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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Wahrnehmung</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Logische Schneisen III</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jan 2014 13:13:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahrnehmung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Aussagen, die du über deine augenblicklichen Empfindungen und Sinneswahrnehmungen machst, zum Beispiel: „Ich sehe in dieser Ecke einen roten Fleck“, sind evident – auch wenn du einer Täuschung unterlegen sein solltest und im physikalischen Sinne in jener Ecke kein roter Fleck ist, also von dort keine Lichtfrequenzen ausgestrahlt werden, die du als roten Fleck wahrnimmst. [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iii/">Logische Schneisen III</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Aussagen, die du über deine augenblicklichen Empfindungen und Sinneswahrnehmungen machst, zum Beispiel: „Ich sehe in dieser Ecke einen roten Fleck“, sind evident – auch wenn du einer Täuschung unterlegen sein solltest und im physikalischen Sinne in jener Ecke kein roter Fleck ist, also von dort keine Lichtfrequenzen ausgestrahlt werden, die du als roten Fleck wahrnimmst. Die Evidenz wird klar, wenn du Sätze über deine Empfindungen und Wahrnehmungen mit „Mir scheint, dass p“ formulierst. Sätze dieser Art sind stets wahre Aussagen, und wenn du sie mit Datum und Ortsangabe versiehst, dann sind es wahre Sätze mit zeitlich und räumlich uneingeschränkter Geltung.</p>
<p>Der Satz „Ich glaube, dass der Mond aus Käse besteht“ ist ein wahrer Satz über deinen Bewusstseinszustand des Glaubens, während der Satz „Der Mond besteht aus Käse“ ein zwar sinnvoller, aber falscher Satz über die Beschaffenheit unseres Erdtrabanten darstellt.</p>
<p>Die Konjunktion „Der Mond besteht aus Käse und ich glaube nicht, dass der Mond aus Käse besteht“ ist nicht falsch, aber unsinnig – denn du kannst nicht sinnvoll den Inhalt deines Für-wahr-Haltens negieren, also nicht für wahr halten.</p>
<p>Sonnvolle Sätze mit Behauptungscharakter sind entweder wahr oder falsch; sinnlose Sätze sind nicht einmal falsch.</p>
<p>Der eine findet den vergrabenen Schatz auf der Insel anhand eines typographisch genauen Lageplans; der andere anhand einer minutiösen sprachlichen Beschreibung – man kann sagen, dass die Bedeutung dieser beiden Darstellungen identisch ist. Daraus folgt, dass ein und dieselbe Bedeutung in unterschiedliche Darstellungsmedien transformiert oder in unterschiedlichen Darstellungsmedien modelliert werden kann, ohne dass die Bedeutung, der Inhalt der Mitteilung und Darstellung, modifiziert würde.</p>
<p>Die Bedeutung von Wörtern ist die Permutation aller sinnvollen Sätze, in denen sie vorkommen können.</p>
<p>Weil die Permutation der Wörter in all den sinnvollen Sätzen, in denen sie vorkommen können, unendlich ist, ist die Identität der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht vollständig definiert und abgegrenzt. Das ist nichts als der Reflex der trivialen Wahrheit, dass Sprache im Dienst des Lebens steht. Ein Rest von Vagheit bleibt. Aber damit können wir leben – sc. sprechen.</p>
<p>Das Bewusstsein ist eine Funktion, in der beliebige Erlebnisinhalte als Werte der Variable eingesetzt werden können – und immer resultiert ein wahrer Satz.</p>
<p>Wir können uns zwar eine Welt und also eine Welt des Bewusstseins denken, in der es keine Farben hat, aber keine Welt, in der ein Rotton als grünlich spezifiziert würde. Die Klassifikation der Farben liegt gleichsam im logischen Raum.</p>
<p>Aufgrund verfehlter Analogien gerätst du in die Fallstricke falscher oder unsinniger Fragestellungen. Du hältst einen des Bewusstseins gänzlich ermangelnden physischen Gegenstand wie einen Stein neben die psychische Tatsache, dass sich all deine Erlebnisse wie konzentrische Kreise um den Mittelpunkt deines Ego ordnen – und stolperst prompt in die Frage, wie denn die eine Tatsache mit der anderen zusammenstimmen könne, wie ein Kontinuum die Welt des Toten und die Welt des Lebendig-Bewussten verknüpfend durchziehen könne. Du bist vollends verstrickt mit der Frage, wie sich aus der Welt bewusstloser physischer Objekte die Welt erlebniszentrierter Egos zu entwickeln vermöchte. Und weiter ins Gestrüpp: Mittels welcher evolutionärer Mechanismen könne dies wohl geschehen sein, oder handele es sich um unüberbrückbare Seinsweisen, und das Bewusstsein wäre am Ende ein unerhörtes, mein  und dein Bewusstsein quälendes Rätsel im Reich des Unbewussten?</p>
