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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Philosophische Essays</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen XI</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Oct 2014 14:16:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Beweggrund]]></category>
		<category><![CDATA[kausale und intentionale Erklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Thomas Geach]]></category>
		<category><![CDATA[Ursache]]></category>
		<category><![CDATA[W. V. O. Quine]]></category>
		<category><![CDATA[Wechsel des kategorialen Bezugsrahmens]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Ursache, Beweggrund, kausale und intentionale Erklärung, Wechsel des kategorialen Bezugsrahmens Was steckt dahinter? Das ist eine gute Frage, und das ist keine ungefährliche Frage. Wenn du weißt, dass alle Säugetiere lebend gebären und erfahren hast, dass Wale lebend gebären, schließt du daraus richtig, dass Wale Säugetiere sind. Wir können diese einfachen logischen Zuordnungen schematisch mit [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-xi/">Kleine philosophische Lektionen XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ursache, Beweggrund, kausale und intentionale Erklärung, Wechsel des kategorialen Bezugsrahmens<br />
</em><br />
Was steckt dahinter? Das ist eine gute Frage, und das ist keine ungefährliche Frage.</p>
<p>Wenn du weißt, dass alle Säugetiere lebend gebären und erfahren hast, dass Wale lebend gebären, schließt du daraus richtig, dass Wale Säugetiere sind. Wir können diese einfachen logischen Zuordnungen schematisch mit Mengendiagrammen (wie den Venn-Diagrammen) darstellen. Wenn du bisher dachtest, Wale seien Fische, die bekanntlich nicht lebend gebären, sondern ihre Eier ablaichen, ist diese Schlussfolgerung eine Bereicherung. Aber diese Schlussfolgerung ist keine Bereicherung des Wissens, sondern eine Klärung des schon Gewussten, und zu diesem gehörte auch die neue Erkenntnis, dass Wale lebend gebären.</p>
<p>Es ist ein Kennzeichen des von Aristoteles begründeten und formalisierten Syllogismus, denn um dessen primäre Form handelt es sich hier, dass wir bei jedem gültigen Argument den Gegenstandsbereich, über den wir Aussagen machen, eindeutig festlegen. In unserem Falle handelt es sich um den Gegenstandsbereich der Lebewesen. Wenn wir zur tiefer schürfenden Erklärung einen Wechsel des kategorialen Bereichs benötigen, um absehen zu können, was dahintersteckt, müssen wir uns anderen Formen der stichhaltigen Argumentation als dem Syllogismus zuwenden.</p>
<p>Was also steckt dahinter? So kannst du gut fragen, was hinter einer Handlung steckt, zum Beispiel, wenn dir dein angeblicher Freund ein Beinchen stellt. Hier fragst du nach dem Beweggrund oder Motiv der Handlung, wobei wir unter einer Handlung das Ganze aus physischer Bewegung und Motiv verstehen. Wir leiten in diesem Falle der Erklärung menschlichen Verhaltens das Physische aus dem Psychischen ab, denn ein Bein zu stellen ist freilich ein körperlicher Vorgang, jemandem übel mitspielen zu wollen augenscheinlich ein psychischer Vorgang.</p>
<p>Wir sagen: A hat B ein Bein gestellt, weil er ihm übel mitspielen wollte.<br />
Formelhaft ausgedrückt: A wirkt aufgrund der Intention i mittels der Handlung h auf B ein.</p>
<p>Die physische Realität können wir beobachten und beschreiben, die wirkursächliche psychische Realität können wir nicht beobachten, sondern müssen sie erschließen. Wir sagen: A hat an B die Handlung h vollzogen. Wer immer h tut, ist in einem mentalen Zustand M<sub>1</sub>, M<sub>2</sub>, M<sub>3</sub> … M<sub>x</sub>. In welchem Zustand aus der Reihe der Handelnde tatsächlich ist, bedarf weiterer Analysen, unter Einbeziehung der Situation, der vorausgehenden Zustände und der Geschichte des Verhältnisses zwischen den Personen A und B.</p>
<p>Wenn dir die Erklärung einleuchtet, hat dies unmittelbar erhebliche Folgen für dich und deine Lebenswelt: Du wirst dem angeblichen Freund die Ehre, unter deine Freunde gerechnet zu werden, entziehen und etliche Maßnahmen ergreifen, euer Verhältnis einzuschränken, wenn nicht einzufrieren oder zu beenden. Deine Überlegung und deine Einsicht haben ziemlich weitgehende Folgen in der physischen Welt, soweit sie dich betrifft: Du wirst nicht mehr den Hörer abheben und die Nummer des Verräters wählen oder den Hörer abheben, wenn du seine Nummer auf dem Display erkennst, du wirst nicht mehr aus dem Haus gehen, um zu eurem gewöhnlichen Treffpunkt zu gelangen, du wirst den Teufel tun, ihm beim nächsten Umzug zu helfen.</p>
<p>Wir können von der Handlung auf den Beweggrund schließen, aber nicht umgekehrt von einem Beweggrund auf die daraus etwa prognostizierbare Handlung. Dein Gast hat sich bei Tisch vor deinen eingeladenen Freunden wieder einmal danebenbenommen; dennoch gibst du deinem Impuls, ihn mit einer scharfen Bemerkung oder Rüge abzustrafen und vor den anderen herabzusetzen, nicht nach, sondern bewahrst wenn auch nicht ohne Anstrengung dein Gesicht und milderst die Verlegenheit oder rettest die Situation mit einer witzigen Bemerkung.</p>
<p>Wir sehen: Handlungsgründe sind nicht identisch mit ihren physischen Ursachen, deren Vorkommen wir aus dem Vorkommen anderer physischer Ursachen gesetzmäßig ableiten und vorhersagen können. Wir verbleiben mit unseren Erklärungen physischer Ereignisse in einer kausal geschlossenen Welt: Wir gehen von der Bewegung eines Körpers weiter zur Bewegung eines anderen Körpers, der den ersten wiederum in Bewegung gesetzt hat, oder wir reduzieren die fühlbare und messbare Hitze des Wassers im Kochtopf auf die nur mittels eines Elektronenmikroskops sichtbar zu machende Bewegung der Wassermoleküle.</p>
<p>Wenn wir aber die unverschämte Handlung deines angeblichen Freundes als physische Bewegung seines Beines auf die neuronalen Bewegungsmuster in seinem Gehirn reduzieren, bleiben wir ebenfalls in einem geschlossenen kausalen Bezugsrahmen: Allerdings erhalten wir durch diese reduktive Analyse keine Erklärung, die uns das bizarre Tun deines Freundes verständlich macht, sondern nur eine tautologische Verdopplung derselben Beschreibung, einmal auf der Ebene der Alltagssprache, sodann auf der Ebene der Wissenschaftssprache.</p>
<p>Freilich können wir uns in der Zuordnung oder Identifikation von physischen und psychischen Ereignissen irren: Wenn dich dein Freund von hinten unglücklich gestoßen hat, weil er selbst gestolpert ist, rechnen wir ihm die physische Bewegung nicht als willentliche Ausführung einer Handlungsabsicht oder eines Bewegungsgrundes bösartiger Natur zu. Er tat dies unwillentlich und ohne Absicht und ist daher nicht zu tadeln. Und solltest du ihn im ersten Aufruhr der Gefühle grundlos getadelt haben, ist es an dir, dich von ihm wegen grundlosen Tadelns in die Schranken weisen zu lassen.</p>
<p>Wenn wir physische Ereignisse mittels des Vorkommens anderer physischer Ereignisse erklären, verbleiben wir nicht nur im selben Bezugsrahmen der physischen Welt beziehungsweise der physikalischen Erklärung. Die kausalen Bezüge, die wir auffinden, sind auch zumeist symmetrisch und transitiv: Wenn es regnet, wird die Straße nass, und wenn die Straße nass wird, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es regnet – falls nicht die städtische Versorgungseinrichtung bei großer Sommerhitze die Straße mit Wasser besprengt hat.</p>
<p>Wenn wir die physische Realität aus dem Vorliegen von mentalen Zuständen und Intentionen erklären, wechseln wir den kategorialen Bezugsrahmen. Hier sind wie bei den relationalen Ausdrücken „kleiner als“ oder „größer als“ oder „ist der Vater von“ Symmetrie und Transitivität des Bezugs ausgeschlossen: Wenn du größer bist als ich, bin ich kleiner als du, und wärst du mein Vater oder meine Mutter, könnte ich dich nimmermehr gezeugt oder geboren haben.</p>
<p>Denken wir kurz an den Sprung von einer Kategorie des Realen zu einer anderen, die wir Extrapolation nennen, wie sie die Logiker W. V. O. Quine und Peter Thomas Geach aufgezeigt haben: Wenn ich sage: „A ist kleiner als B“, bleibe ich unter Anwendung desselben Standardmaßes mit diesen Ausdrücken im Bereich des physisch Beobachtbaren als meinem standardisierten Gegenstandsbereich. Wenn ich aber sage: „Es gibt mindestens ein x und x ist kleiner als alle sichtbaren Objekte“, extrapoliere ich mit dieser Aussage auf einen Bereich, der mein Standardmaß und meinen standardisierten Gegenstandsbereich übersteigt.</p>
<p>Das regelmäßige Vorkommen eines physischen Ereignisses, das sich zeitlich einem psychischen Ereignis mehr oder weniger eng anschließt, muss nicht auf eine kausal-notwendige Beziehung beider Ereignisse hinweisen: Immer wenn ich nach draußen gehen will und es regnet, greife ich nach meinem Schirm. Aber ich kann es auch einmal vergessen.</p>
<p>Und warum sollte ein Gedanke wie eine Absicht oder ein Motiv, etwas zu tun, immer mehr oder weniger vollständig auf der physischen Ebene repräsentiert sein? Dass ich meinen Tadel zurückzuhalten weiß, um einen Gast nicht in Verlegenheit zu bringen, haben wir bereits gesehen. Aber warum sollte immer dasselbe oder überhaupt ein korrespondierendes Muster neuronaler Bewegung in meinem Kopf ablaufen, wenn ich denke „Ach, wie langweilig!“ oder „Warum nur gibt es keine größte Primzahl?“. Das hat noch keiner erwiesen, und wie es aussieht, bleibt dieses Blatt leer.</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen V</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Sep 2014 16:16:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intentionale Zustände: Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie Unterschied Mensch Tier]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (3), Befürchten, Mensch-Tier-Unterschied Wir sagen zurecht „Ich glaube, dass p“, wo wir einfach auch sagen können „Ich meine, dass p“ oder „Ich denke, dass p“. Glauben ist die Grundform unserer intentionalen Zustände, alle anderen bauen darauf auf. „Ich befürchte, dass der Brief vom Finanzamt heute eintrifft“ heißt: „Ich glaube, der Brief vom [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-v/">Kleine philosophische Lektionen V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (3), Befürchten, Mensch-Tier-Unterschied<br />
</em><br />
Wir sagen zurecht „Ich glaube, dass p“, wo wir einfach auch sagen können „Ich meine, dass p“ oder „Ich denke, dass p“.</p>
<p>Glauben ist die Grundform unserer intentionalen Zustände, alle anderen bauen darauf auf. „Ich befürchte, dass der Brief vom Finanzamt heute eintrifft“ heißt: „Ich glaube, der Brief vom Finanzamt trifft heute ein, und das ist unerfreulich“. „Ich hoffe, dass du mich bald wieder besuchst“ heißt: „Ich glaube, du besuchst mich bald wieder, und dann werde ich mich freuen.“ „Ich bedauere, dich gestern beleidigt zu haben“ heißt: „Ich glaube, ich habe dich gestern beleidigt, und das ist von Übel.“</p>
<p>Wir können uns intentional auf Ereignisse der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft beziehen. Wir bereuen, etwas gesagt oder getan zu haben, wir glauben, etwas zu sehen, wir erwarten hoffen, befürchten, dass ein Ereignis eintritt.</p>
<p>Kann ein Hund befürchten, dass du aufgrund deiner fortgesetzten Unpünktlichkeit demnächst wieder eine Abmahnung deines Arbeitgebers erhalten wirst und es damit wahrscheinlicher wird, dass du bald fristlos gekündigt wirst?</p>
<p>Warum kann er das nicht, obwohl er doch ansonsten so ein cleveres Kerlchen ist und immer gleich spitzkriegt, wo du den Socken versteckt hast? Wir sagen: Weil ein der menschlichen Sprache nicht mächtiges Tier nicht in der Lage ist, syntaktisch und semantisch komplexe Glaubensüberzeugungen wie eine solche Befürchtung zu bilden.</p>
<p>Wie könnte die genannte Befürchtung OHNE Zuhilfenahme der menschlichen Sprache ausgedrückt werden? (Wenn unser Hund jene Befürchtung hegen können soll, müsste er ja dazu in der Lage sein.) Antwort: überhaupt nicht.</p>
<p>Kommen wir dem Hund mittels der so beliebten Reduktion der Komplexität doch ein wenig entgegen: Könnte er befürchten, dass du ihm demnächst aufgrund deiner prekär gewordenen finanziellen Verhältnisse NICHT mehr mit den nicht ganz billigen Leckereien aufwarten könntest wie bisher?</p>
<p>Du meinst vielleicht, so ein Tier denkt vorwiegend mit dem Magen – und damit packen wir es! Doch wir sagen: Dies könnte der Hund noch viel weniger glauben und befürchten. Es ist gewiss kein leichtes Unterfangen, eine Überzeugung über ein zukünftiges Ereignis und seine komplexen Bedingungen zu bilden. Aber es ist ein noch weniger leichtes Unterfangen, eine Überzeugung über ein zukünftiges Ereignis zu bilden, das NICHT eintreten wird! Der Hund soll irgendein Bild von seinem leckeren Fressen im Kopfe haben – meinetwegen! Aber wie soll er ein Bild von einem nicht existierenden leckeren Fressen im Kopfe haben – etwa von seinem schmerzlich leer vorgefundenen Fressnapf?</p>
<p>Der Brocken Fleisch, der nicht im Fressnapf liegt, ist dem Hund kein Brocken, der nicht da ist, sondern einfach nicht vorhanden. Der Glaube und die Befürchtung, dass der Napf demnächst mit einem billigen Surrogat gefüllt sein oder leer bleiben wird, ist dem Hund ein nicht denkbarer Gedanke.</p>
<p>Ich kann glauben, dass du davon überzeugt bist, dein Hund werde den nicht vorhandenen „Braten“ riechen. Doch dein Hund kann ganz und gar nicht glauben, dass du ihm so etwas zu glauben unterstellst!</p>
<p>Am Ende läuft es darauf hinaus: Dein Hund trabt herzu und wedelt freudig mit dem Schwanz, schleicht um seinen Napf und findet nicht seine gewohnten Leckereien ­– er wird ein wenig grummeln und sich dann über den billigen Fraß hermachen. Wird er des Nachts aufschrecken und die Befürchtung hegen, am kommenden Tag wieder mit dem schnöden Surrogat abgespeist zu werden? Keineswegs. Am kommenden Tag wird er schon begierig auf den Napf stoßen und beherzt zulangen.</p>
<p>Wir bemerken: Etwas zu glauben und all jene intentionalen Befindlichkeiten, die etwas glauben zu können voraussetzen, wie Bedauern, Hoffen und Befürchten, sind ein humanes Spezifikum, das den Gebrauch der syntaktisch und semantisch komplexen menschlichen Sprache voraussetzt.</p>
<p>Und da die Fähigkeit, zu glauben, dass etwas der Fall ist, die Fähigkeit impliziert, zu glauben, dass etwas nicht der Fall ist, erweist sich auch die Fähigkeit der Negation als ein humanes Spezifikum, das den Gebrauch der syntaktisch und semantisch komplexen menschlichen Sprache voraussetzt.</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen IV</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Sep 2014 16:25:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intentionale Zustände: Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Zweifel]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (2) Wir sind uns nie vollständig bewusst, über welche und wie viele Überzeugungen wir tatsächlich disponieren. Erst wenn dich einer fragt: „Glaubst du, dass die Welt vor deiner Geburt bestand?“, wirst du der Tatsache inne, dass du dieser Meinung beipflichtest und schon immer zugeneigt hast, wenn sie dir zuvor auch nie in [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-iv/">Kleine philosophische Lektionen IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (2)<br />
</em><br />
Wir sind uns nie vollständig bewusst, über welche und wie viele Überzeugungen wir tatsächlich disponieren. Erst wenn dich einer fragt: „Glaubst du, dass die Welt vor deiner Geburt bestand?“, wirst du der Tatsache inne, dass du dieser Meinung beipflichtest und schon immer zugeneigt hast, wenn sie dir zuvor auch nie in den Sinn kam. Aber wir können diese Annahme jederzeit aus anderen Annahmen ableiten, die dir schon einmal in den Sinn gekommen sind:</p>
<p>„Ich glaube, die Welt hat existiert, bevor meine Schwester geboren worden ist.“<br />
„Meine Schwester ist älter als ich.“<br />
Also gilt:<br />
„Ich glaube, die Welt hat existiert, bevor ich geboren worden bin.“</p>
<p>Wir nennen diese trickreiche Art, uns Annahmen bewusst zu machen, die uns zuvor noch nicht in den Sinn gekommen sind, logische Ableitung oder Inferenz. Logische Ableitungen sind darüber hinaus die raffinierteste Technik, um die Gültigkeit von Annahmen zu überprüfen oder neue und wahre Annahmen aus bereits geltenden oder gesicherten Annahmen zu folgern.</p>
<p>Hier zeigt sich, dass Glauben ein Dispositionsbegriff ist, der sich auf deine Bereitschaft und Fähigkeit bezieht, auf die Frage nach der Wahrheit einer Behauptung mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten: „Glaubst du, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist?“ oder „Glaubst du, dass uns die Marsbewohner belauschen?“</p>
<p>Unsere Disposition, dies und das zu glauben oder dies eher anzunehmen als jenes oder ziemlich sicher davon auszugehen, dass dein Freund heute kommt, wenn er es versprochen hat, aber eher zu bezweifeln, dass das Medikament aus der Internetapotheke auch sicher hilft, ist kein theoretischer Luxus, sondern Bauelement unseres praktischen Tuns und Lassens.</p>
<p>Wir müssen lernen, nicht wie Kinder alles zu glauben, was man uns sagt und einredet. Wir lernen unter den Gründen, etwas zu glauben, nach dem Grad und Maß ihres Gewichts zu unterscheiden. Was wir mit eigenen Augen gesehen haben, bestätigt unsere Meinung eher als das, von dem ein anderer sagt, er habe es mit eigenen Augen gesehen, zumal wenn er uns nicht nahesteht oder gar, wenn er uns feindlich gesonnen ist.</p>
<p>Natürlich können wir uns irren, wenn wir etwas zu sehen geglaubt haben, und ebenso derjenige, dem wir aufgrund seines Ansehens und seiner bewährten Freundschaft unbedingtes Vertrauen zu schenken geneigt sind. Wir können unabsichtlich getäuscht werden, wenn einer sich in der Angabe des Weges irrt, den wir unverzagt beschreiten. Wir können böswillig hinters Licht geführt werden, wenn einer uns zur Schadenfreude in die Büsche schickt.</p>
<p>Indes wäre es unvernünftig, deshalb all unsere Annahmen und Überzeugungen einem Generalverdacht zu unterziehen, weil es nicht ausbleibt, dass wir uns dann und wann täuschen und irren oder getäuscht werden und sicher schon getäuscht worden sind. Der generalisierte Zweifel ist schon deshalb kein Vademecum für unsere epistemische Gesundheit, weil wir auf dem schwanken Grund des grandiosen „dubito, ergo sum“ uns nicht lange aufrechthalten können.</p>
<p>Leichtgläubigkeit ist ebenso verderblich wie Zweifelsucht und obsessives Misstrauen. Wir haben ja gewiss in den Falten des Herzens versteckt, was Marcel Proust kunstvoll von der Zweifelsucht und dem Misstrauen des eifersüchtigen Liebhabers bis zur Schamlosigkeit und Beschämung enthüllt hat: Hat die Geliebte die bange Frage um ihr Ausbleiben mit den heißesten Küssen weggewischt, blüht sie in dem allzu üppigen Rot ihrer Wangen und Lippen wieder auf, die sich der Eifersüchtige nicht anders als erregt durch die Erinnerung an kürzliche Begegnungen erotischer Ausschweifung erklären zu können glaubt.</p>
<p>Wenn wir die Lebensform des anderen durch systematischen Zweifel bis auf die innerste Faser zu entblößen vermeinen, vergiften wir nicht nur den Humus, auf dem wir im satten Grün einverträglicher Kommunikation uns betten können, sondern zerrütten auch unsere eigene Existenz: Denn wer warst du, dass du ihr geglaubt hast und ihr bezauberndes Lächeln mit deinen zärtlichen Regungen beantwortet hast, wenn du jetzt nicht nur an ihrer Treue, sondern auch an der Berechtigung und Echtheit deiner Gefühle zweifelst?</p>
<p>Solche Anfälle des großen Weltzweifels zerstieben wie Träume, und wir gehen wieder erfrischten Sinnes den Weg unseres Tags. Sollte sich im fernen Dunst die Aussicht verunklaren, tun wir nicht gut daran, uns an die köstlich genauen Gestalten der nahen Gegenwart zu halten?</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen III</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-iii/</link>
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		<pubDate>Sun, 07 Sep 2014 18:07:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Intentionale Zustände: Glauben]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (1) Wir können sagen, dass wir von dem und durch das leben, was wir glauben. Wer von einer schweren Psychose heimgesucht glaubt, dass die anderen Menschen ihm feindlich gesonnen sind, wird seines Lebens nicht mehr froh, und wer glaubt, die ihm dargebotene Nahrung sei vergiftet, wird nicht mehr lange leben. Du schaust [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-iii/">Kleine philosophische Lektionen III</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (1)<br />
</em><br />
Wir können sagen, dass wir von dem und durch das leben, was wir glauben. Wer von einer schweren Psychose heimgesucht glaubt, dass die anderen Menschen ihm feindlich gesonnen sind, wird seines Lebens nicht mehr froh, und wer glaubt, die ihm dargebotene Nahrung sei vergiftet, wird nicht mehr lange leben.</p>
<p>Du schaust aus dem Fenster und hüllst dich in dein Regencape. Du hast gesehen, dass es regnet und bist aufgrund dieser Wahrnehmung zu der Überzeugung gelangt, dass es regnet. Weil es nun tatsächlich regnet – ich kann es bezeugen –, bist du zu der wahren Überzeugung gelangt, dass es regnet.</p>
<p>Ich glaube aufgrund deines Verhaltens, dass du die Überzeugung hast, dass es regnet. Ich glaube demnach, dass du glaubst, es regne.</p>
<p>Wir nennen mentale Zustände, die auf ein Objekt oder einen Sachverhalt Bezug nehmen, intentionale Zustände und die korrespondierenden Objekte oder Sachverhalte intentionale Objekte oder intentionale Sachverhalte. Wenn du glaubst, es regne, ist dein Akt des Glaubens ein intentionaler Zustand und der Sachverhalt, dass es regnet, der intentionale Sachverhalt, auf den sich deine Annahme bezieht.</p>
<p>Wie gesagt, kann ich und jeder beliebige andere sich mittels seiner intentionalen Zustände auf deine intentionalen Zustände beziehen. Ich könnte beispielsweise befürchten, dass du annimmst, ich sei ein unzuverlässiger Mensch. Oder ich könnte hoffen, dass du nicht annimmst, ich sei ein unzuverlässiger Mensch. Oder ich könnte vermuten, dass du eher annimmst, ich sei ein zuverlässiger Mensch, als dass du annimmst, ich sei es nicht.</p>
<p>Es gibt viele mentale Zustände, mittels derer wir uns auf Objekte und Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beziehen. Wir erinnern uns an die letzte Geburtstagsfeier, sind vom Anblick eines Gemäldes bezaubert, sehnen uns nach dem Wiedersehen mit einem geliebten Menschen.</p>
<p>Wie viele mentale Zustände dieser Art mag es geben? Vielleicht so viele, wie wir mittels einfacher Sprechakte zum Ausdruck bringen können, Sprechakte, die den Inhalt des intentionalen Zustands in einem Verb explizit machen und dem Ausdruck für den Sachverhalt oder das Ereignis in der Oratio obliqua, der indirekten Rede, voranstellen: „Ich glaube, hoffe, wünsche, fürchte, dass p“.</p>
<p>Mit dem Anspruch des Wissens behaupten wir das Bestehen oder die Wahrheit des in der indirekten Rede ausgedrückten Sachverhalts. „Ich weiß, dass Wasser H<sub>2</sub>O ist“ ist eine wahrer Satz, denn der ausgedrückte Sachverhalt, dass Wasser H<sub>2</sub>O ist, ist wahr. Immer wenn der in der indirekten Rede ausgedrückte Sachverhalt existiert, können wir davon ausgehen, dass der im Hauptsatz erhobene Wissensanspruch zurecht besteht.</p>
<p>Dies gilt nicht für die intentionalen Zustände des Glaubens, denn ich kann jederzeit etwas annehmen, was nicht besteht. Ich kann glauben, Wasser bestehe aus XYZ, während es in Wahrheit aus H<sub>2</sub>O besteht. Der Inhalt des Glaubens, der geglaubte Sachverhalt, ist hier kein Inhalt des Wissens, denn er ist falsch. Auch wenn ich felsenfest davon überzeugt bin, dass Wasser XYZ oder der Mond aus Käse besteht, werden diese meine Überzeugungen unwahr bleiben – denn die hier relevanten Wahrheiten sind unabhängig von meiner Meinung.</p>
<p>Wenn alle über Nacht zur Überzeugung gelangt wären, dass die Euroscheine und -münzen in ihrem Portemonnaie oder die Euros auf ihren Konten kein echtes Geld, sondern Falschgeld sind, würde die Währung zusammenbrechen, denn keiner würde Falschgeld vom anderen annehmen wollen. Die Annahme nach dem Zusammenbruch der Währung, dieser Euroschein sei kein Geld, wäre wahr. Daraus schließen wir: Glaubensüberzeugungen über institutionelle Sachverhalte konstituieren die Wahrheit der in ihnen ausgedrückten Sachverhalte. Diese bestehen nicht unabhängig von unseren Meinungen über sie.</p>
<p>Demgemäß existiert das Rechtsinstitut der Ehe und Familie auf der Basis einer Mehrheit der Mitglieder einer Gemeinschaft, die bei der Eheschließung bereit sind, sich einem das Paar bindenden und verpflichtenden Treuegelöbnis und Vermählungsritual zu unterziehen. Solange der das Eheinstitut konstituierende Sprechakt unter Zeugen „Ja, ich will“ unter der Mehrheit der Gemeinschaft Usus bleibt, besteht das Institut. Wenn nicht, dann nicht mehr lange.</p>
<p>Alle unsere Annahmen sind durch die logischen Junktoren „und“ und „oder“ und den Negator „nicht“ verknüpft. Diese logischen Verknüpfungen sollten ein sinnvolles Ganzes bilden, das einigermaßen standfeste und regendichte Gebäude oder Korpus unserer Annahmen über die Welt. Wir können nicht gleichzeitig glauben, dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist und dass es keine Stadt des Namens Berlin gibt. Wir sind demnach darauf verwiesen, zwischen den logischen Verbindungen unserer Glaubenssätze Ordnung zu halten. Unser oberstes Ordnungsprinzip heißt Konsistenz. Es gebietet, dass wir von zwei sich widersprechenden Sätzen einen aus dem Korpus unserer Annahmen verbannen oder einen falschen Satz durch Negation wahr machen müssen: von den genannten Sätzen also den Satz über die Nichtexistenz Berlins.</p>
<p>Wir müssen im Kern unseres logisch-semantischen Systems gewisse Annahmen als unverbrüchlich zugrundelegen, während wir unsere Überzeugungen, je mehr wir an seine Ränder gelangen, wie die Kleider zu wechseln imstande sind. So stoße ich am Systemgrund auf den Felsen des Glaubens, dass ich es bin, der jetzt hier dieses schreibt. Oder dass ich durch die Negation eines falschen Satzes einen wahren erhalte. Aber die Annahme, dass der Morgen graue, wenn ich in der Nacht von einem Vogelzwitschern erwacht bin, während ich in Wahrheit das Zwitschern geträumt habe, kann ich, ohne dass im Korpus meiner Überzeugungen gleich alles drunter und drüber geht, ebenso problemlos verwerfen wie die scheinbar gewichtigere Überzeugung, die Menschheit werde sich, wie sie sich im Maße der Zunahme an Konsistenz ihrer allgemeinen Annahmen und Überzeugungen logisch zu vervollkommnen scheint, im Maße der Zunahme an Konsistenz ihrer ethischen Annahmen und Überzeugungen auch moralisch vervollkommnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen II</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-ii/</link>
		<comments>http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-ii/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2014 14:46:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Ironie]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche Hierarchie Offenbarung]]></category>
		<category><![CDATA[Metapher]]></category>
		<category><![CDATA[Offenbarung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Unwahre, doch sinnvolle Aussage: Metapher „Dir ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen!“ „Er hat sich eine Natter am Busen gezüchtet.“ Diese Sätze und Sätze dieser Art sind falsch, aber werden doch sinnvoll verwendet. Denn es ist natürlich im wörtlichen Sinne falsch und ganz und gar nicht wahr, dass jemandem ohne weiteres eine Laus [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-ii/">Kleine philosophische Lektionen II</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Unwahre, doch sinnvolle Aussage: Metapher</em></p>
<p>„Dir ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen!“<br />
„Er hat sich eine Natter am Busen gezüchtet.“</p>
<p>Diese Sätze und Sätze dieser Art sind falsch, aber werden doch sinnvoll verwendet. Denn es ist natürlich im wörtlichen Sinne falsch und ganz und gar nicht wahr, dass jemandem ohne weiteres eine Laus über die Leber läuft oder sich einer eine Natter im Jackett hält.</p>
<p>Mit unserer rhetorischen Technik, solche im wörtlichen Sinne falschen Sätze zu bilden, machen wir in der geeigneten Situation auf prägnante Weise sinnvolle Mitteilungen. Wir kennen die sprachliche Technik unter dem Begriff Metaphorik. Metaphern dienen vor allem in der lyrischen Dichtung dazu, Bilder für Begriffe oder Begriffe eines kategorialen Bereichs für Begriffe eines anderen kategorialen Bereichs einzusetzen und dadurch die Stelle mit einer eigentümlichen Stimmung oder Gefühlsfarbe zu beleuchten.</p>
<p>Eine Laus ist uns ein kleines Ekeltier, und wenn wir es in der Vorstellung über jemandes Leber laufen lassen, schwingt neben leiser Verachtung auch ein gewisses Maß an Hohn über die Unverhältnismäßigkeit der Zurschaustellung eines finsteren Gesichts bei hellem Sonnenscheine mit.</p>
<p>Metaphern sind ein mächtiges Instrument unserer Verständigung im Alltag. Sie kürzen die Dinge ab, bringen die Sache auf den Punkt, insinuieren mit dem Gran notwendiger Information die angemessene Einstellung und Perspektive. Wir müssen in der geeigneten Situation unser Gegenüber nicht vorwarnen oder einstimmen, indem wir etwa äußern: „Achtung, jetzt kommt eine Metapher!“ oder „Das war nur metaphorisch gemeint“, so wenig wie wir umständlich erklären müssen: „Das war natürlich ironisch gemeint“, wenn wir voraussetzen dürfen, dass unser Gesprächspartner nicht auf den Kopf gefallen ist.</p>
<p>Wie wir durch Anheben der Sprachmelodie dem Hörer unsere Absicht kundtun, ihm eine Frage zu stellen, erklären wir ihm mit der Verwendung sprachlicher Bilder die Absicht, dem Gesagten unseren emotionalen Kommentar zu verpassen, einen mentalen Purzelbaum zu schlagen oder ironisch verstanden werden zu wollen.</p>
<p>Wir müssen unseren Gebrauch von Metaphern nicht ankündigen oder erklären, weil wir voraussetzen dürfen, dass er sich von selbst versteht. Eben darum, weil er die normale Satzverwendung, bei der wir uns auf die Wahrheit der Mitteilung von vertrauenswürdigen Augen- und Ohrenzeugen verlassen, mittels offensichtlich falscher Aussagen durchbricht. Wenn der Hörer vernimmt, dass sich sein Freund eine Natter am Busen herangezüchtet hat, weiß er gleich, um welche besondere Art von Schlange es sich dabei handelt – es ist die Freundin des Armen, die sich schmarotzend bei ihm eingenistet hat und ihn mittels erotisch vergiftender Küsse und Bisse um den Verstand – und den Rest seiner Barschaft bringt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Unwahre, doch sinnvolle Aussage: Ironie</em></p>
<p>(Er ruft hinter seiner Tochter her, die kurzentschlossen zu Gucci abbiegt:) „Geld spielt keine Rolle!“<br />
(Wird im Gewühle barsch in die Rippen gestoßen, ohne dass sich der Übeltäter zu entschuldigen für notwendig hält:) „Angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen!“</p>
<p>Bei ironischen Bemerkungen setzen wir voraus, dass der Angesprochene die Wahrheit des Gegenteils der Äußerung annimmt: Dem Töchterlein muss klar sein, dass die finanzielle Lage im Moment angespannt ist, und dem Trampeltier, dass diese Art der Kontaktnahme nichts weniger als angenehm ist. Diese Übereinstimmung im Hintergrundwissen gehört bekanntlich zu den Griceschen Implikaturen.</p>
<p>Die ironische Umkehrung des wahren Sachverhalts dient der Degradierung des Delinquenten und Bloßgestellten mit der falschen Unterstellung, er wisse es wohl nicht besser; und sie dient der Erhöhung des Ironikers, der sich nicht von seinen Gefühlen mitreißen lässt („Sie Trampeltier!“), sondern sich als lächelnder Souverän des Alltags erweist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Unwahre, doch sinnvolle Aussage: Offenbarung</em></p>
<p>„Du bist Petrus der Fels, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen.“<br />
„Der Herr ist mein Stock und mein Stab, mir wird nichts mangeln.“</p>
<p>Gewiss heißt es das Gegenteil des Wahren annehmen, wenn man annimmt, dass eine Person ein Fels oder ein Stock sein kann. Aber will der Satz einfach sagen: Petrus ist wie ein Fels in der Brandung, standhaft und unerschütterlich?</p>
<p>Es ist doch sonnenklar, dass Petrus als schwacher Mensch das Gegenteil eines Felsen ist, sondern sich als schwankes Rohr im Wind, ja als Verleugner und Verräter des Herrn erweist.</p>
<p>Dass die Kirche dank der sie heiligenden Einsetzung und ihrer Hierarchie trotz all der in sie getauften Gimpel, Stümper, Sünder und Missetäter durch die Geschichte hindurch unerschütterlich auf ihrem Felsen verbleibe und in der Hand Gottes ruhe, das ist kein als plausibel zu schluckender Satz, sondern nur dem als Gewissheit zumutbar, der sich selbst auf dem Felsen Petri sicher ruhend oder in Gottes Hand geborgen weiß.</p>
<p>Es ist doch ebenfalls sonnenklar, dass es uns als schwachen, kreatürlichen Wesen immer an irgendetwas mangeln wird – gieren wir gerade einmal nicht nach realen Happen, schnuppern oder seufzen wir schon an imaginären Blumen. Ob du nun hungrig, durstig, fuchsig oder schlapp bist, an Mangelgefühlen ist kein Mangel. Und am Ende des Tags kommt es dir gerade noch so über die gähnenden Lippen: „Eigentlich war es ganz schön heute, aber irgendetwas fehlte, ich weiß nicht was!“</p>
<p>Der Psalmist weiß also um einen Zustand des Erlöstseins inmitten des kreatürlichen Mangel-Wesens und des natürlichen Unerlöstseins. Wir können getrost von der uns unverdient und also gnadenhaft zugesprochenen und zugemessenen Geborgenheit in Gottes Hand sprechen.</p>
