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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Intention</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft IX</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Aug 2014 16:41:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[kontextuelle Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-ix/">Auf den Spuren der Vernunft IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft folgenden Handlungsvollzüge verstehen. Wir können dies aber nur unter der Bedingung, dass wir solche Patienten und Wahnkranke als vernunftbegabte Personen ansehen: Sie mögen unvernünftig handeln und uns unvernünftig erscheinen, doch sind sie nicht vernunftlos.</p>
<p>Wenn jemand Nachstellungen befürchtet und sich von Feinden verfolgt weiß, denen er sich unterlegen fühlt, und aus diesem Grund Vorkehrungen trifft, die Nachstellungen zu umgehen und den Verfolgern zu entrinnen, handelt er nach einem allgemeinen Schema der praktischen Vernunft, das besagt: Wenn du von übermächtigen Feinden verfolgt wirst, suche ein sicheres Versteck auf. Der springende Punkt ist natürlich, dass der Betroffene diese allgemeine Regel ohne Hinzunahme einer weiteren speziellen Regel im gegebenen Fall anzuwenden weiß.</p>
<p>Wir unterstellen unseren Mitmenschen, auch Wahnkranken und Psychotikern, Personen wie wir selbst zu sein und so zu denken, zu fühlen und zu handeln wie wir selbst. Dazu gehört auch die Unterstellung, normalerweise und durchschnittlich vernünftig denken und handeln zu können, das heißt, über die Fähigkeit und Disposition zu verfügen, Gedanken aus wohlbestimmten Gründen als wahr anzunehmen und Handlungen aus rationalen Motiven zu vollbringen, um damit lebensdienliche Zwecke und Ziele mit geeigneten Mitteln herbeizuführen.</p>
<p>Um nonverbale oder sprachliche Mitteilungen von Personen verstehen zu können, müssen wir ihnen unterstellen, uns etwas mittteilen zu wollen. Denn stünde ihnen nicht frei uns zu sagen, was immer sie uns sagen wollen, sondern wäre ihre Mitteilung eine unmotivierte und unabsichtliche Kundgebung wie das Plätschern von Wasser, würden wir das Gehörte nicht als informationshaltige Äußerung akzeptieren.</p>
<p>Mit der Äußerung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ willst du mich auf das Herannahen deiner Anverwandten aufmerksam machen. Ich gehe davon aus, dass du glaubst, was du sagst, und also dass es sich wirklich um deine Tante handelt, anders würdest du mich – aus welchen Gründen auch immer und solche Gründe könnte es ja geben – anlügen wollen. Aber auch wenn du glaubst, was du sagst, kann der Satz „Da kommt meine Tante Grete“ falsch sein, denn du könntest dich irren, weil du deine Tante über Jahre nicht gesehen hast und die andere Frau deiner Tante verblüffend ähnlich sieht.</p>
<p>Wenn uns beiden aber die Tatsache bekannt ist, das deine Tante schon vor Jahren verstorben ist, könnte ich dir nicht unterstellen, mich belügen noch die Unwahrheit sagen zu wollen. In diesem Falle sprechen wir von einer wahnhaften oder psychotischen Personenverkennung. Das Charakteristische der wahnhaften Mitteilung besteht darin, dass die vernünftige Basis symmetrischer Zuschreibungen von Intentionen zusammengebrochen ist. Daher der für die Krankheitssymptome typische Eindruck des Unverständlichen und Unbezüglichen. In normalen Fällen berücksichtigen wir manchmal Ausnahmefälle hoher Unwahrscheinlichkeit und gravierender Täuschungen und Irrtümer. Im Krankheitsfalle ist uns meist ohne Weiteres merklich, dass die Grenze des gerade noch Wahrscheinlichen überschritten ist.</p>
<p>Eine spezifische Fehldeutung von Intentionen nonverbaler und verbaler Art finden wir bei allen wahnkranken Patienten, nämlich die Ersetzung des eigentlich gemeinten Bezugsobjekts oder Referenten durch die eigene Person (Eigenbezüglichkeit): Was in der Zeitung über wen auch immer steht, was im Radio oder Fernsehen von wem auch immer gezeigt oder über wen auch immer geschrieben oder gesagt wird, all das meint je die eigene Person, und dies meist geprägt von einer feindseligen und paranoiden Wahnstimmung.</p>
