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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Prosa</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
	<lastBuildDate>Sat, 25 Apr 2026 22:38:29 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Ein Tropfen Wollust in einem Meer von Schmerzen</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 22:12:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Ein Tropfen Wollust in einem Meer der Schmerzen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Gipfel und Abgrund, das unabgeltbare Vorrecht staatlicher Gewalt zu töten. Knapp verfehlt ist auch fatal. Lieber die Herrschaft der Scharia als die Anarchie der Schamlosigkeit. Konsens (das Pseudos diskursethischer Theorien) ist der Nebel, Wahn der Tropfen, zu dem er kondensiert. Wer sich ständig exhibitionistisch in Szene setzt, muß etwas zu verbergen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/ein-tropfen-wollust-einem-meer-von-schmerzen/">Ein Tropfen Wollust in einem Meer von Schmerzen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Gipfel und Abgrund, das unabgeltbare Vorrecht staatlicher Gewalt zu töten.</p>
<p>Knapp verfehlt ist auch fatal.</p>
<p>Lieber die Herrschaft der Scharia als die Anarchie der Schamlosigkeit.</p>
<p>Konsens (das Pseudos diskursethischer Theorien) ist der Nebel, Wahn der Tropfen, zu dem er kondensiert.</p>
<p>Wer sich ständig exhibitionistisch in Szene setzt, muß etwas zu verbergen haben.</p>
<p>Wie sich spreizen, deren Geist in den Seilen hängt.</p>
<p>Der Ostrakismos ist die Ekstase der demokratischen Meute.</p>
<p>Je höher der Anteil an Östrogen im Kreislauf der Lehrkörper, desto niedriger das geistige Niveau.</p>
<p>Die ungeheure Leere zwischen den Galaxien, den Zahlen, den Worten, den Geistern.</p>
<p>Die Muslima im Schleier ist immer noch würdiger als das nackte Pin-up-Girl.</p>
<p>Augustus und seine Gemahlin ließen sich von Vergil die Georgica und Passagen der Äneis vortragen. Von welchem deutschen Bundespräsidenten könnte man sich Vergleichbares vorstellen?</p>
<p>Das Opfer ist als Wahrheitszeuge nicht weniger verdächtig als der Täter.</p>
<p>Der bedeutende Vers ist das Ufer, an das sich der Schiffbrüchige rettet.</p>
<p>Der Scharlatan durchbohrt die Planken des schwanken Verskahns, auf daß der Leser im Abgrund eines unverständlichen Gurgelns untergehe.</p>
<p>Einseitige Diät verdirbt den Magen, übermäßige Lektüre von Zeitungen den Verstand.</p>
<p>Je dümmer, gemeiner, schmutziger die vorgebrachte Idee, desto lauter, enthusiastischer, frenetischer der Beifall.</p>
<p>Nachzubeten, Ornament sei ein Verbrechern, ist im Umfeld urbanen Kahlschlags genauso stupide wie das Tabu auf die Tonalität im Umfeld seelenzermürbenden Lärms.</p>
<p>Die biographische Tatsache, daß Rilkes Mutter den Knaben nach allgemeinem Zeitgeschmack in Mädchenkleider gesteckt hat, wird heute, wie unterm Verfall literarischer Kritik und dichtungstheoretischer Grundsätze nicht anders zu erwarten, zur angeblichen Offenbarung der poetischen Doppelgeschlechtlichkeit seines Dichtens aufgebauscht.</p>
<p>Wie der Teufel das Weihwasser, scheut der zeitgenössische Kritiker und Feuilletonist den reinen Tau, der am grünen Zweig der Verse glänzt.</p>
<p>Demographie zeigt den ethnisch-genetischen Morast, aus dem die Hydra des Kollektivismus, des Gleichheitswahns und der Vergiftung aller menschlichen Beziehungen kriecht.</p>
<p>Anmut und Strenge, das Zarte und das Sublime sind die axiologischen Zweige, an denen der Vers der Meister erblühte.</p>
<p>Den Ungeheuern schmeicheln die am Eigensinn und Eigenwert Kastrierten, erregt von dunkler Lust, ihr jäher Biß werde die Schalen ihrer Langeweile noch zerknacken. Sie füttern selbstlos ihre schwarzen Mäuler mit allem, was ihnen heilig dünkt, ihre Idole, ihre Freiheiten, wie dem Moloch selbst die eigenen Kinder.</p>
<p>Die stille Seele zuckt vor dem Monstrum jäh zurück, von dem es heißt, es sei das autonome Subjekt, das sich selbst völlig verwirklicht habe.</p>
<p>Hitler hat sich selbst verwirklicht, Stalin, Mao e tutti quanti.</p>
<p>Wenn alle oder doch die Mehrheit der Dummköpfe oder der bestochenen Intriganten der Idee zustimmen, gilt sie als gerechtfertigt, ja fanatischen Befürwortern des allgemeinen Volkswillens als wahr.</p>
<p>Wenn alle Stimmen für gleichwertig angesehen werden, ist keine etwas wert.</p>
<p>Der schrillsten Verlautbarung glaubt man.</p>
<p>Die nichts zu sagen haben, brüllen am lautesten oder schwadronieren am längsten.</p>
<p>Was allen zugänglich ist, entbehrt per definitionem eines eigentümlichen Werts.</p>
<p>Was alle verstehen, ist eo ipso nichtssagend.</p>
<p>Die Ausschließung und Degradierung alles Herausragenden und Edlen ist das Arcanum und Geheimverfahren der Herrschaft des Demos.</p>
<p>Prokrustes – der Lehrmeister der egalitären Avantgarde.</p>
<p>Grinsende Eunuchen, Embleme des Zeitgeistes für den Willen zum Untergang der Völker, zumindest des eigenen.</p>
<p>Nur was wehtat, hinterläßt tiefere Spuren.</p>
<p>Gefährliche Menschenfreunde, Tölpel des guten Gewissens, die von jeder höheren preußischen Lehranstalt wegen einer Fünf in Geschichte und einer Sechs in Menschenkunde wären relegiert worden, wollen nicht strafen, sondern resozialisieren.</p>
<p>Das poetische Bild ist vollendet, wenn die Vase mit den unverwelklichen Blumen über dem gerafften Samt des Ausdrucks zu schweben scheint.</p>
<p>Der Hauch, der uns aus den Versen Goethes oder Mörikes, Verlaines oder Mallarmés anweht, scheint aus den noch von keinem Menschenfuß entweihten Gärten der Stille zu uns gelangt zu sein.</p>
<p>Das Tabu auf den Reim zeugt nicht von Wahrhaftigkeit, sondern von der Scheu vor der Beschämung des Entstellten angesichts der Wohlgestalt.</p>
<p>Ein literarisches Distinktionsvermögen schon minderen Grades belehrt uns über den Unterschied eines enigmatischen Ausdrucks, der aus echten Berührungen mit dem Geheimnis sich herschreibt, und einer unverständlichen Diktion, die sich bloß interessant machen will.</p>
<p>Der pseudomoralische, in Wahrheit herrisch-übergriffige Drang, noch den sprachlich Minderbemittelten ins Boot demokratischer Massenumerziehung zu hieven, gipfelt im Verfallssyndrom einer sogenannten einfachen Sprache, die sich der Hürden des Genetivgebrauchs und der Konjunktivbildung auf barbarische Weise entledigt hat.</p>
<p>Der postmoderne Aufstand gegen die biologischen Grundlagen menschlicher Existenz äußert sich nicht nur in der Leugnung der Bi-Polarität der Geschlechter und der Zunahme künstlicher Eingriffe in die Keimbahn, sondern ebenso in der Diskreditierung des Begriffs Genie; denn daß es unter hundert Eckermännern nur einen Goethe, unter hundert Rossinis nur einen Verdi geben soll, ist dem sozialistischen Einheitsgeschmack ein Greuel.</p>
<p>Die wenigen Bildungsbeflissenen wirken wie Touristen in den Ruinen der eigenen Kultur.</p>
<p>Der vom Fäulnisgeruch der Dekadenz verdorbenen Nase entgeht der sublime Hauch aus dem Blumengesteck des Gedichts, der von Eden her weht.</p>
<p>Es gibt nur einen Fortschritt, den sie feiern: den Fortschritt der Techniken, die in immer unauflöslichere Formen der Abhängigkeit und geistig-seelischer Barbarei führen.</p>
<p>Die Zunahme des Weltenlärms zerstört den Keim der Poesie, der nur in der Stille sproßt.</p>
<p>Die fanatischen Weltverbesserer wollen nur eins nicht verbessern: sich selbst.</p>
<p>Der geistige Aristokrat lebt in einer bescheidenen Klause ohne Kronleuchter und ohne Spiegel.</p>
<p>Die das Vergessen des geistigen Erbes betreiben, wie bald sind sie selbst vergessen.</p>
<p>Das Schweigen Gottes verleitet den Erdverfallenen zu endlosem Geschwätz.</p>
<p>Was einzig edlen Dichtern blieb: von Tränen des Abschieds überglänzte Verse, Knospen, die sich nicht wieder öffnen wollen.</p>
<p>Ein Tropfen Wollust in einem Meer von Schmerzen.</p>
<p>Söhne der Sonne, sons of the sun – so nannte Wittgenstein Mozart und Beethoven. – Wenn man auch gültiger sagen möchte: Sohn der Sonne der eine, Jupiters Bruder der andere.</p>
<p>Geisterhaft schweben fahle Klänge eines keine Ruhe findenden Requiems über dem zugewucherten Gräberfeld der Ahnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Stachel im Geist</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/stachel-im-geist/</link>
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		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 23:03:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Stachel im Geist Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Μὴ φῦναι τὸν ἅπαντα νικᾷ λόγον * Zugespitzte Wahrheiten brechen leicht ab. * Daß auch im alten Rom die Priester herrschten, wird von antiklerikalen Humanisten schamvoll beschwiegen. * Zur physiologischen Munterkeit, vulgo Glück, trägt auch ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit und Schamlosigkeit bei. * Die Rede vom Menschen zerfällt, nicht immer [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/stachel-im-geist/">Stachel im Geist</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Μὴ φῦναι τὸν ἅπαντα νικᾷ λόγον</p>
<p>*</p>
<p>Zugespitzte Wahrheiten brechen leicht ab.</p>
<p>*</p>
<p>Daß auch im alten Rom die Priester herrschten, wird von antiklerikalen Humanisten schamvoll beschwiegen.</p>
<p>*</p>
<p>Zur physiologischen Munterkeit, vulgo Glück, trägt auch ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit und Schamlosigkeit bei.</p>
<p>*</p>
<p>Die Rede vom Menschen zerfällt, nicht immer zu Ungunsten tieferer Einblicke, in die Beschreibung von Systemen und Strukturen.</p>
<p>*</p>
<p>Der altpersische Großkönig Kyros, der die Diaspora-Juden in die Heimat entließ, hat einen Ehrenplatz im Gedenken der Hebräer. Wie paradox, daß der Nachfolger des säkular gesinnten Schah sich als fanatischer Antisemit gerierte.</p>
<p>*</p>
<p>Charismatische religiöse Herrschaft geht wohl stets mit puritanischem Tugendterror einher. Mit ein Grund, weshalb ihre Enthauptung im Iran durch das westliche Imperium von dekadenten Woken gefeiert wird.</p>
<p>*</p>
<p>Die thematischen Linien einer Fuge respondieren, umranken und verflechten sich, streben dramatisch auseinander und vereinigen sich tänzerisch. So auch die Betrachtungen des vom Geist der Objektivität beseelten Denkers.</p>
<p>*</p>
<p>Das Fragezeichen ist keine Schlinge, die Kehle des Nachdenklichen damit zu würgen.</p>
<p>*</p>
<p>Die das Vollkommene außerhalb der Werke hoher Kunst zu verwirklichen trachten, sind als Engel verkleidete Abgesandte der Hölle.</p>
<p>*</p>
<p>Der amerikanische Geist scheint von den frühen Tagen seines Zugs gen Westen her von Hemdsärmeligkeit und Schießwütigkeit geprägt. Insonderheit erregt die Pietätlosigkeit amerikanischer Herrschaftscliquen Abscheu, wenn sie den heimtückischen Überfall auf das rituelle Totenbegängnis des Feindes ins Auge fassen.</p>
<p>*</p>
<p>Der barbarische Geist nimmt jede Hürde, alle Masken von Heuchelei, Hypokrisie und Frömmelei reißt er nieder, für ihn zählt nicht Herkunft, Rasse, konfessionelle oder sexuelle Orientierung.</p>
<p>*</p>
<p>Der Schwarze Barack Obama goutierte aus sicherer Entfernung den heimtückischen Meuchelmord am bösartigen Erzfeind Osama Bin Laden, der Weiße Trump die Hinschlachtung der iranischen Mullahkaste.</p>
<p>*</p>
<p>Sie säuseln vom Frieden, mit Schaum vor dem Mund.</p>
<p>*</p>
<p>Der hohepriesterlicher Titel des heidnischen Pontifex, den die Cäsaren führten, ging auf den römischen Papst über.</p>
<p>*</p>
<p>Die Würde des alten Kaisertums haftet an der Salbung durch den Papst. Sie war jüdisch-davidischen Ursprungs und sank mit der Krone in den Staub, der Krone, auf der das messianische Zeichen prangte.</p>
<p>*</p>
<p>Die altrömische Priesterherrschaft war mythologisch, in der Erinnerung an die Berufung durch die Götter, die schiitische ist eschalogisch, in der Erwartung des Endzeitpropheten, begründet.</p>
<p>*</p>
<p>Zuletzt kennt der dekadente Westen den Priester nur noch in der Karikatur des Knabenschänders, der antisemitischen Karikatur des triebhaften Juden als Schänders blonder deutscher Frauen nicht unähnlich.</p>
<p>*</p>
<p>Alban Berg gelang der Durchbruch bei der Konzeption seines letzten Werks, des Violinkonzerts, aufgrund des tragischen Todes von Manon Gropius.</p>
<p>*</p>
<p>Was wäre uns die Äneis ohne die Tragödie der Dido?</p>
<p>*</p>
<p>Der Gram, der das Herz verzehrt, nährt auch den dichterischen Geist.</p>
<p>*</p>
<p>Mag es sich bei der Begegnung des alten Goethe mit der blutjungen Ulrike von Levetzow um eine Tragikomödie handeln; die biographischen Daten sind Schatten gegen den dunklen Glanz der Marienbader Elegie.</p>
<p>*</p>
<p>Die nichts zu sagen haben, brüllen am lautesten.</p>
<p>*</p>
<p>Kein Zeichen hat das Zeichen des Kreuzes abgelöst, um über dem vergossenen Blut von Märtyrern zu leuchten.</p>
<p>*</p>
<p>Den von sich selber Trunkenen erweckt zuletzt ein gnädiger Stachel.</p>
<p>*<br />
Der Reim gilt schon als Einwand, die gebundene Rede als Maske von Heuchelei oder Selbstverleugnung, die Wiederkehr des Rhythmus als Monotonie der Langeweile.</p>
<p>*</p>
<p>Der gefrorene See des lyrischen Pathos läßt in ein Dämmerlicht schauen, wo sich die Ungeheuer der Tiefe anmutig schlängeln.</p>
<p>*</p>
<p>Stachel im Geist, Wort, das auf Antwort dringt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Mystischer Nihilismus</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/mystischer-nihilismus/</link>
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		<pubDate>Mon, 02 Feb 2026 23:11:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Mystischer Nihilismus Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Einer sendet uns wiederholt zwei Dateien mit der Bemerkung: „Ich sende Ihnen ein paar Dateien.“ Hier dürfen wir vermuten, daß es sich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein paar“ handelt; ein eingefleischter Verschreiber („ein paar“ statt „ein Paar“) deutete auf den Fehlgebrauch des Begriffs „Paar“ hin, denn als Paare bezeichnen wir [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/mystischer-nihilismus/">Mystischer Nihilismus</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Einer sendet uns wiederholt zwei Dateien mit der Bemerkung: „Ich sende Ihnen ein paar Dateien.“</p>
<p>Hier dürfen wir vermuten, daß es sich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein paar“ handelt; ein eingefleischter Verschreiber („ein paar“ statt „ein Paar“) deutete auf den Fehlgebrauch des Begriffs „Paar“ hin, denn als Paare bezeichnen wir zwei durch irgendein Merkmal verwandte Zweier-Gruppen (wie 2 und 4 oder 4 und 16, die jeweils aus einer geraden Zahl und ihrer Potenz bestehen).</p>
<p>Einer sendet uns zehn Dateien mit der Bemerkung: „Hiermit sende ich Ihnen ein Dutzend Dateien.“</p>
<p>Es handelt sich offensichtlich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein Dutzend“. Denn daß sich der Schreiber hier verzählt haben könnte, wäre recht unwahrscheinlich.</p>
<p>Der Umstand, daß einer sich verzählt hat, ist wie jener, daß er sich verrechnet hat, kein Hinweis auf eine systematische Lücke oder eine kategoriale Schieflage in seinem Zahlverständnis, auch wenn sich die Fälle häufen, sondern auf ein mangelndes mathematisches Training.</p>
<p>Die Unfähigkeit des Mitglieds eines Amazonasstammes, keine größere Anzahl als die Anzahl der Finger einer Hand angeben zu können, und seine mathematisch eingeschränkte Fähigkeit, alles über die Menge von fünf schlicht „viel“ zu nennen, deuten dagegen auf eine systematische Lücke im Zahlverständnis hin.</p>
<p>Ein Scheckbetrüger, der entwendete oder gefälschte Schecks mit dem Namen des Betrogenen unterzeichnet, unterliegt keiner psychotischen Störung seiner Identität, sondern tut dies mit kaltem nüchternen Verstand.</p>
<p>In ähnlicher Weise handelt ein Heiratsschwindler, der, von kleinbürgerlicher Herkunft, sich einen Adelsnamen zulegt, um vor der Betrogenen zu imponieren, mag er auch an einer schon ans Krankhafte gemahnenden Neigung zur Selbstüberschätzung leiden.</p>
<p>Anders der berühmte Dichter im Turm, der seine auf Wunsch des Besuchers wie im Traum skandierten Gedichte mit dem Namen „Scardanelli“ unterschrieb und sie mit imaginären Orts- und Zeitangaben versah.</p>
<p>Hier deuten wir hinter dem seltsamen sprachlichen Gebaren auf einen tiefgehenden Riß in der persönlichen Identität.</p>
<p>Wußte aber Hölderlin in solchen Momenten nicht (mehr), daß er der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien war? Oder hat er angenommen, daß der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien ein gewisser Scardanelli sei?</p>
<p>Der Name „Scardanelli“ war für Hölderlin kein Pseudonym, hinter dem er seine wahre Identität auf ironische oder humoreske Weise verborgen hätte. So verpuppte sich der Dichter Fernando Pessoa hinter einer ganzen Reihe von geliehenen Namen, ohne seine wahre Identität bei ihrer Verwendung völlig preiszugeben.</p>
<p>Von einer extremen Störung des Bewußtseins sprechen wir im Fall des Psychotikers oder des Dementen, der auf seinen eigenen Namen nicht mehr reagiert oder sich für eine Person hält, die ihrer Umwelt dermaßen entfremdet ist, daß sie sich an die Identität der Angehörigen nicht mehr erinnern kann.</p>
<p>Hölderlin aber erkannte seine Umgebung und auch die Identität seiner Besucher, auch wenn er sie auf groteske Weise manchmal mit überhöhenden Titeln ansprach.</p>
<p>Rechtgläubige Christen wähnen sich ganz im Sinne der Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus und Paulus aufgrund der Taufe und der Annahme eines heiligen Namens als profane Bewohner der bürgerlichen Welt und zugleich als Anwärter einer Wohnung in der zukünftigen.</p>
<p>Der vom Küchen-, Parfüm- und Fäulnisdunst der bürgerlichen Welt benommene Psychiater freilich kann nicht umhin, sowohl Hölderlin als auch dem Frommen eine schizophrene Bewußtseinsstörung zu attestieren.</p>
<p>Das aus der bürgerlich-profanen Welt der Zahlen und Daten, Bilder und Medien, der biographischen und historischen Benennungen herausgerissene Bewußtsein ist dieser Welt gleichsam in einer namenlosen Jenseitssphäre abhandengekommen, einer imaginären Insel gleich, die von den Wogen des Nichtwissens umrauscht wird oder denen des Wissens, daß es alle und alles vergessen wird und selbst im Begriff steht, von allen vergessen zu werden.</p>
<p>Der wirkliche Autor des Hyperion, der einer hohen Mission für das Heil der Menschheit zu erfüllen glaubte, verwandelt sich in den imaginären Autor namens Scardanelli, der hinter den ephemeren Gebilden der Turmgedichte unsichtbar wird und schon im Namenlosen versinkt.</p>
<p>Der Humanismus der Lessing, Herder, Kant, Schiller, der Glaube der Klassik an den sittlichen Fortschritt der Menschheit (vanitas, vanitas vanitatum), hat sich beim späten Hölderlin schon in einen mystischen Nihilismus aufgelöst, jenen Abgrund, der die großen Programme engagierten Denkens und Dichtens verschlingt.</p>
<p>Poésie pure, wie sie Baudelaire anzielt und Mallarmé als ephemeren Schaum auf der Woge des Gedichts beschwört, kreist um nichts, will nichts verkünden, nichts moralisch, pädagogisch oder politisch bewirken, den Abgrund des Schweigens nicht mit Phrasen und Parolen füllen, sondern ihn in jedem Wort, in jedem Kern und Mark des Sinnes offenlegen, schwarz, alogisch, namenlos.</p>
<p>Mystischer Nihilismus: Prediger Salomo, Meister Eckhart, Blaise Pascal – ohne Gott.</p>
<p>Die Sonne des Logos taucht in eine Abenddämmerung, an deren Rand geisterhaft der schwarze Schaum der Nacht hereinsickert, von keinem Stern, von keinem Mond beglänzt.</p>
<p>Gemurmel wie von Schatten, namenlosen, dringt aus dem Schilf des Ufers, wo die Flut schon steigt.</p>
<p>Sinnlos, inmitten des Untergangs von Saat zu reden oder Ernte, von der Arbeit im Weinberg, da Fäule der Rebe Blattwerk übergraut; Untergang, vom Zeitgeist unter den grellen Flaggen der Perversion gleisnerisch als Übergang zur einen Menschheit verklärt, und habe sie auch die geistige Physiognomie debiler Mischlings- und Zwitterfratzen (foeditas, foeditas foeditatum).</p>
<p>Keine Traube des Dionysos, die noch im Schmerzverlies des Dichter-Dulders gekeltert würde.</p>
<p>Keine Antigone, die den blinden Seher noch zur Entsühnung und Entrückung zum Hain und Heiligtum nach Kolonos führt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Abbrechende Wege</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/abbrechende-wege/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Jan 2026 23:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Abbrechende Wege Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point. Blaise Pascal &#160; Am Ende des Weges ähneln wir kaum noch denjenigen, die ihn beschritten haben. Wir gehen auf einem Weg, der allmählich ansteigt und auf eine Anhöhe führt, die uns mit einem schönen Fernblick für die Mühen des Aufstieges [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/abbrechende-wege/">Abbrechende Wege</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
<em>Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.</em></p>
<p>Blaise Pascal</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am Ende des Weges ähneln wir kaum noch denjenigen, die ihn beschritten haben.</p>
<p>Wir gehen auf einem Weg, der allmählich ansteigt und auf eine Anhöhe führt, die uns mit einem schönen Fernblick für die Mühen des Aufstieges zu entschädigen scheint. Wir wollen weiter, doch der Weg bricht unvermutet ab; der Rückweg ist uns versperrt. Sonderbar, der schmale Pfad ward unter Schutt und Dorngestrüpp unsichtbar. Wir bleiben zurück. Bis zum Abend, sagen wir uns, haben wir ja noch die schöne Aussicht.</p>
<p>Wege kann man eigentlich nur Strecken nennen, die auf einer Karte von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt führen. Der Ausgang unseres Weges aber liegt ebenso im Dunkel wie das Ziel. Eine Karte wurde uns nicht ausgehändigt.</p>
<p>Die Illusion, wir seien, weil der Weg so mühsam ist, wohl in höherem Auftrag unterwegs, vielleicht gar, die Anwohner auf der anderen Seite des Gebirges mit unserem unverhofften Erscheinen und unserem fremdländischen Akzent in Erstaunen zu setzen, ist unserem skeptischen Gemüte leider versagt.</p>
<p>Der Weg steigt allmählich an; auf der Anhöhe blicken wir in die Ferne. Wir gehen weiter, der Weg wird abschüssig, windet sich durch Gestrüpp, dann bricht er ab. Wir SIND dieser Weg.</p>
<p>Wir können (unter günstigen Umständen) sagen, was wir meinen. Doch (unter keinen Umständen) meinen, was wir wollen.</p>
<p>Wir können diese oder jene Frucht vom Baum der Sprache pflücken. Wir selbst aber haben ihn nicht gepflanzt.</p>
<p>Etwas meinen heißt auf ein grammatisch geordnetes System bedeutsamer Ausdrücke zurückgreifen, das uns gegeben, nicht sua sponte von uns erfunden, konstruiert oder erklügelt worden ist. Es ist eben jener Baum der Sprache, den wir nicht gepflanzt haben und der ohne unser Zutun emporgewachsen ist.</p>
<p>Wer den Keim in die Erde senkte, ist nicht bekannt, ist unerfindlich.</p>
<p>Manche sind wie gelehrte Gärtner und vermögen es, auf den alten Sprachzweig ein frisches Edelreis zu pfropfen. – Das Reis, das Luther pfropfte oder Goethe.</p>
<p>Es kann eine neue Stimme in den Kanon eintreten; freilich muß sie die kontrapunktische Linienführung beachten, die in diesem Tonsystem als gültig angenommen worden ist (die beispielsweise den Tritonus vermeidet).</p>
<p>Einer hat, wenn auch erschöpft, den Aufstieg glücklich gemeistert; erfreut von der weiten Aussicht auf der Anhöhe winkt er der Schar der Freunde, die fern im Tal zurückgeblieben sind. Sie aber deuten sein Winken nicht als Aufforderung, es ihm gleichzutun, sondern als resignatives Zeichen, die Anstrengung lohne nicht, die Aussicht halte nicht, was der Reiseführer verspricht.</p>
<p>Einer hat die Anhöhe erklommen und schaut auf den verschlungenen Weg zurück, der ihn dorthin geführt hat. Von wo er seinen Ausgang nahm, vermag er nicht zu erkennen, er liegt schon im Dunkel.</p>
<p>Da wir immer etwas denken oder der Gedanke stets einen Sinngehalt hat, läßt sich das Nichts nicht denken. Freilich, es gibt Unsinn; doch dies nennen wir gedankenlos.</p>
<p>Der Kern in der Nuß, das Ich im Wir, der Satz in der Sprache: Eins scheint immer in einem anderen enthalten, wie die Puppe in der Puppe. Aber die alles umhüllende Schale, auch wenn wir sie All oder Universum nennen, können wir nicht denken.</p>
<p>Ein Satz kann in einen anderen eingefügt werden, und dieser komplexe Satz wiederum in einen Satz, der um noch eine Stufe komplexer ist. Aber einen alle Sätze enthaltenden Satz, eine alle Sprachen umfassende Meta-Sprache können wir nicht denken.</p>
<p>Die Puppe, die in der Puppe verborgen ist, die sie enthält, mag wieder ein Püppchen enthalten, das von den beiden Puppen umfaßt wird. Aber wir gelangen auf diese Weise nie zu einer allerwinzigsten Puppe, zu keinem Atom aller Puppen.</p>
<p>Der Augenblick ist nicht der ausdehnungslose Punkt einer Zeitstrecke, die wir aus solchen Zeitatomen konstruieren könnten. Kein Moment ist Atom, jeder Abgrund.</p>
<p>Nie können wir zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön.</p>
<p>Es ist für unser Dasein nicht relevant, ob wir glauben, die Sonne kreise um die Erde oder die Erde um die Sonne.</p>
<p>Daher gibt es keine kopernikanische Wende des Denkens, sondern nur eine in der astronomischen Theorie. Und auch diese kann in Einsteins Metatheorie eingebettet werden.</p>
<p>Ich sehe keine existentielle Notwendigkeit, die angeblichen Wahrheiten, die heute allgemein ventiliert und akzeptiert werden, mir zu eigen zu machen.</p>
<p>Für mich besteht ebensowenig die Notwendigkeit, mich als Zeitgenossen der Moderne oder Postmoderne zu definieren, wie für die Zeitgenossen des Augustus die Möglichkeit, sich als Zeugen der klassischen Epoche der Antike zu verstehen.</p>
<p>Die Welt kann nicht von einer überweltlichen Intelligenz gemäß einem providentiellen Plan erschaffen worden sein und gelenkt werden, denn ob mein Kanarienvogel mich morgen früh wieder krächzend begrüßt oder tot in seinem Käfig liegt, kann selbst Gott nicht voraussehen.</p>
<p>Die Annahme eines kausalen Determinismus des Mentalen ist ebenso töricht wie jene, das Mentale werde von zufälligen Quantenereignissen auf neuronaler Ebene gesteuert .</p>
<p>Der gedankliche Boden, auf dem wir stehen und gehen, schwankt nicht nur, sondern besteht aus einer ungreifbaren Substanz, dünner als die Luft, die immerhin Flügel zu tragen vermag.</p>
<p>Der Körper kann die Seele ebensowenig enthalten, wie der Gedanke in einem spezifischen Hirnareal lokalisiert werden kann.</p>
<p>Die Erinnerung an jenen schönen Frühlingstag, der mir durch den Duft dieser Rosen erweckt wird, enthält kein einziges Arom.</p>
<p>Der neuronale Prozess der Geruchsempfindung mag vielleicht in einem Hirnareal lokalisiert werden, nicht aber die Erinnerung, die sie ausgelöst hat.</p>
<p>Wir sagen: „Meine Hand schmerzt“, aber wir können die Schmerzempfindung nicht an einer spezifischen Hautstelle lokalisieren.</p>
<p>Du kannst nicht sagen: „Hier ist der Schmerz“, wie du sagen kannst: „Dort liegt das Buch.“</p>
<p>Die Ursache der Rotempfindung ist eine bestimmte Lichtfrequenz, aber die Rotempfindung ist keine bestimmte Lichtfrequenz.</p>
<p>Ich kann von meiner Rotempfindung nicht auf das Vorhandensein einer Lichtquelle mit bestimmter Frequenz schließen, denn ich könnte von den Rosen träumen, die mir heute eine liebe Hand geschenkt hat.</p>
<p>Leib und Seele, res extensa und res cogitans, Materie und Geist, Ich und Es – Chimären eines halbmythologischen Denkens.</p>
<p>Ich gelange an kein Ziel; wenn ich endlich erschöpft ins Knie breche, könnte ich mir sagen: „Ich hätte bei besserer Kondition weitergehen können.“</p>
<p>Ich gelange an keinen notwendigen Anfang; denke ich an meine Geburt, könnte ich mir sagen: „Mein Vater hätte, bevor er mich zeugte, bei einem Unfall ums Leben kommen können.“</p>
<p>Ich könnte auch sagen: „Statt mich an jenem Tag zu zeugen, hätte mein Vater am nächsten Tag mit der Frau, die zufälligerweise meine Mutter wurde, ein Kind zeugen können, das nicht ich gewesen sein würde.“</p>
<p>Der Name kann, was er nennt, der Satz, was er behauptet, nicht wie ein Handschuh über die richtige Hand gezogen werden, nicht wie eine Hand die andere berühren. Hier klafft eine unendliche Lücke, ähnlich jener zwischen dem Finger Gottes und dem Finger Adams auf dem Bild des Michelangelo.</p>
<p>Und doch kann, wenn ich eine Tanne eine Fichte nenne, mein botanisch versierter Freund mich auf die Unwahrheit meiner Benennung hinweisen. Aber die Wahrheit der Behauptung hat keine Ähnlichkeit mit der behaupteten Tatsache. Wie sollte dann die Falschheit einer Behauptung eine Ähnlichkeit mit der Negation der Tatsache haben?</p>
<p>Uns aber kommt es so vor, als würde die Linie der wahren Behauptung die Linie der behaupteten Tatsache gleichsam im Fluchtpunkt des Unendlichen schneiden.</p>
<p>Die semantische Linie und die faktische Linie verlaufen, wenn wir von der Wahrheit oder Korrektheit einer Behauptung sprechen, gleichsam parallel. Uns kommt es dabei so vor, als würden die beiden Linien sich in einem unendlich weit entfernten Fluchtpunkt treffen. Daher die Rede von der Übereinstimmung von Satz und Tatsache, von der adaequatio rei et intellectus. Doch dies ist eine perspektivische Täuschung.</p>
<p>Törichte Arroganz wähnt, jetzt zu leben sei eine Auszeichnung gegenüber jenen, die vor uns gelebt haben.</p>
<p>Verfängliche, ja absurde Metapher: Vernunft oder nur dem Vernunftgesetz folgender Wille als epistemischer oder moralischer Steuermann des vernunftlosen, blinden Leibs.</p>
<p>Aber wir (nicht die Vernunft und kein vernunftgemäßer Wille) sehen mit den Augen und folgen dem Pfad, der uns eine schöne Aussicht verspricht.</p>
<p>Wir schlagen Wege ein, von denen wir nicht wissen, wo sie münden.</p>
<p>Ein ins Meer mündender Strom müßte sich wundern, daß er als Rinnsal begann.</p>
<p>Ich kann aus der Tatsache, daß die Aussicht von der Anhöhe beglückend ist, nicht folgern, daß dies gleichsam der Lohn für meine Anstrengung war, sie zu erklimmen; ich könnte Pech haben und alles im Tal wäre von Nebel verhangen und grauem Dunst.</p>
<p>Cogito, Schatten, den der Baum der Sprache wirft – und doch zugleich Geschmack ihrer Frucht.</p>
<p>Seelenverfinsterung: Verhärtung des Herzens, Sklerose des Gemüts, Fanatismus der Gesinnung.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Vor der unsichtbaren Wand</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/vor-der-unsichtbaren-wand/</link>
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		<pubDate>Mon, 01 Dec 2025 23:01:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Vor der unsichtbaren Wand Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen – Hier geht’s nicht weiter. – Ist da eine unsichtbare Wand? – Ja, unsere Art, zu denken und zu sprechen. – Doch können wir nicht denken, was wir nicht sagen können; nicht das Unsagbare denken? – Nur durch und mit und innerhalb der Sprache können wir uns gleichsam über ihre innere Grenze [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/vor-der-unsichtbaren-wand/">Vor der unsichtbaren Wand</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>– Hier geht’s nicht weiter.</p>
<p>– Ist da eine unsichtbare Wand?</p>
<p>– Ja, unsere Art, zu denken und zu sprechen.</p>
<p>– Doch können wir nicht denken, was wir nicht sagen können; nicht das Unsagbare denken?</p>
<p>– Nur durch und mit und innerhalb der Sprache können wir uns gleichsam über ihre innere Grenze krümmen, in die Falte des Ungesagten schmiegen.</p>
<p>– Ja, die Wand ist die Metapher für die Sprache, die fensterlos wie die Monade ist und wie diese das Ganze der Welt in nuce enthält, allerdings nicht wie bei Leibniz in Form mehr oder weniger bewußter Wahrnehmungen, sondern als Totalempfindung oder Gestimmtheit, die wir nur durch paradoxe Bilder und Metaphern zum Ausdruck bringen können.</p>
<p>– Sehen wir das Morphem oder das Wort als subgrammatisches Teilchen, können wir es doch zugleich als Moment oder Funktion des Satzes, der grammatischen Welle, begreifen.</p>
<p>– Aber Teilchen und Welle, Wort und Funktion, Morphem und Struktur sind anders als ihre physikalischen Analoga einander ungleichartig und nicht äquivalent.</p>
<p>– Sage ich <em>hier</em>, muß ich <em>dort</em> sagen können, wenn wir ein Stück Weges gegangen sein werden; sage ich <em>jetzt</em>, muß ich auch <em>soeben</em> oder <em>gestern</em> oder <em>vorgestern</em> sagen können, wenn wir eine Weile weitergelebt haben werden.</p>
<p>– Aber wir können von keinem Außerhalb der grammatischen Funktion sprechen, mittels derer wir einen Ort oder einen Zeitpunkt festlegen.</p>
<p>– Doch dies können wir wohl sagen, daß sich außerhalb dieses gleichsam grammatisch-transzendentalen Rahmens nichts Sinnvolles sagen läßt.</p>
<p>– Paradoxerweise haben wir ein Wort für das Unsagbare, das wir vor den singulären Anfang der Zeit zu setzen pflegen: Ewigkeit; ähnlich dem Schweigen Gottes, das wir vor den Anfang der Welt durch die creatio ex nihilo im Wort zu setzen pflegen.</p>
<p>– Ja, das Schweigen, und diesem vor dem Sagen liegenden Nichtsagen entspringt wie eine geisterhafte Vakuumfluktuation das Wort, das wiederum nur als Wort-vor-dem-Wort zu begreifen oder eben nicht zu begreifen ist.</p>
<p>– Das Schweigen, jenes Schweigen, und das Wort, jenes Wort, sind gleichsam spinozistische Attribute der göttlichen Substanz, die Spinoza ja mit der Natur als natura naturans, also einer vorgeschöpflichen Natur, Natur-vor-der-Natur, gleichsetzt.</p>
<p>– Schweigen ist eine Metapher, die wie alle absoluten oder transzendentalen Metaphern an der Grenze unseres Sprachvermögens notwendig scheitert und zerschellt. Denn was wir schweigen nennen, ist ein Moment unseres Sagens, nämlich beispielsweise auf eine Frage nichts zu antworten. Ein außersprachlicher Begriff des Schweigens scheint uns unzugänglich; so auch das Schweigen Gottes. Es ist gleichsam ein Schweigen jenseits des Schweigens.</p>
<p>– So auch das Wort jenseits des Worts. Wir glauben zu kennen, was wir flüchtig benennen; während das schöpferische Wort dem Benannten gleichsam innewohnt, dem Blute gleich, das in ihm pulst und es belebt.</p>
<p>– Indes vom Schweigen jenseits des Schweigens, vom Wort jenseits des Worts trennt uns eine unsichtbare Wand.</p>
<p>– Es gibt hier keine Tapeten- oder Geheimtüren in ein Reich jenseits des Seins, und alle Spekulationen über dessen Landschaften und Bewohner sind metaphysische Variationen eines mentalen Tischrückens.</p>
<p>– Sicher. Aber dies mindert das Mysteriöse dessen, was wir unser Leben und Sterben unter den Gestirnen des Fatums nennen, keineswegs.</p>
<p>– Wir verspüren es umso schmerzlicher an den Beulen, die wir uns nach Wittgenstein bekanntermaßen einhandeln, wenn wir mit dem unbelehrbaren Kopf gegen die unsichtbare Wand schlagen.</p>
<p>– Ja, es ist wie mit der Wanderung durchs Gebirge; bei klarer Sicht steigen wir auf, doch dann irren wir orientierungslos im jählings aufgekommenen dichten Nebel umher, ständig in der Angst, in einen Abgrund zu stürzen.</p>
<p>– Sehen wir indes im Ungefähr ein Licht aufschimmern, tasten wir uns bis zum Eingang der Schutzhütte, wo wir Unterschlupf zu finden hoffen, wer weiß, bei welchen unterhaltsamen Verköstigungen.</p>
<p>– Das wäre eine allzu sentimentale Idee von einem sprachlichen Idyll, als wäre Poesie eine begrünte schwimmende Insel im Meer des Ungewissen.</p>
<p>– Gleichsam wie Vergils Insel der Seligen am Rand des Feuermeers der Hölle.</p>
<p>– Indes nicht sentimental, insofern die Seligen von ihrer Insel aus in der Ferne die Qualen der Verdammten durchaus wahrnehmen können – und vielleicht nur so erfahren, daß sie entronnen sind.</p>
<p>– Und der Nebel, den wir Wanderer aus dem Fenster der Hütte erblicken, ist ja durchaus Teil des Elements, das wir atmen, das uns nährt.</p>
<p>– Wenn er sich lichtet, erreichen wir wohl noch den Gipfel. Was sehen wir aber? Weitere Gipfel, ferne, unerreichbare, unersteigliche. Und darüber das Blau des Himmels, gleichsam die luftige Substanz, die sich mit noch so feinen Instrumenten unseres Denkens und Sprechens nicht zerlegen läßt.</p>
<p>– Die unsichtbare Wand.</p>
<p>– Die unsichtbare Wand, an der keine Geisterschrift erscheint, deren Sinn uns meinen könnte.</p>
<p>– Das Blau des Himmels, wenn es nicht nur ein meteorologisches Phänomen bezeichnet, sondern uns als Metapher für unsere sprachliche Existenz dient, mit der wir die gleichsam stofflich-unstoffliche Substanz der Welt bezeichnen.</p>
<p>– Sie mutet geisterhaft und rätselhaft an, wie der Nebel, der uns einhüllt und den wir durchdringen, aber wie die Struktur des sprachlichen Daseins nicht zerschneiden oder vollständig zerlegen und analysieren können; anders als das meteorologische Phänomen, das wir ohne weiters chemisch analysieren können.</p>
<p>– Darin gleicht die Metapher des Nebels dem, was der Dichter Heinz Piontek das Undurchschaubare nennt, und intuitiv hat er beides in dem Gedicht mit dem Titel <em>Orakel</em> verknüpft, in dem er ein bretonisches Dorf am Meer evoziert und sich aufgefordert fühlt, durch seine totenstillen Straßen zu gehen: <em>Hinunter zum Meer –/wo Nebelbänke ankern,/das letzthin Undurchschaubare gewaltig/sich gelagert hat</em>.</p>
<p>– Man könnte auch von der Fülle des Wohlklangs sprechen, die wie in Bachs <em>Wohltemperiertem Klavier</em> das Unaussprechliche, ohne es konkret auszusprechen, dennoch ausspricht.</p>
<p>– Oder von Variationen über ein geheimes Thema, das sich wie das Dunkel offenbart nur, wenn allererst ein noch so schwacher Lichtschein erlischt.</p>
<p>– Ja, ein Dunkel jenseits des Dunkels, das nicht vor der Sonne Platons zurückweicht, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Dämmerung bleibt, die unserer sprachlich-existentiellen Situation entspricht.</p>
<p>– Es ist, als gingen wir über die transparente Fläche eines zugefrorenes Sees, in dem ein Unterwassermond sein fahles Licht auf seltsame unbekannte Gewächse wirft.</p>
<p>– Wir könnten sie Traumbildern vergleichen; nur, daß sie nicht wie die gewöhnlichen oder auch ungewöhnlichen einer Deutung zugänglich sind.</p>
<p>– Traumbilder, jenen Kafkas ähnlich, die wir nicht als leicht oder auch schwer zu dechiffrierende Symbole ansehen, sondern als kristallisierte Rätsel-Allegorien, kristallisiert und kondensiert aus dem trüben Dunst unseres sprachlichen In-der-Welt-Seins.</p>
<p>– Es ist, als hörten wir ein Knacken oder Rauschen in der Leitung und die uns bisher so vertraute Stimme klingt fern und fremd wie unter Wasser, dem Traumwasser in den kommunizierenden Röhren dessen, was nur Toren Medium der Mitteilung zu nennen pflegen.</p>
<p>– Wir könnten auch an das Flußbett denken, von dem Wittgenstein spricht: Fluß, der uns selber meint als sprachliches In-der-Welt-Sein, der von uns unbemerkt allmählich seine Ufer bildet und umbildet.</p>
<p>– Wir könnten vielleicht in den herausgehobenen Momenten lyrischen Sprechens fühlen, wie der Fluß etwas Unheimlich-Drängendes annimmt, je näher er der Mündung ins Meer kommt.</p>
<p>– Nun, löst er sich im Meer, in einem universalen Rauschen, nicht gänzlich auf?</p>
<p>– Gewiß, er fließt noch und scheint den ruderlosen Kahn unserer Existenz mit sich fortzutragen, doch in Wahrheit hat er sich immer schon im Grenzenlosen, im Unendlichen, im Rauschen oder Schweigen aufgelöst.</p>
<p>– Immer schon aufgelöst, und doch sind wir da, sehen uns an, reden in einiger Gelassenheit miteinander.</p>
<p>– Es ist, als sprächen lebende Wesen im Licht, doch in Wahrheit sind sie schon Schatten in jener Unterwelt, wovon ein Vergil, ein Dante spricht.</p>
<p>– Die Sprache wäre die Höhle nicht, die uns gefangenhält, sondern der raumzeitliche Hohlraum, der uns birgt, und die Schatten an der Wand unsre eigenen.</p>
<p>– Und das Licht, das sie wirft, strahlt nicht von der Sonne des Guten, sondern vom ewigen Weltenbrand.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Lacrimae rerum</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/lacrimae-rerum/</link>
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		<pubDate>Thu, 20 Nov 2025 23:01:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Lacrimae rerum Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Sagen, wir, der eigentliche Gedanke entspreche der Fleisch- oder Fischeinlage mit einem gewissen Nährwert, das bedeutungsvoll klingende, aber inhaltsleere Gerede darum herum dem mit Gelatine gebundenen Gallert, wie man sie bei Aspikgerichten findet; berechnen oder taxieren wir jeweils das Verhältnis von geistiger Substanz und rhetorischem Blendwerk. – Bei etlichen Meinungsbekundungen sind [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/lacrimae-rerum/">Lacrimae rerum</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Sagen, wir, der eigentliche Gedanke entspreche der Fleisch- oder Fischeinlage mit einem gewissen Nährwert, das bedeutungsvoll klingende, aber inhaltsleere Gerede darum herum dem mit Gelatine gebundenen Gallert, wie man sie bei Aspikgerichten findet; berechnen oder taxieren wir jeweils das Verhältnis von geistiger Substanz und rhetorischem Blendwerk. – Bei etlichen Meinungsbekundungen sind wir, denn wir kennen die Verkünder, nicht überrascht, unter einer schillernden Hülle wabernder verbaler Schwellkörper nach mühsam-unappetitlicher Suche auf einen kümmerlichen Brocken und Bodensatz zu stoßen, der so nahrhaft ist, wie das Triviale tiefsinnig. – Das gilt allen anderen voran für Pastoren, Politiker, Journalisten und Zeitgeistdenker.</p>
<p>Der einst besonnene Löwe (Th. M.) ließ sich von der geifernden und blindwütigen Hyäne (A. H.) solchermaßen reizen, daß er den zwielichtigen Äther über der Wüste mit seinem erschreckend-monotonen Gebrüll erfüllte.</p>
<p>Die instinktive Scheu des Halbgebildeten vor dem linguistischen Kleinod namens Genitiv führt zu grammatischen Ungetümen wie „des Ereignis“, „des Nachlaß“ oder auch „des Geheimnis“, ja selbst „des Geheimnis’“ und entblödet sich nicht „den Opfern zu gedenken“.</p>
<p>Wo dem Bedeutungsschwindler der Atem schwillt, schwillt dem nüchternen Sprachkritiker der Kamm.</p>
<p>Der November 1918, spätestens der November 1938 trägt den Epocheneintrag „Ende der alteuropäischen Kultur“.</p>
<p>Er versprach ihr, sie auf Rosen zu betten, doch sie stachen Dornen.</p>
<p>Vom sogenannten kommunikativen Austausch in sogenannten sozialen Medien abgegriffene geistige Physiognomien.</p>
<p>Die da geheimnistuerisch Türen zu öffnen vorgeben, die vom Beben der Geschichte längst aus den Angeln gehoben sind.</p>
<p>Kein Morphem ohne Phonem, kein Sinn ohne Laut, keine Seele ohne Leib.</p>
<p>Den Klassikern nachtrottende Poeme, Gespenster, die vergebens zu lächeln versuchen.</p>
<p>Lacrimae rerum – Wimpern der Wehmut, an denen sie glänzen.</p>
<p>Nur gewässertes Holz kann man biegen; wie die von Tränen befeuchteten Zweige des elegischen Gedichts.</p>
<p>„Die Sprache spricht.“ – „Die Sprache lügt nicht.“</p>
<p>Die Lüge verrät sich im Mißbrauch der Sprache.</p>
<p>Das pseudoedle Geschwätz von „der moralischen Bestimmung der Menschheit“, „der Völkerversöhnung“, „der sozialen Gerechtigkeit“ und „der endlichen sozialen Befriedung durch Gleichheit“ kann uns hinter dem Ofen der Indifferenz, auch wenn seine Gluten längst erloschen sind, nicht hervorlocken.</p>
<p>Die Art des Sterbens wirft nicht immer dasselbe Licht auf das vergangene Leben und seine Werke – der Selbstmord des „Größten Feldherrn aller Zeiten“ und jener eines Georg Trakl.</p>
<p>Pseudologen, die uns aufgrund eines moralisch verbrämten geschichtsphilosophischen Epochenschwindels dekretieren, was und wie wir heute zu denken und zu empfinden, zu malen, zu komponieren und zu dichten haben – nach Kandinsky abstrakt, nach Schönberg atonal, nach Mallarmé und Rimbaud enigmatisch.</p>
<p>Es wandelt nicht grundlegend unser Fühlen, Sinnen und Trachten, ob wir glauben, die Sonne drehe sich um die Erde oder die Erde um die Sonne.</p>
<p>Die angeschlagene Saite des Verses bringt Obertöne zum Erklingen, die wir bewußten Sinnes nicht mehr vernehmen; doch etwas in uns schwingt ihnen nach.</p>
<p>Im Gerichtsverfahren mit der Sonne kann die Erde nur den Mond als schwachen, beschwichtigenden Zeugen ihrer Unschuld vorladen.</p>
<p>Ohne Sonne keine Wahrheit, ohne Mond keine Dichtung.</p>
<p>Am Abendhimmel, der noch im Untergang der Sonne blutet, blitzt manchmal die Sichel des Monds, als habe sie die Wunde geschlagen.</p>
<p>Die Treppe der Sprache führt tief hinab zum Ufer des Stroms, und um uns ist nur noch Rauschen.</p>
<p>Der Hüter des Seins liegt in der Dämmerung auf der Ottomane, als würde er auf dem grauen Meer der Ungewißheit treiben, und murmelt vor sich hin: „Nur noch ein Gott kann uns retten!“</p>
<p>Wort der Lichtung, Lichtung des Worts, Feuersäule, Brot und Wein, feste Burg, Stab und Stütze – und nun: Welle, die unterm Kiel eines ruderlosen Bootes emporseufzt.</p>
<p>„Was ist das Wesen der Welt, der Zeit, der Zahl, der Geschichte, des Menschen?“ – „Was ist das Wesen der Bedeutung?“ – Sinnlose Fragen, an deren Beantwortung man seine Lebenszeit verschleudert, sind wie das Jucken eines Mückenstichs, an dem man immer wieder zwanghaft kratzt.</p>
<p>Sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt. (Vergil, Äneis, 1, 462)<br />
„There are tears at the heart of things.“ (Seamus Heaney)</p>
<p>Ob wir nun den Ausdruck <em>lacrimae rerum</em> als Hinweis auf das Bejammerns- und Beklagenswerte menschlicher Schicksale und insbesondere jener verstehen, die in kriegerische Konflikte verstrickt sind wie auf dem Wandbild im Juno-Tempel, das dahingegangene Heroen des trojanischen Schlachtfelds wie Agamemnon und Menelaos, Priamos und Achilleus zeigt, deren Anblick Äneas zu Tränen rührt, den Genetiv demnach als subjektiven deuten, oder objektiv, wie es der irische Dichter Seamus Heaney tut, gleichsam Gaia selbst uns als trauernde Witwe vor Augen führen, diese Zweideutigkeit in der Ausdeutung des Genitivattributs gehört zum poetologischen Reichtum der Dichtersprache Vergils.</p>
<p>Sprachlicher Kretinismus, eine Folge des das Zentralorgan zersetzenden Zeitgeistvirus, faselt ungrammatisch von den „Geflüchteten“ (von Verben wie flüchten, gehen, stehen oder regnen lassen sich ähnlich wie von reflexiven Verben wie sich flüchten, sich waschen, sich schämen keine sinnvollen Passivformen bilden; sie haben sich geschämt, sie wurden beschämt, aber sahen nicht aus der Wäsche wie Geschämte, höchstens wie Unverschämte) oder den „Forschenden“ und „Studierenden“ (das Partizip Präsenz drückt die Aktualität der genannten Tätigkeit aus), als gehörten diejenigen, die das Labor oder das Seminar nicht aufsuchen, weil sie den Termin verbummelt haben, nicht zur Gruppe der angestellten Forscher und immatrikulierten Studenten.</p>
<p>Die kleinen Götter der Italiker, der Etrusker, Sabiner, Osker, die noch keine Römer unter dem kulturellen Druck der Griechen waren, die Verehrung von Manen und Penaten, die religiöse Aura um die alltäglichen Dinge und Tätigkeiten, Pflug und Türschloß, Furchen des Ackers ziehen und die Türe auf- und zuschließen, läßt uns gleichsam in eine mysteriöse Zwischenwelt blicken, die uns von Dichtern wie Hölderlin und Rilke, aber auch Mörike und Hofmannsthal erschlossen werden kann.</p>
<p>Der allegorische Blick. Sehen, wie in der träumerisch-selbstvergessen Einherschreitenden Aglaia oder Euphrosyne erscheint. Die Dichtung kann ihn evozieren, doch nur bei jenen, die, ohne es hellen Sinnes zu bemerken, gleichsam schon eingeweiht sind.</p>
<p>Im zähen Fluß des Geredes offenen Augen dösen. Die harte Fügung oder die zweideutige Formel des Gedichts (lacrimae rerum), an dem der Fluß wie an einem Katarakt stockt und der Hörer in ein helleres, gleichsam aufgischtendes Fühlen gerückt oder entrückt wird.</p>
<p>Die Aufteilung der Welt in Lebendes und Totes, Himmel, Erde, Unterwelt, Gewesenes, Anwesendes und Kommendes, Heiliges und Profanes, Götter und Menschen, ist sie eine unwillkürliche Widerspiegelung des Ungesagten, der Struktur der indoeuropäischen Grammatik oder wie Heidegger meint, die Schickung der Moira im Ereignis? – Man könnte freilich auch die Sprache selbst als dieses schicksalhafte Ereignis auffassen.</p>
<p>Phänomenologie der Dämmerung. Zwischen Tag und Traum wandelt sich das Antlitz der Dinge; es wird wohl fahler, doch ausdrucksvoller. Die Stimme ist gedämpft, das Auge befeuchtet schon ein dunkleres Wasser, die Schritte tönen leiser, vager, verlangsamen sich, scheinen sich zu besinnen, als spürten sie, wie sie einen somnambul durchmessenen Kreis beschrieben haben. Ein Wind kommt auf, der kaum noch Duftpollen des verlöschenden Sommers mit sich trägt, dafür aber silberne Flocken aus den Tälern ausgerauschter Wasser. Und wir reden, als sprächen wir mit unserem Schatten, und wir schweigen, wenn er sich mit dem dämmernden Laub, dem Schatten der Stille, vermischt.</p>
<p>Gewiß, in der Abendstunde, im Dämmerlicht ahnen wir eher, was Heidegger unter Seinsverlassenheit verstanden haben mag. Doch ist in dieser Leere auch eine andere Fülle, der nicht die Leere eines Verlangens korrespondiert, sondern die voll ist wie die obere Schale eines Brunnens, die überfließt, um sich in die untere Schale zu ergießen, voll wie die Wabe des Tags, deren goldener Honig schon in die Ritzen und Furchen des Traumes herabrinnt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Verhallendes Echo</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Nov 2025 23:03:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Verhallendes Echo Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen „Alles fließt.“ – „Doch dies steht fest?“ Analysieren wir die Tat bis hinab zu den kleinsten determinierenden Momenten, verflüchtigt sich der Täter. Es ist trügerisch, im selben Sinn vom Ursprung des Universums wie vom Anfang einer Geschichte zu reden. Unser Reden von Zeit, Ereignis, Geschichte ist auf unterschiedlichen Skalen und Registern [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/verhallendes-echo/">Verhallendes Echo</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>„Alles fließt.“ – „Doch dies steht fest?“</p>
<p>Analysieren wir die Tat bis hinab zu den kleinsten determinierenden Momenten, verflüchtigt sich der Täter.</p>
<p>Es ist trügerisch, im selben Sinn vom Ursprung des Universums wie vom Anfang einer Geschichte zu reden. Unser Reden von Zeit, Ereignis, Geschichte ist auf unterschiedlichen Skalen und Registern abzutragen.</p>
<p>Was wir wirklich oder real nennen, ist ein integraler Bestandteil semantischer Verknüpfung; es wird indes dadurch nicht unwirklich oder irreal.</p>
<p>„Es regnete“ – im Tagebuch mit Orts- und Zeitangabe verzeichnet oder in einer fiktiven Erzählung.</p>
<p>„So geschah es“ – elementare grammatisch-semantische Synthesis.</p>
<p>Die Symmetrie von Kristall, Rose und Auge; und die Mächte der Auflösung wie Hitze, Sturm und Verwesung.</p>
<p>Wir unterscheiden Grade der Bewußtheit und der Egoität; Wach-Ich und Traum-Ich.</p>
<p>Das Geheiß, die Gründe der Tat und die Abgründe des Daseins zu erhellen, ist apollinisch; das Ergebnis, wie die Selbsterforschung des Ödipus bekundet, dionysisch-tragisch: die Entdeckung eines ursprünglichen Schattens.</p>
<p>Der Vergil der Äneis ist der Tiefenpsychologe des antiken Mythos.</p>
<p>Wir stehen am sich auflösenden Saum der Begegnung von christlicher und hellenisch-römischer Kultur.</p>
<p>Rhythmische Urintuitionen – wir unterteilen das Fallen von Tropfen unwillkürlich in Takte, rhythmische Einheiten. Muster des Gehens, Laufens, Zögerns, Verweilens in Jambus, Trochäus, Daktylos, Adoneus und Bakcheus.</p>
<p>Physiognomische Urmuster; das Kind malt einen Kreis und darin drei Punkte für Augen und Mund.</p>
<p>Die grammatische Morphologie und Musterbildung erzeugt die Morphologie des Sinns.</p>
<p>Sätze über die Form von Sätzen sind metasprachliche Schein-Sätze.</p>
<p>Der Schatten des Kreuzes, den das gleisnerische Licht der Aufklärung nicht aufzulösen vermochte, liegt noch auf dem Schnee unseres geistigen Winters.</p>
<p>Der Herrscher von Theben, Ödipus, hinkt.</p>
<p>Die anmutig-züchtige junge Muslima stand vor mir in der Warteschlange und las in ihrem Buch der Bücher, einer Ausgabe des Koran mit ornamental umrankten Schriftzeichen. Kaum vorstellbar, ihre christliche Schwester täte desgleichen mit unserem Buch der Bücher in der Hand.</p>
<p>Ich gedachte des wahren, wenn auch wahnhaften Leidens eines Pavese und der unheimlichen Tiefe, die es seinem mürben Geist verlieh, verborgene Schichten des antiken Mythos zu berühren.</p>
<p>Genius der Sonne und Anima des Monds. – Goethe war beides.</p>
<p>Die sich in den Wellen der ligurischen Küste spiegelnden einsamen Säulen hohen klassischen Stilempfindens – Phantasmagorien der Geschichte.</p>
<p>Jeder lebt seinem Mythos nach, ohne Hoffnung auf endgültige Entschlüsselung.</p>
<p>Aus den vergossenen Tropfen Bluts ihres Geliebten Adonis läßt Aphrodite Rosen entsprießen.</p>
<p>Die Glieder der Sprache verrenken heißt die Mutter schänden.</p>
<p>Die ihn gebar, bleibt stumm angesichts des Leidens ihres Sohns am Kreuz. – Wie anders? Sie selber ist der Stamm, der ihn trägt.</p>
<p>Die Wahrheit läßt sich nicht photographieren.</p>
<p>Mach einen Schnappschuß – die Geste der wahren Empfindung bleibt, so gestochen scharf die Bildauflösung sein mag, verwischt.</p>
<p>Die klassischen Autoren waren wie die Gelehrten, die Historiker, die Politiker in den humanistischen Fächern geschult, allem voran in der Rhetorik. Doch Vergil, der Meister der epischen Sprache, versagte als Redner.</p>
<p>Wer hätte noch unter den Sprachbildnern den erhaben-demütigen Antrieb, sein Werk einer höheren Macht als Gabe auf den Altar zu legen (so wie Wittgenstein beabsichtigte, es Bach nachzutun und das seine unter das Motto zu stellen: Ad maiorem gloriam Dei)? – Schon Wittgenstein scheute wie vor einer Anmaßung davor zurück; wie lächerlich würde uns heute die Tollkühnheit eines Zeitgenossen anmuten, der sich dessen erdreistete.</p>
<p>An allem irre geworden, was harmonisch resoniert und architektonisch wohlgefügt ist, lassen sie sich für die Pervertierung und Herabwürdigung dessen feiern, was Goethe das Vortreffliche nannte, auch wenn es an Leichenfledderei gemahnt.</p>
<p>Der vernunftfromme, kartesianisch gesinnte Freud ward angesichts der schwellenden Brüste der Erdmutter Gaia impotent und mythenblind.</p>
<p>Die wir gestern sahen, die Spuren des Wilds, hat der Neuschnee verwischt.</p>
<p>Gedichte, allmählich verlöschende Nachbilder des Traums.</p>
<p>Das Echo der Rufe aus dem Abgrund der Zeit, das an den kahlen Wänden einer müden Gegenwart verhallt.</p>
<p>Der ausgeschöpfte Brunnen der Erinnerung.</p>
<p>Die in Abwasserkanäle geleiteten Ströme des Helikon.</p>
<p>Die feinhörige Hand des Chirurgen und Physiognomikers tastet den Verwachsungen unter den verhornten Hautschichten nach; das überlärmte Ohr des Zeitgenossen findet für die leisen Zwischentöne im Vers des Vergil keine Resonanz.</p>
<p>Eine Erschütterung, ein Erdbeben läßt die Wände der römischen Villa erzittern; da bröckelt der Putz wie aufgeklatschte Tünche, und die farbigen Mosaike einer untergegangenen Welt treten ans Licht.</p>
<p>Ich hörte. wie Großvater im wuchernden Gras des Felds die Sense dengelte, Knabe, der auf dem Dach des Schuppens lag, und mir war, als stiegen geisterhafte Stimmen aus dem heiß geschabten Eisen.</p>
<p>Von den herbstlichen Feuern stoben Funken in den dunkelblauen Samt des Abends und brannten Löcher in den Vorhang, durch die sich schon der schwarze Schaum der Nacht ergoß.</p>
<p>Was Nachtwind ins Gras geschrieben, die Seele liest es, eine Eule, die nach ihrer Schwester ruft.</p>
<p>Der Dichter sah im Schnee die Spuren und ihm war, sie müßten von einer verwandten Seele stammen, einem Sternenbruder in der Winternacht, und ging ihnen nach; doch kam er dunkel kreisend an die Stelle zurück, von der er ausgegangen.</p>
<p>Wer abgewichen ist vom ausgetretenen Pfad des Sagens, sieht sich jählings einsam unter fremden Sternen, und die Blüten rings, das grüne Leben scheint ihm unbenannt nur schwach zu atmen, schwach zu duften. Nur eines Orpheus Huld kann ihm den Zauber leihen, die Dinge wieder zu beleben, daß sie ihm mündig geworden neue Namen künden.</p>
<p>Der Sinn des Todes entblößt den Wahn der universellen Machbarkeit und Verfügbarkeit.</p>
<p>Die Behausungen und Gehäuse, vom Haus bis zum technischen Gestell, können uns nur vorübergehend bergen; die Angst und der Tod schlüpfen durch das Schlüsselloch, nisten in den Fugen und Gelenken unserer blitzenden Geräte, wo unheimlich zu knacken und knirschen beginnt, was schließlich zerbricht.</p>
<p>Die natürliche Sprache ist historisch-kontingent und kulturrelativ; sie kann nicht am Reißbrett entworfen und mittels Algorithmen aufgebaut werden.</p>
<p>Der Geist der natürlichen Sprache weht uns an, belebt oder ängstigt; die Sprache der künstlichen Intelligenz atmet nicht.</p>
<p>Wir werden skeptisch gegenüber dem Wunsch nach Unsterblichkeit, wenn uns das Schicksal des Tithonos zu dauern beginnt, dem die Gemahlin Eos dank Zeus zu ewigem Leben verhalf, der aber alt geworden immerdar weiter vergreiste, verschrumpelte und den Zikaden gleich stets schriller seine Stimme erhob, weil ihm ewige Jugend nicht vergönnt war.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wermut der Resignation</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Oct 2025 22:02:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Wermut der Resignation Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Die historisch kontingente, aber epochal beglückende Koinzidenz von Macht, Reichtum und erlesenem Kunstgeschmack ist die Bedingung der Möglichkeit kultureller Höchstleistungen in Architektur, bildender und redender Kunst, wie die römische Klassik unter Augustus, der Hof von Versailles, Potsdam, Dresden oder das Bündnis zwischen Carl August von Weimar und Goethe belegen. Daß horribile [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/wermut-der-resignation/">Wermut der Resignation</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Die historisch kontingente, aber epochal beglückende Koinzidenz von Macht, Reichtum und erlesenem Kunstgeschmack ist die Bedingung der Möglichkeit kultureller Höchstleistungen in Architektur, bildender und redender Kunst, wie die römische Klassik unter Augustus, der Hof von Versailles, Potsdam, Dresden oder das Bündnis zwischen Carl August von Weimar und Goethe belegen.</p>
<p>Daß horribile dictu der kriminelle Triebtäter, der Perverse und der Geistesschwache dasselbe Gewicht bei der demokratischen Wahlentscheidung einbringen, ist dem aristokratischen Geist ein Greuel.</p>
<p>Der künstlerische Wille ist die Maßgabe für den individuellen sprachlichen Ausdruck; so gebrauchte Stefan George außer bei Namen die Kleinschreibung, um sich ein Markensiegel zu schaffen. Dem Sprachstümper, dem typischen Produkt demokratischer Massenbildung, unterläuft die Verkennung des Anredepronomens mit dem Pronomen der dritten Person Plural unwillkürlich – im Doppelsinne.</p>
<p>Und doch ist sie wie der Untergang des Genetivs oder die Unfähigkeit, zwischen dem Konjunktiv der indirekten Rede und dem Konditionalis zu unterscheiden, ein Signum des Sprachverfalls.</p>
<p>„Hätte ich nicht so gebummelt, wäre mir die Bahn nicht vor der Nase davongefahren.“ – Solche grammatischen Bildungen zum Ausdruck des irrealen Bedingungsgefüges geben den sprachlichen Anstoß zu philosophischen Erwägungen über den Begriff der mehr oder weniger freien Handlung.</p>
<p>Die Betrachtung der komplexen epischen Struktur der Äneis, die man insgesamt in einen odysseeförmigen und einen iliasähnlichen Teil, aber wie bekannt auch triadisch gliedern kann, darf auf erhellende Analogien aus der Architektur antiker Großbauten wie des Apollontempels auf dem Kapitol oder des Athenatempels der Akropolis zurückgreifen.</p>
<p><em>Virum mihi, Camena, inseces versutum. – Uns ist in alten maeren wunders viel geseit. – The Queen was in the parlor eating bread and honey.</em> – Wir finden verwandte metrische Gebilde und Klangeffekte wie beim altrömischen Saturnier, in der Nibelungenstrophe und im englischen Nursery Rhyme, die nicht auf Beeinflussung zurückgehen können, sondern aus der gemeinsamen Tiefenstruktur des Indogermanischen fließen.</p>
<p>Die orphische Schlange beißt sich in den Schwanz. – Dem Mythos gemäß kehrt der trojanische Flüchtling Äneas in die alte Heimat Ausonien zurück. – In der Ringkomposition der Sonate findet sich die Wiederholung des Anfangs als Reprise, doch nun in einer von der Durchführung geprägten eigentümlichen Stimmung.</p>
<p>Die keine Laren und Manen mehr verehren, werden unfruchtbar und sterben als Sippe und Volk aus.</p>
<p>Der Gleichheitswahn ist ein Symptom absterbenden Lebens.</p>
<p><em>Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc/Parthenope; cecini pascua, rura, duces.</em> – Hirten, Bauern, Feldherren galt mein Gesang: Ist dies eine geschichtsphilosophisch deutbare Folge evolutionären Typs vom Zeitalter der Nomaden und Jäger über die neolithische Phase des Ackerbaus bis zur historischen Schwelle urbaner Zivilisation oder der Ritter und Fürsten, wie das Mittelalter den Grabspruch Vergils deutete?</p>
<p>Ohne die Geburt von Bethlehem hätte Kaiser Konstantin die 4. Ekloge nicht messianisch gedeutet und wäre Vergils Dichtung nicht vollständig über die Wirren der Zeit gerettet worden. – Ist dies eine Form von Providenz?</p>
<p>Infolge der Egalitätsobsession und der Schleifung aller geistig-kulturellen Hierarchien mittels Quotenregelung und Gleichstellungsbeauftragung sinkt der durchschnittliche Intelligenzquotient auf voraussehbare Weise, bis das mathematisch-technologische Fundament des modernen Produzierens, Konsumierens und Kommunizierens nachgibt.</p>
<p>Die zum Klischee herabgesunkene Schmähung des Pater familias und die Entwürdigung der Matrone erinnern an die vergeblichen Bemühungen des Augustus, qua Sittengesetz ähnlichen Phänomenen der Dekadenz seiner Zeit Einhalt zu gebieten.</p>
<p>Kristalle, Muscheln, Blüten – Strukturen, die den dichterischen Geist beflügeln.</p>
<p>Die leise bebende Statik der klassischen Säule; das von eigner Schwere und Bedeutung getragene dichterische Wort.</p>
<p>Duft südlicher Gärten, der durch das offene Fenster des Sommers weht; die wunderlich von lauen Lüften bewegten Ranken der Verse.</p>
<p>Eichendorffs rauschende Brunnen; die trockenen Karste kaum noch rhythmisch zu nennender pseudopoetischer Phrasen.</p>
<p>Wer den Atem in die dünnen Kanäle der Mitteilung preßt, hat das dichterische Wort schon erstickt.</p>
<p>Hündische Gesinnung leckt die Hand, die sie füttert.</p>
<p>Schlichte irdene Schale, worin die Hand der Anmut zarte Blüten auf das Wasser setzt.</p>
<p>Das Motiv des katastrophalen Zusammenbruchs aus dem 1. Satz der Achten Bruckners kehrt im letzten wieder, um wie das finstere Grollen und die Düsternis des Endzeitgewitters von der Glorie einer überirdischen Sonne überstrahlt zu werden.</p>
<p>Alt werden heißt, die Häute der Meinung nach und nach abgestreift zu haben. – Wie, nackt bleibst du zurück? – Ja, wie ich auf die Welt kam, um den ersten Schrei auszustoßen, so auch den letzten.</p>
<p>Die Geschichte der Verklärung der Armut und des Armen ist noch ungeschrieben. Denken wir an den kynischen Philosophen mit seinem Wanderstab und dem kleinen Gepäck seiner Weltweisheit; die Worte der Bergpredigt „Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“, die fröhlichen Bettelmönche der Franziskaner oder den armen Toren Parsifal; denken wir auch an den Mißbrauch des verklärten Bildes zu schändlichen Zwecken bei den Weltrettungspropheten von Lenin über Mao bis Pol Pot.</p>
<p>Pascal kannte die trügerischen Inszenierungsrituale der Pariser Salons, die Masken und Kostümierungen einer augenzwinkernden Rhetorik; umso verstiegener seine Weisung, der wesentlichen, Täuschung und Selbsttäuschung abstreifenden Einsamkeit zu pflegen, indem man am besten sein Zimmer nicht verläßt. Die zweideutige Radikalität dieser Authentizitätsverpflichtung kehrt in Rousseaus und Nietzsches Gestalten des einsamen Wanderers, aber auch in Heideggers ontologisch subtiler Analyse der Eigentlichkeit wieder.</p>
<p>Wir können nicht alle Wege gleichzeitig beschreiten, die sich uns eröffnen. Dies ist der triviale Grund der menschlichen Tragikomödie, wenn wir es dennoch vergebens in spastischen Scheinbewegungen und phantasmatischen Verstiegenheiten versuchen.</p>
<p>Die Komik Schopenhauers: Der Überzeugung, daß kein Dasein der Mühe wert und in allem Lebensgenuß der bittere Tropfen der Resignation enthalten sei, ließ er sich doch die feine Küche im Frankfurter Hof täglich munden.</p>
<p>Auf die universalen Ansprüche weltumspannenden Wissens und welterneuernden Wirkens müssen wir Verzicht tun und den bitteren Tropfen der Resignation schlucken.</p>
<p>Nur der einsame Denker ist solcherart souverän und streift ohne weiters die schmeichelnden Ideenkostüme der Welterklärung, der Selber-Lebens-Durchleuchtung, der Transformation des opaken sozialen Körpers in einen auratisch-lichten Leib der Gerechtigkeit und Gleichheit von sich ab.</p>
<p>Ihm kann der süße Honig der Illusion den bitteren Geschmack der Erkenntnis auf Dauer nicht überdecken.</p>
<p>Der Grund, auf dem wir gleich Schlafwandlern umhergehen, ist ein gefrorenes Wasser, das je länger die Sonne der Wahrheit brennt, dahinschmilzt.</p>
<p>Wir müssen den vorletzten Grund als letzten hinnehmen.</p>
<p>Worauf ruht er? Wie die Atome, die Sterne, die Planeten, auf nichts.</p>
<p>Wir sehen die Taube auf dem Dach, und sie scheint erregt hin und her zu trippeln, als würde sie sich freuen, weil wir Körner in den Hof streuen. – So blicken wir, Narren und Marionetten kindlicher Wünsche und urtümlicher Mythen, auf die Fremdheit des Daseins.</p>
<p>Wir sehen Muster und Schemen wie in Wolkenballungen, Ornamenten, Gesichtern, Handlungen, grammatischen Strukturen. – Doch wir könnten all dies auch nichtanalog und algorithmisch als Zahlenreihen und Funktionen auffassen, ohne einem dieser Aspekte den unbedingten Anspruch auf Geltung und Wahrheit zuzusprechen.</p>
<p>Die großen Versprechen beruhen auf falschen Gewißheiten und trügerischen Evidenzen, die aufgrund ihrer giftig strahlenden Simplizität die Masse nicht nur der Mühseligen und Beladenen, sondern neuerdings auch der Wohlstandsverwahrlosten faszinieren: Die Juden sind die Parasiten am geschundenen Volkskörper von ihnen unterjochter Nationen, die Reichen sind die Blutsauger der Armen, also wird uns ihre Vernichtung eine neue soziale Heilsordnung heraufführen.</p>
<p>Gefährlich an der Halbbildung sind nicht die Löcher im Wissen, sondern der purpurfarbene Talmi-Samt des ideologischen Scheinwissens, mit dem sie gestopft werden.</p>
<p>Der erkenntniskritische Grund unserer nicht kompensierbaren Resignation liegt in dem Umstand, daß wir grundlegende Begriffe wie Raum und Zeit nicht definieren können oder nur in der Weise umschreiben können, daß ihre Umschreibung die Geltung des Begriffs schon voraussetzt. Wir können nicht mehr oder Tiefgründigeres sagen, als daß Raum dasjenige ist, was wir mit einem beliebig konstruierten Längenmaß messen, Zeit dasjenige, was wir mit einer beliebig konstruierten Uhr, ob Sand- oder Atomuhr, messen.</p>
<p>Wir können den Menschen nicht anthropologisch objektiv beschreiben; denn wir müßten auch die Tatsache beschreiben, daß er es ist, der sich selbst beschreibt.</p>
<p>Es gibt kein letztes oder einzig gültiges und relevantes Kriterium zur Bestimmung dessen, was wir mit Begriffen wie „wirklich“, „wahr“ oder „exakt“ meinen. Wir können sagen: „Ich habe ihn wirklich gesehen“, wenn wir damit meinen, daß wir ihn zu sehen nicht geträumt haben, ohne zur letzten Gewißheit zu gelangen, daß wir ihn „wirklich“ (unabhängig von jedweder Relativität) gesehen haben. Wir können sagen: „Die Aussage, daß ich ihn (da und dort und zu dieser bestimmten Zeit) gesehen habe, ist wahr“, wenn wir damit implizieren, daß die Aussage, ihn nicht gesehen zu haben, falsch ist, ohne genau angeben zu können, welcher Unterschied zwischen der Aussage „Ich habe ihn (da und dort und zu diesem bestimmten Zeitpunkt) gesehen“ und der Aussage „Die Aussage: Ich habe ihn (da und dort und zu diesem bestimmten Zeitpunkt) gesehen, ist wahr“ hinsichtlich ihrer Wahrheitsbedingungen besteht. Wir können sagen: „Ich habe ihn genau an diesem Ort und zu dieser bestimmten Zeit gesehen“, ohne über ein absolutes Maß für die Orts- und Zeitbestimmung zu verfügen.</p>
<p>Wir können allerdings eine parallele Welt derart konstruieren, daß die in unserer Welt gültige Aussage „Ich habe ihn an diesem Ort zu diesem bestimmten Zeitpunkt gesehen“ falsch ist, weil die Person an dem Parallelort zur Parallelzeit nicht anwesend war.</p>
<p>Wenn wir um die Relevanz der Polarität der Geschlechter für den Erhalt von Familien, Sippen, Ethnien und Nationen und die identitätsstiftenden Lebensformen bei der Weitergabe der Tradition des je eigentümlichen Erbes in Sitten und Gebräuchen, Mythen und Folklore wissen, können wir eine ethische Einstellung und eine politische Maxime ableiten, die zur Förderung der traditionellen Familie beitragen, ohne über ein letztes Kriterium für die Beantwortung der Frage zu verfügen, ob wir den Erhalt dieser und jener Gemeinschaft in einem absoluten Sinne befürworten sollen. Denn wir können nicht behaupten, zu existieren und weiter zu existieren sei für jene Gruppe oder diese Person (wie uns selbst) eine absolute Forderung (wie sie der göttliche Auftrag an das frühe Israel auf dem Weg aus der ägyptischen Gefangenschaft enthielt).</p>
