<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Unsinn</title>
	<atom:link href="http://www.luxautumnalis.de/tag/unsinn/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.luxautumnalis.de</link>
	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
	<lastBuildDate>Wed, 29 Apr 2026 05:27:56 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
		<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
		<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=3.9.40</generator>
	<item>
		<title>Logische Schneisen IV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iv/</link>
		<comments>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iv/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 19 Jan 2014 17:15:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Negation]]></category>
		<category><![CDATA[Ordnung der Vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[Sinn]]></category>
		<category><![CDATA[Unsinn]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.luxautumnalis.de/?p=3156</guid>
		<description><![CDATA[<p>Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft. Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iv/">Logische Schneisen IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft.</p>
<p>Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. Nicht willkürlich und nicht bloß konventionell ist der Zwang zur Entscheidung für eine der beiden Alternativen oder in anderen Fällen für irgendeine von gegebenenfalls mehreren Alternativen.</p>
<p>Weil das System unserer Erfahrung uns die erfahrbaren Momente, Gegenstände und Ereignisse, als Bündel ein- oder mehrstufiger Relationen von Eigenschaften gleichsam in den logischen Raum hineinstellt, kommen wir nicht umhin, unsere Behauptungssätze aus Ausdrücken für Gegenstände und zu ihnen relative generelle Terme aufzubauen.</p>
<p>Die Ordnung der Vernunft ist mit der Sprache gegeben. Vernunft und Sprache sind gleichsam da oder nicht da – du gelangst nicht von einer Welt ohne Vernunft und Sprache in einer Folge kontinuierlicher Übergänge zu deiner Welt von Vernunft und Sprache. Du musst springen oder du hast schon immer springen müssen, hast den Sprung schon immer hinter dir – denn keine Erinnerung reicht an jene Pseudo-Welt des Unbewussten jenseits der Grenzen des logischen Raums zurück.</p>
<p>Die seltsamen Leute, die Sprache und Offenbarung theologisch pantschten, waren der Wahrheit näher als die heutigen ungemein pfiffigen und zugleich ungemein dummen Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen, die eben jener Kontinuität unmerklicher Übergange von der bewusstlosen und sprachlosen Welt zu unserer Welt des Bewusstseins und der Sprache auf der Spur zu sein wähnen.</p>
<p>Was sollte es zwischen der Welt des Bewusstseins und der Sprache und der unbewussten und sprachlosen Pseudo-Welt geben und ermöglichen, dass diese in jene überginge? Man hat das mythische Bild von Keimen oder Logoi spermatikoi vor Augen. Dies aber trügt. Der Keim zum Bewusstsein und zur Sprache ist schon das ganze Ding.</p>
<p>Sicher, du hast sprechen, lesen, denken gelernt. Aber das erste Wort war schon die ganze Initiation. Mit dem ersten Ein-Wort-Satz warst du schon im Besitz der ganzen Sprache. Mit der primären Initiation in die Welt der Bedeutung war deine Fähigkeit zum Verstehen und Denken geboren.</p>
<p>Du kannst die Zahlenreihe bis zur Erschöpfung immer wieder mechanisch abschreiben und auswendig lernen. Du kannst Additionsmuster auswendig lernen und zur Frage „Was ist 14 X 14?“ das richtige Resultat nennen, ohne dass wir dir zugestehen würden, du wüsstest, was es heißt, zu rechnen. Wenn du verstanden hast, dass du mit der Regel x + 1 und x – 1 die Reihe der natürlichen Zahlen aufbauen kannst, wenn du verstanden hast, dass die Menge dieser Murmeln verteilt auf die Menge dieser Münzen dieselbe Zahl repräsentiert, hast du das Wesen der Zahl und des Zählens und Rechnens verstanden.</p>
