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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Identität</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Logische Schneisen XV</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Feb 2014 19:22:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Dein Wort hat heute dieselbe Bedeutung wie gestern und hoffentlich auch morgen. Was heißt das? Du sagst dasselbe in derselben Situation mittels derselben sprachlichen Ausdrücke. Du wirst nicht anfangen, „Guten Abend“ zu sagen, wenn du morgens in die Schule, in die Universität oder ins Büro kommst, um deine Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen zu begrüßen – [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xv/">Logische Schneisen XV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Dein Wort hat heute dieselbe Bedeutung wie gestern und hoffentlich auch morgen. Was heißt das? Du sagst dasselbe in derselben Situation mittels derselben sprachlichen Ausdrücke. Du wirst nicht anfangen, „Guten Abend“ zu sagen, wenn du morgens in die Schule, in die Universität oder ins Büro kommst, um deine Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen zu begrüßen – es sei denn vielleicht einmal, weil du mutwillig aufgelegt bist, zum Scherz. Wenn du es dir allerdings zur Regel machtest, die gewohnten Begrüßungsformeln falsch zu verwenden, hielte man dich bald für einen ausgemachten Narren.</p>
<p>Wir sagen: Die Erde steht fest – in gewissen Grenzen, hier enger, dort weiter, auch wenn sich der gewaltige physische Körper mit rasender Geschwindigkeit durch die Weiten der Galaxis, sich um die eigene Achse drehend, auf seiner elliptoiden Umlaufbahn um das Zentralgestirn bewegt: gleichsam zu unser aller Nutz und Frommen, würden wir ansonsten doch trist und dumm aus der Wäsche schauen, entbehrend des Wechsels von Tag und Nacht und der gloriosen Rhythmen der Jahreszeiten. Wenn wir sagen, die Erde stehe in gewissen Grenzen fest, meinen wir damit: Die Welt bindet unsere Erfahrung in ein Kontinuum, dessen Ränder wohl ins Unbestimmte und Vage zerfließen, dessen Kernschicht indes gleichsam aus gehärtetem Material besteht: der Identität der Erfahrungsgegenstände und Tatsachen, die wir in der Anwendung aller Arten des Zählens und Schlussfolgerns, bei allen Formen des Arrangierens, Sortierens, Gruppierens und Neugruppierens von Gegenständen voraussetzen.</p>
<p>In unserer Welt natürlicher Systeme von Symmetrien und konstant wiederkehrender oder systematisch variierender Regularitäten kommen wir dahinter, dass der Gegenstand der Wahrnehmung des hellsten Sterns am Abendhimmel derselbe Gegenstand der Wahrnehmung des ersten Sterns des Morgenhimmels ist. In unserer Welt kontinuierlicher und nicht völlig diskontinuierlicher Erfahrung kommen wir dahinter, dass der Abendstern dieselbe Umlaufbahn zieht wie der Morgenstern und deshalb derselbe Stern ist, nämlich der Planet Venus.</p>
<p>Lebten wir in einer seltsamen Welt, in der der Abendstern nicht derselbe Gegenstand wie der Morgenstern wäre, könnten wir uns nicht über die Anwesenheit oder Abwesenheit derselben Gegenstände verständigen und unterhalten – das System unserer Erfahrung, das auf der Anwendung des Begriff der Identität beruht, bräche in sich zusammen: Könnten wir nicht über denselben Gegenstand sprechen, hätten wir unser einigermaßen solides und verlässliches System der Erfahrung nicht gegen ein fluides, buntes und anarchisches System der Erfahrung ausgetauscht: Wir könnten schlicht überhaupt keine Erfahrungen mehr machen. Wir wären außerstande, etwas zu sagen, einen Gedanken zu fassen, eine Handlung zu vollziehen.</p>
<p>Behauptungen und Handlungen setzen die Anwendbarkeit der Kriterien von richtig und falsch voraus, sonst könntest du nicht etwas behaupten, dem ich beistimmen oder widersprechen, nicht eine Handlung vollbringen, die ich uneingeschränkt gutheißen oder als tadelnswert zurückweisen kann. In einer Welt oder einem System der Erfahrung, in dem nichts richtig und nichts falsch ist, träumen wir mit offenen Augen.</p>
<p>Ihr erwartet viele Gäste. Du hast bereist 8 Suppenteller auf dem Tisch in 2 Gruppen von je 4 Tellern arrangiert. Wenn du mich aufforderst, noch einen letzten Teller dazuzustellen, wie soll ich mich verhalten? Wenn ich den Teller zu einer der beiden von dir symmetrisch arrangierten Gruppen stelle, zerstöre ich die Symmetrie. Doch wenn die Gleichung 9 = 3 x 3 stimmt, werde ich einfach das Arrangement der Teller in 3 Gruppen zu je 3 Tellern neugruppieren.</p>
<p>Lebten wir in einer Welt, in der das Prinzip „Aus den Augen aus dem Sinn“ in einer radikalen Bedeutung gälte und die Dinge ihr Gesicht wechselten wie Don Juan die Frauen, könnte es geschehen, dass sich mein neues Arrangement wie von Zauberhand im Nu in eine neue Gruppe mit der Aufteilung 1 Teller, 3 Teller, 4 Teller verwandelte, weil in dieser schönen neuen Welt Symmetrien nicht vorkämen oder verboten wären.</p>
<p>Du hast deine 8 Suppenteller für die erwarteten Gäste schön symmetrisch in 2 Gruppen arrangiert und greifst aus der Schublade eine gute Handvoll Löffel, um sie ordentlich Stück für Stück den Tellern zuzuweisen. Du musstest die Löffel nicht eigens auf 8 Stück abzählen – wenn du allen Tellern je 1 Löffel zugeordnet hast, weißt du, dass es 8 Löffel sind, die jetzt auf dem Tisch liegen. Mehr ist nicht vonnöten, solange wir in unserer Welt leben, in der je ein Mensch genau mit 1 Löffel auskommt, um seine Suppe auszulöffeln. Auch wenn du nicht wüsstest, wie viele Suppenteller auf dem Tisch stehen, wüsstest du doch, dass nach der korrekten Zuordnung der Löffel auf je einen Teller die Anzahl der Löffel und die Anzahl der Teller identisch sind. Wir sagen etwas umständlich auch, die Menge der Elemente der Teller ist gleichzahlig mit der Menge der Elemente der Löffel.</p>
<p>Wenn du alle Löffel korrekt neben die 8 Teller gelegt hast, überblickst du nochmals die Situation – und stellst zu deinem Erstaunen, ja Entsetzen oder Grauen, fest, dass jetzt nur noch 2 Löffel neben 2 Tellern liegen, neben den anderen Tellern liegen einmal 3 Messer und einmal 3 Gabeln.</p>
<p>Was ist hier passiert? Du bist in eine verzauberte und verrückte Welt geraten, in der die Dinge dir ständig ein Schnippchen schlagen, dich narren und an der Nase herumführen – eine Welt, in der die Gegenstände ihre Identität wie Narrenkappen reihum wechseln, eine Welt, in der nichts feststeht, sondern die Kernschicht unserer Erfahrung sich verflüssigt hat und die Anwendung der Schicksalsvokabel „derselbe“ nicht mehr möglich ist. In dieser Welt der Unruhe, des Chaos und der traumartigen Metamorphosen gibt es weder Tag noch Nacht, weder Mondjahr noch Sonnenjahr, weder Zahl noch Maß, kein Ich und kein Du. Die Flüsse strömen aufwärts, die Bäume wurzeln in der Luft, dein Gegenüber ist ein negativer mentaler Zwilling und verneint ohne Unterlass jeden Gedanken, den du gerade denkst. Die Menschen verschwinden unter den Augen der anderen, die Grenzen zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Traum verschwimmen. In einer solchen auf dem Kopf stehenden Welt ist ein Leben nicht mehr möglich – unser Leben, das eine gewisse Ruhe, Beständigkeit, Gelassenheit – wenn auch vorläufig, wenn auch in fließenden Grenzen – in seinen mentalen Fundamenten zu genießen gleichsam begnadet ist.</p>
