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Philosophieren XXX

16.08.2013

Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der ganzen Zahl, der du ebenfalls ein Minusvorzeichen verpasst, und weil sie schon im Besitz eines solchen ist, überführst du sie demgemäß als positive Zahl auf die rechte Seite der Gleichung. Jetzt bleiben dir links 4x übrig und schon hast du mittels Division durch 4 das Endergebnis.

Ausgerechnet in dem Moment, als du glücklich die Zahl dem Lehrer zurufen willst, löst sich die vermaledeite Spange in deinem vollen Haarschopf und dein Gesicht ist augenblicks von Haaren verdeckt und du rufst verärgert: „Verflixte Dreizehn!“ Was ist hier passiert? Hast du nun die richtige Lösung genannt und ausgerufen, auch wenn du ein ärgerliches „verflixt“ davorgesetzt hast? Denn die richtige Lösung ist ja die Zahl 13.

Du hast die richtige Zahl genannt und doch hast du nicht das Wahre geäußert. Du hattest wohl die Absicht, das Wahre zu äußeren, doch dann kam dir der bekannte Ausdruck des Ärgers über die Lippen, der dir reflexhaft im Affekt dazwischenfunkte. Du hättest dir mit dem Ausruf auch einen Scherz erlauben können und damit hättest du das Wahre gesagt, denn dann hättest du die Absicht gehabt, das Wahre, eingekleidet in Scherzform, zu sagen.

Wenn wir eine wahre Aussage machen, müssen wir die Absicht haben, eine wahre Aussage zu machen. Haben wir nicht diese Absicht, sondern eine andere oder gar keine, sagen wir nicht das Wahre. Leider geht es nicht umgekehrt: Um das Wahre zu sagen, genügt es nicht, die Absicht zu haben, es zu sagen. Sonst wäre dem Schüler in der Klausur, der brütend auf die Gleichung mit zwei Unbekannten stiert, schnell geholfen.

Wenn wir das Wahre sagen, ohne zu wissen, wie wir darauf gekommen sind, und ohne die Gründe auflisten zu können, die uns berechtigen, es zu sagen, raten wir. Wie wenn du bei der genannten Gleichung nicht nachgerechnet hättest, sondern blindlings „13“ ausgerufen hättest. Damit hättest du zufällig das Wahre getroffen, aber nicht aus Gründen.

Solltest du genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel ein Thermometer an der Wand oder eine Uhr am Arm, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach der momentanen Zimmertemperatur oder der Zeit das Wahre sagen zu können, brauchst du nur die Einschränkungen „unter normalen Bedingungen“ und „bei voller Funktionsfähigkeit des verwendeten Messinstruments“ hinzufügen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn das Thermometer könnte beschädigt sein und die Uhr auf osteuropäische Zeit kalibriert sein. Nicht auszudenken, wenn wir in einem Raumschiff mit einer Geschwindigkeit nahe c durchs All flögen!

Solltest du hingegen genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel eine eingerissene Eintrittskarte für den Nachtclub und Lippenstiftflecke auf deinem Unterhemd, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach deiner Abendunterhaltung am gestrigen Tag das Wahre sagen zu können, und weil deine Freundin oder Frau es dich fragt, sagst du trotz besseren Wissens das Wahre nicht, lügst du.

Lügen setzt das Wissen um den wahren Sachverhalt ebenso voraus wie Raten das Nichtwissen um eben diesen Sachverhalt. Vom Lügen gilt wie vom Sagen der Wahrheit, dass du die Absicht haben musst, zu lügen, um wirklich zu lügen. Wenn du auf die Frage deiner Freundin nach deinen Abendvergnügungen das Wahre damit zu sagen glaubst, dass du bei einem Freund zu Besuch gewesen seist und mit ihm Schach gespielt habest, lügst du nicht, wenn du von diesem unzutreffenden Sachverhalt auf Grund einer geistigen Erkrankung glaubst, es sei der wahre Sachverhalt. In diesem Falle sagst du weder die Wahrheit noch lügst du das Unwahre, sondern du irrst dich.

Sich zu irren und irrtümlich das Unwahre zu behaupten setzt durchaus die Absicht voraus, das Wahre zu sagen: Nur bist du aufgrund einer Täuschung, einer falschen Information oder einer Wahnerkrankung daran gehindert, diese redliche Absicht in die Tat umsetzen zu können. So viele Gründe, das Wahre zu behaupten, so viele Gründe, sich zu irren. Die Sonne blendet dich kurzsichtigen Menschen und du liest die falsche Ziffer vom Thermometer ab. Du hast versehentlich die Uhr verkehrt herum angelegt und liest, weil du nach der aktuellen Zeit gefragt wurdest, statt 14 Uhr 45 die falsche Zeitangabe 8 Uhr 15 oder 20 Uhr 15 ab. Weil der Passant, der keine deutschen Touristen mag, dich auf den Arm nehmen wollte, nachdem du ihn nach dem Weg zur Kathedrale in der fremden Stadt gefragt hattest, und dich in die falsche Richtung schickte, wirst du wider Willen dasselbe tun, solltest du deinerseits gleich anschließend von einem Touristen mit dieser Frage festgehalten werden. Du belügst den Touristen nicht noch willst du ihn mit Absicht in die Irre führen. Weil du selbst einer falschen Information aufgesessen bist, erweist du dich als miserablen Informanten.