<p>Jener sieht in der Kippfigur einen Hasen, dieser eine Ente, ohne daß wir über ein letztes Kriterium für die Beantwortung der Frage verfügen, welches Bild „wirklich“ und „wahr“ oder eigentlich gemeint ist.</p>
<p>Daß wir mit dem Wort „Mond“ den Mond meinen, ist eine den Wortgebrauch betreffende triviale Aussage; nicht dagegen, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist. Und doch ist dies nicht mehr als eine durch alle bisherigen Beobachtungsdaten abgedeckte Vermutung, der wir nicht den Rang einer ewigen oder absoluten Wahrheit zusprechen können.</p>
<p>Wir messen an Dingen, die sich bewegen, wie den Sandkörnern in der Sanduhr oder dem Schattenstab an der Sonnenuhr, die Zeit; dabei unterstellen wir, daß diese Bewegungen gleichförmig, homogen und eineindeutig gerichtet sind, ohne ein absolutes Kriterium zur Bestimmung dieser Bewegungseigenschaften vorweisen zu können.</p>
<p>Wir gelangen vom vorsprachlichen Schweigen nicht in die Dimension der Sprache, von der absoluten Bedeutungslosigkeit oder Sinnlehre nicht in die Dimension von Bedeutung und Sinn.</p>
<p>Die sprachliche Idiotie KI-gesteuerter Übersetzungsprogramme gibt die idiomatische Wendung in dem Satz „It&#8217;s raining cats and dogs“ wörtlich wieder durch den Satz „Es regnet Katzen und Hunde“, denn das Programm versteht natürlich weder Englisch noch Deutsch, sonst würde es den Satz durch eine analoge deutsche Wendung wie „Es gießt wie aus Kübeln“ wiedergeben.</p>
<p>Wie soll der Primitive, der nur den Unterschied zwischen süß, sauer und bitter ausdrücken kann, die subtilen Geschmacksnuancen der französischen Küche oder die feinen aromatischen Duftvariationen der symbolistischen Lyrik wiedergeben?</p>
<p>Vom Wermut der Resignation muß einen großen Schluck nehmen auch, wer sich von der humanistischen Illusion zu verabschieden gedenkt, die Goebbels und Goethe, Stalin und Mandelstam denselben Rang, dieselbe Würde, dasselbe Recht auf Geltung zuspricht.</p>
<p>Jessie und Jenny gleichen sich wie ein Zwilling dem andern, doch jede behauptet gegen die andere ein unvergleichliches Maß an Authentizität, weil Jessie sich dasselbe geschmacklose Motiv auf dem rechten, Jenny auf dem linken Hinterbacken hat tätowieren lassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Das Zwiegespräch von Erde und Sonne</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Sep 2025 22:04:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Das Zwiegespräch von Erde und Sonne Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Verwesungsgeruch, in den sich süßliche Aromen mischen. Je länger einer lebt, umso mehr oder gewichtiger scheinen die Gründe für den Wunsch zu werden, nicht gelebt zu haben. Wären die Blicke der Verachtung giftige Pfeile, gäbe es keinen Grund zur Sorge um die Übervölkerung des Planeten. Würfen die Blicke der Angst, des [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/das-zwiegespraech-von-erde-und-sonne/">Das Zwiegespräch von Erde und Sonne</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Verwesungsgeruch, in den sich süßliche Aromen mischen.</p>
<p>Je länger einer lebt, umso mehr oder gewichtiger scheinen die Gründe für den Wunsch zu werden, nicht gelebt zu haben.</p>
<p>Wären die Blicke der Verachtung giftige Pfeile, gäbe es keinen Grund zur Sorge um die Übervölkerung des Planeten.</p>
<p>Würfen die Blicke der Angst, des Hasses, der Mißgunst Schatten, wir hausten immerdar in Nacht und Nacht.</p>
<p>Die schlichte Existenz genügt, um Argwohn, Verdacht, Ressentiments zu wecken, geschweige denn die eitel sich blähende oder die vom Glück besonnte.</p>
<p>Die Passanten grinsen, wenn der Linkische stolpert; die Meute geifert, wenn dem Prediger der Verständigung das Maul gestopft wird.</p>
<p>Wer nicht der Meinung der Meinungsmacher ist, wird mit dem sozialen Tode bestraft.</p>
<p>Der Schnee der Gipfel glänzt auch den Bewohnern der Schattenwelt.</p>
<p>Sie tragen Steine in den Rucksäcken auf dem Pilgerpfad des Lebens.</p>
<p>Sie schauen indigniert, sagt einer wie Wittgenstein: „Wirf ab die Last, dann geht es sich leichter!“</p>
<p>Der natürliche Mensch, dem die aurea mediocritas kein Ausweis von Mediokrität ist, gilt für fade, rückständig, krank, als eine zum Aussterben abgestempelte Spezies.</p>
<p>Je wahnwitziger, verrückter, obszöner eine Idee, eine Mode, eine künstlerische Darstellung, umso begeisterter und frenetischer die stumpfsinnige Menge.</p>
<p>Bei sich bleiben, sagt Seneca angesichts der Unsteten, können sie nicht.</p>
<p>Stumpf- und Dumpfsinn ist die Regel, Geschmack für die Nuance oder Genie die Ausnahme.</p>
<p>Der Finger der Unzucht oder das erigierte Szepter mit der Prätention auf die Weltherrschaft.</p>
<p>Aus blutigen Greueln und dem Morast des Chaos erhob sich die Blüte der klassischen Dichtung Roms.</p>
<p>Wer nicht sagt, was alle meinen, nicht wiederkäut, womit alle sich die geistige Leere stopfen, ist schon der Häresie verdächtig.</p>
<p>Der Dichter, der auf scharfen Graten balanciert, ohne Hoffnung, einmal noch den wunden Fuß aufs weiche Moos stiller Auen zu setzen.</p>
<p>Im geritzten Fleisch der Muschel wächst die Perle heran.</p>
<p>Die den verhängnisvollen Blick nicht einmal spürte, Eurydike.</p>
<p>Marionetten, die an den Schnüren des Zeitgeistes zappeln, schwadronieren von Freiheit und Selbstbestimmung.</p>
<p>Sogenannte Kunstproduzenten, die den Auswurf des Ekels parfümieren, ja nicht einmal mehr parfümieren.</p>
<p>Weibliche Eierstöcke oder die Brutstätte der Unterwerfung und des Kriegs der Männer.</p>
<p>Überwundene Scham gilt ihnen für das Unterpfand des Sublimen.</p>
<p>Freilich, die Pflanze schweigt im Tageslicht, doch seufzt sie in der Nacht des Wurzelreichs mit ihren Schwestern von der Sonne des Siegs.</p>
<p>Stil und Zweige sind das Skelett, die Blätter das Fleisch der Orchideen; was sie dem Licht entgegenrecken, das in Wohlgeruch gehüllte Geschlechtsteil voller Pollen und Samen.</p>
<p>Über das Zwiegespräch von Erde und Sonne ward noch keine Rhetorik, keine ars poetica  geschrieben.</p>
<p>Das Flüstern der Nacht, der Sonne Kriegsgeschrei.</p>
<p>Fröschen dünkt ihr Gequake das eigentlich Schöne.</p>
<p>Jedes bleibt seinem Element und Medium verhaftet, das Auge dem Licht, der Gang der Schwere, der Flügel der Luft. Und das menschliche Wort, vermag es sich selbst zu übersteigen?</p>
<p>Was da gärt und gluckst im Morast der Lüge, schmeichelt dem Zeitgeist als Offenbarung des Wahren, Guten, Schönen.</p>
<p>Als wäre er auf einen steilen Paß gestiegen, auf dem keiner mehr mit ihm ging; niemand ist, ihm zu sagen, ob jenseits des Gebirges die fruchtbare Ebene seiner harrt oder die Wüste.</p>
<p>Der Dirigent bewegt bei der Achten Bruckners bisweilen die linke Hand wie in spastischen Zuckungen, dem Zweige gleich, von dem der fatale Sturmwind Tautropfen schüttelt.</p>
<p>Torheit rodet mit der glitzernden Sense der Interpretation das Schilf der Metaphern, um sich freie Sicht auf das dahinterliegende eigentlich Gemeinte zu verschaffen; aber das Schilf rauscht für sich selber.</p>
<p>Ja, das dichterische Wort vermag sich selbst zu übersteigen; als würde sich im Flügel des Gesangs das Geheimnis der Luft und des Windes offenbaren.</p>
<p>Als bohre sich der Strahl im Fleisch des Lebendigen ein Auge, lege die Sonne ins Nest der Nacht ein Herz, um sich selber zu empfinden.</p>
<p>In Bach, Mozart, Beethoven, Bruckner teilt sich uns ein Sinn mit, der nach Wittgenstein nicht sich sagen läßt.</p>
<p>Das Wasser, das Schubert zum Klingen bringt, ist gleichsam das Medium, das uns trägt und in dem wir liebend gern, gern liebend untertauchen und ertrinken.</p>
<p>Die Sonne grüßt die ungeheuren Schöpfungen, die sie aus dem Schoß der Erde zog; die Erde aber schweigt und dreht sich in die Nacht.</p>
<p>Die Sonne schlürft den Schaum der Ozeane, das Zwielicht melkt die trägen Wolken.</p>
<p>Gezwitscher steigt mit Lerchen in den blauen Zenit; der Nachtigallen Wohllaut sickert aus dem Blattwerk der Dämmerung.</p>
<p>Die Sonne peitscht die durstigen Herden; der Mond tränkt des Dichters mürbe Lippen mit dem Tau des Reims.</p>
<p>Am Atem sparen, bis wärmer er das Herz des Verses füllt.</p>
<p>Dichtung, Mark der Nacht, Kristalle, die im Strahl der Sonne rein, im Mondlicht wie ein Claire-obscur ertönen.</p>
<p>Kybele, die Mutter, ruft: Dein Sonnenwagen wird in meinem Dunkel landen. Dein Singen, Kind, in meines Dämmers Schilf verebben.</p>
<p>Das Zwiegespräch hat kein Ziel, ist sich selbst genug.</p>
<p>Die von außen, physikalisch und kosmologisch, gemessene Zeit ist nicht die Dauer, mit der die sich Unterredenden den Zeitraum des Gesprächs aufspannen.</p>
<p>Die mit dem Metronom gemessenen Takte und Zeitabstände geben uns nicht die Grade der Intensität des Gehörten.</p>
<p>Nicht nur die Silbenzahl, auch der Wert der Zäsuren und Dihäresen sowie der Wechsel von Daktylen und Spondeen konstituiert die Dauer des Hexameters.</p>
<p>Der Einschnitt der Mittelzäsur des Pentameters gleicht der harten Fügung, mit der sich Nacht und Tag, Erde und Sonne widersprechen.</p>
<p>Flut, sie muß verrauschen, Gischt des Tags im Schilf des Schlafs versickern, Blume des Munds sich vor dem Schnee des Monds verschließen.</p>
<p>Das Sonnenkönigtum ist die Krone aller staatlichen Herrschaftsformen – vom japanischen Nippon bis zum Königtum der Douce France und aller Herrschaftshäuser, die den Sonnenadler im Wappen trugen, ob den Legionsadler der römischen Heere oder den Doppeladler der Habsburger Monarchie.</p>
<p>Freilich, wer auf dem Reichstag statt der hoheitlichen die Flagge der Entartung hißt oder das im Paß und Ausweis integrierte Emblem des Reichsadlers an jeden dahergelaufenen Nichtdeutschen verteilt, bekundet damit nur die Verachtung für seine Herkunft und die einstige Größe der eigenen Kultur.</p>
<p>Ähnlich wie Zweige, Ranken, Wipfel ausgreifen, um mehr Licht aufzufangen, ist die menschliche Kultur seit Jahrtausenden vom Trieb nach Ausweitung und Expansion bestimmt. Keine staatliche Größe ohne imperialen und kolonialen Anspruch. Das zeigen die kolonialen Gründungen der Griechen von Marseille bis zum Schwarzen Meer, die Züge Alexanders bis Baktrien und Indien und die Immensität des Römischen Imperiums.</p>
<p>Die gleichsam lichthungrige Unruhe des menschlichen Geistes mag dämpfen oder gar überwinden, wer den Rat Senecas und Pascals, bei sich zu bleiben, beherzigt oder sich in die Höhlen und hinter die hohen Mauern klösterlich-asketischer Lebensführung in die Stille zurückzieht. Doch in den mystischen Feuern und Glanzvisionen bricht sie wieder auf, mag sie sich auch nur in den Abgrund eines dunklen Lichtes ranken.</p>
<p>Ein gleichsam betäubender Einwand wider die aufgeklärte Torheit, alle Formen des Imperialismus und Kolonialismus zu verdammen, ist der Wein und der dichterische Geist des Dionysos, die sich ohne die welterobernde Unruhe des Römischen Imperiums nicht bis an Rhein und Mosel, Loire und Garonne ausgebreitet hätten.</p>
<p>Wir sehen die Religion der Sonne wie die arische oder japanische im ewigen Streit mit der Religion der Erdmutter und der Nacht, von den griechisch-orientalischen Mysterienkulten bis zum Christentum; freilich bildet die christliche Religion eine einzigartige Synthese, da sich der jüdische Schöpfergott des Lichts und des Worts immer wieder in die stumme Nacht seiner mysteriösen Abwesenheit zurückzieht.</p>
<p>Das dichterische Wort wird unfrei, unschön, mißtönend, wenn sich der Dichter in die Schuldknechtschaft der öffentlichen Meinung oder einer angeblich höheren Moral begibt.</p>
<p>Der hörige Wissenschaftler beweist in einem Gefälligkeitsgutachten, der Pferdefuß des Politikers sei das singuläre Symptom einer neuen höheren Rasse.</p>
<p>Der Perverse bekam das Entreebillet in die Salons der Elite; der ihn als solchen zu bezeichnen wagte, den Normalen steckte man in die geschlossene Psychiatrie.</p>
<p>Der einsame Dichter tritt aus der Hülle der mütterliche Symbiose und dringt bis an den Ausgang der Höhle vor; da erschrickt er angesichts des grellen Lichts. Flieht er panisch vor der großen Sonne und eilt in das Dämmerlicht zurück? Vielleicht, daß ihm Feuchte von Tränen die Gewalt der Strahlung bricht.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Bemerkungen zur Sprache</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/bemerkungen-zur-sprache/</link>
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		<pubDate>Sat, 23 Aug 2025 22:10:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Bemerkungen zur Sprache Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Alle Glieder und Organe des menschlichen Körpers haben ihren Namen. Wir sprechen nicht nur von Fuß, Bein, Knie, Bauch, Arm, Hand und Kopf, sondern bei der Hand von den Fingern und wieder von Daumen, Zeige-, Mittel-, Ring- und kleinem Finger, Handballen und Handwurzel; nicht nur vom Kopf, sondern von Stirn, Wangen, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/bemerkungen-zur-sprache/">Bemerkungen zur Sprache</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Alle Glieder und Organe des menschlichen Körpers haben ihren Namen. Wir sprechen nicht nur von Fuß, Bein, Knie, Bauch, Arm, Hand und Kopf, sondern bei der Hand von den Fingern und wieder von Daumen, Zeige-, Mittel-, Ring- und kleinem Finger, Handballen und Handwurzel; nicht nur vom Kopf, sondern von Stirn, Wangen, Mund, Lippen, Augen; und wieder nicht nur vom Auge, sondern von Lidern, Wimpern, Augapfel, Iris und Pupille.</p>
<p>Allerdings genügen dem Chirurgen unsere gleichsam naturhaft gewachsenen Alltagsbenennungen nicht, um seine minutiösen Schnitte zwischen Adern und Nerven zu machen; hier bedarf er der Erweiterung der medizinischen Fachterminologie, die sich mittels immer neu verfeinerter Beobachtung entfaltet hat.</p>
<p>Es ist ein Unterschied, ob ich sage „Er gab mir die Hand“ oder „Er ließ mich seine Pranke spüren“. – In beiden Fällen liegt semantisch das zugrunde, was wir das Bedeutungsradikal &lt;Hand&gt; nennen können; an der Fülle der Variationen ermessen wir den sprachlichen Reichtum semantischer Nuancen: Hand, Pranke, Tatze, Pfote, Faust, Händchen, Pfötchen, Fäustchen.</p>
<p>Pranke ist eine schlichte Benennung, wenn es sich um einen Löwen handelt, auf Menschen gemünzt, ist es eine metaphorische Zuspitzung, die eine humoristische Note oder satirische Übertreibung leisten mag.</p>
<p>Die Hand eröffnet uns das weite, unübersichtliche Bedeutungsfeld des Handelns und der Handlung, in dem wir uns vor philosophischen Fallstricken zu hüten haben.</p>
<p>Wir sprechen von Handzeichen und meinen damit, daß eine mit der Hand ausgeführte Geste und Bewegung nach einem bekannten Zeichencode erfolgt, so daß die Geste von jenem, dem sie gilt, ohne weiteres decodiert werden kann. Der Code kann gleichsam natürlich aus der Alltagskommunikation erwachsen (herbeiwinken, zum Abschied winken) oder bereichsspezifisch konventionalisiert worden sein (die Handzeichen des Dirigenten, die mit einem Stab in der Rechten verstärkt werden).</p>
<p>Das meiste, was wir tun, bedarf der mit Hilfe von Greifen, Nehmen, Geben tätigen Hand. Wir handeln mit der Hand, so wie wir mit den Agen sehen.</p>
<p>Einer bewegt die Figur der Königin auf dem Schachbrett; damit verfolgt er die Absicht, dem Gegner Schach zu bieten. – Hat er den Bauern geschlagen und Schach geboten, sprechen wir von der Tatsache, daß sein Spielzug erfolgreich war und seine Absicht oder der Handlungszweck erfüllt wurde.</p>
<p>Freilich, wir können Schach zu spielen träumen oder davon, den verstorbenen Freund zu sehen. – Doch scheuen wir davor zurück, dies im eigentlichen Sinne Schach spielen oder sehen zu nennen.</p>
<p>Allerdings dürfen wir, was wir mit handeln und Handlung meinen, nicht auf den Begriff eines absichtlichen Tuns einengen; denn vieles tun wir gleichsam routiniert, ohne mit jedem Handlungsschritt eine bewußte Absicht zu verbinden; Fahrrad fahren etwa, aber auch reden.</p>
<p>Unterhalten wir uns oder plaudern, schlagen wir nicht unentwegt gleichsam in einem unsichtbaren Wörterbuch nach, um das jeweils passende Wort oder eine besseres Synonym zu finden, wir bilden nicht im Geiste einen Satz in der Absicht, ihn hernach lautlich zum Ausdruck zu bringen, sondern formulieren die Aussage beim Reden.</p>
<p>„Wer handelt, wer spricht?“ – Metaphysik legt uns Fallstricke im Bedeutungsfeld der sprachlichen Kommunikation mittels vertrackter, in Aporien führender Fragestellungen aus.</p>
<p>Mein Freund Peter liest, was ich ihm geschrieben habe. Er sieht es leibhaftig mit seinen leibhaftigen Augen vor sich. Aber ist diejenige Instanz, die liest und lesend versteht oder nicht versteht, sein unsichtbarer Geist oder sein Gehirn? – Es ist Peter, der liest, und diese Auskunft muß uns genügen.</p>
<p>Sind Peters Augen aber nicht gleichsam Instrumente, mit denen er die Handlung des Lesens ausführt, so wie der Handwerker mit den Händen das Werkstück bearbeitet?</p>
<p>Freilich, Peter kann, um eine Sehschwäche auszugleichen, eine Brille aufsetzen, wie der Handwerker einen Hammer zur Hand nehmen kann, um seinem Zweck Nachdruck zu verleihen. Aber Peter kann nur lesen und lesend verstehen, was ich ihm geschrieben habe, weil er lesen gelernt hat. Und er kann nur verstehen, was er liest, weil er Bedeutungen und Bedeutungseinheiten zu identifizieren gelernt hat; zum Beispiel die Bedeutungseinheit einer Frage anhand der Wortstellung und des Fragezeichens.</p>
<p>Doch wird mein Freund mit den rhetorischen Fragen „Stammt nicht auch das krumme Holz Kants aus dem großen Wald der Natur?“ oder „War nicht der Wicht Napoleon eine historische Größe?“ überfordert sein, wenn er nicht zwischen echten und rhetorischen Fragen, zwischen aufrichtigen und ironischen Aussagen zu unterscheiden gelernt hat.</p>
<p>Nachdem Ödipus das grauenhafte Rätsel seiner Herkunft herausgefunden hat, blendet er sich am Ende der Tragödie des Sophokles; aber der Schauspieler tut dies nicht wirklich, sondern nur scheinbar; die Handlung ist eine Scheinhandlung, denn sie spielt im fiktiven Rahmen eines theatralischen Spiels.</p>
<p>Wir tun nicht gut daran, unser alltägliches Reden und Handeln in Anführungszeichen zu setzen und indem wir es sozialen Rollen und ihren Funktionsträgern zuweisen, gleichsam zu theatralisieren; denn damit nehmen wir ihm den Ernst. – Die echte Mutter spielt nicht Mutter und der Moribunde spielt nicht den Sterbenden.</p>
<p>Es ist daher angemessener, statt von Sprechakten von Sprachhandlungen zu reden; der Anklang an Rollenspiele und theatralisch-fiktive Akte ist verfänglich.</p>
<p>Die Chorlyrik der antiken Tragödie hat viele Anklänge an jene kultischen Gesänge, die ihren Ursprung im Kult des Dionysos verraten. – Doch sollen wir etlichen hebräischen Psalmen wegen ihres Kunstcharakters den echten Rang von Gebeten absprechen?</p>
<p>Wie können wir zwischen dem künstlichen Schnee auf den Gipfeln der Hymnen Hölderlins und den schmerzlich blendenden Kristallen echter Frömmigkeit unterscheiden?</p>
<p>Nur doktrinäre Narren wähnen, die Sprache könnte über den konventionellen Zuwachs des Wörterbuchs hinaus in ihren grammatischen Tiefenstrukturen willkürlich nach eigenem Gusto und Ermessen verändert werden, ohne daß der Sprachgeist empfindlichen Schaden davontrüge.</p>
<p>So kommt die Gendermanie des hypermoralisch kastrierten unzüchtigen Gewäschs dazu, statt von Studenten von Studierenden, statt von Wissenschaftlern von Wissenschaffenden zu schwadronieren, zu dumm, um zu begreifen, daß auch schlafende Studenten Studenten bleiben, nicht aber schlafende Studierende, daß eine wesentliche Leistung des Wissenschaftlers darin besteht, vorgebliches Wissen als Scheinwissen zu entlarven.</p>
<p>Nur der ideologisch fanatisierte Narr glaubt, mit Ausdrücken wie Lehrer, Zuhörer, Fahrer oder Kenner seien nur Männer gemeint. Als erklängen nur tiefe Stimmen, wenn der Sängerkreis zusammenkommt.</p>
<p>Selbst das medial aufgehübschte Lyrikwunderfräulein spricht heute von Autoren und Autorinnen, Lesern und Leserinnen.</p>
<p>Der Mohr von Venedig muß heute eine Maske tragen – über der Maske seiner Rolle.</p>
<p>Der neue ideologische Puritanismus stört sich an der Nacktheit der Venus, aber nicht an der obszönen Entblößung seiner pervertierten Sprache, vom Exhibitionismus jener, die sie nackt in Lederriemen geschnürt festtäglich hinauskrakeelen, zu schweigen.</p>
<p>Sie haben keine sprachliche Schöpfung vollbracht, das Sprachcliché und die Phrase genügen, um sich selbst ins Scheinwerferlicht zu rücken und den wahrhaft Schöpferischen in den Schatten des Parias.</p>
<p>Muß ich, weil jene, die den Genozid am jüdischen Volk zu verantworten hatten, die ethnische Relevanz des Volksbegriffs voraussetzten, nunmehr der kulturell zerstörerischen Auflösung und Vermischung aller Völker und Nationen das Wort reden? Wäre dies Ausdruck eines trügerischen Schuldempfindens oder schlicht logische Dummheit?</p>
<p>Ich bin nicht geneigt, halbrohes Fleisch zu verschlingen, weil der Führer es verschmähte, auch nicht, um das barbarische Gebrüll des Klumpfußes zu vermeiden, pseudolyrisch zu röcheln.</p>
<p>Muß ich einzig ungegenständlicher Kunst huldigen, weil die Falschen die gegenständliche zum Fetisch erhoben?</p>
<p>Soll ich, um dem Verdacht metaphorisch gesüßter Verse zu entgehen, nur saure poetische Trauben anbieten?</p>
<p>Scheinleben ohne Kontakt mit den tragischen Mächten des Daseins in sekundären Institutionen und kulturellen Blasen wie Hochschulen, Parteien und Parlamenten kompensiert seine Erfahrungsarmut in Sekundärsprachen inzestuöser Abkunft wie dem Genderkauderwelsch oder den hysterischen Litaneien der Klimareligion.</p>
<p>Wieso bestehen Antirassisten darauf, die öffentlichen Bildschirme mit immer mehr Angehörigen einer bestimmten Rasse, der schwarzen, zu bevölkern?</p>
<p>Wenn es zum Schwur kommt, im Verteidigungs- und Kriegsfalle, lassen jene, die sie nur locker angelegt haben, die Maske der Integration bald sinken.</p>
<p>Was kann es unter Angehörigen konfligierender Kulturkreise Pazifizierenderes geben als die Trennung von Tisch und Bett, alias Apartheid?</p>
<p>Wie der Fall Arminius zeigt, ist es bisweilen ein Zeichen machtpolitischer Kurzsichtigkeit, den Kulturfremden die eigene Sprache lernen und in die Arcana der Herrschaft eindringen zu lassen.</p>
<p>Muß ich die Ilias Homers und die Gedichte Pindars auf den Müll werfen, weil sie Angehörige einer imperialen Welt waren, die Pflanzstädte und Kolonien rund um das Mittelmeer bis ins heutige Rumänien, Nordafrika und Asien gründete? Von der Literatur der Römer, die ganz Europa kolonialisierten und uns zum kulturellen Nährboden machten, zu schweigen.</p>
<p>Klassische Schriftsteller wie Herder, Kant, Hamann und Goethe, die sich wie die antiken Historiker Herodot oder Tacitus des kulturellen Unterschieds der Völker und Ethnien bewußt waren, werden nach und nach zensiert. Wann werden ihre Denkmäler verhüllt oder abgetragen, die nach ihnen benannten Straßen umbenannt?</p>
<p>Was wir Norm nennen, können wir an der normativen Struktur der Sprache ablesen. So muß ich etwa, um das Denkbare dem Faktischen gegenüberzustellen, die sprachlich korrekten Formen des Irrealis bilden können: Würden wir hier einen Durchgang schaffen, dürfte sich der zeitlich-energetische Aufwand zur Bewältigung der Strecke halbieren.</p>
<p>Normal aber nennen wir, was das biologische und soziale Leben sichert, auf Dauer stellt und so lange währt wie möglich: Die monogame Familie ist die Norm des Gemeinschaftsleben, nicht weil es rechtgläubige Fanatiker ihren Schriften entnehmen, sondern weil die Nachkommenschaft nur mittels der Vereinigung geschlechtlich polarer Gameten, sprich von Mann und Frau, gesichert wird und im besten Falle wohlbehütet aufwächst und mit dem erforderlichen Können und Wissen (wie der Sprache) versorgt wird; und weil das soziale Leben mit seinen Versorgungseinrichtungen nur durch die geregelte Abfolge der Generationen auf Dauer gestellt werden kann.</p>
<p>Norm der Sprache ist die Verständlichkeit, das heißt die möglichst eindeutige und unmißverständliche Übermittlung von Tatsachen, Wünschen, Fragen, Erwartungen und Erinnerungen mittels ökonomisch eingesetzter lautlicher Mittel; normal, was wir als angemessene Mittel zur Erlangung der uns vorgegebenen objektiven Zwecke des sozialen Lebens, wie beispielsweise seinen Erhalt mittels Nachkommenschaft, akzeptieren.</p>
<p>Wir erkennen und ermessen die Kraft der Normen an den Sanktionen, mit denen sie bewehrt sind, oder den fatalen Folgen, die ihre Übertretung nach sich ziehen, Wer aufgrund einer neurologischen Erkrankung unverständlich redet, kommt ohne Hilfe im Leben nicht mehr zurecht; wenn mehr und mehr ihrer Verächter die Institution der auf Nachkommenschaft zielenden Ehe diskreditieren, ist die Gemeinschaft auf Dauer vom Aussterben bedroht.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wunde, die im Traume klopft</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Aug 2025 22:11:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Wunde die im Traume klopft Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Sentimentalität und Kitsch sind hilflose, aussichtslose Versuche, den anthropologischen Riß zu kitten. Heilsversprechen, mögen sie noch so aberwitzig und obskur sein, wirken, weil die angeborene Wunde, alias Erbsünde, unverheilt in uns weiterschwärt. Wer wie alle die Versuchung in sich trägt, doch drängender, schmerzlicher fühlt, rennt dagegen an und gerät immer weiter [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/wunde-die-im-traume-klopft/">Wunde, die im Traume klopft</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Sentimentalität und Kitsch sind hilflose, aussichtslose Versuche, den anthropologischen Riß zu kitten.</p>
<p>Heilsversprechen, mögen sie noch so aberwitzig und obskur sein, wirken, weil die angeborene Wunde, alias Erbsünde, unverheilt in uns weiterschwärt.</p>
<p>Wer wie alle die Versuchung in sich trägt, doch drängender, schmerzlicher fühlt, rennt dagegen an und gerät immer weiter in dürres, verkarstetes Gelände.</p>
<p>Beim späten Schubert, aber vor allem in Mahlers Symphonien scheinen wir der Versuchung der Heilung durch Kitsch erstmals in Werken bedeutender Komponisten zu begegnen.</p>
<p>Die Wunde ist nur scheinbar verheilt; sie hat eine zarte Kruste gebildet, die bei der leisesten Berührung wieder aufbricht.</p>
<p>Die das Moment des tremendum aus dem Bilde Gottes streichen oder abdrängen, können der Versuchung nicht widerstehen, das Gegen-Moment, das fascinosum, zu sentimentalisieren, zu verniedlichen, zu versüßen.</p>
<p>Die Verkitschung der Figur des Armen, von den Barfüßern bis zu den Bolschewiken.</p>
<p>Die Verkennung der Grausamkeit der Natur, vom Sonnentau bis zur Gottesanbeterin, findet sich naturgemäß in kitschigen Idyllen; doch die frühen Stilleben der Holländer und Franzosen sind davon noch frei.</p>
<p>Freilich, Grausamkeit ist unsere Projektion; die Natur bietet unserem Maßstab keinen festen Halt.</p>
<p>Poetische Schönheit und metaphysische Dummheit gehen manchmal wie Zwillingsgeschwister Hand in Hand, Wange an Wange, wie im Sonnengesang des Franz von Assisi.</p>
<p>Negativitäts- oder saurer Kitsch: Adornos selbstquälerische Beschwörung des Nichtidentischen, das „Warten auf Godot“.</p>
<p>Erst kommt der heiter-fidele Taugenichts Eichendorffs, dann der einsam-düstere Wanderer Schuberts und Caspar David Friedrichs, schließlich die Vagabunden und Abfalleimerbewohner Becketts.</p>
<p>Der ästhetisch unsichere Kitsch-Künstler formt Gebilde, die uns auffordernd, schmeichelnd und Beifall heischend zublinzeln.</p>
<p>Die großen Werke sind gleichsam muschelartig in sich und vor den brausenden Fluten der Umwelt geschlossen; sie aufzubrechen, um die Perle echter Bedeutung darin zu entdecken, heißt sie zerstören.</p>
<p>Das Kleine, Feine, Anmutige schützt klassischer Formwille vor sentimentaler Verniedlichung; so der Knabe Dionysos auf dem Arm der Hermesstatue des Praxiteles.</p>
<p>Falsche Liebe äfft die wahre, bis sie vor dem verlangten Liebesopfer die Maske fallen läßt.</p>
<p>Gesetz von der Inflation des künstlerischen Werts: Wenn man mit billigeren Mitteln, die weniger Mühe und Hingabe verlangen, den gleichen Effekt erzielen kann, den Beifall der Menge, sinkt die Kunst nach und nach im Wert.</p>
<p>Bestimmt einzig noch die Quote den Wert des Dargebotenen und Mitgeteilten, ist man in der medialen Gegenwart angelangt.</p>
<p>Der kalte Verführer ruft die gleichen Gefühle hervor wie der heiße Liebhaber, bis eine falsche Träne ihren Argwohn erweckt.</p>
<p>Post coitum triste – ein kaum bewußter Nachhall der Erbsünde.</p>
<p>Der gefallene Mensch liest im Leben wie im Boulevardblatt nur die sensationellen Schlagzeilen.</p>
<p>Wie Touristen des Lebens sammeln wir nur Eindrücke, die uns schon im Werbekatalog als ikonisch angepriesen wurden.</p>
<p>Unsere Erinnerungen sind wie Schatten, die im Labyrinth der Seele blind aneinander vorbeihasten.</p>
<p>Wir sehnen uns nach dem Schmerz der wiederaufgeplatzten Wunde, daß sie uns die Wirklichkeit echten Empfindens zurückgebe.</p>
<p>Die seelisch Kranken, die sich stechen und quälen, martern und an die Grenzen des Erträglichen anrennen, verdienen unsere Bewunderung im Gegensatz zu den Schneeflockenexistenzen in ihren gut von aller äußeren Unbill abgedichteten Blasen.</p>
<p>Wo die Ursünde sich schicksalhaft in Leib und Leben des Einzelnen manifestiert, vollzieht sich wohl ein uns nicht einsehbarer lebensgeschichtlicher Plan, den fromme Einfalt an den Kehren und Wegwendungen der Vorsehung glaubte dingfest machen zu können.</p>
<p>Das Ende der göttlichen Funktion der Vorsehung vollzieht sich in der Allmacht der mehr und mehr unsere Lebensregungen bestimmenden KI-Systeme.</p>
<p>Wie klingt der Gesang des Nachtigallenmännchen im Ohr des nachbarlichen Weibchens, wie im Ohr des lauernden Konkurrenten? – Aber, es ist dieselbe Melodie.</p>
<p>Dasselbe Wort kann Gegensätzliches meinen, wie wir anhand der Zweideutigkeit gewisser Urworte belehrt wurden.</p>
<p>Wir neigen eitel, hochmütig oder selbstvergessen dazu, den echten Schmerz mittels eines fingierten, vorgespiegelten zu übertünchen.</p>
<p>Die gegenderte Sprache mutet wie die entstellenden Flecken auf der Haut des Geschlechtskranken an.</p>
<p>Knipst du das Licht in der Küche an, flüchten die gemeinen Schaben jählings in ihren Unterschlupf, nicht so das Ungeziefer gemeiner Wortverdrehungen in der ideologisch verseuchten Sprache.</p>
<p>Nur der begnadete Asket, den es in der Wüste der Sprache nach reinem Wasser verlangt, hat die Kraft, das ihm vom Dämon dargereichte faulige zu verschmähen.</p>
<p>Was sie als Manna anpreisen, sind vergiftete Baisers aus der Küche Satans.</p>
<p>Die Augiasställe der Sprache stinken zum Himmel; kein Herakles weit und breit.</p>
<p>Wunde, die im Traume klopft; unerhörte Rhythmen dichterischer Sprache.</p>
<p>Der Boden ob nun der Moral oder der Anti-Moral ist schlammig, sodaß der Versfuß gleich einbricht.</p>
<p>Der Aufstand der Avantgarde ist im neuen Spießertum steriler Verweigerung erstickt.</p>
<p>Aus Angst vor dem schönen Klang und dem reinen Ton begannen sie zu krächzen und zu würgen.</p>
<p>Auf daß nicht unverhofft eine Knospe aus der Leinwand breche, versiegelt man sie mit einem monochromen Lack.</p>
<p>Vom Tode läßt sich nichts sagen, außer daß er alle Kriterien des Sagbaren tilgt.</p>
<p>Mit dem feingesponnenen Netz der Chorlyrik eines Sophokles oder der horazischen Ode lassen sich selbst kleine, unscheinbare Falter des Gefühls einfangen.</p>
<p>Zerknüllte Laken – Zeugnis sexueller Ekstase oder der Krämpfe eines Sterbenden. Wer vermag es zu unterscheiden?</p>
<p>Geknebelter Mund ist ihnen Stille, Würgen des Überdrusses Gesang.</p>
<p>Arme Schlucker, die im Abfall wühlen, sollen wir bedauern; Schreiberlinge, die im Müll der öffentlichen Meinung nach Verwertbarem suchen, dürfen wir verachten.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>O Tempora</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jul 2025 22:04:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[O Tempora Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Farbenblindheit mischt die Farben, Geschmacklosigkeit dekretiert, über Geschmack lasse sich nicht streiten. Das Maß der durch zeitgeistige Themen und Quoten ideologisch diktierten Beteiligung an Lehre und Forschung steht in umgekehrtem Verhältnis zur resultierenden durchschnittlichen Intelligenzquote und der Qualität akademisch-wissenschaftlicher Hervorbringungen. – Daher der Niedergang der höheren Bildung, daher der Untergang der Universität. Der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/o-tempora/">O Tempora</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Farbenblindheit mischt die Farben, Geschmacklosigkeit dekretiert, über Geschmack lasse sich nicht streiten.</p>
<p>Das Maß der durch zeitgeistige Themen und Quoten ideologisch diktierten Beteiligung an Lehre und Forschung steht in umgekehrtem Verhältnis zur resultierenden durchschnittlichen Intelligenzquote und der Qualität akademisch-wissenschaftlicher Hervorbringungen. – Daher der Niedergang der höheren Bildung, daher der Untergang der Universität.</p>
<p>Der alte weiße Mann, vom Weltgericht schuldig gesprochen, sich dem jungen schwarzen gegenüber respektlos, überheblich und ungebührlich verhalten zu haben, tritt seine Strafe an: allmähliches Dahinsiechen in Selbsterniedrigung, Selbstverdummung und Selbstverstümmelung mittels Auslöschung oder Umbenennung aller wesentlichen Namen, Begriffe und Rituale der angestammten Tradition.</p>
<p>Der kastrierte Geist feiert sich in gendergerechter Sprache.</p>
<p>Die Fliege geistiger Trägheit, die sich dem Ausweg aus dem Fliegenglas verweigert.</p>
<p>Mit dem rostigen Schabeisen der Phrase über die taube Haut der Sprachlosigkeit kratzen. Doch vergebens, nur unartikulierte klagend-stöhnende Töne sind das Ergebis.</p>
<p>In der Kloake der Diversität dringt der Logos spermatikos nicht mehr zu Ledas göttlichem Ei.</p>
<p>Weil es nicht sichtbar ist, darf das Antlitz des Ungeborenen ungestraft zerstückelt werden.</p>
<p>Dem Ungeborenen menschliche Würde zuzusprechen ist kein naturalistischer Fehlschluß, sondern Ausdruck des Glaubens an die Heiligkeit des Lebens; ihm sie abzusprechen ein Ausdruck der Umkehr aller Werte, insbesondere der biblisch inspirierten.</p>
<p>Wiederum und andererseits: Frömmelnde Hypokrisie weint Krokodilstränen all den Hekatomben grausam zerrissener Embryonen hinterher, die auf dem Altar des Götzen Selbstsucht, Karrierismus und Hurerei geopfert worden sind; welch ein Leben wäre ihnen aber vergönnt gewesen, hätte man die Zukunftslosen gezwungen, sie auszutragen? Ein tristes, bejammernswertes, als Fessel am Fuß der Gans betrachtetes, die nicht ins Ungebundene flattern kann.</p>
<p>Sittliche Werte kann man, wie ästhetische, nicht beweisen, sondern nur bezeugen, beherzigen, verfechten oder bekämpfen.</p>
<p>Der dekadente Stolz weißer Mittel- und Oberschichtfrauen, kinderlos zu sein oder abgetrieben zu haben.</p>
<p>Die Schändung des Bildes der Mutter ist Gemeingut kollektivistischer Ideologien.</p>
<p>Das als Hemmschuh auf dem leuchtenden Pfad der Selbstverwirklichung betrachtete Kind sticht der Puppe die Augen aus.</p>
<p>Die Absonderung unwerten Lebens ist ein innerer Bestandteil sozialistischer Programme (das belegen die sozialdarwinistisch geprägten linken Parteiprogramm in England und Skandinavien vom frühen 19. Jahrhundert an); insofern darf man den sozialistischen Anteil des Nationalsozialismus gerade im Hinblick auf seine genozidalen Verheerungen nicht unterschätzen.</p>
<p>Die im Sündenpfuhl gebadet erregen sich über die Reinheitsvorschriften der Bücher Mose.</p>
<p>Der nur auf die faule Frucht starrt – hat er die Apfelblüte vergessen, den frischen Geschmack des Apfelsafts, den säurereich-anregenden des Apfelweins?</p>
<p>Hitler, von den Alliierten besiegt, lebt weiter als Wiedergänger im uneinnehmbaren Bunker des sich eitel inszenierenden Schuldgefühls.</p>
<p>Initiationsritual deutscher Kindheit – Großvater zieht den Strumpf aus und zeigt auf den Durchschuß am Fußgelenk.</p>
<p>Phrasen sind Warzen auf der Haut der Sprache.</p>
<p>Auf das eiserne Zeitalter folgen noch das blecherne und das Plastik-Zeitalter.</p>
<p>Erlischt der Glanz der Imago Dei, steigen aus dem Abgrund die Chimären.</p>
<p>Der Priester und Prophet Esra weist die Bio-Juden an, sich von den Frauen der Fremden zu trennen und fernzuhalten, denn sie verdunkeln den Glauben an den Einen durch die Schatten der vielen Götzen, die sie Ungeziefer nicht unähnlich ins Land einschleppen. – Zu diesen Götzen zählte auch Moloch, dem kleine Kinder geopfert wurden (wahrscheinlich eine Umschreibung für massenhafte Abtreibungen).</p>
<p>Wer zählt die vielen Namen Molochs? Eigenliebe, Hedonismus, Nihilismus, Geldgier, Gier nach Erfolg, Macht, Karriere …</p>
<p>Nach dem Krieg der Völker und Imperien folgt der Krieg der Rassen, in dem die dunklen, heißer und bedenkenloser als die hellen, diese, geschwächt und angekränkelt von ihrem schlechten Gewissen, besiegen und versklaven werden.</p>
<p>Betrachtet man Sprachen als Organismen, muten manche Begriffe wie sprachliche Mißbildungen, Verwachsungen und Deformationen an. Man denke an Begriffe wie Gott, Sein, Bewußtsein oder Nichts. – Aber, könnte man sagen, auch Mißbildungen wachsen auf demselben genetischen Mutterboden wie die schönen Formen.</p>
<p>Wir lesen „Himmel“, denken an die Farbe Blau und versinken in eine vage Träumerei. – Wir denken an den goldenen Ton eines Gongs, schwingen mit und verhallen mit ihm im Grenzenlosen.</p>
<p>Erst kommt der Krieger und Priester, dann der Priesterkönig; ihm folgt der gesalbte Herrscher. Dann kommen die Senatoren und die Beamten. Schließlich treten die Rhetoren und Sophisten ans Pult, um endlich von den Demagogen, Propagandisten und Maulhelden abgelöst zu werden.</p>
<p>Unter den Rock der Regentin schlüpfen die Duckmäuser und Entmannten.</p>
<p>Soll der ultraorthodoxe chassidische Rabbiner nun ein Regenbogenfähnchen schwingen?</p>
<p>Das Sublime schläfert sie ein, das Vulgäre, Grelle und Obszöne hält sie gerade noch wach.</p>
<p>Der Gedanke, und sein Ausdruck, der Satz, ist kein Spiegel des Faktischen; denn dies zu prüfen und zu bewahrheiten, müßte man hinter den Spiegel treten und sodann wieder hinter diesen …</p>
<p>Aber wir sehen im ungekünstelten Lächeln des Freundes die Wahrheit der Tatsache, daß er uns gerne wiedersieht, ohne in seinem Gesicht umständlich lesen zu müssen.</p>
<p>Erst Raffael, Tizian, Rembrandt und Vermeer, dann van Gogh und die Impressionisten, schließlich die Kleckser, Tropfer und Exkrementenschmierer.</p>
<p>Die Gotik ist nicht die Widerlegung der Romanik.</p>
<p>Drei ethnisch-kulturelle Wurzeln, drei individuelle Ordnungen der antiken Säule: dorisch, ionisch, korinthisch. – Nur ein Décadent wünschte ihre Vermischung.</p>
<p>Die seriöse Unterhaltung der Nervösen: wenn sich die Erzählung in Belehrung versteigt, der Roman ins Essayistische wuchert.</p>
<p>Die Greisin mit der Anmutung eines violetten Stacheltiers auf dem zitternden Kopf oder die Unfähigkeit, in Würde zu altern.</p>
<p>Zwischen Heidekraut und Seegras wollen wir keine Orchideen erblicken; im Eichenhain keine Affenbrotbäume. So auch mit den Menschen.</p>
<p>Die Zweideutigkeit des biblischen Bilds von dem Land, wo Milch und Honig fließt, wohin Abraham aufzubrechen geheißen wird: Es kann zur Chiffre des eigenen Territoriums der Juden (Erez Israel) oder der kommunistischen Utopie, die im Gulag mündet, dienen. – Diese Zwiespältigkeit tritt im späten 19. Jahrhundert einerseits im leidenschaftlichen Furor jüdischer Intellektueller für die Revolution (die nach 1918 zum wachsenden Antisemitismus im Westen beiträgt) und in der zionistischen Bewegung andererseits zutage.</p>
<p>Das Diktat der abstrakten Kunst, den Deutschen als Bußritual auferlegt, fand wohl einige Widerstandsnester; doch die Resonanz der neuen „alten Meister“ prallte an den ideologischen Mauern der Universitäten, Kunsthochschulen und Galerien ab.</p>
<p>Der Chefideologe gibt vor, den Ziegenbock zu melken, der devote Adlatus hält ein Sieb unter sein imaginäres Euter.</p>
<p>Wie beruhigt der Gedanke daran, daß es weite von Menschen unbewohnte Flächen auf der Erde gibt, Wälder, Steppen, Wüsten, Meere.</p>
<p>Jugend schnappt ein paar hehre Phrasen von Gleichheit und Gerechtigkeit auf, schon wähnt sie sich moralisch überlegen, reiferes Alter vertraut dem Gewicht der guten Gründe, ohne noch zu ahnen, daß die Waage über dem Bodenlosen schwingt, doch erst die Nähe des Todes erweckt den Sinn für die inneren Grenzen, die nur scheinbare Ähnlichkeit und aus unauslotbaren Tiefen quellende Unvergleichbarkeit dessen, was Wittgenstein Sprachspiele, Lebensformen und Weltbilder genannt hat.</p>
<p>Hera wird Aphrodite stets mißtrauisch beäugen, der Leichtfuß das Rätsel des Sphinx nicht wie Ödipus lösen, Puck, der Kobold, immer Schabernack mit den Liebenden treiben.</p>
<p>Vielleicht neigt zu einer müden, allem kämpferischen Engagement entsagenden Skepsis, wer sich das Tableau der semantisch-logischen Mannigfaltigkeit inkommensurabler Sprachspiele und Weltbilder vergegenwärtigt.</p>
<p>Zuletzt richtet nicht eine alles überblickende objektive Vernunft, sondern entscheidet sich der mehr oder weniger verfeinerte, gröbere oder sublimere Geschmack, den sentimental verwackelten Klängen eines L. Bernstein oder den schwermutschönen Impromptus Schuberts sein Ohr zu leihen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>In den Wind gesprochen</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/den-wind-gesprochen/</link>
		<comments>http://www.luxautumnalis.de/den-wind-gesprochen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Jun 2025 22:01:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[In den Wind gesprochen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Wer den Mißton hört, weiß um den richtigen. Der Deutsche ist stets in Gefahr, der eigenen Wahrnehmung, der natürlichen Intuition und dem gesunden Menschenverstand zu mißtrauen und sich von selbsternannten Experten und gefeierten Ideologen eines Besseren belehren zu lassen. Der Deutsche klammert sich an den Felsbrocken der Angst, der Pfad der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/den-wind-gesprochen/">In den Wind gesprochen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Wer den Mißton hört, weiß um den richtigen.</p>
<p>Der Deutsche ist stets in Gefahr, der eigenen Wahrnehmung, der natürlichen Intuition und dem gesunden Menschenverstand zu mißtrauen und sich von selbsternannten Experten und gefeierten Ideologen eines Besseren belehren zu lassen.</p>
<p>Der Deutsche klammert sich an den Felsbrocken der Angst, der Pfad der Gelassenheit ist ihm zu schlüpfrig, die Gartenlandschaft der Heiterkeit zu langweilig.</p>
<p>Die auf dünnem Eis panisch schlottern, brechen als erste ein.</p>
<p>Der Unglückliche ist keinen vernünftigen Argumenten zugänglich.</p>
<p>Welche Tiefe der Verzweiflung an der menschlichen Natur, welche maßlose Hoffnung auf die sie heilende Gnade spricht aus der christlichen Botschaft.</p>
<p>Der reife ästhetische Geschmack ist wie die Haut der Finger, die kleinste Unebenheiten, Rauhigkeiten und Risse, aber auch die feinen Valeurs von Stoffen wie Seide, Taft und Samt gleichsam reflexionslos erfühlt.</p>
<p>Der Zeitgeist verdirbt das Sensorium für den guten Geschmack mittels medialer Injektion von betäubendem Gerede.</p>
<p>Das Tier tappt in die Falle, der Mensch verstrickt sich in Rätsel.</p>
<p>Die Fähigkeit, Fehler zu machen, sie einzusehen und sie bisweilen sogar zu korrigieren, zeichnet die menschliche Spezies aus.</p>
<p>Die Sprachkunde belehrt uns über den korrekten und wohlgeformten Bau der Sätze, die philosophische Grammatik über die sinnvolle Struktur menschlicher Lebensformen.</p>
<p>Der alte Fado-Sänger kennt die Griffe, auch wenn er keine Noten lesen kann.</p>
<p>Die Trense der Grammatik hält den ungebärdigen Ausdruck davor zurück, sich wild aufzubäumen und durchzugehen. – Wie sie unterm anarchischen Unmut knirscht.</p>
<p>Das Kind hat die allgemeine Semantik der Metapher erfaßt, wenn es die Sonne mit einem strahlenden Lächeln versieht oder die Zweige des Baums als Arme malt, deren Hände sich zur Sonne recken.</p>
<p>Der ironische Rokokofächer Verlaines verkörpert eine andere Metaphorik als der symbolistische eines Mallarmé.</p>
<p>In der schwarzen Kohle vermutet man nicht die Möglichkeit der Brillanz des Diamanten.</p>
<p>Was Gischt bei Beethoven, ist bei Schubert sanfte Welle.</p>
<p>Das Äquivalent gedanklicher Knoten in metaphysischen Fragen sind die seelischen Knoten der Neurose.</p>
<p>Die Egalitären leugnen die Krankheit, indem sie die Gesundheit pathologisieren.</p>
<p>Wie die Anosognosie des Geisteskranken ist die fehlende Einsicht des Zeitgeists in seine Erkrankung eines ihrer wesentlichen Symptome.</p>
<p>Wo der unfruchtbare Geist eine Wüste, sieht der fruchtbare einen Garten Eden.</p>
<p>Radikale Skepsis hinsichtlich moralischer und ästhetischer Urteile ist so töricht wie der hyperrationalistische Aberglaube an die Existenz universeller ethisch-ästhetischer Normen und Werte.</p>
<p>Die Affen Nietzches, die immer noch die Grenzen einreißen und die Regeln überschreiten wollen, gehören in die schützenden Käfige eines Zoos, wo sie der brave Bürger gegen ein geringes Entgelt sich lausen und Grimassen schneiden sehen kann.</p>
<p>Das Épater le bourgeois ist längst zu einer faden Konvention des etablierten Kunstbetriebs verkommen.</p>
<p>Sprachen sind das Lebenselement von Kulturen, die sich nicht isomorph aufeinander abbilden lassen, sondern nur asymmetrisch verzerrt.</p>
<p>Die ungeheure Menge an Übersetzungen des Buchs der Bücher zeugt von seiner Unübersetzbarkeit.</p>
<p>Goethe erobert im Divan der deutschen Dichtung den Orient, doch hütet sich davor, seine Dichtung orientalischen Versformen zu unterwerfen.</p>
<p>Mit nur einer Wortart lassen sich keine Sätze bilden, mit nur einer Gepflogenheit, Konvention oder Institution keine Kulturen.</p>
<p>Die semantisch-logische Mannigfaltigkeit grammatischer Formen ist die Bedingung gelungenen sprachlichen Ausdrucks.</p>
<p>Der hemmungslose Subjektivismus ist nicht weniger töricht als der disziplinierte Realismus. Man kann nicht alles Wahrgenommene als Schein abtun, ohne sich selbst hinters Licht zu führen. Und alles für bare Münze und evident anzusehen, ist der kurze Weg in die vollständige Bedeutungslosigkeit.</p>
<p>Wer alles zugleich in Frage stellt, bleibt im Sinnleeren hängen.</p>
<p>Der Farbenblinde sieht keinen ästhetischen Wertunterschied zwischen einem Kitschbild und einem van Gogh.</p>
<p>Wir akzeptieren Kriterien des Richtigen und Falschen, wenn wir uns die Korrektur eines sinnwidrigen sprachlichen Ausdrucks gefallen lassen, auch wenn wir den Fehler nur intuitiv erfassen und nicht in klaren Definitionen explizieren können.</p>
<p>Wie Kant zu behaupten, das hinter dem Phänomen verborgene Ding an sich sei uns auf immer unzugänglich, ist ein logisch-grammatischer Unsinn.</p>
<p>Wir haben die Grenzen des Phänomens gleichsam von innen immer schon ausgemessen; ähnlich dem scharfen Beobachter, der das Schiff am Horizont des Ozeans allmählich verschwinden sieht und daher auf die Kugelgestalt der Erde schließt.</p>
<p>Das dichterische Wort ist die Variation eines seelisch-geistigen Themas, das nur indirekt erscheint, sich fühlbar macht erst, wenn der letzte Reim verklang.</p>
<p>Die Teichrose erblaßt nicht angesichts der Tiefe, über der sie still dahinschwebt.</p>
<p>Das dichterische Wort evoziert symbolische Echos, wie der angeschlagene Ton der Taste Obertöne erzeugt.</p>
<p>Die Metren sind rhythmische Muster auf der Tastatur des seelischen Ausdrucks.</p>
<p>Man kann nur ein gewisses Quantum an Tönen und Gehalten in das Gefäß einer metrischen Einheit gießen; tut man zuviel des Guten, läuft sie voll und über den Rand wie ein Glas Wasser.</p>
<p>In mancher Lyrik, wie der eines Pindar, treten Moira und Charis, Schicksal und Gnade, Schwere und Anmut in ein Zwiegespräch. Spricht die eine, schweigt die Schwester; am Ende sehen wir ineinander verschlungene Bänder, Linien, Ranken, die den Eindruck eines glänzenden Rätselwerks hinterlassen.</p>
<p>Der Star geistiger Augentrübung und der Schleier der Melancholie lassen uns die goldenen Blüten Pindars nur mehr wie rhetorisch blasse Bilder sehen.</p>
<p>Zuviel Würze oder die Sucht nach Originalität überdeckt den Wohlgeschmack der schlichten Worte, mit denen alte Dichtung uns die Welt erschließt.</p>
<p>Die Gier nach Zweideutigkeit ist oft nur das Symptom einer seelischen Krankheit, die den Befallenen zu fahrigen Gesten verdammt.</p>
<p>Der sehschwache Philologe kann trotz der dicken Brille seiner akademischen Bildung den Weg durch Pindars Mythen- und Gnomendickicht nicht finden und deklariert seine Dichtungsart für hermetisch und dunkel.</p>
<p>Hölderlins Hymnendichtung – die Wasserscheide für den hohen Ton in deutscher Poesie.</p>
<p>Das Volk der Dichter und Denker hat – zurecht, wie einen der Blick in eine beliebige Talkshow belehren kann – den Glauben an seine Auserwähltheit aufgegeben, das Volk der Propheten, dem es beinahe den Garaus gemacht hat, kämpft weiter um seine historische Existenz.</p>
<p>Die Elamiter, Ammoniter, Kanaaniter, zu schweigen von den Assyrern, Babyloniern und Hethitern, all diese Völker (und tausend andere) sind untergegangen, die Juden haben, trotz der Gefangenschaft und der Zerstreuung, trotz der Pogrome überlebt. Wer spricht noch altägyptisch, assyrisch, hethitisch? Das alte Hebräisch ist in einer seiner Varianten noch lebendig.</p>
<p>Die Welt der baltischen Sagen lebt nur noch im beschwörenden Dunkel der Dichtung Johannes Bobrowskis.</p>
<p>Assimilation ist der bequeme Weg in den Untergang. So faulte die Wurzel der Frömmigkeit, als man die Sprache der alten lateinischen Liturgie per Dekret durch die jeweiligen Volkssprachen ersetzte.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die imaginäre Rose</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/die-imaginaere-rose/</link>
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		<pubDate>Mon, 02 Jun 2025 22:27:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die imaginäre Rose Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Leben heiße nicht, ein Leben lang ums Leben bangen. Der Edle freilich bangt auch um das Leben seiner Lieben. Der dichterische Blick, der zuerst im Kelch der Blüte die Schönheit königlichen Daseins erblickte und zugleich das um sie schwebende Verhängnis im Glanz des Taus, der an ihr herabrinnt. In Rätseln sprechen, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-imaginaere-rose/">Die imaginäre Rose</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Leben heiße nicht, ein Leben lang ums Leben bangen.</p>
<p>Der Edle freilich bangt auch um das Leben seiner Lieben.</p>
<p>Der dichterische Blick, der zuerst im Kelch der Blüte die Schönheit königlichen Daseins erblickte und zugleich das um sie schwebende Verhängnis im Glanz des Taus, der an ihr herabrinnt.</p>
<p>In Rätseln sprechen, als werde man von Feinden belauscht.</p>
<p>Es durch die Blume oder in erlesenen Bildern sagen, die nur die Erlesenen zu verstehen gewürdigt sind.</p>
<p>Dummheit denkt abstrakt.</p>
<p>Benetzt man den grauen unscheinbaren Kiesel, zeigt er wunderliche Adern und dunkel schimmernde Venen, die von einem imaginären Leben zu zeugen scheinen. Geht das auch mit jenen abgenutzten, vom Staub des Alltags grau gewordenen Worten?</p>
<p>Behaucht man die erstarrte, eingeschrumpfte, scheinbar tote Mücke, beginnen ihre Beine zu zittern. Geht das auch mit jenen leblos wirkenden Wort-Käfern, die uns der Wind des Ungefähr aus dem wirren Rankenwerk des Sinns geschüttelt hat?</p>
<p>Entwurzelte sind wie Bildhauer, die in Stein oder Holz gearbeitet haben, sich aber plötzlich der Natürlichkeit ihres Materials schämen und zu synthetischen Stoffen wie Plastik und Styropor greifen.</p>
<p>Was ihnen die Scham eingeflößt hat? Der scheele Blick des arroganten Intellektuellen, das eitle Geraune des avantgardistischen Kunstkritikers.</p>
<p>Das Gesicht aus Plastik hat nicht einmal den lebendigen Ausdruck des von einem Kind naiv-grobschlächtig geformten Tonklumpens.</p>
<p>Der Dichter, der sich der Natürlichkeit seines sprachlichen Materials, der Muttersprache, schämt und in ein synthetisches Kauderwelsch verfällt. Wer ihm die Scham eingeflößt hat? Der hochtönende Phrasenschinder und moralisierende Wortfuchser des Zeitgeist-Feuilletons.</p>
<p>Arroganz, die auf dem Kothurn hochtrabender Metaphern einherstolziert, zu abgehoben, der Kleinlebewesen zu achten, die unter den forschen theatralischen Posen und Schritten zerquetscht werden.</p>
<p>Hochmut – ein Symptom seelischer Anämie, geistiger Unterernährung.</p>
<p>Im Esperanto und dem Jargon, der alle nationalen Kulturen und Sprachen ins Unkenntliche einer gespenstischen Weltkultur zu vermischen ausersehen scheint, in diesem Karneval der Kulturen fände der Samen, der in Blüten wie Goethes „West-östlichem Divan“ oder Hölderlins „Brot und Wein“ aufgeht, keinen Nährboden.</p>
<p>Die individuelle und daher unnachahmliche Aura ist das Siegel künstlerischer Originalität.</p>
<p>Zwitter sind zeugungsunfähig.</p>
<p>Nach Platon ist das Schöne ein Erzeuger des Schönen.</p>
<p>Die Rose gebiert die Rose, die imaginäre Rose betaut die Nacht der Seele mit einem ephemer zitternden Glanz.</p>
<p>Pferd mit Pferd, Esel mit Esel, aber sie johlen vor dem Mann mit dem verzauberten Eselskopf, vor dem Kentaur mit dem Pferdeleib.</p>
<p>Zeus freilich, der sich für Leda in einen Schwan verwandelte, und sie gebar Helena, für Danae in einen goldenen Regen, und sie gebar Perseus … Doch: Quod licet Iovi, non licet bovi.</p>
<p>Wen wundert es, daß jene, die hochnäsig die Natürlichkeit des Geschlechts verleugnen, nur sterile Kunst oder Diskurse ohne Unterleib hervorbringen?</p>
<p>Was der Schoß für das Wachstum der Frucht, ist die Heimaterde mit ihrer eigentümlichen Flora und Fauna für die Sprache der Dichtung.</p>
<p>Freilich, das Wort „Rose“ duftet nicht, und die Rose des Gedichts ragt aus Gräsern, Büscheln von Versen, die gilben, wenn wir sie mit dem Tau der Augen nicht mehr benetzen.</p>
<p>Die Rose des Gedichts kann das Paradies eines Himmels bedeuten, in das wir nur als Schatten auf den Seiten der Divina Commedia gelangen.</p>
<p>Der Lindenbaum vor der Kirche des Heimatdorfs hatte an einem bestimmten Sommertag abzählbar viele Blätter. Doch wie viele Blätter hat der Lindenbaum im Liede Schuberts?</p>
<p>Schwarze Rosen sind Erzeugnisse einer extremen genetischen Auslese. Die schwarze Rose des Gedichts ist das Erzeugnis eines extrem dem Paradoxen zugewandten Geistes.</p>
<p>Die Rose im Garten mag uns an die Schönheit und ihre unausbleibliche Vergänglichkeit erinnern. Von der mystischen Rose aber kündet Angelus Silesius: „Sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“</p>
<p>Den Gesang des Orpheus können wir nicht hören, es sei denn, wir erahnen ihn in den wellensanft schaukelnden Rhythmen und dem knisternden Reimschaum der Sonette Rilkes.</p>
<p>Wer nie eine Rose wahrgenommen hätte, könnte er mit der Art und dem Typ dieses Lebewesens anhand der Stilleben eines Chardin oder Monet bekannt werden?</p>
<p>Die Rose des botanischen Lehrbuchs wartet mit spezifischen Eigenschaften auf, die von der ersten bis zur jüngsten Edition nur unwesentlich variieren. Dagegen mutet uns die Rose des Walterschen Liebeslieds gänzlich anders an als die Rose des Marienlieds.</p>
<p>Du gehst nach der stürmischen Herbstnacht am Garten vorbei und siehst die Rosenblüten hingestreut. Die Rose im Grabspruch Rilkes „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern“ bleibt ihrem Sommer treu und fürchtet keinen Herbst.</p>
<p>Grabspruch, den eine Rose zum Widerspruch werden läßt.</p>
<p>Rilke, von dem der Grabspruch stammt, liegt unter ihm begraben, sein Sinn aber verwest nicht.</p>
<p>Je abstrakter der Sinn, je unsinnlicher der Gedanke, je kärglicher der Ausdruck der Empfindung, umso leichter läßt sich der Text beispielsweise mittels KI von einer in andere Sprachen übersetzen. Das paradoxe Ideal des im Konkreten, Individuellen und Eigentümlichen verwurzelten Gedichts ist seine Unübersetzbarkeit.</p>
<p>Die Herstellung des Rosengedichts ist eine poetische Form von Ikebana.</p>
<p>Die mystische Rose, ein Phantasma poetischer Alchemie.</p>
<p>Die imaginäre Rose des Gedichts, die nicht duftet, könnte eine Klage über die leidige Tatsache anstimmen, daß sie nicht dufte.</p>
<p>Selbst der Entwurzelte, dem die Erinnerung an die eigene Herkunft nur ein hochmütiges Naserümpfen entlockt, schenkt seiner Geliebten keine Plastikrosen und stellt keine auf das Grab seiner Mutter.</p>
<p>Das Phantasma der klagenden Rose ist undenkbar ohne unsere Bekanntschaft mit wirklichen Rosen und echten Klagen.</p>
<p>Die imaginäre Rose ist eine Existenz zweiter Ordnung, der Scheinexistenz eines intentionalen Objekts nicht unähnlich.</p>
<p>Die imaginäre Rose glüht geisterhaft im Dunst einer Dämmerung, die daher rührt, daß die Vorhänge am Fenster des hellen Tagessinns von der Schwermut des Dichters zugezogen worden sind.</p>
<p>Die Rose lockt die Biene und den Falter mit einem heimatlichen Duft, aus der lebendigen Blütenschale zu trinken und dabei unbewußt die Bestäubung zu bewirken. Diese geheimnisvolle Symbiose zwischen Blume und Tier gleicht jener zwischen Phantasie und menschlicher Seele; diese trinkt den Tau des Sinns und jene vermehrt sich in geheimen Wünschen und Träumen.</p>
<p>Die am Morgen auf dem weißen Tischtuch liegen, die Blütenblätter, als hätte des Nachts die Rose ein Hauch deiner Träume gekränkt, du zählst sie nicht, du sammelst sie nicht auf.</p>
<p>Horaz zieht die schlichte Myrte der üppigen Rose vor, um die herabgeminderte Glut seines Verlangens und die kühle Aura des sanft ergriffenen Augenblicks zum Ausdruck zu bringen:</p>
<p><em>Persicos odi, puer, apparatus,<br />
displicent nexae philyra coronae,<br />
mitte sectari, rosa quo locorum<br />
sera moretur.</em></p>
<p>Simplici myrto nihil adlabores<br />
sedulus, curo: neque te ministrum<br />
dedecet myrtus neque me sub arta<br />
vite bibentem.</p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Mich stößt ab Perserprotz und zuwider, Knabe,<br />
sind die Kränze mir, die mit Bast verzwirnten.<br />
Such nicht mehr, wo unter Schatten späte<br />
Rosen verglühen.</em></p>
<p><em>Lass die Myrte schlicht, das Gekünstel trübt den<br />
Eindruck. So du dann mir die Schale spendest<br />
und ich leere sie unter Weinlaubs Dämmer,<br />
schmückt uns die Myrte.<br />
</em><br />
<em>Horaz, Oden, Buch I, 38</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Taube und ich</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/die-taube-und-ich/</link>
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		<pubDate>Thu, 06 Feb 2025 23:02:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die Taube und ich Philosophische Aphorismen und Sentenzen Tier-Mensch-Unterschied]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.luxautumnalis.de/?p=33524</guid>
		<description><![CDATA[<p>Philosophische Aphorismen und Sentenzen Die schöne Waldtaube, der ich täglich Sonnenkörner streue, kann ich von ihr sagen, daß sie auf dem Dach des Hinterhofgebäudes ruhig sitzend auf mich wartet, mich sieht, erkennt und wiedererkennt, wenn ich ans Fenster trete und es öffne, in demselben Sinne es sagen, wie ich sage, daß ich sie sehe, erkenne [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-taube-und-ich/">Die Taube und ich</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Aphorismen und Sentenzen</em></p>
<p>Die schöne Waldtaube, der ich täglich Sonnenkörner streue, kann ich von ihr sagen, daß sie auf dem Dach des Hinterhofgebäudes ruhig sitzend auf mich wartet, mich sieht, erkennt und wiedererkennt, wenn ich ans Fenster trete und es öffne, in demselben Sinne es sagen, wie ich sage, daß ich sie sehe, erkenne und an ihrer charakteristischen weißen Halsbinde wiedererkenne?</p>
<p>Die Taube kommt in der frühen Morgenstunde, sobald es hell wird. Erinnert sie sich daran, daß sie gestern auch hier war, vorgestern, vor einem Monat?</p>
<p>Kann sie voraussagen, vermuten, hoffen, daß ich bald wieder ans Fenster trete und ihr Körner streuen werde? Kann sie wünschen, daß es heute ein paar Körner mehr als gestern oder vorgestern sein werden?</p>
<p>Kann sie befürchten, daß ich heute nicht ans Fenster trete, und sollte dies der Fall sein, darüber spekulieren, warum es nicht geschah, und sich etwa fragen: „Vielleicht ist er verreist, krank oder am Ende gar gestorben.“</p>
<p>Kann sie sich sagen: „Da ist er wieder, dieser seltsame Mensch, der sich meiner annimmt, an mich denkt, mich nicht vergißt?“</p>
<p>Ich erkenne das Tier als diese bestimmte, einzigartige Taube. Ich weiß, was ein Tier ist, kenne diese und jene Arten und Gattungen von Tieren wie Schlangenartige und Kobras, Wolfsartige und Hunde, Vögel und Tauben, Hominiden und Menschen, und unter allen Menschen diesen einen, der ich selbst bin. Doch die Taube weiß nicht, daß ich ein Mensch bin, weiß nicht, daß sie eine Taube ist.</p>
<p>Etwas wissen heißt hier, es sagen können. Es nicht wissen heißt, es nicht sagen können. „Können“ hat hier einen semantisch-logischen, keinen nur physiologischen Sinn.</p>
<p>Ich weiß, daß ich die Taube nur eine gewisse Zeit füttern werde. Jedenfalls, solange ich Gefallen daran finde und es will. Verläßt sich die Taube darauf, daß ich es weiterhin tue, wäre sie enttäuscht, wenn ich davon Abstand nähme?</p>
<p>Der enttäuschte und betrogene Liebhaber der antiken Elegie und Komödie liegt nächtelang auf der Schwelle der Geliebten. Meine Taube wird, so ist zu hoffen, wenn sie die ausgestreuten Körner ein paar Tage vergeblich zu erspähen versucht hat, den Weg zu mir meiden.</p>
<p>Was sollen wir von den treuen Hunden sagen, die ihr unterwegs verlorengegangenes Herrchen über weite Strecken suchen und wiederfinden, die gar vor dem Grab des verstorbenen harren und darben? Es kann wohl nicht nur die durch die Fütterung konditionierte Bindung als ausschlaggebendes Motiv in Anschlag kommen. – Vielleicht aber drängen sich in solchen Fällen Projektionen menschlicher Verhaltensmuster und Gebärden auf die innig geliebten Haus- und Schoßtiere verständlicherweise geradezu unaufhaltsam auf.</p>
<p>Kann die Taube sich vornehmen, morgen einmal nicht zu erscheinen, gleichsam aus Trotz, weil ich ihr heute zu wenig Körner gestreut habe? Kann sie ein paar Tage ausbleiben, um mir den beinahe verwegenen Hinweis zu geben, wie sehr ich ihrer erfreulichen Anwesenheit bedarf; so wie Liebende es tun, die sich dem anderen entziehen, um ihn seiner Sehnsucht innewerden zu lassen?</p>
<p>Die Waldtaube ist äußerst scheu. Manchmal verharrt sie lange auf dem Dach, als wäre sie nur bereit, sich auf den Boden herabzustürzen, wenn ihr das Wagnis unbedenklich zu sein scheint.</p>
<p>Ich dagegen scheue mich manchmal, den Tiernarren zu spielen, wenn ich mich von einem Nachbarn beobachtet glaube.</p>
<p>Das instinktive Zögern des Tiers und meine soziale Scheu entspringen unterschiedlichen motivationalen Quellen und sind nicht vergleichbar.</p>
<p>Früher kamen sie zu zweit, und friedlich pickten nebeneinander Taube und Täuberich. Nun kommt sie schon lange allein. Ob er gestorben ist, ein Opfer der oft hier krächzenden Krähen wurde?</p>
<p>Warum ist es albern, der verwaisten Taube den sozialen Status einer Witwe zusprechen zu wollen?</p>
<p>Tauben kennen, auch wenn sie wie andere Vogelarten eine langjährige Bindung einzugehen pflegen, keine sozialen, auf Konventionen beruhenden Institutionen wie die Ehe.</p>
<p>Die Übertragung von dem Menschen eigentümlichen Gepflogenheiten und Institutionen auf das Leben und Verhalten der Tiere ist ein typisches poetisches Verfahren der Fabel, wie wir es von Äsop bis zu La Fontaine und Lessing kennen.</p>
<p>Der Waldtaube mit dem silbergrau schimmernden Federkleid wachsen keine schwarzen Federn zum Zeichen, daß sie Trauer trage.</p>
<p>Die Taube und die Sippe ihrer nahen Anverwandten pflegen keine Trauerrituale, suchen den Ort, wo der verunglückte blutsverwandte Artgenosse umkam, nicht auf, um seiner in Stille zu gedenken.</p>
<p>Ich sage mir: „Wie seltsam, Federn zu haben, und statt der Arme und Hände einen Schnabel; wie merkwürdig, sich aus dem Stand durch ein paar kräftige Flügelschläge jählings in die Lüfte zu erheben und in einem hohen, eleganten Flug den Kranz des weit emporragenden Kamins auf dem Nachbarhaus zu erreichen, um dort in die Runde zu schauen.“</p>
<p>Die Taube aber kann sich nicht sagen: „Wie seltsam, eine nackte Haut zu haben und nur auf dem Kopf, unter den Achseln und an den Geschlechtsteilen behaart zu sein, auf zwei Beinen zu stehen und zu gehen, Hände an den Armen zu haben und mit ihnen Dinge zu verrichten, die ein Schnabel nicht zu leisten vermag; wie merkwürdig, einen Mund zu haben, aus dem es nicht gurrt, sondern spricht.“</p>
<p>Ein Kamerad aus der Kinderzeit, dessen Großeltern aus dem Ruhrgebiet stammten, setzte die dortige Tradition der Brieftaubenzucht mit seinem Vater fort. Die edelsten Vögel wurden ausgesucht und in Käfigen von Mitgliedern des Taubenzüchtervereins in weit entfernte Orte verbracht; dort ließ man sie frei und zu Hause wartete alles gespannt, wann sie wieder eintreffen würden. Die Flugzeiten wurden gemessen und Preise für die schnellsten Wettflieger vergeben.</p>
<p>Keine der für den Wettkampf ausersehenen Tauben hat sich je gesagt: „O nein, ich werde ihnen den Gefallen nicht tun, ich nutze die Gelegenheit und schlage ihnen ein Schnippchen, ich beschäme den Untertanengeist meiner den Menschen hörigen Sippe und fliege ins Freie, ins Offene.“</p>
<p>Menschen züchten, dressieren, erforschen und essen Tiere – nicht umgekehrt.</p>
<p>Was uns aber eigentlich fasziniert, sind wilde, ungezähmte, nicht ins Menschentum eingehegte Tiere – wie mich die Waldtaube, im Gegensatz zu der schon häßlich degenerierten gewöhnlichen Straßentaube.</p>
<p>Die Faszination durch die wilde, noch ungebändigte Natur wird wohl in der Vorromantik wie bei Rousseau und der Romantik wie bei Novalis und Eichendorff, hernach im Expressionismus und in neuer Dichtung wie bei Trakl und Rilke („Der Panther“) ein immer neu hervorbrechendes Thema; doch steht sie eigentlich am Beginn der künstlerischen Formung des menschlichen Bewußtseins wie in den Höhlenmalereien der Steinzeit.</p>
<p>Dem Kultivierten, der in der kulturellen Differenz des Rohen und Gekochten erzogen wurde, ekelt vor dem Verzehr rohen Fleisches; die Bakchen zerreißen im dionysischen Rausch Tiere, ja die verblendete Mutter den Sohn Pentheus.</p>
<p>Mit dem Schnabel picken; mit den Händen essen. Die geduldig erlernte Kunst, Messer und Gabel zu benutzen.</p>
<p>Der Wahn rückt den Kranken zurück in vorzivilisatorische Bewußtseinslagen.</p>
<p>Die Schamanen wähnen, fliegen zu können.</p>
<p>Hölderlin kommt nach Ausbruch der Krankheit in die gefährliche Nähe chaotischer Mächte, wie der Titanen, der Totengeister, der Stimmen aus dem Abgrund.</p>
<p>Nach Austreibung der Dämonen durch aufgeklärte Pfaffen und bieder-liberale Theologen wird das Christentum schal und fade.</p>
<p>Manche dekadente Dichtung wirkt im besten Falle noch wie ein Magenbitter nach einem zu üppigen Festschmaus.</p>
<p>Die Heroen der griechischen Mythologie und Dichtung wie der zornige Achilleus und der Kapitän der Argo haben einst dem schüchternen Pennäler Schauer über den Rücken gejagt.</p>
<p>Der Transhumanismus mit seinem grauen Wahn, den Menschengeist in neuronalen Maschinen zu verewigen, mutet wie eine letzte lächerliche Verleugnung der archaisch-animalischen Ursprünge des menschlichen Bewußtseins an.</p>
<p>Groß dünkt uns nur, was wie absichtslos, ja unbewußt aus den dunklen Tiefen des Daseins emporwächst, wie die rätselhaften Organismen der Pflanzen und Tiere.</p>
<p>Betrachten wir die früh ans Licht tretenden, aber schon vollkommenen Formen der griechischen Dichtung wie das Chorlied und den Hymnos als Gewächse, Blumen des Munds gleichsam, wie der Dichter des letzten Hellenismus deutscher Zunge es nannte, verstehen wir die Faszination, die immer wieder von ihnen ausstrahlte.</p>
<p>Freilich, nur in der Kunst können wir geistig unbeschadet die Lampe des Sublimen dann und wann mit einem buntscheckig bemalten Schirm versehen und sie geisterhaft-vibrierende Schatten an die Wände unserer bürgerlichen Behausung werfen lassen; öffnen wir die Schleusen urtümlicher Wildheit im sozialen Umgang, verwahrlosen die Sitten und wir können uns bald selber nicht mehr trauen, geschweige denn unserem Nachbarn, der statt wie bisher höflich zu grüßen, aller Hemmungen entledigt vor uns ausspuckt.</p>