<p>In einer solchen Welt des Phantastisch-Unbestimmten und Unerwarteten ohne Symmetrien und Regularitäten könntest du keine Behauptung wagen ­und kein Versprechen abgeben oder ernst nehmen. Behauptest du etwa, ich habe wohl arge Schmerzen, weil ich stöhne und mich krümme, halte ich mit der Behauptung dagegen, dass ich mich pudelwohl fühle, und dies die Art sei, wie man hierzulande Freude bekunde, nämlich stöhnen und sich krümmen. Verspreche ich dir in einer solchen Pseudo-Welt, dich morgen zu besuchen, weist du mein Ansinnen mit der Begründung zurück, dass es ungewiss sei, ob ich morgen die Person antreffen werde, mit der ich jetzt gerade spreche, oder einen Zwilling von dir vor mir habe, der dir in allem gleicht, ohne du zu sein und sich an dich erinnern zu können.</p>
<p>Wir bemerken en passant, dass es in einer Pseudo-Welt, in der es nicht möglich wäre, konsistente Behauptungen aufzustellen oder glaubwürdige Versprechen abzugeben, weder Logik noch Mathematik geben könnte.</p>
<p>Denjenigen, der in einer solchen Welt des Chaos – aus Langeweile oder Überdruss vor unserer Welt relativer Ordnung – zu leben wünscht, heißen wir rechtens einen unverantwortlichen Clowns-Philosophen. Denjenigen, der in einer solchen Welt lebt, nennen wir zurecht einen aller Verantwortlichkeiten entbundenen Narren.</p>
<p>Aufgrund der Existenz von zählbaren Gegenständen in unserer Welt können wir zählen – wir müssen es nicht. Wenn es auch keine metaphysische Notwendigkeit des Zählens und der Existenz der Zahlen gibt, so doch die logische Notwendigkeit des Weiterzählens, nämlich auf die Weise weiterzuzählen, wie wir begonnen haben. Wenn wir mit der Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 begonnen haben, haben wir mit der Formel x +1 die logische Notwendigkeit fixiert, wie es weiterzugehen hat. Wenn wir mit der Reihe 2, 6, 8, 10, 12 beginnen, wissen wir, wie es anhand der Formel 2x weitergeht, ebenso bei der Reihe 2, 4, 8, 16, 32 anhand der Formel x<sup>2</sup> .<sup><br />
</sup><br />
Wenn wir mit den elementaren Rechenoperationen begonnen und die ersten einfachen Gleichungen aufgeschrieben haben, können wir nicht anders, als weiterzurechnen. Wir sind mit der Gleichung 2 + 2 = 4 gleichsam gebunden und in die Pflicht genommen, weitere Gleichungen zu bilden, die als Funktionen mit äquivalenten Werten dasselbe Argument bilden, wie etwa die Gleichungen 8–4 = 4, 2x (4–2) = 4, √16 = 4 oder 3 Komma Periode 9 = 4.</p>
<p>Der Spielraum unserer Freiheit ist eingeschränkt, wenn wir einmal zu zählen und zu rechnen begonnen haben. Wir können zum Leidwesen manch geplagten Schülers nicht darauf hoffen, dass übermorgen ein internationaler Kongress aller Mathematiker der Welt stattfindet, auf dem diese beschließen, die einfachen Rechenoperationen und also die Grundformen logischen Schließens so abzuändern, dass die Gleichung 2 + 2 = 4 nicht mehr gilt. Die korrekte Anwendung des Zahlbegriffs und des logischen Einmaleins beruht nicht auf willkürlichen Vereinbarungen, wie die Spielregeln bei Mühle oder Schach auf Vereinbarungen oder Konventionen beruhen.</p>
<p>Der merkwürdige Zwang, der uns beim Rechnen und logischen Schließen auffordert, so und nicht anders vorzugehen, ist weder ein physischer noch ein metaphysischer Zwang. Er ist sinnvoll mit der Bindung durch Kodifizierung einer Regel verglichen worden, die festlegt, dass die Regel willkürlichen Veränderungen entzogen bleibt. Wir hätten vielleicht diese oder jene Regel anders formulieren können – aber diese Modifikationen laufen letztlich auf eine Wahl derart hinaus, ob wir als Maßeinheit die Elle oder das Meter zugrundelegen – nur, mit dem Meter kommen wir weiter und tiefer in die Welt des Messbaren hinein.</p>
<p>Wir können auch sagen: Die kodifizierten und normierten Regeln des Zählens, Rechnens und Schlussfolgerns sind die effektivsten, mächtigsten und elegantesten Verfahren, die wir zu unseren Zwecken zu benutzen gelernt haben. Wir wollen diese Errungenschaften einmal kühn mit dem Verfahren der Wegbahnung vergleichen, das Ameisen mittels der Hinterlegung chemischer Spuren von einem begehrten Objekt wie nahrhaftem Blattwerk oder kultivierbaren Pilzen zum heimischen Nest anwenden: Die Spur des kürzesten Wegs wird sich exponentiell schnell verstärken – und dies zurecht, gibt sie doch die beste Orientierung, ohne Umwege und Abwege.</p>
<p>Der wahre Spielraum unserer Freiheit beruht in der Anwendung der Begriffe richtig und falsch. Die Sonderstellung des Menschen als vernunftbegabten Wesens – wenn wir uns die Lizenz gönnen, uns einmal auf solch seltsame oder pathetische Weise auszudrücken – zeigt sich in seiner Fähigkeit, Fehler zu machen. Eine Maschine wie ein elektronischer Taschenrechner oder ein Computer macht keine Fehler, sondern läuft leer oder fällt aus, sie begeht keinen Irrtum, denn sie kennt die logischen Regeln nicht oder sie hat vom Sinn der Anwendung der Regeln kein Bewusstsein, gemäß denen und auf deren Grundlage sie gebaut wurde und funktioniert.</p>
<p>Nur der naive Schüler, nicht die Maschine, ist irrtumsanfällig und begeht sicher einmal den vermaledeiten Fehler, in der Anwendung der binomischen Formel (a + b)<sup>2 </sup>= a<sup>2 </sup>+ 2ab + b<sup>2</sup> die Verdopplung des Produkts der Ausgangswerte zu vergessen, weil ihm dies logisch nicht sinnfällig zu sein scheint und ihm als Evidenz nicht auf der Hand liegt.</p>
<p>Zu verneinen, dass Menschen mit einer Freiheit begabt sind, die in der Fähigkeit, Fehler zu begehen, zum Ausdruck kommt, heißt verzweifelt, närrisch oder mephistophelisch ein Schicksal bejahen, das unsere Welt gleichsam in einen Albtraum eines ohnmächtigen Gottes verwandelt.</p>
<p>Zu verneinen, dass Menschen mit einer Freiheit begabt sind, die in der Fähigkeit zum Ausdruck kommt, Fehler und Irrtümer zu begehen, einen notwendigen logischen Schritt zu übersehen und zu überspringen, aber auch den Irrtum zu erkennen und zu korrigieren, heißt, den Selbstwiderspruch bejahen, dass wir nicht in der Lage wären, richtig von falsch zu unterscheiden und also irgendeine sinnvolle Behauptung aufzustellen (denn Behauptungen sind notwendigerweise richtig oder falsch) – heißt leugnen, dass wir in der Lage sind, überhaupt etwas Sinnvolles zu äußeren.</p>
<p>Die Behauptung, dass wir in keiner Hinsicht frei seien und also nicht frei, richtige von falschen Behauptungen zu unterscheiden, ist evidenterweise inkonsistent und demnach FALSCH.</p>
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		<title>Logische Schneisen XII</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Feb 2014 16:19:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xii/">Logische Schneisen XII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem unabweislichen Grund, weil natürlich gilt: 0 ist nicht 1.</p>
<p>Aus dem Vorgang des Zählens und also aus dem Hantieren mit den natürlichen Zahlen 0 und 1 können wir die Struktur des logischen Raums aufbauen. Denn: (1) Zählen ist ein intentionaler Akt, der dem Zählenden bewusst ist, es kann (2) mittels Sprechakten dargestellt werden wie „Ich zähle von 1 bis 10“ oder „Ich zähle die Primzahlen zwischen 30 und 50“ oder „Ich zähle bis zur 18. Kommastelle der Zahl pi“ und ist (3) ein zentraler Baustein der Rationalität, weil es die logischen Forderungen nach Konsistenz, Kohärenz und logischer Folgerung voraussetzt und im besten Falle erfüllt.</p>
