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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Erinnerung</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophieren XLIV</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Sep 2013 14:58:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[personale Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Selbsterschlossenheit]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du erwachst, bist du plötzlich wieder „da“, vielleicht nicht ganz im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte, wie man sich gerichtsnotorisch auszudrücken pflegt, doch unabweislich bei Sinnen und in deine Selbstgegenwart gleichsam zurückgekehrt. Du bedarfst, um in diesen selbstverständlichen, gewöhnlichen, ja allzu gewöhnlichen Zustand deiner Selbstgegenwart zu gelangen, keiner umständlichen Meditationen und Reflexionen, du musst dir [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/2148/">Philosophieren XLIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du erwachst, bist du plötzlich wieder „da“, vielleicht nicht ganz im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte, wie man sich gerichtsnotorisch auszudrücken pflegt, doch unabweislich bei Sinnen und in deine Selbstgegenwart gleichsam zurückgekehrt.</p>
<p>Du bedarfst, um in diesen selbstverständlichen, gewöhnlichen, ja allzu gewöhnlichen Zustand deiner Selbstgegenwart zu gelangen, keiner umständlichen Meditationen und Reflexionen, du musst dir nicht garstig den Kopf mit Fragen zerbrechen wie: „Bin ichʼs nun oder bin ichʼs nicht“ oder auch „Bin ichʼs oder ist es ein anderer?“ oder gar: „Wie lange muss ich noch abwarten, bis ichʼs wieder bin?“. Du musst auch nicht umständlich in deinem Gedächtnis kramen, um die Person, von der sich in deinem Pass ein Bild befindet und wo ihr Name und ihre Adresse verzeichnet sind, mit der Person, die dir in diesem Moment gegenwärtig ist, zu vergleichen, und du bist ebenfalls nicht genötigt, dein Passfoto neben dein Spiegelbild zu halten, um befriedigt feststellen zu dürfen: „Upps, Glück gehabt, das ist ja dieselbe Person, also ich!“</p>
<p>Wenn, wie wir sahen, denken urteilen ist und klar denken richtig urteilen, richtig urteilen aber heißt, den richtigen Begriff einem vorliegenden Gegenstand zuzusprechen, dann ist das eigentümliche Verhältnis, das du – um es so merkwürdig auszudrücken – mit dir selbst unterhältst, keines des Urteilens und Denkens. Um richtige und wahre Urteile bilden und aussprechen zu können, ist selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Sache auch schiefgehen kann und du falsch liegst, indem du dem vorliegenden Gegenstand einen Begriff zuweist, den er partout nicht aufweist, wie dass der Himmel grün oder eine Primzahl sei. Ja, du musst, um richtig urteilen zu können, auch komplett danebenliegen und behaupten können, dem vorliegenden Gegenstand sei der Begriff, der ihm in Wahrheit zuzusprechen ist, nicht zuzusprechen, wie dass es nicht der Fall sei, dass der Himmel blau ist, obwohl er es in Wahrheit gerade ist, wenn du den Satz äußerst.</p>
<p>Doch könntest du in unserem speziellen Falle der personalen Identität so fehlgehen, von der Person, die du bist, zu behaupten, du seiest sie nicht? Wenn du mir dummerweise und offensichtlich auf die Füße gelatscht bist und ich dir empört in die Augen schaue, du aber behauptest „Das war ich nicht, sondern mein Onkel!“, wobei ich wüsste, dass dein Onkel sich zurzeit in den Staaten aufhält oder längst verstorben ist, würde ich dir unterstellen, du habest dich geirrt? Oder müsste ich nicht mit Fug und Recht annehmen, du seiest verrückt geworden?</p>
<p>Du könntest vielleicht ins Schwimmen geraten, wenn ich dich fragte, ob du es warst, der mir vor etlichen Jahren im Bethmannpark zu Frankfurt am Main die letzten Aufzeichnungen von Ludwig Wittgenstein in Gestalt des Buches mit dem Titel „Über Gewissheit“ geschenkt hat, und du könntest die Frage irrtümlich bejahen, obwohl du zwar in der Tat dieses Buch vor etlichen Jahren gerade im Bethmannpark jemandem ausgehändigt hättest, nur leider war dieser jemand nicht ich, und es war ein anderer, der mir an diesem Ort vor etlichen Jahren das Buch geschenkt hatte. Solche Irrtümer auf Gegenseitigkeit passieren. Aber könntest du darin fehlgehen, die irrtümliche Erinnerung im gleichen Augenblick zu haben und nicht zu haben, sie dir als Gedanken zuzusprechen und nicht zuzusprechen?</p>
