenn das, was man geistreich Wahrheitsspiel genannt hat, zum strukturellen Kern der Sprache gehört, kann sie augenscheinlich nicht auf ihre durchaus mächtige und fruchtbare kommunikative Funktion beschränkt werden; insonderheit nicht vollständig durch die Biologie der Anpassung und die Soziologie der Beeinflussung erklärt werden.

Wir loben jenen, der sich bündig und körnig, treffend und prägnant ausdrückt, wir fühlen uns vom Licht einer glücklichen Metapher erhellt, tadeln aber einen, dem die Worte wie Unkraut das schüchterne Veilchen der Wahrheit verdunkeln oder ersticken, kurz, die bündige und treffende Benennung und die lichtvolle Begriffsbestimmung finden unser Lob, ihr Gegenteil unseren Tadel; daß Lob und Tadel eine pädagogische Rolle in unseren Sprachspielen innehaben, zeugt von ihrem normativen Kern.

Den Freund mit seinem korrekten Namen zu nennen und zu rufen, erachten wir (obwohl die semantische Funktion der Benennung aus einem großen geistigen Sprung, einer Emergenz, hervorgegangen ist) nicht für lobens-, ja nicht einmal für erwähnenswert.

Jemand vergleicht den Freund Peter nach dem Motto „Nomen est omen“ wegen seiner Hartschädeligkeit und Sturheit mit der Widerständigkeit und Unverrückbarkeit eines Felsens; ein anderer nennt ihn gar einen Felsen in der von den Zeitläuften aufgewühlten Brandung der Freundschaft. Mögen wir den einen als geistreich loben, den anderen als exaltiert tadeln

Wir pflegen allerdings nicht uns in Lob und Bewunderung zu ergehen, sondern runzeln die Stirn ob einer Obsession durch den unaussprechlichen Namen Gottes, die sich in der religiösen Überhöhung und Verehrung unendlicher Zahlen wie der Kreiszahl Pi kundtut.

Wir tadeln jenen nicht, der die Namen seiner Anverwandten, Freunde und Kollegen durch das System eines Zahlencodes beispielsweise für Farben ersetzt, sondern raten in einem solchen Falle zu einer psychiatrischen Behandlung; ebensowenig monieren wir den Umstand, daß Peters Vater den Namen seines Sohnes nicht mehr weiß, ja seinen eigenen vergessen hat, sondern erachten dies als sicheres Zeichen einer geistigen Zerrüttung.

 

Sep 16 21

Léonie Adams, Lullaby

Hush, lullay.
Your treasures all
Encrust with rust,
Your trinket pleasures fall
To dust.
Beneath the sapphire arch,
Upon the grassy floor,
Is nothing more
To hold,
And play is over-old.
Your eyes
In sleepy fever gleam,
Their lids droop
To their dream.
You wander late alone,
The flesh frets on the bone,
Your love fails in your breast,
Here is the pillow.
Rest.

 

Schlaflied

Still, mein Herz.
All deine Lieder verhallen
im welkenden Laub,
all deine Spiele zerfallen
zu Staub.
Unterm Saphirbogen
über grünendem Leben
findet dein Streben
keinerlei Halt,
das Stück ist alt, so alt.
Deine Augen
schwimmen in schimmerndem Schaum,
deine Lider, sie sinken
in ihren Traum.
Spät noch irrst du allein,
die Haut, Gekräusel überm Gebein.
O Herz, das eigne Liebe übertraf.
Hier ist das Kissen.
Schlaf.

 

Sep 15 21

William Butler Yeats, The Travail of Passion

When the flaming lute-thronged angelic door is wide;
When an immortal passion breathes in mortal clay;
Our hearts endure the scourge, the plaited thorns, the way
Crowded with bitter faces, the wounds in palm and side,
The vinegar-heavy sponge, the flowers by Kedron stream;
We will bend down and loosen our hair over you,
That it may drop faint perfume, and be heavy with dew,
Lilies of death-pale hope, roses of passionate dream.

 

Die Mühsal der Passion

Wenn offensteht das flammenschwertbewachte Tor,
wenn Odem ewigen Leids sterblichen Lehm durchweht,
erdulden unsre Herzen Geißel, Dornenkranz, den Gang, der geht
durch kalter Blicke Reihen, an Hand und Seite Wundenflor,
den essigherben Schwamm, am Kidron den Blütensaum.
Wir sinken ins Knie und lösen über dir unser Haar,
daß ihm matter Duft entquillt, da von Tau es trunken war,
Lilien todesfahlen Hoffens, der Rosen glühenden Traum.

 

Sep 14 21

William Butler Yeats, The Falling of the Leaves

Autumn is over the long leaves that love us,
And over the mice in the barley sheaves;
Yellow the leaves of the rowan above us,
And yellow the wet wild-strawberry leaves.

The hour of the waning of love has beset us,
And weary and worn are our sad souls now;
Let us part, ere the season of passion forget us,
With a kiss and a tear on thy drooping brow.

 

Wenn die Blätter fallen

Herbst hängt über den großen Blättern, die uns lieben,
und über den Mäusen, die Reste der Mahd verzehren.
Gelb die Blätter der Eberesche, die uns noch blieben,
und gelb die feuchten Blätter der Wilderdbeeren.

Die Stunde sucht uns heim, da die Liebe verbleicht,
unsre traurigen Herzen sind schlaff wie vernutzter Zwirn.
Laß uns scheiden, ehe die Hochzeit der Liebe entweicht,
mit einem Kuß, einer Träne auf deiner sinkenden Stirn.

 

Sep 14 21

William Butler Yeats, The Wild Swans at Coole

The trees are in their autumn beauty,
The woodland paths are dry,
Under the October twilight the water
Mirrors a still sky;
Upon the brimming water among the stones
Are nine-and-fifty swans.

The nineteenth autumn has come upon me
Since I first made my count;
I saw, before I had well finished,
All suddenly mount
And scatter wheeling in great broken rings
Upon their clamorous wings.

I have looked upon those brilliant creatures,
And now my heart is sore.
All’s changed since I, hearing at twilight,
The first time on this shore,
The bell-beat of their wings above my head,
Trod with a lighter tread.

Unwearied still, lover by lover,
They paddle in the cold
Companionable streams or climb the air;
Their hearts have not grown old;
Passion or conquest, wander where they will,
Attend upon them still.

But now they drift on the still water,
Mysterious, beautiful;
Among what rushes will they build,
By what lake’s edge or pool
Delight men’s eyes when I awake some day
To find they have flown away?

 

Die wilden Schwäne beim Coole Park

Die Bäume stehen in herbstlichem Prangen,
die Pfade des Walds sind verdorrt,
im Oktoberdämmer spiegelt das Wasser
des Himmels schweigenden Hort.
Zwischen feuchten Steinen haben ihre Domäne
neunundfünfzig Schwäne.

Neunzehn Herbste sind mir verflossen,
seit erstmals gezählt ich den Chor.
Ich sah, kaum war ich zum letzten gekommen,
sie jählings steigen empor
und sich zerstreuen kreisend in zerbrochenen Ringen
auf ihren flatternden Schwingen.

Ich erschaute an diesen Geschöpfen den Glanz,
und jetzt ist das Herz mir versehrt.
Alles ward anders, seit ich, im Zwielicht
zuerst an dies Ufer gekehrt,
zu lauschen überm Haupt ihres Flügelschlags Glockenklang,
ging einen leichteren Gang.

Einander nie müde, liebend Geliebte,
rudern sie hin, wo sie bald
kühlende Strömung gesellt, oder steigen in Lüfte.
Ihre Herzen, sie wurden nicht alt.
Passion oder Sieg, auf seiner Schicksalsbahn
behüten noch sie den Schwan.

Jetzt gleiten sie aber auf stillem Wasser,
sind Wundern, sind Feen gleich,
In welchen Schilfen werden sie nisten,
am Saum welchen Sees, an welchem Teich
der Menschen Aug entzücken, weckt mich der Morgenstern,
zu sehen, hinflogen sie fern?

 

Anmerkung zum Verständnis:
Die wilden Schwäne, die W. B. Yeats in seinem Gedicht aus dem Jahre 1917 als Symbole der transzendenten Schönheit in einer vergänglichen (vom Weltkrieg und dem irischen Bürgerkrieg heimgesuchten) Welt beschwört, lebten in einer Karstlandschaft in der Nähe des Coole Park, der zum Landsitz der mit Yeats befreundeten Lady Gregory gehörte, unweit des damaligen Wohnortes des Dichters in Irland.

 

Sep 13 21

William Butler Yeats, The Song of Wandering Aengus

I went out to the hazel wood,
Because a fire was in my head,
And cut and peeled a hazel wand,
And hooked a berry to a thread;
And when white moths were on the wing,
And moth-like stars were flickering out,
I dropped the berry in a stream
And caught a little silver trout.

When I had laid it on the floor
I went to blow the fire a-flame,
But something rustled on the floor,
And someone called me by my name:
It had become a glimmering girl
With apple blossom in her hair
Who called me by my name and ran
And faded through the brightening air.

Though I am old with wandering
Through hollow lands and hilly lands,
I will find out where she has gone,
And kiss her lips and take her hands;
And walk among long dappled grass,
And pluck till time and times are done,
The silver apples of the moon,
The golden apples of the sun.

 

Lied des umherirrenden Aengus

Ich ging in den Haselbuschwald,
denn mir brannte ein Feuer im Hirn,
ich schnitt und schälte einen Haselstab
und band eine Beere an einen Zwirn.
Und als weiße Falter flogen hinan,
und faltergleich Sterne flimmerten drein,
ließ ich die Beere schnellen ins Naß,
und fing einer kleinen Forelle Silberschein.

Ich hatte auf den Boden sie gelegt,
der Glut zu hauchen frischen Brand,
da hat sich raschelnd was bewegt,
mit Namen etwas mich genannt:
Es stand vor mir ein schimmerndes Weib,
voll Apfelblüte schien ihr Haar,
sie rief mit meinem Namen mich und lief
und schwand in die Luft, die nun heller war.

Ward ich auch alt auf meines Irrens Pfad
durch öde Länder, hügeliges Land,
will ich den Ort doch finden, wohin sie gewollt,
und küssen ihren Mund, sie nehmen bei der Hand.
So wandre ich durchs hohe Flitter-Gras,
und pflück, bis Zeit und Zeiten abgerollt,
der Mondesäpfel Silberglanz,
der Sonnenäpfel reines Gold.

 

Anmerkung zum Verständnis:
Aengus ist ein Gott der Liebe, Jugend und Schönheit in der alten irischen Mythologie, der sich der irische Dichter W. B. Yeats zeitlebens in schöpferischen Aneignung immer wieder zugewandt hat, um seine symbolistische Dichtung mittels sublimer Anspielungen und Bezugnahmen auf ihre urtümlich-archetypischen Legenden zu überhöhen und in eine geheimnisvolle Aura des nur leise Mitgesagten zu tauchen oder von einem Ungesagten wie vom Schatten einer rasch vorüberziehenden Wolke berühren zu lassen, der kaum fühlbar über die Haut des Gesagten huscht.

 

Sep 13 21

William Butler Yeats, An Old Song Resung

Down by the salley gardens my love and I did meet;
She passed the salley gardens with little snow-white feet.
She bid me take love easy, as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish, with her would not agree.

In a field by the river my love and I did stand,
And on my leaning shoulder she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy, as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish, and now am full of tears.

 

Altes Lied, neu angestimmt

Die Liebste und ich, wir trafen uns dort bei den Weidenhainen.
Sie schritt durch die Weidenhaine mit schneeweißen Füßen, kleinen.
Sie bat mich, nimm die Liebe leicht, wie die Blätter, die an Bäumen sprießen.
Mich aber, jung und töricht, mußten ihre Worte verdrießen.

Meine Liebste und ich, wir blieben am Ufer des Flusses stehen.
Auf die Lehne meiner Schulter ließ den Schnee ihrer Hand sie wehen.
Sie bat mich, nimm das Leben leicht, wie das strotzende Gras auf den Dämmen.
Doch ich war jung und töricht, nun kann ich die Tränen nicht hemmen.

 

Sep 12 21

William Butler Yeats, The Sorrow of Love

The quarrel of the sparrows in the eaves,
The full round moon and the star-laden sky,
And the loud song of the ever-singing leaves,
Had hid away earth’s old and weary cry.

And then you came with those red mournful lips,
And with you came the whole of the world’s tears,
And all the sorrows of her labouring ships,
And all the burden of her myriad years.

And now the sparrows warring in the eaves,
The curd-pale moon, the white stars in the sky,
And the loud chanting of the unquiet leaves
Are shaken with earth’s old and weary cry.

 

Liebeskummer

Gezänk der Spatzen in der hohen Gaube,
den runden Vollmond, Sternenprahlerei,
und lauten Sang, wo’s immer singt im Laube,
hat überdeckt der Erde altersmüder Schrei.

Und dann kamst du mit roten Seufzerlippen,
und mit dir kamen Lebens ganze Tränen,
und all der Kummer bei den schroffen Klippen
und all die Last der Vorwelt auf den Kähnen.

Und nun die Schlacht der Spatzen in der Gaube,
Mond bleich wie Quark, weiß Sterneneinerlei
und Singen laut im ruhelosen Laube,
sie zittern mit der Erde altersmüdem Schrei.

 

Sep 11 21

Charles Baudelaire, La Beauté

Je suis belle, ô mortels! comme un rêve de pierre,
Et mon sein, où chacun s’est meurtri tour à tour,
Est fait pour inspirer au poète un amour
Eternel et muet ainsi que la matière.

Je trône dans l’azur comme un sphinx incompris;
J’unis un coeur de neige à la blancheur des cygnes;
Je hais le mouvement qui déplace les lignes,
Et jamais je ne pleure et jamais je ne ris.

Les poètes, devant mes grandes attitudes,
Que j’ai l’air d’emprunter aux plus fiers monuments,
Consumeront leurs jours en d’austères études;

Car j’ai, pour fasciner ces dociles amants,
De purs miroirs qui font toutes choses plus belles:
Mes yeux, mes larges yeux aux clartés éternelles!

 

Die Schönheit
(2. Nachdichtuing)

Ich bin schön, o Sterbliche, wie versteinte Traumgebärde,
und meine Brust, wo nach und nach ein jeder sich verzehrt,
sie ist gemacht, daß eine Liebe Dichters Sinn versehrt,
die ewig ist und stumm so wie das Fleisch der Erde.

Auf Wolken throne ich, der Sphinx gleich voll Magie,
mein Herz aus Schnee verschmolz ich mit der Schwäne Gleißen,
die Gesten hasse ich, die mir die Form zerreißen,
und niemals weine ich und ach ich lache nie.

Den Dichtern welken vor den hehren Posen,
die ich von Bildern lieh, die hoher Geist ersann,
in strengen Studien hin des schönen Lebens Rosen.

Mir sind, was diese zahmen Herzen schlägt in Bann,
ja reine Spiegel, wo sich alle Dinge schöner malen,
die Augen, meine großen Augen, sie, die ewig strahlen!

 

Sep 10 21

Es will ein leiser Vers dich heben

Es will ein leiser Vers dich heben
in eines Lächelns sanftes Licht,
wie traubenüberglänzte Reben
rankt er sich um dein Angesicht.

Hast müde du der leeren Stunden
dich in das Gras der Nacht gestreckt,
was keine Sehnsucht dir gefunden,
sein Stern ist es, der blinzelnd neckt.

Er schüttet dir nicht grelle Bilder
in deines Harrens bangen Schoß,
er schimmert wie ein Apfel milder,
der zögernd rollt im Dämmermoos.

Und machte dich der Blicke Höhnen
für deine eigne Schönheit blind,
das Lied kann dich mit dir versöhnen,
wenn es in Tränen sanft verrinnt.

 

Sep 9 21

Müssen Arm in Arm wir scheiden

Wenn die Knospen auch schon kranken,
Zwielicht macht die Düfte fad,
wollen wir, dem Tag zu danken,
wandeln auf dem Schattenpfad.

Samenkörner, die wir streuen,
sollen, ist der Tau noch weich,
junger Tauben Mut erneuen
für den Flug ins Sonnenreich.

Und wir sehen Abschied winken
bunte Lichter auf dem Rhein,
hören, wie einander trinken
Seufzer einer süßen Pein.

Hoch ist unser Lied geflogen,
wo im Blau die Lerche stand,
tief hat uns das Leid gebogen,
als das Licht der Lilie schwand.

Müssen Arm in Arm wir scheiden,
Aug in Aug noch bettelnd Glanz,
dunklen Lebens Rätsel leiden,
blättert hin der Liebe Kranz.

 

Sep 8 21

Vom Trost der Dichtung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Trostlose Rhetorik der Politik, die wähnt, ihre Lügen gewönnen durch ständige Wiederholung an Glaubwürdigkeit.