<p>Du zählst zunächst 0, danach zählst du 1. Zählen ist wie jede Hantierung und Handlung sowie jeder Sprechakt ein Vorgang in der Zeit, ein Vorgang, eine Handlung, die Zeit braucht. Wenn wir die Zahlen wie die Stationen eines Wanderwegs mittels Zählen erreichen und wenn das die Zahlen konstituierende Zählen Zeit braucht, können wir daraus schließen, dass Zahlen nicht in einer scheinbar zeitenthobenen Sphäre als ewige Entitäten herumschweben oder wie Fixsterne am platonischen Ideenhimmel festgenagelt sind.</p>
<p>10<sup>80</sup> ist die ungefähre Anzahl der Atome im Weltall. Die Zahl gibt eine unser Vorstellungsvermögen weit übersteigende Größe an – aber eine endliche, begrenzte, messbare Größe. Du kannst aber einfach hinschreiben: 10<sup>81</sup>, 10<sup>82</sup>, 10<sup>83</sup> und so weiter. Was heißt das? Wir zählen einfach weiter, wie es uns passt, scheinbar oder offenbar durch keine realen Grenzen der realen Raum-Zeit gehemmt.</p>
<p>Wären Zahlen gleichsam Abbilder der zählbaren Dinge, wären die Etiketten 1.0 und 1.1 nicht lose mit den durch sie etikettierten Dingen verbunden, sondern an sie fest angeheftet, könnten wir irgendwann nicht weiterzählen, sondern stießen an die faktische Grenze des Zählbaren.</p>
<p>Würden Zahlen die zu zählenden und  zählbaren Dinge bezeichnen, wie könnte es dann eine Null geben, die ja nichts zu bezeichnen scheint? Oder wie negative Zahlen – von irrationalen und imaginären Zahlen zu schweigen. Welches seltsame Objekt sollte die transzendente Zahl pi bezeichnen? Also, merken wir an, Zahlen bezeichnen oder referieren nicht, der Vorgang des Zählens ist kein Vorgang des Bezeichnens.</p>
<p>Aber, wendest du ein, wir brauchen die vertrackte Zahl pi doch, um ein wirkliches geometrisches Gebilde, den Kreis, zu vermessen, nämlich Umfang und Fläche des Kreises zu bestimmen! Doch was sind Kreise – und all die anderen geometrischen und topologischen Gebilde und Strukturen – anderes als wiederum Werkzeuge des menschlichen Geistes, der damit schalten und walten kann, wie es ihm beliebt – freilich bis zur unüberschreitbaren Grenze der Inkonsistenz?</p>
<p>Würden Zahlen etwas bezeichnen, müssten sie wie Eigennamen funktionieren. Eigennamen bezeichnen Gegenstände, die existieren, auch wenn wir um ihre Existenz nicht wissen. Denn gewiss gibt es einen gewissen Hans-Peter oder eine bestimmte Inge in deiner Nachbarschaft, in deinem Nachbarviertel oder deiner Nachbarstadt, die so heißen, von deren Existenz du aber nichts weißt. Was sollte es aber bedeuten, dass eine Zahl mit dem Namen Z<sub>0</sub> existiert, aber du weißt nichts von ihrer Existenz? Würden Zahlen bestehende Entitäten bezeichnen, wäre man leicht verführt, zu meinen, auch das Zeichen für das „Und so weiter“, das Unendlichkeitszeichen, bezeichne einen Gegenstand, nämlich das Unendliche. Schon kommen wir in Teufels Küche und stellen unsinnige Fragen wie: Was für ein Objekt ist ein Objekt, das keine Grenzen hat, oder: Wie kann das Unendliche im Endlichen existieren?</p>
<p>Wir fangen irgendwo an, egal wo – aber noch haben wir nichts getan, keinen Mucks und keinen Schritt. Wir nennen diesen Ort des Ursprungs unserer Absichten, Vorhaben, Handlungen und Sprechakte in der irrealen Welt der Zahlen den Nullpunkt oder einfach null. Das ist der Ausgangspunkt – es gibt nichts davor, alles aber danach: Wenn wir den ersten Schritt tun, haben wir gleichsam alle Schritte getan – wie wir gleichsam alles gesagt haben, wenn wir das erste Wort gesagt haben.</p>
<p>Wenn wir den ersten Schritt tun, zählen wir 1. Wir sagen: 1 ist der natürliche Nachfolger der Null, die nur diesen einen direkten Nachfolger, aber keinen Vorfolger oder Vorgänger hat.</p>
<p>Jetzt stehen wir gleichsam auf vorgerücktem Posten, auf der Wegscheide oder am Scheideweg. Vor oder zurück? Wenn uns jetzt der Mut verlässt und wir vor dem nächsten Schritt zurückschrecken, kann es passieren, dass wir kopflos werden und zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren.</p>
<p>Was ist hier passiert? Wir stehen gleichsam unverrichteter Dinge wieder am Nullpunkt, müssen wie man sagt wieder bei null beginnen, obwohl wir die Position der 1 schon erreicht hatten. Als hätten wir gerechnet: 0 x 1 = 0.</p>
<p>Wir haben demnach die Ursünde der Inkonsistenz, des Selbstwiderspruchs, begangen: einen Schritt nach vorn und gleich wieder einen Schritt zurück. Wir sehen, was dabei herauskommt: gar nichts. Wir können die Inkonsistenz sehen, nämlich an der Gleichung 0 x 1 = 0, wofür wir auch schreiben können: ̶1̶  = 0.</p>
<p>Natürlich sollten wir vermeiden, gleich bei unserem ersten Schritt in unbekanntes Gelände zu straucheln. Können wir aber gleichsam auf hoher See oder mitten im Getümmel den Fehltritt der Inkonsistenz auf alle Fälle sichten und ausräumen? Bleiben wir bescheiden und sagen: Nur so weit das Auge reicht, sprich, soweit wir einen Überblick gewinnen können. Vielleicht hast du vor einem Jahr angenommen, Irene wohne in deinem Viertel, heute denkst du nicht mehr an diese Annahme und argwöhnst, Irene wohne nicht in deinem Viertel. Diese gleichsam milden, weil in dem Netzwerk unserer Annahmen lokal umgrenzten und deshalb relativ ungefährlichen Inkonsistenzen können wir nicht ausschließen.</p>
<p>Wenn wir einen Weg zurückgelegt haben und auf einen Hügel gelangen, können wir zurückblicken und unsere verschlungenen Pfade überschauen, die wir gegangen sind, um unseren Überblickspunkt zu erreichen. Wenn wir sehen, dass die zurückgelegten Wegstrecken – trotz Kurven und mancher Umwege und Überkreuzungen – kontinuierlich auseinander hervorgehen, ist alles in Ordnung. Würden wir dagegen wahrnehmen, dass die Spuren unserer Schritte plötzlich abbrechen, um an einer anderen Stelle unversehens wiederaufzutauchen, stutzten wir gehörig und dächten, dass hier was nicht stimmt. Solche Unterbrechungen der Weglinien unseres Handelns und Denkens, solche Löcher im Kontinuum unserer Erfahrung stehen gleichnishaft für das Auftreten von Inkonsistenzen. Wie können wir sie identifizieren? Nun, wir müssen halt immer wieder nach einer gewissen Wegstrecke einen Überblickspunkt finden, von dem aus wir den Faden der Gedanken zurückspulen – und darauf hoffen, dass wir nicht plötzlich ein loses Ende in Händen halten. Dagegen haben wir als gebrechliche Wesen, deren Gedankenkontinuum ständig durch Vergessen, durch Träume und mentale Gewitter unterbrochen wird, keine Hoffnung und keine Chance, einen Aussichtspunkt zu finden, von dem aus wir alle von uns jemals zurückgelegten Wege auf einen Schlag in den Blick nehmen könnten – und könnten wir es, wäre damit noch nicht viel ausgerichtet, denn wir gehen ja weiter, haben noch eine Strecke Weges vor uns, die wir dann wiederum von einem anderen Aussichtspunkt überblicken müssten.</p>
<p>Es könnten Rück- und Überblicke zu fatalen Einsichten führen, dann nämlich, wenn jemand bemerkt, dass die Abdrücke der Fußspuren zwar in die Nähe seines Beobachtungspostens führen, aber nicht geradewegs zu seiner Position gelangen, sondern kurz davor abbiegen und in entgegengesetzter Richtung weiterlaufen. Hier, bemerken wir, kann der Einbruch der Inkonsistenz ins Netzwerk der Gedanken und Erinnerungen dermaßen extrem und umfassend sein, dass wir Zweifel zu hegen beginnen, ob wir der Person noch den Status eines rationalen Lebewesens zusprechen wollen.</p>
