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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Inkonsistenz</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft X</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Aug 2014 15:15:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-x/">Auf den Spuren der Vernunft X</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung angesichts der Ansprüche des Hörers dazu, das zu sagen, was du für wahr hältst, und es so zu sagen, dass er es gut versteht oder zumindest nicht missversteht, das heißt, ohne ihn mit mehrdeutigen, selbstverliebt-enigmatischen und weitschweifigen oder kurzatmigen Ausführungen zu irritieren, zu behelligen und zu langweilen.</p>
<p>Warum sollte denn dein Gegenüber davon ausgehen, dass du im Regelfall ihn mit deinen Reden nicht hinters Licht führst, sondern ihm klipp und klar, ohne Umstände reinen Wein einschenkst und als wahr behauptest, was du für wahr erachtest? Hier berühren wir den Grund unserer Lebensweise und können nur sagen: So machen es du und ich im Regelfalle, weil wir menschliche Wesen sind und unter Menschen Vertrauen das höchste Gut darstellt, falls man ein gedeihliches und verträgliches Zusammenleben einem Leben unter Argwohn und Zwist vorzieht. Und hier hat die Natur unserer menschlichen Lebensform vorgesorgt und auf die Sprünge geholfen: Neigt sich doch das Kind mit unbedingtem Zutrauen und Vertrauen seinen natürlichen Lehrern und ersten Für- und Vorsprechern, den Eltern, entgegen.</p>
<p>Würden wir uns immerzu verbal foppen und an der Nase herumführen oder würden wir unser Reden immerzu für unverbindliche Verlautbarungen eigenbezüglicher Ideen, wilder Assoziationen und Traumgedanken brauchen, wären weder Haus noch Tempel gebaut, kein Acker bestellt und kein Orchester gegründet, von computergesteuerten Kommunikationssystemen, Raumfahrtprogrammen oder Großkliniken und tausend anderen Technologien und Errungenschaften, die der Kooperation der sich mit- und untereinander oft schwer tuenden Menschen erwuchsen, zu schweigen.</p>
<p>Alle Kooperation beruht auf dem Urfaktum, dass ich verstehe, was du mit deiner verbalen oder schriftlichen Mitteilung mir zu verstehen gibst. Oder vorsichtiger formuliert: dass ich mich zu verstehen bemühe, was du mir sagen willst. Dabei vertraue ich darauf, dass du mich nicht systematisch irreleitest, sondern mich im Normalfall nach deinen Möglichkeiten und im Lichte deiner Einsichten in die Lage mit den gewünschten Informationen ausstattest.</p>
<p>Wer ständig und ohne Not das Vertrauen, die Gutwilligkeit und Kooperationsbereitschaft der Mitmenschen missbraucht, verschwendet sinnlos und unvernünftigerweise das ihm gleichsam seit und mit Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft mitgegebene symbolische Kapital an Vertrauen, den Vertrauensvorschuss, mit dem jedermann mittels gemeinschaftsförderlichen Engagements – und das heißt im Normal- und Durchschnittsfall durch Arbeiten und Dienste aller Art – zu wuchern aufgefordert ist.</p>
<p>Sprechen impliziert demnach, sich ursprünglich zu verpflichten und den sprachlichen und sprachgemeinschaftlichen Normen der Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Bedeutsamkeit und Klarheit zu huldigen. Aufgrund der menschheitsbegründenden Tatsache, dass wir sprechen, sind wir in das normative Abenteuer der Vernunft verstrickt und können uns nicht als faule Beobachter und vornehme Ästheten an den Rand des Spielfelds stellen.</p>
<p>Wir können uns des normativen Drucks der Sprache der Vernunft und der Vernunft der Sprache nicht dadurch entledigen, dass wir uns als Puppen eines mirakulösen Spiels in der Hand launischer Götter oder als Projektionen neurochemischer Prozesse unseres Gehirns und unseres Organismus ansehen und definieren und solcherart alles Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft mit einem Schlag uns vom Halse zu schaffen und als bloßes Gerede abzutun wähnen. Müssten wir dieses Falls unser Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft aber nicht auf verbindliche Weise mittels des verantwortungsvollen Gebrauchs unserer Vernunft eben als unverbindliches, unverantwortliches und unvernünftiges Gerede erweisen? Sehen wir nicht in diesem Nebel die dicken Schwaden, die aus des Teufels Küche dringen?</p>
