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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Selbstsein</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten VI</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Apr 2014 16:56:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gedanke an sich]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstsein]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwissen]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektivität]]></category>
		<category><![CDATA[Urgedanke]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Soll ich einen Gedanken oder Begriff seiner Bedeutung und Relevanz wegen hervorheben und an den Beginn all meiner philosophischen Überlegungen stellen? Ja, den Gedanken an dich selbst, den Urgedanken. Der Gedanke an dich oder mich oder sich ist der Urgedanke, der alle deine oder meine oder seine sonstigen Gedanken begleitet, triviale oder erhabene, moralische oder [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-vi/">Philosophische Fragen und Antworten VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Soll ich einen Gedanken oder Begriff seiner Bedeutung und Relevanz wegen hervorheben und an den Beginn all meiner philosophischen Überlegungen stellen?<br />
</i><br />
Ja, den Gedanken an dich selbst, den Urgedanken.</p>
<p>Der Gedanke an dich oder mich oder sich ist der Urgedanke, der alle deine oder meine oder seine sonstigen Gedanken begleitet, triviale oder erhabene, moralische oder unmoralische, wahre oder falsche wie der Mond die Erde oder die Erde die Sonne. Du kannst nicht denken, ohne gleichzeitig mehr oder weniger deutlich an dich selbst zu denken.</p>
<p>Du stößt immer wieder auf den Gedanken an dich, wenn du bemerkst, dass all dein Erleben um den Kern deines Ich wie in den alten Atommodellen die Elektronen um den Atomkern kreisen. Du stößt immer wieder auf den Gedanke an dich, wenn du bemerkst, dass du niemand anderen, und sei er dir noch so nahe, in die gleichsam intime Beziehung zwischen dir und deinem Gedanken an dich hineinlassen kannst, ebenso wenig wie es dir vergönnt ist, jemals in den Selbstbezug des anderen, und sei er dir noch so nahe, einzudringen.</p>
<p>Wenn du an dich denkst, bist du da. Du kannst nicht fehlgehen und ängstlich vermuten, du könntest, wenn du an dich denkst, versehentlich jemand anderen meinen. Du weißt nicht, woher der Gedanke an dich rührt, aus welchem Horizont er aufstieg ­– wenn der Gedanke an dich da ist, bist du da.</p>
<p>Der Gedanke an dich selbst, dein Wissen darum, hier und jetzt da zu sein, ist kein kognitiver Universalschlüssel, der dir die Türen zu allen möglichen Welten des Wissens aufschlösse. Der Gedanke an dich selbst schützt dich nicht davor, in vielem anderen fehlzugehen und nicht klar zu sehen. Der Gedanke an dich schützt dich zum Beispiel nicht davor, heute zu meinen, du habest mich gestern gesehen, und dabei war es in Wahrheit vorgestern, dass wir uns begegnet sind. Der Gedanke an dich impliziert demnach weder eine vollständige Selbstgegenwart oder Selbstpräsenz – die für schwache Wesen wie unsereins schlechterdings unerreichbar bleibt ­– noch setzt er sie voraus, wie einige angenommen haben (Jacques Derrida).</p>
<p>Der Gedanke, dass der Mond der Erdtrabant ist oder dass du mich gestern getroffen hast, ist von ganz anderer Struktur und hat eine ganz andere logische Form als der Gedanke an dich, der Urgedanke. Du könntest dich in Bezug auf die Wahrheit der Aussage, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist, irren (wenn sich beispielsweise herausstellt, dass in einem ansonsten identischen Paralleluniversum die Erde nicht von einem, sondern von zwei Planeten begleitet wird); und du könntest dich wie gesehen natürlich in Bezug auf die Wahrheit der Aussage irren, dass du mich gestern getroffen hast – während diese Art des kognitiven Fehlgehens hinsichtlich des Gedankens an dich oder des Gedankens an dein Dasein ausgeschlossen ist.</p>