<p>Wir haben den ersten Schritt getan und sind bei der natürlichen Zahl 1 angelangt. Wir blicken zurück und sehen: Dies ist der einzig konsistente Schritt, um uns von der Null wegzubewegen. Wir bemerken, die Null ist die erste natürliche Zahl und hat genau einen Nachfolger. Also folgern wir, dass die 1 als die zweite natürliche Zahl ihrerseits einen Nachfolger hat. Wir machen den nächsten Schritt und gelangen zur 2. Erst von dieser Position aus können wir mit Sicherheit sagen: und so weiter.</p>
<p>Wir gelangen so rasend schnell zur 9, dann aber springen wir gleichsam auf die erste Etage und schreiben nicht ein eigenes Zeichen für die Zehn hin, wie man es mit dem lateinischen Alphabet mithilfe von X tut, sondern setzen die Zehn aus der 1 und der 0 zusammen und erhalten 10. So machen wir weiter bis zur 20, 30, 40 und so weiter und springen schließlich bei 99 auf die nächste Etage unseres Stellenwertsystems des Zählens, nämlich auf die 100.</p>
<p>Wir bemerken, dass uns die Zahlen 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 ausreichen, um die Menge der natürlichen Zahlen vollständig aufzubauen. Aber, könntest du einwenden, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.</p>
<p>In der Tat, dass wir unser Zahlensystem anhand der Zehnerreihe aufbauen, ist nur der natürlichen und kontingenten Tatsache geschuldet, dass wir nun einmal zehn Finger haben und vor Zeiten anhand unserer Finger mit dem Zählen begonnen haben, wie es kleine Kinder auch jetzt noch tun. Kurz und gut: Da wir alle Zahlen mit der 0 und der beliebigen Addition von Einsen darstellen können, liegt das binäre System, mit dem wir die Zahlen und alle anderen Zeichen (vor allem die Buchstaben) mittels der Kombination der Zeichen für 0 und 1 darstellen können, in all seiner Perfektion, Eleganz und Schönheit vor unseren Augen.</p>
<p>Wir haben zu zählen begonnen und das Sesam-öffne-dich von Mathematik und Logik, das Und-so-weiter, mutig ausgesprochen. Und wie geht das Und-so-weiter? Du meinst, es nehme halt kein Ende mit dem Zählen und Sprechen, weil du ja immer weiter zählen und sprechen und für den Nachfolger des Nachfolgers den Nachfolger benennen könnest – weil du bei der x-ten Zahl einfach die nächste Zahl mit der Formel x + 1 bilden könnest, ein unerschöpfliches Unterfangen!</p>
<p>Wenn Zahlen aber Werkzeuge des menschlichen Geistes sind und wenn vieles, was Menschen ins Werk setzen, wohl großartig und bewunderungswürdig sein mag, aber letztlich doch begrenzt und endlich ist, wird dann nicht auch unser kreatives Und-so-weiter an ein Ende kommen und abbrechen müssen? Wir können ja, wenn das Universum aus 10<sup>80</sup> Atomen besteht, in einer höchst optimistischen Fiktion „nur“ 10<sup>80 </sup>Zahlen, Ziffern oder Striche an bestimmten Punkten dieses Universums anbringen.</p>
<p>Was tun? Schreiben wir getrost 10<sup>81</sup> hin. Im Bereich der geistigen Abenteuer können wir, was wir wollen – und wir wollen nicht von realen Hemmklötzen in unserer mathematisch-logischen Urlust gestört werden, weiter zu zählen und weiter zu sprechen.</p>
<p>Mit der Gleichung 1 – 2 = –1 gelangen wir in den Bereich der negativen Zahlen. Wir sehen dies im Bild, dass wir uns im Nullpunkt umdrehen und in die entgegengesetzte Richtung einen Schritt machen. Und wieder gilt das Nachfolgeraxiom, das uns das Und-so-weiter in dieser Richtung eröffnet.</p>
<p>Mit dem geordneten Zahlenpaar (1/1) erobern wir die zweite Dimension, die Ebene oder Fläche, mit dem geordneten Zahlentripel (1/1/1) die dritte Dimension, den Raum. Wir sehen: Wir können nicht nur linear auf dem Zahlenstrahl das Und-so-weiter Schritt für Schritt vollziehen, sondern auch multidimensional den Raum der Dimensionen mit dem Und-so-weiter Schritt für Schritt aufbauen.</p>
<p>Wir haben mit dem Punkt der Ebene P<sub>1</sub> (1/1) und dem Punkt des dreidimensionalen Raums P<sub>2 </sub>(1/1/1) genau einen Wert von virtuell unendlich vielen Werten herausgegriffen. Dies gilt auch dann, wenn wir mittels dieser Punkte im cartesischen Koordinatensystem ein Quadrat mit der Kante 1 oder einen Kubus mit der Kante 1 konstruieren. Wir brauchen nur willkürlich einen Wert der Punktmengen zu variieren, zum Beispiel P<sub>3</sub> (1/2) oder P<sub>4 </sub>(1/1/2), und schon erhalten wir als Ergebnis andere geometrische Gebilde, nämlich ein Rechteck beziehungsweise eine quadratische Säule.</p>
<p>Die Virtualität oder die grenzenlosen Möglichkeiten der Wertverteilung können wir folgendermaßen ausdrücken: P<sub>1</sub> (x<sub>1</sub>/y<sub>1</sub>) beziehungsweise P<sub>2</sub> (x<sub>1</sub>/y<sub>1</sub>/z<sub>1</sub>). Wir sehen: Wir können nicht nur mit gegebenen Zahlen hantieren, sondern auch durch algebraische Abstraktion mit virtuellen Zahlen spielen.</p>
<p>Wir verteilen beliebige Werte auf die Punktmengen und üben uns im Und-so-weiter, indem wir an je einer Wertstelle eine 1 hinzufügen: P<sub>5</sub> (x<sub>1</sub> + 1/y<sub>1</sub> + 1/z<sub>1</sub> +1). Wenn wir auf den vollständigen Zahlenraum zugreifen, können wir statt der 1 auch jeweils –1, Wurzel aus –1 oder pi einsetzen.</p>
<p>Wenn du ein Quadrat in der Mitte faltest und die beiden Hälften zusammenklappst, erhältst du ein Rechteck, schneidest du es in der Mitte durch, erhältst du zwei flächengleiche Rechtecke. Machst du das mit einem Kubus, erhältst du einen Quader. Quetschst du einen Kreis, erhältst du eine Ellipse. Ja, du kannst mit ein bisschen Gewaltanwendung einen Kubus so lange zusammenpressen, bis er wieder eine Dimension herunterfährt und ein Quadrat bildet (mach es in Gedanken, dann geht es problemlos). Wir sehen: Mittels regelförmiger Transformationen können wir nicht nur geometrische Gebilde einer Stufe ineinander verwandeln, sondern auch Gebilde beliebiger Stufe auf die nächstniedrige Stufe, wie von der 3. Dimension auf die 2. Dimension, transformieren. Wir sagen: Zahlen und Gebilde, die wir anhand von Punkt- und Zahlenmengen konstruieren, können wir beliebig variieren.</p>
<p>Was wir nicht können, und hier handelt sich es wiederum nicht um ein empirisches Versagen, sondern um einen Zug oder eine Eigenschaft im logischen Raum: Wir können mittels Variationen keine zahlenförmigen Strukturen oder geometrischen Gebilde erzeugen, die nicht durch die Angabe ihrer Koordinaten, also mittels Punkt- und Zahlenmengen, dargestellt werden können. Das Verfahren der Variation ist strukturell und dimensional in sich abgeschlossen durch den Begriff der Identität. Variation setzt den Begriff der Identität voraus.</p>
<p>Würden wir den Begriff der Identität aufgeben, könnten wir nicht mehr zählen – und also nicht mehr denken. Gedanken sind Variationen der Identität. Wenn wir auf dem Gedankenweg den Ausgangspunkt, den Nullpunkt, unserer freien Variationen gleichsam vergessen oder aus den Augen verlieren und von unserem Überblicksposten aus nicht mehr gewärtigen können, haben wir das Spiel verloren und uns heillos in Inkonsistenzen verstrickt. Wir haben dann nicht bloß Fehler gemacht, wie einem eben nun mal notgedrungen Rechenfehler unterlaufen, sondern sind nicht mehr in der Lage, zu erkennen und zu behaupten, ob wir Fehler gemacht haben oder korrekt gerechnet und klar gedacht haben.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIX</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Sep 2013 13:49:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn und Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxix/">Philosophieren XXXIX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in deinem Knie einen Bänderriss. – Der Demente erkannte sich im Spiegel nicht wieder.</p>