<p>Wir sahen, wie die Psychose die normative Kraft der Sprache schwächt und in vielen Episoden der Krankheit aufhebt: Der Kranke erkennt die Absicht des Sprechers nicht oder verkennt und missdeutet sie in einem Grade, der die Kommunikation unterhöhlt, wenn er die Absichten ihm gewogener Sprecher paranoide verbiegt; der Kranke irrt in der Unterscheidung von intentionalen und kausalen Quellen der Kundgabe und Information, wenn er das Hundegebell als Warnung versteht und das geistesabwesende Lächeln des Kollegen als Ankündigung des nahen Todes; der Kranke verheddert sich in semantische und pragmatische Inkonsistenzen, wenn er etwas akzeptiert oder behauptet, von dessen Nichtexistenz oder Falschheit er eigentlich oder eben noch überzeugt war, oder etwas leugnet, das ihm offenkundig vor Augen schwebt.</p>
<p>Wir können in Anlehnung an das Gesagte annehmen, der Kranke habe das symbolische Kapital des Vertrauens vor der Zeit verbraucht, oder wir müssen angesichts der erblichen Disposition zur Krankheit konzedieren, es sei ihm zu spärlich davon mitgegeben worden. Jedenfalls scheint die Psychose viele Kranke mit Misstrauen, Angst und Argwohn zu vergiften und die Quellen guten Mutes, die unser Gemeinschaftsgefühl stärken und unsere Dialogfähigkeit auffrischen, in einem Maße zu vergiften, dass Verstummen, Erstarren, Teilnahmslosigkeit und Apathie um sich greifen.</p>
<p>Sicher wäre die Liebe die große Macht, das zerrissene Band des Vertrauens wieder anzuknüpfen und die vor Schrecken oder Verzweiflung erstarrte Zunge zu lösen; indes ist diese Macht nicht umsonst die himmlische genannt, lässt sie sich doch wie alles, was von oben kommt, nicht verordnen und häppchen- oder löffelweise verabreichen. Der Arzt ist gehalten, nüchtern seine Pflicht zu tun, er kann sein Erbarmen selten einmal mit in Schwingung bringen. Woher denn Liebe, wenn der Flügel des Engels nicht streift?</p>
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		<title>Logische Schneisen XII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xii/</link>
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		<pubDate>Mon, 03 Feb 2014 16:19:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Nachfolgeraxiom]]></category>
		<category><![CDATA[Unendlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zahl]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xii/">Logische Schneisen XII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem unabweislichen Grund, weil natürlich gilt: 0 ist nicht 1.</p>
<p>Aus dem Vorgang des Zählens und also aus dem Hantieren mit den natürlichen Zahlen 0 und 1 können wir die Struktur des logischen Raums aufbauen. Denn: (1) Zählen ist ein intentionaler Akt, der dem Zählenden bewusst ist, es kann (2) mittels Sprechakten dargestellt werden wie „Ich zähle von 1 bis 10“ oder „Ich zähle die Primzahlen zwischen 30 und 50“ oder „Ich zähle bis zur 18. Kommastelle der Zahl pi“ und ist (3) ein zentraler Baustein der Rationalität, weil es die logischen Forderungen nach Konsistenz, Kohärenz und logischer Folgerung voraussetzt und im besten Falle erfüllt.</p>
<p>Du zählst zunächst 0, danach zählst du 1. Zählen ist wie jede Hantierung und Handlung sowie jeder Sprechakt ein Vorgang in der Zeit, ein Vorgang, eine Handlung, die Zeit braucht. Wenn wir die Zahlen wie die Stationen eines Wanderwegs mittels Zählen erreichen und wenn das die Zahlen konstituierende Zählen Zeit braucht, können wir daraus schließen, dass Zahlen nicht in einer scheinbar zeitenthobenen Sphäre als ewige Entitäten herumschweben oder wie Fixsterne am platonischen Ideenhimmel festgenagelt sind.</p>
<p>10<sup>80</sup> ist die ungefähre Anzahl der Atome im Weltall. Die Zahl gibt eine unser Vorstellungsvermögen weit übersteigende Größe an – aber eine endliche, begrenzte, messbare Größe. Du kannst aber einfach hinschreiben: 10<sup>81</sup>, 10<sup>82</sup>, 10<sup>83</sup> und so weiter. Was heißt das? Wir zählen einfach weiter, wie es uns passt, scheinbar oder offenbar durch keine realen Grenzen der realen Raum-Zeit gehemmt.</p>