<p>Es ist bekanntlich gleichgültig in Bezug auf die Existenz äußerer Gegenstände der Wahrnehmung wie Planeten oder theoretischer Entitäten wie Quarks, ob du an sie denkst oder nicht an sie denkst – doch in Bezug auf deine eigene Existenz geht es schlicht ums Ganze: Denkst du an dich oder denkst du nicht an dich, bist du da oder existierst du nicht.</p>
<p>Hörst du auf, an dich zu denken oder wieder an dich denken zu können wie im Schlaf oder einer vorübergehenden Ohnmacht, existierst du nicht mehr. Hier gilt die Gleichung: esse est cogitari, Denken ist Sein.</p>
<p>Wenn du dein Wissen von der Existenz des Mondes einbüßen solltest, was schert es ihn, er mondet friedlich weiter. Solltest du allerdings dein Wissen um dein Dasein einbüßen, hätte dies fatale Folgen für dein Leben.</p>
<p>„Wissen um sich“ hat eine andere Struktur und logische Form als „Wissen, dass p“. Beim Wissen um sich ist dem Wissenden der Inhalt seines Wissens unmittelbar gegeben: Du musst den Gedanken an dich nicht rechtfertigen, in dem du auf andere Tatsachen der Wahrnehmung hinweist, aus denen er abgeleitet werden könnte. Weil der Gedanke an dich nicht die Form des Gedankens an etwas hat, ist er nicht einmal eigentlich eine Form des Wissens – kann Wissen doch immer in Frage gestellt, revidiert oder verworfen werden. Das Wissen von der Existenz des Mondes als dem Erdtrabanten kann als Wissen davon beschrieben werden, dass es unter allen Entitäten nur eine einzige gibt, die die Eigenschaft aufweist in einer elliptischen Flugbahn den Sonnenplaneten Erde in unserem Sonnensystem der Milchstraße zu umkreisen. Der Gedanke an dich duldet keine Form einer solchen Erklärung und Rechtfertigung: Entweder ist der Gedanke da oder er ist nicht da – er ist gegeben oder nicht gegeben.</p>
<p>Wir fassen den Gedanken an die kontingente Tatsache in den Blick, dass die Sonne von acht Planeten umkreist wird, und belegen die Kontingenz dieser Tatsache mit der Möglichkeit des Gedankens, dass es in der kosmischen Entwicklung des Sonnensystems nicht zur Entstehung unseres Heimatplaneten gekommen wäre.</p>
<p>Der Gedanke an dich ist nicht ein Gedanke an eine kontingente Tatsache. Es gibt keine Möglichkeit eines Gedankens derart, dass du in einer möglichen Welt existiertest, ohne den Gedanken an dich zu haben. Denn wenn dieser Gedanke, in welcher Welt auch immer, ausbliebe, existiertest du nicht. Folglich sind der Gedanke an dich und die Tatsache deiner Existenz in einer notwendigen Beziehung miteinander verknüpft.</p>
<p>Du bist nicht in der Lage, gleichzeitig an dich zu denken und deine Existenz in Frage zu stellen. Versuche es! Du bleibst gleichsam an dir – an dem Gedanken an dich – hängen. Die Notwendigkeit der Beziehung des Gedankens an dich und der Tatsache deiner Existenz erweist sich auch in der logischen Folgerung eines Widerspruchs, wenn du diese Beziehung negierst. Versuche es, versuche an dich zu denken und gleichzeitig diesen Gedanken an dich mit dem Gedanken deiner Nichtexistenz zu verknüpfen – du bleibst im Widerspruch hängen – und der Widerspruch ist das eindeutige Indiz dafür, dass der Gedanke falsch und sein Gegenteil wahr ist.</p>
<p>Der Gedanke an dich, der Urgedanke, ist kein Fundamentalgedanke und der Begriff des Ich oder Selbst, der Urbegriff, ist kein Fundamentalbegriff.</p>
<p>Urbegriffe sind Begriffe oder Konzepte, die das gesamte Netzwerk all unserer sonstigen Begriffe und Konzepte gleichsam durchwalten und regulieren oder in einem sachgemäßen Bild: Urbegriffe sind die Knoten, die das gesamte Netzwerk unserer sonstigen Begriffe zusammenhalten, verdichten und verknüpfen.</p>
<p>Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffe sind Gedanken und Begriffe, aus denen andere Gedanken und Begriffe abgeleitet, zusammengesetzt und begründet werden können. Aus dem Begriff der Menge kann ich den Zahlbegriff ableiten: Der Begriff der Menge ist im Verhältnis zum Begriff der Zahl fundamental.</p>