<p>Der Unerhörtheit ihres Anspruchs wegen können wir die messianische Botschaft nicht in wahre Sätze hüllen, sondern müssen den Umweg über unwahre Sätze nehmen, die mit ihren einfachen Metaphern uns gleichsam seitenverkehrt aus dem Spiegel der Wahrheit anschauen oder besser den mit der Wahrheit berühren, der zu glauben willens ist. Und zu glauben willens ist, wer auf Gnade hin schon glaubt.</p>
<p>Das Bild von Stock und Stab stammt aus der alten, uns versunkenen Welt der biblischen Nomaden, als welche die Patriarchen auf den Spuren der Offenbarung wanderten. Gewiss, der Hirt müht sich um seine Schafe, aber er wird müde, er träumt vor sich hin, er wird am Ende gleichgültig gegen sich und was ihm anvertraut ward. Von dem Erlöser erfahren wir, dass er um des einen verlorenen Schafes willen die Herde verlässt und es zu suchen nicht ablässt, bis er es gefunden hat. Wir wissen uns ohne Hirt und Hut im Dunkel der Welt wandeln und in das letzte Dunkel gehen: Wer ein Licht in diesem Dunkel zu sehen vermöchte, sieht er nicht den Hirten?</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen I</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen/</link>
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		<pubDate>Sat, 30 Aug 2014 11:15:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[sinnvoll und sinnlos]]></category>
		<category><![CDATA[wahr und falsch]]></category>
		<category><![CDATA[wahrscheinlich und wahr]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>1. Sinnvoll – sinnlos, wahr – falsch Sätze wie: „Die Sonne strahlt Wärme ab.“ „Pferde sind Säugetiere.“ „3 ist eine Primzahl.“ sind sowohl sinnvoll als auch wahr. Sätze wie: „Auf der Sonne schneit es.“ „Pferde sind Nagetiere.“ „4 ist eine Primzahl.“ sind sowohl sinnvoll als auch falsch. Dagegen sind Sätze wie: „Die Sonne ist wahnsinnig.“ [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen/">Kleine philosophische Lektionen I</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>1. Sinnvoll – sinnlos, wahr – falsch<br />
</em><br />
Sätze wie:<br />
„Die Sonne strahlt Wärme ab.“<br />
„Pferde sind Säugetiere.“<br />
„3 ist eine Primzahl.“<br />
sind sowohl sinnvoll als auch wahr.</p>
<p>Sätze wie:<br />
„Auf der Sonne schneit es.“<br />
„Pferde sind Nagetiere.“<br />
„4 ist eine Primzahl.“<br />
sind sowohl sinnvoll als auch falsch.</p>
<p>Dagegen sind Sätze wie:<br />
„Die Sonne ist wahnsinnig.“<br />
„Pferde sind Edelsteine.“<br />
„Die Primzahl 3 ist ein siamesischer Zwilling.“<br />
einfach sinnlos und können deshalb weder wahr noch falsch sein.</p>
<p>Der letzte Satz ist eine Konjunktion aus einem sinnvollen wahren Satz: „3 ist eine Primzahl“ und einem sinnlosen Satz: „Die Zahl 3 ist ein siamesischer Zwilling“ Wenn du jetzt noch den ersten Teilsatz in einen falschen umwandelst, indem du sagst: „4 ist eine Primzahl“, wie könnte dann aus dem ganzen Satz und also aus doppelt gemoppeltem Unsinn etwas Wahres und Richtiges werden?</p>
<p>Sinnvoll sind Sätze, die Prädikatsausdrücke einem Subjektausdruck zuordnen, die zu dessen kategorialem Umfeld gehören. So ist Wärme eine Eigenschaft des solaren Seins, Säugetierhaftigkeit eine Eigenschaft des Pferdseins und Prim eine Eigenschaft der Zahl 3. Auch falsche Zuordnungen sind möglich und ergeben sinnvolle, wenn auch falsche Aussagen, wenn sie im selben kategorialen Feld vorgenommen werden. Die einfachste Art, falsche, wenn auch kategorial mögliche Zuordnungen zu erzeugen, erhält man durch Negation der wahren kategorialen Zuordnung: „Die Sonne strahlt keine Wärme ab“, „Pferde sind keine Säugetiere“ oder „3 ist keine Primzahl“.</p>
<p>Wenn wir mittels einer kleinen logischen Operation wie der Negation einen wahren Satz in einen falschen oder einen falschen in einen wahren Satz umformen können, wissen wir, dass es sich beides Mal um einen sinnvollen Satz handelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2. Wahrscheinlich – wahr<br />
</em><br />
Wenn du in einem Haufen falscher Perlen, auf den immer mehr falsche Perlen geschüttet werden, die eine echte Perle finden willst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, mit der Anzahl der hinzugekommenen Perlen. Sie wird aber nie null, denn die eine echte Perle bleibt ja vorhanden.</p>
<p>Wenn durch einen chemischen Zusatz die falschen Perlen nach und nach aufgelöst würden, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, die echte Perle zu finden, mit der Anzahl der aufgelösten falschen Perlen. Sie würde genau 1, wenn alle falschen Perlen aufgelöst wären und vor deinen Augen die einzig echte Perle übrig bliebe.</p>
<p>So könnte man auch dem Begriff des Wahren mal auf andere Weise, vom Begriff des Wahrscheinlichen her, auf die Schliche kommen, wenn man sagt: Wenn die Wahrscheinlichkeit, das Falsche zu erwischen, auf null sinkt, hast du das Wahre gefunden &#8211; falls es denn vorhanden war.</p>
<p>Wenn unter drei Schachteln eine Perle versteckt ist, erwischst du sie spätestens, wenn du dreimal nachgeschaut hast. Wenn zwei, dann zweimal, wenn drei, dann sofort. Die Wahrscheinlichkeit ist demnach beim ersten Fall 1/3, beim zweiten 1/2, mein dritten 3/3, sprich 1. Wenn du von den drei Schachteln, unter denen eine Perle liegt, eine leere aufgedeckt hast, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Aufdecken die Perle zu finden, von 1/3 auf 1/2, und wenn nochmals die leere Schachtel aufgedeckt wurde, von 1/2 auf 1, denn dann hast du sie zu 100 %. Es gibt hier keine Geheimnisse, es sei denn böse Taschenspieler sind am Werke oder – fiese Zirkuslogiker bluffen.</p>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten VI</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-vi/</link>
		<comments>http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-vi/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 11 Apr 2014 16:56:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gedanke an sich]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstsein]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstwissen]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektivität]]></category>
		<category><![CDATA[Urgedanke]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Soll ich einen Gedanken oder Begriff seiner Bedeutung und Relevanz wegen hervorheben und an den Beginn all meiner philosophischen Überlegungen stellen? Ja, den Gedanken an dich selbst, den Urgedanken. Der Gedanke an dich oder mich oder sich ist der Urgedanke, der alle deine oder meine oder seine sonstigen Gedanken begleitet, triviale oder erhabene, moralische oder [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-vi/">Philosophische Fragen und Antworten VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Soll ich einen Gedanken oder Begriff seiner Bedeutung und Relevanz wegen hervorheben und an den Beginn all meiner philosophischen Überlegungen stellen?<br />
</i><br />
Ja, den Gedanken an dich selbst, den Urgedanken.</p>
<p>Der Gedanke an dich oder mich oder sich ist der Urgedanke, der alle deine oder meine oder seine sonstigen Gedanken begleitet, triviale oder erhabene, moralische oder unmoralische, wahre oder falsche wie der Mond die Erde oder die Erde die Sonne. Du kannst nicht denken, ohne gleichzeitig mehr oder weniger deutlich an dich selbst zu denken.</p>
<p>Du stößt immer wieder auf den Gedanken an dich, wenn du bemerkst, dass all dein Erleben um den Kern deines Ich wie in den alten Atommodellen die Elektronen um den Atomkern kreisen. Du stößt immer wieder auf den Gedanke an dich, wenn du bemerkst, dass du niemand anderen, und sei er dir noch so nahe, in die gleichsam intime Beziehung zwischen dir und deinem Gedanken an dich hineinlassen kannst, ebenso wenig wie es dir vergönnt ist, jemals in den Selbstbezug des anderen, und sei er dir noch so nahe, einzudringen.</p>
<p>Wenn du an dich denkst, bist du da. Du kannst nicht fehlgehen und ängstlich vermuten, du könntest, wenn du an dich denkst, versehentlich jemand anderen meinen. Du weißt nicht, woher der Gedanke an dich rührt, aus welchem Horizont er aufstieg ­– wenn der Gedanke an dich da ist, bist du da.</p>
<p>Der Gedanke an dich selbst, dein Wissen darum, hier und jetzt da zu sein, ist kein kognitiver Universalschlüssel, der dir die Türen zu allen möglichen Welten des Wissens aufschlösse. Der Gedanke an dich selbst schützt dich nicht davor, in vielem anderen fehlzugehen und nicht klar zu sehen. Der Gedanke an dich schützt dich zum Beispiel nicht davor, heute zu meinen, du habest mich gestern gesehen, und dabei war es in Wahrheit vorgestern, dass wir uns begegnet sind. Der Gedanke an dich impliziert demnach weder eine vollständige Selbstgegenwart oder Selbstpräsenz – die für schwache Wesen wie unsereins schlechterdings unerreichbar bleibt ­– noch setzt er sie voraus, wie einige angenommen haben (Jacques Derrida).</p>
<p>Der Gedanke, dass der Mond der Erdtrabant ist oder dass du mich gestern getroffen hast, ist von ganz anderer Struktur und hat eine ganz andere logische Form als der Gedanke an dich, der Urgedanke. Du könntest dich in Bezug auf die Wahrheit der Aussage, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist, irren (wenn sich beispielsweise herausstellt, dass in einem ansonsten identischen Paralleluniversum die Erde nicht von einem, sondern von zwei Planeten begleitet wird); und du könntest dich wie gesehen natürlich in Bezug auf die Wahrheit der Aussage irren, dass du mich gestern getroffen hast – während diese Art des kognitiven Fehlgehens hinsichtlich des Gedankens an dich oder des Gedankens an dein Dasein ausgeschlossen ist.</p>
<p>Es ist bekanntlich gleichgültig in Bezug auf die Existenz äußerer Gegenstände der Wahrnehmung wie Planeten oder theoretischer Entitäten wie Quarks, ob du an sie denkst oder nicht an sie denkst – doch in Bezug auf deine eigene Existenz geht es schlicht ums Ganze: Denkst du an dich oder denkst du nicht an dich, bist du da oder existierst du nicht.</p>
<p>Hörst du auf, an dich zu denken oder wieder an dich denken zu können wie im Schlaf oder einer vorübergehenden Ohnmacht, existierst du nicht mehr. Hier gilt die Gleichung: esse est cogitari, Denken ist Sein.</p>
<p>Wenn du dein Wissen von der Existenz des Mondes einbüßen solltest, was schert es ihn, er mondet friedlich weiter. Solltest du allerdings dein Wissen um dein Dasein einbüßen, hätte dies fatale Folgen für dein Leben.</p>
<p>„Wissen um sich“ hat eine andere Struktur und logische Form als „Wissen, dass p“. Beim Wissen um sich ist dem Wissenden der Inhalt seines Wissens unmittelbar gegeben: Du musst den Gedanken an dich nicht rechtfertigen, in dem du auf andere Tatsachen der Wahrnehmung hinweist, aus denen er abgeleitet werden könnte. Weil der Gedanke an dich nicht die Form des Gedankens an etwas hat, ist er nicht einmal eigentlich eine Form des Wissens – kann Wissen doch immer in Frage gestellt, revidiert oder verworfen werden. Das Wissen von der Existenz des Mondes als dem Erdtrabanten kann als Wissen davon beschrieben werden, dass es unter allen Entitäten nur eine einzige gibt, die die Eigenschaft aufweist in einer elliptischen Flugbahn den Sonnenplaneten Erde in unserem Sonnensystem der Milchstraße zu umkreisen. Der Gedanke an dich duldet keine Form einer solchen Erklärung und Rechtfertigung: Entweder ist der Gedanke da oder er ist nicht da – er ist gegeben oder nicht gegeben.</p>
<p>Wir fassen den Gedanken an die kontingente Tatsache in den Blick, dass die Sonne von acht Planeten umkreist wird, und belegen die Kontingenz dieser Tatsache mit der Möglichkeit des Gedankens, dass es in der kosmischen Entwicklung des Sonnensystems nicht zur Entstehung unseres Heimatplaneten gekommen wäre.</p>
<p>Der Gedanke an dich ist nicht ein Gedanke an eine kontingente Tatsache. Es gibt keine Möglichkeit eines Gedankens derart, dass du in einer möglichen Welt existiertest, ohne den Gedanken an dich zu haben. Denn wenn dieser Gedanke, in welcher Welt auch immer, ausbliebe, existiertest du nicht. Folglich sind der Gedanke an dich und die Tatsache deiner Existenz in einer notwendigen Beziehung miteinander verknüpft.</p>
<p>Du bist nicht in der Lage, gleichzeitig an dich zu denken und deine Existenz in Frage zu stellen. Versuche es! Du bleibst gleichsam an dir – an dem Gedanken an dich – hängen. Die Notwendigkeit der Beziehung des Gedankens an dich und der Tatsache deiner Existenz erweist sich auch in der logischen Folgerung eines Widerspruchs, wenn du diese Beziehung negierst. Versuche es, versuche an dich zu denken und gleichzeitig diesen Gedanken an dich mit dem Gedanken deiner Nichtexistenz zu verknüpfen – du bleibst im Widerspruch hängen – und der Widerspruch ist das eindeutige Indiz dafür, dass der Gedanke falsch und sein Gegenteil wahr ist.</p>
<p>Der Gedanke an dich, der Urgedanke, ist kein Fundamentalgedanke und der Begriff des Ich oder Selbst, der Urbegriff, ist kein Fundamentalbegriff.</p>
<p>Urbegriffe sind Begriffe oder Konzepte, die das gesamte Netzwerk all unserer sonstigen Begriffe und Konzepte gleichsam durchwalten und regulieren oder in einem sachgemäßen Bild: Urbegriffe sind die Knoten, die das gesamte Netzwerk unserer sonstigen Begriffe zusammenhalten, verdichten und verknüpfen.</p>
<p>Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffe sind Gedanken und Begriffe, aus denen andere Gedanken und Begriffe abgeleitet, zusammengesetzt und begründet werden können. Aus dem Begriff der Menge kann ich den Zahlbegriff ableiten: Der Begriff der Menge ist im Verhältnis zum Begriff der Zahl fundamental.</p>
<p>Urgedanken und Urbegriffe sind nicht wie Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffe begriffliche Atome, aus denen wie Wörter aus Buchstaben, Sätze aus Wörtern, Stoffe aus chemischen Elementen alle sonstigen Gedanken und Begriffe abgeleitet und zusammengesetzt werden könnten. Insbesondere ist der Gedanke an dich, der Urgedanke des Ich und Selbst, nicht der eigentliche, aber latente Inhalt aller sonstigen Gedanken, den eine überschwängliche Metaphysik durch alle Phasen der begrifflichen und historischen Entwicklung aufzuspüren und aufzudecken hätte (Hegel).</p>
<p>Urgedanken wie der Gedanke an dich und Urbegriffe wie der Begriff des Ich können nicht aus tieferliegenden Gedanken und Begriffen oder Strukturen, aus Fundamentalgedanken und Fundamentalbegriffen, abgeleitet, begründet und erklärt werden. Der Urbegriff des Ich kann nicht mithilfe des Fundamentalbegriffs der sprachlichen Semantik, des sprachlichen Indikators für die erste Person singularis oder dem Personalpronomen der ersten Person „ich“ abgeleitet, begründet und erklärt werden.</p>
<p>Einem Automaten, der haargenau so aussähe wie du und kein Bewusstsein hätte und daher nicht wüsste, dass er er, das heißt, das er ein Ich ist, könnten verschmitzte Techniker einen Algorithmus zur korrekten Verwendung des sprachlichen Indikators oder des Personalpronomens der ersten Person singularis „ich“ einprogrammieren, so dass er oder „du“ im gegebenen Fall, wenn ich ihn und „dich“ nach seinem und „deinem“ Befinden fragte, er und „du“ korrekt antworten könnten „Mir geht es gut“. Allerdings wüssten er und „du“ nicht, was er und „du“ meinten, wenn er und „du“ diese wohlgebildete Antwort gäben, geschweige denn, dass er und „du“ wüssten, dass er und „du“ mit „mir“ sich selbst und „dich“ selbst meinten.</p>
<p>Daraus folgern wir, dass die korrekte Verwendung des Personalpronomens der ersten Person singularis und das Erlenen dieser korrekten Verwendung die Existenz des Gedankens an dich oder die Identität der Person voraussetzen und nicht begründen oder konstituieren können. Wenn du nicht bereits über den Gedanken an dich verfügtest, worauf solltest du den sprachlichen Indikator denn anwenden?</p>
<p>Dies gilt auch für die sprachlichen Indikatoren „hier“ und „jetzt“: Sie setzen den Gedanken an dich oder die Identität der Person voraus. Nur in Hinsicht auf den Gedanken an dich ist es sinnvoll zu sagen, dass du dich jetzt hier an diesem Ort aufhältst. Und weil die variable Situation die Bedeutung der Indexwörter „hier“ und „jetzt“ variiert, müssen wir die Identität dessen, der sie anwendet, voraussetzen oder voraussetzen, dass sich der Gedanke an dich in der Zeit und unabhängig von der Umgebung kontinuiert oder als derselbe festgehalten wird.</p>
<p>Wenn die Beziehung zwischen dem Gedanken an dich und der Tatsache deiner wirklichen Existenz der Struktur und logischen Form nach eine notwendige Beziehung darstellt, folgt daraus wie gezeigt,  dass sie keine kontingente oder zufällige Beziehung sein kann. Wenn der Gedanke an dich, der Urgedanke, keine kontingente Tatsache meint, dann auch keine natürliche oder historische Tatsache, denn alle Tatsachen, Vorkommnisse und Ereignisse der natürlichen Welt und der Geschichte hätten auch ausbleiben oder anders ausfallen können. Wenn wir ausschließen, dass der Gedanke an dich sich nicht allmählich entwickelt hat – er ist wie auf einen Schlag da oder er ist nicht da –, kann er folglich nicht mit den Kriterien des Erklärungsschemas der darwinistischen Evolution erklärt werden. Wenn der Gedanke an dich kein Resultat historisch kontingenter Entwicklungen darstellt, dann insbesondere auch nicht das Resultat einer spezifisch europäischen oder patriarchalischen oder kapitalistischen Entwicklung von Mächten der Disziplinierung und Unterwerfung unter ein historisches Subjekt (Michel Foucault).</p>
<p>Der Gedanke an dich oder die Tatsache deiner Existenz sagt nichts darüber aus, wer oder was du bist. Die vom Gedanken an dich gleichsam ausgeleuchtete Welt, in der du lebst, die subjektive Welt deines Daseins, ist dir im und über das Medium deines Körpers gegeben. Du bist im Gedanken an dich nicht nur überhaupt da, sondern immer auch irgendwie da: Du befindest dich in einem situierten Erlebnishorizont körperlich bedingter Gefühle und Stimmungen, die dir die Welt, die subjektive Welt deines Lebens und Erlebens, erschließen.</p>
<p>Du erlebst deinen Körper und alle durch ihn übermittelten Erlebnisse und mentalen Inhalten deiner Empfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen im Lichte des Gedankens an dich, auch wenn du dich anders als beim Gedanken an dich über die Inhalte deiner Empfindungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen täuschen und irren kannst.</p>
<p>Durch den Gedanken an dich und die in seinem Lichte ausgeleuchteten Dimensionen deines Erlebens erschließt du dir eine Welt des Sinns, nicht eine Welt bewusstloser Körper und bewusstloser körperlicher Ereignisse, die den Gedanken an sich von sich ausschließen. Insofern grenzt es ans Absurde, wenn Neurowissenschaftler und von ihnen irregeleite Philosophen sich unterfangen, mittels wissenschaftlicher Verfahren, wie der bildgebenden Verfahren der Neurologie, den Gedanken an sich oder das Selbstwissen aus den Strukturen und Ereignissen im neuronalen Cortex ableiten und erklären zu wollen. Gehört es doch geradezu zum Sinn und Ethos naturwissenschaftlicher Methodik, Informationen zu ermitteln, die dadurch zustande kommen, dass sie vom Gedanken an sich und von allen subjektiven Perspektiven losgelöst sind.</p>
<p>Du hast gelernt, „ich“ zu sagen, aber du hast nicht gelernt, den Gedanken an dich zu haben, und nicht gelernt, ein Ich zu sein. Bei dem, was du gelernt hast, wie Rechnen, kann ich dich auf einen Fehler oder die Lösungsmöglichkeit einer Gleichung aufmerksam machen. Auf den Gedanken an dich, darauf, dass du da bist, kann ich dich nicht aufmerksam machen – als wärest du jetzt gerade nicht bei dir und wenn ich dich freundlicherweise auf die Tatsache deiner Existenz stieße, ginge dir das Licht des Gedankens an dich auf.</p>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten V</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-v/</link>
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		<pubDate>Fri, 28 Mar 2014 17:48:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Unterschied Mensch Tier Philosophie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.luxautumnalis.de/?p=3459</guid>
		<description><![CDATA[<p>Wenn die Entwicklung des Menschen als natürlicher Spezies durch die darwinistischen Erklärungsprinzipien von Mutation und Selektion erklärt werden kann, der Mensch aber das sprachliche Lebewesen par excellence ist, kann dann nicht auch die Entwicklung der Sprache als Produkt der natürlichen Evolution erklärt werden? Nein. Die Sprache kann nicht wie etwa die Entwicklung von Organen und [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-v/">Philosophische Fragen und Antworten V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Wenn die Entwicklung des Menschen als natürlicher Spezies durch die darwinistischen Erklärungsprinzipien von Mutation und Selektion erklärt werden kann, der Mensch aber das sprachliche Lebewesen par excellence ist, kann dann nicht auch die Entwicklung der Sprache als Produkt der natürlichen Evolution erklärt werden?<br />
</i><br />
Nein. Die Sprache kann nicht wie etwa die Entwicklung von Organen und Organsystemen von Flügeln, Armen, Krallen, Schnäbeln, Augen oder Gehirnen auf der Grundlage der darwinistischen Prinzipien von Mutation und Selektion erklärt werden. Die Selektion greift immer an zufälligen Mutanten an und diese sind zufällige individuelle Vorkommnissen an individuellen Organismen. So mag eine Genmutation das Längenwachstum von rudimentären Flügeln oder Armen oder Beinen oder Hälsen begünstigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass das im Sinne des Überlebensvorteils begünstigte Individuum hinfort seine Gene weitergibt, ist größer als die Wahrscheinlichkeit der Vermehrung der  weniger begünstigten Individuen. Die Sprache ist ein auf konventionellen Regeln beruhendes kollektives System der Kommunikation zwischen Individuen: Sie kann sich demzufolge nicht als Mutation an einem solcherart bevorteilten Individuum durchsetzen.</p>
<p>Die Sprache setzt sich gleichsam wie die Existenz des Lebens selbst voraus: Konventionen bei der Verwendung von Zeichen festzulegen ist ein Vorgang innerhalb der Sprache. Weil Sprache demzufolge nicht nur die syntaktische Reihung von Zeichen, sondern auch die mehr oder weniger vage, provisorische oder exakte Festlegung der Bedeutung von Zeichen voraussetzt, ist sie nicht mit tierischen Signalsystemen vergleichbar, die freilich auf der Basis darwinistischer Evolution erklärbar sind.</p>
<p>Kein Einzelorganismus könnte sich des Privilegs, sprechen zu können, erfreuen: Sprechen setzt eine Gemeinschaft der Sprechenden und also Sprachbegabten voraus. Mehr noch: Sprechen heißt Überzeugungen zu haben und sie mitzuteilen. Überzeugungen aber kannst nicht du als einzelnes Individuum haben und mitteilen. Überzeugungen zu haben ist nicht dasselbe wie natürliche oder künstliche Objekte mit den Sinnesorganen wahrzunehmen. Überzeugungen zu haben ist überhaupt keine Form der Wahrnehmung, sondern der Identifikation und prädikativen Bestimmung intentionaler Objekte. Was für die Sprache im Allgemeinen, gilt für Überzeugungen und intentionale Gegenstände im Besonderen: Sie sind Momente eines logisch-semantischen Raums von gemeinschaftlich aufeinander abgestimmter Meinungen. Falls du der Meinung bist, dass dort ein Einhorn stehe, musst du unterstellen, dass es andere gibt, die deine Meinung teilen – oder auch bestreiten können.</p>
<p>Weil die semantische Einheit der Sprache der Satz ist und Sätze bilden gleichzeitig und gleichsinnig damit ist, eine Überzeugung oder eine Annahme oder eine Meinung zu bilden, bist du mit der Sprache gleichsam auf einen Schlag in das logische Universum des Wahren und Falschen versetzt worden. Das Wahre ist keinesfalls das Wahrgenommene: Dieses gehört allerdings in den Erklärungshorizont, der von den darwinistischen Prinzipien der Erklärung von natürlicher Entwicklung ausgeschöpft wird. Das Wahre ist nicht das Wahrgenommene heißt: Du bist mit der Sprache frei oder die schöpferische Macht der Sprache zeigt sich darin, auch das Nicht-Wahre zum intentionalen Gegenstand deines Meinens machen zu können. So kannst du annehmen, es gebe Einhörner oder der Erdtrabant, den du jetzt siehst, sei nicht der Mond, sondern der andere namens Selene. Auch hier gilt: Falls du der Meinung bist, dass dort ein Einhorn stehe oder dort der Erdtrabant namens Selene aufgegangen sei, musst du unterstellen, dass es andere gibt, die deine Meinung teilen – oder auch bestreiten können.</p>
<p>Das Leben selbst kann nicht durch die darwinistischen Methoden der Erklärung von natürlicher Evolution erklärt werden: Die evolutiven Mechanismen von Mutation und Selektion greifen am existierenden lebenden Organismus an – sie setzen seine Existenz voraus. Diese Logik gilt mutatis mutandis auch für die Existenz der Sprache als syntaktisch-semantischen Systems der Konstruktion von Überzeugungen und der Äußerung von diversen Sprechhandlungen.</p>
<p>Die Sprache ist keine emergente Eigenschaft der Hirnentwicklung zu größerer intellektueller Kapazität. Die Entwicklung intelligenter Wahrnehmungs- und Orientierungssysteme kann nicht, wie allenthalben unterstellt, den Unterschied zwischen Mensch und Tier markieren: Tiere haben Wahrnehmungs- und Orientierungssysteme mit subtileren und feinkörnigeren Rastern als die menschlichen Wahrnehmungs- und Orientierungssysteme entwickelt. Die natürliche Evolution intelligenter Systeme verläuft ganz den darwinistischen Erklärungsprinzipien gemäß in Graden und quantitativen Abstufungen. Die Sprache aber ist keine neue Form der Intelligenz, sondern ein qualitativ neues System des Verstehens von Bedeutungen und des Teilens von Überzeugungen.</p>
<p>Die Wissenschaft und also auch die Evolutionsbiologie ist eine methodisch und erfahrungsmäßig kontrollierte Aktivität des Erwerbs von Wissen, die sich als menschliches Handlungssystem neben vielen anderen Handlungssystemen innerhalb des logisch-semantischen Raums oder Felds von Sprache und Bewusstsein abspielt und das begriffliche Netz von Überzeugungen mit seinen Knotenpunkten elementarer oder primitiver Wesensbegriffe wie Bedeutung, Intentionalität, Person, Identität, logischer Folgerungsbeziehung und von manchen anderen voraussetzt. Die Wissenschaft kann nicht erklären, was sie voraussetzt oder impliziert. Deshalb kann auch die Evolutionsbiologie nicht erklären, was sie voraussetzt und impliziert: zum Beispiel die Sprache.</p>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten IV</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 18:50:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bewusstsein]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn]]></category>
		<category><![CDATA[Ich]]></category>
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		<category><![CDATA[Selbst]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Warum ist das Ich, das Selbst oder Selbstbewusstsein keine Illusion? Was spricht dagegen, dass es eine bloße Fiktion oder Illusion sein könnte? Illusionen sind beispielsweise Sinnestäuschungen: Du siehst aufgrund der unterschiedlichen Dichtegrade von Wasser und Luft den geraden Strohhalm so im Glas stecken, als wäre er geknickt. Fiktionen sind erdichtete Entitäten wie das Einhorn, denen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-iv/">Philosophische Fragen und Antworten IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Warum ist das Ich, das Selbst oder Selbstbewusstsein keine Illusion? Was spricht dagegen, dass es eine bloße Fiktion oder Illusion sein könnte?<br />
</i><br />
Illusionen sind beispielsweise Sinnestäuschungen: Du siehst aufgrund der unterschiedlichen Dichtegrade von Wasser und Luft den geraden Strohhalm so im Glas stecken, als wäre er geknickt. Fiktionen sind erdichtete Entitäten wie das Einhorn, denen wir Faktizität absprechen. Illusionen und Fiktionen sind wie alle Vorstellungen und Ideen mentale Inhalte, die derjenige hat, der sie eben hat – du oder ich. Weil Illusionen oder Fiktionen stets jemandes Illusionen oder Fiktionen sind, kann die Existenz desjenigen, der die Sinnestäuschung des geknickten Strohhalms hat oder die Fiktion des im Mythenland grasenden Einhorns für bare Münze nimmt, nicht selbst illusorisch oder fiktiv sein.</p>
<p>Wenn du in einer Welt lebtest, in der alles, was du erlebst, einschließlich der Wahrnehmung deiner eigenen Erlebnisse und dessen, der sie erlebt, Illusionen wären, wie wäre dann ein Unterschied zu dieser unserer Welt auszumachen, in der wir davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall ist, indem wir den Inhalt unserer Erlebnisse, einschließlich unserer Selbst-Wahrnehmung, als intentionale Gegenstände von Behauptungen ansehen, die wahr oder falsch sein können? Wenn du deinen Sätzen den intentionalen Charakter benimmst, fällt der Unterschied zwischen dem Gegenstand, auf den du deine Aussage beziehst, und der Wahrnehmung des Gegenstandes weg. Dann aber musst du konsequent den Weg ins Absurde weitergehen und mit der Einsicht klarkommen, dass, wenn alle Erlebnisse auf Illusionen beruhen und keines einen wirklichen Gegenstand betrifft, der Unterschied zwischen Illusion und Nicht-Illusion seinerseits zusammenbricht. Wo bist du da hingeraten?</p>
<p>Wenn alles durch die illusorische Brille eines illusorischen Ich angesehen würde, machte das nicht den geringsten Unterschied, alles bliebe so, wie es ist. Vergleiche diesen Fall mit der sprachskeptischen Annahme, die wirkliche Bedeutung unserer Wörter und Sätze bleibe uns verborgen, sei opak, es könne sein, dass alle Wörter eine andere Bedeutung haben als die, von der wir annehmen, dass sie sie haben. Na und, möchte man sagen, wen scherte es: Das machte keinen Unterschied, wir könnten die sprachliche Verständigung problemlos aufrechterhalten. Kurz und gut: Behauptungen, die zu den bestehenden als wahr anerkannten Aussagen hinzutreten, aber keine inferenziellen Verbindungen (logische Folgerungsbeziehungen) zu dem Korpus der bestehenden Aussagen unterhalten, können wir getrost wieder streichen.</p>
<p>Ein von niemandem empfundener Schmerz tut nicht weh.</p>
<p>Es gibt keine Schmerzen an sich. Schmerzen können nicht wie Wolken oder Treibgut gleichsam eigentumslos an uns vorüberziehen. Schmerzen haben eine interne oder notwendige Verbindung zu der Person, die sie empfindet. Dies gilt für alle Empfindungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Wünsche, Absichten und Überzeugungen – also offensichtlich für alle mentalen Vorkommnisse, die einen intentionalen Gegenstand haben. Neuronale Netze und Maschinen, die sie simulieren, haben keine intentionalen Gegenstände, sie können die in ihnen ablaufenden Prozesse nicht verbalisieren und in Sätzen ausdrücken, die sie als Behauptungen mit dem Vorsatz „Ich glaube, ich meine, ich denke, dass p“ versehen. Sollte eine Maschine so programmiert sein, dass sie einen Bericht über ihre momentanen Prozess-Zustände ausgeben kann, werden diese nur den Teil p der vollständigen personenbezogenen Äußerung „Ich glaube, meine, denke, dass p“ enthalten, denn es gibt keine interne Relation zwischen einem maschinellen Ablauf und einem seiner selbst bewussten Zentrum einer Maschine.</p>
<p>Wir leben in einer Welt, in der unsere Erlebnisse in interner Relation zu denjenigen sich befinden, die diese Erlebnisse haben, zu uns. Ein Erlebnis, das nicht gleichsam auf einen Ich-Pol hin gravitiert, ist kein Erlebnis, sondern ein neutrales Geschehnis wie das Fallen des Apfels vom Baum, unter dem einst Newton saß. Wir können Sätze über Erlebnisse nicht umformen in Sätze über Geschehnisse und etwa sagen: Wie dort das Fallen eines Apfels vom Baum stattfindet, so hier das Schmerzen eines etwas.</p>
<p>Wenn du vorgibst, an deiner Existenz zu zweifeln, kannst du dir selbst als demjenigen, der zweifelt, nicht entkommen.</p>
<p>Wer vorgibt, an der Existenz des Ich radikal zu zweifeln, indes bei Tisch nicht sagt „Bitte, gib niemandem das Wasser!“, zweifelt nicht wirklich oder stellt durch die Praxis unter Beweis, dass radikale Zweifel dieser Art in Unsinn und Paradoxien münden.</p>
<p>Wenn du DEINE Überzeugung, dass alle ichbezogenen Überzeugungen (und es gibt keine anderen) und demnach auch die Überzeugung von der Existenz deines Ich falsch sind, muss auch die Überzeugung, dass alle ich-bezogenen Überzeugungen und die Überzeugung von der Nicht-Existenz des Ich falsch sein. Also ist das Gegenteil wahr, einschließlich der Überzeugung von der Existenz des Ich.</p>
<p>Du könntest sagen: „Das Leben ist ein Traum.“ Dann wäre auch diese Äußerung ein Teil deines Traums. Würdest du von jemandem – aber von wem? – gefragt, welchen Sinn der Satz „Das Leben ist ein Traum“ in deinem Traum habe, wüsstest du nichts weiter zu sagen, denn auch die Bedeutung dieses Satzes wäre eine erträumte Bedeutung. Der vollständig analysierte Satz aber hat die logische Form: Es gibt etwas, so dass dieses etwas die Eigenschaften hat, Inhalt eines Traumes zu sein. Trauminhalte indes definieren wir dergestalt, dass wir ihnen eo ipso die reale Existenz absprechen. Wir stoßen auf einen logischen Widerspruch, der den Satz als sinnlos erweist.</p>
<p>Wären die Sätze „Ich träume mein Leben“ und „Auch ich, der mein Leben träumt, bin ein Teil dieses Traumes“ wahr, implizierten sie, dass alle von dem Traum-Ich geäußerten Sätze wahr wären, denn wie könnte ein in einem Traum geäußerter Satz falsifiziert werden. Somit würde der Unterschied zwischen wahren und falschen Behauptungen hinfällig. Alle in diesem Kontext geäußerten Sätze würden sinnlos und also auch die Sätze „Ich träume mein Leben“ und „Auch ich, der mein Leben träumt, bin ein Teil dieses Traumes“.</p>