<p>Wären Zahlen gleichsam Abbilder der zählbaren Dinge, wären die Etiketten 1.0 und 1.1 nicht lose mit den durch sie etikettierten Dingen verbunden, sondern an sie fest angeheftet, könnten wir irgendwann nicht weiterzählen, sondern stießen an die faktische Grenze des Zählbaren.</p>
<p>Würden Zahlen die zu zählenden und  zählbaren Dinge bezeichnen, wie könnte es dann eine Null geben, die ja nichts zu bezeichnen scheint? Oder wie negative Zahlen – von irrationalen und imaginären Zahlen zu schweigen. Welches seltsame Objekt sollte die transzendente Zahl pi bezeichnen? Also, merken wir an, Zahlen bezeichnen oder referieren nicht, der Vorgang des Zählens ist kein Vorgang des Bezeichnens.</p>
<p>Aber, wendest du ein, wir brauchen die vertrackte Zahl pi doch, um ein wirkliches geometrisches Gebilde, den Kreis, zu vermessen, nämlich Umfang und Fläche des Kreises zu bestimmen! Doch was sind Kreise – und all die anderen geometrischen und topologischen Gebilde und Strukturen – anderes als wiederum Werkzeuge des menschlichen Geistes, der damit schalten und walten kann, wie es ihm beliebt – freilich bis zur unüberschreitbaren Grenze der Inkonsistenz?</p>
<p>Würden Zahlen etwas bezeichnen, müssten sie wie Eigennamen funktionieren. Eigennamen bezeichnen Gegenstände, die existieren, auch wenn wir um ihre Existenz nicht wissen. Denn gewiss gibt es einen gewissen Hans-Peter oder eine bestimmte Inge in deiner Nachbarschaft, in deinem Nachbarviertel oder deiner Nachbarstadt, die so heißen, von deren Existenz du aber nichts weißt. Was sollte es aber bedeuten, dass eine Zahl mit dem Namen Z<sub>0</sub> existiert, aber du weißt nichts von ihrer Existenz? Würden Zahlen bestehende Entitäten bezeichnen, wäre man leicht verführt, zu meinen, auch das Zeichen für das „Und so weiter“, das Unendlichkeitszeichen, bezeichne einen Gegenstand, nämlich das Unendliche. Schon kommen wir in Teufels Küche und stellen unsinnige Fragen wie: Was für ein Objekt ist ein Objekt, das keine Grenzen hat, oder: Wie kann das Unendliche im Endlichen existieren?</p>
<p>Wir fangen irgendwo an, egal wo – aber noch haben wir nichts getan, keinen Mucks und keinen Schritt. Wir nennen diesen Ort des Ursprungs unserer Absichten, Vorhaben, Handlungen und Sprechakte in der irrealen Welt der Zahlen den Nullpunkt oder einfach null. Das ist der Ausgangspunkt – es gibt nichts davor, alles aber danach: Wenn wir den ersten Schritt tun, haben wir gleichsam alle Schritte getan – wie wir gleichsam alles gesagt haben, wenn wir das erste Wort gesagt haben.</p>
<p>Wenn wir den ersten Schritt tun, zählen wir 1. Wir sagen: 1 ist der natürliche Nachfolger der Null, die nur diesen einen direkten Nachfolger, aber keinen Vorfolger oder Vorgänger hat.</p>
<p>Jetzt stehen wir gleichsam auf vorgerücktem Posten, auf der Wegscheide oder am Scheideweg. Vor oder zurück? Wenn uns jetzt der Mut verlässt und wir vor dem nächsten Schritt zurückschrecken, kann es passieren, dass wir kopflos werden und zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren.</p>
<p>Was ist hier passiert? Wir stehen gleichsam unverrichteter Dinge wieder am Nullpunkt, müssen wie man sagt wieder bei null beginnen, obwohl wir die Position der 1 schon erreicht hatten. Als hätten wir gerechnet: 0 x 1 = 0.</p>
<p>Wir haben demnach die Ursünde der Inkonsistenz, des Selbstwiderspruchs, begangen: einen Schritt nach vorn und gleich wieder einen Schritt zurück. Wir sehen, was dabei herauskommt: gar nichts. Wir können die Inkonsistenz sehen, nämlich an der Gleichung 0 x 1 = 0, wofür wir auch schreiben können: ̶1̶  = 0.</p>