<p>Urgedanken und Urbegriffe sind nicht wie Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffe begriffliche Atome, aus denen wie Wörter aus Buchstaben, Sätze aus Wörtern, Stoffe aus chemischen Elementen alle sonstigen Gedanken und Begriffe abgeleitet und zusammengesetzt werden könnten. Insbesondere ist der Gedanke an dich, der Urgedanke des Ich und Selbst, nicht der eigentliche, aber latente Inhalt aller sonstigen Gedanken, den eine überschwängliche Metaphysik durch alle Phasen der begrifflichen und historischen Entwicklung aufzuspüren und aufzudecken hätte (Hegel).</p>
<p>Urgedanken wie der Gedanke an dich und Urbegriffe wie der Begriff des Ich können nicht aus tieferliegenden Gedanken und Begriffen oder Strukturen, aus Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffen, abgeleitet, begründet und erklärt werden. Der Urbegriff des Ich kann nicht mithilfe des Fundamentalbegriffs der sprachlichen Semantik, des sprachlichen Indikators für die erste Person singularis oder dem Personalpronomen der ersten Person „ich“ abgeleitet, begründet und erklärt werden.</p>
<p>Einem Automaten, der haargenau so aussähe wie du und kein Bewusstsein hätte und daher nicht wüsste, dass er er, das heißt, das er ein Ich ist, könnten verschmitzte Techniker einen Algorithmus zur korrekten Verwendung des sprachlichen Indikators oder des Personalpronomens der ersten Person singularis „ich“ einprogrammieren, so dass er oder „du“ im gegebenen Fall, wenn ich ihn und „dich“ nach seinem und „deinem“ Befinden fragte, er und „du“ korrekt antworten könnten „Mir geht es gut“. Allerdings wüssten er und „du“ nicht, was er und „du“ meinten, wenn er und „du“ diese wohlgebildete Antwort gäben, geschweige denn, dass er und „du“ wüssten, dass er und „du“ mit „mir“ sich selbst und „dich“ selbst meinten.</p>
<p>Daraus folgern wir, dass die korrekte Verwendung des Personalpronomens der ersten Person singularis und das Erlenen dieser korrekten Verwendung die Existenz des Gedankens an dich oder die Identität der Person voraussetzen und nicht begründen oder konstituieren können. Wenn du nicht bereits über den Gedanken an dich verfügtest, worauf solltest du den sprachlichen Indikator denn anwenden?</p>
<p>Dies gilt auch für die sprachlichen Indikatoren „hier“ und „jetzt“: Sie setzen den Gedanken an dich oder die Identität der Person voraus. Nur in Hinsicht auf den Gedanken an dich ist es sinnvoll zu sagen, dass du dich jetzt hier an diesem Ort aufhältst. Und weil die variable Situation die Bedeutung der Indexwörter „hier“ und „jetzt“ variiert, müssen wir die Identität dessen, der sie anwendet, voraussetzen oder voraussetzen, dass sich der Gedanke an dich in der Zeit und unabhängig von der Umgebung kontinuiert oder als derselbe festgehalten wird.</p>
<p>Wenn die Beziehung zwischen dem Gedanken an dich und der Tatsache deiner wirklichen Existenz der Struktur und logischen Form nach eine notwendige Beziehung darstellt, folgt daraus wie gezeigt,  dass sie keine kontingente oder zufällige Beziehung sein kann. Wenn der Gedanke an dich, der Urgedanke, keine kontingente Tatsache meint, dann auch keine natürliche oder historische Tatsache, denn alle Tatsachen, Vorkommnisse und Ereignisse der natürlichen Welt und der Geschichte hätten auch ausbleiben oder anders ausfallen können. Wenn wir ausschließen, dass der Gedanke an dich sich nicht allmählich entwickelt hat – er ist wie auf einen Schlag da oder er ist nicht da –, kann er folglich nicht mit den Kriterien des Erklärungsschemas der darwinistischen Evolution erklärt werden. Wenn der Gedanke an dich kein Resultat historisch kontingenter Entwicklungen darstellt, dann insbesondere auch nicht das Resultat einer spezifisch europäischen oder patriarchalischen oder kapitalistischen Entwicklung von Mächten der Disziplinierung und Unterwerfung unter ein historisches Subjekt (Michel Foucault).</p>