<p>Wie Nacht auf Tag, Mond der Sonne folgt den Domestikationen von Wildgetreide und Wildtieren, der Bändigung des Feuers, der Formung und Bemalung und dem Brand von Tongefäßen sowie der Verhüttung von Metallen und ihrer Verfertigung zu Waffen und kostbarem Geschmeide für die Elite der Krieger und Priester-Herrscher in den mittels Aufschreibsystemen verwalteten palast- oder burgzentrierten Siedlungen immer auch und immer wieder der Einbruch des Wilden und Undomestizierten im Rausch der Feste mit ihren Maskentänzen und dionysischen Chorgesängen.</p>
<p>Die Tragödie vereint die Rationalität des Diskurses einzelner Protagonisten mit dem wilden Jubel- und Klageruf, dem zwielichtigen Pathos der Masse.</p>
<p>Die deutsche Klassik hat die Schauer und das Faszinosum ursprünglichen Daseins zur Bewunderung der großen Leidenschaft und zur sentimentalischen Erquickung an instinktgedämpfter Anmut gemildert; über all dem liegt ein zauberhaft schimmernder Schleier der Schwermut. Rilke war der letzte Dichter deutscher Sprache, der diesen Schleier im hohen Stil seiner Sonette an Orpheus und der Duineser Elegien hat wegreißen wollen, um die Nähe des Unheimlichen und Fremden im Eigenen nicht nur zu zeigen, sondern ihre animierenden Pollen und Wohlgerüche in die dumpfe Stube des Untermieters bei der immer hüstelnden, abgemagerten Witwe Melancholia wie den Duft ferner Gärten ins aufgestoßene Fenster des Schlafs einströmen zu lassen. Doch auch sein später hymnischer Gesang mündet in die Klage.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Abgeklärtes Denken</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/abgeklaertes-denken/</link>
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		<pubDate>Mon, 20 Jan 2025 23:47:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Abgeklärtes Denken Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Freie Radikale müssen durch konservierende Moleküle gebunden werden, sonst stiften sie nichts als Schaden. Der abgeklärte Denker kann mit jedem beliebigen Ding beginnen und muß mit keinem enden. Abgeklärt denken heißt die moralischen Scheuklappen ablegen, ohne auf das basale Ethos zu verzichten, das in einfachen Handlungen wie dem Grüßen oder dem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/abgeklaertes-denken/">Abgeklärtes Denken</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Freie Radikale müssen durch konservierende Moleküle gebunden werden, sonst stiften sie nichts als Schaden.</p>
<p>Der abgeklärte Denker kann mit jedem beliebigen Ding beginnen und muß mit keinem enden.</p>
<p>Abgeklärt denken heißt die moralischen Scheuklappen ablegen, ohne auf das basale Ethos zu verzichten, das in einfachen Handlungen wie dem Grüßen oder dem Einhalten einer Verabredung zutage liegt.</p>
<p>Das an die Fütterung gewohnte Tier wartet nicht auf mich, wie ich es tue, wenn ich auf denjenigen warte, mit dem ich verabredet bin.</p>
<p>Das Tier ist durch die Erwartung gleichsam benommen, während ich, auf den Besuch eines Freundes wartend, in Ruhe ein Buch lesen, ja herumtrödeln kann, ohne auch nur an ihn zu denken.</p>
<p>Mit einem gummiweichen Faden läßt sich keine präzise Längenmessung durchführen; mit dehnbaren Begriffen nur Vages sagen.</p>
<p>Wer mit der Sprache schludert, wohnt in einem begrifflichen Kartenhaus, das der nächstbeste geschichtliche Sturm davonfegt.</p>
<p>Hans Guck-in-die-Luft, der spekulative Philosoph, wird über einen Alltagsgegenstand wie einen vergessenen Putzeimer stolpern.</p>
<p>Der abgeklärte Denker stolpert, doch nicht in den Abgrund: Er macht einen Fund. So entdeckt Wittgenstein am Brocken des unnachgiebigen definitorischen Allgemeinbegriffs den Spielraum der Familienähnlichkeit im stets impliziten Netz zusammenhängender Begriffe.</p>
<p>Der Clown stolpert über seine zu langen Schuhe, und alle lachen. Der Zelebrant stolpert über den Altarstein, und alle sind peinlich berührt.</p>
<p>Der Bruch in der kontinuierlichen Linie habitualisierten Verhaltens wirkt einmal komisch, ein andermal peinlich.</p>
<p>Sich verhaspeln, sich versprechen: Manchmal kommt eine verschwiegene Wahrheit ans Licht.</p>
<p>Das widerspenstige Werkzeug bringt den Werkwelt- und Bewandtniszusammenhang des Heideggerschen Daseins zur Erscheinung.</p>
<p>Die ausgefallene Lampe weist auf den unterbrochenen Stromkreislauf; der untaugliche Begriff („Repräsentation von Sachverhalten“) auf den unterbrochenen Strom der lebendigen Sprache („die Mannigfaltigkeit der Sprachverwendungen“).</p>
<p>Das schiefe sprachliche Bild gleicht dem Blick in einen Zerrspiegel.</p>
<p>Übereinandergelegte Muster lassen nur das begrifflich Triviale hervortreten.</p>
<p>Auch der Kriminelle ist mehr als das kriminalpsychologische Profil, aufgrund dessen man ihn identifiziert hat. So war Caravaggio nicht nur ein Mörder, sondern auch ein bedeutender Maler.</p>
<p>Betrachten ist nicht beobachten, plaudern nicht Mitteilungen machen, dichten nicht verklausuliert sagen, was sich umstandslos sagen ließe.</p>
<p>Hölderlin vermochte nicht der deutsche Pindar zu werden, weil die Feste, auf denen seine Chorlyrik hätte erklingen können, im Land der Dichter und Denker keinen Stifter, keine Stätte, keine Gemeinde fanden.</p>
<p>Auf knapp bemessenem Raum einen Gehalt verdichten, der bisweilen ins Unermeßliche reicht: Prinzip und Verfahrensweise der antiken Lyrik (Pindar, Horaz).</p>
<p>Der geistvolle Einfall entspringt im Gedränge.</p>
<p>Mögen sie nur Stroh dreschen – ein Funkenflug genügt.</p>
<p>Man kann nicht fragen, wie es wäre, nicht zu existieren.</p>
<p>Das Leben kann sich selbst nicht in Frage stellen.</p>
<p>Sein ganzes Leben damit vertun, die eine Rätselnuß zu knacken – und post mortem wird offenbar, sie ist hohl.</p>
<p>Die Wissenschaft gibt uns keine Antwort auf die Frage nach dem Wozu. – Der Sinn haust nicht als marginaler Gast oder zufälliger Mieter im sinnlosen Gehäuse der Natur.</p>
<p>Überspannte Wissenschaftler verfangen sich in Pseudo-Erklärungen (wie „Denken ist ein Hirnvorgang“ – „Liebe ist die Ausschüttung bestimmter Hormone“).</p>
<p>Daß es vergeht, ist kein Einwand gegen das, was da ist.</p>
<p>Überspannte Philosophen zwängen das Denken unter das Joch eines Systems („Alles ist Geist: Idealismus“ – „Alles kann auf physikalische Gesetze zurückgeführt werden: Naturalismus“) oder eines Projekts („das Projekt der Aufklärung“ – „das Projekt der Moderne“).</p>
<p>Er tat wie ein Seiltänzer, der auf einem dünnen Seil über einen schwindelerregenden Abgrund balanciert; doch schleppte er sich in Wirklichkeit mit plumpen Schritten über den Asphalt der Plattheiten und Trivialitäten dahin.</p>
<p>Die Bilder nicht von Menschen bewohnter Landstriche und Gegenden, der Wüsten und Steppen, der Weiten und Tiefen der Ozeane trösten uns noch über das parasitäre Gewimmel unserer Gattung auf dem schwärenden Leib der alten Gaia.</p>
<p>Begriffsschranzen und Theoriesnobs, die auf rhetorischen Stelzen über die Köpfe der Minderbemittelten hinweg Dunkles künden, um mittels änigmatischen Geschwätzes Eindruck zu schinden.</p>
<p>Die wurmstichigen Früchte am Baum der politischen Moral wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Inklusion und Vielfalt nimmt der auf bekömmliche geistige Diät eingeschworene abgeklärte Denker nicht in den Mund – es sei denn, um sie coram publico angeekelt auszuspeien.</p>
<p>Torheit oder unverzeihliche Naivität verlangt bedingungslose Freiheit der Meinungsäußerung; doch sie der hemmungslosen Meute zu gewähren, heißt, in Kauf zu nehmen, daß man sie da und dort und immer wieder, in den Worten aller Sprachen, doch verwandten Sinnes, brüllen hört: „Gib den Barabbas frei, den da schlag ans Kreuz!“</p>
<p>Der aufgrund zur Massenhysterie gesteigerter sexueller Freizügigkeit traumatisierte Priester fühlt mit den vor den Kopf gestoßenen orthodoxen Rabbinern und hält sich einiges zugute, wenn er die Vorteile der Separation gegenüber der Koedukation von Knaben und Mädchen herausstreicht. – Das Motiv für die Äußerung seines Arguments, daß die beiden Geschlechter ab einer bestimmten Altersstufe zu ihrem eigenen Vorteil getrennt erzogen werden sollten, mag zwielichtig sein; doch ist es deshalb unwahr?</p>
<p>Der frühe Existentialist marschierte nach vorn gebeugt wie gegen einen Sturm anrennend, der altgewordene wandelt auf den überwachsenen Pfaden der Gelassenheit in windstillem Kreis.</p>
<p>Der abgeklärte Denker billigt sich einen Spielraum bei der Wahl der überlieferten geistigen Speisen zu, insofern sie seinem empfindlichen Magen zuträglich sind und seinen verfeinerten Geschmack nicht beleidigen. – Dies gilt – horribile dictu – auch für die Bewirtung durch politische Köche; denn er ist souverän genug, die erlesene Kost monarchisch-höfischer und aristokratisch-elitistischer Provenienz dem Mischmasch plebejisch-demokratischer Vulgarität vorzuziehen.</p>
<p>Der Spätling ist kein Gargantua geistiger Völlerei.</p>
<p>Der Abgeklärte hat einen Degout vor allem, was zu dick aufgetragen, mit geblähten Backen ins grelle Scheinwerferlicht hinausposaunt oder ohne gnädige metaphorische Verhüllung an poetischen Erektionen feilgeboten wird.</p>
<p>Die Sensationsgier, also die Journaille, führt zur Verrohung des Fühlens und Sagens.</p>
<p>Wenn kein Blut von der Leinwand rinnt, die sie für Kunst, kein Leichengeruch aus den Furchen dessen dringt, was sie für Dichtung halten, wendet sich der barbarische Zeitgeist gähnend und gelangweilt ab.</p>
<p>Zu großen Werken inspiriert der Glaube an die eigene Größe, so der Glaube göttlicher Erwählung den biblischen Juden, der Glaube an die kulturelle Vormachtstellung den Erbauer der Akropolis, der Glaube an die weltpolitische Führungsrolle Roms den Schöpfer der Äneis.</p>
<p>Wer sich seines Daseins oder zumindest seiner nationalen Identität schämt wie der moralisch gedrückte Deutsche, verachtet auch die großen Werke seiner Vergangenheit.</p>
<p>Stufen des Sinns, Grade der Verständlichkeit. Wir können unterschiedliche Schichten oder Stufen des Sinns eines physiognomischen, gestischen und sprachlichen Ausdrucks anhand der unterschiedlichen Grade seiner Verständlichkeit identifizieren. Die bejahende Antwort der alten, gebrechlichen Dame auf die Frage, ob wir sie über die verkehrsreiche Straße geleiten sollen, und der Nachvollzug der pythagoreischen Gleichungen am rechtwinkligen Dreieck sind von höherer Transparenz und Verständlichkeit als die Zweideutigkeit eines Delphischen Orakels und einer nur scheinbar trivialen oder absurd anmutenden Formulierung des späten Wittgenstein (wie derjenigen vom unverständlich sprechenden Löwen oder dem auf dem Kopf stehenden Haus der Sprache); dagegen nimmt der Grad der Unverständlichkeit und Rätselhaftigkeit in dem Maße zu, wie wir in die änigmatischen Gedichte eines Paul Valéry oder die scheinbar oder wirklich widersinnigen Verlautbarungen der Geisteskranken vordringen. Wer uns mit dem Anspruch kommt, er sei ein Bote Gottes, ist uns immerhin noch verständlicher als der Schamane oder Verrückte, der mit den Armen flattert und ein Vogel der Geisterwelt zu sein vorgibt. – Wir sollten solche Fälle exemplarisch studieren, um den echt änigmatischen vom pseudoänigmatischen dichterischen Ausdruck unterscheiden zu lernen, denn letzterer ist ein nicht selten mißbräuchlich verwendetes Mittel, auf unsere Kosten Aufmerksamkeit zu provozieren, die sich im günstigen Fall endlich in ein leichtes Kopfweh auflöst.</p>
<p>Genialität anzuerkennen verlangt Demut vor der Kontingenz ihrer Entstehungsbedingungen.</p>
<p>Fruchtbarkeit des kulturellen Bodens, ein gedeihliches seelisches Klima und die sensorische Eigenart der indogermanischen Völker bildeten schicksalshafte Lebenslinien in der Physiognomie der griechischen Genialität.</p>
<p>Göttliche Samen, die unter die Disteln des Unglaubens und die Schatten des Zweifels fallen, können nicht sprießen.</p>
<p>Wesentliche dichterische Metaphern sind wie Blitze in der Nacht.</p>
<p>Woran er auch streift, ob Stein oder Halm, Tau oder Blatt, stumme Kreatur oder Engelsflügel, der wache dichterische Geist findet stets die Öffnung zur Fülle des Seins.</p>
<p>Man kann die herrliche Windung der Muschel und den in ihrem Innern schimmernden Perlmutt ebensowenig aus natürlichen Entwicklungsgesetzen ableiten wie die sublime Gestalt der Pindarischen Ode und ihren an jähen Stellen aufgehenden inneren Glanz aus literarhistorischen.</p>
<p>Geheimnisvolle Klänge, überwirklich, übersinnlich, als wäre der Geist des Dichters eine himmlischen Lüften ausgesetzte Äolsharfe.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Schneisen der Vernunft</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Jan 2025 23:02:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Schneisen der Vernunft Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Die Logik und Struktur der Sprache überschreitet die Grenzen ihrer psychologisch oder evolutionspsychologisch erklärbaren Natur. Torheit identifiziert das grammatische mit dem natürlichen Geschlecht. Doch wieso schurigelt uns die Struktur der altgriechischen, der lateinischen, der deutschen Grammatik nicht nur mit der Dualität des maskulinen und femininen Genus, sondern narrt uns darüber hinaus [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/schneisen-der-vernunft/">Schneisen der Vernunft</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Die Logik und Struktur der Sprache überschreitet die Grenzen ihrer psychologisch oder evolutionspsychologisch erklärbaren Natur.</p>
<p>Torheit identifiziert das grammatische mit dem natürlichen Geschlecht. Doch wieso schurigelt uns die Struktur der altgriechischen, der lateinischen, der deutschen Grammatik nicht nur mit der Dualität des maskulinen und femininen Genus, sondern narrt uns darüber hinaus mit dem Neutrum?</p>
<p>Das Kind, das Huhn, das Rind – was die Begriffe meinen, entbehrt ja nicht eines natürlichen Geschlechts; während wir uns bei dem Mädchen, dem Knäblein, dem Hühnchen mit dem gleichsam ungeschlechtlichen Leichtsinn der Verkleinerungs- und Verniedlichungsform zufriedengeben mögen.</p>
<p>Die grammatischen Genera und ihr Beitrag zur semantischen Ordnung der Sprache sind ein philosophisch bedeutsames, indes kaum beachtetes sprachliches Phänomen.</p>
<p>Die Logik der Sprache manifestiert sich im Gebrauch von Sätzen zur Identifizierung bestimmter Sachverhalte, die nur im Lichte ihrer sprachlichen Darstellung für uns greifbar werden. „Es regnet“ bedeutet, daß der Sprecher den möglichen Sachverhalt, daß es regnet, als wirklich annimmt oder seine Behauptung als wahre Aussage verstanden wissen will.</p>
<p>Die Tropfen, die da fallen, sind naß oder bestehen aus einer spezifischen chemischen Substanz, nicht aber die Tatsache, daß es regnet.</p>
<p>Die logische Möglichkeit der Wahrheit oder Unwahrheit von Sätzen und die Objektivität von Gedanken kann nicht psychologisch erklärt oder naturalisiert werden.</p>
<p>Zu sagen „Es regnet nicht“ ist eine triviale, aber wahre Annahme angesichts der Beobachtung, daß die Straßen und Dächer trocken sind. Wir können träumen, daß es regnet, aber nicht von dem negativen Sachverhalt, daß es nicht regnet.</p>
<p>Unsere Fähigkeit, von negativen Sachverhalten zu sprechen, deutet auf einen sprachlichen Ursprung dessen, was wir Vernunft nennen.</p>
<p>Unsere mentalen Zustände und Befindlichkeiten sind gleichgültig oder gleichsam neutral gegenüber der Wahrheit oder Unwahrheit von Sätzen, die wir unter ihrem Einfluß äußern.</p>
<p>Man kann die logische Funktion nicht auf die kommunikative zurückführen. Da hilft weder Psychologie noch Soziologie. Der Begriff einer kommunikativen Vernunft gehört zum schillernden Begriffsplunder, der die akademische Jugend seit Dezennien in ein weltanschauliches Wolkenkuckucksheim locken soll.</p>
<p>Ein Satz ist unabhängig von der Tatsache wahr oder falsch, daß er mitgeteilt oder verschwiegen wird.</p>
<p>Die Logik ist nichts, was der Mitteilung bedürfte, denn sie sorgt, wie Wittgenstein sagte, gleichsam für sich selbst.</p>
<p>Die Mitteilung „Frau Müller sagt, sie habe drei Geschwister und ihre Eltern somit vier leibliche Kinder“ ist nicht gleichen logischen Ranges mit der Aussage „Die Anzahl der großen Jupitermonde ist gleich der Anzahl der Evangelisten.“ – Frau Müller könnte, ohne davon zu wissen, ein uneheliches Kind als leiblichen Sproß ihrer Eltern ansehen.</p>
<p>Ich muß die Anzahl der großen Jupitermonde nicht kennen, um zu wissen, daß sie dieselbe ist wie die Anzahl der Evangelisten, wenn ich sie einander eins zu eins zuordnen kann.</p>
<p>Die natürlichen Zahlen können keine mentalen Inhalte sein, wie beispielsweise Farbbegriffe, deren Definition und Umfang von Kultur zu Kultur schwanken mögen.</p>
<p>Wir können, wie Wittgenstein nachwies, nicht an allem zugleich zweifeln; könnten wir es, entzögen wir auch diesem Satz, daß wir an allem zweifeln, die semantische Basis des Wissens von der Bedeutung der in ihm verwendeten Worte.</p>
<p>Zu behaupten, die in der adäquaten Situation geäußerte Aussage „Da geht ein Mensch“ habe kein fundamentum in re und stelle keine Wahrheit an sich dar, sondern sei nur die Beschreibung eines visuellen Phänomens, ist Unsinn; denn wir wissen, was wir meinen, das heißt, verfügen über hinreichende Bedingungen der korrekten Anwendung unseres sprachlichen Ausdrucks, wenn wir in der entsprechenden Situation von einem Menschen reden, der an uns vorübergeht.</p>
<p>Die Aussage „Die Welt ist eine aus phänomenalen Daten konstruierte (wissenschaftliche) Fiktion“ oder „Die Welt ist meine Vorstellung“ ist Unsinn, denn wir wissen, was wir meinen, wenn wir von der Welt der physikalischen Dinge oder der Welt, in der Blumen sprießen, Löwen brüllen und Delphine schwimmen, im Gegensatz zu der fiktionalen Welt reden, in der Tiere sprechen oder sich Bäume vor der magischen Gewalt orphischer Gesänge beugen.</p>
<p>Die Aussage, daß es die Welt der von uns benennbaren Tatsachen gibt, ist eine synthetische Aussage a priori, die aus der Einsicht in die Falschheit der gegenteiligen Annahme folgt, daß die Welt nichts als ein Konstrukt unserer sinnlich gefütterten Einbildungskraft sei; sie folgt aus der Erkenntnis der Falschheit der Annahme, wir könnten an allem, also auch der Existenz der Welt, zweifeln.</p>
<p>Aus den Axiomen eines aus ihnen analytisch ableitbaren formalen Systems wie des Systems der natürlichen Zahlen können wir nach Gödel Sätze ableiten, die in diesem formalen System nicht beweisbar sind und demnach als synthetisch gekennzeichnet werden müssen.</p>
<p>Daraus folgt, daß die Alternative zwischen analytisch beweisbaren, aber inhaltsleeren, weil tautologischen Aussagen formaler Systeme und synthetischen, aber rein empirischen Annahmen, die auf Wahrnehmungssätzen fußen, unhaltbar ist, denn sie ist zumindest unvollständig, wenn wir die Geltung von synthetischen Sätzen a priori wie „Die Welt der von uns benennbaren Tatsachen existiert“ nicht zu leugnen imstande sind.</p>
<p>Wäre die Welt meine Vorstellung, eine bloße Fiktion oder ein theoretisches Konstrukt, könnten wir es nicht sagen.</p>
<p>Im Traum von dem Gedanken gestreift und überrascht zu werden, daß man träume, setzt ein implizites Wissen darüber voraus, wie es wäre, nicht zu träumen.</p>
<p>Wäre ich, wie Putnam erwies, ein Gehirn in der Nährflüssigkeit eines medizinischen Labors, könnte ich es nicht sagen; kann ich es sagen, ist die Annahme des Gegenteils evident.</p>
<p>Denke ich an meinen verstorbenen Freund Hans, so ist evident, daß sich der Name nicht auf seinen wahrnehmbaren Träger bezieht (denn Hansens Körper ist schon zerfallen), sondern auf die Person, deren Identifikation mir aufgrund von Bedingungen möglich ist, die sich meiner Willkür oder der Willkür rein sprachlicher Konventionen entziehen.</p>
<p>Der Unterschied meiner Erinnerung an Hans Castorp, den Protagonisten aus Thomas Manns Romanwerk „Der Zauberberg“, und meiner Erinnerung an meinen Freund Hans erhellt aus der kategorialen Differenz jener epistemischen Quellen, aus denen ich die Bedingungen ihrer jeweiligen Identifikation schöpfe – fiktionalen des Romans und realen von Dokumenten oder den von unabhängigen Zeugen mitgeteilten Berichten.</p>
<p>Daß die Faktoren der Multiplikation vertauscht werden können, ist ein triviales Wissen auf Basis analytischer Axiomatik; daß Goldbachs Vermutung über die Summe aller ganzen Zahlen aus Primzahlen gilt, ist ebensowenig trivial wie die Annahme, daß die Summe der Winkel im rechtwinkligen Dreieck stets 180 Grad ergibt; denn wir können nichteuklidische Geometrien entwickeln, bei denen diese Annahme nicht zutrifft.</p>
<p>Nicht alles, was wir wissen, ist kausal bedingt. Ich kenne die Wurzel aus 9 und weiß, ich wäre nicht da, hätten sich mein Vater und meine Mutter nie getroffen. – Abstrakte Formen und Hypothesen über irreale Bedingungen, die jeweils keinerlei kausalen Einfluß auf unsere Denkvorgänge haben, können unser Wissen vermehren.</p>
<p>Wahrnehmbare Dinge, die uns vor Augen liegen, sind weder das Muster für unsere epistemischen noch für unsere sprachlichen Fähigkeiten. – Ich zeige nach seiner Aufforderung auf eine Tanne, worauf mein botanisch versierter Freund sagt: „Gut gesehen, denn dies ist keine Fichte!“</p>
<p>Auf die Tatsache, daß es regnet, kann ich nicht zeigen; nur auf die fallenden Regentropfen. Auf die Tatsache, daß es nicht regnet, kann ich nur sprachlich Bezug nehmen.</p>
<p>Die Existenz von Schwarzen Löcher kann, da sie bekanntlich die kausal auf unsere Rezeptivität wirkenden Lichtwellen zurückhalten, wohl theoretisch erschlossen, aber nur indirekt empirisch belegt werden.</p>
<p>Wir wissen intuitiv um das, was wir unvernünftig nennen, eher als um eine positive Bestimmung von Vernunft. Wir halten es für unvernünftig, alles gleichzeitig in Frage zu stellen und zu bezweifeln, bevor wir mit Wahrheiten aufwarten können, die wir für unbezweifelbar halten.</p>
<p>Das Auftauchen logischer Inkonsistenzen, die unseren Alltagsverstand ruinieren, ist ein guter Hinweis darauf, daß der Weg, der zu ihnen geführt hat, nicht von der Vernunft empfohlen worden sein kann.</p>
<p>Zu fragen, wie es wohl sein oder sich anfühlen mag, eine Fledermaus zu sein, ist von nicht geringerem Unsinn als zu fragen, wie es denn ist oder sich anfühlt, ein Mensch zu sein.</p>
<p>Zu fragen, wie es wäre, wenn nichts existierte, ist von nicht geringerem Unsinn als zu fragen, wie es ist oder sich anfühlt, zu existieren.</p>
<p>Es ist unvernünftig, den Tod als Schatten über dem Leben anzusehen oder als einen Grund, es prinzipiell in Frage zu stellen.</p>
<p>Es ist unvernünftig, aus der Tatsache, daß ich hier und da einer Täuschung erlegen bin, zu folgern, die Welt sei ein Lügennetz, gewebt von der Spinne namens Verstellung, Trug oder Wahn.</p>
<p>Es ist unvernünftig, das Gegebensein des Zeichens für Identität oder Gleichheit im Modus des Indikativ Präsens zu lesen: 2 und 2 ist 4 heißt nicht, daß die Addition jetzt oder in einem zeitlosen Sinn gültig ist, sondern schlicht, daß sie gilt. Daher ist es unsinnig zu fragen, ob 2 und 2 auch 4 gewesen wäre, als es kein menschliches Wesen gab, das diese Gleichung hätte aufstellen können.</p>
<p>Es ist unvernünftig, uns vorzustellen, wie es wäre, wenn wir wesentlicher Dimensionen der menschlichen Existenz, wie der Fähigkeit, zu sprechen oder etwas zu beabsichtigen, entbehren würden.</p>
<p>Die Sprache kann keine Fähigkeit sein, die wir zufällig erworben haben, denn wäre dem so, könnten wir uns vorstellen, wie es wäre, ein Mensch zu sein ohne diese Fähigkeit.</p>
<p>Ähnlich wie die Intelligenz streut die musische Begabung nach dem Muster der Gaußschen Kurve der Normalverteilung.</p>
<p>Je stärker das Interesse an Macht und Politik, umso schwächer die Neigung zu den musischen Fächern.</p>
<p>Der Politiker Carlo Schmid hat noch Baudelaire übersetzt; die meisten der heutigen Politiker, gleichgültig, welcher Parteidoktrin sie folgen, wüßten nicht einmal mehr, was es mit den Fleurs du Mal für eine außerordentliche dichterische Bewandtnis hat.</p>
<p>Es ist unvernünftig, für alle Wege, auf denen wir zu Gewißheiten und mehr oder weniger gesicherten Überzeugungen gelangen, dieselbe Methode ihrer Überprüfung und Begründung festlegen zu wollen; unvernünftig, wie Platon anzunehmen, es gebe nur eine alleinseligmachende Methode, nämlich den argumentativen und deduktiven Beweis.</p>
<p>Unsere stärksten Intuitionen, wie sie beispielsweise ästhetische Präferenzen betreffen, können wir nicht mittels rationaler Gründe rechtfertigen.</p>
<p>Daß wir von dem, was bisher regelmäßig stattgefunden hat, induktiv auf das schließen, was morgen stattfindet, gibt uns bekanntermaßen kein absolutes Kriterium der Gewißheit an die Hand; aber in vielen Fällen lassen wir es rechtens dabei bewenden; sonst würden wir uns nicht mit der Wendung verabschieden: „Bis morgen“ oder erwarten, daß die Sonne auch am nächsten Tag aufgehen wird.</p>
<p>Es ist unvernünftig, aus der symmetrisch-polaren Struktur unserer leiblichen und psychischen Existenz eine metaphysische Grenzlinie zwischen hüben und drüben, hinten und vorn, unten und oben, rechts und links, gut und schlecht konstruieren zu wollen.</p>
<p>Je allgemeiner und unbestimmter die sprachliche Wendung, umso facettenreicher und nuancierter oft der semantische Gehalt ihrer kontextsensitiven Anwendung; so können wir naiv oder gehässig fragen, neugierig oder ironisch, schonend oder bohrend, als besorgte Mutter oder kaltherziger Kommissar, als Arzt oder Inquisitor, als frisch Verliebter oder eifersüchtiger Liebhaber.</p>
<p>Nuancenreich, vieldeutig, schillernd und opulent ist die Palette der venezianischen Maler; aber man kann auch Grau in Grau malend höchst geistreiche Mitteilungen machen.</p>
<p>Goethe verfügte vielleicht über den reichsten deutschen Wortschatz; doch konnte Trakl mit einem Bruchteil davon nicht geringere lyrische Wirkungen erzielen.</p>
<p>Es ist vernünftig, wenn derjenige, der sich den Magen aufgrund zu üppiger Kost verdorben hat, eine strenge Diät einhält; aber unvernünftig, wenn derjenige, der lange Zeit eine einseitig frugale oder vegane geistige Kost zu sich genommen hat, über Gott und die Welt philosophiert.</p>
<p>Nicht Gedanken oder Sätze, in denen wir sie mitteilen, nennen wir vernünftig, sondern die Überlegung und die Entscheidung, worüber wir uns welche machen sollten oder nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Grammatische Glossen zur Anthropologie</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/grammatische-glossen-zur-anthropologie/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Dec 2024 23:01:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Grammatische Glossen zur Anthropologie Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Der vor dem Laden angeleinte Hund wartet auf sein Frauchen. Aber er erwartet nicht, daß sie früher zurückkehren möge als beim letzten Mal. Der Pawlowsche Hund sekretiert Verdauungssäfte, wenn er auf das Signal der Schelle oder der Lampe konditioniert worden ist. Aber er erwartet aufgrund des Signals nicht, daß ihm heute [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/grammatische-glossen-zur-anthropologie/">Grammatische Glossen zur Anthropologie</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Der vor dem Laden angeleinte Hund wartet auf sein Frauchen. Aber er erwartet nicht, daß sie früher zurückkehren möge als beim letzten Mal.</p>
<p>Der Pawlowsche Hund sekretiert Verdauungssäfte, wenn er auf das Signal der Schelle oder der Lampe konditioniert worden ist. Aber er erwartet aufgrund des Signals nicht, daß ihm heute eine Extra-Wurst verabreicht werde.</p>
<p>Ist der Laborhund enttäuscht, wenn die Fütterung trotz des verheißungsvollen Signals ausbleibt, so wie der Liebhaber enttäuscht ist, wenn er vergeblich auf das Eintreffen der Geliebten gewartet hat?</p>
<p>Das Warten hat bisweilen (aber nicht immer, nicht notwendig) eine gewisse Physiognomie (er geht aufgeregt im Zimmer auf und ab, schaut ständig aus dem Fenster), das Erwarten nicht.</p>
<p>„Ich erwarte, daß er pünktlich eintreffe“ ist keine Voraussage eines zukünftigen Ereignisses.</p>
<p>Wenn ich voraussehen könnte, daß der Zug auf der Strecke liegenbleibt, wäre ich nicht enttäuscht, wenn er nicht pünktlich eintrifft.</p>
<p>Angesichts der Schönwetterwolken am Abendhimmel erwarten wir schönes Wetter am darauffolgenden Sommertag; bringt er aber Regen, sind wir nicht in demselben Sinne enttäuscht, wie wir es sind, wenn unser Freund sein Versprechen, sich morgen pünktlich einzufinden, nicht einlöst.</p>
<p>Sie wußte, daß der Stau ihn daran gehindert hat, pünktlich zu kommen. – Er wußte, daß sie ihn schon einmal betrogen hatte. – Sie hoffte, daß er heute endlich einmal pünktlich komme. – Er befürchtete, daß sie ihn erneut hintergehe.</p>
<p>Wir unterscheiden zwischen Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn; aber dieser Unterschied ist nur eine Ableitung des logisch-grammatischen Unterschieds zwischen Aussagen im Indikativ und Aussagen im Konjunktiv.</p>
<p>Indikativische Aussagen beziehen sich auf den semantischen Raum relativer Gewißheit, konjunktivische auf den semantischen Raum relativer Ungewißheit.</p>
<p>Anthropologisch konstitutive Einstellungen, Haltungen und Dispositionen wie Erwarten, Hoffen, Befürchten, Beabsichtigen und Wünschen beziehen sich auf die semantische Dimension des Möglichkeitssinnes und verlangen zu ihrem sprachlichen Ausdruck die Verwendung des Konjunktivs.</p>
<p>Er fürchtet sich im Dunkeln. – Die Furcht ist naturgemäß ein spezifischer Affekt.</p>
<p>Er befürchtet, daß sie ihn hintergehen werde. – Die Befürchtung ist kein spezifischer Affekt, sondern eine intentionale (auf ein Objekt, einen Sachverhalt bezogene) Einstellung, die freilich, aber nicht notwendigerweise, mit affektiven Begleitphänomenen wie Furcht oder nervöse Spannung einhergehen kann.</p>
<p>Der Gegenstand einer Erwartung ist dasjenige Ereignis, das sie erfüllt oder enttäuscht. Die kindliche Furcht vor der Dunkelheit ist nicht intentional auf einen bestimmten Gegenstand bezogen, sie kann etwa durch unheimliche Geräusche konkretisiert oder durch die vertraute Stimme der Mutter aufgelöst werden.</p>
<p>Die anthropologisch konstitutiven Einstellungen und Haltungen gegenüber Begebenheiten und Ereignissen, die wir mittels indikativischer Aussagen mit den Verbformen der vollendeten Vergangenheit ausdrücken, wie Reue, Scham oder Stolz, sind prinzipiell verschieden von den Einstellungen und Haltungen gegenüber Begebenheiten und Ereignissen, die wir mittels konjunktivischer Aussagen mit den Verbformen des Futurs ausdrücken, wie Erwartung, Befürchtung, Hoffnung oder Zuversicht.</p>
<p>Was wir wissen, ist vergangen, und nur von dem, was vergangen ist, können wir auf Erfahrung fußendes mehr oder weniger sicheres Wissen erlangen.</p>
<p>Nur eine in der Vergangenheit verübte Missetat kann ich bereuen, einer üblen Handlung mich schämen oder auf eine vollbrachte Leistung stolz sein.</p>
<p>Wir unterscheiden die epistemische Dimension des Wissens von der ethischen Dimension unserer Einstellungen und Haltungen. Sobald Ödipus erfährt, daß Iokaste seine Mutter ist, ändert sich schlagartig die ethische Dimension seiner Einstellung ihr gegenüber.</p>
<p>Wäre die Erklärung meiner Absicht, dich morgen zu besuchen, eine Voraussage mit epistemisch ausgezeichnetem Grad der Gewißheit, wäre sie keine echte Absichtserklärung, kein Versprechen.</p>
<p>Die Absichtserklärung ist keine Hypothese über die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, und sein tatsächliches Eintreten ist nicht ihre Verifizierung, sein Nichteintreten nicht ihre Falsifizierung.</p>
<p>Was wir Verstehen nennen, ist keine epistemische Form der Vermutung über innerseelisch-verborgene Vorkommnisse. Wir verstehen das Lächeln des Freundes unmittelbar als Ausdruck der Dankbarkeit über die freundliche Bewillkommnung oder das erhaltene Geschenk.</p>
<p>Verstehen ist in dem fundiert, was wir etwas vage Intuition nennen.</p>
<p>Intuition ist der Kompaß, auf dem wir die Sinnrichtung unserer Tuns und Redens ablesen.</p>
<p>„Wenn ich den Turm bewegen würde, könnte mich seine Dame bedrohen.“ – „Würden wir dem Hund die signalisierte Fütterung lange genug entziehen, würde der bedingte Reflex, mit Sekretion von Verdauungssäften zu reagieren, allmählich nachlassen.“ – Die grammatische Form irrealer Konditionalsätze ist der semantische Ausdruck des Gedankenexperiments und der wissenschaftlichen Modellbildung.</p>
<p>Wir unterscheiden zwischen dem Flußbett der logisch-grammatischen Funktion und dem Fluß der Sprache. – „Er ist mit Arsen vergiftet worden.“ Dieser Satz sagt nichts, denn wir wissen nicht, ob er in einem Roman steht, einem Arztbericht oder einem Gerichtsurteil.</p>
<p>„Er spricht Französisch.“ – Damit meinen wir nicht, was sie gerade tut, sondern die Fähigkeit der Person, ihr sprachliches Können.</p>
<p>Die Möglichkeit geht der Wirklichkeit, die Virtualität der Aktualität, das Können dem Tun insofern voraus, als wir das erste aus dem zweiten notwendig ableiten können.</p>
<p>„Er hätte sich verteidigen, sich rechtfertigen können, tat es aber nicht.“ – Die unterlassene oder verweigerte Tat ist eine andere oder abgeleitete Form des Könnens. Denn der da schweigt, kann sich in vornehmer Zurückhaltung üben oder edelgesinnt den Fragenden schonen.</p>
<p>Wir synchronisieren unsere Erwartungen, wenn wir den uns erbrachten Gruß angemessen erwidern, die freundliche Geste mit einem Lächeln quittieren. – Umso stärker, verblüffender, mißlicher wirkt die Verweigerung des konventionell Erwartbaren.</p>
<p>Das sittliche Können ist eine auf der Grundlage des Einübens konventioneller Gesten und sprachlicher Wendungen erworbene Fähigkeit. Es erweist sich in der natürlich wirkenden Erfüllung des konventionell Erwartbaren. – Nicht so das künstlerische Können, das entweder das konventionell Erwartbare mittels sublimer Steigerung übertrifft, ironisch-schalkhaft unterläuft oder in dunkle und zwielichtige Zonen vorstoßend untergräbt, wobei es aber immerhin dessen Nachhall und Fernwirkung voraussetzt.</p>
<p>Wir setzen als scheinbar natürlich und selbstverständlich das Können im sittlichen Gebaren (wie beispielsweise Abstand wahren, Grüßen, Einhalten von Versprechen und Verträgen, elterliche Fürsorge) voraus, während wir das herausragende künstlerische Können mit Lob bedenken, sein auf Schlampigkeit oder Disziplinlosigkeit zurückzuführendes Versagen aber mit Tadel strafen.</p>
<p>„Er konnte der Verführung durch den Eros, die Macht, das Geld nicht widerstehen.“ Dabei nehmen wir an, daß der Verführte und Korrupte eben deshalb schuldig wurde, weil er der erotischen Lockung, dem Postengeschacher, der Bestechung hätte widerstehen können. – „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ In diesem Falle ist das Nichtkönnen eine Folge des Seins: „Ich bin, wie ich bin.“ „Er kann die Zahlen von 1 bis 100 addieren, aber kennt nicht den Unterschied von geraden und ungeraden Zahlen.“ – Die logische Grammatik von „können“ ist eine andere als die von „sein“ und „kennen“.</p>
<p>Der Pawlowsche Hund kann nicht anders, als dem ihm ankonditionierten Reflex willfahren. – Der Anarch des Geistes, der Blutzeuge des Glaubens sowie der baudelairesche Märtyrer der Kunst (und der Hungerkünstler Kafkas) verschmähen selbst die Henkersmahlzeit, die ihm der Gefängniswärter hinreicht.</p>
<p>Wir gewahren, wie sich in der homerischen Odyssee und der frühen griechischen Dichtung die Sprache des Alltags der außeralttäglichen Dimension des Wunderbaren und Märchenhaften, des Phantastischen und Imaginären öffnet. Eine Dimension, die in der Macht und Faszination der mythischen Erzählung und den Kulten der Götter und Heroen angelegt ist. An Odysseus, der am Hof des Phäakenkönigs Alkinoos im Angesicht der liebreizenden Nausikaa zum Erzähler seiner eignen Geschichte wird, gewahren wir aber auch, inwiefern wir die Öffnung der Sprache zu ihrer dichterischen Selbsttranszendenz anthropologisch verorten und vertiefen können: Die dichterische Sprache ist eine Form sui generis der menschlichen Sprache, wenn sie dem Tun und Leiden des Sprechenden sinnfälligen Ausdruck verleiht.</p>
<p>Die grammatische Form der dichterischen Sprache ist zugleich die logische Form dessen, was die Romantiker „Transzendentalpoesie“ nannten. Denn sie färbt die gewöhnlichen Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke mit außeralltäglichen Nuancen und Schattierungen; duftende Blüten werden zu Narden der Erinnerung, bemooste Schwellen zu Passagen des Traums, das schlichte Brot zum nährenden Wort.</p>
<p>Der Landvermesser telefoniert mit einem mediokren Angestellten im Schloß; doch aus dem Apparat ertönen sirenenhaft-unheimliche Stimmen.</p>
<p>Das Gedicht Mallarmés verbirgt sich hinter einem seltsam bemalten Fächer, doch manchmal glimmen Augen daraus hervor, fragend, stumm.</p>
<p>Sie waren sich für wenige Stunden bei einem gemeinsamen Freund begegnet. In einsamen dichterischen Briefen wurden sie beredt und öffneten sich, einander zugewandt wie glänzende Wunden; dann verabredeten sie sich, wanderten um den See, und hatten sich nichts zu sagen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Postscriptum</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/postscriptum-2/</link>
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		<pubDate>Tue, 26 Nov 2024 23:04:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Postscriptum Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Wir fanden nur das Postscriptum, das eigentliche Schreiben ging verloren; aber in der Nachschrift äußert sich oft das drängende Bedürfnis, ein lang Verschwiegenes, eine das Gemüt oder Gewissen bedrückende Last doch noch mitzuteilen und loszuwerden. Als fiele zwischen den Wörtern Schnee, so dehnt sich der Raum ins Grenzenlose, Unabsehliche. Wenn ihnen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/postscriptum-2/">Postscriptum</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Wir fanden nur das Postscriptum, das eigentliche Schreiben ging verloren; aber in der Nachschrift äußert sich oft das drängende Bedürfnis, ein lang Verschwiegenes, eine das Gemüt oder Gewissen bedrückende Last doch noch mitzuteilen und loszuwerden.</p>
<p>Als fiele zwischen den Wörtern Schnee, so dehnt sich der Raum ins Grenzenlose, Unabsehliche.</p>
<p>Wenn ihnen nichts mehr einfällt, präsentieren sie ihr Geschlechtsteil.</p>
<p>Weil sie nicht mehr zeugen, vermehren sie die Geschlechter.</p>
<p>Wer ohne Tabu dahinlebt, hat nichts mehr zu verlieren.</p>
<p>Wer nichts zu verlieren hat, ist arm dran.</p>
<p>Mißgestalten verketzern den Schönheitssinn.</p>
<p>Was wären Archilochos, Catull und Martial, was der geniale Maulheld Luther und gar der leidenschaftliche Heißsporn Kleist ohne die Funken, Stacheln und Granaten der polemischen Rede, die sie nunmehr als Haßrede verunglimpfen?</p>
<p>Frau Welt zeigt ihre schimmernden Brüste, dreht sich dann um und wackelt mit ihrem von Geschwüren verunstalteten Hintern: Sie eilen schon, aufgeregt, schnatternde Gnome, mit den samtenen Tüchern der Heuchelei und eines neuen Puritanismus, sie schamhaft zu bedecken.</p>
<p>Geistige Va-Banque-Spieler und Bankrotteure wollen die Welt retten, unter dem Narkotikum des Heilswahns Schwankende sie ins Lot bringen.</p>
<p>Gespaltene Zungen, die mit der Taube des Heiligen Geistes girren wollen.</p>
<p>Die Neu-Sprech-Hysterie seelisch frigider Amazonen und die Logophobie geistig impotenter Mannweiber werden die greise Mutter der Sprache, die Poesie, wie eine unverständlich lallende demente Seniorin ins Pflegeheim stecken und ihr mittels Verabreichung von Morphium und verordneten Konsums von TV-Literatur-Talk- und Rap-Shows zur Rekreation verhelfen.</p>
<p>Vergleichen wir den schrillen, den verhunzten Ton eines unangemessenen Ausdrucks und einer übertriebenen Metapher mit dem Mißgriff des Pianisten oder Geigers.</p>
<p>Die ihr Instrument nicht beherrschen, werden für unerhörte Grenzüberschreitungen gefeiert.</p>
<p>Sokrates, Hamann, Davila, die surrende Bremse am Ohr des irre die Augen verdrehenden, vergebens davongaloppierenden Kleppers öffentliche Meinung.</p>
<p>Welcher Wahn, den Graben zwischen den Geschlechtern mit erfundenen neuen verdecken zu wollen.</p>
<p>Der Dichter tänzelt über den alltagsplatten Boden wie der Akrobat über das Seil.</p>
<p>Aufgrund öffentlicher Auszeichnungen innerlich ausgezehrt.</p>
<p>Die da locken, Preisgelder und Stipendien, sie verführen meist dazu, dem, der sie vergibt, dem Zeitgeist mehr und mehr in den Arsch zu kriechen, bis das Talent gänzlich in ihm verschwunden ist.</p>
<p>Die nachts als sirrende Schwärme die Träume des Dichters heimsuchen, die Mücken der Worte, tags haften sie mit glitzernden Flügeln am Klebestreifen seines rachsüchtigen Verses.</p>
<p>Die moralische Entrüstung ersetzt leider nicht den Mangel an künstlerischer Reife.</p>
<p>Das Haus der Sprache, wie man es im Roman Musils finden könnte, als Ruine einer einst mit einem Park umgebenen klassizistischen Villa mit Jugendstilanbauten inmitten einer Industriebrache.</p>
<p>Parasiten bedürfen des langen Atems der Wirtspflanze, die sie trägt, und die dämonische Natur waltet gerecht, denn wenn diese atemlos ins Knie bricht, hat auch für jene die letzte Stunde geschlagen. – So auch die parasitären Eliten des Gesellschaftskörpers.</p>
<p>Der Punkt am Ende des Satzes, das Verstummen des Sterbenden, verwischt nicht die Spur seines Daseins.</p>
<p>Der im Bernstein des Gedichts auf ewig erstarrte Falter einer ephemeren Lebensekstase.</p>
<p>Enthusiasmus und der Rausch der Massen sind kein Qualitätssiegel, sonst stünden die von einem diabolischen Klumpfuß inszenierten Aufmärsche in einer Reihe mit den Triumphzügen der Cäsaren.</p>
<p>Das sentimentale Fiepen einer Maus, die vor dem Stampfen des tragischen Chores davonhuscht.</p>
<p>Der geistig Schwache läßt sich unmittelbar beeindrucken: Es muß wahr sein, weil jener es sagt, um den die blausten Gerüchte wogen, weil diese es bestätigte, deren Lächeln keiner widersteht.</p>
<p>Der neue Gedanke soll uns nicht überfallen und überrumpeln, sondern gleichsam zögernd auf der Schwelle weilen, sodann an die Türe pochen (aber nicht mit knöchernem Finger) und erst eintreten, wenn er auf unser Nachfragen seinen Namen genannt hat.</p>
<p>Ein Legato gilt den Atonalen schon als Ausweis neurotischer Harmoniesucht, ein Vibrato als heimtückische Verführung durch den längst bloßgestellten Geist der Tradition.</p>
<p>Das von anmutiger Hand entzündete Licht am nächtlichen Fenster sehen wohl viele, aber es gilt nur dem einen.</p>
<p>Beschneide die Ilias um die Stimmen der Heroen, bleibt nur ein unartikuliertes Schreien und Johlen, das Stimmengewirr der Soldateska, das Schmettern von Schwertern und Schilden, das Schwirren der Pfeile, das Flackern der Flammen bei den Totenfeiern, das Brausen des Meers.</p>
<p>Wo kein Quell mehr singt, verkarstet die Landschaft der Seele.</p>
<p>Die abendlichen Schönwetterwolken sind uns ein Vorzeichen für einen heiteren Sommertag. Das schöne Wetter des darauffolgenden Tages ist uns kein Zeichen, sondern eben der heitere Sommertag.</p>
<p>Das freundliche Lächeln ist uns kein Zeichen, daß der Freund sich freut, uns wiederzusehen, sondern Ausdruck, Moment und echter Teil seiner Freude.</p>
<p>Der unwillkürliche Ausruf „Aua!“ ist kein sprachliches Zeichen für das Schmerzempfinden, sondern Ausdruck, Moment und echter Teil dieses Empfindens.</p>
<p>Die Degeneration bestimmter neuronaler Synapsen steht in kausalem Zusammenhang mit dem Ausbruch einer Geistesstörung; aber die scheinbar wirren Reden des Psychotikers ordnen sich uns auf dem Hintergrund der Geschichte seiner Seele und der mit alten Symbolismen überzogenen Semantik der deutschen Sprache.</p>
<p>Der schleppende Gang, der gesenkte Blick und der versteinerte Gesichtsausdruck sind keine Zeichen einer Depression, sondern Ausdruck, Moment und echter Teil eines depressiven Zustandes.</p>
<p>Der Psychoanalytiker glaubt anhand der Deutung des manifesten Trauminhalts den latenten erfassen zu können. Wir aber lesen die Manifestationen dessen, was wir die Seele nennen, unmittelbar an Mimik, Gebaren und Verhalten ab.</p>
<p>Doch wir können uns irren, können uns „verlesen“: Das freundliche Lächeln, das uns als Ausdruck freudiger Unbefangenheit galt, erweist sich als Symptom der Verlegenheit und Scheu; der heiter wirkende Plauderton erweist sich als rhetorische Maske tiefsitzender Traurigkeit.</p>
<p>Der spontane Ausruf „Aua!“ kann als Selbstausdruck betrachtet werden, dessen Wahrheitsgehalt wir gewöhnlich nicht in Abrede stellen, während die Äußerung „Ich habe Schmerzen“ auch eine Unwahrheit darstellen kann.</p>
<p>Der spontane Selbstausdruck läßt sich nicht widerlegen; jedoch gewichten, beispielsweise als die Äußerung krankhafter Empfindlichkeit.</p>
<p>„Ich habe es selbst gesehen“ – eine solche Aussage gilt uns, bei freier Lizenz, die Sehfähigkeit des Sprechers zu testen und seine Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen, als authentische Quelle zu dem Bereich, den wir Wirklichkeit nennen.</p>
<p>„Ich habe es selbst gesehen“ bedeutet: „Ich habe gesehen, wie dies und das geschehen ist“, und dies impliziert die Aussage „Ich habe gesehen, daß dies und das geschehen ist.“ Der Inhalt der Wahrnehmungsurteile hat die semantische Form der Faktizität.</p>
<p>Ironie und Zynismus im Gedicht wie bei Benn und Heine sind Symptome erkälteten Sentiments und enttäuschter Erwartung. In den dichterischen Prototypen wie der Bibel oder der Ilias finden wir weder Ironie noch Zynismus, aber Humor.</p>
<p>Als hätte das Organ für die Wahrheit des Eindrucks eine Verletzung davongetragen, und der unzulänglich Empfängliche schämte sich dessen.</p>
<p>Im Zeichengebrauch tritt uns augenscheinlich das Wirken eines fremden Willens entgegen; denn ein unwillkürlich hinterlassenes Anzeichen einer fremden Lebensregung gilt uns vielleicht wie die große Unordnung in einem Zimmer als Symptom einer gewissen Verwahrlosung seines Bewohners, aber nicht als willkürlich herbeigeführte Mitteilung wie der Zettel an der Tür mit der Aufschrift „Bin für zwei Wochen verreist.“</p>
<p>Ein Rundbogen macht noch keinen romanischen Stil, ein Spitzbogen noch keinen gotischen.</p>
<p>Erst die Reihung von Spitzbögen im Bau der Kathedrale, kombiniert mit anderen charakteristischen Merkmalen dieser Baukunst wie dem Kreuzrippengewölbe, der Verwendung von die hohen, schlanken Säulen stützenden Strebepfeilern und der dekorativ über den Giebeln, Nischen und Türmen aufgepflanzten zierlichen Kreuzblume lassen uns zurecht von einem Muster des gotischen Stiles sprechen.</p>
<p>Wir können den gotischen Stil der Kathedrale als Mitteilung über den sakralen Charakter des Bauwerks lesen.</p>
<p>Der Eindruck des Wuchtigen, Lastenden und Gravitätischen, die Würde der schweren, kompakten Massen der Rundsäulen und das vom Schein der Kerzen kaum durchbrochene Dämmerlicht des romanischen Baues lassen uns eine andere Konzeption des Sakralen gewahren als das lichtdurchflutete Kirchenschiff des gotischen Doms, dessen hohe Fenster mit den farbigen Bildern der Glasscheiben die Andacht der Frommen in eine sanft schillernde Ekstase entrücken.</p>
<p>Sie zwinkerte mit den Augen und er dachte, sie habe ihm ihr Einverständnis mitgeteilt; aber ihr war nur ein Staubkorn ins Auge geraten.</p>
<p>Der Maler kann dem Blau Anteile von Weiß, Rosa oder Purpur beimischen; der Dichter taucht den Farbbegriff Blau in ganz unterschiedliche metaphorische Atmosphären; die Meereswellen Homers können hell aufschäumen, die Ströme Eichendorffs wirken umso dunkler, je heller sich der Mond in ihnen spiegelt.</p>
<p>Der gelehrte Archäologe und Altertumsforscher sucht in den auf einen Stein gravierten Zeilen einer fremden, noch nicht entzifferten Schrift nach der Wiederkehr bestimmter Zeichen, in denen er einen Namen vermutet, meist den Namen des Königs oder Regenten, der seinen Erlaß hat einmeißeln lassen. Damit beginnt die mühsame, aber nicht aussichtslose Entzifferung der alten Schriftzeichen.</p>
<p>Wir füllen die verderbte, unleserliche Stelle des Papyrus versuchsweise oder divinatorisch mit Wörtern, die wir dem gesicherten Corpus der Werke des Autors entnehmen.</p>
<p>Lesen heißt sich der Führung durch die Hinweise des Autors zu überlassen; das tun wir nicht ohne einen gewissen Vertrauensvorschuß, der ihm schon nach wenigen Minuten der Lektüre zuwachsen mag, wenn wir stilistisch sicheren Grund unter den Füßen verspüren oder uns eine lichte Schneise mit einer beglückenden Aussicht verlockt hat. Warum aber weiterlesen, wenn wir halb schon in sumpfigem Gelände versinken oder uns die Disteln und Dornen trockener, spitzer, wuchernder Metaphern stechen, die Aussicht von einem trüben Dunst und Nebel versperrt ist, den keine ferne Sonne zu durchdringen sich anschickt?</p>
<p>Seltsam zu fühlen, zu begreifen, daß lesen eine Art freiwilliger Unterwerfung unter einen fremden Willen darstellt.</p>
<p>Ein Berg nicht gelesener Klassiker warf seinen Schatten auf das Angesicht des sterbenden Lesers.</p>
<p>Wir ziehen das Zelt des der Schrift unkundigen Beduinen, wo Karaffen aus getriebenem Silber und Säbel und Dolche dekorativ vor zartbestickten Teppichen schweben, und vor dem Zelt spielen Kinder, tollen Hunde, der dumpfen Studierstube des kinderlosen Intellektuellen vor, wo von den vollgestopften Regalen Bücher in den Staub des Vergessens stürzen und auf dem Fenstersims ein eingegangener Kaktus steht.</p>
<p>Die Häßlichkeit geht Hand in Hand mit der Unfruchtbarkeit.</p>
<p>Die schönste Frau war das Blutopfer wert.</p>
<p>Goethe feiert in der Epiphanie Helenas die Wiedergeburt der geopferten Geliebten.</p>
<p>In der ersten Reihe lümmeln und krakeelen nun die Kretins, in der hintersten gähnen die Hochbegabten.</p>
<p>Je seltener, umso kostbarer.</p>
<p>Die großen Dichter Roms kommen aus der Provinz und oft aus kleinen Verhältnissen; aus diesem Befund läßt sich folgern, daß die Elitenselektion der römischen Republik einen hohen Grad der Perfektion erreicht hatte.</p>
<p>Kaiser Augustus pflegte dem Vortrag des Vergil aus seinem Epos sein Ohr zu leihen. Welcher zeitgenössische politische Führer würde der Rezitation der Duineser Elegien mit Anteilnahme und Verständnis folgen können, folgen wollen?</p>
<p>Beschränkte Köpfe suchen die Lösung eines Problems wie einen verlorenen Schlüssel unterm Lichtkreis der Lampe nur in dem von der Strahlkraft der approbierten Theorie schon ausgeleuchteten Bereich.</p>
<p>Die Quelle der Muse, an der Faunus die Flöte bläst, ist nicht nur präskriptural, sondern vorzivilisatorisch. – Doch ohne sie keine Oden des Horaz, des urbanen Römers, keine Sonette Baudelaires, des gebildeten Parisers.</p>
<p>Die symbolische Ordnung produziert das Weltbild, das wir nicht sehen.</p>
<p>Die Rose des Gedichtes duftet nicht. Die Rosen Monets welken nicht.</p>
<p>Demokratie: Die Stimme des Kretins, des Verbrechers, des Perversen wiegt so viel wie die Stimme des Weisen, Gerechten und Frommen.</p>
<p>Der Pöbelgeist und der vulgäre Geschmack werden als höchste Manifestationen der Aufklärung und der zwielichtigen Ideale der Französischen Revolution gepriesen.</p>
<p>Wer in der vom Pöbelgeist vergifteten Atmosphäre sogenannter demokratischer Öffentlichkeit die Wahrheit kundzutun sich erdreistet, wie jene schlichte von der Bipolarität der Geschlechter, lebt hierzulande gefährlich, er droht, bespuckt und verunglimpft zu werden, ja den sozialen Tod zu sterben.</p>
<p>Die Denunzianten hecheln vor den Bildschirmen, und auf ihr Geheiß machen sich die Häscher im Morgengrauen auf den Weg.</p>
<p>Die neuen Schreibtischtäter bellen nicht mehr, sondern säuseln, sie tragen die feine weiße Wäsche des verwöhnten Dandys oder die schicken Kostüme internationaler Couturiers, doch die unbedingte Hingabe ihrer Anhängerschaft ist genauso fanatisch, der Applaus, der ihnen entgegenbrandet, ist genauso frenetisch und ihr Lächeln genauso mephistophelisch wie ehedem.</p>
<p>Selbstzensur, die das Gebrüll des Triebes abwürgt und das Geschwätz der aufgebrachten Seele drosselt, ist die Nährmutter des erlauchten Worts.</p>
<p>Nur gehemmte Kraft fühlt sich und wird ihrer Möglichkeiten inne.</p>
<p>Eine Rebe ohne den Pfahl, an dem sie sich zum Licht emporwindet, verdämmert im fruchtlosen Dunkel.</p>
<p>Die das Unbedingte wollen, betrügen sich und andere um die schöne Fragilität, die inkommensurable Individualität und Subtilität der Dinge.</p>
<p>Die da frohgemut oder arglistig alle Farben mischen, wollen, daß wir im trüben Grau und gesichtslosen Einerlei verschmachten.</p>
<p>Die weltumspannende Kommunikation bewirkt die Abtötung des Sinnes für Nuancen.</p>
<p>Nur der Gott, der zürnen kann, kann auch Gnade walten lassen.</p>
<p>Alle pochen auf die Freiheit, immerzu die gleiche Meinung mit den gleichen Phrasen äußern zu können.</p>
<p>Der Dichter wandert durch die Auen und Wüsten, die fruchtbaren Ebenen und Steppen der Sprache, auch wenn er seine schäbige Hinterhauswohnung kaum verläßt.</p>
<p>Klar denken oder philosophieren ist eine Form sublimierter Grausamkeit.</p>
<p>In der rhythmisch gegliederten Wiederholung des Verses kehrt der Ausdruck des Gedankens, selbst bei wörtlicher Wiederholung wie im Refrain, verwandelt zurück; verwandelt schon aufgrund der vergangenen Zeit. – So wie in der Erinnerung das Vergangene zwar wiederholt wird, aber verwandelt durch die Atmosphäre und die Stimmung dessen, der sich erinnert.</p>
<p>Wir wollen den gedichteten Mond nicht blutig rot, sondern blaß, und so verschwimmt sein Bild im Wasser mit den dahintreibenden weißen Blütenblättern. Goethes bemalte Fensterscheiben tauchen wohl das Interieur in ein geheimnisvoll irisierendes Licht, aber hindern den Ausblick ins Freie. Den Nebel des schwach Gedachten und den Dunst des vagen Meinens muß der kühle Hauch des inspirierten Worts erst lüften, damit die offene Landschaft des Gedichtes sichtbar wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Betört und erschrocken</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Nov 2024 23:22:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen Prosa]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen In einem riesigen Räderwerk ein dünnes, winziges Rädchen sein, das zwar mitschwingt (aber es scheint nur ins Rotieren gefächelt und vom Wind angetrieben zu werden, den die anderen echten Räder erzeugen, echt, weil sie den Sinn des Ganzen verkörpern, indem sie ihre Kraft den andern übertragen), doch in Wahrheit leerläuft. Gehirnzellen, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/betoert-und-erschrocken/">Betört und erschrocken</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>In einem riesigen Räderwerk ein dünnes, winziges Rädchen sein, das zwar mitschwingt (aber es scheint nur ins Rotieren gefächelt und vom Wind angetrieben zu werden, den die anderen echten Räder erzeugen, echt, weil sie den Sinn des Ganzen verkörpern, indem sie ihre Kraft den andern übertragen), doch in Wahrheit leerläuft.</p>
<p>Gehirnzellen, die nur so tun, als würden sie zur Empfindung beitragen, in Wahrheit aber schlafen.</p>
<p>Herumstehen, ins Schaufenster glotzen, ohne etwas zu sehen, bummeln; so tun, als sei man verabredet, als werde man erwartet, als hätte man noch eine Chance, doch keiner wird kommen, auch wenn man nervös auf die Uhr schaut oder verlegen um sich blickt.</p>
<p>Leere Zeit, tote Zeit, leere Augenblicke, tote Augenblicke.</p>
<p>Betört und erschrocken auf die Geschäftigen blicken, die Hastigen, Zielbewußten, als würden sie in höherem Auftrag unterwegs sein, einem Auftrag, den man nicht kennt, aus ihren Mienen und Hantierungen vergebens zu entziffern versucht, eines Auftraggebers, vor dem einen Schwindel ergriffe.</p>
<p>Betört und erschrocken auf die von irgendeiner Leidenschaft Ergriffenen blicken, von einer Gier, einem Drang, einer Wollust, einer Mordlust.</p>
<p>Betört und erschrocken auf jene blicken, die sich gerufen wähnen, sich berufen wissen, von Gott, vom Schicksal, von der Vorsehung. „Hier stehe ich …“</p>
<p>Fasziniert von der scheinbaren Gelöstheit oder Ausgelassenheit der Anmutigen, Hübschen, Bewunderten.</p>
<p>Das Kind, mit dem Hündchen auf dem Arm, und es lächelt, die Augen geschlossen.</p>
<p>Den Orgasmus des erfüllten Augenblicks – wenigstens vortäuschen können.</p>
<p>„Ich führe dich in ein Land, wo Milch und Honig fließt.“ – Eine solche Verheißung sich zutrauen können.</p>
<p>Sie gehen, gleichsam schwebend oder tänzelnd, an dir vorüber, du aber verhältst den Schritt, um zu verbergen, daß du hinkst.</p>
<p>Betört und erschrocken jene reden hören, die sagen, was alle sagen. Du aber hüllst dich in Schweigen, denn das Wort, das du nicht hüstelnd, nicht  würgend herausbringst, ist wie ein Haar auf der Zunge.</p>
<p>Betört und erschrocken auf jene blicken, die so tun, als müßten sie nicht sterben.</p>
<p>Die ästhetische, metaphysische, religiöse Illusion der Ganzheit und Fülle, des Pleroma, wie sie Platon im Symposion den Gaukler Aristophanes nicht zufällig an der urzeitlichen Kugelgestalt des doppelgeschlechtlichen Menschen phantasieren läßt, ist die imaginäre Kompensation der unaufhebbaren Gespaltenheit der sexuellen Polarität, des unaufhebbaren Schicksals, Mann oder Frau sein zu müssen.</p>
<p>Die Engel sind Bruchstücke des Pleroma.</p>
<p>Im Halbschlaf oder kaum erwacht im Dämmerschein kleine Funken sich versprühen sehen, als wären sie Bilder der neuronalen Impulse, die nutzlos im leeren, diesigen Himmel der Langeweile aufschießen und verlöschen.</p>
<p>Form und Hohlform passen ineinander; nicht so Mann und Frau, trotz der Illusion der sexuellen Vereinigung.</p>
<p>Im Tierreich verbleiben die Weibchen der höheren Arten zumeist mit den Jungen in engerer Gemeinschaft. Die Vaterschaft gegenüber den Nachkommen zu übernehmen und tätig auszuüben war das Privileg der patriarchalischen Familie, die zumindest in den westlichen Metropolen zu verschwinden scheint.</p>
<p>Schubert hören und so tun, als sei man schon gestorben, ein sich nurmehr vage gegenwärtiger Schatten im Totenreich.</p>
<p>Der weibliche Schoß ist wie das Fragezeichen hinter einer rein rhetorischen Frage; der Phallus ein nur ephemer sich behauptendes Ausrufezeichen.</p>
<p>Die mehr vitale als intellektuelle Dummheit des Mannes, die sich darin bekundet, die rhetorischen Fragen, die das Leben aufwirft, in mit großem Ernst ausgebrüteten philosophischen Systemen beantworten zu wollen; Fragen, die eher Ausrufen gleichen wie: „Bin ich nicht schön?“ oder „Ist es nicht zum Verzagen?“</p>
<p>Ja, der Kampf ist die Domäne des Mannes; doch sein einziger Sieg die tapfer hingenommene Niederlage der Selbstüberwindung.</p>
<p>Das vollkommene Gedicht ist der Muschel gleich: von undurchdringlicher Konsistenz, harmonisch verschlungener Form, wunderlich schimmerndem Glanz der Oberfläche – ein Kind findet sie am verwaisten Strand und hebt sie an sein Ohr, den Widerklang meergrüner Abgründe zu vernehmen; und hat es sich satt gehört, wirft es sie in hohem Schwung in die Brandung.</p>
<p>Betört und erschrocken die großen Worte vernehmen, die sie dem einzig verbliebenen Gott, dem Götzen des Fortschritts, weihen.</p>
<p>An den Fortschritt glauben ist die Kehrseite des Unglaubens an die Wahrheit des gegenwärtigen Lebens.</p>
<p>Die stroherne Puppe des Fortschritts und der aufgeklärten Ratio hat keine nährenden Brüste.</p>
<p>Ein Tropfen Blut aus dem Kelch des Josef von Arimathäa gegen all die Tintenkleckse der Federfuchser, Philosophen und Dichterlinge.</p>
<p>Die grelle Lampe des Gedankens blendet das nur im Dämmerlicht aufkeimende Leben.</p>
<p>Die Atmosphäre ist ursprünglicher als die Tropfen, die sich daraus absondern und kondensieren, um kurze Zeit im Licht zu funkeln.</p>
<p>Unter dem Glaspalast der universalen Weltvernunft und des alles umgreifenden Weltstaats befinden sich die Verliese und Folterkammern ihrer Schergen, die sich an der Oberfläche als Friedensstifter tarnen.</p>
<p>Die mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter sind eine Farce auf den lebendigen Organismus, die Bewunderung nur bei jenen Scheintoten finden, die ihnen gleichen wollen, im Wahn, dem Gewürm des Grabes zu entkommen.</p>
<p>Die Propheten sind die Exegeten des Schöpferworts. – Doch bisweilen scheinen sie selbst im Labyrinth der Sprache herumzuirren.</p>
<p>Ist die Sprache ein Haus, dann poltern unter seinem Dach Gespenster, dann sind im Keller Leichen verscharrt. Die Concierge thront hinter der Pforte, eine alte Eule, deren wachen Augen nichts Verdächtiges entgeht, die Hausbewohner leben, wenn es gut geht, aneinander vorbei, wenn schlecht, bilden sie idiomatische Inseln, wo sie sich hinter sprachlichen und rituellen  Hürden verschanzen.</p>
<p>Die Sprache ist eher, will es dem Dichter scheinen, einem Dickicht ähnlich, in das er mühsam Schneisen schlagen muß, um voranzukommen. Klettert er auf einen Baum, um sich einen Überblick zu verschaffen, sagt ihm der Philosoph, sieht er nichts als Bäume, Bäume und wieder Dickicht. „Sind wir uns hier nicht schon einmal begegnet?“ fragen sie sich.</p>
<p>Wir können nicht wissen, ob wir in demselben Zimmer aufwachen werden, in dem wir eingeschlafen sind. Es könnte ein anderes sein, in einer anderen Stadt, einem anderen Jahrhundert; wir aber auf wundersame Weise über Nacht mit den erforderlichen Kenntnissen ausgestattet, während die nicht mehr dienlichen ausgelöscht wurden, lebten weiter vor uns hin, auch wenn wir eine andere Sprache sprächen, mit einer uns bisher unbekannten Frau verheiratet wären und von einem fremden Kind Vater gerufen würden. Wären wir dieselben Personen?</p>
<p>Betört vom Gleichmut, der Ergebenheit, der Gelassenheit des Nachbarn, erschrocken vor dem Abgrund des eigenen Inneren, zögernd beim Übertreten der Schwelle des eigenen Hauses.</p>
<p>Betört von der Zuversicht jener, die keine Bedenken tragen, zu sagen, was immer sie sagen, erschrocken wie der Hund vorm eigenen Schatten, den Schatten des Ungesagten zu gewahren, den jedes hervorgebrachte, ans Licht gezerrte Wort zu werfen scheint.</p>
<p>Als wäre das Wort des Schöpfers im Labyrinth der Schöpfung verhallt.</p>
<p>Der schöpferische Poeta divinus löst den großen Heerführern und Propheten die Zunge, um sein Volk aus der Gefangenschaft zu führen, es vor dem Schwert der Feinde zu erretten. Aber das im Sohn inkarnierte Wort verwandelt der Ritus in Speise und Trank, die stumm verzehrt zu werden pflegen.</p>
<p>Betört von der Anmut, die, ihrer sinnlichen Reize kaum bewußt, die glänzende Oberfläche der Dinge leichthin streift wie die Schleppe des Brautkleids die filigranen Ornamente auf den Fliesen des Mittelgangs der Kirche; erschrocken vor der Taubheit seiner rauhen Hände, wenn man in banger Selbstbeobachtung erstarrt den Samt der Wange nicht fühlt, die sich einem zugeneigt hat.</p>
<p>Betört von den Stimmen, die sich, zu Chören verschmolzen, wie die zu einem seligen Tanz vereinten Blüten auf der Welle ins Offene tragen lassen; erschrocken vor dem sich selbst zum Rätsel gewordenen Pochen des Herzens, das einsam wie das Hämmern des Gefangenen von der Mauer des Verlieses widerhallt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Aufs Wasser geschrieben</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/aufs-wasser-geschrieben/</link>
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		<pubDate>Sat, 05 Oct 2024 22:09:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Aufs Wasser geschrieben Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Dummheit läßt sich nicht belehren, bestenfalls unschädlich machen. Mitleid ist ein zu diffuses, zu gemischtes Gefühl, als daß man daraus eine klare Weltanschauung destillieren könnte. Der Entwurzelte kann nicht blühen, nicht Früchte treiben. Nur das mit Blut und Geist getaufte Wort wird wiedergeboren. Die von bunter Vielfalt schwadronieren, tragen die graue [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/aufs-wasser-geschrieben/">Aufs Wasser geschrieben</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Dummheit läßt sich nicht belehren, bestenfalls unschädlich machen.</p>
<p>Mitleid ist ein zu diffuses, zu gemischtes Gefühl, als daß man daraus eine klare Weltanschauung destillieren könnte.</p>
<p>Der Entwurzelte kann nicht blühen, nicht Früchte treiben.</p>
<p>Nur das mit Blut und Geist getaufte Wort wird wiedergeboren.</p>
<p>Die von bunter Vielfalt schwadronieren, tragen die graue Einheitsuniform der öffentlichen Meinung.</p>
<p>Die Unfruchtbaren bieten Zukunftsphantasien zu Ramschpreisen feil.</p>
<p>Ob die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne kreist, ist für das Heil der Seele ohne Belang.</p>
<p>Der undurchdringliche Nebel des Geschwätzes. – Man muß aus der Niederung, wo er sich verbreitet, auf dem alten Pilgerpfad des Schweigens emporklimmen, um ins Lichte und Weite blicken zu können.</p>
<p>Fäden des Sinns, die sich verknäuelt haben, einfach abzuschneiden ist keine hellsichtige Form der Hermeneutik.</p>
<p>Leben und Tod, Sinn und Unsinn, Ja und Nein sind absolute Unterschiede; deshalb können wir beispielsweise unser Leben nicht von außen betrachten und dem Unsinn mittels sophistischer Dialektik kein Quentchen Sinn abtrotzen; deshalb sollten wir jenen, dem unser halbherziges Ja galt, unsere Unentschlossenheit nicht mittels Zweideutigkeiten und Hinterhalte büßen lassen.</p>
<p>Die Faulen und die Lauen fliehen vor der Entscheidung. Oder warten ab, bis der Zufall oder die Laune des Schicksals sie ihnen abnimmt.</p>
<p>Die Einebnung der Polarität der Geschlechter kastriert den Mann und sterilisiert die Frau.</p>
<p>Der Zion von Jerusalem, die Akropolis von Athen, die Sieben Hügel Roms – diese spirituellen und kulturellen Gipfel wurden, welche Paradoxie, von den verweichlicht-zarten Händen geistiger Perversion und sittlicher Niedertracht eingeebnet.</p>
<p>Ihre Knie sind versteift, sie können sich vor keinem Höheren mehr beugen.</p>
<p>Autorität gilt für Anmaßung, Schönheit für eine Form von Beleidigung, Genie für eine raffiniert kaschierte Neurose.</p>
<p>Wer den Knoten des Gedankens aufgelöst hat, zieht sich hinter die Anonymität der Alltagsrede zurück; oder schweigt.</p>
<p>Die Blüte des dichterischen Worts – soll sie etwa auf dem brackigen Abwasserkanal dahintreiben?</p>
<p>Der ungeheure Druck, der den dunklen Kohlenstoff in leuchtende Diamanten verwandelt hat.</p>
<p>Der Druck auf der Seele des Dichters.</p>
<p>„Die Studierenden schliefen in einem großen Saal.“ – „Im Orchestergraben fand man nach der Premiere einen toten Musizierenden.“ Die Genderkretins wissen buchstäblich nicht mehr, was sie sagen.</p>
<p>Der Kult ist entleert, die Kirche zu einem Jahrmarkt des sozialen Ablaßhandels verkommen.</p>
<p>Strenggläubige können sich nicht um einen runden Tisch versammeln, auf dem das Wort in Krümel von Geschwätz zerbrochen wird.</p>
<p>Wir sprechen von Sitte und Unsitte, gelungener und mißlungener Form (der Rede, der Dichtung, der Kunst), von edel und gemein, von Mann und Frau – und warum? Weil es unsere Ahnen schon so zu tun pflegten; das genügt als Begründung.</p>
<p>Sie sind müde, erschöpft, von Erinnerungen zerquält oder dumpf und erinnerungslos; sie wollen keine eigentümliche Sprache und Kultur mehr haben, sie wollen nicht länger ein Volk, eine Nation sein. – Herder bezeichnete Völker und Nationen als Gedanken Gottes.</p>
<p>Mens sana in corpore sano. – Mens sana in corpore aegro. – Mens aegra in corpore sano.</p>
<p>Wir kennen den hellen, scharfsinnigen, geistvollen, witzigen Kopf auf einem schwachen, kränkelnden, verkrüppelten Leib (Pascal, Kierkegaard, Lichtenberg). – Gehört nicht selbst Nietzsche, der Sokrates um seiner Häßlichkeit willen verachtete, aufgrund seiner ewigen Migräne, seiner Gynophobie, ja seiner schließlichen Umnachtung in diese heroische Linie?</p>
<p>Wir sprechen von grausamen, blutrünstigen, barbarischen Taten; und doch ist das moralische Urteil nicht immer evident: Das Kulturvolk der Römer brachte den feinsinnigen Dichter der Bucolica hervor und ergötzte sich an den blutigen Spielen der Gladiatoren, der abertausend Kreuzigungen nicht zu gedenken, geschweige denn derjenigen, die zum Inbild des christlichen Abendlandes bestimmt war.</p>
<p>Der Geist kann nicht als Gefäß oder Apparat vorgestellt werden, in dem die Wahrnehmungen, Eindrücke, Empfindungen aufgefangen und verarbeitet werden, die wir haben. Wer sind dann wir, die in diesem Gefäß nicht vorkommen?</p>
<p>Der Naturalist, der Nihilist, der Zyniker, der über den Engel des Herrn, der den Hirten erschien, oder den Engel Rilkes die Nase rümpft, versteht den Geist nicht, der jene Schriften beseelt.</p>
<p>Der Ernüchterte ändert seine Meinung nicht, sondern gibt sie auf.</p>
<p>Jemandem vertrauen, der eine bessere Welt verspricht, heißt dem eigenen Verstand zu mißtrauen.</p>
<p>Ich sagen, ohne zu wissen, wer man ist.</p>
<p>Drei Propheten, Nietzsche, Wagner, George, die einen neuen Glauben verkünden wollten; doch die Flamme rußte, der Gral fand keinen Altar, das Neue Reich ging im Dritten unter.</p>
<p>Die Dummheit der neuen Chiliasten, die den Weltuntergang beschwören, aber nicht wahrhaben wollen, daß ihr Sein und Tun und Schwadronieren ihn allererst ausmacht, ja verkörpert.</p>
<p>Welch ein kultureller Niedergang bekundet sich in dem Umstand, daß die Urfassung der „Zauberflöte“ auf Geheiß der Sittenpolizei nicht mehr aufgeführt wird, weil darin ein gewisser Neger namens Monostatos seine Liebessehnsucht nach einer Schönen besingt, die er schön nennt, weil sie weiß ist, wie sich selbst häßlich, weil er schwarz ist.</p>