<p>Natürlich sollten wir vermeiden, gleich bei unserem ersten Schritt in unbekanntes Gelände zu straucheln. Können wir aber gleichsam auf hoher See oder mitten im Getümmel den Fehltritt der Inkonsistenz auf alle Fälle sichten und ausräumen? Bleiben wir bescheiden und sagen: Nur so weit das Auge reicht, sprich, soweit wir einen Überblick gewinnen können. Vielleicht hast du vor einem Jahr angenommen, Irene wohne in deinem Viertel, heute denkst du nicht mehr an diese Annahme und argwöhnst, Irene wohne nicht in deinem Viertel. Diese gleichsam milden, weil in dem Netzwerk unserer Annahmen lokal umgrenzten und deshalb relativ ungefährlichen Inkonsistenzen können wir nicht ausschließen.</p>
<p>Wenn wir einen Weg zurückgelegt haben und auf einen Hügel gelangen, können wir zurückblicken und unsere verschlungenen Pfade überschauen, die wir gegangen sind, um unseren Überblickspunkt zu erreichen. Wenn wir sehen, dass die zurückgelegten Wegstrecken – trotz Kurven und mancher Umwege und Überkreuzungen – kontinuierlich auseinander hervorgehen, ist alles in Ordnung. Würden wir dagegen wahrnehmen, dass die Spuren unserer Schritte plötzlich abbrechen, um an einer anderen Stelle unversehens wiederaufzutauchen, stutzten wir gehörig und dächten, dass hier was nicht stimmt. Solche Unterbrechungen der Weglinien unseres Handelns und Denkens, solche Löcher im Kontinuum unserer Erfahrung stehen gleichnishaft für das Auftreten von Inkonsistenzen. Wie können wir sie identifizieren? Nun, wir müssen halt immer wieder nach einer gewissen Wegstrecke einen Überblickspunkt finden, von dem aus wir den Faden der Gedanken zurückspulen – und darauf hoffen, dass wir nicht plötzlich ein loses Ende in Händen halten. Dagegen haben wir als gebrechliche Wesen, deren Gedankenkontinuum ständig durch Vergessen, durch Träume und mentale Gewitter unterbrochen wird, keine Hoffnung und keine Chance, einen Aussichtspunkt zu finden, von dem aus wir alle von uns jemals zurückgelegten Wege auf einen Schlag in den Blick nehmen könnten – und könnten wir es, wäre damit noch nicht viel ausgerichtet, denn wir gehen ja weiter, haben noch eine Strecke Weges vor uns, die wir dann wiederum von einem anderen Aussichtspunkt überblicken müssten.</p>
<p>Es könnten Rück- und Überblicke zu fatalen Einsichten führen, dann nämlich, wenn jemand bemerkt, dass die Abdrücke der Fußspuren zwar in die Nähe seines Beobachtungspostens führen, aber nicht geradewegs zu seiner Position gelangen, sondern kurz davor abbiegen und in entgegengesetzter Richtung weiterlaufen. Hier, bemerken wir, kann der Einbruch der Inkonsistenz ins Netzwerk der Gedanken und Erinnerungen dermaßen extrem und umfassend sein, dass wir Zweifel zu hegen beginnen, ob wir der Person noch den Status eines rationalen Lebewesens zusprechen wollen.</p>
<p>Wir haben den ersten Schritt getan und sind bei der natürlichen Zahl 1 angelangt. Wir blicken zurück und sehen: Dies ist der einzig konsistente Schritt, um uns von der Null wegzubewegen. Wir bemerken, die Null ist die erste natürliche Zahl und hat genau einen Nachfolger. Also folgern wir, dass die 1 als die zweite natürliche Zahl ihrerseits einen Nachfolger hat. Wir machen den nächsten Schritt und gelangen zur 2. Erst von dieser Position aus können wir mit Sicherheit sagen: und so weiter.</p>
<p>Wir gelangen so rasend schnell zur 9, dann aber springen wir gleichsam auf die erste Etage und schreiben nicht ein eigenes Zeichen für die Zehn hin, wie man es mit dem lateinischen Alphabet mithilfe von X tut, sondern setzen die Zehn aus der 1 und der 0 zusammen und erhalten 10. So machen wir weiter bis zur 20, 30, 40 und so weiter und springen schließlich bei 99 auf die nächste Etage unseres Stellenwertsystems des Zählens, nämlich auf die 100.</p>
<p>Wir bemerken, dass uns die Zahlen 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 ausreichen, um die Menge der natürlichen Zahlen vollständig aufzubauen. Aber, könntest du einwenden, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.</p>
<p>In der Tat, dass wir unser Zahlensystem anhand der Zehnerreihe aufbauen, ist nur der natürlichen und kontingenten Tatsache geschuldet, dass wir nun einmal zehn Finger haben und vor Zeiten anhand unserer Finger mit dem Zählen begonnen haben, wie es kleine Kinder auch jetzt noch tun. Kurz und gut: Da wir alle Zahlen mit der 0 und der beliebigen Addition von Einsen darstellen können, liegt das binäre System, mit dem wir die Zahlen und alle anderen Zeichen (vor allem die Buchstaben) mittels der Kombination der Zeichen für 0 und 1 darstellen können, in all seiner Perfektion, Eleganz und Schönheit vor unseren Augen.</p>
