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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Vertrauen</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft XI</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Aug 2014 14:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<category><![CDATA[Paul Grice]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer etwas oder sich selbst einem anderen anvertraut, muss damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Ungewissheit und das Risiko, dass der eingesetzte Vertrauensvorschuss nicht entgolten wird, gehört zum Begriff des Vertrauens. Mittels eingeforderter und eingebrachter Vertrauensbeweise suchen wir das Risiko, enttäuscht zu werden, zu minimieren; freilich wissen wir nicht, in welcher Haltung und welchem Maße an Redlichkeit und Aufrichtigkeit solche Beweise erbracht werden. Sind sie am Ende vorgetäuscht, erheuchelt, fingiert, um uns in die Irre zu führen und ins Bockshorn zu jagen? Es scheint nicht unvernünftig, Vertrauensvorschüsse vorsichtig, zögerlich oder sparsam zu vergeben und ganz vorzuenthalten, wenn sich der Kandidat in der zurückliegenden Zeit mehrmals schon als unsicherer Kandidat erwiesen hat.</p>
<p>Es ist indes gewiss vernünftig, solch einem Menschen zu vertrauen und etwas oder sich selbst anzuvertrauen, der seine Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit dadurch schon öfters unter Beweis gestellt hat, dass er ein uns gegebenes Versprechen eingehalten und erfüllt hat. Vertrauenswürdigkeit lässt sich am Einhalten von Versprechen bemessen.</p>
<p>Radikales Misstrauen, das sich auch gegen bewährte Erfahrungsquellen wie die eigenen Sinne oder die Auskunft von vertrauten Freunden sperrt, scheint uns ebenso unvernünftig zu sein wie blindes Vertrauen, das sich einer auserwählten oder charismatisch aufgehöhten Stellung eines Menschen unterwirft, ohne die Gebrechlichkeit und Irrtumsanfälligkeit alles Menschliches zu bedenken.</p>
<p>Manches von dem, was wir wissen, haben wir dem unmittelbaren und direkten Zeugnis unserer Sinne zu verdanken. Den Augen vertrauen wir als unter normalen Bedingungen ziemlich sicherer Informationsquelle und messen Aussagen vor Gericht den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit bei, wenn sie von Augenzeugen vorgenommen wurden, deren Vertrauenswürdigkeit aufgrund ihres korrekten Lebenswandels einigermaßen gesichert scheint.</p>
<p>Aber dass der Mond sich in einem Abstand von 384.400 km in einer elliptischen Bahn um die Erde dreht, während diese sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in 365 Tagen ebenfalls in einer elliptischen Umlaufbahn um das Zentralgestirn dreht, hast du dir nicht aus den Fingern gesogen, sondern lernwillig in der Schule von deinem geschätzten Lehrer in Physik erfahren. Den Darlegungen dieses Lehrers warst du ein vertrauensseliger Ohrenzeuge, denn kraft seiner Amtes und dank seiner persönlichen Integrität erschien er dir und deinen Mitschülern eine vertrauenswürdige Quelle interessanter und erstaunlicher Informationen zu sein.</p>
<p>Und so geht es dir mit den meisten Dingen: Dein Wissen um ihre Existenz und ihre Eigenschaften ist ein geliehenes, geborgtes, bezeugtes, aber kein unmittelbares und sinnfälliges. Du wirst im Laufe deines Lebens gelernt haben, den Bestand deines Wissens gemäß der Wertschätzung und Vertrauenswürdigkeit derer, die es dir zugänglich gemacht oder bezeugt haben, hierarchisch nach Stufen oder Reihen zu ordnen: vorne das von den besten und bewährtesten Zeugen wie deinen Eltern, Freunden und Lehrern und den für ihre Seriosität bekannten Autoren überlieferte Wissen, dahinter all das, was man so in den Zeitungen, im Fernsehen und Internet aufschnappt, ohne die Echtheit und Integrität der Quelle nachprüfen zu können, und ganz hinten das Gerümpel all der Dinge, deren Authentizität aufgrund von Voreingenommenheit, Bestechlichkeit oder böswilliger Absicht ihrer Zeugnisgeber mehr als fragwürdig ist.</p>
