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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Personalpronomen</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophieren XXXVI</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Sep 2013 07:44:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Personalpronomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophieren]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxvi/">Philosophieren XXXVI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt die Regel: Das Gegenteil ist genauso gut möglich. Und es ist ein Kinderspiel, sich den gegenteiligen Fall vorzustellen oder auszumalen.</p>
<p>Behielte indes das Possessivpronomen seine Bedeutung und wäre die genannte Regel auch in einer Äußerung gültig wie: „Bitte gib mir die Hände zurück, sie gehören mir – es sind meine Hände!“?</p>
<p>Wir wissen keine alltägliche Anwendung für den Satz und kennen Sätze so bizarrer Art ausschließlich aus dem psychiatrischen Umfeld, wo wir in der Tat Patienten mit extrem gestörter Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers begegnen können.</p>
<p>Handschuhe gibt es eine Menge, es sind Gebrauchsgüter, die nach einem Fertigungsschema en masse hergestellt werden. An einem kalten Wintertag, an dem wir uns im Café getroffen haben, könntest du deine Handschuhe mit den meinen – wir tragen ja dieselbe Sorte mit derselben Farbe und Größe – vertauschen, und am Ende merktest du es nicht einmal. Warum klingt es so bizarr und scheint reiner Unsinn, anzunehmen, wir könnten Teile unserer Körper oder unsere Körper mit Stumpf und Stiel vertauschen?</p>
<p>Ich wäre verrückt, sagen zu wollen: „Ich treffe deinen Körper am gewohnten Ort zur gewohnten Zeit“, auch wenn es sinnvoll und gar nicht dumm wäre, wenn der Kommissar sagte: „Der schwere Körper des Opfers hätte niemals in den Kofferraum des Kleinwagens gepasst.“ Gewiss werde ich dich treffen, und da du eine ganz und gar verkörperte Person bist, werde ich dir in die Augen schauen, deine Hand drücken und mich wundern, welchen flotten Gang du draufhast. Im Gegensatz zur Massenware Handschuh, bei dem ein Muster oder Schema beliebig oft und in vielfältigen Variationen verkörpert wird, ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper singulär – soweit es dich betrifft, hat dein Körper weder Muster noch Schema, was immer Evolutionsbiologen und Mediziner sagen mögen.</p>
<p>Jene Handschuhe könnten auch meine Handschuhe sein, wenn sie nicht die deinen wären. Aber deine Hände? – Deine Handschuhe gehören nicht so unabtrennbar zu deiner Existenz wie deine Hände, auch wenn sie dir noch so fest angewachsen wären.</p>
<p>Wenn wir aber in der Lage sein werden, deinen Körper Maß für Maß bis ins biochemische, zelluläre und neuronale Detail künstlich zu erschaffen und diesem Homo novus Leben einzuhauchen – würdest du dir dann in die eigenen Augen schauen, wenn du in seine Augen schautest? – Nichts unterschiede diesen Fall von dem eineiiger Zwillinge, die sich jeder für sich des eigenen Seins und Körpers, nicht aber des Seins und Körpers ihres Zwillings bewusst sind.</p>
<p>Der Mechaniker hat bei einem schweren Unfall eine Hand verloren. Er trägt nun zwar eine Prothese, mit der er zur Not eine Türe oder Schublade öffnen oder sich an einem Griff festhalten kann. Er kann aber keine verwickelte Schlaufe am Schuh binden, den Druck deiner Hand kann er nicht als Liebkosung, neckisches Zwicken oder freches Zwacken deuten. Wir sagen korrekt: „Du fühltest die kühle Seide mit der Hand, mit deiner Hand vermochtest du blind die Kontur ihres Gesichts zu ertasten“ und nicht unkorrekt: „Deine Hand fühlte, deine Hand ertastete …“ – Ist die Hand etwa eine Art Werkzeug oder Instrument, mit dem du etwas fühlst oder ertastest? Der Arzt setzt ja zuweilen seine Hände in der Weise ein, dass er Organe des Patienten abtastet. Große Gelehrsamkeit hat das menschliche Handeln vom Werkzeugcharakter und der Organologie der Hand ableiten wollen.</p>
