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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Psychose</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft X</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Aug 2014 15:15:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-x/">Auf den Spuren der Vernunft X</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du dich in einem ernsthaften Gespräch befindest, bist du durch die meisten deiner Äußerungen gebunden und verpflichtet, nach deinem Vermögen vernünftig zu reden. Dich bindet der Anspruch des Hörers, das von dir Gesagte verstehen zu können und durch das von dir Mitgeteilte ein bisschen besser orientiert und informiert zu werden. Dich verpflichtet deine Verantwortung angesichts der Ansprüche des Hörers dazu, das zu sagen, was du für wahr hältst, und es so zu sagen, dass er es gut versteht oder zumindest nicht missversteht, das heißt, ohne ihn mit mehrdeutigen, selbstverliebt-enigmatischen und weitschweifigen oder kurzatmigen Ausführungen zu irritieren, zu behelligen und zu langweilen.</p>
<p>Warum sollte denn dein Gegenüber davon ausgehen, dass du im Regelfall ihn mit deinen Reden nicht hinters Licht führst, sondern ihm klipp und klar, ohne Umstände reinen Wein einschenkst und als wahr behauptest, was du für wahr erachtest? Hier berühren wir den Grund unserer Lebensweise und können nur sagen: So machen es du und ich im Regelfalle, weil wir menschliche Wesen sind und unter Menschen Vertrauen das höchste Gut darstellt, falls man ein gedeihliches und verträgliches Zusammenleben einem Leben unter Argwohn und Zwist vorzieht. Und hier hat die Natur unserer menschlichen Lebensform vorgesorgt und auf die Sprünge geholfen: Neigt sich doch das Kind mit unbedingtem Zutrauen und Vertrauen seinen natürlichen Lehrern und ersten Für- und Vorsprechern, den Eltern, entgegen.</p>
<p>Würden wir uns immerzu verbal foppen und an der Nase herumführen oder würden wir unser Reden immerzu für unverbindliche Verlautbarungen eigenbezüglicher Ideen, wilder Assoziationen und Traumgedanken brauchen, wären weder Haus noch Tempel gebaut, kein Acker bestellt und kein Orchester gegründet, von computergesteuerten Kommunikationssystemen, Raumfahrtprogrammen oder Großkliniken und tausend anderen Technologien und Errungenschaften, die der Kooperation der sich mit- und untereinander oft schwer tuenden Menschen erwuchsen, zu schweigen.</p>
<p>Alle Kooperation beruht auf dem Urfaktum, dass ich verstehe, was du mit deiner verbalen oder schriftlichen Mitteilung mir zu verstehen gibst. Oder vorsichtiger formuliert: dass ich mich zu verstehen bemühe, was du mir sagen willst. Dabei vertraue ich darauf, dass du mich nicht systematisch irreleitest, sondern mich im Normalfall nach deinen Möglichkeiten und im Lichte deiner Einsichten in die Lage mit den gewünschten Informationen ausstattest.</p>
<p>Wer ständig und ohne Not das Vertrauen, die Gutwilligkeit und Kooperationsbereitschaft der Mitmenschen missbraucht, verschwendet sinnlos und unvernünftigerweise das ihm gleichsam seit und mit Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft mitgegebene symbolische Kapital an Vertrauen, den Vertrauensvorschuss, mit dem jedermann mittels gemeinschaftsförderlichen Engagements – und das heißt im Normal- und Durchschnittsfall durch Arbeiten und Dienste aller Art – zu wuchern aufgefordert ist.</p>
<p>Sprechen impliziert demnach, sich ursprünglich zu verpflichten und den sprachlichen und sprachgemeinschaftlichen Normen der Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Bedeutsamkeit und Klarheit zu huldigen. Aufgrund der menschheitsbegründenden Tatsache, dass wir sprechen, sind wir in das normative Abenteuer der Vernunft verstrickt und können uns nicht als faule Beobachter und vornehme Ästheten an den Rand des Spielfelds stellen.</p>
<p>Wir können uns des normativen Drucks der Sprache der Vernunft und der Vernunft der Sprache nicht dadurch entledigen, dass wir uns als Puppen eines mirakulösen Spiels in der Hand launischer Götter oder als Projektionen neurochemischer Prozesse unseres Gehirns und unseres Organismus ansehen und definieren und solcherart alles Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft mit einem Schlag uns vom Halse zu schaffen und als bloßes Gerede abzutun wähnen. Müssten wir dieses Falls unser Reden von Verbindlichkeit, Verantwortung und Vernunft aber nicht auf verbindliche Weise mittels des verantwortungsvollen Gebrauchs unserer Vernunft eben als unverbindliches, unverantwortliches und unvernünftiges Gerede erweisen? Sehen wir nicht in diesem Nebel die dicken Schwaden, die aus des Teufels Küche dringen?</p>
<p>Wir sahen, wie die Psychose die normative Kraft der Sprache schwächt und in vielen Episoden der Krankheit aufhebt: Der Kranke erkennt die Absicht des Sprechers nicht oder verkennt und missdeutet sie in einem Grade, der die Kommunikation unterhöhlt, wenn er die Absichten ihm gewogener Sprecher paranoide verbiegt; der Kranke irrt in der Unterscheidung von intentionalen und kausalen Quellen der Kundgabe und Information, wenn er das Hundegebell als Warnung versteht und das geistesabwesende Lächeln des Kollegen als Ankündigung des nahen Todes; der Kranke verheddert sich in semantische und pragmatische Inkonsistenzen, wenn er etwas akzeptiert oder behauptet, von dessen Nichtexistenz oder Falschheit er eigentlich oder eben noch überzeugt war, oder etwas leugnet, das ihm offenkundig vor Augen schwebt.</p>
<p>Wir können in Anlehnung an das Gesagte annehmen, der Kranke habe das symbolische Kapital des Vertrauens vor der Zeit verbraucht, oder wir müssen angesichts der erblichen Disposition zur Krankheit konzedieren, es sei ihm zu spärlich davon mitgegeben worden. Jedenfalls scheint die Psychose viele Kranke mit Misstrauen, Angst und Argwohn zu vergiften und die Quellen guten Mutes, die unser Gemeinschaftsgefühl stärken und unsere Dialogfähigkeit auffrischen, in einem Maße zu vergiften, dass Verstummen, Erstarren, Teilnahmslosigkeit und Apathie um sich greifen.</p>