<p>Wir unterscheiden: Erstens triviale, unproblematische Begriffe oder Alltagsbegriffe, die wir fraglos und problemlos verwenden: „Bring uns doch zwei Stück Kuchen vom Bäcker mit“ oder „Übermorgen nehmen wir den Zug nach Wien“ – unser Alltagsverstand und unser Schulwissen reichen aus, um Begriffe wie „zwei Stück“ oder „Wien“ zu definieren oder zu beschreiben.</p>
<p>Zweites gibt es extrem viele nichttriviale, unproblematische Begriffe, die wir nur so obenhin und so lala gebrauchen wie Quarks, Quantenrechner, Photonenstrahl, Ionisation, aber auch Molekül, Boson, Kristall, DNA, Quasar oder Perm und Karbon oder auch Zahl, Reihe und Menge, deren exakte Definition und Beschreibung ein hohes Maß an Expertenwissen erfordern. Wir gebrauchen sie aber meist ohne Not und Gewissensbisse, weil wir, in Bedrängnis geraten durch unleidliche oder neugierige Zeitgenossen mit ihren zudringlichen Fragen, immer irgendwo einen Experten auftreiben können, der uns aus der Klemme hilft.</p>
<p>Drittes haben wir uns an den unbefragten Gebrauch nichttrivialer, aber sinnloser Begriffe gewöhnt, Rudimente und Sedimente untergegangener und verschütteter Mythologien wie Urstoff, Materie, Lebenskraft, Äther, Gleichzeitigkeit oder Reflexe epidemisch virulenter zeitgenössischer Ideologien wie Phallozentrismus, Alterität, Dekonstruktion, die wir bloß ironisch oder gelegentlich poetisch verwenden oder aus unserem Wörterbuch streichen sollten.</p>
<p>Viertens verwenden oder stoßen wir auf wenige triviale, aber problematische Begriffe, die wir Grundbegriffe, Basisbegriffe oder apriorische und axiomatische Begriffe nennen wie Ich, Selbst, etwas, Gegenstand, Körper, Raum-Zeit, Bewusstsein, Sprache, Bedeutung, Sinn, Wahrheit und Falschheit. Sie sind trivial, weil wir sie umstandslos verwenden, problematisch aber, insofern wir ihre Definition und Erklärung nicht auf Anhieb angeben können, auch wenn wir zurecht das vage Gefühl haben, dass ohne sie das System unserer Erfahrung augenblicks zusammenbrechen würde. Sie fungieren nämlich gleichsam als Gelenke des gesamten Systems der Erfahrung, durch welche der Gebrauch aller anderen Begriffe mit Sinn, Gehalt und Struktur begabt und versehen wird.</p>
<p>Vernunft ist die Harmonie, die konsistente und kohärente Anwendung, der logischen Grundbegriffe und logischen Grundsätze wie des Satzes der Identität oder des Satzes vom Widerspruch auf das gesamte System unserer Erfahrung. Die Vernunft ist die Ordnung unserer Erfahrung gemäß den logischen Grundbegriffen und Grundsätzen.</p>
<p>Die Vernunft kann sich und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, umfassen und erklären, nicht aber umgekehrt – der Wahnsinn steht fassungslos vor der Vernunft.</p>
<p>Logische Grundbegriffe und Grundsätze begrenzen den logischen Raum von innen – sie bilden eine Art Muster, das in den nach ihm gemodelten und gefertigten Einzelstücken, den einzelnen Sätzen, exemplifiziert wird.</p>
<p>Die basale Exemplifikation des Begriffs etwas oder Gegenstand ist der Körper.</p>
<p>Wir reden gewöhnlich nicht von Gegenständen als von Körpern, sondern sagen etwas über diesen Tisch, deinen Fuß, mein Fahrrad oder die Tatsache, dass es regnet. Aber in all solchen Sätzen haben wir die Regeln über die korrekte Verwendung der Grundbegriffe und Grundsätze in unserem System der Erfahrung mit Körpern vorausgesetzt und exemplifiziert. Wir wissen, dass Körper im trivialen Sinne mit gewissen phänomenalen Eigenschaften wie Festigkeit, Plastizität, Starre oder Dehnbarkeit, mehr oder weniger genauen Grenzen, Größe, Gewicht, Farben usw. in unserem Wahrnehmungsraum auftauchen, verharren, sich bewegen, verschwinden.</p>
