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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Vernunft</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft XI</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Aug 2014 14:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Implikaturen]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Grice]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wer etwas oder sich selbst einem anderen anvertraut, muss damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Ungewissheit und das Risiko, dass der eingesetzte Vertrauensvorschuss nicht entgolten wird, gehört zum Begriff des Vertrauens. Mittels eingeforderter und eingebrachter Vertrauensbeweise suchen wir das Risiko, enttäuscht zu werden, zu minimieren; freilich wissen wir nicht, in welcher Haltung und welchem Maße [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-xi/">Auf den Spuren der Vernunft XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer etwas oder sich selbst einem anderen anvertraut, muss damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Ungewissheit und das Risiko, dass der eingesetzte Vertrauensvorschuss nicht entgolten wird, gehört zum Begriff des Vertrauens. Mittels eingeforderter und eingebrachter Vertrauensbeweise suchen wir das Risiko, enttäuscht zu werden, zu minimieren; freilich wissen wir nicht, in welcher Haltung und welchem Maße an Redlichkeit und Aufrichtigkeit solche Beweise erbracht werden. Sind sie am Ende vorgetäuscht, erheuchelt, fingiert, um uns in die Irre zu führen und ins Bockshorn zu jagen? Es scheint nicht unvernünftig, Vertrauensvorschüsse vorsichtig, zögerlich oder sparsam zu vergeben und ganz vorzuenthalten, wenn sich der Kandidat in der zurückliegenden Zeit mehrmals schon als unsicherer Kandidat erwiesen hat.</p>
<p>Es ist indes gewiss vernünftig, solch einem Menschen zu vertrauen und etwas oder sich selbst anzuvertrauen, der seine Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit dadurch schon öfters unter Beweis gestellt hat, dass er ein uns gegebenes Versprechen eingehalten und erfüllt hat. Vertrauenswürdigkeit lässt sich am Einhalten von Versprechen bemessen.</p>
<p>Radikales Misstrauen, das sich auch gegen bewährte Erfahrungsquellen wie die eigenen Sinne oder die Auskunft von vertrauten Freunden sperrt, scheint uns ebenso unvernünftig zu sein wie blindes Vertrauen, das sich einer auserwählten oder charismatisch aufgehöhten Stellung eines Menschen unterwirft, ohne die Gebrechlichkeit und Irrtumsanfälligkeit alles Menschliches zu bedenken.</p>
<p>Manches von dem, was wir wissen, haben wir dem unmittelbaren und direkten Zeugnis unserer Sinne zu verdanken. Den Augen vertrauen wir als unter normalen Bedingungen ziemlich sicherer Informationsquelle und messen Aussagen vor Gericht den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit bei, wenn sie von Augenzeugen vorgenommen wurden, deren Vertrauenswürdigkeit aufgrund ihres korrekten Lebenswandels einigermaßen gesichert scheint.</p>
<p>Aber dass der Mond sich in einem Abstand von 384.400 km in einer elliptischen Bahn um die Erde dreht, während diese sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in 365 Tagen ebenfalls in einer elliptischen Umlaufbahn um das Zentralgestirn dreht, hast du dir nicht aus den Fingern gesogen, sondern lernwillig in der Schule von deinem geschätzten Lehrer in Physik erfahren. Den Darlegungen dieses Lehrers warst du ein vertrauensseliger Ohrenzeuge, denn kraft seiner Amtes und dank seiner persönlichen Integrität erschien er dir und deinen Mitschülern eine vertrauenswürdige Quelle interessanter und erstaunlicher Informationen zu sein.</p>
<p>Und so geht es dir mit den meisten Dingen: Dein Wissen um ihre Existenz und ihre Eigenschaften ist ein geliehenes, geborgtes, bezeugtes, aber kein unmittelbares und sinnfälliges. Du wirst im Laufe deines Lebens gelernt haben, den Bestand deines Wissens gemäß der Wertschätzung und Vertrauenswürdigkeit derer, die es dir zugänglich gemacht oder bezeugt haben, hierarchisch nach Stufen oder Reihen zu ordnen: vorne das von den besten und bewährtesten Zeugen wie deinen Eltern, Freunden und Lehrern und den für ihre Seriosität bekannten Autoren überlieferte Wissen, dahinter all das, was man so in den Zeitungen, im Fernsehen und Internet aufschnappt, ohne die Echtheit und Integrität der Quelle nachprüfen zu können, und ganz hinten das Gerümpel all der Dinge, deren Authentizität aufgrund von Voreingenommenheit, Bestechlichkeit oder böswilliger Absicht ihrer Zeugnisgeber mehr als fragwürdig ist.</p>
<p>Hast du deine Bestände sorgfältig geprüft, wirst du vielleicht der Seltsamkeit und Extravaganz unserer Lage inne: Wir können nicht sprechen, ohne schon vorab den anderen in unser Vertrauen gezogen zu haben. Denn wenn wir reden, tun wir dies in der Einstellung, der Hörer möge darauf vertrauen, dass unsere Sprecherabsicht redlich, wahrhaftig und glaubwürdig ist.</p>
<p>Aus nichts wird nichts, wie aus Nacht nicht notwendig das Licht des Lebens und der Wahrheit steigt (das scheint einem höheren Willen anheimgestellt). Die reine Nacht des Misstrauens und Argwohns lähmt die Zunge und kann die Schwelle zur Sprache und Mitteilung des Wahren nicht übersteigen. Sagen wir es so schlicht wie angemessen: Vertrauen ist das normative Apriori sprachlicher Mitteilung und vernünftiger Verständigung.</p>
<p>Die normative Kraft der Vernunft zeigt sich darin, dass sie uns verpflichtet, mit immer wieder frischem Mut und Zutrauen in neue Kommunikationssituationen einzutreten und dem Sprecher, der sich in einer symmetrisch Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Klarheit uns gegenüber befindet, mittels eines Vertrauensvorschusses unsere Dialogbereitschaft zu bezeigen. Freilich sind wir auch zu dem moralischen Rigorosum verpflichtet, dem notorischen Lügner und treulosen Brecher von Abmachungen, Versprechen und Verträgen vorläufig oder bei krimineller Widerspenstigkeit ein für allemal aus unserer Dialoggemeinschaft zu verbannen beziehungsweise unsere Mitmenschen vor ihm zu warnen beziehungsweise sie aufzufordern, mit dem unverbesserlichen Tunichtgut dasselbe zu tun.</p>
<p>Natürliche Phänomene lügen nicht, sie hegen überhaupt keine Absichten mit uns – sie sind, was sie sind. Offenbart der Rauch die Wahrheit über die Tatsache, dass es dort drüben brennt?</p>
<p>Deine Tränen gelten mir als Zeichen deiner inneren Erschütterung und sie sind mir umso kostbarer, je weniger du mit ihnen eine Absicht verbunden hast. In dem Maße, in dem du mit deinen Tränen die Absicht verbindest, mich von der Tiefe deines Gefühls zu beeindrucken oder mich zur Anteilnahme zu bewegen, in dem Maße wird mein Eindruck schwächer und kühlt meine Anteilnahme ab.</p>
<p>Wenn wir im Konzertsaal sitzen und du sagst „Mir geht es nicht so gut“ oder „Ich fühle mich schlecht“ und wir vertraulich miteinander umgehen, verstehe ich deine Äußerung, wenn ich deine Absicht verstehe, mich über dein ungutes Befinden in Kenntnis zu setzen. Ich verstehe, was du mit der Äußerung sagen möchtest, nämlich mir den Wunsch oder die Aufforderung mitteilen, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen und nach Hause zu eilen.</p>
<p>Stünden wir auf weniger vertraulichem Fuße und hätte ich dich in das Konzert eingeladen, verstünde ich deine Äußerung, du fühlest dich schlecht, wenn ich deine Absicht verstünde, mir mitzuteilen, dass du dich nicht wirklich krank fühlst, sondern dass dir die Musik oder die Interpretation furchtbar auf die Nerven geht, du diese unschöne Wahrheit, höflich wie du bist, mir aber nicht unter die Nase reiben möchtest und mir deshalb mit jener unwahren Äußerung den Wunsch oder die Aufforderung mitteilst, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen.</p>