Die Obszönität der politischen Macht schimmert durch das fadenscheinige Kleid ihrer hochtönenden moralischen Phrasen.

Erotische Attraktivität scheint in einem umgekehrten Verhältnis zur Tüchtigkeit und Lebensklugheit zu stehen, von Weisheit zu schweigen.

Hephaistos muß im Schweiße seines Angesichtes schuften; Aphrodite genießt das Privileg, von den Musen (und nicht nur von diesen) unterhalten zu werden.

Das Pseudos des deutschen Idealismus und der Fichte folgenden Philosophie liegt in der verklärenden Sicht auf die Natur, als wäre sie die ursprüngliche, dem Lichtwort der Schöpfung entsprungene. Aber die von Eichendorff, Brentano, Novalis und Hölderlin besungene ist nicht die Wildnis der Urzeit, ließen sie ihre Blicke doch über die sanften Hügel und leuchtenden Matten der Kulturlandschaften an Rhein und Neckar, Donau und Inn, Elbe und Saale schweifen.

Der tiefe Geist Goethes zog der dämonischen Macht der absoluten Skepsis, der teuflischen Ironie und des geistreichen Nihilismus die grotesk-komische Maske des Mephistopheles über.

In Goethe kämpfte das patriarchale Lichtwort der Genesis gegen den Abgrund der heidnischen Götterdämmerung.

Der Geist kann das Grauen der Natur nicht im Sinne Hegels aufheben.

Das Haus mit seiner Schwelle und seiner Pforte, aber auch seinen Fenstern, und der gehegte und eingefriedete Garten sind Grundformen und zugleich Ursymbole der Kultur und der Dichtung­.

Unzeitgemäße, ja ungehörige Lehre eines Nietzsche oder Freud, daß der Charakter von den Eingebungen und Insinuationen des Geschlechts überschattet oder auch ins rechte Licht gerückt wird. Indes, ein Lebewesen mit Testikeln oder Ovarien und einer Gebärmutter zu sein, ein Gehirn zu haben, das die Ausschüttung von Testosteron oder Östrogen reguliert, heißt ein Schicksal zu haben, ob man mit ihm hadert oder nicht.

Es gibt kein moralisches Gefälle zwischen einer Kultur, in der die Frau das Haus hütet, und einer, in der sie mit dem Mann um Arbeitsplätze und öffentliche Posten konkurriert.

Das Bewußtsein, der Wille, der Adel, aber auch die verschmähte Liebe oder die dem Gefühl der Nichtigkeit entstiegene Trauer walten und gestalten sich in der Pinselführung des Malers, im schwachen oder leidenschaftlichen Druck des Zeichners auf seinen Stift, in der Wahl der Worte und Bilder des Dichters.

Imagination, Einbildungskraft und Phantasie sind keine intentionslosen Äußerungen des menschlichen Geistes; wir können uns ja auf Geheiß etwas vorstellen und ausmalen, spintisieren nach Lust und Laune.
­
Kitsch ist die Lüge, die sich als Ausdruck authentischer Gefühle mißversteht.

Es gibt den verniedlichenden Kitsch, aber auch den negativistisch-destruktiven, den Kitsch, der Rosen auf Gräber streut, und den Kitsch, der nackt im Morast wühlt.

Aufgeblähte Sprache, als ginge ein Sturm durch die Zeilen und Verse, gegen den der Schreiber wild gestikulierend zu Felde zu ziehen vorgibt; doch in Wahrheit liegt er unangefochten und gefahrlos auf dem Kissen, das mit den weichen Daunen des Klischees gefüllt ist.

Der Trost der Dichtung, die uns das Medusenhaupt des Lebens im schonenden Spiegel zeigt, kann nicht die Süße der Pausenlimonade haben, sondern kredenzt uns einen Wein, der lange im Dunkel gereift ist.

Der Trost der Dichtung ist kein Parfum, kein Veilchenwasser, versprüht, um den Gestank des Siechen oder des faulenden Leichnams zu überdecken.

Ist es tröstlich oder verstörend oder beides zu entdecken, daß der Wüstling das Gedicht der reinen Liebe und Hingabe zu verfassen vermag, der feiste Prasser und stammelnde Trunkenbold die Elegie auf die Schlichtheit und Anmut ländlichen Lebens und bukolischer Ruhe, der Salonlöwe den Hymnus auf die schweigende Sternennacht des Eremiten?

Die Katharsis im Bad der Tränen.

Die tragische Ernüchterung, die vor dem Abgrund der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung haltmacht, nicht, weil die Chöre des Sophokles dem Wunderklang der Nachtigallen nicht nachstehen, sondern weil Elektra und Ödipus als Seelenverwandte empfunden werden.

Der Virtuose der Empfindung schöpft den Rahm ab, den bitteren Mocca läßt er stehen.

Schon in der elementarsten und schlichtesten dichterischen Form, der Wiederholung, liegt ein Trost, denn sie beschenkt uns mit der Ahnung einer Wohlordnung des Denkens und Fühlens, die in der Unruhe des Lebens immerzu im warmen Schlamm des halb Empfundenen versinkt, von den Staubwolken des Ungedachten verwischt und verschluckt wird.

Die Wiederholung ist sowohl eine Grundform des Lieds als auch des Gebets.

Im Wiegenlied bildet die Wiederholung die mütterliche Geste stillender Liebe nach.

Die wiederholte Anrufung des Namens beschwört die Nähe des Geliebten über das Grauen des Grabes hinweg.

Die wiederholte Anrufung der Namen in der liturgischen Litanei beschwört die Nähe der auferstandenen Toten.

Die Kabbalisten sahen in der Schrift die verborgene Wiederholung des Namens Gottes.

Die Form der Wiederholung und der Variation flicht das Gesagte gleichsam zu einem Kranz, der in sich vollendet ist; zu einem in sich zurücklaufenden Umschwung und Kreisgang, bei dem man vor jeder aus dem Dunkel hervorleuchtenden Rose am Ziel, unter jeder Schattenranke eines aufatmenden Innehaltens angekommen ist.

Das vollkommene Gedicht ist gleichsam eine dichterische Form der Paradoxie, die immer nur wiederholt, daß wir bejahen, auch wenn wir verneinen, daß wir lieben, auch wenn wir hassen, daß wir träumen, auch wenn wir wach sind.

Im gewöhnlichen Leben sind wir enttäuscht, nach mühsamer Wegbahnung schließlich wieder an den Ausgangspunkt unserer Reise zu gelangen; nicht so im Gedicht.

Zehnmal den Satz „Ich bin ein ewiger Bummler und Taugenichts vor dem Herrn“ auf die Tafel vor der hämisch grinsenden Klasse schreiben zu müssen, ist eine entwürdigende Strafe; ihn in mäandernden Variationen vor sich hin zu trällern, ein poetisches Vergnügen.

„Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Die Struktur des hebräischen Verses, und also der Offenbarung des Heiligen, hat vielfach die Form der Wiederholung der Aussage in einer bestätigenden Variation.

Eine Säule macht noch keinen Tempel; der Rhythmus ihrer Wiederholung erst gibt ihm die sakrale Würde.

Wenn Tropfen für Tropfen aufschlagen, beginnen wir sie rhythmisch und taktweise zu gliedern.

Im Regen, der monoton auf das Laubwerk niederprasselt, vernehmen wir nur den Ennui und die Verlorenheit unseres entwurzelten Daseins.

Im Reim nimmt die Wiederholung die Gestalt der Resonanz eines Sinnes an, der Wiederkehr einer sich selbst im anderen liebkosenden Sinnlichkeit, die wir, Sklaven der Abstraktion, schon verloren gaben.

Das digitale Bild oder Selfie ist die Auslöschung der Imagination, das Dokument, seiner selbst abgestorben zu sein.

Das künstlerische Porträt ist keine Kopie, sondern die bergende Wiederholung und Rekonstruktion der im Antlitz verschütteten Lebensmöglichkeiten. Deshalb muß es dem Porträtierten im perzeptuellen Sinne nicht ähnlich sein.

Ein Maß der künstlerischen Form ist die Gliederung des menschlichen Leibes, aber auch die geheimnisvolle Ordnung der Strukturen, Verästelungen und ornamentalen Wiederholungen von Blättern, Wellen, Wolken, Federn, Vogelstimmen.

Die dichterischen Grundformen der Wiederholung und Variation verlieren an Gewalt des magischen Banns, die noch in den alten Zaubersprüchen waltet, in dem Maße, wie sie sich zur Geste der Hingabe sänftigen, die uns als Trost der Segensprüche, Widmungen und Gedenktafeln, aber auch als reiner Ton der Dankbarkeit wie in Hölderlins Elegien und Hymnen zuteilwird.

 

Sep 7 21

Entrückte Schatten

Einsam wie der Mond, der matten
Wassern seinen Strahl gesandt,
wandeln wir entrückte Schatten,
fremd einander zugewandt.

Kommt der Hauch, der abendkühle,
aus dem Grund, der singend quillt,
weißt du, daß ich mit dir fühle,
Schmerz, den kein Gesang mehr stillt.

Pflücke ich die blaue Beere,
deine Lippe färbt sich schon,
und ich weiß, du fühlst die Leere,
weißer Muschel hohler Ton.

Liegen wir im feuchten Moose,
nächste Fremde Hand in Hand,
neigt sich hin die Purpurrose,
Sonne, die uns wundgebrannt.

 

Sep 6 21

Künde mir von Lichtes Siegen

Künde mir von Lichtes Siegen,
von der Tropfen süßem Klang,
muß ich ja im Dunkel liegen,
lauschend dumpfer Schritte Gang.

Laß doch Lippen heiter sagen
eines Herzens sanfte Glut,
muß ich ja das Schweigen tragen
in das Schilf der ernsten Flut.

Schüttle Morgentau der Gärten
mir aus deinen Locken hin,
denn ich lechze nach den Zärten,
trockne Krume, die ich bin.

Sind die Lippen dir versiegelt
vor dem Antlitz, starr wie Stein,
laß von deinem Aug gespiegelt
es wie Schnee im Frühlicht sein.

Komm ein Herbsthauch aus den Lauben,
wende öden Traumes Blatt,
atme Duft vom Fleisch der Trauben,
die dein Mund gekostet hat.

 

Sep 5 21

Das Phantom

Wir brachen auf, als Nebel hingen,
Gespensterfetzen im Geäst,
doch schnitten sie schon Lichtes Klingen,
und Zwitschern zog von Nest zu Nest.

Wir wußten noch um Traumes Pfade
an Ufern, wo der Geysir speit,
die Nixen narrt im grünen Bade
und Zeit rinnt in die Ewigkeit.

Die Sonne heischte uns zu steigen
auf einen Felsen, karg und bloß,
wir fühlten hoher Mächte Schweigen
am nackten Steine blumenlos.

Der blaue Klang der Abendglocken
rief uns ins Tal der Gärten heim,
mit Kindern wollten wir frohlocken,
beglückt von süßer Hymne Reim.

Doch fanden wir den Ort verlassen,
die Gärten waren lang verwaist,
ich sah an deiner Stirn, der blassen,
wir sind um ein Phantom gekreist.

 

Sep 4 21

Windeier

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Er flüchtete vor den Hyänen der Welt in eine Höhle, doch dort zischte ihm eine Schlange entgegen.

*

Das Schwerste: den Blick vom Grauen der grenzenlosen Weiten in Raum und Zeit abwenden und auf die Nähe des Nächsten richten.

*

Er wollte die Welt retten, wußte sich aber selber nicht zu helfen.

*

Die geniale Portraitkunst eines Thomas Mann: daß die Züge der als Vorbilder dienenden realen Personen wie Gerhard Hauptmann oder Georg Lukács sich in den Masken der fiktiven Personen Peeperkorn und Naphta wohl abbilden, doch zugleich auf Eigenschaften verweisen, die darunter schlummern, ja den realen Personen selbst verborgen waren.

*

Wie töricht, wie traurig, wie komisch, wenn einer, der sich verkannt glaubt, durch lautes Fluchen, obszöne Witze oder rhetorisches Fuchteln auf sich aufmerksam machen will.

*

Die grimassierend und krakeelend an der Verbreitung ihres Rufes arbeiten, mögen talentierte Selbstdarsteller sein, nur eines sind sie nicht: berufen.

`*

Die Kunst, die mittels jäher Blitze und greller Effekte auf ihr Dasein pocht, liegt schon im Schatten.

*

Porta Nigra, der düstere Meteorit aus einer erloschenen Galaxie.

*

Nur die Wunde hält die Erinnerung wach.

*

Der gedächtnislose Mensch ist wie der Wind, der ohne zu wissen, was er tut, einmal die Samen der Blütenstände verstreut, einmal die abgestorbenen Blätter von den Zweigen fegt.

*

Peinlich berührt und verlegen kann einen sowohl das eigene wie das Fehlverhalten anderer machen.

*

Die peinlichen Strafen sind die wirksamsten. Freilich, man muß dem Dieb und Räuber nicht gleich die Hand amputieren, denn dann kann er, was er nicht tun soll, nicht aus freien Stücken unterlassen.

*

Michel Foucault, genialisch verstiegen, dialektisch übergescheit, rhetorisch bezirzend, und doch ein steriles und ungenießbares Windei, und doch eine vom ironischen Wind der Wahrheit verwehte Spur im Wüstensand.

*

Der gelehrte Forscher ordnet die Bücher im Regal nach der Bedeutung und dem Rang der Autoren, der gelehrte Gaukler nach dem Ruhm und Klang ihrer Namen.

*

Daß wir Teil der Natur und insofern unsere Handlungen determiniert sind, hindert nicht, daß wir Täter für ihr Tun belangen, löbliche Handlungen rühmen, zu unserem Wort stehen und wenn wir es nicht halten, zumindest eine halbwegs plausible Entschuldigung vorbringen.

*

Was wir tun und sagen, ist nicht, wie Hegel, der säkulare Theologe und pseudoreligiöse Atheist des Begriffs, meinte, eine Form der Entäußerung und Selbstentfremdung, die es durch die Arbeit der Wiederaneignung und Erinnerung aufzuheben gelte; wir können nur, was wir versäumt, verwirkt, verschwiegen oder falsch dargestellt haben, zu korrigieren suchen, durch ein neues Tun, ein anderes Sagen.

*

Was immer an unserem Tun und Sagen als eine Form der Selbstentfremdung empfunden oder mißverstanden werden mag, alle Fallstricke der Selbstentfremdung, des Mißverstehens und des Konflikts wie mit einem Streich aus der Welt schaffen zu wollen, mündet in Terror.

*

Das Christentum versinkt im trüben Brackwasser sentimentaler Dummheiten, einer anämischen Moral für kleingeistig-arrogante Weltverbesserer, deren Verkündung wohlfeil, doch deren Folgen kostspielig und verheerend sind.

*

Engagierte Literatur, sich politisch prostituierende Kunst, moralisch kurzatmig keuchende Dichtung: Würgegriffe um den Hals des freien Geistes.

*

Sie schreiben und handeln in höherem moralischen Auftrag; da kann schon einmal das Brandmal der niederen Abstammung durch das fadenscheinige Kleid der Rhetorik schimmern, da kann schon einmal ein Kind schreien, weil man seine Puppe im fahnenschwingenden Sturmschritt zertreten hat.

*

Wenn Pol Pot in den Vorlesungen Sartres saß, bekommt sein Begriff der Totalisierung (in der „Kritik der dialektischen Vernunft“) einen bitteren Nachgeschmack.

*

Welche leuchtenden Augen der 68er Studenten in der Dantestraße im von Jürgen Habermas geleiteten Seminar über „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Georg Lukács, eines diabolischen, Moskau hörigen Autors, der als Kulturfunktionär während der revolutionären Sowjetregime in Budapest mit dem Begriff der engagierten Literatur durch Denunziation und Liquidierung mißliebiger bourgeoiser Autoren ernst gemacht hat.

*

Kinderlose Frauen und Männer ohne jedes kulturelle Gedächtnis bestimmen über das Schicksal einer Nation, die gestern ohne Rückgrat das braune Kauderwelsch nachgebetet hat und heute ohne Spur von Selbstachtung den verordneten Genderslang nachplappert.

*

Die neuen Vorzeigemädchen in den MINT-Disziplinen sind leider nicht mehr ganz so hübsch wie die Stewardessen, doch leisten sie einen ähnlichen Service ab wie jene in den von Männern auf Basis „männlich-weißer Mathematik“ und Ingenieurskunst konstruierten Flugmaschinen, in deren Cockpits sicherheitshalber immer noch Männer walten.

*

Das eitel sich blähende Schuldgefühl der Nachgeborenen oder der moralische Dünkel jener, die sich als noch Ungeborene die Hände nicht haben schmutzig machen können.