<p>Wir wissen aber auch, dass Körper physikalische Eigenschaften haben, die in unseren Wahrnehmungsraum sich nicht vollständig einfügen und darin nicht vollständig erfassen lassen, wie die relative Konstanz ihrer Dingform. Wir erwarten zurecht, dass der Hund, der jetzt hinter dem Gebüsch aus unserem Sichtfeld verschwunden ist, gleich wieder aufkreuzen wird, und gehen nicht davon aus, dass er in der Zwischenzeit seiner Unsichtbarkeit für uns sich in Luft aufgelöst und in unser Gesichtsfeld eintretend sich wieder materialisiert hat. Wir stopfen die Lücke in unserem Wahrnehmungsfeld mit der einfacheren Hypothese über die relative Konstanz des Körpers bei seinen Bewegungen durch die Raum-Zeit.</p>
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		<title>Philosophieren XVII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvii/</link>
		<comments>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvii/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 25 Jul 2013 08:48:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Ding]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Phänomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wer oder was befindet sich (liegt, steht, hängt) wie wo (an, auf, über, hinter, vor, in wem, zwischen wem und wem)? Wer oder was bewegt sich wie wo woher wohin? Das Buch liegt auf dem Tisch. Über dem Tisch hängt auf halber Höhe zur Decke ein Spiegel. Neben dem Tisch befindet sich zwischen dem Sofa [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvii/">Philosophieren XVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer oder was befindet sich (liegt, steht, hängt) wie wo (an, auf, über, hinter, vor, in wem, zwischen wem und wem)?<br />
Wer oder was bewegt sich wie wo woher wohin?</p>
<p>Das Buch liegt auf dem Tisch. Über dem Tisch hängt auf halber Höhe zur Decke ein Spiegel. Neben dem Tisch befindet sich zwischen dem Sofa und der Anrichte ein Regal mit Vasen, bunten Kieseln, Muscheln, Versteinerungen. In der Anrichte werden ein Tee- und ein Kaffeeservice aufbewahrt. Oben an der Decke schwebt eine Leuchte. In der Ecke steht vor einem Ficus ein Aquarium, in dem Zierfische mal im Wasser stehen, mal blitzschnell hin- und herflitzen. Eine Pumpe hält das Wasser in Bewegung, es sprudelt. Während du in Ruhe all das betrachtetest, senkte sich die Dämmerung herab, die Umrisse der Dinge wurden unscharf.</p>
<p>Unter Verwendung eines ganzen Sets von Präpositionen kannst du den Gegenständen die Stellen und Örter im Raum zuweisen, an denen sie sich aufhalten. Du kannst damit ebenso die räumlichen Beziehungen bezeichnen, die die Dinge untereinander unterhalten. Welcher Art diese Gegenstände sind, erfahren wir mittels ihrer Klassifikation: Wasser ist ein Stoff, Kiesel sind Dinge. Muscheln und Versteinerungen Dinge, die das Relikt oder den Abdruck lebendiger Organismen darstellen. Tische, Spiegel, Sofas, Vasen, Anrichten, Tee- und Kaffeeservice, Leuchten, Aquarien und Pumpen sind von Menschen entworfene und hergestellte Dinge zu zweckdienlichem Gebrauch. Fici sind Pflanzen, Zierfische sind Tiere, und du bist ein Mensch. Und was ist Licht, die Dämmerung, kannst du es sagen?</p>
<p>Soll man sagen, wie viele meinen, da wo du bist, gibt es die räumliche Ordnung der Dinge, wenn du im Raum verweilend Sätze wie die genannten hersagst? Aber auch wenn du fern weilst, bleibt das Buch auf dem Tisch liegen, der Spiegel an der Wand hängen, die Sachen im Regal und in der Anrichte, die Leuchte an der Decke, der Ficus und das Aquarium in der Ecke, die Fische im Aquarium. Auch wenn du fern weilst, stehen die Fische mal im Wasser, mal flitzen sie hin und her.</p>
<p>Du könntest fragen: Und das sprudelnde Geräusch des Wassers im Aquarium, ist es noch da, wenn keiner es hört? Das Geräusch ist freilich verschwunden, aber die Luftwellen, verursacht vom Sprudeln des Wassers, sind und bleiben im Raum, sie sind und bleiben hörbar, vorausgesetzt es gibt Organismen wie uns mit guten Lauschern. Die Schallwellen könnten jederzeit gehört werden, auch wenn sie jetzt, da du fern bist, nicht gehört werden und nicht gehört werden können.</p>
<p>Die Realität der Dinge ist grundlegend verschieden von der Realität ihrer Bilder und Repräsentationen: Wenn du aus dem Radius trittst, innerhalb dessen die von dir ausgehenden Lichtwellen im Spiegel reflektiert werden, verschwindet dein Bild im Spiegel. Das Bild, die Zeichnung, die Fotografie der Katze kann verloren gehen, geknickt oder verbrannt werden, die Katze bleibt derweil ungerührt auf dem Sofa liegen, ihr geschieht nichts dergleichen.</p>