<p>Die Vernunft der guten Verständigung ist, wie das Beispiel zeigt, nicht auf die unbedingte Beanspruchung und Geltendmachung der Wahrheit verpflichtet; sie lässt es dem höflichen Menschen gern durchgehen, wenn er aus Höflichkeit oder Zartsinn oder einem anderen Respekt das eigentlich Gemeinte hinter dem uneigentlich Gesagten verbirgt – und eben damit zugleich enthüllt.</p>
<p>Wüsste ich in keinem Falle die Absicht deiner Äußerung zu identifizieren und verpasste im schlimmsten Fall deine erstrangige Absicht der wörtlichen Mitteilung, nämlich mir mit dem Satz „Ich fühle mich nicht gut“ mitteilen zu wollen, dass du dich schlecht fühlst, geschweige denn dass mir die genannten zweitrangigen Griceschen Implikaturen aufgingen, nämlich dass du mit dem Gesagten den Wunsch oder die Aufforderung meinst, das Konzert zu verlassen, könnte man von mir annehmen, aus der Dimension vernünftiger Kommunikation herausgefallen zu sein.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft X</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Aug 2014 15:15:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-x/">Auf den Spuren der Vernunft X</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung angesichts der Ansprüche des Hörers dazu, das zu sagen, was du für wahr hältst, und es so zu sagen, dass er es gut versteht oder zumindest nicht missversteht, das heißt, ohne ihn mit mehrdeutigen, selbstverliebt-enigmatischen und weitschweifigen oder kurzatmigen Ausführungen zu irritieren, zu behelligen und zu langweilen.</p>
<p>Warum sollte denn dein Gegenüber davon ausgehen, dass du im Regelfall ihn mit deinen Reden nicht hinters Licht führst, sondern ihm klipp und klar, ohne Umstände reinen Wein einschenkst und als wahr behauptest, was du für wahr erachtest? Hier berühren wir den Grund unserer Lebensweise und können nur sagen: So machen es du und ich im Regelfalle, weil wir menschliche Wesen sind und unter Menschen Vertrauen das höchste Gut darstellt, falls man ein gedeihliches und verträgliches Zusammenleben einem Leben unter Argwohn und Zwist vorzieht. Und hier hat die Natur unserer menschlichen Lebensform vorgesorgt und auf die Sprünge geholfen: Neigt sich doch das Kind mit unbedingtem Zutrauen und Vertrauen seinen natürlichen Lehrern und ersten Für- und Vorsprechern, den Eltern, entgegen.</p>
<p>Würden wir uns immerzu verbal foppen und an der Nase herumführen oder würden wir unser Reden immerzu für unverbindliche Verlautbarungen eigenbezüglicher Ideen, wilder Assoziationen und Traumgedanken brauchen, wären weder Haus noch Tempel gebaut, kein Acker bestellt und kein Orchester gegründet, von computergesteuerten Kommunikationssystemen, Raumfahrtprogrammen oder Großkliniken und tausend anderen Technologien und Errungenschaften, die der Kooperation der sich mit- und untereinander oft schwer tuenden Menschen erwuchsen, zu schweigen.</p>
<p>Alle Kooperation beruht auf dem Urfaktum, dass ich verstehe, was du mit deiner verbalen oder schriftlichen Mitteilung mir zu verstehen gibst. Oder vorsichtiger formuliert: dass ich mich zu verstehen bemühe, was du mir sagen willst. Dabei vertraue ich darauf, dass du mich nicht systematisch irreleitest, sondern mich im Normalfall nach deinen Möglichkeiten und im Lichte deiner Einsichten in die Lage mit den gewünschten Informationen ausstattest.</p>
<p>Wer ständig und ohne Not das Vertrauen, die Gutwilligkeit und Kooperationsbereitschaft der Mitmenschen missbraucht, verschwendet sinnlos und unvernünftigerweise das ihm gleichsam seit und mit Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft mitgegebene symbolische Kapital an Vertrauen, den Vertrauensvorschuss, mit dem jedermann mittels gemeinschaftsförderlichen Engagements – und das heißt im Normal- und Durchschnittsfall durch Arbeiten und Dienste aller Art – zu wuchern aufgefordert ist.</p>
<p>Sprechen impliziert demnach, sich ursprünglich zu verpflichten und den sprachlichen und sprachgemeinschaftlichen Normen der Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Bedeutsamkeit und Klarheit zu huldigen. Aufgrund der menschheitsbegründenden Tatsache, dass wir sprechen, sind wir in das normative Abenteuer der Vernunft verstrickt und können uns nicht als faule Beobachter und vornehme Ästheten an den Rand des Spielfelds stellen.</p>
<p>Wir können uns des normativen Drucks der Sprache der Vernunft und der Vernunft der Sprache nicht dadurch entledigen, dass wir uns als Puppen eines mirakulösen Spiels in der Hand launischer Götter oder als Projektionen neurochemischer Prozesse unseres Gehirns und unseres Organismus ansehen und definieren und solcherart alles Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft mit einem Schlag uns vom Halse zu schaffen und als bloßes Gerede abzutun wähnen. Müssten wir dieses Falls unser Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft aber nicht auf verbindliche Weise mittels des verantwortungsvollen Gebrauchs unserer Vernunft eben als unverbindliches, unverantwortliches und unvernünftiges Gerede erweisen? Sehen wir nicht in diesem Nebel die dicken Schwaden, die aus des Teufels Küche dringen?</p>
<p>Wir sahen, wie die Psychose die normative Kraft der Sprache schwächt und in vielen Episoden der Krankheit aufhebt: Der Kranke erkennt die Absicht des Sprechers nicht oder verkennt und missdeutet sie in einem Grade, der die Kommunikation unterhöhlt, wenn er die Absichten ihm gewogener Sprecher paranoide verbiegt; der Kranke irrt in der Unterscheidung von intentionalen und kausalen Quellen der Kundgabe und Information, wenn er das Hundegebell als Warnung versteht und das geistesabwesende Lächeln des Kollegen als Ankündigung des nahen Todes; der Kranke verheddert sich in semantische und pragmatische Inkonsistenzen, wenn er etwas akzeptiert oder behauptet, von dessen Nichtexistenz oder Falschheit er eigentlich oder eben noch überzeugt war, oder etwas leugnet, das ihm offenkundig vor Augen schwebt.</p>
<p>Wir können in Anlehnung an das Gesagte annehmen, der Kranke habe das symbolische Kapital des Vertrauens vor der Zeit verbraucht, oder wir müssen angesichts der erblichen Disposition zur Krankheit konzedieren, es sei ihm zu spärlich davon mitgegeben worden. Jedenfalls scheint die Psychose viele Kranke mit Misstrauen, Angst und Argwohn zu vergiften und die Quellen guten Mutes, die unser Gemeinschaftsgefühl stärken und unsere Dialogfähigkeit auffrischen, in einem Maße zu vergiften, dass Verstummen, Erstarren, Teilnahmslosigkeit und Apathie um sich greifen.</p>
<p>Sicher wäre die Liebe die große Macht, das zerrissene Band des Vertrauens wieder anzuknüpfen und die vor Schrecken oder Verzweiflung erstarrte Zunge zu lösen; indes ist diese Macht nicht umsonst die himmlische genannt, lässt sie sich doch wie alles, was von oben kommt, nicht verordnen und häppchen- oder löffelweise verabreichen. Der Arzt ist gehalten, nüchtern seine Pflicht zu tun, er kann sein Erbarmen selten einmal mit in Schwingung bringen. Woher denn Liebe, wenn der Flügel des Engels nicht streift?</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft IX</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Aug 2014 16:41:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[kontextuelle Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-ix/">Auf den Spuren der Vernunft IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft folgenden Handlungsvollzüge verstehen. Wir können dies aber nur unter der Bedingung, dass wir solche Patienten und Wahnkranke als vernunftbegabte Personen ansehen: Sie mögen unvernünftig handeln und uns unvernünftig erscheinen, doch sind sie nicht vernunftlos.</p>
<p>Wenn jemand Nachstellungen befürchtet und sich von Feinden verfolgt weiß, denen er sich unterlegen fühlt, und aus diesem Grund Vorkehrungen trifft, die Nachstellungen zu umgehen und den Verfolgern zu entrinnen, handelt er nach einem allgemeinen Schema der praktischen Vernunft, das besagt: Wenn du von übermächtigen Feinden verfolgt wirst, suche ein sicheres Versteck auf. Der springende Punkt ist natürlich, dass der Betroffene diese allgemeine Regel ohne Hinzunahme einer weiteren speziellen Regel im gegebenen Fall anzuwenden weiß.</p>
