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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Absicht</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Logische Schneisen IX</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jan 2014 18:03:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
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		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die biologische Tatsache, die den Aussagetypen des Aufforderns und des Versprechens und der sprachlichen Pragmatik wechselseitiger, symmetrischer und reziproker Veranlassung zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als bedürftige Kreaturen Bedürfnisse und Antriebe verspüren. Wir leben allerdings in der singulären Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein, in der unsere Bedürfnisse und Antriebe uns als [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-ix/">Logische Schneisen IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die biologische Tatsache, die den Aussagetypen des Aufforderns und des Versprechens und der sprachlichen Pragmatik wechselseitiger, symmetrischer und reziproker Veranlassung zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als bedürftige Kreaturen Bedürfnisse und Antriebe verspüren. Wir leben allerdings in der singulären Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein, in der unsere Bedürfnisse und Antriebe uns als intentionale Zustände von Wünschen und Absichten gegenwärtig werden und zugänglich sind, nämlich als Wünsche und Absichten, dasjenige, was wir für erstrebenswert halten, zu erlangen, und dasjenige, was wir für gefahrbringend halten, zu vermeiden.</p>
<p>Die biologische Tatsache, die dem Aussagetypus der Behauptung  zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als rezeptive Sinnenwesen Eindrücke von ihrer Umwelt erfahren. In der Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein übersetzen wir diese sensorischen Reize in die generellen Terme unserer empirischen Aussagen über Gegenstände, die wir mithilfe von Existenzquantoren binden, wie in den Aussagen (x) Fx oder Fa. Solcherart pflegen wir unsere Überzeugungen und Annahmen über mögliche und tatsächliche Ereignisse und Sachverhalte in der Welt auszudrücken.</p>
<p>Wenn du Durst verspürst, befindest du dich in dem intentionalen Zustand des Wunsches, etwas zu trinken. Du hast durch hinreichende Proben der Vergangenheit, bei denen du deinen Durst mit Wasser hast stillen können, die feste Überzeugung gewonnen, dass Wasser genau der Stoff ist, dessen du bedarfst, um deinen Durst zu löschen. Um den Wunsch zu erfüllen, ist es vernünftig oder rational, mich in der gegebenen Situation darum zu bitten, dir die Flasche Wasser zu reichen.</p>
<p>Wir bemerken hier, wie du von einem intentionalen Zustand in den nächsten intentionalen Zustand gleichsam gleitest oder wechselst: Dein Wunsch, etwas zu trinken, führt dich zur Intention, mich darum zu bitten, dir das Wasser zu reichen. Wir können diesen Wechsel als vernünftigen Schluss aus zwei Prämissen darstellen: (1) „Ich habe den Wunsch, etwas zu trinken.“ (2) „Ich weiß, dass Wasser meinen Durst stillt.“ (3) „Also bitte ich die Person X, mir das Wasser zu reichen.“</p>
<p>Rationale Schlüsse und Relationen von intentionalen Zuständen sind keine kausalen Zusammenhänge und keine Abfolge von kausalen Wirkungen. Der obige Schluss ist rational und zwingend, das heißt aber nicht, dass du, wenn du zu dem Ergebnis kommst, es sei rational und vernünftig, mich darum zu bitten, dir die Flasche Wasser zu reichen, diesen Sprechakt einer Aufforderung auch tatsächlich ausführst oder in irgendeinem kausalen Sinne auszuführen genötigt wärest: Du könntest mir gerade an diesem Tag meine dumme und herabsetzende Äußerung von gestern über dein Vorhaben, philosophische Essays auf deiner Webseite zu veröffentlichen, übel nehmen. Deshalb vermeidest du es, mich jetzt anzusprechen und mir Gelegenheit zu geben, dir bei einer freundlichen Geste zuzulächeln, und verzichtest lieber jetzt beziehungsweise vorläufig auf den erlösenden Schluck Wasser. Du hast dem sozial fundierten Wunsch, deinen Stolz zu wahren, in diesem Falle über den biologisch fundierten Wunsch, etwas zu trinken, den Vorrang oder die Präferenz gewährt.</p>
<p>Wir sprechen von Wünschen ersten und zweiten Grades und bemerken, dass diese Unterscheidung nicht mit der Unterscheidung von biologisch und sozial oder kulturell bedingten Wünschen äquivalent ist: Bei der Vorlesung, während der Unterredung mit deinem Vorgesetzten, während des Rendezvous mit deiner neuen Freundin kämpfst du gegen deine Müdigkeit an und unterdrückst alle körperlichen Anzeichen, die auf ein starkes Verlangen nach Schlaf hindeuten.</p>
<p>Wir haben gesehen, dass der logische Raum der Aussagen von zwei grundlegenden Aussagetypen erfüllt wird:</p>
<p>(1) die Behauptungen mittels empirischer Aussagen mit der logischen Form „Ich meine, dass p“, wobei p für einen beliebigen Satz mit einer empirischen Aussage über eine mögliche Tatsache der Welt steht wie „Der Mond ist der Erdtrabant“, sodass der Satz p wahr oder falsch sein kann, während der zusammengesetzte Satz als Aussage über den momentanen Bewusstseinszustand des Glaubens des Sprechenden immer wahr ist;</p>
<p>(2) die Aufforderungen oder Versprechen, deren pragmatische Grundform die Veranlassung darstellt: Ich veranlasse dich mittels einer sprachförmigen Geste der Aufforderung oder mittels eines Aufforderungssatzes, die Absicht zu hegen, das und das zu tun (wobei tun auch reden heißen kann); du veranlasst mich umgekehrt mit denselben Mitteln, eine Absicht zu hegen, dies und jenes zu tun. Du kannst deine Absicht, das von mir Geforderte auch wirklich und wahrhaftig in die Tat umzusetzen, bekräftigen, indem du sagst: „Es ist meine feste Absicht, dir diesen Gefallen zu tun!“ oder: „Ich verspreche dir, dir diesen Gefallen zu tun!“ Oder kurz, um mittels futurischer Verbform den Zukunftssinn der Absicht zu unterstreichen: „Ich werde dir diesen Gefallen tun!“</p>
<p>Das Netz der intentionalen Zustände überspannt beide Aussagetypen, Behauptungen und Aufforderungen, mittels der Grundformen rationalen Schließens: Wenn du die Absicht hegst, ein Haus zu bauen, folgt daraus eine Kette weiterer Absichten wie eine Bank mit der Finanzierung, einen Architekten mit der Planung und einen Bauingenieur mit der Ausführung zu beauftragen. Und diese Kette zerfällt wieder systematisch in eine lange Serie oder eine Kaskade von intentionalen Einzelschritten, die logisch aufeinander aufbauen und auseinander folgen: die Absicht, einen Bankberater anzurufen und mit ihm einen Termin zu vereinbaren, die Absicht, einen Finanzplan auf der Grundlage bestehender Einkommen und Vermögen zu ermitteln, die Absicht, einen Kredit in berechnetem Umfang zu beantragen, die Absicht, Zusatzversicherungen zur Absicherung des Kredits abzuschließen usw.</p>
<p>Wir sprechen hier von den systematischen Bedingungen der Kohärenz und der Konsistenz, das heißt der logischen Vereinbarkeit und der logischen Ableitbarkeit von Aussagen, die Begründungszusammenhänge und motivationale Kontexte, kurz Kontexte von Gründen und Intentionen, aufweisen müssen, damit es uns auf Dauer gelingt, unsere Ziele zu erreichen und unsere Zwecke zu verwirklichen.</p>
<p>Wenn du wirklich ein Haus bauen willst, du dich aber trotz der Tatsache, dass dein Vermögen bei weitem nicht ausreicht, ein solch teures Unternehmen zu finanzieren, weigerst, bei der Bank einen Kredit aufzunehmen, sprechen wir von einem inkohärenten motivationalen oder intentionalen Kontext oder einer Inkohärenz der Absichten. Wenn du der Überzeugung bist, dass zur Planung eines Hausbaues die fachliche Arbeit eines Architekten erforderlich ist, du aber dennoch nicht die geringste Absicht hegst und nicht die geringsten Anstalten unternimmst, einen Architekten zu beauftragen, sprechen wir von einem inkonsistenten Kontext der Gründe und Absichten. Denn es ist ein logischer Widerspruch zu wissen, dass die Erfüllung von A die Voraussetzung der Erfüllung von B ist, und gleichzeitig die Erfüllung von A zu negieren.</p>
<p>Wir unterscheiden Bedürfnisse, Antriebe und Triebe auf der einen Seite und Wünsche und Absichten auf der anderen Seite, also kausale Mechanismen und intentionale Zustände. Bedürfnisse, Antriebe und Triebe fallen außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung, außerhalb des Reiches der Vernunft – sie sind aber deshalb nicht irrational (dann gehörten sie ja als Negationen aller Sätze über rationale Wünsche und Absichten in den logischen Raum der Vernunft), sondern der Rationalität und Vernunft gegenüber neutral und indifferent. Das heißt, wir können nicht von reinen Antrieben oder Trieben wie Hunger und Durst oder sexuellen Trieben unmittelbar auf die Präferenz der Absicht oder den praktischen Schluss schließen, der sich aus dem rationalen Syllogismus mit den Prämissen eines Wunsches und der Wahl eines Mittels zur Wunscherfüllung ergibt – wie oben am Beispiel des Wunsches zu trinken gezeigt.</p>
<p>Antriebe können kausal mit visuellen oder anderen sensorischen Reizen verknüpft sein – so der visuelle Reiz einer Flasche Wasser mit dem Bedürfnis, zu trinken. Sensorische Reize befinden sich außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein – sie sind neutral gegenüber den Begriffen von Wahrheit und Falschheit. Erst die Transformation des sensorischen Reizes in eine Wahrnehmung macht den Reiz gleichsam intelligibel, nämlich wahrheits- und falschheitsfähig. Man könnte auch sagen, Aussagen über sensorische Reize sind immer wahr, aber das heißt nur, dass sie tautologisch und empirisch nichtssagend sind. Ihr Indikator ist ja bekanntermaßen die Formel: „Mir scheint …“ Und damit kannst du nicht irren, weil eine Aussage über den mentalen Zustand deiner Gestalt-, Form-, Farb- oder Geruchswahrnehmung irrtumsresistent ist. Das ist der Unterschied der Aussagen: „Mir scheint, dort befindet sich eine Flasche Wasser“ und der Aussage: „Dort befindet sich eine Flasche Wasser“, die entweder wahr oder falsch ist.</p>
<p>Doch der sensorische Reiz muss erst in eine Wahrnehmung transformiert werden, wenn wir rational von unserer Wirklichkeit sprechen wollen. Dann gelangen wir zu der Überzeugung, dass wir unseren Wunsch stillen können, wenn wir aus der wahrgenommenen Flasche trinken. Wir befinden uns allererst im logischen Raum von Sprache und Bewusstsein, wenn sich herausstellen kann, dass diese unsere Überzeugung falsch war, weil sich in der Flasche kein echtes Wasser, sondern eine ungenießbare Flüssigkeit befand.</p>
<p>Wir ersehen aus dem Wechselspiel von intentionalen Zuständen und Syllogismen beziehungsweise praktischen Schlüssen, dass der logische Raum von Sprache und Bewusstsein zumindest über die beiden Dimensionen der Intentionalität und der Rationalität aufgebaut wird – die beiden Dimensionen umgreifen und implizieren einander. Sollte die Existenz von intentionalen Zuständen, wie manche behaupten, eine Illusion oder bloße Fiktion sein, und sollten alle intentionalen Zustände sich vollständig auf physische Zustände reduzieren lassen, müsste man folglich auch die Implikation der Existenz von Rationalität oder der menschlichen Fähigkeit, Aussagen in logische Verknüpfungen zu bringen, in Zweifel ziehen. Doch kann man überhaupt etwas in Zweifel ziehen, wenn man DIES in Zweifel zieht?</p>
<p>Wir nennen Wesen, die nicht nur Bedürfnisse, Antriebe und Triebe, sondern Wünsche und Absichten haben, Wesen, die nicht nur von sensorischen Reizen affiziert werden, sondern Wahrnehmungen und Überzeugungen über das Wahrgenommene haben, nämlich dass es entweder wahr oder falsch ist und das heißt, sich nicht nur auf einen je meinigen mentalen Zustand, sondern auf eine objektive Tatsache der Welt bezieht, sowie Wesen, die ihre Überzeugungen und Absichten auf kohärente und konsistente Weise des Verknüpfens und Schlussfolgerns verbinden, rationale Wesen oder Personen.</p>
<p>Wenn wir uns in einem skeptischen Überschwang  so weit aus dem Fenster lehnen oder so weit übernehmen, dass wir bezweifeln, dass Personen solche rationalen Wesen sind, die ihre Überzeugungen und Absichten auf kohärente  und konsistente Weise des Verknüpfens und Schlussfolgerns verbinden, dann zweifeln wir an unserer eigenen Existenz, unterminieren die Grundlage all unseres Wissens und stürzen in einen bodenlosen Traum.</p>
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		<title>Logische Schneisen VIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-viii/</link>
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		<pubDate>Sat, 25 Jan 2014 11:48:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechakt]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens: (2) (1) „Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“ „Betritt nicht die Straße!“ (2) (2) „Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“ „Betritt nicht die Straße!“ (2) (3) „Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“ „(Bitte) [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-viii/">Logische Schneisen VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens:</p>
<p>(2) (1)<br />
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (2)<br />
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (3)<br />
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“<br />
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (4)<br />
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“<br />
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“<br />
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“<br />
(3)<br />
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit ­­­dir zu treffen.“<br />
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“</p>
<p>Wir sehen: Wir können den Hauptsatz mit dem sogenannten Indikator, der dem Infinitiv voransteht, welcher den Inhalt der betreffenden Aufforderung beziehungsweise des Versprechens angibt, ersatzlos streichen und sodann den erweiterten Infinitiv in einen Aussagesatz umformen. Dann erkennen wir, dass alle Aufforderungen ob Warnung, Empfehlung oder Bitte dieselbe Satzform annehmen – ja, wir können sogar den Fragesatz in einen Aufforderungssatz umformen, nämlich in die Bitte um Antwort.</p>
<p>Es verbleiben demnach als sprachliche Grundformen des pragmatischen Umgangs von Menschen die beiden Satztypen der Aufforderung und des Versprechens:</p>
<p>„Ich fordere dich auf, das und das zu tun.“<br />
„Ich verspreche dir, das und das zu tun.“</p>
<p>Wir sehen: Hier handelt es sich um symmetrische und reziproke Strukturen. Wenn ich dich bitte, uns zu unserem Treffen zwei Stück Kuchen vom Bäcker mitzubringen, ist dieser Satz umgekehrt äquivalent zu dem symmetrisch und reziprok gebildeten Satz, den du auf meine Bitte hin äußern könntest: „Ich verspreche dir, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen.“</p>
