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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Intentionale Zustände: Glauben</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen V</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Sep 2014 16:16:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intentionale Zustände: Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie Unterschied Mensch Tier]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (3), Befürchten, Mensch-Tier-Unterschied Wir sagen zurecht „Ich glaube, dass p“, wo wir einfach auch sagen können „Ich meine, dass p“ oder „Ich denke, dass p“. Glauben ist die Grundform unserer intentionalen Zustände, alle anderen bauen darauf auf. „Ich befürchte, dass der Brief vom Finanzamt heute eintrifft“ heißt: „Ich glaube, der Brief vom [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-v/">Kleine philosophische Lektionen V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (3), Befürchten, Mensch-Tier-Unterschied<br />
</em><br />
Wir sagen zurecht „Ich glaube, dass p“, wo wir einfach auch sagen können „Ich meine, dass p“ oder „Ich denke, dass p“.</p>
<p>Glauben ist die Grundform unserer intentionalen Zustände, alle anderen bauen darauf auf. „Ich befürchte, dass der Brief vom Finanzamt heute eintrifft“ heißt: „Ich glaube, der Brief vom Finanzamt trifft heute ein, und das ist unerfreulich“. „Ich hoffe, dass du mich bald wieder besuchst“ heißt: „Ich glaube, du besuchst mich bald wieder, und dann werde ich mich freuen.“ „Ich bedauere, dich gestern beleidigt zu haben“ heißt: „Ich glaube, ich habe dich gestern beleidigt, und das ist von Übel.“</p>
<p>Wir können uns intentional auf Ereignisse der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft beziehen. Wir bereuen, etwas gesagt oder getan zu haben, wir glauben, etwas zu sehen, wir erwarten hoffen, befürchten, dass ein Ereignis eintritt.</p>
<p>Kann ein Hund befürchten, dass du aufgrund deiner fortgesetzten Unpünktlichkeit demnächst wieder eine Abmahnung deines Arbeitgebers erhalten wirst und es damit wahrscheinlicher wird, dass du bald fristlos gekündigt wirst?</p>
<p>Warum kann er das nicht, obwohl er doch ansonsten so ein cleveres Kerlchen ist und immer gleich spitzkriegt, wo du den Socken versteckt hast? Wir sagen: Weil ein der menschlichen Sprache nicht mächtiges Tier nicht in der Lage ist, syntaktisch und semantisch komplexe Glaubensüberzeugungen wie eine solche Befürchtung zu bilden.</p>
<p>Wie könnte die genannte Befürchtung OHNE Zuhilfenahme der menschlichen Sprache ausgedrückt werden? (Wenn unser Hund jene Befürchtung hegen können soll, müsste er ja dazu in der Lage sein.) Antwort: überhaupt nicht.</p>
<p>Kommen wir dem Hund mittels der so beliebten Reduktion der Komplexität doch ein wenig entgegen: Könnte er befürchten, dass du ihm demnächst aufgrund deiner prekär gewordenen finanziellen Verhältnisse NICHT mehr mit den nicht ganz billigen Leckereien aufwarten könntest wie bisher?</p>
<p>Du meinst vielleicht, so ein Tier denkt vorwiegend mit dem Magen – und damit packen wir es! Doch wir sagen: Dies könnte der Hund noch viel weniger glauben und befürchten. Es ist gewiss kein leichtes Unterfangen, eine Überzeugung über ein zukünftiges Ereignis und seine komplexen Bedingungen zu bilden. Aber es ist ein noch weniger leichtes Unterfangen, eine Überzeugung über ein zukünftiges Ereignis zu bilden, das NICHT eintreten wird! Der Hund soll irgendein Bild von seinem leckeren Fressen im Kopfe haben – meinetwegen! Aber wie soll er ein Bild von einem nicht existierenden leckeren Fressen im Kopfe haben – etwa von seinem schmerzlich leer vorgefundenen Fressnapf?</p>