<p>Deine Freundin küsst wohl deine Hand, aber sie schaut nicht deine Hand dankbar an, sondern dir zärtlich in die Augen. – Das Kind handelt so, als sei der Stuhl ein lebendiges Wesen, dem man Absichten und gerade auch böse Absichten zu unterstellen pflegt – es handelt im Prinzip richtig, nur en detail falsch. – Wir zögern beim pietätvollen Umgang mit den Toten, an welcher Stelle wir sie gleichsam im Persönlichen festhalten oder ins Unpersönliche abgleiten lassen wollen. – Der Arzt weist uns auf das Verständnis unseres verkörperten Seins hin, indem er nicht sagt: „Ihr Knie ist krank“, sondern etwa: „Sie sind am Knie erkrankt“ oder schlicht „Sie leiden an einem Bänderriss am Knie.“ Der Arzt sagt nicht: „Ich werde ihren Magen operieren“, sondern „Ich werde Sie am Magen operieren.“ – Der Demente erkennt seinen Körper im Spiegel nicht mehr als seinen Körper, weil er seinen Körper nicht mehr als den seinen wahrnimmt.</p>
<p>Dein Bekannter hält dich am Ärmel fest, zeigt mit der Hand auf die andere Straßenseite und sagt: „Schau mal, ist dies nicht Frau P.?“ Zeigt er dabei auf die Stelle, die mit der Verwendung des Demonstrativums „dies“ bedeutet und gemeint ist? Welche Stelle könnte das sein? Ist es die Raumstelle, die von dem Körper der Frau P. vollständig ausgefüllt wird? Aber dann könnte man die Ausdrücke „dies“ und „dieser Körper“ schlicht gegeneinander austauschen und dein Bekannter könnte genauso gut sagen: „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“</p>
<p>Warum klingt diese Frage so merkwürdig, bizarr und ungelenk in unseren Ohren? Warum finden wir auf Anhieb keine rechte Normalverwendung für einen solchen Satz? Oder würden wir etwa mit dem Wissen, da drüben wandle Frau P. am hellichten Tage wieder einmal im Schlaf, etwa sagen „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“ Nicht einmal in einem solchen Ausnahmefall würden wir dies wohl über die Lippen bringen.</p>
<p>Warum lassen sich die Personalpronomina ich und du und er und sie nicht einfach ersetzen durch die Ausdrücke „mein Körper“, „dein Körper“, „sein Körper“ oder „ihr Körper“? Etwa weil das mit den Personalpronomina Gemeinte, also die jeweilige Identität der angesprochenen Personen, ein unkörperliches Etwas, ein im Körper verborgenes rätselhaftes Wesen genannt Seele oder Geist wäre, das sich von außen und von den anderen nicht erfassen lässt, sondern auf intime und unmittelbare Weise nur dem „Inhaber“ zugänglich und verständlich wäre?</p>
<p>Wir fragen uns weiter in die Irre: Ist dieses ominöse Etwas nicht das, was in uns denkt – sind doch auch die Gedanken körperlos, ortlos, zeitlos? Wie ist dieses Ego Cogito bloß mit dem singulären Körper verbunden, wenn es unräumlich ist, also eigentlich keinen Raum einnehmen und keinem Körper einwohnen kann? Steht es dennoch einem bestimmten Organ besonders nahe, etwa der Milz, der Leber, dem Herzen oder dem Gehirn?</p>
<p>Oder sollen wir, abgestoßen von all dem metaphysischen Gespensterdasein und verführt durch die knallharten Fakten der Neurowissenschaften, in die entgegengesetzte Irre gehen und den vom Ego Cogito heimgesuchten Körper zum alten Eisen werfen und die Identität der Frau P. zum Produkt der neuronalen Leistungen ihres Gehirns erklären? Würde dein Bekannter denn nunmehr auf die andere Seite der Straße zeigen und ausrufen: „Schau mal, ist dies nicht das Gehirn der Frau P., das mit ihrem Körper spazieren geht?“</p>
<p>Worauf dein Bekannter zeigt, wenn er mit dem Finger auf Frau P. weist, ist weder ein Körper, dem wir eine zentral steuernde, denkende Instanz namens Seele oder Geist andichten und verpassen müssten, noch ein von der steuernden Instanz des Gehirns die Straße entlang geführter Körper (Woher wüssten wir denn in diesem Falle, dass es eben der Körper der Frau P. ist?), sondern die Person Frau P., die als vollständig verkörpertes Lebewesen von ihrem lebendigen, empfindenden, fühlenden, denkenden Organismus unabtrennbar ist – und diese Weise, vom Körper nicht abtrennbar zu sein, hat nicht den Rang einer Tatsache, sondern stellt eine begriffliche Grenze dar. Wir sagen etwas unbeholfen: Der Begriff der Person kann nicht ohne den Körper gedacht werden, den wir mit dieser Person allenthalben verbinden. Verkörpert zu sein ist so etwas wie die notwendige Eigenschaft von Personen.</p>
<p>Und wenn du gar nichts mehr fühlst und denkst, ohne tot zu sein, sondern dich im Tiefschlaf befindest oder ohnmächtig bist, bist du dann nicht bloß ein Körper und nichts ist auffindbar, was du da wohl verkörperst? Ich würde immer noch sagen: „Mein Freund ist in Tiefschlaf versunken“ oder „Mein Freund ist ohnmächtig geworden“ und nicht „Der Körper meines Freundes schläft oder ist ohnmächtig“. Denn die Möglichkeit, dass du aus dem Tiefschlaf oder der Ohnmacht erwachst, gehört zu dem Repertoire an Möglichkeiten, die dein selbstbewusstes Leben als Person ausmachen, auch wenn du in solchen virtuellen Schrumpfstufen des Daseins deiner selbst gerade nicht bewusst bist. Dies gilt auch für die Fälle psychiatrisch klassifizierbarer Abweichungen vom normalen Verhalten und Bewusstsein. Der Faden kann gleichsam abbrechen und seine Enden eine Weile in der Luft baumeln – solange die Möglichkeit besteht, dass eine gute Fee oder eher wohl die Verabreichung antipsychotischer Medikamente die losen Enden wieder verbindet, geben wir die Zuschreibung des Personseins an den Betroffenen nicht auf.</p>
<p>Das bewusste Leben der Person ist ein Kontinuum mehr oder weniger intensiver oder schwacher Empfindungen, mehr oder weniger deutlicher oder verschwommener Gefühle und mehr oder weniger präziser oder diffuser Gedanken, das sich von der Geburt bis in den Sterbeprozess hinzieht. Ich spreche dir nicht bloß in den Fällen ein leib-beseeltes Dasein zu, in denen es mir leichtfällt, deine Empfindungen, Gefühle und Einstellungen aus deinem Benehmen und Gebaren zu ersehen, wie dass du glücklich bist aus deiner entspannten Haltung und deinem sanften Lächeln oder dass du unglücklich bist aus deiner verkrampften Haltung und deinem stieren Blicken. Auch wenn du in eine katatonische Starre fielest und ich nicht einmal zu ahnen vermöchte, was in dir vorgeht, bleibst du die Person von vorhin, wie sich nach Beendigung des Anfalles herausstellen wird.</p>
<p>Dein Bekannter hat dich auf Frau P. hingewiesen, und da ihr euch kennt, gehst du gerne auf sie zu und befragst sie nach ihrem Befinden und momentanen Vorhaben. Sie wird vielleicht antworten, sie müsse eine Besorgung machen, zum Beispiel sich in der Apotheke durch Vorlage eines Rezepts ein ihr verordnetes Medikament besorgen. Frau P. hat dir damit ihre Absicht mitgeteilt, die dir zur Erklärung ihres Verhaltens, nämlich über die Straße gegangen zu sein, vollkommen hinreicht. Natürlich wirst du Frau P. für die richtige und erfolgreiche Ausführung ihrer Absicht mittels des beobachteten Verhaltens die wahre Überzeugung unterstellen dürfen, dass es notwendig sei, mit dem Rezept bewaffnet die Wohnung zu verlassen und da sie keine Flügel hat sich ihrer Beine zu bedienen und sich auf der Straße in Richtung Apotheke zu begeben. Die Wahrheit dieser Überzeugungen ist wiederum verknüpft mit der Wahrheit der Überzeugungen, dass Frau P. die Öffnungszeiten der Apotheke zu beachten hat, dass sie das Rezept vor Ort aus der Tasche ziehen und dem Apotheker überreichen muss. Und die Wahrheit all dieser Überzeugungen ist gleichsam unterirdisch oder auf der Rückseite des Teppichs mit basalen Wahrheiten der Art verknüpft, dass Frau P. getrost den Fuß auf den Bordstein setzen kann ohne dank des Wirkens der Gravitationskraft Gefahr zu laufen, in die Lüfte zu entschweben.</p>