<p>Hast du deine Bestände sorgfältig geprüft, wirst du vielleicht der Seltsamkeit und Extravaganz unserer Lage inne: Wir können nicht sprechen, ohne schon vorab den anderen in unser Vertrauen gezogen zu haben. Denn wenn wir reden, tun wir dies in der Einstellung, der Hörer möge darauf vertrauen, dass unsere Sprecherabsicht redlich, wahrhaftig und glaubwürdig ist.</p>
<p>Aus nichts wird nichts, wie aus Nacht nicht notwendig das Licht des Lebens und der Wahrheit steigt (das scheint einem höheren Willen anheimgestellt). Die reine Nacht des Misstrauens und Argwohns lähmt die Zunge und kann die Schwelle zur Sprache und Mitteilung des Wahren nicht übersteigen. Sagen wir es so schlicht wie angemessen: Vertrauen ist das normative Apriori sprachlicher Mitteilung und vernünftiger Verständigung.</p>
<p>Die normative Kraft der Vernunft zeigt sich darin, dass sie uns verpflichtet, mit immer wieder frischem Mut und Zutrauen in neue Kommunikationssituationen einzutreten und dem Sprecher, der sich in einer symmetrisch Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Klarheit uns gegenüber befindet, mittels eines Vertrauensvorschusses unsere Dialogbereitschaft zu bezeigen. Freilich sind wir auch zu dem moralischen Rigorosum verpflichtet, dem notorischen Lügner und treulosen Brecher von Abmachungen, Versprechen und Verträgen vorläufig oder bei krimineller Widerspenstigkeit ein für allemal aus unserer Dialoggemeinschaft zu verbannen beziehungsweise unsere Mitmenschen vor ihm zu warnen beziehungsweise sie aufzufordern, mit dem unverbesserlichen Tunichtgut dasselbe zu tun.</p>
<p>Natürliche Phänomene lügen nicht, sie hegen überhaupt keine Absichten mit uns – sie sind, was sie sind. Offenbart der Rauch die Wahrheit über die Tatsache, dass es dort drüben brennt?</p>
<p>Deine Tränen gelten mir als Zeichen deiner inneren Erschütterung und sie sind mir umso kostbarer, je weniger du mit ihnen eine Absicht verbunden hast. In dem Maße, in dem du mit deinen Tränen die Absicht verbindest, mich von der Tiefe deines Gefühls zu beeindrucken oder mich zur Anteilnahme zu bewegen, in dem Maße wird mein Eindruck schwächer und kühlt meine Anteilnahme ab.</p>
<p>Wenn wir im Konzertsaal sitzen und du sagst „Mir geht es nicht so gut“ oder „Ich fühle mich schlecht“ und wir vertraulich miteinander umgehen, verstehe ich deine Äußerung, wenn ich deine Absicht verstehe, mich über dein ungutes Befinden in Kenntnis zu setzen. Ich verstehe, was du mit der Äußerung sagen möchtest, nämlich mir den Wunsch oder die Aufforderung mitteilen, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen und nach Hause zu eilen.</p>
<p>Stünden wir auf weniger vertraulichem Fuße und hätte ich dich in das Konzert eingeladen, verstünde ich deine Äußerung, du fühlest dich schlecht, wenn ich deine Absicht verstünde, mir mitzuteilen, dass du dich nicht wirklich krank fühlst, sondern dass dir die Musik oder die Interpretation furchtbar auf die Nerven geht, du diese unschöne Wahrheit, höflich wie du bist, mir aber nicht unter die Nase reiben möchtest und mir deshalb mit jener unwahren Äußerung den Wunsch oder die Aufforderung mitteilst, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen.</p>