<p>Der Brocken Fleisch, der nicht im Fressnapf liegt, ist dem Hund kein Brocken, der nicht da ist, sondern einfach nicht vorhanden. Der Glaube und die Befürchtung, dass der Napf demnächst mit einem billigen Surrogat gefüllt sein oder leer bleiben wird, ist dem Hund ein nicht denkbarer Gedanke.</p>
<p>Ich kann glauben, dass du davon überzeugt bist, dein Hund werde den nicht vorhandenen „Braten“ riechen. Doch dein Hund kann ganz und gar nicht glauben, dass du ihm so etwas zu glauben unterstellst!</p>
<p>Am Ende läuft es darauf hinaus: Dein Hund trabt herzu und wedelt freudig mit dem Schwanz, schleicht um seinen Napf und findet nicht seine gewohnten Leckereien ­– er wird ein wenig grummeln und sich dann über den billigen Fraß hermachen. Wird er des Nachts aufschrecken und die Befürchtung hegen, am kommenden Tag wieder mit dem schnöden Surrogat abgespeist zu werden? Keineswegs. Am kommenden Tag wird er schon begierig auf den Napf stoßen und beherzt zulangen.</p>
<p>Wir bemerken: Etwas zu glauben und all jene intentionalen Befindlichkeiten, die etwas glauben zu können voraussetzen, wie Bedauern, Hoffen und Befürchten, sind ein humanes Spezifikum, das den Gebrauch der syntaktisch und semantisch komplexen menschlichen Sprache voraussetzt.</p>
<p>Und da die Fähigkeit, zu glauben, dass etwas der Fall ist, die Fähigkeit impliziert, zu glauben, dass etwas nicht der Fall ist, erweist sich auch die Fähigkeit der Negation als ein humanes Spezifikum, das den Gebrauch der syntaktisch und semantisch komplexen menschlichen Sprache voraussetzt.</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen IV</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Sep 2014 16:25:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intentionale Zustände: Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Zweifel]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (2) Wir sind uns nie vollständig bewusst, über welche und wie viele Überzeugungen wir tatsächlich disponieren. Erst wenn dich einer fragt: „Glaubst du, dass die Welt vor deiner Geburt bestand?“, wirst du der Tatsache inne, dass du dieser Meinung beipflichtest und schon immer zugeneigt hast, wenn sie dir zuvor auch nie in [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-iv/">Kleine philosophische Lektionen IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (2)<br />
</em><br />
Wir sind uns nie vollständig bewusst, über welche und wie viele Überzeugungen wir tatsächlich disponieren. Erst wenn dich einer fragt: „Glaubst du, dass die Welt vor deiner Geburt bestand?“, wirst du der Tatsache inne, dass du dieser Meinung beipflichtest und schon immer zugeneigt hast, wenn sie dir zuvor auch nie in den Sinn kam. Aber wir können diese Annahme jederzeit aus anderen Annahmen ableiten, die dir schon einmal in den Sinn gekommen sind:</p>
<p>„Ich glaube, die Welt hat existiert, bevor meine Schwester geboren worden ist.“<br />
„Meine Schwester ist älter als ich.“<br />
Also gilt:<br />
„Ich glaube, die Welt hat existiert, bevor ich geboren worden bin.“</p>
<p>Wir nennen diese trickreiche Art, uns Annahmen bewusst zu machen, die uns zuvor noch nicht in den Sinn gekommen sind, logische Ableitung oder Inferenz. Logische Ableitungen sind darüber hinaus die raffinierteste Technik, um die Gültigkeit von Annahmen zu überprüfen oder neue und wahre Annahmen aus bereits geltenden oder gesicherten Annahmen zu folgern.</p>