<p>Sicher wäre die Liebe die große Macht, das zerrissene Band des Vertrauens wieder anzuknüpfen und die vor Schrecken oder Verzweiflung erstarrte Zunge zu lösen; indes ist diese Macht nicht umsonst die himmlische genannt, lässt sie sich doch wie alles, was von oben kommt, nicht verordnen und häppchen- oder löffelweise verabreichen. Der Arzt ist gehalten, nüchtern seine Pflicht zu tun, er kann sein Erbarmen selten einmal mit in Schwingung bringen. Woher denn Liebe, wenn der Flügel des Engels nicht streift?</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft IX</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Aug 2014 16:41:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[kontextuelle Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-ix/">Auf den Spuren der Vernunft IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sahen, dass Wahninhalte nicht unvernünftig sind, denn sie wurzeln als basale Inhalte unserer Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen in der Struktur unserer Lebensform. Patienten, die diese Inhalte zu Zwecken ihrer Handlungen machen, können wir verstehen, indem wir ihre intentionalen Zustände, eben Wünsche, Ängste und Absichten sowie die aus ihnen gemäß dem Schema der praktischen Vernunft folgenden Handlungsvollzüge verstehen. Wir können dies aber nur unter der Bedingung, dass wir solche Patienten und Wahnkranke als vernunftbegabte Personen ansehen: Sie mögen unvernünftig handeln und uns unvernünftig erscheinen, doch sind sie nicht vernunftlos.</p>
<p>Wenn jemand Nachstellungen befürchtet und sich von Feinden verfolgt weiß, denen er sich unterlegen fühlt, und aus diesem Grund Vorkehrungen trifft, die Nachstellungen zu umgehen und den Verfolgern zu entrinnen, handelt er nach einem allgemeinen Schema der praktischen Vernunft, das besagt: Wenn du von übermächtigen Feinden verfolgt wirst, suche ein sicheres Versteck auf. Der springende Punkt ist natürlich, dass der Betroffene diese allgemeine Regel ohne Hinzunahme einer weiteren speziellen Regel im gegebenen Fall anzuwenden weiß.</p>
<p>Wir unterstellen unseren Mitmenschen, auch Wahnkranken und Psychotikern, Personen wie wir selbst zu sein und so zu denken, zu fühlen und zu handeln wie wir selbst. Dazu gehört auch die Unterstellung, normalerweise und durchschnittlich vernünftig denken und handeln zu können, das heißt, über die Fähigkeit und Disposition zu verfügen, Gedanken aus wohlbestimmten Gründen als wahr anzunehmen und Handlungen aus rationalen Motiven zu vollbringen, um damit lebensdienliche Zwecke und Ziele mit geeigneten Mitteln herbeizuführen.</p>
<p>Um nonverbale oder sprachliche Mitteilungen von Personen verstehen zu können, müssen wir ihnen unterstellen, uns etwas mittteilen zu wollen. Denn stünde ihnen nicht frei uns zu sagen, was immer sie uns sagen wollen, sondern wäre ihre Mitteilung eine unmotivierte und unabsichtliche Kundgebung wie das Plätschern von Wasser, würden wir das Gehörte nicht als informationshaltige Äußerung akzeptieren.</p>
<p>Mit der Äußerung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ willst du mich auf das Herannahen deiner Anverwandten aufmerksam machen. Ich gehe davon aus, dass du glaubst, was du sagst, und also dass es sich wirklich um deine Tante handelt, anders würdest du mich – aus welchen Gründen auch immer und solche Gründe könnte es ja geben – anlügen wollen. Aber auch wenn du glaubst, was du sagst, kann der Satz „Da kommt meine Tante Grete“ falsch sein, denn du könntest dich irren, weil du deine Tante über Jahre nicht gesehen hast und die andere Frau deiner Tante verblüffend ähnlich sieht.</p>
<p>Wenn uns beiden aber die Tatsache bekannt ist, das deine Tante schon vor Jahren verstorben ist, könnte ich dir nicht unterstellen, mich belügen noch die Unwahrheit sagen zu wollen. In diesem Falle sprechen wir von einer wahnhaften oder psychotischen Personenverkennung. Das Charakteristische der wahnhaften Mitteilung besteht darin, dass die vernünftige Basis symmetrischer Zuschreibungen von Intentionen zusammengebrochen ist. Daher der für die Krankheitssymptome typische Eindruck des Unverständlichen und Unbezüglichen. In normalen Fällen berücksichtigen wir manchmal Ausnahmefälle hoher Unwahrscheinlichkeit und gravierender Täuschungen und Irrtümer. Im Krankheitsfalle ist uns meist ohne Weiteres merklich, dass die Grenze des gerade noch Wahrscheinlichen überschritten ist.</p>
<p>Eine spezifische Fehldeutung von Intentionen nonverbaler und verbaler Art finden wir bei allen wahnkranken Patienten, nämlich die Ersetzung des eigentlich gemeinten Bezugsobjekts oder Referenten durch die eigene Person (Eigenbezüglichkeit): Was in der Zeitung über wen auch immer steht, was im Radio oder Fernsehen von wem auch immer gezeigt oder über wen auch immer geschrieben oder gesagt wird, all das meint je die eigene Person, und dies meist geprägt von einer feindseligen und paranoiden Wahnstimmung.</p>
<p>Oft bezieht sich die fehlgedeutete Äußerung auf den thematischen Hintergrund der Erkrankung: Wer sich wegen vorgeblicher oder tatsächlicher sexueller Fehltritte in der Vergangenheit heute beobachtet oder verfolgt wähnt, bezieht den Zeitungsbericht über die außerehelichen Affären des Schauspielers oder den TV-Report über die pädophilen Übergriffe des Lehrers auf sich selbst und geht felsenfest davon aus, dass nunmehr alle Welt über sein schmutziges Leben im Bilde ist.</p>
<p>Eine andere spezifische Fehldeutung bezieht sich auf das Vorkommen nichtintentionaler Phänomene, die konsequent und willkürlich als intentionale Äußerungen und Kundgaben gedeutet werden: Risse in der Mauer, ein blinkendes Licht in der Ferne, das Hupen von Autos, Hundegebell, der Klang von Glocken, das Schreien eines Kinds, jemand tritt dem Patienten versehentlich auf den Fuß, schnäuzt sich oder kratzt sich in seiner Gegenwart, stößt ihn an, blickt unter sich, seufzt oder zuckt mit dem Augenlid – all dies und manches andere wird intentional-eigenbezüglich als intentionale Mitteilung an die eigene Person gedeutet.</p>
<p>Die Krankheit zeigt demnach nicht die teilweise oder vollständige Einbuße der Fähigkeit, nonverbale und verbale Kundgaben auf ihren intentionalen Gehalt hin zu befragen und deutend aufzuschließen. Vielmehr ist der Psychotiker im akuten Prozess der Fähigkeit beraubt, das pragmatische Feld zu identifizieren, in dem die Kundgaben ihre kontextuell individuierte Bedeutung aufbauen: Öffentliche Medien sind nur in seltenen Fällen das pragmatische Feld, in dem die Mitteilungen nach der Devise „tua res agitur“ ihre Bedeutungen erhalten.</p>