<p>Wir führen zur weiteren Reduktion der Formunterschiede und zur Vereinfachung der Darlegung den Begriff der Veranlassung ein. Symmetrie und umgekehrte Äquivalenz werden so noch klarer und sichtbarer. Wenn ich dich veranlasse, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen, kannst du deine Bereitschaft, dich von mir zu diesem Tun veranlassen zu wollen, mit dem Versprechen Ausdruck verleihen, das Erwünschte zu tun.</p>
<p>Im pragmatischen Umgang stehen sich Ego und Alter Ego in symmetrischen und reziproken Positionen gegenüber – in einem sprachlichen Feld, in dem sich mittels der Satztypen der wechselseitigen Veranlassung reziproke und gegenläufige Intentionen kreuzen: Ich veranlasse dich, etwas zu tun – du veranlasst mich, etwas zu tun.</p>
<p>Hierbei ist stets zu ergänzen: etwas zu tun oder nicht zu tun (das heißt zu lassen). Der Inhalt der angesonnenen Tätigkeit mag dabei vom bloßen An-etwas-Denken über das Aussprechen nachgefragter Information bis hin zur zupackenden Tat reichen.</p>
<p>Wie vermag ich dich zu veranlassen, mir bei Tisch die Wasserflasche herüberzureichen? Nun, ich werde vielleicht zu dir gewandt sagen: „Wärst du so nett, mir die Flasche Wasser zu reichen?“ oder „Bitte reich mir doch die Flasche herüber!“ Du verstehst ja Deutsch und weißt, was ich meine, und weil du mir freundlich gesinnt bist, zögerst du nicht, mir das Gewünschte zu geben.</p>
<p>ich könnte allerdings auch eine Hand in Richtung Wasserflasche ausstrecken, als Geste der Aufforderung, einer möge so freundlich sein, mir die Flasche zu reichen, an die ich von meiner Position aus nicht hinlange. Und sicher würde ich mit dieser Geste deine Aufmerksamkeit wecken und du würdest sie richtig als sprachförmige Geste verstehen, die bedeutet: „Bitte, reich mir doch die Flasche Wasser herüber!“ Und du wiederum kommst mir mit der Bewegung deiner Hand gleichsam auf halbem Wege entgegen und reichst mir die Flasche.</p>
<p>Auf solche Weise hätte ich dich mittels eines einfachen Sprechaktes der Aufforderung oder mittels einer einfachen sprachförmigen Geste dazu veranlasst, zu tun, wonach mich verlangt hat.</p>
<p>Jemanden veranlassen, etwas zu tun, heißt nicht, auf jemanden kausal einzuwirken, sodass er tun muss, was du von ihm verlangst. Und jemanden etwas zu tun auffordern heißt nicht ihn wie mittels magischer Sprüche oder Beschwörungsformeln nötigen, etwas zu tun. Auch wenn du von deiner hohen Amtsstellung her befugt wärest, jemandem zu befehlen, etwas zu tun, könnte er sich noch immer weigern, dem Befehl zu gehorchen, auch wenn die Befehlsverweigerung mit hohen Sanktionen bewehrt wäre, denn diese zu erleiden könnte dem heroisch Gesinnten besser dünken, als seinen freien Willen aufzugeben. Du kannst jemanden durch Schmeicheleien und Versprechungen zu beeinflussen und durch Aussicht auf materiellen Gewinn zu bestechen suchen, der Betreffende ist dennoch nicht gezwungen, deiner Aufforderung nachzukommen, wie eine Lampe nicht anders als leuchten „kann“, wenn du den Schalter betätigt hast – es sei denn sie ist kaputt. Wir sagen zusammenfassend: Mit den für die menschliche Praxis wesentlichen und entscheidenden Sprechakten des Aufforderns und Versprechens begeben wir uns ein intentionales Feld des Redens und Tuns, nicht in ein kausales Feld des Geschehens.</p>
<p>Allerdings ist die Erfüllung von Wünschen nicht durch ihre Artikulation garantiert (Schön wärʼs oder auch gar nicht schön!). Es könnte Folgendes passieren: Ich trage dir meine Bitte vor und du ignorierst sie einfach! Du schneidest mich bei Tisch, weichst meinen Blicken aus, tust nicht, was ich von dir verlange, oder beantwortest meine Fragen nicht. Was ist hier geschehen?</p>
<p>Nun, du bist mir wohl böse und übel gesonnen, vielleicht weil ich dir einen Wunsch ausgeschlagen, dich missachtet oder beleidigt habe. Dann geschieht mir durch deine Ignoranz und deine Weigerung, dich von mir zu einem Tun veranlassen zu wollen, die Rache. Oder es gibt jemanden, der gleichsam ältere Rechte oder größeren Einfluss bei dir hat als ich und der dich veranlasst hat, nicht das zu tun, wozu immer ich dich veranlassen will, sondern es zu lassen.</p>
<p>Hier gelangen wir zu der trivialen Einsicht: Nicht jeder kann jedem alles sagen. Oder als Frage formuliert: Wer kann wem was sagen? Nicht jeder kann jeden zu was auch immer veranlassen, nicht jeder fühlt sich von jedem veranlasst, was auch immer zu tun.</p>
<p>Die Arten der Aufforderung sind in einer sozialen Hierarchie angeordnet und reichen vom Befehl des Generals während höchster Gefährdung im Feld, wobei dem Befehlsverweiger durchaus die Todesstrafe drohen mag, über die Anordnung der Eltern, bei Tisch nicht durcheinanderzureden, bis zur Bitte des Bettlers, ihm einen Euro zu schenken. Je nachdem, in welchem Maße die Weigerung, einer Aufforderung nachzukommen, mit Strafe oder Tadel sanktioniert ist, bewerten wir den Ernst und das Gewicht einer Aufforderung.</p>
<p>Ob du dein Versprechen, am ausbedungenen Zeitpunkt und Ort zu erscheinen, wahr machen wirst, steht dahin, wie alles, was man nicht in der Vergangenheitsform formulieren kann. Du könntest dein Versprechen vergessen oder verraten haben, du könntest es im Augenblick, da es dir über die Lippen kam, gar nicht ernst genommen haben, du könntest durch einen Unfall, eine Unpässlichkeit, eine Krankheit, ja im schlimmsten Falle durch dein Ableben endgültig verhindert sein, dein Versprechen einzulösen.</p>
<p>Mit den Sprechakten der Aufforderung und des Versprechens drücken wir unsere Absichten aus, dass ein anderer etwas für uns tue, oder dass wir bereit sind, für einen anderen etwas zu tun. Der Zeitpunkt, an dem eine Absicht erfüllt oder verwirklicht sein wird, ist immer die Zukunft, ein zukünftiger Moment, gesichtet vom imaginären Standpunkt der Gegenwart aus. Was in Zukunft geschehen mag, weiß niemand mit Gewissheit vorauszusehen. Deshalb reichen die Sprechakte der Aufforderung und des Versprechens gewissermaßen in den dunklen oder unsichtbaren Raum des Ungeschehenen.</p>
<p>Wir versuchen, der Ungewissheit alles Zukünftigen gegenzusteuern, indem wir gleichsam Sicherungen in unsere Handlungsschaltkreise einbauen: Du hast deinem Freund versprochen, das ausgeliehene Geld endgültig übermorgen zurückzuerstatten. Weil du nicht voraussehen konntest, ob du die Summe aus eigenen Kräften aufzubringen vermochtest, hast du dir rechtzeitig von einem Dritten dieselbe Summe geliehen. So schleppst du dich zwar mühsam von Gläubiger zu Gläubiger, kannst aber mittels dieser fragwürdigen Absicherung dein Versprechen einhalten.</p>
<p>Wenn du einen größeren Kredit bei einer Bank bezogen hast, hat sich die Bank gegen die Ungewissheiten und Unsicherheiten der Zukunft durch den Abschluss einer Versicherung zur Begleichung der anfälligen Restsumme im Krankheitsfalle, bei Unfall, Invalidität und Tod abgesichert.</p>
<p>In den entscheidenden Fällen unseres Lebens haben wir keine Versicherung oder Sicherheiten zur Hand. Wir erwarten nicht nur den Erhalt und die Wiederkehr alles dessen, was uns lieb und teuer ist, sondern sein endgültiges Verschwinden. Deshalb sind unsere am Zeitsinn der Zukunft orientierten handlungsleitenden Sprechakte des Aufforderns und Versprechens immer auf Risiko, Wagnis und Ungewissheit hin gesprochen.</p>
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		<title>Logische Schneisen VII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-vii/</link>
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		<pubDate>Fri, 24 Jan 2014 16:34:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Aussagetypen]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[sprachliche Grundformen]]></category>
		<category><![CDATA[Verstehen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn du unwillkürlich einen Schrei ausstößt, weil du dich erschrocken hast, ist der geäußerte Laut keine Mitteilung, keine Sprache. Der unwillkürlich verlautbarte Schrei liegt außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung. Wenn dich dein Freund durch einen Schrei auf eine unmittelbar drohende Gefahr aufmerksam macht – du warst ganz in Gedanken und hättest beinahe [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-vii/">Logische Schneisen VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du unwillkürlich einen Schrei ausstößt, weil du dich erschrocken hast, ist der geäußerte Laut keine Mitteilung, keine Sprache. Der unwillkürlich verlautbarte Schrei liegt außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.</p>
<p>Wenn dich dein Freund durch einen Schrei auf eine unmittelbar drohende Gefahr aufmerksam macht – du warst ganz in Gedanken und hättest beinahe die Straße betreten, obwohl ein Auto heranraste –, und aufgrund dieser willkürlich hervorgebrachten Verlautbarung siehst du dich plötzlich gewarnt und vermeidest den Schritt auf die Straße – in diesem Falle würden wir sagen, es handle sich um eine sprachliche Mitteilung, um Sprache. Der willkürlich und absichtsvoll verlautbarte Schrei liegt innerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.</p>
<p>Hier ist bemerkenswert, dass Sprache nicht notwendig artikulierter Laut sein muss, um als Sprache zu funktionieren: Dein Freund hätte dich auch fest in den Arm kneifen können und du hättest dies als absichtsvolle Kundgabe der Warnung verstanden, nicht weiterzugehen – in einem solchen Fall wäre die Handlung oder die Geste ein sprachliches Zeichen und Teil des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.</p>
<p>Du hast den Schrei als Ausdruck der Warnung vor einer unmittelbar drohenden Gefahr verstanden. Du hast die Bedeutung des Warnhinweises begriffen. Dein Verstehen und Begreifen manifestierte sich in deinem Handeln: Du hast den Fuß zurückgezogen und bist stehen geblieben. Dein Verstehen des Zeichens erfasste ebenfalls die Absicht deines Freundes, dich mit diesem Zeichen zu warnen, und umfasste auch die Tatsache, dass er diese Absicht durch das Hervorstoßen des Schreis verwirklicht hat.</p>
<p>Wie aber, wenn dein Freund gar nicht die Absicht hegen konnte, dich durch einen Schrei zu warnen, weil sich die Ereignisse überstürzten, er allerdings sah, wie du im Begriff warst, den Fuß auf die Straße zu setzen, und wie gleichzeitig das Auto herbeiraste – und hat dann vor Schreck einen Schrei ausgestoßen? Dann hast du allerdings diesen unwillkürlich hervorgestoßenen Schrei nicht bloß als mimetischen Ausdruck des Erschreckens, sondern als intentionalen Ausdruck der Warnung vor einer unmittelbar drohenden Gefahr verstanden.</p>
<p>Hier ist bemerkenswert, dass die in den meisten sprachlichen Kundgaben unabdingbare Intention der sprachlichen Handlung gelegentlich durch eine fallible Hypothese oder eine blinde Voraussetzung ersetzt werden kann. Indes musst du eine solche Absicht so oder so unterstellen, wenn nicht der Akt des Verstehens sprachlicher Zeichen unvollständig bleiben und deshalb misslingen soll.</p>
<p>Mimetische Verlautbarungen oder unwillkürliche lautliche oder gestisch-mimische Gefühlsgebärden können in rein sprachliche Verlautbarungen transformiert werden. Wenn du vor Schreck einen Schrei ausstößt, könntest du genauso gut ausrufen: „Ach, du Schreck!“ oder „Schreck, lass nach!“</p>
<p>Willkürlich oder absichtsvoll geäußerte, aber unartikulierte Ausrufe können in rein sprachliche Verlautbarungen transformiert werden. Wer einen Warnschrei ausstößt, könnte auch ausrufen: „Vorsicht, ein Auto!“ oder einfach: „Achtung!“</p>
<p>Wenn du im Begriff bist, die Straße zu betreten, und hörst, wie dein Freund an deiner Seite „Achtung!“ ausruft, bist du nicht genötigt, diesen Ausruf zu interpretieren, zu decodieren oder zu deuten, du bedarfst nicht einer speziellen hermeneutischen Kunst oder eines Deutungsverfahrens, das du als Maßstab an die Verlautbarung anlegst:  Du verstehst sie unmittelbar als Warnhinweis, du verstehst ohne Zögern und Zweifeln. Du fragst dich nicht: „Das klingt ja wie ein Warnschrei – aber könnte es auch etwas anderes bedeuten?“ Nein, du weißt, dieser Schrei bedeutet in dieser Situation von dieser Person verlautbart: „Achtung, Gefahr!“ Du vernimmst nicht ein akustisches Signal, das du als sprachliches Symbol interpretierst. Du hörst den Schrei als Warnhinweis.</p>
<p>Eine Sprache verstehen heißt nicht, eine Sprache interpretieren. Sprachliche Zeichen sind keine Symptome, die für etwas dem Wesen nach ihnen Fremdes stehen, die für etwas stehen, was sie nicht unmittelbar bedeuten, und deshalb als Signale, Hinweise und Zeichen für ihnen zugrunde liegende kausale Vorgänge gedeutet, interpretiert, decodiert werden müssten – wie Rauch als Zeichen für Feuer oder Flecken auf der Haut als Zeichen für eine Viruserkrankung.</p>
<p>Du könntest einwenden, dass wir auf Schritt und Tritt sprachlichen Ausdrücken und Wendungen begegnen, die nicht eindeutig sind und deshalb der Interpretation bedürfen. Ob ich mit „Bank“ die Sitzgelegenheit oder das Geldinstitut meine, bedarf doch wohl der Interpretation!</p>
<p>Aber, würden wiederum wir einwenden, so funktioniert Sprache nicht. Wenn du zu mir sagst, du müsstest, bevor wir uns treffen, noch rasch Geld bei der Bank ziehen, weiß ich unmittelbar, dass du nicht die Sitzgelegenheit auf dem Merianplatz meinst.</p>
<p>Wir schließen daraus, dass die für unsere Sprachhandlungen relevante Umgebung oder die relevante Situation ein Teil der Bedeutung jener Sätze und Wendungen ausmacht, die wir in  dieser Umgebung oder dieser Situation verwenden.</p>
<p>Aber, könntest du nochmals einwenden, wie steht es denn mit der gleichsam systematischen Zweideutigkeit, wie sie beispielsweise bei der Verwendung des Ausdrucks „ist“ auftaucht – müssen wir hier nicht zur Interpretation schreiten, um die Zweideutigkeit in eine Eindeutigkeit zu verwandeln?</p>
<p>Hier sagen wir: Die Eindeutigkeit der Bedeutung von „ist“ ermitteln wir nicht durch hermeneutische Deutekunst und Interpretation, sondern mittels Anwendung einer analytischen Mechanik. Mit diesem mechanisch anzuwendenden Analyse-Tool gelingt uns Folgendes:</p>
<p>(1) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ in Sätzen wie „Eva ist schüchtern“ anhand der Satzform „x (ist F)“ als einen Teil der Kopula des Satzes.</p>
<p>(2) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ in einer Gleichung wie „7 + 5 = 12“ oder einer Identitätsaussage wie „Der Morgenstern ist der Abendstern“ als Zeichen der Identität der beiden vor und nach dem Gleichheitszeichen genannten Gegenstände.</p>
<p>(3) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ beziehungsweise von „es gibt“ in der Aussage: „Es gibt den Pegasus“ anhand des Existenzquantors und der Satzform „Es gibt ein und nur ein x, und dieses x ist F, und alle y, die F sind, sind identisch mit x“ als Existenzaussage.</p>
<p>Die Schrift, die sich wie von Geisterhand auf der Mauer schreibt, oder das seltsame Muster, das wir im vom Wind aufgeworfenen Blättern zu unseren Füßen zu entziffern wähnen, die monströsen Physiognomien, die uns bisweilen aus Wolkenballungen entgegenzustarren scheinen, oder das wirre Gekritzel eines Dementen – so etwas und alles dergleichen gilt uns nicht als Sprache oder als bedeutsame Zeichen.</p>
