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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Philosophieren</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VII</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Jul 2014 10:12:29 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-vii/">Auf den Spuren der Vernunft VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, sumpfiges Gelände voran, und diese schmalen Pfade, die hie und da abbrechen, da und dort zu erhabenen Aussichten führen, um sich wieder im trüben, versteppten Ödland zu verlieren­ – diese Pfade wären schon die langsam, stoßweise hervorgebrachten Sätze oder Zeilen unserer vernünftigen Rede und Schreibe?</p>
<p>Jemand erhält aus heiterem Himmel eine furchtbare Nachricht: Er ist fristlos entlassen worden. Seine Frau hat ihn mir nichts, dir nichts verlassen. Die Mutter liegt im Sterben oder ein naher Angehöriger ist verstorben. Der Arzt hat eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Wir sehen, wie der Betroffene erbleicht, schlaff wird und sich aufstützen muss oder halb ohnmächtig sich auf einen Sessel zurückfallen lässt, wir sehen, wie ihm ohne dass er es merkt Tränen in den Augen stehen. Wir verstehen dieses Verhalten ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung oder Reflexion als Ausdruck seelischer Erschütterung der Trauer und Verzweiflung. Wir verstehen ebenso spontan und ohne zusätzlicher Hintergrundinformationen zu bedürfen, wenn einer einen Freudensprung macht, „Juchheißa“ ruft oder beseligt lächelt, nachdem er die freudige Nachricht erhalten hat, dass sein ihm feindlich gesonnener, querulatorischer Nachbar ausgezogen ist, er im Lotto gewonnen hat oder seine Frau von einem gesunden Kind entbunden worden ist.</p>
<p>Wir verstehen diese und tausend andere Reaktionen und Verhaltensweisen ohne weiteres, weil sie Lebensinhalte und Lebensthemen betreffen, die wir mit dem angemessenen Pathos als Leitthemen all der Dramen erachten, die Menschen als die Lebewesen, die sie nun einmal sind, zu durchleben und zu durchleiden haben. Die Themen betreffen Ereignisse, die das Leben des Einzelnen oder seine Gruppe fördern, stärken, erweitern (expandierende Faktoren) oder aber im Gegenteil beschädigen, schwächen, einschränken (limitierende Faktoren.) Wir finden all diese Themen leidenschaftlich präsentiert und in Fleisch und Blut übergegangen, wenn wir uns die Stücke der antiken Tragiker und Shakespeares oder Molières anschauen.</p>
<p>Wer ein gesundes und ausgeglichenes Naturell mitbringt, vom Glück gesegnet ist oder aus eigener Kraft dem Ziel seiner Wünsche nahekommt, findet sich leichter unter heiteren Masken wieder als der Hypochonder, der grundlos Eifersüchtige oder Misstrauische oder der Fanatiker, denen wir gerne die Schellenkappe überstülpen möchten. Dass Ressentiment und Eifersucht den Weltumgang einschnüren, während Wissensdrang und Abenteuerlust den Schrebergarten der Langeweile und des Vorurteils weit hinter sich lassen, gilt für ausgemacht.</p>
<p>Dass wir Ereignissen und Erlebnissen, die uns hemmen und einschnüren, uns beängstigen und verunstalten, gerne aus dem Weg gehen und schon ihre Aura uns übel in die Nase steigt, ist uns so natürlich und in Fleisch und Blut übergegangen, wie dass wir gerne nach schöneren, fruchtbareren Gefilden im materiellen und geistigen Sinne unter Inkaufnahme großer Mühen und Anstrengungen aufzubrechen geneigt sind, wenn in jenem Lande die goldenen Äpfel der Hesperiden zu leuchten scheinen. Selbst niedere Gesinnungen und faule Naturen recken sich gern nach Nachbars Äpfeln, weil sie so schön glänzen und mit einem süßen Geschmack, dem Geschmack des Verbotenen, locken, auch wenn die Gefahr besteht, eins auf die Finger zu bekommen.</p>
<p>Beeinträchtigungen, Limitationen und ihre Gefahren und ihr Gegenteil, expandierende und fördernde Faktoren, betreffen Leib und Leben, die Verfügung über nahrhafte beziehungsweise keimfreie Nahrung und Flüssigkeit, die Sicherheit und Unversehrtheit des eigenen Körpers, die Funktionstüchtigkeit der Organe, allen voran von Hirn und Sinnesorganen, den Schutzraum der Behausung und seine Reinlichkeit, aber auch die Integrität und Sicherheit der Familie, der Verwandten, Angehörigen und Nahestehenden.</p>