<p>Du bist erwacht und gleichsam wieder „da“. Musstest du dich als solchen wiedererkennen, den du am Abend zuvor gleichsam in den Schlaf verabschiedet hattest? Wäre dies der Fall, könntest du dich, wie bei allen Objekten, die du wiederzuerkennen glaubst, darin irren, dass es dieselben Objekte sind, die du damals gesehen hattest und heute wiederzuerkennen vermeinst. Diese natürliche Irrtumsmöglichkeit scheinen wir im Falle der speziellen „Wiederbegegnung“ mit dir selbst beim Vorgang des Erwachens auszuschließen – denn die Erfahrung, man selbst zu sein, erweist sich als dermaßen unmittelbar und gewiss, dass wir sie geradezu für irrtumsresistent halten.</p>
<p>Warst du dir ehedem wenig vertraut und wuchs dann mit den Jahren und den Erlebnissen deine Vertrautheit mit deiner Person? Sicher, würden wir sagen, wächst mit deinen Erfahrungen und Kenntnissen allmählich dein Zutrauen in deine Fähigkeiten und Fertigkeiten – aber die Summe deiner Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten ist nicht dasselbe wie du, sondern du bist es, der jene hat. Wäre das Du-selbst-Sein eine Relation, wie in dem schiefen Ausdruck „Selbstverhältnis“ insinuiert ist, könnte es auf einer Skala des Mehr oder Weniger, einer Skala gradueller Abstufungen des Vertrautseins abgebildet werden. Dann könnte es dir aber auch passieren, dass die Skala eine Gaußsche Kurve beschreibt und du morgen dir weniger vertraut sein könntest als heute. Wir sehen also, dass die eigentümliche Tatsache, dass du es bist, der alles erlebt, was du erlebst, keine quantifizierbare Relation, sondern eine nichtgraduelle, sondern substantielle Qualität darstellt.</p>
<p>Dein Selbstsein ist also keine Form des Wissens: Denn wüsstest du um die Tatsache, dass du und nur du es bist, der erlebt, was immer er erlebt, könntest du über diese Tatsache wie über alle Tatsachen des Wissens in Zweifel geraten oder du könntest dieses Wissen einbüßen – doch beides liegt dir gleichermaßen fern, wenn es um dich selbst geht. Wäre das Selbstsein eine Form des Wissens, könnte ich dich nach Kriterien befragen, anhand derer du das Vorliegen dieser ominösen Tatsache objektiv überprüfen könntest – wie du mir als Kriterium des Vorliegens eines bestimmten Stoffes seine chemische Zusammensetzung nennen kannst, dass es sich beispielsweise bei diesem Stoff um Wasser handelt. Über welches Kriterium solltest du verfügen können, um zu überprüfen, ob die von dir empfundenen Schmerzen auch wirklich deine Schmerzen sind?</p>
<p>Du kannst dich weder an dich erinnern noch dich vergessen. Wir können ja von dem bewusstlos Gewordenen nicht sagen „Er hat sich vergessen“ oder von dem wahnsinnig Gewordenen, der glaubt eine andere Person zu sein als die, die er in Wahrheit ist: „Er kann sich nicht mehr an sich erinnern.“</p>
<p>Selbsterleben ist keine Funktion mehr oder weniger intensiver und wacher Aufmerksamkeit: Auch der total Zerstreute, der ganz Unaufmerksame, der Geistesabwesende ist und bleibt, der er ist. – Selbsterleben ist auch nicht möglich aufgrund von Selbstbeobachtung: Wer beobachtet dann den, der sich selbst beobachtet?</p>
<p>Du erwachst und stellst mit Bestürzung fest, dass du deinen Namen vergessen hast. Nun, dann bist die dieselbe Person, die du am Vorabend warst, als du deinen Namen noch wusstest, nur jetzt weißt du ihn nicht mehr. Oder du bist vielleicht aufgrund der Einnahme einer Droge in höllische Zweifel geworfen, ob all deine Erinnerungen und alle Erlebnisinhalte deines biographischen Gedächtnisses wirklich deine Erinnerungen und Erlebnisse sind oder nicht die eines anderen, dessen Geschichte man dir erzählt oder mittels Hirnwäsche eingeflößt hat. Auch dann bist du dieselbe Person, die am Vorabend ihrer Erinnerungen noch einigermaßen froh und gewiss war, nur jetzt bist du in Zweifel gestürzt und ratlos. Wärest du aber nicht mehr im Zweifel darüber, dass die dir einst rechtens zugeschriebenen Erinnerungen nunmehr einer anderen Person zuzuschreiben sind – dann hättest du deine personale Identität in der Tat eingebüßt.</p>
<p>Wir haben eine sichere Intuition dafür, dass der Fall, bei dem du dich plötzlich daran erinnerst, dieses Buch schon einmal gelesen zu haben, und der andere Fall, dass du beim Erwachen am Morgen instinktförmig wieder als dieselbe Person erwachst, die am Vorabend in diesem Bett eingeschlafen ist, dass diese beiden Fälle nicht Fälle sind, die unter dieselbe Kategorie des Wissens oder der Erinnerung fallen.</p>