<p>Unsere Grundannahme besteht darin: Wir befinden uns innerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung, sobald wir davon ausgehen, dass uns etwas mittels irgendwelcher geeigneter Zeichen von Personen absichtsvoll bedeutet oder mitgeteilt wird.</p>
<p>Dabei macht die relevante Umgebung oder die relevante Situation der Zeichenkundgabe und der Zeichenannahme einen Teil der Bedeutung dieser Zeichen aus – diese Umgebung kann eine Alltagssituation wie eine Unterhaltung, ein Prüfungs- oder Vorstellungsgespräch, eine Gerichtsverhandlung usw. sein oder selbst ein sprachlicher Zusammenhang wie eine Erzählung, ein Dokument, eine wissenschaftliche Abhandlung usw. In einer lockeren Unterhaltung hingestreute Bemerkungen und Anekdoten haben nicht das Gewicht von zu Protokoll gegebenen Aussagen vor Gericht. Die in einer fiktiven Erzählung geäußerten Aufforderungen der Protagonisten haben für das Leben des Lesers keine Relevanz, im Gegensatz zu den Bestimmungen eines beglaubigten Miet- oder Pachtvertrages.</p>
<p>Wenn wir uns dargebotene Zeichen als sprachliche Zeichen oder als Sprache verstehen wollen, müssen wir die Absicht der Person, die sie uns mitteilt oder mitteilen lässt, anhand der Bedeutung der Zeichen und der Mitteilungssituation herausfinden und in Rechnung stellen. Wenn dein Freund neben dir „Vorsicht!“ ruft, sobald du die Straße betreten willst, weißt du anhand der Bedeutung des Ausdrucks „Vorsicht“ und der erlebten Straßensituation, welche Absicht seine Mitteilung hat.</p>
<p>Die Sprecherintention, die für das Verstehen der Bedeutung sprachlicher Kundgaben so wesentlich ist, können wir sichtbar markieren, indem wir den Aussagemodus der jeweiligen Aussage dieser voranstellen: die Behauptung, die Aufforderung (Warnung, Empfehlung, Bitte, Frage) und das Versprechen, die mimetische Äußerung (Interjektion, Gefühlsausdruck) sowie die Festsetzung (Erwähnung und axiomatische Definition):</p>
<p>(1)<br />
„Ich behaupte, dass der Mond der Erdtrabant ist.“<br />
„Der Mond ist der Erdtrabant.“<br />
(2) (1)<br />
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (2)<br />
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (3)<br />
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“<br />
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (4)<br />
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“<br />
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“<br />
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“<br />
(3)<br />
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit dir zu treffen.“<br />
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“<br />
(4)<br />
&lt;„Aua!“&gt;<br />
„Ich habe Schmerzen.“<br />
(5) (1)<br />
„Mond“ ist das Wort mit der Bedeutung Mond.<br />
„Mond“ hat vier Buchstaben.<br />
„Der Pegasus fliegt über den Parnass“ ist ein Satz.<br />
„Der Buchstabe p steht für einen beliebigen Satz.“<br />
(5) (2)<br />
„Die kürzeste Linie zwischen 2 Punkten ist eine Gerade.“<br />
„Die kürzeste Linie zwischen 2 Punkten ist eine Kurve.“</p>
<p>Wir berühren hier die logischen Grundformen der Sprache oder die wesentlichen Aussagetypen im logischen Raum: die Behauptung als Mitteilung von Information, die Veranlassung des Angesprochenen, etwas zu tun, beziehungsweise die Erklärung der Bereitschaft des Sprechenden, etwas zu tun, die Verlautbarung des eigenen Befindens sowie die Erwähnung und die axiomatische Festsetzung.</p>
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		<title>Die Pflicht zur Konvention</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Jan 2014 16:48:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Handlung]]></category>
		<category><![CDATA[Konventionen]]></category>
		<category><![CDATA[Normen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Prof. Dr. Gerhard Preyer Frankfurt am Main]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn du dich nach dem Befinden eines Menschen erkundigst, der dir nahesteht und der kürzlich einen kleinen Unfall erlitten hatte (nichts Dramatisches, aber schmerzhaft durchaus), handelst du aus dem Beweggrund echter Anteilnahme und Besorgnis, indem du deine Gefühle oder Gestimmtheiten hinsichtlich der Lage des Betroffenen mittels angemessen gefühlvoller sprachlicher Ausdrücke und Wendungen dieser Person in [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-pflicht-zur-konvention/">Die Pflicht zur Konvention</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du dich nach dem Befinden eines Menschen erkundigst, der dir nahesteht und der kürzlich einen kleinen Unfall erlitten hatte (nichts Dramatisches, aber schmerzhaft durchaus), handelst du aus dem Beweggrund echter Anteilnahme und Besorgnis, indem du deine Gefühle oder Gestimmtheiten hinsichtlich der Lage des Betroffenen mittels angemessen gefühlvoller sprachlicher Ausdrücke und Wendungen dieser Person in einer E-Mail mitteilst.</p>
<p>Zugleich erfüllst du mit dieser Handlung eine Konvention, die besagt: „Drücke einem dir nahestehenden Menschen, der von einem Missgeschick, Unfall oder Unglück betroffen ist, durch geeignete Mittel deine Anteilnahme aus.“</p>
<p>Wir nennen dies die Konvention A, kurz KA, und untersuchen die Bedingungen, die sie erfüllen muss, um erfolgreich angewandt zu werden oder schlicht zu gelingen.</p>
<p>KA besagt, du sollst in dem bewussten Falle deine Anteilnahme zum Ausdruck bringen, Intensität und Art und Weise der Anteilnahme werden nicht spezifiziert. Auch wenn du keine tief gefühlte, echte Anteilnahme und Besorgnis für die betroffene Person, die dir nahesteht, empfinden solltest (du magst dies abstreiten: wir prüfen dich auf Herz und Nieren oder scannen dein Gehirn und finden es heraus), vielleicht weil der Mensch dir neulich krumm kam oder du ihm zurzeit ein ungehöriges Verhalten und eine Missachtung deiner Person nicht nachsehen kannst, fühlst du dich dennoch gehalten und genötigt, ihm deine Anteilnahme zu bezeugen, indem du ihm eine E-Mail mit gefühlvollen Ausdrücken deiner Besorgnis zukommen lässt. Mit dieser Handlung erfüllst du die Pflicht zur Konvention.</p>
<p>Auch über die Art und Weise, wie du deine Anteilnahme für den Mitmenschen zum Ausdruck bringen magst, ist in der Definition zu KA nichts Bestimmtes ausgesagt. Die Auswahl obliegt deiner Urteilskraft, die das Nötige vom Überflüssigen, das Angemessene vom Übertriebenen oder Unzureichenden zu differenzieren wissen sollte. Manchmal genügt in minder schweren Fällen ein lieber Gruß, ein freundliches Winken, ein herzhaftes Anklopfen. Manchmal sind verbindlichere Maßnahmen erfordert, dann solltest du einen Krankenbesuch machen und nicht mit leeren Händen aufkreuzen. Und manchmal solltest du bei akuten Unfällen sogleich Erste Hilfe leisten oder den Notdienst verständigen. Eine subtile Art der Anteilnahme besteht in der Hilfe oder besser dem Anstoß zur Selbsthilfe, wenn der Betroffene den letzten Kick braucht, um aus seiner vielleicht selbstverschuldeten Lethargie und Lebensbetäubung aufzuwachen und die Sorge für das eigene Wohl und Wehe in die Hand zu nehmen.</p>
<p>Die Bedingung, die erfüllt sein muss, damit KA gelingt, umfasst nicht den spezifischen Inhalt der Gefühle oder Gestimmtheiten, die dich bewegen, KA zu vollziehen. Wenn dies nicht der Fall ist, kann es nicht richtig sein, dir in dem Falle, dass du gleichgültige oder gar feindselige Gefühle gegen die betroffene Person hegst, zu unterstellen, dein Verhalten sei geheuchelt oder verlogen. Dies träfe nur zu, wenn die Bedingung das schwer zu bestimmende und kaum zu ermessende Kriterium der Echtheit, Authentizität und Intensität deiner Gefühle mit umfasste. Dies ist laut Definition nicht der Fall. Es ist also nicht nur unsinnig, sondern geradezu unrichtig, demjenigen, der der Nötigung zur Höflichkeit nachgibt, auch wenn er die Person, der er Höflichkeit bezeigt, nicht mag, Heuchelei oder Verstellung vorzuwerfen. Denn gemäß Bedingung kannst du empfinden, was immer du willst, und dennoch regelrecht KA erfüllen.</p>
<p>Es ist geradezu ein Kennzeichen des Gelingens von KA, wenn du trotz deines Widerstrebens und deiner Unlust deine Anteilnahme ausdrückst. Du magst in diesem Falle die verbale Kost auf ein rhetorisches Minimum reduzieren oder statt Rosen Nelken versenden und deine geringe emotionale Beteiligung mag der feinsinnige und hellhörige Psychologe aus dem Papierdeutsch und der Blutleere deiner Diktion ablesen, der Pflicht zu KA hast du dennoch Genüge getan.</p>
<p>Welche Instanz vermittelt KA ein solches Gewicht, einen solchen Nachdruck, dass du in Verlegenheit, Unruhe und Missbehagen gerätst, wenn du dem Verunglückten deine Anteilnahme nicht ausdrückst? Welche Form der sekundären Intention hat die Kraft, die primäre Intention, die vielleicht das Gegenteil will, auszutricksen, zu korrigieren und parasitär zu überwachsen? Der Gedanke an die Person ist dir im Moment zuwider, und dennoch nötigt dich KA, dich in positiven Wendungen an sie zu richten.</p>
<p>Wir werden sehen, dass wir bei Gelegenheit dieser unscheinbar anmutenden Handlung, mittels schriftlicher Mitteilung Anteilnahme an einer vom Unglück betroffenen Person zu äußeren, an der Quelle der sozialen Ordnung stehen, aus der sich Kraft und Dauer des menschlichen Zusammenlebens speisen.</p>
<p>Eine Geste oder Handlung zu vollziehen, die du im Augenblick des Vollzugs gern oder ungern tust und die du mit Bestimmtheit und Akkuratesse gerade dann zu tun in der Lage bist, wenn dich Unlust und inneres Widerstreben davon abzuhalten suchen – eine Geste oder Handlung, die im allgemeinsten Sinn das Wohlbefinden des Adressaten zu steigern beabsichtigt, dies ist die formale Struktur und der soziale Inhalt von KA.</p>
<p>Du erblickst, wie eine gebrechliche Greisin unsicher mit ihrem Stock an der Ampel steht und offensichtlich solchermaßen sehbehindert ist, dass sie nicht mehr gewärtigen kann, ob die Fußgängerampel auf Grün umgeschaltet hat. Du bietest ihr selbstverständlich Hilfe an und nimmst sie galant, aber tatkräftig unter den Arm. Du tust dies, obwohl du damit riskierst, die nächste Bahn, die dich zur Arbeit oder ins Seminar bringen soll, zu verpassen, sodass du zu spät kommen und im Büro oder im Universitätsinstitut in eine kleine Verlegenheit geraten wirst. Du wirst auf das „Danke schön“ der alten Dame antworten „Nichts zu danken, gern geschehen!“ und diese Äußerung wird wahr sein, denn du hast die Konvention A gern erfüllt.</p>
<p>Wir sagen, sekundäre Intentionen oder Intentionen zweiten Grades überwachsen oder überwuchern primäre Intentionen oder Intentionen ersten Grades. Primäre Intentionen beziehen Kraft und Gehalt aus dem fischreichen Teich unserer primären biologischen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn du durstig bist, entwickelst du spontan den Wunsch, etwas zu trinken. Dieser Wunsch ist der Beweggrund oder die Absicht, eine Handlung auszuführen, deren Zweck darin besteht, deinen Durst zu löschen, indem du etwa zum Kühlschrank gehst und dir ein Wasser holst oder falls der Kühlschrank leer ist in den Supermarkt zu eilen, um dich dort mit dem Nötigen einzudecken.</p>
<p>Die Befriedung des Durstes lässt sich anders als andere Bedürfnisse nicht lange aufschieben, aber immerhin für die Zeitspanne, die nötig ist, die Mittelglieder des gesamten Handlungsbogens vom Durstgefühl über den Gang zum Supermarkt, die Auswahl des Getränks, den Bezahlvorgang mit EC-Karte oder Bargeld, den Heimweg und das Öffnen der Flasche und das erlösende Trinken Schritt für Schritt auszuführen und aneinanderzureihen. Wir nennen die in einer Kette kontinuierlich verschlungenen Einzelhandlungen, die eine auf der anderen sinnvoll aufbauen oder aufsitzen wie die Figuren in den russischen Puppen, Handlungskaskaden. Die zweckvolle Auswahl und Abstimmung der einzelnen Handlungsschritte aber nennen wir Handlungsrationalität oder vernünftiges Handeln. So ist es vernünftig, dich zu versichern, ob du dein Portemonnaie beziehungsweise deine EC-Karte einstecken hast, bevor du das Haus Richtung Supermarkt verlässt. Und es wäre unvernünftig, das Getränk auszuwählen und den Supermarkt zu verlassen, ohne die Ware an der Kasse zu bezahlen.</p>
<p>Darüber hinaus sind wir frei, zu überlegen und vernünftig abzuwägen, ob wir einen Zweck dem anderen vorziehen, ob wir demzufolge eine Handlung einer anderen zeitlich voranstellen. Wenn du ein wichtiges Gespräch mit einer Respektsperson zu absolvieren hast – vielleicht ein Vorstellungsgespräch –, wirst du dich erst waschen und etwas zu dir nehmen, bevor du pünktlich das Haus verlässt, statt ungewaschen und mit knurrendem Magen in das Gespräch zu gehen. Ja, wir sind sogar frei, abzuwägen, ob wir statt eines Zwecks A lieber einen anderen, höherwertigen Zweck B verfolgen, der uns längerfristig mehr Nutzen und Vorteil verschafft als A, wenn dieser auch kurzfristig befriedigender und lustvoller ist. Du verzichtest jetzt auf die angenehme Erfrischung im Schwimmbad, nach der es dich bei dieser Sommerhitze so sehr gelüstet, um dich für das morgige Examen vorzubereiten, dessen erfolgreiche Ablegung dir langfristige berufliche Chancen eröffnet.</p>
<p>Verhält es sich ebenso mit den Wünschen zweiten Grades, den sekundären Intentionen, die wir im Umkreis der Konvention A kennengelernt haben? Auch die zwecks Erfüllung der sekundären Handlungsabsicht oder Konvention A in Gang gesetzten Handlungsschritte sind kontinuierlich verkettet und sinnvoll ineinander verschlungen. Du wartest nicht viele Tage, bevor du deine Anteilnahme bekundende E-Mail verschickst, sondern lässt die angemessene Zeit verstreichen. Du vergegenwärtigst dir den persönlichen Abstand oder die persönliche Nähe, in der du zum Adressaten stehst, dazu können Verwandtschaftsgrad, emotionale Bindung, Titel und Rang, geschäftliche Beziehung oder institutionelle Abhängigkeit gehören. Gemäß diesen Kriterien wählst du aus den bereitstehenden rhetorischen Repertoires und Stilkonventionen die angemessene Ansprache aus. Es ist evident, dass auch Überlegungen und Gedankenschritte dieser Art zu den Handlungsgliedern des gesamten Handlungsbogens zur Erfüllung sekundärer Intentionen gehören.</p>
<p>Wenn du mir versprochen hast, das ausgeliehene Buch heute bei unserem Treffen im Café zurückzugeben, wirst du dies hoffentlich zuerst tun, bevor du mir gegenüber eine weitere Bitte äußerst, vielleicht dir noch ein Buch zu leihen oder dir mit einer Summe Geldes auszuhelfen. Ebenso könntest du einen Wunsch dem anderen, weniger auf den Nägeln brennenden Wunsch hintanstellen. Du brauchst dringend eine Summe Geldes, um mit deiner neuen Freundin ins Kino und anschließend ins Restaurant zu gehen, auch wenn du liebend gerne am kommenden Wochenende das neue Buch von Alice Munro verschlingen würdest, das ich dir natürlich gern ausgeliehen hätte. Doch du bittest mich um das Geld statt um das Buch. Was deine Präferenzen über dich aussagen, gibt Einblick in deine Persönlichkeit oder deinen Charakter.</p>