<p>Oft bezieht sich die fehlgedeutete Äußerung auf den thematischen Hintergrund der Erkrankung: Wer sich wegen vorgeblicher oder tatsächlicher sexueller Fehltritte in der Vergangenheit heute beobachtet oder verfolgt wähnt, bezieht den Zeitungsbericht über die außerehelichen Affären des Schauspielers oder den TV-Report über die pädophilen Übergriffe des Lehrers auf sich selbst und geht felsenfest davon aus, dass nunmehr alle Welt über sein schmutziges Leben im Bilde ist.</p>
<p>Eine andere spezifische Fehldeutung bezieht sich auf das Vorkommen nichtintentionaler Phänomene, die konsequent und willkürlich als intentionale Äußerungen und Kundgaben gedeutet werden: Risse in der Mauer, ein blinkendes Licht in der Ferne, das Hupen von Autos, Hundegebell, der Klang von Glocken, das Schreien eines Kinds, jemand tritt dem Patienten versehentlich auf den Fuß, schnäuzt sich oder kratzt sich in seiner Gegenwart, stößt ihn an, blickt unter sich, seufzt oder zuckt mit dem Augenlid – all dies und manches andere wird intentional-eigenbezüglich als intentionale Mitteilung an die eigene Person gedeutet.</p>
<p>Die Krankheit zeigt demnach nicht die teilweise oder vollständige Einbuße der Fähigkeit, nonverbale und verbale Kundgaben auf ihren intentionalen Gehalt hin zu befragen und deutend aufzuschließen. Vielmehr ist der Psychotiker im akuten Prozess der Fähigkeit beraubt, das pragmatische Feld zu identifizieren, in dem die Kundgaben ihre kontextuell individuierte Bedeutung aufbauen: Öffentliche Medien sind nur in seltenen Fällen das pragmatische Feld, in dem die Mitteilungen nach der Devise „tua res agitur“ ihre Bedeutungen erhalten.</p>
<p>Interessant ist die Neigung von Patienten, nichtintentionale Phänomene mit symbolischem Gehalt aufzuladen – eine Neigung, die uns in der Dichtung bis zu Goethe und Baudelaire begegnet, aber auch in den kultischen Handlungen und künstlerischen Hervorbringungen der frühen Völker. Aber noch in den klassischen Zeitaltern deuteten die Priester der Griechen aus dem Rauschen der Eiche von Dodona und die der Römer aus dem Vogelflug. Tatsachen dieser Art sollten unser pragmatisch-skeptisches Misstrauen gegenüber Theorien beflügeln, die von einer fugenlos-dichten Grenze zwischen intentionalen Kundgaben und kausalen Phänomenen ausgehen.</p>
<p>Wir konstatieren zwei wesentliche Merkmale der Begriffe „Vernunft“, „vernünftig“ und „rational“: Sie sind nicht deskriptiv, sondern dispositionell und präskriptiv: Sie beschreiben keine kontinuierlich-stabilen Eigenschaften von Personen, wie die Eigenschaft blond zu sein oder 1,68 m groß, sondern Fähigkeiten, wie die Fähigkeit, Fahrrad oder Auto fahren oder lesen zu können; und sie beschreiben keine Fakten, wie das Faktum, einen bestimmten IQ zu haben, sondern Normen oder Vorschriften, wie die Norm, nicht nur intelligent zu handeln, sondern seine Intelligenz möglichst produktiv und relevant einzusetzen – und nicht ausschließlich darauf zu verwenden, Kreuzworträtsel zu lösen.</p>
<p>Aufzuspüren und zu analysieren, mit welchen Methoden und raffinierten Techniken einen Verfolger überwachen und kontrollieren, mag des Einsatzes eines nicht geringen Maßes von Intelligenz bedürfen, vernünftig ist es nicht, wenn die Feinde imaginär oder die vermeintlichen Verfolger harmlos sind.</p>
<p>Lebloses für lebend zu halten und Verstorbene am Wegrand zu begrüßen, widerspricht den begrifflichen und kognitiven Bedingungen dafür, dass wir Begriffe von Dingen und Personen sinnvoll und bedeutungsvoll verwenden. Die Enthüllung der Absurdität der erwähnten Aufforderung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ legt eben diese basalen Bedingungen unserer Art, vernünftig zu reden und zu handeln, offen.</p>