Hier bemerkst du die Bedeutung der Zuverlässigkeit der Informationsquelle für die Stichhaltigkeit deiner Begründungen, die du auf die Frage anführst, ob du denn das Wahre sagst. Informanten gelten uns als einigermaßen verlässliche Wahrheitszeugen, wenn sie Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens waren, um das es geht. Wenn du selbst gesehen hast, dass und wie der bekannte Schlagersänger seine Freundin auf offener Straße auf brutale Weise geohrfeigt hat, bist du bei einer staatsanwaltlichen oder richterlichen Vorladung der richtige Mann. Wenn du aber nur glaubst, den Schauspieler erkannt zu haben, dir letztlich aber nicht sicher bist, dann nicht und du solltest schweigen.

Wir kennen die Bedeutung der Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Quellen als ein zentrales Methodenproblem der historischen Forschung. Um wahre Aussagen über die Kirchenpolitik Karls des Großen machen zu können, müssen das Siegel auf der Schenkungsurkunde für die Gründung eines neuen Klosters auf seine Echtheit überprüft, die Handschrift als zeitgemäß und identisch mit derjenigen anderer Manuskripte derselben Zeit aus dem Umkreis des Hofs zu Aachen identifiziert und, um eine Fälschung zugunsten des Ordens auszuschließen, die Urkunde mit anderen Dokumenten derselben Zeit oder späterer Epochen verglichen werden, die die Klosteranlage als eben diese Schenkung Karls des Großen bezeugen.

Wie, dieses grauenhafte Verbrechen geschah erst vor drei Jahren? Und du dachtest, es wäre viel länger her. Habe ich den seltsamen Mann nach längerer Zeit vor vier oder fünf Tagen zufällig auf der Straße wiedergesehen? Und die frühen Erlebnisse deiner Kindheit, besteht bei ihnen noch Hoffnung auf wahrheitsgemäße Erinnerung und untrügliche Zeugenschaft? Wohl kaum. Oder erinnerst du dich noch an die Farbe und das Muster der Kacheln im Flur in Großmutters altem Bauernhaus, auf denen du als kleines Kind herumgerutscht bist, auf denen du Klötzchen hin- und hergeschoben und die du mit Kreide bemalt hast? Und welche Augenfarbe hatte dein Großvater?

Erinnerung trügt. Hier hilft nur die dokumentarische Aufzeichnung mittels Papier und Bleistift, Tastatur und Laptop, eigenhändiger Skizze oder besser noch Foto- und Filmdokumenten. Ein Foto des Schauspielers in flagranti oder eine Filmsequenz auf deinem Smartphone, und die Sache ist spruchreif. Mit Tagebüchern wiederum sind wir vorsichtig: Die meisten legen Goldgrund hinter die ärmlichen Kulissen trivialer Ereignisse oder behauchen anämischen Stillstand mit dem Rosarot romantisch aufgewühlter Erlebnisse. Ein schulisches oder berufliches Versagen wird als Versehen bemäntelt und schlechter Witterung, schlechtem Gesundheitszustand oder gleich dem bösen Willen von Lehrer und Vorgesetztem in die Schuhe geschoben. Es gibt auch säuerliche Zeitgenossen, die den Teer ihrer schäbigen Erlebnisse als Negativkitsch zum Kochen bringen. Masochistische Wundenlecker zeihen sich seitenlang übler Vergehen, die zu begehen sie viel zu feige sind, oder bezichtigen sich kapitelweise ehrloser Taten, die sie aus Filmen oder Comics aufgeschnappt haben.

Die Täter großer Taten sehen sich gerne mittels selbst errichteter Monumente zur Ehre geschichtlicher Größe erhoben. Skeptisch geworden angesichts all der triumphalen Gesten, die uns von Podesten, Säulen und Bögen herabwinken und entgegenjubeln, vermuten wir auch in klassischen Berichten wie den Res Gestae des Augustus, dem Bellum Gallicum Caesars oder den Annalen des Tacitus die Tendenz zu Beschönigung und Heroisierung oder zu krittelnder Verdüsterung und rankünebeladenen Schattenspielen. Deshalb müssen wir tiefer graben und mit neuen Methoden und Instrumenten anderer Wissenschaften wie der Archäologie unsere Wissensbasis verbreitern. Dann finden wir in der Erbfeindin des Augustus, der letzten ägyptischen Pharaonin Kleopatra, das neue Bild einer entscheidungsklugen Herrscherin, anstelle der Barbarisierung der Kelten durch Caesar erschließen wir in der frühen keltischen Keramik den Beweis des Handels mit den Ländern des nahen Ostens und einer erstaunlichen Höhe der zivilen Kultur und anstelle des hasenfüßigen, eitlen und karikaturhaften Tiberius bei Tacitus die lichteren Züge eines gebildeten Souveräns.

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