<p>Wir sahen, was Handlungsrationalität oder vernünftiges Handeln im Kontext der Erfüllung primärer Intentionen bedeutet: die Auswahl der dem Zweck angemessenen und der Zweckerreichung dienlichen Mittel und Methoden. Dies gilt ebenso für sekundäre Intentionen: Natürlich besinnst du dich darauf, welche Mittel angemessen sind, dein Ziel, Anteilnahme mit einem dir nahestehenden Menschen, der Pech hatte, zum Ausdruck zu bringen. Du könntest ihm Blumen oder Pralinen schicken, du könntest ihm eine Konzertkarte zukommen lassen für die Zeit, wenn er aus dem Gröbsten raus ist. Oder du sendest ihm eine E-Mail mit einer gefühlvollen Ansprache. Du wählst die elektronische Post, das verlangt den geringsten Aufwand und erzielt doch den gewünschten Effekt. Blumen oder Pralinen zu schicken wäre nicht nur aufwändiger, sondern suggerierte eine Nähe, die dir in diesem Stadium eurer Bekanntschaft vielleicht nicht erwünscht ist. Die Konzertkarte ist nicht gerade billig, der Preis steht in keinem realen Verhältnis zur Nähe eurer Beziehung. Also hast du mit der E-Mail die richtige, das heißt angemessene Wahl getroffen.</p>
<p>Wer sich als unfähig erweist, der Pflicht zur Konvention nachzukommen, ist kein fröhlicher Anarchist und kein steppenwölfischer Rousseauist, der sich im Alter in den kleinbürgerlichen Nudistenverein flüchtet – er definiert vielmehr einen Grenzbegriff des Humanen, wie er uns in Fällen von Persönlichkeits- und anderen psychiatrischen Störungen, aber auch bei der Demenz begegnet. Diese klinischen Fälle bezeugen den Abbau und die Zerstörung jener höherstufigen mentalen Funktionen, die uns in die Lage versetzen, sekundäre Intentionen und Wünsche zweiten Grades allererst aufzubauen und in kohärente Kontexte untereinander und in kohärente Vernetzungen mit den primären Intentionen und Wünschen ersten Grades einzubetten.</p>
<p>Die Tatsache, dass wir uns nahestehende Menschen auf der Straße grüßen, ist ebenso eine Konvention, wie die Arte und Weise, wie wir es tun. Wobei anzumerken ist, dass praktische oder Verhaltenskonventionen nicht in dem Maße kontingent und willkürlich sind wie sprachliche Konventionen. Dass „Bon soir!“ „Guten Abend!“ bedeutet, hat keine innere Notwendigkeit. Doch alle Formen des Grüßens und Begrüßens haben in der Geste wehrloser Annäherung ein gemeinsames Charakteristikum, das letztlich in der biologischen Natur der Spezies Homo sapiens wurzelt.</p>
<p>Die Grußformen sind offensichtlich kultureller Varianz und geschichtlichem Wandel mehr oder weniger stark ausgesetzt. Die Leute in Paris tauschen gern förmliche Küsse zur Begrüßung aus. Eskimos reiben sich die Nasen aneinander. Und wir sagen „Guten Tag!“, „Guten Morgen!“ und „Guten Abend!“ und geben uns gern die Hand, wenn wir uns treffen. Gestern lüpften die Herren den Hut und die Damen hoben den Schleier.</p>
<p>Es ist evident, dass wir auf der Straße nicht Hinz und Kunz, nicht wildfremden Leuten „Guten Tag!“ sagen, sondern unseren Gruß durch Exklusivität wertvoll machen, dadurch, dass wir die Anzahl seiner Adressaten beschränken. Wir sagen: Wir wenden die Konvention des Grüßens selektiv und exklusiv an. Man kann geradezu definieren: Wen wir grüßen, steht uns irgendwie nahe, und die uns Nahestehenden grüßen wir. Die Gruppe derjenigen Menschen, die wir zu grüßen geruhen und die uns mit ihrem Gruß in den Kreis der Auserwählten einschließen, ist ein exklusiver Club, der Intensität, Dichte und Häufigkeit unserer sozialen Kontakte repräsentiert. Die Kreise derjenigen, die einander grüßen, sind natürlich nicht kongruent und deckungsgleich, sondern überschneiden sich: Nur in den Schnittmengen befinden sich alle diejenigen, die einander und sich gegenseitig grüßen, während dein Freund gewiss Leute grüßt, die du nicht einmal kennst.</p>
<p>Indes, nicht nur die Anwendung der Konvention ist bedeutsam, auch ihre Nichtanwendung und die Beendigung ihrer Anwendung, der Bruch mit der schönen Gewohnheit, sind hochsignifikant: Gestern noch hast du mich auf der Straße gegrüßt, heute schaust du betreten unter dich, wenn du mich auf der anderen Seite erblickt hast. Was ist geschehen? Was habe ich dir getan? Womit habe ich dir vor den Kopf gestoßen, sodass du mich keines Blickes und keines Grußes mehr würdigst, sodass du mich aus dem exklusiven Club deiner Gruß-Freunde und Duz-Freunde hinauskomplimentiert hast?</p>
<p>Hier kann es sich freilich erweisen, dass die Verweigerung des Grußes doppeldeutig ist: Dein ehemaliger Gruß- und Duz-Freund ignoriert dich mit einem Mal auf der Straße, weil er dich nicht mehr für wert und würdig befindet, dem exklusiven Club seiner Auserwählten anzugehören. Gewiss hast du dann etwas sehr Dummes angestellt. Oder jener grüßt dich nicht mehr und schaut betreten unter sich, wenn er deiner auf der anderen Straßenseite ansichtig wird, weil er sich selbst nicht mehr für wert und würdig befindet, dem exklusiven Club deiner Auserwählten anzugehören. Gewiss hat dann er etwas sehr Dummes angestellt.</p>
<p>Auch die Bedingung zur Erfüllung der KA hat ein ausschließendes Kriterium: Der Adressat, dem du deine Anteilnahme im Falle des Unfalls oder eines anderen Unglücks zum Ausdruck bringst, sei ein Mensch, der die nahesteht. Es können ja unmöglich alle Menschen oder anders gesagt: es kann ja unmöglich jeder beliebige Mensch sein, dem du, weil er Pech hatte, deine Anteilnahme zum Ausdruck bringen solltest. Diese absurde oder utopische Bedingung könnte schon aufgrund physischer Grenzen nicht erfüllt werden, denn weder weißt du um jedermanns Schicksal noch könntest du eine unbegrenzte Zahl von Handlungen der Anteilnahme gleichzeitig vollziehen.</p>
<p>Die Anzahl der Adressaten für die von dir zu erfüllende Konvention A ist demgemäß sinnvoll zu begrenzen. Ein eindeutiges Kriterium womöglich quantifizierbaren Grades zur Bestimmung der Anzahl der Mitglieder der Gruppe, die dir nahestehen, gibt es allerdings nicht. Dennoch ist diese Anzahl nicht unbestimmt, denn der Begriff der sozialen Nähe kann den Umständen entsprechend gut mit Inhalt gefüllt werden.</p>
<p>Nahe stehen dir solche Menschen, die kraft Verwandtschaft (genetisch starker Ähnlichkeit) und Freundschaft (Liebe sei hier eingeschlossen) oder kultureller Ähnlichkeit und institutioneller Abhängigkeit die sozialen Räume deiner Kommunikation öffnen und schließen: Die Geburt deines Kindes öffnet den sozialen Raum verwandtschaftlicher Kommunikation hin zu mannigfaltigen Erlebnisweisen und schiebt die zeitliche Achse dieser Kommunikation im besten Falle auf Jahrzehnte aus. Einzig dein Tod oder der frühzeitige Tod des Kindes schließt diesen kommunikativ weitgestaffelten Raum. Liebe scheint, wenn sich die Liebenden in einem informellen Bündnis zusammenschließen, gleichsam eine pseudogenetische Verwandtschaft zu beschwören oder zu suggerieren, die bis in die Gestik und Haltung eindringt, wenn sich die beiden geschwisterlich bei der Hand nehmen und wie ein Fleisch und Blut, „Bein von meinem Bein“, ansehen. Hier eröffnet der Kuss oder der Austausch von Liebesgaben die Liebeskommunikation, die entweder durch das Erkalten und Absterben der Passion, das Eindringen eines Dritten oder den Tod eines Partners geschlossen wird; sie kann auch durch den Übergang in eine formale Institution wie die Ehe transformiert werden, in der andere Regeln und Regelungen der Kommunikation wie die Fürsorge für die Kinder oder die Vorsorge für das Alter vorwalten.</p>
<p>Durch kulturelle Ähnlichkeit fühlst du dich Menschen nahe, die deine Sprache sprechen oder deine Einstellungen und Grundüberzeugungen teilen. Du kannst zwar kein Japanisch, aber etliche Einstellungen, die sich dir aufgrund deines Umgangs mit Japanern oder deiner Beschäftigung mit dem Shinotoismus und dem Zen aufgedrängt haben, führen zu einem gewissen Gefühl der Nähe, wenn es auch stets an den Rändern von Fremdheiten beschattet bleibt. Du kannst zwar Italienisch, aber die Einstellungen und Überzeugungen, die in der Mafia kursieren, teilst du nicht, und ein Gefühl der Nähe will sich zu diesem Menschenkreis partout nicht einschleichen.</p>
<p>Natürlich wächst du von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr in eine gewisse Nähe zu deinen Kollegen oder Kommilitonen im Büro und im Seminar. Man arbeitet, studiert, feiert zusammen. Aber nach Büroschluss heißt es meist: aus den Augen, aus dem Sinn. Dann musst du dich verdientermaßen vom Stress der Arbeit und gerade auch von der allzu dichten menschlichen Nähe mit deinen Kollegen erholen.</p>
<p>Wir beobachten demnach eine absteigende Linie der Dichte und Intensität des Naheseins und des Nahefühlens von der genetischen Verwandtschaft über Liebe und Freundschaft bis zu den rein institutionell geprägten Verhältnissen. Je mehr sich die Relation verdünnt und an moralischer Intensität einbüßt, umso mehr vermischen sich Konventionen und Normen: Dem Chef permanent krumm kommen und ihn respektlos behandeln zeitigt ebenso normativ geregelte Sanktionen wie die verächtliche Behandlung oder die Belästigung der Arbeitskollegen, die mit harschen Abmahnungen oder dem abrupten Ende des Arbeitsverhältnisses sanktioniert werden können.</p>
<p>Die Pflicht zur Konvention A erlischt, wenn jemand, der dir nahezustehen schien, die Gruppe, die wie die Gruß-Gruppe oder die Duz-Gruppe eine solche soziale Nähe definiert, verlässt und in eine andere Gruppe wechselt oder als Mitglied einer solchen Gruppe enttarnt wird, die deiner Gruß- und Duz-Gruppe feindlich gegenübersteht. Sollte sich herausstellen, dass jener nette Bursche, den du vor einiger Zeit im Sprachkurs für Englisch an der Volkshochschule kennengelernt hast, mit dem du schon öfter ausgegangen bist, mit dem du angeregte Gespräche hattest und dem du auf seine freundlichen Bitten sogar Geld geliehen hast, damit er, wie er vorgab, seiner kleinen Schwester rechtzeitig ein schönes Geschenk zum Geburtstag kaufen könne – sollte sich also herausstellen, dass dieser nette Bursche einer verschworenen Gruppe angehört, die sich zum erklärten Ziel gesetzt hat, dich und deine Familie des Eigentums zu berauben oder deine Ethnie und Kultur, deine Lebensform, auszulöschen,  bist du ohne weiteres von der Pflicht zur Erfüllung von Konvention A diesem Schurken und Feind gegenüber dispensiert. Solltet ihr ein Treffen in einem Café vereinbart haben, bei dem der Halunke dir das ausgeliehene Geld zurückerstatten soll, wirst du dort in Begleitung der Polizei erscheinen.</p>
<p>Kehren wir zur Eingangsfrage nach der Herkunft der institutionellen Binde- und Ordnungskraft zurück, die sekundäre Intentionen und Wünsche zweiten Grades mit einem Gewicht begabt, das dem von Wünschen ersten Grades nicht nur gleichkommt, indem sekundäre Intentionen auf primäre Intentionen aufsitzen und sie übermächtigen. Ja, die sozialen Bindungskräfte vermögen sogar den biologischen Grund aller Wünsche und Wünschbarkeiten, die nackte Existenz des Wünschenden, aufs Spiel zu setzen und in die Waagschale zu werfen. Dies geschieht in der Tat in den seltenen Fällen, wenn einer sich für den anderen, dem er nahesteht und dem er sich aufs Innigste verbunden und verpflichtet weiß, opfert und sein Leben für ihn hingibt.</p>
<p>Man könnte meinen, sozialer Druck sei das eigentliche soziale Bindungsmittel und der feste Leim, mit dem dich sekundäre Intentionen zu Handlungen verpflichten, die nicht zuvörderst deinen primären Bedürfnissen zugutekommen. Aber du kannst an der gebrechlichen Greisin, die hilflos an der Ampel steht, achtlos vorübergehen und in der Menge untertauchen: Keiner hat dein moralisches Versagen beobachtet, keiner straft dich deswegen mit verachtungsvollen Blicken. Und dennoch verspürst du Scham, wenn du dich feige davongeschlichen und die Hilfsbedürftige im Stich gelassen hast.</p>
<p>Du hast mir das Buch trotz klarer Absprachen zum ausbedungenen Zeitpunkt und am verabredeten Ort nicht wiedergebracht. Du bist einfach nicht erschienen. Vielleicht gab ich dir in der Zwischenzeit Gelegenheit, dich innerlich und äußerlich von mir abzuwenden. So hast du mit deinem Nichterscheinen und dem Bruch des Versprechens einen scharfen Schnitt gemacht und klare Kante gezeigt. Dennoch wirst du in Zukunft das Buch, das ich dir einst ausgeliehen hatte und das du trotz deines Versprechens mir nicht wieder ausgehändigt hast, nicht anders als mit Unbehagen zur Hand nehmen. In diesem Unbehagen aber verbirgt sich die institutionelle Kraft, die in der Erfüllung der Bedingung von KA positiv zu Tage tritt.</p>
<p>Hier stoßen wir auf einen wichtigen Unterschied in der sozialen Welt, die eine Welt institutioneller Ordnung ist: den Unterschied von Normen und Konventionen. Normen wie Konventionen sind soziale Einrichtungen; Normen sind allerdings formal ausgeführt, zum Beispiel in der Form von Gesetzen, Geboten und Verboten, Vorschriften und Verordnungen (denke an die Straßenverkehrsordnung), und die Normverletzung wird durch ebenfalls formal geregelte Sanktionen geahndet. Wer volltrunken am Steuer erwischt wird, bekommt den Führerschein auf längere Frist entzogen.</p>
<p>Anders bei Konventionen: Sie sind formal nicht ausdrücklich formuliert. Die gegebene Definition zu KA könnte auch anders formuliert werden. Wir wissen zwar, wie viele Paragraphen die Straßenverkehrsordnung hat. Aber die genaue Anzahl an Konventionen, die unser soziales Leben mit Gehalt, Tiefgang und Esprit erfüllen, wüssten wir nicht anzugeben, weil ihre Anzahl beständig schwankt und sie den Wellen und dem historisch mehr oder weniger schweren Seegang des sozialen Wandels und des Absterbens und neuen Wachstums sozialer Gepflogenheiten ausgesetzt sind.</p>
<p>Konventionen nennen wir deshalb informelle Institutionen der sozialen Ordnung. Wer die hilflose Oma nicht über die Straße geleitet oder dem Schwerbehinderten in der U-Bahn nicht seinen Platz anbietet, dem geschieht nichts, der bleibt straffrei. Und dennoch bleiben Konventionen dieser Art in Geltung und setzen sich in vielfacher Gestalt durch, ohne dass ihre Nichtbeachtung unter Kuratel gestellt wäre.</p>
<p>Die verpflichtende Macht der Konvention rührt nicht von äußerem sozialem Druck her, sondern von der inneren Instanz des sozialen Ich. Wenn du in deinem Leben dich einigermaßen anständig verhalten und deine Vergehen und groben Versäumnisse wiedergutzumachen versucht hast, kannst du wie man sagt dir im Spiegel unbefangen in die Augen schauen. Wer sich dort anschaut, ist nicht das biologische Ich erster Stufe, das die animalische Vernunft der körperlichen Triebe und Bedürfnisse repräsentiert, sondern das soziale Ich zweiter Stufe, das die soziale Vernunft der sekundären Intentionen und Konvention verkörpert. Das soziale Ich ist anders als das animalische Augenblicks-Ich ein in der biographischen Zeit ausgedehntes mentales Gefüge, das sich seiner Lebensgeschichte für und für ansichtig bleibt, sie sich bis in Phantasien und Träume hinein vergegenwärtigt und wieder und wieder in vielfältigen Abwandlungen und Umdeutungen sich selbst und natürlich in Form von Anekdoten, kleinen Novellen, Märchen oder Legenden den Um- und Nahestehenden erzählt. Knotenpunkte solcher Erzählungen sind natürlich die Gelegenheiten, bei denen der Erzähler in der Erfüllung von KA und aller anderen Konventionen sich bewährt oder versagt hat.</p>