<p>Interessant ist die Neigung von Patienten, nichtintentionale Phänomene mit symbolischem Gehalt aufzuladen – eine Neigung, die uns in der Dichtung bis zu Goethe und Baudelaire begegnet, aber auch in den kultischen Handlungen und künstlerischen Hervorbringungen der frühen Völker. Aber noch in den klassischen Zeitaltern deuteten die Priester der Griechen aus dem Rauschen der Eiche von Dodona und die der Römer aus dem Vogelflug. Tatsachen dieser Art sollten unser pragmatisch-skeptisches Misstrauen gegenüber Theorien beflügeln, die von einer fugenlos-dichten Grenze zwischen intentionalen Kundgaben und kausalen Phänomenen ausgehen.</p>
<p>Wir konstatieren zwei wesentliche Merkmale der Begriffe „Vernunft“, „vernünftig“ und „rational“: Sie sind nicht deskriptiv, sondern dispositionell und präskriptiv: Sie beschreiben keine kontinuierlich-stabilen Eigenschaften von Personen, wie die Eigenschaft blond zu sein oder 1,68 m groß, sondern Fähigkeiten, wie die Fähigkeit, Fahrrad oder Auto fahren oder lesen zu können; und sie beschreiben keine Fakten, wie das Faktum, einen bestimmten IQ zu haben, sondern Normen oder Vorschriften, wie die Norm, nicht nur intelligent zu handeln, sondern seine Intelligenz möglichst produktiv und relevant einzusetzen – und nicht ausschließlich darauf zu verwenden, Kreuzworträtsel zu lösen.</p>
<p>Aufzuspüren und zu analysieren, mit welchen Methoden und raffinierten Techniken einen Verfolger überwachen und kontrollieren, mag des Einsatzes eines nicht geringen Maßes von Intelligenz bedürfen, vernünftig ist es nicht, wenn die Feinde imaginär oder die vermeintlichen Verfolger harmlos sind.</p>
<p>Lebloses für lebend zu halten und Verstorbene am Wegrand zu begrüßen, widerspricht den begrifflichen und kognitiven Bedingungen dafür, dass wir Begriffe von Dingen und Personen sinnvoll und bedeutungsvoll verwenden. Die Enthüllung der Absurdität der erwähnten Aufforderung „Schau mal, da kommt meine Tante Grete!“ legt eben diese basalen Bedingungen unserer Art, vernünftig zu reden und zu handeln, offen.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VIII</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Jul 2014 17:24:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Handlungsrationalität]]></category>
		<category><![CDATA[Paranoia]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-viii/">Auf den Spuren der Vernunft VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis erlaubt, steht seinem Urteilsvermögen nicht zur Verfügung. Diese Differenz mittels empirischer Nachprüfung und nüchterner Abwägung im Falle der kritischen Realitätsprüfung zu öffnen oder im Falle der positiven Bestätigung – wenn auch nur vorläufig – zu schließen, gilt uns als wesentliches Kennzeichen des gesunden Menschenverstandes und der Vernunft.</p>
<p>Ein Patient, der unter einer Psychose mit paranoidem Leitwahn leidet, erblickt in der Putzfrau in seinem Büro eine „falsche Figur“ (Personenverkennung), die zwar so aussieht wie die echte Putzfrau, in Wahrheit aber eine von seiner Ehefrau beauftragte oder gesteuerte Person ist, die den geheimen Auftrag hat, ihn in seinem beruflichen Umfeld zu überwachen und seine Gedanken zu lesen, um ihrer Auftraggeberin von der Schwere seiner geistigen Erkrankung Bericht zu geben. Nach Abklingen der Episode und Bearbeitung des Erlebten in einer psychotherapeutischen Sitzung beginnt der Patient, von der Personenverkennung abzulassen, und kommt zur Realitätseinsicht, was ihre Identität angeht. Das bedeutet freilich nicht, dass er in toto von dem paranoiden Leit- oder Grundwahn, von Personen seines engeren Umfelds, insbesondere seiner Ehefrau, verfolgt und überwacht zu werden, abließe.</p>
<p>Wir sahen, dass die für psychotische Wahnerkrankungen typischen Gefühlsregungen und emotionalen Muster keineswegs pathologisch oder abnorm sind, sondern tief in den Strukturen unserer Lebensform wurzeln: Wir tun gut daran, in fremder Umgebung Vorsicht walten zu lassen, Unbekannten nicht blindlings zu vertrauen und auf abschüssigen Pfaden bei hereinbrechender Dämmerung furchtsam uns voranzutasten. Und bei einem sportlichen oder geistigen Überstieg über unsere Grenzen oder beim Glück zärtlich zugeneigter Liebe zu frohlocken oder die Füße tänzerisch zu heben, steht uns sehr wohl an.</p>
<p>Indes den ungebetenen Gast, den dunklen Schleicher oder den zudringlichen Schmarotzer rührselig zu bewillkommnen oder die Zuneigung echter Liebe durch frostiges Misstrauen und obsessiven Argwohn zu verbittern, heißt das Maß der Vernunft, an dem wir die Zuträglichkeit und Angemessenheit unseres emotionalen Engagements hinsichtlich seiner Objekte bemessen, willkürlich zerreißen.</p>
<p>Wenn Grenzen der Haut – auch die unserer Gefühle und Gedanken –, in denen wir uns oft vor den anderen verborgen wähnen, ebenso die Schwelle von Wohnung und Haus, Garten und Feld, Fluss und Pass, an denen wir als Einzelne oder als Gruppenwesen unsere Identität hängen, verletzt oder überschritten werden, wühlt dies urtümliche Ängste aus dem Innersten und Untersten unserer Natur auf und lässt uns oft rechtens die Hand erheben oder die Waffe zücken.</p>
<p>Patienten, deren akute Wahninhalte limitierende, das Leben einschränkende, beeinträchtigende oder schädigende Faktoren betreffen, verdächtigen Passanten, verleumderisch über sie zu reden, und Fahrgäste im Bus, ihre Gedanken zu lesen und über sie zu lachen; sie fliehen vor vermeintlichen Verfolgern in geschützte Umgebungen und Räume oder in die Arme von Angehörigen; sie bezichtigen Arbeitskollegen, sie ermorden zu wollen; sie ziehen von einer Wohnung in die andere, zunächst in ihrem Viertel, dann in der ganzen Stadt, dann fliehen sie gar vor all den Intrigen, Nachstellungen und Machenschaften in ein anderes Land; sie verdächtigen Arzt und Schwestern, ihnen vergiftete Medikamente und Speisen vorzusetzen; sie zerstören das Telefon oder den Fernseher im Glauben, ihre Verfolger würden sie damit ausspionieren; sie verbarrikadieren sich in der Wohnung und gehen nicht mehr auf die Straße; sie springen aus dem Fenster, weil sie die Zudringlichkeiten und Anschläge ihrer Feinde nicht mehr ertragen können.</p>
<p>Wir bemerken zunächst, dass all diese wahngetriebenen Reaktions- und Verhaltensweisen dem allgemeinen Schema von Handlungen gehorchen, die von der praktischen Urteilskraft und Vernunft geleitet werden: Handle so, dass du deinen Handlungszweck im Rahmen deiner aktuellen Überzeugungen über die Welt mit Mitteln und Methoden erreichst, die dem Zweck möglichst angemessen und förderlich sind.</p>
<p>Wir können das praktische Schema bekanntermaßen auch in ein Schema zur Erklärung von Handlungen umformen: Wer Z erreichen will und glaubt, dass p, wird M als Mittel wählen, um Z zu erreichen.</p>