*

Was sie dem Kolonialismus der dämonisierten Macht des (womöglich jüdischen) Kapitals und der männlich-weißen Bourgeoisie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen, nehmen sie von jedem Vorwurf aus, wenn die Kolonisierung wie in Afghanistan angeblich höheren moralischen Zwecken wie der Implementierung der Demokratie und der Durchsetzung von Frauenrechten gedient haben soll.

*
Was neuronale Synapsen nicht mehr verknüpfen können, weil es jedweder sachhaltigen Kohärenz und logischen Konsistenz entbehrt, leimt man mit dem Universalkleber „Moralin“ zusammen.

*

Die großen Erzählungen vom Fortschritt und der Aufklärung, der Emanzipation der Menschheit unter den Fittichen des vernunftgeleiteten Diskurses, dieser europäische Mythos hat sich unter den skeptischen und ernüchterten Blicken eines Heidegger, eines Wittgenstein, als der Nebel erwiesen, den die Philosophie der Sprache in einen Tropfen kondensieren läßt, in dem nur die Infusorien der ewigen Langeweile schwimmen.

*

Die große Dichtung und die akribisch und asketisch entfaltete philosophische Betrachtung bieten keine Stimulantien für den berauschten Tanz der Menge, ob er sich nun um den Freiheitsbaum oder ein wenig später um die Guillotine dreht.

 

Sep 3 21

Blauend wölbte sich die Helle

Blauend wölbte sich die Helle,
Moos war noch von Tau behaucht,
weiße Knospen sang die Welle,
die aus grünem Schlaf getaucht.

Flocken rupften wir vom Kamme,
bang durchs Vlies der Nacht geführt,
warm ward uns am Gold der Flamme,
Laub, vom Frühhauch aufgerührt.

Aufgetan hat sich die schöne
Sonnenschwester Orchidee,
daß sich Staub mit Schaum versöhne,
stob um uns der Astern Schnee.

Da ins Ferne Wogen schäumten,
helle Schlieren im Opal,
seufzten Gräser, die uns säumten,
dunklen Lebens Madrigal.

Still sank uns die Abendstunde,
scheuer Flaum aus schwankem Nest,
blumengleich schloß sich die Wunde –
o Strahl, der sie neu bluten läßt.

 

Sep 2 21

Weltbeschreibung und sprachliche Vernunft

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Denken wir uns ein Modell maschinellen Sehens: Ein Strahl tastet die Umwelt ab, trifft auf einen Körper und berechnet seinen Umfang und die Entfernung von der Position des Senders, ja vermag sogar die chemische Zusammensetzung des Objekts zu analysieren.

Würden wir das Sehen nennen, in dem Sinne, wie wir sehen, nicht nur, daß unser Gegenüber ein paar Schritte von uns entfernt ist, sondern daß es sich um einen Menschen handelt, daß es unser Freund Peter ist, daß Peter lächelt?

Eine Maschine könnte akustische Phänomene wahrnehmen oder registrieren, indem sie die von einer Schallquelle ausgesandten akustischen Wellen und Luftschwingungen identifiziert und ihre Frequenzen mißt.

Aber würden wir das Hören nennen, in dem Sinne, wie wir eine Melodie hören, indem wir nicht nur die Abfolge bestimmter Luftschwingungen registrieren, sondern sie als sinnvolle musikalische Einheit wahrnehmen, deren Rhythmus, Spannungsbogen und spezifische Stimmung wir anzugeben wissen?

Dies gilt a fortiori für akustische Phänomene, die aus einer Abfolge von Phonemen bestehen und die wir sprachliche Äußerungen nennen. Hier hören wir nicht nur die Schwingungen des Schalls, nicht nur einen Rhythmus, einen Spannungsbogen und eine gefühlsmäßige Stimmung, sondern unmittelbar auch den Sinn des Gesagten.

Wir können das spezifisch humane Phänomen des sprachlichen Sinnverstehens mit dem physiognomischen Wahrnehmen des Lächelns vergleichen. Wie wir bei der Wahrnehmung des Lächelns nicht irgendwelche Verzerrungen der Gesichtsmuskulatur unseres Gegenübers registrieren, sondern einen bestimmten physiognomischen Ausdruck, so vernehmen wir an sprachlichen Äußerungen nicht nur Geräusch und Klang, sondern hören unmittelbar ihren Sinn.

Die akustische Gestalt der Phoneme kann einen Sinnunterschied markieren, so wenn wir die Stimme anheben, um eine Frage zu stellen.

Ein primitives Modell der Sprache geht von der Annahme aus, sie entwickle sich mittels hinweisender Ausrufe wie „Ach!“ und „O!“, die dem Ausdruck der Enttäuschung und des Erstaunens dienen.

Aber wir gebrauchen die Interjektion „Ach!“ vielleicht, wenn wir eine Schublade öffnen und unversehens den Gegenstand finden, den wir andernorts vergebens gesucht haben. In einem solchen Fall steht der Ausruf für die implizite Feststellung: „Hier also liegt meine Sonnenbrille!“

Auch der Satz „Hier also liegt meine Sonnenbrille!“ hat den Charakter eines Ausrufs, aber was ihn zum sprachlichen Ausdruck macht, ist sein deskriptiver Kern, die Feststellung der Tatsache, daß sich ein bestimmter Gegenstand an einem bestimmten Ort befindet.

Der semantische Kern der Sprache, die uns eigen ist, besteht in dem, was wir Weltbeschreibungen nennen können.

Der Ausruf „Pfui!“ kann eine spontane Reaktion beim versehentlichen Genuß einer verdorbenen Speise sein, ausgelöst von ihrem fauligen Geschmack; die Interjektion kann aber auch eine primitive Form der Warnung sein, wenn eine Mutter sie dem Kleinkind zuruft, das eine faule Frucht aufhebt und in den Mund stecken will.

Hier steht der Ausruf „Pfui!“ für die Aufforderung: „Laß das bleiben!“ und die implizite sprachliche Äußerung: „Diese Frucht ist verdorben!“

Auch der Satz „Diese Frucht ist verdorben!“ hat den Charakter eines Ausrufs (der Warnung), aber was ihn zum sprachlichen Ausdruck macht, ist sein deskriptiver Kern, die Feststellung der Tatsache, daß ein bestimmter Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft hat.

Es ist demnach neben dem Modus der Äußerung (Aufforderung, Frage, Warnung) der deskriptive Kern einer sprachlichen Äußerung, den wir identifizieren müssen, um ihren vollen Sinn zu verstehen.

Der deskriptive Satzkern hat eine grammatische Struktur, in der sich eine logische Form zeigt oder verbirgt: Die Aussage „Diese Frucht ist verdorben“ hat eine grammatische Struktur, durch die der Träger eines Namens mittels eines Demonstrativums aus der näheren Umgebung herausgehoben und durch ein Eigenschaftswort charakterisiert wird. Die logische Form können wir so darstellen: Es gibt mindestens ein x (in der näheren Umgebung) und x ist eine Frucht und x ist verdorben. Die grammatische Struktur des Satzes scheint der logischen Form zu entsprechen; allerdings macht es einen bisweilen entscheidenden Unterschied, daß die logische Form im Gegensatz zur grammatischen der Aussage einen Existenzquantor („es gibt mindestens ein x“) voranstellt.

Die grammatisch scheinbar einfache Aussage „Peter lächelte, denn er hatte seine Brille wiedergefunden“ hat dagegen eine verborgene logische Form, die wesentlich komplexer ist; wir geben sie in etwa so wieder: P(x) ist der Grund für Q(x) und P(x) beschreibt die Tatsache, daß x etwas wiederfand, und Q(x) die Tatsache, daß x lächelte, wobei P(x) zwingend Q(x) vorauszugehen hat. Die in der Aussage implizite Identität des mit dem Relativwort („er“) Gemeinten mit dem Subjekt des Hauptsatzes („Peter“) wird in der logischen Form einfach mittels der Identität des Zeichens x angezeigt. Die logische Form kehrt dagegen die grammatische Struktur der Aussage um: Peter fand seine Brille; also lächelte er.

Wir stehen am offenen Fenster, die Abendsonne hat noch Glut, und wie du die Blätter im Hof rascheln hörst, sagst du nur leise: „Ach!“ Ich aber verstehe, was dein Ausruf bedeutet, etwa: „Jetzt kommt der Herbst!“

Mit unseren präzisen Uhren können wir zeitliche Verläufe und Ereignisse aufs genaueste messen; aber keine Uhr kann, was wir mit „jetzt“ meinen, zum Ausdruck bringen, wie wir mit dem Satz: „Jetzt kommt der Herbst.“ Mittels GPS und Satellitensonden können wir den Ort unseres Aufenthalts aufs genaueste angeben; aber kein über Lichtstrahlen den Ort exakt ermittelndes Orientierungssystem kann, was wir mit „hier“ meinen, zum Ausdruck bringen, wie wir mit dem Satz: „Hier liegt also meine Sonnenbrille.“

Indexwörter wie „hier“ und alle davon abgeleiteten wie „dort“, „darüber“, „darunter“, „rechts“, „links“ oder „geradeaus“ sowie „jetzt“ und alle davon abgeleiteten wie „früher“, „später“, „gestern“, „morgen“, „damals“ oder „einst“ sind ein spezifisches Element der menschlichen Sprache. Sie verweisen auf den Blickpunkt und die Perspektive dessen, der spricht, und stehen in einer internen Relation zur Perspektive dessen, dem die Äußerung gilt.

Manchmal verlangt diese Relation eine Umkehrung des Sinns auf Seiten des Empfängers; denn, was für dich rechts ist, ist aus meiner Warte links, was für dich hier ist, ist für mich dort.

Wir finden demnach bestätigt, was die Phänomenologen, Karl Bühler, Heidegger oder Wittgenstein in minutiösen Analysen ans Licht brachten: daß neben dem deskriptiven Satzkern die Perspektive der ersten Person und ihrer Spiegelung in der zweiten Person ein die menschliche Sprache konstituierendes Element darstellt.

Unsere deskriptiven Sätze bedürfen einer grammatisch-logischen Mannigfaltigkeit, die sich mindestens aus Namen für Dinge und Ereignisse und ihnen zugeordneten Eigenschaften beziehungsweise aus Quantoren, Namen und ihnen zugeordneten Relationen oder Funktionen zusammensetzt.

Dagegen verweisen wir mit der Verwendung der ersten und zweiten Person weder auf Objekte und Eigenschaften in der Welt noch auf die Bedeutung logischer Operatoren, sondern gleichsam auf die Grenze unserer Welt und die Grenze des sinnvoll Sagbaren.

Wir können bezweifeln, ob unsere Weltbeschreibungen zutreffend sind, ob beispielsweise die Brille, die wir in der Schublade entdecken, tatsächlich die unsere ist, oder die Frucht, obwohl sie leicht faulig schmeckt, tatsächlich verdorben ist. Aber wir können unter normalen Umständen nicht daran zweifeln, daß wir eine Brille in der Schublade gefunden haben oder daß uns die Frucht einen fauligen Nachgeschmack hinterläßt.

Daß wir auf der einen Seite unsere Weltbeschreibungen bezweifeln können, impliziert die Möglichkeit, sie auf der anderen Seite durch wohlerwogene Gründe und empirisch belegte Argumente zu stützen und zu rechtfertigen, abgesehen davon, durch logischen Scharfsinn ihre Kohärenz oder Inkohärenz mit unserem Netzwerk von Überzeugungen und ihre Konsistenz oder Inkonsistenz mit anerkannten Axiomen nachweisen zu können.

Aufgrund des semantisch fundamentalen deskriptiven Kerns der menschlichen Sprache sind wir gleichsam zur Teilnahme an einem vernunftgeleiteten Gespräch berufen, auch wenn uns eingewurzelte Willensschwäche, epistemische Blindheit oder ideologische Verblendung dabei nicht selten allzu vorlaut werden oder kleinlaut verstummen lassen.

Unsere Weltbeschreibungen sind die Samen des semantischen Kerns der Sprache.

Unsere Fähigkeit, ich sagen zu können, ist der fruchtbare Humus, in dem der semantische Kern der Sprache aufgeht.

Wenn wir uns genötigt fühlen, Zweifel an unseren Weltbeschreibungen mittels Rückgriff auf bessere Argumente und Belege auszuräumen oder unsere Annahmen angesichts des Einspruchs des Weltgeschehens zu revidieren oder ganz aufzugeben, bekunden wir damit, daß wir für unsere Aussagen Verantwortung zu übernehmen bereit sind.

Haben wir doch Regularien und Korrektive gleichsam disziplinarischer Natur wie Lob und Tadel, Anerkennung und Kritik in das Spiel der Argumente eingebracht.

In dem Maße, in dem unsere Rede sich als Teil eines vernunftgeleiteten Gesprächs versteht, erwächst aus der scheinbar neutralen sprachlichen Kompetenz ein Ethos der Sprache.

Das Ethos der Sprache verpflichtet uns dazu, die Grenze des sinnvoll Sagbaren möglichst genau zu umreißen und zu achten und den Unsinn, das Gerede, den sentimental verlogenen oder realitätsblind verstiegenen Sprachwust mittels grammatisch-logischer Analyse zu entlarven und zum Schweigen zu bringen.

Nicht jeder kann über alles (mit-)reden. Das Ethos der Sprache eröffnet keinen Diskurs einer universalistischen Moral.

Die Fähigkeit, logisch präzise und argumentativ komplex zu denken, sowie der Wille, für sein Wort gerade zu stehen und für seine Aussagen Verantwortung zu übernehmen, sie im Lichte der Erfahrung zu revidieren, zu verwerfen oder angemessene neue zu formulieren, sind über die Mitglieder verschiedener sozialer und ethnischer Gruppen ähnlich wie die allgemeine Intelligenz sehr ungleich verteilt. – Daraus berechnet sich die Höhe des ewigen Tributs der Ethik an die rohe, unbezähmbare Natur.

Mit dem kriminellen Charakter, der aufgrund natürlicher Neigungen auf Betrug und Übervorteilung aus ist, wollen wir weder verhandeln noch Verträge machen.

Der Wüstling versteht die Sprache der Liebe nicht.

Der einfältige Spießer, der sich mit seinem Satireblatt auf das stille Örtchen zurückzieht, wird nimmermehr vom zauberischen Fächer Mallarmés angeweht.

Wir können uns fragen, ob das Lächeln des Freundes Freude und Zufriedenheit ausdrückt oder einen Anflug von Ironie und Schelmerei hat; aber wir täuschen uns unter normalen Umständen nicht darin, daß er lächelt.

Wenn wir die in der Schublade gefundene Brille für ein Insekt halten, könnte diese Bizarrerie entweder darauf hindeuten, daß es sich um einen Traum handelt oder daß wir verrückt geworden sind. Wenn wir das Lächeln des Freundes nicht mehr als solches wahrnehmen können, deutet dies darauf hin, daß wir aufgrund einer nervösen oder schweren seelischen Störung physiognomisch bedeutungsblind geworden sind.

Bedeutungsblind und unfähig, uns sprachlich mitzuteilen oder die sprachlichen Äußerungen anderer zu verstehen, werden wir, wenn die Ich-Funktion wie bei der Psychose in gravierender Weise zerrüttet ist.

Der seelische Tod gibt uns eine Vorahnung des wirklichen Sterbens.

Das Lächeln, das zu einer leeren psychotischen Maske erstarrt ist, verweist uns auf die Tatsache, daß, was wir Seele nennen und nur in der alltäglichen Verwendung des Pronomens der ersten Person bewahrheiten können, leiblich vollständig inkarniert ist.

Die mit der Perspektive der ersten Person uns unentrinnbar gegebene singuläre Position der Existenz ist kein Ausdruck eines animalischen Egoismus, denn sie ist es, die uns in die Lage versetzt, von uns Abstand zu nehmen, uns gleichsam aus dem ununterbrochenen Gerede der Welt zurückzunehmen, ins Schweigen zu fliehen, im Verborgenen zu leben, ja unser Dasein für andere oder ein Ideal hinzugeben.

Es gibt allerdings eine Sprache, die sich dem Verantwortungsethos sprachlicher Vernunft entzieht, ohne gleichsam verrückt zu werden, auch wenn sie manchmal der Sprache des Wahnsinns ähnelt, die Sprache der Dichtung. Ihr semantischer Kern ist freilich nicht deskriptiv, sondern evokativ, was sie benennt, sind keine Objekte der Welt, sondern Quasi-Objekte einer imaginären Welt, und was sie ihnen an Eigenschaften zuspricht, sind keine wirklichen Eigenschaften, sondern gleichsam Schatten und verzerrte Spiegelbilder wirklicher Eigenschaften, die wir verharmlosend metaphorisch nennen.