<p>Wir unterstellen unseren Mitmenschen, auch Wahnkranken und Psychotikern, Personen wie wir selbst zu sein und so zu denken, zu fühlen und zu handeln wie wir selbst. Dazu gehört auch die Unterstellung, normalerweise und durchschnittlich vernünftig denken und handeln zu können, das heißt, über die Fähigkeit und Disposition zu verfügen, Gedanken aus wohlbestimmten Gründen als wahr anzunehmen und Handlungen aus rationalen Motiven zu vollbringen, um damit lebensdienliche Zwecke und Ziele mit geeigneten Mitteln herbeizuführen.</p>
<p>Um nonverbale oder sprachliche Mitteilungen von Personen verstehen zu können, müssen wir ihnen unterstellen, uns etwas mittteilen zu wollen. Denn stünde ihnen nicht frei uns zu sagen, was immer sie uns sagen wollen, sondern wäre ihre Mitteilung eine unmotivierte und unabsichtliche Kundgebung wie das Plätschern von Wasser, würden wir das Gehörte nicht als informationshaltige Äußerung akzeptieren.</p>
<p>Mit der Äußerung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ willst du mich auf das Herannahen deiner Anverwandten aufmerksam machen. Ich gehe davon aus, dass du glaubst, was du sagst, und also dass es sich wirklich um deine Tante handelt, anders würdest du mich – aus welchen Gründen auch immer und solche Gründe könnte es ja geben – anlügen wollen. Aber auch wenn du glaubst, was du sagst, kann der Satz „Da kommt meine Tante Grete“ falsch sein, denn du könntest dich irren, weil du deine Tante über Jahre nicht gesehen hast und die andere Frau deiner Tante verblüffend ähnlich sieht.</p>
<p>Wenn uns beiden aber die Tatsache bekannt ist, das deine Tante schon vor Jahren verstorben ist, könnte ich dir nicht unterstellen, mich belügen noch die Unwahrheit sagen zu wollen. In diesem Falle sprechen wir von einer wahnhaften oder psychotischen Personenverkennung. Das Charakteristische der wahnhaften Mitteilung besteht darin, dass die vernünftige Basis symmetrischer Zuschreibungen von Intentionen zusammengebrochen ist. Daher der für die Krankheitssymptome typische Eindruck des Unverständlichen und Unbezüglichen. In normalen Fällen berücksichtigen wir manchmal Ausnahmefälle hoher Unwahrscheinlichkeit und gravierender Täuschungen und Irrtümer. Im Krankheitsfalle ist uns meist ohne Weiteres merklich, dass die Grenze des gerade noch Wahrscheinlichen überschritten ist.</p>
<p>Eine spezifische Fehldeutung von Intentionen nonverbaler und verbaler Art finden wir bei allen wahnkranken Patienten, nämlich die Ersetzung des eigentlich gemeinten Bezugsobjekts oder Referenten durch die eigene Person (Eigenbezüglichkeit): Was in der Zeitung über wen auch immer steht, was im Radio oder Fernsehen von wem auch immer gezeigt oder über wen auch immer geschrieben oder gesagt wird, all das meint je die eigene Person, und dies meist geprägt von einer feindseligen und paranoiden Wahnstimmung.</p>
<p>Oft bezieht sich die fehlgedeutete Äußerung auf den thematischen Hintergrund der Erkrankung: Wer sich wegen vorgeblicher oder tatsächlicher sexueller Fehltritte in der Vergangenheit heute beobachtet oder verfolgt wähnt, bezieht den Zeitungsbericht über die außerehelichen Affären des Schauspielers oder den TV-Report über die pädophilen Übergriffe des Lehrers auf sich selbst und geht felsenfest davon aus, dass nunmehr alle Welt über sein schmutziges Leben im Bilde ist.</p>
<p>Eine andere spezifische Fehldeutung bezieht sich auf das Vorkommen nichtintentionaler Phänomene, die konsequent und willkürlich als intentionale Äußerungen und Kundgaben gedeutet werden: Risse in der Mauer, ein blinkendes Licht in der Ferne, das Hupen von Autos, Hundegebell, der Klang von Glocken, das Schreien eines Kinds, jemand tritt dem Patienten versehentlich auf den Fuß, schnäuzt sich oder kratzt sich in seiner Gegenwart, stößt ihn an, blickt unter sich, seufzt oder zuckt mit dem Augenlid – all dies und manches andere wird intentional-eigenbezüglich als intentionale Mitteilung an die eigene Person gedeutet.</p>
<p>Die Krankheit zeigt demnach nicht die teilweise oder vollständige Einbuße der Fähigkeit, nonverbale und verbale Kundgaben auf ihren intentionalen Gehalt hin zu befragen und deutend aufzuschließen. Vielmehr ist der Psychotiker im akuten Prozess der Fähigkeit beraubt, das pragmatische Feld zu identifizieren, in dem die Kundgaben ihre kontextuell individuierte Bedeutung aufbauen: Öffentliche Medien sind nur in seltenen Fällen das pragmatische Feld, in dem die Mitteilungen nach der Devise „tua res agitur“ ihre Bedeutungen erhalten.</p>
<p>Interessant ist die Neigung von Patienten, nichtintentionale Phänomene mit symbolischem Gehalt aufzuladen – eine Neigung, die uns in der Dichtung bis zu Goethe und Baudelaire begegnet, aber auch in den kultischen Handlungen und künstlerischen Hervorbringungen der frühen Völker. Aber noch in den klassischen Zeitaltern deuteten die Priester der Griechen aus dem Rauschen der Eiche von Dodona und die der Römer aus dem Vogelflug. Tatsachen dieser Art sollten unser pragmatisch-skeptisches Misstrauen gegenüber Theorien beflügeln, die von einer fugenlos-dichten Grenze zwischen intentionalen Kundgaben und kausalen Phänomenen ausgehen.</p>
<p>Wir konstatieren zwei wesentliche Merkmale der Begriffe „Vernunft“, „vernünftig“ und „rational“: Sie sind nicht deskriptiv, sondern dispositionell und präskriptiv: Sie beschreiben keine kontinuierlich-stabilen Eigenschaften von Personen, wie die Eigenschaft blond zu sein oder 1,68 m groß, sondern Fähigkeiten, wie die Fähigkeit, Fahrrad oder Auto fahren oder lesen zu können; und sie beschreiben keine Fakten, wie das Faktum, einen bestimmten IQ zu haben, sondern Normen oder Vorschriften, wie die Norm, nicht nur intelligent zu handeln, sondern seine Intelligenz möglichst produktiv und relevant einzusetzen – und nicht ausschließlich darauf zu verwenden, Kreuzworträtsel zu lösen.</p>
<p>Aufzuspüren und zu analysieren, mit welchen Methoden und raffinierten Techniken einen Verfolger überwachen und kontrollieren, mag des Einsatzes eines nicht geringen Maßes von Intelligenz bedürfen, vernünftig ist es nicht, wenn die Feinde imaginär oder die vermeintlichen Verfolger harmlos sind.</p>
<p>Lebloses für lebend zu halten und Verstorbene am Wegrand zu begrüßen, widerspricht den begrifflichen und kognitiven Bedingungen dafür, dass wir Begriffe von Dingen und Personen sinnvoll und bedeutungsvoll verwenden. Die Enthüllung der Absurdität der erwähnten Aufforderung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ legt eben diese basalen Bedingungen unserer Art, vernünftig zu reden und zu handeln, offen.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VIII</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Jul 2014 17:24:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Handlungsrationalität]]></category>
		<category><![CDATA[Paranoia]]></category>
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		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-viii/">Auf den Spuren der Vernunft VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis erlaubt, steht seinem Urteilsvermögen nicht zur Verfügung. Diese Differenz mittels empirischer Nachprüfung und nüchterner Abwägung im Falle der kritischen Realitätsprüfung zu öffnen oder im Falle der positiven Bestätigung – wenn auch nur vorläufig – zu schließen, gilt uns als wesentliches Kennzeichen des gesunden Menschenverstandes und der Vernunft.</p>