<p>Die Erfüllung der Bedingung für KA stabilisiert das soziale Ich und erhöht seine Zufriedenheit. Denn die Pflicht zur Konvention zu erfüllen wird dem sozialen Ich Quelle einer höherstufigen Form der Befriedigung und kann die primäre Form der animalischen Befriedigung teilweise und zeitweise ersetzen. Man darf gewiss diese kulturelle Leistung nicht idealisieren: Werden die biologischen Grundlagen erschüttert, wie in Unglücks- und Notfällen oder im Krieg, bei Hungersnöten und Katastrophen, kann auch das Fundament zur Erfüllung von KA Risse bekommen: Wenn du oder deine Familie nichts mehr zu beißen haben, kann niemand von dir verlangen, dir in erster Linie mein leibliches Wohl angelegen sein zu lassen.</p>
<p>Und dennoch sind die fesselndsten Erzählungen die von heroischen Taten und außerordentlichen Leistungen, gerade in Zeiten äußerer Bedrückung und Not, wenn sich die Mutter in Kriegszeiten das Letzte vom Munde für den Erwerb von Wolle, Seide und Pappe abspart, um ihrem kleinen Mädchen eine schöne Puppe zum Geburtstag basteln zu können, oder wenn der Vater in das von Brandbomben getroffene Haus zurückeilt, um den hilflos schreienden Buben aus dem obersten Stock unter Einsatz des eigenen Lebens zu retten. Auch das, was die alten Völker dem Ruhm an motivierender Kraft zusprachen, hat bei der Erfüllung der Konvention seinen Anteil: Die Mutter hofft, der Vater hofft, dass sie einmal den Enkeln davon erzählen werden können, und das erfüllt sie mit innerer Genugtuung.</p>
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		<title>Philosophieren XL</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Sep 2013 10:20:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn und Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Lob und Tadel]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xl/">Philosophieren XL</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe von Zahlen und Funktionen denselben Wert anzeigt, und schließt daraus, dass die elektronische Mechanik des Rechners kaputt und unbrauchbar geworden sei. – Du bist als Tourist in der fremden Stadt unterwegs und fragst einen Einheimischen nach dem Weg zu der berühmten Kathedrale, er weist ihn dir mit der Hand, doch du gelangst bald in ein ödes Brachland.</p>
<p>Du bindest mit den Händen die Schlaufe am Schuh. Du rechnest die Multiplikation ohne Zuhilfenahme von Papier und Bleistift im Kopf aus. Warum ist es merkwürdig und befremdlich zu sagen: „Ich rechne die Rechenaufgabe nicht nur im Kopf, sondern mit dem Kopf aus“ oder „Ich rechne die Rechenaufgabe mit meinem Gehirn aus“? Was macht hier den Unterschied zwischen Hand und Gehirn?</p>
<p>Wenn deine Armbanduhr Bewusstsein hätte und du bemerkst mittels des Vergleichs mit der öffentlichen Uhr, dass sie falsch geht – könntest du ihr dann nicht die Absicht unterstellen, nicht die richtige Zeit anzeigen und dich hinters Licht führen zu wollen? Wenn du aber davon ausgehen könntest, dass deine Armbanduhr dir in Treue und unbedingt ergeben sei, wäre die Tatsache, dass sie die falsche Zeit anzeigt, nicht die Folge dessen, dass sie absichtsvoll einen Fehler begangen hätte, sondern wahrscheinlich die Folge der Tatsache, dass beispielsweise die Batterie ihren Geist aufgegeben und sie das Bewegen der Zeiger hätte aufgeben müssen.</p>
<p>Die Absicht hegen zu können, zu täuschen und sich zu verstellen, sowie die Disposition, Fehler zu begehen, gehörten demnach zu untrüglichen Zeichen dessen, was wir bewusstes und seiner selbst bewusstes Leben nennen, so wie wir es führen und sind.</p>
<p>Dein Nachbar kommt stets pünktlich zur selben Minute und Stunde dir entgegen – als wolle er dir mit diesem Verhalten sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“ – Warum kannst du nicht zu dir selbst des Morgens, wenn du wieder wie stets zur selben Zeit erwachst und gleichsam zu dir findest, sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“?</p>
<p>Dein Taschenrechner funktioniert nicht mehr, er spuckt bei jeder Eingabe denselben Wert aus. – Ist es dasselbe mit deinem Mund, wenn er plötzlich, gleichgültig was immer du eigentlich äußern möchtest und dir zu sagen vorgenommen hättest, denselben Satz oder dasselbe Wort artikulierte? – Ist es dasselbe mit deinem Kopf, wenn du mit einem Mal unter den Bann einer Zwangsidee gerietest und gezwungen wärst, denselben Gedanken immerfort zu wiederholen?</p>
<p>Der Einheimische hat dich düpierten Touristen in die falsche Richtung geschickt. Woher weißt du aber, dass er dich mit Absicht in die Irre geführt hat? Könnte er nicht der falschen Überzeugung sein, dass die Richtung, in die er dich wies, die richtige sei? Wie kannst du das herausfinden? Nun, wenn du beobachten könntest, dass derselbe Mann einen anderen Touristen, mit dem er sich augenscheinlich angefreundet hat, bei Nachfrage in dieselbe falsche Richtung weist.</p>
<p>Wir wissen nunmehr: Nur ein Lebewesen wie wir, dem wir unterstellen, wahre und falsche Überzeugungen zu haben sowie Absichten zu hegen, mittels der Äußerung von Sätzen und der Durchführung von Handlungen Ziele zu erlangen, gilt uns als seiner selbst bewusstes Lebewesen. Das Gehirn, mittels dessen wir wahre oder falsche Überzeugungen bilden, oder der Mund und die Sprechwerkzeuge, mittels derer wir Sätze artikulieren, und die Hand, mittels deren wir Handlungen ausführen, gelten uns für Teile oder Momente der Person oder personalen Ganzheit, die Überzeugungen hat, Sätze äußert und Handlungen vollführt, nicht aber für die Ganzheit selbst, so dass es falsch wäre zu sagen: „Dein Hirn glaubt, die Erde sei eine Scheibe“ und „Dein Mund hat mich nach der Uhrzeit gefragt“ oder „Deine Hand hat die Schlaufe zu fest gezurrt“.</p>
<p>Die Uhr zeigt den falschen Zeigerstand an. Es ist sinnlos zu fragen, ob sie nicht auch den richtigen Zeigerstand hätte anzeigen können. Wenn du dagegen dich bei der Multiplikation vertust und ein falsches Ergebnis an die Tafel schreibst oder in die Rechnung einträgst, kann ich dich getrost fragen, ob du nicht das richtige Ergebnis hättest errechnen und aufschreiben können. Denn wenn du in der Lage bist, Fehler zu begehen und dich zu verrechnen, kann ich dir auch die Fähigkeit unterstellen, keinen Fehler zu machen und auf das richtige Ergebnis zu kommen.</p>
<p>Wenn du die Rechnung ausführst und es unterläuft dir ein Fehler, passieren doch in deinem Hirn zigtausend Dinge – wir sehen es ja auf dem Bildern der bildgebenden Hirn-Scan-Verfahren, wo Hirnaktivität stattfindet und wo nicht, wir haben gute Annahmen über die neuronale Repräsentanz der mentalen Aktivitäten, die wir mehr oder weniger bewusst ausführen, und sprechen vom Input und Output und der Informationsverarbeitung durch die neuronalen Netze und Schaltkreise unseres Gehirns. Warum sollten wir denn nicht annehmen, dass in einem solch komplexen Netzwerk wie dem des Gehirns ein Fehler auftreten könne?</p>
<p>Du kannst mit Kaffee und Tee, von anderen Stimulantien zu schweigen, deine Hirnaktivität auf Trab bringen, schneller rechnen und deine Aufmerksamkeit so weit steigern, dass du Fehler vermeidest, die dir im ermüdeten Zustand unterlaufen wären. Aber die Fehler, die du vermeidest, und die Fehler, die du begehst, sowie die richtigen Rechenergebnisse, auf die du Schritt für Schritt kommst, entstehen nicht aufgrund von Pannen und Systemausfällen beziehungsweise dank reibungsloser Funktionsabläufe der großen Maschine namens Hirn, sondern aufgrund eines Versehens wie einer falschen Annahme und irrtümlichen Anwendung von Formeln und Kalkülen beziehungsweise der richtigen Annahme und korrekten Anwendung von Formeln und Kalkülen – im ersten Falle hast du zum Beispiel einfach addiert, wo du hättest subtrahieren sollen, oder du hast die binomische Formel falsch angewandt.</p>
<p>Wenn dein Rechenapparat unterhalb der Kalotte eine Panne hat, verrechnest du dich natürlich genauso wie im Falle des Fehlers, den du begangen hast. Doch über die Panne bist du verdutzt, erschrocken oder verzweifelt und weißt dir keinen Rat – zur Not musst du als Schlaganfallpatient schnellstmöglich in die Notaufnahme der nächsten Klinik. Über den Fehler, den du nicht das erste Mal bei der Rechnung hingelegt hast, ärgerst du dich – doch kannst du dir mit einiger Mühe klarmachen und erklären, wie er zustande kam. Alsdann gibst du dir einen Stoß und beginnst die Rechnung erneut, mit heikler Aufmerksamkeit an der Stelle, wo es wieder einreißen könnte.</p>
<p>Außerdem pflegen wir dir keinen Vorwurf daraus zu machen und dich deswegen zu tadeln, weil du die Rechnung fatalerweise aufgrund eines plötzlichen Hirnschlags hast nicht korrekt ausführen können, sondern fehlerhaft stehen lassen musstest. Im Gegenteil, wir werden, solltest du uns nahestehen, Anteil an deinem Schicksal nehmen und dich bemitleiden. Dagegen pflegen wir zumindest den Schüler, der sich nicht ausreichend auf den Hosenboden gesetzt und die Aufgaben wiederholt hat, zu tadeln, weil er uns wieder mit demselben Fehler kommt. Dieses Mal gedenken wir ihn dafür zu strafen und ihn mit einer zusätzlichen Übungsaufgabe vom Spiel im sonnigen Nachmittag fernzuhalten. Pannen und Störungen kausaler Natur werden nicht zugerechnet, bedürfen keiner Rechtfertigung oder erklärenden Begründung. Fehler werden zugerechnet und können getadelt, ihr Vermeiden kann belobigt werden.</p>
<p>Wir sagen, der Schüler könne die Rechenaufgabe durchaus lösen, er sei zwar dazu in der Lage, aber nicht willens, es zu tun, es fehlten ihm der gute Wille und Antrieb. Auch dieses Verhalten pflegen wir zu tadeln, doch handelt es sich dabei nicht um einen zurechenbaren Fehler aufgrund mangelnder Übung oder mangelnden Fleißes, sondern um ein moralisches Versagen aufgrund einer Charakterschwäche, die ungenügende oder verfehlte Erziehung auf dem Gewissen haben mag.</p>
<p>Mentale Pannen haben Ursachen organisch-neurologischer Natur, die wir uns nicht recht erklären können und für die wir uns nicht zu verantworten oder zu rechtfertigen haben. Fehler gehen auf unser Konto, wir können ihre Entstehung meist gut nachvollziehen und rekonstruieren, vor allem aber müssen wir für sie geradestehen – seien es Rechenfehler oder moralische Vergehen. Unseren Fehlern sei Dank – sie zeigen uns: Wir sind nicht die Sklaven unserer Hirnaktivitäten, sondern unter den gemischten Bedingungen dieses sublunaren Daseins bewusste und unserer selbst bewusste Lebewesen, die Wahres von Falschem, Richtiges von Unrichtigem und Sinnvolles von Unsinnigem unterscheiden und mit Absicht tun oder lassen können, was immer wir tun oder lassen wollen.</p>
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		<title>Philosophieren XXX</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Aug 2013 15:18:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Begründung]]></category>
		<category><![CDATA[Irrtum]]></category>
		<category><![CDATA[Lüge]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxx/">Philosophieren XXX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der ganzen Zahl, der du ebenfalls ein Minusvorzeichen verpasst, und weil sie schon im Besitz eines solchen ist, überführst du sie demgemäß als positive Zahl auf die rechte Seite der Gleichung. Jetzt bleiben dir links 4x übrig und schon hast du mittels Division durch 4 das Endergebnis.</p>
<p>Ausgerechnet in dem Moment, als du glücklich die Zahl dem Lehrer zurufen willst, löst sich die vermaledeite Spange in deinem vollen Haarschopf und dein Gesicht ist augenblicks von Haaren verdeckt und du rufst verärgert: „Verflixte Dreizehn!“ Was ist hier passiert? Hast du nun die richtige Lösung genannt und ausgerufen, auch wenn du ein ärgerliches „verflixt“ davorgesetzt hast? Denn die richtige Lösung ist ja die Zahl 13.</p>
<p>Du hast die richtige Zahl genannt und doch hast du nicht das Wahre geäußert. Du hattest wohl die Absicht, das Wahre zu äußeren, doch dann kam dir der bekannte Ausdruck des Ärgers über die Lippen, der dir reflexhaft im Affekt dazwischenfunkte. Du hättest dir mit dem Ausruf auch einen Scherz erlauben können und damit hättest du das Wahre gesagt, denn dann hättest du die Absicht gehabt, das Wahre, eingekleidet in Scherzform, zu sagen.</p>
<p>Wenn wir eine wahre Aussage machen, müssen wir die Absicht haben, eine wahre Aussage zu machen. Haben wir nicht diese Absicht, sondern eine andere oder gar keine, sagen wir nicht das Wahre. Leider geht es nicht umgekehrt: Um das Wahre zu sagen, genügt es nicht, die Absicht zu haben, es zu sagen. Sonst wäre dem Schüler in der Klausur, der brütend auf die Gleichung mit zwei Unbekannten stiert, schnell geholfen.</p>
<p>Wenn wir das Wahre sagen, ohne zu wissen, wie wir darauf gekommen sind, und ohne die Gründe auflisten zu können, die uns berechtigen, es zu sagen, raten wir. Wie wenn du bei der genannten Gleichung nicht nachgerechnet hättest, sondern blindlings „13“ ausgerufen hättest. Damit hättest du zufällig das Wahre getroffen, aber nicht aus Gründen.</p>
<p>Solltest du genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel ein Thermometer an der Wand oder eine Uhr am Arm, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach der momentanen Zimmertemperatur oder der Zeit das Wahre sagen zu können, brauchst du nur die Einschränkungen „unter normalen Bedingungen“ und „bei voller Funktionsfähigkeit des verwendeten Messinstruments“ hinzufügen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn das Thermometer könnte beschädigt sein und die Uhr auf osteuropäische Zeit kalibriert sein. Nicht auszudenken, wenn wir in einem Raumschiff mit einer Geschwindigkeit nahe c durchs All flögen!</p>
<p>Solltest du hingegen genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel eine eingerissene Eintrittskarte für den Nachtclub und Lippenstiftflecke auf deinem Unterhemd, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach deiner Abendunterhaltung am gestrigen Tag das Wahre sagen zu können, und weil deine Freundin oder Frau es dich fragt, sagst du trotz besseren Wissens das Wahre nicht, lügst du.</p>
<p>Lügen setzt das Wissen um den wahren Sachverhalt ebenso voraus wie Raten das Nichtwissen um eben diesen Sachverhalt. Vom Lügen gilt wie vom Sagen der Wahrheit, dass du die Absicht haben musst, zu lügen, um wirklich zu lügen. Wenn du auf die Frage deiner Freundin nach deinen Abendvergnügungen das Wahre damit zu sagen glaubst, dass du bei einem Freund zu Besuch gewesen seist und mit ihm Schach gespielt habest, lügst du nicht, wenn du von diesem unzutreffenden Sachverhalt auf Grund einer geistigen Erkrankung glaubst, es sei der wahre Sachverhalt. In diesem Falle sagst du weder die Wahrheit noch lügst du das Unwahre, sondern du irrst dich.</p>
