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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Die Taube des Heraklit</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Die Taube des Heraklit</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jun 2014 13:07:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Die Taube des Heraklit]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Sie ist so schmal, sie schlüpft durch den Spalt zwischen Rose und Wahn, ihr Herz schlägt so vag, ein Kuss – sie entfliegt, ein Flaum weist die Bahn. * Ruhig hockt die Taube auf dem hohen Kamin – seelenruhig könntest du sagen, wärst du nur Dichter und kein Philosoph. Hier unten auf der Straße fällt [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-taube-des-heraklit/">Die Taube des Heraklit</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Sie ist so schmal,<br />
sie schlüpft durch den Spalt<br />
zwischen Rose und Wahn,<br />
ihr Herz schlägt so vag,<br />
ein Kuss –<br />
sie entfliegt,<br />
ein Flaum weist die Bahn.</p>
<p>*</p>
<p>Ruhig hockt die Taube auf dem hohen Kamin –<br />
seelenruhig könntest du sagen,<br />
wärst du nur Dichter und kein Philosoph.</p>
<p>Hier unten auf der Straße fällt ein Tor<br />
bei der WM in Brasilien,<br />
die FAN-Meute beim Public Viewing schraubt<br />
wie aus einer Kehle die Stimme<br />
in hyperbolischer Kurve hoch und heult auf.</p>
<p>Die Taube da oben auf dem Kaminsims<br />
über dem vierten Stock bleibt ruhig:<br />
Sie hört und sie hört nicht,<br />
sie hört den Lärm der Stimmen,<br />
aber sie hört keine Stimmen,<br />
sie hört den Lärm der Hupen,<br />
aber sie hört keine Hupen,<br />
sie sieht das Wehen von Flaggen,<br />
aber sie sieht keine Flaggen,<br />
sie blickt auf das Wehen von Haaren,<br />
aber sie erblickt keine Menschen.</p>
<p>Sie hört und sie hört nicht.<br />
Der Entsetzensschrei der Meute,<br />
der auf dem Gipfel rückwärts in ein Mauseloch<br />
der Enttäuschung hinabgurgelt,<br />
ist ihr dem monotonen Schaben gleich,<br />
das in ein sprühendes Schrillen umschlägt,<br />
wenn der Schreiner den Balken unter die Kreissäge schiebt,<br />
oder gleich dem Schluchzen ihrer Schwester,<br />
der Nachtigall,<br />
mit dem sie den Mondstrahl erstickt.</p>
<p>Nur wenn das Gurren trostlosen Turtelns sie umfängt,<br />
weiß sie sich am weg- und heimatlosen Ort ihres Daseins.</p>
<p>Die Taube da oben auf dem Kamin<br />
dreht sich und schmiegt ihren Kopf unter den Flügel,<br />
als versänke sie in eine Welt, verborgener, ferner<br />
als was uns den Tag trennt vom Traum.</p>
<p>Sie weiß nicht um die Welt des Fußballs,<br />
die Welt der Spiele unter Menschen kennt sie nicht,<br />
sie weiß nicht, was Siegen heißt und Verlieren,<br />
ohne dass einem ein Nest vom Himmel fiele<br />
oder eines ein Federchen ließe –</p>
<p>sie weiß so wenig vom Spiel mit dem Ball oder dem Würfel,<br />
dass zu sagen, sie wisse nicht, was ein Tor ist oder ein Pasch,<br />
gleichzeitig zu viel und zu wenig gesagt wäre:</p>
<p>Und dies gilt für alles, was wir sehen und benennen,<br />
wir sehen und sagen „Menschen“, „Bierflaschen“, „Rosen“ und „Tauben“,<br />
sie sieht weder Menschen noch Bierflaschen oder Rosen –<br />
geschweige denn Tauben.</p>
<p>Sie schwebt über den Dächern und Häusern<br />
und weiß nichts von Dächern und Häusern<br />
und von denen, die darin wohnen.</p>
<p>Sie fliegt über Dörfer, Gärten, Länder, Kontinente<br />
und weiß nichts von Sprachen, Nationen und Grenzen.</p>
<p>Wäre sie ein Wesen, frei zu benennen, was es sieht,<br />
und frei zu tun, was es will,<br />
wäre sie weggeflogen oder auch nicht,<br />
wenn ein Sturm oder ein Warnschrei sie gehindert hätte.</p>
<p>Diesseits von Absicht, Wille und Freiheit,<br />
flatternd in der Welt schieren Scheins,<br />
wäre es von ihr zu viel oder zu wenig zu sagen,<br />
sie könne nicht einmal daran gehindert werden,<br />
zu tun, was sie will,<br />
oder zu lassen, was sie nicht will.</p>
<p>Ein vollkommenes Tier lebt die Taube<br />
in einer Welt ohne Bedeutung,<br />
ohne Absicht, ohne Glück oder Unglück,<br />
ohne Erwartung oder Reue:<br />
Kommt ihr Täuberich, flattert sie auf,<br />
ohne die Freude der nicht eingetretenen Befürchtung,<br />
ohne die Freude der erfüllten Erwartung,<br />
er ist einfach wieder da, ohne weiteres:<br />
Das bestätigt nichts,<br />
daraus folgt nichts.</p>
<p>Sie kann nichts erwarten, nichts erhoffen,<br />
nichts beneiden, nichts bereuen.<br />
Sie kann nicht erwarten, dass ihr Täuberich<br />
gleich mit einem Zweig im Schnabel zurückkehrt,<br />
das Nest auszubauen.<br />
Sie kann nicht erhoffen, zwei Eier zu legen<br />
oder ihre Brut in zwei Wochen aus dem Kropf zu tränken.<br />
Sie kann nicht die Nachbarin beneiden,<br />
die zwei Eier im Gelege hat, sie aber nur eines.<br />
Sie kann nicht bereuen,<br />
das falsche Männchen ausgesucht zu haben,<br />
eine Taube oder überhaupt ein Tier und kein Mensch zu sein.</p>
<p>Hier unten im Bistro vor dem LED-Schirm ist es ruhig,<br />
es ist eine gebannte Ruhe,<br />
als wäre die Luft schwanger<br />
von gieriger, heißer, feuchter Aufmerksamkeit,<br />
die sich bei jedem Flackern auf dem Screen in ein Zischen,<br />
ein Kreischen, ein Muhen entladen kann –</p>
<p>auch dort oben ist es ruhig,<br />
aber dieser Ruhe fehlen die Ufer der Hybris und der Angst,<br />
zwischen denen sie auf- und niederschwappen könnte –<br />
es ist die Ruhe der verfallenen Gärten entstiegenen Luft,<br />
die manchmal wie ein Seufzer<br />
den weichen Flaum der Vogelseele bauscht.</p>
<p>Jetzt ist sie weggeflogen.<br />
Aber ist sie weggeflogen?</p>
<p>Es ist mit ihr weggeflogen,<br />
könntest du überschwänglich sagen,<br />
wärst du nur Dichter und kein Philosoph.</p>
<p>Vom Teich kennt sie nur die Tiefe des eingetunkten Schnabels,<br />
von der Sonne die trockene Feder,<br />
vom Schnee die Flocken des Schlafs.</p>
<p>Von der Haut und dem Flügel der sichtbaren Dinge<br />
kennt sie nur den flüchtigen Schimmer,<br />
die blendende Helle<br />
und das plötzlich flügelnde Dunkel.</p>
<p>Die Taube flog übers Dach,<br />
sie lebt nicht in unserer Welt,<br />
sie lebt in keiner Welt,<br />
in niemandes Welt lebt sie.</p>
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