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Mrz 27 20

Robert de Montesquiou, Enfleurage

Au myosotis bleu qui mire dans les sources
Ses constellations de fleurettes d’azur,
Il emprunte la voix cristalline des courses
Que font sur les cailloux les ondes au coeur pur.

Aux pruniers il a pris leur âme japonaise,
Aux hortensias bleus leur pâle étrangeté ;
Aux tulipes leur pourpre, aux tournesols leur braise ;
Aux iris leur tristesse ; aux roses leur gaîté.

Et chaque soir, la fleur qui féconda la page,
Sentant mourir sa part d’éphémère beauté,
Se réjouit de voir, en nouvel équipage,
Refleurir en mes chants ce qui leur fut ôté.

 

Der Blumenduftdestillateur

Dem blauen Vergißmeinnicht, das in Quellen
die Sterngebinde aus azurnen Blüten sieht,
leiht das kristallne Rauschen er von Wellen,
das über reinen Herzens Kiesel zieht.

Die Seele Japans pflückte er von Pflaumenzweiges Blühen,
von blauen Hortensien den seltsam fahlen Schein,
von Tulpen Purpur, von Sonnenblumen Glühen,
von Iris Traurigkeit, von Rosen Fröhlichsein.

Die jeden Abend schenkte meinem Blatt die Pollen,
die Blume, fühlend, was an flüchtiger Schönheit mit ihr starb,
entzückt das Bild, wie mir aus frischen Schollen
an Versen wieder aufblüht, was an ihr verdarb.

 

Mrz 26 20

Das Grauen

War Hoffnung nicht, daß nun die Schrillen schweigen,
die Frechen sich verkriechen unter Betten,
von dort zu lauschen, wie Gespenster ächzen,
doch nicht vor Lust, vor Grauen vor sich selbst?
Nicht Hoffnung auch, es falle ab der Phallus
des Aufruhrs, den sie in Hadesfarben tunken,
in Schreies atonale Schöße stecken,
an Parasiten faulten Parasiten?
Ach, trüber Wunsch nach Parks gesäubert von
Geschwätz, von Pollen, den weißen nicht, die fruchten,
von giftigen Gedanken, die mit Seufzern,
mit grellem Lachen sich auf Blütennarben
der frommen Herzen schamlos niederlassen,
und bleiben sie auch unbestäubt von ihnen,
Betrübnis faßt sie doch wie keusches Welken.
Nun sitzen tote Masken auf den Bänken,
die blassen wie die roten Blütenwangen
der frühen Magnolien in der Dämmerung,
sie nicken nur, wenn wir vorübergehen,
als wüßten sie sich Weges letzte Wächter.
Und wo im lichten Grün sich Liebende
einander den Wein der sanften Blicke reichten,
ist nun der Abend blind von einem Abschied,
der Knospe schwer, die lautlos zur Erde fiel.
Und ist dies Grauen ja das alte wahre,
bloß deutlicher und greller angeleuchtet,
wie wenn des Schmerzensmannes alte Wunden
am Kreuze dort auf dunklem Anger wieder
erfrischt vom Regen dem Blick der hohen Sonne,
dem gnadenlosen, wild entgegenblühen.

 

Mrz 25 20

Vom Schweben

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die entscheidenden Dinge hängen in der Luft, oder, könnten wir sagen, sie schweben.

Die Logik kann man nicht auf außerlogische psychische oder reale Tatsache gründen; aus seelischen oder physischen Ereignissen folgt nichts.

Die Semantik oder die Bedeutung eines Zeichens kann man nicht auf seelische und reale Tatsachen gründen, die selbst keine Zeichen sind; mit der Hand winken ist nicht an sich ein Zeichen, sondern nur im Rahmen einer Konvention.

Die Ethik kann man nicht auf Aussagen über seelische und reale Tatsachen gründen, wenn sie nicht schon die Form der Aufforderung haben; jemanden zu töten ist nicht an sich verboten, sondern nur im Rahmen einer Konvention oder Kultur.

Die Ästhetik kann man nicht auf Aussagen über seelische und reale Tatsachen gründen, die nicht bereits mit Etiketten versehen sind, die wir als ein Ansinnen verstehen, unser Wohlgefallen oder Mißfallen kundzutun; Rosen duften nach Schönheit und Liebe nur im Kontext kultureller Überlieferung.

Wir finden keine systematisch abgeschlossenen Regelwerke, keine ein für allemal feststehenden Bedeutungen, keine universell gültigen Normen des Guten und Schönen, mit denen wir die Korrektheit, Sinnfälligkeit und Normativität all unserer Argumente, Aussagen und Handlungen ablesen oder ableiten könnten.

Wären wir nietzscheanische Ironiker oder freudianische Schelme, könnten wir vermuten, daß sich im absoluten Geltungsanspruch der platonischen Idee, im Ewigkeitsanspruch Fregescher Gedanken und Bedeutungen, in der Vorstellung von der göttlichen Offenbarung des Gesetzes und der Harmonie angelischer Chöre die Bodenlosigkeit und Fragilität, das Unheimliche und Schwebende aller menschlichen Dinge verraten.

Wir sagen, knallgelbe Socken bei einem feierlichen Empfang zu tragen, schicke sich nicht für den kleinen Beamten oder sei geschmacklos; das tiefe Dekolletee der Witwe bei der Trauerfeier erscheine uns ungehörig; wenn dagegen die Witwe, deren zweifelhafter Ruf Stadtgespräch ist, tief verschleiert am Grab des betrogenen Gatten steht, erblicken wir in solch einem übertriebenen Auftritt geradezu eine Parodie.

Urteile dieser Art, insbesondere Geschmacksurteile hinsichtlich ästhetischer Anmutungen und Werte, gründen in Konventionen und kulturellen Überlieferungen; wenn wir sie ohne zu zögern bekunden, bezeugen wir damit unsere Zugehörigkeit zu einer kulturellen Lebensform; doch diese kann durch solche Urteile nur manifestiert, nicht ihrerseits gerechtfertigt werden.

Dagegen könnte man folgendes zu bedenken geben: In unseren ästhetischen und moralischen Urteilen benutzen wir öfters gleichsam elementare, primitive oder natürliche Prädikate wie „hell“ und „dunkel“, „süß“ und „bitter“, „weich“ und „hart“ und sprechen metaphorisch plausibel von „heller Freude“, „dunklen Ahnungen“, „süßem Licht“, „bitterem Nachgeschmack“, „weichem Gemüt“ und „hartem Herzen“. Wir meinen, diese Begriffsbildungen und Bildfindungen seien nicht willkürlich und beliebig, sondern gründeten in unserer natürlichen Organisation als fühlende und empfindende Lebewesen, ja in gewissen natürlichen Tatsachen des Lebens überhaupt.

Wenn wir einen Blick auf die poetische Metaphorik nicht nur der deutschen, sondern vieler fremder Sprachen werfen, scheint uns ihre allgemeine Verbreitung in dieser Auffassung zu bestärken.

Daß Licht und Dunkel primitive Bezeichnungen unserer natürlichen Wahrnehmung darstellen und folglich die auf ihnen aufbauende Metaphorik universelle Resonanz haben muß, heißt ja: So und nicht anders leben und weben wir, so und nicht anders drücken wir aus, was uns im Tiefsten bewegt.

Primitive oder natürliche Prädikate, die bezeichnen, was uns bekömmlich, angenehm und zuträglich oder widerwärtig, ekelhaft und gefährlich erscheint, benutzen wir, um die Gründe und Motive dessen auszuloten und zu beschreiben, was wir begehren und verabscheuen, wollen und ablehnen.

Was für alle gut sein soll, muß ein fades, geschmackloses, wässriges Ideal sein; wie etwa, wenn wir köstlich nur nennten, was allen mundete und bekömmlich wäre – etwa Haferschleim.

Wir bemerken aber, daß manche ihren Geschmack verfeinern, wenige an sublimen Farb- und Formgebilden Gefallen finden, einzelne nur das absolute Gehör haben.

Quid placet Jovi, displicet bovi. Und umgekehrt.

Wenn alle sich mit allen darüber verständigen sollen, was für schön und häßlich, gut und schlecht gilt, müßten sie das sprachliche und geistige Niveau auf dasjenige des dümmsten, gröbsten Kleinbürgers, des radebrechenden Triebtäters und lallenden Kretins senken.

Dem geilen Affen kann man mit Botticellis Schönen nicht imponieren.

Der Triebtäter und der Kretin gähnen vor der Mona Lisa.

Satan scheint einen sublimen Geschmack zu haben, schleicht er doch nicht nur den prallen Nymphen, sondern auch den anmutigen Magdalenen und schüchternen Margareten nach.

Was heißt es, an jemanden (oder etwas) zu denken?

Wenn ich dich, da du so geistesabwesend wirkst, frage, woran du denkst, aber noch bevor du es mir zu sagen vermagst, der Wind das Fenster aufstößt, sodaß du es vor Schreck unterläßt, war es dann der Gedanke an deinen Freund Peter, den du mir genannt hättest, indem du gesagt hättest: „An meinen Freund Peter“?

Wenn wir an jemanden denken, müssen wir auch an etwas denken, was wir von ihm sagen könnten, wie „an meinen Freund Peter“, was ja bedeutet: „an Peter, meinen Freund“.

An Peter zu denken heißt nicht, eine Vorstellung oder ein Bild der Person „vor dem inneren Auge“ zu haben; denn ich könnte an Peter denken, wenn mir das Bild einer Landschaft einfällt, die ich mit ihm bereist habe.

Hätte Peter Hans, einen eineiigen Zwilling, zum Bruder, könnte ich durchaus an meinen Freund Peter denken, auch wenn ich sein Bild vor Augen hätte, das sich in nichts vom Bild seines Bruders unterscheidet.

Für Platon und Aristoteles wie für Frege ist der Gedanke etwas, was die sprachliche Form der Prädikation (anzunehmen) hat. – Ist an meine Mutter zu denken, kein Gedanke dieser Art, oder heißt an meine Mutter zu denken, sagen zu können: „Ich habe an die Frau gedacht, die mich geboren hat“?

Ich habe an Peter gedacht, wie ich mit ihm am Eifelmaar gewandert bin. – Doch es stellt sich heraus, daß ich damals die Wanderung mit Manfred unternommen habe. – Habe ich also nicht an Peter gedacht, sondern eigentlich an Manfred, und Peter hat sich in meinen Gedanken gestohlen?

Ich habe von jemandem geträumt, doch ich weiß nicht, ob es Peter war oder Manfred. – War der Gedanke also kein Traumgedanke, wie Freud ihn nennt?

Würden Gedanken wie durch Kondensation von Dunst entstehen, müßte scheint es mehr als ein Tropfen herauskommen.

Gleicht der Gedanke einem chemischen Stoff, der durch mehrere Verbindungen gesättigt werden kann? – Wie der Gedanke an Peter mehrere Erfüllungen zuläßt, wie daß er mein Freund ist, mit mir vorige Woche im Park spazierenging und mir heute eine E-Mail geschrieben hat.

Zu sagen, Peter sei das intentionale Objekt des Gedankens an meinen Freund, ist nur scheinbar eine Erklärung und beläßt den Gedanken in seiner mysteriösen Aura.

Wenn ich dir auf deine Frage, an wen ich gedacht habe, sage, an meinen Freund Peter, der mir eben eine E-Mail geschrieben hat, verfliegt der mentale Dunst, den wir nicht durchdringen, wenn wir vergebens auf ein inneres Bild oder eine Vorstellung verweisen, auf die wir Peter meinend zeigen.

Wir können, was wir den Gedanken oder Denken nennen, nicht durch Reflexion einholen oder begründen.

Das Modell der inneren Bilder ist ähnlich trügerisch wie dasjenige des Hauses oder des Baumes, die wir mehr oder weniger implizit und verstohlen an die Frage herantragen, wie wir begründen, was wir sagen und meinen. Als wäre der tiefere Grund dem Fundament ähnlich, auf dem das Haus steht, und die Bedeutung des Gesagten der Frucht, die wir vom Zweig pflücken und uns in aller Unschuld munden lassen können.

Aber das Haus der Sprache, in dem wir wohnen, schwebt gleichsam in der Luft, und der Baum des Sinns bringt bisweilen Früchte hervor, mit denen wie uns den Magen verderben.

 

Mrz 24 20

Jean Racine, Cantique

Verbe égal au Très-Haut, notre unique espérance
Jour éternel de la terre et des cieux
De la paisible nuit nous rompons le silence:
Divin Sauveur, jette sur nous les yeux

Répands sur nous le feu de ta grâce puissante;
Que tout l’enfer fuie au son de ta voix;
Dissipe le sommeil d’une âme languissante
Qui la conduit à l’oubli de tes lois!

Ô Christ! Sois favorable à ce peuple fidèle
Pour te bénir maintenant rassemblé;
Reçois les chants qu’il offre à ta gloire immortelle
Et de tes dons qu’il retourne comblé.

 

Wort, dem Höchsten gleich, auf das allein wir hoffen,
der Erde und des Himmels ewiger Tag,
die Friedensnacht steh unsrem Flehen offen:
daß, Retter-Gott, Dein Blick uns treffen mag!

Das hohe Feuer Deiner Gnade um uns breite,
damit die Hölle flieh, wenn Deine Stimme tönt,
der Schlaf der schlaffen Seele von ihr gleite,
der sie vergessen läßt, daß Dein Gesetz versöhnt!

O Christus, diesem Volk des Glaubens sei gewogen,
das wie aus einem Munde Dich hier preist,
die Hymnen hör, die Deinem ewigen Ruhme wogen,
so kehrn wir heim, erfüllt von Deinem Geist.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=umryo_Znn24

 

Mrz 23 20

Prophetisch

Wie bei Rosen sie sich eilen,
doch dem Unflat gilt ihr Weilen,
Sänger Wind, Betschwester Hauch!
Und im Flair der schönen Reichen
wittern wir Gestank von Leichen,
du Prophete und ich auch!

Große Worte, groß geschwungen,
schmecken faul nach faulen Zungen,
Frau Professor, Herr Kaplan!
Fetter Lügen ekle Schleime
parfümiert von edlem Reime,
Dichterling, mein lieber Schwan!

Samen ohne Sonnen, Früchte
ohne Kerne, Wahngezüchte,
Schwätzer Penis, Seufzer Schoß!
Die nicht reden, sondern dichten,
stehen unter Blitzgerichten,
ihr Verstummen noch ist groß!

 

Mrz 23 20

Wenn sich Blätter golden färben

Wenn sich Blätter golden färben
und des Waldhorns Rufe sterben,
küß ich dir vom Mund den Hauch.
Hör, noch sprühen späte Feuer,
Efeu rieselt am Gemäuer,
Unschuld hat die Bläue auch.

Wollen wir ein Bett uns suchen
unterm Rauschen hoher Buchen
und uns halten Hand in Hand.
Wenn die Herzen höher glimmen,
wollen wir ins Jenseits schwimmen
zu der Asphodelen Strand.

Winken dort nicht, die wir mißten,
die im Traume nur uns küßten,
Kinder einer sanften Lust?
Doch die Ufer sind versunken,
meines Liedes schwache Funken
wärmen dir nicht mehr die Brust.

 

Mrz 22 20

O die Blicke dunklen Lebens

O die Blicke dunklen Lebens
flehn nach Blumenlicht vergebens,
wenn die Kelche stürzt die Nacht.
Sterne sind, die von uns weichen,
Blüten, die auf Schalen bleichen,
grauser Gottheit dargebracht.

Wie der leere Blick der Hunde
sagt uns von des Lebens Wunde,
und wir nähren sie mit Trost.
Quellen, die den Gräsern singen,
können nicht den Sturm durchdringen
der in wüsten Herzen tost.

Würden deine Glieder Ranken,
die wie Schatten um mich schwanken,
ach, und deine Küsse Mohn.
Würden meine Wunden Rosen,
die wie Flammen um dich glosen,
blühten Liedes Dornen schon.

 

Mrz 22 20

Liebe ist im Dunkel da

Sind noch ferner Bilder Strahlen,
wenn die Blüten um uns fahlen
und der Blick vor Blicken sinkt?
Wird ein banges Glück uns rufen
zu den reinen Tempelstufen,
wo die Opferschale blinkt?

Daß der Liebsten wir gedenken,
wenn uns Dornen wild umschränken
und des Dunkels Wunde blüht.
Möge unser Herz aufsteigen,
ihr als klarer Stern sich zeigen,
der im Teich der Trübsal glüht.

Mag kein Gott uns Flügel geben,
daß wir durch die Fremde schweben,
Liebe macht die Ferne nah.
Wenn wir Herzens Docht entzünden,
soll das Lied der Flamme künden,
Liebe ist im Dunkel da.

 

Mrz 21 20

Nachsommer

Wenn sich Silberfäden ranken
um der Liebe Herbstgedanken,
tropft vom Laub ein goldner Tau.
Wandeln wir auf weichen Moosen,
wissend um erloschne Rosen
und den Schmerz der hohen Frau.

Schauen wir vom Sonnenhügel,
leise Worte haben Flügel,
und vom Sinn rinnt süßes Licht.
Schluchzend kommt der Quell zur Erde,
milde ist des Tods Gebärde,
Tränen lösen dein Gesicht.

Gehen wir auf stillen Pfaden,
unser Leid im Mond zu baden,
schaut uns an ein banges Reh.
Stehen wir in Kreuzes Schatten,
will der Treue Herz ermatten,
glänzt die Ferne uns wie Schnee.

 

Mrz 20 20

Alanus ab insulis, Omnis mundi creatura

Rosensequenz

Omnis mundi creatura
quasi liber et pictura
nobis est, et speculum.
Nostrae vitae, nostrae mortis,
nostri status, nostrae sortis
fidele signaculum.

Nostrum statum pingit rosa,
nostri status decens glosa,
nostrae vitae lectio.
Quae dum primo mane floret,
defloratus flos effloret
vespertino senio.

Ergo spirans flos exspirat
in pallorem dum delirat,
oriendo moriens.
Simul vetus et novella,
simul senex et puella
rosa marcet oriens.

Sic aetatis ver humanae
juventutis primo mane
reflorescit paululum.
Mane tamen hoc excludit
vitae vesper, dum concludit
vitale crepusculum.

Cujus decor dum perorat
ejus decus mox deflorat
aetas in qua defluit.
Fit flos fenum, gemma lutum,
homo cinis, dum tributum
homo morti tribuit.

Cujus vita cujus esse,
poena, labor et necesse
vitam morte claudere.
Sic mors vitam, risum luctus,
umbra diem, portum fluctus,
mane claudit vespere.

In nos primum dat insultum
poena mortis gerens vultum,
labor mortis histrio.
Nos proponit in laborem,
nos assumit in dolorem;
mortis est conclusio.

Ergo clausum sub hac lege,
statum tuum, homo, lege,
tuum esse respice.
Quid fuisti nasciturus;
quid sis praesens, quid futurus,
diligenter inspice.

Luge poenam, culpam plange,
motus fraena, factum frange,
pone supercilia.
Mentis rector et auriga
mentem rege, fluxus riga,
ne fluant in devia.

 

Aller Welten Kreaturen
finden wir mit bunten Spuren
in des Lebens großer Schrift.
Unser Leben, unser Sterben,
unser Wohlstand und Verderben
malt getreulich uns ihr Stift.

Wie wir blühen, zeigen Rosen,
was uns hebt, ihr hohes Glosen,
unsres Lebens Unterricht.
Blumen, die im Frührot sprießen,
müssen ihre Blüten schließen,
sinkt des Abends Dämmerlicht.

So muß Blumenduft verwehen,
blassend Lebenskraft vergehen,
und das Grab war schon der Schoß.
Mädchens Hand erfaßt die Alte,
daß sein warmes Herz erkalte,
Welken ist der Rose Los.

Frühling ist im Menschenleben
Jugendtagen nur gegeben,
kurz die Weile, die ihm winkt.
Denn der Morgen, er wird weichen,
Lebensabend macht erbleichen,
wenn die hohe Sonne sinkt.

Und die glänzend weithin prangen,
hält das Schicksal schon umfangen,
Flut, die alles mit sich reißt.
Flor wird Fäulnis, Knospe Kot,
Mensch zu Asche, wenn dem Tod
den Tribut er bar erweist.

Strafe ist das Leben, Mühsal
alles Sein, es schließt ja einmal
Lebens Pforte zu der Tod.
Tod tilgt Leben, Lachen Trauer,
Schatten Tage, Horte Schauer,
Morgenrot das Abendrot.

Strafe ist, was unserm Leben
Todes Grinsen hat gegeben,
Gaukler Tod trinkt unsern Schweiß.
Läßt von Früchten nur die Schalen,
zehrt uns auf in dunklen Qualen,
Tod ist allen Lebens Preis.

Unter dies Gesetz beschlossen
ist, o Mensch, was du genossen,
lies es, sieh, mehr hast du nicht.
Was du von Geburt gewesen,
was dir jetzt, was bald erlesen,
blick der Wahrheit ins Gesicht.

Weine über Schuld und Strafe,
laß das Treiben, lieber schlafe,
senk des Hochmuts dreisten Blick.
Der die Sternenbahnen zieht,
bann den Geist, der schäumend flieht,
halt vorm Abgrund ihn zurück.

 

Mrz 20 20

Zwielicht glänzt auf allen Zeichen

Zwielicht glänzt auf allen Zeichen,
einer Träne heller Mond
ist von dunklem Tod bewohnt.

Die beherzt die Hand sich reichen,
da im Gruß die Freude quillt,
sind von Sterbenslust erfüllt.

Die von Mund zu Mund sich schüren
Flamme, die von Herzen loht,
sehnen sich nach Liebestod.

Klopft ein Engel an die Türen,
sagt aus dunklen Zimmern bloß
Seufzen, daß die Furcht zu groß.

Schwäne, die auf Teichen gleiten,
sehen bange Seelen nicht,
Angst verschlingt der Anmut Licht.

O der Schönen weiches Schreiten,
auf bemoostem Sonnenpfad
knirscht des Schicksals Eisenrad.

Der du aus dem Süden bringest
mir des Liedes goldne Frucht,
Gottheit hat uns heimgesucht,

daß du mir vergebens singest,
von dem Hügel so entrückt
hör den Vers ich nur zerstückt.

 

Mrz 19 20

Wenn sich im blauen Abgrund lösen

Wenn sich im blauen Abgrund lösen
des Geistes Wolken, wird uns bang,
und aus der Tiefe strömt ein Sang,
wie Bach-Kantaten vor dem Bösen.

Geht wonnevoll in Satans Ohren
Geseufz gebrochner Blumen ein?
Kredenzt uns Tod der Verse Wein,
in dessen Dunkel er gegoren?

Es flutet über Traumes Grenzen
ein wilder Asphodelenduft,
es sinken, wenn das Dunkel ruft,
die Blicke und die Tränen glänzen.

