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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Determinismus</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophieren XLII</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Sep 2013 14:55:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
		<category><![CDATA[Determinismus]]></category>
		<category><![CDATA[Hirnzustand]]></category>
		<category><![CDATA[neuronales Muster]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke ist nicht identisch mit den Hirnzuständen, die auftreten, wenn wir sie bilden und verwenden. Du sagst mir: „Ich habe Schmerzen im rechten Knie“, weil und während du in diesem Moment, da du den Satz aussprichst, Schmerzen im rechten Knie hast. Wäre die Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks identisch mit dem neuronalen Muster, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xlii/">Philosophieren XLII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke ist nicht identisch mit den Hirnzuständen, die auftreten, wenn wir sie bilden und verwenden.</p>
<p>Du sagst mir: „Ich habe Schmerzen im rechten Knie“, weil und während du in diesem Moment, da du den Satz aussprichst, Schmerzen im rechten Knie hast. Wäre die Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks identisch mit dem neuronalen Muster, das auftritt, wenn und weil du Schmerzen hast, hätte der von dir zwei Tage später geäußerte Satz: „Ich erinnere mich, vorgestern Schmerzen im rechten Knie gehabt zu haben“ nicht die von dir intendierte Bedeutung, weil die Erinnerung an die Schmerzen, die nicht schmerzhaft ist, nicht mit demselben neuronalen Muster in deinem Gehirn hinterlegt ist wie die aktuellen Schmerzen. Was aber, wenn die Bedeutung des Satzes „Ich habe Schmerzen im rechten Knie“ durch den Hirnzustand realer Schmerzen determiniert wäre, du aber den Satz äußerst, ohne überhaupt Schmerzen zu empfinden, also lügst oder die Unwahrheit sagst? Wie erklären wir die Bedeutung der Negation, im Falle du sagst „Ich habe keine Schmerzen (mehr) im rechten Knie“? Du kannst ja nicht das neuronale Schmerzmuster haben, und gleichzeitig tut es nicht weh!</p>
<p>Wenn du im Fremdsprachenunterricht den Satz zu bilden gelernt hast: „Jʼai des douleurs dans mon genou droit“, müsstest du dann diesen französischen Satz mit demselben neuronalen Muster in deinem Gehirn repräsentieren wie den deutschen Satz „Ich habe Schmerzen in meinem rechten Knie“? Wenn die Bedeutung identisch wäre mit dem Hirnzustand, der auftritt, wenn du den Satz verwendest, könnte der französische Satz keine Übersetzung des deutschen Satzes sein, weil die Lautbildung im einen und anderen Falle durchaus unterschiedlich ausfällt, gewiss aber auch diese mittels neuronaler Muster im Gehirn repräsentiert wird. Und wollen wir die Bedeutungen unserer Sätze jenseits aller Lautbildung als abstrakte Entitäten in einen platonischen Himmel verweisen? Wäre dem so, könnte die Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke erst recht nicht mit unseren Hirnzuständen identisch sein!</p>
<p>Wären die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke identisch mit den neuronalen Mustern, die auftreten, weil und wenn wir sie verwenden, wie könnte wohl die Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks, die dein Hirnzustand repräsentiert, identisch sein mit der Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks, den mein Hirnzustand oder der Hirnzustand deines Gesprächspartners repräsentiert?</p>