<p>Du siehst ja auch mit den Augen und mehr noch bist du, wie du siehst und dreinschaust, und du siehst und schaust drein, wie du bist und dich befindest. Wenn du starrst, bist du dumpf und starr, packt dich Neu- und Wissbegierde, schärfst du den Blick, überkommt dich das wohlige Gefühl universaler Wurstigkeit, lässt du die Augen schweifen und es gehen, wie es will. – Du kannst die Augen und die Hände wie Werkzeuge brauchen, und der Artist und der Schlangenmensch machen von ihrem ganzen Körper einen Werkzeuggebrauch. Aber abgeschminkt und ohne Schlangenhaut schlagen sie sich wie du und ich mit der flachen Hand vor die Stirn, wenn sie Mist gebaut haben.</p>
<p>Wie steht es aber um deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen? Könnten sie auch meine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen sein und dies in demselben Sinn und demselben Maß an Erlebnisdichte und -intensität, wie sie die deinen sind?</p>
<p>Du hast deine Handschuhe bei mir liegen lassen, du hast sogar vergessen, dass du sie bei mir hast liegen lassen. Aber deine Hände – hätte es in irgendeinem Zusammenhang Sinn, etwa zu sagen, du hättest sie vergessen? – Freilich denken wir nicht an die Bewegungen unserer Beine, wenn wir eine gute Strecke gewandert oder mit dem Rad gefahren sind – anders, wenn wir stolpern oder uns eine Wespe sticht. Indes können die Bewegungen unserer Beine noch so sehr aus dem Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten sein, es käme uns merkwürdig vor oder jedenfalls ungern und ungerade über die Lippen, wenn wir sagten, wir hätten unsere Beine vergessen oder wir erinnerten uns nicht an unsere Beine. Wann sagst du denn, du habest kein Gefühl mehr für deine Beine? Wenn sie vor Blutleere wie abgestorben sind – aber dann fühlst du eben dies.</p>
<p>Sicher, du kannst mir deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen mitteilen, und ich verstehe deine Mitteilungen und teile deine Gedanken und Gefühle, erwecke in mir ganz ähnliche Empfindungen und versetze mich in deine Lage, an die du dich erinnert hast. Aber werden mittels der Mitteilung und sprachlichen Verlautbarung deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen die meinen? Der Gedanke, den du mir mitteilst, verwandelt sich prompt in meinen Gedanken, du berichtest mir von dem süßen Geschmack der Erdbeeren, und ich stehe nicht an, diese angenehme Empfindung nachzuvollziehen: mit meiner Empfindung oder meiner Erinnerung einer Empfindung.</p>
<p>Eine Erinnerung kann verblassen und dir ganz aus dem Gesichtskreis entschwinden: Du hast sie vergessen. Ist dies so wie mit den Handschuhen, die du bei mir liegen lassen hast? Wie machst du es denn, wenn du sie vermisst und nach ihnen suchst? Du rufst mich beispielsweise an und fragst mich, ob ich wohl deine Handschuhe gefunden habe. Wie machst du es mit der Erinnerung, wenn dir dämmert, dass da etwas war, dessen du eingedenk sein solltest? Hier gibt es keine Auskunftei und keinen Ort, von dem du vermutest, an ihm lohne sich die Suche. Vielmehr sinnst du nach, kommst vielleicht auf ein merkwürdiges Detail, und plötzlich taucht das Vergessene wieder auf, mit all seine Farben und Gesichtern – verlorene Gegenstände pflegen dies nicht zu tun.</p>
<p>Ist eine Welt vorstellbar, in der du und ich, in der wir uns einen Körper teilten? – Wäre dies der Fall, hätten du und ich beispielsweise zur selben Zeit am selben Ort in demselben Gesichtsfeld dieselbe Rotempfindung. Aber das hieße doch, dass du und ich ein und dieselbe Person wären. Also ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper und meiner Person mit meinem Körper jeweils singulär. Diese Singularität hat nicht den Wert und das Gewicht einer Tatsache, sondern einer begrifflichen Grenze: Wenn wir uns eine Sache vorstellen wollen, deren Negation nicht denkbar ist, wie dass dein Körper nicht mein Körper sein „kann“, wird nicht unser Vorstellungsvermögen überstrapaziert, sondern wir schlagen mit dem Kopf an die Wand, die das Denkbare vom Undenkbaren, das Sinnvolle vom Unsinnigen scheidet.</p>