 

Mrz 18 20

Terzinen aus der Ödnis

Verwaist sind nun die Wege, die Plätze öde,
der Schmerz hat ausgeseufzt, nur Schatten gehen,
nur Lallen eines Bettlers, blind und blöde.

Die sich in staubig-dumpfen Wirbeln drehen,
die Blätter wissen nichts von grünem Leuchten,
von Beeren, die um Flammengärung flehen.

Die Stimmen, die einst uns frohe Boten deuchten,
wenn schwirrend Winde bunte Flügel schwellten,
ersticken im Gemüt, dem wahnverseuchten.

Die uns den Feiertag mit Lust erhellten,
die Kerzen der Hortensien hat ausgeblasen
des Ahnen schiefer Mund aus Schreckenswelten.

Gesanges Bienen, tot auf totem Rasen.

 

Mrz 17 20

Auf Gedeih und Verderb

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Ausnahmesituation entblößt die Wahrheit des sozialen und individuellen Lebens.

Es müssen kurze Wege der Einsichtnahme und Entscheidung genommen werden, um der Gefahr zu begegnen; zauderndes Gerede, das auch noch Hinz und Kunz das Wort erteilt, kann sie vergrößern, der langatmige Diskurs tödlich sein.

Sicherheit ist schwankend wie das Schilfrohr, denn der Wind hebt an, wie die auf dem Wasser schwebende Rose, denn die Woge kommt.

In der Gefahr richtet sich wie im platonischen Staat die Politik nach den Maßgaben der Fachkundigen.

Die Partei- und Religionszugehörigkeit sinkt angesichts der Bedrohung zu einer quantité négligeable herab.

Die notwendige Beschneidung der Freizügigkeit enthüllt sie als Luxusgut einer saturierten Gesellschaft, die sich der Illusion der Sicherheit hingibt.

Man kommt auf ungeheuerliche Fragen zurück: Wer soll gerettet werden, die vitalen Jungen oder die moribunden Alten? Hätte das Leben in einem Getto ohne Kunst, Theater, Musik auf Dauer Sinn?

Herabgedrückt zu sein auf die bloße Sorge ums Weiterleben scheint so unvermeidlich wie stupid.

Es scheint fast lächerlich, wenn ein Riese auf einer Bananenschale ausrutscht und stürzt, ein Goliath von einem kleinen Stein getroffen ins Knie sinkt; doch an der Schläfe schlug er ein.

Man kann eine Kurve so krümmen und stauchen, daß sie an keinem Punkt eine Tangente zuläßt; die Funktion, die sie beschreibt, ist diskontinuierlich, also bildet die Linie nur scheinbar ein Kontinuum. – Der Ausnahmezustand ist das Extrem, das die Diskontinuität des sozialen Lebens enthüllt.

Begriffe, die in Zeiten des Übermuts und Hochmuts mißachtet und verachtet wurden, wie Nation, Staatsgrenze, Staatsgewalt und Staatsvolk, kommen in der Ausnahmesituation wieder zu ungeahnten Ehren. – Mancherorts geht man so weit, anders als hierzulande, sogar vom Kriegszustand zu sprechen.

Tapferkeit, Mut, Sinngebung – sie gewinnen erst im Kampf und Krieg, der auch unter friedlicher Bläue lautlos in den Grotten und Schründen der Erde tobt, ihre Kontur. Das Wehen im Vorhang es Traums, es kommt von dort.

Albert Camus benutzte in seinem Roman Die Pest noch das traditionelle Symbol für den Feind, die Ratten, um die Flucht in die geschlossene Gesellschaft und die Abgeschiedenheit der Quarantäne augen- und sinnfällig zu machen. Heute ist der Feind, das fatale Virus, unsichtbar, doch die Folgen, welche die radikalen Methoden, es aufzuspüren und einzuhegen, zeitigen, gestalten das Bild des Alltags auf ebenso radikale Weisen um: leere Plätze und Straßen, leere Gaststätten, Theater, Museen, Konzertsäle, Sportstätten.

Welch ein zwielichtiger Friede, welch ein friedvolles Zwielicht in dieser großen unheimlichen Leere, in der Stille der Hallen und Säle, unter den hörbar gewordenen Tropfen Taus, die von den Blüten und Zweigen der Parkanlagen fallen, in der traumseligen Verlassenheit um die Fontana di Trevi, den venezianischen Löwen, das Brandenburger Tor, welch blaue Stunde der Kontemplation in den Theatern und Arenen, da das Geschrei und Gejohle der Schausteller und Zuschauer verstummte.

Die Diktatur, als extreme Form des Ausnahmezustandes zur Niederringung des äußeren oder inneren Feindes, bedient sich zu seiner Aufspürung der raffiniertesten Technologien, die bei der Überwachung von Regimegegnern entwickelt und eingesetzt werden.

Angst und Bedrohung rauben den Halt und die Besinnung, brechen das Rückgrat des Eigensinns und Stolzes: Die Menschen lassen sich klaglos in der eigenen Wohnung einsperren.

Die Fäden intimer Beziehungen werden aufs äußerste gespannt. Nur die mit dem goldenen Band der Treue verzwirnten reißen nicht.

Fragen, die stets im Verborgenen hausen und einen erröten machen, Gespenster dunkler Ahnungen, treten ans Licht: Wer wird wen überleben? Wem ist zu trauen? Wer ist rein, wer verseucht?

Der medizinische Begriff des Kranken und Infektiösen geht in der sozialen Maske der gefürchteten Gefahrenquellen und jener neuen Unberührbaren um, die als Brutstätten tödlicher Keime ausgemacht werden.

Die Masse fühlt sich wieder als organischer Körper, der einer Purifikation bedarf; die religiösen Formen der Entsühnung scheinen indes keine Macht mehr über sie zu haben.

Doch es könnte sein, daß archaische Formen der Ausscheidung des Unreinen im modischen Gewand medizinischer und technologischer Verfahren wiederkehren.

Das Kostüm der Zivilisation ist fadenscheinig, die nackte Haut der Angst, das verwesliche Fleisch immerwährender Unruhe, wollüstiger Langeweile, glänzender Laster und die Schwären vorweltlicher Begierden schimmern durch.

Welcher tragisch gestimmte und zugleich dem Komischen nicht abholde Geist dürfte sich wundern, wenn die verängstigte und vom Schicksal genarrte Menge nach einem Führer schreit und herdenfromm jenem folgt, der sie aus dem Verlies der Angst unter den blauen Himmel und auf die üppigen Auen einer revolutionären Verzückung zu leiten verspricht?

Das Fatum ist blind, es läßt mit den Vitalen nicht auch die Edlen weiterleben und mit den Schwachen nicht auch die Unwürdigen untergehen.

Der Begriff des Ausnahme- und Notstandes, status necessitatis, gemahnt uns an den Ernst des Lebens, dem wir denkend nur durch die Besinnung auf die beständige Gefährdung aller menschlichen Situationen gerecht werden, die uns zwar kraft der Dauer und Stärke unserer Verpflichtungen und aufeinander abgestimmten Bestrebungen zu tragen vermögen, aber wegen der Wetterwendigkeit des Gemüts und der Verwirrbarkeit des Geistes ebenso wieder ins Schwanken geraten.

Das Kind läuft unbekümmert dem roten Ball nach, während rings Gewitterwolken aufziehen; der Dichter findet noch Heiterkeit im Spiel der Reime, doch manche geraten ihm unversehens farblos und fahl, wie im Dämmerlicht die auf das Wasser hingestreuten weißen Blüten, wenn sie allmählich verblassen.

Gewiß hofft, wer sieht, wie alles rings sich verdunkelt und zerfällt, das Gesicht des Freundes, das Lächeln der Geliebten möge ihm unter der Lampe des Intimen noch eine Weile aufleuchten.

Daß auch unsere Liebsten der bleibenden Gefahr auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sind, daß am Ende unser oder ihr Flehen vor dem hohlen Auge und tauben Ohr des Todes keine Gnade findet, dies gemeinsame Schicksal macht ihre Nähe dichter und ihre Ferne fühlbarer.

 

Mrz 16 20

Der Sand weht

Der Sand weht über kahle Schwellen,
wie sanft er sich an Brüste schmiegt,
wie schimmernd er auf Lippen liegt,
aus denen rote Seufzer quellen.

An Muscheln lernten Kinder Sehnen
und preßten sie ans Ohr gebannt,
wie großer Botschaft Rauschen schwand,
verstummt sind alle Meersirenen.

Sind wahr noch hinter Dünenbogen
die Blüten namenlosen Schaums,
dörrt Gras am Ufer blauen Traums,
wo Sommers goldne Bienen sogen?

Wie leer sind Teiche ohne Schwäne,
wie ohne Rosen Pfade blind,
und was aus hohem Dunkel rinnt,
ist Mondes kalte Abschiedsträne.

 

Mrz 15 20

Wenn Rosen fast an Träume grenzen

Wenn Rosen fast an Träume grenzen
und Abend fahle Früchte reicht –
wie deinen Mund ein Seufzer bleicht.

Daß Trauben noch im Mondlicht glänzen.

Wenn Schwäne auf dem Wasser grauen
und Schnee mit falschen Blüten narrt –
wie deines Mundes Hauch erstarrt.

Daß Herzen noch an Küssen tauen.

Wenn Kerzen auf den Gräbern zittern
und Male sinken in Morast –
wie deines Mundes Blume blaßt.

Daß Blüten leuchten noch an Gittern.

 

Mrz 14 20

Der Blick des anderen

Zur Philosophie der Wahrnehmung V

Wir sehen den Blick des anderen und erfassen intuitiv das, was wir den Blick-Modus nennen können; diesen bezeichnen wir näher durch Hinzufügung einer adverbiellen Bestimmung, wenn wir etwa davon reden, einer blicke uns freundlich, verwundert, prüfend, lauernd, mißtrauisch oder geringschätzig an.

Zu behaupten, wir würden im Blick des anderen zu einem Objekt oder Ding entfremdet und entwirklicht, hätten gar am Ende nur die Wahl zwischen aggressiver Selbstbehauptung oder masochistischer Selbstverleugnung, ist eine phänomenologisch unzureichende Beschreibung. Genauer besehen, geben wir in der konkreten Situation der Begegnung und des kommunikativen Austauschs dem anderen einen Anlaß oder zumindest einen Vorwand, seinen Blick auf uns in der Weise zu modifizieren, wie er es tut. Geben wir ihm einen Anlaß zu Verwunderung, Ärger oder Mißtrauen, ist es plausibel zu erwarten, daß er uns verwundert, verärgert oder mißtrauisch anblickt.

Der Blick-Modus spiegelt die jeweilige Situation des Nah-Kontakts und das soziale, familiäre oder intime Verhältnis der Beteiligten; so wird der Personalchef den Bewerber kritisch mustern, der Meister den Lehrling fachkundig-distanziert beobachten, das Kind, das heimlich genascht hat, die Mutter verstohlen anschauen, der Enkel den Großvater, während er sein Seemannsgarn abspult, mit großen, bewundernden Augen betrachten, der Liebhaber die flatterhafte Geliebte argwöhnisch ins Auge fassen, wenn sie sich allzu begeistert über den neuen Kollegen ausläßt.

So sagen wir von einem Blick, er sei offen oder verstohlen, verhangen oder glänzend, stechend oder lieblich, bewundernd oder abschätzig, gläubig oder skeptisch, fest oder irre, sinnend oder schweifend, hoheitsvoll oder hündisch.

Der Topos vom Auge und Blick als Spiegel der Seele kommt uns in den Sinn, denken wir an den leuchtenden Blick des Kindes, das sich zum ersten Mal im Spiegel erkennt, den erloschenen, dem wir pietätvoll die Lider verschließen.

Aufgrund der Wahrnehmung des Blicks betrachten wir unser Gegenüber nicht als etwas, sondern als jemand, nicht als seelenlosen Körper, sondern als leibhafte Person.

Am Blick des anderen gewahren wir einen Nullpunkt des Daseins, der mit dem unseren in der Kongruenz geteilter oder noch unentdeckter Perspektiven steht.

Der Blick enthüllt uns die Beseeltheit des Leibes; seine glänzende, doch undurchdringliche Präsenz ist jene Instanz, die uns vor der Versuchung des cartesischen Dualismus von Körper und Geist bewahrt. Denn im Antlitz und Blick des anderen ist uns die Realität der leibseelischen Monas intuitiv gegeben.

Wir fragen nicht, aufgrund welchen psychophysischen Mysteriums ein Körper eine Person sein kann; genausowenig wie wir fragen, aufgrund welcher semantischen Transsubstantiation sich physikalische Ereignisse wie bloße Laute zu Trägern von Bedeutung wandeln.

Betrachten wir ein soziales Phänomen wie Verlegenheit und Scham, enthüllt sich uns im Spiel der Blicke eine ethische Dimension, wenn wir unter den vorwurfsvollen Blicken dessen, den wir betrogen oder verraten haben, schuldbewußt den Blick senken.

Auf der anderen Seite ermessen wir am Blick des Perversen, der sich ungerührt auf die physischen oder seelischen Verletzungen seines Opfers richtet, die ethische Paradoxie des rechtlich nicht zurechenbaren Vergehens dessen, der unfähig ist, sich schuldig zu fühlen oder Scham zu empfinden.

Unser Ethos gründet in unserer Fähigkeit, Verlegenheit, Scham und Schmerz zu empfinden; in einer Welt menschenähnlicher Roboter wäre ein Gebot wie dasjenige, dem anderen unter normalen Umständen nicht zu nahe zu treten und ihn nicht über Gebühr in Verlegenheit zu bringen, ihn nicht unnötig zu beschämen oder körperlich und seelisch zu verletzen, ohne Relevanz.

Wir lernen, uns selbst unter dem Blick des anderen zu sehen. Der Blick der Mutter, der das Kind mehr in Verlegenheit bringt als ermuntert, macht sein Selbstgefühl nach und nach unsicher und raubt ihm den inneren Halt.

Wir vermeiden es, uns vor den Blicken der anderen zu entblößen, in ernsten Situationen Grimassen zu schneiden, in ausgelassenen in der Ecke zu schmollen, im Liebesbett zu klagen, am Totenbett zu lachen.

Der Blick des anderen übt jene soziale Kontrolle aus, der den Dieb veranlaßt, heimlich vorzugehen, den Voyeur, hinterm Gebüsch zu lauern, den Paranoiker, sich unauffällig zu kleiden, leise zu reden und lautlos aufzutreten.

Wir kennen die Wendung, wonach wir es dem unbefugten Blick versagen, in die Falten unseres Herzens zu spähen. Wir könnten ergänzend bemerken, daß wir es dem intimen Blick erlauben.

Wir sehen nur das, was in unser Gesichtsfeld gerät; der Rand des Gesichtsfeldes bildet implizit, was wir in der Rede von Subjekt und Ich explizieren.

Daß unser Blick die Grenze des Sichtbaren konstituiert, ist uns nur selten bewußt; denn wir haben keine Vorstellung davon, wie es wäre, wenn seine Grenzen anders gezogen wären. Andererseits gehen wir davon aus, daß der Blick des anderen ein dem unseren ähnliches Gesichtsfeld aufbaut; diese wechselseitige Bestätigung unserer subjektiven Perspektiven zieht uns nicht in den Strudel eines skeptischen Relativismus, sondern führt uns zum Begriff einer gemeinsamen objektiven Welt.

Wenn wir in ein Teleskop blicken, entdecken wir in dem blassen Nebel, den wir mit bloßem Auge wahrnehmen, eine Vielzahl von Sternen und Galaxien. Auf verwandte Weise kann die schärfere Sicht des anderen unserer schwächeren aufhelfen, wenn er uns darüber belehrt, daß es sich bei den weißen Flecken in der Ferne, die wir für blühende Büsche hielten, um Schwäne handelt.

Der andere vermag uns darüber aufzuklären, daß was wir zu sehen uns einbilden, nicht real ist, wie es der Psychiater dem halluzinierenden Patienten gegenüber tut.

Was wir halluzinierend, imaginierend und träumend sehen, sind von uns anhand der Erinnerung an Reales konstruierte Bilder; was wir wirklich sehen, sind keine Bilder. – Daher können wir Träume interpretieren, aber keine Wahrnehmungen.

Bilder sind weder wahr noch falsch; Wahrnehmungen können anhand theoretischer Modelle richtig oder falsch erklärt werden, wie die Wahrnehmung der Sonnenbahn unter dem Horizont anhand des geozentrischen Weltmodells falsch, anhand des kopernikanischen richtig erklärt wird.

Wir lernen mit den Augen anderer sehen, nämlich den Augen von Kopernikus und Newton, wenn wir aufgrund des Schulunterrichts unser naturwüchsiges geozentrisches Weltbild in ein kopernikanisches transformieren.

Wir lernen mit den Augen der anderen sehen, insbesondere der Eltern und Lehrer, wenn wir den Unterschied bei der Wahrnehmung des Konkreten und des Abstrakten, von Token und Type, Einzelding und Universale bemerken. Wir sehen nicht nur die Hand, sondern zählen fünf Finger, und nicht nur bei uns, sondern an den Händen der anderen Kinder. Man legt uns Blätter der Buche vor Augen, und wir erfahren, daß sie von den Bäumen auf dem Schulhof stammen, doch könnten sie an diesem Baum oder jenem gewachsen sein. Wir wissen, daß dieses Glas Wasser enthält, und verstehen, daß es sich um denselben Stoff handelt, der die Flüsse, Seen und Meere füllt.

Wir lernen an der Form dieser singulären Tanne die allgemeine Eigenschaft, dreieckig zu sein, kennen, die wir an allen möglichen Objekten identifizieren, aber auch losgelöst von ihrer physischen Instantiierung als abstrakte geometrische Figur betrachten, konstruieren und berechnen.

Wir lernen die logische Form (x)F an einem roten Ball sehen, wenn wir bemerken, daß wir die generelle Farbeigenschaft F allen möglichen Dingen oder Einsetzungen für x zusprechen können.

Wir lernen die logische Form der Relation xRy am Verhältnis von Vater und Sohn oder von Bruder und Schwester sehen, wenn wir bemerken, daß wir die generelle Relationseigenschaft R allen Einsetzungen für x und y zusprechen können, die in einem solchen oder ähnlichen Verhältnis zueinander stehen.

Der Blick und die Sichtweise des anderen üben demnach nicht nur eine soziale Kontrollfunktion auf uns aus, sondern sind auch die Instanz, die uns peu à peu mit den allgemeinen Eigenschaften und Strukturen der Welt, in der wir leben, bekannt macht.

Wir erfahren aus dem Mund des Freundes, wie er die Sache sieht; wir können seine Sichtweise und seinen Blickwinkel probeweise und als Variante unserer Sichtweise übernehmen. Wir sehen in dem Bild eine Ente, er weist uns darauf hin, daß wir es auch als Hasen sehen könnten. Wir sehen in dem Verhalten der Frau eine uns beschämende Zurückweisung; er macht uns darauf aufmerksam, daß es auch ein Ausdruck der Unsicherheit aufgrund der Erfahrung eigener beschämender Zurückweisung sein könnte.

Das eine ist, allgemeine Züge und Merkmale mittels Variation unserer Perspektiven und Blickwinkel aufzufinden und zu beschreiben, wie etwa jene Züge und Merkmale, die wir jemandem als Person zusprechen; etwas anderes, die individuellen Züge und Merkmale einer bestimmten Person zu beschreiben. So erfassen wir in den Schriften Platons Beschreibungen des Sokrates; doch vergleichen wir sie mit jenen Xenophons, erkennen wir die spezifische Tönung der jeweiligen Ansichten, die wir in vielem nicht zur Deckung bringen können.

Wir können allgemeine Züge und Merkmale biologischer und psychologischer Natur eines Mannes und einer Frau beschreiben; doch es scheint nur eine leere Phrase, uns aufzufordern, einmal den Blickwinkel und die Sichtweise dieses bestimmten Mannes, dieser bestimmten Frau zu übernehmen.

Freilich können wir die Sichtweise eines anderen erfinden, doch dann schreiben wir einen Roman oder ein Gedicht.

Wie andere die Welt und das Leben sehen, entnehmen wir ihren Äußerungen, besonders den Werken der Dichter, Maler und Musiker. Dabei stoßen wir auf eine irreduzible Mannigfaltigkeit von Sichtweisen, weil ihnen das Moment des Imaginären und Fiktiven innewohnt. Dies gilt auch für Autobiographien, wie es Goethes Benennung der seinen als Dichtung und Wahrheit sinnfällig macht.

Individuum est ineffabile, und, könnten wir hinzufügen, in gewisser Weise auch invisibile.

Da wir in einer Welt leben, die größtenteils von Individuen, seien es Dinge oder Personen, bevölkert ist, müssen wir eingestehen, daß wir auf weiten Strecken im Dunkeln tappen.

 

Mrz 13 20

Am grünen Stein

Am grünen Stein, wo wir einst standen,
und noch schienen Zeichen matt
zwischen Moos und Efeublatt,
singt nun ein Wind mit öden Sanden.

Die alten Wegekreuze dämmern,
fremd sind Gärten, und Basalt
glänzt wie unter Tränen kalt,
aus Erdentiefen dunkles Hämmern.

Und können Blicke Botschaft geben,
Glanz, den uns der Schmerz gebar,
steigt die Nacht aus deinem Haar,
o Hände, die im Abschied beben.

 

Mrz 12 20

Was wir übersehen

Zur Philosophie der Wahrnehmung IV

Wenn wir einen Baum sehen, fixieren wir ihn nicht nur zeitlich im Schnittpunkt seiner Vergangenheit und Zukunft, sondern auch räumlich anhand des Abstands vom Nullpunkt unserer Position; desgleichen sehen wir ihn im Lichte der Erwartung, daß er auf der von uns momentan abgewandten Seite ähnlich aussieht wie auf der uns zugewandten.

Es ist bemerkenswert, daß der sensorische Input unserer Wahrnehmung im Rahmen der räumlichen und zeitlichen Indikatoren, die wir vom Nullpunkt der Wahrnehmung aus anlegen, beständig fluktuiert und variiert, während wir an der Bestimmung dessen, was wir jeweils wahrnehmen, wie „Baum“, „Hund“ oder „Peter“ als konzeptuellen Konstanten festhalten.

Doch kann der Begriff Baum im Maße der Vertiefung und Differenzierung unserer Wahrnehmung erweitert werden; das zeigt sich in der Ausweitung und Verästelung der botanischen Klassifikation, wenn wir statt von Bäumen von Buchen, Ulmen, Birken, Tannen und Fichten sprechen.

Die Wahrnehmung eines Baumes wird vorzüglich vom Sehsinn bestimmt; doch im Frühling weht uns der Duft der Apfelblüten an, und im Herbst greifen wir nach den reifen Früchten, die uns munden. Wohlgeruch und Geschmack werden zu Komponenten dessen, was wir sehen, wenn wir einen Apfelbaum sehen.