<p>Auch Folgendes bewegt sich auf dieser gedanklichen Linie: Wenn du behauptest: „Ich träume mein Leben“ und „Auch ich, der mein Leben träumt, bin ein Teil dieses Traumes“, wer könnte kommen und dir entgegenhalten: „Das Leben ist kein Traum“? Wenn die Möglichkeit der Negation eines Satzes a priori ausgeschlossen ist, ist auch die Position dieses Satzes zunichte, denn ein Unterschied zwischen wahren und falschen Sätzen könnte in absentia negationis nicht mehr ausgemacht werden. Sätze, die nicht verneint werden können, sind nur scheinbar Sätze. Also ist das Leben kein Traum, und derjenige, dem der Traum-Satz zugeschrieben wird, existiert wirklich.</p>
<p>Wer großspurig daherkommt mit der Behauptung, er zweifle an allem, muss mit der Nase darauf gestoßen werden, dass er bitte schön dann auch daran zu zweifeln beginnen möge, dass er an allem zweifle.</p>
<p>Diese reductio ad absurdum der radikalen Skepsis weist darauf hin, dass der Sprechakt des Zweifelns nicht kontextfrei geäußert werden kann: Zweifel zu äußern ist nur in einer bestimmten Handlungs- und Sprechumgebung sinnvoll: Du begegnest einem alten Bekannten, augenscheinlich kreideblass und fröstelnd, der von sich behauptet, er komme gerade von einem längeren Ferienaufenthalt auf den Malediven zurück. Du würdest dir rechtens sagen: „Das möchte ich bezweifeln, einer, der sich längere Zeit in einem Südseeparadies aufgehalten hat, sieht nicht <i>so</i> aus.“</p>
<p>Eine Behauptung in Zweifel zu ziehen, bedarf eines oder mehrerer Gründe. Grundlos den Zweifel  immer weiter bis ins Bodenlose treiben zu wollen, gleicht dem entnervenden Warum-Fragen kleiner Kinder. Alles in einem Atemzug bezweifeln zu wollen, sogar die Existenz des Zweifelnden, ist das närrische Spiel von Leuten, die sich entweder wichtig machen oder verrückt spielen wollen oder verrückt sind.</p>
<p>Eine große Torheit besteht darin zu glauben, wir könnten die Bedeutung von Begriffen wie „Ich“, „Selbst“ oder „Bewusstsein“ erfassen oder erklären, indem wir die Vorgänge im Gehirn untersuchen und analysieren. Aber das mit den Begriffen „Ich“, „Selbst“ und „Bewusstsein“ Gemeinte sind keine Objekte in der Welt des physikalischen Raums, die der wissenschaftlichen Analyse zugänglich wären. Die genannten Begriffe sind Muster und Koordinaten im logisch-semantischen Raum, die sich selbst voraussetzen oder wichtige begriffliche Knotenpunkte im Gewebe unserer Überzeugungen darstellen. Es ist vertane Liebesmühe, das Gespenst des Ich im neuronalen Betrieb des Gehirns aufscheuchen zu wollen. Es ist eine andere Form eleganten Unsinns, nach dem Erweis der Nicht-Identifizierbarkeit des Ich oder des Bewusstseins mittels kausaler Analyse von neuronalen Prozessen im Gehirn zu erklären, die Annahme eines Ich sei niemandes Illusion, jemand zu sein.</p>
<p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-iv/">Philosophische Fragen und Antworten IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten III</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Mar 2014 18:30:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Unterschied Tier Mensch Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wie kann man den Tier-Mensch-Unterschied bestimmen und erklären? Nur Menschen verfügen über die negative Exzellenz, verrückt oder wahnsinnig werden zu können. Tiere dagegen, weil sie nicht den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein mit uns teilen, können nicht in unserem Sinne verrückt werden. Sie sind weder vernünftig noch vernunftlos. Tiere können nicht glauben, dass sie [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-iii/">Philosophische Fragen und Antworten III</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Wie kann man den Tier-Mensch-Unterschied bestimmen und erklären?<br />
</i><br />
Nur Menschen verfügen über die negative Exzellenz, verrückt oder wahnsinnig werden zu können. Tiere dagegen, weil sie nicht den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein mit uns teilen, können nicht in unserem Sinne verrückt werden. Sie sind weder vernünftig noch vernunftlos.</p>
<p>Tiere können nicht glauben, dass sie jemand anderes als in Wirklichkeit sind, denn  sie sind in Wirklichkeit niemand, das heißt keine ihrer selbst bewussten Personen.</p>
<p>Du kannst deinen Hund Knuffi nennen, aber dein Hund versteht nicht, was es heißt, dass du einen Namen hast, geschweige denn, dass er einen haben könnte. Leute, die von sich behaupten, ihr Name sei in Wahrheit ein anderer Name als der, der in ihrem Personalausweis steht, zum Beispiel Zarathustra oder Jesus, nennen wir verrückt. Verrücktheit und Wahnsinn in diesem Sinne ist nur im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein eine Möglichkeit, mental in die Irre zu gehen. Ein Hund hört zwar auf den Laut „Knuffi“, wenn du ihn rufst, weil er darauf konditioniert ist, bei dieser Lautfolge zu dir zu laufen, denn dann gibt es ein Leckerli oder du spielst mit ihm. Aber dein Hund weiß nicht, dass dies sein Name ist. Er kommt nicht nur nicht auf die Idee, er heiße Knuffi, sondern a fortiori nicht auf die noch ausgefallenere Idee, er heiße in Wahrheit nicht so, wie alle ihn nennen, nämlich Knuffi, sondern Pluto, weil er von sich glaubt, er sei eine Inkarnation des mythischen Höllenhundes.</p>
<p>Wenn einer aus Trägheit, Nachlässigkeit oder bösem Willen sein Versprechen nicht einlöst, nennen wir den Menschen rechtens faul, unzuverlässig, treulos. Wenn aber einer scheinbar ein Versprechen mit einem Ja-Wort, einem Handschlag oder einem Kopfnicken gegeben hat und das Versprochene nicht deshalb nicht einlöst, weil er aus Faulheit, Unzuverlässigkeit oder Böswilligkeit sein Versprechen bricht, sondern auf den Vorwurf „Warum hast du dein Versprechen nicht gehalten?“ zurückfragt „Versprechen, was ist das?“, wer also augenscheinlich die Bedeutung des Begriffs Versprechen nicht kennt, den nennen wir unter normalen Umständen bedeutungsblind oder verrückt oder geisteskrank.</p>
<p>Wir definieren diese Form der Geisteskrankheit mittels des Kriteriums der Bedeutungsblindheit. Bedeutungsblindheit ist uns wiederum das wesentliche Kriterium zur Bestimmung und Erklärung des Tier-Mensch-Unterschieds. Denn Tiere sind von Natur aus bedeutungsblind, Menschen nur krankheitsbedingt.</p>
<p>Wenn du der Bedeutung des Konzepts „Versprechen“ gewiss bist, zeigst du im Falle, dass du trotz ausdrücklicher Abmachung bei der wichtigen Besprechung unpünktlich warst oder zum verabredeten Zeitpunkt mir das ausgeliehene Buch nicht ausgehändigt hast, auf peinliches Nachfragen hin unmissverständliche Zeichen der Befangenheit, Verlegenheit oder Scham, kurz die typischen Symptome des schlechten Gewissens.</p>
<p>Wer aber, bedeutungsblind, den Sinn des Sprechaktes „Versprechen“ nicht versteht, wird, wenn er scheinbar ein Versprechen gemacht hat, es auch nur scheinbar, aber nicht wirklich einlösen. Würde er zum Beispiel das ausgeliehene Buch gerade am vereinbarten Tag vor dir auf den Tisch legen, wäre dies nicht die Einlösung des Versprechens, er hätte das Buch nur zufällig mit dabei und gar nicht die Absicht, es dir zurückzugeben. Der Bedeutungsblinde kann ja ein Versprechen nicht einlösen, weil er die Bedeutung der Handlung, jemandem etwas durch Rückgabe einer Sache einzulösen, nicht kennt. Wenn er nicht tut, was er scheinbar versprochen hat, dann deshalb, weil er sich nicht verpflichtet fühlt, das scheinbar Versprochene einzulösen. Er fühlt sich aber nicht deshalb nicht verpflichtet, weil er genau diese dich oder mich betreffende Verpflichtung aus Groll oder Böswilligkeit in den Wind schlüge, sondern weil er sich, bedeutungsblind, in Bezug auf den Begriff der Verpflichtung durchaus für niemanden und in keiner Angelegenheit je in die Pflicht genommen weiß.</p>
<p>Wer sich für niemanden und in keiner Angelegenheit je verpflichtet weiß, dem sind jedwede Anwandlungen von Befangenheit, Verlegenheit oder Scham fremd, die denjenigen heimsuchen, der um die Bedeutung der Begriffe Versprechen, Verpflichtung und Verantwortung weiß.</p>
<p>Man hat einmal dazu tendiert, Personen, die typisch menschliche Handlungs- und Denkmuster wie das Versprechen zu begreifen und mit Leben zu erfüllen unfähig sind, nicht nur den Status der vernünftigen Person zeitweilig oder auf Dauer abzusprechen, sondern sie mit vernunftlosen Tieren zu vergleichen oder gar mit vernunftlosen Tieren auf eine Stufe zu stellen, denen die Evolution die höheren Stufen kultureller Bildung zu betreten gleichsam verweigert habe, auf denen allererst die Bedeutung der genannten Begriffe oder schlicht die Bedeutung von Begriffen oder die Bedeutung von Bedeutung zur Evidenz gelange. Diese klassische Ansicht der Psychiatrie ist falsch.</p>
<p>Tiere sind keine Bewohner des logisch-semantischen Raums von Sprache und Bewusstsein – denn in diesem ist das soziale Leben an die Bedingung des Bedeutungsverstehens geknüpft. Wir verstehen die Konvention, mit dem Auto auf der rechten Seite der Fahrbahn zu fahren. Wir lesen das Schild vor dem Kreisel, das besagt: „Achtung: Rechtsverkehr!“  Zugvögel haben eine komplizierte Sensorik, die sie tausende von Kilometern zu ihren Brutgebieten navigiert. Sie können nicht anders, als ihrem instinktiven Verhaltensprogramm zu gehorchen. Wir können auch die Regelung einführen, mit dem Auto auf der linken Seite der Fahrbahn zu fahren. Wir können kurz und bündig definieren: „Vernunft ist die Tugend der sozialen Konvention“, und diese geht den Tieren ab.</p>
<p>Wir können aus Mutwillen, kriminellen oder anderen irrationalen Antrieben soziale Konventionen und Normen übertreten und das Auto als Aggressionsmittel oder Waffe benutzen. Wenn Zugvögel von ihrem festgelegten Kurs abweichen, dann nicht, weil sie sich eines anderen, Besseren oder Schlechteren, besonnen hätten, sondern weil ein Defekt in ihrem Navigationsorgan aufgetreten ist.</p>
<p>Tiere können sich nicht schämen und etwa, weil sie sich daneben benommen hätten, sich befangen fühlen und verlegen unter sich blicken. Deshalb ist es unsinnig, denjenigen, den wir bedeutungsblind nennen und dem wir gegebenenfalls den Status einer vernünftigen Person zeitweise oder auf Dauer absprechen, auf den Status einer animalischen Existenz gleichsam relegieren zu wollen. Wir verstehen unter der personalen Würde eben die wenn auch vergebliche oder vereitelte Hoffnung, einer Person, deren Leben sich in Bedeutungsblindheit dahinschleppt, einmal mit dem lumen naturale versehen im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein begrüßen oder wiederbegrüßen zu können.</p>
<p>Es liegt auf dieser Linie, wenn wir feststellen, dass Tiere, weil sie den Begriff der Scham nicht kennen, eo ipso und gerade deswegen nicht schamlos sein oder handeln können.</p>
<p>Es ist von hoher Relevanz, darauf hinzuweisen, dass die Fähigkeit des Bedeutungsverstehens und also die Unfähigkeit des Bedeutungsverstehens oder die Bedeutungsblindheit keine Funktionen der Intelligenz oder von intellektuellen Fähigkeiten darstellen. Der sogenannte Primitive, dessen intellektuelle Kapazität zu zählen die Zahlenmengen 1, 2, 3 und viele umfasst, lebt mit uns im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein, denn er verfügt über den Begriff der Zahl. In keiner Weise hält seine Dummheit den Dummen davon ab, sein Versprechen einzulösen und bei der selbstverschuldeten Nichteinlösung seines Versprechens die gehörige Portion Verlegenheit und Scham zu empfinden und zum Ausdruck zu bringen.</p>
<p>Wenn wir den Begriff der intellektuellen Fähigkeit auf die Wahrnehmungsfähigkeit ausdehnen, sehen wir Folgendes ein: Genauso wenig, wie wir Personen, die über ein besonders exzellentes Wahrnehmungsvermögen wie beispielsweise das absolute Gehör verfügen, eben dieser ihrer Exzellenz wegen loben, ebenso wenig werden wir Personen, die unter physischen Mängeln des Wahrnehmungsvermögens wie der Farbenblindheit oder unter mentalen Mängeln des Wahrnehmungsvermögens wie akustischen oder visuellen Halluzinationen leiden, eben dieser ihrer Mängel wegen tadeln oder als verrückt klassifizieren.</p>
<p>Nur in den Fällen, in denen beispielsweise Anomalien wie Psychosen zeitweilig oder auf Dauer mit einer das soziale Leben extrem einschränkenden Bedeutungsblindheit im beschriebenen Sinne einhergehen, sind wir berechtigt, die betroffenen Patienten zeitweilig oder auf Dauer als psychisch oder mental krank oder schlicht verrückt anzusehen. Aber auch in solch extremen Fällen halten wir die Tür für eine Rückkehr in den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein immer einen Spalt offen.</p>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten II</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Mar 2014 12:24:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[logisch-semantischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Unterschied Mensch Tier Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn ich zwei Zahlen addiere, muss ich das Verfahren oder die Regel der Addition schon kennen. Ist es mit dem Wissen oder Verstehen und dem Sprechen nicht ebenso? Ja. Wenn du etwas verstehen willst, musst du schon etwas anderes verstanden haben. Wenn du etwas sagen willst, musst du schon etwas anderes gesagt haben. Du erblickst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten-ii/">Philosophische Fragen und Antworten II</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Wenn ich zwei Zahlen addiere, muss ich das Verfahren oder die Regel der Addition schon kennen. Ist es mit dem Wissen oder Verstehen und dem Sprechen nicht ebenso?<br />
</i><br />
Ja. Wenn du etwas verstehen willst, musst du schon etwas anderes verstanden haben. Wenn du etwas sagen willst, musst du schon etwas anderes gesagt haben.</p>
<p>Du erblickst den Mond und weißt, dass es sich bei diesem planetarischen Objekt um den Erdtrabanten handelt. Du weißt dies auf Grund der Tatsache, dass du bereits verstanden hast, dass es nur einen einzigen Erdtrabanten gibt und dass dieser Erdtrabant der Mond ist. Wüsstest du nicht, dass der Mond der einzige Erdtrabant ist, könntest du angesichts des Mondes auch glauben, es sei ein Planet namens Selene II.</p>
<p>Wenn das Kleinkind „Mama“ ruft, wohnt es gleichsam schon im logischen Raum von Sprache und Bewusstsein: „Mama!“ ist eine Satz-Ellipse und kann folgendermaßen umgeformt werden: „Da ist ja Mama!“ oder „Dieses Stück der Raum-Zeit hat all die wesentlichen Eigenschaften, die ich mit Mama verbinde.“ „Von allem, was es gibt, hat nur dieses Stück der Raum-Zeit die wesentlichen Eigenschaften von Mama.“  „Wenn es etwas gibt, das nicht die wesentlichen Eigenschaften von Mama hat, ist dieses Stück der Raum-Zeit nicht Mama.“</p>
<p>Die Satz-Ellipse „Mama!“ setzt demnach die logisch-semantische Struktur der Sprache voraus, wonach ein Ausdruck dann sinnvoll gebraucht wird, wenn er als Argument einer semantischen Funktion wie „… ist Mama“ eingesetzt werden kann. Wir sehen, dass die Sprache gleichsam ab ovo die Strukturelemente der Quantifikation, Identität, Prädikation und Negation enthält. Denn es gibt mindestens ein Stück der Raum-Zeit x, so dass x Mama ist, und wenn es ein y gibt, das Mama ist, dann ist es identisch mit x. Wenn dieses Stück der Raum-Zeit Mama ist, ist jenes Stück der Raum-Zeit nicht Mama.</p>
<p>Wenn wir etwas verstehen und wissen oder aussagen, setzen wir einen wesentlichen Verstehenshorizont und einen Hintergrund sprachlichen und anderen Wissens voraus, nämlich die Strukturen des Verstehens, des Wissens und der Sprache. Wir bewegen uns in diesen Strukturen gleichsam im Kreise. Daher ist der Ausdruck „hermeneutischer Zirkel“, wie ihn Heidegger in „Sein und Zeit“ entwickelt hat, mit gewissen einschränkenden Bedingungen gut geeignet, die eigentümliche Form menschlichen Wissens und Sprechens zu explizieren.</p>
<p><i>Gibt es denn keinen Anfang des Wissens, Verstehens und Sprechens? In den Anfängen der Menschheit war das Wissen doch gering, und jetzt ist es ins Unüberschaubare gewachsen. Irgendwann haben die Menschen doch begonnen zu sprechen.</i></p>
<p>Wir können nur sagen: Die Vermehrung des Wissens und die Differenzierung des Sprechens fanden und finden im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein statt. Mit dem ersten noch so rudimentären Wissen, zum Beispiel, dass dieser Ort derselbe ist, an dem wir bereits gestern gewesen sind, und mit dem ersten rudimentären Sprechen, wie zum Beispiel der Aufforderung, mit uns zu kommen, sind das Wissen und Verstehen als logisch-epistemische Struktur und das Sprechen und die Sprache als logisch-semantische Struktur gleichsam wie eine Schöpfung aus dem Nichts vorhanden.</p>
<p><i>Können wir Wissen, Verstehen und  Sprechen nicht als Verhalten oder als Dispositionen zu Verhalten betrachten, deren evolutionäre Ursprünge und deren evolutionäre Geschichte wissenschaftlich erfasst werden können?</i></p>
<p>Soweit und insofern wir Bewohner des logisch-semantischen Raums von Sprache und Bewusstsein sind, sind wir keine Mitglieder einer Spezies, sei diese metaphysisch, ontologisch oder biologisch konzipiert. Dies ist zugleich der Grund unserer Freiheit und der Verpflichtung, für unser Handeln, soweit es nicht irrationalen Antrieben entspringt, Verantwortung zu übernehmen.</p>
<p>Wir nehmen heute fälschlicherweise an, die Existenzform des Menschen lasse sich vollständig wissenschaftlich durchdringen und erklären, wenn wir Menschen als Mitglieder der tierischen Spezies Homo Sapiens definieren und die Einzelanalysen den Biologen, Neurowissenschaftlern, Kognitionspsychologen und Soziologen überlassen. Dabei übersehen wir zumindest, dass das Projekt der Wissenschaft eine Form der Weltaneignung innerhalb des logisch-semantischen Raums unserer Sprache und unseres Bewusstseins darstellt. Die Wissenschaft ist ein Teil dieses Raums und dieser logisch-semantischen Dimension, sie kann sie nicht umfassen oder begründen oder erklären.</p>
<p>Wissenschaftlich können in der Tat Verhalten und Verhaltensdispositionen beobachtet und aus allgemeinen Gesetzen abgeleitet werden. Wenn du deine Hand an der Flamme des Feuerzeugs verletzt hast, zurückzuckst und dabei „Aua!“ ausrufst, kann ich diese Verhaltensweise aus dem allgemeinen Gesetz ableiten, dass Organismen mit einem ausgebildeten sensomotorischen System dazu disponiert sind, bei der Überschreitung einer kritischen Empfindungsschwelle Schmerz zu empfinden und mit einer unwillkürlichen Bewegung zu reagieren, mit der sie vom Ort der Gefahrenquelle zurückweichen. Außerdem kann ihre sensomotorische Reaktion von einer verbalen Verlautbarung begleitet werden, deren Bedeutung als Ausdruck von Schmerzen verstanden werden kann.</p>
<p>Welche Bedeutung aber ist dies? Du würdest spontan dazu neigen, den Ausruf „Aua!“ mit dem Satz „Ich habe Schmerzen!“ wiederzugeben. Aber der Gebrauch von Indikatoren wie des Pronomens der ersten Person ist in der objektiven Sprache der Wissenschaft nicht zulässig und muss ausgeschlossen werden. Wir können dem Satz eine objektive und damit verifizierbare Bedeutung verleihen, indem wir ihn in den Satz umformen: „Individuum P hat zum Zeitpunkt t<sub>1</sub> am Ort l<sub>1 </sub>Schmerzen“ oder kurz „Er hat Schmerzen.“</p>
<p>Wir müssen demnach für die Möglichkeit der wissenschaftlichen Analyse voraussetzen, dass wir die Bedeutung des Satzes „Ich habe Schmerzen“ durch sprachliche Umformungsregeln mit der Bedeutung des Satzes „Er hat Schmerzen“ gleichsetzen können. Offensichtlich ist uns diese Möglichkeit aber in diesem und ähnlichen Fällen benommen, in denen sich die sprachliche Bedeutung auf Inhalte des sogenannten phänomenalen Bewusstseins bezieht, denn die beiden Sätze haben verschiedene Bedeutungen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass wir uns fragen oder vermuten oder glauben können, dass jener Schmerzen hat, der in dem Satz gemeint ist „Er hat Schmerzen“. Es ist aber Unsinn, wenn ich mich fragen oder vermuten oder glauben wollte, dass ich Schmerzen habe. Wenn ich mich fragte: „Habe ich Schmerzen?“, bewiese ich damit mein Nichtwissen von der logischen Form des Satzes „Ich habe Schmerzen“, fragte ich mich „Hat er Schmerzen?“, erfüllte sich der Sinn des Satzes mittels der Beobachtung des Verhaltens desjenigen, dem wir Schmerzen zu haben unterstellen.</p>
<p>Das Dasein und die logisch-semantische Funktion der ersten Person oder die Tatsache des Bewusstseins legt die feine, aber unaustilgbare Trennlinie zwischen den Eigenschaften, Mitglied einer tierischen Spezies oder Bewohner des logisch-semantischen Raums von Sprache und Bewusstsein zu sein.</p>
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		<title>Philosophische Fragen und Antworten I</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Mar 2014 16:07:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[physisches Objekt]]></category>
		<category><![CDATA[psychischer Zustand]]></category>
		<category><![CDATA[psychophysischer Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Wert]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was ist der wesentliche Unterschied zwischen physischen Objekten und psychischen Zuständen (Erlebnissen)? Der wesentliche psychophysische Unterschied besteht darin, dass du einen Erlebnisinhalt hast, während du an etwas denkst, etwas empfindest, etwas fühlst oder etwas vorhast. Ein physisches Ding oder Gerät wie dein PC vor dir hat keinen psychischen Erlebnisinhalt, es kann deshalb nicht wie du [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-fragen-und-antworten/">Philosophische Fragen und Antworten I</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Was ist der wesentliche Unterschied zwischen physischen Objekten und psychischen Zuständen (Erlebnissen)?<br />
</i><br />
Der wesentliche psychophysische Unterschied besteht darin, dass du einen Erlebnisinhalt hast, während du an etwas denkst, etwas empfindest, etwas fühlst oder etwas vorhast. Ein physisches Ding oder Gerät wie dein PC vor dir hat keinen psychischen Erlebnisinhalt, es kann deshalb nicht wie du an die Kriegsverletzung deines Großvaters denken, ein zärtliches Gefühl bei der Umarmung deiner Freundin empfinden, vorhaben, im Bethmannpark den Chinesischen Garten zu besuchen, oder den Entschluss fassen, nach Italien zu verreisen.</p>
<p><i>Woran erkenne ich echte Inhalte von Erlebnissen und wie unterscheide ich sie anhand dieses Merkmals von Eigenschaften physischer Objekte?</i></p>
<p>Der Inhalt von Erlebnissen ist nichts, dem wir genötigt wären, Existenz zuzusprechen. Du erinnerst dich daran oder du denkst daran, wie wir uns gestern im Park begegnet sind. Aber gewiss ist das Erlebnis, sich an etwas zu erinnern, äquivalent dem Erlebnis, zu glauben, sich an etwas zu erinnern, das man in Wirklichkeit nicht erlebt hat. Dennoch behält auch das Nicht-Existierende den Erlebnisinhalt, den es für dich hat, wie hier den Inhalt deiner Erinnerung.</p>
<p>Das unterscheidet Erlebnisinhalte von den Eigenschaften physischer Objekte wie dem physischen Ereignis, dass wir uns gestern im Park begegnet sind. Die Begegnung steht in einem wesentlichen Bezug zum Charakter des Ereignisses. Wenn wir uns gestern im Park nicht begegnet wären, hätte das Ereignis eben nicht stattgefunden. Glaubst du indes, dich daran zu erinnern, dass wir uns gestern im Park begegnet sind, während wir uns in Wahrheit gestern im Park nicht begegnet sind, tut dies dem Charakter und dem Inhalt deines Erlebnisses keinen Abbruch.</p>
<p>Außerdem sind die Eigenschaften physischer Objekte wesentlich mit der Existenz dieser Objekte verbunden: Wenn Platon der Schüler des Sokrates und der Gründer der nach ihm benannten Akademie in Athen war, sind diese beiden Eigenschaften (neben sehr vielen anderen) wesentlich für den Inhaber dieser Eigenschaften, die Person Platon. Woraus folgt, dass Platon nicht dieselbe Person gewesen sein kann, die der Schüler des Sokrates und zugleich der Gründer der Akademie und der Stoa in Athen gewesen ist. Wenn du aber richtig annimmst, Platon sei der Schüler des Sokrates gewesen, indes fälschlich glaubst, er sei auch Gründer der Stoa in Athen gewesen, tut dies dem Charakter und Inhalt deines Glaubenserlebnisses keinen Abbruch.</p>
<p><i>Befinden sich meine Erlebnisse und ihre Inhalte, während ich sie habe und ihrer gewärtig bin, in meinem Kopf oder anders gesagt, sind sie Zustände und Vorgänge in meinem Gehirn?</i></p>
<p>Nein. Erlebnisse und ihre Inhalte haben keine räumlichen und zeitlichen Koordinaten. Im Gegensatz zu dem PC, vor dem du sitzt, befindet sich der PC als Inhalt des Gedankens, dass dein PC vor dir steht, an keinem Ort.</p>
<p>Wir ordnen Erlebnisse und ihre Inhalte Personen als ihren Inhabern zu, den Leuten, die sie haben; weil wir allerdings auf Personen mittels raumzeitlicher Koordinaten Bezug nehmen, wenn wir angeben, wo sich wer zu welcher Zeit aufhält, übertragen wir diese Angaben auch indirekt auf Erlebnisse und ihre Inhalte, denen sie aber direkt und in Wirklichkeit nicht zukommen.</p>
<p>Weil Zustände und Vorgänge im Gehirn physische Objekte sind, können sie eo ipso keine psychischen Inhalte haben und keine Erlebnisse sein. Wären psychische Inhalte wie physische Objekte räumlich und zeitlich ausgedehnt, könnte ich dich sinnvoll fragen, wie viel Zentimeter deine Vorstellung von dem PC hat, vor dem du sitzt, oder dich sinnvoll fragen, wie groß der PC ist oder wie lange der PC schon läuft, den du meinst, wenn du an die Tatsache denkst, dass dein PC so und so groß oder so und so lang in Betrieb ist. Der Gedanke an die Tatsache, dass dein PC so und so groß und so und so lange in Betrieb ist, ist nicht so und so groß und dauert nicht so und so lang, sondern hat überhaupt keine räumliche und zeitliche Ausdehnung .</p>
<p><i>Was ist, wenn ich sage: „Ich habe gestern im Park an dich gedacht?“ Dieser Gedanke scheint doch Ort und Zeit an sich zu haben?<br />
</i><br />
Das Haben des Gedankens ist nicht identisch mit der Tatsache des Gedankens – du hast den Gedanken freilich hier oder da, gestern oder heute. Aber der Gedanke ist per se nicht hier oder da und dauert nicht so und so lange.</p>
<p><i>Warum können Gedanken keine Eigenschaften physischer Objekte haben?<br />
</i><br />
Physische Objekte können Teil für Teil, Molekül für Molekül ausgetauscht und durch strukturgleiche Teile und Moleküle ersetzt werden. Das gilt a fortiori für den menschlichen Körper und das menschliche Gehirn, die in der Tat in einem beständigen Abbau und Umbau ihrer Zellen begriffen sind. Dein Gehirn, das vor 15 Jahren den Gedanken hervorbrachte „Wie schön ist doch der Frühlingsbeginn“, ist nicht dasselbe Gehirn, das heute denselben Gedanken hervorbringt. Der Gedanke hat keine Teile, die ausgetauscht und durch strukturgleiche Teile ersetzt werden könnten. Der Gedanke, den du damals in dem Satz ausgesprochen hast „Wie schön ist doch der Frühlingsbeginn“ ist genau derselbe Gedanke, den du heute mit demselben Satz aussprichst.</p>
<p><i>Sind nicht Lust, Vergnügen und Freude ebenso wie Unlust und Schmerz, die Haupttriebfedern menschlichen Wollens und Planens, Sehnens und Befürchtens, Handelns und Vermeidens, Eigenschaften physischer Objekte, nämlich von hormonellen und anderen Prozessen im menschlichen Organismus?<br />
</i><br />
Freude und Schmerz sind durch körperliche Ereignisse wie die Ausschüttung von Hormonen oder die Reizung von Nerven ausgelöste Empfindungen, die für uns einen unmittelbaren Wert annehmen, nämlich den Wert des Guten beziehungsweise den Wert des Schlechten. Die kausalen Auslöser der Empfindungen von Freude und Schmerz sind physische Objekte, Empfindungen aber sind psychische Zustände. Physische Objekte haben an sich keinen Wert und sind auch nicht in der Lage, sich selbst oder anderen physischen Objekten einen Wert zuzusprechen.</p>
<p>Wir bewerten Freude als gut oder positiv, Schmerz als schlecht oder negativ, alles, was wir weder als lustvoll noch schmerzvoll erleben, aber werten wir als neutral. Wobei zu beachten ist, dass das Gegenteil von gut und schlecht nicht schlecht und gut, sondern das Neutrum ist. Denn wenn du gerade keine Freude empfindest, heißt dies ja nicht, dass dich Schmerzen peinigen.</p>
<p>Diese elementaren Formen der Bewertung sind die Grundlage der Ethik: Die an mir selbst erlebte Freude als positiv zu gewichten ist moralisch dem Fall vorzuziehen, sie als neutral oder als schlecht zu bewerten. Die an dir erlebte Freude als gut zu gewichten ist moralisch dem Fall vorzuziehen, sie als neutral oder schlecht zu bewerten.</p>
<p>Zu fragen, woher das Schlechte rührt und welche Gründe es gibt, schlecht zu handeln, heißt daher genauer besehen zu fragen, was uns veranlasst, das Gute als schlecht und das Positive als negativ sowohl an uns selbst als insbesondere an anderen Menschen zu bewerten.</p>
<p>Das Gute positiv zu bewerten und danach zu handeln, nennen wir auch Liebe, und dies gilt sowohl für die recht verstandene Liebe zu uns selbst als auch für die Liebe zu den anderen. Das Schlechte als gut zu bewerten und danach zu handeln, nennen wir Hass oder Feindseligkeit.</p>
<p><i>(Fortsetzung folgt)</i></p>
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		<title>Logische Schneisen XX</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Feb 2014 17:21:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Gottvater]]></category>
		<category><![CDATA[heiliger Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
		<category><![CDATA[Sinn des Lebens]]></category>
		<category><![CDATA[verlorener Sohn]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn Gott die Person ist, die zu uns spricht, sind seine Mitteilungen Befehle oder Gebote mit dem Anspruch der Unbedingtheit, sind sie Anrufungen und Aufforderungen, gleichsam den Kopf aus dem Sand der Traurigkeit und Angst und der Verzagtheit und der Verzweiflung emporzuheben und in seine Richtung zu blicken, oder in die Richtung des Lichts der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xx/">Logische Schneisen XX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn Gott die Person ist, die zu uns spricht, sind seine Mitteilungen Befehle oder Gebote mit dem Anspruch der Unbedingtheit, sind sie Anrufungen und Aufforderungen, gleichsam den Kopf aus dem Sand der Traurigkeit und Angst und der Verzagtheit und der Verzweiflung emporzuheben und in seine Richtung zu blicken, oder in die Richtung des Lichts der Auferstehung oder sind sie Verheißungen einer intensiveren, heiligenden, beseligenden Kommunikation?</p>
<p>Wenn Gott die Person ist, die zu uns spricht und uns ansprechend in ein liebendes Streit-Gespräch oder streitendes Liebes-Gespräch aufnimmt oder hineinbirgt, wäre dies der Grund, weshalb wir als sprechend-sterbliche Wesen den logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein bewohnen. Auf diesen Grund können wir setzen und hoffen, soweit uns die Propheten nicht bloße Narren dünken oder soweit uns die frohe Botschaft mehr als ein tröstliches, aber ansonsten unverbindliches Symbol darstellt.</p>
<p>Gottes Anspruch an uns ist die Abbildung seines schöpferischen Spruchs, mit dem er uns als sprachliche Wesen aus der Nacht des Ungesagten hervorgezogen und gleichsam in den heller werdenden logischen Raum hineingestellt hat: besser zu sprechen, uns klarer auszudrücken, wahrhaftig und genau zu denken und zu reden.</p>
<p>Wenn Gott die Person ist, die zu uns aus der Stille und Fülle des vollkommenen, guten und schönen Daseins spricht, erwacht in uns die Sehnsucht, die Hoffnung, die Gewissheit, in die Stille und Fülle des vollkommenen, guten und schönen Daseins einzugehen.</p>
<p>Wir können und sollen Gott als die Person, die zu uns spricht und unter deren Zuruf wir gleichsam erwachen, nur im Bild des Menschen darstellen: in jenem Bild, das uns die edelsten Kräfte der patriarchalischen Kultur des Judentums und des antiken Christentums geschenkt haben – im Bild des Vaters.</p>
<p>Der Vater sorgt sich um seinen Sohn und seine Tochter, er will, dass sie nicht den Weg des Unheils und des Bösen wandeln, sondern unterwegs in den Lichtungen rasten, die seinen Frieden atmen. Der Vater nämlich hat mit gleichsam weiblicher Güte das Licht in die Welt menschlicher Irrwege ausgesandt.</p>
<p>Der Vater sorgt sich gerade um den begabten Sohn und die begabte Tochter, denn ihrer Begabung wegen sind sie den Versuchungen des Bösen besonders ausgesetzt: Das Gute zu tun, so du es denn tun willst, ist leicht wie das Atmen des Säuglings – das Böse bedarf der Finten und Listen, des Lugs und Trugs, der Raffinesse und des Scharfsinns, ja, die im Rachen des Leviathan stecken und toben und schreien, hält man vielleicht nicht zu Unrecht für Genies der bösen Lust und der bösen Tat. Es schmeichelt der Eitelkeit und kitzelt den Dünkel des hohlen Menschen, sich mit dem giftigen und sterilen und unfruchtbar machenden Dunst des Bösen aufzublähen.</p>
<p>Der Vater schickt dem verlorenen, weit in die Irre gegangenen Kind Boten, die ihm von den lauen Friedenslüften gleichsam erinnerungsgesättigten Aroms, der sanften Landschaft des edlen und gerechten Glücks und dem lauteren und ernsten Trost ärmlicher Blumen der Heimat und von dem Brechen ungesäuerten Brotes und dem Trinken gewöhnlichen Landweines in bescheidener Behausung berichten: Das Kind aber empören die schlichten, reinen, beinahe glanzlosen Worte des heiligen Geistes, es nimmt Anstoß an einem harmonischen Sinn, der seinem Dünkel und Größenwahn allzu niedrig, bieder und beschränkt zu sein scheint. In Trotz und Jähzorn schreit das Kind gegen die Boten des Vaters, Güte sei Dummheit in einer Welt scharfsinniger Überrumpelung und Liebe Impotenz zu eigener Machtvollkommenheit.</p>
<p>Das verlorene Kind haust in der Wüste der Sprache, in der die befruchtenden Wasser des frohen und hohen Geistes nicht fallen mögen und nicht einmal der Morgentau an den Lippen des Dürstenden schwebt – es wähnt sich aber üppig und strotzend und überaus fruchtbar in der Fata Morgana gedankenloser und überschwänglicher Phrasen.</p>