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		<title>Logische Schneisen VIII</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jan 2014 11:48:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechakt]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens: (2) (1) „Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“ „Betritt nicht die Straße!“ (2) (2) „Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“ „Betritt nicht die Straße!“ (2) (3) „Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“ „(Bitte) [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-viii/">Logische Schneisen VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens:</p>
<p>(2) (1)<br />
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (2)<br />
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (3)<br />
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“<br />
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (4)<br />
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“<br />
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“<br />
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“<br />
(3)<br />
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit ­­­dir zu treffen.“<br />
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“</p>
<p>Wir sehen: Wir können den Hauptsatz mit dem sogenannten Indikator, der dem Infinitiv voransteht, welcher den Inhalt der betreffenden Aufforderung beziehungsweise des Versprechens angibt, ersatzlos streichen und sodann den erweiterten Infinitiv in einen Aussagesatz umformen. Dann erkennen wir, dass alle Aufforderungen ob Warnung, Empfehlung oder Bitte dieselbe Satzform annehmen – ja, wir können sogar den Fragesatz in einen Aufforderungssatz umformen, nämlich in die Bitte um Antwort.</p>
<p>Es verbleiben demnach als sprachliche Grundformen des pragmatischen Umgangs von Menschen die beiden Satztypen der Aufforderung und des Versprechens:</p>
<p>„Ich fordere dich auf, das und das zu tun.“<br />
„Ich verspreche dir, das und das zu tun.“</p>
<p>Wir sehen: Hier handelt es sich um symmetrische und reziproke Strukturen. Wenn ich dich bitte, uns zu unserem Treffen zwei Stück Kuchen vom Bäcker mitzubringen, ist dieser Satz umgekehrt äquivalent zu dem symmetrisch und reziprok gebildeten Satz, den du auf meine Bitte hin äußern könntest: „Ich verspreche dir, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen.“</p>
<p>Wir führen zur weiteren Reduktion der Formunterschiede und zur Vereinfachung der Darlegung den Begriff der Veranlassung ein. Symmetrie und umgekehrte Äquivalenz werden so noch klarer und sichtbarer. Wenn ich dich veranlasse, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen, kannst du deine Bereitschaft, dich von mir zu diesem Tun veranlassen zu wollen, mit dem Versprechen Ausdruck verleihen, das Erwünschte zu tun.</p>
<p>Im pragmatischen Umgang stehen sich Ego und Alter Ego in symmetrischen und reziproken Positionen gegenüber – in einem sprachlichen Feld, in dem sich mittels der Satztypen der wechselseitigen Veranlassung reziproke und gegenläufige Intentionen kreuzen: Ich veranlasse dich, etwas zu tun – du veranlasst mich, etwas zu tun.</p>
<p>Hierbei ist stets zu ergänzen: etwas zu tun oder nicht zu tun (das heißt zu lassen). Der Inhalt der angesonnenen Tätigkeit mag dabei vom bloßen An-etwas-Denken über das Aussprechen nachgefragter Information bis hin zur zupackenden Tat reichen.</p>
<p>Wie vermag ich dich zu veranlassen, mir bei Tisch die Wasserflasche herüberzureichen? Nun, ich werde vielleicht zu dir gewandt sagen: „Wärst du so nett, mir die Flasche Wasser zu reichen?“ oder „Bitte reich mir doch die Flasche herüber!“ Du verstehst ja Deutsch und weißt, was ich meine, und weil du mir freundlich gesinnt bist, zögerst du nicht, mir das Gewünschte zu geben.</p>
