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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Wahrheit</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Philosophieren XLIII</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Sep 2013 14:58:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/">Philosophieren XLIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau.“</p>
<p>Gewiss wirst du den Satz unter den geeigneten und passenden Umständen äußern und nicht, wenn wir in einem Weinkeller unter geschlossen-düsterem Gewölbe hocken oder wenn der Himmel schwarz von Gewitterwolken ist. Ich unterstelle dir also auch, dass deine Wahrnehmungen gut funktionieren, wenn ich dir unterstelle, mir eine sinnvolle Mitteilung dieser Art gemacht oder ein richtiges Wahrnehmungsurteil gefällt zu haben.</p>
<p>Betrachten wir den Satz genauer und nehmen zunächst den Teil nach dem Komma unter die Lupe. Du siehst gleich, dass es sich eigentlich um zwei mittels der Konjunktion „und“ verbundene Einzelsätze handelt. Wir kürzen sie mit den Buchstaben p und q ab. Mit jedem Satz p und q hast du mir eine Tatsache mitgeteilt, einmal die Tatsache, dass sich das Gewitter verzogen hat, sodann die Tatsache, dass der Himmel blau ist. Wir nennen den Sprechakt, mit dem wir Tatsachen mitteilen, beurteilen oder kurz urteilen und das Ergebnis solcher Sprechakte schlicht und ergreifend ein Urteil. Urteile haben die interessante Eigenschaft, richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein zu können.</p>
<p>Wenn wir zwei Sätze mit den möglichen Wahrheitswerten wahr und falsch durch eine Kopula verbinden, kann der Fall eintreten, dass ein Satz wahr, ein anderer falsch, beide wahr oder beide falsch sind. Wenn es jetzt der Fall ist, dass der Himmel zwar blau ist, aber auch zuvor blau war und also sich kein Gewitter verzogen hat, ist der erste Satz falsch und der zweite wahr. Wenn es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel durch die Abendröte rot erscheint, sind beide Sätze falsch. Es ist klar, dass die Summe beider Sätze in der Verknüpfung durch die Kopula nur wahr sein kann, wenn beide Teilsätze es sind, in allen anderen Fällen ist der Gesamtsatz falsch.</p>
<p>Nunmehr entdecken wir eine weitere Unterstellung, die wir vornehmen, wenn wir annehmen, du habest uns etwas Sinnvolles mitgeteilt: Wir unterstellen dir, dass du weißt oder zu wissen glaubst, kurz: davon überzeugt bist, dass deine Mitteilung richtig oder der von dir mitgeteilte Inhalt des Satzes wahr ist. Würden wir dir nämlich unterstellen, dass du davon überzeugt wärest, dass der Inhalt deiner Mitteilung, also einer der durch die Kopula verknüpften Teilsätze oder beide Teilsätze unwahr wären, müssten wir dir unterstellen, dass du uns nicht die Wahrheit sagen, sondern uns belügen wolltest. Auch wenn diese unschöne Unterstellung zuträfe, wäre der von dir geäußerte Satz sinn- und bedeutungsvoll, denn es wäre derselbe Satz wie der ursprüngliche Satz, den du geäußert hast, um uns eine Wahrheit mitzuteilen – und dieser galt uns ja als sinn- und bedeutungsvoller Satz.</p>
<p>Wolltest du den Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ äußeren, um uns an der Nase herumzuführen und uns zu belügen, wäre vorausgesetzt, dass das Gegenteil oder die Negation der von dir mitgeteilten Sachverhalte in Wahrheit zuträfen, als Werteverteilung für die Teilsätze also „nicht p und q“ oder „p und nicht q“ oder „nicht p und nicht q“ beziehungsweise „nicht (p und q)“ in Frage käme. Das aber hieße, im Moment, da du den unwahren Satz äußertest, hätte es gar kein Gewitter gegeben und der Himmel wäre blau oder das Gewitter hätte sich verzogen und der Himmel wäre nicht blau oder weder hätte es ein Gewitter gegeben noch wäre der Himmel blau. Wir haben allerdings selbst Augen im Kopf und haben gesehen, dass es kein Gewitter gegeben hat und der Himmel blau strahlt, oder wir sehen, dass sich das Gewitter verzogen hat, aber der Himmel immer noch grau ist, oder wir sehen, dass es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel sich in der Abenddämmerung rötet. Wir sehen also, dass was du behauptest nicht der Fall ist, und wissen augenblicks, dass du uns hast verballhornen wollen. Das Beispiel erweist en passant, dass Lügen allzu kurze Beine haben, wenn sie sich nicht unter gleichsam undurchsichtigen Umständen und Bedingungen verstecken können – jedenfalls schlecht funktionieren, wenn der Lügner und sein Gegenüber die gleichen Wahrnehmungs- und Urteilsbedingungen teilen.</p>
<p>Bleiben wir bei dem Normalfall einer trivialen Mitteilung von wahren Sätzen der genannten Art. Die Sätze „Das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ können wir grammatisch in ein temporales oder ein kausales Gefüge transformieren, indem wir sagen: „Nachdem sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“ und „Weil sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“. Der Haupt- und Elementarsatz „Der Himmel ist blau“ spricht einem Gegenstand eine Farbe zu. Wir können diese Grundform des Urteils abkürzen mit der Formel Fx, womit wir dem Gegenstand x die Eigenschaft F zusprechen.</p>
<p>Die Fähigkeit oder das Vermögen, das du dadurch unter Beweis gestellt hast, dass du dem Gegenstand die richtige Eigenschaft zugeordnet hast, nennen wir Urteilsvermögen und Denkfähigkeit, denn natürlich ist urteilen zu können gleichwertig damit, denken zu können.</p>
<p>Wir nennen die Begriffe „blau, rot und schwarz“ Farbbegriffe und sagen, du habest dem Gegenstand den richtigen Farbbegriff zugewiesen. Somit gelangen wir auf die bündige Definition für die Tätigkeit des Urteilens oder Denkens: Urteilen oder denken heißt, einem Gegenstand einen Begriff zuordnen. Und richtig urteilen oder klar denken heißt, einem Gegenstand den richtigen Begriff zusprechen.</p>
