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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Liebe</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophieren XXXIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiii/</link>
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		<pubDate>Sat, 24 Aug 2013 10:27:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiii/">Philosophieren XXXIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was geschieht, wenn nur eine Wand noch hält, müssen wir uns nicht ausmalen.</p>
<p>Nimm in diesem Bild das Dach als den Sinn und Zweck gemeinsamen Redens und Tuns, die uns in so unterschiedlichen Formen wie einer harmlosen Unterhaltung, in Struktur und Management eines Unternehmens oder im Aufbau und der Verbreitung einer religiösen Gemeinschaft entgegentreten. Das Dach ist das merkwürdige, scheinbar luftig-abstrakte und dennoch so unheimlich wirksame Etwas, das entsteht, wenn du und ich oder wir und ihr uns zusammentun, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, eine Kirche zu stiften, eine Firma oder eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung aufzubauen.</p>
<p>Das Dach ist die verkörperte Vernunft der durch unser gemeinsames Reden und Tun begründeten Institution. Die Mauern sind die vier elementaren Komponenten und Faktoren der Grundsituation des Redens und Tuns: Abgegrenztheit des Gegenstands, auf den sich unser Reden und Handeln bezieht, Reziprozität und Transparenz der beiderseitigen Erwartungen, Eindeutigkeit der Situation und Bestimmtheit und Festigkeit unserer Absichten, zu reden und zu handeln.</p>
<p>Bekanntlich kann man das Bild vom Dach und den Mauern auch umkehren und sagen, im Falle von Institutionen trage das Dach die Mauern: Nur in ihrer wechselseitigen Verknüpfung finden die elementaren Komponenten der Situation gemeinsamen Redens und Tuns den Raum ihrer vollen Entfaltung. So etwa, wenn wir beide eine kleine Firma gründen, sagen wir eine Zoohandlung mit ein paar Haustieren wie Vögeln und Nagern, zur Hauptsache aber Artikeln für den Bedarf des Haustierhalters wie Nahrung, Streu, Sand, Spielzeug für Tiere, Käfige usw. Mit dieser Begriffsbestimmung haben wir bereits den Gegenstand, auf den sich unser gemeinsames Reden und Tun bezieht – unsere erste tragende Wand –, klar abgegrenzt: Handel mit Artikeln für den Bedarf von Haustierhaltern. In dieser Form erscheint der Gegenstand auch in der Satzung der Firma als Unternehmenszweck und in der Urkunde, die wir beim Notar beglaubigen, der das neue Unternehmen am Registergericht der Stadt und Kommune eintragen lässt.</p>
<p>Nun könntest du mit mir an einen Schlawiner und kleinen Gauner geraten sein, der die Firma nur als Vorwand nutzen will, um mit dem GmbH-Vertrag wedelnd und dem Geschäftsführergehalt auf dem neuen Konto bei der Bank mit einer solchermaßen leicht erschlichenen Bonität einen möglichst großen Kredit zu ergattern – und mit dem abkassierten Geld das Weite zu suchen. Ich hätte dich darin getäuscht, dass mein Begriff des Gegenstandes unseres gemeinsamen Redens und Tuns derselbe wäre wie dein Begriff – aber das war nicht der Fall, denn ich verfolgte einen anderen Zweck mit ihm als du. Solltest du meinen geheimen Absichten auf die Schliche kommen, bevor es zu spät wäre, tätest du gut daran und handeltest vernünftig, mich wegen des Betrugsversuchs vor die Tür zu setzen. Der Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Redens und Tuns wäre damit verlorengegangen, das Dach der Vernunft über der Institution Firma hat ein Loch bekommen.</p>