<p>Wir haben zu zählen begonnen und das Sesam-öffne-dich von Mathematik und Logik, das Und-so-weiter, mutig ausgesprochen. Und wie geht das Und-so-weiter? Du meinst, es nehme halt kein Ende mit dem Zählen und Sprechen, weil du ja immer weiter zählen und sprechen und für den Nachfolger des Nachfolgers den Nachfolger benennen könnest – weil du bei der x-ten Zahl einfach die nächste Zahl mit der Formel x + 1 bilden könnest, ein unerschöpfliches Unterfangen!</p>
<p>Wenn Zahlen aber Werkzeuge des menschlichen Geistes sind und wenn vieles, was Menschen ins Werk setzen, wohl großartig und bewunderungswürdig sein mag, aber letztlich doch begrenzt und endlich ist, wird dann nicht auch unser kreatives Und-so-weiter an ein Ende kommen und abbrechen müssen? Wir können ja, wenn das Universum aus 10<sup>80</sup> Atomen besteht, in einer höchst optimistischen Fiktion „nur“ 10<sup>80 </sup>Zahlen, Ziffern oder Striche an bestimmten Punkten dieses Universums anbringen.</p>
<p>Was tun? Schreiben wir getrost 10<sup>81</sup> hin. Im Bereich der geistigen Abenteuer können wir, was wir wollen – und wir wollen nicht von realen Hemmklötzen in unserer mathematisch-logischen Urlust gestört werden, weiter zu zählen und weiter zu sprechen.</p>
<p>Mit der Gleichung 1 – 2 = –1 gelangen wir in den Bereich der negativen Zahlen. Wir sehen dies im Bild, dass wir uns im Nullpunkt umdrehen und in die entgegengesetzte Richtung einen Schritt machen. Und wieder gilt das Nachfolgeraxiom, das uns das Und-so-weiter in dieser Richtung eröffnet.</p>
<p>Mit dem geordneten Zahlenpaar (1/1) erobern wir die zweite Dimension, die Ebene oder Fläche, mit dem geordneten Zahlentripel (1/1/1) die dritte Dimension, den Raum. Wir sehen: Wir können nicht nur linear auf dem Zahlenstrahl das Und-so-weiter Schritt für Schritt vollziehen, sondern auch multidimensional den Raum der Dimensionen mit dem Und-so-weiter Schritt für Schritt aufbauen.</p>
<p>Wir haben mit dem Punkt der Ebene P<sub>1</sub> (1/1) und dem Punkt des dreidimensionalen Raums P<sub>2 </sub>(1/1/1) genau einen Wert von virtuell unendlich vielen Werten herausgegriffen. Dies gilt auch dann, wenn wir mittels dieser Punkte im cartesischen Koordinatensystem ein Quadrat mit der Kante 1 oder einen Kubus mit der Kante 1 konstruieren. Wir brauchen nur willkürlich einen Wert der Punktmengen zu variieren, zum Beispiel P<sub>3</sub> (1/2) oder P<sub>4 </sub>(1/1/2), und schon erhalten wir als Ergebnis andere geometrische Gebilde, nämlich ein Rechteck beziehungsweise eine quadratische Säule.</p>
<p>Die Virtualität oder die grenzenlosen Möglichkeiten der Wertverteilung können wir folgendermaßen ausdrücken: P<sub>1</sub> (x<sub>1</sub>/y<sub>1</sub>) beziehungsweise P<sub>2</sub> (x<sub>1</sub>/y<sub>1</sub>/z<sub>1</sub>). Wir sehen: Wir können nicht nur mit gegebenen Zahlen hantieren, sondern auch durch algebraische Abstraktion mit virtuellen Zahlen spielen.</p>
<p>Wir verteilen beliebige Werte auf die Punktmengen und üben uns im Und-so-weiter, indem wir an je einer Wertstelle eine 1 hinzufügen: P<sub>5</sub> (x<sub>1</sub> + 1/y<sub>1</sub> + 1/z<sub>1</sub> +1). Wenn wir auf den vollständigen Zahlenraum zugreifen, können wir statt der 1 auch jeweils –1, Wurzel aus –1 oder pi einsetzen.</p>
<p>Wenn du ein Quadrat in der Mitte faltest und die beiden Hälften zusammenklappst, erhältst du ein Rechteck, schneidest du es in der Mitte durch, erhältst du zwei flächengleiche Rechtecke. Machst du das mit einem Kubus, erhältst du einen Quader. Quetschst du einen Kreis, erhältst du eine Ellipse. Ja, du kannst mit ein bisschen Gewaltanwendung einen Kubus so lange zusammenpressen, bis er wieder eine Dimension herunterfährt und ein Quadrat bildet (mach es in Gedanken, dann geht es problemlos). Wir sehen: Mittels regelförmiger Transformationen können wir nicht nur geometrische Gebilde einer Stufe ineinander verwandeln, sondern auch Gebilde beliebiger Stufe auf die nächstniedrige Stufe, wie von der 3. Dimension auf die 2. Dimension, transformieren. Wir sagen: Zahlen und Gebilde, die wir anhand von Punkt- und Zahlenmengen konstruieren, können wir beliebig variieren.</p>
