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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Wahnwahrnehmung</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VI</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2014 15:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft VI]]></category>
		<category><![CDATA[Halluzination]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-vi/">Auf den Spuren der Vernunft VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll (zweckvoll) oder sinnlos ist, sich auf Grund einer anderen Tatsache versteht oder scheinbar grundlos ist, logisch aus einer evidenten Annahme folgt oder aus keiner evidenten Annahme folgt oder ein Bestandteil unseres Wissens ist.</p>
<p>Wir folgen den Spuren der Vernunft, das heißt natürlich, der Art und Weise, wie wir die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ als Kriterien der Urteilsbildung der genannten Art in unserer täglichen Rede sinnvoll verwenden. Wir tun dies in der Absicht, den Vernunftbegriff zu klären oder das, was als unklarer Bestandteil an ihm haftet, zu sichten und auf diese Weise vielleicht mit einem warnenden Etikette zu versehen.</p>
<p>Um uns auf die Sprünge zu helfen, spielen wir das bisweilen heitere, bisweilen intrikate, allemal aber instruktive Begriffsspiel „Vernunft contra Wahnsinn“, weil wir uns durch die Engführung der Vernunft in den Labyrinthen des Wahnsinns Aufklärung über die grundlegenden Eigenschaften und Strukturen der Vernunft versprechen.</p>
<p>Wir gehen von folgender Basisannahme aus: Die Vernunft ist in der Lage, sich selbst und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, zu verstehen, während der Wahnsinn nicht (einmal) in der Lage ist, sich selbst zu verstehen. Das schließt natürlich nicht aus, dass der Wahnsinn Methode hat und ein in sich sinnvoll aufgebautes, lebensgeschichtlich hoch personalisiertes System der Selbst- und Weltverständigung des Patienten darstellt – dem allerdings mindestens ein entscheidendes Merkmal in mehr oder weniger starkem Ausmaß fehlt: die Angemessenheit der wahnhaft konstruierten Konzepte an das, was wir rechtens für real, wirklich, echt und faktisch bedeutsam halten. Natürlich geht es uns bei unseren Betrachtungen nicht zuletzt um die Aufklärung auch der zuletzt genannten philosophisch dubiosen Begriffe von Wirklichkeit, Echtheit und Bedeutsamkeit.</p>
<p>Wir können beide Wege gehen: vom Wahn zur Vernunft und von der Vernunft zum Wahn. Nach beiden Wegstrecken möchten wir besser über das, was wir rechtens vernünftig und Vernunft nennen, unterrichtet sein.</p>
<p>Wahrnehmungen orientieren uns über die Tatsachen der Umgebung und die Selbstwahrnehmungen über unser Befinden und unsere Reaktionen auf das, was um uns herum geschieht. Je genauer Wahrnehmungen die Informationen aus dem Umfeld herausfiltern, die für unsere Orientierung relevant sind, umso besser. Wir gehen davon aus, dass wir Grund haben, uns im Prinzip und im Allgemeinen – nicht stets und in jedem einzelnen Falle – auf die Funktion unserer Wahrnehmungen verlassen zu können, uns mit den wichtigen Auskünften über das Weltgeschehen (um uns herum) in Kenntnis zu setzen.</p>
<p>Wer einwirft, dies sei doch wohl angesichts aller möglichen Sinnestäuschungen und systematischen Verzerrungen unserer Wahrnehmung durch unkontrollierbare Umweltbedingungen eine allzu optimistische Annahme, dem kommen wir insofern entgegen, als wir darauf hinweisen, dass das Vorkommen von Täuschungen und Illusionen nicht zu leugnen ist, aber als solches einzig und allein erklärbar auf dem Hintergrund all jener wahren und gut gesicherten Informationen, die uns eine ungetrübte und authentische Wahrnehmung bereitgestellt hat.</p>
<p>Wir sagen, dass wir uns im Prinzip durch die Wahrnehmungsleistungen unseres Sinnes- und Nervensystems gut aufgeklärt wissen, weil wir davon ausgehen, dass unsere Sensorik von genau jenen Tatsachen gesteuert und kausal stimuliert wird, deren phänomenaler Niederschlag in dem und als das Bewusstsein eben dieser Tatsachen sich darstellt.</p>