<p>Wenn deine Handschuhe nicht auch meine Handschuhe sein könnten, wären sie dann im eigentlichen Sinne „deine Handschuhe“? – Deine Handschuhe wären in gewisser Weise so mit dir oder deinen Händen verwachsen, dass es nicht vorstellbar wäre, sie nicht an deinen, sondern an meinen Händen wahrnehmen zu können. Doch echte, nicht angewachsene, sondern ausziehbare Handschuhe kannst du verleihen, verlieren, verkaufen. Dann sind es deine Handschuhe oder waren deine Handschuhe. Mit deinen Händen kommen wir da in Teufels Küche und stolpern atemlos über die Grenze sinnvollen Denkens mit der fatalen Auskunft, dass deine Hände im eigentlichen Sinne deine Hände nicht sind.</p>
<p>Dein Nachbar hat es wahr gemacht und ist nach Australien ausgewandert. Er hat dir sein Haus übereignet und jetzt wohnst du dort. – Warum ist eine Welt nicht vorstellbar, in der du deinen Körper verlässt und einem anderen zur gefälligen Heimstatt übereignest, jemandem, der selbst von seiner armen Seele verlassen worden ist? Nicht aus Mangel an Vorstellungskraft, sondern weil die Bedeutung solch kernig-alltäglicher, gesund-gewöhnlicher Begriffe wie du und ich und dein und mein hier jedes Gewicht verlören und gleichsam zu Staub zerfielen.</p>
<p>Es ist also eigentlich Unsinn, von meinem Körper oder deinem Körper zu reden? – Ja, eigentlich ist es Unsinn!</p>
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		<title>Philosophieren II</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Jul 2013 10:49:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Grammatik]]></category>
		<category><![CDATA[Ontologie]]></category>
		<category><![CDATA[Personalpronomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Ich zeige dir etwas. Morgen zeige ich dir am Jesuitenplatz in Koblenz am Rhein mein altes Gymnasium. Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Hier hast du die Gelenke und Wurzeln des Satzes, die ziemlich genau unsere allgemeine Situation, unser Leben in dieser Welt, abbilden. Du wirst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-2/">Philosophieren II</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich zeige dir etwas. Morgen zeige ich dir am Jesuitenplatz in Koblenz am Rhein mein altes Gymnasium. Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Hier hast du die Gelenke und Wurzeln des Satzes, die ziemlich genau unsere allgemeine Situation, unser Leben in dieser Welt, abbilden.</p>
<p>Du wirst nicht sagen: „Ich zeige mir dies und das.“ Zeigen meint ja, jemand anderen durch die Geste des Zeigens auf etwas aufmerksam machen.</p>
<p>Zu den Singularformen „ich“ und „du“ gesellen sich die Pluralformen „wir“ und „ihr“, in der Mitte gleichsam zwischen „ich“ und „du“ stehen die Singularformen „er“, „sie“ und „es“, in der Mitte gleichsam zwischen „wir“ und „ihr“ steht die Pluralform „sie“. „Ich“ kann nicht willkürlich durch „du“ ersetzt werden, ebenso wenig wie „wir“ durch „ihr“. Dagegen können unter Umständen „ich“ und „wir“ die Plätze tauschen, genauso wie „du“ und „ihr“; dasselbe gilt für „er“ und „sie“.</p>
<p>Die Verwendung der Personalpronomina verweist auf unser Verständnis der Rollen, die wir im sozialen Leben mit den anderen spielen. Ich bin auf ein Gegenüber verwiesen, das mir wie du oder ihr nahestehen oder wie er und sie ferner stehen kann. Ich kann mit dir eine intime Gemeinschaft des Redens, Handelns und Lebens bilden. Wir können mit euch eine solidarische Gruppe des Kämpfens, gegenseitiger Hilfe und gemeinsamen Feierns bilden. Ich kann mit ihm oder ihr einen Vertrag schließen, eine Firma gründen, einen Arbeitsplatz teilen. Das können wir auch mit ihnen, ebenso er mit ihnen und sie mit ihnen.</p>