<p>Gewiss fühlt das kranke, verlorene Kind tief in sich den milden Vorwurf des gleichsam gekränkten und verzagten Vaters, der wie aus dem Grab des Herzens nur noch leise, gebrochen, leise und leiser werdend zu ihm spricht – und noch die letzten Seufzer des Vaters überschreit es mit seinem immer unartikulierter werdenden Geschrei.</p>
<p>Hat nicht der Vater aus dem unendlichen Willen zur Rettung des Kindes zuletzt sich in der heimlichen Gestalt eines Menschen selbst auf den Weg gemacht, das verlorene Kind heimzuholen? Und hat nicht die aus sich sprechende und aus sich strahlende Schönheit und die sich fraglos dahingebende Geduld und Liebe jenes Einzigen die ringsum verdunkelnde Hässlichkeit und sich selber aufzehrende und zerfressende Bosheit des undankbaren Kindes empört und zu Todeshass aufgepeitscht? So hat das Kind den Vater im letzten Boten zu töten gesucht.</p>
<p>Wenn Gott wie der Vater ist, der das Kind durch sprachliche und moralische Unterweisung gleichsam zur Höhe und Weisheit, Schlichtheit und Einfalt und Besonnenheit seiner Kultur zu erziehen und emporzuziehen trachtet, sind wir zur demütigen Freude ermutigt: Unser armes, dürftiges und allseits angefochtenes Leben hienieden ist im logisch-semantischen Raum von Sprache und Bewusstsein zu Wahrnehmungen und Erfüllungen eines Sinnes erwacht, den wir getrost voraussetzen dürfen und den nicht selbst erfunden oder erschaffen zu haben uns nicht erniedrigt, sondern befreit.</p>
<p>Der Geist des Vaters oder der heilige Geist scheint von erlesener und geradezu humoriger Heiterkeit (immerhin ist er angesichts all der Torheiten, Albernheiten und grausamen Spiele seiner Kinder nicht versauert und verbittert): So verlangt er dir nichts Geringeres ab, als dich selbst zu lieben und einigermaßen glücklich oder zufrieden, indes nicht selbstzufrieden zu sein (wie schwer dies auch sein mag), als Voraussetzung dafür, Verantwortung tragen und diejenigen glücklich oder glücklicher oder etwas weniger unglücklich machen zu können, die dir lieb sind (denn die Unglücklichen und mehr noch die Unzufriedenen machen zu guter Letzt alle anderen ringsum unglücklich und unzufrieden und scheuen, allzu sehr in sich selbst verkrampft oder wollüstig oder wahnhaft ihrem Elend hingegeben, davor zurück, sich den kleinen und großen Verantwortungen und Verpflichtungen oder den noch so geringen, aber dich oder mich rettenden freundlichen Gesten zu öffnen).</p>
<p>Wenn Gott zu uns spricht, verstehen wir seinen Anspruch und Zuspruch wie den Anspruch und Zuspruch des Vaters an seine mit ihm streitenden und hadernden Kinder: den väterlichen Anspruch auf die Verzinsung des mitgegebenen, geliehenen Kapitals an Intelligenz, Empfindsamkeit und Mut in guten Taten – den väterlichen Zuspruch aber finden und geben wir wieder in den Zeichen der Zuwendung, die wie die ausgestreckte Hand, die empfindsame Träne, das spiegelnde Auge dich und mich erheben, nähren, versöhnen.</p>
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		<title>Logische Schneisen XIX</title>
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		<pubDate>Sun, 23 Feb 2014 12:33:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutungserlebnis]]></category>
		<category><![CDATA[Bewusstsein]]></category>
		<category><![CDATA[Neagation]]></category>
		<category><![CDATA[Personbegriff]]></category>
		<category><![CDATA[Sprecher]]></category>
		<category><![CDATA[Verstehen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Person ist derjenige, der spricht – der Sprecher einer natürlichen Sprache, aber auch der Schreiber und Leser der mittels der natürlichen Sprache konstruierten künstlichen Idiome wie der logischen oder mathematischen Kalküle. Sprecher teilen einander mit, was sie für mitteilungswert und bedeutsam halten. Die Bedeutung der Mitteilung, mit der ich dich bitte, unser Treffen um einen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xix/">Logische Schneisen XIX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Person ist derjenige, der spricht – der Sprecher einer natürlichen Sprache, aber auch der Schreiber und Leser der mittels der natürlichen Sprache konstruierten künstlichen Idiome wie der logischen oder mathematischen Kalküle.</p>
<p>Sprecher teilen einander mit, was sie für mitteilungswert und bedeutsam halten. Die Bedeutung der Mitteilung, mit der ich dich bitte, unser Treffen um einen Tag zu verschieben, ist nicht in meinem Bewusstsein oder den neuronalen Prozessen unter meiner Schädeldecke gleichsam eingekapselt, und ich habe den Satz auch nicht dadurch mit Bedeutung aufgeladen, dass ich ihn an einen Vorstellungsinhalt meines Bewusstseins geschweige denn an einen elektrochemischen Vorgang in meinen Gehirn angeschlossen hätte: Du verstehst, was ich meine, unmittelbar dadurch, dass du die Satzäußerung oder Mitteilung auffasst, hörst oder liest.</p>
<p>Wir halten fest: Damit deine Äußerung bedeutsam ist und mir etwas zu verstehen gibt, ist es gleichgültig, was immer du dir bei der Verlautbarung denken oder welche Vorstellungen du damit verbinden magst. Wesentlich für das Funktionieren der sprachlichen Mitteilung ist nur die Korrektheit der Satzbildung – beziehungsweise die annähernde Korrektheit, denn auch aus einem elliptisch gebildeten oder einem korrupten Satz können wir zur Not den wohlgebildeten und bedeutungsvollen Satzbau rekonstruieren.</p>
<p>Aus der semantischen Definition der Person als eines Sprechers einer natürlichen Sprache folgt demgemäß, dass wir nicht notwendig auf Vorgänge im Bewusstsein oder Gehirn der Person Bezug nehmen müssen, um sie als Person zu identifizieren: Es genügt uns, wenn uns die Sätze, die sie äußert, verständlich sind, und die Sätze, die wir äußern, wiederum ihr verständlich sind. So erkenne ich, dass du meine Bitte, unser Treffen um einen Tag zu verschieben, verstanden hast, an der Tatsache, dass du nicht an dem zunächst vereinbarten Termin, sondern einen Tag später zu mir kommst.</p>
<p>Das Verstehen ist kein Bedeutungserlebnis und nicht identisch mit dem Erlebnis, welches das Verstehen unmittelbar begleitet, wie das Aha-Erlebnis, das du erfreulicherweise hast, wenn es dir nach großem Kopfzerbrechen endlich gelungen ist, das Rätsel zu knacken oder die algebraische Gleichung zu lösen. Dass Verstehen keine Art des Erlebens und schon gar nicht von der Art des Aha-Erlebnisses ist, merkst du daran, dass du auch in Fällen, in denen du glaubst, etwas verstanden zu haben, was du aber in Wahrheit gar nicht verstanden hast (sondern du lagst leider voll daneben), das beglückende Aha-Erlebnis haben kannst.</p>
<p>Wenn wir den logisch-semantischen Grundbegriff der Person an die Fähigkeit knüpfen, mit der Verwendung sprachlicher Zeichen etwas zu meinen und mitzuteilen und Mitteilungen zu verstehen, und wenn etwas zu meinen und zu verstehen keine psychischen Vorgänge sind, dann sind Personen im hier definierten Sinn weder identisch mit einer Summe von psychischen Vorgängen noch mit der Gesamtheit der neuronalen Prozesse, die diese Vorgänge verursachen.</p>
<p>Wenn du, was nicht selten passiert, danebengreifst und eine logisch-grammatische Regel nicht richtig anwendest und beispielsweise einen falschen Satz nicht mittels der korrekten Verwendung der doppelten Negation in einen wahren Satz umwandelst, bleibst du in deinem Bewusstseinsstrom nicht gleichsam am Vorstellungsbild der einen Negation kleben. Denn das Zeichen für „nicht“ bezeichnet keinen vorstellbaren Gegenstand oder Vorstellungsinhalt, sondern eine Technik der Verknüpfung von Sätzen, der Art nämlich, dass ein wahrer Satz durch Hinzufügung des Zeichens für „nicht“ zu einem falschen Satz und ein falscher Satz eben dadurch zu einem wahren Satz umgeformt wird. Die Vorstellungsbilder, mit denen du die Bildung und Verlautbarung eines Satzes verbinden magst, stehen in keiner notwendigen und internen Beziehung zum Inhalt des Satzes.</p>
<p>Was immer du dir vorstellen magst beim Äußern eines Satzes, dessen Bedeutung dir klar ist, was immer in deinem Gehirn an neuronalen Prozessen ablaufen mag, wenn du den Satz hörst und verstehst, es ist weder identisch mit dem Inhalt des Satzes noch mit deinem Verstehen des Satzes.</p>
<p>Wenn wir Personen als Sprecher natürlicher Sprachen betrachten, sind sie weder identisch mit Funktionen des Bewusstseins wie Vorstellungsbildern, Assoziationen, Erinnerungsbildern oder emotionalen Erlebnissen, die das Sprechen begleiten, noch mit den physiologischen Vorgängen oder neuronalen Mustern, die den physischen Akt des Sprechens verursachen.</p>
<p>Personen in diesem Sinne könnten genauso gut wie Sätze als Ureinwohner des logisch-semantischen Raumes betrachtet werden.</p>
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		<title>Logische Schneisen XVIII</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Feb 2014 15:13:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Mensch-Tier-Unterschied]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie Unterschied Tier Mensch]]></category>
		<category><![CDATA[Tier-Mensch-Unterschied]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Sätze sind die Ureinwohner des logisch-semantischen Raums. Sie sind jene Zeichenfolgen, die wir in Hinsicht und mit der Absicht zur Erfüllung eines sprachlich-pragmatischen Zweckes bilden. Das, was unverändert bleibt, wenn du einen Aufforderungssatz (Befehl, Bitte, Wunsch) in einen Behauptungssatz umwandelst, ist das, was beide Sätze oder die Struktur oder die Form beider Sätze mit der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophische-schneisen-xviii/">Logische Schneisen XVIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Sätze sind die Ureinwohner des logisch-semantischen Raums. Sie sind jene Zeichenfolgen, die wir in Hinsicht und mit der Absicht zur Erfüllung eines sprachlich-pragmatischen Zweckes bilden.</p>
<p>Das, was unverändert bleibt, wenn du einen Aufforderungssatz (Befehl, Bitte, Wunsch) in einen Behauptungssatz umwandelst, ist das, was beide Sätze oder die Struktur oder die Form beider Sätze mit der Realität gemein haben – die logische Form der Modellbildung oder Abbildfunktion, die jeweils dieselbe syntaktische und semantische Mannigfaltigkeit aufweisen muss wie das mit dem Satz Gemeinte und Intendierte.</p>
<p>Der Satz „Das Fenster steht offen“ hat die Mannigfaltigkeit, die durch die logische Form a (F), sprich „a ist ein F“ angezeigt wird: Ein Gegenstand wird mit einem Begriff (und wenn nötig einem deiktischen Zusatz wie „dieses dort“ in „dieses Fenster dort“ und der gleichzeitigen Zeigebewegung oder Deixis) aus der Umwelt aussortiert (mittels des sortalen Gegenstandsbegriffs „Fenster“) und in die Klasse der Gegenstände eingeordnet, welche die Eigenschaft F haben.</p>
<p>Die syntaktische und semantische Mannigfaltigkeit des Ausdrucks muss die des gemeinten Sachverhaltes enthalten: Mit dem bloßen Ausruf „Das Fenster dort“, auch wenn er durch die Zeigebewegung verstärkt wird, sagst du zumeist nichts aus, es sei denn, in dem Moment hätte ein Windstoß das Fenster aufgerissen und dein Ausruf könnte von deinem vor dem Fenster sitzenden Kollegen als Aufforderung verstanden werden, das Fenster zu schließen. Dann hast du mit dem unvollständigen Ausdruck „Das Fenster dort!“ implizit gemeint: „Bitte, schließe das Fenster!“ (sogenannte Implikatur).</p>
<p>Der Satz „Das Fenster steht offen“ hat als indikativischer Behauptungssatz die Bedeutung, die Tatsache darzustellen, dass das Fenster offen steht, und realisiert die Intention, auf die Tatsache hinzuweisen, dass das Fenster offen steht.</p>
<p>Der Satz „Das Fenster steht offen!“ hat als Aufforderungssatz die Bedeutung des Wunsches desjenigen, der den Satz zu seinem Kollegen in der Absicht sagt, dieser möge das Fenster schließen, weil es zu frisch im Zimmer wird.</p>
<p>Wenn du den Satz „Das Fenster steht offen!“ im Sinne einer Aufforderung an deinen Kollegen äußerst, dieser möge das Fenster schließen, hegst du die Erwartung, dass er das Fenster schließen werde.</p>
<p>Wenn es zieht und das Fenster offen steht und ich dich auffordere „Bitte, schließe das Fenster“, kannst du aufgrund dieser Äußerung, ohne den Sachverhalt durch Augenschein zu überprüfen, ableiten, dass das Fenster offen steht. Wir finden hier die Tatsache bestätigt, dass unsere Sätze in ein kompliziertes Netz von mehr oder weniger kohärent zusammenhängenden Sätzen verflochten sind. So begegnet es uns bei der logischen Mannigfaltigkeit des Farbraums, die bedingt, dass du aus jemandes Äußerung „Dieser Fleck ist rot“ schließen kannst, dass er weder blau noch grün noch gelb ist.</p>
<p>Das Modell oder die Abbildfunktion, die unsere beiden Ausgangsätze, der Behauptungssatz „Das Fenster ist offen“ und der Aufforderungssatz „Bitte, schließe das Fenster“, gemeinsam haben, kann abgekürzt so dargestellt werden &lt;Fenster&gt; 0 &lt;offen&gt;, wobei die Klammern die Tatsache kennzeichnen, dass die genannten Wörter semantisch nicht vollständig festgelegt oder gebunden sind, während das Null-Zeichen zwischen den Wörtern die Tatsache kennzeichnet, dass ihre Verknüpfung nicht festgelegt ist – die Satzform zeigt allerdings auch, dass der artikulierte und vollständige Satz die Ergänzung und Bindung durch ihre semantische Festlegung und syntaktische Verknüpfung zwingend fordert.</p>
<p>Der Spielraum der semantisch-syntaktischen und logischen Mannigfaltigkeit von Behauptung und Aufforderung kann anhand des einfachen Satzmodells &lt;Fenster&gt; 0 &lt;offen&gt; wie folgt dargestellt werden:</p>
<p>Das Fenster ist offen.<br />
Das Fenster ist nicht offen.  (Das Fenster ist geschlossen.)<br />
Bitte, schließe das Fenster.<br />
Bitte, öffne das Fenster.</p>
<p>Wir sehen: Mittels einfacher sprachlicher Transformationen bilden wir aus dem Satzmodell oder Satz-Nucleus Sätze unterschiedlicher Bedeutung, die wir benutzen, um ebenso unterschiedliche Handlungen mit unterschiedlichen Handlungszwecken und Handlungsabsichten wie Behaupten oder Auffordern zu vollziehen.</p>
<p>Wir können auch sagen: Das Satzmodell wird durch Anwendung der Modi Indikativ, Imperativ, Optativ in Sätze unterschiedlicher Bedeutung modifiziert: Behauptungssatz, Befehlssatz, Wunschsatz (Bitte).</p>
<p>Mit der deskriptiven Leistung des Behauptungssatzes im Indikativ beschreiben wir die Struktur von aktuell bestehenden Sachverhalten (aber auch von Sachverhalten, die unserer Meinung nach in der Vergangenheit bestanden oder in der Zukunft bestehen werden). Mit den Modi Imperativ und Optativ drücken wir unseren Willen und unseren Wunsch aus, der im Satz abgebildete Sachverhalt müsse oder möge Realität werden.</p>
<p>Wir bemerken, dass unsere bewusst erlebten Absichten oder Einstellungen Gedanken mit einem bestimmten propositionalen Gehalt p sind, der in den Sätzen des Behauptens und Aufforderns als derselbe Gehalt wiederauftaucht. Der mittels der Intentionen der Behauptung oder Aufforderung intendierte Gehalt p ist das Bindeglied zwischen dem Satz und dem System unserer Erfahrung oder kurz der Realität, deren Modell er darstellt:</p>
<p>Du behauptest, dass p (dass nicht p).<br />
Du befiehlst, dass p (dass nicht p).<br />
Du bittest, dass p (dass nicht p).<br />
Du wünschst, dass p (dass nicht p).<br />
Du hoffst, dass p (dass nicht p).<br />
Du befürchtest, dass p (dass nicht p).<br />
Du erwartest, dass p (dass nicht p).</p>
<p>Intentionen und mentale Einstellungen wie etwas behaupten, fordern, um etwas bitten, etwas wünschen, hoffen, befürchten und erwarten haben die propositionale Struktur von Gedanken, weil sie sich auf das Bestehen oder Nicht-Bestehen von Sachverhalten beziehen und in den entsprechenden Sprach-Handlungen ausgedrückt werden.</p>
<p>Wenn du erwartest, dass ich wegen deiner Aufforderung, das Fenster zu schließen, das Fenster schließe, erwartest du nicht etwas Unbestimmtes und deine Erwartung wird nicht durch ein Gefühl der Befriedigung erfüllt, das sich aufgrund der Tatsache einstellt, dass deine Erwartung erfüllt worden ist. Du erwartest mit Bestimmtheit, was im Symbol p für den Satzgehalt enthalten ist, und dein Gefühl der Befriedigung ist ein mehr oder weniger zufälliges Beiwerk der Erfüllung deiner Erwartung durch die Tatsache, dass ich das Fenster schließe. Du könntest ja auch enttäuscht ob der Tatsache sein, dass ich das Fenster schließe, weil du es lieber offen und frische Luft haben willst – und dann wäre das Gefühl der Enttäuschung das zufällige Beiwerk der Erfüllung deiner Erwartung, deren notwendiger oder interner Inhalt durch die Beziehung auf den Satzgehalt p gegeben ist.</p>
<p>Wir sehen und halten fest: Emotionale Einstellungen wie Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen und Erwartungen sind keineswegs, wie man leichthin glauben könnte, rein biologisch fundierte mentale Zustände oder Instinkte, sondern als sprachbezogene Bewusstseinszustände Bewohner des logisch-semantischen Raums. Sie alle kennzeichnet eine interne Beziehung zum Gehalt p des Satzes, der den von ihnen intendierten Inhalt darstellt. Der intendierte Sachgehalt p kann aus dem Bewusstseinszustand des Wünschens, Hoffens, Befürchtens und Erwartens nicht getilgt werden, ohne diesen Bewusstseinszustand selbst seines Wesens und seiner Form zu berauben.</p>
<p>Der Hund läuft ungeduldig zur Tür, wedelt heftig mit dem Schwanz und springt erregt die Türe empor. Wir sagen so obenhin, der Hund erwarte die Rückkehr seines Herrn. Der Hund indes erwartet keinesfalls die Rückkehr seines Herrn – Tiere haben keine Bewusstseinszustände des Wünschens, Hoffens, Befürchtens und Erwartens, weil sie über keine der unseren strukturähnliche Sprache verfügen und Zustände der genannten Art eine interne Beziehung zur Sprache aufweisen.</p>
<p>Der Hund erwartet nicht die Rückkehr seines Herrn, auch nicht seine unmittelbare Heimkehr – wäre dem so, könnte er auch die Rückkehr seines Herren von der Geschäftsreise nach Übersee in drei Wochen erwarten. Der Hund wittert seinen Herrn und das versetzt ihn in den bekannten Erregungszustand. Weil das Tier über die sinnliche Wahrnehmung von Geruch und Gehör einen kausalen Stimulus erhält, der die reflexhaften oder konditionierten Verhaltenssequenzen, die in seinem Gehirn gespeichert sind, freisetzt, verhält es sich so, wie es sich nun einmal verhält.</p>
<p>Wenn wir die Rückkehr des Herrchens regelmäßig mit dem Erklingen einer Glocke begleiten, können wir den Hund auf das Erklingen der Glocke konditionieren und so den bedingten Reflex bei ihm hervorrufen, nämlich mit dem bekannten Verhaltensrepertoire des freudigen Schwanzwedelns und erregten Die-Türe-Emporspringens zu reagieren. Aber auch in diesem Falle, wenn der Hundebesitzer nicht einmal in der Nähe ist, können wir keineswegs behaupten, der Hund erwarte die Rückkehr seines Herrn. Der Hund wittert nunmehr seinen Herrn gleichsam in dem akustischen Bild oder akustischen Muster des Glockentons.</p>
<p>Du aber erwartest die Rückkehr deiner Freundin, deines Freundes, deiner Eltern oder deiner Kinder. Deine Erwartung ist intern auf den Inhalt bezogen, der durch den Satz wiedergegeben wird: „Ich erwarte, dass der und der zurückkehrt.“ Die in die Erfüllung der Erwartung durch die tatsächliche Rückkehr des Erwarteten hineingemischten Gefühle sind nicht etwa der die Erwartung motivierende Inhalt der Erwartung – sind diese Gefühle doch nicht spezifisch und können von Freude über Gleichgültigkeit bis zur Enttäuschung reichen.</p>
<p>Wenn du erwartest, dass dich deine Freundin enttäuschen und heute nicht wie gewöhnlich an diesem Wochentage zu dir kommen wird, kann das erwartete Nicht-Eintreten des Sachverhaltes oder die negative Tatsache, dass jemand nicht zu dir kommt, nicht deine sinnlichen Rezeptoren stimulieren und insofern kausal für die Entstehung deiner Erwartung, dass nicht p, verantwortlich sein.  Was nicht existiert, kann schlechterdings nicht auf dich einwirken.</p>
<p>Der Hund allerdings kann nicht hoffen oder befürchten oder erwarten, dass sein Herrchen heute, morgen oder übermorgen NICHT zu ihm zurückkehrt. Denn der Hund lebt wie alle Tiere außerhalb des logisch-semantischen Raums, in dem sprachlich strukturierte Bewusstseinszustände wie Hoffen, Befürchten und Erwarten allererst möglich sind.</p>
<p>Den Tier-Mensch-Unterschied markieren wir also deutlich an der Tatsache, dass wir uns mit Sätzen auf nicht bestehende Sachverhalte beziehen können, Sätze, die wir verwenden, um intentionale Bewusstseinszustände wie Hoffen, Befürchten oder Erwarten zum Ausdruck zu bringen. Natürlich gilt dies  a fortiori für den intentionalen Akt des Behauptens, mit dem wir Negationen und beliebige Iterationen von Negationen zum Ausdruck bringen können.</p>
<p>Tiere haben mangels Sprache gleichsam keinen internen Bezug zur Negation – jedenfalls kann das Nicht-Bestehen der Tatsache, dass sein Herrchen heute zu ihm zurückkehrt, bei dem Hund nicht den mentalen Zustand hervorrufen, der ihn denken ließe: „O weh, ich fürchte, heute kommt Herrchen nicht nach Hause!“</p>
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		<title>Logische Schneisen XVII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xvii/</link>
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		<pubDate>Sun, 16 Feb 2014 20:11:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Farbraum]]></category>
		<category><![CDATA[Maßstab]]></category>
		<category><![CDATA[Rechnen]]></category>
		<category><![CDATA[Regel]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn du dich verrechnest, laufen die elektrochemischen Signalübertragungen in deinem Gehirn ungestört weiter. Der Rechenfehler ist kein Effekt eines letztlich physikalischen Versagens – sondern die Folge des Versagens deiner kognitiven Bemühungen.  Daraus folgern wir, dass auch und gerade dann, wenn du richtig gerechnet oder allgemeiner klar und wahr gedacht hast, das korrekte Rechenergebnis und die [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xvii/">Logische Schneisen XVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du dich verrechnest, laufen die elektrochemischen Signalübertragungen in deinem Gehirn ungestört weiter. Der Rechenfehler ist kein Effekt eines letztlich physikalischen Versagens – sondern die Folge des Versagens deiner kognitiven Bemühungen.  Daraus folgern wir, dass auch und gerade dann, wenn du richtig gerechnet oder allgemeiner klar und wahr gedacht hast, das korrekte Rechenergebnis und die Wahrheit des Satzes, mit dem du deinen richtigen Gedanken ausdrückst, nicht das Ergebnis elektrochemischer oder letztlich physikalischer Prozesse im Neurocortex sein können.</p>
<p>Die kognitive Leistung, die sich nicht mittels Angabe oder Modellierung durch physikalische Größen darstellen lässt, ist dem Maßstab vergleichbar, den wir definieren und konstruieren, um etwas zu messen. Das Urmeter zu Paris ist insofern kein physikalischer Gegenstand und schon gar kein natürlicher Gegenstand, der seine Entstehung kausalen Prozessen in einer physikalisch-kausal geschlossenen Welt der Natur verdankt – sondern das Ergebnis eines Festsetzung oder Kodifizierung. Das logische Gewicht der Sätze, mit denen wir etwas behaupten, rührt von ihrer logischen Form, mittels deren wir beispielsweise unsere Erfahrungen messen, wenn wir sagen: Die Aussage, dass dieser Gegenstand rot ist, ist wahr – weil er weder blau noch grün noch gelb ist. Dem Urmeter der Längenmessung entspricht in diesem Falle der Farbraum oder der logische Raum unserer Farbfestsetzungen.</p>
<p>Du musst das Metermaß an den zu messenden Gegenstand anlegen, um ihn exakt vermessen zu können. Du musst die Farbskala mit der Reihe der von uns festgesetzten Farben mit ihren konventionellen oder technischen Bezeichnungen an den zu bestimmenden Farbfleck gleichsam anlegen, um seinen Farbwert zu bestimmen und die korrekte Farbbestimmung in einem wahren Satz darzustellen.</p>
<p>In welchem Sinne können wir fehlgehen und uns bei der Farbbestimmung vertun? Hier können zufällige Beeinträchtigungen in der Umgebung wie schlechte Lichtverhältnisse oder verfälschende Lichtquellen oder das Versagen des Augenlichts eine Rolle spielen – dann kommen wir nicht zu richtigen Ergebnissen, wie bei gutem Tageslicht und optimalem Sehvermögen, und sagen etwas Falsches. Wir können aber auch in einem stärkeren Sinn fehlgehen, wenn wir ein hierzulande nicht oder nicht mehr gängiges Farbregister als Bezugsgröße benutzen, zum Beispiel eines mit der Grundfarbe Blaugrün statt Grün oder Blau. Dann kommen wir zu seltsamen Farbbestimmungen, die nicht falsch, sondern hierzulande nicht üblich und deshalb für die hiesig vorwaltenden Zwecke irrelevant sind.</p>
<p>Wenn aufgrund der Einwirkung einer geheimnisvollen Kraft morgen das Urmeter und all unsere Metermaße (sagen wir gleich all unsere auf physikalischen Voraussetzungen beruhenden Maßsysteme) willkürlich gelängt oder gekürzt, kurz modifiziert worden wären, ließe uns das kalt, denn dann wären auch die zu vermessenden Gegenstände im selben Verhältnis gelängt oder gekürzt, kurz modifiziert worden, und somit blieben unsere Messergebnisse gleich.</p>
<p>Dasselbe gilt cum grano salis auch für die maßgebende oder normative Funktion unseres Farbregisters: Würde morgen aufgrund der Wirkung einer geheimnisvollen Kraft der Frequenzbereich für die Farbe Rot aus dem Lichtspektrum getilgt, würden wir mit unserem bewährten Farbregister unverzagt weiterarbeiten: Der Farbwert „Rot“ wäre ja aus der Skala gelöscht – und mit dem Rest machen wir auf bewährte Art weiter, ohne in den Belangen unserer alltäglichen Wahrnehmung das Geringste zu merken.</p>
<p>Uns genügt eine wesentliche Voraussetzung: Für die Zeit des Messens müssen das System unserer Erfahrung stabil und unser Maßstab starr und verhältnismäßig invariabel sein. Ebenso muss unser Farbregister klar abgestuft und über fließende Grenzen hinweg eindeutig bestimmbar sein: Es muss also mindestens zwei identifizierbare und feststehende Farbegriffe geben, wenn wir überhaupt von Farbbestimmung sprechen wollen.</p>
<p>Wenn du dich beim Messen vertust und einen falschen Wert bestimmst, können wir dich korrigieren.  Dein Gehirn, das im Hintergrund auf seine altbewährte physische (und öfters Kopfweh verursachende) Weise damit beschäftigt war, deine Rechen- und Mess-Handlung zu unterfüttern, können wir nicht kritisieren oder tadeln. Du selbst bist als autonom agierende Person die Instanz, an die wir appellieren: Wenn du als Bauingenieur den Zweck und das aufgrund der Baupläne wohldefinierte Ziel der exakten Messung des Umfangs der tragenden Säule durch Unachtsamkeit verfehlst, wirst du zur Verantwortung und Rechenschaft gezogen, falls die Decke einstürzt. Du kannst dich nicht auf irgendwelche neuronalen Vorgänge in deinem Gehirn während deiner mangelhaften Rechenleistung berufen, um dich unbeschadet aus der Sache herauszuwinden.</p>
<p>Obwohl du den Zweck der Berechnung, die Statik des Gebäudes exakt zu bestimmen, verfehlt hast, willst du dich dadurch deiner Verantwortung entziehen, dass du auf überzeugende Weise den Nachweis erbringst und diesen Nachweis beispielsweise vor Gericht als Beweisgrund anführst, deine Rechenmaschine, der Computer, habe versagt, nicht aber du selbst: Du habest ihn mit den richtigen Daten für die richtig ausgewählten Formeln gefüttert, er habe aber den falschen Output ausgegeben. Ob dir das mildernde Umstände einbringt, wenn durch den von dir verschuldeten Einsturz Menschen verletzt oder gar getötet worden sind? Wohl kaum. Denn du bist nicht nur für die korrekte Ausführung deiner Berechnungen verantwortlich, sondern auch dafür, dass die Mittel, mit denen du die exakten Ergebnisse erhältst, gewartet sind und ordnungsgemäß funktionieren.</p>
<p>Wir haben die uralten Maßstäbe wie Fuß und Elle durch die genauere, gleichsam transkulturelle oder universelle Normierung des Meters ersetzt, weil diese besser zu unserem Zweck passt, zu exakteren und bestimmteren Messergebnissen zu gelangen. Denn wir bauen keine Zelte mehr, sondern Hochhäuser, treten keine Pfade mehr aus, sondern bauen Autobahnen. Wir können im Nachhinein angeben, wie viele Meter oder Zentimeter im Durchschnitt etwa ein Fuß oder eine Elle misst. Wir können nicht umgekehrt das Meter exakt mit dem alten Maß der Elle darstellen.</p>
<p>Unser elementares Wissen, wie zu messen und zu rechnen sei, war lange schon vorhanden und als Voraussetzung für das Unterfangen genügend entwickelt, technische Hilfsmittel und Methoden zur Beschleunigung und Präzisierung vom Metermaß über den Taschenrechner bis zum Super-Computer zu erfinden und erfolgreich anzuwenden.</p>
<p>Wir sagen: Mit dem ersten Wort ist gleichsam der ganze logische Raum des Denkens und Rechnens wie in einer Nussschale gegeben. Er musste sich gewiss auf ungeheuer verschlungenen Wegen – den Wegen der kulturellen Steigerung – entfalten. Entfaltung oder Explikation – nicht Evolution oder Emergenz im biologischen und physikalischen Sinne.</p>
<p>Das Gehirn ist kein Teil des Denkens, sondern organischer Teil der Person, die denkt. Die neuronalen Vorgänge der Energiewandlung über elektrochemische Prozesse im Gehirn gehorchen den physikalischen Gesetzen wie dem Erhaltungssatz, aber bilden nicht die logischen Beziehungen der Implikation und Folgerung ab, die unserem alltäglichen Tun zugrundeliegen, wenn wir den Kassenbeleg im Supermarkt kontrollieren oder unsere Bankauszüge checken.</p>
<p>Warum sind Messen und Rechnen, kurz Denken, keine natürlichen Vorgänge und nicht das Ergebnis biologischer Evolution? Weil die Festlegung der Maßstäbe und die normativen Regeln, die unseren Handlungen des Messens und Rechnens zugrundeliegen, keine natürlichen Tatsachen sind.</p>
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		<title>Logische Schneisen XVI</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xvi/</link>
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		<pubDate>Wed, 12 Feb 2014 17:24:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Axiom]]></category>
		<category><![CDATA[Beweis]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissheit]]></category>
		<category><![CDATA[Induktion]]></category>
		<category><![CDATA[Ungewissheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Von der kleinen Zeltstadt am Rande der Wüste machten sich die Mutigen, die Kühnen und die Tollkühnen, Abenteurer, zwielichtige Gestalten, die nichts zu verlieren hatten, von Forscherdrang und von Gier nach dem schnellen Reichtum Getriebene, in einer kleinen verschworenen Expeditionsgruppe eines Tages auf, zu suchen und zu sehen, ob wohl die Welt jenseits der spiegelnden [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xvi/">Logische Schneisen XVI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Von der kleinen Zeltstadt am Rande der Wüste machten sich die Mutigen, die Kühnen und die Tollkühnen, Abenteurer, zwielichtige Gestalten, die nichts zu verlieren hatten, von Forscherdrang und von Gier nach dem schnellen Reichtum Getriebene, in einer kleinen verschworenen Expeditionsgruppe eines Tages auf, zu suchen und zu sehen, ob wohl die Welt jenseits der spiegelnden und flirrenden Ebene der großen Wüste zu Ende sei oder ob die Welt dort jenseits des Sandmeeres weitergehe – welche Schätze dort verborgen sein mochten, welche seltsamen Wesen dort hausten, fratzenhafte Ungeheuer oder Wesen von übermenschlicher Schönheit und Erhabenheit, von denen in den alten Mythen schon immer die Rede war.</p>
<p>Auf die Rückkehr des ersten Expeditionscorps hatte man vergebens gewartet, keiner kam zurück. Wieder rissen sich nach geraumer Zeit die Verwegenen und Mutigen vom sicheren Hafen am Rande des großen Sandmeeres los – und diesmal kehrte einer zurück, ein einziger Mann, augenscheinlich verstört und wahnsinnig geworden unter der das Hirn ausdörrenden Sonne – so musste man jedenfalls aus seinen wirren Erzählungen schließen, in denen es nur so wimmelte und zischte, sich schlängelte und sang von Wüstengeistern und Dämonen aus dem glühenden Sand.</p>
<p>Erst die dritte Expedition war von Erfolg gekrönt. Die Rückkehrer wussten von erstaunlichen Dingen zu berichten, grünen Zonen der Fruchtbarkeit und üppiger Vegetation um freundlich leuchtende grünblaue Seen, in denen es von Fischen glitzterte. So brachen die Kinder der Wüste auf und eroberten sich eine bessere Bleibe in der Fremde, eine Kolonie des Glücks.</p>
<p>Menschen scheinen gemischten Sinnes, zu siedeln gewillt, wo sie dank natürlicher Umstände wie schützender Täler oder gedeihlicher Bäche und Flüsse und der friedsamen Verwandtschaft ihrer Anrainer ein Unterpfand des Bleibens finden, zu wandern gestimmt, wenn aromatische Winde, goldene Sagen oder aufmunternde Explorationen in exotische Gegenden locken, die nach ausgestandenen Abenteuern Zukunft verheißen.</p>
<p>Betrachten wir die Wüste und das Sandmeer als sprechende Allegorie des Unbekannten und Ungewissen, dem wir uns schon seit unvordenklichen Zeiten benachbart und ausgesetzt sehen, von dem wir aber auch angelockt und zu gefährlichen Expeditionen, Ausschiffungen und Abenteuern verlockt werden. Sehen wir das grenzenlose Meer als die sprechende Allegorie der Zahlen und der Zahlentypen, der Gedanken und der logischen Formen des Denkens: Ist nicht der Entdecker der irrationalen Zahlen in seiner Kühnheit und logischen Konsequenz einem Kolumbus, einem Kopernikus oder Galilei zu vergleichen? Und verrät sich nicht die tief eingewurzelte Angst vor dem Unbekannten in der obskuren Geschichte von Hippasos von Megapont, der, ein Schüler des Pythagoras und seinem Geheimbund zugehörig, das Geheimnis der irrationalen Zahlen verraten oder gar die Existenz dieses Zahlentyps selbst entdeckt haben – und kurz darauf im Meer ertrunken sein soll?</p>