<p>Wenn mir einer sagte: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist eine Primzahl“, wäre ich ob dieses unerbetenen Hinweises mehr als konsterniert und würde meinem Gegenüber nicht unterstellen, er habe mit der Zuweisung dieser Eigenschaft von Zahlen knapp danebengelegen oder sich um ein Haar bei der Auswahl der Eigenschaft vergriffen. Ich müsste vielmehr annehmen, die Person wisse nicht, um was für eine Art von Begriffen oder um welche Kategorie es sich bei Begriffen wie den Primzahlen handelt. Ich würde nicht sagen, jener habe ein unrichtiges oder falsches Urteil gefällt, sondern würde sagen, er habe einen unsinnigen Satz geäußert und somit überhaupt kein Urteil getätigt.</p>
<p>Wir sagen: Weder kann der Himmel eine Primzahl noch eine Primzahl blau sein. Welche Eigenschaft unserer begrifflichen Struktur verbirgt sich hinter der Bestimmung „kann nicht“? Nun, es handelt sich hier nicht um eine empirische Grenze und Schwierigkeit, die durch den Einsatz kluger und gewitzter Mittel behoben werden könnte. Es handelt sich vielmehr um die gleichsam überempirische, apriorische Grenze unserer Sprache. So und nicht anders reden wir nun einmal, anders lassen sich die Dinge von uns und bei uns hierzulande und hienieden nicht sagen.</p>
<p>Wir sind demnach aufgefordert jenen, der den absurden Satz geäußert hat, zu korrigieren und auf seinen Kategorienfehler aufmerksam zu machen. Wenn er sich philosophisch versteift und darauf beharrt, für ihn selbst ergebe der uns unsinnig erscheinende Satz durchaus Sinn, weil er für sich die Sprachregel eingeführt habe, dass metereologische Gegenstände die Eigenschaft, Primzahlen zu sein, haben können, müssen wir ihn rügen und mit der Tatsache konfrontieren, dass wir zwar reden dürfen, wie uns der Schnabel gewachsen ist, nicht aber so, dass kein anderer Schnabel darauf kommen könnte, so etwas zu sagen. Die Grenze des Sagbaren ist eine soziale Grenze: Der Verkehr, in dem wir uns sprechend verständigen, wird durch Verkehrszeichen geregelt und verläuft auf Bahnen und Wegen, die vor dir schon Abertausende abgeschritten haben. Jedenfalls sind die sprachlichen Regeln, nach denen der Verkehr hierzulande und hienieden abläuft, nicht der privaten Willkür eines solipsistischen Sprachheimwerkers anheimgestellt.</p>
<p>Wir können also nur sagen, was andere auch sagen könnten. Um sprechen und denken zu können, muss ich voraussetzen, dass mindestens ein anderer schon gesprochen und gedacht hat. Ich wäre nicht in der Lage, als einsamer Robinson einen Gedanken zu fassen: Einen Gedanken zu haben setzt voraus, ihn in einem Satz äußern zu können und die Äußerung des Satzes der realen oder virtuellen Beurteilung mindestens eines anderen anheimzustellen.</p>
<p>Soll das heißen, unser Reden und das, was wir mit Wörtern tun, würden gleichsam von einer unsichtbaren grammatisch-logischen Kontrollinstanz reglementiert und unsere sprachliche und gedankliche Freiheit und schöpferische Ausdrucksmacht würden für immer in eine apriorische Zange genommen? Ganz und gar nicht: Die Grenzen der Sprache fließen, wenn auch gewöhnlich sehr langsam und unmerklich. Denn sie werden nicht willkürlich von Dudenredakteuren und logisch-propädeutischen Oberlehrern mit dem Lineal gezogen, sondern haben überhaupt keine zentrale Steuerungseinheit. Die Grenzen fließen mit den unsichtbaren und unserer Aufmerksamkeit entgleitenden leisen Verschiebungen oder lauten Erschütterungen der kollektiven Praxis unseres durch Regeln geleiteten Sprechens.</p>
<p>Wir wissen allerdings nicht und können nicht wissen, welcher Erschütterungen es bedürfte, die unser sprachliches Regelwerk dermaßen durchschütteln und -rütteln würden, sodass dermaleinst der uns heute unsinnig erscheinende Satz „Der Himmel ist eine Primzahl“ als sinnvoll akzeptiert werden würde.</p>
<p>Im Übrigen könnte unser Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“, unter geeigneten Umständen geäußert, auch etwas anderes bedeuten als eine Mitteilung über das Wetter und die Farbe des Himmels. Schreiben wir ihn mit Ausrufezeichen: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau!“ Dann willst du mich mit dieser Äußerung vielleicht auffordern, mit dir die stickigen Seminar- oder Büroräume endlich zu verlassen und das Freie zu suchen.</p>
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		<title>Philosophieren XL</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Sep 2013 10:20:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xl/">Philosophieren XL</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe von Zahlen und Funktionen denselben Wert anzeigt, und schließt daraus, dass die elektronische Mechanik des Rechners kaputt und unbrauchbar geworden sei. – Du bist als Tourist in der fremden Stadt unterwegs und fragst einen Einheimischen nach dem Weg zu der berühmten Kathedrale, er weist ihn dir mit der Hand, doch du gelangst bald in ein ödes Brachland.</p>
<p>Du bindest mit den Händen die Schlaufe am Schuh. Du rechnest die Multiplikation ohne Zuhilfenahme von Papier und Bleistift im Kopf aus. Warum ist es merkwürdig und befremdlich zu sagen: „Ich rechne die Rechenaufgabe nicht nur im Kopf, sondern mit dem Kopf aus“ oder „Ich rechne die Rechenaufgabe mit meinem Gehirn aus“? Was macht hier den Unterschied zwischen Hand und Gehirn?</p>
<p>Wenn deine Armbanduhr Bewusstsein hätte und du bemerkst mittels des Vergleichs mit der öffentlichen Uhr, dass sie falsch geht – könntest du ihr dann nicht die Absicht unterstellen, nicht die richtige Zeit anzeigen und dich hinters Licht führen zu wollen? Wenn du aber davon ausgehen könntest, dass deine Armbanduhr dir in Treue und unbedingt ergeben sei, wäre die Tatsache, dass sie die falsche Zeit anzeigt, nicht die Folge dessen, dass sie absichtsvoll einen Fehler begangen hätte, sondern wahrscheinlich die Folge der Tatsache, dass beispielsweise die Batterie ihren Geist aufgegeben und sie das Bewegen der Zeiger hätte aufgeben müssen.</p>