<p>Ein Patient, der unter einer Psychose mit paranoidem Leitwahn leidet, erblickt in der Putzfrau in seinem Büro eine „falsche Figur“ (Personenverkennung), die zwar so aussieht wie die echte Putzfrau, in Wahrheit aber eine von seiner Ehefrau beauftragte oder gesteuerte Person ist, die den geheimen Auftrag hat, ihn in seinem beruflichen Umfeld zu überwachen und seine Gedanken zu lesen, um ihrer Auftraggeberin von der Schwere seiner geistigen Erkrankung Bericht zu geben. Nach Abklingen der Episode und Bearbeitung des Erlebten in einer psychotherapeutischen Sitzung beginnt der Patient, von der Personenverkennung abzulassen, und kommt zur Realitätseinsicht, was ihre Identität angeht. Das bedeutet freilich nicht, dass er in toto von dem paranoiden Leit- oder Grundwahn, von Personen seines engeren Umfelds, insbesondere seiner Ehefrau, verfolgt und überwacht zu werden, abließe.</p>
<p>Wir sahen, dass die für psychotische Wahnerkrankungen typischen Gefühlsregungen und emotionalen Muster keineswegs pathologisch oder abnorm sind, sondern tief in den Strukturen unserer Lebensform wurzeln: Wir tun gut daran, in fremder Umgebung Vorsicht walten zu lassen, Unbekannten nicht blindlings zu vertrauen und auf abschüssigen Pfaden bei hereinbrechender Dämmerung furchtsam uns voranzutasten. Und bei einem sportlichen oder geistigen Überstieg über unsere Grenzen oder beim Glück zärtlich zugeneigter Liebe zu frohlocken oder die Füße tänzerisch zu heben, steht uns sehr wohl an.</p>
<p>Indes den ungebetenen Gast, den dunklen Schleicher oder den zudringlichen Schmarotzer rührselig zu bewillkommnen oder die Zuneigung echter Liebe durch frostiges Misstrauen und obsessiven Argwohn zu verbittern, heißt das Maß der Vernunft, an dem wir die Zuträglichkeit und Angemessenheit unseres emotionalen Engagements hinsichtlich seiner Objekte bemessen, willkürlich zerreißen.</p>
<p>Wenn Grenzen der Haut – auch die unserer Gefühle und Gedanken –, in denen wir uns oft vor den anderen verborgen wähnen, ebenso die Schwelle von Wohnung und Haus, Garten und Feld, Fluss und Pass, an denen wir als Einzelne oder als Gruppenwesen unsere Identität hängen, verletzt oder überschritten werden, wühlt dies urtümliche Ängste aus dem Innersten und Untersten unserer Natur auf und lässt uns oft rechtens die Hand erheben oder die Waffe zücken.</p>
<p>Patienten, deren akute Wahninhalte limitierende, das Leben einschränkende, beeinträchtigende oder schädigende Faktoren betreffen, verdächtigen Passanten, verleumderisch über sie zu reden, und Fahrgäste im Bus, ihre Gedanken zu lesen und über sie zu lachen; sie fliehen vor vermeintlichen Verfolgern in geschützte Umgebungen und Räume oder in die Arme von Angehörigen; sie bezichtigen Arbeitskollegen, sie ermorden zu wollen; sie ziehen von einer Wohnung in die andere, zunächst in ihrem Viertel, dann in der ganzen Stadt, dann fliehen sie gar vor all den Intrigen, Nachstellungen und Machenschaften in ein anderes Land; sie verdächtigen Arzt und Schwestern, ihnen vergiftete Medikamente und Speisen vorzusetzen; sie zerstören das Telefon oder den Fernseher im Glauben, ihre Verfolger würden sie damit ausspionieren; sie verbarrikadieren sich in der Wohnung und gehen nicht mehr auf die Straße; sie springen aus dem Fenster, weil sie die Zudringlichkeiten und Anschläge ihrer Feinde nicht mehr ertragen können.</p>
<p>Wir bemerken zunächst, dass all diese wahngetriebenen Reaktions- und Verhaltensweisen dem allgemeinen Schema von Handlungen gehorchen, die von der praktischen Urteilskraft und Vernunft geleitet werden: Handle so, dass du deinen Handlungszweck im Rahmen deiner aktuellen Überzeugungen über die Welt mit Mitteln und Methoden erreichst, die dem Zweck möglichst angemessen und förderlich sind.</p>
<p>Wir können das praktische Schema bekanntermaßen auch in ein Schema zur Erklärung von Handlungen umformen: Wer Z erreichen will und glaubt, dass p, wird M als Mittel wählen, um Z zu erreichen.</p>
<p>Wer sich von bösen, feindseligen Menschen beobachtet und verfolgt weiß, handelt nach diesem Schema gewiss nicht unvernünftig, wenn er den finsteren Gestalten, die nun einmal gemäß seinen aktuellen Überzeugungen über die Welt hinter der Wand lauern, aus dem Wege geht, ihre Intrigen aufdeckt und ihre Machenschaften durch Flucht oder Selbstwehr hintertreibt.</p>
<p>Fluchtreaktionen und Maßnahmen zur Selbstwehr dienen dem Schutz und der Sicherung von Leib und Leben, sowohl der eigenen Person als auch von Angehörigen und Freunden beim offenkundigen Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren. Die Maßnahmen können auch eigenes und fremdes Gut mit einschließen. Reaktionen und Handlungen auf der Basis begründeter Überzeugungen vom Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren wie Flucht oder Selbstwehr leiten wir aus der Struktur der menschlichen Lebensform ab: Sie sind insofern vernünftig zu nennen. Auch der bewaffnete Angriff zur Selbsterhaltung und Selbstwehr bis hin zur eventuellen Tötung des Aggressors ist im Sinne der individuellen und kriegerisch-kollektiven präventiven Feindabwehr lebensdienlich und sollte die Missachtung der Vernunft nicht fürchten.</p>
<p>Vernunft oder Unvernunft bemessen wir am Inhalt von Glaubensüberzeugungen und sagen: Es ist unvernünftig für eine Person anzunehmen, dass sie von ihren Nachbarn, ihrem Arbeitgeber, ihren Kollegen, dem Arzt oder den Schwestern verfolgt, ausspioniert oder feindlich behandelt wird, wenn wir Gründe haben anzunehmen, dass die Nachbarn, der Arbeitgeber, die Kollegen, der Arzt und die Schwestern dem Betroffenen wohlwollend und freundlich oder zumindest nicht feindlich beziehungsweise gefühlsmäßig indifferent gegenüber eingestellt sind.</p>
<p>Der Inhalt der Überzeugung, verfolgt, ausspioniert und bedroht zu werden, ist nicht prinzipiell unvernünftig, denn es gab und gibt und wird immer wieder Situationen geben, in denen diese Beschreibung zutrifft. Und auch die praktische Folgerung aus dieser Überzeugung, möglichst wirksame Anstalten zu treffen, den vermeintlichen Verfolgern zu entkommen und ihr Intrigenspiel aufzudecken und zu hintertreiben, ist nicht unvernünftig, sondern entspricht wie gezeigt dem bekannten Schema der Handlungsrationalität.</p>
<p>Wir nennen die paranoide Überzeugung und die daraus folgenden Reaktionen und Verhaltensweisen deshalb wahnhaft, pathologisch oder abnorm, nicht weil sie an und für sich unvernünftig wären, sondern weil sie in diesem speziellen Fall und unter diesen aktuellen Umständen nicht zutreffen beziehungsweise nicht angemessen sind.</p>
<p>Wir nennen die Handlungen der Patienten in akuten psychotischen Schüben unvernünftig, weil ihnen die Einsichten in die Gründe ihres Handelns und damit auch die eventuelle Berücksichtigung von Handlungsalternativen verschlossen sind. Gründe für das eigene Handeln in vernünftiger Rede oder vernunftgeleitetem Dialog anzugeben, impliziert, alternative Handlungsgründe in Betracht ziehen und gegebenenfalls die Entscheidung für die aktuelle Handlung revidieren zu können.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiv/</link>
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		<pubDate>Sun, 25 Aug 2013 15:10:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksal]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Betrachten wir staunend die einzigartige Tatsache deiner Existenz. Diese einzigartige Tatsache wird weder mit einem Gattungsbegriff wie „Lebewesen“ noch einem Artbegriff wie „Homo sapiens“ erfasst: Auch wenn du ein eineiiges Zwillingsgeschwister hättest, wäre dein Dasein singulär, denn nur du wärest dir in diesem Falle deiner selbst bewusst, während dein Zwillingsgeschwister wiederum sich seiner selbst bewusst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiv/">Philosophieren XXXIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Betrachten wir staunend die einzigartige Tatsache deiner Existenz. Diese einzigartige Tatsache wird weder mit einem Gattungsbegriff wie „Lebewesen“ noch einem Artbegriff wie „Homo sapiens“ erfasst: Auch wenn du ein eineiiges Zwillingsgeschwister hättest, wäre dein Dasein singulär, denn nur du wärest dir in diesem Falle deiner selbst bewusst, während dein Zwillingsgeschwister wiederum sich seiner selbst bewusst wäre, nicht aber deiner. Natürlich wäre es richtig zu sagen, du seiest als Lebewesen der Art Homo sapiens zugehörig. Doch die Vertreter der Spezies Homo sapiens sind in bestimmten Hinsichten füreinander einsetzbar und austauschbar: Deine Organe und insonderheit dein Gehirn funktionieren im Prinzip wie meine Organe und mein Gehirn, du wohnst wie ich in einer Straße, einer Stadt, einem Land, auf einem Kontinent, auf dem um die Sonne rotierenden Planeten Erde, der mit den anderen sieben Planeten um das Zentralgestirn namens Sonne kreist und mit diesen und anderen kosmischen Bestandteilen das Sonnensystem bildet, in der Galaxie namens Milchstraße, in der ungeheuren Ansammlung von Galaxien, die wir Kosmos oder Universum nennen. All dies ist erstaunlich genug, doch macht es nicht den Unterschied für die Einzigartigkeit unserer Existenz, die wir abkürzend mit der Bestimmung, einzeln oder Einzelne zu sein, erfassen können.</p>