<p>Was ist nun im rechten Falle der Gegenstand, der Begriff, das Unternehmen? Sind es wir beide als Unternehmer, sind es der Verkaufsraum und das Büro, die Verkaufsartikel oder das Geld in der Kasse und auf der Bank? Keins von alledem und auch nicht alles zusammen. Das Unternehmen ist das einigende Band aller Teilmomente, das nur dadurch zustande kommt, dass wir, die sprechenden und handelnden Aktoren, uns gegenseitig bestätigen, dass dieser ominöse, abstrakte Gegenstand namens Firma tatsächlich existiert. Wenn wir es tun und danach handeln, tun es auch unsere Kunden, unsere Lieferanten und unsere Hausbank. Sobald einer der wichtigen Aktoren sein Veto einlegt und die Existenz der Firma bestreitet oder leugnet, betreibt er ihren Untergang: Kunden gehen bekanntlich nicht zu Läden, deren Existenz sie leugnen, Lieferanten beliefern nichtexistente Abnehmer nicht mit Waren und Banken versehen nichtexistente Klienten nicht mit günstigen Krediten.</p>
<p>Wenn die Sache mit rechten Dingen zugeht, erwartest du von mir, was ich von dir erwarte – die zweite tragende Wand: dass wir uns um den Fortbestand der Firma kümmern, pünktlich unser Termine wahrnehmen, die Verwaltungsarbeiten sorgfältig und akkurat erledigen, die Buchhaltung regelmäßig überprüfen und mit dem Steuerberater abgleichen, die rechtlich verordneten Bestimmungen über Hygieneschutz, Impfmaßnahmen und Sauberkeit einhalten und die Lager- und Verkaufsräume von einem Beamten des Gesundheitsamts überprüfen und abnehmen lassen, gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte in Vorstellungsgesprächen auswählen, die neuen Angestellten mit ihrem Arbeitsumfeld vertraut machen, Lehrlinge und Azubis ausbilden, wenn wir ausbildungsberechtigt sind, beziehungsweise eine Ausbildungsberechtigung bei der IHK und dem Arbeitsamt erlangen, auf arbeitsrechtliche Bestimmungen wie Sicherheitserfordernisse und Urlaubsansprüche achten, uns um Werbe- und POS-Maßnahmen kümmern, die Lieferanten mit Bestellungen neuer Artikel beauftragen, den Verkaufsraum reinigen und dekorieren und mit neuen Artikeln versehen und die Kunden freundlich und fachlich engagiert bedienen. Wir tun gut daran, unsere beiderseitigen Erwartungen zu harmonisieren und genau aufeinander abzustimmen, zu synchronisieren und zu vertakten und zum Beispiel auf einem Monatsplan präzise festzuhalten, was wer wann zu tun und zu erledigen hat.</p>
<p>Liegen wir mit unseren reziproken Erwartungen quer und überkreuz und bürdest du mir Arbeit auf, die eigentlich du zu erledigen hättest und umgekehrt, ist der Wurm in der Sache und auf unserem Unternehmen ruht kein Segen. Die Saat des Streits und aufreibender Auseinandersetzungen ist ausgestreut, sobald sich die beiderseitigen Erwartungen in Bezug auf das, was es gemeinsam zu bereden und zu tun gibt, widersprechen, auslöschen oder neutralisieren.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Eindeutigkeit der Situation – die dritte tragende Wand – können wir, sollte man meinen, schlecht in die Irre gehen, handelt es sich doch schlicht und ergreifend um die Gründung und Führung einer Firma in der Rechtsform einer GmbH mit genau abgestecktem Unternehmenszweck und Unternehmensgegenstand. Sollte ich oder du nicht völlig darüber im Klaren sein, um welche Situation es sich handelt, wäre ich oder du entweder so furchtbar dumm oder so unrettbar verrückt, dass ich oder du geistig nicht in der Lage und völlig überfordert wäre, eine Firma zu gründen, geschweige denn vernünftig zu führen, oder ich oder du müsste wegen geistiger Beschränktheit oder Demenz für unzurechnungsfähig erklärt werden, was zur Folge hätte, dass ich oder du die Berechtigung verlöre, eine Firma zu gründen und zu führen.