<p>Sich zu irren und irrtümlich das Unwahre zu behaupten setzt durchaus die Absicht voraus, das Wahre zu sagen: Nur bist du aufgrund einer Täuschung, einer falschen Information oder einer Wahnerkrankung daran gehindert, diese redliche Absicht in die Tat umsetzen zu können. So viele Gründe, das Wahre zu behaupten, so viele Gründe, sich zu irren. Die Sonne blendet dich kurzsichtigen Menschen und du liest die falsche Ziffer vom Thermometer ab. Du hast versehentlich die Uhr verkehrt herum angelegt und liest, weil du nach der aktuellen Zeit gefragt wurdest, statt 14 Uhr 45 die falsche Zeitangabe 8 Uhr 15 oder 20 Uhr 15 ab. Weil der Passant, der keine deutschen Touristen mag, dich auf den Arm nehmen wollte, nachdem du ihn nach dem Weg zur Kathedrale in der fremden Stadt gefragt hattest, und dich in die falsche Richtung schickte, wirst du wider Willen dasselbe tun, solltest du deinerseits gleich anschließend von einem Touristen mit dieser Frage festgehalten werden. Du belügst den Touristen nicht noch willst du ihn mit Absicht in die Irre führen. Weil du selbst einer falschen Information aufgesessen bist, erweist du dich als miserablen Informanten.</p>
<p>Hier bemerkst du die Bedeutung der Zuverlässigkeit der Informationsquelle für die Stichhaltigkeit deiner Begründungen, die du auf die Frage anführst, ob du denn das Wahre sagst. Informanten gelten uns als einigermaßen verlässliche Wahrheitszeugen, wenn sie Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens waren, um das es geht. Wenn du selbst gesehen hast, dass und wie der bekannte Schlagersänger seine Freundin auf offener Straße auf brutale Weise geohrfeigt hat, bist du bei einer staatsanwaltlichen oder richterlichen Vorladung der richtige Mann. Wenn du aber nur glaubst, den Schauspieler erkannt zu haben, dir letztlich aber nicht sicher bist, dann nicht und du solltest schweigen.</p>
<p>Wir kennen die Bedeutung der Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Quellen als ein zentrales Methodenproblem der historischen Forschung. Um wahre Aussagen über die Kirchenpolitik Karls des Großen machen zu können, müssen das Siegel auf der Schenkungsurkunde für die Gründung eines neuen Klosters auf seine Echtheit überprüft, die Handschrift als zeitgemäß und identisch mit derjenigen anderer Manuskripte derselben Zeit aus dem Umkreis des Hofs zu Aachen identifiziert und, um eine Fälschung zugunsten des Ordens auszuschließen, die Urkunde mit anderen Dokumenten derselben Zeit oder späterer Epochen verglichen werden, die die Klosteranlage als eben diese Schenkung Karls des Großen bezeugen.</p>
<p>Wie, dieses grauenhafte Verbrechen geschah erst vor drei Jahren? Und du dachtest, es wäre viel länger her. Habe ich den seltsamen Mann nach längerer Zeit vor vier oder fünf Tagen zufällig auf der Straße wiedergesehen? Und die frühen Erlebnisse deiner Kindheit, besteht bei ihnen noch Hoffnung auf wahrheitsgemäße Erinnerung und untrügliche Zeugenschaft? Wohl kaum. Oder erinnerst du dich noch an die Farbe und das Muster der Kacheln im Flur in Großmutters altem Bauernhaus, auf denen du als kleines Kind herumgerutscht bist, auf denen du Klötzchen hin- und hergeschoben und die du mit Kreide bemalt hast? Und welche Augenfarbe hatte dein Großvater?</p>
<p>Erinnerung trügt. Hier hilft nur die dokumentarische Aufzeichnung mittels Papier und Bleistift, Tastatur und Laptop, eigenhändiger Skizze oder besser noch Foto- und Filmdokumenten. Ein Foto des Schauspielers in flagranti oder eine Filmsequenz auf deinem Smartphone, und die Sache ist spruchreif. Mit Tagebüchern wiederum sind wir vorsichtig: Die meisten legen Goldgrund hinter die ärmlichen Kulissen trivialer Ereignisse oder behauchen anämischen Stillstand mit dem Rosarot romantisch aufgewühlter Erlebnisse. Ein schulisches oder berufliches Versagen wird als Versehen bemäntelt und schlechter Witterung, schlechtem Gesundheitszustand oder gleich dem bösen Willen von Lehrer und Vorgesetztem in die Schuhe geschoben. Es gibt auch säuerliche Zeitgenossen, die den Teer ihrer schäbigen Erlebnisse als Negativkitsch zum Kochen bringen. Masochistische Wundenlecker zeihen sich seitenlang übler Vergehen, die zu begehen sie viel zu feige sind, oder bezichtigen sich kapitelweise ehrloser Taten, die sie aus Filmen oder Comics aufgeschnappt haben.</p>
<p>Die Täter großer Taten sehen sich gerne mittels selbst errichteter Monumente zur Ehre geschichtlicher Größe erhoben. Skeptisch geworden angesichts all der triumphalen Gesten, die uns von Podesten, Säulen und Bögen herabwinken und entgegenjubeln, vermuten wir auch in klassischen Berichten wie den Res Gestae des Augustus, dem Bellum Gallicum Caesars oder den Annalen des Tacitus die Tendenz zu Beschönigung und Heroisierung oder zu krittelnder Verdüsterung und rankünebeladenen Schattenspielen. Deshalb müssen wir tiefer graben und mit neuen Methoden und Instrumenten anderer Wissenschaften wie der Archäologie unsere Wissensbasis verbreitern. Dann finden wir in der Erbfeindin des Augustus, der letzten ägyptischen Pharaonin Kleopatra, das neue Bild einer entscheidungsklugen Herrscherin, anstelle der Barbarisierung der Kelten durch Caesar erschließen wir in der frühen keltischen Keramik den Beweis des Handels mit den Ländern des nahen Ostens und einer erstaunlichen Höhe der zivilen Kultur und anstelle des hasenfüßigen, eitlen und karikaturhaften Tiberius bei Tacitus die lichteren Züge eines gebildeten Souveräns.</p>
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		<title>Philosophieren XXVII</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Aug 2013 14:23:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[freier Wille]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxvii/">Philosophieren XXVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen kannst, ist dir von der Natur zu tun verwehrt. Einen konstitutionellen Mangel kannst du in etlichen Fällen durch medizinische Eingriffe oder Medikamente kompensieren, in vielen Fällen musst du dich mit dem Mangel und Manko abfinden und damit leben. Wenn du tun willst, was du weder erlernen noch durch kompensatorische Maßnahmen erlangen kannst, bist du unvernünftig und zu tadeln. Wenn aber dein Wollen eine verkehrte Richtung einnehmen kann, wenn dein Wollen insofern getadelt werden kann, musst du auch in der Lage sein, den Kurs deines Wollens zu korrigieren und dann das Richtige zu wollen lernen. Denn ich kann dich nicht für ein Tun und Wollen tadeln, das du nicht unterlassen kannst. Wenn du das Richtige tun willst und auch erlangst, ist dein Wollen und Tun nicht zu tadeln, sondern zu loben. Ein Tun und Wollen, das Lob und Tadel verdienen kann, ein Tun und Wollen, dessen Ausrichtung und Ausführung korrigierbar sind, nennen wir in gewisser Weise frei.</p>
<p>Als die Wespe dir empfindlich nah ans Auge flog, hast du reflexartig die Hand erhoben und heftig um dich geschlagen. Dabei hast du versehentlich und wider Willen die Vase auf dem Tisch heruntergestoßen, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Was du reflexartig, versehentlich und ohne Absicht tust, tust du wider Willen und bist dafür weder zu loben noch zu tadeln. Wenn du indes während einer heftigen Auseinandersetzung mit deiner Freundin, bei der die Fetzen fliegen, wütend die Vase mit einer vehementen Bewegung des Arms vom Tisch stößt und sie am Boden in tausend Scherben zerspringt, lag deinem Handeln eine Absicht zugrunde und du hast nicht widerwillig, sondern sogar böswillig gehandelt. Wenn du willentlich und in voller Absicht einen Fehlgriff tust, bist du dafür zu tadeln. Wenn wir dich wegen eines Fehlers tadeln, setzen wir voraus, dass du auch anders, nämlich richtig, hättest handeln können. So machen wir wieder die Voraussetzung, dass dein Wollen und Tun unter gewissen Bedingungen deiner bewussten Kontrolle unterliegen.</p>
<p>Er beobachtete, wie die Wespe um ihn kreiste und ihm jetzt empfindlich nahe ans Auge flog. Da schlug er scheinbar reflexartig um sich und erwischte scheinbar absichtslos und wider Willen die Vase auf dem Tisch seiner Gäste, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Unser kleiner Unhold hat simuliert und vorgetäuscht, dass seine Armbewegung reflexhaft und wider Willen erfolgte, sodass er wegen des erfolgten Schadens nicht zu tadeln wäre. In Wahrheit hat er die böse Absicht gehegt, seinen Gästen zu schaden, und diese Absicht geschickt hinter dem Vorhang einer absichtslosen Reflexbewegung kaschiert. Dafür ist er natürlich zu tadeln, denn seine böse Absicht unterlag unter diesen Bedingungen seiner Kontrolle und seinem Willen.</p>
<p>Du bist mal wieder aus rein gesellschaftlicher Verpflichtung bei diesen unmöglichen Leuten zu Gast, denen du schon lange einmal eins auswischen und ihre gehässigen Anspielungen und ihr arrogantes Betragen heimzahlen willst. Du betrachtest die Kristallvase auf dem Tisch, an dem sich die Runde eingefunden hat. Du weißt, die Gastgeberin schätzt das edle Teil ganz besonders, weil es ein Geschenk ihres Mannes zum Hochzeitstag ist. Dich überkommt die Phantasie, wie du die Vase packst und zu Boden schleuderst, aber du bist natürlich viel zu gut erzogen, so etwas in die Tat umzusetzen. Da schwebt angelockt vom Kuchen diese lästige Wespe heran und schwirrt dir plötzlich gefährlich nahe ans Auge. Während du noch mit heißem Wollen und Wünschen an die Absicht denkst, die Vase zu packen und auf den Boden zu schleudern, machst du eine reflexhafte Bewegung mit dem Arm, triffst die Vase und das kostbare Stück fällt wirklich zu Boden und das Glas zerspringt. Du hast in der Tat die Absicht zu einem Tun gehegt, das du auch ausgeführt hast. Doch werden wir dich nicht tadeln, denn die Verknüpfung deiner Absicht mit dem Ereignis, dass die Vase zu Bruch ging, war keine kausale Verknüpfung, sondern eine zufällige Verknüpfung, die das Ereignis nicht wirklich verursachte. Obwohl du die bösartige Absicht hegtest, die durch deine Armbewegung zur Realität wurde, wollen und können wir dich nicht tadeln, denn nicht deine bösartige Absicht stand am Nullpunkt der Kausalkette, an deren Endpunkt die zerbrochene Vase auf dem Boden lag, sondern die Reflexbewegung deines Arms.</p>
<p>Der Schüler steht an der Tafel und kann die Gleichung mit zwei unbekannten Variablen nicht lösen. Er stiert auf die Formel und zerbricht sich den Kopf. Vergebens. Wir wollen dem Schüler nicht unterstellen, dass er mutwillig oder böswillig handelt und die Lösung aus Trotz oder rebellischem Widerspruchsgeist nicht aufschreiben will. Der Schüler möchte die Lösung aufschreiben, er hegt gewiss die Absicht, sie endlich an die Tafel zu zaubern, er kann es aber nicht. Obwohl er wider Willen und ohne die Absicht, sie nicht an die Tafel zu schreiben, handelt, wird er dennoch dafür getadelt und erhält am Ende eine schlechte Note. Was wird aber in diesem Falle getadelt und ist zurecht tadelnswert?</p>
<p>Tadelnswert ist der fehlende oder geringe Wille des Schülers, sich zu Hause auf den Hosenboden zu setzen, den Stoff über die Lösungen von Gleichungen mit zwei unbekannten Variablen zu repetieren und sich auf diese Weise ordentlich für die Mathematikstunde zu präparieren. Die Absicht, sich auf den Unterricht vorzubereiten, unterlag der willentlichen Kontrolle des Schülers und war unter solchen Bedingungen frei, sie auszuführen verdiente Lob, sie erst gar nicht zu hegen Tadel. Ich kann dich nicht für etwas tadeln, das du jetzt zu tun nicht in der Lage bist. Ich kann dich aber dafür tadeln, dass du jetzt die Gleichung nicht lösen kannst, weil du verabsäumt hast, deine Schulaufgaben zu machen.</p>
<p>Wir unterscheiden Wollen, Beabsichtigen und Handeln oder Wille, Absicht und Tat, wobei die Tat die Verwirklichung der Absicht ist, der Wille aber die Instanz, die die Absicht gewichtet und gleichsam nach genehmigter Einlass- beziehungsweise Auslasskontrolle mit dem Anteil an Kraft und Energie ausstattet, der zur Umsetzung in die Tat nötig ist. Wenn du Hunger verspürst und die Absicht hegst, etwas zu essen, achtest du darauf, ob die Ausführung deiner Absicht hier und jetzt angemessen und vernünftig ist: Du hast zwar ein Pausenbrot, in Papier eingewickelt, in deiner Box in der Aktentasche bereitliegen, aber du hütest dich, es hier und jetzt während der Geschäftsbesprechung, der Präsentation beim Kunden, der Disputation oder der Gerichtsverhandlung auszupacken und beherzt hineinzubeißen. Das würde einen denkbar schlechten Eindruck hinterlassen und dir den Abschluss des Kaufvertrags, den Beifall des Kunden, den Zuspruch der Prüfungskommission und deine Rolle als glaubwürdiger Zeuge vor Gericht verderben und untergraben. So siehst du die Lage, bleibst vernünftig und verschiebst die Verwirklichung deiner Absicht, etwas zu essen, auf später.</p>
<p>Was wir leichthin Wille nennen ist der volitive Anteil an der Vernunft, deren rationaler Anteil der Verstand oder das Denkvermögen darstellt. Beide Anteile kommen im günstigsten Falle bei der Gewichtung und Beurteilung sowie der Ausführung der Absicht ins Spiel: Du beurteilst die Angemessenheit der Absicht und ihrer Verwirklichung hier und jetzt und du bekräftigst deinen positiven Entscheid zur Ausführung der Absicht mit der Aktualisierung der Energie, die für eben diese Ausführung nötig ist. Aber du bekräftigst auch deinen negativen Entscheid, insofern ein Energieaufwand nötig ist, um die Ausführung der Absicht zu hemmen, aufzuschieben oder zu unterdrücken, wie dies in unserem Beispiel mit dem Pausenbrot der Fall war.</p>
<p>Wir sagen: Es wäre unvernünftig von dir, deinem natürlichen Hungerimpuls durch die Verwirklichung der Absicht, etwas zu essen, hier und jetzt nachzugeben, weil du dir mit dieser Tat Nachteile einhandeln und dir selbst schaden würdest. Dein Verstand ist klar und wach und hat die Lage überschaut und wieder einmal mittels Anwendung des konditionalen Satzgefüges mit dem irrealen Konjunktiv auf die Wenn-Dann-Folge hin abgetastet: Wenn ich hier und jetzt meinem Hungerimpuls nachgäbe, würde ich mir Nachteile einhandeln und mir selbst schaden. Also, schlussfolgerst du im Indikativ des Präsens, gebe ich meinem Impuls nicht nach und packe das Pausenbrot erst nach Beendigung der Besprechung, der Präsentation, der Disputation oder der Gerichtssitzung aus.</p>
<p>Mit der Verwendung des konditionalen Satzgefüges im Irrealis machen wir die Vernunftprobe auf das Bedingungs- und Folgegefüge der Verwirklichung unserer Absichten. Sollte die Probe ergeben, dass die erwogenen Folgen unseres Handelns mit den übergeordneten Gründen, Zwecken und Werten unserer Lebensordnung und der Lebensordnung der Gemeinschaft, in der wir leben, harmonieren und kongruieren, nennen wir unsere Absichten angemessen und richtig und ihre Verwirklichung klug und vernünftig. Unklug und unvernünftig sind Absichten und Taten, die dazu beitragen, unser Leben und unsere Lebensgemeinschaft zu schädigen oder zu zerstören.</p>