<p>Der semantisch geknüpfte Teppich aus Überzeugungen und Absichten ist das, was Lebewesen als Personen beseelt. Das fortgesetzte Knüpfen, aber auch das stellenweise Wiederauflösen und Neuknüpfen des semantischen Teppichs geschieht ein Leben lang und umfasst das, was wir das intentional-bewusste Leben der Person nennen. Die Ausführung deiner Absicht kann scheitern, vielleicht aus dem einfachen Grund, weil dich eine falsche Überzeugung in die Irre geführt hat, und du wähntest, das Medikament in der Apotheke ohne Rezept erhalten zu können.</p>
<p>Und wenn du nicht nur mit einer Überzeugung falsch lägest, sondern mit vielen oder gar mit allen? Und wenn du, wieso dann nicht auch ich, und wenn du und ich, wieso dann nicht alle? Lebten wir dann nicht in einer Scheinwelt oder Traumwelt, in der alles wie in einem Film sich abspielte, für den es kein Skript und keinen Plot gäbe, den nicht einmal ein verantwortlicher Regisseur gedreht hätte? Wäre dies aber so, und alle deine Überzeugungen wären falsch, wähntest du beispielweise, über die Brüstung des Balkons deiner Wohnung im 5. Stock gelehnt, du könntest fliegen – und lebtest also nicht mehr.</p>
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		<title>Philosophieren XXXVI</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Sep 2013 07:44:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Personalpronomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophieren]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxvi/">Philosophieren XXXVI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Da kannst sagen: „Gib mir bitte die Handschuhe wieder, sie gehören mir – es sind meine Handschuhe!“ Immerhin, Handschuhe, die dir gehören, könnten auch mir gehören – das ist der Sinn unseres Gebrauchs der Possessivpronomina. Es ist ja leicht vorstellbar, dass diese Sache mir und nicht dir oder dir und nicht mir gehört. Hier gilt die Regel: Das Gegenteil ist genauso gut möglich. Und es ist ein Kinderspiel, sich den gegenteiligen Fall vorzustellen oder auszumalen.</p>
<p>Behielte indes das Possessivpronomen seine Bedeutung und wäre die genannte Regel auch in einer Äußerung gültig wie: „Bitte gib mir die Hände zurück, sie gehören mir – es sind meine Hände!“?</p>
<p>Wir wissen keine alltägliche Anwendung für den Satz und kennen Sätze so bizarrer Art ausschließlich aus dem psychiatrischen Umfeld, wo wir in der Tat Patienten mit extrem gestörter Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers begegnen können.</p>
<p>Handschuhe gibt es eine Menge, es sind Gebrauchsgüter, die nach einem Fertigungsschema en masse hergestellt werden. An einem kalten Wintertag, an dem wir uns im Café getroffen haben, könntest du deine Handschuhe mit den meinen – wir tragen ja dieselbe Sorte mit derselben Farbe und Größe – vertauschen, und am Ende merktest du es nicht einmal. Warum klingt es so bizarr und scheint reiner Unsinn, anzunehmen, wir könnten Teile unserer Körper oder unsere Körper mit Stumpf und Stiel vertauschen?</p>
<p>Ich wäre verrückt, sagen zu wollen: „Ich treffe deinen Körper am gewohnten Ort zur gewohnten Zeit“, auch wenn es sinnvoll und gar nicht dumm wäre, wenn der Kommissar sagte: „Der schwere Körper des Opfers hätte niemals in den Kofferraum des Kleinwagens gepasst.“ Gewiss werde ich dich treffen, und da du eine ganz und gar verkörperte Person bist, werde ich dir in die Augen schauen, deine Hand drücken und mich wundern, welchen flotten Gang du draufhast. Im Gegensatz zur Massenware Handschuh, bei dem ein Muster oder Schema beliebig oft und in vielfältigen Variationen verkörpert wird, ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper singulär – soweit es dich betrifft, hat dein Körper weder Muster noch Schema, was immer Evolutionsbiologen und Mediziner sagen mögen.</p>
<p>Jene Handschuhe könnten auch meine Handschuhe sein, wenn sie nicht die deinen wären. Aber deine Hände? – Deine Handschuhe gehören nicht so unabtrennbar zu deiner Existenz wie deine Hände, auch wenn sie dir noch so fest angewachsen wären.</p>
<p>Wenn wir aber in der Lage sein werden, deinen Körper Maß für Maß bis ins biochemische, zelluläre und neuronale Detail künstlich zu erschaffen und diesem Homo novus Leben einzuhauchen – würdest du dir dann in die eigenen Augen schauen, wenn du in seine Augen schautest? – Nichts unterschiede diesen Fall von dem eineiiger Zwillinge, die sich jeder für sich des eigenen Seins und Körpers, nicht aber des Seins und Körpers ihres Zwillings bewusst sind.</p>
<p>Der Mechaniker hat bei einem schweren Unfall eine Hand verloren. Er trägt nun zwar eine Prothese, mit der er zur Not eine Türe oder Schublade öffnen oder sich an einem Griff festhalten kann. Er kann aber keine verwickelte Schlaufe am Schuh binden, den Druck deiner Hand kann er nicht als Liebkosung, neckisches Zwicken oder freches Zwacken deuten. Wir sagen korrekt: „Du fühltest die kühle Seide mit der Hand, mit deiner Hand vermochtest du blind die Kontur ihres Gesichts zu ertasten“ und nicht unkorrekt: „Deine Hand fühlte, deine Hand ertastete …“ – Ist die Hand etwa eine Art Werkzeug oder Instrument, mit dem du etwas fühlst oder ertastest? Der Arzt setzt ja zuweilen seine Hände in der Weise ein, dass er Organe des Patienten abtastet. Große Gelehrsamkeit hat das menschliche Handeln vom Werkzeugcharakter und der Organologie der Hand ableiten wollen.</p>
<p>Du siehst ja auch mit den Augen und mehr noch bist du, wie du siehst und dreinschaust, und du siehst und schaust drein, wie du bist und dich befindest. Wenn du starrst, bist du dumpf und starr, packt dich Neu- und Wissbegierde, schärfst du den Blick, überkommt dich das wohlige Gefühl universaler Wurstigkeit, lässt du die Augen schweifen und es gehen, wie es will. – Du kannst die Augen und die Hände wie Werkzeuge brauchen, und der Artist und der Schlangenmensch machen von ihrem ganzen Körper einen Werkzeuggebrauch. Aber abgeschminkt und ohne Schlangenhaut schlagen sie sich wie du und ich mit der flachen Hand vor die Stirn, wenn sie Mist gebaut haben.</p>
<p>Wie steht es aber um deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen? Könnten sie auch meine Gedanken, Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen sein und dies in demselben Sinn und demselben Maß an Erlebnisdichte und -intensität, wie sie die deinen sind?</p>
<p>Du hast deine Handschuhe bei mir liegen lassen, du hast sogar vergessen, dass du sie bei mir hast liegen lassen. Aber deine Hände – hätte es in irgendeinem Zusammenhang Sinn, etwa zu sagen, du hättest sie vergessen? – Freilich denken wir nicht an die Bewegungen unserer Beine, wenn wir eine gute Strecke gewandert oder mit dem Rad gefahren sind – anders, wenn wir stolpern oder uns eine Wespe sticht. Indes können die Bewegungen unserer Beine noch so sehr aus dem Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten sein, es käme uns merkwürdig vor oder jedenfalls ungern und ungerade über die Lippen, wenn wir sagten, wir hätten unsere Beine vergessen oder wir erinnerten uns nicht an unsere Beine. Wann sagst du denn, du habest kein Gefühl mehr für deine Beine? Wenn sie vor Blutleere wie abgestorben sind – aber dann fühlst du eben dies.</p>