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Bestimmtheit der Absichten der beteiligten Aktoren – die vierte tragende Wand – kann die leider allzu verbreitete Janusköpfigkeit menschlicher Affektlagen auch in unserem so hoffnungsfroh begonnenen Unternehmen ein- und durchschlagen. Wenn du mir heute noch nachträgst, dass die Frau, die wir vor vielen Jahren beide begehrt und geliebt haben, sich schließlich für mich entschieden und mich geheiratet hat und dir trotz guten Willens und bester Absichten, mit mir eine Firma aufzubauen, immer wieder die böse Absicht in die Quere kommt, dich wegen der damaligen Zurücksetzung schadlos zu halten und zu rächen, wirst du die für das Gelingen unseres gemeinsamen Unternehmens nötige Bestimmtheit und Festigkeit der Absicht, die Firma mit mir vernünftig zu führen, am Ende nicht durchhalten und beherzigen, sondern früher oder später das schmale Dach ökonomischer Vernunft über uns zum Einsturz bringen.</p>
<p>Wir sprechen von Vernunft und meinen keine Sache in deinem oder meinem Kopf, auch wenn man öfters einmal Köpfchen haben muss, um Vernunft walten zu lassen. Die Vernunft ist eine in Institutionen und Einrichtungen wie Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Ehen und Familien, Unternehmen und Verwaltungen, Kirchen und Gemeinden verkörperte Struktur reziprok abgestimmter Erwartungen und Absichten hinsichtlich des Aufbaus und der Erhaltung einer gemeinsamen Situation des Redens und Tuns.</p>
<p>Aber ist Liebe nichts Irrationales, eine Gefühlsgeschichte bar jeder Vernunft, wirst du vielleicht fragen. Das ist das romantisch verkürzte Verständnis des Begriffs, nach dem sich zwei Liebende in die Eremitage einer Passion des gegen- und wechselseitigen Redens und Tuns einschließen. Die zur Vernunft offene Liebe ist ein Bündnis oder Pakt auf der Grundlage des Versprechens, einander dafür Sorge zu tragen, die im Spiele befindlichen beiderseitigen Erwartungen und Absichten auf die geteilte Grundsituation des Redens und Tuns abzustimmen. Das erfordert gelegentlich den Einsatz erhöhter Aufmerksamkeit füreinander, das Überwinden und Umgehen von eingetretenen Hindernissen oder von Herzen kommende Hinweise auf erfreuliche, erheiternde, beglückende Blickachsen und Aussichten. Je näher sich die Liebe an der intimen Passion ansiedelt und je ferner der öffentlich deklarierten Ehe, desto fragiler und durchlässiger für die Unbill der Witterung ist ihr schmales Strohdach der Vernunft. Oft genügt ein Funke des Missverstehens, des bösen Willens oder bloßer Laune, und es steht in hellen Flammen.</p>
<p>Die Vernunft von Ehe und Familie ist im Kind verkörpert, das Kind ist der eigentliche Sinn und Zweck der Grundsituation gemeinsamen Redens und Tuns, um die es dabei geht. Das Kind bedarf der Hut und Pflege, der Ernährung und Erziehung, mit einem Wort der Verantwortung der Erwachsenen. Für einen Schwächeren und Anlehnungsbedürftigen Verantwortung tragen heißt, seine Lebensbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen, sein Verlangen nach Aufmerksamkeit, emotionale Nähe und Bestätigung zu erfüllen und ihm die Gelegenheiten und Möglichkeiten der Entfaltung und Reifung seiner Persönlichkeit mit einem Weitblick und einer klugen Voraussicht in Aussicht zu stellen, über die das Kind noch nicht verfügt. Die Abstimmung der beiderseitigen Erwartungen und Absichten und die Definitionsmacht über die Grundsituation liegen bei den Eltern, die sich darüber zu verständigen haben, dass und wie sie das geteilte Thema Erziehung gemeinsam schultern. Wenn ein Elternteil den Bund bricht und die Erwartungen des anderen enttäuscht und andere Absichten als die vernünftig ausbedungenen und erforderten im Schilde führt, handelt er unvernünftig, gleichgültig was ihm die Leidenschaft insinuiert und ins Ohr flüstert. Schließlich pflegt auf diese Weise das Dach der Vernunft über dem Haus der Ehe und Familie abgetragen zu werden.</p>