<p>Der Gedanke an dich oder die Tatsache deiner Existenz sagt nichts darüber aus, wer oder was du bist. Die vom Gedanken an dich gleichsam ausgeleuchtete Welt, in der du lebst, die subjektive Welt deines Daseins, ist dir im und über das Medium deines Körpers gegeben. Du bist im Gedanken an dich nicht nur überhaupt da, sondern immer auch irgendwie da: Du befindest dich in einem situierten Erlebnishorizont körperlich bedingter Gefühle und Stimmungen, die dir die Welt, die subjektive Welt deines Lebens und Erlebens, erschließen.</p>
<p>Du erlebst deinen Körper und alle durch ihn übermittelten Erlebnisse und mentalen Inhalten deiner Empfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen im Lichte des Gedankens an dich, auch wenn du dich anders als beim Gedanken an dich über die Inhalte deiner Empfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen täuschen und irren kannst.</p>
<p>Durch den Gedanken an dich und die in seinem Lichte ausgeleuchteten Dimensionen deines Erlebens erschließt du dir eine Welt des Sinns, nicht eine Welt bewusstloser Körper und bewusstloser körperlicher Ereignisse, die den Gedanken an sich von sich ausschließen. Insofern grenzt es ans Absurde, wenn Neurowissenschaftler und von ihnen irregeleite Philosophen sich unterfangen, mittels wissenschaftlicher Verfahren, wie der bildgebenden Verfahren der Neurologie, den Gedanken an sich oder das Selbstwissen aus den Strukturen und Ereignissen im neuronalen Cortex ableiten und erklären zu wollen. Gehört es doch geradezu zum Sinn und Ethos naturwissenschaftlicher Methodik, Informationen zu ermitteln, die dadurch zustande kommen, dass sie vom Gedanken an sich und von allen subjektiven Perspektiven losgelöst sind.</p>
<p>Du hast gelernt, „ich“ zu sagen, aber du hast nicht gelernt, den Gedanken an dich zu haben, und nicht gelernt, ein Ich zu sein. Bei dem, was du gelernt hast, wie Rechnen, kann ich dich auf einen Fehler oder die Lösungsmöglichkeit einer Gleichung aufmerksam machen. Auf den Gedanken an dich, darauf, dass du da bist, kann ich dich nicht aufmerksam machen – als wärest du jetzt gerade nicht bei dir und wenn ich dich freundlicherweise auf die Tatsache deiner Existenz stieße, ginge dir das Licht des Gedankens an dich auf.</p>
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		<title>Philosophieren XLIV</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Sep 2013 14:58:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[personale Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Selbsterschlossenheit]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du erwachst, bist du plötzlich wieder „da“, vielleicht nicht ganz im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte, wie man sich gerichtsnotorisch auszudrücken pflegt, doch unabweislich bei Sinnen und in deine Selbstgegenwart gleichsam zurückgekehrt. Du bedarfst, um in diesen selbstverständlichen, gewöhnlichen, ja allzu gewöhnlichen Zustand deiner Selbstgegenwart zu gelangen, keiner umständlichen Meditationen und Reflexionen, du musst dir [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/2148/">Philosophieren XLIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du erwachst, bist du plötzlich wieder „da“, vielleicht nicht ganz im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte, wie man sich gerichtsnotorisch auszudrücken pflegt, doch unabweislich bei Sinnen und in deine Selbstgegenwart gleichsam zurückgekehrt.</p>