<p>Das fatale Erbe der Geschichtsphilosophie, die den Kairos, den erfüllten Augenblick, der die historische Kontinuität sprengt, durch den Glauben an den moralischen und technischen Fortschritt ersetzt. – „Fortschritt“ von der Guillotine zur Gaskammer.</p>
<p>„Gott ist tot!“ – „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt!“ – Ausdruck hysterischer Gedanken. Auch wenn er nicht die Bohne an Gott glaubt, erlaubt sich der gute Sportler kein Foul, nicht einmal, wenn es unbemerkt bliebe. Die treue Seele hält ihr Versprechen, auch wenn sie nicht glaubt, sie werde von höherer Warte aus beobachtet und ihre Missetat ins Sündenregister eingetragen.</p>
<p>Würden all unsere Wünsche auf magische Weise unmittelbar erfüllt, lebten die meisten nicht mehr.</p>
<p>Unerfüllbare Wünsche, wie daß die durch den Tod getrennten Liebenden im Schattenreich einander wiederfinden, sind die Quellen der höheren Dichtung; magische Objekte – der unversiegliche Kelch, die unverwelkliche Rose, der Kristall gewordene Schmerz – ihre semantischen Idole.</p>
<p>Mit dem Hammer kann man einen Schädel zertrümmern, nicht aber den subtilen Innervationen und Verästelungen des Gedankens nachfühlen.</p>
<p>Von jenem, der mit dem Hammer philosophierte, blieben nichts als weithin verstreute Scherben, die bisweilen im Dunkel zu schimmern beginnen.</p>
<p>Unverdorbene Kinder jubeln, wenn in Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ die Hexe in den glühenden Ofen gestoßen und verbrannt wird und die beiden Gefangenen endlich frei und wieder vereint sind; moralin-verdorbene Zeitgeistpädagogen erheben Einspruch gegen diese unerträgliche Zumutung an Grausamkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die neue Prüderie der Schamlosen</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Aug 2024 22:18:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die neue Prüderie der Schamlosen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Erst sahst du ihn mit dem Fahrrad, dann zu Fuß mit der Tüte von REWE, schließlich sich an die Hauswände drückend nach Hause schleichen. Jetzt siehst du ihn nicht mehr. Es ist ein Unterschied ums Ganze, sich unterwegs zu fragen: „Gehe ich noch kurz in den Park und danach einkaufen?“ oder [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-neue-pruederie-der-schamlosen/">Die neue Prüderie der Schamlosen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Erst sahst du ihn mit dem Fahrrad, dann zu Fuß mit der Tüte von REWE, schließlich sich an die Hauswände drückend nach Hause schleichen. Jetzt siehst du ihn nicht mehr.</p>
<p>Es ist ein Unterschied ums Ganze, sich unterwegs zu fragen: „Gehe ich noch kurz in den Park und danach einkaufen?“ oder auf der Schwelle zaudernd: „Soll ich nach draußen gehen oder noch eine Weile die Sicherheit der Behausung vorziehen?“</p>
<p>Der Tor weiß das Ziel nicht zu finden; der Verlorene hat keins.</p>
<p>Der Tor weiß nicht zu erlangen, was er will; der Verlorene weiß nicht, was er will.</p>
<p>Die Grazie hob sich tänzerisch von der Plumpheit ab; in den Ausdünstungen der Vulgarität ward sie allmählich unsichtbar. Oder sie liegt an ihnen erstickt zu Füßen der Zechenden.</p>
<p>Die reinsten Begriffe beginnen im Mund der Journaille zu faulen und zu stinken.</p>
<p>Wenn der Teufel von Engeln spricht, und das tut er gern, schnalzt er mit der Zunge.</p>
<p>Scheinpropheten wie Nietzsche hüllen ihre mageren Visionen in das knisternd-halbseidene Kleid eines atemlos zusammengenähten dichterisch-religiösen Idioms. Im Gegensatz zu echten gründen sie keine Riten, Sakramente, Liturgien, die dauerhafte Traditionen ausbilden. Wir singen noch die Hymnen des Ambrosius, jene des angemaßten Zarathustra sind verstummt.</p>
<p>Die dialektisch verknoteten Begriffsgirlanden eines Hegel wehten noch als grelle Fetzen ihrer revolutionären Umkehrungen über den Gräben und Barrikaden der Bürgerkriege; nun wickelt der saturierte Philosophieprofessor mit den ganz verblaßten Resten nostalgisch die Schatulle ein, worin er neben den Urkunden seiner Berufungen die alten Geheimbundsiegel, die Mao- oder Sowjetsterne, all die Sektendiplome und Parteiabzeichen heimlich verwahrt. Auch der kleine Revolver liegt zuunterst, wenn auch ungeladen. Es ist eben jener, von dem Breton forderte, man muß ihn laden und damit in den Straßen wahllos auf Passanten schießen, dies sei die herausragende surrealistische Tat.</p>
<p>In Blut getränkte Parolen wie die der Französischen Revolution haben ihr Faszinosum bewahrt; sie kitzeln noch immer die dumpfen Neuronen des Politikers und des Zeitungssklaven.</p>
<p>Der Lorbeerkranz hellster geistiger Entrückung und das blutverschmierte Messer dunkelster sittlicher Entartung liegen beide im Wandschrank des Mannes.</p>
<p>Der Machthaber, der das Gemetzel an den Ohnmächtigen zu verantworten hat, erscheint in der Trauerkleidung verbrämter Hypokrisie am Grab und überreicht den Hinterbliebenen weiße Rosen, die sie mit Tränen in den Augen gerührt entgegennehmen.</p>
<p>Die Moralwächter des Sprachgebrauchs reden selbst ein verkommenes Kauderwelsch.</p>
<p>Die neue Prüderie der Schamlosen.</p>
<p>Eine Frau, die geboren hat, wird nicht mehr Mutter, sondern Person mit Uterus und Eierstöcken genannt. – Biologistische Brutalismen, die der Entstellung und Herabwürdigung der Mutterschaft dienen.</p>
<p>Eine Mutter, die sich hingebungsvoll der Aufzucht ihrer Nachkommen widmet, wird hinter dem Wandschirm des Tabus verborgen, ein Mann, der vorgibt, eine Frau zu sein, ins Rampenlicht der Lüge gestellt.</p>
<p>Die neue Prüderie der Schamlosen läßt der Sprache gleichsam ein Geschlechtsteil implantieren und anschwellen, als ein Kriterium, womit sie die abtrünnigen Puristen von den obszönen Gesinnungsgenossen zu diskriminieren willens und in der Lage ist. Die Diskriminierten werden über kurz oder lang aus der als herrschaftsfrei gelobhudelten Diskursgemeinschaft ausgeschlossen.</p>
<p>Die metaphorische Verhüllung der alten Prüderie wird durch den semantischen Dildo der neuen ersetzt.</p>
<p>Der Gebrauch obszöner Begriffe gilt als Ausweis des avantgardistischen Rangs eines Schriftstellers; die Verwendung von Blumennamen und metaphorischen Ranken aus den Auen und Gärten stillen Wachstums als Symptom von Rückständigkeit und neurotischer Hemmung.</p>
<p>Liebe, die sich opfert, Hingabe, die verzichtet, gilt der Prüderie der Schamlosen als Vergehen an der ungehemmten Selbstverwirklichung dumpfen Lebens.</p>
<p>Das erigierte Wort verdunkelt das stille Licht der Gnade.</p>
<p>Gesang die Woge, Stille das Land.</p>
<p>Der aufgeblähte Sinn zerplatzt am Dorn der Wahrheit.</p>
<p>Mit dem Namen des Vaters wird auch der von ihm erhöhte Sohn verworfen (Philipperhymnus).</p>
<p>Theseus hat Ariadne erniedrigt, Dionysos wird sie erhöhen.</p>
<p>Der Cosima schrieb „Ich bin dein Labyrinth“, hat sie wohl in Ariadne verwandelt, doch den Faden ihr abgeschnitten.</p>
<p>Erektionen des Worts im Geschrei der Mänaden, der mythischen, die Tiere zerrissen, der zeitgenössischen, die Embryonen zerstückeln.</p>
<p>δόξα θεού, Hoheit, vor der sich die rachitischen Knie des Zeitgeistes nicht mehr beugen.</p>
<p>Hölderlin kehrt, als das Rattern und Surren der Ego-Maschinen von fern schon vernehmbar war, zur hochherzigen Demut hymnischen Singens zurück.</p>
<p>Imago Dei – wird sie unterm dämonischen Grinsen ein Engel des Gerichts freilegen?</p>
<p>Volk, dem man die Zunge des heimatlichen Idioms abgeschnitten hat.</p>
<p>Ideologische Wirrköpfe feiern den rationalen Diskurs, Besessene die Herrschaft der Vernunft.</p>
<p>Der Reim ist verpönt, weil er den Eros der Sprache offenbart.</p>
<p>Aus mancher Sackgasse, wie der atonalen Musik, kann man nur gelangen, indem man den Rückwärtsgang einlegt.</p>
<p>Die Messer, die hier blitzen und schlitzen, tragen das Gütesiegel „Made in Germany“.</p>
<p>Das Licht des dichterischen Samens keimt nur in der Dunkelheit.</p>
<p>Am offenen Fenster der Sommernacht gelehnt vernahm er im dunklen Flüstern des Blattwerks das Seufzen einer unerlösten Seele.</p>
<p>Die Augen, dunkel glänzend vom Wasser der Schwermut, die Seele: nulla lux.</p>
<p>Die Alten nannten symbolisch das Zusammenfügen zerbrochener Ringe; wir legten die Ringe auf den Amboß der Selbstauslöschung.</p>
<p>Getünchte Gräber, die noch lange vor sich hin siechen, wenn die Seele längst erloschen ist.</p>
<p>Glück des Lieds, als Welle einer unendlichen Melodie in den Schilfen Thules zu verebben.</p>
<p>Phallus des Sonnengesangs, verlöschend im Schoß der Nacht.</p>
<p>Der freie Geist flieht nicht vor dem Gott, der sich aus den Fragmenten seiner Selbstzerreißung neu zusammensetzt.</p>
<p>Die Zeilen der Handschrift – aufgefädelte Perlen kostbarer Chiffren, die Züge des Gesichts – Ruinen und verschüttete Gräben einer eschatologischen Schlacht.</p>
<p>Wittgenstein: Je präziser die Begriffe, umso rätselhafter der Sinn.</p>
<p>Stufen des Verstehens, ähnlich den klimatischen Zonen – in den unteren zittert das heimatliche Veilchen, auf den verschneiten Gipfellagen blaut der wunderliche Fremdling Enzian.</p>
<p>Für den Platoniker sind die mythischen Götter fliehende Wolken vor der unendlichen Bläue.</p>
<p>Die Vorlieben dichterischer Landschaftsbilder konvergieren mit den Altersstufen – die tropischen Wucherungen der Jugend, die beschnittenen Reben der Reifezeit, die Wolken spiegelnden Wattlandschaften des Alters.</p>
<p>„Zieh deine Schuhe aus!“ – Jüdisch ist die Furcht vor der Nähe der unsichtbaren Gottheit, die sich im brennenden Dornbusch offenbart. – Aber bei Hölderlin finden wir sie wieder, transponiert in mythisch-elegisches Moll.</p>
<p>Hölderlin rettet sich aus der pietistischen Selbstzerknirschung, indem er mit Diotima durch die Dämmerung der Rosenhaine wandelt, mit Empedokles sich in die Flammen der Wiedergeburt stürzt.</p>
<p>In Blei, in Kalk, in Asche verwandelt sich jeder Gegenstand, den die taube Hand des Gottverlassenen antastet.</p>
<p>Ich bin mir auf dem schmalen Pfad begegnet, der aus dem Buchenwald hinaufführt zu den Rebenhügeln; wir haben uns schweigend zugelächelt; ich ging dort auf die Höhe, um den heimatlichen Strom einmal noch unter mir glänzen zu sehen; du gingst den Weg zurück in die Dämmerung des leise rauschenden Blattwerks.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Purpureos spargam flores</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Jun 2024 22:09:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Purpureos spargam flores Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Spricht man mit der traditionellen Theologie von der Allmacht und dem Allwissen Gottes als seinem Begriff notwendig zukommenden Attributen, ist man versucht, spöttisch zu fragen, ob ein solches der zeitlichen Kontingenz zudem enthobenes Wesen schon immer alle Arten von Zahlen und Zahlreihen überblickt haben mag; ob es zum Beispiel die unendliche [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/purpureos-spargam-flores/">Purpureos spargam flores</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Spricht man mit der traditionellen Theologie von der Allmacht und dem Allwissen Gottes als seinem Begriff notwendig zukommenden Attributen, ist man versucht, spöttisch zu fragen, ob ein solches der zeitlichen Kontingenz zudem enthobenes Wesen schon immer alle Arten von Zahlen und Zahlreihen überblickt haben mag; ob es zum Beispiel die unendliche Reihe der Primzahlen durchgegangen ist. – Dies aber kann unmöglich sein oder es ist notwendigerweise unmöglich, denn die Reihe der Primzahlen ist eben unendlich; daraus folgt, daß dieses Wesen weder allmächtig noch allwissend ist. – Dies ist ein Hinweis auf den tieferen Grund des Scheiterns einer Theologie, die ihre Begriffe einer metaphysischen Ontologie verdankt und mit ihnen den wahren Ort des Glaubens im Leben, Ritus, Kult, Liturgie und Gesang, verdunkelt.</p>
<p>Die mathematische Tatsache, daß die Reihe der Primzahlen nicht abzählbar ist oder eine jede Primzahl einen Nachfolger hat, kann allerdings nur als Einwand gegen die göttlichen Attribute der Allmacht und Allwissenheit oder die Existenz Gottes als ens realissimum ins Feld geführt werden, wenn man die überzeitlichen Konstruktionen einer metaphysischen Theologie für sinnvoll betrachtet. – Aber sie sind es nicht.</p>
<p>Der Gott der metaphysischen Theologie hat nur ein Scheinleben geführt; es war daher keine großartige Leistung, seinen Tod zu diagnostizieren.</p>
<p>Der Abgrund zwischen Natur und Geist, Physik und Psychologie, Erklärung und Intuition tut sich mit Descartes auf; doch der Aberwitz, der ihn füllen oder besser verdecken soll, beginnt mit Fichtes Ich als Anti-Substanz einer grundlosen Reflexion der Reflexion und gipfelt in Sartres Begriff der Existenz als unbedingt freiem Entwurf aus dem Nichts. – Die Vulgarisierung dieser geistigen Fehlentscheidungen finden wir heute in der politisch korrekten Ideologie von Gender und Transgender, die das biologische Schicksal von Körper, Geschlecht, Charakter und intellektueller und moralischer Veranlagung leugnet und das Individuum in einem Wolkenkuckucksheim leerer Phrasen und willkürlicher Konstruktionen ansiedelt.</p>
<p>Der menschliche Körper ist nicht nur ein Gegenstand bestimmter meßbarer Größen und Strukturen, sondern der lebendige Leib, der uns in Leibempfindungen gegenwärtig ist oder der uns ermöglicht, uns in Leibempfindungen gegenwärtig zu sein.</p>
<p>Pseudo-Philosophen wollen mit der Bemerkung verblüffen, es sei doch seltsam, daß die Materie abgesehen von den paar Atomen und subatomaren Teilchen eigentlich nichts als Leere sei und daß unsere Hände, wenn wir sie klatschend aufeinanderprallen lassen, sich dennoch nicht durchdringen. – Andere, noch dümmere, wollen mit der Bemerkung renommieren, die Rede von der Willensfreiheit lasse sich angesichts der physikalischen Tatsache der Unbestimmtheit subatomarer Ereignisse in den Neuronen unseres Nervensystems plausibilisieren oder gar rechtfertigen.</p>
<p>Die Begriffe, mit denen wir vom Maßstab sprechen, seinen Umfang, seinen Wert, seine Mächtigkeit beschreiben und festlegen, sind kategorial verschieden von den Begriffen, mit denen wir über das Gemessene sprechen. – Den zeitlichen Rhythmus von Versen messen wir an der durchschnittlichen Frequenz des menschlichen Herzens; so sagen wir, ein rein daktylischer Hexameter ist schnell, ein hauptsächlich aus Spondeen zusammengesetzter langsam, doch können wir von der durchschnittlichen Herzfrequenz nicht sagen, sie sei schnell oder langsam.</p>
<p>Wir können die Wahrheit einer Pressemitteilung nicht dadurch überprüfen, daß wir sie mit der Darstellung im Konkurrenzblatt vergleichen und von ihrer Ähnlichkeit auf ihre Faktizität schließen. Beide könnten falsch sein, die eine, weil sie bei der früher erscheinenden Konkurrenz abgeschrieben hat, oder beide, weil sie aus derselben fehlerhaften Quelle zitieren.</p>
<p>Notwendig nennen wir die Ersetzung eines Begriffs durch ein Synonym, wenn wir die Identität des Sinns beider Aussagen erhalten wollen; aber auch die logische Folge eines Gedankens aus einem anderen, wenn wir die logische Konsistenz zweier Aussagen darstellen wollen. – „Notwendig“ ist ein Prädikat zweiter Stufe; daher ist es unsinnig, von notwendigen Tatsachen oder notwendigen Ereignissen zu sprechen. – Dies gilt nicht für die Verwendung des Prädikatsbegriffs „zufällig“; daher ist es unsinnig, von einem ontologischen Gegensatz zwischen Notwendigkeit und Zufall zu sprechen.</p>
<p>„Gott würfelt nicht“ ist kein sinnvoller Satz, wenn er als Einwand gegen die Feststellung der nichtdeterministischen Unbestimmtheit subatomarer Ereignisse gemeint ist. Denn diese ist ja offensichtlich mit den kausal erklärbaren Ordnungsformen von Atomen, Molekülen, Genen, Kristallen und Organismen vereinbar.</p>
<p>Der Talg des Geschwätzes hat ihnen die Ohren des Herzens versiegelt; das sehr ferne, sehr leise Singen himmlischer Chöre, wie sollten sie es noch vernehmen.</p>
<p>Suum cuique – eine gültige Formel antiken Rechtsdenkens, die Platon verwendet und Cicero vertieft, wurde von den braunen Nihilisten und Sprachverhunzern, die keinem das Eigne ließen, sondern allen das Ihrige oktroyierten, mißbraucht. Ist sie deshalb wie eine verdorbene Frucht ein für alle Mal auszuspeien?</p>
<p>Der Führer war Anhänger des kopernikanischen Weltbildes; sollen wir deshalb zum ptolemäischen zurückkehren? – Hitler war auch ein großer Verehrer des Islam und seiner männlich-heroischen Tugenden fanatisch-kriegerischer Welteroberung; er äußerte in seinen Tischgesprächen den Wunsch, die christlichen Truppen hätten bei der Reconquista Spaniens versagt, auf daß ganz Europa moslemisch geworden wäre und sich das romantisch-effeminierende Virus des Christentums nicht ausgebreitet hätte; an der Balkanfront ließ er viele muslimische Kämpfer in die Reihen der Wehrmacht aufnehmen. Dem Groß-Mufti von Jerusalem, der seinen Judenhaß auch noch nach dem Krieg in Palästina zur Geltung brachte, huldigte er als seinem persönlichen Gast in der Hauptstadt seines auf die Bosheit von Schurken und die Blindheit von Narren gestützten Reiches. – Sind die Gründe der braunen Islamophilie nicht hinreichende Anhaltspunkte für ein gerüttelt Maß an Skepsis gegenüber dieser Gesetzesreligion, die uns heute im Zuge eines neuen Fundamentalismus trotz früher kultureller Blüten archaisch anmutet?</p>
<p>„Toleranz“ ist nur mehr ein Tarn- und Codewort für Feigheit, Angst und Unterwerfung.</p>
<p>„Selbstbestimmung“ ist eine Forderung haltloser Halbwesen.</p>
<p>Mozart und Goethe kann man nicht in der Retorte züchten – nur Scheinidole unterweltlichen Charismas in den Laboren der Kulturindustrie.</p>
<p>Mangel an natürlicher Intelligenz brüstet sich mit den stupid-stupenden Leistungen der künstlichen.</p>
<p>Mißgestalten und Halbwesen, die weder physisch noch geistig zu zeugen vermögen, grimassieren auf den Bühnen, bejubelt als Idole des kulturellen Fortschritts.</p>
<p>Augustus mußte die Gefahr der Unterwerfung unter die kulturelle Hegemonie Asiens in blutigen Schlachten überwinden, auf daß die zarte Seele eines Vergil sein römisches Welt-Epos stiften konnte.</p>
<p>Im „Schloß“ zeigt Kafka das Charisma der Macht im fauligen Zustand des Verfalls, wie das Schimmern von Grünspan oder den Hautgout verdorbenen Wildbrets. – Das faulige Charisma ist das obszöne, unlautere, unheimliche Residuum des echten; es geht als erotischer Nimbus auf die Frauen über, die sein Träger, der ominöse Herr Klamm, hat „zu sich rufen lassen“.</p>
<p>„Humanität!“, brüllt der Vagabund, setzt dem Bürger die Pistole auf die Brust und fordert ihn auf, die Taschen zu leeren.</p>
<p>Die kümmerlichen spirituellen Relikte einer zweitausendjährigen müde gewordenen Religion, deren Todesurteil schon lange von den Kathedern verkündet worden ist, werden nun zum Ladenschluß zu Billigpreisen verramscht.</p>
<p>Was soll der orthodoxe Rabbi, der fromme Chassid von seinem abgefallenen Glaubensgenossen sagen, der die Arie des Wotan goutiert?</p>
<p>Augustus ließ sich gemeinsam mit seiner Gattin Octavia die Nekyia der Aeneis, das 6. Buch, von ihrem Verfasser vorlesen; das Paar soll am Ende der Beschwörung jener heroischen Seelen, denen Rom seinen Ruhm verdanken sollte und deren letzte Marcellus, der frühverstorbene Sohn, der erhoffte Erbe und Nachfolger des Augustus war, in Tränen ausgebrochen sein:</p>
<p><em>Tu Marcellus eris, manibus date lilia plenis,<br />
purpureos spargam flores …</em></p>
<p>Du, Marcellus dereinst, so spendet Lilien in Fülle,<br />
purpurne Blüten werde ich streun …</p>
<p>Von welchem unter den plebejischen Volkstribunen demokratischer Provenienz ist vorstellbar, daß er bei der Rezitation von Versen ähnlichen Ranges nicht dümmlich zu grinsen begänne?</p>
<p>Nach ungeheuren Niederlagen, Zerstörungen und Demütigungen scheint der Name der Heimat auf immer mit einem Tabu belegt; ein Numinosum gleichsam pervertierter Art.</p>
<p>Die Freiheit des Denkens und die Unbefangenheit des Sprechens ziehen sich in die innere Emigration einer nachtwandlerischen, der Aktualität des Tages abholden Besinnung zurück.</p>
<p>Kant, der zwar seinen hellen Kopf in die Aura eines obskuren Idioms hüllte, schwamm doch im Hauptstrom der Zeit, jener Aufklärung, deren dunkle Triebkräfte einzig sein Zeitgenosse Hamann mittels Sprachkritik bloßlegte. Heute versickert dieser Strom im Brackwasser einer von Diskurspolizisten überwachten akademischen Sumpflandschaft. Wittgenstein, der die eigentlich radikale Umwälzung des Denkens darstellt, hat er doch den Acker der Vernunft mit der Egge der sprachlichen Besinnung geklärt, ahnte, daß seine Funde vom Zeitgeist an das von hohem Schilf verdeckte Ufer einer ohnmächtigen Nachfolge gespült würden.</p>
<p>In der Gewißheit, daß rhythmisch gebundene Dichtung und ihre reiche, aber nicht unbegrenzte Formenwelt ihr Zeitmaß am menschlichen Herzschlag nimmt, dürften wir von anderen uns wenig ähnelnden Kreaturen, so sie denn dichterischen Ausdrucks fähig wären, nichts Entsprechendes erwarten; jedenfalls wären wir mehr als überrascht, Epen vom Kolibri oder Epigramme vom Wal zu vernehmen.</p>
<p>Je windungsreicher, wuchtiger, fordernder die metrische und rhythmische Bindung, umso kühner und phantastischer die Exuberanzen der dichterischen Einbildungskraft; der homerische Hexameter glänzt vom Schaum des epischen Vergleichs, die Katarakte der pindarischen Ode schimmern vom Feuer des Himmels.</p>
<p>Der müde Epigone läßt die Zügel schleifen und der herrenlose Pegasus stürzt ins dornige Metapherngestrüpp, in den Sumpf glucksender Zoten.</p>
<p>Die gezügelte Sprache und Form gehört der frühen Kultur an, der Wildwuchs und die Formlosigkeit der dekadenten Spätzeit.</p>
<p>Wer spiegelt wen; die Götter die Menschen oder umgekehrt? – Jedenfalls können wir beispielsweise anhand der mythischen Göttinnen eine Typologie weiblicher Persönlichkeiten und psychologischer Strukturen entwickeln, wie im Bild der Hera die typische Matrone und Ehefrau, der Artemis die sittsame Virgo, der Aphrodite die anmutige Belle de jour, der Demeter die den Verlust der Tochter beklagende und durch ihre Wiederkehr beglückte Mutter.</p>
<p>Der Glaube, nicht die Vernunft, ist der Gestalter und Walter, im Persönlichen und im Geschichtlichen; Glaube an die Berufung, den Auftrag, die Auszeichnung; Glaube an die Größe des Stammes, des Volkes, des Imperiums. Fehlt er oder wird er brüchig, sinken die Schöpfungen, die Triumphbögen, die Reiche.</p>
<p>Der Glaube an die Menschheit ist ein vulgäres Surrogat für den Mangel an persönlicher Größe.</p>
<p>Der Glaube an die Größe des Imperium Romanum hob Vergil und Horaz über die Ebene farbiger Schatten hellenistischer Dekadenz ins reine Licht der astralen Zone des Ruhms.</p>
<p>Der Athena-Tempel der Akropolis zeugt vom Glauben der Hellenen an ihre geschichtliche Größe. Die aberwitzigen Entwürfe eines Albert Speer von der geistigen Nullität des Dritten Reiches.</p>
<p>Fremdstämmige Vergewaltiger werden in psychologische Obhut und aufwendige Pflege gegeben, Kindsmörderinnen als Idole weiblicher Selbstbestimmung umjubelt.</p>
<p>Der Dichter, der sich pfleglich um den Erhalt der nationalen Sprachsubstanz bemüht, wird als der Aufklärung bedürftiger Dunkelmann und reaktionärer Sprachmystiker verdächtigt.</p>
<p>Die neue Therapie besteht in der Leugnung der Krankheit.</p>
<p>Doch es hilft den Siechen nichts, wenn man sie mit einem gönnerhaften Lächeln aus dem Siechenhaus entläßt.</p>
<p>Mit dem ethnischen Kern stirbt auch seine kulturelle Hülle.</p>
<p>Die Verdrängung der tibetanischen Nationalkultur durch die chinesischen Invasoren wird immerhin bedauert; doch der Niedergang der eigenen Kultur in Folge der Invasion von Angehörigen einer fremden wird nicht nur hingenommen, sondern als Sühneakt für die Vergehen der Vorfahren hochgeschätzt, gefeiert, befördert.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die übers Knie gelegte Muse</title>
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		<pubDate>Thu, 16 May 2024 22:08:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die übers Knie gelegte Muse Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Dum vitant stulti vitia, in contraria currunt. Horaz Allzu Rührselige, die stets grämlich blicken. Eitelkeit der moralisch Empörten, die ihre schwülstigen Phrasen jederzeit ins richtige Mikrophon kreischen. Der buntfiedrige, krächzende Ara, der sich freiwillig in den Käfig der Vernunft einschließen ließ; freilich, der stets nachgefüllte Futternapf ist dem Sklaven lieber als [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-uebers-knie-gelegte-muse/">Die übers Knie gelegte Muse</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
<em>Dum vitant stulti vitia, in contraria currunt. </em>Horaz</p>
<p>Allzu Rührselige, die stets grämlich blicken.</p>
<p>Eitelkeit der moralisch Empörten, die ihre schwülstigen Phrasen jederzeit ins richtige Mikrophon kreischen.</p>
<p>Der buntfiedrige, krächzende Ara, der sich freiwillig in den Käfig der Vernunft einschließen ließ; freilich, der stets nachgefüllte Futternapf ist dem Sklaven lieber als das gefahrvolle Dasein des Freien in der Wildnis der Phantasie.</p>
<p>Der von gewalttätigen Impulsen Bedrängte, der schüchtern tut.</p>
<p>Die stinkende Seele, die sich mit Eau de Cologne besprengt.</p>
<p>Unglückliche, die andere auf tyrannische Weise zu ihrem Glück zwingen wollen.</p>
<p>Perverse, die das Reden über Normalität verbieten wollen.</p>
<p>Radikale Skepsis bürdet dem Packesel des Alltagsverstands eine solche Last an gewichtigen Kriterien sicheren Wissens auf, daß er darunter zusammenbricht.</p>
<p>Wir wissen, was wir fühlen, wünschen, hoffen oder befürchten, auch wenn der Gegenstand unseres Fühlens, Wünschens, Hoffens und Fürchtens manchmal vage, ja unbestimmt sein mag.</p>
<p>Können wir das Unmögliche wünschen, wie wir wider alle Hoffnung zu hoffen wagen?</p>
<p>In der unendlichen reflexiven Schleife verdunstet das Wissen des Wissens.</p>
<p>Allen das Recht auf ungehemmte Selbstverwirklichung zubilligen verunstaltet den Rest an Kultur zu einer abschreckenden Freakshow.</p>
<p>Bei der Gretchenfrage hüllt sich der anständige Philosoph in Schweigen.</p>
<p>Geistreich schreiben wie Horaz heißt einen ernsten Sinn in das leichtgeschürzte Gewand einer Sentenz stecken.</p>
<p>Gelehrt tuende Frauen vergällen den Eros, gebildete würzen ihn.</p>
<p>Sapere aude; aber der Angesprochene versteht kein Latein.</p>
<p>Kultur und Ethnos: dorische, ionische, korinthische Säule.</p>
<p>Was im Vers des Dandys wie eine glänzende Locke sich bauscht, ist nur ein künstliches Haarteil.</p>
<p>Die goldene Laute Apolls, die silberne Flöte des Pan; das Geheul der elektrischen Gitarre und das Quäken des Saxophons.</p>
<p>Die Haut der griechischen Schönheit ist Milch und Schnee, ihre wallende Locke vom Gold homerischer Sonne. Sie beliebt zu schweigen, auf daß sich die Lippe nicht kräuselt. Nur aufgeklärte Narren wollen mit ihr diskutieren.</p>
<p>Was einzig Atem hat und Leben, das Konkrete, wir sehen, wie es am Strick des Allgemeinen baumelt, wie es ans Kreuz des Abstrakten genagelt wird. – So hat schon Sokrates die Muse übers Knie gelegt, um aus ihr, mag sie winseln, mag sie schreien, eine allgemeingültige Definition des Schönen herauszuschinden.</p>
<p>Tourismus oder die Schändung und Entweihung alter Kulturdenkmäler durch stumpfe Blicke und blinde Linsen.</p>
<p>Der Niedergang der Malerei beginnt mit dem Bau des ersten Museums.</p>
<p>Erst die stählernen Muskeln des Krieges, dann der Schmerbauch des Kleinbürgers und schließlich die in einen grotesken Fummel gehüllte Schlaffheit des nonbinären Menschen.</p>
<p>An den löchrigen Krakelversen der Epigonen feiert man die neuen Ideale der Unentschlossenheit, Vagheit und Verzagtheit.</p>
<p>Die klassischen Meister wie Horaz, Vergil oder Goethe waren ihrer Sache sicher, weil sie das Boot der Sprache auch im hohen Wellengang trug.</p>
<p>Angesichts der fernen Schönheit der höfischen Dame hat der Verehrer seine Wildheit und Ungebärdigkeit gezähmt, das heißt, das wehende Gewand des Minnesangs in strenge Falten gehüllt.</p>
<p>Vulgarität will sich zeigen, zuerst maskiert oder geschminkt, dann, je häßlicher, verfallener, monströser sie im Lauf der Jahre wird, nackt.</p>
<p>Einsamkeit, ist sie ein Stigma der elenden, der abstoßenden Kreatur, verachten sie; mehr noch die Einsamkeit des Erwählten, der den blauen Enzian des Gipfelschnees dem Tulpenheer der Niederungen vorzieht.</p>
<p>Welch ein Verlust, kündet mit geschwollener Brust die Dummheit, hätte Max Brod den letzten Willen seines Freundes Kafka, seinen Nachlaß zu vernichten, nicht mißachtet. – Aber an dem, was nie ans Licht gekommen, was nie ins Bewußtsein gedrungen ist, läßt kein Verlust sich ermessen.</p>
<p>Man kann sagen: Wäre Mozart nicht so früh gestorben, welche erstaunlichen Werke hätte er noch hervorbringen können. Nicht aber: Wäre Mozart im Säuglingsalter gestorben, welchen Verlust an heiter-tiefsinnigen Werken hätte die Menschheit zu beklagen.</p>
<p>Kafka hielt die Werke, die er verbrannt wissen wollte, für unvollendet. Doch daß Vollendung ein ästhetisch-ethisches Kriterium gelungener Kunstwerke sei, gilt jenen, die das Gekritzel des Schmierenjournalisten und die Ode Hölderlins unter den Oberbegriff des Textes rubrizieren, für abwegig, skandalös, anstößig.</p>
<p>Das Genie wird bald von den Pädagogen und amtlich bestallten Sittenwächtern, die Hochbegabung für einen Angriff auf die Gemütlichkeit halten, wie jene monströsen Kreaturen der Kolonien in Sonderausstellungen vorgeführt, wo man sich an ihren unziemlichen Gebärden und unverständlichen Lautäußerungen delektiert hat.</p>
<p>Der Verfall der lyrischen Diktion: Man dünkt sich erhaben über die rhythmische Ordnung des Verses, die an den natürlichen Puls des menschlichen Herzens gebunden ist. Und jedwede Rede von Bindung, und Poesie ist im Gegensatz zur Prosa gebundene Sprache, wird von der Menge der Dilettanten, der schüchtern tuenden Zerstörer und der Wegelagerer der hastigen Impression als Maulkorb und Korsett perhorresziert.</p>
<p>Alle verachten den Reim; doch Eros ist es, der ihn erfand, der ihn behaucht.</p>
<p>Die Vorstellung, nicht geboren zu sein oder daß die Welt nicht existiere, ist absurd.</p>
<p>Vulgärsoziologie oder das Ende der Interpretation literarischer Werke.</p>
<p>Wie es philosophische Scheinprobleme gibt, so auch poetologische; ja, sie scheinen miteinander verwandt.</p>
<p>Die Grammatik des Wortes „schreiben“ ist nur scheinbar analog, in Wahrheit gänzlich verschieden, je nachdem, ob wir vom Schreiben eines Gedichts und Romans oder vom Schreiben eines Briefes und einer Bewerbung reden.</p>
<p>Der Sinn des Gedichts ist nicht die Absicht, die sein Verfasser damit verband. – Der Sinn der Bucolica des Vergil ist nur indirekt verknüpft mit der Absicht des Lateiners, den Griechen Theokrit nachzuahmen und zu übertreffen.</p>
<p>Der imaginäre Duft der imaginären Himmelsrose Dantes.</p>
<p>Wir können fragen, wie lange jemand auf den verspäteten Zug gewartet hat; nicht aber, wie lange Wladimir und Estragon auf Godot gewartet haben.</p>
<p>Wanderers Nachtlied ist kurz, aber hallt lange nach.</p>
<p>Wir sind besorgt, bekümmert, erschüttert, wenn ein Angehöriger, ein Freund, ein geliebter Mensch durch schwere Zeiten geht; aber nicht, wenn wir in Kafkas Roman lesen, daß die Familie des Boten Barnabas aufgrund der Abweisung des schamlosen Antrags des Schloßbeamten durch seine Schwester Amalia in Bedrängnis geraten ist. Nicht, weil uns das Schicksal der Figuren gleichgültig wäre, sondern weil sie keine realen in unseren Lebenskreis verwobene Personen sind, sondern gleichsam losgelöste Schatten im Schattenspiel der literarischen Zeichen.</p>
<p>Die immer mehr sich verdüsternden elegischen Briefe des Freundes haben uns bewogen, ihn aufzusuchen und nach dem rechten zu sehen. Die fiktiven Briefe Werthers oder Hyperions bewirken nichts dergleichen, auch wenn sie uns keineswegs gleichgültig lassen.</p>
<p>Kinder lernen die Bedeutung des Wortes „Blume“, wenn sie Primeln und Butterblumen auf der Wiese gepflückt, Sonnenblumen gemalt oder Blüten in ihr Poesiealbum gepreßt haben. Als Erwachsene lesen sie vielleicht die Rosengedichte von Rilke; und wissen dann, was gemeint ist, auch wenn imaginäre Blumen nicht blühen, duften oder welken.</p>
<p>Der Glaube an die schattenhafte Weiterexistenz eines Menschen nach dem Tod rührt auch daher, daß wir die vage Gestalt des Verstorbenen gleichsam unter Anrufung seines Namens in der Erinnerung heraufbeschwören.</p>
<p>Erst erscheint uns die Erinnerung wie ein Schatten der vergangenen Ereignisse; dann der Name wie der Schatten seines Trägers; schließlich, wie Wittgenstein in den subtilen grammatischen Analysen im <em>Blauen Buch</em> aufgezeigt hat, das Wort als Schatten des Gegenstandes und der Satz als Schatten der Tatsache. Indes können wir uns von Verirrungen dieser Art lösen, wenn wir, wie Wittgenstein ebenfalls klarmacht, einsehen, daß die Tiefengrammatik der hier relevanten psychologischen Prädikate nur scheinbar analog ist: „sich an etwas erinnern“ hat nicht die Struktur von „etwas wahrnehmen“, „etwas meinen“ nicht die Struktur von „etwas sagen“.</p>
<p>Ein auf seinem Fachgebiet ausgezeichneter Latinist bekennt sich coram publico zum Anflug eines peinlichen Schamgefühls bei der Lektüre der 2. Satire, in der sich Horaz unter vielen anderen Fehlhaltungen auch über effeminiertes Gebaren von Männern mokiert, die ihre Toga länger übers Knie wallen lassen, als es nach römischer Sitte den Frauen anstand. Wir diagnostizieren die Symptome einer Ansteckung mit dem Zeitgeist-Virus, der selbst Männer von überdurchschnittlicher sprachlicher Begabung – wie es scheint: wider ihren Willen – befällt.</p>
<p>Der Vorgang des Denkens und der Niederschrift des Gedachten gibt uns kein Kriterium zur Beurteilung des literarischen Werts und der Gültigkeit des Geschriebenen an die Hand. – Die meisten Dokumente der Ècriture automatique der Surrealisten sind gedankliche Nebel, in die dann und wann ein poetischer Blitz einschlägt, doch die rauschhafte Niederschrift der Erzählung <em>Das Urteil</em> durch Kafka oder (zumindest des als Eingebung erfahrenen Anfangs) der ersten Duineser Elegie durch Rilke besticht durch gedankliche Klarheit.</p>
<p>Eine farblose Welt, eine Schwarz-Weiß-Welt, können sich die Bewohner der Farbwelt leicht vorstellen; indes, umgekehrt könnten sich die Bewohner einer Schwarz-Weiß-Welt eine farbige niemals ausdenken. – Ersetzen wir nun den Sinn von „Schwarz-Weiß-Welt“ durch den Sinn von „nichtverbalen Gesten“ und den Sinn von „Farbwelt“ durch den Sinn von „Sprache“.</p>
<p>Wie es keinen Übergang gibt zwischen der Grisaille-Malerei zum farbigen Gemälde, so keinen Übergang von der nichtverbalen Verständigung mittels Gesten zur sprachlichen Verständigung.</p>
<p>Wenn wir die Entstehung der verbalen Sprache als einen Teil der natürlichen Evolution betrachten, müßten wir folgerichtig den Satz „Natura non facit saltus“ bestreiten.</p>
<p>Wer überlegene literarische Vorbilder nachzuahmen, angesichts ihrer originell zu sein versucht, gleitet bald ins Abstruse, Übertriebene, Verrenkte und Monströse ab.</p>
<p>Der Götze der Gleichheit und Vernunft trieft vom Blut des hingerichteten letzten französischen Königs.</p>
<p>Die Hinrichtung Ludwigs XVI. war der Abbruch einer sakralen Linie, die in der Taufe Chlodwigs anhebt.</p>
<p>Der sakrale Leib des Königs war ein exterritorialer Körper, der Nullpunkt in der Gaußschen Ebene komplexer symbolischer Zeichen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Chimären</title>
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		<pubDate>Thu, 09 May 2024 22:26:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Chimären Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Einer der Jahrzehnte dem Prager Versicherungsangestellten und Tuberkulosekranken Franz Kafka hinterhergeschnüffelt und sogar seine fleckigen Unterhosen unter die Lupe genommen hat, weiß über seine Literatur, von der jener behauptete, sie einzig sei sein Leben, nur die üblichen Platitüden wiederzukäuen wie, das Romanfragment Der Prozeß lese sich als Prophetie der totalitären Herrschaft [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/von-der-vernunft-und-anderen-chimaeren/">Chimären</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Einer der Jahrzehnte dem Prager Versicherungsangestellten und Tuberkulosekranken Franz Kafka hinterhergeschnüffelt und sogar seine fleckigen Unterhosen unter die Lupe genommen hat, weiß über seine Literatur, von der jener behauptete, sie einzig sei sein Leben, nur die üblichen Platitüden wiederzukäuen wie, das Romanfragment <em>Der Prozeß</em> lese sich als Prophetie der totalitären Herrschaft oder die Erzählung <em>Die Verwandlung</em> bilde Zerwürfnisse und Lebensverfehlungen der Mitglieder kleinbürgerlich-patriarchalischer Familien ab.</p>
<p>Die Gesichter Kafkas tragen stets die Schminke und die Maske des Zeitgeistes; vor ein paar Dezennien sah es noch bleich aus, überspannt und verhärmt, Typus Märtyrer der Kunst à la Baudelaire und Van Gogh; jetzt riecht man förmlich das Rasierwasser am gestrafften Hals, sieht den Anhänger der Lebensreform nackt sich vor offenem Fenster verrenken oder pfeifend zu den Huren gehen. Form und Gehalt seiner wie heiße Lava erstarren Sätze kommt man auf diese amusische Manier um keinen Deut näher.</p>
<p>Toleranz ist nur mehr ein Codewort für Furcht und Selbstaufgabe; Buntheit und Vielfalt ein Euphemismus für das grelle Cabaret der Perversion und die Uniformität der Geschmacklosigkeit.</p>
<p>Die heitere Ruhe der Gleichgültigkeit und die höfliche Abweisung des Noli me tangere sind das Kennzeichen des souveränen Geistes.</p>
<p>Die Hysterie des enthemmten Moralismus heuchelt Kompassion und Empörung über Bilder des Schreckens, die sie sich im Paket mit pornographischen Darstellungen aus dem weltweiten Netz heruntergeladen hat.</p>
<p>Karikatur des Mitgefühls in seiner exhibitionistischen Zurschaustellung.</p>
<p>Die mehr oder minder triebhaft-kriminelle Natur des Menschen bedarf des Korsetts der Sitte, der Aufsicht einer weitblickenden Führung und der harten Hand der Züchtigung; gewiß, auch jener, dem die Tradierung und das Eintrichtern sittlicher Formen, die weise Führung und die unbestechliche Gerichtsbarkeit überantwortet wurden, ist ja vom selben Schrot und Korn, wie jener aus krummem Holz geschnitzt; er kann moralisch erblinden, sadistische Neigungen in Strafexzessen austoben, korrupt und bestechlich werden. Keiner ist gänzlich frei von den Anfechtungen des Dämons, jeder kann ohne den Influxus des höheren Lichts zu seinem Stellvertreter und Affen herabsinken. Dies ist der dialektische Knoten, den kein philosophischer Alexander zerschlägt.</p>
<p>Die scheinbar edelmütige Forderung egalitärer Meinungsfreiheit ist insofern ein Zeichen von Dummheit, als sie dem Ochsen zubilligt, was nur Juppiter gebührt.</p>
<p>Der erste Sproß des Goldenen Zeitalters lächelt, gemäß der 4. Ekloge des Vergil, da er sie gleich erkennt, seine Mutter kurz nach der Geburt schon an; die Zöglinge des Eisernen Zeitalters tun dies Wochen später. Den Figuren Kafkas scheint dies Lächeln, das die urtümliche Verwurzelung des Lebens anzeigt, verwehrt zu sein.</p>
<p>Der Nebel des zweideutigen Geredes verdichtet sich endlich unter dem Strahl der Abendsonne zu einem Tropfen bitteren Schweigens.</p>
<p>Kafkas zwitterhafte Wesen und Zwielichtkreaturen – die Frauen, die vom Arkanum der Macht zugleich erhoben und erniedrigt sind, Frauen, deren Umarmungen den Umarmten entgeistern, die Gehilfen des Landvermessers K., Halbwesen, Gespenster des Erhabenen und kindliche Narren des Gewöhnlichen.</p>
<p>Chimären der Schrift, die aus einer Ferne blicken, die keine Interpretation näherbringt.</p>
<p>Blinde Zeichen, denen keine Deutung die Nährlösung gewährt, in der ihnen Augen wüchsen.</p>
<p>Vergleiche, die den Nebel nicht erhellen, sondern auf beunruhigende Weise schimmern machen.</p>
<p>Dem Sterbenden wird durch einen atemlosen Boten die Nachricht überbracht, daß er ein Wechselbalg sei und seine Identität auf einer geschickt verwobenen Fabel beruhe.</p>
<p>Die mythischen Heroen, die erfahren daß ihre Mutter eine Nymphe oder ihr Vater ein Adler war.</p>
<p>Thetis, die Meeresgöttin, die ihrem Sohn Achill den glorreichen Untergang prophezeit.</p>
<p>Josef, der wußte, daß Jesus nicht sein leiblicher Sohn ist; der junge Jesus, der nach der Legende in der Schreinerwerkstatt des Vaters, und als Vater sah er ihn noch an, ein Kreuz gezimmert haben soll.</p>
<p>Hölderlins Chimäre, Frucht der vom heiligen Geist geschwängerten antiken Muse.</p>
<p>Wittgenstein war zuversichtlich, die Bedeutungen alltäglicher Begriffe, die wie Dunstglocken über der Erde schweben, mittels raffinierter Kondensationsprozesse sprachlicher Analyse auf den Boden des normalen Gebrauchs tropfen lassen zu können; aber auch dieser Boden schwankt, auch in ihm können Tropfen spurlos versickern.</p>
<p>Chimären der Hoffnung, Zeitenwende, Umbruch, Advent; aber dann gähnt wieder der graue Abgrund des Alltags.</p>
<p>Die subtile Hermeneutik sprachlicher Kunstwerke, verludert und verlottert zur Vulgärsoziologie und einem voyeurhaften Biographismus.</p>
<p>Die Epoche, an deren Strand uns die Welle des Schicksals gespült hat, als Land der Verheißung ganz in sich aufzunehmen, ist ein Zeichen geistiger Schwäche.</p>
<p>Nicht zu sehen, was da ist, sondern was man sich einredet oder vorsagen ließ; den Schatten, den man selbst auf die Dinge wirft, ihrer Unzugänglichkeit und Vagheit zurechnen.</p>
<p>Alles in Zweifel ziehen statt die Universalität seiner Anwendung.</p>
<p>Es kann keine Kritik der (reinen) Vernunft geben, denn die Annahme der Existenz von Entitäten wie Vernunft, Geist und Bewußtsein ist eine von der Philosophie des Altertums (Platon, Aristoteles) und der Neuzeit (Descartes) aus sprachlichen Schattenspielen projizierte Chimäre; dies gilt entsprechend auch für ihre Negationen Unvernunft, Materie und Unbewußtheit.</p>
<p>Das Denken oder der Geist ist nicht etwas, was (in virtueller Weise, gleichsam in Wartestellung) übrigbleibt, wenn man von gewissen Tätigkeiten absieht, die wir mit psychologischen Begriffen wie sprechen, rechnen, sich erinnern oder erwarten identifizieren und benennen.</p>
<p>Bewußtsein oder das Ich ist nicht etwas, was (in virtueller Weise, gleichsam wie die Kasperlpuppe in der Kiste, die herausspringt, sobald wir sie antasten) übrigbleibt, wenn wir von allen geistigen Zuständen und Tätigkeiten absehen, die wir mit psychologischen Prädikatsadverbien wie wach, aufmerksam, konzentriert oder fahrig, unaufmerksam, zerstreut qualifizieren und näher beschreiben.</p>
<p>Vernunft (Geist, Bewußtsein) ist keine Entität, sondern eine sprachliche Chimäre.</p>
<p>Wir sagen zurecht: „Es war unvernünftig von ihm, bei Nebel und Schneewehen den Vordermann zu überholen.“ Aber wir können damit nicht meinen, daß es ein Mangel an einer geistigen Substanz namens Vernunft war, die ihn so handeln ließ, wie er es nun einmal tat. Denn wäre dem so, könnten wir nicht sagen, und wir können es ja: „Er hätte Vernunft walten lassen (können), wenn (indem) er unter solch widrigen Umständen kein Überholmanöver ausgeführt hätte.“</p>
<p>Chimären wie DIE Vernunft, DER Geist oder DAS Denken, aber auch DAS Bewußtsein und DAS Ich gehören samt ihren Negationen auf den Operationstisch der philosophischen Sprachkritik. – Wir können nicht einmal sagen, daß sie die Operation der Sprachkritik nicht überlebt haben; denn sie haben nur ein chimärisches Scheinleben vorgetäuscht.</p>
<p>Was es mit der Vernunft auf sich hat, erschließt sich uns, wenn wir den gewöhnlichen Gebrauch von adverbiellen Bestimmungen wie „dumm“, „geistesabwesend“, „unbedacht“, „planlos“, „verblendet“ oder „von Sinnen“ beschreiben.</p>
<p>Vernünftiges Handeln ist nicht an die Präsenz und Strahlkraft des Bewußtseins und Selbstbewußtseins gebunden. – Denn wir sagen, einer handelte vernünftig, als er spontan, ohne noch zu überlegen, vor dem abbiegenden Fahrradfahrer gebremst hat; aber auch jener, der, ohne sich seiner subtilen Ausweichmanöver bewußt zu sein, sich seinen Weg durch die andrängende Masse der Passanten in der Einkaufspassage bahnt.</p>
<p>Von der dem Liebeswahn anheimgefallenen Dido könnte man nur sagen, sie handelte unvernünftig, wenn sie sich das Leben nahm, um sich von ihm zu befreien, insofern wir die Maxime der Selbsterhaltung als allgemeingültiges Vernunftprinzip unterstellen; aber das können wir angesichts der heroischen Selbstopfer von Eltern für ihre Kinder oder von Patrioten und Freiheitskämpfern für ihre Ideale mitnichten tun.</p>
<p>Wir führen das chimärisch aufgeblasene Begriffswort auf die bescheidene Anmutung des prädikativen Adverbs zurück; bescheiden, weil es ein unselbständiges Anhängsel des Tätigkeitswortes ist.</p>
<p>„Er ist nicht bei Sinnen“ meint: Wir können nicht voraussehen, zu welchen unschönen, gewaltsamen, scheußlichen Handlungen er sich noch hinreißen läßt.</p>
<p>Es ist unvernünftig, ein Unternehmen zu beginnen, das aller Voraussicht nach unsere Kräfte übersteigt. – Dagegen ist es unsinnig (widerspricht dem Sinn des Begriffs), von einem Versprechen zu reden, wenn jener, der es abgibt, nicht willens oder nicht in der Lage ist, es zu erfüllen.</p>
<p>„Sinn“ ist im Schachspiel des Redens der König, „ Vernunft“ nur ein gewöhnlicher Bauer, wenn er auch in seltenen Fällen die Grenze des Gewöhnlichen überschreiten und sich in eine Dame, einen Turm, einen Springer verwandeln kann.</p>
<p>Die Grammatik von Verben wie sehen, hören oder schmecken verleitet uns dazu, die Grammatik von Verben wie denken, glauben, meinen oder vernünftig urteilen analog zu konstruieren. – Aber denken, meinen, urteilen beziehen sich anders als sehen, hören und fühlen nicht auf einen Gegenstand, sondern auf einen Sachverhalt. – Ich sehe den Zweig, der sich im Wind bewegt. – Aber: Ich glaube (meine, denke), daß sich der Zweig im Wind bewegt.</p>
<p>Die Annahme, das Sich-im Wind-Bewegen sei eine Art Entität, ist das Tor zur platonischen Welt chimärischer Ideen.</p>
<p>Epikur schon nahm an, der Gipfel des Olymp sei verwaist und die entflohenen Götter hausten in uns gänzlich unzugänglichen Intermundien. – Doch was für uns gänzlich unzugänglich ist, davon können wir nicht einmal sinnvoll reden.</p>
<p>In den Satiren des Horaz sind die Götter nur noch metaphorische Zierpuppen.</p>
<p>Wahrnehmungsprädikate wie sehen, hören, schmecken beziehen sich auf Ausschnitte der Realität; psychologische Prädikate wie glauben, meinen, denken auf Modelle der Realität, mögliche Sachverhalte.</p>
<p>Der Gebrauch von Wahrnehmungsprädikaten setzt eine natürliche Skala von graduellen Unterschieden im Wahrnehmungseindruck voraus, sehen den Unterschied von Nähe und Ferne, Vordergrund und Hintergrund; hören den Unterschied von Tonhöhen und Lautstärken; schmecken den Unterschied von süß, sauer und bitter.</p>
<p>Anders der Gebrauch psychologischer Prädikate: Wir glauben etwas oder nicht, wissen etwas oder nicht, erwarten etwas oder nicht, hoffen auf etwas oder nicht.</p>
<p>Wir können sagen: Es ist unvernünftig, zu glauben, zu erwarten, zu hoffen oder zu befürchten, daß der Verstorbene morgen wieder auf der Schwelle stehen wird.</p>
<p>Vernünftig oder unvernünftig nennen wir demnach die plausible, sinnvolle und begründete oder die unplausible, sinnlose und unbegründete Anwendung von psychologischen Prädikaten wie glauben, erwarten, hoffen und befürchten.</p>
<p>Vernünftig und unvernünftig sind adverbielle Bestimmungen von psychologischen Prädikaten zweiter Stufe.</p>
<p>Das religiöse Weltbild des frommen Christen läßt ihn glauben, erwarten und hoffen, dem Verstorbenen im Jenseits wiederzubegegnen. – Der Ungläubige kann diese Annahme nicht als unvernünftig verwerfen oder diskreditieren, auch wenn sie im Rahmen seines Weltbildes keinen Platz findet.</p>
<p>Vernunft ist also kein universaler Begriff, der unabhängig von allen Weltmodellen anwendbar sein könnte.</p>
<p>Eine Vernunft, die gleichsam jenseits aller sprachlich strukturierten Lebenswelten auf dem Richterstuhl transzendentaler Autonomie thront, ist eine Chimäre.</p>
<p>Einer geht hin, verschenkt all sein Hab und Gut, lebt irgendwo als Einsiedler von Gottes Odem, Milch und Käse, und sein Name ist verschollen. Die Großherzigen bewundern seine Lebenswende, die Engherzigen nehmen sie ihm übel, die Vernünftler reden von Verschwendung und Mißbrauch der eigenen Kräfte und Talente.</p>
<p>„Er ist endlich zur Vernunft gekommen!“, ruft aus, wer den verbummelten Lebensgang des Freundes mit Bedauern beobachtet hat und sich daran erfreut, daß er die Anstellung als Versicherungskaufmann angenommen hat. – „Er vergeht sich an seinem Talent!“ ruft ein anderer aus, der sich an den poetischen Blüten und Köstlichkeiten delektiert hatte, die am Rand des verschlungenen Lebenspfades seines Freundes ins Kraut geschossen waren.</p>
<p>Embleme der Unvernunft und der Narretei hat der komische Schriftsteller Franz Kafka in den Zwillingsfiguren der Gehilfen im Schloß-Roman aufgerichtet; auf zwielichtig-zwinkernde Weise erhellen und erheitern sie die Düsternis des Verhängnisses, den metaphysischen Nebel, den der Protagonist trotz all seiner dialektischen Landvermesser-Finessen nicht zu durchdringen vermag.</p>
<p>Die Rasierklinge der Ratio kann den Nebel und das Dunkel der menschlichen Existenz nicht zerschneiden.</p>
<p>Es ist keine Einladung, dem Irrationalismus zu huldigen, wenn man bemerkt, daß die tieferen, geheimeren Quellen, aus denen menschliche Sehnsucht schöpft, und sollte sie ihren Durst daran auch nie gänzlich stillen können, weder von der Vernunft gefunden und freigelegt noch von ihrem trockenen, nüchternen Geist je gespeist werden können.</p>
<p>Mißtrauisch gegen die Einflüsterungen schlangenhafter Zungen, die uns von der endlich vernünftig eingerichteten Gesellschaft zu prophezeien vorgeben, neigen wir unser Ohr den Sibyllen und Propheten, die von einem imaginären Arkadien, einer aurea aetas der reinen Dichtung künden.</p>
<p>Hat die enthemmte, zügellose Vernunft erst ihren großen Plan zur Erneuerung der Welt vom Zentralkomitee der Diskurspolizisten und der Avantgarde der Erwachten verabschieden lassen, dann wehe den Beglückten!</p>
<p>Vernunft ist per se nicht schöpferisch; daher sind unschöpferische Kleingeister ihre oft fanatischen Apologeten.</p>
<p>Die Eule der Minerva hockt im Laub der Dämmerung und beäugt die schalen Überbleibsel des Fests oder die riesigen Haufen abgenagter Knochen und bleicher Schädel der Großen Zeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Vom Sinn der Rede</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Apr 2024 21:59:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Vom Sinn der Rede Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Die Begriffe, mit denen wir vom Maßstab sprechen, seinen Umfang, seinen Wert, seine Mächtigkeit beschreiben und festlegen, sind kategorial verschieden von den Begriffen, mit denen wir über das Gemessene sprechen. Als Lineal können wir kein weiches Wachs verwenden. Zeitliche Phasen lassen sich auf räumliche Dimensionen projizieren. – Die im hölzernen Türrahmen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/vom-sinn-der-rede/">Vom Sinn der Rede</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Die Begriffe, mit denen wir vom Maßstab sprechen, seinen Umfang, seinen Wert, seine Mächtigkeit beschreiben und festlegen, sind kategorial verschieden von den Begriffen, mit denen wir über das Gemessene sprechen.</p>
<p>Als Lineal können wir kein weiches Wachs verwenden.</p>
<p>Zeitliche Phasen lassen sich auf räumliche Dimensionen projizieren. – Die im hölzernen Türrahmen eingekratzten Linien, die das Wachstum des Kindes anzeigen. – Die Ziffern der Uhr, über die der Stundenzeiger streicht.</p>
<p>Wir können die Farbskala beliebig fein nuancieren; die Farben in Zahlenwerten für Lichtfrequenzen darstellen, die selber farblos sind.</p>
<p>Er hat allzu lange auf den Freund gewartet; woran messen wir die Länge – an der Uhr oder der Intensität der Erwartung?</p>
<p>Das Adagio schien zu schleppend vorgetragen. – Messen wir unseren Eindruck anhand des Metronoms?</p>
<p>Den zeitlichen Rhythmus von Versen messen wir an der durchschnittlichen Frequenz des menschlichen Herzens; so sagen wir, ein rein daktylischer Hexameter ist schnell, ein aus Spondeen zusammengesetzter langsam, doch können wir von der durchschnittlichen Herzfrequenz nicht sagen, sie sei schnell oder langsam.</p>
<p>Könnten Tiere dichten, der Kolibri sänge keine Epen, der Wal spuckte keine Epigramme aus.</p>
<p>„Statische Gedichte“ ist eigentlich eine contradictio in adiecto.</p>
<p>Ist Zeit die Woge, sind wir ihr ephemerer Schaum.</p>
<p>Das dämmernde Zimmer der Verwaisten oder Liebenden, die flackernde Kerze des bangen oder intimen Gesprächs.</p>
<p>Begriffliche Verwirrung entsteht, wenn wir den kategorialen Unterschied zwischen Rede und Schrift nicht berücksichtigen oder verwischen. – Das lyrische Gedicht bedarf des genauen, rhythmisch nuancierten Vortrags; die Druckseite täuscht über seine Wirklichkeit.</p>
<p>In der direkten, lebendigen Rede sind wir anwesend und spannen den Schirm unserer raumzeitlichen Gegenwart über dem Nullpunkt des Ich-Sagens auf.</p>
<p>Ich zu sagen impliziert zu meinen: „Ich bin jetzt hier.“</p>
<p>Die Angabe räumlicher und zeitlicher Stellen und Bezüge erfolgt in der direkten Rede mittels deiktischer Hinweise, deren Ursprung die Null-Koordinate des sprechenden Ich darstellt.</p>
<p>Die Zeit des Redens ist die Zeit der vergehenden Gegenwart. Die Zeit vergangener oder zukünftiger Ereignisse, über die wir sprechen, ist von der Redezeit prinzipiell verschieden.</p>
<p>Sage ich: „Reich mir doch bitte die Karaffe!“, erwarte ich, daß der Angesprochene tue, worum ich ihn gebeten habe. Lese ich in einer Erzählung: „Er bat den Gastgeber, ihm die Karaffe zu reichen“, erwarte ich gar nichts; jedenfalls bin ich nicht enttäuscht, wenn ich weiterlese: „Der Gastgeber tat aber nicht, wie ihm geheißen, sondern lächelte maliziös, denn der Gast war schon reichlich angetrunken.“</p>
<p>Sage ich: „Morgen gehen wir wie abgemacht in den Park!“, drücke ich eine Absicht aus oder mache eine Zusage. Lese ich in der Erzählung, daß die Freunde verabredeten, am kommenden Tag in den Park zu gehen, bin ich nicht enttäuscht, wenn ich weiterlese und erfahre, daß einer der beiden die Verabredung nicht eingehalten hat.</p>
<p>Wie Architektur keine gefrorene Musik, ist geschriebene Sprache keine Kristallisation der gesprochenen.</p>
<p>Der Brief scheint der gesprochenen Sprache noch nahe; doch kann jemand in einem Brief nicht auf das Bild an der Wand zeigen, sondern muß den Maler und das Motiv eigens nennen. Auch wenn er eine Abbildung beifügt, kann er die selbstgefällige Geste nicht vorführen, mit der er auf die Original-Radierung von Barlach zu zeigen pflegt.</p>
<p>Nur in der direkten Rede können wir Aufforderungen machen wie „Mir ist lieber, du gehst an meiner rechten Seite!“ oder bindende Feststellungen treffen wie: „Die Sitzung ist eröffnet!“</p>
<p>Begrüßungen und Verabschiedungen sind integrale Bestandteile gesprochener Sprache, die durch rituelle Gesten wie Händeschütteln, Umarmung oder Abschiedskuß verstärkt zu werden pflegen.</p>
<p>Lyrische Dichtung ist das blühende Reis, das auf den Stamm der gesprochenen Rede gepfropft worden ist.</p>
<p>Akustisch aufgezeichnete Gespräche weisen Lücken der Verständlichkeit auf, insofern wir der sie erhellenden Sichtbarkeit der Gesten, der Blicke, der Mimik ermangeln.</p>
<p>Die Situation und die wesentlichen Eigenschaften des menschlichen Lebens wie Geschlecht, Alter, ethnisch-kulturelle Herkunft und soziale Position sind gleichsam Verengungen oder Buchten im Fluß der mündlichen Rede, die ihren Verlauf verlangsamen oder beschleunigen.</p>
<p>Aber die Bedeutung der Rede ist keine Funktion der natürlichen und sozialen Eigenschaften des Sprechers, sondern der Worte, die er gebraucht, auch wenn solche Eigenschaften ihnen Kontur und Kolorit verleihen.</p>
<p>Wir können sagen: Der Zweck der Rede ist die Steuerung des Willens und Verhaltens, die Beeinflussung des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens des Angesprochenen; ihr Mittel die Art und Weise der Sprachverwendung.</p>
<p>Wir denken an einen der Ursprünge lyrischer Dichtung im magischen Zauberspruch; der altgermanische Vers verwendet zur Intensivierung seiner Beeinflussungsmacht die Assonanz und die stabreimende Alliteration.</p>
<p>Die vollkommene Form des lyrischen Gedichts will bezaubern und entrücken, wenn es wie Goethes <em>Wanderers Nachtlied</em> ineins mit der Stille der Natur die Stillung der Seele beschwört: <em>Warte nur/balde/ruhest du auch. – </em>Es ist zu bemerken, daß in diesen vollendeten Versen die rhythmischen Einheiten, die Kola, mit den Verseinheiten kongruieren.</p>
<p>Urformen der Rede sind die Aufforderung (Befehl, Bitte) und die Frage. Die deskriptive Aussage und die Mitteilung sind konsequente Zuwächse an diesen Urformen. – „Vorsicht, dort ist der Weg abschüssig!“ – „Aber das ist doch nur eine harmlose Mulde!“ – „Gehen wir hinüber zu dem Fichtenwäldchen!“ – „Aber das sind keine Fichten, sondern Tannen!“</p>
<p>Die Rede dient der Bahnung des Wegs durch das Dickicht und die Fährnisse des Lebens.</p>
<p>Erst wenn wir unterwegs eine Rast einlegen, kommt die expressive Funktion der Rede rein zur Geltung. – „Puh, war das ein steiler Anstieg!“ – „Wie gut, im Schatten zu verweilen!“</p>
<p>Nach schwerem Aufstieg gemächlich auf der Hochebene wandeln – und alsbald läßt die geistige Spannung nach und die Rede ergeht sich in sentimentalem oder zänkischem Gewäsch.</p>
<p>Ohne Fühlung der immer lauernden Gefahr, ohne Bewußtsein der wesentlichen Not, des unaufhebbaren Mangels oder wie der Psalmist sagt, die Furcht des Herrn verdampft die geistige Spannung, verlottert, verludert und verlallt die menschliche Rede.</p>
<p>K., der Protagonist in Kafkas <em>Schloß</em>, ist auf beschämende Weise fasziniert, angezogen und abgestoßen von der Spannung und Gefahr, die ihm aus dem Dunstkreis und dem Nimbus eines gewissen dekadenten Herren und Schloß-Bürokraten namens Klamm wie Stromstöße anfallen; von ihnen wird er wachgehalten, erregt, gehetzt und dazu verleitet, die immer sich entziehende Quelle der Macht und der Gnade doch noch zu erreichen.</p>
<p>Substanz der Rede: vergehende Zeit.</p>
<p>Sklaven der Zeit atmen und wandeln wir, reden und denken wir.</p>
<p>Folgt in der Rede Wort auf Wort, folgert das Denken aus der gegebenen Voraussetzung und einer irgend angenommenen Regel.</p>
<p>Rede und Gedanke sind in die zeitliche Struktur der Aufmerksamkeit, des wachen Sinnes, der Vergegenwärtigung, Erinnerung und Ahnung eingesenkt.</p>
<p>Der Gedanke, der sich nur vom Gängelband der Worte leiten läßt, ist ohnmächtig, chimärisch und blind, der Gedanke, der nicht von der Fülle und dem Reichtum der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zehrt, ist matt, farblos und leer.</p>
<p>In Büchners Drama <em>Dantons Tod</em> spricht die Geliebte des Protagonisten, über dem das Fallbeil schon blinkt, das große Wort, das tödlich-schöne, das sie mit ihm auf immer vereint: „Es lebe der König!“</p>
<p>Wir sprechen, wie Heidegger sagt, vorlaufend in den Tod – wenn denn unser Wort Gewicht haben soll.</p>
<p>Der entzündete Blinddarm des Kulturbetriebs, die wabernde Adipositas des Geredes in Foren, Talkshows und Seminaren.</p>
<p>Wir könnten uns zum Behaghelschen Gesetz der wachsenden Glieder der Rede auch ein umgekehrtes denken, ein Gesetz der Verknappung, Verdichtung und Verwesentlichung der Rede – zum tragischen Ende hin, wenn der aufgesparte Atem sich für das kaum noch Sagbare verhaucht. – Aber nein, es gilt vielmehr, das Nichtsagbare, um das wir wissen, unangetastet zu lassen und zu schweigen.</p>
<p>So wäre der Sinn der Rede, alles zu sagen, was klar und deutlich zu sagen ist, um am Ende über das Wesentliche zu schweigen.</p>
<p>Wir kennen aber neben der alltäglichen Rede den rituellen Gebrauch der Sprache in heiligen Zeremonien und Gottesdiensten. Hier ist das Wort dichterisch erhöht und rhythmisch gesteigert, ja es streift alsbald die in das Gemurmel ihrer Litaneien Versunkenen der Flügel des hymnischen Gesangs.</p>
<p>Im mystischen Ritus der Eucharistie tritt das Wort, gereinigt von den farbigen Schatten des kreatürlichen Lebens, als reines schöpferisches Licht entgegen, um in Brot und Wein verwandelt in den dunklen Kreislauf des verweslichen Leibes einzugehen; das inkarnierte Wort des Heils aber soll nicht heidnisch kräftigen, sondern das Gedächtnis an eine paradiesisch-surreale Existenz wecken, in der die Blume des Worts noch Lebenskraft aus reinen Quellen gesaugt hat.</p>
<p>Das Gedächtnis, dies vom Krebs des Zeitgeistes zerfressenste Organ.</p>
<p>Die so geschichtsblind sind, daß sie überall aufgehen wollen, im Fortschritt zum Abgrund, in Europa ohne Nationen, in der Menschheit ohne Individualkulturen, können vom Volk nicht reden, weil in ihnen die gesichtslose Masse schon emporgequollen ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Stimme und Zeichen</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Apr 2024 22:38:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Stimme und Zeichen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Wir vernehmen sein Stöhnen und verstehen, der Freund hat Schmerzen. – Aber wir können nur verstehen, daß er gestern unter Schmerzen gelitten hat, wenn er es sagt. Daß er gestern Schmerzen hatte, kann er nicht stöhnen, geschweige denn, daß er befürchtet, morgen wieder unter Schmerzen zu leiden. Wir können das Sema [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/stimme-und-zeichen/">Stimme und Zeichen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Wir vernehmen sein Stöhnen und verstehen, der Freund hat Schmerzen. – Aber wir können nur verstehen, daß er gestern unter Schmerzen gelitten hat, wenn er es sagt.</p>
<p>Daß er gestern Schmerzen hatte, kann er nicht stöhnen, geschweige denn, daß er befürchtet, morgen wieder unter Schmerzen zu leiden.</p>
<p>Wir können das Sema (das sprachliche Zeichen) nicht aus dem Soma (dem unartikulierten Anzeichen) ableiten.</p>
<p>Wir können die Semantik nicht physiologisch begründen.</p>
<p>Wir wissen wohl, die Sprache heißt darum natürlich, weil die Fähigkeit der Rede im Wachstum des Gehirns und der Sprechorgane angelegt ist; doch ist sprechen keine unmittelbare Übersetzung neuronaler Muster und Ereignisse in Lautgebilden. Wäre dem so, könnten wir Zeichen von Anzeichen nicht unterscheiden; könnten wir keine Behauptungen über konkrete und abstrakte Phänomene, Weltereignisse oder mathematische Gleichungen aufstellen oder ihre Wahrheit bestreiten; denn ob etwas wahr oder nicht wahr, etwas real oder fiktiv ist, diesen Unterschied würden wir nicht begreifen.</p>
<p>Die Sprache als Kundgabe von bedeutsamen Zeichen ist kein Phänomen der biologischen oder neurophysiologischen Evolution.</p>
<p>Wir hören den Vogel singen; doch gäbe es uns nicht, sänge er nicht.</p>
<p>Gesang ist eine Kategorie, die auf den Klassifikationen menschlicher Sprache beruht. – Gesang der Vögel ist keine ornithologische Kategorie, sondern eine Metapher der Wissenschaftssprache.</p>
<p>Auch wenn die menschliche Stimme über ein hochdifferenziertes Repertoire zum lautlichen Ausdruck von Empfindungen und Gefühlen verfügt, würden wir allein aufgrund dieser noch so nuancierten Verlautbarungen nicht von einer zeichenhaft artikulierten Sprache reden.</p>
<p>Die Aufzeichnung sprachlicher Zeichen ist keine Visualisierung oder Projektion neuronaler Muster und Erregungskurven.</p>
<p>Wir können mittels unartikulierter Laute oder rein mimisch und gestisch nicht mitteilen, daß wir KEINE Schmerzen haben.</p>
<p>Das beredte Schweigen, Christus vor Pilatus.</p>
<p>Verstünde sie unsere Sprache, könnte die Nachtigall dennoch nicht verstehen, wenn wir ihr kundtun, daß wir ihre stimmlichen Verlautbarungen ein Singen nennen.</p>
<p>Wir beobachten, wie einer ziellos daherschlendert (er schaut in die Auslagen der Schaufenster, hält ein Schwätzchen mit einem zufällig getroffenen Bekannten) und ein anderer geradewegs auf sein Ziel losgeht (ein Bote bringt ein Paket zu einer Apotheke ). Aber wir können mittels Beobachtung seines gegenwärtigen Verhaltens nur sehr selten feststellen oder begründet vermuten, was einer in der nächsten Woche zu tun beabsichtigt (er will seinen alten Freund besuchen; er will eine Atlantiküberquerung mitmachen und holt den alten Überseekoffer vom Dachboden).</p>
<p>Die kulturanthropologische Bedeutsamkeit, die aus dem Unterschied von männlicher und weiblicher Stimme hervortritt, ist in Zeiten wie diesen ein Anathema.</p>
<p>Die beruhigende, einwiegende, einlullende Stimme der Mutter. – Der metallisch-peitschende Befehlston auf dem Exerzierplatz.</p>
<p>Der Augur, der im Vogelgeschrei das göttliche Fatum vernimmt.</p>
<p>Der Dichter, der im Rauschen des Quells die Stimme der Muse erlauscht.</p>
<p>Rilke vernahm im Heulen des Sturms über dem adriatischen Meer bei Duino die Stimme des Engels; aber sie war kein unartikuliertes Heulen, sondern diktierte ihm den Anfang der ersten Duineser Elegie.</p>
<p>Der paranoide Psychotiker wittert in der harmlosen Bemerkung des Nachbarn eine Drohung. – Der Kranke transponiert die Äußerung in einen fremden Kontext, den wir nur aus der genauen Beobachtung seines Gebarens und anhand der Variation der Kontexte seiner Äußerungen ermitteln können.</p>
<p>Die Präsenz der Stimme gibt uns den unmittelbaren raumzeitlichen Kontext, der die sprachlichen Zeichen trägt. – „Herein!“ bedeutet, der Anklopfende möge die Tür öffnen, um denjenigen an Ort und Stelle vorzufinden dessen Stimme er vernommen hat.</p>
<p>„Herein!“ bedeutet: „Ich bitte Sie, einzutreten.“ – Sprechen heißt, den gegenwärtigen Kontext durch den virtuellen Mittelpunkt zu fixieren, der durch das Pronomen der ersten Person gefüllt werden kann.</p>
<p>Der Hörer hört meine Stimme, ich die seine, aber ich höre auch meine eigene Stimme; doch nicht so, wie mein Gesprächspartner sie hört, sondern im Resonanzraum meiner Lungen, meiner Brust, meines Schädels. Deshalb kommt uns die Aufzeichnung der eigenen Stimme, wie auch das Bild des eigenen Körpers, fremd vor.</p>
<p>Der Doppelgänger taucht als sichtbares gespenstisches Phänomen auf; seltener ist das psychotische Vernehmen der halluzinierten eigenen Stimme, meist durchkreuzt von höhnisch widersprechenden fremden Stimmen.</p>
<p>Der Charakter und die ästhetische Eigentümlichkeit der individuellen Stimme, ihr Charme oder ihre Schrillheit und Brüchigkeit, gehören, wie der individuelle Charakter der eigenen Person überhaupt, zu den Fatalitäten, die uns Türen öffnen oder verschließen.</p>
<p>Die gleichsam transzendentale Illusion der Selbstvertrautheit im Vernehmen der spontan erzeugten Laute ermessen wir am somnambulen Lallen des Kinds.</p>
<p>Das Schicksal und die Welt des Mannes sind allein schon aufgrund des Stimmbruchs des Knaben sehr verschieden vom Lebensschicksal der Frau.</p>
<p>Das Charisma der Stimme im Gesang, ihre Dämonie in Agitation und Propaganda.</p>
<p>Die christliche Utopie, daß sich die Erlösten in die Chöre der Engel einreihen dürfen.</p>
<p>Dichtung bleibt solange dem Charisma der gehobenen und erhabenen Stimme verpflichtet, als sie in ihren künstlerischen Mitteln wie Alliteration, Assonanz, Reim und Rhythmus vom Lied sich nicht gänzlich verabschiedet.</p>
<p>Seraphische Kantilene und diabolisch zerrüttetes Krächzen.</p>
<p>Die sich schrill überschlagende Stimme der an ihrer Mutterschaft verzweifelten Hysterikerin.</p>
<p>Wir kennen fruchtbare Ansätze einer Physiognomie des Gesichts, der Hand, der Schrift, doch eine Phonognomie, eine Lehre über den Zusammenhang von Stimme und Stimmung, Laut und Affekt, Stimmklang und Charakter zählt zu den Desiderata der Forschung.</p>
<p>Der ontologische und logische Abgrund zwischen dem unartikulierten Schrei und der Artikulation des Pronomens der ersten Person kann nicht durch rein naturkundliche Erklärungen überbrückt werden.</p>
<p>Den ontologischen Unterschied kennzeichnen wir mittels der Begriffe Organismus und Person, den logischen mittels der Begriffe Unbezüglichkeit (semantisch leere Menge) und Bezug (Referenz).</p>
<p>Das Stöhnen ist die unwillkürliche Reaktion eines lebenden Organismus auf eine Schmerzempfindung; die Äußerung „ich“ ist die Antwort einer Person auf die Frage des Lehrers, wer morgen ein Referat halten wird. – Stöhnen meint nichts und niemanden, „ich“ bezieht sich auf denjenigen, der es sagt.</p>
<p>Sehe ich, daß der Vordermann den rechten Blinker gesetzt hat, gehe ich mit gutem Grund davon aus, daß er die Absicht hat, demnächst rechts abzubiegen. – Wir sagen, das von ihm gesetzte Zeichen hat intentionalen Charakter. – Hat der Fahrer den Blinker aus Versehen gesetzt, ist meine Annahme eo ipso unbegründet.</p>
<p>Das Zeichen wird korrekt gelesen, wenn seine Intention oder die Absicht dessen, der es kundtut, verstanden worden ist.</p>
<p>Die unwillkürlich hervorgestoßenen Flüche eines Menschen, der unter dem Tourette-Syndrom leidet, überhöre ich geflissentlich.</p>