<p>Die Dinge und die Ordnung der Dinge sind also auch keine Phänomene, wenn ein Phänomen das ist, was die Weihen der Existenz ausschließlich dem verdankt, der es wahrnimmt. Man kann demnach nicht sagen, die Dinge sind Phänomene und darüber hinaus noch etwas mehr, etwas anderes, etwas, das wir nicht kennen und das uns für immer verborgen bleiben wird wie die von der Erde abgewandte Seite des Mondes.</p>
<p>Die Dinge sind uns bekannt, soweit wir sie wahrnehmen, mit ihnen umgehen, sie herstellen und gebrauchen. Was sie sonst noch sind, sagt uns die Wissenschaft, zum Beispiel, dass Wasser nicht nur der wohlbekannte durchsichtige, nasse, Durst und Feuer löschende Stoff ist, der in unserer Küche aus dem Wasserhahn fließt, sondern zusammengesetzt ist aus Wasserstoff und Sauerstoff, chemischen Elementen, die wahrzunehmen unser Wahrnehmungsvermögen nicht ausreicht.</p>
<p>Die Dinge sind uns bekannt, weil wir sie benennen und als Steine, Möbelstücke, Gebrauchsgegenstände, Pflanzen und Tiere klassifizieren können. Dinge, die uns jetzt nicht bekannt sind, können wir morgen entdecken oder erfinden. Die Ordnung, in der sich die Dinge befinden, gruppieren, situieren, die Ordnungsschemata, mit denen wir die Dinge in einer Ordnung positionieren, gruppieren, situieren, ist nicht beliebig und willkürlich, denn das Buch liegt tatsächlich auf dem Tisch, der Ficus steht wirklich in der Ecke und die Fische schwimmen ganz bestimmt im Aquarium.</p>
<p>Wir können natürlich unserem philosophischen Spieltrieb nachgeben und spaßeshalber an den großen ontologischen Stellschrauben drehen, die uns die Ordnung der Dinge vor die Nase setzen. Drehen wir ein bisschen an „g“ und murksen an der Gravitationskonstante herum. Da kann es dann sein, dass das Wasser aus dem Aquarium in die Höhe schwebt und nicht mehr sprudelt, sondern gluckst, dass in spiritistischer Anmutung das Buch über dem Tisch, der Tisch über dem Boden, das Sofa an der Decke schwebt. Das Porzellan in der Anrichte ist zerdeppert, die Fische in der Luft krepiert. Kein Ort, an dem wir uns länger aufhalten wollen. Allerdings zeigt uns das Szenario, dass diese Ordnung nicht mehr unsere Ordnung ist, aber unsere altgedienten Ordnungsschemata sind unter gewohnter Verwendung unserer altgedienten Präpositionen zäh und widerstandsfähig genug, es mit dieser befremdlichen Welt aufzunehmen und die dortigen Dinge zu beschreiben, wie sie sind.</p>
<p>Das Wasser bewegt sich und sprudelt aufwärts und wieder hinab. Die Fische stehen still oder flitzen hin und her. Die Dämmerung senkt sich herab. Mit den Fischen tun wir uns nicht schwer: Sie sind singuläre Wesen, die in der Raum-Zeit hin- und herflitzen, und die wir unter Verwendung singulärer Dingwörter wie eben „Fisch“ gut zu packen kriegen. Doch dass sie erst hin- und dann herflitzen oder umgekehrt, macht uns stutzig: Es ist ja nur sinnvoll zu sagen, etwas bewege sich hin oder her, wenn du in der Mitte der Feststellung thronst und der Fisch sich hin zu dir oder her zu mir bewegt. Heißt das, die Fische flitzen nicht mehr hin und her, wenn du aus dem Zimmer gegangen bist!</p>
<p>Genau das heißt es! Relativbewegungen wie das Hin- und Herflitzen der Fische im Aquarium haben den Sprecher zum perspektivischen Mittelpunkt. Indes bewegen sich die Fische in deiner Abwesenheit durchaus weiter, wenn sie auch nur im übertragenen Sinne hin- und herflitzen. Diese Bewegungen kriegen wir auch in und trotz deiner Abwesenheit zu fassen: Wir behandeln das Zimmer als cartesischen Käfig und malen ihm auf dem Boden und an den Wänden Koordinaten auf, wobei sich die 3 Raumkoordinaten in der Zimmerecke kreuzen, in der das Aquarium steht. Die Koordinaten markieren wir in regelmäßigen Abständen mit Strichen und Zahlen. Wir sagen jetzt: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 in gerader, dem Boden paralleler Richtung bewegt. Wir können es mit unserer Lust an der Exaktheit auch noch bunter treiben und sagen dann: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 in gerader, dem Boden paralleler Richtung in dem Moment bewegt, als du in den Spiegel schautest. Oder wenn schon, denn schon: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 von 15.33.13 Uhr bis 15.33.17 Uhr MEZ in gerader, dem Boden paralleler Richtung bewegt.</p>