<p>ich könnte allerdings auch eine Hand in Richtung Wasserflasche ausstrecken, als Geste der Aufforderung, einer möge so freundlich sein, mir die Flasche zu reichen, an die ich von meiner Position aus nicht hinlange. Und sicher würde ich mit dieser Geste deine Aufmerksamkeit wecken und du würdest sie richtig als sprachförmige Geste verstehen, die bedeutet: „Bitte, reich mir doch die Flasche Wasser herüber!“ Und du wiederum kommst mir mit der Bewegung deiner Hand gleichsam auf halbem Wege entgegen und reichst mir die Flasche.</p>
<p>Auf solche Weise hätte ich dich mittels eines einfachen Sprechaktes der Aufforderung oder mittels einer einfachen sprachförmigen Geste dazu veranlasst, zu tun, wonach mich verlangt hat.</p>
<p>Jemanden veranlassen, etwas zu tun, heißt nicht, auf jemanden kausal einzuwirken, sodass er tun muss, was du von ihm verlangst. Und jemanden etwas zu tun auffordern heißt nicht ihn wie mittels magischer Sprüche oder Beschwörungsformeln nötigen, etwas zu tun. Auch wenn du von deiner hohen Amtsstellung her befugt wärest, jemandem zu befehlen, etwas zu tun, könnte er sich noch immer weigern, dem Befehl zu gehorchen, auch wenn die Befehlsverweigerung mit hohen Sanktionen bewehrt wäre, denn diese zu erleiden könnte dem heroisch Gesinnten besser dünken, als seinen freien Willen aufzugeben. Du kannst jemanden durch Schmeicheleien und Versprechungen zu beeinflussen und durch Aussicht auf materiellen Gewinn zu bestechen suchen, der Betreffende ist dennoch nicht gezwungen, deiner Aufforderung nachzukommen, wie eine Lampe nicht anders als leuchten „kann“, wenn du den Schalter betätigt hast – es sei denn sie ist kaputt. Wir sagen zusammenfassend: Mit den für die menschliche Praxis wesentlichen und entscheidenden Sprechakten des Aufforderns und Versprechens begeben wir uns ein intentionales Feld des Redens und Tuns, nicht in ein kausales Feld des Geschehens.</p>
<p>Allerdings ist die Erfüllung von Wünschen nicht durch ihre Artikulation garantiert (Schön wärʼs oder auch gar nicht schön!). Es könnte Folgendes passieren: Ich trage dir meine Bitte vor und du ignorierst sie einfach! Du schneidest mich bei Tisch, weichst meinen Blicken aus, tust nicht, was ich von dir verlange, oder beantwortest meine Fragen nicht. Was ist hier geschehen?</p>
<p>Nun, du bist mir wohl böse und übel gesonnen, vielleicht weil ich dir einen Wunsch ausgeschlagen, dich missachtet oder beleidigt habe. Dann geschieht mir durch deine Ignoranz und deine Weigerung, dich von mir zu einem Tun veranlassen zu wollen, die Rache. Oder es gibt jemanden, der gleichsam ältere Rechte oder größeren Einfluss bei dir hat als ich und der dich veranlasst hat, nicht das zu tun, wozu immer ich dich veranlassen will, sondern es zu lassen.</p>
<p>Hier gelangen wir zu der trivialen Einsicht: Nicht jeder kann jedem alles sagen. Oder als Frage formuliert: Wer kann wem was sagen? Nicht jeder kann jeden zu was auch immer veranlassen, nicht jeder fühlt sich von jedem veranlasst, was auch immer zu tun.</p>
<p>Die Arten der Aufforderung sind in einer sozialen Hierarchie angeordnet und reichen vom Befehl des Generals während höchster Gefährdung im Feld, wobei dem Befehlsverweiger durchaus die Todesstrafe drohen mag, über die Anordnung der Eltern, bei Tisch nicht durcheinanderzureden, bis zur Bitte des Bettlers, ihm einen Euro zu schenken. Je nachdem, in welchem Maße die Weigerung, einer Aufforderung nachzukommen, mit Strafe oder Tadel sanktioniert ist, bewerten wir den Ernst und das Gewicht einer Aufforderung.</p>
<p>Ob du dein Versprechen, am ausbedungenen Zeitpunkt und Ort zu erscheinen, wahr machen wirst, steht dahin, wie alles, was man nicht in der Vergangenheitsform formulieren kann. Du könntest dein Versprechen vergessen oder verraten haben, du könntest es im Augenblick, da es dir über die Lippen kam, gar nicht ernst genommen haben, du könntest durch einen Unfall, eine Unpässlichkeit, eine Krankheit, ja im schlimmsten Falle durch dein Ableben endgültig verhindert sein, dein Versprechen einzulösen.</p>