<p>Die Absicht hegen zu können, zu täuschen und sich zu verstellen, sowie die Disposition, Fehler zu begehen, gehörten demnach zu untrüglichen Zeichen dessen, was wir bewusstes und seiner selbst bewusstes Leben nennen, so wie wir es führen und sind.</p>
<p>Dein Nachbar kommt stets pünktlich zur selben Minute und Stunde dir entgegen – als wolle er dir mit diesem Verhalten sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“ – Warum kannst du nicht zu dir selbst des Morgens, wenn du wieder wie stets zur selben Zeit erwachst und gleichsam zu dir findest, sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“?</p>
<p>Dein Taschenrechner funktioniert nicht mehr, er spuckt bei jeder Eingabe denselben Wert aus. – Ist es dasselbe mit deinem Mund, wenn er plötzlich, gleichgültig was immer du eigentlich äußern möchtest und dir zu sagen vorgenommen hättest, denselben Satz oder dasselbe Wort artikulierte? – Ist es dasselbe mit deinem Kopf, wenn du mit einem Mal unter den Bann einer Zwangsidee gerietest und gezwungen wärst, denselben Gedanken immerfort zu wiederholen?</p>
<p>Der Einheimische hat dich düpierten Touristen in die falsche Richtung geschickt. Woher weißt du aber, dass er dich mit Absicht in die Irre geführt hat? Könnte er nicht der falschen Überzeugung sein, dass die Richtung, in die er dich wies, die richtige sei? Wie kannst du das herausfinden? Nun, wenn du beobachten könntest, dass derselbe Mann einen anderen Touristen, mit dem er sich augenscheinlich angefreundet hat, bei Nachfrage in dieselbe falsche Richtung weist.</p>
<p>Wir wissen nunmehr: Nur ein Lebewesen wie wir, dem wir unterstellen, wahre und falsche Überzeugungen zu haben sowie Absichten zu hegen, mittels der Äußerung von Sätzen und der Durchführung von Handlungen Ziele zu erlangen, gilt uns als seiner selbst bewusstes Lebewesen. Das Gehirn, mittels dessen wir wahre oder falsche Überzeugungen bilden, oder der Mund und die Sprechwerkzeuge, mittels derer wir Sätze artikulieren, und die Hand, mittels deren wir Handlungen ausführen, gelten uns für Teile oder Momente der Person oder personalen Ganzheit, die Überzeugungen hat, Sätze äußert und Handlungen vollführt, nicht aber für die Ganzheit selbst, so dass es falsch wäre zu sagen: „Dein Hirn glaubt, die Erde sei eine Scheibe“ und „Dein Mund hat mich nach der Uhrzeit gefragt“ oder „Deine Hand hat die Schlaufe zu fest gezurrt“.</p>
<p>Die Uhr zeigt den falschen Zeigerstand an. Es ist sinnlos zu fragen, ob sie nicht auch den richtigen Zeigerstand hätte anzeigen können. Wenn du dagegen dich bei der Multiplikation vertust und ein falsches Ergebnis an die Tafel schreibst oder in die Rechnung einträgst, kann ich dich getrost fragen, ob du nicht das richtige Ergebnis hättest errechnen und aufschreiben können. Denn wenn du in der Lage bist, Fehler zu begehen und dich zu verrechnen, kann ich dir auch die Fähigkeit unterstellen, keinen Fehler zu machen und auf das richtige Ergebnis zu kommen.</p>
<p>Wenn du die Rechnung ausführst und es unterläuft dir ein Fehler, passieren doch in deinem Hirn zigtausend Dinge – wir sehen es ja auf dem Bildern der bildgebenden Hirn-Scan-Verfahren, wo Hirnaktivität stattfindet und wo nicht, wir haben gute Annahmen über die neuronale Repräsentanz der mentalen Aktivitäten, die wir mehr oder weniger bewusst ausführen, und sprechen vom Input und Output und der Informationsverarbeitung durch die neuronalen Netze und Schaltkreise unseres Gehirns. Warum sollten wir denn nicht annehmen, dass in einem solch komplexen Netzwerk wie dem des Gehirns ein Fehler auftreten könne?</p>
<p>Du kannst mit Kaffee und Tee, von anderen Stimulantien zu schweigen, deine Hirnaktivität auf Trab bringen, schneller rechnen und deine Aufmerksamkeit so weit steigern, dass du Fehler vermeidest, die dir im ermüdeten Zustand unterlaufen wären. Aber die Fehler, die du vermeidest, und die Fehler, die du begehst, sowie die richtigen Rechenergebnisse, auf die du Schritt für Schritt kommst, entstehen nicht aufgrund von Pannen und Systemausfällen beziehungsweise dank reibungsloser Funktionsabläufe der großen Maschine namens Hirn, sondern aufgrund eines Versehens wie einer falschen Annahme und irrtümlichen Anwendung von Formeln und Kalkülen beziehungsweise der richtigen Annahme und korrekten Anwendung von Formeln und Kalkülen – im ersten Falle hast du zum Beispiel einfach addiert, wo du hättest subtrahieren sollen, oder du hast die binomische Formel falsch angewandt.</p>
<p>Wenn dein Rechenapparat unterhalb der Kalotte eine Panne hat, verrechnest du dich natürlich genauso wie im Falle des Fehlers, den du begangen hast. Doch über die Panne bist du verdutzt, erschrocken oder verzweifelt und weißt dir keinen Rat – zur Not musst du als Schlaganfallpatient schnellstmöglich in die Notaufnahme der nächsten Klinik. Über den Fehler, den du nicht das erste Mal bei der Rechnung hingelegt hast, ärgerst du dich – doch kannst du dir mit einiger Mühe klarmachen und erklären, wie er zustande kam. Alsdann gibst du dir einen Stoß und beginnst die Rechnung erneut, mit heikler Aufmerksamkeit an der Stelle, wo es wieder einreißen könnte.</p>
<p>Außerdem pflegen wir dir keinen Vorwurf daraus zu machen und dich deswegen zu tadeln, weil du die Rechnung fatalerweise aufgrund eines plötzlichen Hirnschlags hast nicht korrekt ausführen können, sondern fehlerhaft stehen lassen musstest. Im Gegenteil, wir werden, solltest du uns nahestehen, Anteil an deinem Schicksal nehmen und dich bemitleiden. Dagegen pflegen wir zumindest den Schüler, der sich nicht ausreichend auf den Hosenboden gesetzt und die Aufgaben wiederholt hat, zu tadeln, weil er uns wieder mit demselben Fehler kommt. Dieses Mal gedenken wir ihn dafür zu strafen und ihn mit einer zusätzlichen Übungsaufgabe vom Spiel im sonnigen Nachmittag fernzuhalten. Pannen und Störungen kausaler Natur werden nicht zugerechnet, bedürfen keiner Rechtfertigung oder erklärenden Begründung. Fehler werden zugerechnet und können getadelt, ihr Vermeiden kann belobigt werden.</p>