Auf die uns in der aktuellen Wahrnehmung mitgegebenen virtuellen Wahrnehmungen achten wir nicht, sie sind uns meist kaum bewußt.

Aufgrund der Betrachtung seines Bildes erinnern wir uns an die letzte Blüte des Apfelbaumes, imaginieren wir ihren Wohlgeruch und den Geschmack seiner Frucht.

Indes, weder das Bild noch die Imagination des Apfelbaumes kann uns wie seine Wahrnehmung darüber belehren, daß im Sturm der letzten Nacht ein Zweig abgerissen ist.

Ich kann als Farbe für die Blätter eines gemalten oder imaginierten Baumes mal Blau, mal Silber wählen, bei jener für die Blätter des wahrgenommenen Baumes kann ich nicht wählen, sondern muß mit ihrem sommerlichen Grün oder herbstlichen Rot vorliebnehmen.

Dasjenige Moment, das unsere Erwartungen und Antizipationen bei der Wahrnehmung einschränkt, nennen wir das Reale im Gegensatz zum Imaginären, Fiktiven oder Halluzinierten.

Das Reale ist uns als Macht, die unsere Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten einschränkt, kaum oder gar nicht bewußt.

Das Reale ist nicht limitiert auf das Physische, sondern umfaßt auch Strukturen wie geometrische und topologische Figuren oder abstrakte Mengen. Wie uns die Wahrnehmung eines Baumes eine bestimmte Farbpalette aufzwingt, so die Wahrnehmung der Ähnlichkeit einer Tasse mit einem Hut die Figur des Kreises.

Wir ordnen unser Wahrnehmungsfeld anhand der Einteilung des Wahrgenommenen in die Menge der Personen („jemand“) und die Menge der Nicht-Personen („etwas“).

Strukturen sind demnach eine Komponente unserer Wahrnehmung, nicht nur Konstrukte des Denkens. Husserl nannte die in der Wahrnehmung auftauchenden abstrakten Formen Noemata.

Die abstrakten Formen und Strukturen der Wahrnehmung übersehen wir meist, nur der geschulte Blick des Topologen sieht in einem Ring und dem Henkel einer Tasse dieselbe Figur, nur der Mathematiker im unregelmäßigen Verlauf des Strandes die Mandelbrot-Menge.

Die abstrakte Form des Baumes finden wir in den primitiven Zeichnungen von Kindern, die gleichsam nur die Skizze, den Plan oder Entwurf eines Baumes aufs Papier bringen; dieser Entwurf ist der Typus, der von den konkreten Details unserer Wahrnehmung eines realen Baumes zum Dies da (dem Token oder tode ti oder individuellen Sein des Aristoteles) aufgefüllt wird.

Unser Entwurf des Wahrnehmungsgegenstandes wird nicht durch einen Begriff angegeben, dessen Definition die notwendigen und hinreichenden Bedingungen seiner Anwendung enthielte; sein Entwurfscharakter tritt vielmehr anhand der Tatsache zutage, daß all unsere Begriffe durch ein letztlich nicht überschaubares, mannigfaltig verwobenes Begriffsnetz gleichsam intern reguliert werden. Jeder Begriff steht in einem funktionalen Zusammenhang mit mehr oder weniger verwandten oder einander ausschließenden Begriffen. So sind „Hase“ und „Ente“ verwandte Begriffe, wenn wir sie als Elemente der Menge der Tiere betrachten, einander ausschließende Begriffe, wenn wir den einen in die Menge der Säugetiere, den anderen in die Menge der Vögel einordnen.

Dagegen können wir naturgemäß die abstrakten Entitäten, die durch theoretische Begriffe vorausgesetzt und mittels ihrer Anwendung definiert werden, nicht wahrnehmen; dazu zählen Begriffe wie Atomkern, Elektron, Quarks, Schwarze Löcher, Gravitation oder DNA-Strang, Mitochondrien, Ganglien, Synapsen oder weiße Blutkörperchen und Viren.

Indes können wir manche Wahrnehmungsurteile als Testfälle von Modellen betrachten, die mittels theoretischer Begriffe ihren wissenschaftlichen Status behaupten; so erklären wir unsere Wahrnehmung der Bewegung der Sonne am Horizont als Scheinbewegung, deren Wahrnehmung sich uns aufgrund der Erdumdrehung aufdrängt, so erklären wir die Fiebersymptomatik als Wirkung einer viralen Infektion.

Die abstrakten Begriffe, die in unsere Wahrnehmungsurteile unmittelbar oder aufgrund intuitiver Anschauung eingehen, wie „Baum“, „Vogel“, „Person“, „kreisförmig, „dreieckig“, „rechtwinklig“ oder „spiegelverkehrt“ sind keine rein theoretischen Begriffe, sondern haben mit Husserl zu sprechen noematischen Charakter. Dies gilt wie gesagt auch für geometrische oder topologische Begriffe.

Wenn wir das Abbild einer Person für die Person nehmen, haben wir uns geirrt; wenn wir einen Wal als Fisch sehen, begehen wir einen Kategorienfehler, denn Wale sind Säugetiere. Dagegen könnten Roboter, auch wenn ihr Datensatz den Begriff „Person“ enthielte, ihn nicht adäquat verwenden, ihre Verwendung des Begriffs erwiese ihn als sinnlos.

Das mythopoetische Ingenium der Griechen sah in den Wetterphänomenen göttliche Zeichen, wir erklären sie mit physikalischen Gesetze. Hat dies ihre Wahrnehmung verändert?

Das Konkrete oder das Objekt der Wahrnehmung ist die Einheit aus Perzepten und Konzepten, dessen, was wir wahrnehmen und wahrnehmen könnten, und der Strukturen und Begriffe, die wir anwenden und im Prozeß der Vertiefung unserer Wahrnehmung verfeinern können.

Wir sehen diese Tanne dort, und wenn wir um sie herumschreiten, könnten wir ihre verdeckten Seiten in Augenschein nehmen; wir bestimmen ihre Farbe als Grün und wenden das Konzept des Farbbegriffs an; wir bestimmen ihre Gestalt als Dreieck und wenden einen geometrischen Begriff an.

Das Farbkonzept unserer Wahrnehmung ändert sich, wenn wir die grüne Farbe der Tanne nicht als Eigenschaft des Baumes, sondern als Eigenschaft unserer visuellen Wahrnehmung betrachten. Das geometrische Konzept unserer Wahrnehmung ändert sich, wenn wir das Dreieck statt als Figur einer euklidischen als Figur einer nichteuklidischen Ebene betrachten.

Ändert sich unsere Wahrnehmung, wenn auch unmerklich, wenn sich die in ihr involvierten Konzepte grundlegend ändern?

Die Philosophie der Wahrnehmung krankt meist daran, daß sie von Philosophen aus der Schreibtischperspektive vorgenommen worden ist; dadurch wurde ihr Gegenstand zu nahe an die Weisen der Beobachtung gerückt, die wie die Laboruntersuchung oder das Experiment der Stützung theoretischer Modelle dienen.

Ein gutes Remedium gegen solch eine Anämie und Sklerose lebendiger Begriffe ist die Rückbesinnung auf ihre normale und alltagssprachliche Verwendung. So sprechen wir vom prüfenden Blick des Mechanikers oder Kunsthandwerkes auf das in Arbeit befindliche Werkstück, vom spähenden, mißgünstigen, lauernden Blick des Diebes, des Verlierers, des Eifersüchtigen, sprechen davon, wie der Koch, der Winzer, der Bäcker eine Geschmacksprobe nimmt, der Jäger der Spur des Wilds folgt, der Komponist seinen Entwurf am Klavier prüfend nachhört und revidiert oder verfeinert, kurz: Wir stellen die Wahrnehmung in den Zusammenhang der Tätigkeiten, die sie allererst bedeutsam machen und ihnen einen Richtungssinn und Ausdruckswert verleihen.

Durch Hinzufügung adverbieller Bestimmungen wie aufmerksam, unachtsam, ängstlich, fachkundig, mißtrauisch, bedächtig oder wohlmeinend können wir den diffusen Begriff der Wahrnehmung biegsamer, farbiger, kontrastreicher und durchsichtiger machen.

Der Wahrnehmungszerfall bei gewissen Formen der Psychose gibt uns Hinweise auf den normalen Aufbau der Wahrnehmung, der uns wegen seiner Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit zumeist entgeht. Der Kranke sieht beispielsweise eine Aura der Gefahr und Drohung an normalen Gebrauchsdingen wie einem Stuhl, einer Lampe, einem Buch; hier werden wir darauf aufmerksam, daß wir nicht nur physische Objekte wahrnehmen, sondern auch die mit ihnen verbundenen Bedeutungen als ihren Ausdruckswert oder ihre Physiognomie gewahren, wenn wir uns dessen auch kaum oder gar nicht bewußt sind.

Wir achten nicht auf das Augenscheinliche, ignorieren das Sinnfällige, übersehen, was vor aller Augen liegt.

Wir achten nicht auf das Spiel von Mienen und Gesten, das ein Gespräch nicht nur begleitet, sondern erhellt oder verdunkelt, eindeutig oder zweideutig macht. Wir ignorieren das Sinnfällige in der unterschiedlichen Körperhaltung und Distanznahme bei einer Begegnung, die durch ihren Zweck und das Ansehen der Beteiligten, das sie sich wechselseitig zusprechen, bedingt werden. Die grundlegenden Bewegungs- und Ausdrucksformen unseres Lebens, die sich als Funktionen unserer Selbstsorge verstehen lassen, sind uns zu sehr auf die Haut geschrieben, als daß wir sie wahrnähmen.

 

Mrz 11 20

Laß uns schlafen

Wie grausam sich die Zeiger drehen,
des Himmels Purpurrose blaßt,
der Sommer hat den Duft verpraßt.
Gib mir die Hand und laß uns gehen.

Wie traurig sich die Knospen neigen,
und deiner Lippen Doppelblatt,
es ward von all dem Rauschen matt.
Küß meinen Mund und laß uns schweigen.

Den wir an grünen Teichen trafen
in hohen Schilfes Liede, Pan,
er starrt im Schnee, ein Geisterschwan.
Neig mir dein Haupt und laß uns schlafen.

 

Mrz 10 20

Wer oder was?

Zur Philosophie der Wahrnehmung III

Einen der grundlegenden Unterschiede, den wir an den Objekten der Sinneswahrnehmung anlegen, beantwortet die Frage „Wer oder was?“ mit Vertretern oder Exemplaren der grammatischen Kategorien JEMAND oder ETWAS.

Wir gehen davon aus, daß wir den ontologischen Unterschied zwischen Personen und Nicht-Personen SEHEN oder daß unsere Wahrnehmung „ontologisch“ nach solchen grammatischen Unterschieden strukturiert ist.

Was ungefähr so aussieht wie wir selbst und sich ebenso oder ähnlich benimmt, nennen wir jemand oder eine Person; der ganze Rest fällt unter die Kategorie etwas, ob es sich um ein Gebrauchsding oder eine natürliche Entität handelt.

Wir sehen dort jemanden kommen und beim Nähertreten, daß es unser Freund Peter ist. Wir sehen nicht, daß dort etwas ist, dem wir bei näherer Beobachtung die Eigenschaft, jemand oder eine Person zu sein, zusprechen.

Gewiß können wir im Zweifel sein, ob dort jemand oder etwas ist; aber diese Ungewißheit ist nicht ontologisch grundstürzend, sondern ähnelt jener, die uns bei ungünstigen Sichtverhältnissen darüber im Unklaren läßt, ob es sich um eine Ente oder eine Gans handelt.

Wenn wir jemanden oder eine Person sehen, hüllen wir sie gleichsam, ohne uns dessen bewußt zu sein, in eine Wolke von Erwartungen ein, beispielsweise, daß sie einen Namen hat, unsere Sprache oder eine Sprache spricht, die unserer auf eine Weise ähnelt, daß ihre Sätze ohne Sinnverlust in Sätze unserer Sprache übersetzbar sind, daß sie in etwa sieht, was wir sehen, rechter Hand sieht, was wir linker Hand sehen, ungefähr das fühlt, beabsichtigt, befürchtet, was wir fühlen, beabsichtigen, befürchten könnten.

„Person“ oder „jemand“ sind primitive Begriffe und Funktionen unserer kulturellen Grammatik, die ein Licht auf das werfen, was wir sehen und im Wahrnehmungsfeld erwarten können. So werden wir angesichts einer menschenähnlichen Gestalt, die auf Leute zukommt, doch dabei den intimen Abstand gewöhnlicher Nahkontakte extrem überschreitet, davon ausgehen, daß es sich um einen Verrückten handelt oder jemanden, dem wir den Personenstatus aufgrund eines geistigen Defekts absprechen.

Daß wir mit den Erwartungen und Antizipationen der Wahrnehmung, mit dem, was Edmund Husserl Intentionalität nennt, schief liegen können, mindert nicht, sondern bestätigt ihre Bedeutung; so kann unsere Erwartung, bei unserem Gegenüber handele es sich um eine Person, falsifiziert werden, und wir zur Einsicht kommen, daß es sich nicht um jemanden, sondern um etwas handelt.

Das Bild einer Person könnte in einigem Abstand ihre Anwesenheit vortäuschen, doch ein Bild von Peter ist nicht Peter, und ein Bild eines Baumes ist kein Baum. Der ikonische Peter wird auf Zuruf sich nicht nach uns umwenden, das Bild des Baumes verliert keine Blätter im Sturm.

Die Schauspieler auf der Bühne sind keine Personen strictu sensu, sondern verkörpern Rollen in einem Spiel, für das die impliziten Erwartungen unseres Wahrnehmungsfeldes auf Zeit aufgehoben sind; würde ein mit mir befreundeter Schauspieler auf meinen Zuruf während der Aufführung antworten, wäre das Spiel unterbrochen.

Das Spielfeld der künstlerischen Abbildung gehorcht einer anderen Grammatik als derjenigen, die sich in den intentionalen Implikationen unserer alltäglichen Wahrnehmung kundtut.

Wir können unser Wahrnehmungsfeld nicht zur Gänze ästhetisieren; freilich mögen wir eine Landschaft, einen Garten, ein Blumenarrangement nach ästhetischen Gesichtspunkten betrachten, doch verstoßen wir wider die Grammatik der Anwendung des Personenbegriffs, wenn wir beispielsweise die Äußerungen unseres Freundes nur nach ihrer poetischen Klangfülle bewerten, während er uns seine persönliche Notlage schildert.

Wir stoßen hier auf die eigentümliche Symmetrie (die naturgemäß eine mögliche Asymmetrie impliziert) der wechselseitigen oder spiegelbildlichen Erwartungen im Wahrnehmungs- und Erlebnisfeld des persönlichen Umgangs: Der Freund, der uns seine Notlage offenbart hat, erwartet von uns eine Geste oder Gabe der Hilfe. Erfüllen wir seine Bitte, pflegen wir wiederum von ihm eine Geste oder einen Ausdruck der Dankbarkeit zu erwarten.

Die gegenseitigen Erwartungen sind in diesem Falle eingebettet in den größeren Erwartungshorizont, den wir Freundschaft nennen. Im Lichte dieses Horizontes sehen wir in der Bitte des Freundes ein Zeichen freundschaftlichen Vertrauens, sieht der Freund in unserer Zuwendung ein Zeichen freundschaftlicher Treue.

Umgekehrt sehen wir unter dem konzeptuellen Erwartungshorizont der Freundschaft in der Tatsache, daß sich unser Freund mit seinem Anliegen nicht an uns, sondern einen anderen wendet, ein Zeichen des Mißtrauens, und der Freund in der von uns verweigerten Hilfeleistung ein Zeichen des Verrats.

Das Konzept der Freundschaft umfaßt demnach gleichsam auch seinen Schatten oder die Möglichkeit der Feindschaft.

Wenn wir in einer Person einen Freund sehen, sind damit gewisse normative Erwartungen und Ansprüche verbunden, die in Zeichen sowohl für freundschaftliche als auch feindselige Haltungen sichtbar werden.

Wir reden davon, daß jemand mit seinem Freund eine bittere Enttäuschung erlebt habe oder jemand aufgrund großer Enttäuschungen in der Liebe oder Freundschaft verbittert sei. Wir übertragen also elementare Geschmacksqualitäten wie süß, sauer oder bitter auf die Erfüllung oder Enttäuschung von Erwartungen und Ansprüchen im Rahmen und Erwartungshorizont abstrakter Konzepte wie Liebe und Freundschaft, und dies nicht von ungefähr.

Denn unsere Gefühlswerte sind die Projektion primitiver oder elementarer Empfindungsqualitäten auf die Ebene der Wahrnehmung und Kommunikation. So sprechen wir von harter Arbeit, einem leichten Spiel, einer windigen Angelegenheit, einer sauren Miene oder dem bitteren Nachgeschmack einer gescheiterten Liebesbegegnung.

Wir sehen und werden gesehen; aber wir sehen auch, daß wir gesehen werden, ja, wir sehen sogar, daß man sieht, daß wir sehen, daß wir gesehen werden. Diese Form der Iteration ist theoretisch unbegrenzt, aber praktisch begrenzt.

Wir verwirklichen unseren wohlbegründeten Anspruch, nicht gesehen zu werden oder nur von denen, denen wir vertrauen oder mit denen wir vertrauten Umgang pflegen, indem wir uns hinter die Mauern der Intimität zurückziehen, deren Schwellen zu übertreten wir Unbefugten verwehren und nur geladenen Gästen erlauben.

Gesehen zu werden – dies ist eigentlich die kürzeste Definition dessen, was wir soziales Leben nennen; denn der uns beobachtende Blick enthält nicht nur die Erwartungen und Ansprüche des jeweiligen Individuums, sondern bündelt diejenigen der Gemeinschaft.

Augenscheinlich und sinnfällig wird die Macht des Sozialen im Blick der anderen anhand der Grenzfälle des Perversen und des Paranoikers; bei dem einen ist der Sinn für die Wahrnehmung der kollektiven Macht des Blicks getrübt oder erloschen, bei dem anderen übermäßig verdichtet und bis in die Intimität der Wohnung allgegenwärtig.

Nacktheit oder das Entblößen der Geschlechtsteile ist in unserer Kultur ein Testfall für Intimität, und die Situation, in der wir nackt gesehen zu werden nicht scheuen, ist eigentlich die kürzeste Definition dessen, was wir Intimität nennen.

Augenscheinlich und sinnfällig wird dies in der Situation einer medizinischen Untersuchung: Der Blick des Arztes, der uns nackt sieht, macht uns im Normalfall nicht verlegen, weil ihm in einer Atmosphäre gleichsam anonymer Intimität die soziale Kontrollmacht des öffentlichen Blickes, die uns beschämen könnte, fehlt.

Wir sehen Leute auf der Straße gehen, keine Körper, die sich bewegen und denen wir, um ihre Bewegungen als Handlungen zu erklären, unterstellten, beseelt zu sein oder ein Bewußtsein zu haben.

Wir können sagen: Die Körper der Menschen, die wir sehen, sehen wir belebt und beseelt. So können wir ohne weiteres oder intuitiv und ohne induktive Schlußfolgerung sehen, daß und warum und auf welche Weise jemand lächelt.

Unsere Erwartungen und Einstellungen gegenüber einem lächelnden Gesicht sind andere als diejenigen angesichts eines wutverzerrten oder traurigen Gesichts. Unsere Erwartungen und Einstellungen gegenüber einem lächelnden Gesicht auf einem Plakat wiederum sind andere als angesichts des Lächelns des Freundes, dem wir ein Kompliment gemacht haben.

Nur angesichts der zeichenhaften Realität eines Bildes können wir sagen, daß wir etwas als etwas sehen, wie den Hasen oder die Ente in der bekannten Kipp-Figur.

Sehen wir einen Baum, interpretieren wir nicht die visuell gegebenen Daten als etwas, das wir Baum nennen, sondern sehen ohne weiteres oder intuitiv und ohne induktive Schlußfolgerung einen Baum.

Wir sehen einen Baum, haben wir doch schon viele Bäume gesehen; und das heißt: Wir hüllen das Gesehene gleichsam in eine Wolke von Erwartungen dessen und Annahmen darüber, was wir sehen könnten, beispielsweise, daß Blätter fallen, wenn ein Sturm durch die Zweige fegt, daß der Baum schon gestern an dieser Stelle gestanden haben muß und wenn er morgen nicht mehr dastünde, wir etwa Späne am Boden sehen könnten, weil er gefällt worden wäre.

Die zeitliche Strukturierung unserer Wahrnehmung zeigt sich darin, daß wir sie um mit Husserl zu sprechen beispielsweise durch Protentionen oder zeitliche Vorblenden und Retentionen oder zeitliche Rückblenden gliedern. Die Beschreibung dessen, was wir wahrnehmen, ist deshalb unvollständig, wenn sie nicht enthält, was wir wahrnehmen könnten, versetzten wir uns in die Vergangenheit oder die Zukunft.

Die Wahrnehmung von Personen ist großenteils sprachlich überformt, wenn wir sie im Lichte von sozialen und institutionellen Kontexten sehen, die beispielsweise durch das geltende Recht kodifiziert und sanktioniert sind, sodaß wir aufgrund der Wahrnehmung, wie einer einem in die Tasche langt, ihn einen Dieb zu nennen berechtigt sind. Hier müssen wir über den Begriff „Dieb“ und das Konzept des strafwürdigen Vergehens verfügen, um das Gesehene adäquat sehen zu können.

Ein Kaspar Hauser, der keine Sprache hat lernen können, sieht ohne weiteres den Baum, auch wenn er ihn nicht als Buche bezeichnen, ja nicht einmal Baum nennen könnte.

Dagegen wird er, was auf dem Hintergrund sprachlicher Konventionen an den Handlungen von Personen zeichenhaft sichtbar ist, nicht sehen können. Er sieht, wie einer einem in die Tasche langt, aber nicht, daß es sich um einen Dieb und einen Diebstahl handelt.

Meist gehen wir gleichsam traumwandlerisch in der Wahrnehmungsspur dessen, was wir in der Vergangenheit wahrgenommen haben; so legen wir unseren gewohnten Heimweg zurück und finden unsere Wohnung oder unser Haus, ohne auf die Straßenschilder oder Hausnummern zu achten. – Dagegen würde uns eine Art kafkasches Entsetzen befallen, öffneten wir wie gewohnt unsere Tür und fänden unsere Wohnung von Fremden bevölkert.

Was wir wahrnehmen, ist oft ein Echo unserer leiblichen Situation; und unser Leib ist gleichsam ein Speichermedium, das sich im Laufe der Zeit mit einer Fülle von Gesten, Haltungen, Gewohnheiten und Fertigkeiten vollgesogen hat. Wir gehen, ohne sonderlich darauf zu achten, wie genau wir die einzelnen Tritte setzen, wie die einzelnen Schritte vollziehen. Wir fliegen mit den Fingern über die Tastatur, ohne auf jede einzelne Fingerbewegung zu achten, wir singen eine Melodie, als flösse sie uns von selbst über die Lippen.