Obwohl die Sprache der Dichtung nicht auf das Ethos der sprachlichen Vernunft und also weder auf Wahrheit noch auf objektives Wissen verpflichtet ist, sondern die grammatisch-logische Mannigfaltigkeit unserer normalsprachlichen Aussagen spielerisch verkürzt oder symbolisch überdehnt, vermag sie dennoch gleichsam wie mit einem Kompositfoto von übereinandergelegten Porträtaufnahmen aus unterschiedlichen Lebensphasen eine tiefere Wahrheit über die Physiognomie unseres Seelenlebens zum Ausdruck zu bringen.

Ob die Sprache der Dichtung ein eigenes Ethos aus sich hervorbringt, ist eine philosophisch kaum gestellte Frage.

 

Sep 1 21

Wir gehen in die Abendstille

Wir gehen in die Abendstille,
am Schattenhang verlor sich schon
der Glocken heimatlicher Ton,
daß feuchter Glanz das Auge fülle.

Vom Himmel sinkt ein Purpurstreifen,
des Lichtes stummer Abschiedskuß,
uns bangt es um den Überfluß,
wo goldnen Dämmerns Trauben reifen.

Wir kommen auch zum kahlen Stamme,
um den der Mond streut sein Ade,
der Blüten gleisnerischen Schnee,
o schmelze ihn der Liebe Flamme.

Der Wind hat uns ein Bett bereitet,
rings seufzt mit uns das hohe Gras,
was eins im Aug des andern las,
hat Herz in Herz ein Hauch geleitet.

Früh steigen wir vom Rebenhange,
schon laden Gärten uns ins Tal,
sind ihre Rosen auch noch fahl,
sie glühen bald wie deine Wange.

 

Aug 31 21

Struktur und Mannigfaltigkeit

Sätze über die grammatische und logische Mannigfaltigkeit von Sätzen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn wir den Sachverhalt, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, grafisch oder phonetisch darstellen wollen, benötigen wir mindestens vier Zeichen: drei für die Namen der genannten Personen und eines für ihr Verwandtschaftsverhältnis: (k) V (m, p) – wobei V für das Vatersein und die Einzelbuchstaben als Kürzel für die Eigennamen stehen.

Der Satz „Karl ist der Vater von Martha und Peter“ bildet eine phonetisch-grafische Struktur von einer spezifischen grammatisch-logischen Mannigfaltigkeit seiner Elemente.

Die grammatische Mannigfaltigkeit besteht aus vier Elementen: den drei Eigennamen „Vater“, „Martha“ und „Peter“ und dem Verwandtschaftsbegriff „Vater“, die logische Mannigfaltigkeit besteht aus zwei Elementen, die jeweils unterschiedliche logische Kategorien verkörpern: den drei Eigennamen und dem Relationsbegriff „ist Vater von“.

Bei der grammatischen Struktur des deutschen Satzes ist die Reihenfolge der in Relation gesetzten Eigennamen sinnentscheidend. Eine Vertauschung in der Folge der Satzglieder ergäbe entweder einen anderen Sinn („Peter ist der Vater von Martha und Karl“) oder machte den Satz sinnlos („Martha ist der Vater von Karl und Peter“).

Lateinisch lautet der Satz: „Carolus pater Marthae Petrique.“ Hier wird das relative Verhältnis der Eigennamen mittels der Flexionsbildung und der Kausendungen angezeigt; eine Umstellung würde den Satzsinn nicht modifizieren: „Marthae Petrique Carolus pater“ oder auch „Marthae Carolus pater atque Petri.“

Der Satz „Karl ist der Vater von Martha und Peter“ bedeutet einen möglichen Sachverhalt in einer Welt, in der wir den Eigennamen „Karl“, „Martha“ und „Peter“ die Personen Karl, Martha und Peter eindeutig zuordnen und der Person Karl die Eigenschaft zusprechen können, die Kinder Martha und Peter gezeugt haben zu können.

Der Satz stellt das Modell eines möglichen Sachverhaltes dar, den wir mittels Projektion seiner grammatischen und logischen Elemente auf Elemente und Attribute einer möglichen Welt abbilden.

Der Satz stellt einen wirklichen Sachverhalt oder die Tatsache dar, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, wenn seine Wahrheit oder die Vaterschaft von Karl mittels Analyse der DNA der genannten Personen nachgewiesen werden kann. Ist ein solcher Nachweis der Vaterschaft erbracht, können wir behaupten zu wissen, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist.

Dagegen ist das Modell eines möglichen Sachverhalts keine Form des Wissens, sondern bestenfalls die Form einer mehr oder weniger gut begründeten Vermutung, einer mehr oder weniger wahrscheinlichen Hypothese – wie die Projektion der aktuellen Wetterlage mittels eines meteorologischen Modells auf die Wetterlage der kommenden Tage.

Die Tatsache, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, schließt nicht aus, daß sie Kinder zweier Mütter sind.

Dagegen folgt aus der Tatsache, daß Martha und Peter die Kinder von Karl sind, die Tatsache, daß sie Geschwister oder Halbgeschwister sind.

Der Satz, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, impliziert eine natürliche Ordnung der Dinge, in der ein Vater nicht der Vater seiner selbst und kein zugehöriges natürliches Mitglied selbstkonstitutiv sein kann; er impliziert indessen keine kulturelle Ordnung der Dinge, in der dem Vater eine bestimmte soziale Position zugeschrieben wird.

Doch wenn es wahrscheinlicher ist, daß Karls Frau Anna sowohl die Mutter von Martha als auch von Peter ist, als daß Karl Martha mit Anna, Peter aber mit Helga gezeugt hat, und wenn es wahrscheinlicher ist, daß Anna beide Kinder von Karl, als daß sie Martha von Karl, Peter aber von Hans empfangen hat, befinden wir uns in einer kulturellen Welt, die wir als patriarchalisch oder vaterrechtlich kennzeichnen können.

Die vaterrechtlich organisierte kulturelle Ordnung ist eine durch Gesetze oder Gepflogenheiten oder beides überformte natürliche Ordnung der Geschlechter, mit dem Zweck und Ziel, das materielle und kulturelle Erbe des Vaters in der Generationenfolge zu sichern. Das Erbe besteht aus dem materiellen Eigentum der Familie, aber auch aus dem kulturellen Eigentum, den Sitten, Bräuchen und Riten, den Erzählungen und Erinnerungen, kurz dem, was wir Traditionen oder Überlieferungen nennen.

Nur aufgrund und mittels der grammatischen und logischen Mannigfaltigkeit seines sprachlichen Ausdrucks können wir einem Satz Sinn und Bedeutung verleihen; nur aufgrund und mittels seiner sprachlich wohlgeformten Artikulation können wir einen bedeutungsvollen und sinnhaltigen Gedanken erfassen und in allgemein verständlichen Zeichen wiedergeben, einen Gedanken und Zeichenzusammenhang, der das Modell eines möglichen Sachverhaltes oder die Tatsache seines Bestehens (oder Nichtbestehens) darstellt.

Kein Satz und kein Gedanke kann ein solitäres oder Eremitendasein führen. Aus dem Satz, daß Karl der Vater von Martha und Peter ist, folgt der Satz, daß Martha und Peter Geschwister oder Halbgeschwister sind; aus dem Satz, daß Martha und Peter keine Geschwister sind, folgt der Satz, daß Karl nicht ihrer beider Vater ist.

Unsere Theorien fußen auf Sätzen, die Modelle möglicher Sachverhalte darstellen; sie bewähren sich, wenn zumindest einige dieser Modelle Maßstäbe liefern, an denen wir das Vorkommen solcher Sachverhalte ermessen können; so wie wir am Modell der Quecksilbersäule die tatsächliche Temperatur des Patienten messen. Wenn die Quecksilbersäule bei einem funktionierenden Thermometer über 38,2 Grad steigt, wissen wir, daß der Patient Fieber hat.

Es ist daher unsinnig anzunehmen, unsere Theorien und unser Wissen seien Elemente eines Diskurses, einer historischen Wissensformation oder vornehmer ausgedrückt einer Episteme, die von anonymen Mächten oder wie Foucault meinte von den dunklen Strahlungen und Suggestionen einer allumfassenden Macht determiniert und gesteuert wird; denn wenn dem so wäre oder sogar, wie Nietzsche meinte, die logische Mannigfaltigkeit unserer modellartigen Sätze eine verzerrende und illusionäre Widerspiegelung der kontingenten Strukturen unserer Grammatik darstellte, könnten wir überhaupt nichts wissen, im eigentlichen Sinne von „wissen“; aber dann könnten wir auch dies nicht wissen, im eigentlichen Sinne von „wissen“, nämlich, daß wir immerfort einer unentrinnbaren Selbsttäuschung zum Opfer fallen.

Die Sprachtheorie Nietzsches und die Diskurstheorie Foucaults laborieren mit Sätzen, deren Wahrheitsfähigkeit und deren Wissensanspruch sie in einem Atemzug geltend machen und bestreiten.

Ein Ton ist noch keine Musik; ein Strich noch keine Zeichnung; eine Silbe noch kein Gedicht. Erst die geordnete, in eine Struktur gebrachte Mannigfaltigkeit der Töne, Linien, Wörter gibt uns den Begriff von Musik, Kunst und Dichtung.

Allerdings sind die Augenblicke der Stille in einer Komposition, die leeren Stellen und weißen Flecken in einer Zeichnung, die unausgefüllten Räume zwischen den Wörtern und Zeilen eines Gedichts bedeutsame Momente ihrer Struktur.

Manchmal sagen wir weniger, als wir meinen.

Das vom Gesagten umgrenzte Nichtgesagte kann die eigentliche Mitteilung enthalten.

Wir können nur sagen, was die grammatische und logische Mannigfaltigkeit dem Satz an bedeutsamer Struktur mitteilt; aber wir können bisweilen wie in dichterischer Sprache auch fühlbar machen, was wir nicht sagen können, gleichsam die Grenze des Sagbaren, wie den Rand einer Insel im grenzenlosen Meer des Ungesagten.

In der ozeanischen Nacht des ungeheuren Schweigens vernehmen wir den monotonen Wellenschlag gegen den Uferrand.

Manchmal wollen wir ja mit dem Satz „Karl ist der Vater von Martha und Peter“ nicht die triviale Tatsache von Karls Vaterschaft benennen, sondern das, was wir mit dem geflügelten Wort meinen: „Die Früchte fallen nicht weit vom Stamm.“

 

Aug 30 21

So liegen wir

Umhüllt uns schon das nächtliche Laub,
und kein Gestirn mag es durchzittern,
zerfiel uns Wort und Sinn zu Staub,
küß deine Tränen ich, die bittern.

Sind überschattet Pfad und Sicht,
am Ufer harren wir verlassen
und sehen kaum im Geisterlicht,
wie spät erglühte Rosen blassen.

So liegen wir, bis nur noch tönt
der Wellen monotones Schlagen,
so träumen wir, im Schmerz versöhnt,
von ferner Jugend Blütentagen.

 

Aug 29 21

Francis Jammes, Pourquoi les bœufs

Pourquoi les bœufs traînent-ils les vieux chars pesants ?
Cela fait pitié de voir leur gros front bombé,
leurs yeux qui ont l’air de souffrance de tomber.
Ils font gagner le pain aux pauvres paysans.

S’ils ne peuvent plus marcher, les vétérinaires
les brûlent avec des drogues et des fers rouges.
Et puis dans les champs pleins de coquelicots rouges
les bœufs vont encore herser, racler la terre.

Il y en a qui se casse un pied quelquefois;
alors on tue celui-là pour la boucherie,
pauvre bœuf qui écoutait le grillon qui crie
et qui était obéissant aux rudes voix

des paysans qui hersaient sous le soleil fou,
pauvre bœuf qui allait il ne savait où.

 

Warum ziehen die Rinder die alten schweren Wagen?
Es ist zum Erbarmen, ihre breite Stirn gefurcht zu sehen,
den Leidensausdruck ihrer Augen, als würden sie vergehen.
Für das Brot der armen Bauern müssen sie sich plagen.

Wenn sie nicht mehr weiter können, erhitzen
die Veterinäre sie mit Giften und Eisen, die glühen.
Dann geht es zu den Feldern, wo Mohnblumen glühen
und die Rinder die Erde weiter eggen, tiefer ritzen.

Manchmal bricht sich eines ein Bein;
das tötet man gleich für die Metzgerei,
armes Rind, es hörte der Grille Schrei
und mußte den rohen Stimmen gehorsam sein

von Bauern, die eggten im irren Sonnenlicht,
armes Rind, wohin es ging, das wußte es nicht.

 

Aug 28 21

Satz und Gedanke

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

In dem Satz „Peter liebt Martha“ bestimmt der syntaktische Bau, nämlich die Tatsache, daß der Name Martha auf den Namen Peter folgt, seine Bedeutung. Die Semantik erweist sich hier als Funktion der Syntax.

Das Schriftbild des Satzes „Peter liebt Martha“ oder die räumlich geordnete Reihenfolge seiner Grapheme ist die Projektion seines Lautbilds oder der zeitlich geordneten Reihenfolge seiner Phoneme. Wesentlich für den Sinn des Ausdrucks ist die Tatsache, daß im Schriftbild der Name Peter links vom Prädikat, der Name Martha rechts vom Prädikat steht, beziehungsweise, daß in der Verlautbarung zuerst der Name Peter und nach dem Prädikat der Name Martha genannt werden.

Der Satz „Peter liebt Martha“ impliziert nicht die inverse Form, nämlich, daß Martha Peter liebt, aber die Negation der unwahren Behauptung, daß Peter Martha nicht liebt.

Lateinisch lautet der Satz: „Petrus Martham amat.“ Aber in dieser Sprache könnte er auch lauten: „Martham Petrus amat.“ Die semantische Funktion, die im Deutschen durch die Reihenfolge der Grapheme und Phoneme determiniert wird, ergibt sich im Lateinischen aufgrund der grammatischen Kasusendungen.

Wenn wir zugestehen, der Satz „Peter liebt Martha“ drücke den Gedanken aus, daß Peter Martha liebt, können wir den internen Zusammenhang von Sprache und Denken etwa folgendermaßen bestimmen: Wir sind nicht in der Lage, den Gedanken, daß Peter Martha liebt, zu erfassen und darzustellen, ohne daß wir uns irgendeiner artikulierten Form von Aussagen bedienen, in denen die gemeinten Personen (Peter, Martha) mittels Namen („Peter“, „Martha“) repräsentiert und ihr Verhältnis (lieben) zueinander durch einen entsprechendes Relationsbegriff („lieben“) bezeichnet wird.

Peter könnte gewiß meinen, die Tatsache, daß er Martha liebt, anders als durch sprachliche Zeichen wiedergeben zu können; wenn er ihr beispielsweise einen Blumenstrauß schickt. Aber wir können in der Geste, die an sich unterschiedliche Deutungen zuläßt (Geste der Entschuldigung, Geste der Kondolenz), die Geste der Liebe nur identifizieren, wenn wir sagen, sie symbolisiere die Tatsache, daß Peter Martha liebt.

Wir können komplexe Gegebenheiten wie die Tatsache, daß Peter Martha liebt, nicht denken, ohne über die Möglichkeit zu verfügen, sie mittels artikulierter und syntaktisch eindeutig gereihter Phoneme oder Grapheme auszudrücken und darzustellen.

Peter kann an Martha denken und dabei erotische oder Liebesempfindungen verspüren, ohne seinem Gedanken eine syntaktisch-phonetische Form zu verleihen; aber dies muß er, wenn er gefragt, woran er denke, offenherzig antwortet.

Wir können aufgrund von Verhaltensbeobachtung mit guten Gründen den Satz verlautbaren, daß Peter Martha liebt; aber Peter könnte Martha lieben und zugleich über den Satz, daß er Martha liebt, erstaunt sein.

Hier berühren wir einen wesentlichen Unterschied von Sätzen und Verlautbarungen aus der Perspektive der dritten und aus der Perspektive der ersten Person. Wir kommen aufgrund von Beobachtungen seines Verhaltens zu der Vermutung, daß Peter Martha liebt; aber wenn sich Peter zu dem Eingeständnis und Bekenntnis durchringt, daß er Martha liebt, dann nicht aufgrund der Beobachtung seines eigenen Verhaltens, die ihn zu eben jenem Schluß genötigt hätte.

Weil selbstbezügliche Aussagen in der Perspektive der ersten Person keine Schlußfolgerungen aus der Beobachtung des eigenen Verhaltens sind, stellen sie keine Vermutungen und Hypothesen dar, die immer nur einen bestimmten Grad von Wahrscheinlichkeit zulassen; dieser Umstand verleiht Selbstaussagen die Aura des Unbezweifelbaren und Gewissen.

Gedanken sind, was wir mit sprachlichen oder artikulierten Zeichen tun.