<p>Die Tatsachen, dass du den Planeten Erde im Sonnensystem der Milchstraße bewohnst, männlichen oder weiblichen Geschlechts und mehr oder weniger schlau und pfiffig bist, dir ein ausgleichender oder zuspitzender, sanfter oder schroffer, schlaffer oder straffer, heiterer oder düsterer Charakter zu eigen ist, hier und zu jener Zeit und nicht woanders und zu einer anderen Zeit geboren worden bist und somit einer bestimmten Klimazone, einem bestimmten Land, einer bestimmten Nation und einer bestimmten Kultur und Gesellschaft mit ihrer Sprache und Überlieferung, ihren Bildungseinrichtungen, sozialen, ökonomischen und technologischen Daseinsbedingungen angehörst, all dies sind elementare Tatsachen, die deiner Willkür, Entscheidungsmacht und Verfügbarkeit ganz oder zum größten Teil entzogen sind. Deshalb tun wir gut daran, sie mit dem zu Unrecht in Verruf geratenen, grundlos außer Gebrauch gekommenen Begriff Schicksal zusammenzufassen.</p>
<p>Solcherart sind die Ringe des Schicksals, die sich um das Wachstum deines Lebens legen: Du bist von robuster oder schwächlicher Konstitution, strotzend vor Gesundheit oder kränklich, hast als Folge einer DNA-Schädigung, einer ansteckenden Krankheit deiner mit dir schwangeren Mutter oder einer Kinderkrankheit eine minder schwere oder schwere Behinderung wie Down-Syndrom, Bluterkrankheit, Anlage einer Psychose, Kinderlähmung, Stottern oder Leseschwäche. Du hast die schweren Kriegstraumata deiner Mutter im Luftschutzkeller oder auf der Flucht und deines Vaters an der Front und in russischer Kriegsgefangenschaft als Kind mit der Muttermilch aufgesogen, so dass du noch heute Albträume von schrecklichen Ereignissen hast, die du selbst nicht erlebtest. Du wurdest als Knabe seelisch überfordert und gequält, weil du die neurotischen Ängste deiner Mutter teilen oder die Abwesenheit des Vaters trotz hilfloser Ohnmacht ersetzen solltest. Du wurdest als Mädchen seelisch überfordert und gequält, weil du die Zurückweisungen und Enttäuschungen des Vaters in der Arbeit oder bei seiner Frau trotz hilfloser Ohnmacht ersetzen solltest.</p>
<p>Dass du als Junge auf die Welt kamst und das Tauziehen zwischen Kopf und Hoden über den Anteil an Lust und Angst, Siegen und Versagen, Wollen und Sich-Trollen unabgeschlossen-unabschließbar dir die Norne zugespult und zugewirkt hat – wie anders als Schicksal, Fatum, Aisa willst du es nennen? Oder weißt du, holder Knabe, ohne Schoß zu haben und zu sein, von den Wonnen und Verlorenheiten, dem Erfüllt- und Leersein, das Empfängnis oder Nicht-Empfängnis, Geburt oder Tot-Geburt, die Milch gebende oder versagende Brust gewähren und entziehen? Nie wirst du erfahren, wie es ist, eine Frucht im Leib heranwachsen zu fühlen, ein Kind auszutragen und in innigster physisch-psychischer Symbiose, die sich denken lässt, mit einem anderen Menschen in Verbindung zu stehen. Das hat dir das Schicksal verwehrt.</p>
<p>Du trägst nicht nur das individuelle Schicksal deines Körpers, deines Charakters, der Struktur und Kapazität deiner Aufmerksamkeit und Intelligenz, nicht nur das Schicksal deiner Familie und Herkunft ist dir aufgebürdet, auch das kollektive Schicksal des Landes, des Volkes, der Nation und des Staates, dem du angehörst, lastet auf dir: Die Verbrechen unserer Väter, Großväter und Urgroßväter im Zweiten Weltkrieg und bei der Ermordung der Juden sind deutsches Schicksal, dem du durch keine Verstellung oder rhetorischen Winkelzüge entkommst.</p>
<p>Dass du zu jener Stunde in guter Stimmung an der Feier teilgenommen hast und die Frau auf dich aufmerksam wurde, die heute an deiner Seite ist, Schicksalsfügung auch dies. Dass dir dein Lehrer durch das klare Profil seiner Persönlichkeit und die lebendige Anschauung seines Vortrags imponierte, hat dich innerlich dazu bestimmt, dieses und nicht ein anderes Fach zu studieren und also diesen und nicht einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Gute Fügung, dass dir in deinem Professor an der Universität oder in deinem Meister in der Werkstatt ein Förderer und Fürsprecher begegnete, der deiner Karrierelaufbahn den Teppich ausgebreitet hat. Schlechte Fügung, dass du deiner angeborenen antisozialen Neigung willensmäßig nicht genügend Widerhalt entgegensetzen konntest und wegen Diebstahl, sexueller Belästigung oder schwerer Körperverletzung schon mehrfach Gefängnisstrafen auf dich nehmen und schließlich die Hoffnung auf ein normales Leben aufgeben musstest.</p>
<p>Sterben ist unser aller Teil, und doch bestehst nur du es als singuläres Erleben, weil du es wie alles bewusste Erleben als Einzelner auf dich zu nehmen hast. Wir haben nur Bilder vom Vorgang des Sterbens und beziehen den Vorgang auf das, was wir gegebenenfalls am Sterbeverhalten unserer Verwandten und Freunde bemerken und beobachten. Daraus können wir allerdings für das, was es heißt, selbst zu sterben, das Entscheidende nicht entnehmen. Wir können allerdings dem Sterbenden nahe sein, ihn trösten, ja manchmal noch erheitern. Auch können wir ihm diese oder jene Last von den Schultern nehmen, auf dass er leichter, versöhnter Abschied nehmen kann.</p>
<p>Aus dem Stotterer wurde am Ende noch ein berühmter Redner. Du hast deiner schwächlichen Veranlagung durch fleißiges Training und eiserne Disziplin ein Schnippchen geschlagen. Statt zu resignieren und dich deinem Schicksal zu fügen, hast du deine Querschnittslähmung als Herausforderung angenommen und spielst mittlerweile mit Gleichgesinnten erfolgreich im Handballverein. Du hast dich bemüht, die dir von den Eltern aufgebürdete traumatische Erblast nicht deinerseits an dein Kind weiterzugeben oder abzuladen, sondern sie durch regelmäßigen Austausch mit in gleicher Hinsicht Betroffenen in den Griff zu bekommen.</p>
<p>Keiner verlangt von dir im Hochsprung Glanzleistungen zu erbringen, wenn du nun einmal unter einer Kinderlähmung zu leiden hast. Doch kannst du Begabungen auf anderen Gebieten entdecken und als guter Handwerker, Techniker, Designer oder Computerspezialist ein beruflich erfolgreiches und einigermaßen zufriedenes Leben führen. Wenn du einfach nicht genügend Grips mitbringst, um die Weihen der Höheren Mathematik zu erlangen, wirst du dich nicht lächerlich machen und es trotzdem versuchen, sondern Vernunft walten lassen und dir ein Gebiet suchen, das deinen Begabungen entspricht.</p>
<p>Mit der Kraft der Vernunft und dem praktischen Urteilsvermögen, das uns zu vernünftigen Entscheidungen führen kann, sind wir in der Lage, die natürlichen Tatsachen zu verstehen, zu gewichten und Modelle und Methoden zu entwerfen, wie mit ihnen umzugehen, in welchem Ausmaße sie rückhaltlos anzunehmen und in welchem Ausmaße sie zu unseren Gunsten zu modifizieren seien. So lernen wir mittels klugen und umsichtigen Einsatzes von Techniken, wissenschaftlichen und technologischen Verfahren, Anwendungen und Mitteln aus den Bereichen Medizin, Pharmakologie, Chemie, Physik und Mechanik die natürlichen Tatsachen unseren Bedürfnissen so weit wie möglich anzupassen und auf diese Weise das Schicksal zu meistern.</p>