<p>Was wir nicht können, und hier handelt sich es wiederum nicht um ein empirisches Versagen, sondern um einen Zug oder eine Eigenschaft im logischen Raum: Wir können mittels Variationen keine zahlenförmigen Strukturen oder geometrischen Gebilde erzeugen, die nicht durch die Angabe ihrer Koordinaten, also mittels Punkt- und Zahlenmengen, dargestellt werden können. Das Verfahren der Variation ist strukturell und dimensional in sich abgeschlossen durch den Begriff der Identität. Variation setzt den Begriff der Identität voraus.</p>
<p>Würden wir den Begriff der Identität aufgeben, könnten wir nicht mehr zählen – und also nicht mehr denken. Gedanken sind Variationen der Identität. Wenn wir auf dem Gedankenweg den Ausgangspunkt, den Nullpunkt, unserer freien Variationen gleichsam vergessen oder aus den Augen verlieren und von unserem Überblicksposten aus nicht mehr gewärtigen können, haben wir das Spiel verloren und uns heillos in Inkonsistenzen verstrickt. Wir haben dann nicht bloß Fehler gemacht, wie einem eben nun mal notgedrungen Rechenfehler unterlaufen, sondern sind nicht mehr in der Lage, zu erkennen und zu behaupten, ob wir Fehler gemacht haben oder korrekt gerechnet und klar gedacht haben.</p>
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		<title>Logische Schneisen XI</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 17:02:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Kohärenz]]></category>
		<category><![CDATA[Konsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Sebstwiderspruch]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die Dimensionen des logischen Raums, Sprache, Intentionalität, Bewusstsein und Rationalität, sind systematisch verknüpft, das heißt sie implizieren sich wechselseitig. Auf diese Weise bilden sie einen begrifflichen und axiomatischen Zirkel, der die Grenze zwischen den Gegensätzen absichtsvoll/unwillkürlich, intentional/kausal, sinnvoll/sinnlos sowie rational/irrational definiert. Wenn du die Behauptung äußerst „Ich glaube, dass der Mond der Erdtrabant ist“, äußerst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xi/">Logische Schneisen XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Dimensionen des logischen Raums, Sprache, Intentionalität, Bewusstsein und Rationalität, sind systematisch verknüpft, das heißt sie implizieren sich wechselseitig. Auf diese Weise bilden sie einen begrifflichen und axiomatischen Zirkel, der die Grenze zwischen den Gegensätzen absichtsvoll/unwillkürlich, intentional/kausal, sinnvoll/sinnlos sowie rational/irrational definiert.</p>
<p>Wenn du die Behauptung äußerst „Ich glaube, dass der Mond der Erdtrabant ist“, äußerst du einen Satz über deinen intentionalen Zustand des Glaubens, der nicht eintreten kann, ohne dass du dir seiner bewusst bist; und weil du nicht nur glaubst, dass der Mond der Erdtrabant ist, sondern auch, dass ein Erdtrabant ein Planet ist, der die Erde umkreist, gibst du anhand der Kohärenz dieser Überzeugungen eine wenn auch geringfügige Probe deiner Fähigkeit zu rationalem Denken.</p>
<p>Dein behauptendes Sprechen impliziert das Bewusstsein des intentionalen Zustands des Glaubens oder Meinens oder Überzeugtseins sowie die Vereinbarkeit der geäußerten Überzeugung mit möglichst vielen und bestenfalls all deinen restlichen Überzeugungen. Wir halten fest: Behauptungen setzen die Kohärenz der in der Behauptung geäußerten Überzeugung mit möglichst vielen (bestenfalls allen) empirischen und logischen Annahmen des Sprechers voraus, die sich in einem Netz von Überzeugungen und Annahmen wechselseitig implizieren oder auseinander ableitbar sind oder wechselseitig ausgrenzen und negieren.</p>