Doch wenn wir plötzlich erschrocken wahrnehmen, daß wir trotz panischer Anstrengung keinen Schritt vorwärtskommen, ist es offenkundig, daß wir träumen.

 

Mrz 9 20

Was wir sehen

Zur Philosophie der Wahrnehmung II

Wir glauben, jener Vogel, den wir in einiger Entfernung am Teich erblicken, sei eine Ente, doch wenn wir beim Näherkommen sehen, daß es sich um eine Gans handelt, revidieren wir unsere ursprüngliche Annahme.

Weil wir etwas sehend eine Vermutung oder Hypothese darüber aufstellen, was es sei, und sie bestätigt oder falsifiziert finden, ähnelt unsere visuelle Sinneswahrnehmung einem induktiven Verfahren.

Von zwei Bäumen sagen wir, sie seien sich ähnlich, aber bei genauerer Betrachtung erkennen wir den Unterschied, auch wenn wir die korrekten Bezeichnungen „Ulme“ und „Buche“ erst einem botanischen Bestimmungsbuch entnehmen müssen. Wir sehen den Unterschied indes auch ohne diese Klassifikation.

Wenn wir um die Tatsache der Befruchtung durch Übertragung von Pollen wissen, sehen wir bei der Beobachtung der eine Blüte bestäubenden Biene hinsichtlich der neuronalen Prozesse des Sehens dasselbe wie einer, der davon nichts weiß; und doch sehen wir etwas anderes. Das, was wir anders sehen als jener, kann demnach nicht mit einem visuellen neuronalen Muster identisch sein.

Wir tragen eine gut bestätigte Annahme über die Befruchtung von Blütenpflanzen an dasjenige heran, was wir sehen; wir sehen es im Lichte unserer Annahme.

Wir haben von dieser Annahme oder Erklärung im Biologieunterricht gehört; was wir von anderen als plausible oder für wahr befundene Annahmen und Erklärungen akzeptieren, fließt als erhellende Perspektive in den Vorgang unseres individuellen Sehens ein. Dies gilt leider auch für nicht bestätigte Annahmen und ihre unsere Wahrnehmung verdunkelnde Perspektive.

Wir wissen aufgrund des Schulunterrichts in Physik, daß die Redeweise vom Sonnenuntergang eine leere Metapher ist, weil die von uns gesehene Bewegung des Zentralgestirns von Ost nach West über den Horizont eine Scheinbewegung darstellt, die von der eigentlichen Bewegung der Erdumdrehung als visuelle Projektion erzeugt wird.

Dies hindert uns nicht, in sinnfälliger Weise die elementarsten Überzeugungen und tiefsinnigsten Meditationen über unser Leben in den Bezug zum Wechsel von Tag und Nacht sowie den Zyklus der Jahreszeiten zu stellen.

Wenn wir den Fleck als grün wahrnehmen, wissen wir, daß er nicht gleichzeitig rot sein kann; wenn wir nicht wissen, ob der Vogel eine Ente oder ein Huhn ist, wissen wir doch, daß er nicht zugleich beides sein kann. Wenn wir eine Ente zu sehen glauben, erwarten wir nicht, daß was an ihr so schimmert ein Fell ist, sondern Federn; würden wir das Tier berührend auf ein Fell treffen, schlössen wir, daß es sich nicht um einen Vogel handelt.

Formen des elementaren logischen Schließens sprießen gleichsam wie Gras auf den Pfaden unserer Sinneswahrnehmungen.

Wir vermögen unter sinnvoller Einbeziehung des Handlungsrahmens in einem Lächeln den Ausdruck von Zuneigung, Freundlichkeit, Verlegenheit oder Ironie zu sehen.

Wir treiben elementare Psychologie, wenn wir in einem Gesicht ein Lächeln erkennen, wir treiben Psychologie für Fortgeschrittene, wenn wir in einem Lächeln den Ausdruck von Verlegenheit gewahren.

Wenn wir während eines Spazierganges unseren Freund, der sich gern seiner naturkundlichen Kenntnisse rühmt, mit dem Hinweis auf seine Verwechslung einer Ulme mit einer Buche beschämen, sehen wir in seinem Lächeln den Ausdruck von Verlegenheit.

Wir SEHEN, DASS er verlegen lächelt. Unsere Sinneswahrnehmung ist in diesem Fall in eine propositionale semantische Form eingebettet, ohne die Bedingung erfüllen zu müssen, daß sie sich sprachlich artikuliert.

Wir sehen den Ausdruck der Verlegenheit unmittelbar oder intuitiv; wir machen keinen induktiven Schluß vom Ausdruck des Lächelns auf einen mentalen Zustand, den wir Verlegenheit nennen.

Und dennoch ist, was wir im Ausdruck der Verlegenheit sehen, kein „objektives Datum“, „kein Sinnesdatum“ und natürlich kein das Licht des Tages scheuendes Bewußtseinsphänomen; es hat vielmehr den Status einer Bedeutung, in dem Sinne, wie wir von der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks oder eines Satzes reden.

Wir sind allerdings in der Lage, die Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit dessen, was wir sehen, auf vorsprachlicher Ebene zu identifizieren.

Wir wüßten auch ohne es benennen zu können, daß es sich bei diesem Lächeln um einen Ausdruck der Verlegenheit handelt, bei jenem um einen Ausdruck von Spott, bei wieder einem anderen um den Ausdruck innerer Gelöstheit.

In den Blumen, die der untreue Gatte seiner Frau schenkt oder der Enkel seiner Großmutter, der er heimlich Geld aus der Börse entwendet hat, sehen wir ein Zeichen von Verlegenheit und schlechtem Gewissen oder Augenwischerei.

Hier gelangen wir von der vorsprachlichen zur sprachlichen Grundlage der Bedeutung dessen, was wir sehen.

Denn die Treue und Untreue von Eheleuten sind Begriffe oder Konzepte, die von der sozialen Institution der Ehe impliziert werden, deren Ontologie im Gewicht des Ja-Worts liegt, das sich die Ehepartner vor einem Amtsinhaber oder Priester unter Zeugen geben. Von ehelicher Treue und Untreue kann keine Rede sein, wo es keinen rituell und institutionell verankerten Ehebund gibt.

Wenn der entartete Enkel heimlich in die Geldbörse der Großmutter langt, sehen wir, daß er Diebstahl begeht; freilich sehen wir diese Handlung als eine kriminelle nur in einer Kultur, in der das Entwenden fremden Gutes als strafwürdiges Vergehen angesehen und entsprechend geahndet wird.

Die Sichtbarkeit und intuitive Lesbarkeit von Zeichen ist der Eckstein und die Pointe einer Philosophie der Wahrnehmung.

In einer Kultur, in der die Institution der Ehe oder die strafrechtliche Kategorie des Diebstahls unbekannt wären, würden wir in den Blumen, die der untreue Gatte seiner Frau oder der diebische Enkel seiner Großmutter schenkt, kein Zeichen von Verlegenheit und schlechtem Gewissen oder Augenwischerei sehen.

Wir sehen den Freund, mit dem wir uns verabredet haben, vorn ferne unruhig auf und abgehend warten; auf und ab zu gehen hat indes nicht immer die Bedeutung des Wartens, es könnte auch ein Zeichen von Langeweile oder Desorientierung sein.

Wir erkennen die Entschlossenheit des Bankräubers an seinem martialischen Auftreten und der Barschheit seiner Anweisungen; die erste Verliebtheit am scheuen Blick und unmotivierten Erröten; die tiefe Schwermut an der gedrückten Haltung, dem schleppenden Gang und den erloschenen Augen; Übermut und Beschwingtheit am leichtfüßigen Rhythmus der Schritte, der hell sprudelnden Rede und den schalkhaft blitzenden Augen.

Wir sehen das, was wir mit psychologischen Prädikaten wie Entschlossenheit, Verliebtheit, Schwermut und Übermut benennen, weil solche seelischen Zustände keine verborgenen mentalen Entitäten und Ereignisse sind, sondern zeichenhaft uns vor Augen liegen.

Stabat Drusus manu silentium poscens. – Stand da Drusus und mit einem Wink gebot er Schweigen. (Tacitus, Annalen I, 25) Mit diesem wuchtigen Satz beschreibt Tacitus den dramatischen Auftritt des Legaten Drusus vor der Heeresversammlung der römischen Legionen in Pannonien, deren Meuterei und Rebellion niederzuwerfen er vom gerade inthronisierten Kaiser Tiberius beauftragt worden ist.

Wir sehen das Zeichen der Hand, mit dem Drusus Schweigen gebietet; verstehen können wir es nur auf dem Hintergrund der Institutionen des römischen Imperiums und der Struktur des römischen Heeres, in dem die Autorität der befehlshabenden Zenturionen und Feldherren sowie der Legaten Roms unantastbar war. Diese eigentlich völlig abstrakte Autorität vermögen wir dank der Schilderung des Tacitus im raschen, aber souveränen Wink des Drusus zu sehen.

Auch wenn wir wissen, daß Wasser, Wasserdampf und Eiskristalle unterschiedliche Aggregatzustände desselben chemischen Stoffes H2O sind, werden wir nicht im Ernst sagen, daß wir in den Wogen des Stroms, den Wolken und den Schneeflocken DASSELBE sehen und dasselbe SEHEN.

Was der Ausnahmezustand für das staatlich-kollektive Subjekt, sind Todesgefahr und Todesangst für das individuelle; alle mehrdimensional ausgestreuten Sinnbezüge werden gleichsam in einen dunklen Winkel zusammengedrängt, dort, wo die Gespenster und Phantome der Angst lauern.

Der paranoide Wahn gibt uns ein sprechendes Zerrbild des von der Todesgefahr bedrängten Lebens; jedes Ding, jedes Ereignis verliert seine harmlose Miene und erscheint in der Fratze der Facies Hippocratica. Alles, was der Kranke sieht, ist vom Schatten des Verdachts überdeckt und vom Grauschleier der Zweideutigkeit und Doppelbödigkeit überzogen. Während wir die farbigen Gestalten und vom Tageslicht erhellten Formen für sich gelten lassen und genießen, wird dem Kranken der Tag zum Zwillingsbruder der Nacht und die Gestalten des Lichts zu Irrläufern und Verbannten, die auf die Heimkehr in das erlösende Dunkel warten.

Wir sehen, wenn er nah genug ist, dort unseren Freund Peter gehen; wir sehen keine farbigen Flecken und keine sie auf der Fläche des Gesichtsfelds vorrückenden Bewegungen, die wir als Handlungen einem Objekt zuordnen, das wir als Peter identifizieren, sondern wir sehen Peter und wie er da geht.

Wir konstruieren, was wir sehen, nicht anhand von Sinnesdaten, sondern sehen unmittelbar ein Grasbüschel, eine Schwalbe, ein Auto, eine Person namens Peter.

Gewiß müssen wir auf die Niederschläge unserer Erfahrung zurückgreifen, auf das, was wir gesehen haben, um jetzt die Person namens Peter zu erkennen. Der Rückgriff auf die Sedimente unserer Erfahrung vollzieht sich stillschweigend und nicht bewußt; er fördert jene Erfahrungsmöglichkeiten oder virtuellen Sehweisen zutage, die verwirklicht werden, wenn die Person dort beispielsweise auf den Zuruf ihres Namens, erfreut uns zu erblicken, innehalten und eine Plauderei mit uns beginnen wird.

Was wir sehen, hat einen Zeitsinn; der Freund, der uns auf der Straße begegnet, hat sich nicht urplötzlich materialisiert, er muß vorher woanders gewesen sein, und wenn er sich von uns verabschiedet, löst er sich nicht in Luft auf, sondern geht seiner Wege.

Wir ahnen etwas von der Bedeutsamkeit dieser zeitlichen Strukturierung dessen, was wir sehen, im Licht ihrer pathologischen Verzerrung im Fall der Psychose, bei der die feindlich gesinnten Personen nicht verschwinden, sondern plötzlich in Form von Halluzinationen auftauchen oder mittels telekinetischer Manipulationen von Geräten wie Fernsehern oder Telefonen präsent bleiben.

 

Mrz 8 20

Barfuß gehen

Es wehet Wohlgeruch und Kühle
und tupft den Tau vom Moos
das Lied auf deinen Schoß,
es zeugt Gestalten dem Gefühle.

Du bist von Laubes Hauch umflossen,
dein Mund neigt sich wie Mohn,
und dunkeln Blätter schon,
fern glänzt dir nach, was du genossen.

Und kommt die Nacht mit Wahn und Grauen,
aus Blütenkelchen leer
fließt Schlummer dir nicht her,
soll dir ein neuer Himmel blauen.

Nun magst du lieber barfuß gehen
auf Sommers weichem Teppich,
dir schmeicheln Halm und Eppich,
sieh Knospen sich zur Sonne drehen.

 

Mrz 7 20

Virenwahn

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Auch die Stirn des hohen Gedankens setzt Patina an.

Unter dem Staub der Gewohnheit ergraut das Feingefühl.

Pestzeit ist allezeit.

Mißtraue deinem Nächsten, in aller Unschuld verbreitet er nicht nur Krankheitskeime, die Läuse seiner Seele hüpfen auch gern und setzen sich schmarotzend in der deinen fest.

Lehre der Geschichte: Ab und an bedarf der soziale Organismus einer Blutwäsche, des Austauschs der Eliten.

Das intime Wir von Liebe und Freundschaft ist eine Oase in der Wüste des kollektiven Wir.

Aber die Sandstürme kommen, das Rieseln der kühlenden Quelle versiegt.

Wer ungebeten deine Schwelle übertritt, kommt nicht mit freundlichen Absichten.

Stabat Drusus manu silentium poscens. – Ein Satz des Tacitus. Stand da Drusus, der Sohn des gerade inthronisierten römischen Herrschers Tiberius, ins Heerlager nach Pannonien entsandt, um die Flammen des aufzüngelnden Aufstands der Legionen auszutreten, und mit einem Wink gebot er Schweigen. Welche stilistische Wucht, welche Kunst, die entscheidende Szene in ein dramatisches Zwielicht zu tauchen – in fünf Worten eines schlichten, schmucklosen, aber monumentalen Satzes.

Das Theater der Geschichte ist der Maskentausch unter den herrschenden Mächten.

Was hält die Maske der Autorität, auf der alles soziale Leben beruht? – Propaganda, humanitäres Geschwätz, Bestechung, Zensur, Lobhudelei, geistige und wirkliche Prostitution der Hofschranzen. – Was reißt sie herunter? – Frechheit, Schamlosigkeit, das Heilsversprechen der homines novi. Oder sie sinkt langsam herab, die dramatis personae zeigen Symptome von Müdigkeit, Altersstarrsinn, Resignation.

Das kulturelle Erbe der Deutschen wird bald so tief unter den Wogen der Vergangenheit liegen wie die Wilhelm Gustloff in der Ostsee.

Die Endzeit der Kirche: Der große Papst exkommuniziert den kriminell gewordenen Priester, sein gottverlassener Nachfolger rehabilitiert ihn.

Unter dem Dorngestrüpp der Kriegs- und Pestzeit des Barocks blühte die Rose der lyrischen Dichtung.

Der dämonische Drang nach Entheiligung ist unheilbar.

Welche seelische Höhe, an Haupt und Gliedern des Verehrten den Nimbus, die Aureole oder die Mandorla zu gewahren.

Heute wird ein tödliches Virus Corona genannt.

Was sie Dichten nennen, ist zumeist Unzucht zwischen Worten.

Die am wildesten grimassieren, am schamlostesten mit den Tattoos ihrer Wortmasken protzen, die leblose Gliederpuppe der Sprache am brutalsten verrenken, erhalten den Preis.

Mit dem Dung des Eigensinns beschmierte Bilder, torkelnde, unförmige, von Blasen und Phrasen geschwollene Versfüße, ein in dürren Halmen blutleerer Silben rasselnder Atem.

Was trippelt da in den staubigen Gängen des öden Hauses, was knittert und knabbert an den harten Samen, den trostlosen Resten der Erinnerung? Die graue Maus der Dichtung.

Das Geschenk der schönen unfruchtbaren Beischläferin an den großen Mann ist die syphilitische Verdunkelung seines Genies.

Leben, als hätte man von allem Abschied genommen, denken, als wäre man tot, sterben, als wäre man nie geboren.

Du gehst den altvertrauten Pfad am Fluß entlang, kommst zu den Uferauen, und da noch der Mond über den Dächern der fernen Altstadt steht, ist alles still, und die weichen Schatten machen auch deine Schritte weich. Doch wie du das weiße Schiff erblickst und Leute an der Reling, als würden sie winken, und das dumpfe Rollen der Maschine hörst und das helle Gischten des Kielwassers, willst du einer von jenen glücklichen Reisenden sein, an denen das Leben in flüchtigen Bildern spurlos vorüberzieht.

Der elende deutsche Musikus, der im Tod in Venedig durch die grassierende Seuche die letzte Inspiration erfährt, die er, statt sie musikalisch in die unerhörten Schreie von Möwen zu verwandeln, die gerade aus dem giftigen Schaum der Untergangsfluten aufzufliegen scheinen, in einem dämlichen letalen Liebeslallen vergeudet.

Corona als Strahlenkranz über einer an sich selbst irre gewordenen Menschheit.

Ein Virus, ach, das den Irrsinn der weltumspannenden Kommunikation, Kulturverwischung und Sprachvermischung in einer gnädigen Apokalypse austilgte!

Der psychotische Verfolgungs- und Vergiftungswahn deutet in überwirklich leuchtenden Menetekeln an der Höhlenwand auf die Wahrheit über die menschliche Situation.

Gefahr ist die Regel, Sicherheit die Ausnahme.

Die Nacht verwischt die Grenzen, im milden Licht nur sind wir uns selbst gegeben.

Die um das Feuer stehen und sich die Hände haltend singen, doch rings ist das Dunkel, das auch ihre Flammen, ihre Leidenschaften und Träume auslöschen wird.

Die Verheißung – ferner jetzt als der Andromedanebel.

Eine Quarantäne für die Träger der geistigen Pest der Lebensverdunklung und Schönheitsverleumdung!

Den Mond weiß schimmern sehen und wissen, daß er befleckt ist von menschlichem Aussatz.

Ein strotzender Leib, doch die Seele war nicht mitgewachsen.

Lieben zu wollen ist gut; auch wenn es einem nur recht und schlecht gelingen sollte.

Man kann nur eines lieben, mehr wäre Betrug und Selbstbetrug.

Die vorgeben, die ganze Menschheit zu lieben, scheuen vor dem Blutbad zu ihrer finalen Errettung nicht zurück.

Sie geben vor, die Sprache zu lieben, schicken sie aber wie Zuhälter auf den Strich und nötigen sie, mit Krethi und Plethi ins Bett zu gehen.

Die Zuhälter der Sprache erwarten, daß sie etwas abwirft, Geld, Preise, Ruhm, Applaus.

Eines Tages sehen sie, wie häßlich sie geworden ist in ihrem unwürdigen Dienst, und lassen sie fallen.

Der vom Virenwahn beherrschte Psychotiker sieht mehr und mehr in jedem Winkel seiner Umgebung, in jeder Hand, die sich ihm entgegenstreckt, Brutstätten heimtückischer Keime und Herde einer tödlichen Ansteckung; die kleinen, freigebliebenen Inseln des Vertrauens werden zunehmend überschattet und von den Wogen der Seuche überschwemmt, bis er, ganz auf sich zurückgeworfen, jeden Kontakt vermeidet, ja sogar die Nahrungsaufnahme verweigert, sodaß er wie der große Logiker Kurt Gödel Hungers sterben muß.

Der Virenwahn ist ein verzerrtes Spiegelbild unseres lebenslangen Kampfes mit den Dämonen der mephistophelischen Verneinung um die Erhaltung seelischer und geistiger Gesundheit, der verlorengeht, sobald wir den Glauben und die Hoffnung aufgeben, in einer intimen Nähe von Liebe und Freundschaft Verbündete in diesem Kampf zu finden.

 

Mrz 6 20

Sinneswahrnehmung und Möglichkeitssinn

Zur Philosophie der Wahrnehmung I

Nehmen wir an, zwei Menschen sehen dasselbe Bild, ein Verkehrsschild, oder dasselbe gestische Zeichen, eine nach rechts weisende Hand, der eine stamme aus einem Kulturkreis, in dem es keine Verkehrsschilder gibt und die Gestik der Handzeichen unbekannt ist, der andere wärst du oder ich. – Wir können davon ausgehen, daß in beiden Beobachtern dieselben neuronalen Vorgänge der visuellen Sinneswahrnehmung ablaufen, doch der eine SIEHT ein Zeichen, während der andere KEIN Zeichen sieht, der eine versteht den SINN des Gezeigten, der andere hat keine Möglichkeit, ihn zu sehen.

Wir bemerken, daß ein Zeichen und der Sinn eines Zeichens nicht identisch mit dem neuronalen Vorgang ihrer Wahrnehmung sind.

Prägnanter noch läßt sich dieselbe Erkenntnis anhand der Wahrnehmung der bekannten Kipp-Figur „Enten-Hase“ ermitteln: Das Sehen des Bilds als Ente beruht auf DERSELBEN neuronalen Basis der visuellen Wahrnehmung wie das Sehen des Bilds als Hase; folglich ist der Sinn der wahrgenommenen Zeichen keine physische Entität und kein physisches Ereignis (wie das „Feuern bestimmter Neuronen“).

Jemand, der noch nie einen Hasen oder eine Ente gesehen hat, wird die Hasen-Enten-Figur nicht als Kipp-Figur wahrnehmen, denn er sieht nur eins von beidem.

Wir können ihn nicht fragen: Als was siehst du das Bild, als Hasen oder Ente?

Bei einem gemeinsamen Spaziergang um den Teich fragen wir den Freund nicht: Hast du dieses Wahrnehmungsobjekt als Ente gesehen? Sondern: Hast du die Ente gesehen? – Wir sehen kein Bild der Ente, sondern strictu sensu die Ente.

Der ontologische und epistemische Status des Zeichens und des anhand des Zeichens identifizierten und erkannten Sinns ist ein anderer als der Status von sichtbaren Objekten, deren Identität wir mittels Klassifikation benennen.

Wenn wir meinen, was wir sehen, sei eine Ente, meinen wir auch oder implizieren, daß sie ein Vogel ist, der Federn und einen Schnabel hat und bei unvorsichtiger Annäherung auffliegt, und wir meinen auch oder schließen aus, daß sie ein Fell hat und große Ohren und bei unvorsichtiger Annäherung in ein unterirdisches Versteck huscht.