<p>Hier zeigt sich, dass Glauben ein Dispositionsbegriff ist, der sich auf deine Bereitschaft und Fähigkeit bezieht, auf die Frage nach der Wahrheit einer Behauptung mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten: „Glaubst du, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist?“ oder „Glaubst du, dass uns die Marsbewohner belauschen?“</p>
<p>Unsere Disposition, dies und das zu glauben oder dies eher anzunehmen als jenes oder ziemlich sicher davon auszugehen, dass dein Freund heute kommt, wenn er es versprochen hat, aber eher zu bezweifeln, dass das Medikament aus der Internetapotheke auch sicher hilft, ist kein theoretischer Luxus, sondern Bauelement unseres praktischen Tuns und Lassens.</p>
<p>Wir müssen lernen, nicht wie Kinder alles zu glauben, was man uns sagt und einredet. Wir lernen unter den Gründen, etwas zu glauben, nach dem Grad und Maß ihres Gewichts zu unterscheiden. Was wir mit eigenen Augen gesehen haben, bestätigt unsere Meinung eher als das, von dem ein anderer sagt, er habe es mit eigenen Augen gesehen, zumal wenn er uns nicht nahesteht oder gar, wenn er uns feindlich gesonnen ist.</p>
<p>Natürlich können wir uns irren, wenn wir etwas zu sehen geglaubt haben, und ebenso derjenige, dem wir aufgrund seines Ansehens und seiner bewährten Freundschaft unbedingtes Vertrauen zu schenken geneigt sind. Wir können unabsichtlich getäuscht werden, wenn einer sich in der Angabe des Weges irrt, den wir unverzagt beschreiten. Wir können böswillig hinters Licht geführt werden, wenn einer uns zur Schadenfreude in die Büsche schickt.</p>
<p>Indes wäre es unvernünftig, deshalb all unsere Annahmen und Überzeugungen einem Generalverdacht zu unterziehen, weil es nicht ausbleibt, dass wir uns dann und wann täuschen und irren oder getäuscht werden und sicher schon getäuscht worden sind. Der generalisierte Zweifel ist schon deshalb kein Vademecum für unsere epistemische Gesundheit, weil wir auf dem schwanken Grund des grandiosen „dubito, ergo sum“ uns nicht lange aufrechthalten können.</p>
<p>Leichtgläubigkeit ist ebenso verderblich wie Zweifelsucht und obsessives Misstrauen. Wir haben ja gewiss in den Falten des Herzens versteckt, was Marcel Proust kunstvoll von der Zweifelsucht und dem Misstrauen des eifersüchtigen Liebhabers bis zur Schamlosigkeit und Beschämung enthüllt hat: Hat die Geliebte die bange Frage um ihr Ausbleiben mit den heißesten Küssen weggewischt, blüht sie in dem allzu üppigen Rot ihrer Wangen und Lippen wieder auf, die sich der Eifersüchtige nicht anders als erregt durch die Erinnerung an kürzliche Begegnungen erotischer Ausschweifung erklären zu können glaubt.</p>
<p>Wenn wir die Lebensform des anderen durch systematischen Zweifel bis auf die innerste Faser zu entblößen vermeinen, vergiften wir nicht nur den Humus, auf dem wir im satten Grün einverträglicher Kommunikation uns betten können, sondern zerrütten auch unsere eigene Existenz: Denn wer warst du, dass du ihr geglaubt hast und ihr bezauberndes Lächeln mit deinen zärtlichen Regungen beantwortet hast, wenn du jetzt nicht nur an ihrer Treue, sondern auch an der Berechtigung und Echtheit deiner Gefühle zweifelst?</p>