<p>Immer wird als letzte Bastion des Schicksals die Tatsache unserer singulären Existenz und unseres singulären bewussten Erlebens bleiben. Wir können sie nicht abtreten oder an andere delegieren, denn damit würde unser bewusstes Dasein ausgelöscht. Wir können uns nicht durch andere in den wesentlichen Lebensvollzügen unseres biologischen und sozialen Daseins vertreten lassen, denn du kannst nicht an meiner Statt essen und schlafen, reden und träumen, Freude und Trauer empfinden, arbeiten und faulenzen, lieben und heiraten, gesunden und sterben. Es ist dieses Schicksal, bewusst leben zu müssen in allen Situationen unseres Redens und Tuns, das uns zu hoher Aufmerksamkeit, sensibler Geistesgegenwart und verantwortlichem Umgang mit ihnen verpflichtet – auch wenn unsere leidenschaftliche Natur und die Verstrickungen in die großen und kleinen Dramen des menschlichen Lebens uns oft Vorwände liefern, die Zügel der Besonnenheit schleifen zu lassen und die Bürde der Verantwortung abzuschütteln.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIII</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Aug 2013 10:27:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiii/">Philosophieren XXXIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was geschieht, wenn nur eine Wand noch hält, müssen wir uns nicht ausmalen.</p>
<p>Nimm in diesem Bild das Dach als den Sinn und Zweck gemeinsamen Redens und Tuns, die uns in so unterschiedlichen Formen wie einer harmlosen Unterhaltung, in Struktur und Management eines Unternehmens oder im Aufbau und der Verbreitung einer religiösen Gemeinschaft entgegentreten. Das Dach ist das merkwürdige, scheinbar luftig-abstrakte und dennoch so unheimlich wirksame Etwas, das entsteht, wenn du und ich oder wir und ihr uns zusammentun, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, eine Kirche zu stiften, eine Firma oder eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung aufzubauen.</p>
<p>Das Dach ist die verkörperte Vernunft der durch unser gemeinsames Reden und Tun begründeten Institution. Die Mauern sind die vier elementaren Komponenten und Faktoren der Grundsituation des Redens und Tuns: Abgegrenztheit des Gegenstands, auf den sich unser Reden und Handeln bezieht, Reziprozität und Transparenz der beiderseitigen Erwartungen, Eindeutigkeit der Situation und Bestimmtheit und Festigkeit unserer Absichten, zu reden und zu handeln.</p>
<p>Bekanntlich kann man das Bild vom Dach und den Mauern auch umkehren und sagen, im Falle von Institutionen trage das Dach die Mauern: Nur in ihrer wechselseitigen Verknüpfung finden die elementaren Komponenten der Situation gemeinsamen Redens und Tuns den Raum ihrer vollen Entfaltung. So etwa, wenn wir beide eine kleine Firma gründen, sagen wir eine Zoohandlung mit ein paar Haustieren wie Vögeln und Nagern, zur Hauptsache aber Artikeln für den Bedarf des Haustierhalters wie Nahrung, Streu, Sand, Spielzeug für Tiere, Käfige usw. Mit dieser Begriffsbestimmung haben wir bereits den Gegenstand, auf den sich unser gemeinsames Reden und Tun bezieht – unsere erste tragende Wand –, klar abgegrenzt: Handel mit Artikeln für den Bedarf von Haustierhaltern. In dieser Form erscheint der Gegenstand auch in der Satzung der Firma als Unternehmenszweck und in der Urkunde, die wir beim Notar beglaubigen, der das neue Unternehmen am Registergericht der Stadt und Kommune eintragen lässt.</p>
<p>Nun könntest du mit mir an einen Schlawiner und kleinen Gauner geraten sein, der die Firma nur als Vorwand nutzen will, um mit dem GmbH-Vertrag wedelnd und dem Geschäftsführergehalt auf dem neuen Konto bei der Bank mit einer solchermaßen leicht erschlichenen Bonität einen möglichst großen Kredit zu ergattern – und mit dem abkassierten Geld das Weite zu suchen. Ich hätte dich darin getäuscht, dass mein Begriff des Gegenstandes unseres gemeinsamen Redens und Tuns derselbe wäre wie dein Begriff – aber das war nicht der Fall, denn ich verfolgte einen anderen Zweck mit ihm als du. Solltest du meinen geheimen Absichten auf die Schliche kommen, bevor es zu spät wäre, tätest du gut daran und handeltest vernünftig, mich wegen des Betrugsversuchs vor die Tür zu setzen. Der Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Redens und Tuns wäre damit verlorengegangen, das Dach der Vernunft über der Institution Firma hat ein Loch bekommen.</p>
<p>Was ist nun im rechten Falle der Gegenstand, der Begriff, das Unternehmen? Sind es wir beide als Unternehmer, sind es der Verkaufsraum und das Büro, die Verkaufsartikel oder das Geld in der Kasse und auf der Bank? Keins von alledem und auch nicht alles zusammen. Das Unternehmen ist das einigende Band aller Teilmomente, das nur dadurch zustande kommt, dass wir, die sprechenden und handelnden Aktoren, uns gegenseitig bestätigen, dass dieser ominöse, abstrakte Gegenstand namens Firma tatsächlich existiert. Wenn wir es tun und danach handeln, tun es auch unsere Kunden, unsere Lieferanten und unsere Hausbank. Sobald einer der wichtigen Aktoren sein Veto einlegt und die Existenz der Firma bestreitet oder leugnet, betreibt er ihren Untergang: Kunden gehen bekanntlich nicht zu Läden, deren Existenz sie leugnen, Lieferanten beliefern nichtexistente Abnehmer nicht mit Waren und Banken versehen nichtexistente Klienten nicht mit günstigen Krediten.</p>
<p>Wenn die Sache mit rechten Dingen zugeht, erwartest du von mir, was ich von dir erwarte – die zweite tragende Wand: dass wir uns um den Fortbestand der Firma kümmern, pünktlich unser Termine wahrnehmen, die Verwaltungsarbeiten sorgfältig und akkurat erledigen, die Buchhaltung regelmäßig überprüfen und mit dem Steuerberater abgleichen, die rechtlich verordneten Bestimmungen über Hygieneschutz, Impfmaßnahmen und Sauberkeit einhalten und die Lager- und Verkaufsräume von einem Beamten des Gesundheitsamts überprüfen und abnehmen lassen, gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte in Vorstellungsgesprächen auswählen, die neuen Angestellten mit ihrem Arbeitsumfeld vertraut machen, Lehrlinge und Azubis ausbilden, wenn wir ausbildungsberechtigt sind, beziehungsweise eine Ausbildungsberechtigung bei der IHK und dem Arbeitsamt erlangen, auf arbeitsrechtliche Bestimmungen wie Sicherheitserfordernisse und Urlaubsansprüche achten, uns um Werbe- und POS-Maßnahmen kümmern, die Lieferanten mit Bestellungen neuer Artikel beauftragen, den Verkaufsraum reinigen und dekorieren und mit neuen Artikeln versehen und die Kunden freundlich und fachlich engagiert bedienen. Wir tun gut daran, unsere beiderseitigen Erwartungen zu harmonisieren und genau aufeinander abzustimmen, zu synchronisieren und zu vertakten und zum Beispiel auf einem Monatsplan präzise festzuhalten, was wer wann zu tun und zu erledigen hat.</p>