<p>Mit den Sprechakten der Aufforderung und des Versprechens drücken wir unsere Absichten aus, dass ein anderer etwas für uns tue, oder dass wir bereit sind, für einen anderen etwas zu tun. Der Zeitpunkt, an dem eine Absicht erfüllt oder verwirklicht sein wird, ist immer die Zukunft, ein zukünftiger Moment, gesichtet vom imaginären Standpunkt der Gegenwart aus. Was in Zukunft geschehen mag, weiß niemand mit Gewissheit vorauszusehen. Deshalb reichen die Sprechakte der Aufforderung und des Versprechens gewissermaßen in den dunklen oder unsichtbaren Raum des Ungeschehenen.</p>
<p>Wir versuchen, der Ungewissheit alles Zukünftigen gegenzusteuern, indem wir gleichsam Sicherungen in unsere Handlungsschaltkreise einbauen: Du hast deinem Freund versprochen, das ausgeliehene Geld endgültig übermorgen zurückzuerstatten. Weil du nicht voraussehen konntest, ob du die Summe aus eigenen Kräften aufzubringen vermochtest, hast du dir rechtzeitig von einem Dritten dieselbe Summe geliehen. So schleppst du dich zwar mühsam von Gläubiger zu Gläubiger, kannst aber mittels dieser fragwürdigen Absicherung dein Versprechen einhalten.</p>
<p>Wenn du einen größeren Kredit bei einer Bank bezogen hast, hat sich die Bank gegen die Ungewissheiten und Unsicherheiten der Zukunft durch den Abschluss einer Versicherung zur Begleichung der anfälligen Restsumme im Krankheitsfalle, bei Unfall, Invalidität und Tod abgesichert.</p>
<p>In den entscheidenden Fällen unseres Lebens haben wir keine Versicherung oder Sicherheiten zur Hand. Wir erwarten nicht nur den Erhalt und die Wiederkehr alles dessen, was uns lieb und teuer ist, sondern sein endgültiges Verschwinden. Deshalb sind unsere am Zeitsinn der Zukunft orientierten handlungsleitenden Sprechakte des Aufforderns und Versprechens immer auf Risiko, Wagnis und Ungewissheit hin gesprochen.</p>
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		<title>Philosophieren XII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xii/</link>
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		<pubDate>Sun, 21 Jul 2013 10:12:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Grund]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst. Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst. Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung. Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde. Auf der Grundlage einer [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xii/">Philosophieren XII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst.<br />
Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst.<br />
Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung.<br />
Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde.<br />
Auf der Grundlage einer DNS-Analyse wurde der Nachweis erbracht, dass er der Mörder war.<br />
Auf der Grundlage einer DNS-Analyse konnte die Annahme bekräftigt werden, dass er mit einiger, hoher, sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder war.</p>
<p>Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst. – Dass gewisse Gegebenheiten und Begebenheiten auf der Hand liegen, sonnenklar, offensichtlich, augenscheinlich und evident sind, drücken wir dadurch aus, dass wir den Sachverhalt in einen schlichten Satz packen und mit Zusätzen garnieren wie „Das ist doch sonnenklar, offensichtlich, augenscheinlich, evident!“</p>
<p>Wir können uns leicht eine Situation des Alltags denken, in die der genannte Satz gut hineinpasst, so wenn du im Kaufhaus eine neue Hose anprobieren willst, die dir augenscheinlich zu eng ist und deine Begleitung dich darauf aufmerksam macht. Sollen wir hier noch weiter fragen und grübeln?</p>