<p>Wir sagen, der Schüler könne die Rechenaufgabe durchaus lösen, er sei zwar dazu in der Lage, aber nicht willens, es zu tun, es fehlten ihm der gute Wille und Antrieb. Auch dieses Verhalten pflegen wir zu tadeln, doch handelt es sich dabei nicht um einen zurechenbaren Fehler aufgrund mangelnder Übung oder mangelnden Fleißes, sondern um ein moralisches Versagen aufgrund einer Charakterschwäche, die ungenügende oder verfehlte Erziehung auf dem Gewissen haben mag.</p>
<p>Mentale Pannen haben Ursachen organisch-neurologischer Natur, die wir uns nicht recht erklären können und für die wir uns nicht zu verantworten oder zu rechtfertigen haben. Fehler gehen auf unser Konto, wir können ihre Entstehung meist gut nachvollziehen und rekonstruieren, vor allem aber müssen wir für sie geradestehen – seien es Rechenfehler oder moralische Vergehen. Unseren Fehlern sei Dank – sie zeigen uns: Wir sind nicht die Sklaven unserer Hirnaktivitäten, sondern unter den gemischten Bedingungen dieses sublunaren Daseins bewusste und unserer selbst bewusste Lebewesen, die Wahres von Falschem, Richtiges von Unrichtigem und Sinnvolles von Unsinnigem unterscheiden und mit Absicht tun oder lassen können, was immer wir tun oder lassen wollen.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIX</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Sep 2013 13:49:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn und Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxix/">Philosophieren XXXIX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in deinem Knie einen Bänderriss. – Der Demente erkannte sich im Spiegel nicht wieder.</p>
<p>Deine Freundin küsst wohl deine Hand, aber sie schaut nicht deine Hand dankbar an, sondern dir zärtlich in die Augen. – Das Kind handelt so, als sei der Stuhl ein lebendiges Wesen, dem man Absichten und gerade auch böse Absichten zu unterstellen pflegt – es handelt im Prinzip richtig, nur en detail falsch. – Wir zögern beim pietätvollen Umgang mit den Toten, an welcher Stelle wir sie gleichsam im Persönlichen festhalten oder ins Unpersönliche abgleiten lassen wollen. – Der Arzt weist uns auf das Verständnis unseres verkörperten Seins hin, indem er nicht sagt: „Ihr Knie ist krank“, sondern etwa: „Sie sind am Knie erkrankt“ oder schlicht „Sie leiden an einem Bänderriss am Knie.“ Der Arzt sagt nicht: „Ich werde ihren Magen operieren“, sondern „Ich werde Sie am Magen operieren.“ – Der Demente erkennt seinen Körper im Spiegel nicht mehr als seinen Körper, weil er seinen Körper nicht mehr als den seinen wahrnimmt.</p>
<p>Dein Bekannter hält dich am Ärmel fest, zeigt mit der Hand auf die andere Straßenseite und sagt: „Schau mal, ist dies nicht Frau P.?“ Zeigt er dabei auf die Stelle, die mit der Verwendung des Demonstrativums „dies“ bedeutet und gemeint ist? Welche Stelle könnte das sein? Ist es die Raumstelle, die von dem Körper der Frau P. vollständig ausgefüllt wird? Aber dann könnte man die Ausdrücke „dies“ und „dieser Körper“ schlicht gegeneinander austauschen und dein Bekannter könnte genauso gut sagen: „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“</p>
<p>Warum klingt diese Frage so merkwürdig, bizarr und ungelenk in unseren Ohren? Warum finden wir auf Anhieb keine rechte Normalverwendung für einen solchen Satz? Oder würden wir etwa mit dem Wissen, da drüben wandle Frau P. am hellichten Tage wieder einmal im Schlaf, etwa sagen „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“ Nicht einmal in einem solchen Ausnahmefall würden wir dies wohl über die Lippen bringen.</p>
<p>Warum lassen sich die Personalpronomina ich und du und er und sie nicht einfach ersetzen durch die Ausdrücke „mein Körper“, „dein Körper“, „sein Körper“ oder „ihr Körper“? Etwa weil das mit den Personalpronomina Gemeinte, also die jeweilige Identität der angesprochenen Personen, ein unkörperliches Etwas, ein im Körper verborgenes rätselhaftes Wesen genannt Seele oder Geist wäre, das sich von außen und von den anderen nicht erfassen lässt, sondern auf intime und unmittelbare Weise nur dem „Inhaber“ zugänglich und verständlich wäre?</p>
<p>Wir fragen uns weiter in die Irre: Ist dieses ominöse Etwas nicht das, was in uns denkt – sind doch auch die Gedanken körperlos, ortlos, zeitlos? Wie ist dieses Ego Cogito bloß mit dem singulären Körper verbunden, wenn es unräumlich ist, also eigentlich keinen Raum einnehmen und keinem Körper einwohnen kann? Steht es dennoch einem bestimmten Organ besonders nahe, etwa der Milz, der Leber, dem Herzen oder dem Gehirn?</p>
<p>Oder sollen wir, abgestoßen von all dem metaphysischen Gespensterdasein und verführt durch die knallharten Fakten der Neurowissenschaften, in die entgegengesetzte Irre gehen und den vom Ego Cogito heimgesuchten Körper zum alten Eisen werfen und die Identität der Frau P. zum Produkt der neuronalen Leistungen ihres Gehirns erklären? Würde dein Bekannter denn nunmehr auf die andere Seite der Straße zeigen und ausrufen: „Schau mal, ist dies nicht das Gehirn der Frau P., das mit ihrem Körper spazieren geht?“</p>
<p>Worauf dein Bekannter zeigt, wenn er mit dem Finger auf Frau P. weist, ist weder ein Körper, dem wir eine zentral steuernde, denkende Instanz namens Seele oder Geist andichten und verpassen müssten, noch ein von der steuernden Instanz des Gehirns die Straße entlang geführter Körper (Woher wüssten wir denn in diesem Falle, dass es eben der Körper der Frau P. ist?), sondern die Person Frau P., die als vollständig verkörpertes Lebewesen von ihrem lebendigen, empfindenden, fühlenden, denkenden Organismus unabtrennbar ist – und diese Weise, vom Körper nicht abtrennbar zu sein, hat nicht den Rang einer Tatsache, sondern stellt eine begriffliche Grenze dar. Wir sagen etwas unbeholfen: Der Begriff der Person kann nicht ohne den Körper gedacht werden, den wir mit dieser Person allenthalben verbinden. Verkörpert zu sein ist so etwas wie die notwendige Eigenschaft von Personen.</p>