<p>Natürlich gelten für Intensität und Quantität der expandierenden und limitierenden Lebensinhalte und Lebensereignisse Grade und Gradabstufungen: Wir sind nun einmal mehr oder weniger gesund oder krank, reich oder arm, mit Familienanhang gesegnet oder vereinsamt, von Freunden umgeben oder von Feinden umlauert. Auf der zugigen Bühne all solcher Eventualitäten und Fragilitäten spielt sich das menschliche Drama nun einmal ab.</p>
<p>Es ist nur allzu plausibel, dass wir uns eher an unschöne, beeinträchtigende und limitierende Ereignisse erinnern oder von solchen in Träumen heimgesucht werden, als dass wir unentwegt von den Lustbarkeiten des Gartens Eden träumen. Wachsamkeit und Vorsicht, Vorsorge und Voraussicht sind nun einmal Haltungen und Einstellungen, die uns für die Bewältigung unseres Lebensalltags gut anstehen. Ein Fehltritt kann endgültig sein, während ein überhörter Scherz, eine verpasste kleine Lust nicht einmal den Schatten eines Schmerzes hinterlassen. Den Genuss auch der sublimen Dinge zu gewinnen wie das Kosen des Windes auf der Haut oder die visuellen Ekstasen beim Gang durch die herbstlich verglühende Landschaft bedarf es eines besonderen Talents oder einer verfeinerten ästhetischen Kultur, während uns der Schauer der Angst vor dem Abgrund und das Misstrauen im Dunkeln oder vor dem Unbekannten angeboren sind.</p>
<p>Jemandem freilich, der angesichts furchtbarer Nachrichten wie der vom Tode seiner Mutter oder eines nahen Angehörigen feixt und kichert, einem, der eine schlimme Diagnose vom Arzt erhält oder der erfährt, dass die Firma ihm fristlos gekündigt hat oder seine Frau ihn betrogen hat und der sodann nichts Besseres weiß, als sich ins Fäustchen zu lachen und diabolisch zu grinsen, würden wir rechtens ein abnormes, paradoxes, paramimisches Verhalten und die es bedingende psychotische Erkrankung unterstellen, wenn wir die Nebenbedingungen erfolgreich ausgeräumt haben, dass ihn seine Mutter oder der Verwandte in der Kindheit nicht bis aufs Blut gequält hat, er nicht schon vor einiger Zeit beschlossen hatte, aus dem Leben zu scheiden, er sich nicht längst von der öden Arbeitsstelle verbschieden wollte oder er die innere Bindung zu seiner Frau nicht schon lange verloren hatte.</p>
<p>Wir huldigen vernünftigerweise nicht den zweifelhaften Entzückungen eines surrealistischen schwarzen Humors und kennzeichnen pedantisch und humorlos als psychotisch und seelisch-abnorm solche Reaktionen, die den offenkundigen Ernst der Lage nicht nur ignorieren und verkennen, sondern ins Gegenteil verzeichnen. Aber auch die Überzeichnung und Verzerrung der normalen Lage infolge krankhaft paranoid übersteigerter Ängste wie der Angst, verfolgt, vergiftet, entführt, vergewaltigt, bestohlen, abgehört oder ermordet zu werden, wenn weit und breit niemand im Hinterhalt liegt, um solch wüste Absichten in die Tat umzusetzen, tragen wir keine Bedenken, als Symptome einer psychotischen Erkrankung einzustufen.</p>
<p>Wir bemerken, dass nicht die elementaren Inhalte wahnhafter Ideen Indikatoren für das Vorliegen einer Psychose bilden: Diese Inhalte wie die Angst um das leibliche Wohlbefinden oder die Sorge um das Wohlergehen der Anverwandten, der Neid auf den Präferierten und Bessergestellten, die Eifersucht des betrogenen Partners, der Hass auf den Eindringling und den Ehrabschneider oder die Liebe zu den Kindern und allem, was die Spuren der eigenen leib-seelischen Entäußerung trägt, gehören zum emotionalen Fundus und zur biologisch-sozialen Grundausstattung des Menschen. Es ist die Unangemessenheit der Reaktion zur gegebenen Situation, die uns zum Indiz oder Verdachtsmoment krankhaften Erlebens wird.</p>
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		<title>Philosophieren XXXVI</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Sep 2013 07:44:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Personalpronomen]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxvi/">Philosophieren XXXVI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt die Regel: Das Gegenteil ist genauso gut möglich. Und es ist ein Kinderspiel, sich den gegenteiligen Fall vorzustellen oder auszumalen.</p>
<p>Behielte indes das Possessivpronomen seine Bedeutung und wäre die genannte Regel auch in einer Äußerung gültig wie: „Bitte gib mir die Hände zurück, sie gehören mir – es sind meine Hände!“?</p>