<p>Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Die gebeugte Form des Verbs (wir gehen spazieren, wir gingen spazieren, wir sind spazieren gegangen) informiert über den Akteur und die Art des Tätigkeit sowie über die Zeitstufe (wann) oder die Modalität der Zeit (in einem Augenblick oder während einer längeren Zeitdauer): Wer tut was wann? Dabei kann die in der Verbform mitgegebene Zeitstufe durch eine adverbielle Bestimmung der Zeit (heute, morgen, gestern) genauer expliziert werden: Wir gingen gestern Morgen spazieren. Ebenso leicht und genau lassen sich die örtlichen Gegebenheiten, an denen ich, wir, du, ihr oder er und sie etwas tun, durch Verwendung passender Ortsbeschreibungen näher bestimmen: Wir gingen gestern Abend durch den Grüneburgpark in Frankfurt am Main spazieren.</p>
<p>Wir erfassen in den grammatischen Gelenken des Satzes die ontologische Struktur und Grundsituation, in der sich unser Dasein und unser soziales Leben abspielen: Wir sind als biologische Organismen auf ein zielgerichtetes soziales Tun und Handeln angewiesen, das wir in kleineren und größeren Gruppen und Gemeinschaften zur Erlangung und Durchsetzung überlebenswichtiger Ziele und Zwecke aufeinander abstimmen. Da unsere Kräfte bemessen sind, bedürfen wir der Regeneration und Erholung: körperlicher und seelischer Entspannung und Erfrischung, die wir im Schlaf, im Fußballstadion, im Schwimmbad, im Theater oder Konzertsaal finden.</p>
<p>Der Spielraum des Handelns ist zeitlich bestimmt und ausgedehnt: Wir benötigen für die Entwicklung eines neuen Medikaments von den ersten Laborversuchen bis zur Marktreife einige Jahre. In diesem Zeitraum bleibt die originäre Zwecksetzung unseres Handelns so lange bestehen, bis der Zweck erfüllt ist: Ein Medikament ist auf dem Markt, das eine therapeutische Wirkung aufweist, die es in Teilen, zum Beispiel aufgrund geringerer störender Nebenwirkungen, gegenüber seinen Mitbewerbern bevorteilt. Dabei mündet unsere einheitliche Zielsetzung in ein ganzes Delta von einzelnen aufeinander abgestimmten Handlungssträngen, die sich auf verschiedene Personengruppen wie Mediziner, Pharmazeuten oder Patienten verteilen.</p>
<p>Wir investieren zur Erlangung eines Zwecks und zur Erreichung eines Ziels mittels zielgerichteten Handelns Kraft, Ressourcen und Geld. Die Investitionen für die Entwicklung eines neuen Medikaments können durchaus hunderte von Millionen betragen. Sollte der Fall eintreten, dass der erhoffte therapeutische Mehrwert verfehlt oder ein Mitbewerber ein gleich wirkstarkes Produkt in kürzerer Zeit oder ein wirkstärkeres Medikament zur gleichen Zeit wie wir auf dem Markt positioniert, ist unser Projekt gescheitert, unser Absicht verwirkt, unsere Investitionen wurden in den Sand gesetzt.</p>
<p>Handlungen kann Erfolg beschieden sein oder Misserfolg, sie können gelingen oder scheitern. Absichten werden verwirklicht oder verwirkt. Absichten können aufgrund der Irrationalität ihres Inhalts (die Absicht, ein Perpetuum Mobile zu entwickeln) eo ipso zum Misserfolg verurteilt sein. Zwecke werden verfehlt aufgrund der verfehlten Wahl der Mittel (wegen der falschen Substanz wird das Medikament unwirksam).</p>
<p>Ist der Spielraum des Handelns von einer mehr oder weniger großen Gruppe ausgefüllt und werden die Ziele und Zwecke in längeren Zeitverläufen zu erlangen gesucht, zerfällt der Handlungsgang in viele Kaskaden synchronisierter Einzelhandlungen, wie bei den einzelnen zielgerichteten Armbewegungen des Arbeiters am Fließband, zu dessen Einzelhandlung das Spitzen des Bleistifts durch den Prokuristen ein Komplement bildet.</p>
<p>Zu fragen, ob wir frei sind zu tun, was wir tun, scheint angesichts der Feinstruktur der Handlungsvollzüge unangemessen und akademisch. In gewisser Weise sind wir nicht frei in der Bildung der Absicht, ein neues besseres Medikament zu entwickeln, sind wir als sterbliche Wesen bei dem gegebenen Zustand von Medizin und Pharmazie doch auf die Erfüllung von Absichten dieser Art angewiesen. Andererseits wäre es lächerlich anzunehmen, jede einzelne Handlungskaskade vom Schütteln des Reagenzglases durch die Laborassistentin bis hin zum Spitzen des Bleistifts durch den Prokuristen wäre vollständig determiniert, weil wir jeweils die den Muskelbewegungen entsprechenden vorausgehenden oder damit gleichzeitig verlaufenden neuronalen Zustände in bildgebenden Verfahren verorten können.</p>