<p>Liegen wir mit unseren reziproken Erwartungen quer und überkreuz und bürdest du mir Arbeit auf, die eigentlich du zu erledigen hättest und umgekehrt, ist der Wurm in der Sache und auf unserem Unternehmen ruht kein Segen. Die Saat des Streits und aufreibender Auseinandersetzungen ist ausgestreut, sobald sich die beiderseitigen Erwartungen in Bezug auf das, was es gemeinsam zu bereden und zu tun gibt, widersprechen, auslöschen oder neutralisieren.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Eindeutigkeit der Situation – die dritte tragende Wand – können wir, sollte man meinen, schlecht in die Irre gehen, handelt es sich doch schlicht und ergreifend um die Gründung und Führung einer Firma in der Rechtsform einer GmbH mit genau abgestecktem Unternehmenszweck und Unternehmensgegenstand. Sollte ich oder du nicht völlig darüber im Klaren sein, um welche Situation es sich handelt, wäre ich oder du entweder so furchtbar dumm oder so unrettbar verrückt, dass ich oder du geistig nicht in der Lage und völlig überfordert wäre, eine Firma zu gründen, geschweige denn vernünftig zu führen, oder ich oder du müsste wegen geistiger Beschränktheit oder Demenz für unzurechnungsfähig erklärt werden, was zur Folge hätte, dass ich oder du die Berechtigung verlöre, eine Firma zu gründen und zu führen.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Bestimmtheit der Absichten der beteiligten Aktoren – die vierte tragende Wand – kann die leider allzu verbreitete Janusköpfigkeit menschlicher Affektlagen auch in unserem so hoffnungsfroh begonnenen Unternehmen ein- und durchschlagen. Wenn du mir heute noch nachträgst, dass die Frau, die wir vor vielen Jahren beide begehrt und geliebt haben, sich schließlich für mich entschieden und mich geheiratet hat und dir trotz guten Willens und bester Absichten, mit mir eine Firma aufzubauen, immer wieder die böse Absicht in die Quere kommt, dich wegen der damaligen Zurücksetzung schadlos zu halten und zu rächen, wirst du die für das Gelingen unseres gemeinsamen Unternehmens nötige Bestimmtheit und Festigkeit der Absicht, die Firma mit mir vernünftig zu führen, am Ende nicht durchhalten und beherzigen, sondern früher oder später das schmale Dach ökonomischer Vernunft über uns zum Einsturz bringen.</p>
<p>Wir sprechen von Vernunft und meinen keine Sache in deinem oder meinem Kopf, auch wenn man öfters einmal Köpfchen haben muss, um Vernunft walten zu lassen. Die Vernunft ist eine in Institutionen und Einrichtungen wie Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Ehen und Familien, Unternehmen und Verwaltungen, Kirchen und Gemeinden verkörperte Struktur reziprok abgestimmter Erwartungen und Absichten hinsichtlich des Aufbaus und der Erhaltung einer gemeinsamen Situation des Redens und Tuns.</p>
<p>Aber ist Liebe nichts Irrationales, eine Gefühlsgeschichte bar jeder Vernunft, wirst du vielleicht fragen. Das ist das romantisch verkürzte Verständnis des Begriffs, nach dem sich zwei Liebende in die Eremitage einer Passion des gegen- und wechselseitigen Redens und Tuns einschließen. Die zur Vernunft offene Liebe ist ein Bündnis oder Pakt auf der Grundlage des Versprechens, einander dafür Sorge zu tragen, die im Spiele befindlichen beiderseitigen Erwartungen und Absichten auf die geteilte Grundsituation des Redens und Tuns abzustimmen. Das erfordert gelegentlich den Einsatz erhöhter Aufmerksamkeit füreinander, das Überwinden und Umgehen von eingetretenen Hindernissen oder von Herzen kommende Hinweise auf erfreuliche, erheiternde, beglückende Blickachsen und Aussichten. Je näher sich die Liebe an der intimen Passion ansiedelt und je ferner der öffentlich deklarierten Ehe, desto fragiler und durchlässiger für die Unbill der Witterung ist ihr schmales Strohdach der Vernunft. Oft genügt ein Funke des Missverstehens, des bösen Willens oder bloßer Laune, und es steht in hellen Flammen.</p>
<p>Die Vernunft von Ehe und Familie ist im Kind verkörpert, das Kind ist der eigentliche Sinn und Zweck der Grundsituation gemeinsamen Redens und Tuns, um die es dabei geht. Das Kind bedarf der Hut und Pflege, der Ernährung und Erziehung, mit einem Wort der Verantwortung der Erwachsenen. Für einen Schwächeren und Anlehnungsbedürftigen Verantwortung tragen heißt, seine Lebensbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen, sein Verlangen nach Aufmerksamkeit, emotionale Nähe und Bestätigung zu erfüllen und ihm die Gelegenheiten und Möglichkeiten der Entfaltung und Reifung seiner Persönlichkeit mit einem Weitblick und einer klugen Voraussicht in Aussicht zu stellen, über die das Kind noch nicht verfügt. Die Abstimmung der beiderseitigen Erwartungen und Absichten und die Definitionsmacht über die Grundsituation liegen bei den Eltern, die sich darüber zu verständigen haben, dass und wie sie das geteilte Thema Erziehung gemeinsam schultern. Wenn ein Elternteil den Bund bricht und die Erwartungen des anderen enttäuscht und andere Absichten als die vernünftig ausbedungenen und erforderten im Schilde führt, handelt er unvernünftig, gleichgültig was ihm die Leidenschaft insinuiert und ins Ohr flüstert. Schließlich pflegt auf diese Weise das Dach der Vernunft über dem Haus der Ehe und Familie abgetragen zu werden.</p>
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		<title>Philosophieren XXVII</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Aug 2013 14:23:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxvii/">Philosophieren XXVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen kannst, ist dir von der Natur zu tun verwehrt. Einen konstitutionellen Mangel kannst du in etlichen Fällen durch medizinische Eingriffe oder Medikamente kompensieren, in vielen Fällen musst du dich mit dem Mangel und Manko abfinden und damit leben. Wenn du tun willst, was du weder erlernen noch durch kompensatorische Maßnahmen erlangen kannst, bist du unvernünftig und zu tadeln. Wenn aber dein Wollen eine verkehrte Richtung einnehmen kann, wenn dein Wollen insofern getadelt werden kann, musst du auch in der Lage sein, den Kurs deines Wollens zu korrigieren und dann das Richtige zu wollen lernen. Denn ich kann dich nicht für ein Tun und Wollen tadeln, das du nicht unterlassen kannst. Wenn du das Richtige tun willst und auch erlangst, ist dein Wollen und Tun nicht zu tadeln, sondern zu loben. Ein Tun und Wollen, das Lob und Tadel verdienen kann, ein Tun und Wollen, dessen Ausrichtung und Ausführung korrigierbar sind, nennen wir in gewisser Weise frei.</p>
<p>Als die Wespe dir empfindlich nah ans Auge flog, hast du reflexartig die Hand erhoben und heftig um dich geschlagen. Dabei hast du versehentlich und wider Willen die Vase auf dem Tisch heruntergestoßen, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Was du reflexartig, versehentlich und ohne Absicht tust, tust du wider Willen und bist dafür weder zu loben noch zu tadeln. Wenn du indes während einer heftigen Auseinandersetzung mit deiner Freundin, bei der die Fetzen fliegen, wütend die Vase mit einer vehementen Bewegung des Arms vom Tisch stößt und sie am Boden in tausend Scherben zerspringt, lag deinem Handeln eine Absicht zugrunde und du hast nicht widerwillig, sondern sogar böswillig gehandelt. Wenn du willentlich und in voller Absicht einen Fehlgriff tust, bist du dafür zu tadeln. Wenn wir dich wegen eines Fehlers tadeln, setzen wir voraus, dass du auch anders, nämlich richtig, hättest handeln können. So machen wir wieder die Voraussetzung, dass dein Wollen und Tun unter gewissen Bedingungen deiner bewussten Kontrolle unterliegen.</p>
<p>Er beobachtete, wie die Wespe um ihn kreiste und ihm jetzt empfindlich nahe ans Auge flog. Da schlug er scheinbar reflexartig um sich und erwischte scheinbar absichtslos und wider Willen die Vase auf dem Tisch seiner Gäste, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Unser kleiner Unhold hat simuliert und vorgetäuscht, dass seine Armbewegung reflexhaft und wider Willen erfolgte, sodass er wegen des erfolgten Schadens nicht zu tadeln wäre. In Wahrheit hat er die böse Absicht gehegt, seinen Gästen zu schaden, und diese Absicht geschickt hinter dem Vorhang einer absichtslosen Reflexbewegung kaschiert. Dafür ist er natürlich zu tadeln, denn seine böse Absicht unterlag unter diesen Bedingungen seiner Kontrolle und seinem Willen.</p>