<p>Wir wissen keine alltägliche Anwendung für den Satz und kennen Sätze so bizarrer Art ausschließlich aus dem psychiatrischen Umfeld, wo wir in der Tat Patienten mit extrem gestörter Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers begegnen können.</p>
<p>Handschuhe gibt es eine Menge, es sind Gebrauchsgüter, die nach einem Fertigungsschema en masse hergestellt werden. An einem kalten Wintertag, an dem wir uns im Café getroffen haben, könntest du deine Handschuhe mit den meinen – wir tragen ja dieselbe Sorte mit derselben Farbe und Größe – vertauschen, und am Ende merktest du es nicht einmal. Warum klingt es so bizarr und scheint reiner Unsinn, anzunehmen, wir könnten Teile unserer Körper oder unsere Körper mit Stumpf und Stiel vertauschen?</p>
<p>Ich wäre verrückt, sagen zu wollen: „Ich treffe deinen Körper am gewohnten Ort zur gewohnten Zeit“, auch wenn es sinnvoll und gar nicht dumm wäre, wenn der Kommissar sagte: „Der schwere Körper des Opfers hätte niemals in den Kofferraum des Kleinwagens gepasst.“ Gewiss werde ich dich treffen, und da du eine ganz und gar verkörperte Person bist, werde ich dir in die Augen schauen, deine Hand drücken und mich wundern, welchen flotten Gang du draufhast. Im Gegensatz zur Massenware Handschuh, bei dem ein Muster oder Schema beliebig oft und in vielfältigen Variationen verkörpert wird, ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper singulär – soweit es dich betrifft, hat dein Körper weder Muster noch Schema, was immer Evolutionsbiologen und Mediziner sagen mögen.</p>
<p>Jene Handschuhe könnten auch meine Handschuhe sein, wenn sie nicht die deinen wären. Aber deine Hände? – Deine Handschuhe gehören nicht so unabtrennbar zu deiner Existenz wie deine Hände, auch wenn sie dir noch so fest angewachsen wären.</p>
<p>Wenn wir aber in der Lage sein werden, deinen Körper Maß für Maß bis ins biochemische, zelluläre und neuronale Detail künstlich zu erschaffen und diesem Homo novus Leben einzuhauchen – würdest du dir dann in die eigenen Augen schauen, wenn du in seine Augen schautest? – Nichts unterschiede diesen Fall von dem eineiiger Zwillinge, die sich jeder für sich des eigenen Seins und Körpers, nicht aber des Seins und Körpers ihres Zwillings bewusst sind.</p>
<p>Der Mechaniker hat bei einem schweren Unfall eine Hand verloren. Er trägt nun zwar eine Prothese, mit der er zur Not eine Türe oder Schublade öffnen oder sich an einem Griff festhalten kann. Er kann aber keine verwickelte Schlaufe am Schuh binden, den Druck deiner Hand kann er nicht als Liebkosung, neckisches Zwicken oder freches Zwacken deuten. Wir sagen korrekt: „Du fühltest die kühle Seide mit der Hand, mit deiner Hand vermochtest du blind die Kontur ihres Gesichts zu ertasten“ und nicht unkorrekt: „Deine Hand fühlte, deine Hand ertastete …“ – Ist die Hand etwa eine Art Werkzeug oder Instrument, mit dem du etwas fühlst oder ertastest? Der Arzt setzt ja zuweilen seine Hände in der Weise ein, dass er Organe des Patienten abtastet. Große Gelehrsamkeit hat das menschliche Handeln vom Werkzeugcharakter und der Organologie der Hand ableiten wollen.</p>
<p>Du siehst ja auch mit den Augen und mehr noch bist du, wie du siehst und dreinschaust, und du siehst und schaust drein, wie du bist und dich befindest. Wenn du starrst, bist du dumpf und starr, packt dich Neu- und Wissbegierde, schärfst du den Blick, überkommt dich das wohlige Gefühl universaler Wurstigkeit, lässt du die Augen schweifen und es gehen, wie es will. – Du kannst die Augen und die Hände wie Werkzeuge brauchen, und der Artist und der Schlangenmensch machen von ihrem ganzen Körper einen Werkzeuggebrauch. Aber abgeschminkt und ohne Schlangenhaut schlagen sie sich wie du und ich mit der flachen Hand vor die Stirn, wenn sie Mist gebaut haben.</p>
<p>Wie steht es aber um deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen? Könnten sie auch meine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen sein und dies in demselben Sinn und demselben Maß an Erlebnisdichte und -intensität, wie sie die deinen sind?</p>