<p>Die Vernunft der guten Verständigung ist, wie das Beispiel zeigt, nicht auf die unbedingte Beanspruchung und Geltendmachung der Wahrheit verpflichtet; sie lässt es dem höflichen Menschen gern durchgehen, wenn er aus Höflichkeit oder Zartsinn oder einem anderen Respekt das eigentlich Gemeinte hinter dem uneigentlich Gesagten verbirgt – und eben damit zugleich enthüllt.</p>
<p>Wüsste ich in keinem Falle die Absicht deiner Äußerung zu identifizieren und verpasste im schlimmsten Fall deine erstrangige Absicht der wörtlichen Mitteilung, nämlich mir mit dem Satz „Ich fühle mich nicht gut“ mitteilen zu wollen, dass du dich schlecht fühlst, geschweige denn dass mir die genannten zweitrangigen Griceschen Implikaturen aufgingen, nämlich dass du mit dem Gesagten den Wunsch oder die Aufforderung meinst, das Konzert zu verlassen, könnte man von mir annehmen, aus der Dimension vernünftiger Kommunikation herausgefallen zu sein.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft X</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Aug 2014 15:15:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-x/">Auf den Spuren der Vernunft X</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung angesichts der Ansprüche des Hörers dazu, das zu sagen, was du für wahr hältst, und es so zu sagen, dass er es gut versteht oder zumindest nicht missversteht, das heißt, ohne ihn mit mehrdeutigen, selbstverliebt-enigmatischen und weitschweifigen oder kurzatmigen Ausführungen zu irritieren, zu behelligen und zu langweilen.</p>
<p>Warum sollte denn dein Gegenüber davon ausgehen, dass du im Regelfall ihn mit deinen Reden nicht hinters Licht führst, sondern ihm klipp und klar, ohne Umstände reinen Wein einschenkst und als wahr behauptest, was du für wahr erachtest? Hier berühren wir den Grund unserer Lebensweise und können nur sagen: So machen es du und ich im Regelfalle, weil wir menschliche Wesen sind und unter Menschen Vertrauen das höchste Gut darstellt, falls man ein gedeihliches und verträgliches Zusammenleben einem Leben unter Argwohn und Zwist vorzieht. Und hier hat die Natur unserer menschlichen Lebensform vorgesorgt und auf die Sprünge geholfen: Neigt sich doch das Kind mit unbedingtem Zutrauen und Vertrauen seinen natürlichen Lehrern und ersten Für- und Vorsprechern, den Eltern, entgegen.</p>
<p>Würden wir uns immerzu verbal foppen und an der Nase herumführen oder würden wir unser Reden immerzu für unverbindliche Verlautbarungen eigenbezüglicher Ideen, wilder Assoziationen und Traumgedanken brauchen, wären weder Haus noch Tempel gebaut, kein Acker bestellt und kein Orchester gegründet, von computergesteuerten Kommunikationssystemen, Raumfahrtprogrammen oder Großkliniken und tausend anderen Technologien und Errungenschaften, die der Kooperation der sich mit- und untereinander oft schwer tuenden Menschen erwuchsen, zu schweigen.</p>
<p>Alle Kooperation beruht auf dem Urfaktum, dass ich verstehe, was du mit deiner verbalen oder schriftlichen Mitteilung mir zu verstehen gibst. Oder vorsichtiger formuliert: dass ich mich zu verstehen bemühe, was du mir sagen willst. Dabei vertraue ich darauf, dass du mich nicht systematisch irreleitest, sondern mich im Normalfall nach deinen Möglichkeiten und im Lichte deiner Einsichten in die Lage mit den gewünschten Informationen ausstattest.</p>