<p>Wer sich von bösen, feindseligen Menschen beobachtet und verfolgt weiß, handelt nach diesem Schema gewiss nicht unvernünftig, wenn er den finsteren Gestalten, die nun einmal gemäß seinen aktuellen Überzeugungen über die Welt hinter der Wand lauern, aus dem Wege geht, ihre Intrigen aufdeckt und ihre Machenschaften durch Flucht oder Selbstwehr hintertreibt.</p>
<p>Fluchtreaktionen und Maßnahmen zur Selbstwehr dienen dem Schutz und der Sicherung von Leib und Leben, sowohl der eigenen Person als auch von Angehörigen und Freunden beim offenkundigen Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren. Die Maßnahmen können auch eigenes und fremdes Gut mit einschließen. Reaktionen und Handlungen auf der Basis begründeter Überzeugungen vom Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren wie Flucht oder Selbstwehr leiten wir aus der Struktur der menschlichen Lebensform ab: Sie sind insofern vernünftig zu nennen. Auch der bewaffnete Angriff zur Selbsterhaltung und Selbstwehr bis hin zur eventuellen Tötung des Aggressors ist im Sinne der individuellen und kriegerisch-kollektiven präventiven Feindabwehr lebensdienlich und sollte die Missachtung der Vernunft nicht fürchten.</p>
<p>Vernunft oder Unvernunft bemessen wir am Inhalt von Glaubensüberzeugungen und sagen: Es ist unvernünftig für eine Person anzunehmen, dass sie von ihren Nachbarn, ihrem Arbeitgeber, ihren Kollegen, dem Arzt oder den Schwestern verfolgt, ausspioniert oder feindlich behandelt wird, wenn wir Gründe haben anzunehmen, dass die Nachbarn, der Arbeitgeber, die Kollegen, der Arzt und die Schwestern dem Betroffenen wohlwollend und freundlich oder zumindest nicht feindlich beziehungsweise gefühlsmäßig indifferent gegenüber eingestellt sind.</p>
<p>Der Inhalt der Überzeugung, verfolgt, ausspioniert und bedroht zu werden, ist nicht prinzipiell unvernünftig, denn es gab und gibt und wird immer wieder Situationen geben, in denen diese Beschreibung zutrifft. Und auch die praktische Folgerung aus dieser Überzeugung, möglichst wirksame Anstalten zu treffen, den vermeintlichen Verfolgern zu entkommen und ihr Intrigenspiel aufzudecken und zu hintertreiben, ist nicht unvernünftig, sondern entspricht wie gezeigt dem bekannten Schema der Handlungsrationalität.</p>
<p>Wir nennen die paranoide Überzeugung und die daraus folgenden Reaktionen und Verhaltensweisen deshalb wahnhaft, pathologisch oder abnorm, nicht weil sie an und für sich unvernünftig wären, sondern weil sie in diesem speziellen Fall und unter diesen aktuellen Umständen nicht zutreffen beziehungsweise nicht angemessen sind.</p>
<p>Wir nennen die Handlungen der Patienten in akuten psychotischen Schüben unvernünftig, weil ihnen die Einsichten in die Gründe ihres Handelns und damit auch die eventuelle Berücksichtigung von Handlungsalternativen verschlossen sind. Gründe für das eigene Handeln in vernünftiger Rede oder vernunftgeleitetem Dialog anzugeben, impliziert, alternative Handlungsgründe in Betracht ziehen und gegebenenfalls die Entscheidung für die aktuelle Handlung revidieren zu können.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VII</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Jul 2014 10:12:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft VII]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophieren]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Wahninhalte]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-vii/">Auf den Spuren der Vernunft VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, sumpfiges Gelände voran, und diese schmalen Pfade, die hie und da abbrechen, da und dort zu erhabenen Aussichten führen, um sich wieder im trüben, versteppten Ödland zu verlieren­ – diese Pfade wären schon die langsam, stoßweise hervorgebrachten Sätze oder Zeilen unserer vernünftigen Rede und Schreibe?</p>
<p>Jemand erhält aus heiterem Himmel eine furchtbare Nachricht: Er ist fristlos entlassen worden. Seine Frau hat ihn mir nichts, dir nichts verlassen. Die Mutter liegt im Sterben oder ein naher Angehöriger ist verstorben. Der Arzt hat eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Wir sehen, wie der Betroffene erbleicht, schlaff wird und sich aufstützen muss oder halb ohnmächtig sich auf einen Sessel zurückfallen lässt, wir sehen, wie ihm ohne dass er es merkt Tränen in den Augen stehen. Wir verstehen dieses Verhalten ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung oder Reflexion als Ausdruck seelischer Erschütterung der Trauer und Verzweiflung. Wir verstehen ebenso spontan und ohne zusätzlicher Hintergrundinformationen zu bedürfen, wenn einer einen Freudensprung macht, „Juchheißa“ ruft oder beseligt lächelt, nachdem er die freudige Nachricht erhalten hat, dass sein ihm feindlich gesonnener, querulatorischer Nachbar ausgezogen ist, er im Lotto gewonnen hat oder seine Frau von einem gesunden Kind entbunden worden ist.</p>
<p>Wir verstehen diese und tausend andere Reaktionen und Verhaltensweisen ohne weiteres, weil sie Lebensinhalte und Lebensthemen betreffen, die wir mit dem angemessenen Pathos als Leitthemen all der Dramen erachten, die Menschen als die Lebewesen, die sie nun einmal sind, zu durchleben und zu durchleiden haben. Die Themen betreffen Ereignisse, die das Leben des Einzelnen oder seine Gruppe fördern, stärken, erweitern (expandierende Faktoren) oder aber im Gegenteil beschädigen, schwächen, einschränken (limitierende Faktoren.) Wir finden all diese Themen leidenschaftlich präsentiert und in Fleisch und Blut übergegangen, wenn wir uns die Stücke der antiken Tragiker und Shakespeares oder Molières anschauen.</p>
<p>Wer ein gesundes und ausgeglichenes Naturell mitbringt, vom Glück gesegnet ist oder aus eigener Kraft dem Ziel seiner Wünsche nahekommt, findet sich leichter unter heiteren Masken wieder als der Hypochonder, der grundlos Eifersüchtige oder Misstrauische oder der Fanatiker, denen wir gerne die Schellenkappe überstülpen möchten. Dass Ressentiment und Eifersucht den Weltumgang einschnüren, während Wissensdrang und Abenteuerlust den Schrebergarten der Langeweile und des Vorurteils weit hinter sich lassen, gilt für ausgemacht.</p>