<p>Überlassen wir das dem Philosophen, der gerne auf den harten Fels letzter Wahrheiten stößt. Die letzte Wahrheit ist hier, dass du als eine körperbehaftete Entität Eigenschaften aufweist, die nun einmal Körper an sich haben: eine gewisse Größe zu haben zum Beispiel, die einem Körper in eine Öffnung zu passen erlaubt oder nicht, ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Dauer in der Zeit, in der derselbe Körper wieder auftaucht, auch wenn er dir aus deinem Gesichtsfeld hinter einer Wand oder vielen Wänden und Gebäuden und Gegenden entschwunden ist, als derselbe Körper, auch wenn er durch natürliche Verwitterungs- und Alterungsprozesse dir bis zur Unkenntlichkeit verändert erscheint. Auch du bist solch ein Körper mit der interessanten Eigenschaft, nur in Aspekten sichtbar, wahrnehmbar und erschließbar zu sein: Ein Körper ist ein kompaktes Ding in unserem Wahrnehmungsfeld, das sich bewegt oder stillsteht, gemessen an deinen Bewegungen, ein Ding, das du von vorn, von hinten und von den Seiten betrachten kannst, aber nur nacheinander, nicht gleichzeitig von allen Seiten. Der Körper ist ein Komplex von Teilen, Atomen, Molekülen, Quarks – hineinschauen können wir schlecht und gründlich nur mit komplizierten Apparaten, und Atome und Moleküle sind für das bloße Auge unsichtbar, Quarks als theoretische Entitäten ebenso. Hinten hast du keine Augen, und was du vor dir von deinem Körper sehen kannst, ist ein seltsames Zerrbild des Körpers, den du aus dem Spiegel kennst.</p>
<p>Wir können sodann an diesen wie an alle anderen Körpern die wissenschaftlichen Verfahren der Vermessung anlegen und damit eine metrische Objektivierung unserer Aussagen über Zeit und Ort seines Aufenthalts vornehmen und seine verschlungenen Bewegungen durch Straßen und Gassen, Viertel und Städte und Länder auf Land-, Wasser- und Luftwegen von der Entstehung, Herstellung oder Erzeugung bis zu seiner Auflösung oder seinem Tod ziemlich genau nachzeichnen. Der Messtechniker hat seine Freude an den mit modernster GPS-Technik gewonnen Daten.</p>
<p>Der Philosoph lernt einsehen und hinnehmen, dass seine letzten Wahrheiten ein trockenes Bündel trivialer Aussagen sind, die sich gegen unsere weiterbohrenden Fragen gleichsam spröde und abweisend verhalten: Warum haben wir einen Körper? Ja, weil es zu unserem Begriff der Person gehört, verkörpert zu sein, denn Personen sind wie alle Gegenstände Bestandteile des Raum-Zeit-Systems. Unkörperlichen Seelen und Gespenstern können wir zur Begrüßung nicht die Hand schütteln, nicht ermutigend auf die Schulter klopfen oder zum Abschied auf die Wange küssen. Ein Schatten zeugt mit einem Schatten keinen Schatten. Warum haben Körper Größe und Gewicht, warum sind Körper nur in Aspekten zugänglich? Ja, weil es zu unserem Begriff des Körpers gehört, Größe und Gewicht zu haben, und aus Teilen zu bestehen, die nicht zur Gänze und auf einen Schlag in unser Gesichts-, Merk- und Forschungsfeld treten.</p>
<p>Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst. – Aufgrund der Beobachtung deines Verhaltens kann ich dem auf die Spur kommen, was du denkst und glaubst, was du beabsichtigst und vorhast. Ich schließe aus deinen Bewegungen und Verrichtungen auf das, was du willst, auf das, was du denkst. Ein sicheres Wissen kann ich mit einer solchen Methode nicht erlangen – ich könnte einem Fehlschluss aufsitzen, wenn es sich herausstellt, dass du bei jedem Wetter die Marotte pflegst, deinen Regenschirm mitzunehmen: Dann liege ich zwar richtig mit der Annahmen, dass du spazieren zu gehen beabsichtigst, nicht aber mit der Annahme, dass du glaubst, es werde bald regnen. Auch wenn es tatsächlich zu regnen begänne, kaum dass du deinen Fuß ins Freie gesetzt hättest, rechtfertigte diese Tatsache nicht meine Annahme, dass du vermutest hast, es werde bald regnen. Hier komme ich nur weiter, wenn ich dich frage.</p>
<p>Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung. Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde. – Um eigene oder Überzeugungen und Annahmen anderer zu benennen, stellen wir einem dass-Satz (einem indirekten Aussagesatz) beziehungsweise dem entsprechenden erweiterten Infinitiv einen Ausdruck des Meinens voran.</p>