<p>Weil nämlich Gehirnzustände verschiedener Individuen, die dieselben Sätze bilden und verwenden, immer nur mehr oder weniger ähnlich, nicht aber ganz und gar identisch zu sein pflegen, könnten die Bedeutungen der von ihnen geäußerten Sätze nicht übereinstimmen, wenn diese denn mit den Hirnzuständen identisch wären. Folglich wäre eine sprachliche Verständigung nicht möglich. Da wir uns aber spielend über das wirkliche oder vorgetäuschte Vorhandensein von Schmerzen im rechten Knie verständigen können, folgt daraus, dass aufgrund der Differenz der aktuellen Hirnzustände der Unterredner die Bedeutungen der von ihnen verwendeten sprachlichen Ausdrücke nicht mit den neuronalen Mustern identisch sind, die bei eben dieser Verwendung der Sätze auftreten.</p>
<p>Wären die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke identisch mit den Hirnzuständen, die auftreten, wenn wir sie verwenden, wäre mein aktueller Hirnzustand, stimuliert durch das Sehbild einer in einem dunklen Zimmer brennenden realen Kerze, identisch mit meinem Hirnzustand, stimuliert durch das Sehbild derselben Kerze – nur dieses Mal zweifach reflektiert mittels zweier so gegeneinander gedrehter Spiegel, dass ich das Spiegelbild der Kerze nicht seitenverkehrt, sondern in der originalen Ausrichtung wahrnehmen kann. Indes wäre die jeweilige Bedeutung des von mir angesichts des jeweiligen Sehbildes geäußerten Satzes „Dort brennt eine Kerze“, den ich sowohl verwende, um den Seheindruck der realen Kerze wiederzugeben, wie auch verwende, um den Seheindruck der Schein-Kerze wiederzugeben, das eine Mal ein wahrer Satz und das andere Mal ein falscher Satz – die jeweilige Bedeutung der beiden sprachlichen Ausdrücke bei gleichzeitiger Identität der neuronalen Muster oder Hirnzustände, die ihn repräsentieren, also denkbar verschieden, ja die eine Bedeutung das Gegenteil und die Negation der anderen, denn die Tatsache des Brennens der realen Kerze ist das Gegenteil oder die Negation der Tatsache des scheinbaren Brennens der imaginären Kerze, die in Wahrheit dort nicht brennt.</p>
<p>Folglich ist die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks nicht identisch mit dem neuronalen Muster, das auftritt, wenn wir ihn bilden und verwenden.</p>
<p>Wo steckt denn, wirst du fragen, die vermaledeite Bedeutung des von dir geäußerten Satzes, wenn wir sie auch mit den modernsten bildgebenden Verfahren nicht in deinem Gehirn als neuronales Muster identifizieren und scannen können?</p>
<p>Bedeutungen werden erzeugt von den Formen oder Strukturen der sozialen Praxis unserer Sprache, mit der wir hierzulande und hienieden uns verständigen. Sie sind nicht in unseren Köpfen oder Gehirnen verborgen, sondern liegen wie die Gegenstände und Ereignisse, die sie bezeichnen, gleichsam offen zutage. Ich sehe, wie du mit verzerrtem Gesicht dein Knie umfasst und dabei stöhnst. Ich frage dich: „Hast du Schmerzen in deinem Knie?“ Du bejahst meine Frage – oder gibst die verblüffende Antwort: „Ich übe die Rolle eines Hypochonders und Simulanten für ein Theaterstück. Ich habe also weder jetzt Schmerzen noch werde ich Schmerz empfinden, wenn ich meine Rolle im Stück zum Besten geben werden!“ Ich verstehe beides, dass du Schmerz empfindest wie dass du Schmerzempfindungen simulierst – ein Rekurs auf deinen jeweiligen Hirnzustand erübrigt sich.</p>
<p>Du sagst: „Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich vorgestern diese argen Schmerzen im rechten Knie hatte.“ Ist die Tatsache, dass du dich nicht erinnerst, etwa mittels des Umkehr- oder Negativmusters jenes Musters repräsentiert, welches deine Hirnaktivität bildet, wenn du aktuelle Schmerzen im rechten Knie hast?</p>
<p>Du sagst: „Wenn ich vorgestern nicht so hastig von meinem Schreibtisch aufgestanden wäre, hätte ich mir nicht das Knie an der Stuhllehne gestoßen und mir nicht diese bösen Schmerzen eingehandelt.“ Sollen wir dem irrealen Bedingungsgefüge als probatem Mittel der Konstruktion kontrafaktischer Welten Bedeutung nur zusprechen, wenn es auf ein neuronales Muster abgebildet werden kann, das aufträte, wenn wir diesen Satz äußern? Um was für ein Muster könnte es sich dabei handeln? Wie könnten Neuronen Muster mittels aktueller und realer chemisch-elektrischer Aktivitäten formen, die virtuelle und irreale Zustände abbilden sollen?</p>