<p>Dass wir Ereignissen und Erlebnissen, die uns hemmen und einschnüren, uns beängstigen und verunstalten, gerne aus dem Weg gehen und schon ihre Aura uns übel in die Nase steigt, ist uns so natürlich und in Fleisch und Blut übergegangen, wie dass wir gerne nach schöneren, fruchtbareren Gefilden im materiellen und geistigen Sinne unter Inkaufnahme großer Mühen und Anstrengungen aufzubrechen geneigt sind, wenn in jenem Lande die goldenen Äpfel der Hesperiden zu leuchten scheinen. Selbst niedere Gesinnungen und faule Naturen recken sich gern nach Nachbars Äpfeln, weil sie so schön glänzen und mit einem süßen Geschmack, dem Geschmack des Verbotenen, locken, auch wenn die Gefahr besteht, eins auf die Finger zu bekommen.</p>
<p>Beeinträchtigungen, Limitationen und ihre Gefahren und ihr Gegenteil, expandierende und fördernde Faktoren, betreffen Leib und Leben, die Verfügung über nahrhafte beziehungsweise keimfreie Nahrung und Flüssigkeit, die Sicherheit und Unversehrtheit des eigenen Körpers, die Funktionstüchtigkeit der Organe, allen voran von Hirn und Sinnesorganen, den Schutzraum der Behausung und seine Reinlichkeit, aber auch die Integrität und Sicherheit der Familie, der Verwandten, Angehörigen und Nahestehenden.</p>
<p>Natürlich gelten für Intensität und Quantität der expandierenden und limitierenden Lebensinhalte und Lebensereignisse Grade und Gradabstufungen: Wir sind nun einmal mehr oder weniger gesund oder krank, reich oder arm, mit Familienanhang gesegnet oder vereinsamt, von Freunden umgeben oder von Feinden umlauert. Auf der zugigen Bühne all solcher Eventualitäten und Fragilitäten spielt sich das menschliche Drama nun einmal ab.</p>
<p>Es ist nur allzu plausibel, dass wir uns eher an unschöne, beeinträchtigende und limitierende Ereignisse erinnern oder von solchen in Träumen heimgesucht werden, als dass wir unentwegt von den Lustbarkeiten des Gartens Eden träumen. Wachsamkeit und Vorsicht, Vorsorge und Voraussicht sind nun einmal Haltungen und Einstellungen, die uns für die Bewältigung unseres Lebensalltags gut anstehen. Ein Fehltritt kann endgültig sein, während ein überhörter Scherz, eine verpasste kleine Lust nicht einmal den Schatten eines Schmerzes hinterlassen. Den Genuss auch der sublimen Dinge zu gewinnen wie das Kosen des Windes auf der Haut oder die visuellen Ekstasen beim Gang durch die herbstlich verglühende Landschaft bedarf es eines besonderen Talents oder einer verfeinerten ästhetischen Kultur, während uns der Schauer der Angst vor dem Abgrund und das Misstrauen im Dunkeln oder vor dem Unbekannten angeboren sind.</p>
<p>Jemandem freilich, der angesichts furchtbarer Nachrichten wie der vom Tode seiner Mutter oder eines nahen Angehörigen feixt und kichert, einem, der eine schlimme Diagnose vom Arzt erhält oder der erfährt, dass die Firma ihm fristlos gekündigt hat oder seine Frau ihn betrogen hat und der sodann nichts Besseres weiß, als sich ins Fäustchen zu lachen und diabolisch zu grinsen, würden wir rechtens ein abnormes, paradoxes, paramimisches Verhalten und die es bedingende psychotische Erkrankung unterstellen, wenn wir die Nebenbedingungen erfolgreich ausgeräumt haben, dass ihn seine Mutter oder der Verwandte in der Kindheit nicht bis aufs Blut gequält hat, er nicht schon vor einiger Zeit beschlossen hatte, aus dem Leben zu scheiden, er sich nicht längst von der öden Arbeitsstelle verbschieden wollte oder er die innere Bindung zu seiner Frau nicht schon lange verloren hatte.</p>
<p>Wir huldigen vernünftigerweise nicht den zweifelhaften Entzückungen eines surrealistischen schwarzen Humors und kennzeichnen pedantisch und humorlos als psychotisch und seelisch-abnorm solche Reaktionen, die den offenkundigen Ernst der Lage nicht nur ignorieren und verkennen, sondern ins Gegenteil verzeichnen. Aber auch die Überzeichnung und Verzerrung der normalen Lage infolge krankhaft paranoid übersteigerter Ängste wie der Angst, verfolgt, vergiftet, entführt, vergewaltigt, bestohlen, abgehört oder ermordet zu werden, wenn weit und breit niemand im Hinterhalt liegt, um solch wüste Absichten in die Tat umzusetzen, tragen wir keine Bedenken, als Symptome einer psychotischen Erkrankung einzustufen.</p>
<p>Wir bemerken, dass nicht die elementaren Inhalte wahnhafter Ideen Indikatoren für das Vorliegen einer Psychose bilden: Diese Inhalte wie die Angst um das leibliche Wohlbefinden oder die Sorge um das Wohlergehen der Anverwandten, der Neid auf den Präferierten und Bessergestellten, die Eifersucht des betrogenen Partners, der Hass auf den Eindringling und den Ehrabschneider oder die Liebe zu den Kindern und allem, was die Spuren der eigenen leib-seelischen Entäußerung trägt, gehören zum emotionalen Fundus und zur biologisch-sozialen Grundausstattung des Menschen. Es ist die Unangemessenheit der Reaktion zur gegebenen Situation, die uns zum Indiz oder Verdachtsmoment krankhaften Erlebens wird.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VI</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2014 15:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft VI]]></category>
		<category><![CDATA[Halluzination]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Wahnwahrnehmung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-vi/">Auf den Spuren der Vernunft VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll (zweckvoll) oder sinnlos ist, sich auf Grund einer anderen Tatsache versteht oder scheinbar grundlos ist, logisch aus einer evidenten Annahme folgt oder aus keiner evidenten Annahme folgt oder ein Bestandteil unseres Wissens ist.</p>
<p>Wir folgen den Spuren der Vernunft, das heißt natürlich, der Art und Weise, wie wir die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ als Kriterien der Urteilsbildung der genannten Art in unserer täglichen Rede sinnvoll verwenden. Wir tun dies in der Absicht, den Vernunftbegriff zu klären oder das, was als unklarer Bestandteil an ihm haftet, zu sichten und auf diese Weise vielleicht mit einem warnenden Etikette zu versehen.</p>
<p>Um uns auf die Sprünge zu helfen, spielen wir das bisweilen heitere, bisweilen intrikate, allemal aber instruktive Begriffsspiel „Vernunft contra Wahnsinn“, weil wir uns durch die Engführung der Vernunft in den Labyrinthen des Wahnsinns Aufklärung über die grundlegenden Eigenschaften und Strukturen der Vernunft versprechen.</p>
