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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Familie</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophieren XXXIII</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Aug 2013 10:27:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiii/">Philosophieren XXXIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was geschieht, wenn nur eine Wand noch hält, müssen wir uns nicht ausmalen.</p>
<p>Nimm in diesem Bild das Dach als den Sinn und Zweck gemeinsamen Redens und Tuns, die uns in so unterschiedlichen Formen wie einer harmlosen Unterhaltung, in Struktur und Management eines Unternehmens oder im Aufbau und der Verbreitung einer religiösen Gemeinschaft entgegentreten. Das Dach ist das merkwürdige, scheinbar luftig-abstrakte und dennoch so unheimlich wirksame Etwas, das entsteht, wenn du und ich oder wir und ihr uns zusammentun, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, eine Kirche zu stiften, eine Firma oder eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung aufzubauen.</p>
<p>Das Dach ist die verkörperte Vernunft der durch unser gemeinsames Reden und Tun begründeten Institution. Die Mauern sind die vier elementaren Komponenten und Faktoren der Grundsituation des Redens und Tuns: Abgegrenztheit des Gegenstands, auf den sich unser Reden und Handeln bezieht, Reziprozität und Transparenz der beiderseitigen Erwartungen, Eindeutigkeit der Situation und Bestimmtheit und Festigkeit unserer Absichten, zu reden und zu handeln.</p>
<p>Bekanntlich kann man das Bild vom Dach und den Mauern auch umkehren und sagen, im Falle von Institutionen trage das Dach die Mauern: Nur in ihrer wechselseitigen Verknüpfung finden die elementaren Komponenten der Situation gemeinsamen Redens und Tuns den Raum ihrer vollen Entfaltung. So etwa, wenn wir beide eine kleine Firma gründen, sagen wir eine Zoohandlung mit ein paar Haustieren wie Vögeln und Nagern, zur Hauptsache aber Artikeln für den Bedarf des Haustierhalters wie Nahrung, Streu, Sand, Spielzeug für Tiere, Käfige usw. Mit dieser Begriffsbestimmung haben wir bereits den Gegenstand, auf den sich unser gemeinsames Reden und Tun bezieht – unsere erste tragende Wand –, klar abgegrenzt: Handel mit Artikeln für den Bedarf von Haustierhaltern. In dieser Form erscheint der Gegenstand auch in der Satzung der Firma als Unternehmenszweck und in der Urkunde, die wir beim Notar beglaubigen, der das neue Unternehmen am Registergericht der Stadt und Kommune eintragen lässt.</p>
<p>Nun könntest du mit mir an einen Schlawiner und kleinen Gauner geraten sein, der die Firma nur als Vorwand nutzen will, um mit dem GmbH-Vertrag wedelnd und dem Geschäftsführergehalt auf dem neuen Konto bei der Bank mit einer solchermaßen leicht erschlichenen Bonität einen möglichst großen Kredit zu ergattern – und mit dem abkassierten Geld das Weite zu suchen. Ich hätte dich darin getäuscht, dass mein Begriff des Gegenstandes unseres gemeinsamen Redens und Tuns derselbe wäre wie dein Begriff – aber das war nicht der Fall, denn ich verfolgte einen anderen Zweck mit ihm als du. Solltest du meinen geheimen Absichten auf die Schliche kommen, bevor es zu spät wäre, tätest du gut daran und handeltest vernünftig, mich wegen des Betrugsversuchs vor die Tür zu setzen. Der Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Redens und Tuns wäre damit verlorengegangen, das Dach der Vernunft über der Institution Firma hat ein Loch bekommen.</p>