<p>Sind nicht Begriffe oder Pseudo-Begriffe, Sätze oder Pseudo-Sätze, die unkontrolliert oder unwillkürlich den Plan unseres Denkens zu durchqueren scheinen, wie „die Menge aller Dinge“ oder „das Unendliche“, „Das viereckige Dreieck existiert nicht“ oder „Ein rechteckiger Kreis ist undenkbar“, jenen Wüsten-Dämonen zu vergleichen, die den Wanderer heimsuchen, der sich zu weit über die Grenzen der bekannten Welt hinausgewagt hat? Sind solche Begriffe und Sätze nicht Vexierbildern gleich, die unseren Verstand mit unlösbar scheinenden Rätseln zu bannen und zu verhexen scheinen?</p>
<p>Denken wir an Sätze wie:</p>
<p>„Der jetzige König von Deutschland trägt einen Bart“<br />
„Die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten, enthält sich selbst.“<br />
„Mir träumte, du hättest geträumt, dass ich träumte, du hättest geträumt.“<br />
„Dieser Satz ist unwahr.“<br />
„In meinem Gesichtsfeld gibt es mehr rote Flecken, als ich wahrnehmen und zählen kann.“<br />
„Die Wegstrecke zwischen der Alten Oper Frankfurt und der Hauptwache hat unendlich viele Abzweigungen.“<br />
„Der fliegende Pfeil ruht in jedem Moment.“<br />
„Wenn die Zeitstrecke zwischen 20 und 21 Uhr unendlich teilbar ist, dauert diese Stunde eine Ewigkeit.“</p>
<p>Können wir solcher monströsen Gebilde nicht anders als die sogenannten Primitiven einzig durch Gegenzauber Herr werden, der die Wahrscheinlichkeit ihres Wiedererscheinens in dem Maße verringert, in dem wir uns von den unheimlichen Orten entfernt zu halten nötigen, an denen sie sich gewöhnlich aufhalten und die uns mit der Fata Morgana von Wunder-Blumen und Unsterblichkeit oder Allwissenheit verleihenden Früchten unwiderstehlich reizen? Doch wissen wir: Durch geduldige logisch-semantische Analyse können wir die Paradoxien bannen und die Vexierbilder zum Verschwinden bringen.</p>
<p>Wir suchen Sicherheit im Aufspüren und Ableiten von Gründen für unsere Handlungen und die unserer Mitmenschen, um uns die Tür zur Zukunft zumindest um einen Spaltbreit zu öffnen – auf dass wir nicht ganz im Dunklen und Ungewissen tappen. Wir gehen davon aus, dass es nach der Nacht und dem Schlaf wieder Tag wird um unser waches Bewusstsein – warum sollen ich nicht davon ausgehen, dass du mich morgen im Büro, im Seminar oder auf der Straße wiedererkennen und freundlich grüßen wirst? Wir können nicht mit dem beängstigenden Gedanken leben, dass morgen wahrscheinlich alles ganz anders sein wird, du mich nicht nur nicht wiedererkennen, sondern aus heiterem Himmel mir feindlich gesinnt sein und mir nachstellen wirst.</p>
<p>Gewissheiten indes finden wir nur im Grab der Vergangenheit: In den Grüften, Archiven und Museen des untergegangenen Lebens wird die Sicherheit der Funde vergolten mit der Erstarrung und der Maskenhaftigkeit ihrer Formen. Doch in der Stickluft der Archive und den Bastionen der sicheren Dauer können wir nicht atmen. Leben heißt für uns, das Leben steigern, das Leben steigern und um neue Erkenntnisse, Farben, Melodien bereichern, verlangt uns ein hohes Maß an Mut, Passion und Opferbereitschaft ab. Im Bestreben, das Dasein zu erhöhen, zu intensivieren, zu verklären, hat dieser und jener Dichter und Denker, Forscher und Forschungsreisende seinen Verstand oder das Leben selbst verloren.</p>
<p>Dass wir uns morgen wiedersehen, ist nicht ganz ungewiss. Gewiss aber, dass wir uns irgendwann nicht mehr wiedersehen. Wir können mittels Induktion nicht auf die unbegrenzte Fortdauer der Reihe der Ereignisse schließen, die wir in der Vergangenheit beobachtet, erlebt oder ins Werk gesetzt haben.</p>
<p>Doch wie steht es um die Schlussregeln und das korrekte Schlussfolgern in Logik und Mathematik? Stehen wir hier nicht auf unerschütterlichem, erzenem Boden? Umweht uns hier nicht gleichsam Klarsicht eingebende Ewigkeitsluft? Ist nicht das „Und-so-weiter“ in trockenen Tüchern, wenn wir die Reihe einmal begonnen, einmal die Prämissen festgelegt, einmal die Axiome klar definiert haben?</p>
<p>Es bleibt ein unwägbarer Rest. Womit wir was auch immer beweisen und ableiten, können wir eo ipso nicht beweisen und ableiten, es ist der unser „Und-so-weiter“ ermöglichende unerweisliche und unausdenkbare Rest. Oder vielmehr: Das ganze Gebäude unseres Denkens schwebt in der Luft – nur was wir in seinen Gemächern tun und treiben, reden und handeln, ist mit Sinn erfüllt oder wird alsbald als Unsinn aus den Fenstern gekippt.</p>
<p>Unser Haus oder unsere Welt oder das ganze System unserer Erfahrung, der logische Raum, haben kein echtes Fundament: Wir können das Haus nicht aus Mutwillen oder um konsequent von Neuem zu beginnen und diesmal alles richtig zu machen bis auf die Grundmauern abreißen und auf solider Basis wiedererrichten. Ja, das Haus hat nicht einmal wirkliche Fenster, aus denen wir in die umliegende Landschaft blicken und uns vergewissern könnten, ob es da oder dort noch andere Gebäude unserer Art gibt oder ob wir gar Anwesen entdecken, deren Baustil dem Baustil unseres Hauses gänzlich unähnlich und unvergleichbar ist.</p>
<p>Aber gemach! Was nützte uns das? Würden wir in unserer näheren oder ferneren Umgebung andere Häuser mit unvergleichlich anderem Baustil entdecken, könnten wir doch davon ausgehen, dass sie uns in der einen und entscheidenden Hinsicht wie ein Ei dem anderen ähnlich sind: Sie alle ruhen nicht wie echte Häuser auf echt soliden Fundamenten, sie alle schweben vielmehr, exotischer als die hängenden Gärten der Semiramis, in der Luft. Wir brauchen demzufolge auch keine Fenster oder höchste Aussichtstürme und Wunder-Teleskope, mit denen wir vorgeblich uns und den Rest der Welt überblicken könnten, um gleichsam von außen zu erspähen, wo wir sind: Wir wissen genug, um zu wissen, wo wir uns aufhalten. Doch zugleich fühlen wir, wie der Sand tief unter unseren Füßen leise, sehr leise rieselt.</p>
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		<title>Logische Schneisen XV</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Feb 2014 19:22:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Kodifizierung]]></category>
		<category><![CDATA[Konsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Konvention]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Dein Wort hat heute dieselbe Bedeutung wie gestern und hoffentlich auch morgen. Was heißt das? Du sagst dasselbe in derselben Situation mittels derselben sprachlichen Ausdrücke. Du wirst nicht anfangen, „Guten Abend“ zu sagen, wenn du morgens in die Schule, in die Universität oder ins Büro kommst, um deine Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen zu begrüßen – [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xv/">Logische Schneisen XV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Dein Wort hat heute dieselbe Bedeutung wie gestern und hoffentlich auch morgen. Was heißt das? Du sagst dasselbe in derselben Situation mittels derselben sprachlichen Ausdrücke. Du wirst nicht anfangen, „Guten Abend“ zu sagen, wenn du morgens in die Schule, in die Universität oder ins Büro kommst, um deine Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen zu begrüßen – es sei denn vielleicht einmal, weil du mutwillig aufgelegt bist, zum Scherz. Wenn du es dir allerdings zur Regel machtest, die gewohnten Begrüßungsformeln falsch zu verwenden, hielte man dich bald für einen ausgemachten Narren.</p>
<p>Wir sagen: Die Erde steht fest – in gewissen Grenzen, hier enger, dort weiter, auch wenn sich der gewaltige physische Körper mit rasender Geschwindigkeit durch die Weiten der Galaxis, sich um die eigene Achse drehend, auf seiner elliptoiden Umlaufbahn um das Zentralgestirn bewegt: gleichsam zu unser aller Nutz und Frommen, würden wir ansonsten doch trist und dumm aus der Wäsche schauen, entbehrend des Wechsels von Tag und Nacht und der gloriosen Rhythmen der Jahreszeiten. Wenn wir sagen, die Erde stehe in gewissen Grenzen fest, meinen wir damit: Die Welt bindet unsere Erfahrung in ein Kontinuum, dessen Ränder wohl ins Unbestimmte und Vage zerfließen, dessen Kernschicht indes gleichsam aus gehärtetem Material besteht: der Identität der Erfahrungsgegenstände und Tatsachen, die wir in der Anwendung aller Arten des Zählens und Schlussfolgerns, bei allen Formen des Arrangierens, Sortierens, Gruppierens und Neugruppierens von Gegenständen voraussetzen.</p>
<p>In unserer Welt natürlicher Systeme von Symmetrien und konstant wiederkehrender oder systematisch variierender Regularitäten kommen wir dahinter, dass der Gegenstand der Wahrnehmung des hellsten Sterns am Abendhimmel derselbe Gegenstand der Wahrnehmung des ersten Sterns des Morgenhimmels ist. In unserer Welt kontinuierlicher und nicht völlig diskontinuierlicher Erfahrung kommen wir dahinter, dass der Abendstern dieselbe Umlaufbahn zieht wie der Morgenstern und deshalb derselbe Stern ist, nämlich der Planet Venus.</p>
<p>Lebten wir in einer seltsamen Welt, in der der Abendstern nicht derselbe Gegenstand wie der Morgenstern wäre, könnten wir uns nicht über die Anwesenheit oder Abwesenheit derselben Gegenstände verständigen und unterhalten – das System unserer Erfahrung, das auf der Anwendung des Begriff der Identität beruht, bräche in sich zusammen: Könnten wir nicht über denselben Gegenstand sprechen, hätten wir unser einigermaßen solides und verlässliches System der Erfahrung nicht gegen ein fluides, buntes und anarchisches System der Erfahrung ausgetauscht: Wir könnten schlicht überhaupt keine Erfahrungen mehr machen. Wir wären außerstande, etwas zu sagen, einen Gedanken zu fassen, eine Handlung zu vollziehen.</p>
<p>Behauptungen und Handlungen setzen die Anwendbarkeit der Kriterien von richtig und falsch voraus, sonst könntest du nicht etwas behaupten, dem ich beistimmen oder widersprechen, nicht eine Handlung vollbringen, die ich uneingeschränkt gutheißen oder als tadelnswert zurückweisen kann. In einer Welt oder einem System der Erfahrung, in dem nichts richtig und nichts falsch ist, träumen wir mit offenen Augen.</p>
<p>Ihr erwartet viele Gäste. Du hast bereist 8 Suppenteller auf dem Tisch in 2 Gruppen von je 4 Tellern arrangiert. Wenn du mich aufforderst, noch einen letzten Teller dazuzustellen, wie soll ich mich verhalten? Wenn ich den Teller zu einer der beiden von dir symmetrisch arrangierten Gruppen stelle, zerstöre ich die Symmetrie. Doch wenn die Gleichung 9 = 3 x 3 stimmt, werde ich einfach das Arrangement der Teller in 3 Gruppen zu je 3 Tellern neugruppieren.</p>
<p>Lebten wir in einer Welt, in der das Prinzip „Aus den Augen aus dem Sinn“ in einer radikalen Bedeutung gälte und die Dinge ihr Gesicht wechselten wie Don Juan die Frauen, könnte es geschehen, dass sich mein neues Arrangement wie von Zauberhand im Nu in eine neue Gruppe mit der Aufteilung 1 Teller, 3 Teller, 4 Teller verwandelte, weil in dieser schönen neuen Welt Symmetrien nicht vorkämen oder verboten wären.</p>
<p>Du hast deine 8 Suppenteller für die erwarteten Gäste schön symmetrisch in 2 Gruppen arrangiert und greifst aus der Schublade eine gute Handvoll Löffel, um sie ordentlich Stück für Stück den Tellern zuzuweisen. Du musstest die Löffel nicht eigens auf 8 Stück abzählen – wenn du allen Tellern je 1 Löffel zugeordnet hast, weißt du, dass es 8 Löffel sind, die jetzt auf dem Tisch liegen. Mehr ist nicht vonnöten, solange wir in unserer Welt leben, in der je ein Mensch genau mit 1 Löffel auskommt, um seine Suppe auszulöffeln. Auch wenn du nicht wüsstest, wie viele Suppenteller auf dem Tisch stehen, wüsstest du doch, dass nach der korrekten Zuordnung der Löffel auf je einen Teller die Anzahl der Löffel und die Anzahl der Teller identisch sind. Wir sagen etwas umständlich auch, die Menge der Elemente der Teller ist gleichzahlig mit der Menge der Elemente der Löffel.</p>
<p>Wenn du alle Löffel korrekt neben die 8 Teller gelegt hast, überblickst du nochmals die Situation – und stellst zu deinem Erstaunen, ja Entsetzen oder Grauen, fest, dass jetzt nur noch 2 Löffel neben 2 Tellern liegen, neben den anderen Tellern liegen einmal 3 Messer und einmal 3 Gabeln.</p>
<p>Was ist hier passiert? Du bist in eine verzauberte und verrückte Welt geraten, in der die Dinge dir ständig ein Schnippchen schlagen, dich narren und an der Nase herumführen – eine Welt, in der die Gegenstände ihre Identität wie Narrenkappen reihum wechseln, eine Welt, in der nichts feststeht, sondern die Kernschicht unserer Erfahrung sich verflüssigt hat und die Anwendung der Schicksalsvokabel „derselbe“ nicht mehr möglich ist. In dieser Welt der Unruhe, des Chaos und der traumartigen Metamorphosen gibt es weder Tag noch Nacht, weder Mondjahr noch Sonnenjahr, weder Zahl noch Maß, kein Ich und kein Du. Die Flüsse strömen aufwärts, die Bäume wurzeln in der Luft, dein Gegenüber ist ein negativer mentaler Zwilling und verneint ohne Unterlass jeden Gedanken, den du gerade denkst. Die Menschen verschwinden unter den Augen der anderen, die Grenzen zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Traum verschwimmen. In einer solchen auf dem Kopf stehenden Welt ist ein Leben nicht mehr möglich – unser Leben, das eine gewisse Ruhe, Beständigkeit, Gelassenheit – wenn auch vorläufig, wenn auch in fließenden Grenzen – in seinen mentalen Fundamenten zu genießen gleichsam begnadet ist.</p>
<p>In einer solchen Welt des Phantastisch-Unbestimmten und Unerwarteten ohne Symmetrien und Regularitäten könntest du keine Behauptung wagen ­und kein Versprechen abgeben oder ernst nehmen. Behauptest du etwa, ich habe wohl arge Schmerzen, weil ich stöhne und mich krümme, halte ich mit der Behauptung dagegen, dass ich mich pudelwohl fühle, und dies die Art sei, wie man hierzulande Freude bekunde, nämlich stöhnen und sich krümmen. Verspreche ich dir in einer solchen Pseudo-Welt, dich morgen zu besuchen, weist du mein Ansinnen mit der Begründung zurück, dass es ungewiss sei, ob ich morgen die Person antreffen werde, mit der ich jetzt gerade spreche, oder einen Zwilling von dir vor mir habe, der dir in allem gleicht, ohne du zu sein und sich an dich erinnern zu können.</p>
<p>Wir bemerken en passant, dass es in einer Pseudo-Welt, in der es nicht möglich wäre, konsistente Behauptungen aufzustellen oder glaubwürdige Versprechen abzugeben, weder Logik noch Mathematik geben könnte.</p>
<p>Denjenigen, der in einer solchen Welt des Chaos – aus Langeweile oder Überdruss vor unserer Welt relativer Ordnung – zu leben wünscht, heißen wir rechtens einen unverantwortlichen Clowns-Philosophen. Denjenigen, der in einer solchen Welt lebt, nennen wir zurecht einen aller Verantwortlichkeiten entbundenen Narren.</p>
<p>Aufgrund der Existenz von zählbaren Gegenständen in unserer Welt können wir zählen – wir müssen es nicht. Wenn es auch keine metaphysische Notwendigkeit des Zählens und der Existenz der Zahlen gibt, so doch die logische Notwendigkeit des Weiterzählens, nämlich auf die Weise weiterzuzählen, wie wir begonnen haben. Wenn wir mit der Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 begonnen haben, haben wir mit der Formel x +1 die logische Notwendigkeit fixiert, wie es weiterzugehen hat. Wenn wir mit der Reihe 2, 6, 8, 10, 12 beginnen, wissen wir, wie es anhand der Formel 2x weitergeht, ebenso bei der Reihe 2, 4, 8, 16, 32 anhand der Formel x<sup>2</sup> .<sup><br />
</sup><br />
Wenn wir mit den elementaren Rechenoperationen begonnen und die ersten einfachen Gleichungen aufgeschrieben haben, können wir nicht anders, als weiterzurechnen. Wir sind mit der Gleichung 2 + 2 = 4 gleichsam gebunden und in die Pflicht genommen, weitere Gleichungen zu bilden, die als Funktionen mit äquivalenten Werten dasselbe Argument bilden, wie etwa die Gleichungen 8–4 = 4, 2x (4–2) = 4, √16 = 4 oder 3 Komma Periode 9 = 4.</p>
<p>Der Spielraum unserer Freiheit ist eingeschränkt, wenn wir einmal zu zählen und zu rechnen begonnen haben. Wir können zum Leidwesen manch geplagten Schülers nicht darauf hoffen, dass übermorgen ein internationaler Kongress aller Mathematiker der Welt stattfindet, auf dem diese beschließen, die einfachen Rechenoperationen und also die Grundformen logischen Schließens so abzuändern, dass die Gleichung 2 + 2 = 4 nicht mehr gilt. Die korrekte Anwendung des Zahlbegriffs und des logischen Einmaleins beruht nicht auf willkürlichen Vereinbarungen, wie die Spielregeln bei Mühle oder Schach auf Vereinbarungen oder Konventionen beruhen.</p>
<p>Der merkwürdige Zwang, der uns beim Rechnen und logischen Schließen auffordert, so und nicht anders vorzugehen, ist weder ein physischer noch ein metaphysischer Zwang. Er ist sinnvoll mit der Bindung durch Kodifizierung einer Regel verglichen worden, die festlegt, dass die Regel willkürlichen Veränderungen entzogen bleibt. Wir hätten vielleicht diese oder jene Regel anders formulieren können – aber diese Modifikationen laufen letztlich auf eine Wahl derart hinaus, ob wir als Maßeinheit die Elle oder das Meter zugrundelegen – nur, mit dem Meter kommen wir weiter und tiefer in die Welt des Messbaren hinein.</p>
<p>Wir können auch sagen: Die kodifizierten und normierten Regeln des Zählens, Rechnens und Schlussfolgerns sind die effektivsten, mächtigsten und elegantesten Verfahren, die wir zu unseren Zwecken zu benutzen gelernt haben. Wir wollen diese Errungenschaften einmal kühn mit dem Verfahren der Wegbahnung vergleichen, das Ameisen mittels der Hinterlegung chemischer Spuren von einem begehrten Objekt wie nahrhaftem Blattwerk oder kultivierbaren Pilzen zum heimischen Nest anwenden: Die Spur des kürzesten Wegs wird sich exponentiell schnell verstärken – und dies zurecht, gibt sie doch die beste Orientierung, ohne Umwege und Abwege.</p>
<p>Der wahre Spielraum unserer Freiheit beruht in der Anwendung der Begriffe richtig und falsch. Die Sonderstellung des Menschen als vernunftbegabten Wesens – wenn wir uns die Lizenz gönnen, uns einmal auf solch seltsame oder pathetische Weise auszudrücken – zeigt sich in seiner Fähigkeit, Fehler zu machen. Eine Maschine wie ein elektronischer Taschenrechner oder ein Computer macht keine Fehler, sondern läuft leer oder fällt aus, sie begeht keinen Irrtum, denn sie kennt die logischen Regeln nicht oder sie hat vom Sinn der Anwendung der Regeln kein Bewusstsein, gemäß denen und auf deren Grundlage sie gebaut wurde und funktioniert.</p>
<p>Nur der naive Schüler, nicht die Maschine, ist irrtumsanfällig und begeht sicher einmal den vermaledeiten Fehler, in der Anwendung der binomischen Formel (a + b)<sup>2 </sup>= a<sup>2 </sup>+ 2ab + b<sup>2</sup> die Verdopplung des Produkts der Ausgangswerte zu vergessen, weil ihm dies logisch nicht sinnfällig zu sein scheint und ihm als Evidenz nicht auf der Hand liegt.</p>
<p>Zu verneinen, dass Menschen mit einer Freiheit begabt sind, die in der Fähigkeit, Fehler zu begehen, zum Ausdruck kommt, heißt verzweifelt, närrisch oder mephistophelisch ein Schicksal bejahen, das unsere Welt gleichsam in einen Albtraum eines ohnmächtigen Gottes verwandelt.</p>
<p>Zu verneinen, dass Menschen mit einer Freiheit begabt sind, die in der Fähigkeit zum Ausdruck kommt, Fehler und Irrtümer zu begehen, einen notwendigen logischen Schritt zu übersehen und zu überspringen, aber auch den Irrtum zu erkennen und zu korrigieren, heißt, den Selbstwiderspruch bejahen, dass wir nicht in der Lage wären, richtig von falsch zu unterscheiden und also irgendeine sinnvolle Behauptung aufzustellen (denn Behauptungen sind notwendigerweise richtig oder falsch) – heißt leugnen, dass wir in der Lage sind, überhaupt etwas Sinnvolles zu äußeren.</p>
<p>Die Behauptung, dass wir in keiner Hinsicht frei seien und also nicht frei, richtige von falschen Behauptungen zu unterscheiden, ist evidenterweise inkonsistent und demnach FALSCH.</p>
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		<title>Logische Schneisen XIV</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Feb 2014 14:47:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Eigennamen]]></category>
		<category><![CDATA[genereller Term]]></category>
		<category><![CDATA[Projektionsmethode]]></category>
		<category><![CDATA[singulärer Term]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn wir die topographische Projektionsmethode auf das Medium der Sprache anwenden, entsprechen den topographischen Zeichen für singuläre Orte wie dem topographischen Zeichen für den singulären Ort „Alte Oper Frankfurt“ die lautlich artikulierten oder schriftlichen sprachlichen Zeichen für singuläre Terme wie der Name „Alte Oper Frankfurt“ für die Alte Oper Frankfurt. Wir scheinen unmittelbar auf eine [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xiv/">Logische Schneisen XIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn wir die topographische Projektionsmethode auf das Medium der Sprache anwenden, entsprechen den topographischen Zeichen für singuläre Orte wie dem topographischen Zeichen für den singulären Ort „Alte Oper Frankfurt“ die lautlich artikulierten oder schriftlichen sprachlichen Zeichen für singuläre Terme wie der Name „Alte Oper Frankfurt“ für die Alte Oper Frankfurt.</p>
<p>Wir scheinen unmittelbar auf eine Strukturähnlichkeit zwischen der topographischen und der semantischen Projektionsmethode zu stoßen, wenn wie die topographischen Punkte und Wegstrecken auf der Karte beschreiben. Zum Beispiel: „Auf der Karte liegt das topographische Zeichen für die Alte Oper Frankfurt zwischen dem Zeichen für die Bockenheimer Warte und dem Zeichen für die Hauptwache.“ In verallgemeinerter Schreibweise: Der Punkt B liegt zwischen den Punkt A und C oder B (A <i>R</i> C), wobei <i>R</i> die Relation „liegt zwischen X und Y“ bezeichnet. Natürlich gilt: Wenn B zwischen A und C liegt, liegt B auch zwischen C und A: B (C <i>R</i> A).</p>
<p>Wir bemerken: In dem Satz „Die Alte Oper Frankfurt liegt zwischen der Bockenheimer Warte und der Hauptwache“ oder dem sinngleichen Satz „Die Alte Oper Frankfurt liegt zwischen der Hauptwache und der Bockenheimer Warte“ liegt der sprachliche Ausdruck „Alte Oper Frankfurt“ NICHT zwischen den sprachlichen Ausdrücken „Bockenheimer Warte“ und „Hauptwache“, wie auf der Karte das topographische Zeichen für die Alte Oper Frankfurt in der Tat zwischen dem Zeichen für die Bockenheimer Warte und dem Zeichen für die Hauptwache liegt. Der Sinn des Satzes, der den Sinn der topographischen Zeichen auf der Karte exakt wiedergibt, bildet die Struktur der topographischen Zeichen nicht ab. Daraus folgern wir: Sätze sind nicht in einem intuitiv verständlichen Sinne Bilder der Sachverhalte und Tatsachen, die sie zu verstehen geben.</p>
<p>Wir stoßen bald noch auf einen anderen wesentlichen Unterschied zwischen der topographischen und der semantischen Projektionsmethode: Auf der Karte entsprechen die Streckenlängen zwischen dem topographischen Zeichen für die Alte Oper Frankfurt und dem Zeichen für die Bockenheimer Warte und zwischen dem topographischen Zeichen für die Alte Oper Frankfurt und dem Zeichen für die Hauptwache den wirklichen Wegstrecken zwischen der Alten Oper Frankfurt und der Bockenheimer Warte beziehungsweise der Hauptwache. Wir erreichen diese Proportionalität mittels der Projektion gleicher Strecken auf der Karte für gleiche Strecken in der Realität.</p>
<p>Aus dem Satz „Die Alte Oper Frankfurt liegt zwischen der Bockenheimer Warte und der Hauptwache“ kann ein Ortsunkundiger nicht ablesen, wie groß die gemeinten Abstände in der Realität sind – im Gegensatz zu der Möglichkeit, die Streckenlängen auf der Karte unmittelbar abzulesen. Dem Satz zufolge könnte die Alte Oper näher an der Bockenheimer Warte oder näher an der Hauptwache liegen, als sie es in Wahrheit tut. In Wirklichkeit liegen unbegrenzt viele Punkte auf der Punktgeraden oder unendlich viele Zahlen auf dem Zahlenstrahl, wenn wir die gemeinte Strecke auf der Punktgeraden oder dem Zahlenstrahl abtragen.</p>
<p>Wir können die topographische Lage nur spezifizieren, wenn wir mit den üblichen Messskalen und Metriken operieren und etwa sagen: Die Alte Oper liegt auf der Strecke zwischen Bockenheimer Warte und Hauptwache so und so viele Meter von der Bockenheimer Warte und so und so viele Meter von der Hauptwache entfernt.  Wir können zur Ortsbestimmung auch die Längen- und Breitengrade oder die GPS-Daten als Koordinaten benutzen: Nur so gelingt uns eine Objektivierung der Aussage. Nur auf diese Weise unterfüttern wir unsere Meinung, der Eigenname Alte Oper verweise auf einen ganz bestimmten Ort auf dem Globus, mit dem Wissen, dass der Eigenname Alter Oper auf einen ganz bestimmten Ort auf dem Globus verweist und somit eine ziemlich genaue Bedeutung hat.</p>
<p>Unzählbar viele Gegenstände jedweden Typs von Gegenstand, wie Atome, Moleküle, Zellen, Sandkörner, Kieselsteine, Stühle, Sterne, Zahlen, Buchstaben, lautlich oder schriftlich wiedergegebene Wörter und Sätze, liegen in unserer Welt und in dem System unserer Erfahrung – wozu neben dem Gesichtsraum und allen Sinnesdimensionen natürlich auch die physikalisch-chemische Welt gehört – zwischen irgendwelchen anderen Gegenständen. Das Prädikat, das die Relation „liegt zwischen X und Y“ ausdrückt, nennen wir wegen dieser Allgemeinheit seiner Anwendung einen generellen Term.</p>
<p>Dagegen reservieren wir für einen Eigennamen wie „Alte Oper Frankfurt“ den exklusiven Gebrauch für nur einen Gegenstand in unserer Welt und in dem System unserer Erfahrung. Wegen dieser Singularität der Verwendung des Eigennamens nennen wir ihn einen singulären Term.</p>
<p>So können wir sagen: Sätze sind das freie Spiel der Kombinatorik von singulären und generellen Termen – freilich mit der Einschränkung, dass nur Kombinationen zwischen ähnlichen Typen von singulären Termen und entsprechenden Kategorien von generellen Termen zugelassen sind. Verstoßen wir gegen diese Regel und sagen oder schreiben Sätze wie „√2 leuchtet grün“, teilen wir einander nichts mit und das heißt, wir reden Unsinn. Aber wir können sagen: „Die Alte Oper Frankfurt liegt nicht zwischen der Bockenheimer Warte und der Hauptwache“ und hätten damit durchaus etwas Sinnvolles gesagt: Denn singuläre Terme für räumliche Gegenstände wie Gebäude gehören zu dem Typus von singulären Termen, die wir mit dem generellen Term des Relationsausdruck „liegt zwischen“ verbinden dürfen. Diese Freiheit ist aber in diesem Falle gleichsam unnütz und vertan, denn der Satz ist falsch.</p>
<p>Könnten wir die komplizierte Bedeutung von Eigennamen nicht umgehen und einfach das mit den Namen Gemeinte durch eine Beschreibung oder eine hinreichend lange Liste von Beschreibungen ersetzen, die uns keinen Zweifel mehr lassen, um welchen Gegenstand es sich handelt? Dann wären wir fein aus dem Schneider, denn weil wir mittels genereller Terme beschreiben, hielten wir einen schlanken Generalschlüssel zum Aufschluss und zur Analyse von Sätzen in Händen, weil wir nur noch einen Typ von sprachlichen Termen benutzten, die wir an die Quantoren (x) und ∃ mittels Konjunktionen anfügten.</p>
<p>Warum stoßen wir hier an eine Grenze? Wollten wir den Eigennamen Alte Oper Frankfurt durch die Beschreibung ersetzen: „Das monumentale Bauwerk, auf dessen Architrav die geflügelten Worte des Dichters Goethe ,Dem Wahren Schönen Gutenʿ eingraviert sind“, hätten wir keinen eindeutigen Referenten in der Hand – denn alle Abbildungen, abertausende Fotos, tausende Gemälde, Stiche und Zeichnungen zeigen dieses monumentale Bauwerk mit den geflügelten Worten des Dichters Goethe „Dem Wahren Guten Schönen“.</p>
<p>Wir sehen: Genauso wenig Sätze Bilder und Abbilder der Gegenstände, Sachverhalte und Tatsachen darstellen, die sie meinen oder bedeuten, genauso wenig können uns Bilder der Gegenstände, Sachverhalte und Tatsachen die Originale der Gegenstände, Sachverhalte und Tatsachen ersetzen, deren Abbild sie sind. Die Namen und Eigennamen indes beziehen sich eben auf diese „Originale“ in unserer Welt – daher sind sie uns unentbehrlich.</p>
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		<title>Logische Schneisen XIII</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Feb 2014 18:04:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[logische Mannigfaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Notation]]></category>
		<category><![CDATA[Projektion]]></category>
		<category><![CDATA[Repräsentation]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Mit einer auf deine Sehschwäche eingestellten Brille siehst du so gut wie Normalsichtige. Du siehst mit einem Sehapparat, was immer es zu sehen gibt. Die Brille täuscht ja nichts vor – über den Rand der Brille kannst du freilich nicht sehen. Mit einer Karte der wichtigsten Fuß- und Wanderwege sowie Fahrradwege, die sich durch deine [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xiii/">Logische Schneisen XIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Mit einer auf deine Sehschwäche eingestellten Brille siehst du so gut wie Normalsichtige. Du siehst mit einem Sehapparat, was immer es zu sehen gibt. Die Brille täuscht ja nichts vor – über den Rand der Brille kannst du freilich nicht sehen.</p>
<p>Mit einer Karte der wichtigsten Fuß- und Wanderwege sowie Fahrradwege, die sich durch deine Stadt schlängeln, erfasst du leicht, wie du vom Ort A zum Ort Z gelangst – freilich per pedes oder mit dem Fahrrad. Willst du mit der U-Bahn oder S-Bahn zum deinem Zielort fahren, benötigst du eine andere Karte und eine andere Art von Karte. Dasselbe gilt für die Straßenkarte.</p>
<p>Die Karten kannst du übereinander projizieren oder als transparente Folien übereinanderlegen, dann erhältst du eine Übersichtskarte für Fuß- und Fahrradwege, Straßen und U-Bahnlinien sowie S-Bahnlinien in deiner Stadt.</p>
<p>Wenn du den auf der Karte der Stadt Frankfurt verzeichneten Fußweg vom Merianplatz durch den Bethmannpark über die alte Wallanlage bis zur Alten Oper abschreitest, wird es dich nicht erstaunen, festzustellen, dass der von dir gesehene und beschrittene wirkliche Weg ganz anders ausschaut als die dünne Linie auf der Karte. Ja, die auf die zweidimensionalen Fläche projizierte Linie hat mit der dreidimensionalen Wegstrecke kaum Ähnlichkeit – außer der einen, aber entscheidenden: von dem topographischen Zeichen für einen Platz, deinem Ausgangsort, bis zum topographischen Zeichen für ein kulturelles Monument, deinem Zielort, zu reichen und die dazwischen liegenden Wegabschnitte metrisch proportional zu den wirklichen Wegabschnitten abzubilden. Und diese Eigenschaft der Projektion, uns eine metrische Ähnlichkeit eines Weges, einer Fläche oder eines Raums zu vermitteln, reicht aus und erfüllt den gewünschten Zweck, uns auf den Weg und ans Ziel zu bringen.</p>
<p>Die Wegekarte verzeichnet nicht die schnell wechselnden Eigenarten und Individualitäten, die dir unterwegs begegnen können, nicht die Forsythien an der Umfriedung des Kindergartens, die gerade jetzt blühen oder nicht blühen, und schon gar nicht jenen alten Bettler, der auf dem Stein am Teich sitzt und vor sich hinstarrt und vielleicht morgen dort nicht mehr sitzen wird und vielleicht nirgendwo mehr sitzen wird. Wir sagen kurz, die Karte vermittelt einen Ausschnitt des Wesentlichen oder Bleibenden: Der Platz, von dem du ausgehst, gehört zu diesem Bleibenden, und das Gebäude der Alten Oper ebenfalls – freilich, müssen wir einschränken, bleibend heißt in der Welt, in der wir leben, voraussichtlich und vorübergehend bleibend. Immerhin wurde das Opernhaus im Kriege zerstört, und jener Platz könnte einmal zugebaut werden und verschwinden, aus der Wirklichkeit und von der Karte.</p>
<p>Was aber vorübergehend auf der Karte und in der Wirklichkeit seinen Platz einnimmt, wie der Platz und das Gebäude, nimmt nur diesen und keinen anderen Platz in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Erde und im gesamten Universum ein. Mit dem topographischen Zeichen für den Platz und dem topographischen Zeichen für das historische Gebäude reservieren wir einem singulären Gegenstand einen singulären Ort auf der Karte, der einem singulären Gegenstand an einem singulären Ort in der Wirklichkeit entspricht. Wir sagen: Zeichen wie die topographischen Zeichen sind Identitätszeichen. Sie stehen stellvertretend für einen Gegenstand, der nur einmal auf der Welt vorkommt.</p>
<p>Wenn einer dich am Merianplatz fragt, wie er denn zu Fuß zur Alten Oper gelange, kannst du es ihm vielleicht umständlich erklären – ob er den langen Sermon freilich behält, steht dahin. Besser du kannst es ihm auf seiner Karte zeigen, indem du mit dem Finger die Strecke vom Ausgangs- zum Zielort langsam abfährst. Noch besser, du zeichnest den Verlauf des Weges mit dem Bleistift nach.</p>
<p>In der geometrischen Ebene und im dreidimensionalen Raum des kartesischen Koordinatensystems können wir beliebige Punkte mittels geordneter Paare beziehungsweise geordneter Tripel von Punktmengen herausgreifen und identifizieren. Hier sind die Zeichen für die Punktkoordinaten, also schlichte ganze oder rationale Zahlen, die Identitätszeichen.</p>
<p>Wenn wir auf dem Notenpapier hinter dem C-Schlüssel mit dem Zeichen für den Ganzton das eingestrichene c als unseren Ausgangspunkt herausgreifen und mit dem Zeichen für die Viertelnote das zweigestrichene c als unseren Zielpunkt bestimmen, haben wir mittels der Notation auf dem Notenpapier den realen Ausgangsklang c’ und den realen Zielklang c’’ projiziert. Unsere Notenzeichen sind Identitätszeichen für die Identität der von ihnen bezeichneten Tonwerte. Wie auch immer wir die bezeichneten Töne realisieren, ob mit dem Klavier, der Geige oder unserer Stimme, die Notation geht das gleichsam nichts mehr an. Natürlich werden bei der Wiedergabe desselben Tons mittels Klavier, Geige oder Stimme genügend Nebengeräusche oder auch kleine Fehlgriffe dafür sorgen, dass die erzeugten Töne physikalisch nicht hundertprozentig identisch sind. Dennoch lassen wir den Tonwert in einem gewissen eng bemessenen Spielraum von Abweichungen über und unter einer idealen Norm als DENSELBEN Tonwert gelten.</p>