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		<title>Philosophieren XXV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxv/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Aug 2013 16:15:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Die grundlegenden Adverbien für die Spezifikation der Ausdrücke, mit denen wir unsere sozialen Beziehungen beschreiben, sind „nah“ und „fern“ beziehungsweise „oben“ und „unten“. Insofern wir mit den Steigerungsformen dieser Adverbien wie „näher“ und „ferner“, „höher“ und „tiefer“ Modulationen und Fluktuationen der sozialen Beziehungen auf der horizontalen Achse der Nähe und Ferne beziehungsweise der vertikalen Achse [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxv/">Philosophieren XXV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die grundlegenden Adverbien für die Spezifikation der Ausdrücke, mit denen wir unsere sozialen Beziehungen beschreiben, sind „nah“ und „fern“ beziehungsweise „oben“ und „unten“. Insofern wir mit den Steigerungsformen dieser Adverbien wie „näher“ und „ferner“, „höher“ und „tiefer“ Modulationen und Fluktuationen der sozialen Beziehungen auf der horizontalen Achse der Nähe und Ferne beziehungsweise der vertikalen Achse der Über- und Unterordnung markieren, erschließen wir uns die kleinen und großen Dramen des menschlich Lebens – und zwar sowohl von Personen im Intimbereich von Liebe und Freundschaft wie von Quasi-Personen wie Unternehmen und Staaten im wirtschaftlichen und historischen Ereignisfeld.</p>
<p>Alles, was deine Person und dein Leben, deine Lebensumstände und dein Schicksal angeht, liegt mir nahe, interessiert und besorgt mich. Ich habe daran lebendigen Anteil. Die Lebensumstände und Schicksale deiner Kollegin liegen mir fern, sie interessieren mich nur insofern, als sie wiederum dein Leben tangieren. Ich erkundige mich nach deinem Ergehen, nicht nach dem Ergehen deiner Kollegin. Als wir uns noch nicht begegnet waren, waren wir uns so fern, dass ich nicht einmal den Gedanken habe hegen können, mich nach deinem Ergehen zu erkundigen. Was mir jetzt so nahe liegt, war mir ehedem so fern und gleichgültig. Das gereicht mir nicht zum Vorwurf, weil das Unmögliche nicht eingeklagt werden kann.</p>
<p>Den höchsten, stärksten, intensivsten Grad der Anteilnahme nennen wir Liebe und sagen etwa: „Du stehst mir in meinem Leben am nächsten.“ Oder: „Was dich freut, freut auch mich, was dich bekümmert, bereitet mir Sorge.“ Wir können konstatieren, dass Liebe die sozialen Beziehungen sowohl zwischen nahe Verwandten und hier vorzüglich zwischen Eltern und Kindern in beiderlei Richtung als auch zwischen nicht verwandten Liebesleuten umfasst.</p>
<p>Wir wissen ja genau, was Liebe ist, weil wir sehen, wie Eltern ihre Kinder herzen und versorgen, wickeln, ernähren und erziehen, wie Kinder ihre Eltern umarmen, mit Spielen und Geschenken erfreuen, im Haushalt und Garten helfen, im Alter unterstützen und pflegen. Wir wissen genau, was wir mit Liebe meinen, weil wir sehen, dass Liebespaare nicht nur Händchen halten und sich küssen, sondern füreinander einstehen, einander helfen und stützen. Wir begreifen, dass mit Liebe nicht ein bloßes Gefühl oder eine Passion gemeint sein kann, sondern ein soziales