<p>Sicher, du kannst mir deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen mitteilen, und ich verstehe deine Mitteilungen und teile deine Gedanken und Gefühle, erwecke in mir ganz ähnliche Empfindungen und versetze mich in deine Lage, an die du dich erinnert hast. Aber werden mittels der Mitteilung und sprachlichen Verlautbarung deine Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen die meinen? Der Gedanke, den du mir mitteilst, verwandelt sich prompt in meinen Gedanken, du berichtest mir von dem süßen Geschmack der Erdbeeren, und ich stehe nicht an, diese angenehme Empfindung nachzuvollziehen: mit meiner Empfindung oder meiner Erinnerung einer Empfindung.</p>
<p>Eine Erinnerung kann verblassen und dir ganz aus dem Gesichtskreis entschwinden: Du hast sie vergessen. Ist dies so wie mit den Handschuhen, die du bei mir liegen lassen hast? Wie machst du es denn, wenn du sie vermisst und nach ihnen suchst? Du rufst mich beispielsweise an und fragst mich, ob ich wohl deine Handschuhe gefunden habe. Wie machst du es mit der Erinnerung, wenn dir dämmert, dass da etwas war, dessen du eingedenk sein solltest? Hier gibt es keine Auskunftei und keinen Ort, von dem du vermutest, an ihm lohne sich die Suche. Vielmehr sinnst du nach, kommst vielleicht auf ein merkwürdiges Detail, und plötzlich taucht das Vergessene wieder auf, mit all seine Farben und Gesichtern – verlorene Gegenstände pflegen dies nicht zu tun.</p>
<p>Ist eine Welt vorstellbar, in der du und ich, in der wir uns einen Körper teilten? – Wäre dies der Fall, hätten du und ich beispielsweise zur selben Zeit am selben Ort in demselben Gesichtsfeld dieselbe Rotempfindung. Aber das hieße doch, dass du und ich ein und dieselbe Person wären. Also ist die Verschmelzung deiner Person mit deinem Körper und meiner Person mit meinem Körper jeweils singulär. Diese Singularität hat nicht den Wert und das Gewicht einer Tatsache, sondern einer begrifflichen Grenze: Wenn wir uns eine Sache vorstellen wollen, deren Negation nicht denkbar ist, wie dass dein Körper nicht mein Körper sein „kann“, wird nicht unser Vorstellungsvermögen überstrapaziert, sondern wir schlagen mit dem Kopf an die Wand, die das Denkbare vom Undenkbaren, das Sinnvolle vom Unsinnigen scheidet.</p>
<p>Wenn deine Handschuhe nicht auch meine Handschuhe sein könnten, wären sie dann im eigentlichen Sinne „deine Handschuhe“? – Deine Handschuhe wären in gewisser Weise so mit dir oder deinen Händen verwachsen, dass es nicht vorstellbar wäre, sie nicht an deinen, sondern an meinen Händen wahrnehmen zu können. Doch echte, nicht angewachsene, sondern ausziehbare Handschuhe kannst du verleihen, verlieren, verkaufen. Dann sind es deine Handschuhe oder waren deine Handschuhe. Mit deinen Händen kommen wir da in Teufels Küche und stolpern atemlos über die Grenze sinnvollen Denkens mit der fatalen Auskunft, dass deine Hände im eigentlichen Sinne deine Hände nicht sind.</p>
<p>Dein Nachbar hat es wahr gemacht und ist nach Australien ausgewandert. Er hat dir sein Haus übereignet und jetzt wohnst du dort. – Warum ist eine Welt nicht vorstellbar, in der du deinen Körper verlässt und einem anderen zur gefälligen Heimstatt übereignest, jemandem, der selbst von seiner armen Seele verlassen worden ist? Nicht aus Mangel an Vorstellungskraft, sondern weil die Bedeutung solch kernig-alltäglicher, gesund-gewöhnlicher Begriffe wie du und ich und dein und mein hier jedes Gewicht verlören und gleichsam zu Staub zerfielen.</p>
<p>Es ist also eigentlich Unsinn, von meinem Körper oder deinem Körper zu reden? – Ja, eigentlich ist es Unsinn!</p>
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		<title>Philosophieren XXXI</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxi/</link>
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		<pubDate>Sun, 18 Aug 2013 16:06:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Analogie]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Raum-Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Du glaubst, den Schlägersänger heute Mittag wiedererkannt zu haben, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow hast auftreten sehen. Du bist dir sicher, jener Typ, den du heute auf der Straße gesehen hast, muss derselbe sein, an den du dich gut erinnern kannst. Hast du etwa, um diese Behauptung aufstellen zu können, das aktuelle [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxi/">Philosophieren XXXI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du glaubst, den Schlägersänger heute Mittag wiedererkannt zu haben, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow hast auftreten sehen. Du bist dir sicher, jener Typ, den du heute auf der Straße gesehen hast, muss derselbe sein, an den du dich gut erinnern kannst. Hast du etwa, um diese Behauptung aufstellen zu können, das aktuelle Bild, das du auf der Straße von dem Mann aufgeschnappt hast, mit dem älteren Bild, das in deinem Gedächtnis gespeichert ist, verglichen und Punkt für Punkt abgeglichen oder wie eine Skizze auf Transparentpapier das aktuelle Bild über das bestehende Bild gelegt, um dich der Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung beider versichern zu können?</p>
<p>Du kannst den wiedergesehenen Schlagersänger im strengen Sinne nur dann als denselben wie den Mann auf deinem Erinnerungsbild ansprechen, wenn die Identität der beiden Bilder vollständig wäre und Detail mit Detail von der Anzahl und Lage der Kopfhaare bis zur Feinstruktur der Augenfältchen kongruierte. Du wirst demgemäß immer wieder ein Fehlersignal von deiner Gedächtnisfunktion erhalten, wenn du gleichgültig welches aktuelle Sehbild mit einem älteren im Gedächtnis abgespeicherten desselben Gegenstandes vergleichst, um die Identität der abgebildeten Bildinformationen zu ermitteln. Körperliche Entitäten bewegen sich durch die Raum-Zeit und sind vielen Faktoren der Beeinflussung und Veränderung interner Natur wie dem Altern oder Krankheitsprozessen und externer Natur wie den Folgen von Haarfärbeaktionen und anderen kosmetischen Eingriffen oder Unfällen ausgesetzt.</p>
<p>Wir müssen also bei der Anwendung des Adjektivs für die Identität auf einen Gegenstand der Raum-Zeit etwas anderes im Sinne haben als bei der Anwendung des Identitätsbegriffs auf abstrakte Entitäten wie Zahlen, Buchstaben oder artikulierte Sprachlaute. Egal welche Sauklaue dem geplagten Deutschlehrer bei der Lektüre der Hausaufgaben vor Augen flirrt, ihm wird auch bei schlechter Lesbarkeit der Unterschied der Buchstaben m und l nicht entgehen. Ebenso wenig, dass Schüler Klaus den Buchstaben g nur so hingeschmiert hat, während Schülerin Claudia denselben Buchstaben in Schönschrift hingemalt hat. Wir sagen, der Lehrer erkennt und identifiziert den Typus (Type) des Buchstabens g am Token seiner konkreten Realisierung.</p>
<p>Der Japaner gibt sich viel Mühe, seinen Vortrag über japanisches Recht auf Deutsch vom Blatt abzulesen. Auch wenn du dich zunächst daran gewöhnen musst, dass in seinem Artikulationsspektrum uns unentbehrlich dünkende Laute wie r nicht vorkommen, kannst du den Mangel bald kompensieren und dem Geäußerten einen gewissen Sinn abgewinnen. Dasselbe gilt im Falle des neuen Nachbarn, dem du nicht unhöflich kommen solltest, nur weil er erheblich nuschelt: Gib dir Mühe und du verstehst ihn. Auch in diesen Fällen bist du in der Lage, den gemeinten Lauttypus gleichsam hinter seiner aktuellen Realisierung durch den Sprecher, das heißt dem Token der aktuellen Lautbildung, einigermaßen zu identifizieren, obwohl diese ihn mit einer Menge Geräusch oder akustischer Fehlinformation verschmutzt.</p>