<p>Was ist nun im rechten Falle der Gegenstand, der Begriff, das Unternehmen? Sind es wir beide als Unternehmer, sind es der Verkaufsraum und das Büro, die Verkaufsartikel oder das Geld in der Kasse und auf der Bank? Keins von alledem und auch nicht alles zusammen. Das Unternehmen ist das einigende Band aller Teilmomente, das nur dadurch zustande kommt, dass wir, die sprechenden und handelnden Aktoren, uns gegenseitig bestätigen, dass dieser ominöse, abstrakte Gegenstand namens Firma tatsächlich existiert. Wenn wir es tun und danach handeln, tun es auch unsere Kunden, unsere Lieferanten und unsere Hausbank. Sobald einer der wichtigen Aktoren sein Veto einlegt und die Existenz der Firma bestreitet oder leugnet, betreibt er ihren Untergang: Kunden gehen bekanntlich nicht zu Läden, deren Existenz sie leugnen, Lieferanten beliefern nichtexistente Abnehmer nicht mit Waren und Banken versehen nichtexistente Klienten nicht mit günstigen Krediten.</p>
<p>Wenn die Sache mit rechten Dingen zugeht, erwartest du von mir, was ich von dir erwarte – die zweite tragende Wand: dass wir uns um den Fortbestand der Firma kümmern, pünktlich unser Termine wahrnehmen, die Verwaltungsarbeiten sorgfältig und akkurat erledigen, die Buchhaltung regelmäßig überprüfen und mit dem Steuerberater abgleichen, die rechtlich verordneten Bestimmungen über Hygieneschutz, Impfmaßnahmen und Sauberkeit einhalten und die Lager- und Verkaufsräume von einem Beamten des Gesundheitsamts überprüfen und abnehmen lassen, gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte in Vorstellungsgesprächen auswählen, die neuen Angestellten mit ihrem Arbeitsumfeld vertraut machen, Lehrlinge und Azubis ausbilden, wenn wir ausbildungsberechtigt sind, beziehungsweise eine Ausbildungsberechtigung bei der IHK und dem Arbeitsamt erlangen, auf arbeitsrechtliche Bestimmungen wie Sicherheitserfordernisse und Urlaubsansprüche achten, uns um Werbe- und POS-Maßnahmen kümmern, die Lieferanten mit Bestellungen neuer Artikel beauftragen, den Verkaufsraum reinigen und dekorieren und mit neuen Artikeln versehen und die Kunden freundlich und fachlich engagiert bedienen. Wir tun gut daran, unsere beiderseitigen Erwartungen zu harmonisieren und genau aufeinander abzustimmen, zu synchronisieren und zu vertakten und zum Beispiel auf einem Monatsplan präzise festzuhalten, was wer wann zu tun und zu erledigen hat.</p>
<p>Liegen wir mit unseren reziproken Erwartungen quer und überkreuz und bürdest du mir Arbeit auf, die eigentlich du zu erledigen hättest und umgekehrt, ist der Wurm in der Sache und auf unserem Unternehmen ruht kein Segen. Die Saat des Streits und aufreibender Auseinandersetzungen ist ausgestreut, sobald sich die beiderseitigen Erwartungen in Bezug auf das, was es gemeinsam zu bereden und zu tun gibt, widersprechen, auslöschen oder neutralisieren.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Eindeutigkeit der Situation – die dritte tragende Wand – können wir, sollte man meinen, schlecht in die Irre gehen, handelt es sich doch schlicht und ergreifend um die Gründung und Führung einer Firma in der Rechtsform einer GmbH mit genau abgestecktem Unternehmenszweck und Unternehmensgegenstand. Sollte ich oder du nicht völlig darüber im Klaren sein, um welche Situation es sich handelt, wäre ich oder du entweder so furchtbar dumm oder so unrettbar verrückt, dass ich oder du geistig nicht in der Lage und völlig überfordert wäre, eine Firma zu gründen, geschweige denn vernünftig zu führen, oder ich oder du müsste wegen geistiger Beschränktheit oder Demenz für unzurechnungsfähig erklärt werden, was zur Folge hätte, dass ich oder du die Berechtigung verlöre, eine Firma zu gründen und zu führen.