<p>Du bist mal wieder aus rein gesellschaftlicher Verpflichtung bei diesen unmöglichen Leuten zu Gast, denen du schon lange einmal eins auswischen und ihre gehässigen Anspielungen und ihr arrogantes Betragen heimzahlen willst. Du betrachtest die Kristallvase auf dem Tisch, an dem sich die Runde eingefunden hat. Du weißt, die Gastgeberin schätzt das edle Teil ganz besonders, weil es ein Geschenk ihres Mannes zum Hochzeitstag ist. Dich überkommt die Phantasie, wie du die Vase packst und zu Boden schleuderst, aber du bist natürlich viel zu gut erzogen, so etwas in die Tat umzusetzen. Da schwebt angelockt vom Kuchen diese lästige Wespe heran und schwirrt dir plötzlich gefährlich nahe ans Auge. Während du noch mit heißem Wollen und Wünschen an die Absicht denkst, die Vase zu packen und auf den Boden zu schleudern, machst du eine reflexhafte Bewegung mit dem Arm, triffst die Vase und das kostbare Stück fällt wirklich zu Boden und das Glas zerspringt. Du hast in der Tat die Absicht zu einem Tun gehegt, das du auch ausgeführt hast. Doch werden wir dich nicht tadeln, denn die Verknüpfung deiner Absicht mit dem Ereignis, dass die Vase zu Bruch ging, war keine kausale Verknüpfung, sondern eine zufällige Verknüpfung, die das Ereignis nicht wirklich verursachte. Obwohl du die bösartige Absicht hegtest, die durch deine Armbewegung zur Realität wurde, wollen und können wir dich nicht tadeln, denn nicht deine bösartige Absicht stand am Nullpunkt der Kausalkette, an deren Endpunkt die zerbrochene Vase auf dem Boden lag, sondern die Reflexbewegung deines Arms.</p>
<p>Der Schüler steht an der Tafel und kann die Gleichung mit zwei unbekannten Variablen nicht lösen. Er stiert auf die Formel und zerbricht sich den Kopf. Vergebens. Wir wollen dem Schüler nicht unterstellen, dass er mutwillig oder böswillig handelt und die Lösung aus Trotz oder rebellischem Widerspruchsgeist nicht aufschreiben will. Der Schüler möchte die Lösung aufschreiben, er hegt gewiss die Absicht, sie endlich an die Tafel zu zaubern, er kann es aber nicht. Obwohl er wider Willen und ohne die Absicht, sie nicht an die Tafel zu schreiben, handelt, wird er dennoch dafür getadelt und erhält am Ende eine schlechte Note. Was wird aber in diesem Falle getadelt und ist zurecht tadelnswert?</p>
<p>Tadelnswert ist der fehlende oder geringe Wille des Schülers, sich zu Hause auf den Hosenboden zu setzen, den Stoff über die Lösungen von Gleichungen mit zwei unbekannten Variablen zu repetieren und sich auf diese Weise ordentlich für die Mathematikstunde zu präparieren. Die Absicht, sich auf den Unterricht vorzubereiten, unterlag der willentlichen Kontrolle des Schülers und war unter solchen Bedingungen frei, sie auszuführen verdiente Lob, sie erst gar nicht zu hegen Tadel. Ich kann dich nicht für etwas tadeln, das du jetzt zu tun nicht in der Lage bist. Ich kann dich aber dafür tadeln, dass du jetzt die Gleichung nicht lösen kannst, weil du verabsäumt hast, deine Schulaufgaben zu machen.</p>
<p>Wir unterscheiden Wollen, Beabsichtigen und Handeln oder Wille, Absicht und Tat, wobei die Tat die Verwirklichung der Absicht ist, der Wille aber die Instanz, die die Absicht gewichtet und gleichsam nach genehmigter Einlass- beziehungsweise Auslasskontrolle mit dem Anteil an Kraft und Energie ausstattet, der zur Umsetzung in die Tat nötig ist. Wenn du Hunger verspürst und die Absicht hegst, etwas zu essen, achtest du darauf, ob die Ausführung deiner Absicht hier und jetzt angemessen und vernünftig ist: Du hast zwar ein Pausenbrot, in Papier eingewickelt, in deiner Box in der Aktentasche bereitliegen, aber du hütest dich, es hier und jetzt während der Geschäftsbesprechung, der Präsentation beim Kunden, der Disputation oder der Gerichtsverhandlung auszupacken und beherzt hineinzubeißen. Das würde einen denkbar schlechten Eindruck hinterlassen und dir den Abschluss des Kaufvertrags, den Beifall des Kunden, den Zuspruch der Prüfungskommission und deine Rolle als glaubwürdiger Zeuge vor Gericht verderben und untergraben. So siehst du die Lage, bleibst vernünftig und verschiebst die Verwirklichung deiner Absicht, etwas zu essen, auf später.</p>
<p>Was wir leichthin Wille nennen ist der volitive Anteil an der Vernunft, deren rationaler Anteil der Verstand oder das Denkvermögen darstellt. Beide Anteile kommen im günstigsten Falle bei der Gewichtung und Beurteilung sowie der Ausführung der Absicht ins Spiel: Du beurteilst die Angemessenheit der Absicht und ihrer Verwirklichung hier und jetzt und du bekräftigst deinen positiven Entscheid zur Ausführung der Absicht mit der Aktualisierung der Energie, die für eben diese Ausführung nötig ist. Aber du bekräftigst auch deinen negativen Entscheid, insofern ein Energieaufwand nötig ist, um die Ausführung der Absicht zu hemmen, aufzuschieben oder zu unterdrücken, wie dies in unserem Beispiel mit dem Pausenbrot der Fall war.</p>
<p>Wir sagen: Es wäre unvernünftig von dir, deinem natürlichen Hungerimpuls durch die Verwirklichung der Absicht, etwas zu essen, hier und jetzt nachzugeben, weil du dir mit dieser Tat Nachteile einhandeln und dir selbst schaden würdest. Dein Verstand ist klar und wach und hat die Lage überschaut und wieder einmal mittels Anwendung des konditionalen Satzgefüges mit dem irrealen Konjunktiv auf die Wenn-Dann-Folge hin abgetastet: Wenn ich hier und jetzt meinem Hungerimpuls nachgäbe, würde ich mir Nachteile einhandeln und mir selbst schaden. Also, schlussfolgerst du im Indikativ des Präsens, gebe ich meinem Impuls nicht nach und packe das Pausenbrot erst nach Beendigung der Besprechung, der Präsentation, der Disputation oder der Gerichtssitzung aus.</p>
<p>Mit der Verwendung des konditionalen Satzgefüges im Irrealis machen wir die Vernunftprobe auf das Bedingungs- und Folgegefüge der Verwirklichung unserer Absichten. Sollte die Probe ergeben, dass die erwogenen Folgen unseres Handelns mit den übergeordneten Gründen, Zwecken und Werten unserer Lebensordnung und der Lebensordnung der Gemeinschaft, in der wir leben, harmonieren und kongruieren, nennen wir unsere Absichten angemessen und richtig und ihre Verwirklichung klug und vernünftig. Unklug und unvernünftig sind Absichten und Taten, die dazu beitragen, unser Leben und unsere Lebensgemeinschaft zu schädigen oder zu zerstören.</p>
<p>Sollte einer nicht in der Lage sein, seine Absichten zu handeln im Lichte der geteilten Werte seiner Gemeinschaft und der biologisch basierten Zwecke zur Erhaltung der Unversehrtheit, Gesundheit und Integrität der eigenen Person mittels vernünftiger Überlegungen zu beleuchten, zu gewichten und zu beurteilen, mit vernünftigen Gründen zu akzeptieren oder abzulehnen, ist sein Vernunft- und Urteilsvermögen eingeschränkt und wir nennen ihn mental behindert, wenn es sich dabei um einen überschaubaren Kreis von Absichten handelt, also die Einschränkung der Absicht, sich gesund zu ernähren, aufgrund von Magersucht oder Fresssucht, die Einschränkung der Absicht, sich mittels Anwendung bekömmlicher Genussmittel Wohlgefühle zu erwecken, aufgrund von Drogensucht. Sollte einer nicht in der Lage sein, irgendeine seiner Absichten zu handeln im Lichte vernünftiger Gründe zu gewichten, die zulässigen und zuträglichen zu akzeptieren und die unzulässigen und schädlichen zu verwerfen, nennen wir ihn geisteskrank und tun gut daran, ihn im eigenen Interesse zu entmündigen und die vernunftbezogenen sozialen Beziehungen wie Geld- und Bankgeschäfte, Einkäufe oder Eigentums- und Mietangelegenheiten einem Vormund zu übertragen.</p>
<p>Leute, die bestreiten, dass wir über ein willensbezogenes Vernunftvermögen verfügen, halten dich demgemäß für einen von neurochemischen Prozessen gesteuerten Automaten, der nicht wirklich weiß, was er tut, und der eigentlich entmündigt und einem Vormund unterstellt werden sollte. Aber nach dieser Annahme kann es ja keinen Vormund geben, denn wenigstens diesem müssten wir ja unterstellen, er verfüge über einen gesunden Menschenverstand. Dass diese Leute indes, sollte ihre Annahme stimmen, auch nicht wissen könnten, was sie tun, wenn sie die Wahrheit ihrer Annahme behaupten, sie nicht darüber befinden könnten, ob die Annahme wahr oder falsch ist, zeigt, dass sie schlicht nichts behaupten, wenn sie einen Unsinn dieses kolossalen Ausmaßes in die Welt setzen.</p>
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