<p>Wären die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke identisch mit den sie repräsentierenden Hirnzuständen, hätten sie Teil an den grundlegenden Eigenschaften physikalischer Systeme, wie der Eigenschaft, systemisch oder kausal determiniert zu sein. Wenn du aber deiner Freundin reumütig bekennst, sie damals belogen zu haben, wie könnte sie dich dann tadeln oder dir verzeihen, wenn die Bedeutung des Satzes, mit dem du ihr die Lüge mitgeteilt hast, identisch mit deinem damaligen Hirnzustand gewesen wäre? Wärest du denn überhaupt in der Lage gewesen, den fatalen Satz nicht zu sagen oder einen anderen Satz oder schlicht die Wahrheit zu sagen, wenn die Bedeutung deiner Äußerung die systemischen oder kausalen Eigenschaften von physikalischen Gegenständen aufwiese?</p>
<p>Wäre die Bedeutung unserer sprachlichen Ausdrücke identisch mit den neuronalen Mustern, die auftreten, wenn wir sie verwenden, könnten wir im eigentlichen Sinne nicht willentlich die Unwahrheit sagen oder lügen oder Sätze äußern, für die wir ernsthaft zu tadeln sind.</p>
<p>Wie könnten wir die Sprache lernen oder andere in der Sprache unterrichten, wie könnten wir korrigiert werden oder andere korrigieren, wenn wir und sie bei der Verwendung der Wörter oder der syntaktischen Konstruktion der Sätze Fehler begehen, da physikalisch determinierte Zustände schlechterdings keine Fehler begehen und nicht getadelt werden, sondern schlimmstenfalls ausfallen und eine Panne haben können?</p>
<p>Ich werde dich ja auch beileibe nicht korrigieren oder tadeln, wenn du zu stottern beginnst oder deinen Satz plötzlich abbrichst oder wie in Trance sinnlose Sätze bildest – aufgrund der fatalen Tatsache, dass deine aktuellen Hirnzustände aufgrund pathogener Ereignisse wie der Wirkung von Drogen oder eines Hirnschlags durcheinandergeraten sind?</p>
<p>Weil wir mit einem Gutteil unserer Äußerungen auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Tatsachen Bezug nehmen, ist unser Sprachgebrauch gleichsam verwoben mit den Konzepten des Wahren und des Falschen. Wahrheit und Falschheit sind logische Eigenschaften und keine physikalischen Eigenschaften. Hirnzustände aber sind gewiss physikalische Eigenschaften. Folglich kann die Bedeutung der von uns verwendeten sprachlichen Ausdrücke nicht mit unseren Hirnzuständen identisch sein.</p>
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		<title>Philosophieren XLI</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Sep 2013 15:30:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Determinismus]]></category>
		<category><![CDATA[mögliche Welt]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Du hast nicht getan, was zu tun du vorhattest, und bist jetzt betrübt. – Kann ich daraus schließen, dass das, was du vorhattest, etwas war, das dich erheitert hätte? Oder kann ich daraus schließen, dass im Falle du deine Absicht verwirklicht hättest, du nicht betrübt, sondern im Gegenteil froh gewesen wärest? – Würden wir mit [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xli/">Philosophieren XLI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du hast nicht getan, was zu tun du vorhattest, und bist jetzt betrübt. – Kann ich daraus schließen, dass das, was du vorhattest, etwas war, das dich erheitert hätte? Oder kann ich daraus schließen, dass im Falle du deine Absicht verwirklicht hättest, du nicht betrübt, sondern im Gegenteil froh gewesen wärest? – Würden wir mit unseren Gedanken – oder mit den Sätzen, die sie ausdrücken und darstellen – die Wirklichkeit widerspiegeln, was spiegelten unsere Gedanken und Sätze dann wider, wenn wir denken und sagen, dass ein Sachverhalt oder eine Tatsache NICHT bestehe? – Ist die Negation wie ein Schatten, den der Sachverhalt oder die Tatsache in den Raum des Möglichen wirft? – Wir denken und sagen gerade so schnell, bequem und unbefangen „nicht p“ wie „p“.</p>