Wenn wir glauben, einen Hasen zu sehen, aber plötzlich sehen, wie das Lebewesen wegfliegt, wissen wir, daß wir uns getäuscht haben. – Die in unserer Sinneswahrnehmung eingehüllte Antizipation, wie sich das Gesehene verhalten KÖNNTE, wurde falsifiziert.

Wir sehen etwas und zugleich haben wir die Bereitschaft, die Neigung oder die Disposition, bei Nachfragen oder durch Nachdenken anzugeben, was wir sehen KÖNNTEN oder nicht sehen könnten.

Wir glauben, daß wir eine der hier am Teich heimischen Enten auch gestern hätten sehen können, und halten es für sehr wahrscheinlich, daß wir bei unserem morgigen Spaziergang wieder Enten am Teich beobachten können.

Unsere Wahrnehmungen implizieren einen Möglichkeits- und einen Zeitsinn; aber der Möglichkeits- und Zeitsinn hat nicht den epistemischen Status und die Form der Sinneswahrnehmung.

Unsere Wahrnehmungen füllen den aktuellen Radius der Aufmerksamkeit vollständig aus, unser Sinn für mögliche zukünftige Wahrnehmungen bildet um diesen Kreis einen Hof, der unserer aktuellen Aufmerksamkeit zumeist entgeht.

Wir gehen unbekümmert über die Schwelle unserer Wohnung und wären mehr als erstaunt, nämlich entsetzt, würden wir nicht auf festen Boden treten, sondern die Erde plötzlich nachgeben und ein Abgrund sich auftun.

Das Naheliegende und Selbstverständliche, auf das wir unseren Möglichkeitssinn gewöhnlich limitieren, könnte mit mehr Recht das Unbewußte genannt werden als jene dunklen Gewalten, die unsere Träume nähren.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, den Abstand zwischen 0 und 1 zu unterteilen; ebenso zahllos sind die Möglichkeiten, beliebig auf einer Fläche oder im Raum verteilte Punkte durch Linien und Kurven zu verbinden.

Die sinnvollen Kombinationen und Funktionen, die wir an gegebenen Daten finden können, sind durch diese nicht limitiert; oder anders gesagt: Unser Sinnhorizont bleibt durch das, was wir an einzelnen Phänomenen wahrnehmen, stets unterbestimmt.

Daß wir nur bestimmte Möglichkeiten aus der unbegrenzten Fülle aller Kombinationen und Funktionen aussondern, mit denen wir unsere Erlebnisdaten anordnen und verarbeiten, ist eine Sache der Konvention oder Gewöhnung.

Wir könnten in den am Abend singenden Vögeln verwandelte Geister der Ahnen sehen, und Dichter oder Mythen tun es.

Der Gebrauch kann eine Funktion sein, mittels deren wir etwas sehen; so sah, wie Jakob von Uexküll berichtet, sein afrikanischer Mitarbeiter in dem Etwas vor sich eine Reihe von Latten und Löchern, und erst als sein Kollege die Leiter benutzte, sah er die Leiter.

Der Nullpunkt unserer Aufmerksamkeit ist der Nullpunkt des durch unseren aktuellen Standpunkt geeichten Koordinatensystems, in das wir den Ort und den Richtungssinn des Gesehenen eintragen.

Auch wenn wir sehen, daß unser Gegenüber uns sieht, fällt es uns schwer, uns selbst relativistisch in sein Koordinatensystem einzuschreiben.

Wir können nicht mit letzter Gewißheit die von unserem Gegenüber gewählten Formen der Kombinationen und Funktionen, mit denen es seine Wahrnehmungen verarbeitet, aus seinem Verhalten und seinen Äußerungen ableiten; es bleibt ein Moment der Unterbestimmtheit.

Innerhalb unseres konventionellen Sinnrahmens ist das, was einer tut, wenn er ein Tier tötet, entweder eine Schlachtung oder ein Akt der Grausamkeit; doch könnte es in einem anderen Sinnhorizont eine rituelle Form des religiösen Opfers sein. – Der Sinn der Handlungen ist trotz ihrer Ähnlichkeit ein anderer.

Zwei sehen dasselbe im physischen Sinn, aber nicht dasselbe im nichtphysischen Sinn – was immer dessen epistemischer und ontologischer Status sein mag, er ist nicht derjenige seines Trägers oder Ausdrucksmediums, wie beispielsweise derjenige der Lautgestalt eines Worts.

Daß wir davon ausgehen, in einer gemeinsamen Welt zu leben, ist eine Form von Konvention und Gewöhnung.

Wir interpretieren nicht die muskulären Modifikationen eines Gesichts als Lächeln, sondern sehen, daß unser Gegenüber lächelt; wir schließen nicht aus der Beobachtung, wie einer lächelt, wenn wir ihm ein Kompliment gemacht oder etwas geschenkt haben, auf seinen mentalen Zustand und nennen ihn Freude, sondern sehen, daß er angenehm berührt oder freudig lächelt.

Wir sehen anhand derselben Daten Verschiedenes, wenn wir jemanden sehen, der aufgrund eines Kompliments und einer erfreulichen Nachricht lächelt, und einen, der am Grab seines Vaters lächelt.

Wir sehen in der Ferne einen Vogel auffliegen, es könnte eine Amsel, eine Lerche, eine Drossel sein; hier erfassen wir ein kontinuierliches Band möglicher Bestimmungen.

Wir sehen eine Zahlenreihe, 2 4 8 16; wir können verschiedene algebraische Muster der Erzeugung dieser Reihe bilden: x2 oder x, 2x, 4x, 8x oder x, x + x, x + 3x, x + 7x. Das numerisch Gegebene ist mittels einer unbegrenzten Anzahl von Funktionen darstellbar.

Ähnliches gilt für die Ordnung oder Struktur unserer Wahrnehmungen: Wir können die Ente als individuelle Verkörperung ihres Typus sehen oder als Vogelart im Gegensatz zu anderen Vogelarten wie Taube, Gans, Huhn; doch werden wir sie nicht in die Reihe mit Auerhahn, Adler oder Bussard stellen.

Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Sinneswahrnehmungen und der Anschauung von abstrakten Entitäten wie geometrischen Figuren und topologischen Mustern; denn auch in der Sinneswahrnehmung ordnen wir unsere Daten nach Kombinationen und Funktionen, die wir in abstrakte Ordnungen und Strukturen einbauen können.

Wir hören eine Reihe von Tönen und zugleich einen Zusammenhang oder eine Kontinuum zwischen ihnen, das physisch nicht dargestellt und demnach neuronal nicht repräsentiert ist, und zwar eine Melodie.

Wir können das Muster der Melodie anhand der Niederschläge all der musikalischen Muster bilden, die wir schon gehört haben; doch können wir auch die melodische Tonreihe als Ausschnitt oder Transformation von beliebig vielen anderen mehr oder weniger ähnlichen Reihen hören.

Die Möglichkeiten der Ordnung und Strukturierung unserer Wahrnehmung sind nicht algorithmisch limitiert und geschlossen, was impliziert, daß wir keine neuronalen Maschinen sind, sondern dank einer Sinn-Intuition, die auf der Basis weniger Daten eine unendliche Variation kontinuierlicher Übergänge vollzieht, selbstvermehrend unabgeschlossen.

 

Mrz 5 20

Terzinen von der Vergeblichkeit

Die Knospen tun sich auf wie Feuerschwingen
und Vögel, die vom Morgentau getrunken,
sind Ahnengeister, die zur Sonne singen.

Ist noch im warmen Schlamm des Traums versunken
des Menschen Seele, wühlen schon die heißen
sie frei, der Sonne Stachel, sie kitzeln Funken.

Sie muß der Blüten roten Samt zerreißen,
ein Schrei sich aus dem Mund der Erde zwängen,
Fontäne blauer Tropfen sprühend gleißen.

Nicht Stein, nicht Schilfrohr hemmt ihr Drängen,
dem Keuchen ihrer Unrast hingegeben,
ist ihr kein Weilen unter hohen Sängen,

im Sand des Wahns verdunstet ihr das Leben.

 

Mrz 4 20

Kein Wort mehr

Die Bilder, die im Blau verrauchen,
kein Wort mehr, das verstört,
ein Engel nur, der hört,
was blassend deine Lippen hauchen.

Die Tropfen, die an Kelchen rinnen,
die Blume, die dir zeigt,
wie sanft sich Leben neigt,
entflechten sich die hohen Minnen.

Die Schatten, die durch Gärten gehen,
sie reichen dir die Frucht,
die lang dein Durst gesucht,
und Schlafes zarte Halme wehen.

 

Mrz 3 20

Das Spiel ist aus

Wie schmecken große Worte schal,
wie Mücken glimmen hohe Zeichen,
die über Dung und Asche streichen,
des Rings Rubin ist worden fahl.

Das Spiel erlahmt im Hin und Her,
und wie im Traume geht ein Flüstern,
als würden welke Blätter knistern,
den Sinn des Spiels kennt keiner mehr.

Für Liedes Hauch blieb kein Gespür,
und die auf Orpheusʼ Rückkehr harrten,
Trugechos waren, die sie narrten,
und blind war die Tapetentür.

Was sie noch reden, ist wie Tau,
trieft schmutzig er von toten Ästen,
und ihres Abschieds hohle Gesten
verdunsten rasch im Morgengrau.

 

Mrz 2 20

Sinn und Sinneswahrnehmung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn wir dort etwas Blaues sehen, wissen wir, es haftet an einem räumlichen Ding; wir folgern aus der Farbwahrnehmung einen Begriff von Raum, ob wir dessen Geometrie nun als euklidisch oder nichteuklidisch definieren.

Wenn wir jetzt einen Klang hören, wissen wir, daß er bald verklingt; wir schließen von der Klangwahrnehmung auf einen Begriff der Zeit, ob deren physikalische Erklärung nun nichtrelativistisch oder relativistisch ist.

Wir gehen davon aus, daß der Klang, weil er verklingt, entstanden oder erzeugt sein muß, ob mittels eines Instruments, einer Stimme oder auf sonst natürliche Weise.

Mittels der Klangwahrnehmung schließen wir auf einen Begriff von Kausalität, ein Ursache-Wirkungs-Schema, in das wir seinen zeitlichen Verlauf einordnen.

Unser Gedächtnis versetzt uns in die Lage, die Dauer eines Klanges und die Gestalt einer Melodie intuitiv zu erfassen.

Die Farbe ist das, was wir sehend, der Klang, was wir hörend wahrnehmen. Ein farbloses Unding gibt es nicht in unserer Welt, ebensowenig einen zeitlosen Klang.

Zu sagen, die Dinge an sich seien farblos, ist ähnlich unsinnig, wie zu sagen, die Klänge an sich seien zeitlos.

Was wir Tag nennen und den Rhythmus des Jahres, die Tages- und Jahreszeiten, ist kausal erklärbar aus der Erdumdrehung und der Bewegung der Erde um die Sonne. Sollen wir aber aus der Tatsache, daß die Bewegung der Sonne am Horizont von Ost nach West eine Scheinbewegung im Lichte unserer Wahrnehmungsbedingungen auf der sich um sich selbst drehenden Erde darstellt, den Schluß ziehen, daß es „an sich“ weder Tag noch Nacht, weder Frühling, Sommer, Herbst noch Winter gibt?

Etwas ist ungereimt an der sogenannten „Kopernikanischen Wende“ in der Erkenntnistheorie.

Wenn wir die Farbe nur einem farbigen Etwas zusprechen „können“, sollten wir diesen seltsamen Zwang nicht auf einen metaphysischen oder ontologischen Grund, sondern auf die Norm der Beschreibung oder die Grammatik unserer deskriptiven Sätze zurückführen, die uns anweist, bestimmte Eigenschaften wie die Farbe einem Etwas zuzuschreiben.

Die Erklärung: „Die Erde hat sich einmal um sich selbst gedreht“ zerstört nicht den Sinn der Aussage: „Die Sonne ist untergegangen.“

Den Kosmonauten, der aus gehörigem Abstand beobachtet, daß sich die Erde einmal um sich selbst gedreht hat, unterscheiden andere Wahrnehmungsbedingungen, die keine irdischen Himmelsrichtungen implizieren, vom irdischen Beobachter, für den sie im Westen untergegangen ist.

Wir können die Relativ- und Scheinbewegung der Sonne, wie sie die Beobachtung auf der Erde ausdrückt, in die Beobachtung des Kosmonauten übersetzen.

Wir können nur beschreiben, was uns die Normen der Darstellung oder die Grammatik deskriptiver Sätze ermöglichen. Es ist nicht tiefsinnig, sondern trivial und tautologisch, festzustellen, daß wir gegen die Wand des Unsinns stoßen, wenn wir mehr versuchen.

Zu sagen, an sich sind die Dinge farblos, ist ähnlich sinnlos, wie zu sagen, an sich sind Aussagen nichts als verkettete Laute.

Wir können, was Zeit ist, nicht von einer zeitenthobenen Perspektive aus erkunden und bestimmen. – Zeitmesser und Chronometer zeichnen sich dadurch aus oder funktionieren nur aus dem Grund, weil sie das wesentliche Merkmal zeitlicher Abläufe, die Bewegung, verkörpern.

Ein der Zeit ins Ewige entrückter Gott könnte uns nicht verstehen.

Wir reden von Farbe nur auf dem Hintergrund einer Farbskala, von Klang nur auf dem Hintergrund einer Tonskala, von Farbwirkung nur auf dem Hintergrund von Kontrast- und Komplementärfarben, von Klangwirkung nur auf dem Hintergrund von Klangharmonien und Klangdisharmonien.

Was die Klangwahrnehmung von der Farbwahrnehmung unterscheidet, ist das Gedächtnis, das uns in die Lage versetzt, die Abfolge von Tönen als Zeit-Gestalt einer Melodie aufzufassen; wie umgekehrt die Farbwahrnehmung von der Klangwahrnehmung das synoptische Gesichtsfeld, in dem wir uns durch Angaben wie oben und unten, vorn und hinten, rechts und links orientieren. – Für Klänge ist es meist von sekundärer Bedeutung, aus welcher Richtung sie uns erreichen.

Das Gedächtnis oder die Erkenntnis des Wechsels in der Dauer und der Dauer im Wechsel versetzt uns in die Lage, Tag und Nacht oder die Jahreszeiten zu unterscheiden.

Sagen wir „Anwesenheit“ statt „Subjektivität“, können wir so formulieren: Etwas Farbiges kann nur in einem Gesichtsfeld auftauchen, ein Klang nur in einem Hörfeld; kein Gesichts- oder Hörfeld ohne die Anwesenheit dessen, der sieht oder hört.

Sagen wir „Anwesenheit“ statt „Subjektivität“, können wir des weiteren so formulieren: Ein Ding nennen wir die Gesamtheit der Prädikationen oder Beschreibungen, die auf etwas zutrifft oder zutreffen könnte. Keine Prädikation oder Beschreibung ohne die Anwesenheit dessen, der prädiziert oder beschreibt.

Nehmen wir die räumlichen Koordinaten und die Zeitpunkte, zwischen denen ein Ding als räumliches und zeitlich konstantes Etwas besteht, dann können wir den Nullpunkt eines Koordinatensystems als Subjektpol oder Pol der Anwesenheit festlegen, von dem aus wir beispielsweise die räumlichen Abstände und die zeitliche Dauer des dort vorbeifahrenden Fahrzeugs mit geeichten Meßgeräten vermessen.

Wenn ich um die Erdbewegung weiß und bei der Tag-und-Nacht-Gleiche die Zeitstrecke zwischen Sonnenauf- und untergang messe, weiß ich, daß sie mit der halben Dauer der Erdumdrehung identisch ist oder die Erdumdrehung das Doppelte der gemessenen Zeit beträgt.

Der Farbeindruck oder die Klangwahrnehmung sind nicht identisch mit dem kausalen Resultat der neuronalen Prozesse, die notwendig sind, um sie zu erzeugen; wenn ich farbig träume oder eine Melodie im Traum höre, fehlen die kausalen Vorgänge, die mittels Lichtstrahlen oder Luftwellen meine Sinnesorgane stimulieren.

Daß ich aufgrund der physikalischen Wirkung farbigen Lichts keine bunten Flecken, sondern einen blühenden Garten sehe, kann aus dem Begriff einer physikalischen Wirkung nicht verständlich gemacht werden.

Eine Farbe zu sehen heißt etwas Farbiges zu sehen, sodaß wir sagen können: „Dies ist rot.“ – Das Bezugssystem unserer Farbwahrnehmung ist eine Form der Beschreibung, mit der wir etwas als rot oder grün bezeichnen. Wir gewinnen die korrekte Beschreibung und Klassifikation unserer Sinneswahrnehmungen, indem wir beispielsweise an den farbigen Fleck eine Farbskala anlegen und den gehörten Ton anhand einer Tonskala bestimmen.

Wir können nicht etwas am selben Ort zur selben Zeit als rot und grün bezeichnen; dies ist keine Folge unserer neuronalen Organisation, denn wir könnten uns eine denken, bei der so etwas möglich wäre, sondern der Normen unserer deskriptiven Aussagen, die nur sinnvoll sind, wenn wir den Farbunterschied berücksichtigen.

Daß wir kein Ultraviolett und Infrarot sehen, beschränkt nicht sowohl unser Farbuniversum, als daß es anhand dieser Grenzen definiert wird; denn andere Grenzen machten ein anderes Universum.

Wir können nicht wissen, ob eine Malerei auf der Gegen-Erde, die ihren Museumsbesuchern Ultraviolett und Infrarot zumuten könnte, Kunst nach unseren Begriffen und Kriterien wäre.

Wir können nicht zur selben Zeit einen Klang als hoch und tief oder einen Zusammenklang als wohltönend und mißtönend bezeichnen, weil wir musikalische Klangwahrnehmungen auf Normen deskriptiver Aussagen beziehen, die ihren Sinn aus den traditionell zugrundegelegten Tonskalen und harmonischen Dur-Moll-Tonverhältnissen beziehen.

Wir können andere Tonskalen und harmonische Kombinationen ansetzen; dann würden wir einen Klang vielleicht als schwebend und einen Zusammenklang als harmonisch diffus oder indifferent bezeichnen; doch auch der Sinn dieser Beschreibungen bezieht sich auf die nunmehr zugrundegelegten alternativen Tonskalen und harmonischen Tonverhältnisse.

Wir hören musikalische Töne anders als Naturgeräusche, weil wir sie in den Sinnhorizont bestimmter Tonskalen wie die Oktave und Harmonieverhältnisse wie Dur und Moll rücken.

Die neuronale Reizung und Reizverarbeitung ist die Ursache unserer Farbwahrnehmung, aber nicht der Grund, weshalb wir etwas als Bild sehen und ein Bild schön oder häßlich finden.

Die neuronalen Vorgänge bei der visuellen Wahrnehmung sagen dir nicht, welchen Sinn diese Buchstabenfolge hat.

Die Biene, die an der Blüte hängt, die Drossel, die im Johannisbeerstrauch sitzt, der Hund, der einen Knochen im Tomatenbeet vergräbt, sie sehen nicht den Garten, wo du Unkraut jätest. Den Garten zu sehen ist nicht nur eine visuelle, sondern eine semantische Leistung.

Der Sinn einer Aussage liegt vor; der Sinn einer Handlung ergibt sich erst, wenn sie zustandegekommen ist, Erfolg oder Mißerfolg hatte.

Von Eindruck zu Eindruck springen ist ähnlich sinnlos wie in freier Assoziation Wort an Wort reihen.

Die sogenannte Methode der freien Assoziation ist nicht frei, sondern liefert meist nur die Klischees, die im Fliegennetz des allgemeinen Geredes hängen geblieben sind.

Manche drücken nicht Gedanken mittels Worten aus, sondern lassen die Worte miteinander reden. – Bei anderen sind sie Echos des Markts und der Straße vom Gewölbe des Schädels.

Wenn unsere Sinneswahrnehmungen jeweils in einen spezifischen Sinnhorizont integriert sind, müssen wir sie nicht, wie der Transzendentalphilosoph meint, nachträglich begrifflich aufpolieren oder sublimieren, damit sie unsere Orientierung in der Welt möglich machen.

Die originäre Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit unserer Sinneswahrnehmungen zeigt sich in einfachen Formen der Prädikation wie: Diese Farbe ist blaß, dieser Klang ist dumpf, es riecht angebrannt, der Wein schmeckt nach Korken.

Wir sehen auch deutlich, in welchem Maße die Sinneswahrnehmungen aufgrund ihrer prädikativen Erhellung am logisch-semantischen Raum teilhaben; impliziert doch die Bestimmung der Farbe als blaß, daß sie nicht grell ist, die Bestimmung des Klanges als dumpf, daß er nicht schrill ist, die Bestimmung des Geruchs als angebrannt, daß er nicht süßlich ist, und die Bestimmung des Geschmacks als faulig, daß er nicht fruchtig ist.

Wir teilen demnach die Sinneswahrnehmungen jeweils in sinnhafte Muster, Raster, Skalen oder Klassifikationsschemata ein, in denen wir ihnen eine spezifische Position oder Markierung wie „silbergrau“ oder „aschfahl“, „dumpf“ oder „Kammerton A“, „muffig oder beißend“, „fade oder bitter“ zuweisen. – Je nach Zweck und kultureller Reife sind solche Skalen mehr oder weniger differenziert, nuanciert und wissenschaftlich ausgetüftelt und subtil (wie die physikalischen Farbspektren oder die akustisch-physikalischen Klangbestimmungen).

Hier setzen wir auch einen empirisch belastbaren Begriff der Metapher an: Metaphern gewinnen wir, wenn wir die Muster und Raster der Sinneskategorien Farbe, Klang, Geruch, Geschmack und Getast gleichsam übereinanderlegen und mit Prädikaten ferner liegender, aber sinnfälliger Muster verkuppeln und verdichten. So sprechen wir von einem fahlen, weichen, zarten oder silberhellen Klang, einer schrillen oder warmen Farbe, einem schmeichelnden, betörenden und paradiesischen Duft oder einem ätzenden, beißenden und betäubenden Höllengestank.

Der Sinn der Negation ist ein anderer, wenn ich sage, einer habe den Passanten nicht gesehen, weil er abgelenkt war, als wenn ich sage, einer habe den Passanten nicht gesehen, weil er blind ist.

Der von Geburt Blinde weiß nicht, was Dunkelheit ist; der von Geburt Taube weiß nicht, was Schweigen ist.

 

 

Mrz 1 20

Lied des Hirten

Ich hab ein Feuer angezündet
auf weichen Abends freiem Feld,
nur Wind und Rauschen mich gesellt,
damit mein Blut ins Danklied mündet.

Die Flammen züngeln höher, jagen
Gespenster neckend vor sich her,
was mir die Zunge machte schwer,
die Trauer kann im Lied sich sagen.

Kommt nur herbei, ihr bangen Lämmer,
ich will euch sanft ein Hüter sein,
schlaft friedlich um mein Feuer ein,
mein Lied hüllt euch in goldnen Dämmer.