<p>Der Kontext deskriptiver Äußerungen ist variabel: „Hier ist der Titusbogen“, sagt der Fremdenführer, wenn wir unmittelbar davorstehen. „Dort ist der Titusbogen“, wenn ihn einer in einiger Entfernung danach fragt. „Der Titusbogen befindet sich in Rom“, sage ich mir, nach Hause zurückgekehrt.</p>
<p>„Der römische Titusbogen“ ist ein deskriptiver Ausdruck, der folgendes bedeutet: Es gibt etwas, das wir Titusbogen nennen, und diesen hat Kaiser Titus errichten lassen und er befindet sich in Rom.</p>
<p>Durch Einsetzen deskriptiver Ausdrücke in performative Äußerungen gelangen wir zu kontextunabhängigen Aussagen. Statt „Sieh doch, jetzt beginnt sich die Sonne zu verfinstern“ heißt es „Am 9.4.2024 war im Gebiet von Massachusetts eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten.“</p>
<p>In der U-Bahn vernehmen wir die automatische Stimme vom Band „Nächster Halt: Hauptbahnhof“; wir unterstellen nicht dem Automaten die Absicht, uns über diese Sachlage zu informieren, sondern denjenigen, die ihn eingerichtet haben.</p>
<p>Es mutet wie ein spezifisches Hörvermögen an, aus der chaotischen Fülle der Geräusche die allein bedeutungstragenden Laute oder Phoneme herauszufiltern. – Aber ist es ein spezifisches Sehvermögen, die rote Ampel als Hinweis zu verstehen, den Wagen anzuhalten, oder das Hinweisschild „Halt“ als Aufforderung, den Weg nicht fortzusetzen?</p>
<p>Nennen wir den Rauch ein Anzeichen für Feuer, 40 Grad auf dem Fiebermesser ein Anzeichen für Fieber, jähe Rötung der Gesichtshaut ein Anzeichen für (schamhafte) Erregung, bemerken wir, daß die Gründe, die diese Phänomene zu Anzeichen machen, externe Ursachen darstellen: das Feuer, die grippale Infektion und der affektive und neuronale Impuls. – Dagegen sind die Gründe, die wir geltend machen, um bestimmte Laute oder Lautreihen als bedeutsame Zeichen oder Zeichenketten aufzufassen, keine externen Ursachen, sondern interne Gegebenheiten, wie die Absicht des Sprechers und die semantischen Möglichkeiten und syntaktischen Strukturen der jeweiligen Sprache.</p>
<p>Wir benutzen zwei Kriterien, um sprachliche Zeichen von bloßen Anzeichen oder Symptomen zu unterscheiden: die Möglichkeit zur Korrektur und die Möglichkeit der Verneinung.</p>
<p>Die erhöhte Körpertemperatur kann auf einer bakteriellen oder einer Virusinfektion beruhen; die Analyse von Speichel oder Blut kann uns darüber ins Bild setzen. Doch die Fiebermessung mittels eines geeichten Thermometers kann weder in dem einen noch dem anderen Krankheitsfall „irren“. – Dagegen ist es möglich, daß die Äußerung „Ich habe Schmerzen“ einer Wahrheitsprüfung nicht standhält, auch wenn sie in beiden Fällen, der Äußerung des Kranken und derjenigen des Simulanten, grammatisch wohlgeformt daherkommt.</p>
<p>Wir nehmen nicht an, daß es, wie gewisse Philosophen (Platon, Aristoteles, Kant, der frühe Wittgenstein) glaubten, eine allgemeingültige kategoriale Form der Verwendung sprachlicher Zeichen gibt. – Wir müssen nicht ein substantielles, phänomenales oder fiktionales Etwas unterstellen (hypostasieren), an das wir alle möglichen Prädikate anheften. Sätze wie „Es regnet“ oder „Die Sprache spricht“ zeigen, daß es auch ohne solche semantischen Musterkataloge geht.</p>
<p>Daß jemand kein Fieber hat, heißt nicht, daß er nicht krank ist. Dagegen weist uns die Möglichkeit der Verneinung oder Falsifikation des Satzes „Ich habe Schmerzen“ auf die Tatsache hin, daß es sich um eine gültige Verwendung sprachlicher Zeichen handelt.</p>
<p>Wenn die Astronauten auf der Gegen-Erde landen und auf uns ähnliche Bewohner stoßen, die sich ähnlicher Laute zur Verständigung bedienen, wie wir es tun, könnten wir daraus nicht folgern, daß es sich dabei um eine Sprache handelt, wie eine jener, die wir auf der Erde sprechen. Es könnte auch die verbale Übersetzung neuronaler Muster sein, die wir nur mit dem Gesang der Vögel oder den Interjektionen des Schmerzempfindens vergleichen könnten. – Wie sähe der semantische Turing-Test in diesem Falle aus? Er müßte zumindest zeigen, daß die Äußerungen der Exo-Planetarier nicht korrigierbar und nicht verneinbar sind wie die Aussagen unserer Sprache, denn es wären keine semantisch bedeutsamen Aussagen, sondern Anzeichen oder Symptome neuronaler Ereignisse.</p>
<p>Die Möglichkeit der Verneinung von Zeichenketten ist ein wesentlicher Ursprung ihrer logischen Verknüpfung mittels Wahrheitsfunktionen; denn wir lassen auf der elementaren oder trivialen Ebene die Konsistenz der behaupteten und der zugleich verneinten Aussage nicht zu.</p>
<p>Doch finden wir keine metaphysisch-moralische Verpflichtung zur logischen Konsistenz; wir könnten als allgemeinen Bezug all unserer Zeichen und Zeichenverknüpfungen auch den semantischen Nullpunkt postulieren, der zen-buddhistischen Leere nicht unähnlich, in der, was wir äußern, unmittelbar aufgehoben ist und verschwindet.</p>
<p>Wir enden, wo wir begannen, mit dem referenzlosen Schrei, nur ist dieser Schrei – stumm.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wider den Universalismus</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/wider-den-universalismus/</link>
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		<pubDate>Thu, 04 Apr 2024 22:44:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Wider den Universalismus Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Abendländische Mythen, die aller skeptischen Säure und sprachphilosophischen Analyse trotzen: DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Geschichte. – Aber „Menschheit“ ist nur eine oberflächliche Klassifikation anthropologischer Provenienz ohne metaphysische Tiefe, „Wissenschaft“ der Sammelbegriff für bestimmte Tätigkeiten, die in gelehrten Einrichtungen abendländischer Herkunft gepflegt werden, „Vernunft“ keine autonome Entität und eigenständige [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/wider-den-universalismus/">Wider den Universalismus</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Abendländische Mythen, die aller skeptischen Säure und sprachphilosophischen Analyse trotzen: DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Geschichte. – Aber „Menschheit“ ist nur eine oberflächliche Klassifikation anthropologischer Provenienz ohne metaphysische Tiefe, „Wissenschaft“ der Sammelbegriff für bestimmte Tätigkeiten, die in gelehrten Einrichtungen abendländischer Herkunft gepflegt werden, „Vernunft“ keine autonome Entität und eigenständige mentale Fähigkeit, sondern der Inbegriff aller kontextabhängigen Sprechakte, mit denen wir Handlungen als vernünftig oder unvernünftig kennzeichnen, „Geschichte“ aber ist eine mythische Chimäre, die bei näherer Betrachtung in viele Geschichten, Erzählungen, Novellen und Anekdoten zerfällt.</p>
<p>Manchmal können sich Geschichten in dramatischen Höhepunkten verknoten und verdichten; so gruppiert und strukturiert Herodot seine mannigfaltigen Erzählungen und Novellen um den leuchtenden Knoten des Kampfes der griechischen und der persischen Kultur.</p>
<p>Der Mythos von der EINEN Menschheit. Angesichts der Verschiedenheit der ethnischen und rassischen Physiognomien beschleichen einen Zweifel, ob all dies aus EINEM Schoß hervorgekrochen ist.</p>
<p>Die Fabel von dem EINEN Ursprung der EINEN Menschheit aus dem Urelternpaar, das ausgerechnet in der afrikanische Savanne beheimatet war, mutet einen mittlerweile wie eine identitätspolitische Parole an.</p>
<p>Für die Abstraktionen, die unsere Sprache erlaubt, wie DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Moral und DIE Geschichte, gilt: Sie sind semantische Kürzel für mannigfaltige Tätigkeiten und Ereignisse, die kein inneres Band notwendig verknüpft.</p>
<p>Musik – die universale Sprache des menschlichen Geistes, die von Hinz und Kunz in Hintertutzingen und Honolulu verstanden wird: was für eine sentimentale Dummheit, welch ein süßlicher Kitsch.</p>
<p>Wertblinde Universalisten der Moral, die sich als die einzigen Siegelbewahrer menschlicher Würde aufspielen, postulieren, einem jeden Menschen denselben Wert zuzusprechen. – Wie, auch Hitler und Jesus, dem Sexualmörder und Buddha, dem Schmarotzer und dem fleißigen Arbeitsmann und Familienvater?</p>
<p>Die jeweilige Sprache der öffentlichen Meinung scheint der gemeinsame Käfig ihrer Sprecher zu sein; die Wohlmeinenden weisen darauf hin, daß man ja durch ihre Gitter nach draußen schauen könne.</p>
<p>Inmitten des Gemeckers der Ziegen ertönt der silberne Ton der Hirtenflöte. Schweigen die Ziegen, um ehrfürchtig einem höheren Ethos und Melos zu lauschen? Weit gefehlt!</p>
<p>Frechheit und Vermessenheit wollen sich neben dem Hochsinn und der Anmut in derselben Loge breitmachen. – Das menschheitstümelnde Gewese der Universalisten will Hinz und Kunz und Rilke und Trakl gemeinsam unter Aufsicht der Kulturbeauftragten der Stadt München über den lärmenden Trostmarkt schicken; das Ende wird sein, die Proleten grölen auf den Bänken, unter denen die Dichter sich vor den Zumutungen verstecken.</p>
<p>Die meckernden Ziegen erhalten Pardon, denn ihr ästhetischer Sinn vermag das schöne Melos des Hirtenlieds nicht zu erfassen; anders die Vulgarität, sie weiß ganz genau, daß ihr kein Logenplatz gebührt, und drängt sich doch hinein.</p>
<p>Jede Landschaft hat ihr Klima, ihre Fauna und Flora, jedes Ereignis hat seinen geschichtlichen Horizont, jeder Mensch seine durch Herkunft und Veranlagung bestimmte Situation.</p>
<p>Verkümmert der für die Landschaft der Eifel typische Ginster aufgrund ungünstiger klimatischer Bedingungen, trocknen gar die Eifelmaare aus, verblaßt das Landschaftsbild, das wir kannten, allmählich, bis es zu einer bloßen Datensammlung im geographischen Archiv herabsinkt.</p>
<p>Der glatte Austausch und die hingeschluderte Synchronübersetzung von klischeehaften Wendungen und Phrasen, die gestanzte Rhetorik politischer Reden in Kommissionen und Parlamenten erzeugt den trügerischen Schein einer weltumspannenden Gemeinsamkeit der Meinungen und Gesinnungen, der Regionen und ihrer kulturellen Eigenheiten.</p>
<p>Die bukolische Landschaft Vergils ist das von Großstädtern erträumte Idyll eines imaginären Arkadien.</p>
<p>Es gibt einen europäischen Symbolismus in der Dichtung von Baudelaire und Verlaine über Verhaeren und Maeterlink bis zum frühen George und Hofmannstahl (von den Engländern, Belgiern, Polen u. a. zu schweigen), aber sinnfälligerweise keinen amerikanischen, chinesischen, japanischen. Hier wirken die dichterischen Quellen alter europäischer Überlieferung.</p>
<p>Welch eine dumme Aufforderung: Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. – Ja, eine gefährliche, wenn der Stumpfsinn, die Vulgarität oder der Fanatismus sich angesprochen fühlen.</p>
<p>Wir sprechen vom Ethos poetischer Gattungen, wie der Ode und des Sonetts; denn die Ode verlangt eine Art mythisch inspirierten feierlichen Aufsingens und rhythmisch gestraffte Formen, wogegen das Sonett sein Ethos in der gedanklich doppelsinnig gestuften Ordnung im Reim kontrastierter und verschlungener Quartette und Terzette erfüllt.</p>
<p>Wir gelangen zu unseren tiefsten Überzeugungen („Wir ruhen in Gottes Hand“ – „Wir fallen unaufhörlich ins Leere“) nicht aufgrund rationaler Argumente, sondern aufgrund von Winken des Schicksals, die uns in zufälligen Begegnungen oder in Träumen widerfahren.</p>
<p>In der geistigen Wüste des Ersten Weltkriegs fand Wittgenstein in einer Provinzbuchhandlung in Galizien Tolstois „Kurze Darlegung des Evangeliums“, ein Buch, das ihn stark beeindruckt und sein Leben lang begleitet hat. – Es ist klar: Etwas war schon in ihm, das durch die Lektüre ins Schwingen geriet. Soviel läßt sich sagen: Die Frohe Botschaft ist keine rationale Einsicht in transzendente Dimensionen und ihre Lehre keine argumentativ begründbare universelle Moral, sondern ein Anruf, den nur zu hören vermag, wer guten Willens ist.</p>
<p>Der Gang durch das Inferno kann, wie bei Dante, schließlich in elysischen Gefilden münden.</p>
<p>Ein Dichter ohne Provinz seiner Erfahrung, ohne Dialekt und Idiolekt seiner Herkunft gleicht einem, der seine Muttersprache vergessen und sie durch ein bodenlos-globales Esperanto ersetzt hat; doch in Esperanto läßt sich keine originäre Dichtung schreiben.</p>
<p>Die Kriterien dessen, was man als vernünftig oder unvernünftig, als gut oder schlecht wertet und abwertet, sind derart unterschiedlich, daß es an Selbsttäuschung grenzt, von einem einheitlichen, universal gültigen Begriff der Vernunft und der Moral ausgehen zu wollen, wie es die Idealisten seit Kant tun.</p>
<p>Die peinlichen Zweideutigkeiten, die ihnen durch die Lappen gehen! – War es nicht sowohl unvernünftig wie schlecht, das dem Freund gegebene Versprechen nicht einzuhalten und damit den Bruch der Freundschaft und den Verlust des Freundes zu riskieren? Ja, aber der böse Wille, oder wie der Talmud sagt: der böse Trieb, ist, wie es scheint, immun gegen die Einwände der Vernunft. Ja, der Schuldner verfügte über die Summe, die er von seinem Freund ausgeliehen hatte, und dennoch …</p>
<p>War es nicht unvernünftig von Jesus, seinen Einzug nach Jerusalem von der begeisterten Schar der Anhänger feiern zu lassen und so unnötiges Aufsehen beim Hohen Rat und der römischen Besatzung zu erregen? Ja, aber die Pfade der Vorsehung sind verschlungen, nicht gerade und einsinnig, wie es vernünftige Erwägung gern möchte.</p>
<p>War es nicht im Sinne vernünftiger Abwägung der heiklen Situation, daß Petrus im Palasthof des Hohepriesters seine Zugehörigkeit zur Jüngerschaft Jesu verleugnete? Ja, aber es war schlecht, und seine reumütigen Tränen, da der Hahn dreimal krähte, haben es bezeugt.</p>
<p>War es nicht unvernünftig und moralisch fragwürdig, daß Dido ihrer Natur als einer zweiten Diana untreu wurde und dem erotischen Zauber der Venus und den tückischen Plänen Junos erlag, um den trojanischen Fürsten Aeneas zu ehelichen? Ja, doch die Pfade der Vorsehung sind verschlungen und in das Zwielicht göttlichen Fatums gehüllt; denn die Absicht, Aeneas ehelich auf Dauer an sich zu binden, mußte scheitern, und das 4. Buch der Aeneis mußte eine Tragödie innerhalb des Epos werden, auf daß die Bestimmung des Trojaners zum Gründer Roms nicht vereitelt würde.</p>
<p>Wir finden keine universal gültigen Regeln für das angemessene oder unangemessene, das richtige und falsche menschliche Handeln, worunter auch das sprachliche Handeln zu rechnen ist. – Natürlich ist die Lüge erlaubt, wenn sie ein Leben rettet oder vor Schande bewahrt. – Natürlich ist das Leben nicht der Güter höchstes, wie uns die Tatsache vor Augen stellt, daß wir Helden nennen, die das ihre für die Rettung anderer dahingeben; die Tatsache, daß wir den Kapitän einen feigen Schurken nennen, der als erster heimlich das sinkende Schiff verläßt.</p>
<p>Aufgrund ihrer semantischen Kraft zur Abstraktion mittels Substantivierung von Hilfsverben wie „das Sein“ gelangte die griechische Sprache als erste zu den schwindelerregenden Gipfeln eines Platon und Aristoteles, nicht die chinesische oder japanische.</p>
<p>Die rationalen Maßstäbe der logischen Konsistenz und der narrativen Kohärenz bieten uns keine universal gültigen Kriterien zur Beurteilung angemessenen und unangemessenen Handelns. – Gewiß, wir sind konsistent, wenn wir bei Brüchen in einer Gleichung Zähler und Nenner jeweils mit demselben Faktor multiplizieren. Doch wir könnten auch den Nenner eines Bruchs mit der Reihe der natürlichen Zahlen multiplizieren, um eine abnehmende Reihe zu erhalten; es kommt darauf an, was wir wollen.</p>
<p>Das Kind fädelt Perlen auf eine Kette; doch an jeweils bestimmter Stelle läßt es eine Lücke oder fügt ein buntes Steinchen ein; es kommt darauf an, ob es die Stellen festhält oder wechselt, und wenn es sie variiert, in welcher Systematik. – Wir können das Ergebnis nicht voraussehen, aber nicht, weil das Handeln völlig zufällig oder chaotisch wäre.</p>
<p>Wer immer dieselbe Geschichte erzählt, gilt als Langweiler. – Aber selbst wenn wir dieselbe Geschichte wiedererzählen, unterlaufen uns unwillkürlich Varianten.</p>
<p>Die Epitheta der homerischen Götter sind gleichbleibend und stereotyp; doch je nach Kontext können ihre Bedeutungen schillern, mehr oder weniger hervortreten.</p>
<p>Der Mensch vor und nach einer religiösen Bekehrung; er mag dieselben Dinge sagen, doch sie haben einen anderen Index in seinem um 180 Grad gedrehten Überzeugungssystem erhalten. – Was für den Heiden Götter waren, werden für den zum Christentum Bekehrten Dämonen. Die einst von ihnen erzählten Mythen mögen im Wortlaut erhalten bleiben, doch hat sich ihr Sinn gewandelt.</p>
<p>„Geschlossene Gesellschaft“ – dies ist die soziologisch zentrale Kennzeichnung; denn in geschlossenen Gesellschaften wird unter den jeweils versammelten Mitgliedern und Auserwählten über das ökonomisch, sozial oder rituell Entscheidende verhandelt; freilich muß man seine Clubkarte oder einen anderen Identitätsnachweis vorzeigen, um hineingelassen zu werden. Ob es sich dabei um das Festkomitee des örtlichen Karnevalsvereins, das römische Konklave zur Wahl des neuen Papstes oder eine Versammlung von Mafiabossen handelt, steht auf einem anderen Blatt.</p>
<p>Die abertausend Linienbündel der ethnischen und kulturellen Herkünfte konvergieren nicht im Brennpunkt einer univoken und homogenen Zukunft. – Es sei denn, die menschlichen Identitäten werden von totalitärer Hand durch Gehirnwäsche zum Verblassen gebracht oder demnächst mittels genetischer Manipulation ausradiert.</p>
<p>Im bewußten Leben mögen wir etliche Grade und Stufen von Aufmerksamkeit finden, aber seine Grundform ist nicht reflexiv, kein Produkt einer epistemischen Spiegelung. – Der Betrunkene oder Demente redet abgebrochen, ungrammatisch, wirr, aber nicht, weil ihm das eigene Selbstbild verschwommen wäre.</p>
<p>Der stereotype Gebrauch des Namens oder des Pronomens der ersten Person täuscht oft narrative Kohärenz vor; aber der Übergang der Rede des Kleinkinds, das sich mit dem eigenen Vornamen benennt, zum systematischen Gebrauch des Pronomens der ersten Person ist kein kontinuierlicher.</p>
<p>Der Universalist der Vernunft und der Moral rettet sich vor den Widersprüchen des Daseins in den rhetorisch abgedichteten Hörsaal des akademischen Diskurses. – Der philosophische Anarch (Ernst Jünger) wandelt auf den verschlungenen Pfaden des Geschicks und vernimmt die Polyphonie der Stimmen des Lebens, die sich ihm nicht zur Homophonie sokratisch-diskursiver Wahrheitsprüfung verdichten.</p>
<p>Draußen weht bisweilen ein rauher Wind oder Kugeln pfeifen an der Schläfe vorbei; das kümmert den Anarchen nur insofern, als daß er den ihm Nächsten Deckung oder Obhut verschafft. Den Wind klagt er nicht an, und ob jene, die da schießen, Kriminelle sind oder Partisanen, überläßt er dem Polizeibericht oder dem Historiker.</p>
<p>Der Universalist will alles über den Leisten vernünftiger und moralischer Urteile schlagen; dem Wind ist das gleichgültig, aber der Partisan und Weltveränderer bedienen sich des Leistens bald als eines probaten Totschlägers.</p>
<p>Die hybride Hoffnung des Universalisten gleicht dem Ansinnen eines Menschen, mittels Hauchens ein Guckloch in die zugefrorene Scheibe der Unkenntnis, die Eisblumen der Inkonsistenz und Inkohärenz zu schmelzen, auf daß jedermann die Welt klar zu sehen vermöchte; indes, der Liebende sieht ein anderes Licht als der Zyniker, der Machtbesessene eine andere Welt als der Todkranke.</p>
<p>Schon früh bezeigt der Universalist seine Anlage für Intriganz und billige Gleichmacherei, wenn er in den Weltreligionen nur eine einzige herausklügeln und schönfärben will; freilich seinen Gipfel an Arroganz und Selbstvergötzung erklimmt er, wenn er all das Wogen und Wallen der Rinnsale und Bäche und Strome des Wissens jeglicher Landschaften und Zeitalter in den einen Ozean des einen Geistes zu gewahren vorgibt, in dem er sich selber spiegelt.</p>
<p>Mit einer zügellos gewordenen allegorisch-dialektischen Methode schinden sie einen universalen Sinn aus dem Tohuwabohu der historischen Abläufe, um sich post festum als hohepriesterliche Deuter und Gralshüter des Fortschritts in Szene zu setzen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Umkehr</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Mar 2024 23:44:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die Umkehr Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Unser Ziel: durch die zerklüftete Karstöde der radikalen Sprachskepsis in die grünende Auenlandschaft des schlichten Liedes gelangen. Der Strom des Hexameters mäandert durch die heroische Landschaft des Epos; aufgrund des Wechsels von Daktylen und Spondäen, dank der unterschiedlichen Zäsuren im Vers bewirken seine Schlingen und Schleifen spielerische Variationen im Inneren einer [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-umkehr/">Die Umkehr</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Unser Ziel: durch die zerklüftete Karstöde der radikalen Sprachskepsis in die grünende Auenlandschaft des schlichten Liedes gelangen.</p>
<p>Der Strom des Hexameters mäandert durch die heroische Landschaft des Epos; aufgrund des Wechsels von Daktylen und Spondäen, dank der unterschiedlichen Zäsuren im Vers bewirken seine Schlingen und Schleifen spielerische Variationen im Inneren einer erhabenen Monotonie.</p>
<p>Aus dem Kelch der Bitterkeit, den der Erwählte im Garten Gethsemane erblickte, tropfte ein Tropfen herab, und aus der erwachten Erde sproß die Wunderblume empor, deren Duft den Trauernden tröstet, deren Tau den Verwundeten heilt.</p>
<p>Wären Sätze nur sinnvoll, wenn sie entweder wahr oder falsch sind, wäre dieser Satz sinnlos.</p>
<p>Die Dimension des Sinns ist der Dimension der Wahrheit vorgeordnet.</p>
<p>Wir können uns nicht an den Methoden und Ergebnissen der Wissenschaft orientieren, wenn wir den Sinn unseres Daseins erfassen wollen.</p>
<p>Das Wasser des Musenquells auf dem Helikon der Gegen-Erde, das nicht wie das unsere aus H<sub>2</sub>O besteht, sondern aus XYZ, stillt den Durst des Gegen-Hesiod genauso wie das hiesige den Durst Hesiods.</p>
<p>Der wie besessen gegen die Türe hämmert, um am Ende entkräftet und ohnmächtig an ihr herabzusinken, hat nie bemerkt, daß sie nicht abgeschlossen war.</p>
<p>Die in der Nacht schreit, die verlassene Seele, kann die Erinnerung an den Gute-Nacht-Kuß der Mutter nicht trösten.</p>
<p>Der Spiegel der Sprache, der den Sinn seitenverkehrt abbildet.</p>
<p>Das Kind tritt vor Wut gegen das Tischbein, an dem es sich gestoßen hat; der Entgeisterte zerschlägt den Spiegel, der ihn in seiner Nacktheit und Erbärmlichkeit gezeigt hat.</p>
<p>„Die Substanz ist … (Wasser, Feuer, Atome, Leere, Geist)“ – Verführung des Verstands durch die Suggestionskraft der Grammatik.</p>
<p>Ich könnte sagen, die Sonne kreise um die Erde, ohne zum ptolemäischen Weltbild zurückkehren zu wollen.</p>
<p>Wie von der Palette des Malers könnten wir von der Farbpalette des dichterischen Stiles sprechen.</p>
<p>Wenn wir jemandem Sehvermögen attestieren, meinen wir damit schlicht, daß er nicht blind ist. Aber wenn wir von Denkvermögen sprechen, meinen wir damit nicht, einer könne 2 und 3 addieren, sondern er könne sehen, daß 2 + 3 dasselbe ist wie 3 + 2.</p>
<p>Die Zahlen von 1 bis 100 zu addieren ist einfach, wenn auch mühsam; aber zu sehen, daß 1 + 100 und 2 + 99 und 3 + 98 und so weiter dieselbe Summe ergeben und damit das Muster und die Gaußsche Formel der Addition, ist nicht ganz so einfach – aber auch eine Form des Sehens.</p>
<p>Jemandem Hörvermögen zuzusprechen heißt schlicht zu sagen, er sei nicht taub; und die Unterschiede von leise und laut, andante und allegro zu hören ist einfach. Nicht ganz so einfach ist es, den Krebsgang der Tonfolge in einer Bachschen Fuge oder am Tristanakkord zu hören, was wir sein Schweben, gleichsam seine lustvolle Unerlöstheit nennen können.</p>
<p>Die gedankliche Umkehr, die Umkehr des philosophischen Sinns hat eine Analogie in dem, was das Evangelium Metanoia nennt.</p>
<p>Die hohe Luft, in der die Erlösten atmen, nährt sie mit einer Unbekümmertheit und Heiterkeit, die sich vom Zeitlichen nicht mehr gänzlich aufzehren läßt („Laßt die Toten die Toten begraben.“ – „Seht die Vögel des Himmels …“).</p>
<p>Die Beruhigung, die uns zuteilwird, wenn wir vom unseligen Verlangen, das Geheimnis des Lebens zu ergründen, ablassen.</p>
<p>Sätze, die sich gleichsam selber tragen, wie die Verse großer Dichtung. – Von ihrer eigenen Aura ins Schweben gebrachte Ikone.</p>
<p>„Können Sie das beweisen (begründen, ableiten)?“ – so stürmt der Theoretiker alter Schule auf den von der Begründungsobsession kurierten Schüler Wittgensteins ein.</p>
<p>In der Sonntagspredigt für philosophische Konvertiten heißt es: Alles ist da, alles ist sichtbar, alles ist vernehmbar, für den, der Augen hat zu sehen, Ohren hat zu hören.</p>
<p>Nur der Stumpfsinn sieht sich genötigt, auf einen Fortschritt des Denkens zu setzen.</p>
<p>Nur Frauen gebären Kinder, nur Männer zeugen sie, keine Gender-Chimären. – Der Mißbrauch der Worte, der philosophische und der ideologische, schüttet Gift in die klare Quelle unserer sprachlichen Gewißheiten.</p>
<p>Der Zweifel am Sinn des alltäglichen Sprachgebrauchs, der sich von Descartes an wie eine Erbkrankheit bis zu den deutschen Idealisten und ihren zeitgenössischen Nachfolgern ausgebreitet hat, kann nur durch eine radikale gedankliche Umkehr gebrochen werden.</p>
<p>Wir bedürfen keiner wissenschaftlichen Bestätigung und Rechtfertigung unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. – Mag die Erde um die Sonne kreisen, unsere Rede vom Sonnenuntergang wird dadurch nicht angefochten. Die poetische Imagination von unserer Herkunft aus dem Garten Eden wird durch erdgeschichtliche und evolutionsbiologische Forschung nicht widerlegt.</p>
<p>Der Sinn der Worte wird dunstig, verschwommen, leer, wenn wir sie vom Nährboden ablösen, aus dem sie ihre Lebensstoffe saugen, ähnlich der in fremde Erde verpflanzten Blume; der Sinn des Begriffs „Liebe“ wird pervertiert, wenn wir ihn vom Nährboden mütterlicher Hingabe und väterlicher Fürsorge ablösen.</p>
<p>Aus welcher Angst erwächst die zwanghafte Suche des Philosophen nach Sätzen, die eine absolute Gewißheit ausdrücken sollen? – Angst des Kindes, das sich in einem hohen Baumwipfel verstiegen hat und am letzten Zweig sich festklammernd erstarrt.</p>
<p>„Dies ist meine Hand!“, ein Satz, den der Philosoph Moore als Ausdruck absoluter Gewißheit verkündete. Aber im Gewühl des Spiels, bei dem Kinder ihre Hände aufeinanderklatschen, kann eines zurecht ausrufen. „Das ist nicht meine Hand!“</p>
<p>Fichte wähnte die Bedeutung von „Ich“, aus allen alltäglichen Umgebungen abgetrennt, als absoluten Nullpunkt philosophischer Gewißheit fixieren zu können; aber was ist fluider, fließender, gleitender als der Gebrauch des Pronomens der ersten Person: „Hab ich das gesagt? Da war ich noch ein anderer Mensch.“ – „Ich kann meinen Gefühlen nicht mehr trauen.“ – „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,/Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:/Daß alles gleitet und vorüberrinnt./Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,/Herüberglitt aus einem kleinen Kind/Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.“</p>
<p>Der Zuckerstein der absoluten Gewißheit des Fichteschen Ich löst sich im Tee der Alltagsrede auf, den er versüßen mag, aber den Kenner ungesüßt zu sich zu nehmen pflegen.</p>
<p>All die abgetrennten, anämischen, atemlosen Worte, von denen die Phrase des Ideologen zeugt: „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“, „Freiheit“, „Fortschritt“, „Zukunft“.</p>
<p>Die Lebensmächte, die jene köstlichen Früchte reifen lassen, nach denen wir langen, entziehen sich unserer Verfügungsmacht.</p>
<p>Der Liebesscheue dichtet die große Liebe der Dido, der Stammler die große Rede der Gottheit.</p>
<p>Wir suchen Antworten auf Fragen, die keine Antwort zulassen oder keiner Antwort bedürfen.</p>
<p>Die Suche aufgeben heißt anzukommen.</p>
<p>Die Welt, das Leben sind, wie sie sind. Dies ist ein ebenso profaner wie esoterischer, ein ebenso trivialer wie mystischer Satz.</p>
<p>Die Scheibe der Bedeutung war infolge metaphysischen Nebels beschlagen; wir rätselten über die Dinge, die sich dahinter nur undeutlich und verschwommen zeigten. Dann wird sie von der Hand einer nüchternen Reinigungskraft abgewischt, und wir sehen klar.</p>
<p>Einer geht scheinbar zielgerichtet und schnurstracks vorwärts. Dann reißt ihn etwas um und zurück, ein Gedanke, eine Erinnerung. Er dreht sich um und setzt den Gang in umgekehrter Richtung fort, in der Richtung, aus der er gekommen ist.</p>
<p>Die Umwendung mutet wie eine Verwirrung an; in der Rede wie ein plötzliches Stottern oder Verstummen.</p>
<p>Hat einer vergessen, was er tun wollte, tut er etwas anderes; ohne etwas zu vermissen.</p>
<p>Das Verschwinden der Neurose ist wie die Umkehr des gedanklichen Systems. Als würde es um seine Achse gedreht.</p>
<p>Der von seiner Verwirrung Geheilte sieht, was er sieht, fühlt, was er fühlt, sagt, was er sagt, ohne es wie zuvor im Zustand gnadenloser Anfechtung prinzipiell in Frage zu stellen. – Natürlich wird er zugeben, daß er sich irrte, als er vermeinte. eine Fichte zu sehen, obwohl es sich um eine Tanne handelte. Doch er wird seiner Wahrnehmungsfähigkeit nicht mehr grundsätzlich mißtrauen, gleichgültig, ob es sich um eine reale oder photographierte Fichte oder Tanne handelt.</p>
<p>Es geht nicht darum, seine Meinung im Lichte dieser oder jener Theorie (oder Ideologie) zu bilden oder zu ändern; es geht darum, ohne vorgefaßte Meinungen und Theorien auszukommen.</p>
<p>Die therapeutische Wahrheit der pyrrhonischen Skepsis. Nicht ihre metaphysische Wahrheit.</p>
<p>Wir können nicht sagen, der Zufall sei uns Notwendigkeit oder Schicksal genug – nicht sagen, wir hätten einen anderen Mann zum Vater, eine andere Frau zur Mutter haben können; denn in diesem Falle wären wir nicht, der wir sind.</p>
<p>Die Umkehr der Denkrichtung befreit uns von allzu hohen, übertriebenen Erwartungen, sie ernüchtert, doch zu einer Nüchternheit, die der Dichter heilig nennt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Aura des Leibes</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 23:36:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die Aura des Leibes Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Die natürliche Intelligenz ist die conditio sine qua non der künstlichen. – Doch natürliche Intelligenz vollzieht sich nach anderen Prinzipien als maschinelle, denn sie ist in die leibhaftige Gegenwart des Menschen und ihrer Rhythmen, Gesten und Zeichen eingebunden. Ein Roboter hat keine Überzeugungen, keine Erwartungen, Befürchtungen, Absichten und Erinnerungen, keine Gefühle [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-aura-des-leibes/">Die Aura des Leibes</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Die natürliche Intelligenz ist die conditio sine qua non der künstlichen. – Doch natürliche Intelligenz vollzieht sich nach anderen Prinzipien als maschinelle, denn sie ist in die leibhaftige Gegenwart des Menschen und ihrer Rhythmen, Gesten und Zeichen eingebunden.</p>
<p>Ein Roboter hat keine Überzeugungen, keine Erwartungen, Befürchtungen, Absichten und Erinnerungen, keine Gefühle von Dankbarkeit oder schuldhafter Verfehlung, der Stoff, von dem wir uns geistig ernähren. – Eine rein algorithmische Maschine kann nicht glauben, daß sie von verwandten und doch fremden Mächten erzeugt worden ist, daß sie einst nicht existiert hat und auch einmal nicht mehr existieren wird. Ein Roboter macht keine Fehler, sondern funktioniert nicht auf Befehl, er stirbt nicht, sondern geht kaputt.</p>
<p>Das Rind zeugt ein Rind, der Mensch einen Menschen, aber der Staat den Leviathan.</p>
<p>In der degenerierten Kulturbetriebsschickeria schillert der Abschaum, der aus den Abwasserkanälen der Vulgarität und Perversion aufgestiegen ist.</p>
<p>„Am Knochen haben wir keinen Befund“, sagt der Orthopäde zum Patienten, „demnach rühren die Schmerzen von den Muskeln“ – Nein; sie könnten auch Symptom geistiger Erkrankung sein.</p>
<p>Wenn Ähnliches nur Ähnliches hervorbringt, wie hätte Gott die Welt und den Menschen erschaffen können, ohne eine Spur seines Wesens zu hinterlassen?</p>
<p>Satan, sollte er, was angesichts seiner monströsen Taten und Untaten nicht unwahrscheinlich ist, bei der Erschaffung des Menschen hineingepfuscht haben – war er dabei Gottes hämisch grinsender Assistent oder sein demiurgischer Gegenspieler?</p>
<p>Das Wort ist herabgesunken zum flatus diaboli.</p>
<p>Die Sprachquader römischer Inschriften, eines Horaz, eines Caesar und Tacitus bedürfen keines rhetorischen Mörtels.</p>
<p>Der große, der gepriesene Name wird zum Gespenst seines Trägers, das nach seinem Ableben unter den Dächern der Gelehrten und Geliebten umgeht.</p>
<p>Manche Frauen wirken bekleidet nackter als unbekleidet.</p>
<p>Der Wind spricht anders mit den Dünen, anders mit den Schilfen des Strands.</p>
<p>Tiere und Roboter können sich nicht selbst mißtrauen, verachten und hassen.</p>
<p>Die Aushöhlung der Mechanismen der Auslese führt zur Verdummung der Eliten und zur allgemeinen Nivellierung des ästhetischen Geschmacks.</p>
<p>Cultura facit saltus.</p>
<p>Der Charakter des Mannes spiegelt sich im urtümlich-anonymen Gewimmel der luxuriös verschwendeten Samenzellen; der Charakter der Frau in der physiologischen Hut und der beschränkten Anzahl der zur Befruchtung vorgesehenen Eizellen. – Aggressivität, Heroismus und Abenteuerlust des Mannes sind ebensowenig ein kulturelles Konstrukt wie die Vorsicht, Sanftmut und Liebes- und Bindungsfähigkeit der Frau.</p>
<p>Flatus diaboli. Was Kain verübte, kann nicht ohne Einflüsterung Satans geschehen sein.</p>
<p>Das Mal der Seele läßt sich nicht wegschminken.</p>
<p>Die tausendfach bezeugte Tatsache des Ethnozids bestätigt die Bedeutung ethnischer Identität.</p>
<p>Mors ultima Musa.</p>
<p>Mittels eines Pakts mit dem Satan wähnt der vertriebene Mensch, ihm werde das Tor zum Garten Eden wieder aufgetan.</p>
<p>Klingt die dämonisch inspirierte Musik eines Adrian Leverkühn nicht himmlisch?</p>
<p>Das Spezifikum der Conditio humana bekundet sich in der Tatsache, daß nur der Mensch, nicht aber das Tier (geschweige denn der Roboter) geisteskrank werden kann.</p>
<p>Die Geisteskrankheit und die Neurose gleichen der zerrissenen oder durchlöcherten Aura des menschlichen Leibes.</p>
<p>Große Dichtung ist durchhaucht von der Aura des menschlichen Leibes, ihre Rhythmen sind seine Rhythmen.</p>
<p>Der gestörte, unterbrochene, diffus gewordene Rhythmus, ob des menschlichen Leibes oder der Dichtung, ähnelt dem Stottern und allmählich verstummenden Glucksen einer Quelle.</p>
<p>Enttäuschte kindliche Gemüter wähnen, vor dem gänzlichen Erlöschen der christlichen Glaubensglut zu den alten heidnischen Gottheiten flüchten zu können. Doch wie lächerlich, im Zeitalter forstwissenschaftlich gehegter Wälder und globaler Elektrifizierung in die Haine Dianas zurückkehren oder im Donner wieder das Grollen Thors vernehmen zu wollen.</p>
<p>Die neuheidnischen Bewegungen der vorletzten Jahrhundertwende gipfelten entweder in wenig graziösen Tänzen nackter Vegetarier oder mündeten im Judenhaß.</p>
<p>Im Jammertal wird das Holz des Heiles nicht ergrünen.</p>
<p>„Komm!“, „Geh weiter!“, „Hier entlang!“, „Achtung, dort lauert der Feind!“ – solche und viele Aufforderungen und Mitteilungen dieser Art vermag die menschliche Geste stumm auszudrücken; sie in Worte zu fassen scheint dann nur wie ein kleiner Sprung.</p>
<p>Der Abstand, den wir unwillkürlich von Mensch zu Mensch einzunehmen pflegen, ist instinktiv vorgeprägt; im natürlichen oder konventionellen Umgang zwischen Mutter und Kind, Freunden und Liebenden oder Arzt und Patient verringert er sich auf ein Minimum, ohne daß die Leine der Scham, der Ehrfurcht oder Angst an uns zerren würde.</p>
<p>Lesen wir Puschkins „Eugen Onegin“, „Väter und Söhne“ von Turgenjew oder die Erzählungen von Tschechow, meinen wir, Rußland gehöre zur europäischen Kultur; verstört und bezaubert von den „Brüdern Karamasow“ oder den „Dämonen“ Dostojewskis fühlen wir uns in asiatische Steppen versetzt.</p>
<p>Zeichen titanischer Europäisierung war die Gründung von Petersburg durch seinen Namensgeber Zar Peter den Großen; Zeichen der Rückkehr zu den asiatischen Ursprüngen war die Umbenennung der Stadt unter den roten Zaren.</p>
<p>Zeichen der Abkehr von der Rezeption der Antike in Architektur, Dichtung und Kunst sind der Verfall des künstlerischen Geschmacks in den Betonwüsten der Städte und die Verkümmerung des Studiums der antiken Sprachen und Kunstwerke an Schulen und Hochschulen sowie die zunehmende Mißachtung oder Diskreditierung klassischer Autoren, deren Formenstrenge sich am Vorbild von Ode und Elegie maß.</p>
<p>Wer an Gestalten wie Rudolf Borchardt, Gottfried Benn oder Ernst Jünger misogyne, homophobe und bellophile Wirkungen des Giftes toxisch-weißer Männlichkeit diagnostiziert, darf sich der berechtigten Hoffnung hingeben, hohe mediale Aufmerksamkeit oder akademische Würden zu erlangen.</p>
<p>Insekten bilden nur in einem schwachen analogen Sinne Staaten, nicht im faktischen; denn ihren Gemeinschaften fehlt die Institution des staatlich verankerten und sanktionierten Gesetzes. Die wachhabende Ameise, die ihren Staat nicht mehr wehrhaft unter Einsatz ihres Lebens vor feindlichen Eindringlingen verteidigt, begeht im Gegensatz zum Politiker, Soldaten und Offizier keinen mit der Kapitalstrafe zu ahndenden Hochverrat, sondern leidet unter einem den Instinkt beeinträchtigenden physiologischen Defekt.</p>
<p>Tugend impliziert die Möglichkeit des Lasters.</p>
<p>Sind Bienen fleißig? Ist ihr Verhalten als Emsigkeit und Opferbereitschaft zu beschreiben, wie es Vergil in seinen Georgica tat, um es als Vorbild römischer Staatsethik zu verklären? – Wären Bienen fleißig,<br />
könnten sie tun, was ihnen ihr Instinkt verwehrt, nämlich, sich auch einmal am Nektar der Blüte egoistisch gütlich tun, statt ihn unversehens ins Nest zu transportieren, sie könnten einen Tag lang den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, ohne die Quelle ihres heimlichen Genusses den Schwestern getreulich und dienstbeflissen mitzuteilen.</p>
<p>Die Dummheit der Evolutionspsychologen wird nur noch übertroffen von der Begriffsblindheit der naturalistischen Philosophen.</p>
<p>Die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks kann nicht in Aussagen über physische und neuronale Muster übersetzt werden.</p>
<p>Der Affe im Zoogehege weiß nicht, daß sein Pfleger lächelt, auch wenn er die veränderten Gesichtszüge wahrnimmt, auch dann nicht, wenn er sich auf eine Weise verhält, als wüßte er es.</p>
<p>Naturalistische Philosophen verwechseln sprachliche Kommunikation mit Verhaltensreaktionen auf visuelle oder akustische Wahrnehmungsreize. – Sie unterstellen, die Wahrnehmung des Klingeltons interpretiere der Hund als Zeichen, daß es etwas Leckeres zu fressen gebe. Doch wenn der erwartete Leckerbissen ausbleibt, fragt sich der Hund nicht, ob er das Zeichen mißverstanden oder sich seine Bedeutung geändert hat.</p>
<p>Die Absonderung von Speichel ist keine Form der Erwartung, sondern das Symptom des bedingten Reflexes. – Erwarten wir den Besuch eines Freundes, sind wir nicht enttäuscht, wenn statt seiner ein Bekannter klingelt und uns mitteilt, der Freund könne nicht kommen, denn er liege krank danieder, sondern wir sind besorgt. Wir sagen nicht: „Ach, wie dumm!“, sondern: „Laß uns gemeinsam einen Krankenbesuch machen!“</p>
<p>Wir klären die Begriffe, indem wir sie gleichsam in modellartigen Versuchsanordnungen anwenden.</p>
<p>Der Versuch, Begriffe aus der Sphäre der Sittlichkeit wie Tugend und Laster oder des Rechts wie Vergehen und Strafe auf natürliche Tatsachen und Ereignisse anzuwenden, muß begriffsnotwendig scheitern; es sei denn, es handele sich um Formen des Mythos oder um dichterische Metaphern.</p>
<p>Das Licht der Wahrheit hat keine Wellenlänge.</p>
<p>Die Sonne der dichterischen Welt haben wir nur im farbigen Abglanz metaphorischer Wendungen und Bezüge, das Licht der poetischen Aussage erfassen wir im wandernden Schatten übertragener Bedeutungen.</p>
<p>Die Wahrheit des menschlichen Daseins enthüllt sich uns in den Formen und Mustern, in denen sich unsere leibgebundene Gegenwart kundtut.</p>
<p>Die Seele ist die Aura des Leibes.</p>
<p>Ihr war seine Gegenwart wie ein lastender Schatten; betrat sie den Raum, schien es heller zu werden.</p>
<p>Sein glasig-abwesender Blick schien alles Bitten und Flehen von sich abgleiten zu lassen.</p>
<p>Wir können, was menschliches Leben bedeutet, nicht physiologisch ableiten, allenfalls physiognomisch.</p>
<p>Der Geschmack der Madeleine, der Proust unwillkürlich die Erinnerung an seine Kindheit aufschließt, ist nicht der Geschmack der Speise, die unser Heißhunger hinabschlingt.</p>
<p>Der Schmerz um die verlorene Liebe ist dem Phantomschmerz nicht unähnlich.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Auf verlorenem Posten</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Mar 2024 23:07:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Auf verlorenem Posten Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Denunziatorisch gesinnte Banausen lesen keine Bücher, sie schnüffeln darin. Sagt man „Kafka“, kommt als konditionierter Reflex aus dem Mund des braven Schülers und Adepten des Zeitgeists: „Ach, der tyrannische Vater!“ Gregor Samsa, der Käfer – „Symbol der Entfremdung menschlicher Beziehungen in der patriarchalischen Familie“ (oder ebenso glatt von der Zunge „der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-verlorenem-posten/">Auf verlorenem Posten</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Denunziatorisch gesinnte Banausen lesen keine Bücher, sie schnüffeln darin.</p>
<p>Sagt man „Kafka“, kommt als konditionierter Reflex aus dem Mund des braven Schülers und Adepten des Zeitgeists: „Ach, der tyrannische Vater!“ Gregor Samsa, der Käfer – „Symbol der Entfremdung menschlicher Beziehungen in der patriarchalischen Familie“ (oder ebenso glatt von der Zunge „der kapitalistischen Gesellschaft“).</p>
<p>Die Kulturbetriebsschickeria sendet ihre Schnüffler, Scharlatane und Denunzianten aus, um aus dem Schrank eines Kafka die schmutzige Wäsche herauszuwühlen, unter der ledernen Zwangsmaske des Tübinger Psychiaters Autenrieth Hölderlin nachzufühlen und nachzuäffen und vor der Schwarzwaldhütte bei Todtnauberg den Abdruck des Klumpfußes aufzuspüren.</p>
<p>Wie den Ursprung der Sprache verkennt, wer ihn in der Wortgebung des Schreis oder der Interjektion zu finden meint, banalisiert und trivialisiert einer denjenigen der Dichtung, der sie als bloßen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls oder gar einer gefühlvoll metaphorisch ummäntelten moralischen Haltung betrachtet.</p>
<p>Sine ira et studio – das Gebot der Enthaltsamkeit von spontanen Sympathien und Ressentiments gegenüber den dargestellten Akteuren oder moralisch imprägnierten Stellungnahmen hinsichtlich der dargestellten Entscheidungen und Begebenheiten des nüchternen Historikers.</p>
<p>Soll man aufdringlich betonen, es habe sich um die Entscheidung eines grausamen, niederträchtigen und blutrünstigen Gewaltherrschers gehandelt, die zur Hinrichtung der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg führte? Allerdings: Konnte man von diesem Herrscher anderes erwarten, etwa, daß er, moralisch erschüttert durch die heroische Tat dieser Männer, sich eines Besseren besonnen hätte und vom Amt zurückgetreten wäre? Dies scheint ebenso lächerlich wie das erstere eitel.</p>
<p>Das Gedicht kann als Form der von den Romantikern so genannten „Gemütererregungskunst“ wirken, ohne daß sein Verfasser sich solcher Erregung hingegeben haben müßte.</p>
<p>In eine Maus verwandelt gibt das Wort der Dichtung, bang vor der Katze der öffentlichen Meinung, nur noch ein leises, unverständliches Fiepen von sich.</p>
<p>Zwei, drei Generationen, von Catull über Horaz und Vergil bis Ovid, das war der Höhepunkt der lateinischen Dichtung im Goldenen Augusteischen Zeitalter. Ziehen wir sodann die Linie vom Göttinger Hain bis zur Weimarer Klassik und fragen: Ist dies eine Analogie im Sinne der historischen Morphologie eines Oswald Spengler? – Erhebliche Zweifel melden sich an, angesichts der Unvergleichbarkeit der Sprachen und Kulturen ebenso wie der grundverschiedenen poetischen Darstellungsmittel.</p>
<p>Klopstock hat die antiken Odenmaße der deutschen Sprache einzuverleiben gestrebt, aber anders als die harmonische und sinnfällige Übertragung der griechischen Metren in die lateinische Sprache durch Horaz drückte die deutsche bisweilen der enge Schuh, sodaß sie in freien Rhythmen das Weite suchte.</p>
<p>Man kann Dichtung nicht einzig auf der Grundlage von historisch-biographischen Daten ableiten und verstehen. – Wir haben nur dürftige und oft fragwürdige Splitter aus der Überlieferung über das Leben der Sappho; doch verstehen wir, obwohl es sich wie meist um ein Fragment handelt, jene Verse, in denen das dichterische Ich in einer priesterlichen Maske die Göttin Aphrodite hymnisch anruft, sich in dem Hain zu offenbaren, wo Apfelbäume und Rosen blühen, Weihrauch auf Altären emporsteigt und edler Wein für sie bereitsteht, den die Göttin selbst mit Nektar vermischt den Eingeweihten des Thiasos einzuschenken aufgefordert wird.</p>
<p>Nennt man vollmundig Kafka einen Dichter der Moderne, mag man vielleicht darauf hinweisen, daß in der Tat der Landvermesser im „Schloß“ zu einer neuesten technischen Errungenschaft, dem Telefon, greift; doch was er vernimmt, wenn er in die Muschel lauscht, sind geisterhafte Stimmen. – Schon die antiken Dichter vernahmen solche oder ähnliche Stimmen im Rauschen des Wassers und im erregten Laubwerk der Bäume.</p>
<p>Wir Kinder wähnten, im Summen der Hochspannungsleitungen die Stimmen fremder Sprachen aus Übersee zu erlauschen.</p>
<p>Das Ende der Dichtung ist besiegelt, wenn die technokratische Herrschaft des Weltimperiums, um das Ideal der Gleichheit zu verwirklichen, den Säuglingen nach der Geburt einen Chip ins Hirn implantieren läßt, der sie im Fühlen, Denken und Sprechen mit den Angehörigen ihrer jeweiligen sozialen Gruppe auf gleiche Wellenlänge einstimmt.</p>
<p>Das auditive Gedächtnis des Dichters – der Bienenkorb eines kaum durch den Schlaf unterbrochenen Summens und Singens fremder Stimmen, des Seufzens und Klagens der Abwesenden und Toten.</p>
<p>Ein wenig Klarheit oder der Anschein von Verständlichkeit stellt sich ein, wenn sich eine Stimme vordrängt und diktiert, was der überwältigte oder überrumpellte Schreiber demütig oder resigniert zu Papier bringt.</p>
<p>Der sublime dichterische Stil eines Vergil und Horaz nährt sich von der syntaktischen Sperrung von Hauptwort und Bezugswort, zwischen denen sich der Ausblick auf fernere Lichter, Schatten, Stimmungen der Seele auftut. Die Sperrung kann auch wie ein sprachlicher Kontrapunkt wirken, wenn in den Zwischenräumen Bedeutungen auftauchen, die einen Schatten auf das Ausgesagte werfen.</p>
<p>Die wallende Gewandung und ihre wechselnde Färbung und Musterung in den metrisch gezügelten oder gelockerten Rhythmen eines Goethe oder Brentano und das fadenscheinig-blasse oder steifleinene Vers-Hemd zeitgenössischer Literaten.</p>
<p>Heute, nach Dezennien der Schmähung und Diskreditierung der väterlichen Autorität und der sogenannten bürgerlichen Familie als Hort der Finsternis und des Traumas, mutet uns Kafkas Erzählung „Das Urteil“, wenn man sie, wie von geistlosen Literaturwissenschaftlern oder ideologischen Moralisten nicht anders zu erwarten, auf den außerliterarischen Stoff reduziert, abgestanden und fade an. – Anders ihr sprachlicher Ausdruck, insofern er mit dem Rätselhaften und vom Verstand nicht Faßbaren ringt.</p>
<p>Aufgrund der Überzüchtung des Verstandes, wie sie die zeitgenössischen Curricula in Schule und Hochschule im Zeichen von Digitalisierung und KI vorantreiben, verkrüppeln das Gemüt und die intuitiven Begabungen des Menschen auf Insektenmaß.</p>
<p>Manche Verse, wie von Verlaine oder Trakl, sind geflügelten Küssen gleich, Falter, die an exotisch-fremdartigen Blüten saugen, um trunken zur Erde zu stürzen und zu sterben.</p>
<p>Eine Wanze, durchs Mikroskop betrachtet, wirkt monströs.</p>
<p>Auch die Grenze des Verstehbaren können wir fühlbarer, rätselhafter, bedrohlicher auf uns wirken lassen; etwa als nur zeigbare, nicht sagbare Grenze der Sprache oder als Deus absconditus.</p>
<p>Die Sprache bietet mehr Möglichkeiten, vom lichten Pfad des Verstehens und der Verständigung in das dunkle Dickicht und den Wald voller Rätsel abzuirren, als uns guttut.</p>
<p>Maße des dichterischen Rhythmus finden wir im Herzschlag, im Atemholen, im Wechsel von Wachen und Schlafen, von Gedanke und Traum, von Tag und Nacht, von Ebbe und Flut, von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in der Spannung von Schwerkraft und Licht, Nähe und Ferne, in den Mondphasen und Sternenzyklen, in der Wechselrede von Herz und Hirn und vielem mehr.</p>
<p>Das seiner Umgebung allzu entrückte Wort beginnt zu schillern, setzt eine Art metaphysischen Grünspan an und wird unverständlich wie „Bedeutung“, „Sinn“, „Sprache“ und „Geist“.</p>
<p>Die römischen Begriffe populus und natio spiegeln einander; sie sind vorstaatliche Prägungen des sozialen Lebens. Völker gründen Staaten, Staatsangehörigkeit kann ethnische Identität nicht tilgen; die Kurden sind ein Volk, auf drei Staaten verteilt, das sich zu behaupten und einen eigenen Staat zu gründen bestrebt ist.</p>
<p>Das ethnische Substrat der Völker bildet ein eigentümliches individuelles Ethos aus, das ihre Lieder, ihre Mythen, ihre Epen färbt und ihre malerischen und plastischen Erzeugnisse atmosphärisch umhüllt: die ionische Färbung der homerischen Epen; die ethnisch-kulturelle Aura der griechischen Säulenordnung – dorisch, ionisch, korinthisch.</p>
<p>Mag es uns allgemeines Stirnrunzeln der erwachten Gutmenschen einbringen, wenn wir der Idee der Weltgesellschaft unter der Herrschaft der Trikolore mit Mißtrauen begegnen, die Bedeutung des ethnischen Substrats und der Polarität der Geschlechter als Bedingung der sinnvollen Rede vom Volk und der Liebesdichtung vom Minnesang bis Goethe und des romantischen Lieds nicht abzuschütteln vermögen oder den Gipfelschnee der poetischen Achttausender zu betreten nur den Bergsteigern vorbehalten, die sie unter Inkaufnahme hoher Risiken erklimmen, wir wissen, wir stehen auf verlorenem Posten, es mutet an wie der heroisch-imaginäre Kampf des Don Quijchote: komisch, grotesk und vergeblich.</p>
<p>An der Schneegrenze überrascht den einsamen Wanderer der Enzian mit seiner wundersamen Pracht, deren Schönheit gleichsam dem menschlichen Auge abgewandt ist.</p>
<p>Schiller konzipierte seine Gedichte in Prosa, die sich oft schon in versrhythmische Kola gliederte, doch flocht er die Reime zumeist nachträglich ein; Goethe strömten die Reime unwillkürlich wie Seerosen auf den Wellen des Rhythmus dahin.</p>
<p>Die lyrische Dichtung ist anders als das Epos strophisch gegliedert; die reichste Entfaltung deutscher Strophik der Neuzeit vom vierzeiligen Volksliedton über die sechszeilige Strophe bis zur achtzeiligen Stanze finden wir bei Goethe und den Romantikern; bei Heine schon und später im Expressionismus sehen wir den Formenreichtum auf meist vierzeilige Gebilde geschrumpft oder gänzlich überwuchert und aufgelöst. – Die Strophe aber ist keine äußerliche Klammer, sondern hat ein eigenes Ethos, eigene Aussage- und Strahlkraft; anders der fließende Volksliedton bei Eichendorff und Brentano, anders die schweren Quader der Marienbader Elegie Goethes.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Aus den Angeln</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/aus-den-angeln/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Mar 2024 23:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Aus den Angeln Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Sinn: weder Faktum noch Konstrukt. Jemand, der trotz faktischer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht als Frau angesprochen zu werden wünscht, ist entweder krank oder der deutschen Sprache nicht mächtig. Wir werden einen, der eine Fichte als Tanne bezeichnet, aufgrund des Hinweises auf gewisse botanische Merkmale eines Besseren belehren. Benennungen oder im Jargon [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/aus-den-angeln/">Aus den Angeln</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Sinn: weder Faktum noch Konstrukt.</p>
<p>Jemand, der trotz faktischer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht als Frau angesprochen zu werden wünscht, ist entweder krank oder der deutschen Sprache nicht mächtig.</p>
<p>Wir werden einen, der eine Fichte als Tanne bezeichnet, aufgrund des Hinweises auf gewisse botanische Merkmale eines Besseren belehren.</p>
<p>Benennungen oder im Jargon gesprochen performative Sprechakte sind korrigierbar.</p>
<p>Zu glauben, performative Sprechakte machten, was sie benennen, allererst zu einem Faktum, gilt nur bei Benennungen bestimmter sozialer Institutionen, beispielsweise der Freundschaft; nenne ich Hans nicht mehr meinen Freund, ist es mit der Freundschaft vorbei. – Ansonsten, wie im Falle physikalischer und biologischer Tatsachen, ist die Annahme, der Name bringe das Benannte ans Licht der Welt, eine Form magischen Denkens.</p>
<p>Was wir Sinn, Bedeutung und Norm nennen, ist keine natürliche Tatsache; der Evolutionsbiologe, mag er auch eine weltweit anerkannte Koryphäe seines Fachgebietes sein, der behauptet, aus der Lehre Darwins folge, daß der Sinn des Lebens, also auch des menschlichen, in der Optimierung der biologischen Fitness bestehe, ist ein philosophischer Kretin.</p>
<p>Wenn die polygame Lebensweise des Mannes darwinistisch betrachtet von größerem biologischem Vorteil ist als die monogame (mit mehreren Frauen können eben mehr Nachkommen desselben genetischen Musters erzeugt werden), folgt daraus nicht, daß wir, eingeschüchtert durch das pseudophilosophische Geschwätz eines die Grenzen seines Fachgebiets hochnäsig überschreitenden Meisterdenkers, am sozialen Sinn der abendländischen Errungenschaft der Einehe verzweifeln müßten.</p>
<p>Wären normative Gehalte wie Treue, Fürsorgepflicht, Verantwortung und Opferbereitschaft nichts als ein Ausdruck natürlicher Anlagen, müßten sie nicht in Gesetzestafeln gemeißelt, in moralischen Kodizes aufgeführt, gelernt und verinnerlicht werden.</p>
<p>Erwiesen sich die Zurückhaltung und Rücksichtnahme eines Menschen als Ausdruck pathologischer Schüchternheit oder als Form von Masochismus, wären wir ihm nicht zur Dankbarkeit verpflichtet.</p>
<p>Die menschliche Sprache ist ein sowohl faktisches wie normatives Gebilde.</p>
<p>Das grammatische Faktum der deutschen Sprache zu leugnen, daß Substantivbildungen wie „der Lehrer“, „der Arzt“, „der Kunde“, „der Fahrer“ oder „der Bürger“ das natürliche Geschlecht der jeweils benannten Person nicht markieren, ist entweder ein Ausdruck von Dummheit oder ideologischer Verblendung. Ausdrücke dieser Art künstlich und zwanghaft zu sexualisieren („die Büger:innen“) verformt das grammatische Skelett der Sprache und ist somit normwidrig.</p>
<p>Die obszöne Sexualisierung der Sprache ist keine konventionelle Bereicherung ihres Wortschatzes, sondern eine Deformation ihrer grammatischen Struktur.</p>
<p>Der Sprachgeist, der uns gegenwärtig anweht, ist giftig und verursacht Brechreiz.</p>
<p>Der lyrische Rhythmus haucht dem alltäglichen Wort Anmut und Würde ein.</p>
<p>Dichtung vermag das gewöhnliche Wort in eine außergewöhnliche, ja transzendente Atmosphäre zu tauchen.</p>
<p>Der heutzutage beliebte unreine Reim ist ein Ausdruck der Verlegenheit und der Resignation angesichts der Verschmutzung der medial geschändeten Sprache.</p>
<p>Das grammatische Genus für ein geschlechtliches Wesen zu halten blieb den illiteraten Narren des Zeitgeistes vorbehalten.</p>
<p>Allgemeinbegriffe wie Verantwortung, Feindschaft oder Liebe sind Verdichtungen und Kristallisationen von Tätigkeiten. So ist ja Liebe, was Eltern tun, die sich um ihre Kinder kümmern.</p>
<p>Das alte Rom hatte einen sublimen Sinn nicht nur für Abstraktionen, sondern auch für ihre Personifikation. – „Bonus Eventus“ bezeichnet eine ländliche Gottheit, der man für einen guten Ernteertrag Dankopfer darbrachte.</p>
<p>Dummheit folgert aus der Nachricht, daß der Bankräuber eine Geisel genommen habe, es müsse sich dabei um eine Person weiblichen Geschlechts handeln.</p>
<p>Allerdings, als mythische Wesen und als Gottheiten personifizierte Allgemeinbegriffe wie „die Horen“, „die Musen“. „die Parzen“, „die Eumeniden“ oder Allegorien wie „Caritas“, „Bona Fides“, „Spes“ und „Iustitia“ sind Feminina – und diese grammatische Eigenschaft verdankt sich gewissen natürlichen Eigenarten des weiblichen Geschlechts.</p>
<p>Die neuronale Struktur der Sprachzentren des menschlichen Gehirns hat keine Ähnlichkeit mit der grammatischen Struktur der menschlichen Sprache.</p>
<p>Grammatiken sind keine bloß konventionellen Gebilde, auch wenn die artikulierten Laute in Bezug auf die gemeinten realen oder irrealen Gegenstände mit Ausnahme der Onomatopoesien konventionell sind. Sie wurzeln tiefer, beispielsweise im Thymos, im Ethos und der Weltsicht der Sprecher.</p>
<p>Es gibt gereimte und ungereimte Gedichte; aber es ist kein Zufall, daß die antiken Sprachen aufgrund der quantitativen Silbenmessung die ungereimten lyrischen Gattungen der Ode, der Elegie und des hexametrischen Epos ausgebildet haben, die akzentuierenden germanischen und romanischen Sprachen aber den Stabreim und den Endreim.</p>
<p>Grammatische Formen ermöglichen uns, nicht nur konkrete und abstrakte Gegenstände und Ereignisse zu bezeichnen, sondern auch, sie in temporale, modale und logische Bezugssysteme einzuordnen.</p>
<p>„Die gestrige Examensprüfung hat der Student bestanden.“ – „Daß der Geselle die morgen anberaumte Meisterprüfung bestehen wird, darf er wohl hoffen, weil er sich hinreichend darauf vorbereitet hat.“ – „Obwohl er fleißig gebüffelt hat, wurde dem Schüler die Klausur zu einem Debakel.“ – „Hätte der Kandidat nur eifrig gepaukt, wäre er nicht durch die Prüfung gefallen.“</p>
<p>Insbesondere die grammatische Möglichkeit zur Bildung des irrealen Konditionalis ist ein Eckstein für das philosophische Leistungsvermögen unserer Sprache. – Beispiel: Wären die Anfangsbedingungen der Entstehung des Kosmos um ein Jota von den tatsächlichen abgewichen, würden wir nicht existieren.</p>
<p>Je stärker das Gefälle, umso heller rauschend der Strom. – Die Steigerung des dichterischen Ausdrucks ist eine Funktion der Beschränkung seiner metrisch-rhythmischen Bedingungen.</p>
<p>Wir können das Präsens als unmarkiertes Tempus verwenden; so wenn wir sagen: „Wir sind miteinander befreundet“ oder „Ich pflege in der Nacht zu schreiben.“ In der Dichtung finden wir den Gebrauch des Präsens als Form der Evokation einer unbestimmten, unwirklichen, ja traumhaft zeitlosen Gegenwart, wie etwa bei Stefan George:</p>
<p><em>Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten ·<br />
Indes der drüben noch im lichte webt ·<br />
Der mond auf seinen zarten grünen matten<br />
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.</em></p>
<p>Die Dichtung vermag die Sprache gleichsam aus den Angeln der temporalen und logischen Alltagsverortung zu heben. – Daher ist sie den Zwängen und Engen der Alltagsprosa entrückt, deren Pforten leicht zu öffnen, aber auch zu schließen sein müssen, aus welchem Grund sie in den festen Angeln grammatisch-logischer Strukturen aufgehängt sind.</p>
<p>Wenn indes prosaische Geister die Sprache aus den Angeln der Grammatik heben, ist das Ergebnis alles andere als poetisch.</p>
<p>Die Sprachquader eines Livius, Caesar, Sallust oder Tacitus; der Quark, der aus den Spalten der Gazetten quillt.</p>
<p>In vielem ähneln die Psychiatrie und die Psychoanalyse einer rationalisierten Form des Exorzismus.</p>
<p>Die Pschoanalye ist der vergebliche Exorzismus jener Geister, die sie selbst heraufbeschworen hat.</p>
<p>Es sind die alten, aus dem gelichteten Wald der Aufklärung geflohenen Geister und Dämonen, die im Dickicht kranker Nerven und im verhedderten neuronalen Netzwerk des Psychotikers Unterschlupf gefunden haben. Dort hört er sie wimmern und klagen oder muß schmerzhaft fühlen, wie sie verzweifelt an seinen Empfindungsfasern zerren.</p>
<p>Die groteske Epiphanie der Musen im Stimmenhören des Wahns.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Faden und Knoten</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/faden-und-knoten/</link>
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		<pubDate>Thu, 08 Feb 2024 23:01:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Faden und Knoten Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Das leicht verständliche Bewegtbild setzt sich ja, ohne daß wir es bemerkten, aus vielen Einzelbildern zusammen. Das einzelne Bild in der Filmrolle ist uns dagegen ein Rätsel – oder noch weniger als dies. Fröre die Geste plötzlich ein, verstünden wir sie nicht; oder mißverstünden wir sie. Der Satz oder die satzartige [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/faden-und-knoten/">Faden und Knoten</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Das leicht verständliche Bewegtbild setzt sich ja, ohne daß wir es bemerkten, aus vielen Einzelbildern zusammen. Das einzelne Bild in der Filmrolle ist uns dagegen ein Rätsel – oder noch weniger als dies.</p>
<p>Fröre die Geste plötzlich ein, verstünden wir sie nicht; oder mißverstünden wir sie.</p>
<p>Der Satz oder die satzartige Äußerung müssen, um verständlich zu sein, eine abgeschlossene semantische Gestalt bilden, nicht unbedingt eine vollständige grammatische Gestalt. Denn „Bitte schön!“ oder „Wie bitte?“ genügt schon.</p>
<p>Er hat im Schlaf gesprochen. – Wirklich? Können wir von Sprache reden, wo wesentliche Bedingungen sprachlicher Äußerungen fehlen? Einer bittet im Traum den Partner, der ihn verlassen hat, zu ihm zurückzukehren. Aber dies ist keine echte Bitte; eine echte Bitte kann bewilligt oder abschlägig beschieden werden.</p>
<p>Was im Traum gesprochen wird, hat nicht das semantische Gewicht der alltäglichen Rede; mag es auch bisweilen hohen symbolischen Rang einnehmen (Wahrsageträume, Träume in der griechischen Tragödie, in der Bibel).</p>
<p>Über stumme Dinge reden, ohne ihren ontologischen Rang zu verzerren.</p>
<p>Man sagt, ein Bild habe einen angesprochen. Eine verfängliche Metapher.</p>
<p>Sätze als Bilder der Sachverhalte verstehen, die sie meinen, ist der erste, fatale Schritt in die semantische Mythologie.</p>
<p>Das Bild der Rose zeigt die Rose, das Wort „Rose“ zeigt nichts. Die Aussage „Diese Rose ist weiß“ zeigt nichts, auch wenn sie in der gegebenen Situation wahr sein mag.</p>
<p>Es ist augenfällig, daß negative Aussagen wie „Der Regen hat aufgehört“ nichts zeigen, aber je nach Lage der Dinge entweder wahr oder falsch sein können.</p>
<p>Die stumme Geste, jemandem die Tür aufzuhalten, ist aus sich heraus verständlich, nämlich als Akt höflichen Entgegenkommens. Dabei „Bitte sehr“ zu äußern verstärkt die stumme Geste. Doch „Bitte schön!“ zu sagen, ohne die Höflichkeitsfloskel in den Rahmen einer Geste einzufügen, bedeutet nichts.</p>
<p>„Er hatte furchtbare Schmerzen.“ – Wir wissen nicht, was das heißen soll. Steht der Satz in einem Roman, wissen wer, daß er nicht wahr ist, denn er handelt von fiktiven Schmerzen einer fiktiven Figur; freilich kann er äußerst sinnvoll sein. Finden wir den Satz in einem Tagebuch, können wir seine Wahrheit unterstellen, falls es von einem seriösen Menschen geführt worden ist, der unter einem bestimmten Datum vom Leiden seines Freundes berichtet.</p>
<p>„Der Mond ist der einzige Erdtrabant.“ Ist dieser Satz immer wahr, gleichgültig, wo er steht, von wem er geäußert oder gedacht wird? (Diese Annahme bildet den ersten, fatalen Schritt in den semantischen Idealismus.) – Wäre der Satz die deutsche Version einer Äußerung des Bewohners eines erdähnlichen Planeten in einem entfernten Sonnensystem, der keinen Mond hat, wäre er falsch.</p>
<p>„Ich mußte den ganzen Tag an ihn denken.“ – Was heißt das? Gibt es im Geist eine Art inneren Kompaß, der einen Tag lang in diese bestimmte Richtung gezeigt hat?</p>
<p>An etwas denken heißt nicht etwas denken.</p>
<p>Glauben, hoffen, befürchten und erwarten haben einen anderen zeitlichen Horizont als Sehen und Hören.</p>
<p>Ein kurzes Aufleuchten des Gesichts genügt, um sagen zu können: „Sie hat gelächelt.“ – Wie lange muß man unruhig im Zimmer auf- und abgehen, wie oft aus dem Fenster schauen, daß ein Beobachter sagt: „Er wartet auf jemanden“? – Aber er kann auf jemanden warten und ganz ruhig dasitzen und in seinem Buch lesen.</p>
<p>Wir müssen den Gegenstand unseres Glaubens, Erwartens, Hoffens und Befürchtens nicht wie eine noch so schwache Phantasie unentwegt vor unser geistiges Auge halten.</p>
<p>Wir können den Bauplan des Lebewesens nachzeichnen, indem wir seine DNA im Labor analysieren. Um den Bauplan der menschlichen Seele nachzuzeichnen, steht uns kein Labor zu Verfügung. – Doch gibt es so etwas wie den Bauplan, die Gliederung, die Struktur der menschlichen Seele.</p>
<p>Können wir die Seele analysieren, in ihr lesen wie in einem Buch, darin blättern? In welcher Sprache ist es geschrieben?</p>
<p>Wir haben nur den Leitfaden unserer gewöhnlichen psychologischen Begriffe wie Glauben, Erwarten, Hoffen und Befürchten oder Beabsichtigen – oder ist er ein Fadenbüschel, ist er ein Netz aus Fäden, die sich an gewissen Stellen verknoten? Gibt es Grundbegriffe und davon abgeleitete Begriffe?</p>
<p>Nähmen wir mit den idealistischen Philosophen an, das Bewußtsein, das Selbstbewußtsein, die Subjektivität oder das transzendentale Ego sei ein Grundbegriff. Indes, können wir psychologische Begriffe wie Hoffen, Befürchten und Erwarten auf ihn beziehen, von ihm ableiten? – Ich glaube, hoffe, befürchte, erwarte, daß mich heute mein Freund besuchen wird. Bin ich mir der Tatsache, daß ich in den genannten seelischen Zuständen bin, die ganze Zeit über bewußt, jede Minute, jede Sekunde?</p>
<p>Ich habe den Tag über dies und jenes unternommen, an dies und jenes gedacht – und dennoch kann ich sagen, ich habe den ganzen Tag lang auf die Ankunft meines Freundes gewartet (sie erhofft oder befürchtet).</p>
<p>Man könnte sagen, der Faden der Befürchtung oder Hoffnung schlingt sich hier um den Faden der Erwartung, ohne daß sich beide mit den Fäden anderer seelischer Zustände berühren oder gar verknoten.</p>
<p>Naturalistische Philosophen glauben, alle seelischen Zustände, alle psychologischen Begriffe auf einen psychologisch primitiven oder elementaren Zustand und Grundbegriff zurückführen zu können. –<br />
Eín Modell dieses Verfahrens bildet bekanntlich die Psychoanalyse mit der Annahme des sexuellen Triebs oder Begehrens als des elementaren Begriffs. Der Trieb ist hier nicht das bewußte erotisch-sinnliche Verlangen, sondern eine unbewußte Struktur, die sich allerdings in allerlei Maskeraden des Bewußtseins gefällt, wie sich insbesondere an Fehlleistungen und Traumbildern, an die wir uns erinnern, zeigt.</p>
<p>Wittgenstein machte Anstalten, die aufgeregte Diskussion im Wiener Kreis vorzeitig zu verlassen; der Gastgeber versuchte ihn aufzuhalten; er fragte ihn, warum er schon so früh gehen wolle. Wittgenstein gab zur Antwort: „Der Lärm und die aufgeheizten Reden stören mich, ich gehe nach Hause, denn ich bin im Moment sehr ruhebedürftig.“ – Die Antwort fußt auf einer Begründung, deren Berechtigung man nicht anfechten kann. Wittgensteins Absicht zu gehen ist für diese Gründe gleichsam transparent; sie ist keine Maske für etwas „Tieferes“, das sich der oberflächlichen Kenntnisnahme entzöge. – Natürlich könnte der Philosoph die genannten Gründe nur vorgeschoben haben, um seine eigentliche Absicht zu verbergen, etwa um eine Verabredung mit einer in diesem Kreis unbeliebten Person einzuhalten; doch dann wäre die vorgeschobene Absicht, hach Hause zu gehen, nicht die Maske der wahren, sondern ihre schlichte Verhüllung.</p>
<p>Die Erklärung des Bewußtseins als Protuberanz oder Maske des Unbewußten ist nicht weniger mythologisch als die Annahme, die Welt sei dem göttlichen Ur-Ei entsprungen.</p>
<p>Die Psychoanalyse (vor allem in ihrer von Carl G. Jung vertretenen Version) ist noch ein Teil oder Reflex des Mythos, den sie zu erklären versucht.</p>
<p>Als würden alle begrifflichen Fäden Schleifen bilden, um sich in einem Grundbegriff zu verknoten: gordischer Knoten der idealistischen und naturalistischen Philosophie, der nicht aufgelöst, sondern nur zerschlagen werden kann.</p>
<p>Die Feststellung eines Teilnehmers bei der erregten Sitzung des Wiener Kreises „Herr Wittgenstein hat die Absicht zu gehen“, ist semantisch nicht gleichsinnig mit der Äußerung dieser Absicht aus dem Munde Wittgensteins: „Ich gehe jetzt!“</p>
<p>Wittgenstein hat die Absicht, die Gesellschaft zu verlassen, schon vor geraumer Zeit gehegt, aber aus Rücksichtnahme auf den Gastgeber noch länger in der Situation ausgeharrt, bevor er den Entschluß faßte, mit dem er seine Absicht in die Tat umgesetzt hat.</p>