Band von Verbindlichkeiten und gegenseitiger Verpflichtung. Die schönen Zeichen der Liebe sind gewiss Blumen und Geschenke, die von Herzen kommen, die besten Zeichen aber sind Taten. Wenn ich dich auf deinen ausdrücklichen Wunsch hin nicht besuchen komme, obwohl du zu Hause krank im Bett liegst, dir nichts zu essen bereite oder mitbringe und dir zu deiner Unterhaltung nicht aus deinem Lieblingsschriftsteller vorlese, sondern solches Mühewalten für unbequem erachte und ihm einen Besuch im Kino oder ein Spiel mit meinen Schachkumpanen vorziehe, ist sonnenklar erwiesen, dass hier von Liebe nicht die Rede sein kann.</p>
<p>Es kennzeichnet die Verwendung von adverbiellen Bestimmungen für Ausdrücke sozialer Beziehungen, dass sie einer Metrik nicht nur der Richtungskoordinaten Ordinate (der Vertikalen) und Abszisse (der Horizontalen) einbeschrieben sind, sondern auch der Orientierung von Plus und Minus wie im kartesischen Koordinatensystem. Die Negation von Liebe ist Hass, die Negation von Freundschaft ist Feindschaft. Die Negation von Feindschaft ist entweder Freundschaft oder Indifferenz. Die Negation von Hass ist entweder Liebe oder Freundschaft oder Indifferenz.</p>
<p>So wollen und können wir nicht verhehlen: Am Ergehen der Person, die dir einen nicht unbeträchtlichen physischen oder seelischen Schaden zugefügt hat, nimmst du ähnlich intensiven Anteil, wie am Leben der Person, die dir physischen Genuss und seelischen Reichtum beschert hat. Da du kein Heiliger bist, kannst du nicht umhin, dich insgeheim zu ergötzen, wenn dir eine Nachricht über einen jener verhassten Person entstandenen Verlust zu Ohren kommt, wie du dich offenherzig freust, wenn du erfährst, die geliebte Person habe im Lotto gewonnen, einen Preis verliehen bekommen oder bei der Prüfung exzellent abgeschnitten. Interessanterweise ist Hass ein reines Gefühl und ein ziemlich lästiger oder schwer erträglicher affektiver Zustand, nicht aber wie Liebe ein echtes soziales Band von Verbindlichkeiten und gegenseitiger Verpflichtung.</p>
<p>Hier erfassen wir auch, was wir meinen, wenn wir einem Menschen ein krankhaftes und pathologisches Verhalten und Fühlen in seinen sozialen Beziehungen attestieren: Dieser Mensch ist weder in der Lage, die wahre Größenordnung von Nähe und Entfernung auf der horizontalen Achse der sozialen Beziehung noch die wahre Größenordnung der Über- und Unterordnung auf der vertikalen Achse einzuschätzen, zu gewichten und zur Richtschnur seiner Einstellung, seines Gefühls und seines Verhaltens zu nehmen. Vielmehr täuscht der Kranke sich darin, eine scheinbare Nähe wie die bloß zufällige Berührung oder den beiläufigen Blick für Zeichen echter Nähe zu deuten und solcherweise zutraulich oder zudringlich sich aufzuführen, dass ihm Einhalt geboten werden muss. Oder umgekehrt, der Kranke versteht echte Zeichen von Fürsorge und freundlicher, freundschaftlicher oder liebevoller Nähe als Formen verletzender und verwirrender Übergriffe und Einschüchterungen. Das Naheliegende deutet der Kranke als das Fernliegende, das Fernliegende als das Naheliegende, die liebevolle Annäherung als böswilligen Angriff, den böswilligen Angriff als liebevolle Annäherung.</p>
<p>Auch die Begriffe von Oben und Unten haben sich unserem Patienten verwirrt: Dem Lehrer und Arzt, dem Priester und Richter, dem Techniker, Handwerker und Wissenschaftler fühlt er sich, der keine Lehre abgeschlossen, kein Examen bestanden, keine Ausbildung durchgehalten hat, unendlich überlegen und verhält sich ihnen gegenüber auch demgemäß: herablassend, rebellisch, unverschämt. Den in Hinsicht auf Leistung und Ausbildung weit über ihm stehenden Personen gegenüber beansprucht der Kranke eine die Grenzen des Anstands überschreitende Nähe und vulgäre Vertraulichkeit.</p>