<p>Auch wenn der Satz „Der Schah von Persien sitzt auf dem Pfauenthron“, jetzt ausgesprochen, nicht wahr ist, weißt du doch, dass er einmal wahr war, und könntest ohne Widerspruch die Annahme wagen, dass er wer weiß? einmal wieder wahr sein könnte. Gilt dies auch für den Satz: „Ich bin zwar als Mann geboren, könnte aber genauso gut eine Frau sein“ oder „Ich bin zwar als Frau geboren, könnte aber genauso gut ein Mann sein“? Oder wäre eine solche Möglichkeit auszusinnen gleichbedeutend damit, sich vorstellen zu wollen, ein euklidisches Quadrat habe eine Winkelsumme von weniger oder mehr als 360 Grad?</p>
<p>Behaupte ich, wenn ich die Möglichkeit einer Tatsache negiere, die Möglichkeit einer Welt, in der es alles Mögliche gibt, nur diese eine Tatsache nicht? Impliziert die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz die Möglichkeit einer Welt, in der es alles Mögliche gäbe und auch das, was eben jetzt hienieden geschähe, nicht aber dich? – Deine mögliche Nicht-Existenz setzt neben der Tatsache, dass dich deine Eltern nicht gezeugt hätten, eine Viel- oder Unzahl anderer Tatsachen voraus: In jener Welt ohne dich sind sich deine Eltern vielleicht niemals begegnet. Wenn sich deine Eltern nicht begegnet wären, wären ihre Lebensgeschichten anders verlaufen. Wären die Lebensgeschichten deiner Eltern anders verlaufen, wären auch die Lebensgeschichten ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen. Wären aber die Lebensgeschichten ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen, wären auch die Lebensgeschichten wiederum deren Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen – also die Lebensgeschichten ALLER Menschen.</p>
<p>Folgt daraus nicht, dass die Welt, in der deine Existenz gleichsam nicht vorgesehen wäre, in vielfacher, umfänglicher oder gar globaler Hinsicht anders aussähe als diese unsere Welt, in der du deinem frohen bis betrübten Dasein frönst? – Du könntest dich auch fragen, wie weit die Voraussetzungen und Bedingungen zurückgehen (kausal, naturgesetzlich, logisch), deren tausendmaschiges Netzwerk die einzigartige lokale Verflechtung hervorgebracht hat, die wir als „Marienbader Elegie“ kennen? Ist die Farbigkeit, die Mehrtönigkeit, die Obertönigkeit des Wortes „Liebe“, wie es Goethe gebraucht, ohne die Voraussetzungen und Bedingungen denkbar, deren tausendmaschiges Netzwerk Judentum, Christentum sowie antike Dichtung und Philosophie – um nur diese zu nennen – geflochten haben? Wie viele Generationen sind es von Moses – so du ihn als historische Figur dem 1300 Jahrhundert v. Chr. unterschiebst – bis zu Goethe? –</p>
<p>Was hieße es aber, sagen zu wollen oder zu können, die Möglichkeit deiner Existenz sei der logischen Valenz nach nicht der Möglichkeit deiner Nicht-Existenz gleichzustellen? Hieße das nicht, annehmen zu müssen, dass deine Existenz in dieser unserer Welt gleichsam vorgesehen war und ist und nicht die Rolle eines kontingenten Etwas spielte, das auch nicht hätte sein können? Dass du nicht zu einer betrachtenden und ästhetischen oder gröber und klarer gesagt: einer Eckensteher-Existenz verurteilt bist, sondern durch tätige Hingabe und mitfühlende Verantwortung gleichermaßen deiner einzigartigen Rolle gerecht zu werden hast? Frage dich, warum alle Welt diese Welt als Tollhaus des Zufalls, als Arena blutig-grotesker Turniere auf Leben und Tod, als Totenspiel somnambuler Narren beschwört, feiert oder verflucht? –</p>
<p>Die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz bildet nicht so etwas wie ein kleines Loch, einen winzigen toten Punkt oder einen klitzekleinen schwarzen Fleck auf einem großen Genrebild von Pieter Brueghel d. Ä., in dem ein bösartiger Narr oder ein nihilistischer Mephistopheles eine püppchenzarte Figur im Hintergrund eines grotesken Menschengewimmels mit einer Nadel ausgestochen oder einer Rasierklinge ausradiert hätte – was aus einiger Entfernung nicht einmal auffiele. –</p>