Die Erinnerung an den verstorbenen Freund kann Ausdruck der Trauer sein; aber der Gedanke, der sie zur Erinnerung macht, ist kein Ausdruck eines seelischen Zustandes, sondern die Möglichkeit, mit Zeichen zu operieren, die das Erinnerte in ein Vorher und Nachher einreihen.

Die Erwartung, den lange vermißten Freund wiederzusehen, kann mit freudiger oder banger Erregung vermischt sein; aber der Gedanke, der sie zur Erwartung macht, ist keine Vorstellung davon, wie die Erwartung aufgrund der Wiederbegegnung in einen emotionalen Zustand des Glücks oder der Enttäuschung umschlägt, sondern die Möglichkeit, auch wenn man kein bestimmtes Erlebnis wie Freude oder Enttäuschung bei der Wiederbegegnung antizipiert, zu sagen, daß man den lange vermißten Freund erwartet; oder daß man auf ihn wartet, ob nun in freudiger oder banger Erregung oder in relativer Gelassenheit. Der seelische Zustand kann, was wir mit Erwartung meinen, nicht erklären. Im Übrigen können wir die freudige und bange Erregung oder die relative Gelassenheit kausal ableiten, die Operation der Zeichen, mit denen wir den Gedanken an unsere Erwartung ausdrücken, nicht.

Gedanken sind keine seelischen Zustände oder mentalen Ereignisse; aber sie können von Gefühlen und Empfindungen und anderen mentalen Ereignissen begleitet werden, wie der Gedanke an den verstorbenen Freund vom Gefühl der Trauer und der Empfindung eines schmerzlichen Verlustes. Doch Gefühle und Empfindungen konstituieren nicht den Sinn des Gedankens, den sie begleiten. – Nach Jahren denke ich an den verstorbenen Freund zurück; aber mein ursprüngliches Gefühl der Trauer ist einem Gefühl der Dankbarkeit gewichen.

Durch syntaktische Umstellung gelangen wir im Deutschen von der Aussageform zur Frageform und erhalten den Satz: „Liebt Peter Martha?“ Andere Sprachen gewinnen den Ausdruck der Frage mittels anderer Zeichenoperationen; so kann ich im Französischen ohne syntaktische Umstellung sagen: „Est-ce que Pierre aime Marthe?“

Im Lateinischen ersehen wir den Unterschied zwischen Aussagesatz und Fragesatz am Gebrauch der Fragepartikeln -ne, num und nonne. „Petrusne amat Martham?“ (Frage, die sowohl eine positive als auch eine negative Beantwortung zuläßt.) „Num Petrus amat Martham?“ (Frage, die eine negative Beantwortung in Aussicht stellt.) „Nonne Petrus amat Martham?“ (Frage, die eine positive Antwort nahelegt.)

Der Gedanke, der sich in der Form der Frage ausdrückt, ist nicht bloß eine Umkehrung des Gedankens, der sich in der Form der Aussage ausdrückt, sondern etwas prinzipiell anderes. Denn eines ist es, aufgrund von Verhaltensbeobachtung der mehr oder weniger gut begründeten Vermutung Ausdruck zu verleihen, daß Peter Martha liebt, etwas anderes, danach zu fragen. Denn die Frage, ob Peter Martha liebt, kann entweder durch ähnliche Beobachtungen angeregt sein wie die Aussage, daß er es tut, oder durch Beobachtungen derart, daß wir eine solche Vermutung in Zweifel stellen werden.

Freilich könnte sich Peter unter außergewöhnlichen Umständen fragen, ob er Martha liebt; dagegen unter normalen Umständen nicht, ob die Ampel von Rot auf Grün gesprungen ist oder ob das, was er im rechten Knie empfindet, Schmerzen sind. Wir dagegen können fragen, ob Peters Schmerzverhalten auf tatsächliche Schmerzen im Knie verweist oder ob er sie nur vortäuscht, um den gemeinsamen Spaziergang mit uns nicht fortsetzen zu müssen.

Wir können fragen, ob Peters Verhalten gute Gründe für die Vermutung liefert, daß er Schmerzen hat; dagegen kann Peter sich unter normalen Bedingungen nicht fragen, ob das, was er im rechten Knie verspürt Schmerzen sind. Daher sind, wie Wittgenstein betont, selbstbezügliche Aussagen wie „Ich habe Schmerzen“ keine Mitteilungen dessen, was einer von sich weiß, denn wäre dem so, könnte es sich auch um ein Scheinwissen handeln.

Mittels Sprachbetrachtung gelangen wir zur Einsicht, daß jene Formen des Selbstseins, die sich in unmittelbaren selbstbezüglichen Äußerungen der ersten Person artikulieren, weder Formen des Wissens sind noch Reflexionen des Ich am Nicht-Ich, des Selbst am Anderen, wie es die Tradition der Bewußtseinsphilosophie von Fichte und Hegel bis zu Sartre annahm, weil sie in den internen Zusammenhang von Sprache und Gedanke nicht eingedrungen ist.

Metaphern wie die vom Strom des Bewußtseins, von der inneren Welt der Gedanken oder der Freiheit und Eigentlichkeit des Selbst sind ähnlich wie die Metaphern vom Fluß der Zeit, dem Strom der Erinnerung oder vom innerlichen Zeitbewußtsein verfänglich und irreführend.

Aus dem Satz, daß Peter Martha liebt, folgt nicht der Satz, daß Martha Peter liebt, aber der Gedanke, daß Peter Martha liebt, impliziert den Gedanken, daß er ihr freundlich gesonnen ist oder ihr hilft, wenn sie seiner Hilfe bedarf und er ihr helfen kann. Wir können allerdings im Normalfalle (wenn es sich nicht um logische Tautologien handelt) nicht alle Sätze überblicken, die aus einer bestimmten Annahme folgen; doch leisten wir uns gewöhnlich die sprachlogische Zuversicht, daß am Ende oder in einem uneinsehbaren Schlupfwinkel kein Folgesatz lauert, der zu unserer ersten Annahme im Widerspruch steht, freilich, über eine Garantie für Konsistenz verfügen wir nicht.

So sagen wir vor dem Abschied dem Freund, der mit uns zusammen einen Gutteil des Weges gegangen ist, er möge ihn auch ohne uns fortsetzen; aber ob er vielleicht um die nächste Ecke abbricht oder vor ein unübersteigliches Hindernis oder einen Abgrund führt, überblicken wir nicht.

Dagegen mißtrauen wir Pseudo-Theorien, die von einer grundsätzlichen Ambiguität, Ambivalenz und Zweideutigkeit der von uns verwendeten sprachlichen Zeichen und also unserer Gedanken ausgehen; sodaß wir beispielsweise mittels psychoanalytischer „Tiefenhermeneutik“ am Ende dem Ausdruck des Gedankens, daß Peter Martha liebt, den verborgenen Sinn entnehmen, daß Peter Martha eigentlich feindselig gesonnen ist oder sie haßt. – Wenn Peter in einem ambivalenten und zweideutigen Verhältnis zu Martha steht, können wir dies eindeutig und klar zum Ausdruck bringen.

Die Tatsache, daß sich der Lichtstrahl im Doppelspaltexperiment aufgrund der Bildung von Interferenzmustern sowohl als physikalisches Wellenphänomen als auch im Einspaltexperiment aufgrund der erwarteten Treffer von Photonen auf der lichtempfindlichen Platte als physikalisches Teilchen beschreiben läßt, führt zur Äquivalenz der Sätze, in denen wir vom Licht als Welle oder als Teilchen sprechen. Aber der Satz, in dem wir das Licht als Welle beschreiben, wird nicht negiert durch den Satz, in dem wir das Licht als Teilchen beschreiben, sondern auf dem Hintergrund einer anderen Interpretation komplementär ergänzt. Die beiden Sätze drücken demnach unterschiedliche Gedanken aus, die wir freilich nicht gleichzeitig denken und ausdrücken können.

Dagegen drücken wir mit dem Satz „Peter liebt Martha“ gleichzeitig den Gedanken „Martha wird von Peter geliebt“ aus, denn der eine läßt sich aufgrund regelhafter grammatischer Transformation in den anderen umformen.

Ein Kriterium für die Gültigkeit der Gedanken, die wir sowohl mittels Aussagesätzen als auch mittels Fragesätzen zum Ausdruck bringen, ist die Möglichkeit der isomorphen Projektion des Modells, das sich in ihrem deskriptiven Satzkern verbirgt; ob wir nun sagen, daß Peter Martha liebt, oder fragen, ob er sie liebt, in beiden Fällen gehen wir davon aus, daß wir die im Prädikat ausgedrückte Relation („lieben“) und die sie in Beziehung setzenden Eigennamen („Peter“, „Martha“) als Modell einer möglichen Welt betrachten können, in der wir Personen dieses Namens (Peter, Martha) in dem genannten Verhältnis (lieben) antreffen; oder eben nicht antreffen.

Ein weiteres Kriterium der Gültigkeit des sprachlich artikulierten Gedankens ist die grammatisch-logische Mannigfaltigkeit oder mehrgliedrige Struktur seines Ausdrucks; so bedarf es dreier grammatischer Elemente (der zwei Eigennamen und des relationalen Attributs), um den sinnvollen Gedanken zu äußern, daß Peter Martha liebt; und zweier kategorial verschiedener logischer Elemente (der Kategorie des Eigennamens und der Kategorie der Relation).

Freilich, verfügten wir nicht über die sprachliche Möglichkeit der Artikulation des Gedankens, die uns erlaubt, mittels der Zuordnung von Eigennamen Personen zu identifizieren und mittels Zuweisung von Relationsbegriffen zu den Namen Relationen zwischen den Personen darzustellen, hätten wir also keinen Begriff oder sprachlichen Ausdruck für das, was sich ereignet, oder einen möglichen Sachverhalt bildet, wäre es sinnlos, ja unmöglich, von Ereignissen und möglichen Sachverhalten zu reden.

Die Subjektivität des sprachlich artikulierten Gedankens steht in einem internen Zusammenhang mit dem Gedachten, dem, was wir Objektivität nennen.

 

Aug 27 21

Vergebliche Anrufungen

Du Blüte auf dem Dämmergrund,
als wären Schimmer noch erkoren,
in Nacht und Grauen unverloren,
wie sanfter Liebe Blick und Mund.

Du Vogelruf, wenn abendlich
sich Schmerz um Schmerz die Knospen schließen,
ein Weinen will ins Dunkel fließen,
wie weich geführter Bogenstrich.

Und Falter du, gemalter Kuß,
als wären Fühler noch zu tunken,
wo Lippen Bitterkeit getrunken,
wie schmal sie machte der Verdruß.

 

Aug 26 21

Schauert der Strauch im Abendwind

Schauert der Strauch im Abendwind
und feuchte Blüten funkeln,
ist mir, als ob da Augen sind,
die plötzlich sich verdunkeln.

Kaure ich, ein banges Kind,
auf Traumes schwankem Nachen,
ist mir, als ob da Nixen sind,
die, wenn ich schluchze, lachen.

Geh einsam ich am Ufer lang
und rauscht die alte Weide,
ist mir, als sänge sie den Sang
vom unstillbaren Leide.

Steig einmal ich noch auf den Hang,
den Heimatstrom zu schauen,
ist mir, als stillte allen Drang
sein veilchendunkles Blauen.

 

Aug 25 21

Lied der Entwurzelten

Wir sind die eitlen Funken,
von Winterfeuern ausgesandt,
zerstoben schon am Ackerrand,
ins Schattenkraut gesunken.

Wir sind die schale Neige
in eines wilden Festmahls Krug,
den blinde Trinkerwut zerschlug,
da sie aufs Ende zeige.

Wir sind das öde Klopfen
des Regens an das Fensterglas.
Wir zittern schwach am Asphaltgras,
des Zwielichts fade Tropfen.

Wir sind das hohle Ächzen
der Nacht in morschem Dachgebälk.
Wir sind die Blätter, dürr und welk,
die nach Verwesung lechzen.

 

Aug 24 21

Maria Trost

Vergebens suchte ich in den Ruinen
nach deines Lächelns Blütenblatt,
in Todesstarre krümmten sich die Bienen,
die trunken einst sein Duft gemacht.

Und ist dein Angesicht mir auch zerfallen
wie mürb ein Bild aus Kalk und Ton,
im Unsichtbaren quillt von süßem Lallen
ein wacher Quell dem müden Sohn.

Ich fand des hohen Engels Purpurschwinge
erloschen wie ein Opferscheit,
vergessen hat den Tanz der Schmetterlinge
entseelter Puppe Trockenheit.

Und mußte auch die Blumenwange fahlen,
von Staub zerfressen, Gram und Grind,
aus wüsten Träumen hebt mit seinen Strahlen
der Morgenstern ein banges Kind.

 

Aug 23 21

So bergen wir den Schmerz

Der Abend hat die Stimmen uns gesenkt,
es wogt das Haar dir wie von Geisterflügeln,
doch ist kein Engel, der den Schritt uns lenkt.
Man singt in fremden Zungen auf den Hügeln.

Uns trägt der Pfad, ein schmaler Streifen Licht,
hinab durch veilchenblaue Dämmerwiesen
zu Ufern, wo die weiche Welle spricht
von Inseln, lang versunknen Paradiesen.

So bergen wir den Schmerz ins hohe Gras,
ich fühl die Wange sich an deiner feuchten.
Wie kalten Mondes trüb behauchtes Glas
kann meine Liebe dir nur traurig leuchten.

 

Aug 22 21

Es rinnt das Zwielicht

Es rinnt das Zwielicht in die braunen Mulden,
was wie ein Mond auf Wassern schwimmt,
kommt noch aus Träumen und verglimmt,
wir müssen, Schatten, Schattenspiele dulden.

Es geht durch Laubes Schlaf ein Hauch der Frühe,
sein Lispeln ist noch zweifelnd vag,
ob höher tönen Licht und Tag,
wir hoffen, daß die Traube uns noch glühe.

Es kommt der Strahl, den Schleier uns zu heben,
die Knospe hat sich aufgetan,
uns stillt den Blick ein Schnee, der Schwan,
wir fühlen Flügel über uns entschweben.

 

Aug 21 21

Der Schleim einer faden Gesinnung

Sie, die nichts bindet als nur der süßliche Saft,
als nur der Schleim einer faden Gesinnung,
reißt, wenn er kommt, auseinander der Sturm,
und er kommt. Wie überzählige Blätter
auf den Asphalt geweht, rascheln sie noch
dumpf in der Nacht, einander auf immer verloren.

Murmeltiere indes, ertönt der Pfiff
ihres Wächters unter eines Adlers
kreisendem Schatten, treibt es in den Bau,
den ins Dunkel sie sich gruben zur Heimat, zur Rettung.
Jenen verdampfte im Sfumato des Kitschs,
was sie verleugnen, das Wasserzeichen des Feindes.

Mausgleich wispern und wuseln sie hin und zurück,
aber es glänzt im Laubwerk des Dämmers ein Auge,
und wenn geisterhaft sich der Waldfarn schon biegt,
tänzeln sie noch im süßen Rausch einer Traube
oder der Dunst des Geschlechtes trübt ihren Sinn,
bis die Knöchlein jäh im Würgegriff knacken.

 

Aug 20 21

In memoriam

Wirst aus der Nacht des Wassers du mir tauchen,
wie eines Lächelns Blütenblatt?
Ein Marmor deckt dich, kühl und glatt.
Wo ist der Mund der Seele, mir zu hauchen?

Ich sah dein Antlitz knospenweich sich schließen,
sein Schimmer rann wie Tau,
ein Veilchenlicht im Dämmergrau.
Wo ist der Born der Bilder, mir zu fließen?

Ich fühlte Hände schwanengleich sich schmiegen
um dunkler Schmerzen steinern Haupt,
es schmolz, von grünem Sang umlaubt.
Wo ist das weiche Wasser, mich zu wiegen?

Du wirst wie einer Traube Glanz mir scheinen
im Rankenwerk der Einsamkeit,
ein Funken aus dem letzten Scheit.
Du bist, was sanft verglimmend Tränen meinen.

 

Aug 19 21

Kleine ontologische Grenzgänge

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Am Anfang der Sprache (um paradox zu reden) war kein einzelnes Wort; denn mit jedem Einzelwort ist das System der Wortbildung und der Sprache gesetzt.

Der Einwortsatz impliziert eine virtuell unendliche Reihe von Sätzen verschiedenster Arten und Typen.

Wären wir in einem Raum eingeschlossen, dessen fensterlose Mauern verbergen, daß es „da draußen“ keine anderen Räume gibt, wäre die Aussage, daß wir uns in einem Raum befinden, sinnlos.

Der letzte Mensch, der einsam nach der Katastrophe auf der Erde zurückbleibt, gehört der Gattung Mensch schon nicht mehr an.