<p>Und wenn du gar nichts mehr fühlst und denkst, ohne tot zu sein, sondern dich im Tiefschlaf befindest oder ohnmächtig bist, bist du dann nicht bloß ein Körper und nichts ist auffindbar, was du da wohl verkörperst? Ich würde immer noch sagen: „Mein Freund ist in Tiefschlaf versunken“ oder „Mein Freund ist ohnmächtig geworden“ und nicht „Der Körper meines Freundes schläft oder ist ohnmächtig“. Denn die Möglichkeit, dass du aus dem Tiefschlaf oder der Ohnmacht erwachst, gehört zu dem Repertoire an Möglichkeiten, die dein selbstbewusstes Leben als Person ausmachen, auch wenn du in solchen virtuellen Schrumpfstufen des Daseins deiner selbst gerade nicht bewusst bist. Dies gilt auch für die Fälle psychiatrisch klassifizierbarer Abweichungen vom normalen Verhalten und Bewusstsein. Der Faden kann gleichsam abbrechen und seine Enden eine Weile in der Luft baumeln – solange die Möglichkeit besteht, dass eine gute Fee oder eher wohl die Verabreichung antipsychotischer Medikamente die losen Enden wieder verbindet, geben wir die Zuschreibung des Personseins an den Betroffenen nicht auf.</p>
<p>Das bewusste Leben der Person ist ein Kontinuum mehr oder weniger intensiver oder schwacher Empfindungen, mehr oder weniger deutlicher oder verschwommener Gefühle und mehr oder weniger präziser oder diffuser Gedanken, das sich von der Geburt bis in den Sterbeprozess hinzieht. Ich spreche dir nicht bloß in den Fällen ein leib-beseeltes Dasein zu, in denen es mir leichtfällt, deine Empfindungen, Gefühle und Einstellungen aus deinem Benehmen und Gebaren zu ersehen, wie dass du glücklich bist aus deiner entspannten Haltung und deinem sanften Lächeln oder dass du unglücklich bist aus deiner verkrampften Haltung und deinem stieren Blicken. Auch wenn du in eine katatonische Starre fielest und ich nicht einmal zu ahnen vermöchte, was in dir vorgeht, bleibst du die Person von vorhin, wie sich nach Beendigung des Anfalles herausstellen wird.</p>
<p>Dein Bekannter hat dich auf Frau P. hingewiesen, und da ihr euch kennt, gehst du gerne auf sie zu und befragst sie nach ihrem Befinden und momentanen Vorhaben. Sie wird vielleicht antworten, sie müsse eine Besorgung machen, zum Beispiel sich in der Apotheke durch Vorlage eines Rezepts ein ihr verordnetes Medikament besorgen. Frau P. hat dir damit ihre Absicht mitgeteilt, die dir zur Erklärung ihres Verhaltens, nämlich über die Straße gegangen zu sein, vollkommen hinreicht. Natürlich wirst du Frau P. für die richtige und erfolgreiche Ausführung ihrer Absicht mittels des beobachteten Verhaltens die wahre Überzeugung unterstellen dürfen, dass es notwendig sei, mit dem Rezept bewaffnet die Wohnung zu verlassen und da sie keine Flügel hat sich ihrer Beine zu bedienen und sich auf der Straße in Richtung Apotheke zu begeben. Die Wahrheit dieser Überzeugungen ist wiederum verknüpft mit der Wahrheit der Überzeugungen, dass Frau P. die Öffnungszeiten der Apotheke zu beachten hat, dass sie das Rezept vor Ort aus der Tasche ziehen und dem Apotheker überreichen muss. Und die Wahrheit all dieser Überzeugungen ist gleichsam unterirdisch oder auf der Rückseite des Teppichs mit basalen Wahrheiten der Art verknüpft, dass Frau P. getrost den Fuß auf den Bordstein setzen kann ohne dank des Wirkens der Gravitationskraft Gefahr zu laufen, in die Lüfte zu entschweben.</p>
<p>Der semantisch geknüpfte Teppich aus Überzeugungen und Absichten ist das, was Lebewesen als Personen beseelt. Das fortgesetzte Knüpfen, aber auch das stellenweise Wiederauflösen und Neuknüpfen des semantischen Teppichs geschieht ein Leben lang und umfasst das, was wir das intentional-bewusste Leben der Person nennen. Die Ausführung deiner Absicht kann scheitern, vielleicht aus dem einfachen Grund, weil dich eine falsche Überzeugung in die Irre geführt hat, und du wähntest, das Medikament in der Apotheke ohne Rezept erhalten zu können.</p>
<p>Und wenn du nicht nur mit einer Überzeugung falsch lägest, sondern mit vielen oder gar mit allen? Und wenn du, wieso dann nicht auch ich, und wenn du und ich, wieso dann nicht alle? Lebten wir dann nicht in einer Scheinwelt oder Traumwelt, in der alles wie in einem Film sich abspielte, für den es kein Skript und keinen Plot gäbe, den nicht einmal ein verantwortlicher Regisseur gedreht hätte? Wäre dies aber so, und alle deine Überzeugungen wären falsch, wähntest du beispielweise, über die Brüstung des Balkons deiner Wohnung im 5. Stock gelehnt, du könntest fliegen – und lebtest also nicht mehr.</p>
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		<title>Philosophieren XXXVII</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Sep 2013 10:12:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Common Sense]]></category>
		<category><![CDATA[Phänomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Als käme am Ende alles zutage. Als würde sich der Horizont zuletzt noch lichten. Als lebten wir hier wie unter Schatten, aber am Ende zeigte sich uns das wahre Gesicht der Dinge. Als könnten wie jetzt bloß die Oberfläche der Dinge ertasten, dann aber streiften sie die verhüllende Haut ab und zeigten ihr echtes, unverfälschtes [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxvii/">Philosophieren XXXVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Als käme am Ende alles zutage. Als würde sich der Horizont zuletzt noch lichten. Als lebten wir hier wie unter Schatten, aber am Ende zeigte sich uns das wahre Gesicht der Dinge. Als könnten wie jetzt bloß die Oberfläche der Dinge ertasten, dann aber streiften sie die verhüllende Haut ab und zeigten ihr echtes, unverfälschtes Wesen. Als wäre dies Leben ein Traum, das wahre Leben aber läge jenseits der Schwelle des endlichen Erwachens.</p>