 

Feb 29 20

Die Blume ohne Namen

Der hohen Dichtung reines Wort
versinkt, ein unscheinbarer Samen,
am moosumseufzten Gnadenort
und sproßt, die Blume ohne Namen.

Es sinnt auf goldnen Lichtes Strahl,
und seine Wurzel schluchzt nach Regen,
denn ohne Flammen bleibt es fahl,
sein Schimmer kommt von Himmels Segen.

Blüht schwebend es an banger Kluft,
nur Falter sind, sein Herz zu küssen,
ahnt dir in lauer Nächte Duft,
Glanz ist, was deine Lippen missen.

 

Feb 28 20

Terzinen von den Gnadenstrahlen

Noch hat die Nacht ihr Grabtuch ausgebreitet,
der Kerzen Andacht mit ihren zarten Funken
die Grotten der Angst, die Augen, uns geweitet,

da ist des Morgens Lilie herabgesunken,
wie blasser Mond den Dunst aus grünen Teichen
hat Seufzen vom Mund ein Blumenmund getrunken.

Es füllen des Herzens Knospen nun, die bleichen,
mit warmem Blut der Blüten Gnadenstrahlen,
die Engel uns aus Edens Gärten reichen,

wir aber streuen sie in schlichte Schalen
und heben sie auf Altars Porphyrsteine.
Gesegnet ward die lange Nacht der Qualen,

der Kuß der Liebe funkelt uns im Weine.

 

Feb 27 20

Katzengold

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Welt des Weisen ist einsam und weit.

Mehrheit ist Dummheit.

Nicht ohne Luft und Licht, Wasser und Bienen, doch die Frucht treibt der Baum allein.

Es ist nicht Nerv noch Muskel, nicht Wange und Mund, nicht das Funkeln der Augen – was ist es denn, das Lächeln?

Ein Lächeln kann uns etwas sagen, es ist wie alle Ausdrucksgebärden ein natürliches und zugleich semantisches Phänomen; es kann den freundlichen Gruß begleiten, verstärken oder ersetzen; es kann dumm und fratzenhaft, kann geheimnisvoll, maskenhaft, augurenhaft sein, ironisch, zynisch oder vulgär. Wir können durch Lächeln Verlegenheit, Unterlegenheit oder Überlegenheit ausdrücken; wir können es wie der Schauspieler als vom eigenen Gemütszustand abgelöste Mimik erlernen und sinnvoll verwenden.

Wir können, was außen ist, wie die Abenddämmerung, in uns hineinnehmen und uns als seelischen Zustand anverwandeln, wenn wir uns einer diffus-schwermütigen Stimmung ergeben.

Nicht nur das Wort, der Hauch, der Duft, der Schatten des Worts muß als Dichtung fühlbar werden.

Man zerschlägt die große, von mythischen Händen geformte Plastik des Volkes – mit trüben Wassern vermischt zerlaufen die Bruchstücke zum Brei einer unförmigen Masse.

Wer viele Welten in sich trägt, bedarf keines kosmopolitischen Jahrmarkts.

Uns blieben Splitter von Erinnerungsbildern, gleich dem auf den Wegen verstreuten Katzengold, an dem Kinder sich ergötzen.

Die Sonnenuhr der Seele geht langsamer als die Atomuhr der Weltzeit.

Das pollentragende Wasser verrinnt im Karst – die Tropfen dichterischer Sprache verdunsten auf dem Asphalt.

Der ungeheure Brocken einer unvollendeten Seele, eingehüllt wie ein in Spiritus konserviertes Tier von zerfurchten Häuten, die Lider wie welke Blätter über schweren Träumen gewölbt, ein schlafender Hund zwischen den wundgelaufenen Füßen – so hebt die groteske Plastik sich ab gegen den verhangenen Abendhimmel, da der Meister Hammer und Meißel erschöpft sinken läßt.

Tänzer in besinnungslosem Reigen, doch was sie zärtlich umschlingen, sind Gliederpuppen, deren synthetische Haare starre Wirbel bilden, deren Arm- und Beinprothesen im Walzerschritt baumeln und klappern.

Was wir Ding, Gegenstand, Entität nennen, ist die Gesamtheit der Möglichkeiten, etwas zu beschreiben.

Die kausale Einwirkung der Photonen auf die Netzhaut vermag nicht zu erklären, warum wir Gegenstände oder Bilder sehen.

Der methodisch verkannte Organismus der Neurobiologie ist ein Roboter, der wohl optische Sensoren hat, aber nichts sieht.

Die Physik und die Naturwissenschaft erklären nicht die Gegenständlichkeit des Gegenstandes und folglich auch nicht die Phänomenalität des Bewußtseins.

Der Fuß macht den Weg, der Weg ist eine sich selber ziehende Lebenslinie.

Die verschieden geformten und gebauten Musikinstrumente sind eine sinnhafte Ableitung und Funktion des Klangs; der Klang ist keine kausale Ableitung und Funktion der Möglichkeiten, ihn mittels verschieden geformter und gebauter Musikinstrumente zu erzeugen.

Das Gehirn ist eine sinnhafte Ableitung und Funktion des menschlichen Geistes, der Geist ist keine kausale Ableitung und Funktion des Gehirns.

Die Welt des Menschen ist die Bedeutsamkeit dessen, was ihm begegnet.

Was die Auguren im Vogelflug lasen, war bedeutsamer als das, was wir in der Zeitung lesen.

Die Welt von Blüte und Biene ist beiden gemeinsam.

Die Symbiosen von Pflanze und Tier können nicht als Resultate koevolutionärer Vorgänge erklärt werden.

Kolibrischnabel und Blütenkelch sind gemeinsame Elemente einer sinnvollen Ordnung.

Der Austausch von Blütennektar und Pollen, Nahrung und Sexualität, ist die grundlegende Form der Kommunikation zwischen Biene und Blütenpflanze.

Das menschliche Drama zwischen Himmel und Erde verweist wie die Tragödie des Sophokles oder Shakespeares auf eine zwar nicht augenscheinliche, aber sinnhafte Ordnung.

Ob groß oder klein, Hauptrolle oder Nebenrolle, jugendlicher Liebhaber oder abgetakelte Mätresse, Opfer oder Henker, Heiliger oder Verbrecher – das Schicksal verteilt die Rollen, die Sprechpartien stehen in keinem Manuskript, die Regieanweisungen gehorchen keiner expliziten Vorschrift, und dennoch sagen wir unseren Text auf, als hätten wir ihn auswendiggelernt, verwandeln sich die Kulissen, als hingen sie am Schnürboden einer Bühne.

Die Meister des barocken Welttheaters wußten mehr von den geheimen Mächten der Geschichte als der moderne Geschichtsschreiber mit seiner historisch-kritischen Methode.

Dem Unbekannten mit Vorsicht oder Mißtrauen zu begegnen ist ein Zeichen seelischer Gesundheit; dem Bekannten mit Mißtrauen und Angst ein Zeichen seelischer Erkrankung.

Unsere sensorische Ansprechbarkeit fluktuiert zwischen Schwellenwerten wie finster und grell, dumpf und schrill, lau und heiß, stumpf und stechend; werden diese Schwellenwerte unter- oder überschritten, sprechen wir von physiologischen oder seelischen Pathologien der Sensitivität und Reizbarkeit.

Eine Schindel fällt krachend vom Dach – der Stumpfsinnige blickt kurz auf, dreht sich um und döst weiter. Ein Blatt fällt vom Gummibaum – der Überempfindliche schrickt auf und erstarrt.

Der öffentlich inszenierte Selbstmord des großen Schauspielers ist für den einen ein gefundenes Fressen für den Boulevard, für den anderen ein Zeichen der Apokalypse.

Der moralisch Stumpfsinnige konsumiert die Schreckensbilder im Fernsehen wie die Schokolade, die er dabei verzehrt. – Den moralisch Überempfindlichen erfaßt ein Grauen, sieht er die tote Mücke in seinem Weinglas schwimmen.

Die Umwelt des paranoiden Schizophrenen überzieht ein dichter, undurchdringlicher Schleier feindsinniger Bedeutung – die Stadt verwildert zum Urwald.

Die Umwelt des Depressiven verflacht und ergraut, sie verliert die räumlichen und zeitlichen Tiefendimensionen der Ansprechbarkeit durch sinnliche Reize und erhellende Erinnerungsbilder.

Die Wahnvorstellungen des Psychotikers gleichen paradoxerweise Traumstacheln, die das Wachbewußtsein zu erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber der bedrohlichen Umwelt stimulieren.

Die dichterischen Bilder können wie Traumstachel wirken, wenn der einsame Dichter schlaflos und angespannt ins Dunkel lauscht.

Der einsame Dichter sammelt in der kleinen Mulde der Nacht Tränen, deren Glanz und traumnahes Funkeln ihm den verlorenen Tag zurückbringen.

Was hast, Frau, du uns mitgebracht? – Eine süße Frucht. – Ach, sie soll nur den Mund des einen laben. – Und du, Mann? – Eine schimmernde Perle. – Ach, sie verblaßt am Hals der Schönen. – Was aber, Dichter, du? – Eine Nachtigall. – O, sie ist süßer als die Frucht und erfreut das Herz aller Betrübten, sie ist kostbarer als die Perle, erhellt ihr Gesang ja das Dunkel.

Himmlische Schöne engelreiner Töne – schwarze Seelen grollen, wunde Herzen schmollen.

Den Kindern glänzt das Katzengold so verführerisch wie dem Liebhaber das echte im Halsschmuck der Angebeteten.

Sprich von Liebe nur, wenn du um Demut, Dienst und Opfer weißt.

Die leise Wehmutträne auf ihrer Wange schenkt dem Liebenden hohen Mut und edlen Sinn.

Achtung und Verehrung wahrer Größe schenken uns Selbstachtung.

Die Stimme des Chorsängers kommt zu Geltung und vollem Ausdruck nur im Zusammenklang.

Die musische Intuition der christlichen Erlösung – sich einzureihen in den Chor der Heiligen und Engel.

Das Ding an sich – ist dein kleines und ein großes Ich.

Die Bedeutung, die Wahrheit, die Musik an sich gibt es nicht, nur Variationen auf ein Thema, das in ihnen verborgen ist.

Eine naive antike Theorie des Sehens läßt von den Objekten der visuellen Wahrnehmung kleine Bilder (Eidola) ins Auge und Hirn des Menschen fliegen. Wir könnten ihr die naive Haut abziehen und sagen: Ja, wir sehen das Sichtbare; woraus folgt, daß wir das Unsichtbare nicht sehen. – Ist dies nicht, was Kant behauptet? – Doch ist wiederum die Einsicht nicht trivial, daß wir nur das Sichtbare sehen können und nur das Wißbare, das die Form des Gewußten haben muß, wissen können?

Es kann kein Sehen jenseits der Grenzen des Sichtbaren, kein Wissen jenseits der Grenzen des Wißbaren geben. Ein Wesen oder lebendiges Subjekt, dessen Wissen keine Grenzen und Bedingungen des Wißbaren hätte, also scheinbar allwissend wäre, kann es nicht geben; es wäre eo ipso kein Wesen oder lebendiges Subjekt.

Wir haben die Konvention entwickelt, von Sätzen über Gewußtes die Wissensbedingung einzuklammern, indem wir statt zu sagen: Wir (Physiker und Chemiker) wissen, daß Wasser aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff besteht, einfach sagen: Wasser ist H2O. – Doch hätte dieser Satz in einer Welt Bedeutung, in der es Wasser gäbe, aber niemand, der den Satz schreiben oder lesen könnte?

 

Feb 26 20

Klage und Bitte

Hienieden ziehen Wahn und Grauen
durchs Herz uns immerfort –
mag uns aus jenem Hort
ein süßer Sang noch niedertauen.

Wie stinken Kot und Tod auf Wegen,
wo uns kein Lächeln winkt –
daß uns herniedersinkt
auf goldner Wolke sacht ein Segen.

Hier sind die Herde ohne Laren,
die Schwellen stummer Stein –
daß uns mit Brot und Wein
den Tisch bereiten Engelscharen.

Wie sind die Worte so zerschlissen,
des Liedes Kleid so grau –
mag uns sein Gold und Blau
der Hymnus des Erretters hissen.

 

Feb 25 20

Über den Begriff der Intuition

Wir hören den Wasserhahn tropfen und bilden spontan einen akustischen Rhythmus, indem wir jeden zweiten oder dritten Tropfenfall als Schlag zählen; wir sagen, der Rhythmus habe sich uns intuitiv aufgedrängt. – Die gleichsinnige kontinuierliche Reihe der in regelmäßigem Abstand erklingenden Geräusche wird einer rhythmischen Regel oder Strukturformel unterworfen, die aus nichts anderem als unserer seelischen Energie entspringt.

Wir hören im Rhythmus das von uns spontan gegliederte akustische Material.

Stimmt die Mutter das Lied an: „Alle meine Entchen“, setzt das Kind spontan fort: „schwimmen auf dem See.“ Das Kind ergänzt und komplettiert die vorgegebene Tonfolge zu einer stimmigen Melodie nach einem wohlbekannten Muster, es kennt das Lied ja auswendig. Die echte musikalische Intuition findet dagegen auf eine beliebig gegebene Tonfolge eine improvisierte melodische Ergänzung und Komplettierung; die herausragende musikalische Intuition vermag die ergänzte Melodie zu variieren und in verschiedenen Tonarten farbenreich zu modulieren und abzuschatten.

Wir breiten vor dem Kind eine ungeordnete Menge von runden schwarzen und viereckigen roten Mosaiksteinchen aus; es soll sie in eine Reihe bringen. – Verfügt das Kind über eine starke ästhetische Intuition, wird es die Teile in sinnvoller Ordnung aneinanderfügen, etwa im steten Wechsel oder gar dreimal schwarze, dreimal rote Steine oder sogar einmal schwarz, zweimal rot, zweimal schwarz, dreimal rot …

Die Säulenordnung des griechischen Tempels und die strenge Aufteilung des dorischen Frieses mittels Triglyphen gilt uns als Muster einer komplexen ästhetischen Intuition. – Von hier aus ließe sich die Betrachtung erweitern um die mäandernden Muster der frühen Vasenmalerei, die sinnvolle Gliederung der griechischen Tragödie in Dialogpartien, Monologe und Chorgesänge, die stufenförmige Struktur des Kosmos von Aristoteles bis Ptolemäus, das Bohrsche Atommodell oder die periodische Gliederung der chemischen Elemente durch Mendelejew.

Wir unterscheiden Instinkt und Intuition; während der Webervogel aus dem vorgegebenen pflanzlichen Material ein uns kunstvoll erscheinendes, im Schilfrohr schwebendes, aber sicher eingefügtes Genist baut, das allerorts seine arttypische Gestalt aufweist, baut das Kind mit den vorgelegten Mosaiksteinen je nach intuitivem Impuls Varianten einer sinnvollen Reihe.

Elementare instinktgeleitete Bewegungen wie der Lidreflex, das panische Zusammenzucken bei Gefahr, das Aufstellen der Stacheln des Seeigels bei Lichtentzug, das schutzsuchende Ducken des Hasen, die schnelle Flucht des Murmeltiers beim Warnruf des wachhabenden Artgenossen und tausend andere Formen von Flucht- und Abwehrbewegungen sind vom genetischen Bauplan der Lebewesen sinnvoll eingesetzte Funktionen des unbedingten und durch Lernerfahrung bedingten Reflexes.

Dagegen erblicken wir im intuitiv gebahnten und geleiteten Verhalten, Wahrnehmen und Gestalten ein spezifisches Humanum, das nicht mit instinktgesteuerter Bewegung verwechselt werden sollte.

Dies erkennen wir unmittelbar, wenn wir uns der Grundlage der logischen Intuition, dem Begriff der Identität, zuwenden. Konstruieren wir eine Menge A von Elementen mit dem distinktiven Merkmal P und identifizieren wir an einem Element z genau die Eigenschaft P, wissen wir, daß z zur selben Menge wie alle Elemente mit derselben Eigenschaft oder zur selben Menge A gehört.

Die Aussage: Alle A sind P, z ist ein A, also folgt: z ist P erscheint uns unmittelbar evident; wir können die Aussage nicht weiter begründen oder logisch ableiten, es sei denn, wir wiederholen sie oder vergegenwärtigen uns ihren Sinn erneut mittels logischer Intuition.

Wenn alle Junggesellen unverheiratete Männer sind und Hans ein Junggeselle ist, wissen wir ohne es empirisch genauer untersuchen zu müssen, daß Hans unverheiratet ist; denn wir haben die Synonymie der Bedeutungen von „Junggeselle“ und „unverheirateter Mann“ als formale Identität festgelegt.

Die logische Identität müssen wir intuitiv eingesehen haben, wenn wir aus der Voraussetzung korrekt schließen, daß Hans unverheiratet ist. Wir können sie nicht ihrerseits logisch ableiten, denn sie ist gleichsam der Aufhänger, an dem das Netz der logischen Beziehungen und Verknüpfungen befestigt ist; rissen wir ihn heraus, fiele das Netzwerk ins Bodenlose.

Dividieren wir eine beliebige Zahl (außer der Null) durch 1, erhalten wir dieselbe Zahl. Zahlen, die nur durch sich selbst oder die 1 dividiert werden können, nennen wir Primzahlen, und wir können alle anderen natürlichen Zahlen als ihre Summen darstellen. In solchen Fällen liefert uns die logische oder formale Intuition eine Strukturformel, deren korrekte Anwendung uns die Identität des Gemeinten garantiert.

Es muß einen immanenten, konstitutiven Zusammenhang zwischen unserer Fähigkeit der logischen Intuition und der Einheit und Identität unseres subjektiven Bewußtseins geben. Die synthetische Brücke, so ist zu vermuten, bildet unser Gedächtnis, also eine die Dauer herstellende Synthese; so müssen wir in der Lage sein, beim gültigen Schluß von „Alle A sind P, z ist A, demnach ist z ein P“ die formale Bedeutung von P und z aus den Prämissen in die Folgerung identitätsbewahrend hinüberzuziehen und zu übersetzen.

Den Sinn der Zahlenreihe 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 mit den durch Fettdruck hervorgehobenen Primzahlen erkennen wir nicht aufgrund ästhetischer Intuition.

Die ästhetische Intuition bei der visuellen und akustischen Wahrnehmung rhythmisch gegliederter Gebilde unterscheidet sich von der logischen Intuition, insofern diese auf der systematischen Anwendung einer Regel beruht, wie bei der gültigen Schlußfolgerung oder der Bestimmung einer Primzahl.

Zwei Punkte in einem Kreis, darunter je ein senkrechter und ein waagerechter Strich („Punkt, Punkt, Komma, Strich …“) – dieses abstrakte Gebilde genügt unserer ästhetischen Intuition, um den allgemeinen Typus des menschlichen Gesichts zu erkennen; und wenn sich der untere Strich leicht nach oben biegt, sogar den Ausdruck des Lächelns, und wenn nach unten, den Ausdruck der Traurigkeit.

Gesichts- und Ausdruckswahrnehmungen vollziehen sich intuitiv, sie sind weder regelgeleitet noch aus rationalen Gründen ableitbar.

Das Gesicht unseres Schulkameraden Hans erkennen wir auf dem Klassenfoto aufgrund seiner individuellen Gesichtszüge. Auch dieses Wiedererkennen ist intuitiv, insofern es sich unmittelbar vollzieht und nicht auf der Folie eines rationalen Vergleichs – etwa mit dem Gesicht von Hans, der gerade bei uns zu Besuch ist und dem wir das alte Foto zeigen; denn auch den anwesenden Hans erkennen wir nicht aufgrund eines Vergleichs (ein Vergleichsobjekt liegt nicht vor), sondern unmittelbar intuitiv.

Wir begegnen unserem alten Schulkameraden Hans, und sein Bild, wie er damals in der Schule neben uns saß, steht wieder vor uns auf; indes, die Erinnerung beruht nicht auf einem verstandesmäßigen Verfahren, beispielsweise einem Vergleich des Erinnerungsbildes mit dem vor uns stehenden Hans; ebensowenig erkennen wir Hans, wenn er uns auf der Straße begegnet, aufgrund des Vergleichs mit unserem Erinnerungsbild; denn wir erkennen ihn sogar, sollten wir kein Erinnerungsbild von ihm mehr parat haben. Wir erkennen intuitiv: Der vor uns stehende Hans ist derselbe, den wir auf dem alten Foto erblicken, und wir erinnern uns an sein Lächeln, auch und sogar, wenn wir uns dazu auf keinen visuellen Anhalt in unserem Gedächtnis (mehr) stützen können.

Etwas Ähnliches geschieht, wenn Veilchenduft uns anweht oder uns als halluzinierte Duftnote aufsteigt und wir uns an gewisse Idyllen unserer Kindheit oder an das Gesicht oder das Lächeln unserer Großmutter erinnern, die ihr Taschentuch mit Veilchenwasser zu besprühen pflegte.

Ein lächelndes Gesicht heiter, ein weinendes traurig zu nennen verweist uns auf den Ursprung der intuitiven Anwendung psychologischer Prädikate; einen schwerfälligen Gang plump, einen tänzelnden anmutig zu nennen auf den Ursprung der intuitiven Anwendung ästhetischer Prädikate.

Wir unterscheiden die Gewohnheit von der Intuition; der Heimweg, den wir tausende Male gegangen sind, ist uns vertraut, wir achten nicht auf Straßenschilder, Wegmarken und Hausnummern, um nach Hause zu finden, sondern finden die Haustür wie im Schlaf. – So fahren wir Fahrrad, ohne auf die einzelnen Bewegungen unserer Gliedmaßen zu achten, und können dabei an wer weiß was denken, weil wir es als Kinder gelernt haben.

Fertigkeiten, die wir aus Gewohnheit ausüben und beherrschen, unterscheiden sich von intuitiven Wahrnehmungen. Diese sind uns nicht aufgrund von motorischen oder sensorischen Automatismen zugänglich, sondern wie das spontane „Sehen als“, wenn wir das berühmte Hasen-Ente-Bild einmal als einen Hasen, einmal als eine Ente sehen.

Wir unterscheiden sprachliche Fertigkeiten von sprachlicher Intuition. Es ist etwas anderes, die Rose schön, etwas anderes die Schönheit Rose zu nennen. Das erste ist ein sprachliches Klischee, das uns aufgrund der gewohnten Assoziation der Begriffe leicht über die Lippen kommt, das zweite eine außergewöhnliche Metapher, die wir der genialen sprachlichen Intuition Shakespeares verdanken (beauty’s rose might never die, Sonnet 1).

Die dichterische Intuition findet in der scheinbar vertrauten Landschaft der natürlichen Sprache Pfade, die zu vergessenen Gärten führen, Wege zu überwachsenen Denksteinen, deren anfängliche Inschriften sie freilegt und übersetzt, Passagen, auf die von einem ungeahnten Himmel ein nie gesehenes gespenstisches oder heiteres Licht fällt.