<p>Solche Anfälle des großen Weltzweifels zerstieben wie Träume, und wir gehen wieder erfrischten Sinnes den Weg unseres Tags. Sollte sich im fernen Dunst die Aussicht verunklaren, tun wir nicht gut daran, uns an die köstlich genauen Gestalten der nahen Gegenwart zu halten?</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen III</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Sep 2014 18:07:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intentionale Zustände: Glauben]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (1) Wir können sagen, dass wir von dem und durch das leben, was wir glauben. Wer von einer schweren Psychose heimgesucht glaubt, dass die anderen Menschen ihm feindlich gesonnen sind, wird seines Lebens nicht mehr froh, und wer glaubt, die ihm dargebotene Nahrung sei vergiftet, wird nicht mehr lange leben. Du schaust [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-iii/">Kleine philosophische Lektionen III</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (1)<br />
</em><br />
Wir können sagen, dass wir von dem und durch das leben, was wir glauben. Wer von einer schweren Psychose heimgesucht glaubt, dass die anderen Menschen ihm feindlich gesonnen sind, wird seines Lebens nicht mehr froh, und wer glaubt, die ihm dargebotene Nahrung sei vergiftet, wird nicht mehr lange leben.</p>
<p>Du schaust aus dem Fenster und hüllst dich in dein Regencape. Du hast gesehen, dass es regnet und bist aufgrund dieser Wahrnehmung zu der Überzeugung gelangt, dass es regnet. Weil es nun tatsächlich regnet – ich kann es bezeugen –, bist du zu der wahren Überzeugung gelangt, dass es regnet.</p>
<p>Ich glaube aufgrund deines Verhaltens, dass du die Überzeugung hast, dass es regnet. Ich glaube demnach, dass du glaubst, es regne.</p>
<p>Wir nennen mentale Zustände, die auf ein Objekt oder einen Sachverhalt Bezug nehmen, intentionale Zustände und die korrespondierenden Objekte oder Sachverhalte intentionale Objekte oder intentionale Sachverhalte. Wenn du glaubst, es regne, ist dein Akt des Glaubens ein intentionaler Zustand und der Sachverhalt, dass es regnet, der intentionale Sachverhalt, auf den sich deine Annahme bezieht.</p>
<p>Wie gesagt, kann ich und jeder beliebige andere sich mittels seiner intentionalen Zustände auf deine intentionalen Zustände beziehen. Ich könnte beispielsweise befürchten, dass du annimmst, ich sei ein unzuverlässiger Mensch. Oder ich könnte hoffen, dass du nicht annimmst, ich sei ein unzuverlässiger Mensch. Oder ich könnte vermuten, dass du eher annimmst, ich sei ein zuverlässiger Mensch, als dass du annimmst, ich sei es nicht.</p>
<p>Es gibt viele mentale Zustände, mittels derer wir uns auf Objekte und Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beziehen. Wir erinnern uns an die letzte Geburtstagsfeier, sind vom Anblick eines Gemäldes bezaubert, sehnen uns nach dem Wiedersehen mit einem geliebten Menschen.</p>
<p>Wie viele mentale Zustände dieser Art mag es geben? Vielleicht so viele, wie wir mittels einfacher Sprechakte zum Ausdruck bringen können, Sprechakte, die den Inhalt des intentionalen Zustands in einem Verb explizit machen und dem Ausdruck für den Sachverhalt oder das Ereignis in der Oratio obliqua, der indirekten Rede, voranstellen: „Ich glaube, hoffe, wünsche, fürchte, dass p“.</p>
<p>Mit dem Anspruch des Wissens behaupten wir das Bestehen oder die Wahrheit des in der indirekten Rede ausgedrückten Sachverhalts. „Ich weiß, dass Wasser H<sub>2</sub>O ist“ ist eine wahrer Satz, denn der ausgedrückte Sachverhalt, dass Wasser H<sub>2</sub>O ist, ist wahr. Immer wenn der in der indirekten Rede ausgedrückte Sachverhalt existiert, können wir davon ausgehen, dass der im Hauptsatz erhobene Wissensanspruch zurecht besteht.</p>