Es kann nur Räume geben, die zueinander relativ sind, aber keinen Raum, der alle umfaßt.

Es kann nur Zeiten geben, die zueinander relativ sind, aber keine, die alle umfaßt.

Die Zeit oder Epoche der römischen Republik hat kein gemeinsames Maß mit der Zeit, die das Licht einer fernen Galaxie benötigt, um zu uns zu gelangen, auch wenn wir in beiden Fällen (aber wie leichtfertig) von der Vergangenheit sprechen.

Wäre die Zeitstrecke in die Vergangenheit unendlich, hätte es den Jetztpunkt oder die Gegenwart, in der wir dies und was immer sagen, nie gegeben.

Die Welt kann nicht ewig sein, sonst gäbe es keine; sonst gäbe es nicht das Universum, in dem wir uns vorfinden und von dessen Vergangenheit wir reden, denn im Unendlichen gibt es keine Vergangenheit.

Die Metrik und ihre Skalen, Größen und Maße legen fest, was wir messen können, was für uns und von uns meßbar ist.

Der Raum ist nichts anderes als die metrische Möglichkeit, räumliche Abstände zu messen.

Die Zeit ist nichts anderes als die Möglichkeit, zeitliche Abstände zu messen.

Ohne Uhren und Zeitmesser gäbe es keine Möglichkeit, zeitliche Abstände zu messen, ohne Zeitmesser können wir von Zeit nicht reden.

Uhren sind zyklisch gleichförmige Perioden, Schwingungen von Teilchen oder Frequenzen, die wir abzählen können; periodische Schwingungen und Fluktuationen sind eine Eigenschaft sowohl von Teilchen als auch des masselosen Vakuums; also ist die Zeit eine Eigenschaft von Teilchen oder des Vakuums und kein unabhängiges Kontinuum, in dem wir die zeitliche Bewegung von Teilchen und die Quantenfluktuationen des Vakuums ansiedeln.

Wäre der Gegenwart eine sich ins Unendliche erstreckende Vergangenheit oder Vor-Gegenwart vorausgegangen, wären wir nie in ihr angekommen.

Ein Ort kann keinen Raum definieren, ein einziges Teilchen oder ein einziger Stern keinen kosmischen Raum und kein Universum.

Wir können räumliche Abstände (und also den Raum) mittels der Zeit messen, die wir (oder ein geeignetes Medium wie das Licht) benötigen, um sie zu überbrücken.

Die Grenze des Sagbaren und also des Denkbaren können wir intern anhand der grammatischen und logischen Kategorien bestimmen, die uns zur Verfügung stehen.

Jenseits der Raumdimension gibt es keinen Ort, jenseits des Sagbaren gibt es keinen Sinn.

Die Grenze des Sagbaren ist wie der Horizont des Meeres, hinter dem wir die Wellen von Wasser vermuten, ähnlich denen, die wir beobachten können, aber dies ist nur eine suggestive Vorstellung, denn hier tappen wir im Dunklen, und also sollten wir schweigen.

Weil wir keine Position jenseits der Raum-Zeit einnehmen können, ist von ihrem Ursprung zu reden, Unsinn. Weil wir keine Position jenseits der Sprache einnehmen können, ist von ihrem Ursprung zu reden, Unsinn.

Aufgrund der Endlichkeit und Begrenztheit ihrer Vermessung ist es unsinnig, von der exakten Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse zu reden.

Die scheinbar gleichzeitige Präsenz geschriebener Sätze auf dem Bildschirm oder Papier läßt uns leicht darüber hinwegsehen, daß Sprechen ein zeitliches Ereignis darstellt.

Das Schriftbild ist die Mumie und der Petrefakt des Sprechaktes.

Das Komplement jeder Aussage ist eine unendliche Reihe negativer Aussagen; denn wenn ich sage, ich sei gestern in Berlin gewesen, impliziert diese Aussage die unendliche Reihe der negativen Aussagen, daß ich nicht in Frankfurt, nicht in London, nicht in Tokio … gewesen bin.

Das Komplement des Sprechaktes der Frage ist der Sprechakt der konstativen Aussage.

Ein Ereignis verkörpert die Möglichkeit eines Ereignistyps, ein Sprechakt verwirklicht die Möglichkeit eines Sprechakttyps.

Ein Sprechakt kann nicht gleichzeitig zwei kategorial verschiedene Akttypen verkörpern.

Die grundlegende ontologische Differenz scheint jene zwischen Menge und Element, Kategorie und Instanz, Eigenschaft und Individuum zu sein. Doch die rhetorische oder ironische Frage muß sich von der echten nicht unterscheiden („Ist er taub?“ oder „Hat er die Weisheit mit Löffeln gefressen?“), aber sie kann nicht gleichzeitig beide Kategorien instantiieren. Die ontologische Differenzierung bedarf der Auswahl oder Identifizierung des begrifflichen Feldes, in dem wir die Aussage als Verwirklichung eines Aussagetyps ansiedeln.

Wenn wir über mögliche Sachverhalte und Tatsachen Hypothesen bilden und Feststellungen treffen, können wir sie als mehr oder weniger wahrscheinlich, als durch andere Hypothesen und Aussagen mehr oder weniger gut belegt oder als wahre Schlußsätze aus als axiomatisch angenommenen Prämissen indexikalisieren und bewerten. Aber wir können als mögliche Sachverhalte und Tatsachen nur ansehen, was wir im Aussagetypus von Hypothesen und Feststellungen erfassen können.

Die Isomorphie von Aussage und Tatsache, Hypothese und möglichem Sachverhalt bestätigt unsere Annahme von der ontologischen Komplementarität von Subjektivität und Objektivität.

Was wir verleitet sind, Wesen und allgemeine Idee zu nennen und metaphysisch zu hypostasieren, ist die Struktur des begrifflichen Feldes; ähnlich wie die Begriffe von Raum und Zeit keine absoluten Daten und Wesensbestimmungen der phänomenal gegebenen Welt oder des Universums darstellen, sondern Variablen einer Metrik, beispielsweise der Metrik des Vakuums, stellen alle von uns verwendeten Begriffe keine absoluten Gegebenheiten oder losgelöste Tatsachen dar, sondern Variablen der Metrik des ontologischen Feldes. Und als Ontologie betrachten wir die Möglichkeiten von Aussagen innerhalb des begrifflichen Bereichs, der gleichsinnig und spiegelbildlich von Subjektivität und Objektivität umgrenzt wird.

Der ontologische Unterschied zwischen Factum und Fictum, in traditioneller Diktion: von Natur und Kunst, kann nicht mittels Kausalanalyse bestimmt werden, sondern nur begriffsanalytisch unter Bezugnahme der begrifflichen Felder, in denen wir die Begriffe „Tatsache“ und „Fiktion“, „Erfahrung“ und „Traum“, „Person“ und (sie darstellendes) „Bild“ konzeptuell festlegen und verwenden.

Der Unterschied zwischen dem gemalten Glas Wasser und dem echten kann nicht dadurch bestimmt werden, daß wir sagen, das gemalte Glas Wasser können wir nicht trinken oder das gemalte Wasser könne nicht als H2O identifiziert werden. Die Blumen des Bösen Baudelaires verströmen keinen (vielleicht betörenden, vielleicht etwas fauligen) Duft, sondern tragen ihren Namen als Metaphern einer gefallenen Welt.

Der metaphorische Duft ist gar kein Duft; eben deshalb nennen wir ihn metaphorisch. Achill ist überhaupt kein Löwe, eben darum ist die Charakterisierung seines Thymos oder Mutes als löwenhaft eine Metapher.

Wir können komplementäre, das heißt sich entsprechende, aber ausschließende Bilder, Beschreibungen und theoretische Modelle vom „Ursprung“ und der „Evolution“ des Universums verwenden (das schrumpfende Universum ohne Anfangssingularität und das expandierende mit Anfangssingularität), die beide in ihrem begrifflichen Rahmen Gültigkeit beanspruchen dürfen, denn sie sind isomorph aufeinander abbildbar.

Ontologischer Idealismus und ontologischer Realismus sind beide konzeptuell unzureichende Positionen; denn was immer wir als objektiv betrachten, ist es auf dem Hintergrund unserer begrifflichen Differenzierungen. Wir sagen, daß gemalte Glas Wasser ist ein Element des begrifflichen Rahmens, den wir als fiktional beschreiben, das echte Glas, dessen Inhalt wir trinken können, ein Element des begrifflichen Rahmens, in dem wir Wasser als H2O identifizieren.

Was wir Menschen nennen, können wir als Elemente unterschiedlicher begrifflicher Felder betrachten, beispielsweise der Felder, denen wir lebende Organismen, Träger komplexer Nervensysteme, Sprecher einer natürlichen Sprache oder Personen zuordnen, deren Handlungen wir als freiwillig oder justiziabel ansehen. Diese Felder sind komplementär, ergänzen sich oder implizieren einander stufenförmig, aber sie sind nicht in allen Fällen konsistent, denn wir betrachten lebende Organismen und komplexe Nervensysteme weder als Sprecher natürlicher Sprachen noch als intentional handelnde Personen.

Die physikalischen Begriffsbilder des Raums, die wir bei Newton und bei Einstein finden, sind komplementär, denn wir können auch in der Einstein-Welt mit den Formeln Newtons rechnen, aber miteinander nicht konsistent, denn die Geometrie Newtons ist die klassische dreidimensionale eines Euklid und Descartes, während die relativistische die Dimension der Zeit integriert und wir in ihr mit gekrümmten Linien wie in der Geometrie eines Gauß und Riemann rechnen.

Wir sind auf sprachliche Bilder und begriffliche Muster und Modelle angewiesen, die uns wie topographische Karten, deren Maßstab und projektive Größenordnung wir festlegen, auf weite Strecken orientieren. Doch geraten wir in unbekanntes Gelände, müssen wir neue Wegmarken anlegen, neue Karten entwerfen.

Statt vom Haus der Sprache zu reden und der verfänglichen Metapher eines soliden Fundaments zu erliegen, sollten wir vielleicht das Bild des Schiffs gebrauchen, das wir freilich nicht völlig autonom entwickelt und konstruiert haben, denn unser konzeptuelles Baumaterial sind gleichsam wild gewachsene Namen und Begriffe, grammatisch uns zugewachsene Kategorien, die wir allererst zurechtstutzen müssen. Die Reise mit einem solchen Gefährt ist allemal ein Abenteuer, denn wir wissen nicht, wohin wir gelangen, sie ist nicht ungefährlich, denn der Strom, auf dem wir fahren, ist nicht begradigt und befriedet, sondern hat seine Untiefen und Katarakte; ja, wir können Schiffbruch erleiden.

 

Aug 18 21

Die Rückkehr der Taliban

Die bärtigen Turban-Teufel sind zurück,
die wilden Taliban,
der okzidentale Wahn –
am Hindukusch brach er sich das Genick.

Die hehre Truppe, die ein Mädchen lenkt,
erwies sich als kastriert –
von Partisanenlist düpiert,
hat sie den Adler in den Staub gesenkt.

Nun ist die Hysterie, das Heuchel-Heulen groß,
es jammert die Journaille,
daß vor Allahs Kanaille
der Wicht der Weltmoral steht hosenlos.

Das tätowierte Mannweib aber schreit,
weil unter dem Koran
der Schwerenöter-Taliban
nur eine Frau im wollenen Käfig freit.

Die Memme der Kritik flennt sentimental,
wenn das Asketen-Ohr
würgt ab den Tunten-Chor
und löscht verruchter Bilder Bacchanal.

Daß man die Christenknechte laufen läßt,
nicht abwäscht, was haram,
zeigt, wie schon lendenlahm
die Inbrunst ward, wie scheel der Blick gen West.

Heroisch wirkt es nicht, bloß pubertär,
wenn sie auf einem Karussell,
den Stenzen juckt das Fell,
sich grinsend drehn, und die Moschee steht leer.

 

Aug 17 21

Dem Lärm der Welt entronnen

Wir wollen schweigend unter Schatten gehen,
die Stirn kühlt uns der Abend schon,
ins Dunkel neigt die Glut der Mohn,
uns hüllen Schleier, die von Wassern wehen.

Wir haben Ja und Nein zurückgelassen,
die Rose und den Sonnenhauch,
den bittern Kelch des Mondes auch,
uns locken Lilien, die auf Wassern blassen.

Wir sind dem dumpfen Lärm der Welt entronnen,
wovon die bleiche Lippe bebt,
als ob noch eine Frage schwebt,
löst helle Nacht uns, rauschen ihre Bronnen.

 

Aug 16 21

Daß unsre Hände sich noch finden

Wenn ferner Ströme Sagen münden
und über uns die Wolke steht,
wo Dickicht ritzt und Nachtlaub weht –
daß unsre Hände sich noch finden!

Wenn frühen Blühens Bilder bleichen
und unter uns verschwimmt der Pfad,
wo Mohn versank in jäher Mahd –
daß wir die Hände uns noch reichen!

Wenn Schatten wir mit Schatten gleiten
und Traum dem Tag die Lider schließt,
wo Quelle stockt und Grauen fließt –
daß Hand in Hand wir heimwärts schreiten!

 

Aug 15 21

Vergebens pochen Bettelworte

Der Sommer hat den grünen Schoß verbrannt,
wie mußten bald zu Boden gehen
die blauen Trauben schwarzer Schlehen,
nicht hat den Schmerz die Nachtigall gebannt.

Schon raschelt unterm Fuß das spröde Laub,
vergebens pochen Bettelworte
an eine zugesperrte Pforte,
das Ohr, zu dem sie flehen, es ist taub.

Und knirscht im Schnee der zögernd müde Tritt,
verhüllt ein Tuch, was Liebe scheute,
kein Wasser seufzt, daß es ihm deute,
dem traumerstarrten Leben, was es litt.

 

Aug 14 21

Muse weint und Satyr lacht

Geifer trieft vom Wulste ihrer Lippen,
Augen stieren wimpernlos und blind,
keine Funken singt der Aschenwind,
Fäulnisodem dehnt umsonst die Rippen.

Nein, sie hat kein hoher Geist erschaffen,
inspiriert vom dunstenden Gemächt,
grölen sie das Lied vom Menschenrecht,
Fahnen schwingend, Darwins dümmste Affen.

Schamlos wühlen sie die Brunstvisage
in das blaue Tuch der Sternennacht,
keusche Muse weint und Satyr lacht,
schaut er seines Bildes Persiflage.

 

Aug 13 21

Kopfnüsse

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die meisten bleiben nicht aus Treue, sondern weil Gewohnheit und Routine, Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit sie am Ort, an der Sache, an der Gemeinschaft festkleben lassen.

Land der geistigen Zwerge und kastrierten Memmen, wo in Politik, Armee und Schule kinderlose Frauen und mit „Männern“ „verheiratete“ „Männer“ das Sagen haben.

Hier, wo Erzieher nicht Erzieher mehr genannt werden, in Wahrheit aber Umerzieher und Runterzieher sind.

Am Ende pflanzt sich der Arsch der Vulgarität auf das bleiche Gesicht des deutschen Idealismus („Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß …“).

Kein Recht ohne Pflicht, kein Gesetz ohne Zwang; jede Institution, jede Anstalt, jeder Staat hat ein Zwangskorsett, auch wenn die Watte der Ideologie und der Schaumgummi des Ideals seinen Druck abmildern.

Das Gesetz der Verteilung von Innen und Außen, von Alten und Jungen, von Führern und Geführten ist das ungeschriebene Gesetz der sozialen Welt.

Wer kein Blut sehen kann, wird nicht Chirurg.

Auf der Leiter schöner Phrasen klimmt er hinan; doch der Nachbar ist schon höher gestiegen – auf der Treppe obszöner Flüche und geifernder Verwünschungen.

Demokratie oder die Herrschaft der Vulgarität in der Maske der Wohlfahrt.

Jeder soziale Bereich hat seine konstitutiven Regeln und Kodierungen, die seine Identität und die Kriterien definieren, die alle Möglichkeiten umfassen, ihm zuzugehören oder nicht zugehören zu können.

Alles Sublime hat den Ruch des Elitären; deshalb sollen Schüler die Schrift lieber nach Gehör lernen als Goethes Elegien abzuschreiben.

Wer die Armut abschaffen will, ist angetreten, das Geld der anderen zu verteilen.

Wenn die Bilder von Bosch, Raffael oder Van Gogh einzigartig sind, gilt dies per analogiam auch von denen, die sie gemalt haben. Doch können wir die biographische Charakteristik von Hinz und Kunz nicht anders denn als Schnittmenge beliebig großer, aber begrenzter Kreise von Aussagemengen mit allgemeinen Begriffen an der Funktions- oder Prädikatstelle ansehen, die auch für die Lebensbeschreibung von Müller und Meier eingesetzt werden müssen.