<p>Ich sehe, dass du eben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast, aufgrund der Tatsache, dass du soeben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast. Oder: Ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet, weil das Licht der Kerze kausal solchermaßen auf meine visuelle Sensorik einwirkt, dass ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion davon sprechen, dass wir eine brennende Kerze sehen – also ein wohlabgegrenztes und wohldefiniertes Objekt des Raum-Zeit-Kontinuums, die Kerze, identifizieren, der wir die Eigenschaft zusprechen, eben zu dem Zeitpunkt der Wahrnehmung zu brennen.</p>
<p>Wir bemerken ebenfalls, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern immer etwas im Sinne einer Entität sehen, von der wir im günstigsten Falle geneigt sind zu sagen, dass sie eben das ist, was wir für wirklich oder real halten. Welche Arten von Entitäten wir nun im Einzelnen wahrnehmen, ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern bildet eine Funktion des Schemas oder der Struktur unserer Erfahrung: Denn es sind neben diffus ausgebreiteten und verschieden dichten Massen wie Wolken, Wasser und Schnee vor allem zwei elementare Typen von Entitäten, die unsere Lebenswelt bewohnen: unbelebte Körper von Dingen wie Steine, Äpfel, Tische und Kerzen, oder belebte Körper von Pflanzen und Tieren auf der einen Seite und Menschen auf der anderen Seite, Leute wie du und ich.</p>
<p>Ich sehe, dass du es bist, der eben das Zimmer mit der Kerze in der Hand betreten hat und nun die Kerze anzündet. Ich weiß, dass du in der Küche warst, um die Kerze zu holen, und nicht aus dem Nirgendwo im Zimmer aufgetaucht bist. Ich weiß einzig aufgrund der Tatsache, dass du die Kerze angezündet hast, dass du die Kerze angezündet hast.</p>
<p>Dabei gehe ich selbstverständlich, ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion, davon aus, dass du die Kerze nicht ohne Grund, sondern deshalb angezündet hast, weil es jetzt allmählich dunkel wird, du aber statt des nüchternen elektrischen Lichts mit einem natürlichen Licht für romantische Stimmung sorgen willst. Und deshalb hast du eben aus der Küche die Kerze geholt und sie angezündet. Mit dem Wunsch, das Zimmer bei Anbruch der Dunkelheit nicht nur zu erhellen, sondern durch ein geeignetes Licht in ein gefühlsmäßig anregendes Halb-Dunkel zu tauchen, unterstelle ich dir intentionale Zustände, die dir mehr oder weniger bewusst, aber keineswegs gänzlich unbewusst sind; mit der Absicht, die gewünschten Lichtverhältnisse mittels einer brennenden Kerze herzustellen, unterstelle ich dir rationale Zustände oder ein gerüttelt Maß an Vernunft, mittels derer du zum erwünschten Ziel ein rational angemessenes Mittel der Zielerreichung ausgewählt hast.</p>
<p>Ich erachte dich auf der Ebene meiner unmittelbaren Wahrnehmung als intentionales und rationales Lebewesen – als einen Menschen wie mich selbst.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir auf der Ebene der unmittelbaren Wahrnehmung zwischen unserem Wahrnehmungserlebnis („Ich sehe oder mir scheint aufgrund meines Seheindrucks, dass du die Kerze anzündest“) und dem unabhängig von unserer Wahrnehmung als autonome Entität im Raum-Zeit-Kontinuum wahrgenommenen Objekt („Du bist es, der die Kerze entzündet“) unterscheiden.</p>
<p>Wir heben hervor, dass wir nicht etwas wahrnehmen, gleichsam ein sensuelles Neutrum an farbigen Flecken, das wir dann als dies und das, etwa als Kerze oder Mensch interpretieren – denn wir sehen Kerzen und Menschen und manch anderes ohne jedwede Interpretation oder Deutung.</p>
<p>Wir heben weiterhin hervor, dass wir die Klassifikation des wahrgenommenen Objekts, zum Beispiel deiner Person, wenn du es bist, der eben aus der Küche kommend das Zimmer mit einer Kerze in der Hand betritt, anhand seiner Identität vornehmen: Weil du der N. N. bist, bist du als derjenige, der in der Küche war und dort eine Kerze gesucht hat, derselbe N. N. oder identisch mit der Person dieses Namens, die jetzt das Zimmer mit der Kerze in der Hand betritt.</p>