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Bestimmtheit der Absichten der beteiligten Aktoren – die vierte tragende Wand – kann die leider allzu verbreitete Janusköpfigkeit menschlicher Affektlagen auch in unserem so hoffnungsfroh begonnenen Unternehmen ein- und durchschlagen. Wenn du mir heute noch nachträgst, dass die Frau, die wir vor vielen Jahren beide begehrt und geliebt haben, sich schließlich für mich entschieden und mich geheiratet hat und dir trotz guten Willens und bester Absichten, mit mir eine Firma aufzubauen, immer wieder die böse Absicht in die Quere kommt, dich wegen der damaligen Zurücksetzung schadlos zu halten und zu rächen, wirst du die für das Gelingen unseres gemeinsamen Unternehmens nötige Bestimmtheit und Festigkeit der Absicht, die Firma mit mir vernünftig zu führen, am Ende nicht durchhalten und beherzigen, sondern früher oder später das schmale Dach ökonomischer Vernunft über uns zum Einsturz bringen.</p>
<p>Wir sprechen von Vernunft und meinen keine Sache in deinem oder meinem Kopf, auch wenn man öfters einmal Köpfchen haben muss, um Vernunft walten zu lassen. Die Vernunft ist eine in Institutionen und Einrichtungen wie Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Ehen und Familien, Unternehmen und Verwaltungen, Kirchen und Gemeinden verkörperte Struktur reziprok abgestimmter Erwartungen und Absichten hinsichtlich des Aufbaus und der Erhaltung einer gemeinsamen Situation des Redens und Tuns.</p>
<p>Aber ist Liebe nichts Irrationales, eine Gefühlsgeschichte bar jeder Vernunft, wirst du vielleicht fragen. Das ist das romantisch verkürzte Verständnis des Begriffs, nach dem sich zwei Liebende in die Eremitage einer Passion des gegen- und wechselseitigen Redens und Tuns einschließen. Die zur Vernunft offene Liebe ist ein Bündnis oder Pakt auf der Grundlage des Versprechens, einander dafür Sorge zu tragen, die im Spiele befindlichen beiderseitigen Erwartungen und Absichten auf die geteilte Grundsituation des Redens und Tuns abzustimmen. Das erfordert gelegentlich den Einsatz erhöhter Aufmerksamkeit füreinander, das Überwinden und Umgehen von eingetretenen Hindernissen oder von Herzen kommende Hinweise auf erfreuliche, erheiternde, beglückende Blickachsen und Aussichten. Je näher sich die Liebe an der intimen Passion ansiedelt und je ferner der öffentlich deklarierten Ehe, desto fragiler und durchlässiger für die Unbill der Witterung ist ihr schmales Strohdach der Vernunft. Oft genügt ein Funke des Missverstehens, des bösen Willens oder bloßer Laune, und es steht in hellen Flammen.</p>
<p>Die Vernunft von Ehe und Familie ist im Kind verkörpert, das Kind ist der eigentliche Sinn und Zweck der Grundsituation gemeinsamen Redens und Tuns, um die es dabei geht. Das Kind bedarf der Hut und Pflege, der Ernährung und Erziehung, mit einem Wort der Verantwortung der Erwachsenen. Für einen Schwächeren und Anlehnungsbedürftigen Verantwortung tragen heißt, seine Lebensbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen, sein Verlangen nach Aufmerksamkeit, emotionale Nähe und Bestätigung zu erfüllen und ihm die Gelegenheiten und Möglichkeiten der Entfaltung und Reifung seiner Persönlichkeit mit einem Weitblick und einer klugen Voraussicht in Aussicht zu stellen, über die das Kind noch nicht verfügt. Die Abstimmung der beiderseitigen Erwartungen und Absichten und die Definitionsmacht über die Grundsituation liegen bei den Eltern, die sich darüber zu verständigen haben, dass und wie sie das geteilte Thema Erziehung gemeinsam schultern. Wenn ein Elternteil den Bund bricht und die Erwartungen des anderen enttäuscht und andere Absichten als die vernünftig ausbedungenen und erforderten im Schilde führt, handelt er unvernünftig, gleichgültig was ihm die Leidenschaft insinuiert und ins Ohr flüstert. Schließlich pflegt auf diese Weise das Dach der Vernunft über dem Haus der Ehe und Familie abgetragen zu werden.</p>