<p>Wir gehen von folgender Basisannahme aus: Die Vernunft ist in der Lage, sich selbst und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, zu verstehen, während der Wahnsinn nicht (einmal) in der Lage ist, sich selbst zu verstehen. Das schließt natürlich nicht aus, dass der Wahnsinn Methode hat und ein in sich sinnvoll aufgebautes, lebensgeschichtlich hoch personalisiertes System der Selbst- und Weltverständigung des Patienten darstellt – dem allerdings mindestens ein entscheidendes Merkmal in mehr oder weniger starkem Ausmaß fehlt: die Angemessenheit der wahnhaft konstruierten Konzepte an das, was wir rechtens für real, wirklich, echt und faktisch bedeutsam halten. Natürlich geht es uns bei unseren Betrachtungen nicht zuletzt um die Aufklärung auch der zuletzt genannten philosophisch dubiosen Begriffe von Wirklichkeit, Echtheit und Bedeutsamkeit.</p>
<p>Wir können beide Wege gehen: vom Wahn zur Vernunft und von der Vernunft zum Wahn. Nach beiden Wegstrecken möchten wir besser über das, was wir rechtens vernünftig und Vernunft nennen, unterrichtet sein.</p>
<p>Wahrnehmungen orientieren uns über die Tatsachen der Umgebung und die Selbstwahrnehmungen über unser Befinden und unsere Reaktionen auf das, was um uns herum geschieht. Je genauer Wahrnehmungen die Informationen aus dem Umfeld herausfiltern, die für unsere Orientierung relevant sind, umso besser. Wir gehen davon aus, dass wir Grund haben, uns im Prinzip und im Allgemeinen – nicht stets und in jedem einzelnen Falle – auf die Funktion unserer Wahrnehmungen verlassen zu können, uns mit den wichtigen Auskünften über das Weltgeschehen (um uns herum) in Kenntnis zu setzen.</p>
<p>Wer einwirft, dies sei doch wohl angesichts aller möglichen Sinnestäuschungen und systematischen Verzerrungen unserer Wahrnehmung durch unkontrollierbare Umweltbedingungen eine allzu optimistische Annahme, dem kommen wir insofern entgegen, als wir darauf hinweisen, dass das Vorkommen von Täuschungen und Illusionen nicht zu leugnen ist, aber als solches einzig und allein erklärbar auf dem Hintergrund all jener wahren und gut gesicherten Informationen, die uns eine ungetrübte und authentische Wahrnehmung bereitgestellt hat.</p>
<p>Wir sagen, dass wir uns im Prinzip durch die Wahrnehmungsleistungen unseres Sinnes- und Nervensystems gut aufgeklärt wissen, weil wir davon ausgehen, dass unsere Sensorik von genau jenen Tatsachen gesteuert und kausal stimuliert wird, deren phänomenaler Niederschlag in dem und als das Bewusstsein eben dieser Tatsachen sich darstellt.</p>
<p>Ich sehe, dass du eben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast, aufgrund der Tatsache, dass du soeben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast. Oder: Ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet, weil das Licht der Kerze kausal solchermaßen auf meine visuelle Sensorik einwirkt, dass ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion davon sprechen, dass wir eine brennende Kerze sehen – also ein wohlabgegrenztes und wohldefiniertes Objekt des Raum-Zeit-Kontinuums, die Kerze, identifizieren, der wir die Eigenschaft zusprechen, eben zu dem Zeitpunkt der Wahrnehmung zu brennen.</p>
<p>Wir bemerken ebenfalls, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern immer etwas im Sinne einer Entität sehen, von der wir im günstigsten Falle geneigt sind zu sagen, dass sie eben das ist, was wir für wirklich oder real halten. Welche Arten von Entitäten wir nun im Einzelnen wahrnehmen, ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern bildet eine Funktion des Schemas oder der Struktur unserer Erfahrung: Denn es sind neben diffus ausgebreiteten und verschieden dichten Massen wie Wolken, Wasser und Schnee vor allem zwei elementare Typen von Entitäten, die unsere Lebenswelt bewohnen: unbelebte Körper von Dingen wie Steine, Äpfel, Tische und Kerzen, oder belebte Körper von Pflanzen und Tieren auf der einen Seite und Menschen auf der anderen Seite, Leute wie du und ich.</p>
<p>Ich sehe, dass du es bist, der eben das Zimmer mit der Kerze in der Hand betreten hat und nun die Kerze anzündet. Ich weiß, dass du in der Küche warst, um die Kerze zu holen, und nicht aus dem Nirgendwo im Zimmer aufgetaucht bist. Ich weiß einzig aufgrund der Tatsache, dass du die Kerze angezündet hast, dass du die Kerze angezündet hast.</p>
<p>Dabei gehe ich selbstverständlich, ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion, davon aus, dass du die Kerze nicht ohne Grund, sondern deshalb angezündet hast, weil es jetzt allmählich dunkel wird, du aber statt des nüchternen elektrischen Lichts mit einem natürlichen Licht für romantische Stimmung sorgen willst. Und deshalb hast du eben aus der Küche die Kerze geholt und sie angezündet. Mit dem Wunsch, das Zimmer bei Anbruch der Dunkelheit nicht nur zu erhellen, sondern durch ein geeignetes Licht in ein gefühlsmäßig anregendes Halb-Dunkel zu tauchen, unterstelle ich dir intentionale Zustände, die dir mehr oder weniger bewusst, aber keineswegs gänzlich unbewusst sind; mit der Absicht, die gewünschten Lichtverhältnisse mittels einer brennenden Kerze herzustellen, unterstelle ich dir rationale Zustände oder ein gerüttelt Maß an Vernunft, mittels derer du zum erwünschten Ziel ein rational angemessenes Mittel der Zielerreichung ausgewählt hast.</p>
<p>Ich erachte dich auf der Ebene meiner unmittelbaren Wahrnehmung als intentionales und rationales Lebewesen – als einen Menschen wie mich selbst.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir auf der Ebene der unmittelbaren Wahrnehmung zwischen unserem Wahrnehmungserlebnis („Ich sehe oder mir scheint aufgrund meines Seheindrucks, dass du die Kerze anzündest“) und dem unabhängig von unserer Wahrnehmung als autonome Entität im Raum-Zeit-Kontinuum wahrgenommenen Objekt („Du bist es, der die Kerze entzündet“) unterscheiden.</p>
<p>Wir heben hervor, dass wir nicht etwas wahrnehmen, gleichsam ein sensuelles Neutrum an farbigen Flecken, das wir dann als dies und das, etwa als Kerze oder Mensch interpretieren – denn wir sehen Kerzen und Menschen und manch anderes ohne jedwede Interpretation oder Deutung.</p>
<p>Wir heben weiterhin hervor, dass wir die Klassifikation des wahrgenommenen Objekts, zum Beispiel deiner Person, wenn du es bist, der eben aus der Küche kommend das Zimmer mit einer Kerze in der Hand betritt, anhand seiner Identität vornehmen: Weil du der N. N. bist, bist du als derjenige, der in der Küche war und dort eine Kerze gesucht hat, derselbe N. N. oder identisch mit der Person dieses Namens, die jetzt das Zimmer mit der Kerze in der Hand betritt.</p>