<p>Du hast den Inhalt deiner Überzeugung, nämlich die chemische Zusammensetzung von Wasser, einem Lehrbuch der Chemie entnommen oder bei eurem Experiment im Chemieunterricht, bei dem ihr Wasser je in ein Teil Wasserstoff und zwei Teile Sauerstoff aufgelöst habt, ad oculos vorgeführt bekommen. Es handelt sich bei diesem Inhalt also um eine durch wissenschaftliche Verfahren der Analyse und Synthese erhärtete, nachgewiesene Annahme. Dennoch kannst du deine mit der Annahme aller Wissenschaftler harmonierende Überzeugung nicht als Weisheit letzten Schluss ausgeben und ihre letztgültige Gewissheit bekräftigen – es könnte sich ja einmal erweisen, auch wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass ein neues Experiment durch den Nachweis einer winzigen Spur eines dritten Elements die Hypothese umstürzt.</p>
<p>Hartnäckig fest- und hochgehaltene Annahmen wie die Bewegung der Sonne um die Erde oder der Antrieb der Organismen zu Vermehrung, Wachstum und Entwicklung durch einen élan vital haben sich als unhaltbar erwiesen, und zwar aufgrund genauerer Beobachtungen mittels genauerer Instrumente und aufgrund der Einbettung der neu ermittelten Beobachtungsdaten in ein neues theoretisches Rahmenwerk, mit dem die Fehlannahmen der alten Theorie erklärt und bessere und weitreichendere Annahmen abgeleitet werden können.</p>
<p>Wir können mit der konditionalen Satzfügung unter Verwendung des irrealen Konjunktivs Weltentwürfe skizzieren, die sich zu den hierzulande vorfindlichen und üblichen Bedingungen konträr oder kontradiktorisch verhalten. „Wenn auf einem fernen Planeten ein gewisses Nass nicht aus den chemischen Elementen bestünde, aus denen bei uns Wasser besteht, das aber ansonsten nach Aussehen, Geruch, Geschmack und den landläufigen Aggregatzuständen ganz unserem Wasser gleicht, wären wir berechtigt, es dennoch Wasser zu nennen oder nicht?“</p>
<p>Diese bekannte Frage läuft darauf hinaus, die Genauigkeit und Widerstandsfähigkeit unserer Verwendung von Begriffen auszuloten. Wir müssen davon ausgehen, dass wir auf Gegenstände wie Dinge und Personen einigermaßen genau Bezug nehmen können, weil sie raum-zeitlich ein festes Kontinuum der Vergegenwärtigung ausfüllen, das wir mit unseren Instrumenten wie Augen, Ohren und GPS-Sonden gut abmessen können. Anders steht es um in der Raum-Zeit zerstreute und vagabundierende Stoffe wie Wasser, Sand oder Müsli: Hier können wir den genauen Bezug nur rechtfertigen, wenn wir eine Etage tiefer gehen und uns ihrer chemischen, organischen und anderweitigen Zusammensetzung als Mittel der Identifizierung annehmen – wobei wir uns die Sache durch Querulanten-Fragen wie „Sind 5 Körner schon ein Häuflein Sand?“ oder „Ab wie vielen Flocken sprichst du denn von Müsli?&#8221; nicht madig machen lassen. Also, schließen wir hier: Wäre jenes ominöse Nass anders als Wasser zusammengesetzt, wären wir schlecht beraten und nicht gerechtfertigt, es Wasser zu nennen.</p>
<p>Auf der Grundlage einer DNS-Analyse wurde der Nachweis erbracht, dass er der Mörder war. – Auf der Grundlage einer DNS-Analyse konnte die Annahme bekräftigt werden, dass er mit einiger, hoher, sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder war. – In beiden Aussagen wird behauptet, eine Tatsache bestehe aufgrund des Bestehens einer anderen Tatsache – die gewöhnlichste Form der Begründung. Eine DNS-Analyse kann die Identität eines Menschen erweisen und damit die Identität dessen, der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit gehandelt hat, zum Beispiel einen anderen Menschen ermordet hat. Sie kann aber nicht zum Nachweis verwendet werden, dass sich ein bestimmter Mensch zu einer bestimmten Zeit genau an diesem Ort aufgehalten hat, an dem der Mord stattfand. Folglich ist die erste Aussage ohne zusätzliche Angaben und Nachweise nicht zu rechtfertigen, während man an der zweiten solange festhalten kann, bis das Gegenteil bewiesen wird.</p>