<p>Wer ständig und ohne Not das Vertrauen, die Gutwilligkeit und Kooperationsbereitschaft der Mitmenschen missbraucht, verschwendet sinnlos und unvernünftigerweise das ihm gleichsam seit und mit Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft mitgegebene symbolische Kapital an Vertrauen, den Vertrauensvorschuss, mit dem jedermann mittels gemeinschaftsförderlichen Engagements – und das heißt im Normal- und Durchschnittsfall durch Arbeiten und Dienste aller Art – zu wuchern aufgefordert ist.</p>
<p>Sprechen impliziert demnach, sich ursprünglich zu verpflichten und den sprachlichen und sprachgemeinschaftlichen Normen der Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Bedeutsamkeit und Klarheit zu huldigen. Aufgrund der menschheitsbegründenden Tatsache, dass wir sprechen, sind wir in das normative Abenteuer der Vernunft verstrickt und können uns nicht als faule Beobachter und vornehme Ästheten an den Rand des Spielfelds stellen.</p>
<p>Wir können uns des normativen Drucks der Sprache der Vernunft und der Vernunft der Sprache nicht dadurch entledigen, dass wir uns als Puppen eines mirakulösen Spiels in der Hand launischer Götter oder als Projektionen neurochemischer Prozesse unseres Gehirns und unseres Organismus ansehen und definieren und solcherart alles Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft mit einem Schlag uns vom Halse zu schaffen und als bloßes Gerede abzutun wähnen. Müssten wir dieses Falls unser Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft aber nicht auf verbindliche Weise mittels des verantwortungsvollen Gebrauchs unserer Vernunft eben als unverbindliches, unverantwortliches und unvernünftiges Gerede erweisen? Sehen wir nicht in diesem Nebel die dicken Schwaden, die aus des Teufels Küche dringen?</p>
<p>Wir sahen, wie die Psychose die normative Kraft der Sprache schwächt und in vielen Episoden der Krankheit aufhebt: Der Kranke erkennt die Absicht des Sprechers nicht oder verkennt und missdeutet sie in einem Grade, der die Kommunikation unterhöhlt, wenn er die Absichten ihm gewogener Sprecher paranoide verbiegt; der Kranke irrt in der Unterscheidung von intentionalen und kausalen Quellen der Kundgabe und Information, wenn er das Hundegebell als Warnung versteht und das geistesabwesende Lächeln des Kollegen als Ankündigung des nahen Todes; der Kranke verheddert sich in semantische und pragmatische Inkonsistenzen, wenn er etwas akzeptiert oder behauptet, von dessen Nichtexistenz oder Falschheit er eigentlich oder eben noch überzeugt war, oder etwas leugnet, das ihm offenkundig vor Augen schwebt.</p>
<p>Wir können in Anlehnung an das Gesagte annehmen, der Kranke habe das symbolische Kapital des Vertrauens vor der Zeit verbraucht, oder wir müssen angesichts der erblichen Disposition zur Krankheit konzedieren, es sei ihm zu spärlich davon mitgegeben worden. Jedenfalls scheint die Psychose viele Kranke mit Misstrauen, Angst und Argwohn zu vergiften und die Quellen guten Mutes, die unser Gemeinschaftsgefühl stärken und unsere Dialogfähigkeit auffrischen, in einem Maße zu vergiften, dass Verstummen, Erstarren, Teilnahmslosigkeit und Apathie um sich greifen.</p>
<p>Sicher wäre die Liebe die große Macht, das zerrissene Band des Vertrauens wieder anzuknüpfen und die vor Schrecken oder Verzweiflung erstarrte Zunge zu lösen; indes ist diese Macht nicht umsonst die himmlische genannt, lässt sie sich doch wie alles, was von oben kommt, nicht verordnen und häppchen- oder löffelweise verabreichen. Der Arzt ist gehalten, nüchtern seine Pflicht zu tun, er kann sein Erbarmen selten einmal mit in Schwingung bringen. Woher denn Liebe, wenn der Flügel des Engels nicht streift?</p>
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