<p>Sollte einer nicht in der Lage sein, seine Absichten zu handeln im Lichte der geteilten Werte seiner Gemeinschaft und der biologisch basierten Zwecke zur Erhaltung der Unversehrtheit, Gesundheit und Integrität der eigenen Person mittels vernünftiger Überlegungen zu beleuchten, zu gewichten und zu beurteilen, mit vernünftigen Gründen zu akzeptieren oder abzulehnen, ist sein Vernunft- und Urteilsvermögen eingeschränkt und wir nennen ihn mental behindert, wenn es sich dabei um einen überschaubaren Kreis von Absichten handelt, also die Einschränkung der Absicht, sich gesund zu ernähren, aufgrund von Magersucht oder Fresssucht, die Einschränkung der Absicht, sich mittels Anwendung bekömmlicher Genussmittel Wohlgefühle zu erwecken, aufgrund von Drogensucht. Sollte einer nicht in der Lage sein, irgendeine seiner Absichten zu handeln im Lichte vernünftiger Gründe zu gewichten, die zulässigen und zuträglichen zu akzeptieren und die unzulässigen und schädlichen zu verwerfen, nennen wir ihn geisteskrank und tun gut daran, ihn im eigenen Interesse zu entmündigen und die vernunftbezogenen sozialen Beziehungen wie Geld- und Bankgeschäfte, Einkäufe oder Eigentums- und Mietangelegenheiten einem Vormund zu übertragen.</p>
<p>Leute, die bestreiten, dass wir über ein willensbezogenes Vernunftvermögen verfügen, halten dich demgemäß für einen von neurochemischen Prozessen gesteuerten Automaten, der nicht wirklich weiß, was er tut, und der eigentlich entmündigt und einem Vormund unterstellt werden sollte. Aber nach dieser Annahme kann es ja keinen Vormund geben, denn wenigstens diesem müssten wir ja unterstellen, er verfüge über einen gesunden Menschenverstand. Dass diese Leute indes, sollte ihre Annahme stimmen, auch nicht wissen könnten, was sie tun, wenn sie die Wahrheit ihrer Annahme behaupten, sie nicht darüber befinden könnten, ob die Annahme wahr oder falsch ist, zeigt, dass sie schlicht nichts behaupten, wenn sie einen Unsinn dieses kolossalen Ausmaßes in die Welt setzen.</p>
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		<title>Philosophieren XI</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 15:21:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Entscheidung]]></category>
		<category><![CDATA[Handlung]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Handeln ist die Verwirklichung deiner Absichten und Zwecke mit geeigneten, angemessenen Mitteln: Mit den über das zentrale Nervensystem gesteuerten Muskelkontraktionen und -laxationen deiner Arme, Beine und Hände, und vor allem deines Mundwerks, nimmst du Einfluss auf das große Weltgeschehen inmitten deiner kleinen Lebensprovinz. Willst du die geeigneten Mittel wie Kleidung, Deo oder Blumen zu einem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xi/">Philosophieren XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Handeln ist die Verwirklichung deiner Absichten und Zwecke mit geeigneten, angemessenen Mitteln: Mit den über das zentrale Nervensystem gesteuerten Muskelkontraktionen und -laxationen deiner Arme, Beine und Hände, und vor allem deines Mundwerks, nimmst du Einfluss auf das große Weltgeschehen inmitten deiner kleinen Lebensprovinz.</p>
<p>Willst du die geeigneten Mittel wie Kleidung, Deo oder Blumen zu einem vorgegebenen Zweck wie einem Rendezvous oder aus der Reihe dir gleichzeitig sich anbietender Zwecke wie eines Rendezvous, des Besuchs des Vortrags deines Doktorvaters und der Teilnahme an der Sitzung einer berühmten Wahrsagerin, die nur an diesem Nachmittag in der Stadt gastiert, den für deine gegenwärtige und künftige Situation passendsten und eher zuträglichen, eher förderlichen auswählen und diesen Zweck zu deiner Absicht erklären, solltest du dich in vernunftgeleiteten Erwägungen ergehen.</p>
<p>Die Mittelwahl gelingt dir diesmal auch bei herabgedimmtem Verstand: Beim Friseur warst du, gebadet hast du, die Kleidung stimmt und ein letzter Blick in den Spiegel sagt dir: Viel Glück bei deinem Date!</p>
<p>Anders ist es um die begründete Wahl des Zwecks aus der vorliegenden Reihe von Zwecken bestellt: Hier musst du auf der Grundlage von Güterabwägungen und der Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten zur guten oder richtigen Entscheidung kommen. Das Rendezvous könnte den Beginn einer tragenden Verbindung darstellen. Den Vortag deines Doktorvaters solltest du nicht verpassen, sonst könnte er düpiert sein, und das könnte dir bei deiner momentanen Leistungsbilanz übel ausschlagen. Und wenn du ein Astro-Fan bist und den Glauben an die Sterne von allen vernünftigen Gegenargumenten abgeschottet hast, zieht es dich magisch zur Sitzung der berühmten Wahrsagerin.</p>
<p>Nur wenn in deinen Gedanken aufgrund eines überzeugenden Kalküls oder wegen gefühlsmäßiger Aufwallung eine der drei Optionen Oberwasser bekommt, wirst du handeln. Wenn alle drei oder zwei sich mit gleicher Schwere gegenseitig blockieren, kannst du entweder würfeln oder musst zu Hause bleiben.</p>
<p>Du überlegst so: Wenn mein Rendezvouspartner mehr als oberflächliches Interesse an mir hat, wird er bereit sein, eine plausible Entschuldigung zu akzeptieren und das Rendezvous zu verschieben. Damit ist diese Option freigestellt und nichts ist verloren. Meinem Doktorvater sende ich eine freundliche Mail und teile ihm mit einem Ausdruck des Bedauerns mit, dass ich wegen Krankheit leider um den Genuss seines Vortrags komme. Das wird das Risiko, seinen Unmut in der Bewertung der Dissertation oder während der Disputation zu spüren zu bekommen, verringern oder ganz beseitigen. Also gehe ich zur Wahrsagerin! – Erhoffst du dir von dieser doch klare Auskünfte und gute Ratschläge für deinen weiteren Lebensweg – und eben dies scheint dir der passendste, eher zuträgliche und eher förderliche Zweck in deiner augenblicklichen Lage zu sein.</p>
<p>So hast du mit guten Gründen und plausiblen Erwägungen eine Entscheidung für eine Sache getroffen, die die meisten für uns als irrational und obskur abtun dürften. Und doch ist es gerade solch ein Weg der Überlegung und Entscheidung, den wir oft mit all unserer Verstandeskraft und mit allen guten Geistern oder auch von allen guten Geistern verlassen beschreiten, auch wenn er uns am Ende in Teufels Küche führt.</p>
<p>Also versuche es noch einmal. Du taxierst zunächst die Risiken nach dem Schweregrad der Bedrohung, die sie für dich haben: Risiko, den Partner fürs Leben zu verpassen (80 Punkte), Risiko, deine Promotion zu vermasseln und dadurch beruflich ins Abseits zu geraten (80 Punkte), Risiko, aufgrund der verpassten Ratschläge einer berühmten Wahrsagerin dich auf deinem Lebensweg zu verirren (20 Punkte). Dann bewertest du die Wahrscheinlichkeit, mit der jedes der genannten Risiken tatsächlich eintreten dürfte: Partnerverlust 50 Punkte, berufliches Scheitern 60 Punkte, Verpassen der Wahrsagerin 100 Punkte. Dann multiplizierst du die zugehörigen Punkte (4.000, 4.800, 2.000), um zu sehen, welche Größe dir das zu vermeidende Risiko anzeigt, und kommst zum Ergebnis, dass es klüger und ratsamer ist, das Rendezvous und das Treffen mit der Wahrsagerin sausen zu lassen und dem Besuch des Vortrags deines Doktorvaters den Vorzug zu geben.</p>
<p>Das Ergebnis scheint dir plausibel. Denn die Promotion zu vermasseln wiegt in deiner gegenwärtigen Lebenssituation am schwersten. Das Argument, dein Rendezvouspartner werde, wenn es ihm denn ernst ist, sich auf die Verschiebung eures Treffens einlassen, gilt weiterhin. Und die Bedrohung, die aufgrund nicht erteilter Ratschläge einer Wahrsagerin über dir schwebt, ist doch eher gering zu veranschlagen.</p>
<p>Steigen wir kurz auf die Gipfel der Zeit und schnuppern die Höhenluft historischer Entscheidungen. Als Cäsar den Rubikon überschritt, verfolgte er die Absicht, mit seinen Truppen auf Rom zu marschieren. Als Cäsar mit seinen Truppen auf Rom marschierte, verfolgte er die Absicht, die Macht des Senats zu stürzen und den Feldherrn Antonius, hinter den der Senat sich verschanzt hatte, zu warnen. Als Cäsar mittels des Einmarschs in Rom die Macht des Senats stürzte, verfolgte er die Absicht, eine neues Machtgefüge und eine neue Staatsform in Rom zu etablieren.</p>
<p>So weit können wir die ineinander geschachtelten Absichten des großen Feldherrn ans Licht ziehen. Tatsächlich etablierte sich in der Folge von Cäsars absichtsvollem Handeln und dem darauf entfesselten Bürgerkrieg eine neue Staatsform in Rom, das augusteische Kaisertum. Dies absichtsvoll herbeiführen zu wollen können wir dem Handeln Cäsars allerdings nicht entnehmen. Die Errichtung des Kaisertums in Rom ist eine indirekte Konsequenz von Cäsars Handeln, die nicht im bewussten Fokus seiner damaligen Absichten lag und liegen konnte.</p>
<p>Du bist also brav zum Vortrag deines Doktorvaters gegangen. Indes ging die Sache nicht gut aus: Dein Rendezvouspartner, dem du per Mail eine plötzliche Erkrankung als Vorwand nanntest, um euer Treffen zu verschieben, erschien doch tatsächlich auf der Veranstaltung, da er um die Tatsache deines Promotionsverfahrens bei dem Referenten wusste und dir gerne, soweit es in seinen Kräften stand, Bericht davon geben wollte. Von Stund an haben sich eure Wege getrennt: Diese unbeabsichtigte Folge deines absichtsvollen Handels musst du in den Kauf nehmen und ertragen lernen.</p>
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		<title>Philosophieren VI</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-vi/</link>
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		<pubDate>Sun, 14 Jul 2013 14:20:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Fragen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Einzusehen und festzustellen, dass wir als biologische Spezies oder dass du als bewusst Erlebender einen singulären Ort unter singulären Bedingungen in einer so und nicht anders aufgebauten, aber auch ganz anders aufbaubaren kosmischen Umwelt lebst, fügt einer Einsicht und Feststellung wie „In diesem Viertel wohne ich“ oder „Wasser setzt sich aus den Elementen Helium und [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-vi/">Philosophieren VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Einzusehen und festzustellen, dass wir als biologische Spezies oder dass du als bewusst Erlebender einen singulären Ort unter singulären Bedingungen in einer so und nicht anders aufgebauten, aber auch ganz anders aufbaubaren kosmischen Umwelt lebst, fügt einer Einsicht und Feststellung wie „In diesem Viertel wohne ich“ oder „Wasser setzt sich aus den Elementen Helium und Sauerstoff zusammen“ oder „Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands“ keinen ontologischen Mehrwert hinzu: Einsichten und Feststellungen dieser Art liegen gleichsam auf derselben Ebene, wie alle Einsichten und Feststellungen – sie stimmen oder eben nicht.</p>
<p>Mit Feststellungen solch allgemeiner Art wie der genannten verbindet sich leichthin ein Gefühl des Erhaben-Schauerlichen oder der Verlockung, in transzendentale Abgründe zu rutschen oder auf Gipfel metaphysischer Aussichten zu klettern. Aber dies ist eine Luftspiegelung, die gerne von geschickten Geistesgauklern als Instrument ihres Hintersinns missbraucht wird. In Wahrheit hat der Satz „Ich bewohne den Planeten Erde in einem Sonnensystem der Galaxie“ keinen tieferen Sinn als der Satz „Ich wohne in Frankfurt am Main“.</p>
<p>Umgekehrt kannst du den Satz „Ich wohne in Frankfurt am Main“ mit demselben Aura-Dunst des Tiefsinnigen und Rätselhaften umhüllen wie den Satz „Ich bewohne den Planeten Erde in einem Sonnensystem der Galaxie“.</p>
<p>Wenn du lange genug auf einfache Feststellungen der Art starrst wie „Ich bin jetzt hier, sitze leibhaft vor diesem Tisch, in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Planten, in diesem Sonnensystem, in dieser Galaxie und bin mir all dessen bewusst“ kannst du in dir leichthin ein Gefühl des Schwindels erzeugen und mit diesem geraten all jene Sätze in ein Schillern und Flimmern.</p>
<p>Aber dass du dir dessen bewusst bist, was du sagst, diese Tatsache gehört für uns in den Bedeutungskern des Begriffs „sagen“. Wenn du schlafwandelnd zu mir sagst „Morgen breche ich auf nach China!“, würde ich angesichts deines somnambulen Zustandes den von dir gerade ausgesprochenen Satz als nicht echt und wahrhaft gemeint durchstreichen und nicht befürchten, dich übermorgen in der Transsibirischen Eisenbahn vermuten zu müssen – auch wenn dein dreimalkluger Psychoanalytiker sich mit der Zunge schnalzend auf diesen Satz stürzt, weil in seinem verrückten System unbewusst gesprochen werden kann. In unseren Kreisen, wo wir kleinen, gleichsam einmalklugen Leute uns mühsam und mit Bedacht in wachen Momenten durchs Leben schleppen, gilt: Dass wir dem Sprecher unterstellen, dass er sich absichtsvoll äußert, das heißt sich des Inhalts, des Adressaten und der absehbaren Wirkung seiner Sätze bewusst ist, gehört für uns zum Bedeutungskern des Begriffs „sagen“.</p>
<p>Als Antwort auf die Frage „Wo wohnst du?“ hören zu müssen „Ich wohne auf dem Planeten Erde“ oder gar „Ich wohne in der Galaxie“ oder auf die Frage „Was machst du gerade?“ hören zu müssen „Ich sitze vor meinem Tisch auf dem Planeten Erde“ oder gar „Ich sitze vor meinem Tisch in der Galaxie“ erscheint uns nicht nur nicht angemessen, sondern klingt geradezu verrückt in unseren auf mittlere Frequenzen des Sinns gestimmten Ohren. Du würdest dir deinen Teil denken und dich aus dem Gespräch flüchten. Ich würde sagen: „Nun spiel dich mal nicht so auf und komm auf den Teppich!“ oder: „Lass den Firlefanz und komm auf den Boden der Tatsachen zurück!“</p>
<p>Der Boden der Tatsachen ist natürlich eine Metapher. Sie zielt auf die Struktur und den Inhalt der Formel: „Wer sagt was wem wie wann und wo?“ Mit dieser Formel kommen wir klar, erfassen wir unsere Lage, ziehen die Grenze dessen, was wir gut, klar, angemessen sagen können und was nicht – wobei diese Grenze aus dem Teleskop vom Sirius aus betrachtet oder wie man so schön zu sagen pflegte „sub specie aeternitatis“ sich wie ein Aal schlängelnd fließt und weiterkriecht – allerdings in einem Tempo, das unsere gegenwärtigen Bemühungen um Genauigkeit und Angemessenheit des Ausdrucks nicht einschränkt und nicht zu beunruhigen braucht.</p>
<p>Du hörst, wie im Hof der Automotor anspringt, wie eine Tür zuschlägt. Der Mann, der den Motor anlässt, hat nicht die Absicht, dir mittels des Motorengeräusches mitzuteilen, dass er jetzt im Begriff ist, wegzufahren. Er verfolgt mit dem von ihm indirekt erzeugten Geräusch überhaupt keine Absicht. Die alte Frau vom Nachbarhaus, die die Haustür hinter sich zuschlägt, hat nicht die Absicht, dir mitzuteilen, dass sie jetzt im Begriff ist, in ihre Wohnung zurückzukehren. Die Frau verfolgt mit dem von ihr direkt erzeugten Geräusch überhaupt keine Absicht oder eine Absicht, die nicht dir gilt, sondern ihren Mitbewohnern, nämlich sich als die penetrante und impertinente Person in Erinnerung zu rufen, die die Türen immer zu laut ins Schloss fallen lässt. Geräusche dieser Art können dir etwas mitteilen, dich über ein Geschehen deiner Umwelt ins Bild setzen: Aha, der Nachbar fährt weg. Ach so, die impertinente Alte von Gegenüber kommt zurück.</p>