<p>Mittels unserer Notenschrift können wir nicht nur die Oktave c’ und c’’ angeben, sondern auch die Ganztöne und gewisse Halbtöne zwischen diesem Ausgangs- und Zielpunkt. Wir können zwischen c und d sowohl ein cis wie ein des eintragen und lassen diese Halbtöne als sogenannte enharmonische Verwechslung füreinander gelten. Wir können aber mit unserer Notation zwischen c und des nichts mehr bezeichnen – obwohl es gewiss möglich ist, zwischen diesen Tonwerten physikalisch neue Klänge zu generieren, die auch von anderen als dem von uns festgelegten und benutzten Notensystem in einer komplexen Notation aufgezeichnet werden könnten.</p>
<p>Die Notation, mit der wir Ganz- und Halbtonschritte zwischen den 7 1/3 Oktaven des wohltemperierten Klaviers herausgreifen, bildet eine logische Mannigfaltigkeit, die unseren tonalen Zwecken genügt, weil sie differenziert und reichhaltig genug ist, um alle Noten zu identifizieren – alle Noten im Sinne all der Noten, die wir brauchen.</p>
<p>Wir können sagen: Die Notation schreibt mir vor, was ich als möglichen tonalen Bezug auffassen kann, und was nicht. Zwischen den Notenwerten cis und des existiert für uns kein weiterer Ton. Vergleiche diesen Sachverhalt mit dem Zahlenstrahl, dessen logische Mannigfaltigkeit weit umfangreicher ist – lässt er doch gleichsam beliebige „Zwischentöne“ zu: zwischen den ganzen Zahlen die rationalen Zahlen, zwischen den rationalen Zahlen die irrationalen Zahlen, zwischen den irrationalen Zahlen die imaginären Zahlen.</p>
<p>Wollen wir annehmen, dass unsere Sprache zum Zwecke der Repräsentation und Projektion dessen, was „es gibt“, was wir als Gegenstände oder Tatsachen der Welt bezeichnen, ähnlich funktioniert wie die erwähnten Formen der topographischen, geometrischen, tonalen oder zahlenförmigen Projektionen mittels eines Zeichensystems, das letztlich den Umkreis dessen, worüber wir reden können und worüber wir nicht reden können, ähnlich festlegte wie die Notenschrift festlegt, welche Töne wir hervorbringen können und welche Töne hervorzubringen uns versagt ist?</p>
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		<title>Logische Schneisen XII</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Feb 2014 16:19:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xii/">Logische Schneisen XII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Zahlen sind Indikatoren der Identität, und also der Verschiedenheit, von Dingen, Ereignissen, Tatsachen. Wenn du das eine Ding A aus einer gleichartigen Serie von Objekten wie Äpfeln, Handtüchern oder Tassen mit 1.0 etikettierst und das andere Ding B aus derselben Serie mit 1.1, weißt du, dass gilt: A ist nicht B. Und dies aus dem unabweislichen Grund, weil natürlich gilt: 0 ist nicht 1.</p>
<p>Aus dem Vorgang des Zählens und also aus dem Hantieren mit den natürlichen Zahlen 0 und 1 können wir die Struktur des logischen Raums aufbauen. Denn: (1) Zählen ist ein intentionaler Akt, der dem Zählenden bewusst ist, es kann (2) mittels Sprechakten dargestellt werden wie „Ich zähle von 1 bis 10“ oder „Ich zähle die Primzahlen zwischen 30 und 50“ oder „Ich zähle bis zur 18. Kommastelle der Zahl pi“ und ist (3) ein zentraler Baustein der Rationalität, weil es die logischen Forderungen nach Konsistenz, Kohärenz und logischer Folgerung voraussetzt und im besten Falle erfüllt.</p>
<p>Du zählst zunächst 0, danach zählst du 1. Zählen ist wie jede Hantierung und Handlung sowie jeder Sprechakt ein Vorgang in der Zeit, ein Vorgang, eine Handlung, die Zeit braucht. Wenn wir die Zahlen wie die Stationen eines Wanderwegs mittels Zählen erreichen und wenn das die Zahlen konstituierende Zählen Zeit braucht, können wir daraus schließen, dass Zahlen nicht in einer scheinbar zeitenthobenen Sphäre als ewige Entitäten herumschweben oder wie Fixsterne am platonischen Ideenhimmel festgenagelt sind.</p>
<p>10<sup>80</sup> ist die ungefähre Anzahl der Atome im Weltall. Die Zahl gibt eine unser Vorstellungsvermögen weit übersteigende Größe an – aber eine endliche, begrenzte, messbare Größe. Du kannst aber einfach hinschreiben: 10<sup>81</sup>, 10<sup>82</sup>, 10<sup>83</sup> und so weiter. Was heißt das? Wir zählen einfach weiter, wie es uns passt, scheinbar oder offenbar durch keine realen Grenzen der realen Raum-Zeit gehemmt.</p>
<p>Wären Zahlen gleichsam Abbilder der zählbaren Dinge, wären die Etiketten 1.0 und 1.1 nicht lose mit den durch sie etikettierten Dingen verbunden, sondern an sie fest angeheftet, könnten wir irgendwann nicht weiterzählen, sondern stießen an die faktische Grenze des Zählbaren.</p>
<p>Würden Zahlen die zu zählenden und  zählbaren Dinge bezeichnen, wie könnte es dann eine Null geben, die ja nichts zu bezeichnen scheint? Oder wie negative Zahlen – von irrationalen und imaginären Zahlen zu schweigen. Welches seltsame Objekt sollte die transzendente Zahl pi bezeichnen? Also, merken wir an, Zahlen bezeichnen oder referieren nicht, der Vorgang des Zählens ist kein Vorgang des Bezeichnens.</p>
<p>Aber, wendest du ein, wir brauchen die vertrackte Zahl pi doch, um ein wirkliches geometrisches Gebilde, den Kreis, zu vermessen, nämlich Umfang und Fläche des Kreises zu bestimmen! Doch was sind Kreise – und all die anderen geometrischen und topologischen Gebilde und Strukturen – anderes als wiederum Werkzeuge des menschlichen Geistes, der damit schalten und walten kann, wie es ihm beliebt – freilich bis zur unüberschreitbaren Grenze der Inkonsistenz?</p>
<p>Würden Zahlen etwas bezeichnen, müssten sie wie Eigennamen funktionieren. Eigennamen bezeichnen Gegenstände, die existieren, auch wenn wir um ihre Existenz nicht wissen. Denn gewiss gibt es einen gewissen Hans-Peter oder eine bestimmte Inge in deiner Nachbarschaft, in deinem Nachbarviertel oder deiner Nachbarstadt, die so heißen, von deren Existenz du aber nichts weißt. Was sollte es aber bedeuten, dass eine Zahl mit dem Namen Z<sub>0</sub> existiert, aber du weißt nichts von ihrer Existenz? Würden Zahlen bestehende Entitäten bezeichnen, wäre man leicht verführt, zu meinen, auch das Zeichen für das „Und so weiter“, das Unendlichkeitszeichen, bezeichne einen Gegenstand, nämlich das Unendliche. Schon kommen wir in Teufels Küche und stellen unsinnige Fragen wie: Was für ein Objekt ist ein Objekt, das keine Grenzen hat, oder: Wie kann das Unendliche im Endlichen existieren?</p>
<p>Wir fangen irgendwo an, egal wo – aber noch haben wir nichts getan, keinen Mucks und keinen Schritt. Wir nennen diesen Ort des Ursprungs unserer Absichten, Vorhaben, Handlungen und Sprechakte in der irrealen Welt der Zahlen den Nullpunkt oder einfach null. Das ist der Ausgangspunkt – es gibt nichts davor, alles aber danach: Wenn wir den ersten Schritt tun, haben wir gleichsam alle Schritte getan – wie wir gleichsam alles gesagt haben, wenn wir das erste Wort gesagt haben.</p>
<p>Wenn wir den ersten Schritt tun, zählen wir 1. Wir sagen: 1 ist der natürliche Nachfolger der Null, die nur diesen einen direkten Nachfolger, aber keinen Vorfolger oder Vorgänger hat.</p>
<p>Jetzt stehen wir gleichsam auf vorgerücktem Posten, auf der Wegscheide oder am Scheideweg. Vor oder zurück? Wenn uns jetzt der Mut verlässt und wir vor dem nächsten Schritt zurückschrecken, kann es passieren, dass wir kopflos werden und zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren.</p>
<p>Was ist hier passiert? Wir stehen gleichsam unverrichteter Dinge wieder am Nullpunkt, müssen wie man sagt wieder bei null beginnen, obwohl wir die Position der 1 schon erreicht hatten. Als hätten wir gerechnet: 0 x 1 = 0.</p>
<p>Wir haben demnach die Ursünde der Inkonsistenz, des Selbstwiderspruchs, begangen: einen Schritt nach vorn und gleich wieder einen Schritt zurück. Wir sehen, was dabei herauskommt: gar nichts. Wir können die Inkonsistenz sehen, nämlich an der Gleichung 0 x 1 = 0, wofür wir auch schreiben können: ̶1̶  = 0.</p>
<p>Natürlich sollten wir vermeiden, gleich bei unserem ersten Schritt in unbekanntes Gelände zu straucheln. Können wir aber gleichsam auf hoher See oder mitten im Getümmel den Fehltritt der Inkonsistenz auf alle Fälle sichten und ausräumen? Bleiben wir bescheiden und sagen: Nur so weit das Auge reicht, sprich, soweit wir einen Überblick gewinnen können. Vielleicht hast du vor einem Jahr angenommen, Irene wohne in deinem Viertel, heute denkst du nicht mehr an diese Annahme und argwöhnst, Irene wohne nicht in deinem Viertel. Diese gleichsam milden, weil in dem Netzwerk unserer Annahmen lokal umgrenzten und deshalb relativ ungefährlichen Inkonsistenzen können wir nicht ausschließen.</p>
<p>Wenn wir einen Weg zurückgelegt haben und auf einen Hügel gelangen, können wir zurückblicken und unsere verschlungenen Pfade überschauen, die wir gegangen sind, um unseren Überblickspunkt zu erreichen. Wenn wir sehen, dass die zurückgelegten Wegstrecken – trotz Kurven und mancher Umwege und Überkreuzungen – kontinuierlich auseinander hervorgehen, ist alles in Ordnung. Würden wir dagegen wahrnehmen, dass die Spuren unserer Schritte plötzlich abbrechen, um an einer anderen Stelle unversehens wiederaufzutauchen, stutzten wir gehörig und dächten, dass hier was nicht stimmt. Solche Unterbrechungen der Weglinien unseres Handelns und Denkens, solche Löcher im Kontinuum unserer Erfahrung stehen gleichnishaft für das Auftreten von Inkonsistenzen. Wie können wir sie identifizieren? Nun, wir müssen halt immer wieder nach einer gewissen Wegstrecke einen Überblickspunkt finden, von dem aus wir den Faden der Gedanken zurückspulen – und darauf hoffen, dass wir nicht plötzlich ein loses Ende in Händen halten. Dagegen haben wir als gebrechliche Wesen, deren Gedankenkontinuum ständig durch Vergessen, durch Träume und mentale Gewitter unterbrochen wird, keine Hoffnung und keine Chance, einen Aussichtspunkt zu finden, von dem aus wir alle von uns jemals zurückgelegten Wege auf einen Schlag in den Blick nehmen könnten – und könnten wir es, wäre damit noch nicht viel ausgerichtet, denn wir gehen ja weiter, haben noch eine Strecke Weges vor uns, die wir dann wiederum von einem anderen Aussichtspunkt überblicken müssten.</p>
<p>Es könnten Rück- und Überblicke zu fatalen Einsichten führen, dann nämlich, wenn jemand bemerkt, dass die Abdrücke der Fußspuren zwar in die Nähe seines Beobachtungspostens führen, aber nicht geradewegs zu seiner Position gelangen, sondern kurz davor abbiegen und in entgegengesetzter Richtung weiterlaufen. Hier, bemerken wir, kann der Einbruch der Inkonsistenz ins Netzwerk der Gedanken und Erinnerungen dermaßen extrem und umfassend sein, dass wir Zweifel zu hegen beginnen, ob wir der Person noch den Status eines rationalen Lebewesens zusprechen wollen.</p>
<p>Wir haben den ersten Schritt getan und sind bei der natürlichen Zahl 1 angelangt. Wir blicken zurück und sehen: Dies ist der einzig konsistente Schritt, um uns von der Null wegzubewegen. Wir bemerken, die Null ist die erste natürliche Zahl und hat genau einen Nachfolger. Also folgern wir, dass die 1 als die zweite natürliche Zahl ihrerseits einen Nachfolger hat. Wir machen den nächsten Schritt und gelangen zur 2. Erst von dieser Position aus können wir mit Sicherheit sagen: und so weiter.</p>
<p>Wir gelangen so rasend schnell zur 9, dann aber springen wir gleichsam auf die erste Etage und schreiben nicht ein eigenes Zeichen für die Zehn hin, wie man es mit dem lateinischen Alphabet mithilfe von X tut, sondern setzen die Zehn aus der 1 und der 0 zusammen und erhalten 10. So machen wir weiter bis zur 20, 30, 40 und so weiter und springen schließlich bei 99 auf die nächste Etage unseres Stellenwertsystems des Zählens, nämlich auf die 100.</p>
<p>Wir bemerken, dass uns die Zahlen 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 ausreichen, um die Menge der natürlichen Zahlen vollständig aufzubauen. Aber, könntest du einwenden, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.</p>
<p>In der Tat, dass wir unser Zahlensystem anhand der Zehnerreihe aufbauen, ist nur der natürlichen und kontingenten Tatsache geschuldet, dass wir nun einmal zehn Finger haben und vor Zeiten anhand unserer Finger mit dem Zählen begonnen haben, wie es kleine Kinder auch jetzt noch tun. Kurz und gut: Da wir alle Zahlen mit der 0 und der beliebigen Addition von Einsen darstellen können, liegt das binäre System, mit dem wir die Zahlen und alle anderen Zeichen (vor allem die Buchstaben) mittels der Kombination der Zeichen für 0 und 1 darstellen können, in all seiner Perfektion, Eleganz und Schönheit vor unseren Augen.</p>
<p>Wir haben zu zählen begonnen und das Sesam-öffne-dich von Mathematik und Logik, das Und-so-weiter, mutig ausgesprochen. Und wie geht das Und-so-weiter? Du meinst, es nehme halt kein Ende mit dem Zählen und Sprechen, weil du ja immer weiter zählen und sprechen und für den Nachfolger des Nachfolgers den Nachfolger benennen könnest – weil du bei der x-ten Zahl einfach die nächste Zahl mit der Formel x + 1 bilden könnest, ein unerschöpfliches Unterfangen!</p>
<p>Wenn Zahlen aber Werkzeuge des menschlichen Geistes sind und wenn vieles, was Menschen ins Werk setzen, wohl großartig und bewunderungswürdig sein mag, aber letztlich doch begrenzt und endlich ist, wird dann nicht auch unser kreatives Und-so-weiter an ein Ende kommen und abbrechen müssen? Wir können ja, wenn das Universum aus 10<sup>80</sup> Atomen besteht, in einer höchst optimistischen Fiktion „nur“ 10<sup>80 </sup>Zahlen, Ziffern oder Striche an bestimmten Punkten dieses Universums anbringen.</p>
<p>Was tun? Schreiben wir getrost 10<sup>81</sup> hin. Im Bereich der geistigen Abenteuer können wir, was wir wollen – und wir wollen nicht von realen Hemmklötzen in unserer mathematisch-logischen Urlust gestört werden, weiter zu zählen und weiter zu sprechen.</p>
<p>Mit der Gleichung 1 – 2 = –1 gelangen wir in den Bereich der negativen Zahlen. Wir sehen dies im Bild, dass wir uns im Nullpunkt umdrehen und in die entgegengesetzte Richtung einen Schritt machen. Und wieder gilt das Nachfolgeraxiom, das uns das Und-so-weiter in dieser Richtung eröffnet.</p>
<p>Mit dem geordneten Zahlenpaar (1/1) erobern wir die zweite Dimension, die Ebene oder Fläche, mit dem geordneten Zahlentripel (1/1/1) die dritte Dimension, den Raum. Wir sehen: Wir können nicht nur linear auf dem Zahlenstrahl das Und-so-weiter Schritt für Schritt vollziehen, sondern auch multidimensional den Raum der Dimensionen mit dem Und-so-weiter Schritt für Schritt aufbauen.</p>
<p>Wir haben mit dem Punkt der Ebene P<sub>1</sub> (1/1) und dem Punkt des dreidimensionalen Raums P<sub>2 </sub>(1/1/1) genau einen Wert von virtuell unendlich vielen Werten herausgegriffen. Dies gilt auch dann, wenn wir mittels dieser Punkte im cartesischen Koordinatensystem ein Quadrat mit der Kante 1 oder einen Kubus mit der Kante 1 konstruieren. Wir brauchen nur willkürlich einen Wert der Punktmengen zu variieren, zum Beispiel P<sub>3</sub> (1/2) oder P<sub>4 </sub>(1/1/2), und schon erhalten wir als Ergebnis andere geometrische Gebilde, nämlich ein Rechteck beziehungsweise eine quadratische Säule.</p>
<p>Die Virtualität oder die grenzenlosen Möglichkeiten der Wertverteilung können wir folgendermaßen ausdrücken: P<sub>1</sub> (x<sub>1</sub>/y<sub>1</sub>) beziehungsweise P<sub>2</sub> (x<sub>1</sub>/y<sub>1</sub>/z<sub>1</sub>). Wir sehen: Wir können nicht nur mit gegebenen Zahlen hantieren, sondern auch durch algebraische Abstraktion mit virtuellen Zahlen spielen.</p>
<p>Wir verteilen beliebige Werte auf die Punktmengen und üben uns im Und-so-weiter, indem wir an je einer Wertstelle eine 1 hinzufügen: P<sub>5</sub> (x<sub>1</sub> + 1/y<sub>1</sub> + 1/z<sub>1</sub> +1). Wenn wir auf den vollständigen Zahlenraum zugreifen, können wir statt der 1 auch jeweils –1, Wurzel aus –1 oder pi einsetzen.</p>
<p>Wenn du ein Quadrat in der Mitte faltest und die beiden Hälften zusammenklappst, erhältst du ein Rechteck, schneidest du es in der Mitte durch, erhältst du zwei flächengleiche Rechtecke. Machst du das mit einem Kubus, erhältst du einen Quader. Quetschst du einen Kreis, erhältst du eine Ellipse. Ja, du kannst mit ein bisschen Gewaltanwendung einen Kubus so lange zusammenpressen, bis er wieder eine Dimension herunterfährt und ein Quadrat bildet (mach es in Gedanken, dann geht es problemlos). Wir sehen: Mittels regelförmiger Transformationen können wir nicht nur geometrische Gebilde einer Stufe ineinander verwandeln, sondern auch Gebilde beliebiger Stufe auf die nächstniedrige Stufe, wie von der 3. Dimension auf die 2. Dimension, transformieren. Wir sagen: Zahlen und Gebilde, die wir anhand von Punkt- und Zahlenmengen konstruieren, können wir beliebig variieren.</p>
<p>Was wir nicht können, und hier handelt sich es wiederum nicht um ein empirisches Versagen, sondern um einen Zug oder eine Eigenschaft im logischen Raum: Wir können mittels Variationen keine zahlenförmigen Strukturen oder geometrischen Gebilde erzeugen, die nicht durch die Angabe ihrer Koordinaten, also mittels Punkt- und Zahlenmengen, dargestellt werden können. Das Verfahren der Variation ist strukturell und dimensional in sich abgeschlossen durch den Begriff der Identität. Variation setzt den Begriff der Identität voraus.</p>
<p>Würden wir den Begriff der Identität aufgeben, könnten wir nicht mehr zählen – und also nicht mehr denken. Gedanken sind Variationen der Identität. Wenn wir auf dem Gedankenweg den Ausgangspunkt, den Nullpunkt, unserer freien Variationen gleichsam vergessen oder aus den Augen verlieren und von unserem Überblicksposten aus nicht mehr gewärtigen können, haben wir das Spiel verloren und uns heillos in Inkonsistenzen verstrickt. Wir haben dann nicht bloß Fehler gemacht, wie einem eben nun mal notgedrungen Rechenfehler unterlaufen, sondern sind nicht mehr in der Lage, zu erkennen und zu behaupten, ob wir Fehler gemacht haben oder korrekt gerechnet und klar gedacht haben.</p>
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		<title>Logische Schneisen XI</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 17:02:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Inkonsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[Kohärenz]]></category>
		<category><![CDATA[Konsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Sebstwiderspruch]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die Dimensionen des logischen Raums, Sprache, Intentionalität, Bewusstsein und Rationalität, sind systematisch verknüpft, das heißt sie implizieren sich wechselseitig. Auf diese Weise bilden sie einen begrifflichen und axiomatischen Zirkel, der die Grenze zwischen den Gegensätzen absichtsvoll/unwillkürlich, intentional/kausal, sinnvoll/sinnlos sowie rational/irrational definiert. Wenn du die Behauptung äußerst „Ich glaube, dass der Mond der Erdtrabant ist“, äußerst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-xi/">Logische Schneisen XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Dimensionen des logischen Raums, Sprache, Intentionalität, Bewusstsein und Rationalität, sind systematisch verknüpft, das heißt sie implizieren sich wechselseitig. Auf diese Weise bilden sie einen begrifflichen und axiomatischen Zirkel, der die Grenze zwischen den Gegensätzen absichtsvoll/unwillkürlich, intentional/kausal, sinnvoll/sinnlos sowie rational/irrational definiert.</p>
<p>Wenn du die Behauptung äußerst „Ich glaube, dass der Mond der Erdtrabant ist“, äußerst du einen Satz über deinen intentionalen Zustand des Glaubens, der nicht eintreten kann, ohne dass du dir seiner bewusst bist; und weil du nicht nur glaubst, dass der Mond der Erdtrabant ist, sondern auch, dass ein Erdtrabant ein Planet ist, der die Erde umkreist, gibst du anhand der Kohärenz dieser Überzeugungen eine wenn auch geringfügige Probe deiner Fähigkeit zu rationalem Denken.</p>
<p>Dein behauptendes Sprechen impliziert das Bewusstsein des intentionalen Zustands des Glaubens oder Meinens oder Überzeugtseins sowie die Vereinbarkeit der geäußerten Überzeugung mit möglichst vielen und bestenfalls all deinen restlichen Überzeugungen. Wir halten fest: Behauptungen setzen die Kohärenz der in der Behauptung geäußerten Überzeugung mit möglichst vielen (bestenfalls allen) empirischen und logischen Annahmen des Sprechers voraus, die sich in einem Netz von Überzeugungen und Annahmen wechselseitig implizieren oder auseinander ableitbar sind oder wechselseitig ausgrenzen und negieren.</p>
<p>Sollte sich bereits an der logischen Form des geäußerten Satzes zeigen, dass er nicht sinnvoll ist, wie bei dem Satz „Ich glaube, der Mond ist der Erdtrabant, und ich glaube nicht, dass ein Planet die Erde umkreist“, können wir aus der sinnwidrigen Behauptung auf eine Inkonsistenz im Netzwerk der Überzeugungen des Sprechers schließen. Ob das Gewebe des Netzwerks nur an dieser Stelle gleichsam einen Riss hat oder ob sich der Riss über die gesamte Fläche des Netzes ausbreitet, können wir erst mittels weiterer Stichproben anhand weiterer Behauptungen der Person ausfindig machen. Sollte sich bei genügend Proben erweisen, dass die Person nicht willens und in der Lage ist, aktiv und umfassend Inkonsistenzen aus dem rationalen Gewebe ihrer Überzeugungen auszuschließen, beginnen wir leise Zweifel am rationalen Status der Person zu hegen.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir gleichsam anhand des Schattens des Logischen die Schatten werfenden logischen Strukturen erfassen und aufbauen können. So wie wir anhand der fatalen Nah- und Fernwirkungen von Inkonsistenz im Glaubensnetz einer Person die Forderung nach Konsistenz als erste Forderung der Vernunft und des logischen Raums erfassen können.</p>
<p>Dabei unterscheiden wir streng Inkonsistenz als sinnwidrige Behauptung von Irrtum als Behauptung eines falschen Satzes. Wir können von sehr vielen Dingen das Falsche und Unwahre annahmen, ohne im Geringsten Gefahr zu laufen, Zweifel an der Berechtigung unseres Status einer rationalen Person zu erregen. Wenn ich glaubte, die Erde sei eine Scheibe, die Sterne würden von Engeln bewegt und hinter den Sieben Bergen hausten Pegasus und Einhorn, wäre ich nicht unvernünftig, sondern nur ein bisschen hinterm Mond.</p>
<p>Irrtümer und verkehrte Überzeugungen dieser Art hindern mich nicht daran, beim Bäcker und im Supermarkt einzukaufen, mit dir nett zu plaudern (außer über Einhörner und Verwandte) und meinen Alltag zu organisieren, kurz mittels der mehr oder weniger korrekten Verwendung spezifischer Sprechakte des Behauptens, Aufforderns und Versprechens und den sie begleitenden intentionalen Zuständen im Leben klar zu kommen.</p>
<p>Wer aber den Widerspruch in sein Glaubenssystem gastlich aufnimmt und dort sein Zerstörungswerk ungehindert durchführen lässt, überschreitet früher oder später die Grenzen des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein. Er scheint noch zu sprechen, aber da er zugleich das Gegenteil dessen, was er sagt, annimmt, teilt er uns nichts mehr mit, oder er teilt uns mit, dass er die Fähigkeit zur Übermittlung von Informationen eingebüßt hat. Er gibt uns zu verstehen und zu bedeuten, dass er die Fähigkeit des Bedeutungsverstehens verloren hat – er ist bedeutungsblind geworden.</p>
<p>Der Bedeutungsblinde versteht die Funktion der Zeichen nicht, nämlich einen Gegenstand zu bezeichnen und damit zugleich all das, was dieser Gegenstand nicht ist, auszuschließen oder abzugrenzen. Das Prädikat „rot“ versieht den Gegenstand mit einem Farbbegriff und schließt ihn zugleich von der Anwendung aller anderen Farbbegriffen aus. Hier bemerken wir, dass Bedeutungsverstehen auf der formalen Fähigkeit der Zuschreibung von Prädikaten derselben Kategorie und der Negation aller anderen Prädikate derselben Kategorie beruht.</p>
<p>Wenn wir sehen, wie jemand auf die Tafel schreibt „Ich bin über 30 Jahre alt, ich bin unter 30 Jahre alt, mein Vater lebt in Frankfurt, mein Vater liegt schon fünf Jahre auf dem Waldfriedhof“, könnte er sich als rationale Person ohne jeden Anflug inkonsistenten Denkens erweisen, wenn er auf unsere Nachfrage, was er denn da treibe, erklärt, er bereite grammatische Übungssätze für den Deutschunterricht vor.</p>
<p>Von dem Bedeutungsblinden aber können wir vergleichsweise sagen: Er öffnet das Fenster und schließt es gleich wieder. Er ruft jemanden an und legt sofort auf, wenn der Angerufene den Hörer abhebt. Er befeuchtet das Handtuch, mit dem er sich abtrocknen will. Er schreibt einen Satz nieder und streicht ihn wieder durch. Er multipliziert jede Zahl mit null. Er tritt gleichzeitig auf die Bremse und gibt Gas.</p>
<p>Der Bedeutungsblinde ist unfähig, in der pragmatischen Kommunikation des Alltags seine intentionalen Zustände und Absichten deutlich und verständlich kundzutun. Er verspricht etwas, ohne den festen Willen und die Absicht haben zu können, das Versprochene laut Verabredung einzuhalten und zu verwirklichen – er zeigt damit nicht seine Untreue und seine notorische Unzuverlässigkeit oder Vergesslichkeit, sondern sein Unverständnis dafür, um welchen Sprechakt es sich beim Versprechen eigentlich handelt. Jemanden, der seine Versprechen und Zusagen hartnäckig bricht, zeihen wir rechtens der charakterlichen Unzuverlässigkeit und tadeln ihn in der wenn auch wenig aussichtsreichen Hoffnung auf Besserung – den Bedeutungsblinden aber können wir nicht einmal tadeln, da es ihm nicht möglich ist, für die moralischen Folgen des Sprechakts des Versprechens geradezustehen und Verantwortung zu übernehmen. Wir reden hier nicht von Charakterschwäche, sondern von Geisteskrankheit.</p>
<p>Sprechen heißt, Grenzen ziehen, die Grenze der Anwendbarkeit von Prädikaten bestätigen oder zu verschieben suchen. In der Schwarz-Weiß-Welt impliziert die Behauptung „Dieser Fleck ist nicht schwarz“ die Behauptung „Dieser Fleck ist weiß“. In der Drei-Farben-Welt impliziert die Behauptung „Dieser Fleck ist rot“ die Behauptung „Dieser Fleck ist grün oder blau.“ Wir sagen etwas umständlich zur Verdeutlichung: Dieser Gegenstand gehört zur Menge aller Gegenstände, die in der Drei-Farben-Welt die Eigenschaft haben, rot zu sein, und er gehört nicht zur Menge aller Gegenstände, die die Eigenschaften haben, grün oder blau zu sein. Wenn ich die Zugehörigkeit eines Gegenstands zu einer Menge M<sub>1</sub> festgelegt habe, habe ich gleichzeitig die Nicht-Zugehörigkeit des Gegenstands zu jenen Mengen M<sub>2</sub>, M<sub>3</sub> … M<sub>n</sub> festgelegt, die mit M<sub>1</sub> denselben logischen Raum – hier den Farbraum – teilen.</p>
<p>Die Äußerung eines Sprechers in der Schwarz-Weiß-Welt „Dieser Gegenstand ist weder schwarz noch weiß“ manifestiert keine Sehschwäche, sondern Bedeutungsblindheit bei der sinnvollen Verwendung der Farbausdrücke. Der Satz „pi ist rot“ ist nicht falsch, sondern unsinnig, weil der Sprecher den kategorialen Unterschied von Zahlbegriffen und Begriffen von Gegenständen in der Raum-Zeit verkennt, dem gemäß Zahlen aus dem Farbraum gleichsam ausgesperrt sind. Über pi kann man nur sagen, was zu sagen im logischen Zahlenraum sinnvoll zu sagen ist, zum Beispiel dass es eine transzendente Zahl ist, dass es nicht die Lösung einer Gleichung darstellt und dergleichen mehr.</p>
<p>Wenn wir in der Schwarz-Weiß-Welt Schattierungen und Nuancen zulassen und jemand äußert: „Dieser Gegenstand ist weder schwarz noch weiß“, schließen wir daraus nicht auf Bedeutungsblindheit bei der sinnvollen Anwendung von Farbausdrücken. In diesem Fall ist die Konjunktion der Sätze „Dieser Gegenstand ist nicht schwarz“ und „Dieser Gegenstand ist nicht weiß“ kein Widerspruch, und der Sprecher ist nicht in die Falle des Selbstwiderspruchs und der Inkonsistenz getappt, wenn der Gegenstand grau ist.</p>
<p>Der formale Ausdruck der Inkonsistenz ist die Behauptung von p und nicht-p in einer relevanten Situation, die demselben Sprecher Behauptungen über denselben Gegenstand zuordnet. Wir stellen fest: Inkonsistenz ist gleichsam der Schatten von Behauptungen, nicht von Sätzen. Sätze wie „Der Kanzler von Deutschland ist ein Mann“ und „Der Kanzler von Deutschland ist eine Frau“ sind geäußert zur Zeit der Kanzlerschaft von Frau Merkel und Herrn Schröder falsch, geäußert zur Zeit der Kanzlerschaft von Herrn Schröder und Frau Merkel richtig. Die beiden Sätze werden inkonsistent, wenn sie als Konjunktion von derselben Person zur Zeit der Kanzlerschaft Schröders oder Merkels geäußert werden.</p>
<p>Dagegen bilden die beiden Sätze „Der Mond ist der Erdtrabant“ und „Der Mond ist aus grünem Käse“ keine Inkonsistenz, auch wenn der zweite Satz falsch ist und auch wenn sie von derselben Person angesichts des gerade prachtvoll aufgehenden Vollmonds geäußert werden.</p>
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		<title>Logische Schneisen X</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Jan 2014 17:28:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bewusstsein]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Repräsentation]]></category>
		<category><![CDATA[Wissen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Gehirne haben kein Bewusstsein. Nur Personen haben Bewusstsein oder sind sich ihrer Erlebnisse mehr oder weniger bewusst. Das Gehirn ist ein Teil der Person, mit dessen Hilfe sie denkt, aber nicht umgekehrt ist die Person Teil des Gehirns, zum Beispiel als Illusion oder Fiktion seiner Illusionen oder Fiktionen projizierenden Tätigkeit. Fiktionen sind im Übrigen nur [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-x/">Logische Schneisen X</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Gehirne haben kein Bewusstsein. Nur Personen haben Bewusstsein oder sind sich ihrer Erlebnisse mehr oder weniger bewusst. Das Gehirn ist ein Teil der Person, mit dessen Hilfe sie denkt, aber nicht umgekehrt ist die Person Teil des Gehirns, zum Beispiel als Illusion oder Fiktion seiner Illusionen oder Fiktionen projizierenden Tätigkeit.</p>
<p>Fiktionen sind im Übrigen nur als Gegensatz von Tatsachen verständlich, und Tatsachen werden von deskriptiven Sätzen über mögliche Umstände und Ereignisse der Welt von Personen konstituiert. Also werden auch Fiktionen als deskriptive Aussagen über nichtbestehende Umstände und Ereignisse der Welt von Personen konstituiert.</p>
<p>Wir nennen Personen solche Wesen wie wir, denen während sie was immer auch erleben in mehr oder weniger starkem Maße bewusst ist, was sie erleben, und denen im gleichem schwachen oder starken Maße bewusst ist, dass sie erleben, was sie erleben. Bewusstsein impliziert Selbstbewusstsein, wenn auch in nuce, wie umgekehrt Selbstbewusstsein natürlich Bewusstsein impliziert. Ich sehe, dass und wie es abends dunkel wird: Dass es kein anderer ist, dem genau dies Erleben, dieser intentionale Zustand, zugeschrieben werden kann außer mir, ist evident. Dieses Nicht-Können ist ein Zug im logischen Raum, kein empirisches Datum. Nur ich kann dies singuläre Erlebnis haben, weil alle Erlebnisse, die ich habe, eben dadurch zu meinen singulären Erlebnissen werden, dass ich sie habe.</p>
<p>Eine Welt der Tatsachen, die wir in Behauptungssätzen der Form „Ich glaube, dass p“ erfassen, ist der Tatsache des Bewusstseins äquivalent, die wir in Sätzen der Form artikulieren „Ich bin mir bewusst, dass ich glaube, dass p“. Wir bemerken hier, dass der Satz „Ich bin mir bewusst, dass ich glaube, dass p“ eine Implikation des Satzes „Ich glaube, dass p“ darstellt. Wir bemerken außerdem, dass der Begriff der Welt, in der wir leben, kurz Lebenswelt, ein Teil des logischen Raums und nicht ein Gegenstand oder die Summe von Gegenständen ist, die unabhängig oder jenseits des logischen Raums vorgefunden werden könnten – wie es theoretische Entitäten wie der physikalische Begriff des Kosmos unterstellen. (Indes steht auch der Begriff des Kosmos in einer internen Beziehung zum Begriff der Welt als der Welt des Bewusstseins – was an dieser Stelle nicht ausgeführt werden soll.)</p>
<p>Es scheint nicht adäquat zu sagen, dir deines intentionalen Zustands bewusst zu sein, sei eine Form des Wissens. Was du weißt, könntest du genauso gut nicht wissen. Jedes Wissen aber kannst du in die Satzform, „Ich weiß, dass p“ gießen und diesen wie jeden anderen Behauptungssatz kannst du verneinen, indem du sagst „Ich weiß nicht, dass p“. Aber deines intentionalen Zustands, zum Beispiel, dass du jetzt gerade diese Zeilen liest, nicht bewusst zu sein, ist nicht möglich, ist ein Nicht-Können, das eine Grenze des logischen Raums bezeichnet. Zu sagen „Ich habe den intentionalen Zustand i, bin mir dessen aber nicht bewusst, dass i“ ist nicht falsch, sondern unsinnig.</p>
<p>Die Tatsache des Bewusstseins (nicht die Organismen, die Bewusstsein haben) hat keine Geschichte. Sie ist eine unmittelbare Tatsache. Wäre sie das nicht, könnte es einen Zwischenzustand zwischen einem nichtbewussten Zustand i<sub>0</sub> und einem bewussten Zustand i<sub>1 </sub>geben, sodass der Wechsel von i<sub>0 </sub>zu i<sub>1</sub> zum Zeitpunkt t<sub>1</sub> die Entstehung des Bewusstseins markierte. Indes liegen bekanntlich auf der Punktgeraden zwischen der Nullkoordinate und dem Punkt 1 für die erste natürliche Zahl beliebig viele Zwischenpunkte, je nachdem, ob wir den rationalen oder reellen Zahlenstrahl zugrungelegen. Unter diesem Aspekt würde sich die Entstehung des Bewusstseins gleichsam unendlich aufschieben lassen.</p>
<p>„Wie lange bist du deiner bewusst?“ ist im Gegensatz zu den Fragen „Seit wann wohnst du in dieser Stadt?“ oder „Bist du eben erst aus der Ohnmacht erwacht?“ eine unsinnige Frage. Der Tod als die empirische Unmöglichkeit, dir weiterhin bewusst zu sein, ist die faktische, keine innere, logische Grenze des Bewusstseins.</p>