<p>Ein anderer fühlt sich trotz seiner erwiesenen hervorragenden Leistungen auf beruflichem, wissenschaftlichem oder sportlichen Feld jedem dahergelaufenen Dreckspatz und Gassenjungen unterlegen, der ordentlich auf die Pauke hauen, sein freches Mundwerk laufen lassen und den schüchternen Menschen mit deftigen Witzen und Obszönitäten unflätig anhauen kann. Der Kranke ist unfähig, den ihm gebührenden Abstand von Zudringlichkeiten der gemeinen Art mittels Entfernung der eigenen und nötigenfalls der anderen Person entschieden und beherzt in die Tat umzusetzen.</p>
<p>Der Kranke sieht sich auch nicht in der Lage, der wahren oder vorgeblichen Größe für die Nähe oder Ferne seiner sozialen Beziehung auf der horizontalen Skala einen eindeutigen Richtungswert zuzuordnen – vielmehr wechselt er beständig von Plus zu Minus und Minus zu Plus oder versteigt sich zur paradoxen Behauptung der gleichzeitigen Existenz beider Werte. So unterliegt er dem krankhaften Zwang, den zu hassen, den er liebt, und den zu lieben, den er hasst. Er ist misstrauisch gegen den, der ihm gut will, und vertraut blindlings dem, der ihn hinters Licht führt und übers Ohr haut.</p>
<p>Wir wollen an dieser Stelle nur andeuten, dass die kleinen und großen Dramen des menschlichen Lebens in der Tat mittels der Steigerungsformen der adverbiellen Bestimmungen der Ausdrücke für soziale Beziehungen wie näher und ferner erfasst werden: Gestern standen wir uns noch fern, dann kamen wir uns unter einer glückbringenden Konstellation immer näher, heute liegen wir uns in den Armen. Wehmütig gedenkst du der verflossenen Tage des Sommers, als du mit deinem Liebsten glücklich Hand in Hand gingst. Dann legte sich oft und öfter ein schmaler Schatten der Entfremdung oder der herannahenden Figur eines Dritten zwischen euch und wurde größer und größer. Heute empfindest du die Entfernung zwischen euch als so trostlos weit wie die Entfernung des Mondes zur Erde. Ihr wart euch sehr zugetan, da spielte euch das Schicksal einen dummen Streich und fast ließet ihr die Hände voneinander abgleiten und sinken. Doch die Wärme und Zuversicht eurer Liebe und die Hochherzigkeit eurer gegenseitigen Zusagen blieben siegreich und vertrieben die Schatten.</p>
<p>Freundschaft ist das Gegenteil von Feindschaft und verbindet die Freunde in einem sympathetischen Umgang gegenseitiger Achtung. Ihr trefft euch regelmäßig zu Konzert- oder Museumsbesuchen, zu Kaffee und Kuchen, ihr tratscht vergnügt über die Malaisen von Nichtanwesenden, nehmt aber gehörigen Anteil am beiderseitigen Schicksal und unterstützt euch in Notlagen nach Billigkeit und Angemessenheit. Freundschaft kann eng sein und dir einen Packen von Verbindlichkeiten aufbürden, von der Intimität und Intensität der Liebe entfernen sie aber die geringere Nähe und Dichte von Emotion und Obligation.</p>
<p>Feindschaft hat denselben Grad der Nähe wie Freundschaft, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wir unterscheiden Feindschaft von Hass und setzen den Unterschied darin, dass Hass auf die Schädigung oder gar Vernichtung der gehassten Person aktiv oder passiv aus ist, während Feindschaft die Persönlichkeit des Feindes würdigt und nicht in Frage stellt, aber seine Absichten und Zwecke, seine Gesinnungen und Werte ablehnt. Du hütest dich vor dem Feind, weil er Interessen und Absichten verfolgt, die den deinen entgegengesetzt sind und mit ihnen konfligieren. Du gehst ihm aus dem Weg oder ergreifst Abwehrmaßnahmen wider seine unlauteren Absichten. Doch kannst du zwischenzeitlich durchaus Aug in Aug ihm gegenübertreten und mit ihm gleichsam einen Waffenstillstand verabreden: eine Zeit des Interimsfriedens, in der ihr euch gelassen verschmäht, ohne euch zu schmähen.</p>