<p>Nun kennen wir uns schon eine Weile. Und noch eine gute Weile braucht es, damit wir uns noch besser kennenlernen. Ist dies nicht der gewöhnliche Lauf der Dinge, dass wir mit der Zeit, in Windungen und Wendungen, mal ungehindert, mal über Stock und Stein, unser Wissen ansammeln, unsere Erfahrungen machen? Gewiss gehört dazu, eine scheinbare Erkenntnis, wie dass du aus Norddeutschland stammtest, wie ich deiner akzentfreien Aussprache wegen annahm, zu revidieren, nachdem wir zufällig im Gespräch auf Orte deiner wahren Herkunft aus dem Rheinland gekommen sind.</p>
<p>Freilich, jedes Ding hat zwei Seiten, oder vielmehr viele. Und gewiss, Fassaden können täuschen und blenden, doch wir lassen uns keinen Bären mehr aufbinden und schauen nicht nur auf die aufgehübschte Vorderseite, sondern inspizieren auch den verdreckten Hinterhof.</p>
<p>Wir müssen Zeit aufwenden und Geduld, um allmählich hinter die Dinge zu kommen. Es ist nicht damit getan, in einem Husch und Nu auf ein auffälliges Gesicht zu glotzen und wie die Kinder auszurufen: „Schau mal, ein Chinese!“</p>
<p>Wir treffen uns jetzt schon geraume Zeit und haben bereits etliche Einzelzüge unserer Art, zu reden und zu handeln, Einzelzüge unserer Art, auf Äußerungen und Situationen zu reagieren, also das, was man Charakterzüge nennt, kennengelernt. Du bist geduldig, wenn es darum geht, meinen langatmig dozierenden Ausführungen über Gott und die Welt anzuhören. Du bist von sanfter, nachgiebiger, aber dafür auch sehr empfindlicher Natur und reagierst leicht pikiert, wenn du den Eindruck hast, die dir gebührende Aufmerksamkeit würde dir auf ungeziemende Weise entzogen. Sicher muss ich darauf gefasst sein, in Situationen erhöhter Spannung oder Gefahr auf Züge deines Charakters und auf Verhaltensweisen zu stoßen, die bisher unter der Decke deines gewöhnlichen Benehmens verhüllt waren.</p>
<p>Aber sollte ich annehmen, dass du am Ende der Tage dir die Maske vom Gesicht reißen und dein wahres Gesicht zeigen wirst? Und wie sollte dies aussehen? Könnte es denn völlig verschieden sein von den mir bisher bekannten Zügen und Mienen der Aufmerksamkeit, der besorgten Teilnahme, des träumerischen Nachsinnens, der freundlicher Zuneigung und der lächelnder Beglückung?</p>
<p>Wir erwachen, schütteln den Schlaf von uns ab und knüpfen mehr oder weniger eben und gelenkig unseren alltäglichen Lebensfaden an der Stelle an, an der wir ihn gestern lose in den Schlaf haben gleiten lassen. Wir stillen unsere Bedürfnisse nach Reinlichkeit, Wärme, Nahrung. Die Tasse, die wir dummerweise haben fallen lassen, schwebt nicht an die Decke, sondern geht am Boden zu Bruch. Die Wolken ziehen hoch oben, das Gebirge blaut in der Ferne. Wir weichen dem Fahrradfahrer aus, denn wir vermeiden den Aufprall schwerer Gegenstände auf unser fragiles Leben. Einige Kollegen sind schon an ihren Arbeitsplätzen im Büro, du begrüßt den einen oder die andere und wünschst einen schönen Tag, und auch du fährst jetzt den PC hoch und checkst deine E-Mails.</p>
<p>Dass wir bedürftige Lebewesen sind, die ihr Leben auf den sozialen Zusammenhalt stützen, dass natürliche Gesetze unser Dasein determinieren und daher schwere Dinge zu Boden fallen oder uns bei einem Unfall gefährden, dass wir eine zeitlang hienieden weilen, dann aber nicht mehr – all das und noch viel mehr wissen wir, haben wir erfahren, haben wir uns gemerkt. Es ist ein metaphysischer Unsinn zu wähnen, dass all unsere Erfahrungen auf einer systematischen Täuschung und einem diabolischen Schwindel beruhten, der am Ende der Tage von einem apokalyptischen Ereignis beiseitegefegt werden würde.</p>
<p>Dies gilt auch im Kleinen: Die Sachen und Menschen und Ereignisse tragen keine Masken, die ihr Dasein zu dem von bloßen Phänomenen herabstufen würden, hinter denen sich ihr eigentliches Wesen verbürgte. Alles in allem genommen, nehmen wir die Dinge so wahr, wie sie sind. Und in allem ist die Zeit die große Lehrmeisterin. Denn Wahrnehmen, Lernen, Einsehen sind Prozesse, die von vielen Einzelzügen des Aufmerkens und Erinnerns, des erneuten Beobachtens und Revidierens begleitet werden.</p>
<p>Wie, das verborgene Wesen der Dinge besteht aus chemischen Elementen, aus Molekülen oder Quarks? Wie, das wahre Wesen von Wasser besteht nicht aus diesem trinkbaren Nass, sondern aus der Synthese der chemischen Elemente Wasserstoff und Sauerstoff? Wie, das wahre Wesen des Menschen besteht aus einem ungeheuer langen helixförmig verdrehten Doppelstrang, auf dem in systematischer Reihenfolge die Basen Adenin und Thymin oder Guanin und Cytosin angeordnet sind, mit denen das Programm des Aufbaus des menschlichen Organismus gesteuert wird? Wie, wenn wir mit unserer bescheidenen natürlichen Sensorik nicht in der Lage sind, ohne Hilfsmittel oder theoretische Annahmen chemische Elemente oder Moleküle oder Quarks oder Stücke der DNA zu identifizieren und aufzudecken, können wir das Wesen der Dinge nicht wahrnehmen, nehmen sie also nur als Oberflächenphänomene wahr?</p>
<p>Wie, wir kleinen Alltagsmenschen müssen uns mit den Phänomenen abspeisen lassen, während die Gelehrten, die Experten, die Wissenschaftler am Ding an sich werkeln, experimentieren und orakeln? Ist dieser Rüffel wider den Common Sense und die schlichte Wahrheit unseres Erlebens nicht vergleichbar der Pseudo-Folgerung, die manche aus der Tatsache des berechneten Termins des Untergangs der Erde und dieses Sonnensystems auf die Nichtigkeit und Eitelkeit all unseres Trachtens und Sinnens hienieden zu ziehen verleitet werden?</p>