<p>Du hast deine Handschuhe bei mir liegen lassen, du hast sogar vergessen, dass du sie bei mir hast liegen lassen. Aber deine Hände – hätte es in irgendeinem Zusammenhang Sinn, etwa zu sagen, du hättest sie vergessen? – Freilich denken wir nicht an die Bewegungen unserer Beine, wenn wir eine gute Strecke gewandert oder mit dem Rad gefahren sind – anders, wenn wir stolpern oder uns eine Wespe sticht. Indes können die Bewegungen unserer Beine noch so sehr aus dem Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten sein, es käme uns merkwürdig vor oder jedenfalls ungern und ungerade über die Lippen, wenn wir sagten, wir hätten unsere Beine vergessen oder wir erinnerten uns nicht an unsere Beine. Wann sagst du denn, du habest kein Gefühl mehr für deine Beine? Wenn sie vor Blutleere wie abgestorben sind – aber dann fühlst du eben dies.</p>
<p>Sicher, du kannst mir deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen mitteilen, und ich verstehe deine Mitteilungen und teile deine Gedanken und Gefühle, erwecke in mir ganz ähnliche Empfindungen und versetze mich in deine Lage, an die du dich erinnert hast. Aber werden mittels der Mitteilung und sprachlichen Verlautbarung deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen die meinen? Der Gedanke, den du mir mitteilst, verwandelt sich prompt in meinen Gedanken, du berichtest mir von dem süßen Geschmack der Erdbeeren, und ich stehe nicht an, diese angenehme Empfindung nachzuvollziehen: mit meiner Empfindung oder meiner Erinnerung einer Empfindung.</p>
<p>Eine Erinnerung kann verblassen und dir ganz aus dem Gesichtskreis entschwinden: Du hast sie vergessen. Ist dies so wie mit den Handschuhen, die du bei mir liegen lassen hast? Wie machst du es denn, wenn du sie vermisst und nach ihnen suchst? Du rufst mich beispielsweise an und fragst mich, ob ich wohl deine Handschuhe gefunden habe. Wie machst du es mit der Erinnerung, wenn dir dämmert, dass da etwas war, dessen du eingedenk sein solltest? Hier gibt es keine Auskunftei und keinen Ort, von dem du vermutest, an ihm lohne sich die Suche. Vielmehr sinnst du nach, kommst vielleicht auf ein merkwürdiges Detail, und plötzlich taucht das Vergessene wieder auf, mit all seine Farben und Gesichtern – verlorene Gegenstände pflegen dies nicht zu tun.</p>
<p>Ist eine Welt vorstellbar, in der du und ich, in der wir uns einen Körper teilten? – Wäre dies der Fall, hätten du und ich beispielsweise zur selben Zeit am selben Ort in demselben Gesichtsfeld dieselbe Rotempfindung. Aber das hieße doch, dass du und ich ein und dieselbe Person wären. Also ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper und meiner Person mit meinem Körper jeweils singulär. Diese Singularität hat nicht den Wert und das Gewicht einer Tatsache, sondern einer begrifflichen Grenze: Wenn wir uns eine Sache vorstellen wollen, deren Negation nicht denkbar ist, wie dass dein Körper nicht mein Körper sein „kann“, wird nicht unser Vorstellungsvermögen überstrapaziert, sondern wir schlagen mit dem Kopf an die Wand, die das Denkbare vom Undenkbaren, das Sinnvolle vom Unsinnigen scheidet.</p>
<p>Wenn deine Handschuhe nicht auch meine Handschuhe sein könnten, wären sie dann im eigentlichen Sinne „deine Handschuhe“? – Deine Handschuhe wären in gewisser Weise so mit dir oder deinen Händen verwachsen, dass es nicht vorstellbar wäre, sie nicht an deinen, sondern an meinen Händen wahrnehmen zu können. Doch echte, nicht angewachsene, sondern ausziehbare Handschuhe kannst du verleihen, verlieren, verkaufen. Dann sind es deine Handschuhe oder waren deine Handschuhe. Mit deinen Händen kommen wir da in Teufels Küche und stolpern atemlos über die Grenze sinnvollen Denkens mit der fatalen Auskunft, dass deine Hände im eigentlichen Sinne deine Hände nicht sind.</p>
<p>Dein Nachbar hat es wahr gemacht und ist nach Australien ausgewandert. Er hat dir sein Haus übereignet und jetzt wohnst du dort. – Warum ist eine Welt nicht vorstellbar, in der du deinen Körper verlässt und einem anderen zur gefälligen Heimstatt übereignest, jemandem, der selbst von seiner armen Seele verlassen worden ist? Nicht aus Mangel an Vorstellungskraft, sondern weil die Bedeutung solch kernig-alltäglicher, gesund-gewöhnlicher Begriffe wie du und ich und dein und mein hier jedes Gewicht verlören und gleichsam zu Staub zerfielen.</p>
<p>Es ist also eigentlich Unsinn, von meinem Körper oder deinem Körper zu reden? – Ja, eigentlich ist es Unsinn!</p>
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