Ens est ineffabile heißt: Mittels einer noch so spendablen Verwendung von Allgemeinbegriffen können wir das spezifisch Individuelle der Individuen, die durch sie charakterisiert werden, nicht bestimmen. Das Spezifische und Eigentümliche finden wir somit nicht durch Verwendung deskriptiver Begriffe, sondern mittels raumzeitlicher Bestimmung der sie verkörpernden Individuen.

Was der Mythos als göttlich-dämonische Mächte beschreibt, beschreiben und behandeln wir als Themen, Mächte und Strukturen der Kommunikation und sozialen Ordnung.

Alles, was besteht, trägt den Keim des Untergangs und Zerfalls in sich, was lebt, den Keim des Todes, was liebt, spürt auch den Stachel des Hasses, was spricht, den würgenden Knebel des Schweigens.

Das Gesetz konstituiert sich in der Fuge zwischen Ordnung und Zerfall.

Wir können das Gesagte und Getane widerrufen und bereuen, aber nicht ungeschehen machen; das Erlebte kann wie eine Pfütze in der prallen Sonne verdampfen; doch schlägt das Wetter um, kann es sich kondensieren und wie ein dünner Niederschlag das Fenster des Bewußtsein trüben.

Wir können eine autonome und selbstkonstitutive Macht und Ordnung nicht mit einer anderen versöhnen oder eine bruchlos und ohne Sinnverlust in eine andere übersetzen.

Ares kann Aphrodite nicht verstehen, auch wenn Eros sie aneinanderkettet.

Selbst der höchste Gott der Griechen, Zeus, kann nicht für alle Götter sprechen; das Ohr des Hades und der Erinnyen erreicht seine gewaltige Stimme, die vom Gesetz des Tages und des glänzenden Himmels kündet, nicht.

Niemand kann für alle sprechen; was für alle Sprecher und Sprachen universell gültig zu sein scheint, sind leere Worte, ohnmächtige Phrasen, nichtssagende Tautologien.

Die Welt des Kranken ist eine andere als die Welt des Gesunden.

Nur wer sich den Mund verbrannt hat, lernt sich im entscheidenden Moment auf die Lippen zu beißen.

Die alte Wunde wacht und will nicht schlafen; die milden Tropfen der Güte und des Zuspruchs sind über Nacht zerronnen.

An den Narben erkennen wir die Größe des Kampfes.

Unter der glänzenden Fläche des Wassers der Dichtung, auf dem weiße Blütenblätter treiben, brütet das alte Dunkel seine Ungeheuer aus.

Grausamkeit ist der Lehrer des Lebens.

Das Herz schlägt wacher in der Nacht der Einsamkeit.

ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται. (Menander) – Daß nur der geschundene, gegerbte, gehäutete Mensch erzogen genannt werden kann, leuchtete auch Goethe ein, der die Gnome des Menander zum Motto seiner Autobiographie erhoben hat. – Welch ein Aufschrei all der pädagogischen Eunuchen, die ihre Vorhaut auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert haben, welch ein Meckern all der Schulamtsziegen, für die schon die Stille des Klassenzimmers ein Omen schwarzer Pädagogik darstellt.

Natürlich will Goethe keine Hymnen auf das dunkle Sausen des Rohrstocks anstimmen, sondern gemahnt an die Schur durch das ratschende Messer der Schicksalsgöttin, dem auch die wallenden Locken der Dichtkunst anheimfallen.

Je mehr einer den Mächten des Chaos und des Zerfalls ausgesetzt ist, umso glänzender, ominöser, mirakulöser die Gestalten der Selbstaussage und Selbstbehauptung (nennen wir nur Werther, Tasso, Wilhelm Meister und Faust), die er ihnen kämpfend, bis zur endgültigen Niederlage sich verzehrend abringt.

Eine Erinnerungsschwäche zeigt sich in dem Umstand, daß wir Orten und Individuen keine korrekten Namen und Namen keine korrekten Relationen zuschreiben können; der Zerfall des Gedächtnisses aber wird offenkundig, wenn wir die Semantik von Namen und Relationen nicht mehr voneinander unterscheiden können.

Heroisch wie Stauffenberg handelt nicht, wer siegesgewiß zur Tat schreitet, sondern unter scharf kalkuliertem Wagnis das Schicksal herausfordert.

Die heute ohne ein persönliches Risiko einzugehen, ja unter medialem Applaus gegen den irrealen Schnauzbart fechten, hätten damals vor dem realen den Kotau gemacht.

Der Eitle verdirbt den schönsten Einfall, wenn er ihn zur Pose vor einem imaginären Publikum erniedrigt.

 

Aug 12 21

Heiterkeit, ein Flaum

Wie eines Flaumes weißes Schweben
enttaumelt sie dem Abendblau,
ein Spiegelbild im Tropfen Tau
von unbekanntem stillen Leben.

Wie einer Blüte helles Lächeln,
bevor die Knospe es verschließt,
und deiner Müdigkeit zu fächeln,
des Wassers Ode, die verfließt.

Den weichen Flaum kannst du nicht fangen,
nicht treten ein ins schöne Bild,
ins Lächeln dir die Träne quillt,
weißt nicht mehr, was die Wasser sangen.

 

Aug 11 21

Sophokles, Elektra, Verse 137–153

Χορός

ἀλλ᾽ οὔτοι τόν γ᾽ ἐξ Ἀΐδα
παγκοίνου λίμνας πατέρ᾽ ἀν-
στάσεις οὔτε γόοισιν οὔτ᾽ εὐχαῖς.
ἀλλ᾽ ἀπὸ τῶν μετρίων ἐπ᾽ ἀμήχανον
ἄλγος ἀεὶ στενάχουσα διόλλυσαι,
ἐν οἷς ἀνάλυσίς ἐστιν οὐδεμία κακῶν.
τί μοι τῶν δυσφόρων ἐφίει;

Ἠλέκτρα

νήπιος ὃς τῶν οἰκτρῶς
οἰχομένων γονέων ἐπιλάθεται.
ἀλλ᾽ ἐμέ γ᾽ στονόεσσ᾽ ἄραρεν φρένας,
Ἴτυν, αἰὲν Ἴτυν ὀλοφύρεται,
ὄρνις ἀτυζομένα, Διὸς ἄγγελος.
ἰὼ παντλάμων Νιόβα, σὲ δ᾽ ἔγωγε νέμω θεόν,
ἅτ᾽ ἐν τάφῳ πετραίῳ
αἰεὶ δακρύεις.

 

Chor:

Und doch weckst auf du nimmer
aus Hades Ur-Sumpf dir den Vater,
mit Klagen nicht, nicht mit Gebeten:
Tiefer nur sinkst du vom Rand des Leidens
immerzu stöhnend in Leidens Abgrund,
wo keine Erlösung vom Übel dir wird.
Warum willst gleiten du tiefer ins Unglück?

Elektra:

Unmündig, wer die Eltern vergißt,
schwanden dahin sie jämmerlich.
Mir aber wärmt das Herz, die da schluchzt
um Itys, immer um Itys wehklagt,
flüchtiger Vogel der Nacht, ein Bote des Zeus.
Weh auch dir all-
duldende Niobe, Göttin heiße ich dich,
die auf dem Grab, dem steinernen,
weint, ewig weint.

 

Anmerkung zum Verständnis:

Nachdem die Königin Klytaimnestra gemeinsam mit ihrem Geliebten Aigisthos den von Troia an den Hof zu Theben heimkehrenden Gatten Agamemnon, den Heerführer der hellenischen Stämme, heimtückisch im Bade abgeschlachtet hatte, fristete ihre Tochter Elektra, ganz von der Trauer um den Vater verzehrt, ein elendes Leben in den Höfen und Gängen des Palastes; ihr Bruder Orestes, dessen Rache die Mutter fürchtete, wurde an den Hof des Königs von Phokis verbracht, wo er gemeinsam mit dessen Sohn Pylades aufgewachsen ist.

Im Prolog der Tragödie läßt Sophokles den Rächer Orestes mit seinen Begleitern, einem treuen Pfleger und Diener und dem Freund Pylades, auftreten und den Racheplan erwägen. Sie wollen als Fremde verkleidet vorgeben, die Asche des Orestes in einer Urne zu überbringen, um Klytaimnestra zu täuschen und in falscher Sicherheit zu wiegen. Zuvor aber wollen sie ans Grab Agamemnons eilen, um das obligatorische Totenoper darzubringen.

Elektra tritt auf und ergeht sich in einem pathetischen Monolog der Klage und Trauer über ihre verzweifelte Lage; sie fleht die Göttinnen der Unterwelt, die Erinnyen, an, den Mord an ihrem Vater zu rächen, ihr den Bruder zu senden, auf daß er das Werk der Vergeltung vollziehe.

Schon in ihrem ersten großen Monolog erwähnt Elektra die Nachtigall, sie tut es erneut im Dialog mit dem Chor, der oben zitierten und übersetzten Szene. Die Nachtigall aber ist wie die von Elektra gleichsam als Schutzheilige ebenfalls beschworene Niobe eine tragische Gestalt des griechischen Mythos: Prokne, die Tochter des Königs Pandion von Athen, hat mit ihrem Gatten Tereus, dem König von Thrakien, den Sohn Itys. Tereus vergewaltigt die Schwester der Prokne, Philomela, und reißt ihr anschließend die Zunge heraus, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie aber webt ein Tuch, das die böse Tat darstellt, und gibt es ihrer Schwester. Die beiden Schwestern rächen sich, indem sie Itys töten und dem Vater zum Mahl vorsetzen. Tereus entdeckt die Mordtat an seinem Sohn und verfolgt die Schwestern, um an ihnen Rache zu nehmen. Doch noch bevor er Hand an sie legen kann, verwandelt Zeus alle in Vögel, Tereus in einen Habicht, Philomela in eine Schwalbe und Prokne in eine Nachtigall.

Die andere tragische Gestalt, mit der sich Elektra identifiziert, Niobe, prahlte mit ihren sieben Söhnen und sieben Töchtern vor Leto, der Mutter von Apollon und Artemis; diese töten Niobes Kinder mit Pfeilen, Niobe selbst wird von Zeus in einen Stein verwandelt, der immerzu Tränen vergißt.

 

Aug 10 21

Kleine semantische Grenzgänge

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Ein Bild für die Sprache und das Bewußtsein ist das je eigene Gesichtsfeld, in dem wir nicht gleichzeitig alle Örter, Winkel und Aspekte scharf stellen können.

Ein anderes Bild für die Sprache und das Bewußtsein ist die Landschaft, die wir durch Anwendung projektiver Methoden und mittels Verwendung von ikonischen Zeichen für Bäume, Quellen, Flüsse, Denkmäler und Ortschaften auf einer topographischen Karte darstellen; wir müssen den Ausschnitt und die maßstäbliche Größenordnung nach pragmatischen Gesichtspunkten vorab auswählen und können nicht gleichzeitig alle möglichen Abbildungsvarianten wiedergeben.

Die Verwendung unserer Farbskala läßt nicht zu, einen Ort im Gesichtsfeld gleichzeitig als grün und rot zu definieren.

Die Verwendung unserer grammatischen und logischen Syntax läßt nicht zu, daß wir einer Entität gleichzeitig die Eigenschaft P und Nicht-P zusprechen oder denselben Gegenstand sowohl als A als auch als Nicht-A bezeichnen.

Die Sprache kann sich nicht vollständig auf sich selbst abbilden, das Bewußtsein kann sich nicht selbst vollständig erfassen.

Bewußtsein und seiner bewußtes Leben erfassen und begreifen wir gemäß demjenigen, was einer von sich selbst sagt; dabei ist, was er sagen kann, durch das Wörterbuch und die Grammatik seiner Sprache begrenzt.

Hätten wir nur die Geschmacksnoten „süß“ und „sauer“ zur Auswahl, könnten wir jemandem, was wir beim Hopfentrunk schmecken, nicht als bitter beschreiben.

Nur weil unsere Grammatik die Verwendung von Zeitstufen des Verbs erlaubt, können wir uns für das gestrige Zuspätkommen entschuldigen und uns für morgen verabreden.

Jede Realität birgt unendlich viele Virtualitäten; jeder Augenblick bewußten Lebens ist ein Spiegel eines Spiegels.

Haben wir den Abschnitt der Novelle gestern oder vorgestern gelesen? Aber wir könnten ihn an beiden Tagen gelesen haben; oft haben wir keine Möglichkeit, unsere Erinnerungen kalendarisch zu ordnen.

Jede Form der Abbildung wie die Projektion der dreidimensionalen Landschaft auf die zweidimensionale topographische Karte impliziert eine unbegrenzte Anzahl von Varianten.

Sprache ist eine Form der Abbildung des Bewußtseins mit einer unbegrenzten Anzahl von Varianten.

Was wir von uns selber sagen, unterscheidet sich bisweilen grundlegend von dem, was andere von uns sagen. Beides kann aufschlußreiche Varianten bieten, ohne einander ausschließende Alternativen darzustellen.

Bei einer Wanderung sind wir, ohne es zu merken, an denselben Ort gelangt; wir haben ihn aus einer anderen Richtung passiert. So auch mit unseren Erinnerungen.

Es besteht ein wesentlicher Unterschied darin zu wissen, daß es sich bei dieser Person um Peter und bei diesem Ort um Berlin handelt, und zu wissen, daß wir Personen und Orte mit Eigennamen wie Peter oder Berlin bezeichnen. Im letzteren Fall handelt es sich um grammatisch-logisches und kategoriales Wissen.

Die Annahme, Peter habe sich vorige Woche in Berlin aufgehalten, kann wahr oder falsch sein; aber die Verwendung der Kategorie des Namens für eine Person und einen Ort sowie die Kategorie der Zuordnung (Attribution) einer temporalen Bestimmung konstituieren eine gültige Aussageform für eine wahre oder falsche und also für jede in einer solchen Sprache mögliche Aussage.

Die Verwendung von grammatisch-logischen Kategorien wie Namen und Attributen definiert den Kontext des Sagbaren und die Grenzen des sprachlich erfaßbaren Sinns.

Die Annahme, Peter sei nicht der Sohn von Helga, sondern von Hanna, stellt einen empirischen Fehler dar (wenn Helga Peters Mutter ist); aber die Annahme, Helga sei jünger als Peter (wenn Helga Peters Mutter ist), stellt einen kategorialen Fehler in der Verwendung der Relation der Verwandtschaft zwischen Kind und Eltern und ihrer zeitlichen Implikationen dar.

Die Annahme, Peter sei älter als Helga (wenn Helga Peters Mutter ist), ist nicht falsch, sondern sinnlos.

Hans muß sich beeilen, um rechtzeitig zu der Verabredung zu kommen. Peter muß später zu der Verabredung gekommen sein, wenn Hans früher erschienen ist.

„Nicht können“ und „können“ sowie „müssen“ haben jeweils entweder einen kategorialen oder empirischen Sinn, und also einen gänzlich verschiedenen Sinn.

Sinnlose Aussagen beruhen auf Fehlern in der Verwendung der grammatisch-logischen Kategorien von Namen und Attributen; anders als falsche Aussagen stellen sie keine möglichen Wahrheiten dar.

Die Angabe der Höhe einer Erhebung oder des Abstands zwischen Orten auf der topographischen Karte bleibt gleich, auch wenn wir die Projektionsmethode verändern und einen anderen Maßstab verwenden.

Die Angabe des zeitlichen Abstands zwischen der Geburt der Mutter und der Geburt ihres Sohnes in Jahren, Stunden oder Minuten hat keinen Einfluß auf unser Urteil, daß der Sohn jünger als seine Mutter sein muß.

Die allgemeine Struktur der Aussage zeigt sich darin, daß wir etwas über etwas sagen: „Helga ist Mutter“ (Fa) oder „Helga ist Peters Mutter“ (aRb).

Die Grenze des sinnvoll Sagbaren ist durch das kategoriale Netzwerk definiert, das der von uns verwendeten Sprache eigentümlich ist. Die Grenzen verschieben und erweitern sich, wenn wir das Netzwerk der Kategorien erweitern; räumliche, zeitliche und kausale Kategorien erweitern das elementare kategoriale Netzwerk aus Namen und Relationen (Eigenschaften).

„Peter ist jünger als Helga, weil Helga seine Mutter ist.“ – Wir können den kausalen Satzsinn allerdings durch folgendes Wenn-dann-Argument ersetzen. Wenn immer wer Sohn einer Mutter ist, ist er jünger als diese.