<p>Es gibt keinen Anfang des Bewusstseins, der Erfahrung, der Sprache, des Denkens. Bewusstes Erleben, Sätze, Gedanken sind Elemente des logischen Raums, der kein Außen, keinen Anfang, kein Ende hat.</p>
<p>Die Ordnung der Sprache und der Vernunft hängt und schwebt gleichsam in der Luft. Es gibt kein Fundament, weder eine natürliche oder historische Ursache noch einen psychologischen Grund, auf dem sie aufruhte und ihre Rechtfertigung bezöge. Du kannst das Denken nicht durch Angabe von Gründen rechtfertigen, nur den einzelnen Gedanken, den einzelnen Satz. Es gibt keine Antwort auf die Frage: „Warum soll ich vernünftig denken?“ Oder auf die Frage: „Warum soll ich sinnvoll reden?“ Das Spiel der Gründe ist ein Spiel innerhalb der Grenzen des logischen Raums von Sprache und Vernunft.</p>
<p>Sätze über etwas, die nicht verneint werden können, sind sinnlos. Wäre der Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ein solcher Satz, wäre er keine empirische Aussage, ein Satz über etwas in der Welt, sondern eine Festsetzung wie die, der zufolge 2 x 2 = 4 ist.</p>
<p>Festsetzungen können allerdings nicht verneint, nur angenommen oder verworfen werden. Wenn wir mit ihnen operieren, zum Beispiel addieren und multiplizieren oder Schlüsse ziehen, haben wir sie akzeptiert. Andernfalls rechnen und denken wir nur scheinbar.</p>
<p>Wenn wir sagen: Du kannst nicht gleichzeitig etwas und sein Gegenteil behaupten, reden wir nicht über ein physisches oder psychisches Versagen. Nicht-Können im logischen Raum gleicht mehr einer Tabuisierung oder einem moralischen Verbot als einer physisch-psychischen Blockade.</p>
<p>Natürlich kannst du so tun, als überschrittest du die Grenze des logischen Raums – aber diese Donquichotterie ist vergebliche Liebesmüh, bringt dir nichts, aus diesem Jenseits kommst du mit leeren Händen zurück. Aber du kommst ja nicht zurück – du bist schon immer gleichsam zu Hause.</p>
<p>Die Möglichkeit der Verneinung ist die Möglichkeit, immer etwas Wahres zu sagen oder deine Äußerungen stets mit der Realität in Einklang zu bringen, mit der Realität in Harmonie zu bleiben. Wenn strahlendes Wetter deine Annahme und Behauptung, es regne, augenscheinlich eines Besseren belehrt, so ist es schon gut und alles in Ordnung, wenn du deine ursprüngliche Aussage verneinst.</p>
<p>Du kannst diesen gewaltigen Stein nicht mit der Hand hochheben. Du kannst einen schwarzen und einen weißen Fleck nicht gleichzeitig an demselben Ort im Gesichtsfeld wahrnehmen. – Auf dem Mond könntest du den Stein vielleicht heben. Doch gibt es keine Welt, in der du Schwarz und Weiß zur gleichen Zeit am selben Ort sehen könntest. Dieses Nicht-Können ist kein psychisches Unvermögen, sondern eine Art logischen Zwanges, der aber nichts anderes als unsere Form der Klassifikation der Farben widerspiegelt. Die Aussage über die Farben ist daher keine empirische Aussage, kein Satz über eine Tatsache der Welt, sondern über eine Festsetzung im logischen Raum. Mit dem physisch und psychisch Unmöglichen stoßen wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten, mit dem logisch Unmöglichen an die Grenzen des logischen Raums.</p>
<p>„Dies ist kein Satz“ heißt, dies sieht nur so aus wie ein Satz, sieht nur so aus, als hättest du etwas behauptet, in Wahrheit hast du Unsinn geredet, das heißt nichts gesagt.</p>
<p>Verstehen ist autonom und setzt sich gleichsam selbst voraus. „Ich verstehe diesen englischen Ausdruck nicht“ ist gutes Deutsch. „Ich verstehe meine Muttersprache nicht“ scheinbar gutes Deutsch, in Wahrheit aber Unsinn.</p>