<p>Du bedarfst, um in diesen selbstverständlichen, gewöhnlichen, ja allzu gewöhnlichen Zustand deiner Selbstgegenwart zu gelangen, keiner umständlichen Meditationen und Reflexionen, du musst dir nicht garstig den Kopf mit Fragen zerbrechen wie: „Bin ichʼs nun oder bin ichʼs nicht“ oder auch „Bin ichʼs oder ist es ein anderer?“ oder gar: „Wie lange muss ich noch abwarten, bis ichʼs wieder bin?“. Du musst auch nicht umständlich in deinem Gedächtnis kramen, um die Person, von der sich in deinem Pass ein Bild befindet und wo ihr Name und ihre Adresse verzeichnet sind, mit der Person, die dir in diesem Moment gegenwärtig ist, zu vergleichen, und du bist ebenfalls nicht genötigt, dein Passfoto neben dein Spiegelbild zu halten, um befriedigt feststellen zu dürfen: „Upps, Glück gehabt, das ist ja dieselbe Person, also ich!“</p>
<p>Wenn, wie wir sahen, denken urteilen ist und klar denken richtig urteilen, richtig urteilen aber heißt, den richtigen Begriff einem vorliegenden Gegenstand zuzusprechen, dann ist das eigentümliche Verhältnis, das du – um es so merkwürdig auszudrücken – mit dir selbst unterhältst, keines des Urteilens und Denkens. Um richtige und wahre Urteile bilden und aussprechen zu können, ist selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Sache auch schiefgehen kann und du falsch liegst, indem du dem vorliegenden Gegenstand einen Begriff zuweist, den er partout nicht aufweist, wie dass der Himmel grün oder eine Primzahl sei. Ja, du musst, um richtig urteilen zu können, auch komplett danebenliegen und behaupten können, dem vorliegenden Gegenstand sei der Begriff, der ihm in Wahrheit zuzusprechen ist, nicht zuzusprechen, wie dass es nicht der Fall sei, dass der Himmel blau ist, obwohl er es in Wahrheit gerade ist, wenn du den Satz äußerst.</p>
<p>Doch könntest du in unserem speziellen Falle der personalen Identität so fehlgehen, von der Person, die du bist, zu behaupten, du seiest sie nicht? Wenn du mir dummerweise und offensichtlich auf die Füße gelatscht bist und ich dir empört in die Augen schaue, du aber behauptest „Das war ich nicht, sondern mein Onkel!“, wobei ich wüsste, dass dein Onkel sich zurzeit in den Staaten aufhält oder längst verstorben ist, würde ich dir unterstellen, du habest dich geirrt? Oder müsste ich nicht mit Fug und Recht annehmen, du seiest verrückt geworden?</p>
<p>Du könntest vielleicht ins Schwimmen geraten, wenn ich dich fragte, ob du es warst, der mir vor etlichen Jahren im Bethmannpark zu Frankfurt am Main die letzten Aufzeichnungen von Ludwig Wittgenstein in Gestalt des Buches mit dem Titel „Über Gewissheit“ geschenkt hat, und du könntest die Frage irrtümlich bejahen, obwohl du zwar in der Tat dieses Buch vor etlichen Jahren gerade im Bethmannpark jemandem ausgehändigt hättest, nur leider war dieser jemand nicht ich, und es war ein anderer, der mir an diesem Ort vor etlichen Jahren das Buch geschenkt hatte. Solche Irrtümer auf Gegenseitigkeit passieren. Aber könntest du darin fehlgehen, die irrtümliche Erinnerung im gleichen Augenblick zu haben und nicht zu haben, sie dir als Gedanken zuzusprechen und nicht zuzusprechen?</p>
<p>Du bist erwacht und gleichsam wieder „da“. Musstest du dich als solchen wiedererkennen, den du am Abend zuvor gleichsam in den Schlaf verabschiedet hattest? Wäre dies der Fall, könntest du dich, wie bei allen Objekten, die du wiederzuerkennen glaubst, darin irren, dass es dieselben Objekte sind, die du damals gesehen hattest und heute wiederzuerkennen vermeinst. Diese natürliche Irrtumsmöglichkeit scheinen wir im Falle der speziellen „Wiederbegegnung“ mit dir selbst beim Vorgang des Erwachens auszuschließen – denn die Erfahrung, man selbst zu sein, erweist sich als dermaßen unmittelbar und gewiss, dass wir sie geradezu für irrtumsresistent halten.</p>
<p>Warst du dir ehedem wenig vertraut und wuchs dann mit den Jahren und den Erlebnissen deine Vertrautheit mit deiner Person? Sicher, würden wir sagen, wächst mit deinen Erfahrungen und Kenntnissen allmählich dein Zutrauen in deine Fähigkeiten und Fertigkeiten – aber die Summe deiner Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten ist nicht dasselbe wie du, sondern du bist es, der jene hat. Wäre das Du-selbst-Sein eine Relation, wie in dem schiefen Ausdruck „Selbstverhältnis“ insinuiert ist, könnte es auf einer Skala des Mehr oder Weniger, einer Skala gradueller Abstufungen des Vertrautseins abgebildet werden. Dann könnte es dir aber auch passieren, dass die Skala eine Gaußsche Kurve beschreibt und du morgen dir weniger vertraut sein könntest als heute. Wir sehen also, dass die eigentümliche Tatsache, dass du es bist, der alles erlebt, was du erlebst, keine quantifizierbare Relation, sondern eine nichtgraduelle, sondern substantielle Qualität darstellt.</p>