<p>Deine Nicht-Existenz oder vielleicht die Nicht-Existenz der Stubenfliege, die sich gerade jetzt auf deinem Ärmel niederlässt, hätte zur Folge, dass das Bild der Welt, wenn wir es mit dem Genrebild Brueghels vergleichen, anders aussähe, eine andere Farbigkeit, eine veränderte Verteilung von Licht und Schatten, eine andere Anordnung der Sujets, ja andere Sujets aufwiese – am Ende überhaupt kein Genrebild mehr wäre, und sogar so verschiedenartig von dem Genrebild Brueghels ausfiele, dass es ein Maler wie Brueghel hätte überhaupt nicht malen können.</p>
<p>Wenn diese Welt (einschließlich deiner Existenz und der Existenz der Fliege auf deinem Ärmel) so sehr verschieden wäre von jener Welt (ausschließlich deiner Existenz und der Existenz der Fliege auf deinem Ärmel), wären sie dann so verschieden wie zwei Sprachen mit sehr unterschiedlicher Laut- und Wortbildung und anders strukturierter Grammatik wie das Deutsche und das Chinesische oder so verschieden wie ein klassisches Musikstück verglichen mit einem atonalen Musikstück? –</p>
<p>Oder wären diese Welt mit dir und jene Welt ohne dich so verschieden, dass sie überhaupt nicht mehr vergleichbar wären? Wo verläuft aber die Grenze, diesseits derer du sie vergleichen und jenseits derer du sie nicht mehr vergleichen kannst? Wann und wo beginnen alle Vergleiche, Bilder, Metaphern zu versagen? Sind wir hier an einer faktischen Grenze oder an einer begrifflichen Grenze angelangt? Jene nehmen wir mit dem Anlauf des Vergleichs, des Bildes, der Metapher spielend, bei dieser beginnen wir zu stottern. –</p>
<p>Ist es wie mit der Grenze zwischen unserer Welt und jener Welt, in der das Leben nicht auf organischen Kohlenstoffverbindungen, sondern auf Siliziumverbindungen aufgebaut wäre? Oder wäre dies die Grenze zwischen einer Welt wie der unseren und einer Welt, in der die Wesen, die wie Lebewesen aussähen und agierten, in Wahrheit tote Automaten wären? –</p>
<p>Die Modulation erfolgte nach Moll, nicht nach Dur beziehungsweise nach Dur und nicht nach Moll, wie du vielleicht erwartet hast. – Ist es so mit der herausragenden Tat, wenn der eine einem anderen das Leben gerettet oder der andere den anderen ums Leben gebracht hat, als würde vom Licht oder dem Schatten dieser einzigen Tat eine neue, wesentliche oder endgültige Deutung auf die Summe des bisherigen Lebens fallen? – Hätte der Lebensretter der Mörder oder der Mörder der Lebensretter sein können? Oder gehören sie zwei getrennten, weil strukturell verschiedenartigen Welten an? –</p>
<p>Und umgekehrt: Du hast in jungen Jahren ein Gelübde abgelegt und wolltest christlicher, buddhistischer, hinduistischer oder taoistischer Mönch oder christliche, buddhistische, hinduistische oder taoistische Nonne werden oder du fühltest dich zu außerordentlichen Taten der Nächstenliebe berufen und hast dann sinistren Verführungen und sinntötender Zerstreuung nachgegeben oder wurdest einfach müde und matt, und dein Ideal sank dahin – ist es hier wie mit dem Lebensretter und dem Mörder bestellt, nur nicht post festum, sondern ante festum, und das Licht der Tat, das Schuld, Sünde, Müdigkeit oder Langeweile verdunkelten, wirft sich als Schatten auf die vertane Lebensfrist? Wäre dies die Providenz der Hölle, von der Augustinus gemutmaßt hat? –</p>
<p>Oder gibt es hienieden die Möglichkeit der Möglichkeit, die Möglichkeit der Umkehr, des Richtungswechsels, des Neubeginns? Gibt es hienieden die Möglichkeit in potentia, indes nur im Raum der Gnade? Und ist der Raum der Gnade kein abgezirkelter Bereich, sondern ein Licht, in dem du stehst oder nicht stehst?</p>
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