<p>Wenn du dein Zimmer aufräumst, kannst du Kraft und Zeit sparen, indem du ökonomisch vorgehst und zum Beispiel erst den Tisch abräumst und dann abwischst. Doch was du in welcher Reihenfolge im Schrank und auf den Regalen stapelst, unterliegt rein praktischen Erwägungen. – Die Ordnung der Sprache und des Denkens lässt allerdings nur gewisse Zusammenstellungen und Kombinationen von Elementen zu. Letztlich kommst du immer wieder auf die Grundform der behauptenden Aussage zurück, nämlich zu sagen, etwas sei so und so.</p>
<p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iv/">Logische Schneisen IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iv/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Philosophieren XLIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/</link>
		<comments>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Sep 2013 14:58:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
		<category><![CDATA[denken]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Unsinn]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://luxautumnalis.wordpress.com/?p=2128</guid>
		<description><![CDATA[<p>Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/">Philosophieren XLIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau.“</p>
<p>Gewiss wirst du den Satz unter den geeigneten und passenden Umständen äußern und nicht, wenn wir in einem Weinkeller unter geschlossen-düsterem Gewölbe hocken oder wenn der Himmel schwarz von Gewitterwolken ist. Ich unterstelle dir also auch, dass deine Wahrnehmungen gut funktionieren, wenn ich dir unterstelle, mir eine sinnvolle Mitteilung dieser Art gemacht oder ein richtiges Wahrnehmungsurteil gefällt zu haben.</p>
<p>Betrachten wir den Satz genauer und nehmen zunächst den Teil nach dem Komma unter die Lupe. Du siehst gleich, dass es sich eigentlich um zwei mittels der Konjunktion „und“ verbundene Einzelsätze handelt. Wir kürzen sie mit den Buchstaben p und q ab. Mit jedem Satz p und q hast du mir eine Tatsache mitgeteilt, einmal die Tatsache, dass sich das Gewitter verzogen hat, sodann die Tatsache, dass der Himmel blau ist. Wir nennen den Sprechakt, mit dem wir Tatsachen mitteilen, beurteilen oder kurz urteilen und das Ergebnis solcher Sprechakte schlicht und ergreifend ein Urteil. Urteile haben die interessante Eigenschaft, richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein zu können.</p>
<p>Wenn wir zwei Sätze mit den möglichen Wahrheitswerten wahr und falsch durch eine Kopula verbinden, kann der Fall eintreten, dass ein Satz wahr, ein anderer falsch, beide wahr oder beide falsch sind. Wenn es jetzt der Fall ist, dass der Himmel zwar blau ist, aber auch zuvor blau war und also sich kein Gewitter verzogen hat, ist der erste Satz falsch und der zweite wahr. Wenn es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel durch die Abendröte rot erscheint, sind beide Sätze falsch. Es ist klar, dass die Summe beider Sätze in der Verknüpfung durch die Kopula nur wahr sein kann, wenn beide Teilsätze es sind, in allen anderen Fällen ist der Gesamtsatz falsch.</p>
<p>Nunmehr entdecken wir eine weitere Unterstellung, die wir vornehmen, wenn wir annehmen, du habest uns etwas Sinnvolles mitgeteilt: Wir unterstellen dir, dass du weißt oder zu wissen glaubst, kurz: davon überzeugt bist, dass deine Mitteilung richtig oder der von dir mitgeteilte Inhalt des Satzes wahr ist. Würden wir dir nämlich unterstellen, dass du davon überzeugt wärest, dass der Inhalt deiner Mitteilung, also einer der durch die Kopula verknüpften Teilsätze oder beide Teilsätze unwahr wären, müssten wir dir unterstellen, dass du uns nicht die Wahrheit sagen, sondern uns belügen wolltest. Auch wenn diese unschöne Unterstellung zuträfe, wäre der von dir geäußerte Satz sinn- und bedeutungsvoll, denn es wäre derselbe Satz wie der ursprüngliche Satz, den du geäußert hast, um uns eine Wahrheit mitzuteilen – und dieser galt uns ja als sinn- und bedeutungsvoller Satz.</p>