Die Bilder, Vergleiche, Metaphern, die uns die außerordentliche sprachliche Intuition des Dichters vor Augen führt und als Sichtschneisen ansinnt, haben ihr Maß der Geltung und Sinnfälligkeit an dem Grad, in dem sie unserer ästhetischen Intuition zugänglich und einsichtig werden – dies kann sich augenblicks vollziehen, doch bisweilen eine lange Zeit beanspruchen, in der ihre Anmutungen und Zumutungen die Wegmarken unserer Sprach- und Seelenlandschaft versetzen und umgruppieren.

 

Feb 24 20

Liedes Zauber

Im Liede kann der Sinn verfließen
und sanfter strömen über Klippen,
wie Tau der Helden spröde Lippen
erglänzen läßt auf Tempelfriesen.

Wo bangend wir in Klüfte starren,
im Fernen blaut ein schwaches Ahnen,
versetzt es uns auf grüne Bahnen,
wo unsrer treue Freunde harren.

Wenn Herzen Haß und Liebe wirren,
im Netz der Spinne Nacht verderben,
wird zauberisch es Schatten färben,
Gewebe weht sein sanftes Schwirren.

Im Liede finden Wellen Weile,
es will an Wasserrosen lehnen,
der Laute leises Tropfen dehnen,
es überströmt die kleine Zeile.

 

Feb 24 20

Über den Begriff des Sinns

Ein großes Ziel philosophischer Betrachtung wäre es, sich nicht nur mit dem semantischen Sinn von Aussagen zu begnügen, sondern den Sinnbegriff auf den Kontext spezifischer Lebenswelten zu erweitern, auch wenn er in der Wüste des Geistes unwirklich wie eine Fata Morgana flimmert.

Der Muskel kann sich strecken, dehnen oder verhärten, je nach den Impulsen, die ihm das Nervensystem zuleitet. – Doch wenn ich wahrnehme, wie mein Freund Hans mir winkt, gehe ich nicht davon aus, er tue dies nur aufgrund des Ursache-Folge-Schemas, wonach sein Hirn die motorischen Nervenfasern mit dem Impuls stimulierte, die Armmuskeln zu strecken, sondern aus dem Grund, weil er mich sah und erkannte.

Hans kann auch, statt mir zu winken, mir etwas zurufen; der Zuruf hat denselben Sinn wie die gestische Mitteilung.

Hansens Zuruf hat nicht den ontologischen und epistemischen Status eines akustischen Reizes; sonst würde ich sinngemäß auf ihn reagieren, wenn ich ihn gehört hätte, ohne ihn verstanden zu haben. Aber ohne Sinnverständnis würde ich nicht auf ihn reagieren, auch wenn ich den akustischen Reiz vernommen hätte.

Ich muß den physikalischen Laut entziffert haben, um ihn in die Welt der Bedeutsamkeit einzuschließen und zu integrieren, die meine, die unsere Welt ist.

Bei einem exotischen Stamm könnte Winken bedeuten: „Bleib mir vom Hals!“; so erkennen wir an der uns vertrauten Geste eine konventionelle Bedeutung, die der Konvention ähnelt, mit der wir dem Laut „fort“ die Bedeutung „weg“ zuordnen, während der Franzose dem Laut „forte“ die Bedeutung „stark“ (in der weiblichen Form) zuordnet; im Gegensatz zur natürlichen Bedeutung des Lächelns oder Weinens, die für Leute in Berlin und Paris den gleichen Sinn verkörpert.

Wir sagen, der Hund markiere sein Revier. Ist dies eine Metapher? Aber jene Stammeskrieger, die den Eindringling, der die Grenze zu ihrem Territorium überschreitet, verjagen, verhalten sich ähnlich wie der Hund, der den Rivalen verbellt.

Der Rabe beobachtet von seinem Ast aus, wie das Eichhörnchen Nüsse vergräbt; ist es außer Sichtweite, fliegt er zu dem Versteck und tut sich am Diebesgut gütlich. Ist ihn einen Dieb zu nennen eine Metapher?

Anders als das Eichhörnchen können wir den Dieb anzeigen und vor Gericht bringen, damit er seine gerechte Strafe bekommt. So müßten wir sagen, Begriffe wie „Dieb“, „Räuber“, „Mörder“ beziehen ihren Sinn aus einem konventionell institutionalisierten System des Rechts, der Justiz und Strafverfolgung, den wir nicht ohne weiteres auf Tiere übertragen können, weil sie ohne konventionelle Systeme dieser Art oder in einer zu unserer disparaten Lebenswelt leben.

Der Seeigel sieht nicht mit Augen, sondern mit über seine ganze Hautoberfläche verteilten lichtsensitiven Zellen; doch paradoxerweise reagiert er nicht auf Lichtreize, sondern auf ihren Entzug, wenn ein Schatten auf ihn fällt. Dann stellt er abwehrend seine Stacheln auf, denn sein Hauptfeind, der Seestern, könnte sich nähern. – Sollen wir sagen, der Seeigel sieht, auch wenn er keine Augen wie wir hat, auch wenn seine Sensorik nicht auf sichtbare Objekte, sondern auf Schatten reagiert, oder ist dies bloß eine Metapher?

Der Seeigel sieht den Seestern nicht in der Weise, wie es der Biologe tut; dagegen registriert er den Schatten, den sein Feind, der Seestern, wirft, als „Feindzeichen“, während der Wissenschaftler in ihm ein wertneutrales Objekt wissenschaftlicher Neugierde beobachtet und der touristische Strandgänger ein Objekt ästhetischen Wohlgefallens wahrnimmt.

Der physiologische Funktionskreis zwischen Muskeln und Nerven ist integriert in den „höherstufigen“ Funktionskreis zwischen Sensorik und Motorik, Sinneswahrnehmung (Sichtung eines Feindes, einer Beute) und zielgerichtete Bewegung (Flucht bzw. Greifen und Verschlingen). Der Kreislauf zwischen Sinneswahrnehmung und Bewegung ist abgeschlossen, wenn das „niederstufige“ vegetative System „übernimmt“ (Verdauung und Stoffwechsel) oder der Organismus zur Ruhe kommt (die Flucht gelingt).

Ist der Kreislauf zwischen Sensorik und Motorik unterbrochen, sagen wir von der mißlungenen Greifbewegung, sie habe ihren Sinn nicht erfüllt oder verfehlt. Wir weisen demnach nicht nur intentional ausgerichteten Gesten (Winken), sondern auch zielgerichteten animalischen Bewegungen (Greifen) einen Sinn zu.

Der paranoide Schizophrene sieht in bestimmten Passanten, die für uns emotional „ungetönt“ oder blaß bleiben, feindliche Objekte und verfolgt seine Verfolger, wenn er sich in die Enge getrieben oder herausgefordert fühlt, mit zielgerichteten Angriffsbewegungen. Diese Bewegungen haben den Sinn, den der Psychiater aus seinem Wahnsystem kohärent ableiten kann.

Die Äußerungen und Gesten des Psychotikers sind demnach in seiner Welt keineswegs sinnwidrig, sondern in unserer Welt wertneutraler Beobachtung (in der Welt der Passanten und des Psychiaters), wenn und insofern wir in den vom Kranken als feindlich identifizierten Objekten neutrale Gegenstände sehen.

In der Wahnwelt des Kranken sind die Opfer seines psychotischen Angriffs keine Opfer, sondern einer gerechten Strafe zugeführte Bösewichte; in der „Normalwelt“ des Psychiaters ist der Psychotiker kein Verbrecher, sondern das unschuldige Opfer seines Wahns; das gleiche gilt für den Untersuchungsrichter, der den mutmaßlichen Täter aufgrund des psychiatrischen Gutachtens als schuldunfähig erklärt.

Analog zum Schatten in der Welt des Seeigels können wir den fehlenden Reiz und die Negation in unserer Welt betrachten: Kommt der Freund nicht zu unserer Verabredung, sind wir mit Recht verärgert; aufgrund der bloßen Negation seiner Anwesenheit, seiner Abwesenheit, sind wir mißgestimmt. Und wir können mit Bestimmtheit sagen, daß wir uns geärgert hätten, wäre er nicht zu unserer Verabredung erschienen.

Übersetzen ist eine Weise, den Sinn einer Geste, einer Bewegung, einer Äußerung in einer korrespondierenden Geste, Bewegung und Äußerung zu bewahren. Wir können den Sinn der Geste des Winkens in die Geste des Zurufs übersetzen, den Sinn des freundlichen Lächelns in den Sinn der herzlichen Begrüßung, den Sinn der bejahenden Äußerung in den Sinn ihrer doppelten Verneinung.

Die Rettung oder die Bewahrung des Sinns in den verschiedenen Versionen seiner Übersetzung ist der logische Prüfstein unseres sinnvollen Tuns und Sprechens.

Der Sinn ist ein wesentlicher Begriff nur in Relation zu einem Organismus, einer vitalen Struktur, einer spezifischen Lebenswelt; der Schatten hat in der Welt des Seeigels den Sinn feindlicher Bedrohung, nicht in der Welt des beobachtenden Biologen; das Lächeln ist ein charakteristisches Element menschlicher Kommunikation; die biblische Schöpfungsgeschichte hat Sinn nur in einer spezifischen religiösen Lebenswelt.

Wenn wir den Sinnbegriff nicht auf rein sprachliche Systeme verengen, können wir unser Verstehen in dem Maße erweitern, in dem wir den Sinn der jeweiligen Bewegung und Äußerung im Kontext des korrelierenden Systems integrieren, worin sie ihre spezifische Leistung vollbringen. Das Sinn-Integral der Schattenwahrnehmung des Seeigels ist die ökologische Umwelt des Tieres; das Sinn-Integral des Lächelns ist die konventionell ritualisierte Welt menschlicher Kommunikation.

In exotischen Umwelten und technologischen Kontexten gelangen wir an die Grenzen der Anwendung des Sinnbegriffs; so wissen wir nicht zu sagen, ob wir den Begriff des Sehens bei der Schattenwahrnehmung des Seeigels sinnvoll verwenden, doch wissen wir, daß wir Begriffe der sinnlichen Wahrnehmung und des Denkens sinnwidrig auf die Funktionen von Computern und Robotern anwenden.

Die Maschine rechnet nicht in dem Sinne, wie wir rechnen, weil sie keine Zweifel über das Ergebnis anwandeln kann wie uns, wenn wir dadurch veranlaßt werden, die Gegenprobe zu machen. Die Maschine antwortet nicht auf unsere Fragen, wenn wir sie mit Daten füttern und einen Algorithmus zu ihrer Verarbeitung mitliefern, denn die Antwort, die sie uns in fehlerlosem Chinesisch gibt, weil wir sie mit den entsprechenden Daten (Wörterbuch) und dem entsprechenden Algorithmus (Grammatik) gefüttert haben (Turing-Test), versteht sie nicht, und sie lächelt nicht angesichts des Umstands, daß die gegebene Antwort ein Witz ist, der uns amüsieren sollte, und sie lacht sich nicht ins Fäustchen und ist nicht schadenfroh, weil wir ihn nicht verstehen.

Der Sinn der Gesten und Äußerungen des individuellen Lebens ist eine Ableitung seiner Funktion in der korrespondierenden Struktur und Ordnung der überindividuellen spezifischen Lebenswelt, in der er sich ausdrückt und erfüllt. Auf diese Weise regulieren und integrieren die Ordnung und das Curriculum der Schule den Sinn der Gesten und Äußerungen des Lehrers und der Schüler, die Ordnung der Familie und der Generationenfolge den Sinn der Gesten und Äußerungen der Eltern und Kinder, der Großeltern und Enkel, der Onkel und Tanten, der Neffen und Nichten, die Rechtsordnung und die kulturelle Überlieferung des eigenen Volkes den Sinn der Äußerungen, Handlungen und Entscheidungen des verantwortungsbewußten Staatsmannes, die Tradition der dichterischen Ausdrucksformen den Sinn der Äußerungen des Dichters, auch wenn sie jener neue Töne, neue Farben und Nuancen abgewinnen.

Ein ungrammatischer Satz ist sinnlos.

Eine Lebensäußerung und ein künstlerischer Ausdruck haben Sinn nur in dem Maße, wie sie sich einer höheren Ordnung unterwerfen und einfügen, auch und gerade, wenn sie eine zukünftige soziale oder ästhetische Ordnung antizipieren – man denke an die neue Lebensordnung der frühen christlichen Gemeinden oder an das Aufkommen der Polyphonie.

Die ungeschriebenen Grammatiken der menschlichen Lebensformen …

 

Feb 23 20

Liedes dunkle Rosen

Ward dir das Herz ein Knäuel wirrer Stimmen,
und deiner Seele Licht getrübt,
als hätte sie noch nie geliebt,
sieh, wie im Dunkel Liedes Rosen glimmen.

Ein Liebender, der am Ufer geht verlassen,
er hört das Rauschen nicht vom Strom,
sieht keinen Stern im hohen Dom,
ihm kann der Rose Duft ans Herz wohl fassen.

Die schlaflos auf zerwühlten Linnen liegen,
ihr Wahn krampft um der Türe Knauf,
ach, schließ das Fenster ihnen auf,
daß Zweige flüsternd sie in Schlummer wiegen.

Die treiben blind auf greller Bilder Fluten,
kein Auge ist ein stiller Teich,
ihr rauher Sinn wird wieder weich,
wenn ihnen Liedes dunkle Rosen bluten.

 

Feb 22 20

Das Lied will leuchten

Das Lied will leuchten mit Lupinen,
mit Veilchenaugen dunkeln,
in denen Tränen funkeln,
ermatten mit dem Tanz der Bienen.

Die Verse füllen sich wie Venen
mit dunklen Blutes Schwärmen,
in Herzen sich zu wärmen,
die hoher Liebe Gluten dehnen.

Es will in Mundes Wabe stecken
des Sommers goldne Süße,
der Liebe nackte Füße
will es mit zarten Gräsern necken.

Wenn Polster weiß auf Simsen kragen,
kristallen schimmert Stille,
taut schon die bleiche Hülle
sein Seufzen nach den Rosentagen.

 

Feb 21 20

Das dichterische Wort

Es näht zerrissnen Lebens Flicken
und fügt verlorne Teile
ins Hohe, Lichte, Heile,
schenkt Weite trüben Sehnsuchtsblicken.

Der Landschaft Farben werden heiter,
es dämpft das allzu Grelle,
was dämmert, kommt ins Helle,
im Abgrund ragt die Sternenleiter.

Wo uns die schweren Zungen stocken
und fühllos Klumpen ballen,
die plump ins Leere fallen,
löst sie die Anmut seiner Flocken.

Und rauscht der Nächte dunkler Flügel,
verwirren sich die Seelen,
weil Gnadenblicke fehlen,
rollt es den Mond auf Schwermut-Hügel.

 

Feb 20 20

Selige Flucht

Treiben wir auf Liedes sanften Wellen,
weiße Blüten, Lichtes Sprossen,
hoher Stille hingegossen,
die gemeine Laute nicht entstellen.

Lassen wir an uns vorüberziehen
Uferschatten, krauses Winken,
doch wo Schwäne Träume trinken,
soll der Anmut Bild uns nicht entfliehen.

Schüttelt Nacht aus schwarzen Flügeln Grauen,
Lippen blassen, Stirnen fahlen,
schenken Mondes weiche Strahlen
uns der Liebesblicke feuchtes Blauen.

 

Feb 19 20

Traurige Distichen

Welche Quelle könnte mit Geist sie wieder behauchen?
Unterm Asphalt erstickt ihnen die Muse des Lieds.

*

Einsam in düsterer Nische sinken dem Engel die Flügel.
Liebe entfachte sie einst, Wahn hat die Flamme gelöscht.

*

Auf dem Denkstein die liebliche Inschrift willst gern du entziffern,
doch mit schmutziger Hand hat sie der Zeitgeist zerkratzt.

*

Glocken haben der Kindheit Tage voll Ahnung durchflutet,
nun ward der liebliche Klang knirschender Sand dir im Schlaf.

*

Damals hat zwischen tauigen Reben uns Bläue gelächelt,
heute trinkst du den Wein einsam am lichtlosen Ort.

*

War die fröhliche Glut uns erweckt, wie sangen die Flammen,
was macht seufzen dich nun, Schwester, was feucht dir das Aug.

*

Sterne der Jugend, die einst uns bahnten die Pfade,
der unsern Herzen entquoll, Nebel, er hat euch verhüllt.

*

Als wir die Blüten streuten von Tulpen, Rosen und Veilchen,
war uns Kindern die Hand sanft, nicht von Mühsal verhornt.

*

Deren Atem würzten der Gärten heimliche Düfte,
streicht der Zeitgeist das Wort Heimat im Tagebuch durch.

*

Kräuter und Gräser sandten Aromen dem kindlichen Schlummer,
heut aber blaken im Traum Kerzen, und hell wird er nicht.

*

Himmlische Bläue und Regen stillten das kindliche Sehnen,
trinkst du auch heimischen Wein, stirbt doch die Sehnsucht vor Durst.

*

Augen der Borke, wild rauschende Wasser waren die Weiser,
grelle Bilder der Stadt führen ins Abseits dich stets.

*

Schweifende Tiere der Wildnis, sonnentrunkene Adler –
arme Schoßhündchen, habt trostlosen Stein zum Revier.

*

Wie denn könnte Eros zwischen Gas und Glas sich ergötzen,
lauscht er doch Schritten des Pan, seufzt unter ihnen das Gras.

*

In der Wüste finde, mein Dichter, des Liedes Oase,
lasset, ihr Musen, ihm süß quellen den Brunnen des Munds.

 

Feb 18 20

Zeichen und Winke

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dem Andenken an Sir Roger Scruton

In ihrer scheinbar gerechten, in Wahrheit tückischen Forderung, immer auf Augenhöhe mit dem anderen reden zu wollen, verbirgt sich die Angst, in den Schatten wahrer Größe zu geraten.

*

Die Kirchen sind noch geostet, die Herzen nicht.

*

Wo ihnen das Licht aufgehen könnte, verdunkelt sie ein Spiegel.

*

Schiefe Bilder und falsche Metaphern verwenden sie als philosophische Aufputschmittel und bemerken nicht, daß sie den Geist einschläfern.

*

Der fehlende Genetiv ist ein untrügliches Zeichen dafür, daß sie der Opfer, der Ahnen, der Toten nicht gedenken.

*

Sie reden wie das nasse Kraut, das man schüttelt, und die Tropfen fallen.

*

Der Ausverkauf des Konjunktivs ist ein Zeichen für den Niedergang logischen Denkens. – Die Aussage, er hätte es nicht getan, wären ihm die Folgen seines Tuns bewußt gewesen, impliziert das Gegenteil der Aussage, daß er die Folgen vor Augen gehabt habe, denn dann hätte er es getan, obwohl er es wußte.

*

„Entwicklung“, „Evolution“, „Fortschritt“ – das sind modische Floskeln, die nicht mehr sagen, als daß ich heute hier bin, weil ich nicht mehr dort weile, wo ich gestern war – also nichts.

*

Die Annahme des Aristoteles, daß alles mehr oder minder beseelt sei, und diejenige des Descartes, Tiere seien eine Art seelenloser Maschinen, bezeugen den Gegensatz des künstlerischen Denkstils der Antike und des technischen der Neuzeit.

*

Je mehr der Sinn für das Sakrale schwindet, umso protestantischer wird die katholische Kirche; bis sie auch die letzten Bilder einschließlich des Kruzifixus abhängen und die Messe zu einem geselligen Abendmahl zwecks Hebung sozialer Gefühle inszenieren.

*

Der Hammer korrespondiert dem Nagel, der Schlüssel dem Schloß, der Henkel der Hand, die Tasse der Flüssigkeit und dem Mund, die Biene der Blüte, der Mann der Frau, die Kultur der Sprache, der Satz dem Sinn. – Wem aber der Mensch? Die Tradition nannte diese Entsprechung „Gott“.

*

Die Logik, die Mathematik, die Sprache sind normative Disziplinen. – Die falsche Metapher macht den Satz so sinnlos wie die Anwendung der falschen Formel die Auflösung der Gleichung und der Fehlschluß das Argument.

*

Wären wir in einer platonischen Höhle eingeschlossen und wäre unsere Sprache ein Idiolekt dieser Höhle, könnten wir nicht sagen, ob es nebenan noch eine andere Höhle gibt, in der ebenfalls Leute wie wir hausen.

*

Doch wir können ein wenig mehr sagen, etwa: Hätten die Leute von nebenan eine Sprache, müßten sie ihre Zeichen so verwenden, daß sie nicht nur etwas benennen, was sie selber sind (wie das Farbmuster für „Rot“ selber rot ist), und nicht gleichzeitig das Gegenteil des Gesagten zulassen, kurz, die Zeichen so verwenden wie wir, denn sonst wäre ihre Sprache keine Sprache. – Somit wissen wir, was eine Sprache über einen bloß lokalen Idiolekt hinaushebt oder was jeden Idiolekt zur Sprache macht.

*

Mit dem logischen Widerspruch oder dem Unsinn gelangen wir an die Grenze des Aussagbaren, ohne sie überschreiten zu können; denn wenn wir den Widerspruch, wie geboten, auflösen, sind wir gleichsam logisch wieder zu Hause.

*

Der Unsinn zeigt sich als Signatur des Zeitalters; denn jenseits aller Normen glauben sie sich zu feiern, indem sie Farben schmieren und es Kunst, Laute leimen und es Dichtung nennen.

*

Daß wir das Zeichen als Zeichen begreifen und die Ordnung der Zeichen als normativ, deutet darauf hin, daß ein wenig Licht in unsere Höhle fällt, auch wenn wir nicht wissen, woher.

*

Daß wir existieren, daß es die Welt gibt, daß wir etwas sagen und darstellen, was wahr ist und gilt, berührt die Grenze, denn begreifen können wir es nicht.

*

Die Logik hat keinen Grund, der sprachliche Sinn hat keinen Grund. Die Gewißheit, die wir der Folgerung entnehmen, daß Sokrates sterblich ist, wenn alle Menschen sterblich sind und er ein Mensch ist, können wir nicht weiter begründen, ohne wieder auf Verfahren gültiger Argumente zurückzugreifen, sondern nur intuitiv einsehen. – Den Sinn des Satzes: Sokrates war der Lehrer Platons, können wir verdeutlichen, wenn wir ihn als Relation zwischen den Namensträgern analysieren, was uns erlaubt ihn so umzuformen: Platon war der Schüler des Sokrates; aber der Sinn des Satzes läßt sich nicht begründen, ohne wiederum auf den Sinn von Begriffen wie „Namen“ und „Relation“ zurückzugreifen, sondern nur intuitiv einsehen.