<p>Dies gilt nicht für die intentionalen Zustände des Glaubens, denn ich kann jederzeit etwas annehmen, was nicht besteht. Ich kann glauben, Wasser bestehe aus XYZ, während es in Wahrheit aus H<sub>2</sub>O besteht. Der Inhalt des Glaubens, der geglaubte Sachverhalt, ist hier kein Inhalt des Wissens, denn er ist falsch. Auch wenn ich felsenfest davon überzeugt bin, dass Wasser XYZ oder der Mond aus Käse besteht, werden diese meine Überzeugungen unwahr bleiben – denn die hier relevanten Wahrheiten sind unabhängig von meiner Meinung.</p>
<p>Wenn alle über Nacht zur Überzeugung gelangt wären, dass die Euroscheine und -münzen in ihrem Portemonnaie oder die Euros auf ihren Konten kein echtes Geld, sondern Falschgeld sind, würde die Währung zusammenbrechen, denn keiner würde Falschgeld vom anderen annehmen wollen. Die Annahme nach dem Zusammenbruch der Währung, dieser Euroschein sei kein Geld, wäre wahr. Daraus schließen wir: Glaubensüberzeugungen über institutionelle Sachverhalte konstituieren die Wahrheit der in ihnen ausgedrückten Sachverhalte. Diese bestehen nicht unabhängig von unseren Meinungen über sie.</p>
<p>Demgemäß existiert das Rechtsinstitut der Ehe und Familie auf der Basis einer Mehrheit der Mitglieder einer Gemeinschaft, die bei der Eheschließung bereit sind, sich einem das Paar bindenden und verpflichtenden Treuegelöbnis und Vermählungsritual zu unterziehen. Solange der das Eheinstitut konstituierende Sprechakt unter Zeugen „Ja, ich will“ unter der Mehrheit der Gemeinschaft Usus bleibt, besteht das Institut. Wenn nicht, dann nicht mehr lange.</p>
<p>Alle unsere Annahmen sind durch die logischen Junktoren „und“ und „oder“ und den Negator „nicht“ verknüpft. Diese logischen Verknüpfungen sollten ein sinnvolles Ganzes bilden, das einigermaßen standfeste und regendichte Gebäude oder Korpus unserer Annahmen über die Welt. Wir können nicht gleichzeitig glauben, dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist und dass es keine Stadt des Namens Berlin gibt. Wir sind demnach darauf verwiesen, zwischen den logischen Verbindungen unserer Glaubenssätze Ordnung zu halten. Unser oberstes Ordnungsprinzip heißt Konsistenz. Es gebietet, dass wir von zwei sich widersprechenden Sätzen einen aus dem Korpus unserer Annahmen verbannen oder einen falschen Satz durch Negation wahr machen müssen: von den genannten Sätzen also den Satz über die Nichtexistenz Berlins.</p>
<p>Wir müssen im Kern unseres logisch-semantischen Systems gewisse Annahmen als unverbrüchlich zugrundelegen, während wir unsere Überzeugungen, je mehr wir an seine Ränder gelangen, wie die Kleider zu wechseln imstande sind. So stoße ich am Systemgrund auf den Felsen des Glaubens, dass ich es bin, der jetzt hier dieses schreibt. Oder dass ich durch die Negation eines falschen Satzes einen wahren erhalte. Aber die Annahme, dass der Morgen graue, wenn ich in der Nacht von einem Vogelzwitschern erwacht bin, während ich in Wahrheit das Zwitschern geträumt habe, kann ich, ohne dass im Korpus meiner Überzeugungen gleich alles drunter und drüber geht, ebenso problemlos verwerfen wie die scheinbar gewichtigere Überzeugung, die Menschheit werde sich, wie sie sich im Maße der Zunahme an Konsistenz ihrer allgemeinen Annahmen und Überzeugungen logisch zu vervollkommnen scheint, im Maße der Zunahme an Konsistenz ihrer ethischen Annahmen und Überzeugungen auch moralisch vervollkommnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-iii/">Kleine philosophische Lektionen III</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></content:encoded>
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