<p>Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Die Gegenstände, auf die sich das Tun und Handeln beziehen, werden grammatisch durch die Formen des direkten und indirekten Objekts (Akkusativ- und Dativobjekt) bezeichnet. Mit diesen Objekten erfassen wir ontologisch ebenso wie mit den Kategorien von Raum und Zeit die Struktur der Welt, in der wir leben, uns bewegen und handeln.</p>
<p>„Ich schlage den Nagel mit dem Hammer in die Wand.“ „Du leihst mir das Buch aus.“ „Der Bub hat seiner Schwester die Puppe gestohlen.“ „Die Pflegerin hat dem Demenzkranken den Mund abgewischt.“ Ein direktes Objekt scheint ein solches zu sein, das sich unseren Handlungsabsichten unmittelbar fügt und offensteht, das wir berühren und ergreifen, wahrnehmen und manipulieren können. Aber ich sehe dich nicht nur, sondern begrüße dich auch. Ich kann sagen: Ich gebe dir einen Begrüßungskuss. Oder auch: Ich küsse dich zur Begrüßung. Keiner wird sagen wollen, dies mache einen grundlegenden, einen kategorialen Unterschied der Bedeutung.</p>
<p>Mit der Verwendung des indirekten Objekts können wir eine Relation, ein Gefüge, ein Verhältnis zwischen Personen und Sachen näher erfassen. Statt des Satzes: „Die Pflegerin hat dem Demenzkranken den Mund abgewischt“ können wir ungelenk, aber ebenfalls genau auch sagen: „Die Pflegerin hat den Mund des Demenzkranken abgewischt.“ Das indirekte Objekt hat hier also die gleiche Funktion wie der Genitivus subjectivus, es weist uns darauf hin, um wessen Mund es sich handelt. Das wird auch sichtbar, wenn wir statt des Satzes: „Der Bub hat seiner Schwester die Puppe gestohlen“ den Satz gleichen Sinnes sagen: „Der Bub hat die Puppe seiner Schwester gestohlen.“ „Du leihst mir das Buch aus.“ Gerade rechtliche Bestimmungen und Verfügungen der Übereignung, Überweisung oder Testierung verfügen mit der Angabe des indirekten Objekts über das geeignete Mittel, das zugrundeliegende Rechtsverhältnis zwischen Personen in Bezug auf die Sache explizit darzustellen. „Ich schlage den Nagel mit dem Hammer in die Wand.“ Für die Darstellung unseres technisch-handwerklichen, künstlerischen und methodischen Weltumganges verfügen wir über eine Fülle von präpositionalen Ausdrücken und modalen Begriffen, mittels derer wir die zu manipulierende Sache ins Verhältnis zu den Instrumenten, Mitteln und Methoden setzen können, mit denen wir sie traktieren. „Der Künstler trägt die Farben auf die Leinwand auf.“ „Der Musiker spielt das Stück vom Blatt.“ „Der Schauspieler spricht den Part auswendig.“</p>
<p>Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? „Der Schauspieler spricht den Part auswendig.“ Die modalen Ausdrücke (Wie? Auswendig, leise, laut, schnell, langsam, hastig, schludrig) geben die Farbschattierungen oder die Obertöne an, die sich über der Melodie unseres Tuns und Handelns, Leidens und Erlebens bilden. Die Engländer sagen für „auswendig“ „by heart“, die Franzosen ähnlich „par coeur“, die Italiener „a memoria“. Die Angabe der Art und Weise, wie wir tun, was wir tun, beleuchtet unsere Fähigkeiten, Dispositionen und gefühlsmäßigen Stimmungen, die unser Handeln begleiten und beeinflussen. Du bist ein guter Schauspieler, wenn du den Text auswendig hersagen kannst. Du bist ein schlechter Schauspieler, wenn du deiner Neigung nachgibst und dich von unangemessenen Stimmungen hinreißen lässt: Dann sprichst du deinen Part zwar auswendig, doch zu leise, zu laut, zu schnell, zu langsam, hastig oder schludrig. In den modalen Ausdrücken sind wir dem Befinden des Agenten, also einem wichtigen Part unseres Lebens, auf der Spur: Wie ist dir zumute? Langweilig, müde, nervös, wohl, unwohl, erregt, schlapp … Der Gebrauch der modalen Ausdrücke, ihre Selbst- und Fremdzuschreibung, zeigen uns, dass die berüchtigten phänomenalen Bewusstseinszustände kein unzugängliches Mysterium sind, sondern am hellen Tag jedermann offen vor Augen liegen.</p>
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