<p>Wir spezifizieren die Ausdrücke für soziale Beziehungen nicht nur mittels der adverbiellen Bestimmungen nahe und fern beziehungsweise näher und ferner und markieren damit den Grad ihrer Nähe, gleichsam von links nach rechts und von rechts nach links Abstände bildend. Wir spezifizieren unsere Ausdrücke für soziale Beziehungen auch mittels der adverbiellen Bestimmungen oben und unten beziehungsweise höher und tiefer und markieren damit den Grad der Ober- und Unterordnung oder der Dominanz und Unterlegenheit der beteiligten Personen und Partner. Die kontinuierliche langsame oder schnelle Verschiebung oder der abrupte Wechsel der Werte auf der vertikalen Ordnungsskala erschließen uns neue Gründe für die kleineren und größeren Dramen des menschlichen Lebens – und das sowohl im intimen Umfeld von Liebe oder Freundschaft wie im komplexen Rahmen von Unternehmen oder Staaten.</p>
<p>Wir achten auf das Zusammenspiel der Verschiebungen auf der Horizontalen und der Vertikalen: Ich kann mich von dir entfernen, indem ich den Weg nach links einschlage und ebenerdig zwanzig Meter zurücklege. Ich kann mich ebenso weit von dir entfernen, wenn ich die Treppe hier hinaufsteige, während du unten an der Tür stehenbleibst.</p>
<p>Du hast es durch fleißiges Lernen und den Besuch der Abendschule oder von Fortbildungskursen dahin gebracht, schnell die Karriereleiter emporzuklettern. Mit der dünnen Luft der Chefetage hast du neue Lebensformen und das Highlife von Luxus, feinen Anzügen, edlen Schuhen und raffinierten Cocktails in der Bar des Tennisclubs kennengelernt. Deine alten Freunde haben sich einer nach dem anderen leise von dir entfernt, während du auf der Segelyacht des Vorstandsvorsitzenden deiner Firma und in den VIP-Lounges der internationalen Flughäfen Bekanntschaft mit den Happy Few geknüpft hast. Natürlich entspricht das neu erworbene Loft in bester Westendlage und das flotte Sportcoupé nunmehr deinem Style of Life. Während alledem ist deine Frau die alte geblieben, sie räkelt sich gelangweilt auf der teueren Ledercoach und lackiert ihre Fingernägel, um sich für die Party schick zu machen. Doch eigentlich sind ihr die neuen Gesichter dort mit ihrem undurchdringlichen Dauerlächeln und ihrem ewig gleichen Singsang auf die teure Sorglosigkeit eines sinnleeren Luxuslebens zuwider. Sie vermisst die alten Freunde, mit denen man unbefangen scherzen und auch mal Neun gerade sein lassen konnte. Es kommt, wie es kommen muss. Deine Frau hat sich in dem Maße innerlich von dir entfernt, wie du äußerlich aufgestiegen bist. Die einst geteilte intime Nähe von Liebe und Freundschaft hat sich gleichsam in dem kühlen Dunst aufgelöst, der dir aus der Klimaanlage deines Chefzimmers entgegenweht. Mach dich darauf gefasst, dass dich deine Frau bald verlassen wird.</p>