<p>Wolltest du den Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ äußeren, um uns an der Nase herumzuführen und uns zu belügen, wäre vorausgesetzt, dass das Gegenteil oder die Negation der von dir mitgeteilten Sachverhalte in Wahrheit zuträfen, als Werteverteilung für die Teilsätze also „nicht p und q“ oder „p und nicht q“ oder „nicht p und nicht q“ beziehungsweise „nicht (p und q)“ in Frage käme. Das aber hieße, im Moment, da du den unwahren Satz äußertest, hätte es gar kein Gewitter gegeben und der Himmel wäre blau oder das Gewitter hätte sich verzogen und der Himmel wäre nicht blau oder weder hätte es ein Gewitter gegeben noch wäre der Himmel blau. Wir haben allerdings selbst Augen im Kopf und haben gesehen, dass es kein Gewitter gegeben hat und der Himmel blau strahlt, oder wir sehen, dass sich das Gewitter verzogen hat, aber der Himmel immer noch grau ist, oder wir sehen, dass es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel sich in der Abenddämmerung rötet. Wir sehen also, dass was du behauptest nicht der Fall ist, und wissen augenblicks, dass du uns hast verballhornen wollen. Das Beispiel erweist en passant, dass Lügen allzu kurze Beine haben, wenn sie sich nicht unter gleichsam undurchsichtigen Umständen und Bedingungen verstecken können – jedenfalls schlecht funktionieren, wenn der Lügner und sein Gegenüber die gleichen Wahrnehmungs- und Urteilsbedingungen teilen.</p>
<p>Bleiben wir bei dem Normalfall einer trivialen Mitteilung von wahren Sätzen der genannten Art. Die Sätze „Das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ können wir grammatisch in ein temporales oder ein kausales Gefüge transformieren, indem wir sagen: „Nachdem sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“ und „Weil sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“. Der Haupt- und Elementarsatz „Der Himmel ist blau“ spricht einem Gegenstand eine Farbe zu. Wir können diese Grundform des Urteils abkürzen mit der Formel Fx, womit wir dem Gegenstand x die Eigenschaft F zusprechen.</p>
<p>Die Fähigkeit oder das Vermögen, das du dadurch unter Beweis gestellt hast, dass du dem Gegenstand die richtige Eigenschaft zugeordnet hast, nennen wir Urteilsvermögen und Denkfähigkeit, denn natürlich ist urteilen zu können gleichwertig damit, denken zu können.</p>
<p>Wir nennen die Begriffe „blau, rot und schwarz“ Farbbegriffe und sagen, du habest dem Gegenstand den richtigen Farbbegriff zugewiesen. Somit gelangen wir auf die bündige Definition für die Tätigkeit des Urteilens oder Denkens: Urteilen oder denken heißt, einem Gegenstand einen Begriff zuordnen. Und richtig urteilen oder klar denken heißt, einem Gegenstand den richtigen Begriff zusprechen.</p>
<p>Wenn mir einer sagte: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist eine Primzahl“, wäre ich ob dieses unerbetenen Hinweises mehr als konsterniert und würde meinem Gegenüber nicht unterstellen, er habe mit der Zuweisung dieser Eigenschaft von Zahlen knapp danebengelegen oder sich um ein Haar bei der Auswahl der Eigenschaft vergriffen. Ich müsste vielmehr annehmen, die Person wisse nicht, um was für eine Art von Begriffen oder um welche Kategorie es sich bei Begriffen wie den Primzahlen handelt. Ich würde nicht sagen, jener habe ein unrichtiges oder falsches Urteil gefällt, sondern würde sagen, er habe einen unsinnigen Satz geäußert und somit überhaupt kein Urteil getätigt.</p>