<p>Vom Entschluß können wir auf die Absicht schließen; dagegen hegen wir mancherlei Absichten, die niemals spruchreif werden, wie die Absicht, trotz mangelnden Talents ein umjubelter Pianist zu werden oder Frau N. N. bei der nächsten Begegnung einmal gehörig die Meinung zu geigen.</p>
<p>Manch einer wälzt sich nachts schlaflos auf dem Kissen, aufgepeitscht von blutrünstigen Rachephantasien, doch tagsüber gilt er seinen Mitarbeitern und Bekannten als die Sanftheit und Freundlichkeit in Person.</p>
<p>Die Deutung des Gebarens einer Person als das Hegen einer Absicht kann fehlgehen; während die Äußerung eines Entschlusses („Ich gehe jetzt!“) die Verwirklichung der Absicht darstellt; die Äußerung ist ein inhärentes Moment des Entschlusses.</p>
<p>Die Aussage über das Verhalten einer Person, die es als Hegen einer Absicht deutet, ist eine Vermutung oder Hypothese, die wahr oder falsch sein kann. Kommt die Person zu dem Entschluß, ihre Absicht in die Tat umzusetzen, indem sie sagt „Ich gehe jetzt“, und dann geht sie, können wir die Mitteilung ihres Entschlusses einschließlich seiner Verwirklichung als Beleg für die Wahrheit unserer Vermutung auffassen. – Hier ist der springende Punkt, daß wir aufgrund der Interpretation von Äußerungen über die Wahrnehmung („Er packt seine Sachen zusammen, er schaut mehrfach nervös auf seine Uhr“) als Hypothese über seelische Zustände („Er hat die Absicht, gleich aufzubrechen“) auf den Begriff der Wahrheit oder Falschheit stoßen, der für diese Überlegungen unverzichtbar und elementar ist, auch wenn wir ihn nur im engeren Sinne als Möglichkeit guter oder plausibler Belege auffassen.</p>
<p>Zu sehen, wie einer seine Sachen packt und mehrfach nervös auf die Uhr schaut, und aus dieser Wahrnehmung auf einen seelischen Zustand der Person zu schließen, ist etwas anderes, eine andere Art des Sehens, als in einer Galerie Bilder zu betrachten.</p>
<p>Wenn uns einer freundlich die Tür offenhält, vermuten wir in dieser Geste nicht die Absicht oder Verwirklichung der Absicht, freundlich oder höflich zu sein, sondern sehen sie als ein Moment oder Teil dessen, was wir Freundlichkeit und Höflichkeit nennen.</p>
<p>Die Äußerung des Entschlusses macht die Absicht wahr; doch ist sie nicht wahr im Sinne der Wahrheit eines Satzes, sondern authentisch und wahrhaftig.</p>
<p>Der Entschluß ist kein Scheitelpunkt der ansteigenden Kurve, in der sich das Hegen einer Absicht abbilden würde; Wittgenstein war schon in der Tür, da hat er sich angesichts der bedauernden Miene von Friedrich Waismann eines Bessern besonnen und ist doch noch geblieben.</p>
<p>Dem Triebtäter oder Geisteskranken rechnen wir die Tat wohl zu, aber nicht im Sinne einer freien Handlung, insofern sie zwar auf einer Absicht beruhte, aber nicht Folge eines Entschlusses war, den er hätte revidieren können.</p>
<p>Wer alle Eventualitäten, Unwägbarkeiten und Gefahren bei der Ausführung einer Absicht, und sei es nur, in den Supermarkt einkaufen zu gehen, unentwegt hin- und herwälzt, wird seine Wohnung nicht mehr verlassen und Hungers sterben.</p>
<p>Die Fäden des Zweifels, der Angst und des Selbstzweifels verschlingen sich zum Knoten unauflösbarer Apathie oder Katatonie.</p>
<p>Die Psychose macht die Äußerungen und Absichtserklärungen des Kranken nicht unwahr, sondern raubt ihnen den Sinngehalt und die Authentizität.</p>
<p>„Ich bin ganz mager, an mir ist nichts dran, ich bin innen hohl“ oder „Ich bin giftig, ich bin aus Glas“ sagt die schizophrene Angst dem Bekannten oder dem Psychiater, der ihr als gefräßiger Beutefänger erscheint.</p>
<p>Wenn der Geist der Unzucht Farben anrührt und vor der Leinwand steht, malt er den aufgeschnittenen weiblichen Unterleib, aus dem das Gekröse quillt, in das sich der verhaßte Embryo aufgelöst hat.</p>
<p>Eine Weltkultur kann es nicht geben, nur eine Weltzivilisation. – Kulturen sind wie ihre Sprachen, Sitten und Kulte regional, völkisch, provinziell.</p>
<p>Der Sieg der Weltzivilisation ist der Untergang der menschlichen Kultur.</p>
<p>Der Wein von den Hängen der Mosel schmeckt anders als der Wein aus Südafrika.</p>
<p>Ohne dialektalen Zungenschlag und provinzielle Einfärbung ihrer Bilder, ohne jegliches Nachwehen der Melodien des Volkslieds stirbt die Dichtung aus.</p>
<p>Keine Kultur ohne ihr ethnisches Substrat. – Die Chinesen löschen die tibetanische Kultur aus, nicht nur, indem sie ihre Tempel schänden, ihre Kulte verbieten und ihre Sprache unterdrücken, sondern auch, indem sie systematisch Han-Chinesen in das von den Ureinwohnern besiedelte und von ihnen okkupierte Land verpflanzen.</p>
<p>Der aufstrebende Homo globalis ähnelt dem digitalen Homunculus seiner Technologie; er hat keinen Eigengeruch, keine prägnante Physiognomie, keine erdverwurzelte Sittlichkeit, keine dichterische Sprache.</p>
<p>Panschen, Verdünnen, Verwässern – Unarten geistloser Universalisten und Globalisten: nach Art von Barbaren schütten sie billigen Fusel in edlen Riesling.</p>
<p>Im Geschrei der Slogans und Parolen hört man sie nicht mehr, die dichterische Nachtigall.</p>
<p>Parolen und Phrasen sind vom Zeitgeist konditionierte Reflexe der anonymen Masse.</p>
<p>Die Engstirnigen predigen Weltoffenheit, die Perversen preisen naturgemäß die Zügellosigkeit, die Eunuchen und Unfruchtbaren verordnen sich Maßnahmen zur sexuellen Verhütung.</p>
<p>Die Amusischen verpflichten die Kunst auf moralische Inhalte und politische Programme.</p>
<p>Der Wahn, alles sei machbar, der Wahn, alles sei beliebig zu konstruierende und wieder zu dekonstruierende Konvention, ob nun Symbol und Zeichen, Kleidung und Geste oder Charakter und Geschlecht, steht am Ende der westlichen Zivilisation.</p>
<p>Am Anfang finden wir die Harmonie der gegensinnigen Kräfte, Bogen und Leier, Himmel und Erde, Sonne und Mond, Licht und Dunkel, Mann und Frau, Systole und Diastole, Leib und Geist; wenige haben sie, in den Spuren eines Mozart, eines Goethe, bis auf die Schwelle der Gegenwart hinübergerettet.</p>
<p>Die Pervertierung des natürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Geschlechtern, aber auch zwischen Eltern und Kindern zu einem rein sozialen Rollen- und Maskenspiel deutet auf die endgültige kulturelle Auflösung in einem apokalyptischen Karneval und einem blutigen Satyrspiel.</p>
<p>Die Öffnung der letzten Festung der weißen Rasse, der Wissenschaft, für das trojanische Pferd der Ideologie wird am Ende auch ihre Waffe, die Technik, schwächen und zu einem stumpfen Schwert machen.</p>
<p>Hoffnungslos, auf Esperanto Gedichte hervorbringen zu wollen wie die Römischen Elegien oder die Sonette an Orpheus.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Mephistopheles spricht</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Feb 2024 23:15:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Mephistopheles spricht Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Mephistopheles sagt: „Das Bild des Schöpfergottes und Inspirators des menschlichen Geistes ist das Fundament der Illusion, ein freier, mit Selbstbewußtsein begabter Mensch zu sein, der befähigt (wenn auch nicht gezwungen) ist, ein mehr oder weniger sinnvolles Leben zu führen.“ Einer namens Hans, ein schon älteres Semester, sagt: „Gestern ging Hans im [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/mephistopheles-spricht/">Mephistopheles spricht</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Mephistopheles sagt: „Das Bild des Schöpfergottes und Inspirators des menschlichen Geistes ist das Fundament der Illusion, ein freier, mit Selbstbewußtsein begabter Mensch zu sein, der befähigt (wenn auch nicht gezwungen) ist, ein mehr oder weniger sinnvolles Leben zu führen.“</p>
<p>Einer namens Hans, ein schon älteres Semester, sagt: „Gestern ging Hans im Stadtpark spazieren, die erste Frühlingssonne tat ihm gut.“ – Und wir würden verstehen oder hinter vorgehaltener Hand darauf hingewiesen, daß er von sich selber spricht und auf diese Weise stets von sich zu sprechen pflegt. – Denn fragt man Hans, ob er gestern im Park gewesen sei, antwortet er: „Ja, Hans ist gestern im Park gewesen“ und wir zögern nicht, ihm zu unterstellen, daß er damit meint: „Ich bin gestern im Park gewesen.“</p>
<p>Das kleine Mädchen mit dem Kosenamen „Mädi“ zeigt auf die große Puppe im Schaufenster und ruft: „Mädi Püppi“ und meint damit: „Gib (resp. Kauf) mir die Puppe.“ – Hier nehmen wir keinen Anstoß, denn wir kennen diese Ausdrucksweise als normales Phänomen der sprachlichen Entwicklung beim Kinde.</p>
<p>Anders steht es um Hans; seine seltsame Art zu reden ist kein Rückfall in die frühkindliche Sprechweise, sondern deutet auf einen semantischen Bruch oder eine semantische Verwerfung, die das ganze sprachliche Feld durchzieht. Der Psychiater versteht die semantische Abweichung als Zeichen einer Psychose.</p>
<p>Wir verspüren eine gravierende Veränderung im Leben eines Freundes, doch könnten wir kein besonderes gestisches oder sprachliches Verhalten aufzeigen, um unsere Intuition zu belegen. Nur eine beunruhigende Wahrnehmung läßt uns nicht los: Uns scheinen seine Augen wie erloschen, sein Blick seltsam hohl und leer.</p>
<p>Ein von künstlicher Intelligenz generierter Text wird uns ohne Mitteilung über seine Entstehung vorgelegt. Zunächst erscheint er unauffällig, sprachlich ohne grammatische Fehler und sachlich zwar spröde und bisweilen ungelenk, doch insgesamt stichhaltig. Allerdings beschleicht uns bei längerer Betrachtung ein Gefühl, das jenem ähnelt, welches uns bei der Wahrnehmung eines maskenhaften, erstarrten Gesichts mit leerem Augenausdruck überkommt.</p>
<p>Der lebendige sprachliche Ausdruck, wie er uns in der alltägliche Rede oder in Gedichten begegnet, ist kein an sich totes Material (Laute, Wörter, Sätze), dem man gleichsam wie durch künstliche Beatmung Leben eingehaucht hätte.</p>
<p>Hans sagt, die Frühlingssonne habe ihm gutgetan; der physiognomische und sprachliche Ausdruck elementarer Empfindungen und Wahrnehmungen kann nicht ohne jemanden gedacht werden, der diese Empfindungen und Wahrnehmungen gehabt hat.</p>
<p>Dieser Jemand bist du oder ich, kein niemand, dessen Glaube, jemand zu sein, eine Projektion geistloser Gehirnströme wäre.</p>
<p>Empfindungen und Wahrnehmungen sind, anders als die ihnen zugrundeliegenden neuronalen Ereignisse, keine raumzeitlichen Sachverhalte.</p>
<p>Erinnerungen sind keine Informationen über vergangene Ereignisse; hätte Hans in sein Tagebuch notiert: „Hans ging am 12.1.2024 durch den Stadtpark von N. N.“, könnten wir nicht schließen, daß er, läse er den Eintrag zwei Wochen später, sich dabei daran erinnert, an diesem Tag in jenem Park gewesen zu sein.</p>
<p>Man kann ebensowenig sagen „Dort ist eine Rot-Empfindung“ wie man sagen kann „Hier gibt es Zahnschmerzen.“</p>
<p>Man kann nicht annehmen, eine künstlich geschaffene Biomaschine stocke in der Rede aus Verlegenheit, weil sie fürchtet, bei einer Lüge ertappt zu werden, oder weil sie sich ihrer anmaßenden Ausdrucksweise schämt.</p>
<p>Mephistopheles, der radikale Nihilist und Naturalist, sagt: „Verlegenheit und Scham sind wie Liebe, Vertrauen und Ehrfurcht nichts als emotionale Konstrukte, das Ergebnis sozialer Dressur oder Ausdruck gesellschaftlicher Mythen. Entjungfere den kindlichen Geist mittels frühkindlicher Sexualisierung und pervertierender Zugriffe durch eine vulgäre und kriminelle Zeitgeist-Pädagogik, und alle Scham wird sich verflüchtigen.“</p>
<p>Wir aber wissen, die Scham ist, anders bei Jungen, anders bei Mädchen, eine natürliche Form der Scheu und Zurückhaltung, eine schützende Schale der Intimität des noch zarten seelischen Lebens, die mutwillig zu zerbrechen eine kriminelle Form des Mißbrauchs genannt zu werden verdient.</p>
<p>Die tote Seele oder den in tiefe Depression gefallenen Patienten können wir nicht durch mechanische oder chemische Eingriffe wiederbeleben; Medikamente lindern, doch heilen nicht (sie verdecken die Symptomatik).</p>
<p>Die tote Sprache können wir nicht mittels Injektionen aufputschender Rhetorik oder einer ideologisch verlogenen Phraseologie wiederbeleben; Parolen, Bekenntnisformeln, grelle Phrasen sind nur bunte Spruchbänder am Leichnam des Worts.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „Das Bild vom seinem Werk zugetanen Schöpfergott, das Bild vom Erlösergott, der seinen Sohn zur verirrten Herde hinabschickt, um die verlorengegangenen Schafe einzusammeln, ist der vergebliche Einspruch gegen die todgeweihte Verlorenheit des Menschentieres und die unaufhebbare Einsamkeit des menschlichen Herzens.“</p>
<p>Indes, zu dem wahrhaft Gläubigen und Frommen sprechen in Liedern und Legenden, in rituellen Gesten und kultischen Zeremonien der in der Sprache aufbewahrte Geist der Ahnen und der hohe Sinn der Heiligen.</p>
<p>Einsamkeit oder das Zerreißen der mit einem Kollektiv verbindenden und scheinbar Halt verleihenden Fäden ist die notwendige Bedingung der Wahrhaftigkeit, nämlich dafür, man selbst zu sein und was man sagt und tut nicht in der Maskerade und einzig im Auftrag einer fremden Macht auszuführen, ob es nun eine Partei ist, eine Organisation oder eine Ideologie.</p>
<p>Achilleus kämpft für die Hellenen, zieht sich aber, gekränkt durch ihren Anführer Agamemnon, vom Kriegsgeschehen zurück, bis die ohne seinen Schutz über alle Grenzen brandende Woge der feindlichen Angriffe schließlich auch seinen Freund Patroklos verschlingt. Er, der Einzige, rächt seinen Tod, er, der Einzige, gibt den Leichnam des von seiner Hand gefallenen Hektor dem Flehen des trauernden Vaters heraus. – Obwohl er um seinen frühen Tod weiß, entzieht sich Achilleus nicht feige der Gefahr; er wählt das kurze, intensive Leben, weist verächtlich ein langes, aber glanzloses von sich. Achilleus verkörpert, was die Griechen unter dem Adel heroischen Daseins verstanden.</p>
<p>Wir können eine vornehme Haltung aber schon in der Weigerung des Einzelnen sehen, in der scheinbar bergenden, in Wahrheit verschlingenden Flut der anonymen Masse unterzutauchen.</p>
<p>Der depressive Hans hat sich verloren, weil ihm die Fähigkeit zu Schaden kam, vertrauend und liebend du zu sagen.</p>
<p>Maschinen, auch demnächst einmal biologisch zu konstruierende, werden nicht gezeugt und nicht geboren, sondern von Menschen entworfen und geschaffen, sie sterben nicht, sondern gehen kaputt.</p>
<p>Wir freuen uns wie an einer aufgegangenen Knospe am Lächeln des geliebten Menschen, wir trauern um seinen Verlust. – Wir mögen erfreut feststellen, daß die Algorithmen ausführen, was wir mittels Tastatur befehlen, aber wir trauern nicht, wenn die Maschine ihren Geist aufgegeben hat.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „Ich habe Faust vorgeführt, wie der Homunkulus in der Retorte erwacht und munter zu plappern beginnt. Und Helena gar, ist sie nicht eine Chimäre seines monomanischen erotischen Begehrens, aus dem Totenreich heraufbeschworen, und doch Gegenstand seiner glühenden exaltierten Liebesrede? Müßte er nicht beim Verlust dieser Illusion in tiefe Schwermut versinken, würde sie am Ende nicht die Erscheinung Margaretes, der aufgrund seiner erotischen Obsession tragisch ums Leben gekommenen frühen Geliebten, ebenfalls von den Toten erstanden, ja selbst der Madonna ersetzen?“</p>
<p>Die Depression des Patienten mutet wie die Folge einer Kastration des Organs der Ich-Empfindung an.</p>
<p>Verlust der lebendigen Sprache: Er gleicht der Austrocknung und Verkarstung des nährenden Bodens, sodaß die Flora nach und nach abstirbt.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „Was da immer schwatzt und schwadroniert, palavert, plappert und parliert, ist wie das unausgesetzte Ticken einer alten Standuhr auf dem dunklen Korridor. Doch diese Uhr, sie kann nur einmal aufgezogen werden.“</p>
<p>Das Ticken ist mechanisch, das Sprechen nicht. Wäre Sprechen eine Art Mechanismus, verlöre die Rede von Wahrheit und Bedeutung jede Berechtigung.</p>
<p>Der alte Meister, der mit Mephistopheles Umgang pflog, erlebte nicht eine Pubertät allein, sagt er, sondern neues Sprossen von Sprache und Empfindung auf unterschiedlichen Altersstufen.</p>
<p>Das Kind spricht mit der Puppe, weil die Puppe mit ihm spricht.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „Betrachtet euch als Marionetten in der Hand des großen Puppenspielers, und ihr versinkt in einen wüsten Traum, aus dem kein Wort der Liebe euch erweckt.“</p>
<p>Wir werden zur Einsicht gelenkt und dürfen wohl an ihr festhalten, daß eine Mannigfaltigkeit von originären Begriffen, Urbegriffen im Bereich der Sprache, nicht unähnlich den Urphänomenen Goethes im Reich von Licht und Schatten, Knoten in einem Netz darstellen, die nicht aufeinander noch auf andere Begriffe zurückgeführt werden können. Zu diesen gehören Begriffe wie Bedeutung und Sinn, Wahrheit und Falschheit, Ich und Er (oder die entsprechenden Vertreter der 1. und der 3. Person im jeweiligen Sprachsystem), aber auch Gut und Böse, Schön und Häßlich.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „In der Polarität der Begriffe und Phänomene muß auch die dämonische Macht von Negation und Zerstörung walten. Der Anziehung entspricht die Abstoßung, der Liebe die Abneigung, der Ordnung das Chaos. Mögen Begriffe elementar und urtümlich sein, nichts hindert, das Netz, in dem sie hängen, zu beschneiden, zu verzerren, auseinanderzureißen.“</p>
<p>Werden Welten, Körper, Sprachen und Kulturen auch zerfallen, erlöschen, verstummen, die Kräfte, die sie aus dem Chaos und aus dunklen Stoffen ins Licht der Gestaltung und klarer Strukturen heben, sind nicht weniger mächtig als ihre Gegenkräfte.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „Mögen diese polaren Kräfte schon in der Urnacht des Universums geistern, betrachten wir sie als gleichen Wesens, als rein physikalische nämlich, dann wird die alte Ehrfurcht vor den kosmischen und organischen Ordnungen und Strukturen verblassen und das philosophische Staunen als archaischer Reflex des unreifen Menschen entlarvt werden.“</p>
<p>Was wir als Ordnung und Struktur in Galaxien und Planetensystemen wahrnehmen, in den Perioden der chemischen Elemente und der Abbildung ihrer atomaren und subatomaren Gliederungen und Prozesse durch mathematisch präzise Modelle, in den subtilen Aufbauten von Gen und Zelle, Organ und Organismus, Blüte und Blatt, schließlich in den logischen Strukturen der Zahlensysteme und der Aussagetypen, aber auch den kristallinen Gebilden in Kunst, Musik und Poesie – all das läßt sich nur mutwillig, unter Vernachlässigung der in ihnen waltenden logischen Mannigfaltigkeiten, in das Schema einer einzigen Bestimmung, wie der physikalischen, zwängen.</p>
<p>Wären alle Phänomene, einschließlich der geistigen, physikalisch-naturalistisch reduzierbar und erklärbar, verlören die für unsere Lebenswelt konstitutiven Begriffe wie Bedeutung und Wahrheit, Sinn und Unsinn, Maß und Unmaß, Recht und Unrecht, Wohltat und Verbrechen, ja selbst die Ausdrücke für Empfindungen und Gefühle all ihren Wert und Rang und müßten am Ende als überflüssiger mythologischer Dekor von der anonymen Festplatte der Evolution und unserer angeborenen und adaptiv optimierten natürlichen Verhaltensprogramme getilgt werden.</p>
<p>Indes, um zu deklarieren, daß diese und jene Begriffe und Konzepte notwendig als illusorisch, trügerisch, mythologisch zu tilgen seien, müssen wir die Wahrheit und Bedeutsamkeit der Aussagen unterstellen, die sie verneinen. Wir können aber nicht behaupten, Begriffe wie Wahrheit und Bedeutung seien auf physikalische Vorgänge zu reduzieren, ohne uns zu widersprechen.</p>
<p>Mephistopheles sagt: „Ich bin der Geist, der stets verneint! und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wär&#8217;s, daß nichts entstünde.“</p>
<p>Der Tod ist kein Einspruch wider das Leben dessen, der ihn notwendig erleidet.</p>
<p>Das Wissen um die Tatsache, daß in ein paar weiteren hundert oder tausend Jahren die Menschheit und die Kulturen von der Erde verschwunden sein werden und also Gedichte nicht mehr gelesen, Sonaten nicht mehr gehört und Gemälde nicht mehr angeschaut werden, ist für den schöpferischen Menschen kein Grund, sie nicht zu schreiben, sie nicht zu komponieren, sie nicht zu malen. – Gibt einer aber diesen Umstand für einen solchen Grund aus, bezeugt dies nur, daß er in Wahrheit unschöpferisch ist und er ihn zum Vorwand nimmt, um sein mangelndes Talent oder seine Faulheit zu bemänteln.</p>
<p>Die Schönheit steigt in ihrem Wert, je fragiler, vergänglicher und unwahrscheinlicher uns ihr Dasein anmutet.</p>
<p>Den mephistophelischen Bedeutungsskeptizismus kann man nicht unter Zuhilfenahme eines neu zu entfaltenden Konzepts der Natur, das anders als die bestehende Naturwissenschaft den Begriff des Geistes ab ovo enthält, widerlegen, sondern mittels klarer semantisch-logischer Überlegungen.</p>
<p>Ohne Entstehen und Vergehen, ohne in die zeitlichen Verläufe und Prozesse des Wachsens und Reifens, Blühens und Welkens, Erinnerns und Vergessens eingebettet zu sein, wäre unser Dasein ein schales, unwirksames Salz, ein fahles Bild ohne Schatten, eine Fuge ohne Kontrapunkt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Fremd in der Fremde gehen</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Jan 2024 00:24:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Fremd in der Fremde gehen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Die heimische Zecke träumt nicht von exotischen Ländern, wo sie sich von einer Palme auf heiße braune Haut fallen ließe; sie bleibt, wo sie ist; sie saugt, was sie kann, und taumelt dann traumlos zur Erde. Zeus schwebt nicht, sondern thront. Das Leben ist ein unausgesetzter Disput zwischen der Schwerkraft und [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/fremd-der-fremde-gehen/">Fremd in der Fremde gehen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>P<em>hilosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Die heimische Zecke träumt nicht von exotischen Ländern, wo sie sich von einer Palme auf heiße braune Haut fallen ließe; sie bleibt, wo sie ist; sie saugt, was sie kann, und taumelt dann traumlos zur Erde.</p>
<p>Zeus schwebt nicht, sondern thront.</p>
<p>Das Leben ist ein unausgesetzter Disput zwischen der Schwerkraft und dem Licht. – Meist stirbt ihnen der Gegenstand ihres Streits unter der Hand weg.</p>
<p>Der Schwerkraft trotzend treiben Keime aus dem Dunkel der Erde ihre Sprossen hervor. Wie sie sich im Winde wiegen, den Schmelz des Lichts zu genießen.</p>
<p>Das Trauma der Geburt ward uns gnädig aus dem Gedächtnis getilgt; und dennoch gibt es Spuren in Empfindungen von Enge und Gefühlen von Ausweglosigkeit; Scheu vor grellem Licht; Verstörung durch den Lärm der Welt: in utopisch-religiösen Bildern vom Ausgang aus der Gefangenschaft durch ein lichtes Tor.</p>
<p>Die Heiterkeit und Abgeklärtheit, wie sie selbst Goethe und Nietzsche nur in seltenen Augenblicken erlebt haben, ist kein Wesensmerkmal des deutschen Charakters; das Lächeln Buddhas kein vorwaltendes Kennzeichen seiner Physiognomie.</p>
<p>Der brave deutsche Michel hat sich reumütig damit abgefunden, seinen Untergang durch Selbstzerfleischung masochistisch zu genießen oder in karnevalesken Bacchanalen zu feiern.</p>
<p>Drängten Millionen Angehörige der weißen Rasse in China oder Zentralafrika ein, sprächen die guten Seelen in Tönen hochmoralischer Entrüstung und scheinmoralischer Verzückung von kolonialistischer Invasion und genozidaler Barbarei; doch wenn umgekehrt …</p>
<p>Menschen sind natürliche, doch höchst problematische Lebewesen, weil sie dank der Sprache das Subtilste und Sublimste zum Ausdruck bringen, aber auch aufgrund semantisch bedingter Mißverständnisse und verzerrter Bilder in große Verwirrung gestürzt werden können.</p>
<p>Den kausalen Nexus zwischen ethnischem Substrat und sprachlich-kultureller Höchstleistung wie bei den alten Juden, Chinesen, Japanern, Spartanern, Kelten und Germanen und anderen Völkern zu sehen und zu analysieren, ja bloß zu konstatieren, gilt nunmehr schon als ein Kennzeichen verfemten Denkens.</p>
<p>Nicht anders steht es um die Weigerung, die seltenen Aberrationen zwischen den Polen des männlichen und weiblichen Geschlechts als exotische Blüten der Evolution zu verklären oder gar als konventionelle soziale Konstrukte zu klassifizieren.</p>
<p>Es bedurfte des jahrhundertelangen Phantasierens und Erzählens in germanischen Stämmen, bevor wir all die Märchen in Händen halten konnten, wie sie die Gebrüder Grimm gesammelt haben, und deren fiktionale Welt die reale des deutschen Waldes voraussetzt.</p>
<p>Liegen, Stehen, Gehen sind die allernatürlichsten Haltungen und Handlungen; sie steuern den Haushalt der Seele.</p>
<p>Aufstehen, doch wozu; Gehen, doch wohin; die grundlegenden Fragen, die aus der Natur des Menschen ins Metaphysische zu wuchern geneigt sind.</p>
<p>Geben und Nehmen, Zeigen und Verhehlen, Herrschen und Dienen, Lieben und Hassen – natürliche Gesten und Verhaltensweisen, die je eigene Bedeutungsvarianten ins Spiel bringen; so ist etwa die Gabe Geschenk, Gunstbezeigung, Huldigung oder eine Form der Demütigung.</p>
<p>Der Kampf mit der Schwerkraft ist ein Grundzug des menschlichen Dramas; Gleichgewicht – natürliche Disposition und zugleich seelisches, ja ästhetisches Ideal.</p>
<p>Die geniale Einsicht, daß selbst der beschwingte Flügel des Widerstands der Luft bedarf.</p>
<p>Intelligenz das Rinnsal, Dummheit der Ozean.</p>
<p>Will man den armen, aber frommen Juden unterm Dach nötigen, am Schabbes die üblen Dünste ranzigen Schweinefetts einzuatmen, die aus der unteren Wohnung der Gojim aufsteigen?</p>
<p>Jovialer Gleichmut und herrscherliche Gravität pflegen gern auf erhabenen Sitzen zu thronen; Dichtung und Musik nahe Geister wie Apoll und Eros zu schweben.</p>
<p>Der in unbekanntes Gelände vordringt, in zwielichtige, neblige Gefilde, tastet sich voran, die Festigkeit des Bodens prüfend, hält inne, um zu lauschen, lächelt, sieht fern er ein Licht. – So der Dichter, der ins unbekannte Gelände neuen dichterischen Ausdrucks vordringt.</p>
<p>Freilich, der Routinier stapft Gassenhauer pfeifend über ausgetretene Pfade.</p>
<p>Das Wort, das nicht leicht über die Lippen kommt, das Wort, das die Zunge kitzelt wie ein fremdes Haar.</p>
<p>Beneidenswert scheint, wem die Gemeinde andächtig lauscht; suspekt, wer ihr den gewohnten Happen darreicht.</p>
<p>Opern- und Liedsänger sind im Vorteil, weil ihr professionelles Training ihrer seelischen Gesundheit mittels reichhaltigen Ausdrucks aller möglichen Empfindungen und Gefühlslagen förderlich ist.</p>
<p>Während er schläft, unterreden sich Hirn und Herz, wie lange sie den Budenzauber noch mitmachen wollen. Das Hirn sagt: „Pumpst du weiter das Blut, was soll ich anderes tun als denken?“ – Das Herz: „Denkst du weiter Gedanken, die mich aufstören, quälen, erregen, was soll ich anderes tun als zittern und pochen?“</p>
<p>Das ameisenhafte Gewimmel in den großen Metropolen ist nicht Leben, sondern Gieren, Hasten, Raffen, Sorgen, um noch einen Tag zu leben und dann … noch einen Tag.</p>
<p>Jener errichtete sich das Monument seines Werks, um seinen Namen zu verewigen; nun ward es zu einem Mausoleum, halb eingesunken in den Schlick der Geschichte, überwuchert von einem Dornengestrüpp der Gelehrsamkeit, das seinen Eingang versperrt.</p>
<p>Die Metropole ist die Retorte, aus welcher der Homunculus hervorgeht.</p>
<p>Die Künstlerischen und Musischen, die Seltenen, sie hausen nun in düsteren Kammern, ähnlich den Frommen, die ihren alten Ritus verborgen und im Abseits, in Schuppen und Katakomben, feiern.</p>
<p>Das Tier erfüllt den Kreislauf des Daseins; der Vogel nistet, bebrütet das Ei, nährt die Jungen, bis sie flügge werden, und wenn das sinkende Herbstlicht das tiefe Gedächtnis weckt, hört man den jubelnden Schrei beim Aufflug gen Süden. – Was erfüllt des Menschen Dasein, auf daß er ohne Wehmut oder Groll Abschied zu nehmen vermöchte?</p>
<p>Die Hoffnung, in der Sprache die Nähe des Miteinanders zu finden, trog; nun flüchtet er in die Einsamkeit der Stille, nun muß er fremd in der Fremde gehen.</p>
<p>Als wären wir von außerirdischen Wissenschaftlern in eine virtuelle Welt versetzt, die der unseren aufs Haar gleicht, und sie machen mit uns Experimente: Wie wir auf verstörende und traumatisierende Begebenheiten reagieren: auf einen Verlust (unser Hund liegt morgens tot neben dem Bett), auf eine Drohung (man sendet uns beängstigende Mails), auf eine Trennung (unsere Liebe schickt uns einen Abschiedsbrief); für uns ist es Ernst, für sie wie für die olympischen Götter eine Komödie und ein neckend-unterhaltsames Gaukelspiel, dem die wissenschaftliche Maskerade nur zum Vorwand dient, eine andere Form des Voyeurismus zu befriedigen.</p>
<p>Unrecht ist die Negation von Recht. Unfall nicht die Negation von Fall, sondern eine Varietät in der unendlichen Reihe aller möglichen Fälle.</p>
<p>Unfälle, eine quantité négligeable der Philosophen, geschehen aus heiterem Himmel (uns fällt ein Dachziegel auf den Kopf) oder aus mangelnder Aufmerksamkeit (wir schneiden uns in den Finger); scheinbare Unfälle, wie der Verkehrsunfall, können sich im nachhinein als absichtsvolle Handlungen erweisen (wenn es sich um die Tat eines Amokläufers handelt). Kleinere Unfälle stecken wir weg (die Wunde am Finger heilt von selbst), größere führen zu einem Einschnitt in der Biographie (er kann nach dem Infarkt nur mehr unverständlich lallen).</p>
<p>Ein Mensch wird nach dem ersten psychotischen Schub, dem seelischen Unfall, zum psychiatrischen Fall; er sieht sein bisheriges Leben im Zwielicht der erlebten psychotischen Phänomene (es war klar, daß sie ihn loswerden wollten, sie haben sich von jeher gegen ihn verschworen; jetzt weiß er, warum sie ihn verlassen hat).</p>
<p>Ein Mensch sieht nach einem religiösen Erweckungserlebnis (ein Engel erscheint und zeigt ihm eine Tür, die ins Paradies führt; die Tür ist verschlossen, er muß den Schlüssel finden) sein bisheriges Leben als Irrgang durch ein Labyrinth; jetzt weiß er um den Ausgang, kann ihn aber noch nicht durchschreiten. Wo mag der Schlüssel sein; was mag der Schlüssel sein? Ist er es selbst, in verwandelter Gestalt? Wie die Wandlung herbeiführen? Durch Fasten und Beten, durch Singen und Psalmodieren, durch aufopfernde Caritas?</p>
<p>Manchmal können wir den psychiatrischen vom religiösen Fall nicht klar unterscheiden. – Gott mag es können.</p>
<p>Ein Merkmal des Traums liegt in dem Umstand, daß wir seine Schein-Wahrnehmungen während des Traumgeschehens nicht überprüfen können; während wir dies im Wachzustand ständig tun oder tun können (wir verbessern die grammatischen oder semantischen Fehler während des Redens und Schreibens). Die Ähnlichkeit des Wahns mit dem Traum zeigt sich in eben diesem Mangel an Eigen-Korrektur.</p>
<p>Ansonsten sehen wir den Verstand, selbst den scharfen, im Dienste des neuen Herren, des Wahns,arbeiten: „Er verfolgt dich nicht, er ist hinter uns schon vom Weg abgebogen.“ – „Das macht er aus List, um aus einer Seitenstraße wieder zu mir zu stoßen.“ – „Hier wohnen keine Juden, die dir nachstellen und dein Denken beeinflussen könnten.“ – „Sie sind sehr intelligent und arbeiten mit ferngelenkten Strahlen, die mich aus dem Smartphone heraus abtasten, durchleuchten und einzelne Organe angreifen.“</p>
<p>Man kann sinnvoll handeln und reden, denn eine Handlung kann auch mißlingen (eine Lampe an eine tote Leitung anschließen) und eine Rede kann bloß Kauderwelsch sein; doch läßt sich begrifflich genau vom Sinn des Lebens sprechen, und was wäre sein Gegenteil? – Nichtsein ist nicht die Negation des Seins, tot zu sein nicht der Schatten des Lebens.</p>
<p>Wer immer nur Wasser getrunken hat, kann eine wunderliche Erfahrung machen, wenn ihm zum ersten Male ein guter Wein kredenzt wird; doch wer immer nur Zeitung gelesen oder das stereotype Gerede der öffentlichen Medien aufgesogen hat, wird, zum ersten Male mit einem Gedicht von Stefan George oder Georg Trakl überrascht, nichts weniger als eine neue geistige Erregung empfinden.</p>
<p>Verseuchung des Geschmacks durch Schule, Fernsehen und Internet; George, Hofmannsthal oder Karl Kraus konnten vielleicht den einen oder anderen aus dem Sumpf der Zeitungssprache emporziehen; aber hier ist kein George, kein Hofmannsthal und kein Karl Kraus.</p>
<p>Kein Trost ist, wenn wir die dialektische Wahrheit sehen: Gold kann ohne hintergründige Dunkelheit nicht glänzen; das schöpferische Wort blüht nur am Abgrund der Vernichtung; der Liebe fehlt die Glut, spielt Nachtwind nicht mit ihrem Licht; kein Leben ohne Abschied, Tod, Zerfall, soll es nicht wie im Mythos von Tithonos als schrille Zikade und schrumpelnde Mumie dahinvegetieren; kein Gott, dem nicht Satan widerspricht, oder kein Gott, der sich nicht geistreich mit Satan unterhalten mag.</p>
<p>In den Säulenordnungen der Griechen, den Oden des Horaz, in Mozarts überirdischen Melodien und Harmonien sehen wir das Gestalt gewordene geistige, seelische und ästhetische Gleichgewicht; wir aber müssen fallen, kaum daß wir uns ein wenig emporgereckt.</p>
<p>Wie manche fallen, mitten in der Komödie des Lebens, wenn Satan ihnen ein Bein stellt.</p>
<p>Und sehen wir, in einem geisterhaften Licht der Dämmerung, uns selber im Wasserspiegel lächeln, rührt alsbald ein fataler Wind die glatte Fläche auf, und unser Bild erlischt.</p>
<p>Was Gestalt in Wort und Geist gewesen, wurde Brei. – Ähnlich den kunstvoll verschnörkelten Ranken und zierlichen Rokokoaufbauten aus Zimt und Marzipan und Zucker, die im gierige Zugriff des treuen Wachhunds zermalmt und zermatscht werden.</p>
<p>Gemüt Gedärm, die Seele Dunst, und Liebe eine Niete in der Todeslotterie.</p>
<p>Wirken wollen, Absichten hegen, Tendenz bekunden ist im Gebiet der Kunst Ausdruck niederer Gesinnung.</p>
<p>Uns genüge die daseiende Vollkommenheit in der reinen Geste des Gebets, dem wie der Mond auf dunkelnden Wassern sich spiegelnden Reim, der unbewußten Träne am zitternden Lid.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Wüste wächst</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Oct 2023 22:08:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die Wüste wächst Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Antisemitismus – keine glückliche Begriffsbildung, ist sie doch dem Dunstkreis der Sprachwissenschaften entlehnt. Besser man spricht klar und unzweideutig von feindlichen Einstellungen gegenüber den Juden als Vertretern einer Religionsgemeinschaft, als ethnisch geprägtem Volk und als Nation, nämlich der israelischen. Vorteil: Differenzierungen im Begriffsschema, die sich von der Antipathie über die Aversion [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-wueste-waechst/">Die Wüste wächst</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Antisemitismus – keine glückliche Begriffsbildung, ist sie doch dem Dunstkreis der Sprachwissenschaften entlehnt. Besser man spricht klar und unzweideutig von feindlichen Einstellungen gegenüber den Juden als Vertretern einer Religionsgemeinschaft, als ethnisch geprägtem Volk und als Nation, nämlich der israelischen. Vorteil: Differenzierungen im Begriffsschema, die sich von der Antipathie über die Aversion bis zum Haß und dem fanatischen Wunsch nach Auslöschung erstrecken.</p>
<p>Der Haß Luthers, der doch den hebräischen Urtext zur Grundlage seiner genialen Übersetzung machte und die hebräischen Studien seines Mitstreiters Melanchthon förderte, die in einem für Deutschland einzigartigen theologischen Curriculum für die höheren Bildungsanstalten und theologischen Fakultäten der Universitäten mündeten – der Haß Luthers war jedenfalls, wie vielfach konstatiert, wohl finster, aber nicht exterminatorisch ausgerichtet, denn er ließ dem Juden den Ausweg der Taufe.</p>
<p>Das Kapitel „Linker Judenhaß“ ist noch nicht ausgeschrieben; zumindest nicht jener Teil, der von Marx und Engels ausstrahlte und einen Niederschlag auch bei jenen Faschisten und Nationalsozialisten gefunden hat, die unmittelbar aus der roten Strömung auftauchten wie Mussolini und Goebbels.</p>
<p>Der christliche Judenhaß hat eine Wurzel im Neid auf den religiösen Exzellenzanspruch des jüdischen Volkes, einzig von Gott auserwählt zu sein; der moderne säkulare Judenhaß im Sozialneid auf die jüdische Exzellenz hinsichtlich Begabung, Intelligenz, Weltklugheit, Reichtum und politisch-diplomatischen Einflusses.</p>
<p>Wie tief der Judenhaß in der radikalen Linken verwurzelt ist, belegen neben zahlreichen anderen Dokumenten die Anschlagspläne von Mitgliedern der RAF auf Synagogen oder das ruchlose Jubelpamphlet, das Ulrike Meinhof anläßlich der Ermordung der jüdischen Sportler durch ein palästinensisches Terrorkommando während der olympischen Spiele 1972 in München im Gefängnis von Stammheim verfaßt hat.</p>
<p>In demselben Maße, wie leidenschaftliches Begehren sein Objekt verklärt, verzerrt und dämonisiert leidenschaftlicher Haß das seine. – Töricht, mit idealistisch-weltfremden Philosophen der Vernunft eine diskursiv angesonnene mäßigende oder gar aufklärende Rolle zuweisen zu wollen, vor allem, wenn Leidenschaft und Fanatismus ganze Massen und Nationen heimsuchen.</p>
<p>Moral und gutes Gewissen sind oft Parasiten des leidenschaftlichen Wahns. – Das Judenmassaker als hygienische Maßnahme zur Reinerhaltung der eigenen Rasse oder als gerechte Vergeltung für das angeblich von Juden verursachte Elend von Massen, denen von ihren Brudervölkern eine Aufnahme in ihr Staatsgebiet verwehrt wird, um sie als Joker im diplomatischen Spiel zu mißbrauchen..</p>
<p>Der Judenhasser jüdischer Herkunft Marx war ein gelehriger Schüler Hegels; und in Hegels Lehren finden wir folgerichtig auch giftige Keime des spezifisch idealistisch geschönten Antisemitismus; ist nach Hegel die jüdische Religion doch eine Art lebender Leichnam und ein getünchtes Grab des Weltgeistes, der sie als starre, leblose Puppe seiner unaufhaltsamen Metamorphosen in Ritualgesetzen hinterlassen hat, die alles freie geistige Leben und den Fortschritt des Bewußtseins ersticken.</p>
<p>Die Verachtung des Ordo und der festen, gewachsenen Form, die Schmähung von tragenden Institutionen und den Umgang vereinfachenden und schlichtenden Sitten – Höflichkeit, Manieren, Galanterie und Ritterlichkeit – sind Zeichen jener fanatischen Gesinnung und perversen Hypermoral, die sich einzig für aufgeklärt hält.</p>
<p>Der Irrtum des Existentialismus, man müsse und könne die eigene Existenz frei entwerfen, ist der verlängerte Schatten der Absolutierung des sich setzenden Ichs bei Fichte. – Heute basteln sie aus den leeren Hülsen einer universalistisch aufgeblähten Ideologie Sprachmasken, Ideenlarven, Geschlechterkostümierungen.</p>
<p>Der totalitäre Geist zersetzt die Form und saugt alles sinnvoll Geformte, sittlich Bewährte, sprachlich gültig Geprägte in ein luftleeres Vakuum, in dem die Lebensgeister ersticken.</p>
<p>Schönheit, Anmut, Exzellenz – sie reizen die Vernichtungswut der egalitären und totalitären Moral.</p>
<p>Der germanische Genetiv wird verabscheut und scheint auszusterben; er gilt dem groben Sprachgefühl des demokratischen Vulgus wohl als Zeichen von geistiger Vornehmheit und aristokratischer Überfeinerung.</p>
<p>Ähnlich wie man keine private Sprache erfinden kann, muß auch jeder Versuch scheitern, eine tragfähige und ausdrucksstarke Lebensform in einem luftleeren Vakuum zu gründen, das von allen ethnisch, religiös und sprachlich geprägten kulturellen Traditionen abgeschnitten ist.</p>
<p>Reimtechnisch und formal komplexe lyrische Formen der östlichen Überlieferung wie das Ghasel, die auf Goethes Spuren Dichter wie Rückert verwendet haben, sucht man vergeblich im „West-östlichen Divan“ – denn er ist eben keine Anverwandlung deutscher Poesie an die alt-persische, sondern ihre Wiedergeburt im Wechselgespräch mit Hafis.</p>
<p>Große Dichtung zeigt das Antlitz ihrer Herkunft, lenkt die Wasser und Ströme ihrer Rhythmen in die Klüfte und Furchen der heimischen Erde, pflanzt ihre Bilder auf ihren Auen und Matten. – Doch hat sie sich unter den Baggern und Maschinen, dem Asphalt und Beton der Weltzivilisation in eine Karstlandschaft verödet, mischt sich in die dichterische Stimme die monotone Klage des Nomaden, der sein Zelt unter dem blitzenden Dolch des Wüstenmonds aufgeschlagen hat.</p>
<p>Die Hütte, das Haus, der Tempel, sie gehorchen in ihrem statischen Aufbau und Gefüge dem universellen Gesetz der Schwerkraft, doch in ihrer Anlage, ihren Proportionen, ihrem ornamentalen Schmuck sind sie einem historisch-kulturellen Ausdruckswillen verpflichtet, wenn wir sein Wirken auch nur in individuellen Abschattungen wahrnehmen können.</p>
<p>Keine ästhetische Form, kein künstlerischer Ausdruck und keine Sangesweise, wie es Hölderlin nennt, sind reine Erfindungen eines monadischen Genies, sondern wurzeln in der Atmosphäre der je spezifischen kulturellen Lebensart. – Die Psalmen sind die Oasen der orientalischen Wüste, das deutsche Lied bildet die Lichtung im Hochwald magischer Dunkelheiten.</p>
<p>In der Blechbaracke und im kollektivistischen Silo kann man hausen, aber nicht wohnen.</p>
<p>Die Pluderhose des persischen Imams steht dem Hohepriester des jüdischen Tempels nicht wohl an.</p>
<p>Kein epischer Hexameter ohne den gleichwiegenden Rhythmus des weinfarbenen Meers.</p>
<p>Ökologie der künstlerischen Stilformen.</p>
<p>Die schlichte Erhabenheit der alten lateinischen Liturgie und das uferlose Wogen der orthodoxen Gesänge.</p>
<p>Der Hirte Arkadiens singt anders, naiver, kraftvoller, beschwörender als der Virtuose des schillernden Ausdrucks und gemischten Gefühls im Fin de Siècle – und doch sind beide Triebe eines tief in die Erde reichenden Wurzelstocks.</p>
<p>Die dünne Luft unter dem kühlen Azur der Verse Mallarmés läßt keine üppigen Päonien schwelgen, aber ist bisweilen durchweht vom betörenden Hauch des Enzians, des Eremiten unterm Gipfelschnee.</p>
<p>Die herbe Melancholie Lorcas durchklirrt das schlüpfrige Rasseln der Armreife, durchschluchzt das Girren und Schnalzen der andalusischen Zigeunerinnen.</p>
<p>Das schillernde Stigma des ambrosianischen Reims auf der Stirn der abendländischen Dichtung.</p>
<p>Die Wehmut in den frühen Versen Hugos von Hofmannsthal ist wie das verklingende Rauschen der Kaskaden und Fontänen in den verwilderten Gärten des Ancien Régime.</p>
<p>In die Stille der Rokokogärten der Fêtes galantes, in die das Kreischen der Säge des Fortschritts einbrach.</p>
<p>Die verhaltene Ekstase des Pas de deux, die vom ausdruckslosen spastischen Zappeln und Zucken des expressionistischen Tanzes abgelöst wurde.</p>
<p>Die Wüste der globalen Indifferenz, die als bunte Vielfalt verkauft wird.</p>
<p>Eine radikale neue Art der Differenzierung des Fühlens, Denkens, Redens und des sozialen und religiös-rituellen Lebens beginnt historisch mit der Bewässerung unfruchtbarer Wüstenregionen oder dem Entstehen der Agrikultur, spirituell mit der Offenbarung auf dem Sinai.</p>
<p>Die Gliederung der Sphären, fruchtbar und steril, hoch und niedrig, heilig und profan, ist das kulturelle Apriori des Homo sapiens.</p>
<p>Die sich abzeichnende Entdifferenzierung im luftleeren Vakuum der globalen Zivilisation erfolgt scheinbar paradox auf dem avanciertesten Niveau von Industrie und Technik. – Doch wird die Wissenschaft als führende Macht resignieren, wenn wie absehbar der zersetzende Geist der Ideologie mehr und mehr in sie einsickert. – Die wissenschaftliche Biologie der Sexualität weicht dem Aberglauben der Gender-Ideologie.</p>
<p>Einige Windmühlen drehen noch ihre Flügel, doch in einem gespenstischen Leerlauf langsamer und langsamer.</p>
<p>„Die Wüste wächst“ – mögen auch Saaten noch schwellen.</p>
<p>Die Polyphonie der Sprachen und Sprechweisen verkümmert zur Monotonie der durch KI generierten Einheitsphraseologie.</p>
<p>„Die Wüste wächst“ – das Gesetz verliert den Glanz seiner göttlichen Herkunft und wird theologisch zerredet. Aber nur der Glaube an seine offenbarte Macht kann gegen die immer gegenwärtigen Gefahren der Wüste, der Verwüstung der Sinne und des Sinns, feien.</p>
<p>Wie die Sprache ist auch das Gesetz keine willkürliche Erfindung menschlicher Schläue und Gewitztheit, sondern ein Gegebenes, in religiöser Sprache ein Geschenk, eine Gabe, eine Offenbarung.</p>
<p>„Die Wüste wächst“ – auch wenn die Quellen noch sprudeln, die Wasser rauschen; aber ihr Rauschen ist wie ein sinnloses Lallen, ihr Sprudeln ein Tau auf glühenden Steinen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Splitter vom krummen Holze</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Oct 2023 22:12:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Splitter vom krummen Holze Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Wer ist – außer dem deutschen Michel – so töricht, Leute im eigenen Haus zu beherbergen, die aus ihrer Absicht, es zu verwüsten, kein Geheimnis machen? Die Ausnahme konstituiert die Regel. Im Moment, da wir gewahr werden, falsch abgebogen zu sein, tritt unser wahres Ziel ins helle Bewußtsein. Es gibt auch [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/splitter-vom-krummen-holze/">Splitter vom krummen Holze</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Wer ist – außer dem deutschen Michel – so töricht, Leute im eigenen Haus zu beherbergen, die aus ihrer Absicht, es zu verwüsten, kein Geheimnis machen?</p>
<p>Die Ausnahme konstituiert die Regel.</p>
<p>Im Moment, da wir gewahr werden, falsch abgebogen zu sein, tritt unser wahres Ziel ins helle Bewußtsein.</p>
<p>Es gibt auch Leute, die es sich (finanziell oder psychisch) leisten können, das unfreiwillige Fahrtziel, nachdem sie in den falschen Zug eingestiegen sind, sich nachträglich zu eigen zu machen.</p>
<p>Wir SIND die Möglichkeit, zu handeln und zu unterlassen, zu reden und zu schweigen; die Realität dessen, was wir getan und unterlassen, gesagt und verschwiegen haben, gilt den Richtern der Unterwelt, solange wir leben, noch nicht als unwiderrufliche Manifestation unseres Wesens.</p>
<p>Der Fehler im Satz und in der Rechnung, den wir einsehen und korrigieren, die Tat, die wir bereuen und wiedergutmachen, beweisen, daß wir mehr sein können als das, was wir waren.</p>
<p>Das Chaos überzeugt uns vom Sinn der Ordnung.</p>
<p>In der höchsten Gefahr scheiden sich die Geister. – Wer flüchtet, wer stellt sich dem Kampf, wer rettet wen, wer verrät wen?</p>
<p>Die primordialen Geister sind die Geister des Bluts: Kommt es zum Kriegseinsatz, bangt die Mutter um ihren Sohn, nicht um den der Nachbarin, es sei denn, er ist ihr Schwiegersohn; doch dann zittert sie nicht um ihn, sondern ist seinetwegen in Sorge.</p>
<p>Der Kampf der ethnisch-kulturellen Einheiten, ob Völker oder Nationen, ist gleichursprünglich mit dem Gang der Geschichte. Der utopisch-religiöse Glaube, er löse sich in Wohlgefallen auf, wenn die Ströme der Kulturen in den großen Ozean der homogenen Weltzivilisation münden, ist ein Zeichen übereilten Denkens und geistiger Unreife.</p>
<p>Die einen massakrieren die anderen; wir mußten darauf gefaßt sein. Schrille Töne moralischer Entrüstung anzuschlagen zeugt von mangelnder Einsicht in die Conditio humana.</p>
<p>Der deutsche Antisemitismus, der sich heuchlerisch die Maske des Antizionismus übergestülpt hat, weint angesichts von Massakern an Juden einige Krokodilstränen, doch wenn diese Vergeltung üben, zeigt er die alte Fratze.</p>
<p>Sie haben Heerscharen von Orientalen, die den Judenhaß mit der Muttermilch aufgesogen haben, ins Land geholt und heucheln moralische Empörung, wenn diese tun, was sie nicht lassen können, und den Konflikt zwischen Israel und der islamischen Welt auf den Plätzen und Straßen deutscher Städte austragen.</p>
<p>Die Floskel von den „abrahamitischen Religionen“ stammt von einem theologischen Dilettanten, der nicht minder blauäugig war als der Ertüftler der Ringparabel.</p>
<p>Wie die marmorne Kore, das Selbstporträt und das Stilleben sind die Ode, das Sonett und das Lied charakteristische Formen der europäischen Kultur.</p>
<p>Der west-östliche Divan ist keine Form des Eskapismus und Exotismus, sondern eine Wiedergeburt deutscher Dichtersprache aus den Quellen des Orients.</p>
<p>Je exklusiver die Sitte, desto intensiver das gemeinschaftliche Leben: die Sabbatfeier der Juden oder das altbairische Weihnachtsfest.</p>
<p>Der Trappist will von der Unruhe der Welt nichts wissen; und erführe er davon, muß er darüber schweigen. Den global Vernetzten entnerven die Stimmen und Bilder jenseits der Grenze der Wohnung und des Landes; der Mönch trägt den spirituellen Sieg davon.</p>
<p>Dichtung als Flucht, Eskapismus, Rückzug vor dem Lärm und Grauen der Welt; Wahnsinn des Pan, der sich im silbernen Ton der Flöte mildert und sublimiert.</p>
<p>Die Tora kann nicht zwischen den homerischen Epen und der Edda eingereiht werden.</p>
<p>Die Hermeneutik der Entmythologisierung bleibt ohnmächtig vor dem Geist Gottes, der über den Wassern geschwebt.</p>
<p>Die alle Rede von Volk und Nation als völkisch und nationalistisch diskreditierten, wir sahen sie auf den Straßen und Plätzen die Fahnen des Vietcong, der Rotchinesen oder Palästinenser schwingen und die israelische verbrennen.</p>
<p>Wir sahen die Entwurzelten sich mit exotischen Masken und Emblemen schmücken, wohnten in einer mit Ikea-Regalen verbarrikadierten Wohnung einer japanischen Teezeremonie bei und ließen uns zu Gast bei einem alten Akademikerpaar masochistisch von Free-Jazz-Ruten peitschen.</p>
<p>Die sich rühmen, das Bizarre, Irre, Pathologische zu normalisieren, entblöden sich nicht, das Schöne, Vernünftige, Normale zu pathologisieren.</p>
<p>Neurose, Hysterie, Depression und Psychose sind keine gültigen, authentischen Lebensentwürfe, die sich von selbst verstünden, weil sie der verständigen Borniertheit Herrn Biedermanns unzugänglich bleiben.</p>
<p>Wie sich wissenschaftliche Vermutungen nach dem Grad ihrer Wahrscheinlichkeit und fruchtbaren Anwendbarkeit unterscheiden, so Lebensentwürfe nach dem Grad ihrer sittlichen Bewährung und kulturellen Prägnanz.</p>
<p>Wir denken angesichts religiös-fundamentalistischer Bewegungen wie Hamas und Hisbollah zurück an den fanatischen Orden der Assassinen, die Mordbefehle aus dem berufenen Munde des Alten vom Berge in frenetisch-berauschtem Zustande ausführten. Der Zerfall der säkularen Staaten des Orients führte zu einer Art Wiedergeburt des Islams mit politisch-eschatologischen Auswüchsen wie den Moslembrüdern, die an die radikalen Endzeitströmungen des deutschen Reformationszeitalters erinnern. Während hierzulande der christliche Gottesdienst zu moralisch-sentimentalen Selbstbeweihräucherungsevents entartet, blitzt dort der Ruf des Propheten aus den Gewehrläufen.</p>
<p>„Et pax bonae voluntatis“ – daß er den guten Willen der Beteiligten voraussetzt, wird von den törichten Verkündern des um jeden Preis zu feiernden Friedens verleugnet.</p>
<p>Es bestürzt wahrzunehmen, wie gerade Mädchen und Frauen der Schaum der Phrenesie an den Lippen glänzt, wenn sie die heroischen Taten ihrer Brüder und Männer, die blutigen Massaker am Feind, hochleben lassen; nein, Mitgefühl ist keine menschliche Universalie.</p>
<p>Sich von den Greueln der Welt abwenden und unter das silbrige Laub des epikureischen Gartens flüchten; doch über die Mauern noch dringt Brandgeruch, in das Murmeln des Quells mischen sich die Schreie der Hingeschlachteten.</p>
<p>Der Physiognomie, die Züge der eigenen Abstammung und Herkunft trägt, schenken wir einen Vertrauensvorschuß, auch wenn die Enttäuschung oder das Entsetzen darüber, daß ihr Lächeln die böse Absicht verhüllte, um so größer und schmerzlicher ist.</p>
<p>Wer wolkig, kernlos, zwittrig schreibt, kann sich nicht darauf berufen, daß sich sublime Dinge bisweilen eindeutiger Darstellung entziehen.</p>
<p>Das selbstgefällige Geschwätz der Parlamente und der literarischen Salons bricht ab, wenn die Sirenen heulen und der feindliche Angriff Entscheidungen und Befehle der staatlichen Macht und der militärischen Führung erheischt.</p>
<p>Der große Krieg ist ausgebrochen, der Feind ist über die Grenzen vorgestoßen: Diskurs und Diskussion, welche Torheit! Die Kampfmoral zersetzende oppositionelle Meinungskundgabe, welche Gefahr!</p>
<p>Von der Grenze her, jenseits derer die von ihr erlassenen Gesetze ihre Geltung einbüßen, definiert sich der Begriff staatlicher Hoheit.</p>
<p>Im Morast des Wahnsinns sehnen wir uns nach dem Felsen der Vernunft.</p>
<p>Aber Vernunft – das sind nur schmale Bretter, vorsichtig über das Schwappen und Glucksen des Morasts der Ungewißheit ausgelegt, auf denen wir uns nicht ohne Risiko vorwärtstasten.</p>
<p>Was wir nicht wissen, können wir nicht einmal ahnen.</p>
<p>Das Geschehen überrascht uns an den entscheidenden Punkten; könnten wir es, wie geschichtsphilosophische Propheten wähnen, voraussehen, wären wir nicht überrascht.</p>
<p>Die unbegründbaren Grundlagen unseres Wissens sind Trivialitäten, derer wir nicht ansichtig werden, weil sie vor aller Augen liegen.</p>
<p>Das Wunder des Lichts erfühlen wir, wenn der Schatten der Nacht uns erreicht hat; der Sinn des Lebens erschließt sich uns an der Grenze des Todes.</p>
<p>Die Krise, die Gefahr, der Ernstfall belehren uns über die Gründe des Vertrauens und des Mißtrauens.</p>
<p>Das Mißtrauen wächst nicht ohne Grund mit der Entfernung von der eigenen ethnischen und kulturellen Zugehörigkeit.</p>
<p>Der soziale und politische Friede ist der durch Konformitäten und Konventionen gedämpfte Konflikt und der mittels militärischer Drohung aufgehaltene Krieg.</p>
<p>Güte ist das Verschweigen all dessen, was für den anderen peinlich, beschämend, demütigend sein könnte.</p>
<p>Glücklich, wer den destruktiven Neidimpuls in Bewunderung des höher Begabten, der reicheren Natur, des genial Veranlagten umzuwandeln vermag.</p>
<p>Oft bleibt uns nichts, als Splitter und Späne aufzulesen; wie wunderbar, grünt am krummen Holze, eines Menschen schon ausgedörrt scheinender Substanz, ein junges Blatt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Jalousien der moralischen Gesinnung</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Sep 2023 22:33:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Jalousien der moralischen Gesinnung Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Selbstverliebte Blender, die umständlich wie in Zeitlupe raffinierte rhetorische Locken auf geistigen Glatzen drehen. In den Abgrund taumeln, epileptisch betäubt von einer welterlösenden Idee. Neurotiker wedeln und winseln vor der Hand, die sie züchtigt, und beten das Idol an, das sie mit Füßen tritt, wie der Psychopath das schöne Weib, das [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/jalousien-der-moralischen-gesinnung/">Jalousien der moralischen Gesinnung</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Selbstverliebte Blender, die umständlich wie in Zeitlupe raffinierte rhetorische Locken auf geistigen Glatzen drehen.</p>
<p>In den Abgrund taumeln, epileptisch betäubt von einer welterlösenden Idee.</p>
<p>Neurotiker wedeln und winseln vor der Hand, die sie züchtigt, und beten das Idol an, das sie mit Füßen tritt, wie der Psychopath das schöne Weib, das ihn demütigt.</p>
<p>Sich selbst anzuklagen und zu geißeln ist in Deutschland eine gesellschaftlich anerkannte Methode der Imagepflege.</p>
<p>Denker des verschmockten Feinsinns: Wortkringler und Begriffsspinnen.</p>
<p>Deutsche Geistesgeschichte: eine Aberratio mentalis, die von Fichte über Hegel bis zu Marx und den Fürsprechern der als farbenfrohe Befreiung gepriesenen bleiern-grauen Uniformierung im Überwachungsstaat als moralischer Anstalt reicht.</p>
<p>Die athenische Kultur erblühte auf dem blutgedüngten Acker der Perserkriege.</p>
<p>Der katastrophalen deutschen Niederlage folgte der kollektive Masochismus der Verramschung der Restbestände des kulturellen Erbes.</p>
<p>Grüne Gesinnung, graues Gehirn.</p>
<p>Das Rinnsal des Gesagten mündet in den Ozean des Ungesagten.</p>
<p>Die großen Worte schillern hübsch wie die Seifenblasen aus Kindermund, bevor sie platzen und dahinschwinden, als wären sie nie gewesen.</p>
<p>Die Pax Romana unter Augustus bot nach dem Sieg über das orientalische Monstrum den Raum der Rekreation, in dem die monumentalen Werke eines Horaz, eines Vergil gediehen.</p>
<p>Schopenhauer, der die Sprache als Schaum und Gischt auf der schwarzen Woge des blinden Willens ihrer semantischen Kraft zu wahren Aussagen benahm, ohne dies selber zu erkennen, war doch einer der wenigen großen Stilisten unter den Philosophen deutscher Zunge.</p>
<p>Je mannigfacher die Gelegenheiten, sich medial zu präsentieren, umso aufdringlicher der Exhibitionismus der Scharlatane und eleganten Schwätzer.</p>
<p>Die Zensur, das zeigen Autoren wie Ovid, Pascal oder Baudelaire, die ihr zum Trotz große Werke verfaßten, kann ein Wetzstein des Verstandes, ein Souffleur zweideutiger Wendungen und ein Jäger sein, dessen Fußfesseln nur der subtile Wortakrobat entgeht.</p>
<p>Die Begabung sitzt heute in der hintersten Reihe, wo sich früher die Schwachköpfe räkelten, und langweilt sich, angeödet von dem seichten Stoff, der den Minderbegabten in den von Einfühlung und „Achtsamkeit“ überquellenden Schalen einer vulgären und stumpfsinnigen Pädagogik dargereicht wird.</p>
<p>Der Status und das Einkommen der Eltern sind oft ein guter Indikator für die Begabung der Kinder; von der Wohlfahrt durchgefütterte Kretins zeugen keine Genies.</p>
<p>Die neuen politischen Rousseauisten sind Feinde der Natur, weil sie Begabungen und Talente ungleich verteilt.</p>
<p>Neue sprachliche Bedeutungen, die sich bewähren, sind nichts willkürlich Gemachtes, sondern tauchen auf wie Boten einer noch kaum bemerkten Sphäre der Wirklichkeit.</p>
<p>Indes, Boten fremder Länder und Sprachen können wir nur verstehen, wenn es uns gelingt, ihre Botschaft in unsere eigene Sprache zu übersetzen.</p>
<p>Ein Bote kam aus dem exotischen Land der physikalischen und chemischen Gesetze und Formeln und tat kund, das altbekannte Phänomen Wasser sei eine Synthese von Wasserstoff und Sauerstoff, die unter wechselnden Temperaturbedingungen ihre molekulare Anordnung variieren. So weit, so gut. Freilich bleibt für all jene, zu denen die Kunde nicht vorgedrungen ist, die gewöhnliche Bezugnahme auf diesen chemischen Komplex erhalten, wenn sie das wahrgenommene Phänomen Wasser nennen. – Doch die seltsame Botschaft jener, die im noch exotischeren Land neurophysiologischer Forschung das menschliche Gehirn untersuchen, die Äußerung „Dieser Stoff ist Wasser“ sei identisch mit elektrochemischen Vorgängen in den Nervenbahnen, wird nicht das Glück einer Übersetzung in unsere altmodische Alltagssprache finden: Denn beim Versuch, sie durch ihr wissenschaftliches Idiom zu ersetzen, wird die semantische Bezugnahme und somit ihre Lebensgrundlage vor die Hunde gehen.</p>
<p>Die Bedeutung einer Aussage wie „Wasser ist H<sub>2</sub>O“ ist nichts Konstruiertes und Gemachtes, sondern mittels methodischer Forschung entdeckt. Dieser Sachverhalt weist auf die Bedeutungsautonomie all jener Namen und Begriffe, die natürliche Arten identifizieren wie Sonne, Rose, Pferd oder Mann und Frau.</p>
<p>Bedeutungen von Namen und Begriffen für natürliche Arten sind nicht, was wir empfinden, fühlen und intendieren, wenn wir sie äußern.</p>
<p>Wer vor der Floristin auf einen Behälter voller weißer Nelken zeigt und den Wunsch äußert: „Machen Sie mir bitte von den Rosen einen ansehnlichen Strauß“, wird sich hinsichtlich seiner botanischen Kenntnisse blamieren, auch wenn er während seiner Äußerung tatsächlich an Rosen gedacht hat.</p>
<p>Der Mann mit Bart, der von sich behauptet, er fühle sich als Frau oder gar als schwangere Frau, beweist mit seiner Äußerung nicht die Wahrheit seiner Behauptung, sondern die Krankheit seines Gemüts.</p>
<p>Unterschied von grammatischem und natürlichem Geschlecht: Der Ausdruck „DIE Person“ bezieht sich nicht ausschließlich auf Frauen und der Ausdruck „DER Mensch“ nicht ausschließlich auf Männer. – Aber das verstehen sie nicht; das wollen sie nicht verstehen.</p>
<p>Die historischen Kollektivnamen „Ungarn“, „Serben“, „Japaner“, „Armenier“ oder die verächtlich als „Bio-Deutsche“ Titulierten bezeichnen auf ethnischer Zugehörigkeit beruhende kulturelle Gemeinschaften; sie haben demnach den semantischen Rang von natürlichen Arten und repräsentieren nichts Gemachtes, Künstliches, sozial Konstruiertes. Wer dies abstreitet oder mit gesinnungsethischem Denkverbot belegt, will vorgeblich rassistischen Ressentiments Einhalt gebieten, in Wahrheit aber kulturelle und nationale Einheiten dieser Art mittels gesteuerter Überfremdung und als globale Vielfalt gefeierter Demoralisierung zerstören.</p>
<p>Die Jalousien der moralischen Gesinnung sollen die harten Strahlen der Wahrheit verdunkeln.</p>
<p>Im schummerigen Dämmerlicht ist gut munkeln, wo die Lichtscheuen ihre Köpfe zusammenstecken und sich in der Aufzählung der von ihnen erlittenen oder bezeugten Traumatisierungen und Diskriminierungen überbieten.</p>
<p>Wer Wahrheiten im Munde führt, die den Phrasen der moralischen Gesinnung widersprechen, läuft Gefahr, von ihren Wächtern, die um den inneren Frieden und die Anfälligkeit der noch nicht mehrfach Geimpften für das Virus des Zweifels besorgt sind, in einem medialen Schauprozeß geknebelt zu werden.</p>
<p>Was sie nicht mehr kennen, was sie nicht mehr können: sublim empfindend, Sublimem vorzufühlen und ihm nachzudichten, geschweige denn das bedeutsam Schwere spielerisch-leicht zu sagen.</p>
<p>Das Sublime ist den niedrig Gesinnten zuwider, weil es von vornehmer Herkunft und Haltung zeugt.</p>
<p>Demokratische Hunde haben ein fideles Vergnügen, wenn sie an ehrwürdigen Denkmälern das Bein heben.</p>
<p>Plebejer (wie die in der Gruppe 47), die beim hohen Ton des Dichters feixen, scharren, johlen.</p>
<p>Wie sublim das Lilienbanner der Bourbonen verglichen mit der kunstlosen Trikolore der Egalitären.</p>
<p>Nicht wird sich vor der königlichen, der Schwester Orchidee, das Veilchen schämen.</p>
<p>Der Gegensatz zur königlichen Orchidee ist nicht das geringe Veilchen, sondern der widrige Staub, der beide befällt.</p>
<p>Der Gegensatz zum Erhabenen und Sublimen ist nicht das Geringe, Einfache und Schlichte, sondern das Alberne und Vulgäre.</p>
<p>Die unverkürzte Beschreibung deutscher Zustände genügt den Kriterien guter Satire.</p>
<p>Die Wissenschaft am Gängelband der Gender-, Anti-Rassismus-, Anti-Kolonialismus, Klimaschutz- und Gleichheitsideologie, ihr Kotau vor den administrativen und institutionellen Gebern von Drittmitteln an die heroischen Verfechter politisch korrekter Programme und Pseudo-Forschungen, ihr wedelnder Dank an die Auftraggeber in Form von Gefälligkeitsgutachten – das ist aus dem Land von Leibniz, Humboldt, Planck und Heisenberg geworden.</p>
<p>Der Triebtäter, Erotomane, Projektemacher, Blitzkrieger, Welteroberer, der zum Augenblick nicht sagen konnte „Verweile doch, du bist so schön“, Faust, das geheime Vorbild aller Tatmenschen, kriminellen Machtpolitiker und Fortschrittsbesessenen, erblindet am Ende des zweiten Teils der Tragödie; ergriffen von dem Geräusch stechender Spaten und wühlender Schippen wähnt er den Fortgang seiner kolonialen Machenschaften auf gutem Wege – in Wahrheit hört er die Totengräber sein Grab ausheben.</p>
<p>Der Hang zur ruchlosen Machtentfaltung und Entweihung der Erde ist ein Grundzug der Aufklärung, der heute die Endgestalt der westlichen Zivilisation bestimmt. – Man denke nur an den Aspekt der Desakralisierung des rituellen Begräbnisses im Rahmen der Friedhofsverordnung unter Kaiser Josef II., deren wissenschaftlich verbrämter Begründung, sie diene der hygienischen Entsorgung des Leichnams, auch Mozart zum Opfer fiel.</p>
<p>In die scheinbar unsublimierbare Urlust der Vernichtung, die den Sohn des Chaos beherrscht, mischt sich von Anbeginn ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Ohnmacht angesichts der schöpferischen Potenzen, wie sie in den natürlichen Ordnungen zutage treten – ein Gefühl, das die Lust zur frenetischen Wut steigert.</p>
<p>Der dichterische Gesang entstammt dem Rauschen des Wassers, dem nächtlichen Glucksen tauenden Schnees, der ozeanischen Brandung und er kehrt am Ende zum Wasser zurück, und sei es in Gestalt der einsamen Blütenknospe, die, dem Monde aufgetan, auf dem dunklen Strom des zur Mündung strebenden Gefühls dahintreibt.</p>
<p>Sprachen dienen nicht nur der Verständigung, sondern ebenso der Verheimlichung, Verklausulierung und Selbstabschließung kultureller Gemeinschaften; so die Gaunersprachen, die Runen der Druiden, die Geheimsprachen der Auguren, Priester und Diplomaten, die hermetischen Sprachen der Dichter. Wer versteht denn, auch wenn er seinen Stowasser oder Larousse jahrelang unter dem Kopfkissen barg, auf Anhieb einen Horaz oder Mallarmé, wer dringt aus der syntagmatischen Ordnung der indogermanischen Sprachen ohne weiteres in die agglutinierende der altaischen Sprachen wie das Ungarische oder Japanische ein, ohne sich in den schwebenden Bezüglichkeiten ihrer Aneinanderreihungen zu verheddern?</p>
<p>Platon warnte im „Phaidros“ vor den Gefahren, die von der Verschriftlichung auf die mnemotechnischen Fähigkeiten des Menschen ausstrahlen; heute haust der digital gesteuerte, überwachte und betäubte letzte Mensch in den ausgebrannten Ruinen seines Gedächtnisses und auf dem unfruchtbaren Karst seiner gebrochenen personalen Identität.</p>
<p>Verstiegenheit, Entgrenzung, Maßlosigkeit in Theorie und Praxis – deutsche Wegmarken.</p>
<p>Den natürlich-leichten Rhythmus und Wechsel finden, Tag und Traum, Willkommen und Abschied, Leiden und Meiden – das Schwierigste für Geister, die am Gespinst der großen Systemspinne kleben; noch während sie von ihr ausgesaugt werden, hört man ihr fast ersticktes Wispern und Winseln vom kommenden großen Glück. Was meint dies anderes als die nietzscheanische Rache jener, die zur Kurzatmigkeit und Trübsal verdammt waren, an den frei Atmenden und leicht Lebenden, der Thersites-Gestalten an den Anmutigen, Schönen, Wohlgeratenen, der Unfruchtbaren an den Schöpferischen?</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Das Esperanto der Hoffnungslosen</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/das-esperanto-der-hoffnungslosen/</link>
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		<pubDate>Mon, 18 Sep 2023 22:15:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Das Esperanto der Hoffnungslosen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Dichtung ist nicht das Gerede des Alltags, in extravagante Tropen oder verstörende Metaphern verpackt. Uns alten weißen Europäern dünkt der symmetrische Bau der Kristalle, der Knospen und der Oden schön; ob der Schneekristall in gleichem Maße dem Schwarzafrikaner und dem Eskimo als Exemplare schöner Gestaltungen gilt, scheint noch nicht gründlich erforscht [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/das-esperanto-der-hoffnungslosen/">Das Esperanto der Hoffnungslosen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Dichtung ist nicht das Gerede des Alltags, in extravagante Tropen oder verstörende Metaphern verpackt.</p>
<p>Uns alten weißen Europäern dünkt der symmetrische Bau der Kristalle, der Knospen und der Oden schön; ob der Schneekristall in gleichem Maße dem Schwarzafrikaner und dem Eskimo als Exemplare schöner Gestaltungen gilt, scheint noch nicht gründlich erforscht zu sein.</p>
<p>Einzig das Königtum von Gottes Gnaden ist unter allen Formen der Herrschaft angesichts der Eitelkeit, Verlorenheit und Schäbigkeit menschlicher Existenz als groß, erhaben und würdig zu bezeichnen.</p>
<p>Die Gesetze der Natur sind keine sittlichen Normen. Doch die sittlichen Normen sind eine Antwort auf die natürlichen Phänomene; so ist die Vorschrift der Monogamie eine Antwort auf die einzig fruchtbare Bipolarität der natürlichen Geschlechter und die einzig förderliche Aufzucht von Kindern im Hort der Gemeinschaft mit den natürlichen Erzeugern Vater und Mutter.</p>
<p>Die Gesetze der Natur sind keine ästhetischen Regeln. Doch die ästhetischen Regeln sind eine Art autonomer thematischer Bearbeitung und Variation dessen, was uns natürliche Phänomene an Stoffen und Motiven an die Hand geben. – Wir goutieren die symmetrische Gestaltung von Ornament, Säule und musikalischer Fuge; indes, ein völlig symmetrisch gebautes menschliches Gesicht erscheint uns eher uninteressant und fade, dagegen schätzen wir die leichte Asymmetrie, die ihm der Schönheitsfleck verleiht.</p>
<p>Die Wirkung großer Kunst ähnelt der Trepanation des menschlichen Schädels bei vollem Bewußtsein, die uns schon in steinzeitlichen Zeugnissen begegnet; Öffnung der Kammern des Geistes und der Seele, in denen Überdruck herrscht.</p>
<p>Die Stupidität einer hemdsärmeligen hermeneutischen Methode sieht im literarischen Zeugnis ein Abbild der Realität oder eine Vorahnung gesellschaftlicher Entwicklungen. – Als spiegele die Lysistrate des Aristophanes den Widerstand kluger und beherzter Frauen während des Peloponnesischen Krieges; aber dieses Stück ist eine ausgelassene Komödie des geistreichen Dichters zum Amüsement der Männer während der Verschnaufpause, in der sie Schwert und Rüstung gleichsam vor dem Eingang zur Orchestra abgelegt haben. – Als wäre „Der Prozeß“ von Kafka als Antizipation der kommenden Schrecken totalitärer Herrschaft zu lesen; doch ist die Zweideutigkeit der in Kafkas Roman erzählten Ereignisse eine semantische Ausstrahlung der grundlegenden Zweideutigkeit des Fiktiven und der literarischen Form des Romans überhaupt, Zweideutigkeit, die zersetzend in die Darstellungsfunktion der Sprache oder ihre nährende Schlagader hinabsickert. Der Prozeß ist ein gerichtliches Verfahren gegen die eindeutige Sagekraft der Zeichen, der in Verwirrung, Verdunkelung und Zerstörung mündet.</p>