<p>Beschränken wir für unseren Hausgebrauch die Funktion von Unternehmen, Vereinen, Organisationen, Nationen beziehungsweise der sie repräsentierenden Staaten auf eine Rolle als Quasi-Personen, können wir ihnen wie allen Personen Absichten und Zwecksetzungen unterstellen, die ihr Handeln begründen und verständlich erscheinen lassen. Unternehmen zum Beispiel sind Organisationen mit dem Zweck der Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen, die am Markt durch Wachstum und mittels ständiger Verbesserung und Innovation ihrer Leistungen expandieren wollen. Ihre Nähe und Ferne zu anderen Unternehmen ist durch den Wettbewerb um Kunden und Absatzmärkte oder durch Filiationen wie Konzernbildung oder Zweckabsprachen wie bei der Preisbildung definiert. Unternehmen, die gestern noch als Konkurrenten auf einem Marktsegment um denselben Kundenstamm gekämpft haben, werden von einem dritten ihnen in Hinsicht auf die schiere Größe, die Produktentwicklung und das Produktdesign, die finanziellen und technischen Ressourcen weit überlegenen Unternehmen übernommen und partizipieren nunmehr dank einer sinnvoll angepassten und komplettierten Kooperation gemeinsam am Verkaufs- und Markterfolg.</p>
<p>Hier beobachten wir, dass bei bestimmten Größenordnungen und Komplexionsgraden der beteiligten Partner die Werte auf der Abszisse der Beziehungsentfernung um die Über- und Unterordnungsstufen der Werte auf der Ordinate zu ergänzen sind: Die beiden gleichermaßen unterlegenen Unternehmen, die früher harter Wettbewerb voneinander entfernte, operieren jetzt auf Augenhöhe in kooperativer Nähe.</p>
<p>Staaten stehen sich auf der horizontalen Koordinaten als durch Bündnisverträge eingeschworene Partner nahe oder als Feinde fern, wenn sie hart um dieselben Energieträger und Absatzmärkte ringen und kämpfen. Die Feindschaft zwischen Staaten kann sich bis zu bewaffneten Konflikten oder Kriegen steigern. Staaten, die aufgrund ihrer schieren Größe oder Überlegenheit an Know-how, Waffentechnik und Ressourcen ihre Anrainer dominieren, betrachten wir als Regional- oder Mittelmächte, während wir Staaten als Großmächte oder Imperien ansehen, die ebenfalls aufgrund ihrer Größe und ihres technologischen Know-hows sowie des Reichtums an Ressourcen ganze Kontinente und deren Staaten und Nationen beherrschen.</p>
<p>Die Konflikte zwischen Staaten und Mächten können aus kulturell-religiösen Quellen genährt werden wie die Konflikte zwischen den sunnitisch und den schiitisch dominierten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Die von Großmächten dominierten Völker können sich erheben und ihre natürlichen Feinde durch Rebellionen und Revolutionen in die Defensive drängen oder durch Zermürbung, hohen Blutzoll von Attentaten und Terrorangriffen sowie Störungen und Zerstörungen in Industrie und Verkehrsanlagen durch Partisanenangriffe oder durch reguläre Kriege zur Aufgabe zwingen wie die Völker des Balkans zuerst das Osmanische Reich und später das Reich der Habsburger.</p>
<p>Nach dem Zerfall des Sowjetischen Imperiums sind die alten Konfliktlinien der einst gemeinsam unter Moskaus Stiefel gedrückten Nationen wie die Konfliktlinien zwischen Balten und Russen, Polen und Russen, Ukrainern und Russen oder Polen und Ungarn wieder aufgerissen, während noch ältere Konfliktlinien wie die zwischen Frankreich und Deutschland nach Jahrzehnten vertraglicher und touristischer Annäherung beinahe in Vergessenheit gerieten. Die Voraussetzung für diese Annäherung auf der horizontalen Linie war freilich die grausame und blutige Verschiebung der Größenordnung auf der vertikalen Linie infolge des Zweiten Weltkriegs, wodurch Deutschland seine hegemoniale Rolle in der Mitte Europas verloren hat.</p>
<p>Zwecks Analyse der Verhältnisse zwischen Staaten und der sozialen Verhältnisse zwischen Personen können wir die gegebenen Größen der Über- und Unterordnung auf der vertikalen Achse wie die gegebenen Größen der Annäherung und Entfernung auf der horizontalen Achse addieren und subtrahieren und gleichsam eine neue Lage und Ordnung der Dinge berechnen.</p>
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