<p>Du gelangst nicht peu à peu von einem gleichsam vorbewussten, dunklen, vorreflexiven Zustand allmählich in die Helle des Bewusstseins. Du kannst die Tatsache des Bewusstsein eher mit einem Wunder vergleichen als mit der biologischen Entstehung eines Individuums aus dem Keim oder des komplexen Körpers durch die Synthese von Atomen und Molekülen – diese Analogien sind unzureichend.</p>
<p>Ähnlich wie der Satz vom Widerspruch keinen Anfang in der Zeit hat, ist das Bewusstsein gleichsam zeitlos, ewig, losgelöst oder absolut.</p>
<p>Das Bewusstsein ist nicht eine irgendwie subtile, raffinierte oder höherstufige Vorstellung oder Repräsentation – der Begriff der Vorstellung oder Repräsentation setzt die Tatsache des Bewusstseins immer schon voraus. Du hast beliebige Vorstellungen, aber du bist keine davon. Wir können dies auch so ausdrücken: Das Bewusstsein ist kein bewusster Inhalt seiner selbst – alle bewussten Inhalte sind intentionale Korrelate des Bewusstseins und setzen seine Existenz voraus.</p>
<p>Kurz: Das Bewusstsein ist keine Vorstellung einer Vorstellung, kein Resultat einer Reflexion. Wäre es Resultat einer Reflexion, könnte es dieses Resultat zum Objekt erneuter Reflexion machen und so weiter ad infinitum.</p>
<p>Bewegung und Wechsel sind akzidentelle Eigenschaften intentionaler Zustände, die behauptenden Aussagen korrelieren, keine wesentliche Eigenschaft des Bewusstseins und der Dimensionen des logischen Raums. Du bist dir zum Zeitpunkt t<sub>1</sub> bewusst, dass p<sub>1</sub>, zum Zeitpunkt t<sub>2</sub>, dass p<sub>2</sub> usw. Die Aussage, dass p<sub>1</sub> „Es regnet“ hat keine wesentliche, interne Beziehung zu der Aussage p<sub>2</sub> „Die Sonne scheint“ – im Gegensatz zu der Aussage –p<sub>1</sub> „Es regnet nicht“ oder –p<sub>2</sub> „Die Sonne scheint nicht“. Es ist für den Inhalt und die logische Form der behauptenden Aussagen gleichgültig, ob p<sub>1 </sub>oder p<sub>2</sub> zum Zeitpunkt t<sub>1</sub> oder t<sub>2</sub> oder einem beliebigen anderen Zeitpunkt geäußert werden. Daraus folgt, dass die zeitliche Zuordnung bewusster intentionaler Zustände, die in behauptenden Aussagen ihr intentionales Korrelat haben, für deren interne Struktur und logische Form keine Relevanz hat.</p>
<p>Dies gilt nicht für den zweiten wesentlichen Typ von Aussagen, den Aufforderungen und Versprechen, die eine interne Relation zu den Zeitpunkten ihrer Äußerung aufweisen: Ich kann dich nicht dafür tadeln, mir anders als verabredet, zugesagt oder versprochen das ausgeliehene Buch nicht zum ausbedungenen Zeitpunkt zurückgegeben zu haben, wenn ich dir zuvor zu dem Zeitpunkt, als du es von mir ausgeliehen hattest, nicht die Zusage und das Versprechen abgenommen hatte, es mir zum ausbedungenen Zeitpunkt wieder zurückzugeben – sondern es dir auf beliebige Zeit ausgeliehen hätte. Anders gesagt: Du kannst mich nur dann tadeln, etwas getan zu haben, also auffordern oder zu der Absicht veranlassen, es nicht wieder zu tun, wenn du mich zuvor aufgefordert oder zu der Absicht veranlasst hast, das Gegenteil davon zu tun. Hier spielt die zeitliche Reihenfolge der Äußerungen und ihrer korrespondierenden intentionalen Zustände des Bewusstseins demnach eine wesentliche Rolle.</p>
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		<title>Logische Schneisen IX</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jan 2014 18:03:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Kohärenz]]></category>
		<category><![CDATA[Konsistenz]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die biologische Tatsache, die den Aussagetypen des Aufforderns und des Versprechens und der sprachlichen Pragmatik wechselseitiger, symmetrischer und reziproker Veranlassung zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als bedürftige Kreaturen Bedürfnisse und Antriebe verspüren. Wir leben allerdings in der singulären Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein, in der unsere Bedürfnisse und Antriebe uns als [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-ix/">Logische Schneisen IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die biologische Tatsache, die den Aussagetypen des Aufforderns und des Versprechens und der sprachlichen Pragmatik wechselseitiger, symmetrischer und reziproker Veranlassung zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als bedürftige Kreaturen Bedürfnisse und Antriebe verspüren. Wir leben allerdings in der singulären Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein, in der unsere Bedürfnisse und Antriebe uns als intentionale Zustände von Wünschen und Absichten gegenwärtig werden und zugänglich sind, nämlich als Wünsche und Absichten, dasjenige, was wir für erstrebenswert halten, zu erlangen, und dasjenige, was wir für gefahrbringend halten, zu vermeiden.</p>
<p>Die biologische Tatsache, die dem Aussagetypus der Behauptung  zugrundeliegt, ist die Tatsache, dass Menschen als rezeptive Sinnenwesen Eindrücke von ihrer Umwelt erfahren. In der Welt des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein übersetzen wir diese sensorischen Reize in die generellen Terme unserer empirischen Aussagen über Gegenstände, die wir mithilfe von Existenzquantoren binden, wie in den Aussagen (x) Fx oder Fa. Solcherart pflegen wir unsere Überzeugungen und Annahmen über mögliche und tatsächliche Ereignisse und Sachverhalte in der Welt auszudrücken.</p>
<p>Wenn du Durst verspürst, befindest du dich in dem intentionalen Zustand des Wunsches, etwas zu trinken. Du hast durch hinreichende Proben der Vergangenheit, bei denen du deinen Durst mit Wasser hast stillen können, die feste Überzeugung gewonnen, dass Wasser genau der Stoff ist, dessen du bedarfst, um deinen Durst zu löschen. Um den Wunsch zu erfüllen, ist es vernünftig oder rational, mich in der gegebenen Situation darum zu bitten, dir die Flasche Wasser zu reichen.</p>
<p>Wir bemerken hier, wie du von einem intentionalen Zustand in den nächsten intentionalen Zustand gleichsam gleitest oder wechselst: Dein Wunsch, etwas zu trinken, führt dich zur Intention, mich darum zu bitten, dir das Wasser zu reichen. Wir können diesen Wechsel als vernünftigen Schluss aus zwei Prämissen darstellen: (1) „Ich habe den Wunsch, etwas zu trinken.“ (2) „Ich weiß, dass Wasser meinen Durst stillt.“ (3) „Also bitte ich die Person X, mir das Wasser zu reichen.“</p>
<p>Rationale Schlüsse und Relationen von intentionalen Zuständen sind keine kausalen Zusammenhänge und keine Abfolge von kausalen Wirkungen. Der obige Schluss ist rational und zwingend, das heißt aber nicht, dass du, wenn du zu dem Ergebnis kommst, es sei rational und vernünftig, mich darum zu bitten, dir die Flasche Wasser zu reichen, diesen Sprechakt einer Aufforderung auch tatsächlich ausführst oder in irgendeinem kausalen Sinne auszuführen genötigt wärest: Du könntest mir gerade an diesem Tag meine dumme und herabsetzende Äußerung von gestern über dein Vorhaben, philosophische Essays auf deiner Webseite zu veröffentlichen, übel nehmen. Deshalb vermeidest du es, mich jetzt anzusprechen und mir Gelegenheit zu geben, dir bei einer freundlichen Geste zuzulächeln, und verzichtest lieber jetzt beziehungsweise vorläufig auf den erlösenden Schluck Wasser. Du hast dem sozial fundierten Wunsch, deinen Stolz zu wahren, in diesem Falle über den biologisch fundierten Wunsch, etwas zu trinken, den Vorrang oder die Präferenz gewährt.</p>
<p>Wir sprechen von Wünschen ersten und zweiten Grades und bemerken, dass diese Unterscheidung nicht mit der Unterscheidung von biologisch und sozial oder kulturell bedingten Wünschen äquivalent ist: Bei der Vorlesung, während der Unterredung mit deinem Vorgesetzten, während des Rendezvous mit deiner neuen Freundin kämpfst du gegen deine Müdigkeit an und unterdrückst alle körperlichen Anzeichen, die auf ein starkes Verlangen nach Schlaf hindeuten.</p>
<p>Wir haben gesehen, dass der logische Raum der Aussagen von zwei grundlegenden Aussagetypen erfüllt wird:</p>
<p>(1) die Behauptungen mittels empirischer Aussagen mit der logischen Form „Ich meine, dass p“, wobei p für einen beliebigen Satz mit einer empirischen Aussage über eine mögliche Tatsache der Welt steht wie „Der Mond ist der Erdtrabant“, sodass der Satz p wahr oder falsch sein kann, während der zusammengesetzte Satz als Aussage über den momentanen Bewusstseinszustand des Glaubens des Sprechenden immer wahr ist;</p>
<p>(2) die Aufforderungen oder Versprechen, deren pragmatische Grundform die Veranlassung darstellt: Ich veranlasse dich mittels einer sprachförmigen Geste der Aufforderung oder mittels eines Aufforderungssatzes, die Absicht zu hegen, das und das zu tun (wobei tun auch reden heißen kann); du veranlasst mich umgekehrt mit denselben Mitteln, eine Absicht zu hegen, dies und jenes zu tun. Du kannst deine Absicht, das von mir Geforderte auch wirklich und wahrhaftig in die Tat umzusetzen, bekräftigen, indem du sagst: „Es ist meine feste Absicht, dir diesen Gefallen zu tun!“ oder: „Ich verspreche dir, dir diesen Gefallen zu tun!“ Oder kurz, um mittels futurischer Verbform den Zukunftssinn der Absicht zu unterstreichen: „Ich werde dir diesen Gefallen tun!“</p>
<p>Das Netz der intentionalen Zustände überspannt beide Aussagetypen, Behauptungen und Aufforderungen, mittels der Grundformen rationalen Schließens: Wenn du die Absicht hegst, ein Haus zu bauen, folgt daraus eine Kette weiterer Absichten wie eine Bank mit der Finanzierung, einen Architekten mit der Planung und einen Bauingenieur mit der Ausführung zu beauftragen. Und diese Kette zerfällt wieder systematisch in eine lange Serie oder eine Kaskade von intentionalen Einzelschritten, die logisch aufeinander aufbauen und auseinander folgen: die Absicht, einen Bankberater anzurufen und mit ihm einen Termin zu vereinbaren, die Absicht, einen Finanzplan auf der Grundlage bestehender Einkommen und Vermögen zu ermitteln, die Absicht, einen Kredit in berechnetem Umfang zu beantragen, die Absicht, Zusatzversicherungen zur Absicherung des Kredits abzuschließen usw.</p>
<p>Wir sprechen hier von den systematischen Bedingungen der Kohärenz und der Konsistenz, das heißt der logischen Vereinbarkeit und der logischen Ableitbarkeit von Aussagen, die Begründungszusammenhänge und motivationale Kontexte, kurz Kontexte von Gründen und Intentionen, aufweisen müssen, damit es uns auf Dauer gelingt, unsere Ziele zu erreichen und unsere Zwecke zu verwirklichen.</p>
<p>Wenn du wirklich ein Haus bauen willst, du dich aber trotz der Tatsache, dass dein Vermögen bei weitem nicht ausreicht, ein solch teures Unternehmen zu finanzieren, weigerst, bei der Bank einen Kredit aufzunehmen, sprechen wir von einem inkohärenten motivationalen oder intentionalen Kontext oder einer Inkohärenz der Absichten. Wenn du der Überzeugung bist, dass zur Planung eines Hausbaues die fachliche Arbeit eines Architekten erforderlich ist, du aber dennoch nicht die geringste Absicht hegst und nicht die geringsten Anstalten unternimmst, einen Architekten zu beauftragen, sprechen wir von einem inkonsistenten Kontext der Gründe und Absichten. Denn es ist ein logischer Widerspruch zu wissen, dass die Erfüllung von A die Voraussetzung der Erfüllung von B ist, und gleichzeitig die Erfüllung von A zu negieren.</p>
<p>Wir unterscheiden Bedürfnisse, Antriebe und Triebe auf der einen Seite und Wünsche und Absichten auf der anderen Seite, also kausale Mechanismen und intentionale Zustände. Bedürfnisse, Antriebe und Triebe fallen außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung, außerhalb des Reiches der Vernunft – sie sind aber deshalb nicht irrational (dann gehörten sie ja als Negationen aller Sätze über rationale Wünsche und Absichten in den logischen Raum der Vernunft), sondern der Rationalität und Vernunft gegenüber neutral und indifferent. Das heißt, wir können nicht von reinen Antrieben oder Trieben wie Hunger und Durst oder sexuellen Trieben unmittelbar auf die Präferenz der Absicht oder den praktischen Schluss schließen, der sich aus dem rationalen Syllogismus mit den Prämissen eines Wunsches und der Wahl eines Mittels zur Wunscherfüllung ergibt – wie oben am Beispiel des Wunsches zu trinken gezeigt.</p>
<p>Antriebe können kausal mit visuellen oder anderen sensorischen Reizen verknüpft sein – so der visuelle Reiz einer Flasche Wasser mit dem Bedürfnis, zu trinken. Sensorische Reize befinden sich außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bewusstsein – sie sind neutral gegenüber den Begriffen von Wahrheit und Falschheit. Erst die Transformation des sensorischen Reizes in eine Wahrnehmung macht den Reiz gleichsam intelligibel, nämlich wahrheits- und falschheitsfähig. Man könnte auch sagen, Aussagen über sensorische Reize sind immer wahr, aber das heißt nur, dass sie tautologisch und empirisch nichtssagend sind. Ihr Indikator ist ja bekanntermaßen die Formel: „Mir scheint …“ Und damit kannst du nicht irren, weil eine Aussage über den mentalen Zustand deiner Gestalt-, Form-, Farb- oder Geruchswahrnehmung irrtumsresistent ist. Das ist der Unterschied der Aussagen: „Mir scheint, dort befindet sich eine Flasche Wasser“ und der Aussage: „Dort befindet sich eine Flasche Wasser“, die entweder wahr oder falsch ist.</p>
<p>Doch der sensorische Reiz muss erst in eine Wahrnehmung transformiert werden, wenn wir rational von unserer Wirklichkeit sprechen wollen. Dann gelangen wir zu der Überzeugung, dass wir unseren Wunsch stillen können, wenn wir aus der wahrgenommenen Flasche trinken. Wir befinden uns allererst im logischen Raum von Sprache und Bewusstsein, wenn sich herausstellen kann, dass diese unsere Überzeugung falsch war, weil sich in der Flasche kein echtes Wasser, sondern eine ungenießbare Flüssigkeit befand.</p>
<p>Wir ersehen aus dem Wechselspiel von intentionalen Zuständen und Syllogismen beziehungsweise praktischen Schlüssen, dass der logische Raum von Sprache und Bewusstsein zumindest über die beiden Dimensionen der Intentionalität und der Rationalität aufgebaut wird – die beiden Dimensionen umgreifen und implizieren einander. Sollte die Existenz von intentionalen Zuständen, wie manche behaupten, eine Illusion oder bloße Fiktion sein, und sollten alle intentionalen Zustände sich vollständig auf physische Zustände reduzieren lassen, müsste man folglich auch die Implikation der Existenz von Rationalität oder der menschlichen Fähigkeit, Aussagen in logische Verknüpfungen zu bringen, in Zweifel ziehen. Doch kann man überhaupt etwas in Zweifel ziehen, wenn man DIES in Zweifel zieht?</p>
<p>Wir nennen Wesen, die nicht nur Bedürfnisse, Antriebe und Triebe, sondern Wünsche und Absichten haben, Wesen, die nicht nur von sensorischen Reizen affiziert werden, sondern Wahrnehmungen und Überzeugungen über das Wahrgenommene haben, nämlich dass es entweder wahr oder falsch ist und das heißt, sich nicht nur auf einen je meinigen mentalen Zustand, sondern auf eine objektive Tatsache der Welt bezieht, sowie Wesen, die ihre Überzeugungen und Absichten auf kohärente und konsistente Weise des Verknüpfens und Schlussfolgerns verbinden, rationale Wesen oder Personen.</p>
<p>Wenn wir uns in einem skeptischen Überschwang  so weit aus dem Fenster lehnen oder so weit übernehmen, dass wir bezweifeln, dass Personen solche rationalen Wesen sind, die ihre Überzeugungen und Absichten auf kohärente  und konsistente Weise des Verknüpfens und Schlussfolgerns verbinden, dann zweifeln wir an unserer eigenen Existenz, unterminieren die Grundlage all unseres Wissens und stürzen in einen bodenlosen Traum.</p>
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		<title>Logische Schneisen VIII</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jan 2014 11:48:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechakt]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens: (2) (1) „Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“ „Betritt nicht die Straße!“ (2) (2) „Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“ „Betritt nicht die Straße!“ (2) (3) „Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“ „(Bitte) [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-viii/">Logische Schneisen VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Betrachten wir zunächst die Aussagetypen der Aufforderung und des Versprechens:</p>
<p>(2) (1)<br />
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (2)<br />
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (3)<br />
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“<br />
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (4)<br />
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“<br />
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“<br />
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“<br />
(3)<br />
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit ­­­dir zu treffen.“<br />
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“</p>
<p>Wir sehen: Wir können den Hauptsatz mit dem sogenannten Indikator, der dem Infinitiv voransteht, welcher den Inhalt der betreffenden Aufforderung beziehungsweise des Versprechens angibt, ersatzlos streichen und sodann den erweiterten Infinitiv in einen Aussagesatz umformen. Dann erkennen wir, dass alle Aufforderungen ob Warnung, Empfehlung oder Bitte dieselbe Satzform annehmen – ja, wir können sogar den Fragesatz in einen Aufforderungssatz umformen, nämlich in die Bitte um Antwort.</p>
<p>Es verbleiben demnach als sprachliche Grundformen des pragmatischen Umgangs von Menschen die beiden Satztypen der Aufforderung und des Versprechens:</p>
<p>„Ich fordere dich auf, das und das zu tun.“<br />
„Ich verspreche dir, das und das zu tun.“</p>
<p>Wir sehen: Hier handelt es sich um symmetrische und reziproke Strukturen. Wenn ich dich bitte, uns zu unserem Treffen zwei Stück Kuchen vom Bäcker mitzubringen, ist dieser Satz umgekehrt äquivalent zu dem symmetrisch und reziprok gebildeten Satz, den du auf meine Bitte hin äußern könntest: „Ich verspreche dir, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen.“</p>
<p>Wir führen zur weiteren Reduktion der Formunterschiede und zur Vereinfachung der Darlegung den Begriff der Veranlassung ein. Symmetrie und umgekehrte Äquivalenz werden so noch klarer und sichtbarer. Wenn ich dich veranlasse, uns zu unserem nächsten Treffen zwei Stück Kuchen mitzubringen, kannst du deine Bereitschaft, dich von mir zu diesem Tun veranlassen zu wollen, mit dem Versprechen Ausdruck verleihen, das Erwünschte zu tun.</p>
<p>Im pragmatischen Umgang stehen sich Ego und Alter Ego in symmetrischen und reziproken Positionen gegenüber – in einem sprachlichen Feld, in dem sich mittels der Satztypen der wechselseitigen Veranlassung reziproke und gegenläufige Intentionen kreuzen: Ich veranlasse dich, etwas zu tun – du veranlasst mich, etwas zu tun.</p>
<p>Hierbei ist stets zu ergänzen: etwas zu tun oder nicht zu tun (das heißt zu lassen). Der Inhalt der angesonnenen Tätigkeit mag dabei vom bloßen An-etwas-Denken über das Aussprechen nachgefragter Information bis hin zur zupackenden Tat reichen.</p>
<p>Wie vermag ich dich zu veranlassen, mir bei Tisch die Wasserflasche herüberzureichen? Nun, ich werde vielleicht zu dir gewandt sagen: „Wärst du so nett, mir die Flasche Wasser zu reichen?“ oder „Bitte reich mir doch die Flasche herüber!“ Du verstehst ja Deutsch und weißt, was ich meine, und weil du mir freundlich gesinnt bist, zögerst du nicht, mir das Gewünschte zu geben.</p>
<p>ich könnte allerdings auch eine Hand in Richtung Wasserflasche ausstrecken, als Geste der Aufforderung, einer möge so freundlich sein, mir die Flasche zu reichen, an die ich von meiner Position aus nicht hinlange. Und sicher würde ich mit dieser Geste deine Aufmerksamkeit wecken und du würdest sie richtig als sprachförmige Geste verstehen, die bedeutet: „Bitte, reich mir doch die Flasche Wasser herüber!“ Und du wiederum kommst mir mit der Bewegung deiner Hand gleichsam auf halbem Wege entgegen und reichst mir die Flasche.</p>
<p>Auf solche Weise hätte ich dich mittels eines einfachen Sprechaktes der Aufforderung oder mittels einer einfachen sprachförmigen Geste dazu veranlasst, zu tun, wonach mich verlangt hat.</p>
<p>Jemanden veranlassen, etwas zu tun, heißt nicht, auf jemanden kausal einzuwirken, sodass er tun muss, was du von ihm verlangst. Und jemanden etwas zu tun auffordern heißt nicht ihn wie mittels magischer Sprüche oder Beschwörungsformeln nötigen, etwas zu tun. Auch wenn du von deiner hohen Amtsstellung her befugt wärest, jemandem zu befehlen, etwas zu tun, könnte er sich noch immer weigern, dem Befehl zu gehorchen, auch wenn die Befehlsverweigerung mit hohen Sanktionen bewehrt wäre, denn diese zu erleiden könnte dem heroisch Gesinnten besser dünken, als seinen freien Willen aufzugeben. Du kannst jemanden durch Schmeicheleien und Versprechungen zu beeinflussen und durch Aussicht auf materiellen Gewinn zu bestechen suchen, der Betreffende ist dennoch nicht gezwungen, deiner Aufforderung nachzukommen, wie eine Lampe nicht anders als leuchten „kann“, wenn du den Schalter betätigt hast – es sei denn sie ist kaputt. Wir sagen zusammenfassend: Mit den für die menschliche Praxis wesentlichen und entscheidenden Sprechakten des Aufforderns und Versprechens begeben wir uns ein intentionales Feld des Redens und Tuns, nicht in ein kausales Feld des Geschehens.</p>
<p>Allerdings ist die Erfüllung von Wünschen nicht durch ihre Artikulation garantiert (Schön wärʼs oder auch gar nicht schön!). Es könnte Folgendes passieren: Ich trage dir meine Bitte vor und du ignorierst sie einfach! Du schneidest mich bei Tisch, weichst meinen Blicken aus, tust nicht, was ich von dir verlange, oder beantwortest meine Fragen nicht. Was ist hier geschehen?</p>
<p>Nun, du bist mir wohl böse und übel gesonnen, vielleicht weil ich dir einen Wunsch ausgeschlagen, dich missachtet oder beleidigt habe. Dann geschieht mir durch deine Ignoranz und deine Weigerung, dich von mir zu einem Tun veranlassen zu wollen, die Rache. Oder es gibt jemanden, der gleichsam ältere Rechte oder größeren Einfluss bei dir hat als ich und der dich veranlasst hat, nicht das zu tun, wozu immer ich dich veranlassen will, sondern es zu lassen.</p>
<p>Hier gelangen wir zu der trivialen Einsicht: Nicht jeder kann jedem alles sagen. Oder als Frage formuliert: Wer kann wem was sagen? Nicht jeder kann jeden zu was auch immer veranlassen, nicht jeder fühlt sich von jedem veranlasst, was auch immer zu tun.</p>
<p>Die Arten der Aufforderung sind in einer sozialen Hierarchie angeordnet und reichen vom Befehl des Generals während höchster Gefährdung im Feld, wobei dem Befehlsverweiger durchaus die Todesstrafe drohen mag, über die Anordnung der Eltern, bei Tisch nicht durcheinanderzureden, bis zur Bitte des Bettlers, ihm einen Euro zu schenken. Je nachdem, in welchem Maße die Weigerung, einer Aufforderung nachzukommen, mit Strafe oder Tadel sanktioniert ist, bewerten wir den Ernst und das Gewicht einer Aufforderung.</p>
<p>Ob du dein Versprechen, am ausbedungenen Zeitpunkt und Ort zu erscheinen, wahr machen wirst, steht dahin, wie alles, was man nicht in der Vergangenheitsform formulieren kann. Du könntest dein Versprechen vergessen oder verraten haben, du könntest es im Augenblick, da es dir über die Lippen kam, gar nicht ernst genommen haben, du könntest durch einen Unfall, eine Unpässlichkeit, eine Krankheit, ja im schlimmsten Falle durch dein Ableben endgültig verhindert sein, dein Versprechen einzulösen.</p>
<p>Mit den Sprechakten der Aufforderung und des Versprechens drücken wir unsere Absichten aus, dass ein anderer etwas für uns tue, oder dass wir bereit sind, für einen anderen etwas zu tun. Der Zeitpunkt, an dem eine Absicht erfüllt oder verwirklicht sein wird, ist immer die Zukunft, ein zukünftiger Moment, gesichtet vom imaginären Standpunkt der Gegenwart aus. Was in Zukunft geschehen mag, weiß niemand mit Gewissheit vorauszusehen. Deshalb reichen die Sprechakte der Aufforderung und des Versprechens gewissermaßen in den dunklen oder unsichtbaren Raum des Ungeschehenen.</p>
<p>Wir versuchen, der Ungewissheit alles Zukünftigen gegenzusteuern, indem wir gleichsam Sicherungen in unsere Handlungsschaltkreise einbauen: Du hast deinem Freund versprochen, das ausgeliehene Geld endgültig übermorgen zurückzuerstatten. Weil du nicht voraussehen konntest, ob du die Summe aus eigenen Kräften aufzubringen vermochtest, hast du dir rechtzeitig von einem Dritten dieselbe Summe geliehen. So schleppst du dich zwar mühsam von Gläubiger zu Gläubiger, kannst aber mittels dieser fragwürdigen Absicherung dein Versprechen einhalten.</p>
<p>Wenn du einen größeren Kredit bei einer Bank bezogen hast, hat sich die Bank gegen die Ungewissheiten und Unsicherheiten der Zukunft durch den Abschluss einer Versicherung zur Begleichung der anfälligen Restsumme im Krankheitsfalle, bei Unfall, Invalidität und Tod abgesichert.</p>
<p>In den entscheidenden Fällen unseres Lebens haben wir keine Versicherung oder Sicherheiten zur Hand. Wir erwarten nicht nur den Erhalt und die Wiederkehr alles dessen, was uns lieb und teuer ist, sondern sein endgültiges Verschwinden. Deshalb sind unsere am Zeitsinn der Zukunft orientierten handlungsleitenden Sprechakte des Aufforderns und Versprechens immer auf Risiko, Wagnis und Ungewissheit hin gesprochen.</p>
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		<title>Logische Schneisen VII</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Jan 2014 16:34:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Aussagetypen]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>
		<category><![CDATA[sprachliche Grundformen]]></category>
		<category><![CDATA[Verstehen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn du unwillkürlich einen Schrei ausstößt, weil du dich erschrocken hast, ist der geäußerte Laut keine Mitteilung, keine Sprache. Der unwillkürlich verlautbarte Schrei liegt außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung. Wenn dich dein Freund durch einen Schrei auf eine unmittelbar drohende Gefahr aufmerksam macht – du warst ganz in Gedanken und hättest beinahe [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-vii/">Logische Schneisen VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du unwillkürlich einen Schrei ausstößt, weil du dich erschrocken hast, ist der geäußerte Laut keine Mitteilung, keine Sprache. Der unwillkürlich verlautbarte Schrei liegt außerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.</p>
<p>Wenn dich dein Freund durch einen Schrei auf eine unmittelbar drohende Gefahr aufmerksam macht – du warst ganz in Gedanken und hättest beinahe die Straße betreten, obwohl ein Auto heranraste –, und aufgrund dieser willkürlich hervorgebrachten Verlautbarung siehst du dich plötzlich gewarnt und vermeidest den Schritt auf die Straße – in diesem Falle würden wir sagen, es handle sich um eine sprachliche Mitteilung, um Sprache. Der willkürlich und absichtsvoll verlautbarte Schrei liegt innerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.</p>
<p>Hier ist bemerkenswert, dass Sprache nicht notwendig artikulierter Laut sein muss, um als Sprache zu funktionieren: Dein Freund hätte dich auch fest in den Arm kneifen können und du hättest dies als absichtsvolle Kundgabe der Warnung verstanden, nicht weiterzugehen – in einem solchen Fall wäre die Handlung oder die Geste ein sprachliches Zeichen und Teil des logischen Raums von Sprache und Bedeutung.</p>
<p>Du hast den Schrei als Ausdruck der Warnung vor einer unmittelbar drohenden Gefahr verstanden. Du hast die Bedeutung des Warnhinweises begriffen. Dein Verstehen und Begreifen manifestierte sich in deinem Handeln: Du hast den Fuß zurückgezogen und bist stehen geblieben. Dein Verstehen des Zeichens erfasste ebenfalls die Absicht deines Freundes, dich mit diesem Zeichen zu warnen, und umfasste auch die Tatsache, dass er diese Absicht durch das Hervorstoßen des Schreis verwirklicht hat.</p>
<p>Wie aber, wenn dein Freund gar nicht die Absicht hegen konnte, dich durch einen Schrei zu warnen, weil sich die Ereignisse überstürzten, er allerdings sah, wie du im Begriff warst, den Fuß auf die Straße zu setzen, und wie gleichzeitig das Auto herbeiraste – und hat dann vor Schreck einen Schrei ausgestoßen? Dann hast du allerdings diesen unwillkürlich hervorgestoßenen Schrei nicht bloß als mimetischen Ausdruck des Erschreckens, sondern als intentionalen Ausdruck der Warnung vor einer unmittelbar drohenden Gefahr verstanden.</p>
<p>Hier ist bemerkenswert, dass die in den meisten sprachlichen Kundgaben unabdingbare Intention der sprachlichen Handlung gelegentlich durch eine fallible Hypothese oder eine blinde Voraussetzung ersetzt werden kann. Indes musst du eine solche Absicht so oder so unterstellen, wenn nicht der Akt des Verstehens sprachlicher Zeichen unvollständig bleiben und deshalb misslingen soll.</p>
<p>Mimetische Verlautbarungen oder unwillkürliche lautliche oder gestisch-mimische Gefühlsgebärden können in rein sprachliche Verlautbarungen transformiert werden. Wenn du vor Schreck einen Schrei ausstößt, könntest du genauso gut ausrufen: „Ach, du Schreck!“ oder „Schreck, lass nach!“</p>
<p>Willkürlich oder absichtsvoll geäußerte, aber unartikulierte Ausrufe können in rein sprachliche Verlautbarungen transformiert werden. Wer einen Warnschrei ausstößt, könnte auch ausrufen: „Vorsicht, ein Auto!“ oder einfach: „Achtung!“</p>
<p>Wenn du im Begriff bist, die Straße zu betreten, und hörst, wie dein Freund an deiner Seite „Achtung!“ ausruft, bist du nicht genötigt, diesen Ausruf zu interpretieren, zu decodieren oder zu deuten, du bedarfst nicht einer speziellen hermeneutischen Kunst oder eines Deutungsverfahrens, das du als Maßstab an die Verlautbarung anlegst:  Du verstehst sie unmittelbar als Warnhinweis, du verstehst ohne Zögern und Zweifeln. Du fragst dich nicht: „Das klingt ja wie ein Warnschrei – aber könnte es auch etwas anderes bedeuten?“ Nein, du weißt, dieser Schrei bedeutet in dieser Situation von dieser Person verlautbart: „Achtung, Gefahr!“ Du vernimmst nicht ein akustisches Signal, das du als sprachliches Symbol interpretierst. Du hörst den Schrei als Warnhinweis.</p>
<p>Eine Sprache verstehen heißt nicht, eine Sprache interpretieren. Sprachliche Zeichen sind keine Symptome, die für etwas dem Wesen nach ihnen Fremdes stehen, die für etwas stehen, was sie nicht unmittelbar bedeuten, und deshalb als Signale, Hinweise und Zeichen für ihnen zugrunde liegende kausale Vorgänge gedeutet, interpretiert, decodiert werden müssten – wie Rauch als Zeichen für Feuer oder Flecken auf der Haut als Zeichen für eine Viruserkrankung.</p>
<p>Du könntest einwenden, dass wir auf Schritt und Tritt sprachlichen Ausdrücken und Wendungen begegnen, die nicht eindeutig sind und deshalb der Interpretation bedürfen. Ob ich mit „Bank“ die Sitzgelegenheit oder das Geldinstitut meine, bedarf doch wohl der Interpretation!</p>
<p>Aber, würden wiederum wir einwenden, so funktioniert Sprache nicht. Wenn du zu mir sagst, du müsstest, bevor wir uns treffen, noch rasch Geld bei der Bank ziehen, weiß ich unmittelbar, dass du nicht die Sitzgelegenheit auf dem Merianplatz meinst.</p>
<p>Wir schließen daraus, dass die für unsere Sprachhandlungen relevante Umgebung oder die relevante Situation ein Teil der Bedeutung jener Sätze und Wendungen ausmacht, die wir in  dieser Umgebung oder dieser Situation verwenden.</p>
<p>Aber, könntest du nochmals einwenden, wie steht es denn mit der gleichsam systematischen Zweideutigkeit, wie sie beispielsweise bei der Verwendung des Ausdrucks „ist“ auftaucht – müssen wir hier nicht zur Interpretation schreiten, um die Zweideutigkeit in eine Eindeutigkeit zu verwandeln?</p>
<p>Hier sagen wir: Die Eindeutigkeit der Bedeutung von „ist“ ermitteln wir nicht durch hermeneutische Deutekunst und Interpretation, sondern mittels Anwendung einer analytischen Mechanik. Mit diesem mechanisch anzuwendenden Analyse-Tool gelingt uns Folgendes:</p>
<p>(1) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ in Sätzen wie „Eva ist schüchtern“ anhand der Satzform „x (ist F)“ als einen Teil der Kopula des Satzes.</p>
<p>(2) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ in einer Gleichung wie „7 + 5 = 12“ oder einer Identitätsaussage wie „Der Morgenstern ist der Abendstern“ als Zeichen der Identität der beiden vor und nach dem Gleichheitszeichen genannten Gegenstände.</p>
<p>(3) Wir analysieren die Bedeutung von „ist“ beziehungsweise von „es gibt“ in der Aussage: „Es gibt den Pegasus“ anhand des Existenzquantors und der Satzform „Es gibt ein und nur ein x, und dieses x ist F, und alle y, die F sind, sind identisch mit x“ als Existenzaussage.</p>
<p>Die Schrift, die sich wie von Geisterhand auf der Mauer schreibt, oder das seltsame Muster, das wir im vom Wind aufgeworfenen Blättern zu unseren Füßen zu entziffern wähnen, die monströsen Physiognomien, die uns bisweilen aus Wolkenballungen entgegenzustarren scheinen, oder das wirre Gekritzel eines Dementen – so etwas und alles dergleichen gilt uns nicht als Sprache oder als bedeutsame Zeichen.</p>
<p>Unsere Grundannahme besteht darin: Wir befinden uns innerhalb des logischen Raums von Sprache und Bedeutung, sobald wir davon ausgehen, dass uns etwas mittels irgendwelcher geeigneter Zeichen von Personen absichtsvoll bedeutet oder mitgeteilt wird.</p>
<p>Dabei macht die relevante Umgebung oder die relevante Situation der Zeichenkundgabe und der Zeichenannahme einen Teil der Bedeutung dieser Zeichen aus – diese Umgebung kann eine Alltagssituation wie eine Unterhaltung, ein Prüfungs- oder Vorstellungsgespräch, eine Gerichtsverhandlung usw. sein oder selbst ein sprachlicher Zusammenhang wie eine Erzählung, ein Dokument, eine wissenschaftliche Abhandlung usw. In einer lockeren Unterhaltung hingestreute Bemerkungen und Anekdoten haben nicht das Gewicht von zu Protokoll gegebenen Aussagen vor Gericht. Die in einer fiktiven Erzählung geäußerten Aufforderungen der Protagonisten haben für das Leben des Lesers keine Relevanz, im Gegensatz zu den Bestimmungen eines beglaubigten Miet- oder Pachtvertrages.</p>