<p>Mit Wasser und Dämmerungen haben wir eher philosophische Berührungsängste. Wenn sie herabsprudeln oder sich herabsenken, stehen wir als Mittelpunkt der Wahrnehmung und als perspektivischer Ort der Aussage gern stramm. Aber in unserer Abwesenheit: Was sagen wir dann? Wir bekommen, wie das bei in der Raum-Zeit vagabundierenden Stoffen so zugeht, mit singulären Ausdrücken nichts zu packen. Deshalb müssen wir umständlich werden und die Suppe gleichsam verteilen: Hier ein Löffelchen, da ein Löffelchen, wobei zum guten Schluss in ein Löffelchen ein Wassermolekül oder ein Photon gehört. Dann machen wir uns wieder unseren cartesischen Käfig zurecht und legen los. Nur Spaß! Wir wissen ja, dass wir Photonen auf die gute alte cartesische Tour nicht aufspüren und verorten können.</p>
<p>Während du all das betrachtetest, senkte sich die Dämmerung herab. Bevor sich die Dämmerung herabzusenken begann, warst du nicht in dem Zimmer. Nachdem sich die Dämmerung herabgesenkt hatte, warst du nicht mehr in dem Zimmer. Du verweilst so lange in dem Zimmer, wie sich die Dämmerung herabsenkt. Wenn sich die Dämmerung ganz herabgesenkt haben und die Nacht hereingebrochen sein wird, wirst du nicht mehr in dem Zimmer sein. Zwischen dem Moment, als du dich im Spiegel betrachtetest, und dem Moment, als dir das Geräusch des sprudelnden Wassers bewusst, du seiner gewahr wurdest, hatten sich die Fische im Aquarium zwanzigmal hin- und herbewegt.</p>
<p>Wir erzählen von dir als einem, der sich zu einem unbestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit in dem beschriebenen Zimmer aufgehalten hat. Durch die Erwähnung der Tatsache, dass du all die Dinge betrachtetest, im narrativen Tempus des Präteritums geraten die vorangestellten Beschreibungen der Dinge in ein neues Licht: Die Aussagen werden jetzt als Aussagen im historischen Präsenz erkennbar.</p>
<p>Eine Handlung oder ein Ereignis, das sich zeitlich vor dem im Präteritum erzählten Geschehen abspielt und im Moment des Eintritts des im Präteritum erzählten Geschehens abgeschlossen ist, pflegen wir im Tempus der Vorvergangenheit, dem Plusquamperfekt, zu beschreiben. Eine Handlung oder ein Ereignis, das vor einem in der Zukunft stattfindenden Geschehen abgeschlossen sein wird, beschreiben wir im Tempus der vollendeten Zukunft, dem Futur II.</p>
<p>Wie wir den räumlichen Bezug der Dinge mittels der Verwendung der lokalen Präpositionen ziemlich gut und genau angeben können, so wenn wir darauf hinweisen, dass ein Ding zwischen einem anderen und noch einem anderen liegt, können wir auch die Handlungen und Ereignisse in ihrem zeitlichen Bezug ziemlich gut und genau mittels der Verwendung von Satzgebilden aus Hauptsätzen und Nebensätzen angeben, die mit temporalen Konjunktionen wie während, als, bevor, nachdem, solange, bis eingeleitet werden. Wir setzen in diesen Sätzen die Verben in die verschiedenen Zeitstufen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so wenn wir darauf hinweisen, dass ein Ereignis vor dem Eintritt eines anderen Ereignisses geschehen ist oder dass eine Handlung geschehen sein wird, wenn eine andere Handlung auf sie folgt.</p>
<p>Wir können noch mehr, nämlich auf Ereignisse und Handlungen oder eine Reihe von Ereignissen und Handlungen Bezug nehmen, die im Rahmen eines sie zeitlich einschließenden Ereignisses oder einer sie zeitlich einschließenden Handlung von größerer Dauer ablaufen, wie darauf, dass du dich während der Lektüre dieses Textes in unterschiedlichen Zeitabständen an die Stirn gefasst, in der Nase gebohrt und die Brille geputzt hast.</p>