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		<title>Philosophieren XV</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Jul 2013 14:08:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>„Du siehst ja, mein Lieber, ich muss erst den Kleinen versorgen, dann kümmere ich mich um dich!“ – „Warte noch ein Weilchen, die Spaghetti sind bald fertig!“ – „Ab ins Bad und Hände waschen, was soll unser Gast denn denken!“ – „Der Reihe nach, bitte, jeder kriegt etwas vom Kuchen!“ – „Jetzt sitzen wir ganz [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xv/">Philosophieren XV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>„Du siehst ja, mein Lieber, ich muss erst den Kleinen versorgen, dann kümmere ich mich um dich!“ – „Warte noch ein Weilchen, die Spaghetti sind bald fertig!“ – „Ab ins Bad und Hände waschen, was soll unser Gast denn denken!“ – „Der Reihe nach, bitte, jeder kriegt etwas vom Kuchen!“ – „Jetzt sitzen wir ganz still und falten die Hände! Großmutter ist jetzt im Himmel und schaut auf uns herab!“</p>
<p>Die Institution des Eigentums, haben wir gesehen, ist eine machtvolle Quelle des Rechts. Die Institution der Familie, sehen wir nun, ist die Pflanzstätte und die Volks- oder Elementarschule des Anstands. Anständig verhältst du dich, wenn du ohne zu jammern und zu nörgeln wartest, bis die Mutter deinen kleinen Bruder gewickelt hat und sich dann dir zuwendet. Auch auf das Essen ohne zu plärren oder zu mäkeln geduldig warten übt den Anstand. Dem Gast Achtung zollen, indem du ihm dein sauberes Pfötchen hinstreckst und dich manierlich bei Tisch beträgst, erhöht letztlich die Achtung vor dir selbst.</p>
<p>Du bist ja schon groß und kannst dich in Geduld üben, um dem Kleineren und Schwächeren den Vortritt zu lassen. So lernst du die Erfüllung eines noch so heißen Wunsches für eine kleinere oder größere Zeitspanne aufschieben. Den Aufschub erfährst und trainierst du zunächst, wenn es um die Bevorzugung des anderen geht: Der Sessel gebührt Großvater als Ehrenplatz bei seinem Besuch, da wirst du dich so lange nicht breitmachen und rekeln. Heute bekommst du Mamas altes Handy, später kannst du dir von deinem eigenen Einkommen ein tolles Smartphone leisten – jedes Familienmitglied mit dem neuesten Schnickschnack, den schicksten Markenklamotten, den angesagten Computerspielen einzudecken, gibt die Haushaltskasse nicht her.</p>
<p>Weil du fleißig im Garten, auf dem Feld, in der Werkstatt mitgeholfen hast, weil du Großmutter die Einkaufstasche getragen und Mutter beim Geschirrspülen geholfen hast, bekommst du ein Eis, eine Tafel Schokolade, darfst du heute länger aufbleiben. Weil du deiner Schwester die Murmeln weggenommen, deinen Bruder in der Schule verpetzt, deine Hausaufgaben gar nicht oder schlampig erledigt hast, darfst du heute kein Eis essen, das Fußballspiel nicht angucken, nicht ins Freibad gehen. Die Erfüllung der Anstandspflicht ist zu loben, die Verfehlung zu tadeln und abzustrafen – und dies auf angemessene, einfühlsame Weise, sodass der Größenordnung der Pflichterfüllung die Größe der Belohnung, der Größenordnung der Verfehlung die Härte der Strafe entspricht.</p>
<p>Werden diese Proportionen nicht gewahrt, züchten wir uns den verwöhnten, lebensuntüchtigen Querulanten und Kriminellen oder den verängstigten, feindseligen Unglücksraben heran. Zu viel Lob, zu üppige Belohnungen für eine läppische Bemühung, die sich eigentlich von selbst versteht, wie dass der Pimpf aufzustehen hat, wenn ein Älterer oder Gebrechlicher einen Sitzplatz benötigt, oder gar den Hosenscheißer mit Geschenken zu überschütten, der bloß faul in der Ecke liegt oder mit schmuddeligen Kindern aus dem Hof wieder Schabernack treibt: Damit füttern wir Maßlosigkeit der Ansprüche, Leistungsscheu und kriminelle Gier nach fremdem Gut sowie Schamlosigkeit im Betragen. Zu viel Tadel, zu harte Strafen für eine geringfügige Verfehlung oder gar ein unbeabsichtigtes Versehen, wie dass der strebsame Bursche eine schlechte Note nach Hause bringt, weil er wegen Krankheit die schulischen Übungen für die Klassenarbeit versäumt hat, oder aus lauter Spaß an der Freude im Schwimmbad in den Schwimmerbereich sprang und von dir herausgezogen werden musste: Damit verängstigen wir das Kind, hemmen seine fröhlich sich ausgestaltenden Neigungen, verdüstern seine Lebensfreude. Am Ende schleicht ein misstrauischer, neidischer und mürrischer Einzelgänger durchs Leben, der seine Anlagen brachliegen ließ, seine Wünsche und Lebensträume verriet, ein unglücklicher Mensch.</p>