<p>Sollte sich bereits an der logischen Form des geäußerten Satzes zeigen, dass er nicht sinnvoll ist, wie bei dem Satz „Ich glaube, der Mond ist der Erdtrabant, und ich glaube nicht, dass ein Planet die Erde umkreist“, können wir aus der sinnwidrigen Behauptung auf eine Inkonsistenz im Netzwerk der Überzeugungen des Sprechers schließen. Ob das Gewebe des Netzwerks nur an dieser Stelle gleichsam einen Riss hat oder ob sich der Riss über die gesamte Fläche des Netzes ausbreitet, können wir erst mittels weiterer Stichproben anhand weiterer Behauptungen der Person ausfindig machen. Sollte sich bei genügend Proben erweisen, dass die Person nicht willens und in der Lage ist, aktiv und umfassend Inkonsistenzen aus dem rationalen Gewebe ihrer Überzeugungen auszuschließen, beginnen wir leise Zweifel am rationalen Status der Person zu hegen.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir gleichsam anhand des Schattens des Logischen die Schatten werfenden logischen Strukturen erfassen und aufbauen können. So wie wir anhand der fatalen Nah- und Fernwirkungen von Inkonsistenz im Glaubensnetz einer Person die Forderung nach Konsistenz als erste Forderung der Vernunft und des logischen Raums erfassen können.</p>
<p>Dabei unterscheiden wir streng Inkonsistenz als sinnwidrige Behauptung von Irrtum als Behauptung eines falschen Satzes. Wir können von sehr vielen Dingen das Falsche und Unwahre annahmen, ohne im Geringsten Gefahr zu laufen, Zweifel an der Berechtigung unseres Status einer rationalen Person zu erregen. Wenn ich glaubte, die Erde sei eine Scheibe, die Sterne würden von Engeln bewegt und hinter den Sieben Bergen hausten Pegasus und Einhorn, wäre ich nicht unvernünftig, sondern nur ein bisschen hinterm Mond.</p>
<p>Irrtümer und verkehrte Überzeugungen dieser Art hindern mich nicht daran, beim Bäcker und im Supermarkt einzukaufen, mit dir nett zu plaudern (außer über Einhörner und Verwandte) und meinen Alltag zu organisieren, kurz mittels der mehr oder weniger korrekten Verwendung spezifischer Sprechakte des Behauptens, Aufforderns und Versprechens und den sie begleitenden intentionalen Zuständen im Leben klar zu kommen.</p>
<p>Wer aber den Widerspruch in sein Glaubenssystem gastlich aufnimmt und dort sein Zerstörungswerk ungehindert durchführen lässt, überschreitet früher oder später die Grenzen des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein. Er scheint noch zu sprechen, aber da er zugleich das Gegenteil dessen, was er sagt, annimmt, teilt er uns nichts mehr mit, oder er teilt uns mit, dass er die Fähigkeit zur Übermittlung von Informationen eingebüßt hat. Er gibt uns zu verstehen und zu bedeuten, dass er die Fähigkeit des Bedeutungsverstehens verloren hat – er ist bedeutungsblind geworden.</p>
<p>Der Bedeutungsblinde versteht die Funktion der Zeichen nicht, nämlich einen Gegenstand zu bezeichnen und damit zugleich all das, was dieser Gegenstand nicht ist, auszuschließen oder abzugrenzen. Das Prädikat „rot“ versieht den Gegenstand mit einem Farbbegriff und schließt ihn zugleich von der Anwendung aller anderen Farbbegriffen aus. Hier bemerken wir, dass Bedeutungsverstehen auf der formalen Fähigkeit der Zuschreibung von Prädikaten derselben Kategorie und der Negation aller anderen Prädikate derselben Kategorie beruht.</p>
<p>Wenn wir sehen, wie jemand auf die Tafel schreibt „Ich bin über 30 Jahre alt, ich bin unter 30 Jahre alt, mein Vater lebt in Frankfurt, mein Vater liegt schon fünf Jahre auf dem Waldfriedhof“, könnte er sich als rationale Person ohne jeden Anflug inkonsistenten Denkens erweisen, wenn er auf unsere Nachfrage, was er denn da treibe, erklärt, er bereite grammatische Übungssätze für den Deutschunterricht vor.</p>
<p>Von dem Bedeutungsblinden aber können wir vergleichsweise sagen: Er öffnet das Fenster und schließt es gleich wieder. Er ruft jemanden an und legt sofort auf, wenn der Angerufene den Hörer abhebt. Er befeuchtet das Handtuch, mit dem er sich abtrocknen will. Er schreibt einen Satz nieder und streicht ihn wieder durch. Er multipliziert jede Zahl mit null. Er tritt gleichzeitig auf die Bremse und gibt Gas.</p>