<p>Klein Hänschen krakelt sein 1 mal 1 mit Buntstift aufs Blatt, der Mathematikstudent bedient sich des neuesten digitalen Taschenrechners mit leichter Hand, während er gleichzeitig der Vorlesung lauscht. Trotz der ziemlich unterschiedlichen Form und Art der Realisierung, handelt es sich im Prinzip in beiden Fällen um das Vorkommen derselben natürlichen Zahlen: Einige Typen der natürlichen Zahlen werden hier so und dort anders realisiert. Heißt dass, die Zahlen an sich schauen als erdentrückte Wesen aus einem reinen Himmel geistiger Wesenheiten auf uns herab, während wir uns bemühen, ihrer abstrakten Natur durch immer präzisere Verfahren der Abbildung gerecht zu werden? Keineswegs. Denn es gibt kein abstraktes Wesen der Zahl, genauso wenig wie abstrakte oder ideale Sprachlaute, die zu realisieren wir als hehres Ideal eigentlich anstreben müssten, um uns endlich ohne sinnbedrohenden Geräuschanteil ausdrücken zu können. Versuche einmal, einen deutschen Satz mittels Verlautbarung reiner Lauttypen zu bilden! Da versagt dir die Stimme.</p>
<p>Es genügt für unseren Hausgebrauch anzunehmen, dass wir das abstrakte Wesen oder den Typus der Zahl auch mit mehr Bodenhaftung erreichen, wenn wir sagen: Wir nehmen immer wieder dieselben Verfahren des Zählens und Rechnens mit Entitäten vor, die wir Zahlen nennen. Dabei ist es gleichgültig, wie wir uns Zahlen vorstellen oder realisieren, ob mit römischen oder arabischen Ziffern, mit den digitalen Elementen 1 und 0 oder mit grafischen Formen wie einem Punkt und einer Klammer. Du sagst „1“ und meinst damit: „Ich habe jetzt 1 gezählt“ oder „Ich habe jetzt die Grundeinheit unseres Zählens und Rechnens einmal genannt, präsentiert, gezählt“. Wenn ich aufzähle „1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9“, könntest du sagen, ich habe die Reihe der natürlichen Zahlen in aufsteigender Größenordnung hergezählt, die ich durch folgendes Verfahren konstruiere: Ich nehme die Grundeinheit und füge ihr eine weitere Einheit hinzu, mit der so gebildeten Zahl 2 mache ich DASSELBE usw.</p>
<p>Was für Zahlen, Buchstaben und Sprachlaute gilt, dass wir ihren Typus jeweils mehr oder weniger gut mittels eines Token verwirklichen, gilt nicht bei den Gegenständen der Raum-Zeit oder den Körpern. Über dir schwebt kein Idealbild deiner Person in einem Himmel idealer Gegenstände wie Bäume, Enten oder Kaffeetassen, an denen wir die realen Gegenstände des Alltags in ihrem Sosein allererst bestimmen und identifizieren könnten. Wir sind uns neulich begegnet und du hast mich gleich wiedererkannt, obwohl doch einige Jahre seit unserem letzten Treffen vergangen sind. Du hast nicht etwa verdutzt dreingeschaut und zu dir gesagt: „Also mit diesen grauen Haaren und den Falten um die Augen entspricht er zwar nicht dem Idealbild, das ich von ihm hatte, als wir damals so lebhafte Diskussionen geführt hatten, und dennoch ist er derselbe Kerl.“ Das wäre seltsam und lächerlich!</p>
<p>Wir können die Identität von materiellen Körpern, die sich vom Zeitpunkt ihrer natürlichen Entstehung und ihrer Herstellung oder ihrer Erzeugung und Geburt bis zum Zeitpunkt ihrer Vernichtung, ihrer Zerstörung oder ihres Todes in der Raum-Zeit von A nach B fortbewegen, und damit die Semantik des Gebrauchs von „derselbe“ empirisch festlegen. Und weil alle Personen wie du und ich verkörpert sind, damit auch die Bedeutung des Ausdrucks festlegen „dieselbe Person hier und jetzt, die ich vor ein paar Wochen an jenem Ort gesehen habe“. Damit kommen wir Sinn und Zweck dessen auf die Spur, was wir tun, wenn wir das Adjektiv „derselbe“ auf diesen hier befindlichen augenblicklich wahrgenommenen Gegenstand anwenden, den wir dort zu jenem Zeitpunkt wahrgenommen hatten.</p>
<p>Um die Identitätsvoraussetzungen von Körpern und Personen bei ihrem Weg durch die Raum-Zeit zu klären und festzulegen, verwenden wir das kartesische Koordinatensystem mit den drei Raumachsen x, y, z und ergänzen es um die zusätzliche Dimension t, die wir mittels eines jeweiligen Vektors an dem Punkt darstellen, der unseren Gegenstand in der Raum-Zeit repräsentiert: Wir verfolgen so, wie der Gegenstand von den Koordinaten 2-4-4 zu den Koordinaten 4-8-8 seines neuen Standortes wechselt. Wir setzen dabei voraus, dass der Positionswechsel durch Anlegen des determinierenden Vektors zustande kam. Dabei sollte uns der Gegenstand nicht entwischen, auch wenn wir in diesem Falle mittels diskreter Einzelschritte und Schrittfolgen gleichsam kleine Zeitsprünge machen müssen. Mit der Anwendung von Integral- und Differentialfunktionen, die uns die kontinuierliche Abfolge in der Zeit darstellbar machen, können wir das Manko ausbügeln.</p>
<p>Eine technische Methode oder vielmehr ein technisches Modell, das uns die Möglichkeit der empirischen Festlegung der Bedeutung von „derselbe“ bei der Anwendung auf Körper und Personen vor Augen rückt, bestünde in ihrer jeweiligen Ausstattung mit einem kleinen Sender, der uns zu jedem Zeitpunkt und für jeden Aufenthaltsort die GPS-Daten und damit das vollständige Kontinuum seiner Bewegungen von seinem ersten erfreulichen Weltauftritt bis zu seiner mehr oder weniger starren Endstation beziehungsweise seinem letzten Seufzer und seiner eher unerfreulichen Endstation übermittelt.</p>
<p>Unsere Überlegungen kommen zu dem Ergebnis, dass und weshalb die Veränderungen der materiellen Beschaffenheit des Körpers und der Person aufgrund interner oder externer Einflüsse und Ursachen wie Altern und Krankheitsprozessen oder kosmetischer Eingriffe und Unfällen für die korrekte Anwendung des Begriffs „derselbe“ keinerlei Relevanz haben: Auch der zerbrochene Teller ist derselbe wie der gerade noch ganze Teller und der tote Hund ist derselbe, der dich vielleicht eben noch umschwänzelt hat.</p>
<p>Du kannst dir also auf der Grundlage alltags- und tagestauglicher Methoden niemals vollständig sicher sein, dass jener Typ, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow als Schlagersänger hast auftreten sehen, derselbe ist wie der, den du heute Mittag auf der Straße gesehen zu haben glaubst. Sicherheit und Gewissheit erlangtest du nur, wenn du die eben besprochenen Bedingungen zur empirischen Festlegung und Bestimmung der Identität von Körpern und Personen auf diesen Fall hättest anwenden und auf diese Weise das Kontinuum der Bewegungen des Schlagersängers durch Raum und Zeit hättest abbilden können, angefangen von seinem Verlassen der Bühne des Fernsehsenders vor drei Wochen bis zum Augenblick heute Mittag, als du ihn wiederzuerkennen glaubtest. Aber das ist im normalen Falle nicht möglich! So sind wir also darauf abgestellt und darauf verwiesen, unserem anfälligen Gedächtnis, unseren verwackelten Wahrnehmungen und schlichten Intuitionen zu vertrauen – und meisten ist es ja noch mal gut gegangen!</p>
<p>Den strengen und harten Sinn von Identität in den weichen Übergängen unseres alltäglichen Sehens und Handelns zu befolgen, übersteigt unsere normalsterblichen Fähigkeiten. Begnügen wir uns mit dem unsicheren Begriff der Analogie und lassen wir uns durch die Tatsache nicht ins Bockshorn jagen und beunruhigen, dass wir immer wieder liebend gerne ähnliche Körper und Personen sehen und vergleichen, ja so verflixt ähnliche, dass wir sie gerne als dieselben behandeln und begrüßen.</p>
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