<p>Dein Selbstsein ist also keine Form des Wissens: Denn wüsstest du um die Tatsache, dass du und nur du es bist, der erlebt, was immer er erlebt, könntest du über diese Tatsache wie über alle Tatsachen des Wissens in Zweifel geraten oder du könntest dieses Wissen einbüßen – doch beides liegt dir gleichermaßen fern, wenn es um dich selbst geht. Wäre das Selbstsein eine Form des Wissens, könnte ich dich nach Kriterien befragen, anhand derer du das Vorliegen dieser ominösen Tatsache objektiv überprüfen könntest – wie du mir als Kriterium des Vorliegens eines bestimmten Stoffes seine chemische Zusammensetzung nennen kannst, dass es sich beispielsweise bei diesem Stoff um Wasser handelt. Über welches Kriterium solltest du verfügen können, um zu überprüfen, ob die von dir empfundenen Schmerzen auch wirklich deine Schmerzen sind?</p>
<p>Du kannst dich weder an dich erinnern noch dich vergessen. Wir können ja von dem bewusstlos Gewordenen nicht sagen „Er hat sich vergessen“ oder von dem wahnsinnig Gewordenen, der glaubt eine andere Person zu sein als die, die er in Wahrheit ist: „Er kann sich nicht mehr an sich erinnern.“</p>
<p>Selbsterleben ist keine Funktion mehr oder weniger intensiver und wacher Aufmerksamkeit: Auch der total Zerstreute, der ganz Unaufmerksame, der Geistesabwesende ist und bleibt, der er ist. – Selbsterleben ist auch nicht möglich aufgrund von Selbstbeobachtung: Wer beobachtet dann den, der sich selbst beobachtet?</p>
<p>Du erwachst und stellst mit Bestürzung fest, dass du deinen Namen vergessen hast. Nun, dann bist die dieselbe Person, die du am Vorabend warst, als du deinen Namen noch wusstest, nur jetzt weißt du ihn nicht mehr. Oder du bist vielleicht aufgrund der Einnahme einer Droge in höllische Zweifel geworfen, ob all deine Erinnerungen und alle Erlebnisinhalte deines biographischen Gedächtnisses wirklich deine Erinnerungen und Erlebnisse sind oder nicht die eines anderen, dessen Geschichte man dir erzählt oder mittels Hirnwäsche eingeflößt hat. Auch dann bist du dieselbe Person, die am Vorabend ihrer Erinnerungen noch einigermaßen froh und gewiss war, nur jetzt bist du in Zweifel gestürzt und ratlos. Wärest du aber nicht mehr im Zweifel darüber, dass die dir einst rechtens zugeschriebenen Erinnerungen nunmehr einer anderen Person zuzuschreiben sind – dann hättest du deine personale Identität in der Tat eingebüßt.</p>
<p>Wir haben eine sichere Intuition dafür, dass der Fall, bei dem du dich plötzlich daran erinnerst, dieses Buch schon einmal gelesen zu haben, und der andere Fall, dass du beim Erwachen am Morgen instinktförmig wieder als dieselbe Person erwachst, die am Vorabend in diesem Bett eingeschlafen ist, dass diese beiden Fälle nicht Fälle sind, die unter dieselbe Kategorie des Wissens oder der Erinnerung fallen.</p>
<p>Wäre nämlich der Faden, mit dem du als identisches Selbst über Raum und Zeit hin gleichsam mit dir selbst verknüpft bist und bleibst, ein Faden der Erinnerung, könnte es durchaus passieren, dass du eines Morgens erwachst und dich nur noch verschwommen oder gar nicht mehr an dich erinnerst, wie du ja auch die Erinnerung daran, dieses Buch bereits gelesen zu haben, verloren hattest. Wirst du dann durch Wiederbegegnungen mit vertrauten Gegenständen deiner Umgebung wie deinem Zimmer, deinen Verwandten oder Freunden allmählich oder plötzlich wieder dessen inne, dass du die Person bist, die hier wohnt und diese und jene Verwandten und Freunde hat, genauso wie du aufgrund der Wiederbegegnung mit schon bekannten Details, Geschichten oder Porträts aus dem vergessenen Buch darauf gestoßen wirst, dass du es schon einmal gelesen hattest?</p>