<p>Wenn wir uns dargebotene Zeichen als sprachliche Zeichen oder als Sprache verstehen wollen, müssen wir die Absicht der Person, die sie uns mitteilt oder mitteilen lässt, anhand der Bedeutung der Zeichen und der Mitteilungssituation herausfinden und in Rechnung stellen. Wenn dein Freund neben dir „Vorsicht!“ ruft, sobald du die Straße betreten willst, weißt du anhand der Bedeutung des Ausdrucks „Vorsicht“ und der erlebten Straßensituation, welche Absicht seine Mitteilung hat.</p>
<p>Die Sprecherintention, die für das Verstehen der Bedeutung sprachlicher Kundgaben so wesentlich ist, können wir sichtbar markieren, indem wir den Aussagemodus der jeweiligen Aussage dieser voranstellen: die Behauptung, die Aufforderung (Warnung, Empfehlung, Bitte, Frage) und das Versprechen, die mimetische Äußerung (Interjektion, Gefühlsausdruck) sowie die Festsetzung (Erwähnung und axiomatische Definition):</p>
<p>(1)<br />
„Ich behaupte, dass der Mond der Erdtrabant ist.“<br />
„Der Mond ist der Erdtrabant.“<br />
(2) (1)<br />
„Ich warne dich davor, den Fuß auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (2)<br />
„Ich empfehle dir, den Fuß nicht auf die Straße zu setzen.“<br />
„Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (3)<br />
„Ich bitte dich, nicht die Straße zu betreten.“<br />
„(Bitte) Betritt nicht die Straße!“<br />
(2) (4)<br />
„Ich frage dich: Bist du gewillt, dich weiterhin mit mir zu treffen?“<br />
„Willst du dich weiterhin mit mir treffen?“<br />
„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten, ob du dich weiterhin mit mir treffen willst.“<br />
(3)<br />
„Ich verspreche dir, mich weiterhin mit dir zu treffen.“<br />
„Ich will mich weiterhin mit dir treffen.“<br />
(4)<br />
&lt;„Aua!“&gt;<br />
„Ich habe Schmerzen.“<br />
(5) (1)<br />
„Mond“ ist das Wort mit der Bedeutung Mond.<br />
„Mond“ hat vier Buchstaben.<br />
„Der Pegasus fliegt über den Parnass“ ist ein Satz.<br />
„Der Buchstabe p steht für einen beliebigen Satz.“<br />
(5) (2)<br />
„Die kürzeste Linie zwischen 2 Punkten ist eine Gerade.“<br />
„Die kürzeste Linie zwischen 2 Punkten ist eine Kurve.“</p>
<p>Wir berühren hier die logischen Grundformen der Sprache oder die wesentlichen Aussagetypen im logischen Raum: die Behauptung als Mitteilung von Information, die Veranlassung des Angesprochenen, etwas zu tun, beziehungsweise die Erklärung der Bereitschaft des Sprechenden, etwas zu tun, die Verlautbarung des eigenen Befindens sowie die Erwähnung und die axiomatische Festsetzung.</p>
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		<title>Logische Schneisen VI</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Jan 2014 10:49:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Farbraum]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
		<category><![CDATA[Manierismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nuancen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Nuancen nennen wir die im logischen Raum möglichen Verbindungen deskriptiver und klassifizierender Begriffe. Solche Verbindungen können zum Beispiel Farbmischungen oder Überkreuzungen und Überschattungen von Empfindungen und Gefühlen darstellen. Wenn jemand sagt „Ich sehe an derselben Stelle in meinem Sehfeld gleichzeitig einen roten und einen grünen Fleck“, kannst du daraus – wie schon erwähnt – schließen, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-vi/">Logische Schneisen VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Nuancen nennen wir die im logischen Raum möglichen Verbindungen deskriptiver und klassifizierender Begriffe. Solche Verbindungen können zum Beispiel Farbmischungen oder Überkreuzungen und Überschattungen von Empfindungen und Gefühlen darstellen.</p>
<p>Wenn jemand sagt „Ich sehe an derselben Stelle in meinem Sehfeld gleichzeitig einen roten und einen grünen Fleck“, kannst du daraus – wie schon erwähnt – schließen, dass die Person nicht weiß, was sie sagt, das heißt, dass sie sich nicht darauf versteht, unsere Einteilung des logischen Farbraumes anzuwenden. Deshalb kannst du aus dem geäußerten Satz nicht einmal folgern, dass der Sprecher entweder einen roten oder einen grünen Fleck gesehen haben muss.</p>
<p>Wenn du aber jemanden sagen hörst „Ich bevorzuge für meinen Schal statt eines schlichten Graus ein elegantes Graublau“, kannst du daraus schließen, dass es sich um einen Zeitgenossen mit gutem Geschmack und feinem, entwickelten Farbsinn handelt.</p>
<p>Schön nennen viele trivialerweise die Wirkung von Objekten und Ereignissen auf die Wahrnehmung und das Gefühlsleben, die sie als angenehm, lustvoll und entspannend beschreiben. Hierbei handelt es sich augenscheinlich um den Ausdruck einer einfachen Emotion. Währenddessen beschreibt jemand, der von seinem Erlebnis des ungeheuren Sternenhimmels in einer lautlos-einsamen Wüstennacht erzählt, ein komplexes Gefühl, wenn er vom Eindruck des Erhabenen spricht, der sich zumeist aus einer Mischung und Überkreuzung lustvoll-entspannender und beunruhigend-spannender Emotionen ergibt.</p>
<p>Erhaben dünkt uns eine Art lustvoller Überwältigung, eine ekstatische Weise der Selbstauflösung, ein Art Triumphgefühl inmitten vollständiger Niederlage – oder wie immer du diese Komplexion von Gefühlen beschreiben magst. Feststeht, dass Gefühlsregungen solch komplexer Natur von bestimmten Künstlern, Genres und Epochen bevorzugt gesucht und dargestellt worden sind. Denke nur an Caspar David Friedrich, die Grusel- und Horrorgeschichte und den Schauerroman oder den Expressionismus in Dichtung und Malerei.</p>
<p>Du lässt dir die blaugraue Farbnuance deines Schals, des Blütenblattes einer Orchidee oder des Hintergrunds eines niederländischen Landschaftsgemäldes gern gefallen. Ein anderer aber kommt daher und macht viel Aufhebens von einer exquisiten und raffinierten oder subtilen Farbnuance, nämlich einer graublauen Fläche, die vom vagen Blühen eines altrosa Lichtes wattiert und durchtränkt ist.</p>
<p>Natürlich lässt der Farbraum ungeheuer viele Mischungen dieser Art zu – doch würden wir bescheidenen Menschen angesichts einer solchen Neigung zu extravaganten, erlesenen Farbnuancen vielleicht von Manieriertheit oder Snobismus sprechen. Doch wir wissen, dass solche hochkomplexen Farbnuancen und die ihnen korrespondierenden Empfindungen von bestimmten Künstlern in bestimmten Epochen gern gesucht und dargestellt worden sind. Denken wir an Tintoretto, El Greco oder Pontormo, an die Epochen von Barock, Manierismus und Rokoko der europäischen Kunstgeschichte, aber auch an den erlesenen Geschmack der feinen japanischen Hofgesellschaft, wie er sich in der sublimen Farbgebung kostbarer Seidenstoffe in dem sogenannten „Kopfkissenbuch“ der Hofdame Sei Shonagon zur Geltung bringt.</p>
<p>Kannst du zugleich und aus derselben Richtung einen hohen und einen tiefen, einen lauten und einen leisen Ton hören? Kannst du zur gleichen Zeit aus derselben Richtung einen Dur- Akkord und einen Moll-Akkord hören? Gibt es, sollte dies nicht der Fall sein, demgemäß einen dem logischen Farbraum ähnlichen logischen Klangraum oder besser gesagt eine auf das Hören und Bestimmen von Tönen und Klängen bezogene logische Form, gemäß der wir die Hörbarkeit und Bestimmbarkeit von Tönen und Klängen festlegen und gemäß der wir die Begriffe für Töne, Klänge und Akkorde richtig oder unrichtig anwenden? Dass sich an der Komplexität in der Kombinatorik der Klänge das Raffinement des musikalischen Geschmacks erweist, scheint jedenfalls evident zu sein.</p>
<p>Kannst du angesichts eines Andachtsbild, einer segenenden Geste, eines Weiherituals zur gleichen Zeit den Eindruck des Heiligen und des Profanen, des Göttlich-Großen und des Widergöttlich-Niedrigen, des Versöhnten und Erlösten und des Verfluchten und Verdammten haben? Ist aber Aaron nicht der Bruder des Moses, wenden manche ein, und wurde aus Saulus nicht Paulus? Sollte Luzifer der ewige Schatten Christi sein? Sind die sogenannten Urworte und Urszenen, sagen andere, nicht doppelsinnig, zwiespältig, ambivalent? Verlassen uns auf diesem Feld die menschlichen Maße? Können wir hier keine logischen Schneisen mehr schlagen?</p>
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		<title>Logische Schneisen V</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-v/</link>
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		<pubDate>Tue, 21 Jan 2014 17:33:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
		<category><![CDATA[Hermeneutik]]></category>
		<category><![CDATA[Kriterium]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Sprache und Bewusstsein verbinden sich im Ausdruck des Gedankens. Wenn du an etwas denkst, musst du in der Lage sein, auf die Frage „Woran denkst du gerade?“ mit einem Satz deinen Gedanken auszudrücken. Gedanken sind nicht irisierende Reflexe auf dem sogenannten Strom des Bewusstseins – ein Bild, das in die Irre führt. Gedanken sind mögliche [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-v/">Logische Schneisen V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Sprache und Bewusstsein verbinden sich im Ausdruck des Gedankens. Wenn du an etwas denkst, musst du in der Lage sein, auf die Frage „Woran denkst du gerade?“ mit einem Satz deinen Gedanken auszudrücken.</p>
<p>Gedanken sind nicht irisierende Reflexe auf dem sogenannten Strom des Bewusstseins – ein Bild, das in die Irre führt. Gedanken sind mögliche Sätze, die du mir und jedem beliebigen anderen aus deiner Sprachgemeinschaft mitteilen kannst. Sätze aber sind öffentlich zugängliche Tatsachen, nicht im Innern des Bewusstseins eingeschlossene und verborgene seelische Vorkommnisse.</p>
<p>Wenn du mir sagst, deine gestrige Äußerung sei dir im Affekt herausgerutscht und sie tue dir leid, verstehe ich vollkommen, was du meinst und bin nicht genötigt, Psychoanalyse zu treiben. Insbesondere wäre es verfehlt, mein promptes und geradliniges Verstehen deiner Äußerung in ein hermeneutisches Abenteuer ohne Garantie der Wiederkehr umzumünzen. Ich fühle mich gar nicht versucht, an deine Äußerung wie der Arzt das Hörgerät an die Brust des Kranken anzulegen, um die versteckte, eigentliche Bedeutung deiner simplen Mitteilung zu auskultieren. Verstehen ist kein Entziffern oder eine Art mystischen Gedankenlesens. Verstehen ist kein Deuten von Symptomen, als wären deine Äußerungen den Flecken des Fieberkranken vergleichbar und der Befall mit Viren als wahre Ursache vergleichbar mit der methodisch eruierten eigentlichen Bedeutung eines Satzes.</p>
<p>Bedeutungen, der sprachliche Inhalt von Sätzen, sind keine Symptome einer verborgenen Wahrheit. Symptome haben Ursachen, Bedeutungen haben keine Ursachen. Körperliche Symptome wie die verdächtigen rötlichen Flecken auf der Haut haben gewiss körperliche Ursachen, zum Beispiel in einer Viruserkrankung. Den Symptomen kann man nicht unmittelbar ansehen, auf welche Ursache sie schließen lassen. Der Arzt bildet intuitiv eine Hypothese, er muss sie aber durch Hinzuziehen objektiver Untersuchungsmethoden wie der Analyse des Blutserums verifizieren.</p>
<p>Den Sinn des von mir geäußerten Satzes „Vergiss nicht, beim Bäcker vorbeizugehen und uns Kuchen mitzubringen!“ versteht du keineswegs, wenn du seine Bedeutung mittels Heranziehen von Hypothesen verifizierst. Es ist ja eine Aufforderung, das und das zu tun, und der Inhalt von Aufforderungen liegt in der immer ungewissen Zukunft, während Hypothesen nur durch in der Vergangenheit (und sei es auch die gerade abgeschlossene) liegende Ereignisse verifiziert werden können. Bedeutungen sind demnach keine Objekte, für deren Kenntnis wissenschaftliche Methoden der Hypothesenbildung und der Verifikation und Falsifikation von Hypothesen hinreichend wären.</p>
<p>Weder kann ein einzelner Mensch sich und der Welt bewusst sein noch ein einzelner Mensch die Sprache verwenden. Denn wenn sich Sprache und Bewusstsein im Ausdruck des Gedankens verbinden und Gedanken nicht Symptome eines verborgenen seelischen Zustandes, sondern öffentlich zugängliche Tatsachen darstellen, ist die Welt, in der wir leben, eine Welt der möglichen Mitteilung.</p>
<p>Du könntest als einsamer Robinson auf der Insel Nirgendwo die Schwelle zum Reich der Sprache und der Gedanken nicht überschreiten. Gedanken sind mögliche Satzäußerungen, Sätze behauptenden Charakters sind nur sinnvoll, wenn sie richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein können. Wie aber willst du als einsamer Robinson überprüfen, ob der Gedanke, dass es gestern auf der Insel geregnet hat, richtig oder falsch ist? Du meinst, es reiche aus, wenn du dich an dieses Wetterereignis deutlich erinnerst. Wenn du das Nachschlagen im Buch deiner Erinnerung, in den Annalen deiner subjektiven Erlebnisse, für das einzige Kriterium der Korrektheit deiner Erinnerungen ansiehst, gehst du arg in die Irre, wird dein Denken, dein Fassen von Gedanken, sinnlos. Denn du könntest auf die Frage, was dich sicher sein lässt, dass deine Erinnerung korrekt sei, nur antworten, dass du dich daran eben deutlich erinnerst. Erinnerungen sind eben auch Gedanken, und wie willst du entscheiden, ob sie richtig sind oder trügen, wenn du die Erinnerung als einziges Kriterium der Wahrheit zuließest?</p>
<p>Wenn Robinson an dem bewussten Regentag in sein Tagebuch schriebe „Heute, am 16. Mai 1664 hat es hier von drei bis vier Uhr nachmittags auf der Insel heftig geregnet“, hätte er seinem Gedanken die Form einer öffentlich zugänglichen Mitteilung gegeben. Würde ein gelehrter Freytag, ohne seine Bekanntschaft und ohne sein Wissen, also ohne Einfluss von Robinson Crusoe, seinerseits in sein Tagebuch dieselbe Eintragung machen, wären die beiden, begegneten sie sich endlich und plauderten gemütlich über ihre vergangenen Erlebnisse, um ein Kriterium der Wahrheit jener Äußerung nicht verlegen.</p>
<p>Gedanken sind virtuelle Miteilungen und als solche Teil des logischen Raumes der Bedeutung, der immer von mehr als einem Teilnehmer bewohnt wird. Woher weißt du aber, ob dein Bekannter deinen Gedanken, den du im Satz, dass es regne, äußerst, versteht? Du erkennst dies leicht daran, dass er, sobald ihr auf der Straße in hellem Sonnenschein angelangt seid, den schon aus der Tasche gekramten Regenschirm wieder einpackt und die ursprünglich von dir gemachte Äußerung, es regne, verneint.</p>
<p>Wenn das Bewusstsein der logische Raum ist, wo du Gedanken bildest, verbindest und durch Verneinungen trennst, kannst du daraus schließen, das Bewusstsein nicht der Name für eine geheimnisvoll im Verborgenen des Inneren hausende individuelle Seele ist.</p>
<p>Wenn du dich unbehaglich und verängstigt fühlst, kannst du auf die Frage deines mitfühlenden Freunds, ob es dir nicht gut gehe, wahrheitsgemäß antworten „Mir gehst es nicht besonders, ich fühle mich ängstlich.“ Dein Freund versteht die mitgeteilten sprachlichen Lautzeichen keineswegs als Symptome einer verborgenen Wahrheit, die er mittels einer speziellen hermeneutischen Methode umständlich zutage fördern müsste. Er versteht dich direkt und unmittelbar. Gedanken sind sprachlich oder gestisch objektivierbare Gebilde oder Strukturen im logischen Raum des Bewusstseins, das gleichsam über die Medien der leiblichen Gesten und Gebärden und der sprachlichen Verlautbarungen offen zutage tritt.</p>
<p>Auch komplexe Miteilungen müssen die Grenzen des Verstehens ja keineswegs überschreiten. So wenn du sagst: „Ich fühle mich seltsam, gleichzeitig ängstlich und doch zuversichtlich.“ Denn wir kennen und dulden Gefühlsmischungen von solcher und noch extravaganterer Art. Wenn du indes sagtest: „Ich fühle mich seltsam, ängstlich und gleichzeitig freudig erregt“, würde dein Freund nicht mitfühlend, sondern um deinen Geisteszustand besorgt schauen. Ähnlich wie der logische Raum oder die logischen Koordinaten unserer Farbbezeichnungen die gleichzeitige Anwendung der Farbbegriffe rot und grün zur Bezeichnung derselben Ortsstelle im Sehfeld nicht zulassen, limitieren die Klassifikationen unserer Gefühlsbegriffe wie Freude, Erstaunen, Angst, Ekel und Hass den Zeitraum ihrer Anwendung mittels eingeschränkter Möglichkeiten von Überschneidungen und klarer Vorschriften von Exklusionen. So lassen wir die Überschneidung von Erstaunen und Freude oder Erstaunen und Angst zu, schließen aber die von Freude und Angst oder Freude und Ekel aus.</p>
<p>„Dies ist kein Satz.“ Hier geraten nur Leute ins Stolpern oder in ein verfehltes metaphysisches Staunen oder Gruseln, die sich von der verzerrten und absurden logischen Struktur dieses Schein-Satzes blenden lassen. Mit dem Ausdruck „Dies ist &#8230;“ beginnen wir gewöhnlich eine hinweisende Definition wie „Dies ist eine rote Blume“ oder „Dies ist ein Kreis“. Wir können das Wort „Satz“ nur sinnvoll an die Stelle des generellen Terms einer Satzform rücken, wenn wir an die Subjektstelle nicht einen hinweisenden oder einen singulären Ausdruck, sondern einen ganzen Satz beziehungsweise ein Zeichen für einen Satz wie das Zeichen p setzen. Dann hieße die korrekte Aussage: „Rom ist die Hauptstadt Italiens“ ist ein Satz oder „p“ ist ein Satz.</p>
<p>Setze nun für p den scheinbaren Satz ein: „Die Wurzel aus 7 ist hungrig.“ Aufgrund des Wissens oder der logischen Einschränkung oder der axiomatischen Festsetzung, dass wir als gute und wohlgebildete Behauptungssätze nur sprachliche Gebilde akzeptieren, die sinnvoll sind und damit wahr oder falsch sein und die bejaht und verneint werden können, schließen wir rechtens, dass jener merkwürdig anmutende Satz „Die Wurzel aus 7 ist hungrig“ nur scheinbar ein Satz oder ein Schein-Satz, in Wahrheit gar kein echter oder sinnvoller Satz ist. Ein seiner logischen Form nach sinnloser Satz ist in Wahrheit kein wirklicher Satz oder kurz kein Satz.</p>
<p>Du kannst demgemäß sagen: Der sogenannte Satz „Die Wurzel aus 7 ist hungrig“ ist kein Satz. Setze nun für diesen Schein-Satz den ebenfalls nur scheinbaren Satz oder Schein-Satz „Dies ist kein Satz“ ein und du erhältst den vollkommen korrekten und überaus wahren Satz:</p>
<p>„Die ist kein Satz“ ist kein Satz.</p>
<p>Damit wäre alles gesagt und jede Verwirrung ausgeräumt.</p>
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		<title>Logische Schneisen IV</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Jan 2014 17:15:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Negation]]></category>
		<category><![CDATA[Ordnung der Vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[Sinn]]></category>
		<category><![CDATA[Unsinn]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft. Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-iv/">Logische Schneisen IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft.</p>
<p>Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. Nicht willkürlich und nicht bloß konventionell ist der Zwang zur Entscheidung für eine der beiden Alternativen oder in anderen Fällen für irgendeine von gegebenenfalls mehreren Alternativen.</p>
<p>Weil das System unserer Erfahrung uns die erfahrbaren Momente, Gegenstände und Ereignisse, als Bündel ein- oder mehrstufiger Relationen von Eigenschaften gleichsam in den logischen Raum hineinstellt, kommen wir nicht umhin, unsere Behauptungssätze aus Ausdrücken für Gegenstände und zu ihnen relative generelle Terme aufzubauen.</p>
<p>Die Ordnung der Vernunft ist mit der Sprache gegeben. Vernunft und Sprache sind gleichsam da oder nicht da – du gelangst nicht von einer Welt ohne Vernunft und Sprache in einer Folge kontinuierlicher Übergänge zu deiner Welt von Vernunft und Sprache. Du musst springen oder du hast schon immer springen müssen, hast den Sprung schon immer hinter dir – denn keine Erinnerung reicht an jene Pseudo-Welt des Unbewussten jenseits der Grenzen des logischen Raums zurück.</p>
<p>Die seltsamen Leute, die Sprache und Offenbarung theologisch pantschten, waren der Wahrheit näher als die heutigen ungemein pfiffigen und zugleich ungemein dummen Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen, die eben jener Kontinuität unmerklicher Übergange von der bewusstlosen und sprachlosen Welt zu unserer Welt des Bewusstseins und der Sprache auf der Spur zu sein wähnen.</p>
<p>Was sollte es zwischen der Welt des Bewusstseins und der Sprache und der unbewussten und sprachlosen Pseudo-Welt geben und ermöglichen, dass diese in jene überginge? Man hat das mythische Bild von Keimen oder Logoi spermatikoi vor Augen. Dies aber trügt. Der Keim zum Bewusstsein und zur Sprache ist schon das ganze Ding.</p>
<p>Sicher, du hast sprechen, lesen, denken gelernt. Aber das erste Wort war schon die ganze Initiation. Mit dem ersten Ein-Wort-Satz warst du schon im Besitz der ganzen Sprache. Mit der primären Initiation in die Welt der Bedeutung war deine Fähigkeit zum Verstehen und Denken geboren.</p>
<p>Du kannst die Zahlenreihe bis zur Erschöpfung immer wieder mechanisch abschreiben und auswendig lernen. Du kannst Additionsmuster auswendig lernen und zur Frage „Was ist 14 X 14?“ das richtige Resultat nennen, ohne dass wir dir zugestehen würden, du wüsstest, was es heißt, zu rechnen. Wenn du verstanden hast, dass du mit der Regel x + 1 und x – 1 die Reihe der natürlichen Zahlen aufbauen kannst, wenn du verstanden hast, dass die Menge dieser Murmeln verteilt auf die Menge dieser Münzen dieselbe Zahl repräsentiert, hast du das Wesen der Zahl und des Zählens und Rechnens verstanden.</p>
<p>Es gibt keinen Anfang des Bewusstseins, der Erfahrung, der Sprache, des Denkens. Bewusstes Erleben, Sätze, Gedanken sind Elemente des logischen Raums, der kein Außen, keinen Anfang, kein Ende hat.</p>
<p>Die Ordnung der Sprache und der Vernunft hängt und schwebt gleichsam in der Luft. Es gibt kein Fundament, weder eine natürliche oder historische Ursache noch einen psychologischen Grund, auf dem sie aufruhte und ihre Rechtfertigung bezöge. Du kannst das Denken nicht durch Angabe von Gründen rechtfertigen, nur den einzelnen Gedanken, den einzelnen Satz. Es gibt keine Antwort auf die Frage: „Warum soll ich vernünftig denken?“ Oder auf die Frage: „Warum soll ich sinnvoll reden?“ Das Spiel der Gründe ist ein Spiel innerhalb der Grenzen des logischen Raums von Sprache und Vernunft.</p>
<p>Sätze über etwas, die nicht verneint werden können, sind sinnlos. Wäre der Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ein solcher Satz, wäre er keine empirische Aussage, ein Satz über etwas in der Welt, sondern eine Festsetzung wie die, der zufolge 2 x 2 = 4 ist.</p>
<p>Festsetzungen können allerdings nicht verneint, nur angenommen oder verworfen werden. Wenn wir mit ihnen operieren, zum Beispiel addieren und multiplizieren oder Schlüsse ziehen, haben wir sie akzeptiert. Andernfalls rechnen und denken wir nur scheinbar.</p>
<p>Wenn wir sagen: Du kannst nicht gleichzeitig etwas und sein Gegenteil behaupten, reden wir nicht über ein physisches oder psychisches Versagen. Nicht-Können im logischen Raum gleicht mehr einer Tabuisierung oder einem moralischen Verbot als einer physisch-psychischen Blockade.</p>
<p>Natürlich kannst du so tun, als überschrittest du die Grenze des logischen Raums – aber diese Donquichotterie ist vergebliche Liebesmüh, bringt dir nichts, aus diesem Jenseits kommst du mit leeren Händen zurück. Aber du kommst ja nicht zurück – du bist schon immer gleichsam zu Hause.</p>
<p>Die Möglichkeit der Verneinung ist die Möglichkeit, immer etwas Wahres zu sagen oder deine Äußerungen stets mit der Realität in Einklang zu bringen, mit der Realität in Harmonie zu bleiben. Wenn strahlendes Wetter deine Annahme und Behauptung, es regne, augenscheinlich eines Besseren belehrt, so ist es schon gut und alles in Ordnung, wenn du deine ursprüngliche Aussage verneinst.</p>
<p>Du kannst diesen gewaltigen Stein nicht mit der Hand hochheben. Du kannst einen schwarzen und einen weißen Fleck nicht gleichzeitig an demselben Ort im Gesichtsfeld wahrnehmen. – Auf dem Mond könntest du den Stein vielleicht heben. Doch gibt es keine Welt, in der du Schwarz und Weiß zur gleichen Zeit am selben Ort sehen könntest. Dieses Nicht-Können ist kein psychisches Unvermögen, sondern eine Art logischen Zwanges, der aber nichts anderes als unsere Form der Klassifikation der Farben widerspiegelt. Die Aussage über die Farben ist daher keine empirische Aussage, kein Satz über eine Tatsache der Welt, sondern über eine Festsetzung im logischen Raum. Mit dem physisch und psychisch Unmöglichen stoßen wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten, mit dem logisch Unmöglichen an die Grenzen des logischen Raums.</p>
<p>„Dies ist kein Satz“ heißt, dies sieht nur so aus wie ein Satz, sieht nur so aus, als hättest du etwas behauptet, in Wahrheit hast du Unsinn geredet, das heißt nichts gesagt.</p>
<p>Verstehen ist autonom und setzt sich gleichsam selbst voraus. „Ich verstehe diesen englischen Ausdruck nicht“ ist gutes Deutsch. „Ich verstehe meine Muttersprache nicht“ scheinbar gutes Deutsch, in Wahrheit aber Unsinn.</p>
<p>Wenn du dein Zimmer aufräumst, kannst du Kraft und Zeit sparen, indem du ökonomisch vorgehst und zum Beispiel erst den Tisch abräumst und dann abwischst. Doch was du in welcher Reihenfolge im Schrank und auf den Regalen stapelst, unterliegt rein praktischen Erwägungen. – Die Ordnung der Sprache und des Denkens lässt allerdings nur gewisse Zusammenstellungen und Kombinationen von Elementen zu. Letztlich kommst du immer wieder auf die Grundform der behauptenden Aussage zurück, nämlich zu sagen, etwas sei so und so.</p>
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		<title>Logische Schneisen II</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Jan 2014 13:44:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Apriori]]></category>
		<category><![CDATA[Bewusstsein]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn]]></category>
		<category><![CDATA[logischer Raum]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Der Begriff Bewusstsein eröffnet eine logische Dimension, einen logischen Raum. Er ist kein empirischer Begriff wie Baum, Pferd, Mensch oder Gehirn  – sondern der Grund und die Voraussetzung dafür, dass wir über empirische Begriffe dieser Art verfügen. Das Gehirn weist empirische Messwerte auf, es ist so und so groß, so und so schwer, hat so [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/logische-schneisen-ii/">Logische Schneisen II</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Begriff Bewusstsein eröffnet eine logische Dimension, einen logischen Raum. Er ist kein empirischer Begriff wie Baum, Pferd, Mensch oder Gehirn  – sondern der Grund und die Voraussetzung dafür, dass wir über empirische Begriffe dieser Art verfügen.</p>
<p>Das Gehirn weist empirische Messwerte auf, es ist so und so groß, so und so schwer, hat so und so viele Neuronen etc. Das Bewusstsein ist weder groß noch klein, weder leicht noch schwer, es besteht auch nicht aus Teilen. Das Bewusstsein ist die logische Dimension, innerhalb deren es möglich ist, von Gegenständen und Sachverhalten in der räumlich und zeitlich geordneten Welt zu sprechen.</p>
<p>Es ist also Unsinn zu fragen, wie eine Welt ohne Bewusstsein aussähe, eine Welt ohne das Vorkommen von menschenähnlichen Wesen, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt bewusst sind, oder eine Welt mit menschenähnlichen Zombies, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt nicht bewusst sind.</p>
<p>Der Begriff Bewusstsein eröffnet einen logischen Raum – aber dieser hat nicht wie ein Zimmer ein Außen und Innen, in ihm befinden sich nicht wie in einem Zimmer diese und jene Gegenstände. Das Gehirn freilich kannst du von außen betrachten, und es befindet sich im Raum des Schädels.</p>
<p>Es ist wie mit der Sprache: Willst du etwas über die Sprache herausfinden, musst du dich ihrer bedienen, musst du sprechen. Also sind Untersuchungen und Betrachtungen über das Bewusstsein und die Sprache – nennen wir sie halt Philosophie – keine empirischen Untersuchungen und Betrachtungen – wie die chemische Untersuchung des Wassers, die in seiner chemischen Analyse resultiert. – Hier gerätst du notwendigerweise ins Stocken und Stottern oder bist genötigt, zu sprachlichen Verrenkungen und Zwitterbildungen zu greifen, wie wenn du sagst, das Bewusstsein sei autonom, sorge für sich selbst oder setze sich selbst voraus oder die Sprache sei autonom, sorge für sich selbst und setze sich selbst voraus.</p>
<p>Du weißt wohl oder in etwa, wie es sein mag, wenn du aufgrund der Einnahme einer sogenannten bewusstseinsverändernden Droge oder einer unzureichenden Ausschüttung von Transmittern und anderen Botenstoffen im Gehirn von normalen Bewusstseinszuständen mehr oder weniger gravierend abweichende Bewusstseinszustände erlebtest – du hörst Stimmen, aber da sind keine Leute, die sprechen, du siehst Gesichter, aber das sind keine Tiere oder Menschen, die sie zeigen. Auch ein unter Drogeneinwirkung delirierendes Bewusstsein, auch ein unter einem akuten psychotischen Anfall leidendes Bewusstsein erfüllt die Bedingungen, die die Anwendung des Begriffs Bewusstsein sinnvoll machen: Du hörst etwas, du siehst etwas. Du sagst: Ich höre etwas, ich sehe etwas. Du würdest – auch nicht im Drogenrauch oder während eines psychotischen Anfalles – sagen: Ich höre etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich ein Geräusch, einen Klang, eine Stimme wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physikalisch korrespondierenden Luftschwingungen verursacht). Du würdest unter den gleichen Bedingungen auch nicht sagen: Ich sehe etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich eine Fratze, ein tierisches Gesicht, ein menschliches Gesicht wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physiklisch korrespondierenden Lichtfrequenzen aussendet).</p>
<p>Die Aussage: „Ich sehe etwas“, „Ich höre etwas“, kurz: „Ich nehme etwas wahr“ bildet die logische Struktur der Welt ab, in der wir leben. Sie enthüllt die Autonomie und Unableitbarkeit der Begriffe Ich (Selbst, Bewusstsein), etwas (Gegenstand, Sachverhalt) und Welt (logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhalte). Sie enthüllt die interne notwendige Relation oder die interne notwendige Polarität der Begriffe Bewusstsein und Welt (als logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhallte).</p>
<p>Der Begriff Bewusstsein ist keine Tatsache der Art, wie wenn du sagst: „Er hat das Bewusstsein verloren.“ Der Begriff Bewusstsein ist die logische Voraussetzung dafür, dass wir von Tatsachen überhaupt reden können – auch der in jenem Satz ausgedrückten Tatsache.</p>
<p>Das Bewusstsein ist kein Name eines Objekts, sc. des Gehirns. Wie das Verstreichen des Zeigers über dem Zifferblatt einer Uhr den Begriff der Zeit exemplifiziert, aber nicht erklärt, so exemplifiziert dein Erlebnis eines Einkaufs, eines Spaziergangs, eines Rendezvous den Begriff des Bewusstseins, erklärt ihn aber nicht.</p>
<p>Wissenschaftler, die sich anmaßen, das Bewusstsein als logische Dimension „naturalisieren“ zu wollen, ähneln Philosophen, die sich damit brüsten, den alten Hut der Vernunft an der Garderobe der Psychiatrie oder des Variété déconstruktiviste in Paris abgegeben zu haben. Wie erst die Philosophen, die sich jene Wissenschaftler zum Vorbild nehmen!</p>
<p>Das Wissen, dass du einer Tatsache der Welt und deiner selbst bewusst bist, hat nicht die propositionale Struktur des Wissens, das in der Gleichung 2 x 2 = 4 oder in dem Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ausgedrückt ist.</p>
<p>Umgekehrt: Dass du die Ereignisse der Welt als Sachverhalte und Tatsachen auffasst, die sich in der propositionalen Satzform „Ich meine, dass p“ abbilden, ist eine Funktion oder Ableitung des Bewusstseins.</p>
<p>Ähnlich wie der Vorgang des Lesens nicht als Wirkung der von den gedruckten oder geschriebenen Buchstaben ausstrahlenden Lichtfrequenzen auf das Auge, den Sehnerv und das Sehzentrum des Gehirns (neben anderen Hirnarealen) aufgefasst werden kann (Wie könntest du dich denn verlesen oder wie könntest du dann das Gelesene verstehen?) – ebenso wenig kann das Bewusstsein als phänomenale oder epiphänomenale Wirkung der kausalen Vorgänge im Gehirn aufgefasst werden.</p>
<p>Ein Meer, das nirgendwo Grenzen hat und nirgendwo an ein Ufer stößt, ist eigentlich kein Meer. Aber das Bewusstsein und die Sprache haben keine Grenzen – wir können aus der durch das Bewusstsein ursprünglich mitgegebenen Welt nicht fliehen. Auch sterbend verlassen wir nicht die Welt, sondern sie verlässt uns. Wir können nicht aufhören zu reden: Schweigen heißt ja nicht reden, aber wieder reden können. Wir können nur weitersprechen – oder verstummen. Doch wer wirklich verstummt, hat sich nicht der Sprache versagt, sondern die Sprache hat sich ihm versagt.</p>
<p>Das Bewusstsein ist ein logischer Raum, der eine ununterbrochene Skala, ein Kontinuum, unaufhörlich ineinander übergehender Bewusstseinszustände vom Moment größter Zerstreuung und Bewusstseinstrübung bis zum Moment höchster Aufmerksamkeit und Klarheit umfasst. In jedem Moment, dem dunkelsten wie dem hellsten, sind gleichsam alle Momente enthalten. In jedem Moment deines wachen Lebens weißt du mehr oder weniger deutlich um diesen Moment und dass du es bist, der ihn erlebt. Weltbewusstsein und Selbstbewusstsein sind notwendig aufeinander bezogen und ineinander verschachtelt – aber nicht so wie Erlebnisinhalt und Reflexion des Erlebnisinhalts, die wiederum als Erlebnis zweiter Stufe aufgefasst werden kann usw. ad infinitum. Solch ein unendlicher Regress findet hier nicht statt.</p>
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