<p>Wenn der Mond aus Käse wäre und das Innere der Dinge aus Rosinen oder Murmelsteinchen bestünde oder die Dinge bloße Windbeutel wären, geschnürt um ein Quentchen Vakuum – was machte dies für einen Unterschied? Gesetzt den Fall, die europäischen Lande wären seit der Renaissance nicht vom Glück gesegnet gewesen, die Blüte und die ungeheuren Erfolge der Naturwissenschaften zu erleben, wären wir dann darum zu bedauern, dass uns der Einblick in das Wesen der Dinge versagt geblieben wäre?</p>
<p>Müssen wir zu guter Letzt verstummen oder eine neue Lingua Scientiae erlernen, in der wir endlich die Dinge bei ihrem wissenschaftlich erklärten und abgeleiteten, also richtigen Namen nennen dürfen? Und müssen wir uns, weil die Wissenschaftlicher im naturalen Background unserer Absichten und Überzeugungen nicht fündig werden, einander mit Schweigen abspeisen? Muss ich deine Handbewegung, mit der du mir das geliehene Geld überreichst, als neuromechanisch generierten Akt hinnehmen, als einen Akt, der rein gar nichts bedeutet, weder das Einlösen deines Versprechens, mir das Geld heute zurückzugeben, noch als absichtsvolle Handlung, von der du voraussetzen kannst, dass ich das mit ihr Gemeinte verstehe?</p>
<p>Um zu verstehen, was du mit deiner Geste sagen willst, muss ich dir die Absicht unterstellen, dein Versprechen einzulösen und mir das geliehene Geld zurückzugeben. Du bist der Überzeugung, dass du dein Versprechen einlöst, wenn du mir das Geld zurückgibst. Um dich und deine Handlungsweise zu verstehen, muss ich dir beides, deine korrekte Absicht und deine wahre Überzeugung, unterstellen. Denn deine Überzeugung, dass du mit dieser Handlung jene Absicht verwirklichst, ist wahr.</p>
<p>Die Möglichkeit der Wahrheit oder Falschheit unserer Meinungen und Überzeugungen sowie die Möglichkeit von Erfolg oder Misserfolg bei der Verwirklichung unserer Absichten bilden das Rahmenwerk unserer alltäglichen Situationen gemeinsamen Redens und Handelns. Dieses Rahmenwerk besteht unabhängig davon, ob der Mond aus Käse oder unsere DNA aus Basen besteht. Innerhalb dieses Rahmens oder im Rahmen unseres alltäglichen Lebens erkennst du in hinreichenden Ausmaß meine Absichten, zu reden und zu handeln, unterstellst du mir rechtens die Wahrheit meiner alltäglich-trivialen Überzeugungen und nimmst du alles in allem die Dinge so wahr, wie sie sind.</p>
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		<title>Philosophieren XXX</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Aug 2013 15:18:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Begründung]]></category>
		<category><![CDATA[Irrtum]]></category>
		<category><![CDATA[Lüge]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxx/">Philosophieren XXX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der ganzen Zahl, der du ebenfalls ein Minusvorzeichen verpasst, und weil sie schon im Besitz eines solchen ist, überführst du sie demgemäß als positive Zahl auf die rechte Seite der Gleichung. Jetzt bleiben dir links 4x übrig und schon hast du mittels Division durch 4 das Endergebnis.</p>
<p>Ausgerechnet in dem Moment, als du glücklich die Zahl dem Lehrer zurufen willst, löst sich die vermaledeite Spange in deinem vollen Haarschopf und dein Gesicht ist augenblicks von Haaren verdeckt und du rufst verärgert: „Verflixte Dreizehn!“ Was ist hier passiert? Hast du nun die richtige Lösung genannt und ausgerufen, auch wenn du ein ärgerliches „verflixt“ davorgesetzt hast? Denn die richtige Lösung ist ja die Zahl 13.</p>
<p>Du hast die richtige Zahl genannt und doch hast du nicht das Wahre geäußert. Du hattest wohl die Absicht, das Wahre zu äußeren, doch dann kam dir der bekannte Ausdruck des Ärgers über die Lippen, der dir reflexhaft im Affekt dazwischenfunkte. Du hättest dir mit dem Ausruf auch einen Scherz erlauben können und damit hättest du das Wahre gesagt, denn dann hättest du die Absicht gehabt, das Wahre, eingekleidet in Scherzform, zu sagen.</p>
<p>Wenn wir eine wahre Aussage machen, müssen wir die Absicht haben, eine wahre Aussage zu machen. Haben wir nicht diese Absicht, sondern eine andere oder gar keine, sagen wir nicht das Wahre. Leider geht es nicht umgekehrt: Um das Wahre zu sagen, genügt es nicht, die Absicht zu haben, es zu sagen. Sonst wäre dem Schüler in der Klausur, der brütend auf die Gleichung mit zwei Unbekannten stiert, schnell geholfen.</p>
<p>Wenn wir das Wahre sagen, ohne zu wissen, wie wir darauf gekommen sind, und ohne die Gründe auflisten zu können, die uns berechtigen, es zu sagen, raten wir. Wie wenn du bei der genannten Gleichung nicht nachgerechnet hättest, sondern blindlings „13“ ausgerufen hättest. Damit hättest du zufällig das Wahre getroffen, aber nicht aus Gründen.</p>
<p>Solltest du genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel ein Thermometer an der Wand oder eine Uhr am Arm, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach der momentanen Zimmertemperatur oder der Zeit das Wahre sagen zu können, brauchst du nur die Einschränkungen „unter normalen Bedingungen“ und „bei voller Funktionsfähigkeit des verwendeten Messinstruments“ hinzufügen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn das Thermometer könnte beschädigt sein und die Uhr auf osteuropäische Zeit kalibriert sein. Nicht auszudenken, wenn wir in einem Raumschiff mit einer Geschwindigkeit nahe c durchs All flögen!</p>
<p>Solltest du hingegen genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel eine eingerissene Eintrittskarte für den Nachtclub und Lippenstiftflecke auf deinem Unterhemd, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach deiner Abendunterhaltung am gestrigen Tag das Wahre sagen zu können, und weil deine Freundin oder Frau es dich fragt, sagst du trotz besseren Wissens das Wahre nicht, lügst du.</p>
