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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Die Tiburtinische Sibylle religiöse Gedichte Legenda Aurea Selma Lagerlöf „Die Wunder des Antichrist“</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Die Tiburtinische Sibylle</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jul 2012 19:15:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrische Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Religiöse Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Die Tiburtinische Sibylle religiöse Gedichte Legenda Aurea Selma Lagerlöf „Die Wunder des Antichrist“]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Frei nach der Legenda Aurea und dem Kapitel „Das Gesicht des Kaisers“ aus dem Buch „Die Wunder des Antichrist“ von Selma Lagerlöf Ein schwarzer Brocken ragt der Berg der Götter in die ungeheure Nacht, die hat nicht Augen, hat nicht Ohren, Sterngefunkel nicht und auch nicht des Tibers dunkles Rauschen. Mit Angst ist alles übertüncht, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-tiburtinische-sibylle/">Die Tiburtinische Sibylle</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Frei nach der Legenda Aurea und dem Kapitel<br />
„Das Gesicht des Kaisers“ aus dem Buch<br />
„Die Wunder des Antichrist“ von Selma Lagerlöf</em></p>
<p>Ein schwarzer Brocken ragt der Berg<br />
der Götter in die ungeheure Nacht,<br />
die hat nicht Augen, hat nicht Ohren,<br />
Sterngefunkel nicht und auch nicht<br />
des Tibers dunkles Rauschen. Mit Angst<br />
ist alles übertüncht, verhängt, erstickt,<br />
wie Totenzimmer sind mit schwarzem Samt.</p>
<p>Der Kaiser flieht den Schlaf. Er wälzt sich<br />
unter seidnem Tuch, er reißt die Augen auf,<br />
ihn ängstet vor den grauen Traumgesichten,<br />
die seiner harren Nacht um Nacht gleich<br />
Harpyien, die edle Speisen, vor ihm aufgetischt<br />
in goldnen Schalen, mit bösen Schnäbeln<br />
wild zerhacken und verschlingen und ihn selbst,<br />
des Reichs erhabnen Kaiser, ihn Augustus,<br />
mit ölig-weichem Kot besprühn<br />
zum Ekel seiner und des Hofes Abscheu.</p>
<p>Er muss, was ihm gebührt, den Ruhm,<br />
den Glanz, die Ehre eines Gottentsprungnen,<br />
dem Reiche neu verkünden und sich selbst<br />
durch höchste Weihen für alle Zeiten<br />
dem Hohn, dem Todverfallensein<br />
entziehn. So windet er sich zittrig<br />
aus dem Schlaf und heischt die Sänfte<br />
für den Schicksalsgang zum Kapitol.</p>
<p>Das Opfer seinem Genius, das edle Paar<br />
von weißen Tauben, hüllt er innig-müd<br />
unter die Toga mit den Purpurstreifen.<br />
Schlaftrunken gurren sie im Weidenkäfig,<br />
er presst ihn an das Herz – und lauscht.<br />
Wie ist die Nacht so still, es regt sich<br />
kein Wind, so stumm, als wär der Fluss<br />
verebbt, so finster, als wär das Firmament<br />
in eine See aus schwarzem Teer getaucht.</p>
<p>Er fragt den Opferpriester, der ihm folgt<br />
mit einem Reisigbündel und der Fackel,<br />
was diese Nacht von andern Nächten scheide.<br />
Der Priester hält die Fackel ans Gesicht:<br />
„Ein Zeichen ist die Starre allen Lebens,<br />
die Leere dieser Nacht ist selbst von Göttern<br />
betretbar nicht und nicht erfüllbar.<br />
Es scheint, als atme sich der alte Äon aus,<br />
den neuen zu benennen weiß ich nicht.“</p>
<p>Am Gipfel finden sie das Rasenstück<br />
am harten Fels, wo lange vorbedacht<br />
der Tempelbau für seinen Genius.<br />
Hier will der Kaiser just in dieser Nacht<br />
den hohen Geist in ihm, der durch das<br />
Labyrinth des Bluts an jeden Anfang reicht,<br />
zum Segen zwingen mit der Opferung<br />
und dem Gebet. Doch was ist dies?</p>
<p>Gelehnt im Dämmer an die Felsenmauer,<br />
statuenstarr der schwere Leib der Frau,<br />
ins Riesenhafte mit dem Stein verwachsen,<br />
die Züge ganz verwittert, der Haare<br />
graue Asche ins Gesicht geweht.<br />
Sie scheint zu schlafen, träumt sie?<br />
Doch träumt sie nicht, Sibylle sieht.</p>
<p>Sie blickt in fernen Horizont der Nacht<br />
auf ärmliches Gefild am Grenzsaum<br />
des Imperiums: Hirten sind geschart<br />
mit ihrem Vieh um den fahlen Schein<br />
der letzten Glut. Doch neben Lamm<br />
und Schaf sind dort nicht ausgestreckt<br />
in sanftem Ruhen Schakal und Wolf?<br />
Da erstrahlt mit wunderbarer Macht<br />
ein Stern, der bannt sie. Und sie wandern.</p>
<p>Doch der Kaiser muss sein Opfer bringen,<br />
und er fasst den weißen Täuberich:<br />
Der glatte Vogel gleitet aus der Hand<br />
und schwingt sich in die dichte Nacht.<br />
Kraftlos sackt die Hand des Herrschers<br />
in den Schoß. Und der Kaiser krümmt sich.</p>
<p>Sibylle schaut: Um den weißen Stern, der<br />
kometenhaft sich bauscht, erscheinen<br />
von überallher weiße Engelscharen,<br />
die mit zaubrischem Gesang ihr altes<br />
Herz verjüngen. Die Wesen kreisen, flattern,<br />
ihr Gesicht ist mildes Lächeln und ihr Haar<br />
ein goldnes Blitzen durch die weite Nacht.</p>
<p>Das zweite Täubchen greift die schwere Hand<br />
des Kaisers: Er will es, muss es halten,<br />
der Priester senkt die Fackel schon und<br />
murmelt sein Gebet. Die Hand bleibt schlaff:<br />
Die Taube schwirrt nach oben in das Freie.<br />
Augustus bricht in die Knie, schuldbewusst.</p>
<p>Da wendet sich mitleidig die Prophetin<br />
dem Elend dieses Kaisers zu und hilft,<br />
die Greisin hilft dem Herrscher auf<br />
und spricht: „Augustus, Herrscher bist du wohl<br />
in dieser heiligen Stadt, in dieser Zeit.<br />
Doch was ich dir jetzt zeige, das ist größer<br />
als die Größe deiner Macht und deines Reichs.“</p>
<p>Sie zeigt nach Osten, und auf einmal bricht<br />
durch die bange Stille Rauschen, es singen<br />
unverhofft die Vögel, die Winde säuseln<br />
und im hohen Rund erstrahlen Stern und Stern.<br />
Nun flattert rings das Paar der freien Tauben<br />
und setzt sich links und rechts ihm auf die Schulter.</p>
<p>Vom Kaiser fällt jetzt ab das Grauen,<br />
und heiter wird sein Sinn, er sieht,<br />
wohin Sibylle zeigt, er sieht am Himmel<br />
das hohe Bild der Jungfrau mit dem Kind.<br />
„An diesem Ort“, Augustus spricht,<br />
„will ich zur Heiligung und zum Gedenken<br />
einen Altar uns stiften und ich heiße ihn<br />
ara coeli, denn was des Himmels,<br />
nur dem gebührt die Ehre und der Ruhm.“</p>
<p>&nbsp;</p>
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