Dies gilt auch für Dispositionsbegriffe wie zerbrechlich oder aufbrausend, indem wir diese Begriffe durch Wenn-dann-Hypothesen eliminieren. Statt zu sagen: „Weil Glas zerbrechlich ist, zerfiel die herabstürzende Vase in tausend Stücke“, sagen wir: „Immer wenn Glas großem Druck ausgesetzt wird, zerbricht es“; und statt zu sagen: „Weil er jähzornig ist, fährt er bei der kleinsten Mißachtung aus dem Häuschen“, sagen wir: „Immer wenn er sich übergangen oder mißachtet fühlt, bekommt er einen Tobsuchtsanfall.“

Natürlich müssen wir bei der Zuschreibung von Empfindungen, Gefühlen oder Absichten an andere oder uns selbst das Faktum des bewußten Lebens oder der Subjektivität voraussetzen; denn von einem Farbeindruck, einer Gefühlsaufwallung oder der Absicht, eine Reise zu machen, können wir nur reden, wenn wir sie jemandem zusprechen, dem sie mehr oder weniger bewußt sind.

Farben, Gefühle und Absichten sind nicht objektive Gebilde wie die Rose, die wir rot nennen, der steile Berggrat, auf dem zu wandern uns schwindeln macht, oder der Meeresstrand im Süden, zu dem wir aufbrechen wollen. Doch diese subjektiven oder mentalen Tatsachen sind gleichwohl objektivierbar, denn sollten wir die rote Ampel einfach ignorieren, sind wir entweder farbenblind oder tollkühn und laufen Gefahr, überfahren zu werden; wenn uns auf ebener Erde schwindelt, leiden wir unter Kreislaufschwäche, und wenn wir von der Verschmutzung des Strands in Kenntnis gesetzt werden, stornieren wir die Buchung der Reise.

Aber selbst der scheinbar subjektlose Kontext objektiver Aussagen wie der Aussage, daß Wasser bei 100 Grad Celsius verdampft oder sich das Weltall mit immer höherer Geschwindigkeit ausdehnt, kommt ohne eine von der wissenschaftlichen Gemeinschaft entwickelte Metrik und ohne messende Beobachtung nicht aus; denn wir sind es, die Temperaturskalen entwickeln und anlegen, wir sind es, die mittels raffinierter Meßinstrumente und fotochemischer Analysen die Rotverschiebung sich entfernender Galaxien aufzeichnen und die kosmische Hintergrundstrahlung abbilden.

Wir könnten vom Ursprung des Sonnensystems oder des Universums, also Ereignissen der Weltzeit, nicht reden, hätten wir dank unserer Lebenszeit in den Kategorien von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht einen letzten Fluchtpunkt und eine äußerste Sinngrenze unserer wissenschaftlichen Theorien und Aussagen.

Wir können als gleichsam sprachtheoretisch primordiale Unterscheidung den Unterschied von dem, worüber wir reden, und dem, was wir von ihm sagen, annehmen; doch können wir Art und Zahl der von uns anwendbaren und sinnvoll möglichen grammatisch-logischen Kategorien nicht, wie Aristoteles und Kant meinten, ein für allemal festlegen oder aus höheren logischen Regeln ableiten.

Nicht jeder Sprecher kann alles sagen und alles für alle oder im Namen aller sagen, sondern nur, was das kategoriale Netzwerk der von ihm verwendeten Sprache und der soziale Kontext seiner Äußerung hergeben.

Mit der altgriechischen Sprache konnten die sublimsten Formen der Dichtkunst ausgebildet werden; aber mit ihrem auf Buchstaben beschränkten Zahlsystem keine höhere Mathematik, keine Relativitäts- und Quantentheorie.

„Hans meinte, Peter habe sich wohl aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens verspätet, er werde gewiß noch kommen.“ – „Wäre Peter im Wissen um das hohe Verkehrsaufkommen früher losgefahren, hätte er pünktlich sein können.“ Ohne die Grammatik des Konjunktivs könnten wir keine Vermutungen, Hypothesen und Wahrscheinlichkeitsaussagen, ohne die Grammatik des irrealen Konditionalsatzes keine kontrafaktischen Aussagen bilden.

Der Roboter kann die Kategorien der Person, der Absicht, der Handlung nicht erfassen und sinnvoll verwenden; er kann sich nicht wie eine Person als Teilnehmer und Mitglied einer Gruppe, einer Institution oder eines sozialen Systems verstehen, in deren Kontext wir ihr absichtsvolle Handlungen zusprechen. Die Teilnahme an einer institutionellen Praxis ist durch die Erfüllung oder Nichterfüllung von Teilnahmebedingungen definiert und limitiert; der Chorleiter muß eine entsprechende musikalische Ausbildung absolviert haben, der gute Wille des Sängers, es auch einmal zu versuchen, reicht nicht aus. Solche sozialen Inklusions- und Exklusionsbedingungen sind auf Roboter nicht anwendbar; die Sänger verstehen die Anweisungen des Chorleiters, die dem Roboter erteilten Programmbefehle kann er weder verstehen noch in Frage stellen. Der Roboter funktioniert diesseits der Grenze des Sinns und Unsinns, die den Teilnehmern sozialer Systeme durch die adäquate Verwendung der grammatisch-logischen Kategorien ihrer Sprache vorgegeben sind.

Der Roboter unterliegt keinem Zwang, wenn er seine Befehle ausführt; anders Sprecher einer Sprache, die vor dem Überschreiten des Sinns durch den systematischen Druck der zulässigen grammatischen und logischen Kategorien auf das Feld des sinnvoll Sagbaren zurückgelenkt werden; die Behauptung, der Mörder habe heimtückisch gehandelt, sei aber mangels freier Willensentscheidung freizusprechen, wird vom Unsinn durch Negation befreit, wenn wir entweder sagen, der Mörder habe nicht heimtückisch gehandelt, weil er geisteskrank ist, oder sagen, der Mörder habe heimtückisch gehandelt, weil seine Willensentscheidung bei der Tatvorbereitung und im Moment der Tat nicht eingeschränkt war.

Der angemessene Gebrauch der Negation belehrt uns über die Grenze des sinnvollen und sinnlosen Redens.

Der ausgediente Roboter läßt sich durch einen neuen ersetzen. Die Eltern dieser ihrer Kinder nicht, auch wenn sie tun, was alle Eltern tun, auch wenn das kategoriale Netzwerk unserer Sprache zu ihrer Beschreibung nur jene Allgemeinbegriffe und Eigenschaften wie liebevoll, fürsorglich und vorausschauend hergibt, die wir auch bei der Beschreibung anderer Elternpaare verwenden könnten.

 

Aug 9 21

Wie gut, daß Wüsten wachsen

Wie gut, daß Wüsten wachsen, stummem Mond
der Dünen weiches Wogen endlos dehnt
ein Meer aus glitzerndem Staub und flüsterndem Sand,
dem einsam lauscht der giftige, der Skorpion.
Denn wächst die Wüste, wächst die Stille auch,
erstickt den Lärm der Welt und stopft mit Knebeln,
zart und unablöslich, mit Knospen aus Quarz,
die im Dunkel feuchter Schlünde platzen,
dem Marktgeschrei das Maul, dem Wahngeschrei.
Klebt nicht schon rötlicher Flaum an Fensterscheiben,
knirscht stumpfer Zahn dem Esser nicht ins Blatt?
Es schimmert durch die Schrift dem Ahnungslosen,
dem Dichter, der noch Rosenworte sucht,
die unterm heißen Wüstenwind bald siechen,
statt eines Wasserzeichens eine Locke
der Königin von Saba, die sie einst
dem alten Gott des Lebensgrauens,
der zwischen den Nomadenzelten brüllte,
auf seine Löwenpranke hat gelegt,
als er aus heißem Flirren ihr erschien.
Wie gut, daß Wüsten wachsen, Gärten aber,
die unter Wegerich und Ampfer röcheln,
es seufzt kein Veilchen mehr zum Huf des Pan,
streut Asasel die weißen Todesflocken.
Der Wingert, wo der Traube Blick geglüht,
dem frohen Kelch des Herbstgesangs entgegen,
fleht aufgelassen längst zum Geist der Wildnis.

Wie gut, daß Wüsten wachsen, stummem Mond
der Dünen weiches Wogen endlos dehnt
ein Meer aus glitzerndem Staub und flüsterndem Sand.
Denn wächst die Wüste, wächst die Stille auch.

 

Aug 8 21

Subjektivität und Objektivität

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Subjektivität ist die Voraussetzung und conditio sine qua non von Objektivität.

Subjektivität und Objektivität, Wahrnehmung und Welt sind korrelative Begriffe. Der Kontext subjektiver Wahrnehmung und Erwartung unterliegt objektiven Erfüllungsbedingungen; worüber ich reden kann, muß von der Rede eines anderen bestätigt oder verworfen werden können.

Daß wir etwas wahrnehmen und erfahren, daß wir über etwas reden, das existiert oder nicht existiert, ist das offenbare Geheimnis, nicht was wir wahrnehmen und erfahren, nicht worüber wir reden.

Zahlen gibt es nur im logisch-symbolischen Raum des Zählens.

Die Bedingung korrekten Rechnens umfaßt die Möglichkeit fehlerhaften Rechnens.

Farben gibt es nur, wenn wir an bestimmte Stellen des Wahrnehmungsfelds eine Farbskala anlegen. Werden sie deshalb zu bloßen subjektiven Empfindungen oder psychologischen Fiktionen? Nein, wir gehen ja unter Wahrung größtmöglicher Vorsicht nur bei Grün über die Ampel.

Liebe, das scheinbar subjektivste Gefühl, kann aufgrund fehlender Fürsorge oder eines Verrats in seiner Geltung objektiv in Frage gestellt oder bestritten werden.

Wie Zählen und Zahlen eine Funktion des logischen Raums, sind Gefühle und Handlungen eine Funktion des sprachlich kodierten sozialen Raums.

Man kann bei einer Rechnung oder Gleichung, die nur eine richtige Lösung hat, unbegrenzt viele Fehler machen.

Die sprachlich-grammatische Kodierung begrenzt den Sinn der Kommunikation; wer trotz der Feststellung der Tatmerkmale von Heimtücke und Habgier dem Mörder die Fähigkeit, intentional zu handeln, abspricht, verletzt den Sinn der Kodierung und begeht einen Kategorienfehler.

Rechte und Pflichten sind korrelative Begriffe.

Das Recht des Gläubigers auf verzinste Rückgabe des geliehenen Geldes ist das im Rechtscode festgelegte kategoriale Spiegelbild der Pflicht des Schuldners, die geliehene Summe mit Zins und Zinseszins zu begleichen.

Im Gegensatz zur religiös abgesicherten Staatsordnung der Römer, die ungewöhnliche Wetter- und Naturphänomene wie Gewitter und den Flug von Wahrsagevögeln durch Augurendeutung in die politische Entscheidungsfindung einbaute, gehören solche Phänomene gemäß unserer sprachlich-sozialen Kodierung einer anderen Ordnung, bloßer Natur, an.

Die sich begrüßen, werden sich auch voneinander verabschieden; es kann ein Abschied für immer oder ein Abschied in der Erwartung einer Wiederbegegnung sein. Die Eröffnung der Begegnung durch die Begrüßung und ihre Beendigung durch den Abschied sind korrelativ; wobei die Besonderheit eintritt, daß der Abschied die Erwartung oder den Ausschluß der Wiederbegegnung implizieren oder ambivalent beide Möglichkeiten offenlassen kann.

Was zwischen Begrüßung und Verabschiedung in den sozialen Räumen der Kommunikation geschieht, kann weder vorausgesehen noch gesteuert werden; es sei denn, es handelt sich um die Ausführung eines Rituals, aber dann sprechen wir nicht von der Erfahrung einer Begegnung, sondern von der Routine einer Handlungsmechanik. Jemand kann in der festen Absicht die Wohnung des Freundes betreten, es zum letzten Mal zu tun, und am Ende besinnt er sich eines Besseren.

Ist einer größer, älter, klüger als der andere, so ist dieser kleiner, jünger, dümmer als der erste; hier handelt es sich um relationale Begriffe. Ob die Antwort des einen auf die Frage des anderen diesen zu weiteren Aussagen veranlaßt oder zum Abbruch des Gesprächs, kann weder vorausgesehen noch willentlich gesteuert werden; Rede und Gegenrede sind korrelative Begriffe, insofern sie nicht nur die Möglichkeit der Fortführung des Dialogs, sondern auch die Möglichkeit seines Abbruchs implizieren.

Bei korrelativen Begriffen kommt die Möglichkeit der Negation und der Verwerfung zur Geltung.

Reden impliziert die Möglichkeit des Verschweigens, Aufklärung die Möglichkeit der Verdummung.

Die Tragödie impliziert die Möglichkeit der Komödie; das sprachliche Ingenium Hugo von Hofmannsthals hat dies beispielsweise in einer der schauerlichsten Tragödien, Elektra, durch Einsprengsel vulgären Geredes unter den Dienerinnen am Königshof angedeutet.

Die korrelative Struktur des Dialogs und der Kommunikation ist nicht anthropomorph oder nach dem Bild des Menschen gemodelt und interpretierbar; sie reden mit dem Mund, sie könnten auch Gesten mit der Hand ausführen, Schach oder Dame als Avatare im digitalen Raum spielen. Entscheidend ist aber, daß ihr Medium, das Gespräch, eine syntaktisch-semantische Struktur aufweisen muß, die wir wohl für spezifisch menschlich, aber nicht für menschenförmig ansehen.

Das Medium zwischen Subjektivität und Objektivität ist die Semantik und Syntax einer Sprache, die als natürliches und zugleich historisch-kulturelles Phänomen eine Fülle von zufälligen, als logisch-grammatisches Phänomen eine Reihe von notwendigen Merkmalen aufweist.

Da WIR mittels einer Sprache ETWAS ausdrücken, darstellen oder behaupten, was sich als wahr oder falsch erweisen läßt, sind Sprachen weder bloß subjektive Konstrukte noch rein objektive Gebilde.

Wir sprechen nicht über natürliche Phänomene oder kosmologische Ereignisse an sich, sondern über Aussagen im Rahmen einer als veraltet und überwunden angesehenen wissenschaftlichen Theorie wie der Theorie von Ptolemäus, Aristoteles und Newton oder über Aussagen im Rahmen von bis auf weiteres für gültig und fruchtbar erklärten Theorien wie jenen Plancks, Bohrs und Einsteins.

Auf eine Frage erwarten wir eine Antwort, doch müssen wir auch mit einem verdutzten oder abfälligen Schweigen rechnen; auf eine Bitte erwarten wir ihre Erfüllung, doch fallen wir nicht aus allen Wolken, wenn sie abschlägig beschieden wird; auf die Kundgabe eines Versprechens erwarten wir seine Einhaltung, doch verlieren wir nicht die Fassung, wenn sie ausbleibt. Die sprachlich aufgerichtete kommunikative Ordnung ist zwar an unseren Erwartungen orientiert, jedoch instabil, schwankend, von Unsicherheiten bedroht und von Unwägbarkeiten umlauert.

Charismatisch inspirierte Sprachhandlungen wie der Segen und der Fluch, die Weihe und die Beschwörung stellen sich in einen numinosen Kontext, der ihre Eindeutigkeit und unzweideutige Wirkung garantieren soll.

Zerfällt das Charisma, werden Blasphemien salonfähig.

Wir können uns keine Welt der durch Sprache vermittelten Subjektivität und Objektivität denken, in der all unsere sprachlich geäußerten Erwartungen permanent enttäuscht würden.

Jemand nimmt die ironisch oder rhetorisch gemeinte Frage wörtlich; jemand ordnet Farbbezeichnungen nicht Entitäten wie Blumen und Kleidern, sondern Flecken des Gesichtsfeldes zu; jemand bezieht Begriffe für bestimmte Charaktereigenschaften wie Intelligenz, Freundlichkeit, Güte, Jähzorn und Heimtücke nicht auf die Bereitschaft, unter gegebenen Umstände klug, freundlich, gütig, zornig und verschlagen zu reagieren, sondern auf mentale Zustände: Sprachliches Verstehen impliziert die Möglichkeit des Mißverständnisses.

Eine radikale Gruppe beansprucht eine neue symbolische Deutungshoheit; mittels Infiltration der Massenmedien gelingt es ihr, den bisherigen Sprachgebrauch in Mißkredit zu bringen und seine unbelehrbaren Anhänger unter moralischen Generalverdacht zu stellen. Doch aufgrund jener grammatisch-logischen Komponenten der natürlichen Sprache, die zu ihrer Tiefenstruktur gehören und nicht willkürlich zu steuern und beliebig abzuwandeln sind, steht das sprachliche Umerziehungsprojekt auf tönernen Füßen.

Ein pseudoreligiöses Charisma, das sich in einem Projekt der Welterlösung mittels Gender-Sprache und sakralen Windrädern kundtut und die Ungläubigen mit Sprachverbot belegt, ist dazu verurteilt, im Brackwasser einer trüben Moralität unterzugehen.

 



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