<p>Wie wir als verkörperte Wesen uns mit den Spezifika körperlicher Existenz unter anderen Körpern im Raum herumzuplagen genötigt oder zu verlustieren geneigt sind, sind wir als zeitliche Wesen in dem Rahmen von früher und später eingetretenen und eintretenden Ereignissen und Handlungen eingehaust oder zu Hause. So laufen die Dinge hier ab. Alle Ereignisse ordnen wir nämlich Zeitpunkten zu, die sie als früher oder später als andere Ereignisse einstufen. Das zeitliche Geschehen lässt sich ebenso wenig auf Akte der Zeitwahrnehmung reduzieren wie die Körperdinge auf bloße Phänomene der Dingwahrnehmung. Es ist schlicht wahr zu sagen, dass du gestern an jenem Ort warst und heute hier bist. Und dass du morgen zu unserem Treffpunkt kommen wirst, ist sehr wahrscheinlich.</p>
<p>Sollen wir großes Aufheben um die schlichte Tatsache machen, dass wir Zeitlinge die Zeitlichkeit des Daseins von Katz und Maus, von Hinz und Kunz auf dem Schirm haben oder dass wir unserem endgültigen Hinschied ins Auge zu sehen haben? Sollen wir uns jetzt noch länger in unserem Zimmer langweilen oder um die Langeweile zu vertreiben uns existentiell ein bisschen erregen mit Formeln falschen Pathos wie der Formel vom Sein zum Tode oder mittels Trivialitäten wie des Unterschieds zwischen vorhandenen und zuhandenen Dingen, Dingen der natürlichen und Dingen der künstlich-kulturellen Ordnung, zwischen Stein, Fisch und Vase und den unterschiedlichen Auren des Sinns, die sie vorgeblich ausdünsten? Es reicht für unseren Hausgebrauch allemal hin, den Unterschied zu sehen. Dann verlassen wir leise vor uns hinsummend das Zimmer und vertreten uns draußen in der anregenden Atmosphäre der sich herabsenkenden Dämmerung noch ein wenig die Beine.</p>
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		<title>Philosophieren IX</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Jul 2013 16:17:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[konditionales Satzgefüge]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was tat (hat) wer wem (mit wem, für wen, gegen wen) wie wann und wo (getan)? Was tut wer jetzt (heute)? Was wird wer morgen (in der Zukunft) tun? Den Orts- und Raumbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt auf der Straße, unterwegs, in fremden Gebäuden, Städten und Landschaften, benötigen, stellen wir [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-ix/">Philosophieren IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was tat (hat) wer wem (mit wem, für wen, gegen wen) wie wann und wo (getan)? Was tut wer jetzt (heute)? Was wird wer morgen (in der Zukunft) tun?</p>
<p>Den Orts- und Raumbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt auf der Straße, unterwegs, in fremden Gebäuden, Städten und Landschaften, benötigen, stellen wir dadurch her, dass wir die räumlichen Entfernungen auf die Nullkoordinate der Position beziehen, die wir mit unserem Körper einnehmen. „Komm her zu mir!“ heißt: „Komm näher an den Ort, den ich mit meinem Körper einnehme!“</p>
<p>Du schaust von der Höhe des Bergs auf den tief im Tal fließenden Strom und rufst aus: „Wie klein die Schiffe und die Menschen sind!“ Freilich sind sie nicht wirklich klein, jedenfalls nicht kleiner als gewöhnlich – du nimmst sie allerdings aufgrund der Struktur deines Sehorgans in dieser Entfernung so und nicht anders wahr. Soll man also sagen: „Du täuschst dich, in Wahrheit sind die Dinge viel größer?“ Aber auch ganz in der Nähe betrachtet, sehen die Dinge und Menschen so groß oder klein aus, wie du sie aufgrund der Struktur deines Sehorgans nun einmal wahrnimmst.</p>
<p>Allerdings machen wir uns einen festen Maßstab wie das Metermaß, messen das Ding und den Menschen daran ab, und sagen: „Diese Frau misst genau 164 cm, egal aus welcher Entfernung du sie betrachtest.“ So fangen wir mit unseren Messkünsten und Messverfahren an und schreiten dann voran auf den Gebieten der Topographie, Geographie, Geodäsie und hören nicht auf, bis wir die Ausdehnung des Universums bestimmt haben.</p>
<p>Den Zeitbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt zur Übersicht über die Einteilungen und die Dauer des Tags, der Woche, des Monats, des Jahrs, deiner und meiner Lebenszeit, der Lebensdauer unserer Wir-Gruppe in Gestalt der Familie, der Sippe, der Nation benötigen, stellen wir dadurch her, dass wir die zeitlichen Abstände mittels der kulturell erworbenen und erlernten Kalender- und Epochengliederungen auf die Nullposition unseres Gegenwartsbewusstseins beziehen, das heißt auf die Gegenwart deines Erlebens, in der du augenblicks handelst und sprichst und die du so durchgehend Augenblick für Augenblick als „jetzt“ ansprichst.</p>