*

Die griechischen Götter nennt Homer „die leicht Lebenden“, wir können sagen, die Heiteren, weil der Stachel des Todes sie nicht trifft; sie sind daher dem dunklen Ernst des Lebens, der auch ein Spiel sein mag, aber wie wir es aus dem Tierreich und dem geistigen Tierreich der menschlichen Geschichte ersehen, ein Todesspiel, glücklich entronnen. Die Zeichen des Mythos geben uns diesen Wink.

*

Wir werten und verwerten alles, wir nutzen und vernutzen alles, einschließlich unserer Mitmenschen und unserer selbst; doch der Sinn für das Sakrale und Numinose rückt etwas abseits von Gebrauch und Verzehr oder der Beschmutzung durch die mit Blut befleckten Hände: das heilige Buch, die geweihten Bilder, die eucharistischen Substanzen. – So auch die Musik, die Dichtung, die als Lobgesang und Hymnus aus dem sakralen Bereich herrührt oder noch seine Spuren trägt.

*

Das Heilige kann auch das Reine genannt werden, das wohl – die eigentliche Sünde – entweiht werden kann, aber an sich unberührbar ist. – Daher die Bedeutung des Reinen in der Dichtung Hölderlins, aber auch die numinose Angst vor der Entweihung, die sich vielfach in ihr ausdrückt.

*

Das Heilige kann nur im Ritual vergegenwärtigt werden; so im jüdischen Ritual der Tora-Verehrung, im christlichen Meßritus.

*

Die Hymnen Hölderlins haben einen rituellen Sinn, insofern sie die Ankunft der Gemeinde bei der festlichen Verehrung des von ihnen beschworenen Heiligen evozieren.

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Wie es keinen Grund oder keine naturwissenschaftliche Erklärung für das logisch Wahre, das mathematisch Beweisbare und das sprachlich Sinnvolle geben kann, so auch keine naturalistisch-evolutionäre Erklärung für das Heilige; denn eine solche bedient sich eines Trugschlusses, der den Sinn für das Heilige auf das gemeinschaftsstiftende Ritual reduziert, während beides gleichursprünglich ist.

*

Das Gold der Ikone, die blauen Lüfte Hölderlins, die selig in sich webenden Melodien Mozarts sind mehr als Zeichen für seelischen Reichtum, ein heiteres Gemüt, eine lebenstrunkene Hochgestimmtheit, sie geben uns Winke.

*

Das logisch Wahre, das mathematisch Korrekte und das sprachlich Sinnvolle stehen für sich selbst. Wir mögen den sinnvollen Satz paraphrasieren oder in andere Sprachen übersetzen; den Sinn aber müssen wir bei allen Verfahren der Transformation bewahren.

*

Wir können eine Melodie Mozarts musikalisch paraphrasieren oder transponieren; den Sinn aber müssen wir bei allen Verfahren der Transformation bewahren. Doch ist er uns nie unabhängig von seiner intuitiven Erfassung gegeben.

*

Der Sinn der Melodie kann nicht in ein anderes Medium übersetzt werden; schon unsere sprachlichen Etiketten wie „heiter“, „melancholisch“, „getragen“ oder „tänzerisch“ sind nicht mehr als kurzatmige wertende Einordnungen.

*

Wie wir die Melodie nur durch Hören in uns aufnehmen, so das Lächeln eines Gesichts oder die Aura einer Landschaft nur durch Sehen.

*

Das Lächeln läßt sich nicht beschreiben; wir können es nur mit Etiketten wie „freundlich“, „erstaunt“, „trügerisch“ oder „augurenhaft“ versehen, aber nicht ins Medium der Sprache übersetzen.

*

Unser Dasein in der Welt korrespondiert der Struktur unserer Erfahrung, und all unsere Erfahrung ist von Subjektivität getönt. Wir hätten keine Sprache (sondern es gäbe nur einen Code), würden wir sie nicht in unserem Sprechen von diesem Ding oder Ereignis dort zu diesem Dialogpartner hier zentrieren. Die Subjektivität unserer Erfahrung steht nicht der Objektivität unserer möglichen Einsichten entgegen; denn fehlte sie uns, ginge uns jede Form von Erfahrung ab.

*

Ähnlich wie das logisch Wahre, das mathematisch Beweisbare und das sprachlich Sinnvolle gibt uns die Tatsache der menschlichen Ich-Zentriertheit oder des menschlichen Bewußtseins einen Wink.

*

Ebensowenig wie Logik, Mathematik und Sprache kann die Subjektivität des menschlichen Lebens naturwissenschaftlich oder naturalistisch-evolutionär erklärt werden. – Erklärungen sind schon eine Form des subjektiven Daseins.

*

Der lebendige Ausdruck des subjektiven menschlichen Daseins ist das Gespräch und jede Weise des sprachlichen und zeichenhaften Austauschs; er kann nicht naturwissenschaftlich als Mechanismus oder konditioniertes Verhalten aufgrund von Reiz und Reaktion erklärt werden. Denn wir können schweigen, statt zu antworten; können die gegebene Antwort in Frage stellen; können das Thema wechseln. Auch wenn unser Reden durch institutionelle Rahmenbedingungen eingeschränkt ist wie beim Einkauf, bei einer Verhandlung, vor Gericht, sind wir unserer Spontaneität nicht völlig beraubt.

*

Die Subjektivität unseres Daseins ist leibhaftig präsent in den Formen unseres Wohnens, die uns das Gefühl geben, zu Hause zu sein. Dazu gehören nicht nur Möbel, Eßzeug, Tapeten und Gardinen, sondern Speisen und Getränke, Dekor und Blumen, Werk- und Feiertage, Arbeit und Muße, Familie, Freundschaft und die Riten von Feier und Fest.

*

Die Anordnung von Tisch und Stühlen, von Tassen und Tellern, der Blumenschmuck in Vasen und Schalen, die Auswahl der Kleidung, die zeremonielle Begrüßung der Gäste, der Verlauf der Plaudereien und Gespräche – all dies steht in Korrespondenz zur Ordnung dichterischer Formen, zur Einteilung der Leinwand bei einem Stilleben oder einem Landschaftsbild, zur musikalischen Struktur eines einfachen Lieds oder einer komplexen Sonate.

*

Wen wollen wir einladen? Welche Blumen passen zum festlichen Anlaß? Welche Lieder wollen wir singen? Willst du zu Hause oder in der Klinik sterben? Unsere Lebensfragen sind keine wissenschaftlichen Fragen und können nicht durch Anwendung wissenschaftlicher Methoden gelöst werden.

*

Rhythmus, Gestalt, Ordnung, sie geben dem alltäglichen Dasein, den Tagen und Taten, dem Alleinsein und dem Mitsein, aber auch den Werken der Dichtung und Kunst jenes Flair und jene Aura von Würde und Schönheit, die mehr als Zeichen des sich bejahenden Lebens sind, sondern ebenso Winke in einen unser Dasein geheimnisvoll umgreifenden Hintergrund, auch wenn er nur intuitiv einsichtig und nicht gänzlich begreifbar und begründbar sein mag.

 

Feb 17 20

Die Blume des Lieds

Das Lied, des Winds Gespiele,
weht über Mauern blütengleich,
als ob es wie die Liebe weich
zu deinen Füßen fiele.

Das Schimmern einer Flocke,
aus nächtlich blauem Vlies gerupft,
des Flieders weißer Schaum, geschlupft
in deines Schlummers Locke.

Die Seelen, lebende und tote,
geborgen sanft von seiner Lust,
sind dunkel dir wie Duft bewußt,
bricht auf dir seine Schote.

Mit Tränen, Musengaben,
erweicht es dir das Bild der Welt,
sein Melos hat dein Herz erhellt,
du sollst die Blume haben.

 

Feb 17 20

Der Abweg der Liebe

An Nebelfäden blassen Lichter,
die müde Liebe streift durchs Laub,
dem Ruf des Vogels bleibt sie taub,
der Ruf erstirbt, das Laub wird dichter.

Des Atems Gras ersticken Tücher,
von dumpfen Krämpfen ausgedünnt,
auf denen Mondes Milch verrinnt,
von Schmerzenslicht gebleichte Bücher.

Wie Trunkne sich an Gitter lehnen,
wo grauen Tau das Blattwerk weint,
die Feuchte zum Kristall versteint,
so funkelt kalt ihr krankes Sehnen.

Wohl mag sie sich ans Ufer betten,
von Wassers Raunen zart durchzuckt,
als hätte Kräuter sie geschluckt,
die Einsame in Träume retten.

 

Feb 17 20

Der Duft der Muse

Im Wechsel atmet Harmonie,
des Lichtes weiche Übergänge
und sanften Abends Widerklänge
sind uns, was hoher Geist verlieh.

Geflügelt schwebt der Engel Chor
durch trunkner Anmut Veilchenbläue,
es schneien Blüten reiner Treue
aus offnen Paradieses Tor.

Und die am schwarzen Mahnmal stehn
und bitter um das Liebste weinen,
soll goldne Dämmerung umscheinen,
wenn sie zum Trauermahle gehn.

Wie Tropfen glänzt des Liedes Charme
an Blättern dem erquickten Leben,
sie wollen frische Fühlung geben,
vom Herzen lösen Staub und Harm.

Und die in Winkeln Schwermut hemmt,
sich in Gesanges Flut zu stellen,
berauschen seine Wunderwellen,
das Dunkel ist schon fortgeschwemmt.

Und was man von den Weisen sagt,
daß lächelnd sie am Tore danken,
geschieht, weil Musen-Duft sie tranken
und über Mauern eine Rose ragt.

 

Feb 16 20

Der Strom des Lieds

Wir wollen es mit Wellen künden,
auf denen Sonne blinkt,
auch wenn die Blüte sinkt,
in blauen Buchten soll das Lied uns münden.

Der Strom ist goldnen Bildern Spiegel,
und sind sie bald verblaßt,
das Herz hat sie erfaßt,
geschmolzen in der Sage Tiegel.

Und wirbeln Stürme auf Gespenster,
verwüstet die Gestalt
der Wetter Urgewalt,
bald atmet Frieden uns durch Himmelsfenster.

Den Kindern, die am Ufer spielen,
beglänzt ein bunter Schaum
der wilden Herzen Saum
und trägt ihr Boot zu Sehnsuchtszielen.

Die Schiffe, die im Dunkel schaukeln
und gießen süßen Schein,
entzückter Rufe Wein,
soll unser Walzertanz umgaukeln.

Und geht es hin durch Wüsteneien,
da Abgrunds Felsen schrofft,
kein Menschenherz mehr hofft,
soll sich das Lied den Toten weihen.

 

Feb 15 20

Frühling

O dunkler Schmerz in hellem Blühen,
wenn weißen Flieders Schaum
das Herz bestäubt mit Traum,
und Knospen, Knospen, die erglühen.

Wie darf den Abgrund Bläue füllen,
und über Hecken springt,
mit grünen Wassern singt
die Kreatur dem Geist zuwillen.

Wir grauen Seelen wollen wieder
von süßem Rosenlicht
erflehen ein Gesicht,
das glänzt vom Tau der Sonnenlieder.

Ihr Märzenbecher und Ranunkeln,
ihr Veilchen, feuchtes Moos,
ihr seid des Liedes Schoß,
der Schöpfung Licht, wenn Zweifel dunkeln.

Die Liebe kommt, ein leises Säuseln
von treuem Laub und Gras,
wenn die Erinnerung genas
bei weichen Wassers zartem Kräuseln.

Die trüben Bilder, die uns höhnten,
die Worte sinnentblößt,
sind alle nun erlöst,
weil Tränenblicke uns versöhnten.

 

Feb 14 20

Analogia entis

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die schlichte Tasse ist mittels ihrer Rundung mundförmig, ihres Henkels handförmig gebildet.

So ist der Flügel windförmig, die Flosse wellenartig, das Auge sonnenhaft.

Wir erblicken die Sonne am Himmel, doch das blaue Gewölbe des Himmels ist der Horizont unserer Lebenswelt, in dem wir die Lerche steigen sehen – die Lerche aber sieht ihn nicht.

Das Blatt ist im ununterbrochenen Gespräch mit dem Wind, dem Licht, dem Regen.

Die Form, die Aderung, die Struktur des Blattes ist eine Resonanz, ein Echo, eine Antwort auf den Wind, das Licht, das Wasser.

Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind keine neutralen Objekte mit wesentlichen und akzidentellen Eigenschaften, sondern Bedeutungsträger unseres Weltumgangs.

Der Sessel ist eine Resonanz unserer körperlichen Gestalt, des Rückens, der Arme, der Beine.

Der Körper, die Seele, der Geist von Mann und Frau stehen in harmonisch-kontrapunktischer Spannung.

Der Mann versteht die Frau nicht, die Frau nicht den Mann, sondern beider Selbstverständnis und Selbstgefühl wächst und intensiviert sich, je mehr sie vom Gegenpart in sich aufnehmen.

Das Dasein von Biene, Hummel, Falter ist ein Moment im Dasein der von ihnen bestäubten Blüten, die Blütenpflanze ist ein Moment im Dasein von Biene, Hummel, Falter.

Die Sonne des Astronomen und Physikers ist nicht die Sonne des Adlers, des Gärtners, des Malers.

Die Vergangenheit ist keine Vorstufe der Gegenwart, die Gegenwart keine Vorstufe der Zukunft, alle Zeiten schwingen zugleich wie eine Schale unter Schalen, eine mittönende Glocke unter tönenden Glocken in der Ewigkeit einer unendlichen Melodie.

Eine kaum angeschlagene Melodie kann man intuitiv fortsetzen und vollenden.

Eine Betrachtung der Hand ist sinnlos ohne eine Analyse von Begriffen wir Handwerk und Handlung.

Kulturen sind wie Pflanzen, die in ihrem Wuchs, ihrer Blütenform, ihrem Duft ganz verschiedene ökologische Umwelten widerspiegeln.

Man kann Rosen nicht mit Disteln kreuzen; freilich sie mittels Pfropfen veredeln. – So wurde die römische Kultur mittels Aufpfropfen der griechischen veredelt.

Alles Erleben gründet auf Formen des Empfindens, alles Empfinden setzt den Unterschied dessen, der empfindet, vom Empfundenen als mehr oder weniger deutlich voraus. Demnach ist alles Erleben, tierisches und menschliches, in unendlich feinen Abstufungen ichgetönt.

Es ist augenscheinlich, daß sich eine Farbempfindung wie Blau oder Grün innerhalb eines Gesichtsfeldes abspielt; ein Gesichtsfeld aber sprechen wir demjenigen zu, der die Empfindung hat.

Können wir keinen noch so unscheinbaren Subjektpol ausmachen, dem wir ein Gesichtsfeld zusprechen, ist es sinnlos, von einer Farbempfindung zu reden. Es gibt kein Blau oder Grün außerhalb der Erlebniswelt des Lebewesens, das eine solche Farbempfindung hat – ob es nun eine Biene ist oder ein Mensch.

Dies gilt naturgemäß auch für jene Dinge, deren Farbwert wir wahrnehmen; Rosen sind ein unserer Lebenswelt zugehöriger Bedeutungsträger von Farben, Düften, Symbolen der Liebe; die sie bestäubende Biene weiß nichts von ihnen.

Alles Empfundene hat innerhalb eines durch Schwellenwerte abgegrenzten Empfindungsfeldes eine unmittelbare Relevanz oder Lebensbedeutung für den Empfindenden.

Wir beobachten, was der andere empfindet, und lesen es an seiner Mimik und Haltung ab oder entnehmen es schlicht dem, was er sagt. Unsere Beobachtung der Erlebnisweisen des anderen modifiziert unser eigenes Erleben, das sich wiederum in unserer Mimik und Haltung oder schlicht in dem ausdrückt, was wir sagen. So geraten wir in eine reflexive Schleife des Erlebens, die sich in Erregungen steigern oder in Erschöpfung, Redundanz und Langeweile erschlaffen kann.

Die Lebenswelt, in der Hans lebt, mag eine Variation der Lebenswelt sein, in der Hilde lebt; dennoch sind sie nicht vollkommen aufeinander abbildbar oder auseinander ableitbar.

Wenn Hans und Hilde als Paar miteinander leben, ist ein Dritter stets anwesend: das Kind, auch wenn sie keines haben. – Denn Körper und Seele von Mann und Frau sind (mag der Aberwitz des Zeitgeistes es auch stumpfsinnig verkennen oder böswillig abstreiten) kontrapunktisch komponiert, und der Sinn dieser Komposition ist die Möglichkeit des Kindes.

Wir können in den subjektiven Mittelpunkt fremder Lebenswelten nicht eindringen; wir können mit Tieren und Menschen nur in Korrespondenzen leben, so mit dem Hund als Kumpan, dem Mitmenschen als Freund oder Feind, Gatten oder Kind.

Der Flügel ist eine kontrapunktische Komposition auf die Luft und den Wind.

Der menschliche Fuß ist ein analoger Widerpart der Erde, auf die er tritt.

Der Mund steht in Korrespondenz zur Nahrung wie der Fuß zum Erdboden; das Besteck steht in Korrespondenz zum Mund wie der Schuh zum Fuß.

Das Integral des Munds ist der Stoffwechsel, das Integral des Fußes der Weg.

Die Technik steht in Korrespondenz zur Natur; der Leisten, über den der Schuster das Leder schlägt, hat sein Maß am Fuß.

Der blind Geborene weiß nicht, was Dunkelheit ist.

Wir kennen und bezeichnen die Eigenschaften der natürlichen und technischen Dinge gemäß der Bedeutung, die sie in unserer Lebenswelt haben. Die Eigenschaften, die wir dem Wasser zusprechen, stehen in Korrespondenz zu seiner Bedeutung als unverzichtbares Element unserer Lebensform. Ob es chemisch H2O ist oder XYZ, spielt dabei keine Rolle.

Aufgrund angeborener Verfahren der Projektion verwandelt sich der Reiz in ein Bild oder Merkmal; der Reiz auf der Netzhaut verwandelt sich in das Bild des gesehenen Dings. Die Reizverarbeitung ist elektro-chemisch; das Verstehen des Bildsinns ist es nicht, sondern akausal und intentional.

Der ursprüngliche Weg ist der Heimweg, der uns aufgrund erlernter Wegmarken vertraut ist. Geraten diese aus der Sicht oder dem Gedächtnis, irren wir auf Abwegen umher.

Man kann die Reizquelle identifizieren, wie den Lichtpunkt im Gesichtsfeld; aber nur die aufgrund der Reizumwandlung erzeugten Merkmale lassen sich beschreiben. Dazu verwenden wir Merkmalzeichen wie: hier und dort, vorn und hinten, links und rechts, hell und dunkel.

Die vom Geiger erzeugten Töne wirken auf uns als akustische Reizquelle; aber wir hören die Melodie; diese ist ein Komplex akustischer Merkmale, die wir mit mehr oder weniger differenzierten Merkmalzeichen oder ästhetischen Etiketten beschreiben, etwa: laut oder leise, hoch oder tief, hell oder dunkel, sanft oder schrill, heiter oder melancholisch.

Bei den ersten Klängen einer Melodie sind wir geneigt, sie antizipierend fortzusetzen und zu vollenden; nicht so beim Kreischen einer Säge oder dem Lärm eines startenden Flugzeugs.

Die Ignoranz der Philosophen wollte uns weismachen, in der Natur herrsche das planlose Herumtasten oder evolutionäre Chaos von Versuch und Irrtum, Mutation und Anpassung; doch gleicht die Natur (wollen wir denn ein Bild haben) eher einem Konzert, bei dem die Instrumente aufgrund einer genialen, sich gleichzeitig mit der Aufführung verwirklichenden Kompositionstechnik harmonisch zusammenstimmen.

Das Spinnennetz ist eine kontrapunktische Abbildung seiner Beute, der Fliege.

Spinne und Fliege, Blüte und Biene, Mann und Frau stehen zueinander in einer isomorphen Abbildbeziehung oder einer Analogia entis.

Was die Melodie in der musikalischen Komposition, ist der Satz in der menschlichen Sprache.

Der Zusammenhang der Töne, die eine Melodie bilden, ist kein mechanischer oder kausaler; der Zusammenhang der Laute oder Schriftzeichen, die einen Satz der menschlichen Sprache bilden, ist ein grammtisch-normativer.

In begrifflich konfusen Zeiten bedarf es mühsamer Besinnung, um der Wahrheit der klassischen Auffassung, die Natur sei das Paradigma der Kunst, wieder einen Sinn abzugewinnen.

Wir verstehen die Klassik aber besser, wenn wir auch umgekehrt die Kunst als Paradigma der Natur gelten lassen.

Das Bild ist eine Projektion des Reizes; die Melodie ist eine Projektion der Partitur.

Was die Partitur für die Melodie, ist der genetische Code für die Lebensform des Subjekts.

Wir können den uns ansprechenden Bildausschnitt mit kleinen musikalischen Sinneinheiten wie dem Motiv oder dem Akkord vergleichen; die kleinste sprachliche Sinneinheit kann demnach kein Phonem, sondern nur das Wort sein.

Wir gelangen mittels einer solchen Grenzwert- oder Differentialbetrachtung an die tragenden Sinneinheiten des Lebens und des lebendigen Ausdrucks; jenseits liegt das Unsagbare.

Die Noten der Melodie sind nichts anderes als die Aufzeichnung eines musikalischen Gedankens; und dieser kommt, wenn er denn originell ist, durch den Vorgang, den wir Inspiration nennen, aus dem Nichts oder dem Jenseits des Vorstellbaren.

In diesem Sinne entspringen die schöpferischen Gedanken, die sich in den Organismen und ihren Lebenswelten verkörpern, dem Nichts oder dem Jenseits dessen, was wir denken und uns vorstellen können.

Die Analogie bricht ab, wenn wir zur Quelle und zum Ursprung gelangen.

 

Feb 13 20

Mozart, Serenade

Uns übermannt ein Grausen,
als strömte Blumen-Klang
in diesen schwarzen Gang,
wo wir Gespenster hausen.

Enterbten hohen Lebens,
in Düsternis erstarrt,
von hohlem Wort genarrt,
schenkst du das Glück des Schwebens.

Du hast das Herz gezogen,
ein Schwan, der Süße trank,
als ob der Schmerz versank,
in deines Liedes Wogen.

Dem Augenblick geboren,
der wie ein Stern erscheint
und Liebe ewig meint,
sind wir uns unverloren.

Wenn deine Harmonien
uns wärmen wie dunkler Wein,
will Abendsonnenschein
in goldne Fernen ziehen.

Als hätten wir vom Baume
die wahre Frucht gepflückt,
ward unser Geist entrückt,
ein Schaum in buntem Schaume.

Und langsam wird er blasser,
streift deines Liedes Strahl
wie Mondes Küsse fahl
auf dunklem Seelen-Wasser.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=x4gXCsdFlbU

 



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