<p>Im Kreise der Familie überformst du Gefühle der Unlust, Trauer und Niedergeschlagenheit zur komplexen sozialen Reaktion der Scham, Gefühle der Lust, Freude und Heiterkeit zur komplexen sozialen Reaktion des Stolzes. Wirst du als Kind rechtens einer Verfehlung, eines Verstoßes gegen die guten Sitten, einer lästerlichen Geste geziehen, ertappt dich die Mutter beim verbotenen Naschen, kommt dir der Vater bei einer hundsgemeinen Lüge auf die Schliche, schimpft dich die große Schwester, weil du hinter ihrem Rücken der Tante die Zunge rausgestreckt hast, dann läufst du rot an, stotterst irgendeine Entschuldigung vor dich hin und beugst verlegen den Kopf: Du bist beschämt. Wirst du für eine gute Tat gelobt, heimst du für eine besondere Leistung vor versammelter Mannschaft Applaus ein, wirst du für eine edle Handlung ausgezeichnet, lobt dich der Großvater dafür, dass du ihm die Leiter gehalten hast, der Vater für das glänzende Zeugnis, dankt dir die Mutter für die Pflege der Großmutter, strahlst du und reckst dich empor: Du bist stolz.</p>
<p>Scham und Stolz hervorzurufen und zu empfinden dient dem Haushalt der familiären Kommunikation: Scham dämmt antisoziales Verhalten ein und Stolz kittet und festigt das Wir-Gefühl. Denn weil Scham mit dem Gefühl der Unlust und Trauer verknüpft ist, wird deine Tochter alles daransetzen, Handlungen zu vermeiden, die ihr Tadel zuziehen und für die sie sich schämen muss. Ebenso wird dein Sohn, weil Stolz mit dem Gefühl der Lust und Freude verknüpft ist, alle Gelegenheiten nutzen, bei denen er sich mit guten, wertvollen und edlen Handlungen hervortun und für sie Lob und Belobigung einheimsen kann. Indes solltest du dein Kind nicht wegen eines geringfügigen Vergehens oder gar eines unbeabsichtigten Versehens beschämen – sonst gerät es dir bald unter der Hand zu einem eingeschüchterten, lebensuntüchtigen Trauerkloß. Und ebenso gilt für den Stolz: Übertreibe es nicht mit den Auszeichnungen, verleihe den Lorbeer nur sparsam, und juble nicht jedes Mal, wenn der Bursche mal den Müll rausgetragen hat, sonst gerät er dir zu einem asozialen Besserwisser, Besserkönner und Alleswoller.</p>
<p>Die Eltern tragen Verantwortung für das Wohlergehen und die Erziehung ihrer Kinder, die Kinder sind den Eltern und den Eltern der Eltern zu Dank, Gehorsam und Ehrerbietung verpflichtet. Die Familie ist der Ort, an dem die wesentlichen Regularien des Handelns, für jemanden und für etwas verantwortlich zu handeln beziehungsweise zu etwas verpflichtet zu sein und pflichtgemäß zu handeln, eingeübt und ausgeübt werden. Die Verantwortung der Eltern wird ihnen von den Schultern genommen, wenn ihr Vergehen, ihr Versagen oder ihr geistig-moralisches Unvermögen sie die Erziehungsberechtigung kosten. Die Kinder bleiben den Eltern ihr Leben lang verpflichtet, auch wenn sie sich ihnen teilweise oder vollständig entfremden.</p>