<p>„War es denn so? Hat es sich so und nicht anders abgespielt? Könnte es nicht sein, dass der Verdächtige nicht der Täter ist, weil er zwar am Tatort gewesen ist, aber zu einer anderen Zeit als der Tatzeit?“ Mittels der Anwendung des konditionalen Satzgefüges erschließt du dir ein alternatives Modell für den Tathergang, das die Bedingungen des Geschehens um den entscheidenden Faktor Zeit erweitert.</p>
<p>„War es denn so? Hat es sich so und nicht anders abgespielt? Könnte es nicht sein, dass der Verdächtige, dessen DNS-Spuren zwar am Tatort gesichert worden sind, der aber zur Tatzeit an einem anderen Ort von mehreren Zeugen gesichtet worden ist, dennoch hinter der Tat steckt, weil er den Mörder gedungen hat?“</p>
<p>„Er ging zum Kühlschrank, weil er durstig war.“ „Er ging zum Kühlschrank, weil er etwas trinken wollte.“ Wir erklären Ereignisse und Handlungen, indem wir unsere Aussagen mit Hinweisen auf sach- und ereignisbezogene Ursachen oder intentionale Handlungsgründe versehen. „So und so viele Photonen schossen in seine Iris und verursachten über die Weiterleitung der neuronalen Stimuli über den Sehnerv in das Sehzentrum ein visuelles Bild.“ „Er blickte sie fragend an.“</p>
<p>Wissenschaft entsteht aus dem Nachdenken über die Verwendung des kausalen „weil“. Unser Alltagsverständnis, die Fähigkeit, uns selbst und die anderen zu verstehen, erwächst aus der Verwendung und dem Nachdenken über die Verwendung des intentionalen „weil“. Weil uns das Deutsche hier mit einer einzigen Konjunktion knapp hält, solltest du, um den intentionalen Grund klar von der sach- und ereignisbezogenen Ursache unterscheiden zu können und diesen Unterschied anzuzeigen, statt der Konjunktion „weil“ die Konjunktion „damit“ oder „auf dass“ oder den finalen Infinitiv „um zu“ verwenden. Forme also den Satz „Er ging zum Kühlschrank, weil er etwas trinken wollte“ um in die Sätze: „Er ging zum Kühlschrank, damit (auf dass) er etwas trinke“ oder „Er ging zum Kühlschrank, um etwas zu trinken“.</p>
<p>Wissenschaftliche und alltägliche Erklärungen widersprechen sich nicht, sondern verhalten sich komplementär zueinander. Die wissenschaftliche Psychologie sucht unser Verhalten durch Antriebe, Motive und Konditionierungen zu erklären, die sie aus natürlichen Quellen und sozialen Umwelten ableitet. Wir kennen das Durstgefühl gut, und es anzuführen genügt uns, eine Handlung zu verstehen. Die Neurobiologie untersucht die sensorischen Stimuli und ihre Verarbeitung in den neuronalen Netzwerken. Wir wissen, was es heißt dumm aus der Wäsche zu schauen oder neugierig, lüstern oder enttäuscht, wissend oder fragend zu blicken.</p>
<p>Unsere Erklärungen sind auch dann nicht schlecht oder sogar zufriedenstellend, wenn es uns gelingt, das zu erklärende Phänomen mittels begrifflicher oder technischer Hilfsmittel wie Bleistift und Papier, eines Fotoapparats, der Videofunktion des Smartphones oder einer Software zur 3-D-Darstellung von eingegebenen Daten zu imitieren, zu modellieren und zu simulieren. Du machst gleich ein Foto von der Unfallstelle, um einen Nachweis zu erhalten, wie sich der Unfall zugetragen hat, dass nämlich der Unfallverursacher von links einbiegend die Vorfahrt missachtet hat. Die Wissenschaftler der NASA untersuchen das Mars- oder Mondgestein, um ein Modell der Entwicklung des Planeten zu entwickeln oder das in der wissenschaftlichen Community anerkannte Modell zu untermauern oder in Zweifel zu ziehen. Evolutionsbiologen simulieren am PC mittels 3-D-Techniken anhand weniger paläontologischer Spuren von Knochen und Gebiss Organismen ausgestorbener Arten und von Vorläufern heute lebender Arten, um etliche Aufschlüsse über ihre Bewegungs-, Ernährungs- und Lebensweise zu erhalten.</p>
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