<p>Vögel zwitschern. Die Tiere erzeugen die zwitschernden Klänge nicht in der Absicht, dir etwas mitzuteilen. Ob sie die Klänge mit der Absicht hervorbringen, einander etwas mitzuteilen, könnte man allenfalls fragen. Dennoch kann Vogelgezwitscher dir Informationen über die Umwelt und dich selbst übermittel: dass es früher Morgen ist oder dass du heiterer Stimmung bist, weil du das Zwitschern mit der Erinnerung an eine schöne Ferienwanderung verknüpfst.</p>
<p>Das Telefon klingelt. Du hebst ab, und der von dir erwartete Anrufer meldet sich mit Namen. Das Klingeln des Telefons ist ein vom Anrufer mit der Absicht erzeugtes Geräusch, dich aufzufordern, den Hörer abzunehmen und mit ihm zu sprechen.</p>
<p>Du steigst mit einem Freund einen steilen Berghang hoch. Plötzlich ruft er: „Achtung, Steinschlag!“ Du weichst unwillkürlich zur Seite und schaust nach oben, wo du herabfallende Steine zu erblicken erwartest. Gefragt, was dein Freund dir mitgeteilt hat, wirst du korrekt antworten, er habe dir eine Warnung ausgesprochen und zur Verdeutlichung und Akzentuierung der Tatsache, dass er dich warnte, den Sprechakt des Warnens als solchen mit dem Ausruf „Achtung!“ explizit gemacht. Er hätte auch bloß ausrufen können „Steinschlag!“, und mit genügend Impetus hervorgebracht, hätte diese Warnung bei dir dieselbe Reaktion ausgelöst.</p>
<p>Für einen der deutschen Sprache nicht Mächtigen ist der Ausruf „Achtung, Steinschlag!“ ein bloßes Geräusch, dem Naturlaut des Vogelrufes ähnlich: Es sagt ihm nichts, bleibt unverständlich und bedeutungslos. Welche Eigenschaften machen den Ausruf für uns verständlich und bedeutungsvoll? Nichts an der Lautung „Stein“ verweist auf einen Stein. Gäbe es eine natürliche Verbindung zwischen der Lautung „Stein“ und der Bedeutung Stein, könnte „pierre“ im Französischen nicht dasselbe bedeuten. Wir haben die Verbindung zwischen dem Laut und dem Begriff erlernt, immer wieder den Laut im selben Wahrnehmungsumfeld bilden gehört und dann selbst gebildet. So wenn wir als Kinder mit Steinen gespielt, mit Steinen geworfen, mit Steinen Häuser und Türme gebaut haben. Laut und Begriff und ihre Verknüpfung liegen ab einem bestimmten Zeitpunkt im Gedächtnis zur jederzeitigen Abrufung bereit. Doch die Verbindung ist nicht sehr fest gespannt, sondern gleichsam elastisch. Wir müssen nicht in jedem Falle genau angeben können, ob es sich hier um einen großen Kieselstein oder doch um ein exotisches Ei handelt.</p>
<p>Wir benötigen keine Vorstellungen, Bilder oder Repräsentationen für das von den Wörtern Gemeinte, als hingen in der Galerie des Gedächtnisses die Bilder der Dinge, jeweils mit den Etiketten ihrer Namen versehen. Welche Vorstellung, welches Bild benötigst du, um den Ausruf „Achtung!“ zu kapieren?</p>
<p>Die Tatsache, dass wir mittels bedeutungsloser Geräusche, hervorgebracht mittels Nase, Lippen, Gaumen und Lungen, uns auf Begriffe und Bedeutungen beziehen, hat eine strukturelle Ähnlichkeit mit der Tatsache, dass wir mit einem rein physischen, bedeutungsfreien Objekt, unserer Hand, jemandem etwas bedeuten, etwas zeigen können, und scheint genauso merkwürdig zu sein wie die Tatsache, dass wir aufgrund der guten Leistungen unseres begriffs- und bedeutungsfrei vor sich hinrechnenden neuronalen Netzwerks die Umwelt und etliches an uns selbst bewusst erleben und unendlich viele bedeutungsvolle Sätze hervorzubringen und zu verstehen imstande sind.</p>
<p>Hier müssen wir uns wieder vor den Luftspiegelungen hüten und die Gaukler des Hintersinns maßregeln. Schließlich kann unser bewusstes Erleben und unsere Fähigkeit zu semantischen Höchstleistungen nicht anders als kausal erklärt werden, nämlich hervorgebracht von unserem neuronalen Netzwerk. Die hier gerne hochgekitzelte steile Behauptung, man stoße halt auf letzte Grenzen der Erkenntnis und prinzipiell unlösbare Fragen, geht auf ein Missverständnis dessen zurück, was wir wohlweislich mit dem Begriff „Fragen“ meinen. Fragen tauchen auf, wenn das Spielfeld des Handelns sich unvermutet verengt. Die auftauchende Frage gleicht dem plötzlich den Weg versperrenden Hindernis – die Antwort lautet: Bleibe stets konstruktiv und warte, bis sich die Woge gelegt und der Nebel sich verzogen hat, oder untersuche die Umgebung und mach einen Umweg. Ein unübersteigliches, „absolutes“ Hindernis auf dem Weg des Fragens und Forschens kann es genauso wenig geben wie einen endgültigen, „absoluten“ Um- und Ausweg für alle künftigen oder möglichen Hindernisse, der damit jedes weitere Fragen überflüssig machen würde.</p>
<p>Rede nicht mehr von „Bewusstsein“ – und die Spannung lässt nach, aber auch der Kitzel. Bewusstsein ist ja kein Gegenstand in der Welt wie dieses Fässchen Salz vor uns auf dem Frühstückstisch, den du auffinden, beobachten, zerlegen und wieder zusammensetzen könntest. Vielmehr sind die Akte, die wir bewusst vollziehen, und unter diesen der Akt des Sagens, die Voraussetzung dafür, dass wir die Welt in gegenständliche und nichtgegenständliche Entitäten einteilen. Wir, die wir reden, sind nichtgegenständliche Entitäten, feierlich, aber unscharf Subjekt oder Selbstbewusstsein genannt, wir greifen mit den auf Objekte referierenden Begriffen unserer Sprache auf mögliche und wirkliche Objekte im Wahrnehmungsfeld oder in den theoretischen Begriffsnetzen zu. Daran ist so viel und so wenig ungewöhnlich wie an dem Satz: „Bitte, reiche mir doch das Salz herüber!“</p>
<p>Sind wegen der Tatsache, dass die Einteilung der Welt in Gegenstände die bewährte Leistung unseres absichtsvollen Sprechens voraussetzt, die Gegenstände oder, diese in den Sack der Welt gepackt, die ganze Welt nichts als Illusion, Einbildung, transzendentale Träumerei, Flammenschrift an der Wand des Unbewussten? Mitnichten. Denke an das berühmte Bild vom Fischernetz: Je nach Größe der Maschen fängst du die großen Barsche oder die kleinen Sardinen. Und die stillen deinen realen Hunger. Netze müssen ausgebessert, eingerissene Maschen geflickt und erneuert werden. So auch die Sprache und das Netzwerk unserer auf Gegenstände referierenden Begriffe. Wie fein ist das Sprachnetz der Botaniker, der Entomologen, der Geologen, der Zoologen, der Neurologen, der Archäologen – und ohne Unterlass sind die globalen wissenschaftlichen Netzwerker damit beschäftigt, neue Funde zu taufen, Begriffe neu zu untergliedern, Begriffshierarchien umzubauen. Und wenn am Nachbartisch zwei Gauner in Gaunersprache über den nächsten Coup reden, versuche herauszufinden, worüber sie reden, welches Gebäude, welche Bank, welche Devisen sie meinen!</p>
<p>Uns genügen Netze, mit denen wir Barsche und Sardinen einfangen können. Das übrige überlassen wir getrost den Wissenschaftlern mit ihren Quarks und ihrem fluktuierenden Ur-Vakuum, die mit immer feineren Messverfahren das menschliche Auge beschämen und immer entlegenere, immer winzigere Objekte einfangen – und den Dichtern, die so manchen bunten Vogel mit den subtilen Pfeilen Apolls abgeschossen haben.</p>
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		<title>Philosophieren I</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Jul 2013 16:22:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
		<category><![CDATA[Handlung]]></category>
		<category><![CDATA[Semantik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachphilosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Aufgrund zweier Dinge ist dir der andere gegeben (Luft, die den Schleier bewegt und lüpft): des Körpers, in dem er leibt und lebt, mit dem er durch Handlungen (absichtsvolle Muskelbewegungen), Gesten und Mimik zeigt, was er meint, wer er ist – und der Sprache, in der er redet und schreibt: Sie ist wie die Falten, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren/">Philosophieren I</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Aufgrund zweier Dinge ist dir der andere gegeben (Luft, die den Schleier bewegt und lüpft): des Körpers, in dem er leibt und lebt, mit dem er durch Handlungen (absichtsvolle Muskelbewegungen), Gesten und Mimik zeigt, was er meint, wer er ist – und der Sprache, in der er redet und schreibt: Sie ist wie die Falten, die beim Lächeln unwillkürlich entstehen, oder die Tränen beim Weinen (ziehe die Falten ab vom Lächeln, die Tränen vom Weinen – was bleibt?).</p>
<p>Die Gedanken, Absichten, Gefühle des anderen sind nicht hinter der Stirn des Geheimnisses und in einer unzugänglichen Kammer der Seele verborgen oder nur mühsam mittels Analogie zu den dir vertrauten eigenen Bewusstseinszuständen aus seinen Äußerungen zu erschließen – und dies dann bei hohem Unsicherheitsrisiko. Wenn du wissen willst, was er denkt, welche Absichten er hegt, wie er fühlt und empfindet – nun, so frage ihn, betrachte ihn, handle mit ihm, lebe mit ihm!</p>
<p>Oder achte auf die Umgebung und das Spielfeld des Handelns! Siehst du ihn einen Regenschirm ergreifen und das Haus verlassen, musst du nicht fragen, um seine Absicht zu erkunden: Du weißt, er erfüllt sich den Wunsch nach einem Spaziergang, befürchtet aber, vom Regen überrascht zu werden. Eine Absicht, einen Wunsch, eine Befürchtung – all das, einen komplexen mentalen Zustand, hast du in einem Nu geistesgegenwärtig erfasst.</p>
<p>Es könnte sich natürlich auch um einen Kauz handeln, der auch beim schönsten Allwetterhoch nie ohne sein Accessoire unterwegs ist. Wenn du diesen Menschen über längere Zeit beobachtest, wirst du ihn schon als kauzig wahrzunehmen und einzuschätzen lernen.</p>
<p>Zum Spielfeld des Handelns zählt manches und vieles, so auch die jeweilige Semantik der Anredeformen, die dir deine Sprache bereitstellt. Diese Semantiken sind ausgespannt zwischen dem Pol maximaler Verfeinerung der Anredeskala – das sind die chinesischen, japanischen und altindischen Aristokraten unter den Semantiken – und dem Pol maximaler Reduktion und Vereinfachung – das sind die amerikanischen Demokraten. Du kannst immerhin zwischen der Du-Anrede im Nahbereich von Verwandtschaft, Freundschaft und Liebe und der höflichen, respektvollen Sie-Anrede im Distanzbereich von Institutionen der Unterordnung und Hierarchien wie Schule, Armee und Kirche wählen, auch wenn dir die alte vornehme Geste der Ihr-Anrede für die Distanzierung im Nahbereich mittlerweile versagt ist.</p>
<p>Mittels der Anredeform wird die Situation mitdefiniert, in der dir der andere sein Gesicht zeigt. Der Unteroffizier wird den General, der Untergebene seinen Vorgesetzten und der Pfarrer seinen Bischof nicht ungebührlich duzen, er riskiere denn Ruf und Stellung. Umgekehrt kann der Ältere, der im Handlungsfeld Führende durch das Angebot des vertraulichen Du die Situation neu definieren und den Weg zu vertraulicherem Umgang und intimeren Mitteilungen bahnen.</p>
<p>Natürlich kann der andere lügen und sich verstellen – doch nur bis zu einem gewissen Grad. Es bleibt deinem Feingefühl überlassen, ihn zu entlarven, ihm auf die Schliche zu kommen. Ist er im Grunde unglücklich, möchte aber durch Preisgabe seiner traurigen Lage dir nicht unterlegen oder gar ausgeliefert scheinen, kann er sich zu einem künstlichen Lächeln und einem scherzhaften Plauderton zwingen. Das Gekünstelte, Geheuchelte und Erzwungene in diesem Lächeln, in diesen Worten kannst du zu sehen und zu hören lernen.</p>
<p>Weil anders als der sprachliche der gestische und mimische Ausdruck in vielen Stücken – bei weitem nicht in allen – unter allen Völkern etwa gleich ist, könnt ihr euch mit Händen und Füßen verständigen – zu einem freilich geringen Grad. Beherrschtest du alle Sprachen der Welt und wärest ein perfekter Gebärdeninterpret und dir begegnete ein Wesen, und du verstündest keine seiner Äußerungen – so wäre dieses Wesen eo ipso nicht als menschliches Wesen, als Wesen unserer Art, zu betrachten.</p>
<p>Immer wiederholst du gleichsam den von dem anderen geäußerten Gedanken, im Augenblick, da du den Satz hörst, mit dem er ihn ausdrückt. Sein Gedanke verwandelt sich – bei günstigen Bedingungen – unmittelbar in deinen Gedanken. So kannst du verstehend hören und hörend verstehen. Doch versteht du, was der andere meint, wenn er etwas sagt, erst recht, wenn das euch beiden gegebene Umfeld der Wahrnehmung, des Erlebens und Handels offen und transparent da- und vor Augen liegt. Denn zumeist beziehen sich die Äußerung und der mit der Äußerung gemeinte Gedanke auf das nähere Umfeld des Sprechenden, das wie für ihn auch für sein Gegenüber mittels sinnlicher Wahrnehmung zugänglich ist.</p>
<p>Du kommst der Bedeutung des Gesagten, dem Gedanken, einfach auf die Schliche, wenn du fragst: Was wollte er mir bedeuten? Wollte er mir etwas zeigen, mich auf etwas hinweisen? Hat er mich etwas gefragt? Wollte er etwas von mir wissen? Hat er mich zu etwas aufgefordert? Wollte er, dass ich den von ihm ausgeschrittenen Handlungskreis vollende und schließe? Hat er mich vor etwas gewarnt? Mich um etwas gebeten? Wollte er mir seine Überzeugung über etwas kundtun? In diesen sprachlichen Figuren des Fragens, Aufforderns, Bittens, Warnens enthüllt sich dir der intentionale Grund, der mentale Zustand, der den Sprecher zu sagen bewog, was er sagte. In dem „etwas“, auf das sich das Gesagte und der im Gesagten gemeinte Gedanke beziehen, enthüllt sich dir der objektive Grund, auf den sich das Gesagte und der im Gesagten gemeinte Gedanke beziehen. Meist ist dies, handelt es sich nicht um die dünne Luft wissenschaftlicher Fachgespräche, um Gegenstände, Personen oder Ereignisse im Umfeld der sinnlichen Wahrnehmung.</p>
<p>Oft bezieht sich aber die Äußerung nicht auf einen Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auf einen bestimmten Punkt einer unabgeschlossenen Handlungskette: „Kannst du das mal halten!“ „Bitte steck den Brief ein und händige ihn dem Vater aus!“ „Komm mal näher, ich kann so nicht sehen, was du im Auge hast!“ „Daran arbeiten wir beim nächsten Mal weiter!“</p>
<p>Äußerungen, deren Gegenstand im Umfeld der Wahrnehmung liegt, werden oft eingeleitet oder begleitet von Formulierungen wie: „Schau mal! Sieh mal! Vorsicht! Achtung! Da drüben! Hierher! Sofort! Später. Nachher. Morgen. Rechts davon, links davon. Auf dem Tisch. Im Wohnzimmer. Im Garten. Das blaue, nicht das grüne Kleid.“ Diese Formulierungen spezifizieren die Raum-Zeit-Koordinaten und die sinnlichen Wahrnehmungen, die wir als biologisch-soziale Wesen zur Bestimmung der Gegenstände und ihrer Eigenschaften heranziehen müssen, damit wir sie uns zeigen, unsere Aufmerksamkeit auf sie richten und Handlungen mit und an ihnen ausführen können.</p>
<p>Im Übrigen sorgen die Dichte und Prägnanz der Situation – ähnlich der Fähigkeit des Menschen, Lücken der gesehenen Gestalt augenblicks auszufüllen – dafür, dass ihr euch gut versteht. Seid ihr verliebt, ist ein Kuss eine Antwort oder eine Aufforderung. Seid ihr verfeindet, ist eine Schmeichelei ein ironischer Stich oder eine versteckte Beleidigung. Seid ihr in einer geschäftlichen Unterhandlung, ist die Frage nach der Zeit eine Aufforderung, nicht länger nach Kompromissen zu suchen und zum Abschluss zu kommen.</p>
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