<p>Die Familie ist der Ort, an dem sich die wesentliche Inhalte des menschlichen Lebens vollziehen: heiraten und zeugen, gebären und nähren, spielen und lernen, wachsen und reifen, arbeiten und der Muße pflegen, plaudern und beten, Abschied nehmen und sterben. Um diese Lebensinhalte oder Sinnhorizonte unseres Hierseins keimen und erwachsen, wie Moos und Flechten um die Felsenquelle, die Moralia oder Ethica, die Gepflogenheiten und Bräuche, mit denen wir sie pflegen und hegen: Wir begehen Hochzeit und Geburt sowie die folgenden Geburtstage mit einer Feier. Wir sitzen gemütlich bei Kerzenschein, am Kamin, in der guten Stube, und Vater liest vor, Großvater erzählt eine seiner Schnurren, wir führen das frisch eingeübte Volkslied, den Popsong, das Streichquartett auf. Zum ersten Schultag erhältst du eine bunte Tüte mit Leckereien. Zur ersten Kommunion erhältst du ein Gnadenbild und einen Sinnspruch, zur Firmung einen Rosenkranz. Ihr feiert bald die goldene Hochzeit. Du bastelst für deinen Enkel zum Geburtstag, zum Namenstag, zur Einschulung einen Drachen. Du schneiderst für deine Enkelin zu ihrer Hochzeit, dem Faschingsball, ihrem ersten Konzertauftritt als Klaviersolistin ein hübsches Kleid. Morgen zeigst du dem Enkelsohn im Garten, wie man die Hecken, die Büsche, die Rosen beschneidet. Morgen zeigst du der Enkeltochter, wie man an der Töpferscheibe den Ton zur Vase formt. Die Kinder waren tapfer und mit ganzem Herzen bei der Pflege der Großmutter. In drei Tagen nehmen wir in einem Trauergottesdienst Abschied von der Großmutter und gestalten die Beerdigung still im Familienkreis. Wir haben im Gasthof das Hinterzimmer reserviert, um im Anschluss an die Beisetzung ihr Leben mit Anekdoten und Histörchen und sogar lustigen Geschichten Revue passieren zu lassen. Heute Abend vor dem Abendessen am großen Esstisch, wo ihr Platz leer bleibt, falten wir gemeinsam mit den Kleinen die Hände und gedenken ihrer im stillen Gebet.</p>
<p>Die Institution der Familie bewahrt und tradiert die Zeichen des Lebens: Urkunden, Symbole, Wappen. Etliche prägt und schöpft sie selbst, andere sammelt sie ein von den Gruppen, Institutionen und Organisationen wie Ämtern, Schulen oder Vereinen, die ihre Mitglieder durchlaufen, und präsentiert sie gerne den staunenden Gästen. Die Geburtsurkunde des neuen Weltenbürgers fügst du ins Stammbuch. Die Zeugnisse der Kinder hebst du auf wie ihre Bilder und Kritzeleien. Du nähst und heftest das Sportabzeichen, das Pfadfinderwappen, das Schul- oder Hochschullogo ans Revers, auf das T-Shirt, an den Beutel. Die Geburts-, Hochzeits- und Todesanzeige schneidest du aus und legst sie ins Album. Den Totenschein heftest du zu den letzten Fotos.</p>
<p>Du weißt um die Bedeutung der großen, führenden, geschichtsmächtigen Adels- und Kaufmannsfamilien, die über Siegel und Wappen mit den Insignien, allegorischen Bildnissen und Zeichen verfügten, die ihre Hausmacht, ihren Anspruch auf Herrschaft und politischen Einfluss, ihr Mäzenatentum symbolisch überhöht zum Ausdruck brachten. Diese zur Elite des Landes gehörenden Familien waren untereinander in der Eintracht des Handels und in der Zwietracht materieller, finanzieller und kultureller Konkurrenz verbunden, die sich bis zur Fehde und zu blutigen Händeln steigern konnte. Auf den Burgen und Schlössern wurde dann nicht mehr gefeiert, von den Türmen und Zinnen wurde geschossen. Die Konkurrenz um den größten Reichtum, die schönsten Frauen, die edelsten Pferde und die kostbarsten, sublimsten Kunstwerke, aber auch die Kräfte, Geld, Ressourcen verzehrenden Kämpfe und kriegerischen Auseinandersetzungen führten zum Untergang manch einer Sippe, aber auch zu Aufstieg und Sieg und zur Alleinherrschaft der mächtigsten, ehrgeizigsten, intrigantesten Familie: der Familie des Königs.</p>
<p>So wird die Aristokratie, die Herrschaft der großen Familien, abgelöst und überformt von der Monarchie, der Herrschaft der königlichen Familie, im neuen Zentrum der Macht, dem Hof. Hier entwickelt sich ein neues Ethos, das Ethos des Staates, das die zentrale Machtausübung, die Souveränität, mit den höfisch-höflichen Sitten der Diplomatie verbindet.</p>
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