<p>Wenn du behauptest, die Farbe meines Pullovers erscheine dir im Widerschein der Kerze als Rot, ich aber halte dagegen, mich dünke sie Violett, drehen wir uns mit unseren unterschiedlichen Meinungen zwar im Kreis, aber im Kreise der Vernunft: Gehen wir am nächsten Tag ins Freie und definieren diese Situation als Standardsituation zur Bestimmung von Farbwerten von Pullovern und anderen Sachen: So werden wir klar sehen und uns auf einen Farbwert einigen.</p>
<p>Wenn ich aber behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern ein weiß schimmernder Knochen, könntest du günstigenfalls davon ausgehen, dass ich einer Wahrnehmungstäuschung erlegen sei: Immerhin verbleibe ich bei der Identifikation des wahrgenommenen Objekts in dem zugehörigen Bereich des Typus von materiellen Dingen unbelebter Natur, vertue mich aber gröblich bei der Individuierung des Dings – ein Knochen ist nun mal keine Kerze. Sicher kannst du mir durch Entzünden der Kerze über deren Identität das gehörige Licht aufstecken.</p>
<p>Wenn ich indes behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern eine weiße Schlange, deren Zunge wie eine Flamme züngelt, wirst du mehr als im gewöhnlichen, das heißt durch eine Täuschung hervorgerufenen Maße erstaunt und verblüfft sein: Handelt es sich hier doch nicht bloß um eine Fehlidentifikation innerhalb einer Kategorie von wahrnehmbaren Objekten, den materiellen Dingen unbelebter Natur, sondern um eine Verwechslung des Typus der Entität: Etwas, das wir unter normalen, übersichtlichen Standardbedingungen für differenzierende Wahrnehmungen unter der Kategorie der materiellen, unbelebten Körper klassifizieren, vielmehr unter der Kategorie belebter Objekte und also in diesem Falle als Tier zu identifizieren, scheint uns weit eher als auf einer Täuschung auf einer grundlegenden Sinnverwirrung zu beruhen – eine Sinnaberration, die wir in der Psychopathologie der psychotischen Erkrankung in der Form der Wahnwahrnehmung wiederfinden.</p>
<p>Wenn ich dir dafür danke, die aus der Küche geholte Kerze entzündet zu haben, um uns mit gefühlvoller Beleuchtung einzustimmen, du aber darauf hinweist, hier brenne keine Kerze, und dein Vater, der eben hinzugestoßen ist, diese Tatsache bestätigt, handelt es sich offensichtlich um eine visuelle Halluzination, ein typisches Symptom psychotischer Erkrankungen. Wir bemerken, dass Halluzinationen Wahrnehmungsüberzeugungen veranlassen, die denselben deskriptiven Gehalt wie jene Wahrnehmungsüberzeugungen haben, die von echten Wahrnehmungen veranlasst und kausal gesteuert werden – nur, dass aufgrund des Ausfalls des kausalen Nexus die Überzeugung falsifiziert wird.</p>
<p>Wir halten fest, dass wir Wahnphänomene wie Wahnwahrnehmungen und Halluzinationen als Durchlässigwerden oder Zerreißen jener Sinngrenzen auffassen können, die wir wie die ontologische Einteilung aller Entitäten in Dinge und Personen oder aller Dinge in belebte und unbelebte Dinge oder wie all unsere basalen Existenzannahmen mittels der Analyse unseres alltäglichen Vernunftgebrauchs als grundlegende Bedingungen und Formen unserer Erfahrung ausmachen können.</p>
<p>Die Bedingung aller Bedingungen, die gleichsam transzendentale Bedingung dafür, dass wir wirklich wahrnehmen, was wir wahrnehmen, ist natürlich, dass wir selbst es sind, die es wahrnehmen. Das Authentizitäts- und Echtheitssiegel der Wahrnehmung ist ihre Jemeinigkeit. Wenn du auf Nachfrage nicht bestätigen kannst, dir aufgrund deiner visuellen Wahrnehmung bewusst geworden zu sein, dass ich soeben das Zimmer betreten habe, gilt für ausgemacht, dass du gar nicht erst gesehen hast, dass ich soeben das Zimmer betreten habe.</p>
<p>Psychotische Störungen der Jemeinigkeit, Lockerungen oder Zerreißungen des Bandes, das unsere Wahrnehmungen mit dem lebendigen Fokus unseres Ichbewusstseins verbinden, finden wir zum Beispiel in den Erlebnisberichten von Patienten, wonach ihnen ihre Gedanken eingegeben, verfälscht oder entwendet werden.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft V</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jul 2014 18:17:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[akustische Wahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft V]]></category>
		<category><![CDATA[Hörsinn]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-v/">Auf den Spuren der Vernunft V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl taub auf beiden Ohren?“ oder „Wasch dir mal die Ohren!“</p>