<p>Wenn du behauptest, die Farbe meines Pullovers erscheine dir im Widerschein der Kerze als Rot, ich aber halte dagegen, mich dünke sie Violett, drehen wir uns mit unseren unterschiedlichen Meinungen zwar im Kreis, aber im Kreise der Vernunft: Gehen wir am nächsten Tag ins Freie und definieren diese Situation als Standardsituation zur Bestimmung von Farbwerten von Pullovern und anderen Sachen: So werden wir klar sehen und uns auf einen Farbwert einigen.</p>
<p>Wenn ich aber behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern ein weiß schimmernder Knochen, könntest du günstigenfalls davon ausgehen, dass ich einer Wahrnehmungstäuschung erlegen sei: Immerhin verbleibe ich bei der Identifikation des wahrgenommenen Objekts in dem zugehörigen Bereich des Typus von materiellen Dingen unbelebter Natur, vertue mich aber gröblich bei der Individuierung des Dings – ein Knochen ist nun mal keine Kerze. Sicher kannst du mir durch Entzünden der Kerze über deren Identität das gehörige Licht aufstecken.</p>
<p>Wenn ich indes behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern eine weiße Schlange, deren Zunge wie eine Flamme züngelt, wirst du mehr als im gewöhnlichen, das heißt durch eine Täuschung hervorgerufenen Maße erstaunt und verblüfft sein: Handelt es sich hier doch nicht bloß um eine Fehlidentifikation innerhalb einer Kategorie von wahrnehmbaren Objekten, den materiellen Dingen unbelebter Natur, sondern um eine Verwechslung des Typus der Entität: Etwas, das wir unter normalen, übersichtlichen Standardbedingungen für differenzierende Wahrnehmungen unter der Kategorie der materiellen, unbelebten Körper klassifizieren, vielmehr unter der Kategorie belebter Objekte und also in diesem Falle als Tier zu identifizieren, scheint uns weit eher als auf einer Täuschung auf einer grundlegenden Sinnverwirrung zu beruhen – eine Sinnaberration, die wir in der Psychopathologie der psychotischen Erkrankung in der Form der Wahnwahrnehmung wiederfinden.</p>
<p>Wenn ich dir dafür danke, die aus der Küche geholte Kerze entzündet zu haben, um uns mit gefühlvoller Beleuchtung einzustimmen, du aber darauf hinweist, hier brenne keine Kerze, und dein Vater, der eben hinzugestoßen ist, diese Tatsache bestätigt, handelt es sich offensichtlich um eine visuelle Halluzination, ein typisches Symptom psychotischer Erkrankungen. Wir bemerken, dass Halluzinationen Wahrnehmungsüberzeugungen veranlassen, die denselben deskriptiven Gehalt wie jene Wahrnehmungsüberzeugungen haben, die von echten Wahrnehmungen veranlasst und kausal gesteuert werden – nur, dass aufgrund des Ausfalls des kausalen Nexus die Überzeugung falsifiziert wird.</p>
<p>Wir halten fest, dass wir Wahnphänomene wie Wahnwahrnehmungen und Halluzinationen als Durchlässigwerden oder Zerreißen jener Sinngrenzen auffassen können, die wir wie die ontologische Einteilung aller Entitäten in Dinge und Personen oder aller Dinge in belebte und unbelebte Dinge oder wie all unsere basalen Existenzannahmen mittels der Analyse unseres alltäglichen Vernunftgebrauchs als grundlegende Bedingungen und Formen unserer Erfahrung ausmachen können.</p>
<p>Die Bedingung aller Bedingungen, die gleichsam transzendentale Bedingung dafür, dass wir wirklich wahrnehmen, was wir wahrnehmen, ist natürlich, dass wir selbst es sind, die es wahrnehmen. Das Authentizitäts- und Echtheitssiegel der Wahrnehmung ist ihre Jemeinigkeit. Wenn du auf Nachfrage nicht bestätigen kannst, dir aufgrund deiner visuellen Wahrnehmung bewusst geworden zu sein, dass ich soeben das Zimmer betreten habe, gilt für ausgemacht, dass du gar nicht erst gesehen hast, dass ich soeben das Zimmer betreten habe.</p>
<p>Psychotische Störungen der Jemeinigkeit, Lockerungen oder Zerreißungen des Bandes, das unsere Wahrnehmungen mit dem lebendigen Fokus unseres Ichbewusstseins verbinden, finden wir zum Beispiel in den Erlebnisberichten von Patienten, wonach ihnen ihre Gedanken eingegeben, verfälscht oder entwendet werden.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft V</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jul 2014 18:17:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[akustische Wahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft V]]></category>
		<category><![CDATA[Hörsinn]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Wahnwahrnehmung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-v/">Auf den Spuren der Vernunft V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl taub auf beiden Ohren?“ oder „Wasch dir mal die Ohren!“</p>
<p>Den eindeutigen Sinn von „hellhäutig“ kannst du nicht doppelsinnig machen, indem du ein Analogon „hellhäutig<sub>2</sub>“ zu „hellhörig<sub>1</sub>“ bildest und „hellhäutig<sub>2</sub>“ jemanden nennst, der seine gesamte Aufmerksamkeit gleichmäßig intensiv über die ganze Oberfläche seiner Haut verteilt.</p>
<p>Die Variationen und Modulationen unserer Aufmerksamkeit merken wir dem Reichtum des Vokabulars an und ab, das wir zur Bezeichnung von Wahrnehmungsvorgängen verwenden. Der reichen Palette von Verben des Sehens wie erblicken, schauen, sichten, erspähen, beobachten, betrachten usw. steht eine relativ begrenzte Anzahl von Verben des Hörens gegenüber: hören, horchen, lauschen.</p>
<p>Wir erklären uns diesen semantischen Engpass auf dem Hörgebiet mit der Dominanz des visuellen Sinnes bei der Orientierung, der uns angesichts der etymologischen Herkunft des Wissensbegriffs (von der Wurzel von lat. videre) vor Augen geführt wird. Die Vorherrschaft des Sehens in den Regimen der Wahrnehmung beruht auf der Kraft der Diskriminierung, Identifikation und Unterscheidung von Gegenständen der Außenwelt: Wenn du nach dem gefragt wirst, was dir vor Augen liegt und über den Weg läuft, antwortest du spontan, ohne groß zu überlegen, gleichsam reflexionslos: „mein Schreibtisch“, „meine Kaffeetasse“, „mein Laptop“, „der Hund meines Nachbarn“, „meine Nachbarin“, „ein Müllauto“. Wegen des nisus ad visum, unserer Wahrnehmungsstärke durch das Augenlicht, ordnen und strukturieren wir unsere Welt als räumlich-zeitliche Struktur, in der uns physische Entitäten in komplexen Verknüpfungen und Abfolgen begegnen.</p>
<p>Wir wenden uns wieder dem Hörsinn zu und bemerken, dass er im Verhältnis zum Sehsinn stärker zeitlich geordnet ist: Alles, was uns ans Ohr dringt, hat einen Beginn in der Zeit, eine gewisse, wenn auch noch so kurze Dauer und endet schließlich mehr oder weniger abrupt oder ausklingend. Wir sind allerdings so vortrefflich auditorisch begabt, dass wir auch die Richtung, aus der der Schall uns trifft, mehr oder weniger präzise oder vage angeben können. In der Kooperation von Auge und Ohr, wenn es gilt, das von unserem Gegenüber uns Gesagte fein gegen das mimisch Ausgedrückte abzuwägen, haben wir es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht.</p>