<p>Der Horizont deiner Selbsterschlossenheit scheint stetig und unablässig mit dir und all dem, was du erlebst, mitzuwandern. Dieser Horizont enthüllt das, was von dir bis zu seinem gerade noch sichtbaren lichten Rand liegt, und verhüllt all das, was darüber hinaus liegt – das aber sind die „Pseudoerlebnisse“ deiner Lebenszeit als Embryo und Säugling, an die du dich nicht erinnern kannst, weil du sie gleichsam nicht im vollen Ich-Sinne erlebt hast. Deine Eltern oder Großeltern können dir zum Beispiel erzählen, wie deine Wiege aussah oder welche Spielfigürchen über deinem Kinderbett aufgehängt waren – du kannst sie nachträglich gleichsam nur von außen sehen, nicht aber so, als würdest du mit dem Blick des Kleinkinds auf diese Objekte schauen.</p>
<p>Es gibt keine Erlebnisse, die nicht jemandes Erlebnisse wären. Jedes Erlebnis hat eine Zuschreibung und ist gleichsam adressiert: an dich oder mich oder wen sonst. Das unterscheidet diese Form des Erlebens von der unpersönlichen Form der Erfahrung unter streng normierten und kontrollierten Bedingungen, die sich in der Wir-Gruppe der Wissenschaftler zuträgt: Wer immer beobachtet, dass der Zeiger um so und so viel Grad ausgeschlagen ist, spielt keine Rolle – ja, besser, zuverlässiger ist die Aufzeichnung des Experimentes mittels Kamera und anderer Aufzeichnungstechniken, die über kein Innenleben verfügen.</p>
<p>Gewiss ist personale Identität als Fokus des Ich-Erlebens vorausgesetzt, um Reden und Handlungen an dieselbe Instanz adressieren zu können – und somit ist Selbsterschlossenheit Bedingung der Möglichkeit, verantwortlich zu handeln und Verantwortung zu tragen. Aber wir erschließen aus der Tatsache der Zuschreibung von Verantwortung und Verpflichtung nicht das Wesen der Selbsterschlossenheit.</p>
<p>Hilft uns vielleicht die postmoderne Version der Geschichte weiter, wonach du deine personale Identität beim morgendlichen Erwachen (nach dieser Version sogar deine lebensgeschichtliche Identität stricto sensu) wie ein Puzzle oder Mosaik aus vielen bunten Einzelstückchen zusammenbastelst und gleichsam mehr und mehr Beweisstücke für die Tatsache aufhäufst, dass es sich bei demjenigen, der diese Stücke verdrahtet und verleimt, um niemand anderen als dich selbst handelt?</p>
<p>Du sagst also etwa: „Moment mal, das ist doch das Zimmer, in dem ich schon so viele Nächte geschlafen habe!“ Oder auch: „Da höre ich doch wieder die mir so vertrauten Geräusche der Straße und all der frischen Geschäftigkeiten des Morgens, wie ich sie so oft schon in diesem und anderen Zimmern beim morgendlichen Aufwachen vernommen habe!“ Oder so: „Jetzt erblicke ich allmählich im Dämmerlicht des Morgens die Bücher im Regal, den Schreibtisch vor dem zugezogenen Fenster, das Porträtbild meiner Mutter an der Wand – und hier neben mir auf dem Bord den hellen Schimmer des aufgeschlagenen Buchs von Ludwig Wittgenstein, in dem ich gestern Abend noch ein wenig geistesabwesend geblättert habe.“</p>
<p>Wenn dem so wäre und du dich aus Einzelstücken deiner Wahrnehmung und Erfahrung als personale Identität zusammenfügen oder zusammenbasteln könntest, woher nimmst du die Gewissheit, dass derjenige, der dies sagt und in scheinbar wachsender Vertrautheit mit sich selbst spricht, indem er sich Einzelheiten seiner Umgebung und seines Lebens in Erinnerung ruft, du selbst bist und nicht ein anderer? Jeder andere könnte dies wahrnehmen, solches empfinden, auf diese Weise sich erinnern und so mit sich selbst sprechen, wie du es für dich zu tun beanspruchst – doch ob du diesen Anspruch zurecht erhebst, war ja gerade die Frage, von der wir ausgegangen sind!</p>
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