<p>Den eindeutigen Sinn von „hellhäutig“ kannst du nicht doppelsinnig machen, indem du ein Analogon „hellhäutig<sub>2</sub>“ zu „hellhörig<sub>1</sub>“ bildest und „hellhäutig<sub>2</sub>“ jemanden nennst, der seine gesamte Aufmerksamkeit gleichmäßig intensiv über die ganze Oberfläche seiner Haut verteilt.</p>
<p>Die Variationen und Modulationen unserer Aufmerksamkeit merken wir dem Reichtum des Vokabulars an und ab, das wir zur Bezeichnung von Wahrnehmungsvorgängen verwenden. Der reichen Palette von Verben des Sehens wie erblicken, schauen, sichten, erspähen, beobachten, betrachten usw. steht eine relativ begrenzte Anzahl von Verben des Hörens gegenüber: hören, horchen, lauschen.</p>
<p>Wir erklären uns diesen semantischen Engpass auf dem Hörgebiet mit der Dominanz des visuellen Sinnes bei der Orientierung, der uns angesichts der etymologischen Herkunft des Wissensbegriffs (von der Wurzel von lat. videre) vor Augen geführt wird. Die Vorherrschaft des Sehens in den Regimen der Wahrnehmung beruht auf der Kraft der Diskriminierung, Identifikation und Unterscheidung von Gegenständen der Außenwelt: Wenn du nach dem gefragt wirst, was dir vor Augen liegt und über den Weg läuft, antwortest du spontan, ohne groß zu überlegen, gleichsam reflexionslos: „mein Schreibtisch“, „meine Kaffeetasse“, „mein Laptop“, „der Hund meines Nachbarn“, „meine Nachbarin“, „ein Müllauto“. Wegen des nisus ad visum, unserer Wahrnehmungsstärke durch das Augenlicht, ordnen und strukturieren wir unsere Welt als räumlich-zeitliche Struktur, in der uns physische Entitäten in komplexen Verknüpfungen und Abfolgen begegnen.</p>
<p>Wir wenden uns wieder dem Hörsinn zu und bemerken, dass er im Verhältnis zum Sehsinn stärker zeitlich geordnet ist: Alles, was uns ans Ohr dringt, hat einen Beginn in der Zeit, eine gewisse, wenn auch noch so kurze Dauer und endet schließlich mehr oder weniger abrupt oder ausklingend. Wir sind allerdings so vortrefflich auditorisch begabt, dass wir auch die Richtung, aus der der Schall uns trifft, mehr oder weniger präzise oder vage angeben können. In der Kooperation von Auge und Ohr, wenn es gilt, das von unserem Gegenüber uns Gesagte fein gegen das mimisch Ausgedrückte abzuwägen, haben wir es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht.</p>
<p>Wir wissen, aus welchem Frequenzbereich unsere Ohren uns Informationen einfangen können und wo für uns das große Schweigen beginnt. Aber das, was unter 20 Hertz für sich und ohne uns dahergrummelt, ist für uns kein Bestandteil der Welt – und deshalb auch nicht eigentlich dem Raum des uns unzugänglichen Schweigens angehörig. Wir bemerken Schweigen und Stille nur als Abbruch oder Pausieren von Geräuschen und Stimmen, gleichsam intermedial, nicht hypo- oder hypermedial.</p>
<p>Wir hören alle möglichen Arten und Typen von Geräuschen, die von natürlichen oder künstlich-technischen Schallquellen ausgehen. Wir sind oft auch in der Lage, rein durch den Hörtest, die Art der Quelle, ob natürlich wie den Donner oder künstlich wie das Autohupen, zu bestimmen.</p>
<p>Hört unser Schoßhündchen den Donner? Gewiss hört es ein dumpfes Grollen und Grummeln in der Ferne. Aber versteht es dieses akustische Signal als Anzeichen des nahenden Gewitters? So wie wir den aufsteigenden Rauch als Zeichen eines offenen Feuers interpretieren, deuten wir das vor uns gehörte schrille Quietschen von Reifen und den unmittelbar folgenden blechernen Krach als Anzeichen für einen Verkehrsunfall.</p>
<p>Gewiss wird unsere Interpretation der akustischen Wahrnehmung erst verifiziert und ins Reich der banalen Gewissheiten aufgenommen, wenn wir unsere Ohrenzeugenschaft durch unsere Augenzeugenschaft ergänzt haben.</p>
<p>Unter allen akustischen Signalen sind die sprachlich artikulierten Laute oder Phonemsequenzen, die an unser Ohr dringen, für uns außerordentlich wichtig, aus der umgebenden Geräuschkulisse herausgehoben und emotional und epistemisch prägnant.</p>