<p>Einige haben angenommen, analog zum Sehorgan für die räumliche Orientierung von einem Zeitorgan für die zeitliche Orientierung sprechen zu können. Indes scheint der wache Sinn für den schmalen Horizont der Gegenwart und all das, was in ihm abläuft, vom Kurzzeitgedächtnis kontrolliert und abgebildet zu werden. Diese aktuelle Erlebniszeit begleitet die lange Zeit unseres Lebens und Erlebens, die vom Langzeitgedächtnis kontrolliert und abgebildet wird wie der Schatten den Körper oder wie der aktuell sich schreibende Algorithmus den Prozessor.</p>
<p>Dieses an das Kurzeitgedächtnis geknüpfte bewusste Zeiterleben ist der letzte Horizont unserer persönlichen Zeiterfahrungen und Zeitabschätzungen. Von diesem Nullpunkt des Zeitbezugs aus reden wir von gestern, heute und morgen, von unserer Kindheit oder der Zeit, die wir in dieser Stadt oder in jenem Land verlebten, von der vergehenden und der kommenden Zeit. Es ist dieses Gegenwartserleben, das sich mit den bekannten merkwürdigen oder außerordentlichen psychologischen Zuständen mischen und aufladen kann: die ewig sich in Erlebnisfülle und -dichte dahinziehenden Sommertage der Kindheit oder das Erlebnis des alternden Menschen, die Zeit verlaufe schneller und schneller, die Langeweile des allen sozialen Erwartungen und Beanspruchungen entlaufenen Bohemiens und Verbrechers, das Erlebnis des Kairos durch den historischen Menschen, der eine Zeitenschwelle überschreitet.</p>
<p>Als natürliche Wesen mit sich nur in Grenzen regenerierenden Organismen, anfällig für Krankheiten, Verletzungen und Unfällen ausgesetzt, gelangen wir unversehens vom Kindsein zum Jugendalter und blicken ungläubig von der hohen Warte des reifen Erwachsenen auf die ferne Ebene des Alters: Schicksalhaft dem Prozess des Alterns preisgegeben, sehen wir unserem endgültigen Verfall und Untergang entgegen. Das Wissen um dieses tödliche Faktum führt zwar bei schweren pathologischen Fällen zu Lähmungen der Antriebskraft und des Lebenselans – im Normalfall bleiben uns ein tragisches Lebensgefühl oder ein schwermütiges Starren aufs Grab (das berüchtigte Sein zum Tode) erfreulicherweise erspart. Jedenfalls hindert uns die Gewissheit unseres dermaleinstigen Hinschieds nicht daran, weiterhin unsere Absichten für die nähere oder fernere Zukunft zu hegen und mit den Menschen und Mitteln zu verfolgen, die wir dafür als geeignet ansehen.</p>
<p>Wir synchronisieren mein und dein Gegenwartserleben im Wir-Erleben kollektiver Gegenwart des Festes, des Wettkampfes, des Spiels, des Rituals, des Krieges. Löst sich die kollektive Umklammerung der einzelnen Erlebniszentren, fallen ich und du wieder in die Einzelrhythmen und Einzelzyklen unseres kleinen Dahinlebens zurück.</p>
<p>Auf dem historischen Hintergrund der großen Gründungen und Stiftungen unseres Kulturkreises säkularer und religiöser Art waren und sind unsere Erlebniszeiten eingebettet und synchronisiert in epochal ausstrahlende Epochen-, Monats- und Jahresregister, wie bei der Jahreszählung nach der Gründung Roms (ab urbe condita) und der Annuität der Senatorenfolge oder den Regierungszeiten der Kaiser sowie nach der jüdischen Offenbarung datierend von der Erschaffung der Welt oder nach der christlichen Offenbarung datierend von der Geburt Christi.</p>
<p>Erzählungen über Personen, die uns interessieren, knüpfen wir an Erzählungen über Ereignisse, in denen sie verstrickt waren, in denen sie sich zum Beispiel tapfer behaupteten und das Ihre verteidigten oder feige davonliefen und alles preisgaben. In solchen Geschichten treten ihre besonderen Begabungen, Persönlichkeitsmerkmale und Charaktereigenschaften zutage: Mut und Feigheit, Besonnenheit und Leichtsinn, Ausdauer und Schwäche, Klugheit und Torheit. Wir erzählen solche Anekdoten, Histörchen und Geschichten im narrativen Erzähltempus des Präteritums (Imperfekts). „Es war ein schöner Sommertag, er ging in der Lindenallee spazieren.“ Das Erzähltempus erlaubt uns, ohne genaue Angabe des Zeitpunkts auf Ereignisse und Zustände der Vergangenheit Bezug zu nehmen, die eine gewisse Dauer für sich beanspruchen.</p>