<p>Lügen setzt das Wissen um den wahren Sachverhalt ebenso voraus wie Raten das Nichtwissen um eben diesen Sachverhalt. Vom Lügen gilt wie vom Sagen der Wahrheit, dass du die Absicht haben musst, zu lügen, um wirklich zu lügen. Wenn du auf die Frage deiner Freundin nach deinen Abendvergnügungen das Wahre damit zu sagen glaubst, dass du bei einem Freund zu Besuch gewesen seist und mit ihm Schach gespielt habest, lügst du nicht, wenn du von diesem unzutreffenden Sachverhalt auf Grund einer geistigen Erkrankung glaubst, es sei der wahre Sachverhalt. In diesem Falle sagst du weder die Wahrheit noch lügst du das Unwahre, sondern du irrst dich.</p>
<p>Sich zu irren und irrtümlich das Unwahre zu behaupten setzt durchaus die Absicht voraus, das Wahre zu sagen: Nur bist du aufgrund einer Täuschung, einer falschen Information oder einer Wahnerkrankung daran gehindert, diese redliche Absicht in die Tat umsetzen zu können. So viele Gründe, das Wahre zu behaupten, so viele Gründe, sich zu irren. Die Sonne blendet dich kurzsichtigen Menschen und du liest die falsche Ziffer vom Thermometer ab. Du hast versehentlich die Uhr verkehrt herum angelegt und liest, weil du nach der aktuellen Zeit gefragt wurdest, statt 14 Uhr 45 die falsche Zeitangabe 8 Uhr 15 oder 20 Uhr 15 ab. Weil der Passant, der keine deutschen Touristen mag, dich auf den Arm nehmen wollte, nachdem du ihn nach dem Weg zur Kathedrale in der fremden Stadt gefragt hattest, und dich in die falsche Richtung schickte, wirst du wider Willen dasselbe tun, solltest du deinerseits gleich anschließend von einem Touristen mit dieser Frage festgehalten werden. Du belügst den Touristen nicht noch willst du ihn mit Absicht in die Irre führen. Weil du selbst einer falschen Information aufgesessen bist, erweist du dich als miserablen Informanten.</p>
<p>Hier bemerkst du die Bedeutung der Zuverlässigkeit der Informationsquelle für die Stichhaltigkeit deiner Begründungen, die du auf die Frage anführst, ob du denn das Wahre sagst. Informanten gelten uns als einigermaßen verlässliche Wahrheitszeugen, wenn sie Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens waren, um das es geht. Wenn du selbst gesehen hast, dass und wie der bekannte Schlagersänger seine Freundin auf offener Straße auf brutale Weise geohrfeigt hat, bist du bei einer staatsanwaltlichen oder richterlichen Vorladung der richtige Mann. Wenn du aber nur glaubst, den Schauspieler erkannt zu haben, dir letztlich aber nicht sicher bist, dann nicht und du solltest schweigen.</p>
<p>Wir kennen die Bedeutung der Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Quellen als ein zentrales Methodenproblem der historischen Forschung. Um wahre Aussagen über die Kirchenpolitik Karls des Großen machen zu können, müssen das Siegel auf der Schenkungsurkunde für die Gründung eines neuen Klosters auf seine Echtheit überprüft, die Handschrift als zeitgemäß und identisch mit derjenigen anderer Manuskripte derselben Zeit aus dem Umkreis des Hofs zu Aachen identifiziert und, um eine Fälschung zugunsten des Ordens auszuschließen, die Urkunde mit anderen Dokumenten derselben Zeit oder späterer Epochen verglichen werden, die die Klosteranlage als eben diese Schenkung Karls des Großen bezeugen.</p>
<p>Wie, dieses grauenhafte Verbrechen geschah erst vor drei Jahren? Und du dachtest, es wäre viel länger her. Habe ich den seltsamen Mann nach längerer Zeit vor vier oder fünf Tagen zufällig auf der Straße wiedergesehen? Und die frühen Erlebnisse deiner Kindheit, besteht bei ihnen noch Hoffnung auf wahrheitsgemäße Erinnerung und untrügliche Zeugenschaft? Wohl kaum. Oder erinnerst du dich noch an die Farbe und das Muster der Kacheln im Flur in Großmutters altem Bauernhaus, auf denen du als kleines Kind herumgerutscht bist, auf denen du Klötzchen hin- und hergeschoben und die du mit Kreide bemalt hast? Und welche Augenfarbe hatte dein Großvater?</p>
<p>Erinnerung trügt. Hier hilft nur die dokumentarische Aufzeichnung mittels Papier und Bleistift, Tastatur und Laptop, eigenhändiger Skizze oder besser noch Foto- und Filmdokumenten. Ein Foto des Schauspielers in flagranti oder eine Filmsequenz auf deinem Smartphone, und die Sache ist spruchreif. Mit Tagebüchern wiederum sind wir vorsichtig: Die meisten legen Goldgrund hinter die ärmlichen Kulissen trivialer Ereignisse oder behauchen anämischen Stillstand mit dem Rosarot romantisch aufgewühlter Erlebnisse. Ein schulisches oder berufliches Versagen wird als Versehen bemäntelt und schlechter Witterung, schlechtem Gesundheitszustand oder gleich dem bösen Willen von Lehrer und Vorgesetztem in die Schuhe geschoben. Es gibt auch säuerliche Zeitgenossen, die den Teer ihrer schäbigen Erlebnisse als Negativkitsch zum Kochen bringen. Masochistische Wundenlecker zeihen sich seitenlang übler Vergehen, die zu begehen sie viel zu feige sind, oder bezichtigen sich kapitelweise ehrloser Taten, die sie aus Filmen oder Comics aufgeschnappt haben.</p>
<p>Die Täter großer Taten sehen sich gerne mittels selbst errichteter Monumente zur Ehre geschichtlicher Größe erhoben. Skeptisch geworden angesichts all der triumphalen Gesten, die uns von Podesten, Säulen und Bögen herabwinken und entgegenjubeln, vermuten wir auch in klassischen Berichten wie den Res Gestae des Augustus, dem Bellum Gallicum Caesars oder den Annalen des Tacitus die Tendenz zu Beschönigung und Heroisierung oder zu krittelnder Verdüsterung und rankünebeladenen Schattenspielen. Deshalb müssen wir tiefer graben und mit neuen Methoden und Instrumenten anderer Wissenschaften wie der Archäologie unsere Wissensbasis verbreitern. Dann finden wir in der Erbfeindin des Augustus, der letzten ägyptischen Pharaonin Kleopatra, das neue Bild einer entscheidungsklugen Herrscherin, anstelle der Barbarisierung der Kelten durch Caesar erschließen wir in der frühen keltischen Keramik den Beweis des Handels mit den Ländern des nahen Ostens und einer erstaunlichen Höhe der zivilen Kultur und anstelle des hasenfüßigen, eitlen und karikaturhaften Tiberius bei Tacitus die lichteren Züge eines gebildeten Souveräns.</p>
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