<p>Wir nennen das, was wir durch das Hören eines Zurufs oder Satzes verstehen, den durch den Ruf oder Satz ausgedrückten und repräsentierten Gedanken. Den ausgesprochenen Satz hören wir, nicht den Gedanken. Freilich ist der Gedanke nur insofern und insoweit vorhanden, als er durch die geeignete Kette von Phonemen (oder Schriftzeichen, die wiederum Phoneme darstellen) repräsentiert wird.</p>
<p>Wir ahnen, zwischen der Abfolge von physikalischen Frequenzen und der Abfolge von bedeutungstragenden Phonemen liegt der Schnitt zwischen Materie und Semantik. Die kausale Quelle des Schalls, der auf unser Trommelfell einwirkt, können wir nicht hören, hören können wir nur das Ergebnis des komplexen physikalischen und neurophysiologischen Vorgangs, der die Schwingungen der Gehörknöchelchen und die Stimulation der Haarzellen des Mittelohrs in neurale Inputs transduziert, die im Thalamus und den auditorischen Zentren des Cortex verarbeitet werden.</p>
<p>Die Musik lief schon eine ganze Weile im Hintergrund, aber erst jetzt vernimmst du die leise Melodie, wirst dich ihrer bewusst – und unwillkürlich verbinden sich Erinnerungen an Kindheitstage oder süße Empfindungen in einem südlichen Land an das Gehörte. Wie ein Vexierbild schwebst du mit deinem Bewusstsein hinter dem Hör- und Klangbild. Ebenso wenig, wie wir verstehen, wie das Bewusstsein aus der Materie auftaucht, verstehen wir, wie wir mit dem Gehörten sinnvolle Gedanken verbinden.</p>
<p>Wenn du in geselliger Runde das Weinglas hebst und der Gastgeber, der gerade an eurem Tisch vorbeigeht, ruft „Prosit!“, verstehst du diese Klangfolge richtig, wenn du annimmst, der Gastgeber äußere den Wunsch, dass dir der Wein munde.</p>
<p>Der Wunsch ist der intentionale Gehalt, der Gedanke, den der Gastgeber äußert. Du kannst diesen Gedanken verstehen und dein Verständnis zum Beispiel zeigen, wenn du dem Gastgeber freundlich zulächelst, du kann den Gedanken nicht verstehen, weil er dir mangels Kenntnis der deutschen Sprache verborgen bleibt oder du kannst den Gedanken missverstehen, wenn du entgegen der wirklichen Sprecherintention annimmst, der Sprecher habe seine Äußerung ironisch gemeint und der unausgesprochene Gedanke laute: „Mein Freundchen, jetzt reicht es aber, du hast doch schon genug getrunken!“</p>
<p>Der Gedanke ist nicht identisch mit der Instanz seiner aktuellen akustischen Realisierung: „Prosit!“ heißt, was es heißt, überall und immer, wenn es zum gegebenen Anlass vom richtigen Sprecher zum erfreuten Gegenüber hin ausgerufen wird. Aber auch, wenn es undeutlich und gerade noch verständlich oder mit wer weiß welchen dialektalen Einsprengseln und Klangfarben hervorgebracht wird, es überträgt dieselbe Mitteilung.</p>
<p>In der Symptomatologie und Diagnostik der Psychose gilt das Auftreten von visuellen und akustischen Wahnwahrnehmungen als eindeutiger Indikator für das Vorhandensein der Erkrankung. Der Patient deutet das Lächeln seines Gegenübers als Zeichen dafür, dass er zur Erlösung der Menschheit berufen ist. Der Patient deutet den freundlich gemeinten Zuruf des Gastgebers „Prosit!“ als Hinweis darauf, dass er sterben muss, wenn er das Glas austrinkt. In letzterem Falle ist die Kompetenz des Patienten, den semantischen Gehalt des Zurufs zu interpretieren, nicht eingeschränkt, er weiß, was der Ausdruck unter gewöhnlichen Umständen besagt. Aber das pragmatische und kommunikative Netz, das die Verwendung der Verlautbarung normalerweise trägt, ist zerrissen, das Verstehen des intentionalen Gehalts der Äußerung ist nicht durch die Bezugnahme auf die reale Situation eingeschränkt und definiert, sondern durch Bezugnahme auf eine wahnhaft imaginierte Situation abgelöst.</p>
<p>Wenn man annehmen darf, dass im verständigen Hören das Ich-Bewusstsein gleichsam mitschwingt und sich ausfaltet, deutet die akustische Wahnwahrnehmung darauf hin, dass das Ich-Bewusstsein des Erkrankten in der aktuellen Situation nicht mehr mitschwingt und unausgefaltet bleibt.</p>
<p>Wenn wir die Leistung der Identifikation und Diskriminierung von sinnvollen Gedanken mittels des verständigen Hörens als Leistung der Vernunft betrachten, müssen wir das Auftreten von Wahnwahrnehmungen der genannten Art als Symptom einer zumindest vorübergehenden Ohnmacht der Vernunft auffassen.</p>
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