<p>Wir wissen, aus welchem Frequenzbereich unsere Ohren uns Informationen einfangen können und wo für uns das große Schweigen beginnt. Aber das, was unter 20 Hertz für sich und ohne uns dahergrummelt, ist für uns kein Bestandteil der Welt – und deshalb auch nicht eigentlich dem Raum des uns unzugänglichen Schweigens angehörig. Wir bemerken Schweigen und Stille nur als Abbruch oder Pausieren von Geräuschen und Stimmen, gleichsam intermedial, nicht hypo- oder hypermedial.</p>
<p>Wir hören alle möglichen Arten und Typen von Geräuschen, die von natürlichen oder künstlich-technischen Schallquellen ausgehen. Wir sind oft auch in der Lage, rein durch den Hörtest, die Art der Quelle, ob natürlich wie den Donner oder künstlich wie das Autohupen, zu bestimmen.</p>
<p>Hört unser Schoßhündchen den Donner? Gewiss hört es ein dumpfes Grollen und Grummeln in der Ferne. Aber versteht es dieses akustische Signal als Anzeichen des nahenden Gewitters? So wie wir den aufsteigenden Rauch als Zeichen eines offenen Feuers interpretieren, deuten wir das vor uns gehörte schrille Quietschen von Reifen und den unmittelbar folgenden blechernen Krach als Anzeichen für einen Verkehrsunfall.</p>
<p>Gewiss wird unsere Interpretation der akustischen Wahrnehmung erst verifiziert und ins Reich der banalen Gewissheiten aufgenommen, wenn wir unsere Ohrenzeugenschaft durch unsere Augenzeugenschaft ergänzt haben.</p>
<p>Unter allen akustischen Signalen sind die sprachlich artikulierten Laute oder Phonemsequenzen, die an unser Ohr dringen, für uns außerordentlich wichtig, aus der umgebenden Geräuschkulisse herausgehoben und emotional und epistemisch prägnant.</p>
<p>Wir nennen das, was wir durch das Hören eines Zurufs oder Satzes verstehen, den durch den Ruf oder Satz ausgedrückten und repräsentierten Gedanken. Den ausgesprochenen Satz hören wir, nicht den Gedanken. Freilich ist der Gedanke nur insofern und insoweit vorhanden, als er durch die geeignete Kette von Phonemen (oder Schriftzeichen, die wiederum Phoneme darstellen) repräsentiert wird.</p>
<p>Wir ahnen, zwischen der Abfolge von physikalischen Frequenzen und der Abfolge von bedeutungstragenden Phonemen liegt der Schnitt zwischen Materie und Semantik. Die kausale Quelle des Schalls, der auf unser Trommelfell einwirkt, können wir nicht hören, hören können wir nur das Ergebnis des komplexen physikalischen und neurophysiologischen Vorgangs, der die Schwingungen der Gehörknöchelchen und die Stimulation der Haarzellen des Mittelohrs in neurale Inputs transduziert, die im Thalamus und den auditorischen Zentren des Cortex verarbeitet werden.</p>
<p>Die Musik lief schon eine ganze Weile im Hintergrund, aber erst jetzt vernimmst du die leise Melodie, wirst dich ihrer bewusst – und unwillkürlich verbinden sich Erinnerungen an Kindheitstage oder süße Empfindungen in einem südlichen Land an das Gehörte. Wie ein Vexierbild schwebst du mit deinem Bewusstsein hinter dem Hör- und Klangbild. Ebenso wenig, wie wir verstehen, wie das Bewusstsein aus der Materie auftaucht, verstehen wir, wie wir mit dem Gehörten sinnvolle Gedanken verbinden.</p>
<p>Wenn du in geselliger Runde das Weinglas hebst und der Gastgeber, der gerade an eurem Tisch vorbeigeht, ruft „Prosit!“, verstehst du diese Klangfolge richtig, wenn du annimmst, der Gastgeber äußere den Wunsch, dass dir der Wein munde.</p>
<p>Der Wunsch ist der intentionale Gehalt, der Gedanke, den der Gastgeber äußert. Du kannst diesen Gedanken verstehen und dein Verständnis zum Beispiel zeigen, wenn du dem Gastgeber freundlich zulächelst, du kann den Gedanken nicht verstehen, weil er dir mangels Kenntnis der deutschen Sprache verborgen bleibt oder du kannst den Gedanken missverstehen, wenn du entgegen der wirklichen Sprecherintention annimmst, der Sprecher habe seine Äußerung ironisch gemeint und der unausgesprochene Gedanke laute: „Mein Freundchen, jetzt reicht es aber, du hast doch schon genug getrunken!“</p>
<p>Der Gedanke ist nicht identisch mit der Instanz seiner aktuellen akustischen Realisierung: „Prosit!“ heißt, was es heißt, überall und immer, wenn es zum gegebenen Anlass vom richtigen Sprecher zum erfreuten Gegenüber hin ausgerufen wird. Aber auch, wenn es undeutlich und gerade noch verständlich oder mit wer weiß welchen dialektalen Einsprengseln und Klangfarben hervorgebracht wird, es überträgt dieselbe Mitteilung.</p>
<p>In der Symptomatologie und Diagnostik der Psychose gilt das Auftreten von visuellen und akustischen Wahnwahrnehmungen als eindeutiger Indikator für das Vorhandensein der Erkrankung. Der Patient deutet das Lächeln seines Gegenübers als Zeichen dafür, dass er zur Erlösung der Menschheit berufen ist. Der Patient deutet den freundlich gemeinten Zuruf des Gastgebers „Prosit!“ als Hinweis darauf, dass er sterben muss, wenn er das Glas austrinkt. In letzterem Falle ist die Kompetenz des Patienten, den semantischen Gehalt des Zurufs zu interpretieren, nicht eingeschränkt, er weiß, was der Ausdruck unter gewöhnlichen Umständen besagt. Aber das pragmatische und kommunikative Netz, das die Verwendung der Verlautbarung normalerweise trägt, ist zerrissen, das Verstehen des intentionalen Gehalts der Äußerung ist nicht durch die Bezugnahme auf die reale Situation eingeschränkt und definiert, sondern durch Bezugnahme auf eine wahnhaft imaginierte Situation abgelöst.</p>
<p>Wenn man annehmen darf, dass im verständigen Hören das Ich-Bewusstsein gleichsam mitschwingt und sich ausfaltet, deutet die akustische Wahnwahrnehmung darauf hin, dass das Ich-Bewusstsein des Erkrankten in der aktuellen Situation nicht mehr mitschwingt und unausgefaltet bleibt.</p>
<p>Wenn wir die Leistung der Identifikation und Diskriminierung von sinnvollen Gedanken mittels des verständigen Hörens als Leistung der Vernunft betrachten, müssen wir das Auftreten von Wahnwahrnehmungen der genannten Art als Symptom einer zumindest vorübergehenden Ohnmacht der Vernunft auffassen.</p>
<p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-v/">Auf den Spuren der Vernunft V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></content:encoded>
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