<p>Die Position des Ich im System der natürlichen Sprachen gleicht der Position der Null im System der natürlichen Zahlen.</p>
<p>Durch null kann man nicht teilen. Das Personalpronomen der ersten Person kann man nicht durch eine objektive Beschreibung ersetzen.</p>
<p>Das lyrische Ich ist der Nullpunkt im Koordinatensystem der dichterischen Sprache.</p>
<p>Post factum heißt nicht propter factum. Weil es dich in diese Zeit verschlagen hat, bist du nicht gehalten, dich ihrem Geiste anzudienen.</p>
<p>Die Schreckgespenster, die gesinnungstreue Pädagogik den Kindern und Jugendlichen permanent vorhält, um sie unedlen Haltungen wie dem Antisemitismus und Rassismus abspenstig zu machen, führen zu einem Widerwillen, der sich in infantilen und pubertären Aufwallungen von Antisemitismus und Rassismus entlädt.</p>
<p>Das Gängelband der Geschichtsphilosophie durchschneiden – erste Tat des freien Geistes.</p>
<p>Die sich als lammfromme moralische Mahner und gütige chiliastische Retter der Menschheit aufspielen, sind die Wölfe, die morgen ihren Schafspelz ablegen werden, um ihren Gegnern als Feinden der Menschheit an die Gurgel zu gehen.</p>
<p>Der freie Geist will nicht alles wissen.</p>
<p>Ein paar Menschenalter später und die erste Expedition bricht zu einem erdähnlichen Planeten außerhalb des Sonnensystems auf: Hat sie die großen Überlieferungen der Menschheit in digitalisierter Form an Bord? Bach, Mozart, Beethoven und Schubert? Befinden sich die Schriften der Religionen darunter, die Bibel, der Koran, die Sutras des Buddha? Ihre Symbole, der Stern der Erlösung, das Kreuz, der Halbmond, der Lotos? Oder werden jene reisen, die Nietzsche die letzten Menschen nannte, technisch und wissenschaftlich hochgerüstet, seelisch verholzt und geistig arm? Wie werden sie die Toten auf der Gegen-Erde, denn es gibt keine Rückkehr zum Mutterplaneten, behandeln? Werden sie die Leichen eher chemisch nutzbringend verarbeiten als rituell bestatten? Wird es auf der Gegen-Erde Kunst, Dichtung, Musik und Theater geben oder wird die alte Muse in Form einer entspannenden Droge verabreicht, die den unheimlichen Ausblick in die Galaxis halluzinatorisch verklärt?</p>
<p>Die technische Ablösung der natürlichen Geschlechtlichkeit und ihrer generativen Funktion wird in den Laboren der künstlichen Befruchtung und der chemisch stimulierten Aufzucht genetisch optimierter Embryonen schon vorbereitet.</p>
<p>Die technisch gemeisterte Ersetzung der Bipolarität der Geschlechter hat die Auflösung der natürlichen Bindung im Schutzraum der Familie zur Folge; der Mensch wird sogleich, den Insekten nicht unähnlich, in den totalen Staat hineingeboren.</p>
<p>Ein kleiner Strudel im großen epischen Strom Homers reißt unser Boot nicht in die Tiefe; anders ein unvorhergesehener Katarakt im Nachgesang des Epigonen.</p>
<p>Mischst du alle Farben, kommt nur ein tristes Grau zum Vorschein.</p>
<p>Mischst du willkürlich die literarischen Gattungen und Stilhöhen, blickt dir ein albern-groteskes Monstrum entgegen und behelligt dich mit einem unverständlichen Kauderwelsch.</p>
<p>Heute bedarf es gelehrter Kommentare, um eine Tragödie des Sophokles zu verstehen. Wie war es also um das Bildungsniveau der damaligen Athener bestellt?</p>
<p>Platon streut all die kleinen Partikel- und Füllwörter über die Sätze, die sie wie Kitt verbinden sollen; wörtlich übertragen, wie in der Übersetzung von Schleiermacher, wirken sie nicht wie syntaktischer Mörtel, sondern wie semantische Luftblasen.</p>
<p>Vergleicht man Gestik und Mimik von mehr oder weniger prominenten Personen in älteren und jüngeren Videoaufzeichnungen, bemerkt man ein Nachlassen der Impulsivität und Dynamik als unmittelbare Folge des Alterns. Dagegen bleibt der Ausdruck der Augen meist gleich, und wenn er sich gravierend verändert, können wir wohl auf eine pathologische Veränderung der Persönlichkeit schließen.</p>
<p>Wenn einer vorgibt, signifikante Tendenzen der europäischen Literatur von Homer bis in die Moderne oder der Philosophie von Heraklit bis Heidegger angeben zu können, wird es sich um einen Hochstapler handeln. Denn wer könnte in ein solches Labyrinth eingetreten sein und einen Ausgang gefunden haben?</p>
<p>Fragwürdig wie die Einteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit ist jede historische Einteilung, die vorgibt, mehr als bibliothekarische Klassifikationen und formale Orientierungshinweise zu liefern. – Jede Zeit ist unmittelbar zu Gott, wie Ranke konstatierte, und keine, könnte man ergänzen, ist nur ein Nachhall ihrer Vorgänger oder eine Passage und ein Übergang in nahe und ferne Zukünfte.</p>
<p>Doch geschichtsphilosophische Großkonstruktionen sind für Leichtmatrosen auf dem Großsegler namens Weltgeschichte allzu verführerisch. Als könnten sie im Ausguck die historische Wetterlage nach providentiellen Lichtern und Schatten absuchen und die Ankunft einer neuen Epoche vorhersagen.</p>
<p>DIE Geschichte DER Menschheit – schon beschleichen einen Zweifel begriffslogischer und epistemischer Provenienz.</p>
<p>Beim Gespräch sollten klar erkennbare geistige, sprachliche und moralische Physiognomien einander gegenüberstehen; diejenigen, welche die Physiognomien der Kulturen vermengen und ineinander aufzulösen bestrebt sind, dienen nur vorgeblich der Verständigung.</p>
<p>Von den Nachfahren der vielen Deutschen, die im neunzehnten Jahrhundert nach Amerika ausgewandert sind und sich vollständig amerikanisiert haben, heute noch als von Deutschen zu sprechen, wäre recht sophistisch; für Juden allerdings, die weder im Getto hausen noch das mosaische Gesetz einhalten, aber an der New Yorker Börse spekulieren, soll diese triviale Feststellung nicht gelten.</p>
<p>Auf der abgegriffenen römischen Münze ist das Porträt des Kaisers verwischt, ja nicht zu erkennen, um welchen Kaiser es sich handelt; so die Münzen der Sprache, auf der das Antlitz der ursprünglichen Bedeutung verblaßte.</p>
<p>Synthetische Menschen ohne Stallgeruch, technisch raffiniert gebosselte Kunstwerke ohne die Aura der Herkunft, im Sprachlabor kombinierte Literaturprodukte ohne den Zungenschlag einer Heimat.</p>
<p>Das Deutsch der dem Globalismus hörigen Elite ist das Esperanto der Hoffnungslosen.</p>
<p>Die fatalen Eingriffe am grammatischen Geschlecht zugunsten dessen, was sie „Geschlechtergerechtigkeit“ nennen, entstellen die deutsche Sprache auf eine aberwitzig-obszöne Weise.</p>
<p>Wenn sie von „Künstler:in“ sprechen, verschwindet die Wahrheit der Kunst – und gerade die erotisch verborgen-präsente – hinter dem obszönen Schatten des Geschlechtsmerkmals.</p>
<p>Die wuchtige, urwüchsige Prägekraft der deutschen Sprache haben die Lessing, Herder und Hamann gegen die Überwucherung durch die Sprache des damaligen kulturellen Hegemons Frankreich erobert, gewonnen, gefestigt; heute zerfällt sie unter der Übermacht des neuen Hegemons Amerika in konturlose Wendungen, farblose Stereotype und duftlose synthetische Blüten einer monochromen Monokultur.</p>
<p>„Die Liebe Gottes“ bezeichnet einen Genetivus subiectivus und zugleich einen Genetivus obiectivus. „Sie gedachten seiner gütigen Gesten und Worte“ bezeichnet einen Genetivus memoriae. Sie aber gedenken nicht mehr ihrer (der Opfer), sondern IHNEN; die Auflösung der korrekten Verwendung des Genetivs ist ein Menetekel geistiger Umnachtung.</p>
<p>Karl Kraus bliebe heute die Spucke weg.</p>
<p>Die Linken hatten einmal ihren Brecht, ihren Walter Benjamin; die Rechten ihren George, ihren Rudolf Borchardt; heute sehen wir auf beiden Polen sprachliche Wüsten (mit kleinen, ganz versprengten und schwer zugänglichen Oasen).</p>
<p>Ihnen die Bestie der ungezähmten Sprache freizugeben ist törichter als die kultivierte (wie über Jahrhunderte geschehen) in den Verliesen der Zensur nach Löchern bohren zu lassen, die ihr einen Blick in die gestirnte Nacht freigaben.</p>
<p>Die ersten Opfer der „befreiten“, sprich zügellosen Sprache sind die Schönheit und das Sublime.</p>
<p>Schönheit ist ein ethischer Anspruch an die Kunst des Bilds und des Worts, ohne deren Geltung sie in die Barbarei des unkultivierten Umgangs zurücksinkt.</p>
<p>Wer einen lieben oder geschätzten Gast erwartet, räumt die Wohnung auf und dekoriert den Tisch mit einem frischen Blumenstrauß. Der Sinn für das Schöne wurzelt in solchen Gesten, die für eine lichte Ordnung und eine harmonische Umgebung sorgen.</p>
<p>Wie die Tracht mit ihren kostbaren Stoffen, herrlichen Mustern und bedeutsamen Emblemen dem erhöhten Moment der Feier Ausdruck verleiht, so die Wahl und Anordnung der Worte, Bilder und Metaphern des Gedichts dem erhöhten Moment der Seele, die ihrer innewird und sich selbst zu feiern anschickt.</p>
<p>Sollen wir dem Gast in einer schmutzigen Wohnung und einem zerrissenen Hemd unsere Aufwartung machen, die Seele des Lesers in ein ödes, verkarstetes Sprachgelände oder einen schilfigen Morast dunkel glucksender Laute und schrill pfeifender Interjektionen einladen?</p>
<p>Wie allererst die Seele vor den göttlichen Mächten? Soll sie den Schmutz ihres Alltags nicht abwaschen und sich in das Festkleid des Hymnus hüllen, um ihre Götter anzurufen und zu empfangen?</p>
<p>Das Festkleid der Sprache, wie wir es bei Pindar und dem Psalmisten, bei Klopstock und Hölderlin finden, liegt es für immer zerrissen, weil wir nunmehr eher der Entweihung der sublimen Sprache als ihrer Wiedererweckung zuneigen?</p>
<p>Das Ethos des dichterischen Worts widersetzt sich dem maßlosen Anspruch all jener, die den ungezügelten Ausdruck der eigenen kläglichen Befindlichkeit, das Zeigen ihrer verkrusteten Wunden und die trübe Ejakulation ihrer unreinen Gedanken zur Wahrheit authentischer Kreativität verklären.</p>
<p>Die sublime Kunst der Ahnen wird von den giftigen Alberich-Gestalten der Gegenwart als heuchlerische Maske weißer Vorherrschaft verunglimpft. So glaubt man die für Zwerge unersteiglichen Gipfel der Oden eines Horaz oder Hölderlin dem vulgären Sinn zuliebe plattmachen zu können.</p>
<p>Die zierlichen Windungen und stummen rhetorischen Gesten der höfischen Tanzkunst, die sublimen Ekstasen des klassischen Pas de deux wurden für das Zappeln und Zucken und Strampeln außer Rand und Band geratener menschlicher Körper aufgegeben. – Die Parallele zur Verhunzung der menschlichen Physiognomie im Ausdruckstanz ist die Versumpfung und Verwilderung der Sprache und der dichterischen Formen in vielen mißratenen Exempeln der expressionistischen Lyrik.</p>
<p>Das Ethos des dichterischen Worts bringt uns wieder, nachdem wir sie im Lärm der Welt und im Gedränge des Marktes verloren haben, mit der Bedeutung des Lebens in Berührung, einer Bedeutung, die wir ihm nicht eigenmächtig verliehen oder eitel angedichtet haben, sondern die es, wie das im Schilf verborgene Nest die gesprenkelten Eier, in sich trägt: Das Wort der Dichtung bringt sie zur Resonanz, gleich der in den Wind gehängten Äolsharfe, die auf magische Weise von selbst zu erklingen scheint.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Ethik des Worts</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/ethik-des-worts/</link>
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		<pubDate>Mon, 11 Sep 2023 22:27:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik des Worts Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Pick aus dem Haufen eine Ameise heraus, und du hast alle. Anhand des Abgleichs mit dem Farbmuster bestimmen wir die Farbe des vorgelegten Stoffs. Wir können das Gesicht des Fremden, das uns so bekannt vorkommt, nicht anhand von Erinnerungsbildern identifizieren. Das von einer noch so sorgsam gefütterten Software erzeugte Musikstück wird [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/ethik-des-worts/">Ethik des Worts</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Pick aus dem Haufen eine Ameise heraus, und du hast alle.</p>
<p>Anhand des Abgleichs mit dem Farbmuster bestimmen wir die Farbe des vorgelegten Stoffs.</p>
<p>Wir können das Gesicht des Fremden, das uns so bekannt vorkommt, nicht anhand von Erinnerungsbildern identifizieren.</p>
<p>Das von einer noch so sorgsam gefütterten Software erzeugte Musikstück wird Mozart nur im oberflächlichen „Sound“ imitieren, nicht aber dem Geist nach.</p>
<p>Lege im Geiste neben Schillers Schädel und Goethes Gedicht „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“ den von Herrn Jedermann.</p>
<p>Greife einen beliebigen Akkord auf der Tastatur, und wir erkennen augenblicks den Meister – oder den Dilettanten.</p>
<p>Nur im Trivialen sind alle gleich.</p>
<p>Die Analyse von Wasser ergibt zwei gasförmige Stoffe, die Analyse des Satzes wiederum Sätze, die Analyse des Gedankens wiederum Gedanken.</p>
<p>Zerlegen wir das Gehirn in Fasern, die Fasern in Neuronen, die Neuronen in Moleküle: wir stoßen auf keine Wahrnehmung, keine Empfindung, keinen Gedanken.</p>
<p>Synapsen können sich nicht irren, Gedanken schon.</p>
<p>Die Maschine versagt; der sie bedient, tut den falschen Handgriff.</p>
<p>Gehirne können sich nicht über sich selbst täuschen, im Gegensatz zu den Personen, deren Gehirne sie sind.</p>
<p>Ein beliebiger Sprachfetzen sagt uns, auf welchem Niveau wir uns befinden.</p>
<p>Wie ihre Gestalten, unterscheiden sich auch die typischen mentalen Eigenschaften von Männern und Frauen. – Diese Banalität soll, weil sie morbide Empfindungen einer winzigen Minderheit verletzt, ins Reich des Unsagbaren, des Unsäglichen, verbannt werden.</p>
<p>Die Theorie über die Welt, die behauptet, sie sei alles, was der Fall ist, erweist sich notwendigerweise als unvollständig, denn sie verkennt, daß der Sprecher, der die Behauptung aufstellt, darin nicht vorkommt.</p>
<p>Die Welt muß eine Struktur haben, die es möglich macht, daß ein Sprecher auftaucht, der Theorien über sie aufstellt.</p>
<p>Keine Sprache ohne Sprecher.</p>
<p>Die Grammatik ist die mächtige und fruchtbare Fiktion einer starren geistigen Einheit gegenüber dem fluiden Medium der sprachlichen Handlungen, die sie instantiieren.</p>
<p>Die Grammatik verführt uns bekanntermaßen zu Täuschungen; so die Verwendung des harmlos daherkommenden Reflexivpronomens oder des Personalpronomens der ersten Person. Doch wir täuschen uns, wenn wir anhand von Sätzen wie: „Mich friert“, „Mir graut vor ihm“, „Er freute sich, uns wiederzusehen“ oder „Sie fühlte sich aufgrund seiner hochmütigen Geste beschämt“ zu der Auffassung neigen, diese und andere mentale Vorgänge beruhten auf einer vorgängigen Reflexion, sie könnten gleichsam nur vor dem Spiegel des Selbstbewußtseins artikuliert werden.</p>
<p>Er dachte: „Ich bewege meinen Springer, dann kann ich die Dame bedrohen. Doch halt, dann werde ich selber von seinem Turm bedroht!“ – Angesichts solcher Selbstaussagen werden wir zu der Auffassung verleitet, was wir mit „ich“ bezeichnen sei eine Instanz, die in der Rolle des Selbstbeobachters und Wächters der eigenen Handlungen (beispielsweise an der Grenze von Es und Über-Ich) exzelliere oder auch mühsam ihren Posten halte.</p>
<p>Der Gebrauch des Possessivpronomens verführt uns zu wieder anderen philosophischen Torheiten, nämlich Kategorienfehlern; die Rede von „meiner Hand“ und „seinem Leben“, von „ihrer Empfindlichkeit“ und „seiner Intelligenz“ verführt uns zu falschen Analogien, als wären Leib und Leben sowie emotionale und intellektuelle Fähigkeiten Besitztümer wie Haus und Hund.</p>
<p>Geld und Gut, das wir verschenken oder veräußern, haben wir nicht mehr; unser intellektuelles und sprachliches Vermögen, das wir einem Freund zur Verfügung stellen, wenn wir ihm bei der Übersetzung von Auszügen lateinischer Schriftsteller helfen, wird dadurch nicht geringer.</p>
<p>Intelligenz könnte man nicht vortäuschen, ohne sie zu haben. – Aber sie großzügig im Dienste anderer anzuwenden heißt nicht, zu verdummen – im Gegenteil.</p>
<p>Der Schüler antwortet bei der Verlesung der Namen durch den Lehrer: „Hier!“ – Der deiktische Ortsindikator „hier“ kann das Pronomen der ersten Person „ich“ ersetzen.</p>
<p>Wir können uns nur als Personen oder lebende Organismen mit spezifischen Fähigkeiten verstehen, nicht als raumzeitliche Komplexe aus physischen Entitäten, über denen mentale Eigenschaften emergieren.</p>
<p>Personen können von sich sagen, daß sie jetzt hier sind; dagegen muß die physikalische Weltbeschreibung die subjektiven Orts- und Zeitzuschreibungen eliminieren und durch Werte objektiver Skalen ersetzen.</p>
<p>Der Versuch, personale Existenz zu objektivieren, verstrickt sich in eine Art pseudonaturwissenschaftlicher Mythologie. So wenn wir uns als sprechende Affen und äffende Roboter wiederfinden sollen.</p>
<p>Sagen wir, Personen seien Körper mit einem Gehirn, das ein Bild seiner selbst, ein Selbstbild, projiziert, bleiben wir weiterhin in die cartesianische Polarität von Materie und Geist verstrickt, auch wenn wir den Geist durch das Gehirn ersetzen.</p>
<p>Wenn wir von der Person mit unserem Namen und unserer Adresse, ja selbst mit unserer Biographie, sagen, sie beschließt, ihren Freund Peter zu besuchen, bleibt unklar, inwiefern wir selbst es sein sollen, die diesen Entschluß fassen.</p>
<p>Die Probe einer Handschrift mag dem geschulten Graphologen ermöglichen, die Identität des Verfassers zu entschlüsseln; doch die noch so sorgfältige Analyse der Wahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen entschlüsselt nicht die Identität dessen, der sie hatte; denn all diese Formen des Selbstwissens sind täuschungsanfällig.</p>
<p>Stichproben sind objektive Verfahren der Mustererkennung, bei denen ein zu identifizierendes Exemplar wie eine Handschriftenprobe anhand eines Vorrats an Mustern desselben Typs analysiert wird, deren Zuschreibung zur Identität einer Person als sicher gilt. – Doch im Falle des Selbstbewußtseins haben wir nur mentale Ereignisse bestimmter Typen oder Muster, die sich die Person selber zuschreibt.</p>
<p>Man muß die zugespitzte Absurdität der Frage verspüren, inwiefern bloße Materie Bewußtsein hervorbringen, reine Nervenfasern sich ihrer bewußt werden können, um über die Tatsache zu staunen, daß ihr mittlerweile Scharen und Generationen durchaus kluger Köpfe auf den Leim gegangen sind.</p>
<p>Mit der altgriechischen Sprache teilt die deutsche die Möglichkeit und die Neigung, mittels der Substantivierung des Verbs und des Partizips Scheinwesen oder begriffliche (und mythische) Allegorien hervorzuzaubern, wie DAS Sein, DIE Wahrheit, DIE Vernunft und DIE Tugend (die sprachliche Möglichkeit zu tausend göttlichen Wesen hat uns monotheistische Sprachaskese verstellt). – Natürlich gibt es kein Sein, sondern nur die Möglichkeit für dieses und jenes zu existieren, und also auch nicht zu existieren; natürlich gibt es weder DIE Wahrheit, DIE Vernunft noch DIE Tugend; sehr wohl aber gibt es unsere sprachliche Fähigkeit, sinnvolle Sätze zu bilden und unter diesen wahre von nichtwahren zu unterscheiden; sehr wohl die intellektuelle Potenz, Urteile über Handlungen zu fällen und die einen als vernünftig, die anderen als unvernünftig zu kennzeichnen; und zudem sprechen wir zurecht vom moralischen Urteilsvermögen, wenn wir bestimmte Taten als gut belobigen und andere als schlecht tadeln.</p>
<p>Als Gesetz logisch-semantischer Mannigfaltigkeit könnte gelten: Es kann nicht nur EINEN Sprecher EINER Sprache, es kann nicht nur EINE Sprache geben.</p>
<p>Aus dem Gesetz folgt auch, daß es dort, wo nur eine Sprache gesprochen zu werden scheint, es gleichwohl Versionen derselben Sprache gibt, zum Beispiel die Dialekte, Soziolekte, Idiolekte oder die Sprachen der Kinder, der Priester, der Gauner.</p>
<p>Gäbe es eine Welt mit nur einem Sprecher nur der einen Sprache, könnte er, wie Wittgenstein gezeigt hat, die Anwendung der sprachlichen Ausdrücke auf bestimmte Gegenstände und also ihre Bedeutung nicht regelhaft festlegen; also wäre es möglich, daß sich die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke gleichsam unter der Hand und ohne daß der Sprecher es bemerken müßte änderte; in diesem Falle würde er mehr als eine Sprache sprechen.</p>
<p>Meine Hand ist nicht mein Eigentum; ich kann sie jemandem nur im übertragenen Sinne leihen.</p>
<p>Meine Organe und Glieder sind ein echter Teil meiner Person; dies gilt auch im Fall des Verlusts von Gliedmaßen, wie uns der Phantomschmerz illustriert. Würde mein Gehirn gemäß dem lehrreichen Gedankenexperiment von Hilary Putnam in einem wissenschaftlichen Labor in einer Nährschale aufbewahrt und auf künstliche Weise mit all den Impulsen angeregt, die zu den Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedanken führen, die ich jetzt im unverstümmelten Zustand habe, wäre daher der Nervenhaufen im Labor mit meiner Person nicht mehr identisch, auch wenn er auf Befragen nach seiner Identität meinen Namen angäbe.</p>
<p>Die Wahrheiten über Dinge und Tatsachen geben uns keine Orientierung, keinen Lebenssinn; die Wahrheit, daß die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, oder die Wahrheit, daß die Klasse der Säugetiere, zu der wir biologisch gehören, in zwei sexuelle Geschlechter aufgeteilt ist, gibt uns keine Orientierung in der Frage, ob wir vernünftig oder unvernünftig handeln, wenn wir unsere Lebenskraft dieser oder jener künstlerischen oder religiösen Aufgabe opfern, eine Familie gründen und Kinder aufziehen oder sie zur Maximierung unseres privaten Vergnügens verschwenden sollen.</p>
<p>Eine Weinprobe machen heißt nicht, so zu tun, als trinke man Wein, sondern ihn zu verkosten.</p>
<p>Ob einer schreiben kann, belegt er mittels Vorlage einer Textprobe, die nicht nur in korrektem, sondern in gutem, wenn nicht brillantem Deutsch geschrieben ist.</p>
<p>„Er schreibt nicht nur einen schlechten Stil, sondern miserables Deutsch.“ – „Hätte man sein verborgenes Sprachtalent frühzeitig gefördert, würde er sich heute eines korrekten Ausdrucks befleißigen und sogar glänzend formulieren.“ – Aber nein, dann wäre er nicht, der er nun einmal ist, ein Journalist, ein Schänder der Muttersprache.</p>
<p>Sehen können ist mehr als nicht blind zu sein oder intakte Augen zu haben. Was wir damit meinen, erhellt die Mannigfaltigkeit der sprachlichen Wendungen, in denen wir davon sprechen. „Schau genau hin!“ – „Betrachte es in aller Ruhe!“ – „Achten wir nicht nur auf die Farbgebung, sondern auch auf die hintergründige Struktur des Gemäldes.“ – „Zum Schauen geboren, zum Sehen bestellt.“ – „Ich habe genug gesehen, für mich ist die Sache klar!“– „Er konnte sich an ihrem Lachen und ihrem strahlenden Blick nicht sattsehen“ – „Ich konnte mir durch vorurteilslose Beobachtung ein genügend klares Bild von der Situation machen.“ – „Gott ist unsichtbar, dies bedeutet, daß er sich wesenhaft verbirgt und entzieht.“</p>
<p>Daß 17 eine Primzahl ist, bedeutet, die Zahl kann nur durch 1 und sich selbst geteilt werden. – Die definierte, nicht die willkürlich konstruierte, Möglichkeit legt den Sinn des Ausdrucks fest.</p>
<p>Bedeutungen sind mehr als willkürliche sprachliche Zeichen, die von einem geheimnisvollen mentalen Akt der Inspiration mit Sinn aufgeladen werden.</p>
<p>Sicher schließen wir aus der Tat und der Wirklichkeit auf die Möglichkeit. Aber wenn einer nicht mitsingt, wenn alle das Loblied auf den Gastgeber anstimmen, folgt daraus nicht, daß er nicht singen kann, sondern wohl eher, daß er es nicht will.</p>
<p>Keine Sprache ohne Sprecher. Wer spricht? Jeder, der sagen kann: „Ich!“</p>
<p>Sprechen können ist mehr als in der Lage zu sein, die Sprechwerkzeuge zur Artikulation wohlgeformter und syntaktisch gegliederter Laute zu verwenden, denn nur wenn diese zu sinnvollen Aussagen verbunden sind, reden wir von der korrekten Anwendung unseres Sprachvermögens.</p>
<p>Ethik und Sprachlehre sind, um ein Wort Wittgensteins abzuwandeln, eins; denn wer sich zu dem, was er äußert, oder zur Autorschaft dessen, was er schreibt und veröffentlicht, bekennt, muß es auch gegenüber höheren Instanzen, beispielsweisen den großen Sprachmeistern der Nation, verantworten. Selbst gesellige Plaudereien zeigen bisweilen in einem ernüchternden Licht den Schatten ihrer Zweideutigkeit, wenn sie dem Ernst der Lage nicht angemessen sind.</p>
<p>„Ich bin es, der spricht“: Ethik des Worts, die mit der Verantwortung für seine Äußerung identisch ist, meint auch die Verpflichtung zur Bewahrung und Reinerhaltung der Muttersprache, wie sie uns vorbildlich im Werk eines Eduard Engel („Deutsche Stilkunst“) entgegentritt. Denn die Verhäßlichung und die Besudelung der Sprache durch den Jargon des Zeitgeistes sind mehr als eine ästhetische Angelegenheit, verdunkeln und verstopfen sie doch die Fenster und Poren unserer sprachgebundenen Einsichts- und Urteilsfähigkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Ins Zwielicht fliehen</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/ins-zwielicht-fliehen/</link>
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		<pubDate>Mon, 04 Sep 2023 22:05:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Ins Zwielicht fliehen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Das Offensichtliche wird ausgeblendet, das Naheliegende befremdet, aber auf exotische Monstrositäten starrt man unentwegt, das Abstruse muß zur Erklärung des Trivialen herhalten. Die männlichen Mitglieder der weißen Rasse haben in puncto Intelligenz und Erfindungsgeist, wissenschaftlicher und künstlerischer Genialität, Eroberungsdrang und Unterwerfungslust, Vernichtungsphantasie und Destruktionstrieb über Jahrhunderte exzelliert. Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/ins-zwielicht-fliehen/">Ins Zwielicht fliehen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Das Offensichtliche wird ausgeblendet, das Naheliegende befremdet, aber auf exotische Monstrositäten starrt man unentwegt, das Abstruse muß zur Erklärung des Trivialen herhalten.</p>
<p>Die männlichen Mitglieder der weißen Rasse haben in puncto Intelligenz und Erfindungsgeist, wissenschaftlicher und künstlerischer Genialität, Eroberungsdrang und Unterwerfungslust, Vernichtungsphantasie und Destruktionstrieb über Jahrhunderte exzelliert.</p>
<p>Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Leó Szilárd, Robert Serber, Otto Frisch, Józef Rotblat, Philip Morrison, George Cowan, Emil Fuchs, Hans Bethe und dutzende weitere Wissenschaftler, die führend an der Entwicklung der größten Vernichtungsmaschine der Menschheit, der Atombombe, im Rahmen des Manhattan-Projekts, beteiligt waren: alles weiße Männer hoher analytischer Intelligenz und genialen Erfindungsgeistes, darunter überproportional viele Juden.</p>
<p>Die Glühbirne, die Dampfmaschine, das Telefon, das Auto, das Flugzeug, der Röntgenapparat, die Herz-Lungen-Maschine, der Computer, die Weltraumrakete: alles Erfindungen weißer Männer hoher analytischer Intelligenz und genialen Erfindungsgeistes.</p>
<p>Die Liste der großen weißen Wissenschaftler und Erfinder, der Dichter, Maler, Komponisten, Bildhauer, Architekten wäre zu lang, um auch nur mit den bedeutendsten zu beginnen.</p>
<p>Warum der weiße Mann? Nun, das ist offensichtlich eine Manifestation seiner genetischen Ausstattung, die wiederum das Ergebnis jahrtausendelanger natürlicher und sexueller Auslese darstellt.</p>
<p>Weshalb entsteht die wissenschaftliche Zivilisation in der nördlichen Hemisphäre und nicht im afrikanischen Urwald oder auf den pazifischen Inseln der Seligen? – Die nördliche Hemisphäre ist geprägt vom Wechsel der Jahreszeiten; im Sommer und Herbst gilt es, das Überleben im Winter sicherzustellen, Vorräte anzulegen, die der seßhafte Bauer durch Züchtung und Veredelung von Wildformen der Getreidearten hat gewinnen können. – Vorausschau, Vorsorge, Planung: elementare Formen intelligenten Verhaltens.</p>
<p>Die schöne Sorglosigkeit der Bewohner tropischer Inseln, wo einem die köstlichen Früchte in den Schoß fallen, wäre für den harten Überlebenskampf der Nordländer verhängnisvoll.</p>
<p>Es waren die Frauen, die den Typus Mann sexuell ausgelesen und gezüchtet haben, der aufgrund hoher Intelligenz und Disziplin ihren Kindern im Idealfall Überleben und Gedeihen gewährleisten konnte.</p>
<p>Die Frauen haben den Typus Krieger sexuell ausgelesen und gezüchtet, der ihnen und ihren Kindern Schutz vor feindlichen Übergriffen hat bieten können.</p>
<p>Die Unterwerfung unter den Führer ist der geheime Wunsch der demokratisch aufgewühlten und effeminierten Massen.</p>
<p>Die menschliche Dummheit ist unausrottbar; somit auch ihre politische Variante, die sozialistische Ideologie, der Glaube an die natürliche Gleichheit der Geschlechter, Rassen, Völker und Kulturen, der Glaube an ein seliges Friedensreich unter Leitung der geistig Erwachten, in dem sie zur vollen Geltung kommen kann und die Störenfriede, die um einen Kopf über die Masse der Gleichgeschalteten herausragen, eben um diesen Kopf kürzer gemacht worden sind.</p>
<p>Will man auf die Anmut und Schönheit der Raubkatze nicht verzichten, muß man ihre todbringenden Klauen und Zähne in den Kauf nehmen.</p>
<p>Fragst du die Maus, vernimmst du ihr frommes Gewisper, gern in einer friedlichen Welt ohne Katzen und Eulen leben zu wollen; doch in einer Welt ohne Katzen und Eulen vermehren sich die Mäuse in einem Maße, daß sie Hungers sterben müssen.</p>
<p>Ein Apollon, dem nur die Lyra, nicht aber der Bogen zu eigen wäre, hätte der Muse nicht befohlen, Homer, Archilochos und Pindar, Vergil, Catull und Horaz mit ihrer schmerzlich-beglückenden Weihe heimzusuchen.</p>
<p>Der Mann, dem man das Testosteron verdünnt hat, wird wohl keine Kriege mehr führen, aber auch keine geistigen Gipfel mehr erklimmen.</p>
<p>Die vermännlichte Frau wird keine Kinder mehr gebären. Und die Frau, die man nötigt, gemäß sozialistischem Ideal sich in der Produktion und im Büro „zu verwirklichen“ und im öffentlichen Raum mit dem Mann um Posten und Geltung zu konkurrieren, wird nach und nach vermännlichen.</p>
<p>Der effeminierte weiße Mann ist den Dunkelhäutigen, denen er schuldbewußt die Tore seines Hauses öffnet und sie zu Gast an seinen Tisch lädt, ein heimlicher Gegenstand beißenden Spotts und obszöner Witzeleien.</p>
<p>Der gefährliche Charme der Frauen lag über unzählige Generationen in der Macht ihrer sexuellen Wahl; verliert sie diese oder erlahmt ihre Suche nach dem Einzigartigen angesichts der Verweiblichung und Degeneration des Mannes, wird das Büro ihre tieferen Instinkte auf Dauer nicht zufriedenstellen, es sei denn, diese degenerieren gleichfalls.</p>
<p>Die alten dörflichen Ansiedlungen waren mütterlich geprägt; die Dorfkirche, die wie eine Glucke ihre Küken um sich scharte.</p>
<p>Böse Zungen wie Voltaire, die den Priester als Mann in Frauenkleidern verspotteten, haben nicht ganz falsch gelegen.</p>
<p>Die nun die eigene Zivilisation als Ausgeburt des weißen Mannes rassistisch nennen und ihre kolonialen Abenteuer von ihrer höheren moralischen Warte aus verwerfen, müßten auch auf ihre Errungenschaften und Wohltaten verzichten – aber das wollen und können sie nicht, sie gehen selbstverständlich zum Zahnarzt, nehmen den Flieger und wähnen, der Strom für ihren Fön sei in der Steckdose immer verfügbar.</p>
<p>Ob sie am Amazonas oder Mekong, am Nil oder Indus leben – alle nehmen selbstverständlich die technisch-zivilisatorischen Errungenschaften des weißen Mannes in Anspruch, wenn sie das Bleichgesicht auch verachten.</p>
<p>Wer sich alle relevanten Tatsachen vor Augen rückt, hat sie noch nicht verstanden; wer alle Wörter einer Ode des Horaz kennt oder nachgeschlagen hat, ist um ihren Sinn bisweilen noch arg verlegen.</p>
<p>Jener ist nicht per se moralisch verdächtig, weil er der weißen Rasse angehört, dieser nicht eines moralischen Persilscheins würdig, weil seine Vorfahren und diejenigen des weißen Mannes sich als Sklaven und Herren gegenüberstanden.</p>
<p>Das Mittel kann uns den Zweck nicht ersetzen; die westliche Zivilisation nicht die Kultur.</p>
<p>Lust und Wohlbefinden können uns den Sinn und das Glück nicht ersetzen.</p>
<p>Der unglückliche Hedonist, der glückliche Asket.</p>
<p>Lust und Wohlbefinden und all die zivilisatorisch-technischen Mittel, die ihrer Sicherung und Steigerung dienen, können uns den Sinn und die Kultur, deren künstlerische und religiöse Formen ihn zum Ausdruck bringen, nicht ersetzen.</p>
<p>Der Dichter als Wanderer, der Wanderer als Dichter wie Hölderlin, Nietzsche oder Robert Walser haben auf ihren langsamen Gängen mehr gesehen, was der Betrachtung und geistigen Erquickung wert ist, als der moderne Tourist, der in wenigen Wochen einmal um den Globus hetzt und alle wichtigen Highlights auf sein Smartphone gebannt und in die Tasche gesteckt hat, um sie gleich wieder zu vergessen.</p>
<p>Wir können und sollten mit Wittgenstein und Heidegger der westlichen Zivilisation ein gerüttelt Maß an Skepsis entgegenbringen, ohne sie als Ausgeburt des weißen Mannes und seiner verblendeten Selbstherrlichkeit zu diffamieren.</p>
<p>Hölderlin griff auf den Mythos der Götternacht zurück, Nietzsche sah das Elend des letzten Menschen vor Augen, Robert Walser machte kurzen Prozeß und schloß sich in einer Irrenanstalt ein.</p>
<p>Wir staunen über die Leistung und das Mäzenatentum des Finanz- und Wirtschaftsmagnaten Wittgenstein senior, aber wir bewundern den entsagungsvollen Denkweg seines Sohnes.</p>
<p>Zivilisation ist global, Kultur lokal.</p>
<p>Ein Mischmasch aus allen möglichen Stilen ergibt noch kein Kunstwerk.</p>
<p>„Weltmusik“, „Weltkunst“, „Weltdichtung“ – Unworte, Undinge.</p>
<p>Der den Hirnen der Neugeborenen implantierte Chip, der sie sozial und ideologisch gleichschaltet, steht am Ende des zivilisatorischen Prozesses.</p>
<p>Das entscheidende Instrument zur sozialen Gleichschaltung, die wesentliche Bedingung für die Gründung des irdischen Paradieses der allgemeinen Geschwisterliebe, besteht in der Anpassung und Angleichung der natürlich gegebenen Intelligenzunterschiede, der fatalen Ursachen der daraus folgenden Unterschiede in Status, Rang, Prestige und Vermögen, also in der allein selig machenden Verdummung. Was Kindergarten, Schule und Hochschule, Fernsehen und soziale Medien noch nicht erreicht haben, wird der Eingriff in das menschliche Gehirn vollenden.</p>
<p>Der Rhein, den Hölderlin in seiner Hymne besang, war mythisch anrufbar, weil seine Ufer noch nicht begradigt, seine Auen noch nicht trockengelegt und seine Fluten noch nicht zur internationalen Fahrstraße für Containerschiffe profaniert und gebändigt waren.</p>
<p>Vor den blendenden Scheinwerfern der Zivilisation und den grellen Schlagzeilen und Parolen ihrer Propagandisten flüchten wir uns ins Zwielicht der Dichtung, deren rätselhaft flüsternde Ranken uns den Schatten der notwendigen Einsamkeit schenken.</p>
<p>Hat Rom Griechenland militärisch unterworfen, so Griechenland Rom kulturell; der Eroberung von Hellas durch die Römer folgte ihre Hellenisierung auf dem Fuß. – So kann man annehmen, es sei angemessen, bei jeder Geschichte die Gegengeschichte im Auge zu behalten, bei jedem Sinn und jeder Richtung, die man einer Erzählung verleiht, den Gegensinn und die Gegenrichtung zu bedenken, ja, mitten im strahlendsten Licht das Zwielicht zu entdecken.</p>
<p>Jede Entbergung ist, wie Heidegger sah, äquivalent mit einer Verbergung, alles Gesagte enthält sein Ungesagtes. – Warum sollte, was man den Prozeß der Zivilisation, der Rationalisierung und Verwestlichung der Welt nennt, nicht gegenläufig gelesen einen Prozeß der Barbarisierung, Verwilderung und Orientalisierung enthalten?</p>
<p>Die Metropolen der Moderne zerfallen in opake Zonen einer Tribalisierung nach archaischem Muster.</p>
<p>Die dominante Rede des weißen Mannes unterbrechen auf dem Höhepunkt ihrer glänzenden Rhetorik ein primitives Schreien und ein dunkles Lallen.</p>
<p>Die Entmythologisierung der religiösen Rede erzeugt eine geistige Wüste, in der die Fata Morgana alter mythischer Bilder zu flimmern beginnt.</p>
<p>Das Leben, das im Korsett seiner technisch-rationalen Steuerung zu erstarren und zu ersticken droht, schleppt sich wie eine schlafwandelnde Mumie zum Rand eines Abgrunds, dessen Sog es nicht widerstehen kann.</p>
<p>Wir Bewohner einer sich überlegen dünkenden rationalen Welt befestigen unsere Wege mit einem Asphalt, aus dessen Ritzen schon bald die Einfalt des Grases sprießt.</p>
<p>Fragen sind nicht in jedem Fall das Komplement ihrer Antworten; denn es gibt bekanntlich uneigentliche Fragen, die als bloß rhetorische oder ironische keine Antwort verlangen. Im Gegenteil, wer sie zu beantworten suchte, gäbe damit zu verstehen, daß er ihren Sinn nicht begriffen hat.</p>
<p>Die Ränder unserer Lebensformen, so hell wir sie auch ausleuchten mögen, verschwimmen gleichsam in Dunst und Zwielicht.</p>
<p>Exakte Begriffe und wohldefinierte Bedeutungen finden wir in axiomatisch geschlossenen theoretischen Systemen wie denen der Logik und Mathematik; aber selbst in diesen können wir Sätze konstruieren, die sich im Rahmen dieser Systeme selbst nicht begründen oder ableiten lassen.</p>
<p>Unsere Lebensformen können nicht gänzlich rationalisiert, verwissenschaftlicht und zivilisatorisch vollständig gebändigt werden; denn um Wissenschaft auf sie anzuwenden, sind wir gezwungen, auf die natürliche oder Alltagssprache zurückzugreifen, und diese hat notwendigerweise Bedeutungshorizonte, die im Dunst und Zwielicht des Vagen und Unbestimmten verschwimmen.</p>
<p>Man kann den semantischen Dunst des Vagen und Unbestimmten nicht mittels wissenschaftlicher Verfahren derart kondensieren, daß nur klare Tropfen des Eindeutigen und Bestimmten übrig bleiben.</p>
<p>Aus dem unauflösbaren Zwielicht der Sprache, gleichsam der Corona und dem dunstigen Hof um die sprachlichen Bedeutungen, treten die mythischen Mächte hervor, ähnlich den unwirklichen Farben und geisterhaften Schatten, die sich in der Dämmerung über die Haut der Dinge und die Oberfläche der Alltagsgegenstände breiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Der Unterschied macht’s</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/der-unterschied-machts/</link>
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		<pubDate>Thu, 31 Aug 2023 22:16:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Der Unterschied macht’s Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Ich will euch Unterschiede lehren. Ludwig Wittgenstein Es gilt, den Unterschied zwischen absoluter und relativer Differenz zu sehen. Leben und Tod, wahr und falsch, Ich und Nicht-Ich (Ich und Du), Sinn und Unsinn, Wissen und Nichtwissen (Erkenntnis und Einbildung) sind Wesensdifferenzen; dagegen finden wir in allem, was wir prädizieren oder begrifflich [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/der-unterschied-machts/">Der Unterschied macht’s</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em><br />
<em><br />
Ich will euch Unterschiede lehren.</em> Ludwig Wittgenstein</p>
<p>Es gilt, den Unterschied zwischen absoluter und relativer Differenz zu sehen. Leben und Tod, wahr und falsch, Ich und Nicht-Ich (Ich und Du), Sinn und Unsinn, Wissen und Nichtwissen (Erkenntnis und Einbildung) sind Wesensdifferenzen; dagegen finden wir in allem, was wir prädizieren oder begrifflich bestimmen, wie hoch und tief, schnell und langsam, hell und dunkel, Pflanze und Tier, relative Differenzen. Die Rose ist eine Pflanze, der Hund ein Tier, die grüne Hydra und die Koralle können als Mischwesen betrachtet werden. Dagegen ist das Einhorn kein Gegenstand der wissenschaftlichen Biologie.</p>
<p>Lyrische oder rhythmische Prosa, wie wir sie bei Baudelaire oder Mallarmé finden, kann als poetisches Mischwesen betrachtet werden und sehr wohl Gegenstand wissenschaftlicher Poetik sein.</p>
<p>Der Unterschied von Aussagesatz und Fragesatz ist insofern relativ, als wir bisweilen mit Fragen verblüfft oder behelligt werden, die keine Antwort verlangen, weil sie rein rhetorisch oder ironisch gemeint sind.</p>
<p>Selbstaussagen wie „Mir ist übel“ dagegen sind wesentlich von Aussagen in der dritten Person wie „Ihm ist übel“ verschieden.</p>
<p>Die statt in der Ich-Form in der dritten Person verfertigte Aussage („N. N. sah, wie der Tatverdächtige mit einer Waffe in der Hand die Bankfiliale betrat“) wird vor Gericht nicht als Zeugenaussage anerkannt, auch wenn sie eigenhändig unterschrieben und notariell beglaubigt sein sollte.</p>
<p>Der Lehrer fragt: „Wer hat das an die Tafel geschrieben?“ – Aus der hintersten Reihe geht zögernd eine Hand nach oben. – Wir bedürfen zur Markierung des wesentlichen Unterschieds zwischen Ich und den anderen nicht unbedingt performativer Sprachakte; eine Geste genügt, ein Handheben, ein Blick, ein Lächeln.</p>
<p>Der freundliche Mensch weist den Fremden mit dem Handzeichen und dem Fingerzeig die Richtung, in die er gehen soll. Worauf weist die erhobene Hand des Schülers?</p>
<p>Dem Täter wird durch objektive Befunde, beispielsweise einen DNA-Abgleich, nachgewiesen, daß er die Tat begangen hat; daß er sie eingesteht, kann anhand seines Schuldbekenntnisses vor Gericht unter Vorbehalt anerkannt werden. Doch für das schlechte Gewissen gibt es keine objektiven Befunde.</p>
<p>Wir sagen, dem gerichtlichen Urteil liege der wahre Sachverhalt zugrunde, der anders nicht als in dem wahren Satz, der ihn zum Ausdruck bringt, zu erfassen ist.</p>
<p>Dagegen sind Selbstaussagen nicht wahrheitsgebunden oder selbstevident. Zwar übersetzt der Lehrer das Handzeichen des Schülers korrekt mit der Aussage „Ich habe es getan“; doch der Schüler könnte nur vorgeben, das obszöne Wort an die Tafel geschmiert zu haben, um einen Kameraden, dem er aufgrund zwielichtiger Verwicklungen verfallen oder hörig ist, zu decken.</p>
<p>Selbstaussagen können vor dem Tribunal der anderen Sprachgenossen zurückgewiesen oder als bloße Rhetorik abgetan werden, wenn es sich um die Mitteilung von Selbsttäuschungen oder alberne Witzeleien handelt wie „Ich sehe vor dem Fenster ein Einhorn stehen.“</p>
<p>Auch wenn Selbstaussagen sich auf Gewißheiten der scheinbar vor Zweifeln geschützten Innerlichkeit stützen, wie die Aussage „Mir ist übel“, können sie vor dem Tribunal der anderen als unwahr oder unglaubwürdig zurückgewiesen werden, beispielsweise, wenn der angeblich bedauernswerte Magenkranke zum Kühlschrank eilt und ihm ein großes Stück Eis entnimmt, um es gemächlich zu verzehren.</p>
<p>Es gibt keine Mischform aus Sein und Nichtsein, und also kein hybrides Monstrum aus Wahrheit und Falschheit, wie zu Riesenkonvoluten angewachsene dialektische Träumereien vorspiegeln wollen.</p>
<p>„Werden“ ist kein ontologischer Zwitter aus Sein und Nichtsein, sondern ein Prozess, beispielsweise des Wachstums, an dem, was existiert.</p>
<p>Die geheime Mythologie der Sprache verführt uns dazu, wesentliche Unterschiede zu verwischen und beispielsweise dem Leben eine schattenhafte Scheinexistenz vor der Geburt und nach dem Tode anzudichten.</p>
<p>Wo war ich vor meiner Geburt, fragt das einfältige Kind; wohin gehe ich nach dem Tode, der scheinbar Fromme.</p>
<p>Sinnvoll sind Sätze, die jene ontologische Verpflichtung, die sie implizieren, einlösen, also wahr oder falsch sein können. Der Satz „8 ist eine Primzahl“ ist sinnvoll, weil er sich auf die Existenz von Primzahlen festgelegt hat, freilich, er ist falsch.</p>
<p>„Einhörner sind Säugetiere“ ist ein sinnvoller, aber falscher Satz; dagegen ist der Satz „Die Wurzel aus unendlich ist ein Einhorn“ sinnlos.</p>
<p>Männlich nennen wir die Fähigkeit, Samen zu generieren, weiblich die Fähigkeit, befruchtete Eizellen keimen und wachsen zu lassen, sie mit Nährstoffen zu versorgen und auszutragen. Männlich und weiblich markieren keinen Wesensunterschied, denn es gibt Zwitter wie Pflanzen oder Schnecken, die sich selbst befruchten.</p>
<p>Dagegen markieren „Vater“ und „Mutter“ einen Wesensunterschied, insofern sie sich auf wesensverschiedene ethische Sphären beziehen, deren unterschiedliche Mittelpunkte mit Stichworten wie Verantwortung und unbedingte Liebe benannt werden können.</p>
<p>Andererseits implizieren weder sogenannte männliche noch sogenannte weibliche grammatische Formen einen sexuellen Unterschied; denn „die Person“ bedeutet nicht „Frau“, und „der Autor“ umfaßt nicht nur die Gruppe der Männer.</p>
<p>Markierten die sogenannten männlichen und weiblichen Formen der deutschen Grammatik sexuelle Unterschiede, müßten auch Mischformen oder grammatische Zwitter denkbar sein; stattdessen wartet die deutsche Grammatik nur mit dem Neutrum auf, und dieses bezieht sich nicht ausschließlich auf ein geschlechtsloses Etwas; denn „das Huhn“, „das Rind“ und „das Mädchen“ bedeuten weibliche Wesen, „das Kind“ und „das Lebewesen“ können männlich oder weiblich sein, „das Fenster“, „das Elend“, „das Verhängnis“ sind weder männlich noch weiblich.</p>
<p>Nur wenn sich der Kreis der grammatischen Genera mit dem Kreis der natürlichen Geschlechter schneidet, wie bei „der Mann“ und „die Frau“, können wir von wesentlichen grammatischen Unterschieden sprechen.</p>
<p>Wir können uns Sprachen ohne den wörtlichen Gebrauch grammatischer Genera (beispielsweise am Modell der agglutinierenden Sprachen) ausdenken, aber keine ohne Personalpronomen der ersten und dritten Person, denn dieser grammatische Unterschied markiert einen wesentlichen ontologischen, der die Welt durchdringt, in der wir leben.</p>
<p>Erkenntnis oder Wissen bezieht sich auf wahre Sätze, also solche, die von dem, was ist, sagen, daß es ist, und von dem, was nicht ist, sagen, daß es nicht ist.</p>
<p>Erkenntnis ist der Übergang vom Nichtwissen zum Wissen, der sich über viele Formen der Kenntnisnahme, vom Hörensagen bis hin zur wissenschaftlichen Überprüfung einer Vermutung mittels Experiment, erstrecken kann.</p>
<p>Wir können vergessen, was wir einmal wußten; wir können aufgrund des Klangs seiner Stimme vermuten, daß uns hinter unserem Rücken ein Freund auf der Straße zugerufen hat; wir wissen es aber erst, nachdem wir uns umgedreht und ihn erkannt haben.</p>
<p>Zweifel ist kein epistemischer Zwitter aus Wissen und Nichtwissen, sondern der Ausdruck des Verdachts, daß der gesund scheinende Apfel unserer Gewißheit wurmstichig ist. Durch den begründeten Zweifel erlischt das Licht des scheinbaren Wissens wieder im Dunkel des Nichtwissens.</p>
<p>Zwischen dem Profanen und dem Heiligen scheint eine wesentliche Differenzlinie zu verlaufen; den geweihten Bezirk, den Tempel, die Kathedrale wagt nur der stumpfsinnige Tourist ohne innere Läuterung schwätzend und gaffend zu durchqueren.</p>
<p>Wir unterscheiden wesensverschiedene sprachliche Formen und Stile, wenn es um die Alltagssprache und den Ausdruck des Erhabenen geht, wie wir ihn aus Psalmen, Hymnen, Oden und religiösen Gebeten und Liedern kennen.</p>
<p>Freilich, der erhabene Stil muß nicht unbedingt anschwellend, prunkvoll und metaphorisch kühn und verstiegen sein, wie wir es aus den lyrischen Chorpartien der Tragödien des Aischylos und Sophokles oder den Epinikien eines Pindar kennen, vom hohen Stil der Oden Klopstocks oder der späten Hymnen Hölderlins zu schweigen; das Herrengebet ist erhaben und doch im Ausdruck schlicht und prägnant.</p>
<p>Ja und nein markieren einen wesentlichen Unterschied im performativen Ausdruck einer Entscheidung; das Jawort des Bräutigams ist gültig und von der semantischen Schwere einer amtlichen Besiegelung, auch wenn es sich um einen Heiratsschwindler handelt, der, während er ja sagt, nein denkt. Dies belegt die semantische Unabhängigkeit der Bedeutung von mentalen Zuständen, unwillkürlichen Vorstellungen und willentlichen Intentionen.</p>
<p>Die mit den Wölfen des Zeitgeistes heulen leugnen heute aufgrund von Geistesschwäche, perversen Antrieben oder Existenzängsten nicht nur die relativen Unterschiede hinsichtlich der Begabungen von Mann und Frau, von Rassen, Völkern und Nationen, sondern sogar den wesentlichen Unterschied zwischen Sein und Nichtsein, Wahrheit und Unwahrheit, indem sie die Behauptung der Existenz polarer Geschlechter und die wahren Aussagen über ihre entsprechende biologische Ausstattung nicht nur bezweifeln, sondern von der angeblich höheren Warte ihrer moralischen Gesinnung als verwerflich, ja strafwürdig ansehen. Und sie verstehen sich darauf, diejenigen, die hartnäckig an der Wahrheit festhalten und sie kundzutun wagen, dingfest zu machen und den Staat als ihren Büttel einzusetzen, um sie zu verfolgen und mundtot zu machen.</p>
<p>Vielfach verhüllt der faule und unbedachte Sprachgebrauch den wesentlichen Unterschied. Bigotte Denker fordern, sich dem Schöpfer gegenüber für die eigene Existenz dankbar zu bezeigen. – Indes, danken können und sollen wir für etwas, was uns aus freundlich geneigter Hand als ein Geschenk zugeeignet wurde. Also eine Sache, um die wir uns weder verdient gemacht noch gebeten haben müssen.</p>
<p>Freilich, Geschenke, und es sind nicht die schlechtesten, können auch immaterieller Natur sein; ein Krankenbesuch, eine fürsorgliche Geste, ein aufmunterndes Wort, ja ein gütiger Blick zählen dazu.</p>
<p>Aber wir können nicht für etwas dankbar sein, was persönlich zu empfangen und entgegenzunehmen wir mangels pränataler Existenz gar nicht in der Lage waren: unser eigenes Leben.</p>
<p>Das gesunde sittliche Empfinden der alten Völker, wie der Juden, Hellenen und Römer, spricht nicht von Dankbarkeit als grundlegende Haltung der Kinder gegenüber den Eltern, der Nachkommen gegenüber den Ahnen, sondern von einer spezifischen Form von Frömmigkeit, die im lateinischen Begriff pietas mitschwingt und sich in Haltungen wie Ehrfurcht, verzeihendem Angedenken und Zeugenschaft für vergangene Größe ausdrückt.</p>
<p>In der schmutzigen Wäsche anderer zu wühlen und von ganz unten, sprich aus der tiefen Vergangenheit des Inkriminierten, eine fleckige Unterhose hervorzuziehen ist ein Hauptvergnügen jener degenerierten Schreiber, der Journalisten, die sich als Moralwächter der Nation aufspielen.</p>
<p><em>Urit enim fulgore suo qui praegravat artes<br />
infra se positas. Extinctus amabitur idem.</em></p>
<p>Wer nämlich sticht mit seinem Strahl, verdunkelt ein Können,<br />
das weit unter ihm glimmt. Den erloschnen, ihn wird man lieben.</p>
<p>Horaz, Epistula 2, 1, 13–14</p>
<p>Als wäre die hohe Lilie, die Pracht der Orchidee oder der betörend duftende Flieder ein lebender Vorwurf für das niedere Gras; als müsse sich der Halm gekränkt fühlen, weil der Schatten des Eichbaumes über ihn hinwegzieht.</p>
<p>Gedenkt man der letzten großen Prosaisten und Stilisten deutscher Zunge, eines Nietzsche, eines Hofmannsthal, eines Wittgenstein, muß man angesichts des Kauderwelsches, das heute aus den Lautsprechern quillt oder im Morast der Zeitungen versickert, an der Hoffnung auf eine Restauratio Germaniae verzagen. Wen wundert es, wenn die kulturelle Substanz des Deutschen systematisch und in trauter Einigkeit von Schule und Hochschule, Medien und Politik, ja von der Dudenredaktion selbst zertrümmert und durch die gewollte und beförderte, allseits bejubelte Entgermanisierung Deutschlands ausgetilgt wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Über die Verpflichtung</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/ueber-die-verpflichtung/</link>
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		<pubDate>Sat, 26 Aug 2023 22:13:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Über die Verpflichtung Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Verpflichtungen sind der Kitt, der die soziale Ordnung zusammenhält. Wenn er bröckelt, bricht auch diese allmählich in sich zusammen. Verpflichtungen müssen, um ihre normative Rolle spielen zu können, straf- und sanktionsbewehrt sein. Einer schaut zu Boden, wenn der ehemalige Freund an ihm vorbeigeht; er hat sein Versprechen, das ihm geliehene Gut [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/ueber-die-verpflichtung/">Über die Verpflichtung</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Verpflichtungen sind der Kitt, der die soziale Ordnung zusammenhält. Wenn er bröckelt, bricht auch diese allmählich in sich zusammen.</p>
<p>Verpflichtungen müssen, um ihre normative Rolle spielen zu können, straf- und sanktionsbewehrt sein.</p>
<p>Einer schaut zu Boden, wenn der ehemalige Freund an ihm vorbeigeht; er hat sein Versprechen, das ihm geliehene Gut wieder auszuhändigen, mutwillig gebrochen.</p>
<p>Der Vertragsunterzeichner weiß um die Kosten des Vertragsbruches; der Untreue um die Kosten des entdeckten Ehebruchs. Freilich, wem es nichts ausmacht, die Vertragssumme zu begleichen oder sein Gesicht zu verlieren, kann nur mit härteren Bandagen an die Waage des sozialen Gleichgewichts gebunden werden.</p>
<p>Blutsbande und ethnische Verwandtschaft sind Planken über dem schwankenden, morastigen Boden der sozialen Beziehungen. – Die Mutter muß es nicht lernen, wie sie das Kind versorgt und hütet. Der Familienvater sichert die Schwelle vor ungebetenen Zudringlichkeiten. Der Bruder eilt der kleinen Schwester zu Hilfe, die von Fremden belästigt wird.</p>
<p>Die jüdischen, polnischen, italienischen Zuwanderer scharen sich in der Metropole in eigenen Vierteln zusammen wie ehemals die weißen Siedler in ihren Wagenburgen.</p>
<p>Der fromme Jude wird die Einladung der Goijm zum Abendessen ausschlagen, denn die es zubereiten, wissen nicht um die Verpflichtungen, welche ihm die rituellen Vorschriften der mosaischen Speisegesetze auferlegen.</p>
<p>Je entfernter der rassische, ethnische, kulturelle Bezug, umso tiefer – und berechtigter – das Mißtrauen.</p>
<p>Die Muttersprache ist eine der sichersten Brücken über dem glucksenden Sumpf der sozialen Unsicherheit.</p>
<p>Das Straf- und Sanktionsregime, das soziale Verpflichtungen bewehrt, ist eine unmittelbare Folge der anthropologischen Tatsache, die Kant mit der berühmten Wendung andeutet, der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt.</p>
<p>Das Strafrecht ist die Legalisierung und formale Institutionalisierung des Sanktionsregimes, das mehr oder weniger unausgesprochen und informell die gegenseitigen Verpflichtungen einer sozialen Gruppe bewehrt.</p>
<p>Der rechtgläubige Moslem wird dem Rechts- und Strafregime der Ungläubigen entweder die Normen des Korans und der Scharia vorziehen oder zumindest mit einem gerüttelten Maß an Mißtrauen gegenüberstehen.</p>
<p>Die Sprache ist ein Ordnungssystem sui generis; sie erlegt den Sprachteilnehmern Verpflichtungen und normative Ansprüche auf, wie dies jedes soziale Ordnungssystem zu tun pflegt, desgleichen Sanktionen, wenn sie ihnen nicht gerecht werden oder entscheidend davon abweichen.</p>
<p>Die Sanktion, die sich dem Aphasiker auferlegt, besteht in der sozialen Isolierung.</p>
<p>Die Korrektheit und Disziplin in der Verwendung der sprachlichen Mittel ist eine Überlebensnotwendigkeit der sprachlich-kulturellen Gruppe.</p>
<p>Der ins Scheinwerferlicht der Zeitgeistforen stotternde Pseudo-Poet mag seine degenerierte Umwelt in dumpfe Erregung versetzen, die Nachwelt gedenkt seiner nicht.</p>
<p>Der dekadente Autor, der sich mutwillig oder tollwütig am Leib der Muttersprache durch Mißachtung ihrer Normen vergreift, wird den geistigen Inzest in Form der damnatio memoriae büßen.</p>
<p>Sokrates nennt die Törichten weise, um mittels Ironie zu enthüllen, in welchem Ausmaß die vorgeblich Weisen töricht sind; die geistigen Verführer, die das Gegenteil dessen meinen, was sie sagen, wollen nur verwirren oder Unruhe stiften.</p>
<p>Die Wahrheit zu leugnen mag auf der verwilderten Spielwiese der Akademien ein wenn auch befremdliches selbstverliebtes Gebaren sein, im Ernst des Lebens kann es gefährliche Folgen haben.</p>
<p>Etwas wahr zu nennen ist eine Form ontologischer Verpflichtung, nämlich für die Annahme des als existent Behaupteten einzustehen, sie zu belegen oder ihre Negation zu widerlegen.</p>
<p>Einmal sein Versprechen nicht zu halten, obwohl keine äußeren Hindernisse zur Entschuldigung aufgeboten werden können, mag noch auf das Konto von Schusseligkeit oder Vergeßlichkeit einzahlen; es mehrmals und immer wieder zu tun, kostet das Strafgeld sozialer Ächtung.</p>
<p>Bedeutungsblindheit ist eine Form geistiger Erkrankung, die den Betroffenen unfähig macht, die sprachlichen Verpflichtungen – Wahrheit, Klarheit, Angemessenheit des sprachlichen Ausdrucks – zu erfüllen. – Als würde man wie in einer Erzählung Kafkas in einem fremden Land aufwachen, dessen Bewohner eine unverständliche Sprache sprechen, die zu erlernen unmöglich oder verboten ist.</p>
<p>Man kann den vielfach mißbrauchten und geschändeten Begriff der Liebe nur restituieren, wenn man in ihm die unter dem Abfall einer entfesselten erotischen Glossolalie verborgenen Formen der Verpflichtung freilegt; angefangen von der instinktgebundenen mütterlichen und väterlichen Fürsorge bis zur genetisch verwurzelten und kulturell eingehegten Liebe zum Vaterland.</p>
<p>Das erloschene Charisma mancher Begriffe kann nur mittels ihrer Reinkarnation in unschuldigen, gleichsam kindlich-anmutigen, Körpern wieder zum Leuchten gebracht werden.</p>
<p>Der sudelnde, spuckende und furzende Gast wird nicht mehr eingeladen; freilich, japanische Männer schlürfen und prusten, wenn sie beim Abendessen ihren Reiswein in sich hineinschütten, daß es nicht zu sagen ist; aber sie sind ja unter sich.</p>
<p>Dagegen ist es kein Zeichen schlechter Manieren und einer verdreckten Kinderstube, wenn einer vor der Trauergemeinde obszöne Witze reißt, sondern ein Zeichen moralischer Verkommenheit oder einer Bedeutungsblindheit, die geistiger Erkrankung entspringt.</p>
<p>Wir sind nicht verpflichtet, vor dem Zeitgeist in die Knie zu gehen und etwa vor einer als Kunstwerk ausgestellten und medial gefeierten trüben Schmiererei in ehrfürchtiges Schweigen zu versinken.</p>
<p>Einen, der bei Alban Bergs Violinkonzert („Dem Andenken eines Engels“) obszön kichert, wird man kaum unter die feinsinnigen Musikästheten rechnen.</p>
<p>Die religiöse Offenbarung äußert sich in kultischen Formen, die zur Einhaltung ritueller Handlungen verpflichten.</p>
<p>Der Priester ist der charismatische Wächter und Hüter der Reinheit der kultischen Handlungen.</p>
<p>Das alte, vorkonziliare Missale Romanum, mit all seinen Vorschriften und Vorgaben für die eucharistische Feier im Verlauf des heiligen Jahres, ist die Essenz der Offenbarung der Heiligen Schrift.</p>
<p>Die sakrale Sprache erwächst aus der Rühmung der schöpferischen und erlösenden Taten Gottes an seinem auserwählten Volk und enthält die Verpflichtung, den Namen Gottes nicht zu entweihen.</p>
<p>Die Unterscheidung des Heiligen und Profanen errichtet die Schwelle, die ungeläutert oder niedrigen Sinnes nicht überschritten werden soll.</p>
<p>Die religiösen Vorschriften zu brechen oder zu verhöhnen, der üble Spaß der vom Geist Verlassenen, ist keine Form des Tabubruchs, sondern Sünde.</p>
<p>Wenn das Kind lernt, das heilige Buch nicht zu beschmutzen oder zu zerfleddern, wie man es meist ungestraft mit anderen Büchern machen kann, gelangt es unter den Abglanz der religiösen Offenbarung.</p>
<p>Das ehrfürchtig-gemessene Schreiten des Chors, wie wir es aus den lyrischen Partien der Tragödien des Sophokles kennen, findet ein fernes Echo in den Kantaten und Oratorien Bachs.</p>
<p>Die musische Offenbarung äußert sich in dichterischen Formen, die zur Einhaltung rhythmischer Gestaltungen und metaphorischer Umschreibungen verpflichten.</p>
<p>Das Kriterium normativer Ästhetik ist das dem Gemeinten Angemessene; so will Platon allzu ausschweifende und exotische Melodien und Rhythmen aus dem rühmenden Gesang ausscheiden; so Horaz auf die Tilgung von Vulgarismen aus dem hohen Stil der Ode verpflichten.</p>
<p>Der abgegriffenen Münze muß sich auch gehobene Prosa nicht schämen; verblaßte Metaphern und trübe Bilder aber verdunkeln selbst die schlichten Formen des Lieds.</p>
<p>Pindar weiß sich in seinen Epinikien wohl dem Rang seines Auftraggebers verpflichtet, aber mehr noch dem Geist seiner edleren Manen.</p>
<p>Walter von der Vogelweide erfüllt die Ansprüche der hohen und entzieht sich nicht einmal den geringeren Erwartungen der niederen Minne; doch in seinen Sprüchen erhebt er die Stimme bis an die Schwelle und den Thron des universalen Herrschers.</p>
<p>Hölderlins elegische Klage um Diotima weitet sich zum Preis künftiger Wiederkehr unter göttlich-festlichen Vorzeichen; in seinen Hymnen aber beschwört er eine kommende Gemeinschaft, die sich allererst bei der Rückkehr der Götter vollendet.</p>
<p>Die Pfeile, die heute auf die kümmerlichste, die letzte Wagenburg des abenteuerlichen Aufbruchs der weißen Siedler, die Klause und die Bücherwand des Dichters, hinter der er Zuflucht gesucht hat, abgeschnellt werden, sind giftig nicht vom Pflanzengift der Indianer, sondern vom Natterngift der eigenen Volksgenossen, den Parolen, Phrasen, Schlag- und Totschlagwörtern des Zeitgeistes, die den Geist lähmen und die Seele versklaven.</p>
<p>Der in den Wüsten der Städte dem Durst nach wahrer Schönheit keine Quelle zu finden vermag, dem lyrischen Dichter der Gegenwart, der sich nicht als von künstlicher Intelligenz geleiteter Ingenieur im Labor informativer und kommunikativer Rede versteht, bleibt nur die dichterische Sprache selbst, als die unter den pestilentiösen Ausdünstungen des Zeitgeistes hinwelkende Blume des Mundes, deren Wurzeln aus den halbverschütteten Brunnen der Tradition zu wässern und so Gott will für zukünftige Generationen lebendig zu erhalten er sich verpflichtet fühlt.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Unerweckte Keime</title>
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		<comments>http://www.luxautumnalis.de/unerweckte-keime/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 18 Aug 2023 22:03:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Unerweckte Keime Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Wir stehen und gehen leichten Fußes auf Treibsand. Manche, die Hohen, Edlen, Schönen, vermögen im Taumel zu tanzen, im Fallen zu lächeln, im Sturz noch zu danken. Erst ist es ein Brausen, was den Geist erregt, dann das Morendo eines dunkel-süßen Geigentons. So können wir den ästhetischen Geschmack bilden, auch wenn [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/unerweckte-keime/">Unerweckte Keime</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Wir stehen und gehen leichten Fußes auf Treibsand.</p>
<p>Manche, die Hohen, Edlen, Schönen, vermögen im Taumel zu tanzen, im Fallen zu lächeln, im Sturz noch zu danken.</p>
<p>Erst ist es ein Brausen, was den Geist erregt, dann das Morendo eines dunkel-süßen Geigentons.</p>
<p>So können wir den ästhetischen Geschmack bilden, auch wenn wir nicht zu definieren wüßten, was dies ist, Geschmack; wohl aber merken, wer ihn hat und wer nicht.</p>
<p>Der Geist, in dem einer etwas sagt, ist nicht das Gesagte – ja, scheint ihm bisweilen zu widersprechen.</p>
<p>Die modisch-schicken Gelehrten, die uns die Bücher der Genesis gern als blasses Abziehbild der mesopotamischen Mythen vorführen, verstehen den Geist nicht, in dem sie geschrieben sind. – Der Geist, der sich darin manifestiert, daß Gottes Wort das Licht ins Dasein ruft.</p>
<p>Wir mögen diesem und jenem recht geben, doch seine uns willkommenen Meinungen oder überzeugenden Argumente fließen aus einem geistigen Quell, der uns fade schmeckt – oder sauer.</p>
<p>Der große Dichter verwendet die poetische Form intuitiv.</p>
<p>Gewiß hat der Schüler Hölderlin die poetischen Formen der antiken Oden- und Hymnenstrophen auf den Klosterschulen von Denkendorf und Maulbronn anhand der Lektüre von Alkaios, Pindar und Horaz gepaukt, doch der reife Dichter verwendet sie, ohne mühsam die Metren an den Fingern abzuzählen.</p>
<p>Wir wissen, was das ist, ein Satz; und auch der Dummkopf bedient sich seiner grammatischen Struktur. Doch es brauchte Jahrtausende, bis es Gottlob Frege gelang, seine logische Form zu dechiffrieren.</p>
<p>Wir glauben dem Dichter, der bekennt, daß er sein Gedicht nicht zur Gänze versteht.</p>
<p>Der Bericht des Propheten, ein Engel habe ihm glühende Kohle auf die Zunge gelegt, macht uns seinem Wort gewogener als der akademische Nachweis des Theologen seiner Deutung.</p>
<p>Denken, am Viel-Wissen erstickt.</p>
<p>Das dichterische Wort, das verführt, entstammt der unwillkürlichen Anmut des Dichters, der um ihre erotische Ausstrahlung nicht weiß.</p>
<p>Und sprichst du mit dir selbst, kann – immerhin – ja keine Türe knallen, daß einer wütend geht, der andre aber verdutzt oder vergrämt ins Schweigen sinkt.</p>
<p>Man selbst zu sein ist keine Form des Wissens.</p>
<p>Nicht einmal der Debile, der den eigenen Namen vergessen hat, hört auf, er selbst zu sein.</p>
<p>Man kann die Verwendung des eigenen Namens und des Fürwortes „ich“ erlernen, nicht aber, man selbst zu sein.</p>
<p>Der Delinquent kann das objektive Urteil des Richters, diese und jene strafwürdige Tat begangen zu haben, sich zu eigen machen, ohne sich doch schuldig zu fühlen – wenn er sich beispielsweise mittels der sophistischen Scheinargumente seines Anwaltes darauf beruft, die Tat sei das zwar bedauerliche, aber unausweichliche Ergebnis seiner schrecklichen Kindheit oder welch einer traumatischen Erfahrung auch immer gewesen.</p>
<p>Wie der Blinde mit dem Stock tasten wir mit dem Fühlorgan der Intuition durch das Dickicht der Sprache.</p>
<p>Die Satzform ist wie eine Leiter, die am Boden liegt; erst wenn wir sie erfüllen, hebt sie uns ein wenig – und manchmal können wir über die Mauer sehen.</p>
<p>Wir denken, der Satz sei tot, wenn wir ihn nicht verstehen, wir müßten, daß er lebe, die Augen gegen uns aufschlage, ihn mit unserm Geist behauchen.</p>
<p>Wahrheit und Falschheit lassen keine Steigerung zu; die Wahrheit der Tautologie, daß es regnet, wenn es regnet, ist schlicht trivial.</p>
<p>Absolute Differenzen lassen keine Steigerung, keine Vergleiche zu. Leben und Tod, Wahrheit und Falschheit, ich und du.</p>
<p>Wenn die Wahrheit eines Satzes ein Faktum beschreibt, kann der Satz selbst kein Faktum darstellen, das wiederum von einem höher geordneten Satz auf der Metaebene beschrieben werden könnte.</p>
<p>Wahrheit und Falschheit degenerieren in diesem Falle zu Scheinobjekten in einer Scheinontologie, zu der sich der große Frege wohl hat verleiten lassen.</p>
<p>Wie Wahrheit und Falschheit ist auch, was wir mit „ich“ meinen, kein Objekt, wie es der Eigenname der Person erfaßt, über dir wir gesprächsweise reden oder die wir mittels objektiver Kriterien wie der DNA identifizieren. Wenn wir Peter heißen und kein Kleinkind mehr sind und sagen: „Peter hat Zahnschmerzen“, sagen wir nicht dasselbe, wie wenn wir sagen: „Ich habe Zahnschmerzen.“</p>
<p>Die geistige Atmosphäre, die einer um sich verbreitet, ist da, sie läßt sich auf Dauer nicht trotzig oder schamhaft verbergen, wie ja auch Schweißgeruch endlich die dünne Hülle des Parfums durchbricht.</p>
<p>Forcierte Allegorien gelangen an die Grenze des Sagbaren; man kann wohl vom Theater der Welt oder vom Leben als Traum reden, doch nicht weiter fragen, wer hier noch Regie führt oder als welche Person sich der Erwachte verstünde.</p>
<p>Das Phänomen ist eine ursprüngliche Totalität dessen, was erscheint, und dessen, dem es erscheint. – Wir verwenden den Ausdruck „heiter“ in analogem Sinne, wenn wir vom heiteren Wetter und von der heiteren Laune sprechen, die es uns erweckt.</p>
<p>Nur wer mit dem Zeitgeist gebrochen hat, ist wach.</p>
<p>Plötzlich schlägt das Wetter um. Eben noch heiterer Laune und in angeregter Unterhaltung, verfinstert sich seine Miene und er verfällt in ein düsteres Schweigen.</p>
<p>Esperanto oder die weltumspannende Sprache der Hoffnungslosen: das anonyme, staubige Grün, das aus dem Asphalt der Hinterhöfe in Berlin und Chicago sprießt.</p>
<p>Angesichts der glänzenden Larven, die sich heute auf ihn berufen, um den Untergang des Reiches zu begeifern, hat jener sich umsonst geopfert, dessen letzte Worte im Kugelhagel das geheiligte Deutschland beschworen.</p>
<p>Hat man den genialen Keim in dem bläßlichen Knaben erfühlt, müßte man ihn heute von allen Gymnasien und Hochschulen fernhalten, auf daß die Hoffnung auf seine Erweckung und sein Erblühen nicht im Morast der Scheinbildung ersticke.</p>
<p>Wer tausende Jahre höfischer Kulturen im Umkreis aristokratischer und monarchischer Herrschaft überblickt, ist davor gefeit, vor dem Pöbelgeschmack der Massendemokratien in die Knie zu gehen.</p>
<p>Das Genie erkennt man an der dünnen, eisigen Luft, die um den Gipfel seiner wesentlichen Einsamkeit weht.</p>
<p>Der einsame Bewohner des Elfenbeinturms ist immun gegen die Bazillen des Zeitgeistes, die allenthalben die Fieberanfälle und hysterischen Krämpfe seiner falschen Propheten hervorrufen.</p>
<p>Was geschieht ihm, der die großen Illusionen, aus eigener Kraft das jenseitige Ufer erreichen zu können oder von Gottes gnädigem Strom aus der Wüste der Salzflut ans Ufer seliger Inseln getragen zu werden, wie einen verschimmelten Ballast über Bord geworfen hat? Leichter geworden, schwankt unter herrischen, dämonischen Wogen sein Kahn. Er aber läßt auch die Ruder fahren und streckt sich aus, den tieferen, grenzenloseren Himmel zu schauen, aus dem Gestirne noch im Erblassen Sternsagen alter Völker dem Sinnenden ins Gedächtnis rufen.</p>