<p>Der Bedeutungsblinde ist unfähig, in der pragmatischen Kommunikation des Alltags seine intentionalen Zustände und Absichten deutlich und verständlich kundzutun. Er verspricht etwas, ohne den festen Willen und die Absicht haben zu können, das Versprochene laut Verabredung einzuhalten und zu verwirklichen – er zeigt damit nicht seine Untreue und seine notorische Unzuverlässigkeit oder Vergesslichkeit, sondern sein Unverständnis dafür, um welchen Sprechakt es sich beim Versprechen eigentlich handelt. Jemanden, der seine Versprechen und Zusagen hartnäckig bricht, zeihen wir rechtens der charakterlichen Unzuverlässigkeit und tadeln ihn in der wenn auch wenig aussichtsreichen Hoffnung auf Besserung – den Bedeutungsblinden aber können wir nicht einmal tadeln, da es ihm nicht möglich ist, für die moralischen Folgen des Sprechakts des Versprechens geradezustehen und Verantwortung zu übernehmen. Wir reden hier nicht von Charakterschwäche, sondern von Geisteskrankheit.</p>
<p>Sprechen heißt, Grenzen ziehen, die Grenze der Anwendbarkeit von Prädikaten bestätigen oder zu verschieben suchen. In der Schwarz-Weiß-Welt impliziert die Behauptung „Dieser Fleck ist nicht schwarz“ die Behauptung „Dieser Fleck ist weiß“. In der Drei-Farben-Welt impliziert die Behauptung „Dieser Fleck ist rot“ die Behauptung „Dieser Fleck ist grün oder blau.“ Wir sagen etwas umständlich zur Verdeutlichung: Dieser Gegenstand gehört zur Menge aller Gegenstände, die in der Drei-Farben-Welt die Eigenschaft haben, rot zu sein, und er gehört nicht zur Menge aller Gegenstände, die die Eigenschaften haben, grün oder blau zu sein. Wenn ich die Zugehörigkeit eines Gegenstands zu einer Menge M<sub>1</sub> festgelegt habe, habe ich gleichzeitig die Nicht-Zugehörigkeit des Gegenstands zu jenen Mengen M<sub>2</sub>, M<sub>3</sub> … M<sub>n</sub> festgelegt, die mit M<sub>1</sub> denselben logischen Raum – hier den Farbraum – teilen.</p>
<p>Die Äußerung eines Sprechers in der Schwarz-Weiß-Welt „Dieser Gegenstand ist weder schwarz noch weiß“ manifestiert keine Sehschwäche, sondern Bedeutungsblindheit bei der sinnvollen Verwendung der Farbausdrücke. Der Satz „pi ist rot“ ist nicht falsch, sondern unsinnig, weil der Sprecher den kategorialen Unterschied von Zahlbegriffen und Begriffen von Gegenständen in der Raum-Zeit verkennt, dem gemäß Zahlen aus dem Farbraum gleichsam ausgesperrt sind. Über pi kann man nur sagen, was zu sagen im logischen Zahlenraum sinnvoll zu sagen ist, zum Beispiel dass es eine transzendente Zahl ist, dass es nicht die Lösung einer Gleichung darstellt und dergleichen mehr.</p>
<p>Wenn wir in der Schwarz-Weiß-Welt Schattierungen und Nuancen zulassen und jemand äußert: „Dieser Gegenstand ist weder schwarz noch weiß“, schließen wir daraus nicht auf Bedeutungsblindheit bei der sinnvollen Anwendung von Farbausdrücken. In diesem Fall ist die Konjunktion der Sätze „Dieser Gegenstand ist nicht schwarz“ und „Dieser Gegenstand ist nicht weiß“ kein Widerspruch, und der Sprecher ist nicht in die Falle des Selbstwiderspruchs und der Inkonsistenz getappt, wenn der Gegenstand grau ist.</p>
<p>Der formale Ausdruck der Inkonsistenz ist die Behauptung von p und nicht-p in einer relevanten Situation, die demselben Sprecher Behauptungen über denselben Gegenstand zuordnet. Wir stellen fest: Inkonsistenz ist gleichsam der Schatten von Behauptungen, nicht von Sätzen. Sätze wie „Der Kanzler von Deutschland ist ein Mann“ und „Der Kanzler von Deutschland ist eine Frau“ sind geäußert zur Zeit der Kanzlerschaft von Frau Merkel und Herrn Schröder falsch, geäußert zur Zeit der Kanzlerschaft von Herrn Schröder und Frau Merkel richtig. Die beiden Sätze werden inkonsistent, wenn sie als Konjunktion von derselben Person zur Zeit der Kanzlerschaft Schröders oder Merkels geäußert werden.</p>
<p>Dagegen bilden die beiden Sätze „Der Mond ist der Erdtrabant“ und „Der Mond ist aus grünem Käse“ keine Inkonsistenz, auch wenn der zweite Satz falsch ist und auch wenn sie von derselben Person angesichts des gerade prachtvoll aufgehenden Vollmonds geäußert werden.</p>
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