<p>Wir sagen: Weder kann der Himmel eine Primzahl noch eine Primzahl blau sein. Welche Eigenschaft unserer begrifflichen Struktur verbirgt sich hinter der Bestimmung „kann nicht“? Nun, es handelt sich hier nicht um eine empirische Grenze und Schwierigkeit, die durch den Einsatz kluger und gewitzter Mittel behoben werden könnte. Es handelt sich vielmehr um die gleichsam überempirische, apriorische Grenze unserer Sprache. So und nicht anders reden wir nun einmal, anders lassen sich die Dinge von uns und bei uns hierzulande und hienieden nicht sagen.</p>
<p>Wir sind demnach aufgefordert jenen, der den absurden Satz geäußert hat, zu korrigieren und auf seinen Kategorienfehler aufmerksam zu machen. Wenn er sich philosophisch versteift und darauf beharrt, für ihn selbst ergebe der uns unsinnig erscheinende Satz durchaus Sinn, weil er für sich die Sprachregel eingeführt habe, dass metereologische Gegenstände die Eigenschaft, Primzahlen zu sein, haben können, müssen wir ihn rügen und mit der Tatsache konfrontieren, dass wir zwar reden dürfen, wie uns der Schnabel gewachsen ist, nicht aber so, dass kein anderer Schnabel darauf kommen könnte, so etwas zu sagen. Die Grenze des Sagbaren ist eine soziale Grenze: Der Verkehr, in dem wir uns sprechend verständigen, wird durch Verkehrszeichen geregelt und verläuft auf Bahnen und Wegen, die vor dir schon Abertausende abgeschritten haben. Jedenfalls sind die sprachlichen Regeln, nach denen der Verkehr hierzulande und hienieden abläuft, nicht der privaten Willkür eines solipsistischen Sprachheimwerkers anheimgestellt.</p>
<p>Wir können also nur sagen, was andere auch sagen könnten. Um sprechen und denken zu können, muss ich voraussetzen, dass mindestens ein anderer schon gesprochen und gedacht hat. Ich wäre nicht in der Lage, als einsamer Robinson einen Gedanken zu fassen: Einen Gedanken zu haben setzt voraus, ihn in einem Satz äußern zu können und die Äußerung des Satzes der realen oder virtuellen Beurteilung mindestens eines anderen anheimzustellen.</p>
<p>Soll das heißen, unser Reden und das, was wir mit Wörtern tun, würden gleichsam von einer unsichtbaren grammatisch-logischen Kontrollinstanz reglementiert und unsere sprachliche und gedankliche Freiheit und schöpferische Ausdrucksmacht würden für immer in eine apriorische Zange genommen? Ganz und gar nicht: Die Grenzen der Sprache fließen, wenn auch gewöhnlich sehr langsam und unmerklich. Denn sie werden nicht willkürlich von Dudenredakteuren und logisch-propädeutischen Oberlehrern mit dem Lineal gezogen, sondern haben überhaupt keine zentrale Steuerungseinheit. Die Grenzen fließen mit den unsichtbaren und unserer Aufmerksamkeit entgleitenden leisen Verschiebungen oder lauten Erschütterungen der kollektiven Praxis unseres durch Regeln geleiteten Sprechens.</p>
<p>Wir wissen allerdings nicht und können nicht wissen, welcher Erschütterungen es bedürfte, die unser sprachliches Regelwerk dermaßen durchschütteln und -rütteln würden, sodass dermaleinst der uns heute unsinnig erscheinende Satz „Der Himmel ist eine Primzahl“ als sinnvoll akzeptiert werden würde.</p>
<p>Im Übrigen könnte unser Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“, unter geeigneten Umständen geäußert, auch etwas anderes bedeuten als eine Mitteilung über das Wetter und die Farbe des Himmels. Schreiben wir ihn mit Ausrufezeichen: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau!“ Dann willst du mich mit dieser Äußerung vielleicht auffordern, mit dir die stickigen Seminar- oder Büroräume endlich zu verlassen und das Freie zu suchen.</p>
<p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/">Philosophieren XLIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