<p>Wäre nämlich der Faden, mit dem du als identisches Selbst über Raum und Zeit hin gleichsam mit dir selbst verknüpft bist und bleibst, ein Faden der Erinnerung, könnte es durchaus passieren, dass du eines Morgens erwachst und dich nur noch verschwommen oder gar nicht mehr an dich erinnerst, wie du ja auch die Erinnerung daran, dieses Buch bereits gelesen zu haben, verloren hattest. Wirst du dann durch Wiederbegegnungen mit vertrauten Gegenständen deiner Umgebung wie deinem Zimmer, deinen Verwandten oder Freunden allmählich oder plötzlich wieder dessen inne, dass du die Person bist, die hier wohnt und diese und jene Verwandten und Freunde hat, genauso wie du aufgrund der Wiederbegegnung mit schon bekannten Details, Geschichten oder Porträts aus dem vergessenen Buch darauf gestoßen wirst, dass du es schon einmal gelesen hattest?</p>
<p>Der Horizont deiner Selbsterschlossenheit scheint stetig und unablässig mit dir und all dem, was du erlebst, mitzuwandern. Dieser Horizont enthüllt das, was von dir bis zu seinem gerade noch sichtbaren lichten Rand liegt, und verhüllt all das, was darüber hinaus liegt – das aber sind die „Pseudoerlebnisse“ deiner Lebenszeit als Embryo und Säugling, an die du dich nicht erinnern kannst, weil du sie gleichsam nicht im vollen Ich-Sinne erlebt hast. Deine Eltern oder Großeltern können dir zum Beispiel erzählen, wie deine Wiege aussah oder welche Spielfigürchen über deinem Kinderbett aufgehängt waren – du kannst sie nachträglich gleichsam nur von außen sehen, nicht aber so, als würdest du mit dem Blick des Kleinkinds auf diese Objekte schauen.</p>
<p>Es gibt keine Erlebnisse, die nicht jemandes Erlebnisse wären. Jedes Erlebnis hat eine Zuschreibung und ist gleichsam adressiert: an dich oder mich oder wen sonst. Das unterscheidet diese Form des Erlebens von der unpersönlichen Form der Erfahrung unter streng normierten und kontrollierten Bedingungen, die sich in der Wir-Gruppe der Wissenschaftler zuträgt: Wer immer beobachtet, dass der Zeiger um so und so viel Grad ausgeschlagen ist, spielt keine Rolle – ja, besser, zuverlässiger ist die Aufzeichnung des Experimentes mittels Kamera und anderer Aufzeichnungstechniken, die über kein Innenleben verfügen.</p>
<p>Gewiss ist personale Identität als Fokus des Ich-Erlebens vorausgesetzt, um Reden und Handlungen an dieselbe Instanz adressieren zu können – und somit ist Selbsterschlossenheit Bedingung der Möglichkeit, verantwortlich zu handeln und Verantwortung zu tragen. Aber wir erschließen aus der Tatsache der Zuschreibung von Verantwortung und Verpflichtung nicht das Wesen der Selbsterschlossenheit.</p>
<p>Hilft uns vielleicht die postmoderne Version der Geschichte weiter, wonach du deine personale Identität beim morgendlichen Erwachen (nach dieser Version sogar deine lebensgeschichtliche Identität stricto sensu) wie ein Puzzle oder Mosaik aus vielen bunten Einzelstückchen zusammenbastelst und gleichsam mehr und mehr Beweisstücke für die Tatsache aufhäufst, dass es sich bei demjenigen, der diese Stücke verdrahtet und verleimt, um niemand anderen als dich selbst handelt?</p>
<p>Du sagst also etwa: „Moment mal, das ist doch das Zimmer, in dem ich schon so viele Nächte geschlafen habe!“ Oder auch: „Da höre ich doch wieder die mir so vertrauten Geräusche der Straße und all der frischen Geschäftigkeiten des Morgens, wie ich sie so oft schon in diesem und anderen Zimmern beim morgendlichen Aufwachen vernommen habe!“ Oder so: „Jetzt erblicke ich allmählich im Dämmerlicht des Morgens die Bücher im Regal, den Schreibtisch vor dem zugezogenen Fenster, das Porträtbild meiner Mutter an der Wand – und hier neben mir auf dem Bord den hellen Schimmer des aufgeschlagenen Buchs von Ludwig Wittgenstein, in dem ich gestern Abend noch ein wenig geistesabwesend geblättert habe.“</p>
<p>Wenn dem so wäre und du dich aus Einzelstücken deiner Wahrnehmung und Erfahrung als personale Identität zusammenfügen oder zusammenbasteln könntest, woher nimmst du die Gewissheit, dass derjenige, der dies sagt und in scheinbar wachsender Vertrautheit mit sich selbst spricht, indem er sich Einzelheiten seiner Umgebung und seines Lebens in Erinnerung ruft, du selbst bist und nicht ein anderer? Jeder andere könnte dies wahrnehmen, solches empfinden, auf diese Weise sich erinnern und so mit sich selbst sprechen, wie du es für dich zu tun beanspruchst – doch ob du diesen Anspruch zurecht erhebst, war ja gerade die Frage, von der wir ausgegangen sind!</p>
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