<p>„Nachdem er seinen Bruder Remus ermordet hatte, hat Romulus die Stadt Rom gegründet.“ Mit der Verwendung der vollendeten Gegenwart (Perfekt) nehmen wir auf ein reales oder fiktives Geschehen der Vergangenheit Bezug, dessen Auswirkungen und Konsequenzen für unsere Gegenwart beziehungsweise die Gegenwart des Sprechers Relevanz und Bedeutung haben oder zu haben beanspruchen.</p>
<p>„Ich werde dich morgen früh in der Lindenallee abholen.“ Wir sind handelnde Wesen, auf der hügeligen Vulkanlandschaft unserer gleichsam erloschenen, vergangenen Handlungen sind wir guter Dinge, weiterhin Absichten zur Ausführung zukünftiger Handlungen hegen zu dürfen. Um die zukünftige Aktion glücklich in den Hafen zu fahren, betasten wir fragend den Zukunftshorizont: „Wirst du morgen auch Zeit haben und rechtzeitig zur Stelle sein&#8221;? „Passt dir die Lindenallee oder sollen wir einen Treffpunkt wählen, der dir lieber ist?“ Wir klopfen mit Fragen und Wenn-dann-Behauptungen im futurischen Tempus die Vektoren und Faktoren, die als Bedingungen des Eintretens des gewünschten oder als Bedingungen der Vermeidung des unerwünschten und gefürchteten Ereignisses vorliegen, auf die Wahrscheinlichkeit eben dieses Eintretens ab. „Wenn du den Frühzug nimmst, kann du noch rechtzeitig zum Beginn der Veranstaltung da sein.“</p>
<p>&#8220;Wenn du das und das tätest, würdest du dadurch das und das erreichen.“ „Wenn du das und das getan hättest, hättest du das und das erreicht.“ Die konditionale Fügung im Möglichkeits- und Unmöglichkeitsmodus des Coniunctivus irrealis stellt uns Gedankenmodelle zur Verfügung, mit denen wir unseren Möglichkeitssinn auf die Probe stellen und mögliche Handlungen und Ereignisse auf die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens oder Nichteintretens abtasten können: „Wenn du den Frühzug verpassen würdest, könntest du nicht rechtzeitig zum Beginn der Veranstaltung da sein.“ „Wenn du mehr Engagement zeigen würdest, könntest du bald beruflich aufsteigen.“</p>
<p>Der offene Horizont der Zukunft ist unser eigentlicher Lebensbezug – solange wir leben. Die Ereignisse der Vergangenheit, die wir mit anderen und andere neben und vor uns erlebt und in Gang gesetzt haben, beziehen wir über die Mündungsspitze unserer aktuellen Erlebnisgegenwart auf das mehr oder weniger offene Delta der Zukunft. Um die vergangenen Handlungen in das konditionale Satzgefüge einzupassen, das uns erlaubt, sie in Hinsicht auf zukünftige Möglichkeiten zu bewerten, bilden wir Wenn-dann-Sätze im Möglichkeits- und Unmöglichkeitsmodus des Coniunctivus irrealis: „Hättest du damals mehr Engagement gezeigt, wärest du bald beruflich aufgestiegen.“ Daraus leiten wir hoffnungsfroh und motivierend den Satz im realen Futur ab: „Wenn du mehr Engagement zeigen wirst, wirst du bald beruflich aufsteigen.“</p>
<p>Die Zukunft ist der mehr oder weniger weite Horizont all der Ereignisse, die wir erhoffen, die wir befürchten oder die uns gleichgültig sind. Was uns angeht und interessiert, unsere ureigenen Lebensinteressen berührt, sind nützliche, förderliche, segensreiche oder schädliche, hemmende, feindselige Dinge, Ereignisse und Personen. Was uns angeht, sind gute Erwartungen oder schlimme Drohungen, gute Ernten oder Parasitenbefall, Kindersegen oder Kindstod, glückliche Tage oder verweinte Nächte.</p>
<p>Das konditionale Satzgefüge bietet uns die sprachlichen Mittel und Techniken, Nutzen und Schaden, die Taxierung der Wahrscheinlichkeit des Eintritts von nützlichen oder verderblichen Ereignissen und die Taxierung der Wahrscheinlichkeit der Vergrößerung oder Minimierung von Risiken darzustellen: „Wenn wir die Filiale unseres Unternehmens in Flussnähe am Ober- oder Mittelrhein gründen würden, wären wir einem erhöhten Hochwasserrisiko ausgesetzt. Betriebsausfälle aufgrund von eingetretenen Hochwasserschäden könnten unseren Absatz vermindern und dem Ruf unseres Unternehmen schaden.“ „Wenn wir die riskanten und umstrittenen Zusatzstoffe dem neuentwickelten Medikament entzögen, könnten wir das Produkt besser vermarkten und unser Unternehmensimage aufpolieren.“</p>
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