<p>Er ist immer diesen Weg gegangen und an der Weggabelung nach rechts abgebogen; doch heute geht er geradeaus weiter. – „Die Linien des Lebens sind verschieden, wie Wege sind.“ – Wir können Entscheidungen nicht aus allgemeinen Gesetzen oder einem Kanon des Wissens ableiten.</p>
<p>Das Irrationale, das wir nur intuitiv erfassen können, ist eben jene Instanz, die von sich in der ersten Person spricht.</p>
<p>Die Schneeflocke schmilzt im ersten Anhauch des Frühlings; der Hypersensitive wird von einem Blick, einem Wort, einem Schatten aufs tiefste gekränkt und zieht sich in die Bastion des Schweigens oder eines masochistischen Dünkels zurück.</p>
<p>Manchmal rotten sich die vom Leben Gekränkten zusammen und gründen Sekten wie die Gnostiker, die Chiliasten, die Anarchisten. – Einige werden Dichter und ihre Verse verströmen den süßlich-fauligen Duft wurmstichiger Früchte.</p>
<p>Die übernationale staatliche Klammer zerbricht, die unter ihr in Zwangsehe zusammengeschweißten Völker und Ethnien schlagen sich die Köpfe ein und bereinigen die von ihnen mit Blut, Schweiß und Tränen gedüngten Fluren, bis endlich und bis auf weiteres die von nationalstaatlich geprägten Ordnungen herbeigeführte Ruhe eintritt. So nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches, so nach der Zerschlagung der Donaumonarchie, so nach der Auflösung Jugoslawiens.</p>
<p>Wer aus entscheidender Warte es unternimmt, Angehörige einander fremder, gar feindseliger Rassen und Kulturen zusammenzupferchen, müßte für die unseligen Folgen wie Vergewaltigungen, Tötungen, Aufruhr eigentlich zur Verantwortung gezogen werden; aber die Entscheider ziehen sich kalten Blutes auf ihre gesicherten Wohnsitze zurück und berufen sich auf die angeblich hohen, in Wahrheit hohlen Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit.</p>
<p>Angesichts der natürlichen Ungleichheit und der angeborenen Ressentiments zwischen Angehörigen verschiedener Rassen ist Apartheid nicht das Problem, sondern die Lösung.</p>
<p>Die Trennung der Lebensbezirke und Erziehungswege, die Apartheit der Geschlechter nach dem Modell alter Kulturen, mag sich bisweilen der Bewohner des Elfenbeinturms angesichts ihrer von Gleichheitsideologen angepeitschten Spannungen herbeiphantasieren.</p>
<p>In seiner Ars poetica (202–219) gibt Horaz eine bemerkenswerte Skizze vom Phänomen der Dekadenz anhand der musikalischen Untermalung der Tragödie; kaum daß sich die Macht Roms durch militärische Siege ausdehnt, werden auch die weniger Gebildeten, ja die Dörfler, vor die Orchestra gelockt. Ihnen muß das üppiger wuchernde und süßer schmelzende Flötenspiel Laune machen; seine Maße und Melodien werden gegenüber der ursprünglichen Reinheit, Einfachheit und Strenge, die einem frugal lebenden, bescheidenen und sittsamen Publikum (frugi castusque verecundusque) entsprachen, zu sinnlicher Überreizung gelockert, zerfasert, aufgeschwollen. – Man vergleiche dies mit der Auseinandersetzung des enttäuschten und ernüchterten Nietzsche mit der von ihm als Dekadenzphänomen diskreditierten Musik Wagners.</p>
<p>Den Epigonen bleiben die ins Sublime gezüchteten Orchideen und sinnlich-übersinnlich duftenden Rosen im geschützten Garten der Muse; doch aus dem Dunst einer längst erloschenen Morgenröte ragen in erhabener Größe mit lichtdurchflossenen Kronen die einsam-freien Eichbäume auf den fernen Hügeln der Mnemosyne. „Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen/In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,/Der euch nährt&#8217; und erzog, und der Erde, die euch geboren.“ Hölderlin, Die Eichbäume</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Beim Wort genommen</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Aug 2023 22:04:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Beim Wort genommen Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Talmiglanz – den wurmstichigen Apfel mit Goldflitter umwickeln. – Manche mit der gehörigen Chuzpe machen damit gute Geschäfte, sowohl auf finanziellem wie ideologischem Gebiet. Aureole um eine dämonische Fratze. Das Charisma kann in Fäulnis übergehen, wie am gegenwärtigen Zustand der Kirche ablesbar. Fatal ist, das Leuchten der Aureole mit dem schwitzigen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/beim-wort-genommen/">Beim Wort genommen</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Talmiglanz – den wurmstichigen Apfel mit Goldflitter umwickeln. – Manche mit der gehörigen Chuzpe machen damit gute Geschäfte, sowohl auf finanziellem wie ideologischem Gebiet.</p>
<p>Aureole um eine dämonische Fratze.</p>
<p>Das Charisma kann in Fäulnis übergehen, wie am gegenwärtigen Zustand der Kirche ablesbar.</p>
<p>Fatal ist, das Leuchten der Aureole mit dem schwitzigen Glimmen um die heißen Schläfen von Weltuntergangspriestern zu verwechseln.</p>
<p>Die Aureole bringt den Erwählten ans Marterholz, das Fäulnisglimmen seiner Phrasen den falschen Propheten zu Ruhm und klingelnder Münze.</p>
<p>Als funkelte der Edelstein des Wahren im Scheinwerferlicht der Propaganda.</p>
<p>Faszination, die vom schimmernden Grünspan der Phrase ausgeht.</p>
<p>Existenz ist kein Prädikat – und am wenigsten eine Metapher.</p>
<p>Die logische Strenge des Denkens beruht auf der Einsicht in den nichtmetaphorischen Sinn der Ausdrücke „wahr“ und „falsch“.</p>
<p>Es gibt bildliche Ausdrücke und Figuren, es gibt Metaphern, aber keine metaphorische Art zu existieren. – Der metaphorische Ausdruck „Heilige Nacht“ setzt allerdings die Realität der Nacht voraus, in welcher der Erlöser geboren wurde.</p>
<p>Man kann nicht alle Rede auf metaphorischen Sprachgebrauch, und sei er ins Vorbewußte verblaßt, zurückführen, wie Herder und Nietzsche wohl angenommen haben.</p>
<p>Von Horaz zu sagen, daß er ein Dichter des augusteischen Zeitalters war, heißt zu behaupten, jemand habe zur Zeit des Augustus die uns überlieferten vier Odenbücher verfaßt, und dieser Mann habe Horaz geheißen. Existenz ist an die Identität dessen gebunden, dem wir sie mittels Formen der Identifikation zusprechen.</p>
<p>Von Achill zu sagen, daß er im trojanischen Krieg Hektor getötet hat, heißt nicht zu behaupten, es habe einen trojanischen Krieg gegeben und in diesem habe ein Mann Hektor getötet und dieser Mann habe Achill geheißen. Denn für eine solche Identifikation können wir uns auf kein historisches Zeugnis stützen, sondern nur eine mythische Erzählung nacherzählen.</p>
<p>Der physische Durst wird durch Wasser gestillt; der metaphysische durch das Blut Christi. Weder unsere Alltagssprache noch die heilige Sprache hat Metaphern zur Basis. Denn gemäß der Lehre von den Sakramenten und dem Dogma der Transsubstantiation ist auch die Rede vom Blut Christi wörtlich zu nehmen.</p>
<p>Der Unterschied zwischen Mythos und christlichem Glauben läßt sich am Unterschied des metaphorischen und wörtlichen Sprachgebrauchs verdeutlichen: Die antiken Heroen wie Herakles und die Dioskuren werden ins Licht des Olympos oder zu den Sternen erhoben; doch verlieren Personen ihre Identität, wenn sich ihr Körper in andere Medien auflöst oder transformiert. Der Apostel Thomas berührt die Wunde Christi und bezeugt damit den wörtlichen Sinn der leiblichen Auferstehung.</p>
<p>Die Metzgereiverkäuferin reicht dem Kunden die gewünschte Ware; dieser physische Akt ist überlagert von einem rechtlich-sozialen derart, daß die ausgehändigte Ware gewissen vertraglich bindenden Qualitätskriterien zu entsprechen und der Käufer sie durch eine vertraglich festgelegte Gegenleistung, die bestimmte Summe Geldes, zu quittieren hat. Reklamiert der Käufer die Ware aufgrund der Tatsache, daß er statt Würstchen zu Hause Buletten aus der Tüte kramt, kann die Verkäuferin nicht wie Kinder, die ihre Rollenspiele in einem fiktiven Kaufladen treiben, auf eine metaphorische Ebene ausweichen und beispielsweise behaupten, sie spiele heute zum ersten Mal die Rolle der Verkäuferin und sei darin noch nicht geübt.</p>
<p>Nichtmetaphorisch drücken wir aus, was und wer wir sind oder sein sollen; die Mutter, die ihre Kinder sträflich vernachlässigte, hat nicht die Rolle der Mutter schlecht gespielt, sondern als Mutter versagt.</p>
<p>Der Bräutigam hat sein Jawort vor Zeugen gegeben; damit sind der Sprechakt des Eheversprechens und der Rechtsakt des Ehevertrags gültig. Er kann ihn am nächsten Tag nicht etwa mit der Behauptung zurücknehmen, er habe zwar ja gesagt, aber nein gemeint; mündliche vertragliche Vereinbarungen sind solche, bei denen wir die Kontrahenten beim Wort nehmen.</p>
<p>Wenn Augustus in seinem Tatenbericht, wie das Monumentum Ancyranum dokumentiert, von sich behauptet, er habe diese und jene Tat veranlaßt, etwa den Apollontempel auf dem Palatin errichten oder die Flügel des Janusbogens schließen lassen, können wir die Behauptungen beispielsweise aufgrund archäologischer Funde überprüfen. – Dichterische Aussagen, wie die Äußerungen des lyrischen Ich, haben einen anderen ontologischen Stellenwert und Rang; sie lassen sich nicht extern anhand von neutralen Zeugnissen in ihrem Sinngehalt verifizieren, sondern nur hinsichtlich der Stimmigkeit und Kohärenz mit der näheren und ferneren internen Textumgebung einordnen; sind diese Stimmigkeit und Kohärenz absichtsvoll unterbrochen, kann die Aussage eine gewisse Steigerung ins Hyberbolische oder Groteske erzeugen.</p>
<p>Wenn das Ich in der Ode des Horaz (Carmina 3, 4) von sich behauptet, es habe sich als Kind aus der Hut der Amme in die nahen Auwälder davongeschlichen, sei dort in bukolischer Umgebung eingeschlummert und von Tauben mit Lorbeerzweigen bedeckt worden, handelt es sich um den metaphorischen Sprachgebrauch eines imaginären Subjekts zum Ausdruck seiner imaginären Dichterweihe durch die Musen, auch wenn seine Suggestion so stark ist, daß wir der Versuchung, dieses Subjekt mit dem historischen Horaz unmittelbar zu identifizieren, kaum widerstehen können.</p>
<p>Die Bedeutung eines Namens ist nichts, was sich der Sprecher dabei denkt; sonst wäre die Äußerung „Horaz war ein Dichter des augusteischen Zeitalters“ falsch, wenn der Sprecher glaubt, Augustus habe im 1. Jahrhundert nach Christus residiert. – Vielmehr bleibt der Satz richtig, auch wenn er vom automatischen Schreibprogramm einer KI erzeugt und verlautbart wird, die sich weder bei seiner Erzeugung noch seiner Kundgabe etwas denkt.</p>
<p>Könnte eine KI den Unterschied zwischen metaphorischem und wörtlichen Sprachgebrauch systematisch erfassen und von Fall zu Fall sinnvoll zur Anwendung bringen?</p>
<p>Gemalte Rosen duften nicht; wir können sie nicht verschenken, nur das Gemälde, das sie darstellt.</p>
<p>Die Blumen des Gedichts können eine arkadische Landschaft evozieren, in der sich der Klang der Flöte des Hirtengottes mit dem Plätschern des Wildbaches mischt, eine mythische Landschaft, in der niemand je war und die dennoch die dichterische Phantasie des Abendlandes mit dem imaginären Duft ihrer Kräuter und dem ebenso imaginären Schein imaginärer Sonnenuntergänge genährt hat.</p>
<p>„Et in Arcadia ego“ ist die Aussage eines imaginären Ich über einen imaginären Ort und eine imaginäre Zeit.</p>
<p>„Ich ging im Walde so für mich hin“ ist auch eine Aussage über den imaginären Wald der dichterischen Sprache, durch den wir nicht wie im echten auf vorgezeichneten und durch Wegmarken gekennzeichneten Pfaden zu einem vorbedachten Ziel gehen, denn wie Goethe weiter sagt: „Und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“</p>
<p>„Ach ja, ich vergaß, jetzt ist es bei euch schon Nacht“, sagt jemand, der von Berlin aus mit New York telefoniert. – „Bei dieser Arbeit müssen Sie Nachtschichten in Kauf nehmen.“ – „Der Nachtbus war verspätet.“ – „Die Polizei verfolgte den flüchtigen Täter mit Hilfe eines Nachtsichtgeräts.“ Wir gehen von der wörtlichen Bedeutung als Grundlage alltäglicher Verständigung aus. Dabei wird uns nicht abverlangt, für die verwendeten Begriffe Definitionen zur Hand zu haben; beispielsweise für Nacht: „die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang“ oder „die Zeit vom Erscheinen des Abendsterns bis zum Erscheinen des Morgensterns“. Wir gebrauchen den Wortsinn der meisten Ausdrücke intuitiv.</p>
<p>In der Theogonie des Hesiod ist die Nacht eine Gottheit und wie ihre Geschwister Gaia, Tartaros, Eros und Erebos eine spontane Ausgeburt des Chaos. In Homers Ilias ist die Nacht die Mutter des Schlafs und des Todes. Bei Aischylos ist die Nacht die Mutter der Eumeniden, der Moiren und Erinnyen. – Wir finden demnach in mythisch-poetischen Texten den nichtwörtlichen Gebrauch des Ausdrucks Nacht, wenn sie als göttliches Wesen gedacht ist.</p>
<p>Die Personifikation natürlicher Mächte und basaler emotionaler und mentaler Phänomene sowie sittlicher Institutionen wie Erde und Himmel, Tag und Nacht, Fluß und Berg, Meer und Wind, Geburt und Tod, Schlaf und Traum, Freude und Angst, Lust und Scham, Ehe und Freundschaft, Sippe und Stamm, Nation und Staat ist die allegorische Grundlage der antiken Poesie. Dazu müssen wir die Sprache elementarer natürlicher Phänomene einschließlich derjenigen unserer Leiblichkeit ernst und statt sich in unverbindlicher Metaphorik verflüchtigen zu lassen, beim Wort nehmen.</p>
<p>Der gestische und mimische Ausdruck hält dafür Beispiele bereit; die Deixis des Fingers und der Hand will nicht auf den Finger und die Hand aufmerksam machen, sondern auf das Ding oder Geschehen, worauf sie weisen; der verächtliche Gesichtsausdruck weist das zudringliche Ansinnen des Gegenübers ab und ist somit semantisch gehaltvoll, etwa im Sinne der Äußerung: „Dazu bin ich mir zu schade!“</p>
<p>Wir können die „poetische Religion“ und damit Dichtung und Kunst der Antike nur begreifen, wenn wir die Idee der göttlichen Offenbarung weiter fassen, als im biblischen Rahmen vorgeschrieben. Einen Fingerzeig gibt uns die seltsame semantische Tatsache, daß gewisse heilsame oder schadenbringende Mächte von der mythischen Sprache als Kollektiva aufgefaßt werden: die Eumeniden und die Erinnyen, die Moiren und die Keren, die Parzen und die Nornen, die Manen und die Laren.</p>
<p>Wir verspüren ein Unbehagen, wenn wir die Rede vom Lebensfaden, seiner Zuteilung und seines Abschneidens durch die Parzen, nur als metaphorischen Ausdruck für Beginn, Verlauf und Ende der menschlichen Existenz auffassen.</p>
<p>Die Nacht (und all die anderen personifizierten Naturerscheinungen) als Wesen, ja als göttlich-dämonische Wesen zu sehen, aufzufassen, zu empfinden – dies gehört zur Propädeutik der Lehre von der antiken Dichtung und Kunst.</p>
<p>Wir finden in der abendländischen Dichtung zwei bedeutsame Stränge des metaphorischen und symbolischen Gebrauchs des Begriffes Nacht: der dem Mythos entstammende Bildbereich, der Phänomene feindlicher und bedrohlicher Natur wie Unheil, Tod und Verhängnis umfaßt, und den christlichen Sinnhorizont, der mit dem Ausdruck „Heilige Nacht“ für die Zeit der Geburt des Erlösers beschworen wird. Diese Formen der Nachtmetaphorik durchdringen die poetischen Lieder und Anrufe im Verlauf der Heiligen Meßfeier wie der Weihnachts- und der Osternacht und sodann über Luthers großes Übersetzungswerk die weltliche Dichtung bis zu Goethe und Mörike, verdichten sich in der Romantik wie bei Hölderlin, Eichendorff und Novalis („Hymnen an die Nacht“) und erlangen einen letzten Grad der Übersteigerung und Sublimierung im Symbolismus wie bei Mallarmé, George und Trakl.</p>
<p>„Du dunkle Nacht, du dunkles Herz.“ „Du bist in tiefer Mitternacht.“– Gewiß speist sich Trakls „Gesang zur Nacht“ aus der basalen Erfahrung, welche die Menschheit seit Urzeiten mit dem kosmischen Phänomen der Nacht, ihren Gefahren, unheimlichen Gewalten und Abgründen gemacht hat; wie vom Laub der Schatten im verwilderten Garten gespenstische Tropfen des Mondlichts rinnen; wie das Gesträuch im Wind dunkle Omina flüstert; wie auf schwarzen Wellen des Meeres geisterhafte Schäume aufblühen und jäh verschlungen werden; Blitze, die das Grabtuch des Himmels zerreißen; oder wie über dem monotonen Sand der Wüste abertausend funkelnde Nägel in den schwarzen Samt der Leere eingeschlagen zu sein scheinen.</p>
<p>„Das Dunkel löschte mich schweigend aus. Ich ward ein toter Schatten im Tag.“ – Trakl konzentriert die dichterische Beschwörung der Nacht auf die existentielle Erfahrung der Wesenlosigkeit und Verlorenheit menschlichen Daseins unter dem Mond. Alte Bilder mythischer und biblischer Herkunft werden zu diesem Zwecke evoziert; so erscheint die Nacht als verzauberter Garten oder wird als Schmerzensmutter angerufen. – Wir können nicht sagen, die barocke Fülle metaphorischer Bilder der Nacht schwebe hier wolkenhaft an uns vorbei und wir blieben empfindungslos für die brennenden Blutstropfen, die sie auf die Poren der Aufmerksamkeit herabregnet. Wir können nicht sagen, der metaphorische Sprachgebrauch dieser Dichtung bewahre uns davor, sie beim Wort zu nehmen.</p>
<p>„O Nacht, ich bin bereit.“ „O komm, du hohe Zeit.“ Gewiß, nur das gequälte Kaspar-Hauser-Leben eines Depressiven, eines süchtigen Psychopathen und sozial Unbehausten konnte sich ein dichterisches Ich fingieren, das wie dieses die Nacht besingt. Doch verfehlten wir die Deutung, würden wir sie auf das Zeugnis von Psychopathologien und sozialen Stigmatisierungen verengen und vereinseitigen.</p>
<p>Ob die Metaphorik des Monds, die sich von Sappho über Goethe und die Romantiker bis zu Baudelaire, Mallarmé, Verlaine und Trakl zieht, seiner Eroberung durch die technische Zivilisation und seinem Verblassen im Dunstkreis der Metropolen widerstehen wird, können wir nicht voraussagen; möglich, daß dies in der westlichen Hemisphäre bei der zunehmenden Eindämmung und Verschmutzung ihres Überlieferungsstromes durch das Einbringen von zeitgeistigem Müll und den Abwässern aus den Kloaken des Kulturbetriebs der Fall sein wird, in der östlichen könnte sie auf dem Hintergrund der buddhistisch geprägten chinesischen und japanischen Dichtung und Kunst ihre spirituelle Funktion vielleicht aufrechterhalten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Siehe auch:</em><br />
<a class="moz-txt-link-freetext" href="https://www.youtube.com/watch?v=ljccIdMT4lw">https://www.youtube.com/watch?v=ljccIdMT4lw</a></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Tür war nur angelehnt</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Jul 2023 22:47:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die Tür war nur angelehnt Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Wer herausragt, zieht scheele Blicke auf sich. – Guillotiniert man die exzellenten Orchideen und Rosen, bleibt, der uns auf Dauer anödet, der bieder-niedere Rasen. Die Krone kann einer nur tragen; sie allen erbberechtigten Brüdern vermachen zu wollen hieße, sie in Stücke zerschlagen zu müssen. Wenn alle – o Reich der Liebe [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-tuer-war-nur-angelehnt/">Die Tür war nur angelehnt</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Wer herausragt, zieht scheele Blicke auf sich. – Guillotiniert man die exzellenten Orchideen und Rosen, bleibt, der uns auf Dauer anödet, der bieder-niedere Rasen.</p>
<p>Die Krone kann einer nur tragen; sie allen erbberechtigten Brüdern vermachen zu wollen hieße, sie in Stücke zerschlagen zu müssen.</p>
<p>Wenn alle – o Reich der Liebe – gleich zu gleich auf Augenhöhe gestellt werden, sind alle gleichermaßen gedemütigt, düpiert und gelackmeiert.</p>
<p>Wer effeminiert die scharfe Schneide des Verstandes fürchtet, versteckt sich hinter süßlichen Grimassen und verständnisheischendem Gefuchtel.</p>
<p>Dichters Ehre – sich nicht von tätowierten Brillenschlangen ins Gedicht zischen zu lassen.</p>
<p>Am Nullpunkt des Denkens und Sagens spalten und gabeln sich Ja und Nein, Wahr und Falsch, Sein und Nichtsein, Leben und Tod.</p>
<p>Am Nullpunkt des Denkens lösen sich die Bilder auf.</p>
<p>„Das Leben ist ein Gefängnis.“ – „Das Leben ist ein Geschenk.“ – Aber der noch nicht Existente kann weder in Ketten geschlagen noch beschenkt werden.</p>
<p>Die Seele ist kein Schatten des Körpers. – Der Schatten ist kein interner Teil dessen, der ihn wirft.</p>
<p>Denken, das mit dem Kopf gegen die Mauer der Sprache schlägt.</p>
<p>Will man alles bedenken, alles erwägen, kommt man nie dazu, die Schwelle zu überschreiten.</p>
<p>Die Größe ist ungerecht.</p>
<p>Die Illusion, allem und allen gerecht werden zu sollen, mündet in Stumpfsinn und Apathie.</p>
<p>Der Unglückliche und der Glückspilz reden nicht über dasselbe, auch wenn sie das gleiche sagen.</p>
<p>Empfindungen lassen sich nicht vollständig analysieren; die Farbempfindung geht nicht auf in der Formel Lichtfrequenz x Nervensystem, für deren Geltung wir einen Apparat ohne Wissen von sich selbst konstruieren können.</p>
<p>Man kann anhand des lächelnden Gesichts im Spiegel nicht erkennen, daß man es selbst ist, der lächelt, ohne gefühlt zu haben, daß man lächelt.</p>
<p>Empfindungen sind Keimstätten des Gefühls; die Ekelempfindung ist der Keim für die Gefühle der Abneigung und Verachtung.</p>
<p>Weil Hinz die Juden, die abstrakte Malerei und Dichtung, die atonale Musik und den Jazz haßte, ist Kunz nicht dazu verpflichtet, all das hochzuschätzen und zu lieben.</p>
<p>Sprachkritik oder die Eichung von Begriffen.</p>
<p>Das Langenmaß muß die Dimension des zu Messenden haben; die Ars poetica über Begriffe verfügen, die sich an die Dichte und Intensität der poetischen Bilder und Rhythmen anzuschmiegen geeignet sind.</p>
<p>Ist Intensität ein ausreichendes Maß der Empfindung? – Der ersterbende Klang der Sonate.</p>
<p>Rilke läßt den letzten Takt im letzten Vers des Gedichts „Der Panther“ aus; die Steigerung des Ausdrucks durch das Ausgesparte und nicht Ausgedrückte.</p>
<p>Die kausale Perspektive der Biologie – Tier unter Tieren – genügt nicht, um zu verstehen, daß wir es sind, die morgens erwachen.</p>
<p>Der tierische Laut ist kein Begriff; die Nachtigall weiß nicht, daß sie singt.</p>
<p>Die Bedeutung und der Begriff sind nicht der Schatten des Körpers des Lauts.</p>
<p>Der Blick öffnet und schließt das Gesichtsfeld. – Das unwillkürliche Tasten des Blicks, das registrierende, bewertende Prüfen des Blicks.</p>
<p>Wie man ihn anblickt, blickt der Angeblickte zurück.</p>
<p>Mythologie, als könne das Gehirn etwas erblicken, ein Bild, eine Landschaft, ein Gesicht.</p>
<p>Mythologie, als wäre das Ich oder Subjekt der geheime Souverän und Schattenkönig im Reich der Bewußtseinsphänomene; Mythologie, auf der immerhin ein Platon, ein Kant ihre Ethik gründen, die sich in der Maxime verdichtet, der Souverän werde offenbar und trete aus dem Schatten.</p>
<p>Der reduktive Naturalismus ist begrifflicher Selbstmord aus Angst vor der Verführung durch den Idealismus.</p>
<p>Das aufopferungsvoll seine Jungen nährende und hütende Muttertier weiß nicht, daß sein Verhalten dazu dient, seine Gene weiterzugeben oder die Art zu erhalten.</p>
<p>Eltern zeugen und päppeln unter hohem Einsatz ihrer Energien und Ressourcen ihre Nachkommen nicht in der Absicht, die Populationsrate nicht sinken zu lassen.</p>
<p>Das Recht ist – trotz Platon, trotz Kant – kein Ableger der reinen Vernunft, sondern ein genuiner Sproß des Rechtsempfindens. Und dieser gedeiht in den Nebelauen urtümlicher Reaktionen wie solchen des Zorns, des Wunsches nach Rache und Vergeltung sowie nach Tötung oder Züchtigung des Übeltäters, Verräters, Mörders und Vergewaltigers.</p>
<p>Der Geschädigte muß den Schaden empfunden haben, bevor er nach Vergeltung schreit; nur der Betroffene ruft „Auge um Auge“ oder verlangt nach einer anderen Form der Entschädigung.</p>
<p>Das Gericht betreibt als Sachwalter der Rache- und Vergeltungswünsche des Geschädigten nicht deren institutionelle Neutralisierung, sondern übt die öffentliche Funktion ihrer Legalisierung aus.</p>
<p>Nur der pädagogisch und strafrechtlich wohldosiert verabreichte Schmerz belehrt; nur die verbrannte Zunge hütet sich vor weiterem Zischen und Lästern, nur das gestopfte Maul garantiert nächtliche Ruhe.</p>
<p>Der kastrierte Vergewaltiger und Triebtäter muß sich ein neues Betätigungsfeld suchen.</p>
<p>Das Mißverständnis der Vernunft als Herrin im Haus der Seele suggerierte und insinuierte der Antike die verlockenden Bilder der Ruhe, der Beschwichtigung, der Meeresstille und Ataraxie.</p>
<p>Der Psychologe Augustinus und der Tiefenpsychologe Pascal hatten gegen die Annahme der antiken Philosophie von der Souveränität der Vernunft den auf tiefem Empfinden gegründeten berechtigten Einwand erhoben, daß die Unruhe des Herzens unstillbar sei und einzig der Frieden Gottes sich – je nach Fall – seiner erbarmen könne.</p>
<p>Das Briefwerk des Horaz ist ein Zeugnis des vergeblichen Ringens um die Befriedung der Unruhe des menschlichen Herzens.</p>
<p>Die Unruhe kann wohl betäubt, nicht aber gestillt werden.</p>
<p>Die Sehnsucht des kleinen Marcel nach dem Gute-Nacht-Kuß der Mutter ist größer und betörender als die Erfüllung seines Wunsches, der einer Enttäuschung nahekommt.</p>
<p>Erwachsen werden oder geistig reifen hieße, die Fremdheit des Daseins ertragen zu lernen, ohne den Verlockungen nachzugeben, sie mittels Betäubungsmittel aller Art – Drogen, Religionen, totalitäre Ideologien – auslöschen zu wollen.</p>
<p>Der Wahnsinnige schlägt verzweifelt gegen die Tür, die, wenn er erschöpft zu Boden sinkt, wie von Geisterhand aufspringt. Die Tür war nur angelehnt.</p>
<p>Das Weinen, das den Nervenknoten und nervösen Krampf löst, den Krampf, in dem wir infantil am unerreichbar Fremden oder fremd Gewordenen hängen (der Imago der stillenden Brust oder der verlorenen Heimat).</p>
<p>Effeminierte Kerle mit grell lackierten Fingernägeln und Ohrringen, halb kahl geschorene Mädchen mit Piercings an Nase und Lippen, plakathafte Vulva-Kitsch-Malereien, Sprachverhunzungen à la „jeder und jede“, „Autor:innen“ oder „Menschen, die menstruieren“: Die Lust an der Entstellung, am Schiefen, Verdrehten und Grellen, gedeiht wie Unkraut in der Bodenlosigkeit der urbanen Endzeit-Zivilisation.</p>
<p>Was wahr und falsch, recht und unrecht, schön und häßlich ist, steht im Allgemeinen nicht zur Disposition; das aber reizt und kränkt den geistig Schwachen und den Perversen.</p>
<p>Leute, die es als befreiende Wahrheit oder alleinseligmachende Offenbarung in alle Mikrophone schreien, es tummle sich zwischen den Polen von Mann und Frau eine faszinierende Schar von zwielichtigen Gestalten, ähneln den Toren, die annehmen, zwischen dem Wahren und Falschen hause noch ein buntes Völkchen verlockender Halbwahrheiten.</p>
<p>Jede Ästhetik und jede Ars poetica sind insofern normativ, als sie methodische Mittel bereitstellen, um beispielsweise über einen vorliegenden Text zur Entscheidung darüber zu kommen, ob es sich dabei um ein Gedicht oder um ein zusammengestoppeltes, zusammengeleimtes, aus Versatzstücken angesagter Zeitgeistphrasen montiertes  Pseudo-Gedicht handelt.</p>
<p>Der Irrtum, die Kunst sei etwas durch und durch Künstliches, rührt schon an den Wahn, alles müsse machbar sein. – Der Kern der Kunst ist der Willkür entzogen, ähnlich wie die natürlichen Tatsachen der Zweigeschlechtlichkeit und die in ihr aufsteigenden erotischen Gewitter.</p>
<p>Die Erfahrung des Göttlichen kann man nicht erlernen, provozieren oder nachahmen. – Hölderlin drückt dies aus, wenn er davon spricht, er fühle sich von Apollon geschlagen.</p>
<p>Die Banalität und seelische Kahlheit, der erotischen Gefahr mittels künstlicher Angstverhütungsmittel scheinbar entronnen, reden im Staccato vom Spaß am Sex.</p>
<p>Perversionen sind Gefühlswelten und Verhaltensweisen, in denen sich die mehr oder weniger vollständige Ablösung der Sexualität von der Fruchtbarkeit dokumentiert.</p>
<p>Man kann nicht die Absicht hegen, ein Dichter zu werden oder sich zu verlieben.</p>
<p>Die mittels künstlicher Stimulantien erweckten poetischen Ergüsse machen der Muse kein Kind.</p>
<p>Sie destillieren aus der unverfügbaren Gnade eine fade Soße, die sie auf die noch faderen Hostien einer Massenspeisung streichen, um sie als Liebesmahl zu deklarieren.</p>
<p>Das auf das Puttenmaß von sentimentalem Kitsch allumfassender Menschenliebe und karitativer und politischer Gesinnungsmoral geschrumpfte Christentum zerfällt wie die Reliquie im Schrein, die man unvorsichtigerweise der Frischluft ausgesetzt hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Zögernd auf der Schwelle</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Jun 2023 22:29:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Zögernd auf der Schwelle Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Plötzlich taucht ein Foto der Person auf, mit der wir seit Jahren geschäftlich oder anderweitig korrespondiert haben. Paßt nun das Gesicht zu der Vorstellung, die wir uns aufgrund des wenn auch nichtvisuellen Kontaktes von der Person gemacht haben oder nicht? – So oder so, glauben wir uns in unserer imaginären Annahme [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/zoegernd-auf-der-schwelle/">Zögernd auf der Schwelle</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen<br />
</em><br />
Plötzlich taucht ein Foto der Person auf, mit der wir seit Jahren geschäftlich oder anderweitig korrespondiert haben. Paßt nun das Gesicht zu der Vorstellung, die wir uns aufgrund des wenn auch nichtvisuellen Kontaktes von der Person gemacht haben oder nicht? – So oder so, glauben wir uns in unserer imaginären Annahme nun bestätigt oder enttäuscht: Es handelt sich in jedem Falle um eine philosophischer Betrachtung würdige Form von Täuschung.</p>
<p>Eine andere ebenso elementare Täuschung wird in der Meinung ersichtlich, daß der Menschheit ein großer Schaden entstanden wäre, wäre Mozart (oder ein anderer der Kulturheroen) nicht geboren worden oder als Säugling verstorben oder doch vor der Abfassung des Don Giovanni oder des Requiems. Denn etwas, was nicht existiert oder existiert hat, kann keine wohltuende (oder auch schädliche) Wirkung ausüben. – Fragen wir noch, welchen Verlust all jene unzähligen Generationen erlitten haben, die vor Mozarts Geburt und segensreicher Schaffenszeit gelebt haben und nicht in den Genuß seiner beseligenden Harmonien haben kommen können, so fragen wir nicht minder töricht.</p>
<p>Wir können unsere eigene und die Nichtexistenz anderer weder uns vorstellen noch begrifflich erfassen; es bleibt stets ein Schatten, Spiegelbild oder eine bizarre Art von Scherenschnitt, jeweils freilich gearbeitet nach dem lebenden Original.</p>
<p>Die Schwierigkeit, sich einen Begriff von der Seele zu machen, der sich gleichsam von allen physischen Schlacken purifiziert hat: Homers Schattenbilder und Dantes Jenseitsgestalten.</p>
<p>Es gibt einen begrifflichen Unterschied zwischen absoluter und relativer Differenz: wahr und falsch, ja und nein, künstlerisch gelungen oder mißlungen; dagegen mehr oder weniger schwer, groß, warm, schnell; intelligent, geschickt, talentiert.</p>
<p>Allerdings kann selbst das gut Gemeinte schiefgehen; das allzu schöne oder üppige Geschenk kann den Beschenkten beschämen.</p>
<p>Wir können der Versuchung kaum widerstehen, den Abgrund zwischen absoluten Gegensätzen mit den Schatten und Spiegelbildern des Relativen zu füllen.</p>
<p>Die mittels KI generierte Mozart-Sonate klingt zunächst wie ein Original, bevor sie den seichten Ton des Imitats oder Plagiats offenbart.</p>
<p>Kinder fragen, wo sie vor der Geburt waren. – Sie zweifeln an der Tatsache, daß es die verstorbene Großmutter „nicht mehr gibt“, weil sie von ihr geträumt haben.</p>
<p>Das Nichtsein ist nicht vorstellbar, nicht denkbar, ein gedankliches Unding: der erste Lehrsatz des Parmenides.</p>
<p>Der Satz „Der Kreisumfang beträgt in der euklidischen Geometrie 360 Grad“ ist nicht wahrer als der Satz „Peter war vorgestern mit mir im Park spazieren“, nur weil der erste uns mit größerer Gewißheit oder Evidenz ausgestattet scheint als der zweite.</p>
<p>Der Satz „4–2 = 8“ ist nicht falscher als der Satz „Sokrates war der Schüler des Platon“, nur weil die Inkonsistenz und somit Falschheit des ersten uns unmittelbar ins Auge springt, während die Unwahrheit des zweiten einem historisch und philosophisch Ungebildeten verborgen bleiben mag.</p>
<p>Die Liste der Wörter „über“, „alle“ „Gipfel“ „sein“, „Ruhe“ ist kein Teil eines dichterischen Zusammenhanges wie der Vers „Über allen Gipfeln ist Ruh“ es ist.</p>
<p>Das Nichtdichterische ist keine Vorform, kein Schattenriß, kein Spiegelbild des Gedichts.</p>
<p>Wir springen von der Prosa des Alltags in die Sprache der Dichtung, so wie wir nach Kierkegaard den Sprung von der lauen Gleichmütigkeit des Nichtglaubens in die Leidenschaft des Glaubens tun.</p>
<p>Sehr mißlich, fatal und töricht ist die Täuschung, die durch Projektion des Gegenwärtigen auf das Vergangene zustandekommt, als wäre das eine stets die unausbleibliche Manifestation des anderen oder das Heute eine neue Zwiebelschale auf der alten Haut des Gestern.</p>
<p>Die Gründe für den Ausbruch des Krieges liegen freilich in der Vergangenheit, ja können in Tiefenschichten geopolitischer, kultureller, ethnischer und sozialer Differenzen der Kriegsgegner wurzeln, deren Alter Jahrzehnte und Jahrhunderte umfaßt; doch der Befehl zum Angriff an diesem bestimmten Ort und zu dieser bestimmten Zeit hätte auch unterbleiben können.</p>
<p>Moralische Wahrheiten sind schon aus dem Grund nicht als unmittelbar einleuchtend, selbstevident oder als der Seele des Menschen eingepflanzt zu klassifizieren, wie es immerhin Platoniker, Stoiker und sogar Paulus annahmen, weil es in diesem erstaunlichen Falle keiner Gerichte, Strafen oder Ächtungen bedürfte.</p>
<p>Zu sagen, daß man nach diesen und jenen schrecklichen Ereignissen und Untaten dies und das nicht mehr tun könne, ohne die Toten zu verhöhnen oder sich selbst zu betrügen, zum Beispiel Gedichte zu schreiben, zeugt nicht von einem überempfindlichen moralischen, sondern einem unterentwickelten oder einseitig entwickelten ästhetischen Organ.</p>
<p>Wenige Tage nach der Katastrophe hört man wieder die Sektkorken knallen. – Das spricht nicht für die moralische Unbedenklichkeit der Feiernden, sondern für die tiefere Wahrheit des Lebens, das nicht umhin kann, sich selbst zu feiern.</p>
<p>Horaz, der sich selbst einmal ironisch als epikureisches Schwein bezeichnete, versteigt sich in den Römeroden zu härtesten Forderungen des Verzichts, des Opfermutes und der Selbstverleugnung; doch nur die eine Wahrheit auszusprechen und ihren Schatten geflissentlich zu retouchieren, hieße, nur die halbe Wahrheit zu bekennen.</p>
<p>Besser die doppelte Wahrheit als die schlichte Indifferenz.</p>
<p>Hedonismus zu predigen ist eine perverse Art von Pfaffentum.</p>
<p>Den Aufflug zu den Gipfeln des hohen Stils wie bei Pindar, Sophokles oder Horaz registrieren wir als Ausnahme von der Regel, im lauwarmen Wasser des Alltagsgeschwätzes zu planschen.</p>
<p>Mancher freilich, der sich den zu großen Kothurn untergebunden hat, zeigt einen bedrohlich schwankenden Gang.</p>
<p>Der den psalmodierenden Vortragsstil Paul Celans in der Runde der literarischen Biedermänner und Beckmesser mit demjenigen eines Goebbels verglich, war aufrichtiger in der Artikulation seines peinlichen Unbehagens als die Corona seiner philosemitischen Bewunderer.</p>
<p>Keine theatralische Maske, kein solitäres Gehabe und kein elitärer Dünkel schützen vor der Ansteckung mit dem Virus vulgaritatis.</p>
<p>Dummheit hält sich für das Maß aller Dinge und schreitet unbedenklich zur Tat; der denkende Mensch sieht sich im Kind des Heraklit, und versucht nicht erst, mit einer Muschel den Ozean auszuschöpfen. Zögernd auf der Schwelle kehrt er in seinen Elfenbeinturm zurück.</p>
<p>Der hohe Stil der antiken Dichtung ist gleichsam ein in gespanntester Syntax und überbelichteter Bildlichkeit eingefangener Wirbel des Schnees auf dem Olymp.</p>
<p>Der olympische Adler des Pindar rauscht wieder in den Hymnen Klopstocks und einzigartig in jenen Hölderlins. Doch ist die Luft, die seine Fittiche aufwirbeln, nicht luzid und transparent wie die mediterrane, sondern geisterhaft von ahnungsschwangeren Wolken verdunkelt.</p>
<p>Das Wagnis des hohen Tones und Stils im Deutschen, von Klopstock über Goethe und Hölderlin bis Rilke und Celan, gleicht dem Wagnis des Seiltänzers ohne Netz und doppelten Boden, der der Innervation seiner hymnischen Rhythmik in einem Maße vertraut, daß er schließlich auch die Balancierstange – nicht nur des Reims, nicht nur des Ruhms und des Applauses – wegwirft.</p>
<p>Was aber preisen, wen aber rühmen, wenn es zum Zerwürfnis mit den Vätern, zum Abbruch der Fühlungnahme mit den Ahnen kam? Vom geschmolzenen Schnee auf den Bergen der Götter zu schweigen.</p>
<p>Die Verlockung des Rätselhaften, jenes Enigmatischen, das den Orakeln und Göttersprüchen in ihrer Zweideutigkeit von jeher anhaftet, hat manchen nicht nur das Zögern auf der Schwelle des Takts leichthin überspringen lassen, sondern im Salto mortale ins Unverständliche an die Grenze der Groteske, der Parodie und Hysterie getrieben.</p>
<p>Der tragisch auf dunkel tönenden und beängstigend dünnen Eisflächen angehäufte, aber auch sentimentalisch in vermodernde Waldungen stiebende Wörterschnee eines Jürgen Kross ist zugleich ein Zeugnis hoher lyrischer Verdichtung auf engstem Raume und des unvermeidbaren Unglücks, das über den odisch atmen wollenden deutschen Vers in Form einer steil in die dünne Luft einer transzendenten Leere gereckten Bildlichkeit und der wurzellosen Ranken einer dämmerigen Syntax hereinbricht. Die bescheidene Lichtung, die ihm das schartige Messer eines formstarren Manierismus im Dickicht des sprachlichen Zerfalls der Gegenwart zu schneiden vermag, wächst im Rücken des heroischen Mannes augenblicks wieder zu, als sein eigener Schatten.</p>
<p>Man kann dem Leben sein Geheimnis nicht gewaltsam entreißen. Es ist stark genug, auf der Folterbank unserer herrischen Ungeduld und zuchtlosen Neugierde zu schweigen. – Die leise Geste, ein Anhauch des Nichtgesagten, tut es uns kund.</p>
<p>Ohne ein Bewußtsein, und sei es vage, bedrängt und ausweglos, wie am Rande des Grabes, ein Bewußtsein des Übermenschlichen versiegt der Quell der Hymnen; es bleibt nur ein trübes Rinnsal von Abwässern, in denen sich keine silbernen Wolken spiegeln.</p>
<p>Hermeneutik oder die Kunst der Interpretation wird asthmatisch, steckt sie die Nase in den Korb mit schmutziger Wäsche, erblindet, blickt sie scheel durch das Schlüsselloch in die zwielichtige Kammer der Perversionen.</p>
<p>Das in Mitgefühl sentimental zerfließende Herz, dem keine distinctio boni et mali eingepflanzt ist, kann den kaltsinnigen Verstand nicht erweichen, der ihm im Gegenteil anhand untrüglicher Belege, freilich vergeblich, nachzuweisen versucht, daß jener parasitische Dauergast, der den armen Teufel, den schwer Traumatisierten und ewig Unbehausten mimt, in Wahrheit ein verschlagener Tunichtgut ist, der sich an der Tochter des Hauses schon vergriffen hat.</p>
<p>Der hohe Ton und Stil kamen den Deutschen nicht zuletzt abhanden, weil die Jauche des massenmedial legitimierten Plebejergeschmacks längst über die sakrale Schwelle des hierarchisch-hieratischen Hochsinns geschwappt ist.</p>
<p>Es erleben alle alles, doch dem Erlebten den Stempel des Originellen und Exklusiven aufzudrücken vermögen nur die Seltenen.</p>
<p>Der starre Falter des gültigen Worts im Bernstein des Gedichts.</p>
<p>„Wenn ihre dionysische Gottheit sie inspiriert, träumen die Vulgären von fetten Ärschen und die ewig Empörten vom Schafott, während ein Baudelaire das Lied vom Wein des Einsamen singt.“</p>
<p>„Das klingt plausibel oder vielmehr allzu plausibel; denn nicht weniger wahrscheinlich ist es, daß derselbe von seiner dionysischen Gottheit inspirierte Dichter, nachdem es ihn in die Niederungen vulgärer Phantasien und bösartiger Ressentimentgefühle gezogen hat, sich mit einem Male umwendet, um seinen Aufstieg zum Sublimen anzutreten.“</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die jähe Wendung</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/die-jaehe-wendung/</link>
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		<pubDate>Thu, 13 Apr 2023 22:25:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Die jähe Wendung Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Kann man das noch sagen: „Schwarze Romantik“, „Schwarze Madonna“, „Schwarze Anthropologie“, oder muß sich auch hier der alte weiße Mann die fahle Asche des Sünders aufs Haupt schütten? Soweit er Tier ist, ist der Mensch mehr als Tier: Über-Tier, ein Monstrum. Die Gewalttat, die Übeltat, der Mord – Kehrseiten der Fähigkeit [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/die-jaehe-wendung/">Die jähe Wendung</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Kann man das noch sagen: „Schwarze Romantik“, „Schwarze Madonna“, „Schwarze Anthropologie“, oder muß sich auch hier der alte weiße Mann die fahle Asche des Sünders aufs Haupt schütten?</p>
<p>Soweit er Tier ist, ist der Mensch mehr als Tier: Über-Tier, ein Monstrum.</p>
<p>Die Gewalttat, die Übeltat, der Mord – Kehrseiten der Fähigkeit zur Güte.</p>
<p>Und umgekehrt, nicht die gelähmte, die zurückgehaltene Hand rechnen wir dem Jähzornigen als Verdienst zu.</p>
<p>Tiere morden nicht, kennen kein Gesetz, bedürfen keiner mosaischen Tafeln.</p>
<p>Vom Guten, Wahren, Rechten wissen wir nur im Licht unserer Disposition und Fähigkeit zur Übeltat, zur Lüge und Gesetzesübertretung.</p>
<p>Vom Sinn reden wir wie Bewohner einer Insel, die rings von der Meeresbrandung des Unsinns umtost wird.</p>
<p>Das Tier gehorcht dem Instinkt, der Mensch dem Befehl; aber Instinkte sind anders als Befehle kein Teil eines Sprachspiels. – Die Redeweise vom Instinkt, dem das Tier gehorcht, zählt zu den unausrottbaren Anthropomorphismen in der Beschreibung tierischen Verhaltens.</p>
<p>Wer nicht hätte lügen können, hat nicht die Wahrheit gesagt.</p>
<p>Wer nichts hätte zerstören können, hat nichts erschaffen.</p>
<p>Insekten wie Bienen und Termiten errichten ihre erstaunlichen Bauwerke nach raffinierten genetischen Programmen; nicht anders Vögel ihre Nester. Der griechische Tempel und die römische Villa aber sind nicht nur Behausungen für Götter und Menschen, sondern anders als die Bauten der Insekten und die Nester der Vögel Teil einer symbolischen Ordnung.</p>
<p>Die Illusion des Traumwandlers, auf sicherem Boden zu gehen, läßt ihn nicht abstürzen.</p>
<p>Der Vers lichtet den Wald der Sprache, ein fremder Odem fällt aus den dunklen Wipfeln, die Halme der Zeichen erzittern.</p>
<p>Der Klebstoff der unwillkürlichen Assoziationen, mehr noch der konditionierten Bildverknüpfungen, läßt das Denken, wie die träge auf den Schiffsplanken schleifenden Riesenfittiche des Baudelaireschen Albatros, am Boden der Trivialität haften.</p>
<p>„Sie war schön und unglücklich.“ – Die Konjunktion „und“ kann eine Brücke sein, aber auch eine gefährliche Abzweigung.</p>
<p>„Sie war unglücklich, aber lächelte.“ – Die Konjunktion „aber“ kann wie eine unübersteigliche Hürde auftauchen, aber auch wie ein Wegweiser in unbetretenes Gelände.</p>
<p>„Aber. Ein Wegzeichen Hölderlins“ – diese sprachphilosophische Abhandlung ist noch ungeschrieben.</p>
<p>Pseudo-Dichter, die durch ungewöhnliche Wendungen, bizarre Metaphern-Tattoos, semantisch unauflösbare Knoten oder syntaktische Holzwege auffallen, Aufmerksamkeit erregen, provozieren wollen.</p>
<p>Die jähe Wendung hat ihren Ernst nur, wenn sie keine Willkür, kein eitler Exhibitionismus zur Schau stellt.</p>
<p>Die jähe Wendung, der schneegetränkte Föhnwind, der das semantische Rankenwerk erschauern läßt oder zerreißt, ein dumpfes Gurren, das den Frühnebel noch trüber scheinen läßt, der Schlag an die Pforte, wenn kein Gast, kein Bote mehr erwartet wird.</p>
<p>Erst wenn das Ticken der Uhr in der Dämmerung, das leise Tröpfeln des Wasserhahns jäh verstummt, nehmen wir es allererst wahr.</p>
<p>Erreichte er auch endlich die Schwelle, klopfte er an und beträte der Bote das dämmerige Zimmer mit der stickigen Luft, er beugte sich wohl nieder, wüßte aber dem Sterbenden nur eine Banalität ins Ohr zu flüstern, zu der sich die erhabene Botschaft im öden Brausen des Winds auf seinen langen Wanderungen entleert hat.</p>
<p>Der Dichter, der sich zum heilig-nüchternen Wasser der Bandusischen Quelle gebeugt, sich in einen Schwan verwandelt hat, um über die Grenzen der Länder und Völker zu fliegen, der glaubte, sich ein Denkmal, dauernder als Erz, errichtet zu haben, wird nicht einmal mehr, wie er befürchtete, von knöchernen Pädagogen müde feixenden Pennälern zur Schullektüre aufgenötigt.</p>
<p>Er sagte irgendetwas Beiläufiges, Marginales, aber mit einem vipernhaften Züngeln, das sie bewog, mit ihm das Bett nicht mehr zu teilen.</p>
<p>Das graue Haar, du magst es tönen, aber das ergraute Herz …</p>
<p>Das wieder und wieder aufgeblüht, das Bild der Rose ist alt, aber ihre Flamme scheint heute wie für einmal und immer entzündet.</p>
<p>Wenn die Kette der Verse reißt, rollen die Perlen hierhin und dorthin. – Ein Fremder findet noch eine, die im dämmernden Grase schimmert, im nächtlichen Moos, im Dung.</p>
<p>Unglücklich im Paradies.</p>
<p>Kurz nach der Geburt werden dem Säugling Aufzeichnungschips und Impulsgeber ins Gehirn implantiert, die jede Regung festhalten, erwünschte Motive und Handlungen durch Serotoninzufuhr belohnen und alle unerwünschten mittels Stressverstärkern und Depressiva bestrafen.</p>
<p>Ins Sprachzentrum werden semantische und syntaktische Katalysatoren eingepflanzt, die ungewöhnliche oder vom Normgebrauch abweichende Wendungen blockieren, erlaubte metaphorische und metonymische Verbindungen verstärken und zur Bildung von Klischees anregen.</p>
<p>Die digitale Weltherrschaft der Phrase.</p>
<p>Glücklich, wer redet, wie alle reden, denkt, wie alle denken.</p>
<p>Wer in entscheidenden Momenten und an gefahrvollen Wegscheiden, statt in den Singsang der Medien einzustimmen, schweigt, gilt als verdächtig und wird einer verschärfter Beobachtung unterzogen.</p>
<p>Das Gesetz gilt für überflüssig, der Abweichler bestraft sich selbst.</p>
<p>Die Polizeiwache ist ins Rückenmark gesunken.</p>
<p>Wie soll man, um mit Max Weber zu sprechen, die Verwaltung der allzu Vielen rationalisieren, ohne ihre Nervensysteme zu vernetzen?</p>
<p>Wer das Netz verläßt, begeht Suizid.</p>
<p>Schachfiguren, die spontan und willentlich zu handeln glauben, wenn die Spieler ihre Züge machen.</p>
<p>Zunächst werden noch Nachkommen aufgrund eugenischer Selektion der Gameten im Labor gezüchtet; dann ersetzt man auch die darwinistisch zufällige Mutation bei der Befruchtung der Eizelle durch eine algorithmisch zweckgerichtete.</p>
<p>Zunächst fördert man noch mittels weltanschaulicher Propaganda und pädagogischer Indoktrination die physiognomische und psychologische Verflachung und Einebnung der Geschlechterdifferenz; schließlich kann auf die Weitergabe der DNS in geschlechtlich definierten Körpern ganz verzichtet werden: Das nachgeschichtliche Zeitalter der miteinander vernetzten Neuromaschinen hat begonnen, in dem die biologische Zeugung durch eine Art algorithmisch gesteuerter Nervensprossung ersetzt wird.</p>
<p>Genetische Auslese und Säuberung durch konkurrierende Auswahlsysteme, Kriege und Genozide erweisen sich als Anachronismus, wenn sie durch die gezielte, aber automatisierte Abschaltung von Nervenzentren abgelöst werden.</p>
<p>Gott nennt man, was in den Nervenbahnen über alle Grenzen hinweg von Netz zu Netz als nervöser Strom fließt. – Wer mit sich selber spricht, gilt als blasphemischer Netzverräter.</p>
<p>Es ist sinnlos, von Entfremdung zu reden, wenn mit der Eigenheit des je eigenen Denkens, Fühlens und Sprechens der Begriff des Eigenen aus der Sprache verschwunden ist.</p>
<p>Das Eigene, was wir einmal Seele nannten, ist die Beimischung der spezifischen Empfindung des Atmenden in den Atemstrom, den er, unwissend, wohin er entweicht, redend, schweigend, träumend der Welt wie einen urtümlichen Tribut entrichtet.</p>
<p>Der Widerstand gegen die Enteignung kann sich in jähen Wendungen kundtun, etwa sich der peinlichen Frage zu entziehen und zu schweigen oder wie der Dichter Preislieder anzustimmen, wo rings die Flüche und Verwünschungen, die Klagen und Selbstanklagen wie Nesseln und Melde ins Kraut schießen und das Rankenwerk der Phrase den edlen Knospen das Licht nimmt.</p>
<p>Die jähe Wendung ist kein dialektisches Umschlagen, vom Begriff zum Gegen-Begriff, vom Wort zum Widerwort. Die Welle zieht sich zurück, das Watt dehnt sich vor uns aus und gibt den Blick auf die zurückgelassenen Bewohner der Tiefe frei, ferner und ferner verebbt das Rauschen. Doch hier ist kein Mond, dessen Wanderung uns die Rückkehr der Welle in Aussicht stellte.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Verwitterte Farben</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/verwitterte-farben/</link>
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		<pubDate>Mon, 10 Apr 2023 22:41:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Verwitterte Farben Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Weniger Drüse, mehr Analyse. Wie tief der mystische Sinn der offiziellen Kirche gesunken ist, gewahrt man an der ubiquitären verächtlichen Entfernung des Lettners, der die heilige Handlung der Transsubstantiation vor den neugierigen Blicken der Gaffer geschützt hat. Je mehr Östrogen, desto weniger Esprit. – Freilich das Umgekehrte gilt für Testosteron nicht. [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/verwitterte-farben/">Verwitterte Farben</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Weniger Drüse, mehr Analyse.</p>
<p>Wie tief der mystische Sinn der offiziellen Kirche gesunken ist, gewahrt man an der ubiquitären verächtlichen Entfernung des Lettners, der die heilige Handlung der Transsubstantiation vor den neugierigen Blicken der Gaffer geschützt hat.</p>
<p>Je mehr Östrogen, desto weniger Esprit. – Freilich das Umgekehrte gilt für Testosteron nicht.</p>
<p>„Deutsche Physik“ – ein Schlagwort der nationalen Sozialisten, das die Dummheit dieser Leute schamlos ausplaudert. – „Feministische Studien“ – ein Schlagwort der internationalen Sozialisten und Weltverbesserungschickeria, das sowohl von der Dummheit als auch der Realitätsverkennung kleingeistig-aufgeputschter Ideologen zeugt; beides dient dazu, den wissenschaftlichen Unwert solcher Pseudo-Forschungen zu bemänteln.</p>
<p>Das Gesicht, das sie nicht haben, können sie auch nicht verlieren. – Daher ihr Draufgängertum, ihr Zynismus, die Clownerie noch bei allen scheinbar ernsten Weltuntergangsrettungsunternehmen.</p>
<p>Idioten der Sprache, die man zu ihren Hütern auserkor, bezeugen ihre sprachgeschichtliche Unbildung, wenn sie „Greuel“ und „Quentchen“ mit -ä zu schreiben dekretieren.</p>
<p>Der Dichter sieht in der Narzisse den schönen Jüngling Narzissus, der sich selbstgefällig im Wasser spiegelt; er feiert die Eitelkeit einer Zerstreuung, die sich zum Höchstmaß der Selbstvergessenheit steigert, um im tragisch-schönen Untergang zu gipfeln.</p>
<p>Was Zahlen sind, wissen wir nicht, aber wir rechnen mit ihnen; und wenn wir uns verrechnen, stürzt die Brücke ein.</p>
<p>Die Religion der Natur, die Anbetung der Mutter Erde, ist der letzte sentimentale Firnis auf dem Bild, doch es zeigt schon fragwürdige Risse, Zeichen apokalyptischer Verwitterung.</p>
<p>Ein verwittertes Bild von Leonardo, wie sein letztes Abendmahl, läßt sich intuitiv und technisch leichter rekonstruieren als ein Tintoretto oder Raffael.</p>
<p>Wenn wir die Zeit nach dem Muster des Raums zergliedern, sie nach unten brechen oder nach oben erweitern, erreichen wir nie die Abszisse der Gegenwart oder die Ordinate der Ewigkeit.</p>
<p>Wenn wir die Zeit nach dem Muster der euklidischen Geometrie beschreiben, verschwindet der Augenblick in einem ausdehnungslosen Punkt.</p>
<p>Die Wildrose der natürlichen Sprache haben Generation um Generation geschickte und geniale Gärtner zur wundersamen Rosenpracht der hohen Dichtung in der sublimen Mannigfaltigkeit von Formen, Farben und Düften emporgezüchtet.</p>
<p>Manchmal, wenn wir die Geste einer bescheidenen Huldigung wagen, ziehen wir das schüchterne Veilchen der stolzen Rose vor.</p>
<p>Der Garten ist verwildert, die Rosenblätter von Raupen zerfressen; der Gärtner liegt, von Rotgardisten als Verkörperung der alten hierarchischen Ordnung erschlagen, im Gras, eine Maus nistet in seiner Jackentasche.</p>
<p>Daß sich die schwarze Seele in den französisch-afrikanischen Dichtungen der Négritude, der Stimme einer Ella Fitzgerald und der Trompete eines Luis Armstrong offenbart – das verstehen sie vielleicht noch. Aber daß sich in den Dichtungen eines Pindar, Dante oder George, in der Musik eines Josquin Desprez, Wagner oder Bruckner die weiße offenbart, das ist ihnen geradezu unaussprechlich, ein Anathema und ein Greuel des Denkens.</p>
<p>Das Gute ist das Edle; die hohe Dichtung entspringt dem Geist des Adels, so die Hymnen Pindars, die Oden Sapphos und die Lieder der Troubadours.</p>
<p>Goethe hatte immerhin noch die Gebildeten des Hofs zu Weimar als mehr oder weniger andächtige Zelebranten und Ministranten oder Statisten; George mußte sich in der schwülen Atmosphäre des Fin de Siècle eine künstliche Hofgesellschaft erschaffen und erdichten.</p>
<p>Der Ackergaul und das Zirkuspferd, das Arbeitslied und das Ritornell; der Löwenzahn und die Lilie, der Gassenhauer und die Ode. – Die Genealogie der dichterischen Formen aus dem Geist der ästhetischen Zuchtwahl und der kulturellen Pfropfung ist noch ungeschrieben.</p>
<p>Freilich, ohne die Wildform keine hochgezüchtete. Und die Gefahr der Degeneration steigt mit dem Grad der Verachtung der Züchter und Gärtner.</p>
<p>Was ist römisch an den griechischen Odenstrophen des Horaz? – Das Baumeisterliche in der Fügung und Stufung, der Mörtel der Ironie, die Ringkomposition.</p>
<p>Die Schreckbilder der Chimäre und der Medusa, das unterirdische Beben und Grollen der Titanen und Giganten, das Schattenreich des Acheron sind die spiegelbildliche Kehrseite der schönen plastischen Gestalten von Heroen und Göttern, des Gesangs der Quellen, Nymphen und Musen, des rosigen Schimmers im Gipfelschnee des Olymps. – Das eine bricht regelmäßig ins andere ein, im trunkenen Tanz und Johlen der Mänaden, ja, es strömt wie Blut und Milch ineinander, vermischt und überlappt sich wie das Röcheln der Sterbenden und der Gesang der Nachtigall in den Chorliedern der Tragödie.</p>
<p>Dreht man den Teppich der Dichtung um, gewahrt man anstelle der filigranen Muster und von ihnen umrankten Traumgestalten ein Gewirr scheinbar blind laufender Fäden und ein Chaos löchriger Netze.</p>
<p>Nur ein dummer Zeitgeistgelehrter tut irritiert ob des Anfangs der Ars poetica des Horaz, als könnte die hingetuschte Zeichnung einer paradoxen Mißgestalt als Einspruch gegen die klassischen Maße und Gewichte der Lehre des Meisters gelten; sie ist kein Einspruch, sondern ihr artistisch mit leichter Hand entworfenes symmetrisches Kehr- und Kippbild.</p>
<p>Die Chimäre gehört zur klassischen Ordnung wie der hinkende, rußige Hephaistos zur glänzenden Anmut seiner Gattin, wie der Pestpfeil des Apollon und der Liebespfeil des Eros, wie Achill, der einsam in seinem Zelt zarte Lieder singt und löwenhaft im Feld die Gegner zerreißt, wie der Adler zu Prometheus und die Sphinx zu Ödipus.</p>
<p>Es war die gipsern-frigide Tünche eines anämischen Schulmeister-Humanismus über der Wahrheit des Mythos, die Nietzsches Hammer abgeschlagen hat; den zarten Rissen und verräterisch pulsierenden Härchen auf der Haut der Dichtung einer Sappho, eines Vergil oder Horaz nachzutasten und dem rätselhaften Delta der Venen, das ihr weiches Inkarnat durchschimmern läßt, nachzuspähen, fehlte dem atemlosen Empörer die Geduld.</p>
<p>Das Haus der Sprache schwebt kopfüber in der Luft.</p>
<p>Einer nennt einen Grund, ein anderer einen Gegengrund, beide stehen hart, entschlossen, mit offenem Visier gegenüber; erst ist es ein Spiel, dann geht es in Streit und Gewalttaten über, die man nur zu befrieden vermöchte, nicht indem man einen Grund als alleinseligmachende Wahrheit deklariert, sondern indem man beide Gründe ausblendet.</p>
<p>Daß wir unsere Sache auf nichts gestellt haben ist eine schwindelerregende Einsicht.</p>
<p>Der Grund, auf dem wir stehen, ist nicht sicherer und fester als im indischen Mythos die Schildkröte, auf der die Erde ruht, und der Elefant, auf der die Schildkröte ruht. – Die Hoffnung, einen sicheren Grund zu finden, ein fundamentum inconcussum, kann keine Mythologie, keine Theologie und kein rationales Denken einlösen. – In dieser seltsamen Lage eines Ganges auf dem Hochseil, das selbst aus nichts als Träumen gesponnen ist, nicht zu verzagen und in den Abgrund zu stürzen, sondern uns in Heiterkeit und Gelassenheit zu üben, kann man als Quintessenz so unterschiedlicher Denkwege wie derjenigen Heideggers und Wittgensteins betrachten.</p>
<p>Je höher wir steigen, umso weiter geht der Blick ins Land, doch umso undeutlicher wird, was wir aus der Nähe betrachtet haben. – Im gleichen Maß, wie sich unser Wissen in einem Bereich erweitert, gewahren wir unbetretene, ja unbetretbare Bereiche des Nichtwissens.</p>
<p>Wir haben die Erde umsegelt; aber der Horizont unseres Wissens wandert stetig mit uns weiter.</p>
<p>Wir haben keinen Begriff von der Zahl, dennoch rechnen wir; wir haben keinen Begriff vom Augenblick und sprechen gleichwohl sinnigerweise vom Kairos oder vom Wunsch, zum Augenblick zu sagen: „Verweile doch, du bist so schön!“</p>
<p>Mozart konnte nicht darüber befinden, Mozart zu sein.</p>
<p>Als müßte der Gedanke in einem Sprung das Unendliche durchmessen, um wie Achill die Schildkröte das Endliche einzuholen.</p>
<p>Als wäre im System der Sprache jeder Satz die Auswahl aus einer unendlichen Reihe ähnlicher Sätze.</p>
<p>Wir bedenken nicht, daß die Antwort, die wir von der Natur oder der Geschichte oder dem Leben erhalten, nicht wie das Echo eines Rufes ist, das unsere Frage nur nachäfft und reflektiert, sondern wie die Spur des Wanderers im Schnee, die uns verrät, aus welcher Richtung er kam und in welche Richtung er ging.</p>
<p>Wir bedenken nicht, daß unser Gesprächspartner von unserer Frage oder Darlegung geleitet, manchmal einen von uns nicht einmal geahnten Aussichtspunkt erreicht, von dem er weiter sehen kann als wir selbst.</p>
<p>Freilich, wenn wir unser Gegenüber nur lange genug pressen, gibt es uns die Antwort, nach der unsere Angst und unsere Eitelkeit verlangen.</p>
<p>Scheinfragen sind entweder redundant wie die Frage des Prüfers an den Prüfling, deren Antwort er kennt, oder blind, wie die hartnäckigen Warum-Fragen des Kindes; die echte Frage muß hier eine Mitte finden, darf weder überflüssig noch orientierungslos sein.</p>
<p>Pascal ohne Gott.</p>
<p>Was stünde im Mémorial eines Pascal, dem sich die Transzendenz in einer Welt ohne die Kenntnis der jüdischen Bibel oder einer Welt ohne Paulus und Jansenius geoffenbart hätte? – Was ließe sie in diesem Falle abgrenzen gegen den Gott der Philosophen und Gelehrten?</p>
<p>Das Unendliche offenbarte sich Blaise Pascal in einer endlichen Zeit (von 22.30 Uhr bis 0.30 Uhr am 23./24. November 1654) unter dem Zeichen des Feuers. Wer wüßte die Natur dieses Feuers zu benennen?</p>
<p>Das Feuer-Zeichen Pascals ist von der ontologisch außerordentlichen und epistemisch eigentümlichen Art, daß ohne das Zeichen das, was es zum Ausdruck bringt, nicht zum Ausdruck gebracht werden könnte.</p>
<p>Wir können den Ausruf „Aua!“ durch die Aussage „Das tut mir weh“ nicht ersetzen, sondern nur übersetzen.</p>
<p>Wir können das Mémorial Pascals in alle möglichen Sprachen übersetzen, nicht aber das mit „Feuer“ Gemeinte mittels beliebiger anderer Symbole wiedergeben.</p>
<p>Das Feuer Pascals ist wie die Rose Dantes, die Blume des dichterischen Worts, die keinen Duft verströmt, ein Feuer, das weder verzehrt noch erlischt; wie der Schatten des Denkers, der all seine Gedanken begleitet.</p>
<p>Das Empfundene enthält, wie die Falte des Blatts den Tautropfen, den Empfindenden, den Tropfen des Ich.</p>
<p>Den Tropfen weht der Wind im Nu vom Blatt, den Tropfen des Ich der Sturm des Schicksals; doch im Unterschied zum natürlichen Tropfen, könnte man mit Pascal sagen, spiegelt sich, wenn auch nur für einen Augenblick, im endlichen Tropfen des Ich die Unendlichkeit des Alls.</p>
<p>Die Grundfiguren des Daseins in Raum und Zeit erschließt uns die Intuition, nicht die Vernunft: die Vernunft zergliedert sie, indem sie ihre analytischen und synthetischen Methoden gleichsam wie ein Netz in den Fluß eintaucht; doch die lebendigen Gestalten, die es an Land zieht, hat sie weder konstruieren noch auch nur vorausahnen können.</p>
<p>Lektüre als drogenartige Form der Zerstreuung; moralische Dauerempörung, krakeelend-fuchtelndes soziales Engagement und rhetorisch-heiser belehrender politischer Aktionismus als medial verstärkte und kommunikativ gratifizierte Formen der Zerstreuung; Geschlechter-Blinde-Kuh-Spiele, erotische Akrobatik und sexuelles Athletentum als besonders degoutante, aber voyeuristisch vor dem Spiegel der faszinierten Öffentlichkeit vollzogene und sich als umstürzend-wagemutig aufspielende circensische Formen von Zerstreuung; ja noch devote und servile Unterwerfung unter anerkannte kirchliche oder häretisch-geheime Kulte als im Gewand der Frömmigkeit verkleidete eitle Formen der Zerstreuung.</p>
<p>Was finden wir in der unersättlichen Gier nach Zerstreuung? Die Unfähigkeit zur Einsamkeit und der allzu verständliche Widerwille des aufgeblähten, aber hohlen Ego, sich selbst zu genügen; die Angst vor dem Tod und der wahren Gewißheit der Bedeutungslosigkeit des ephemeren Daseins; den Schrecken vor den Abgründen der Banalität und des Irrsinns, die als plaudernde Nachbarn in unserer warmen Küche sitzen. – Keine Gnade gewährt uns das Feuer, das die Trugbilder verzehrt; und jene Musik, die das helltönende Narrenglöckchen in unseren Köpfen zu übertäuben vermag, die Musik Bachs, Mozarts, Schuberts oder Bruckners, kann nur für Augenblicke der Selbstvergessenheit die Unruhe aufgrund der Gewißheit der endgültigen Auslöschung mildern.</p>
<p>Der trübe Firnis über den Bildern der Erinnerung läßt nur verwitterte Farben durchscheinen; wir wagen es nicht, ihn mit dem scharfen Griffel der Analyse abzukratzen, aus der begründeten Furcht, mit dem kümmerlichen Rest der Farbschicht das ganze Bild auszutilgen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Im Labyrinth des Denkens</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Mar 2023 22:56:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Im Labyrinth des Denkens Philosophische Sentenzen und Aphorismen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophische Sentenzen und Aphorismen Gehen ist ein Kampf mit der Schwerkraft. Denken ist ein Kampf mit einer Schwerkraft anderer Art. Gehen wird nicht anders als Fahrradfahren zu einer Art von Automatismus, und diese physische und mentale Mechanik ist streckenweise ja durchaus nützlich. Dichten ist ein beschwingtes, heiter und gelöst wirkendes Balancieren auf einem dünnen Seil [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/im-labyrinth-des-denkens/">Im Labyrinth des Denkens</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philosophische Sentenzen und Aphorismen</em></p>
<p>Gehen ist ein Kampf mit der Schwerkraft.</p>
<p>Denken ist ein Kampf mit einer Schwerkraft anderer Art.</p>
<p>Gehen wird nicht anders als Fahrradfahren zu einer Art von Automatismus, und diese physische und mentale Mechanik ist streckenweise ja durchaus nützlich.</p>
<p>Dichten ist ein beschwingtes, heiter und gelöst wirkendes Balancieren auf einem dünnen Seil der Sprache, wobei die ihm zugrundeliegende Spannung von der Anmut der Bewegungen, dem Schwung der Pirouetten und dem Übermut des Salto mortale des Seiltänzers verhüllt wird; doch das Gefühl des Schwindels und die Furcht vor dem Sturz in die dunkle Tiefe sind stets gegenwärtig.</p>
<p>Wir plaudern unbefangen drauflos und scheuen dabei auch vor dem Gebrauch trivialer Wendungen und sprachlicher Stereotypen nicht zurück.</p>
<p>Anders die Stereotypen, Automatismen und Mechanismen, die ins Denken Einzug halten, beispielsweise kraft des trügerischen, aber auch faszinierenden Spiels von bildhaften Assoziationen oder logischen Fehlschlüssen; sie bezeugen, wie gern und leicht wir dem Zug der mentalen Schwerkraft nachgeben.</p>
<p>Die sprachlichen Gewohnheiten. die abgegriffenen Wendungen und verblaßten Metaphern, die unsere Plaudereien so gewandt und redselig machen, sind das Faulbett, auf dem sich das Denken liebend gerne ausstreckt.</p>
<p>Wir reden gedankenlos von Denkmaschinen oder dem Archiv des Gedächtnisses, obwohl wir wissen könnten, daß Gedanken kein Output von maschinellen oder algorithmischen Verfahren und Erinnerungen keine Bilder in der privaten Galerie unseres Geistes sein können. – Wir sagen gedankenlos von einem, er sei guter Dinge, weil er lächelt, obwohl wir wissen könnten, daß jemand trotz innerer Qual oder auch aus bloßer Verlegenheit lächeln kann.</p>
<p>Was wir Intuition nennen, ist eine Form des nichtanalytischen Denkens, die frei von den Automatismen der Gewohnheit ist, ja diese geradezu durchbricht. – Ähnlich dem Dichter, der nicht von der Überschwemmung redet, sondern davon, daß der braune Gott des Stromes sein schlammiges Haupt aus dem Uferschilf hebt.</p>
<p>Wie der Flügel eine Form der Projektion der Luftströmung darstellt, so das Auge nach Goethe eine Art Projektion der Lichtstrahlen.</p>
<p>Das Fundament des Denkens schwebt in der Luft. Das Haus des Denkens steht, wie es Wittgenstein sah, auf dem Kopf.</p>
<p>Das Gedachte ist wohl der sinnvolle Satz. Doch dieser Satz ist kein Satz einer idealen Sprache, sondern ein Satz, der einen Knoten oder eine Verbindung im Netz eines bestimmten Sprachspiels darstellt. „Ja“ oder „Das stimmt“ ist ein Knoten, „Daraus folgt“ eine Verbindung, das eine beispielsweise in einem Gespräch, das andere in einem logischen Kalkül.</p>
<p>Jeder Satz ist Teil eines Zusammenhangs von Sätzen; kein Satz ist, wie der Autor des Tractatus logico-philosophicus glaubte, atomar, als ob er einen atomaren Sachverhalt darstellen würde. Der Satz „Dieser Fleck ist rot“ ist nicht atomar, weil er, wie Wittgenstein konzedierte, den Satz „Dieser Fleck ist nicht grün“ impliziert.</p>
<p>Wir können kategorial unterschiedliche Satzzusammenhänge bilden; Legenden und historische Berichte; Traumerzählungen, Sagen und Mythen und Analysen von Träumen, Sagen und Mythen oder Axiome und logische Folgerungen sind solche Zusammenhänge.</p>
<p>Bildet die Tatsache, daß ein jeder Satz etwas über etwas sagt, die allgemeinste semantische Form?</p>
<p>Aber sprachliche Ausdrücke wie „Guten Morgen!“, „Warte hier eine Weile!“, „Gehet hin in Frieden!“ oder auch „4 x 2 = 8“ haben nicht diese Form.</p>
<p>Das Sehfeld wird durch etwas begrenzt, was wir nicht sehen; lenken wir den Blick auf das bisher Unsichtbare, tritt das bislang Sichtbare aus dem Blick.</p>
<p>Wir können die Weltausschnitte, die wir sehen oder sichten, nicht zu einem einheitlichen Weltbild addieren; wir können die Sätze, die sie beschreiben, nicht logisch zu einem einheitlichen System summieren.</p>
<p>Der Handschlag zweier Freunde, die sich verabschieden, unterscheidet sich kategorial vom Handschlag zweier Vertragspartner. – Es könnten dieselben Individuen sein, die heute dies, morgen jenes tun; oder sogar dieselben Individuen, die jetzt beides in einer Geste vollziehen. – Wir könnten den Unterschied nicht durch einfache phänomenologische Beschreibung erfassen.</p>
<p>Der Ausruf „Da hast du dich selbst übertroffen“ kann je nach Sprecher und Situation ein höchstes Lob und ein scharfer Tadel sein (wenn er ironisch gemeint ist).</p>
<p>In einer nicht zumindest relativ starren Umwelt könnten wir keinen starren Maßstab anlegen.</p>
<p>Relativ starre oder stereotype sprachliche Formen identifizieren wir leicht als beispielsweise Fragen, Aufforderungen oder Bitten.</p>
<p>Wir können keine höhere philosophische oder moralische Warte einnehmen, die uns erlaubte, bestimmte stereotype Formen oder begriffliche Schemata zu diskreditieren oder auszusondern. – Wir können nur ihre kategorial fehlerhaften Verwendungen verurteilen; beispielsweise die Anwendung des begrifflichen Schemas der Wahrnehmung auf den Vorgang der Erinnerung (als nähmen wir ein Bild im Archiv des Gedächtnisses wahr).</p>
<p>Wir verfügen über keinen Ariadnefaden, anhand dessen wir das Labyrinth des Denkens genau an der Stelle verlassen könnten, an der wir in es eingetreten sind.</p>
<p>Wir können das Labyrinth nicht in der Absicht verlassen, seinen Umfang und seine Verzweigungen aus der Vogelperspektive zu betrachten.</p>
<p>Die Idee des göttlichen Blicks, der sich eine allumfassende Übersicht verschaffen könnte, beruht auf einem kategorial verfehlten Begriff des Wissens. – Denn jede Form des Wissens impliziert ein Nicht-Wissen. – Ich kann im System der ganzen Zahlen die Kreiszahl pi nicht darstellen. – Wir können nicht mit Gewißheit angeben, ob einer, dem wir die Folge der natürlichen Zahlen mittels + 1 beigebracht haben, die Reihe von 0 bis 100 richtig aufzählt, dann aber mit 99, 98, 97 usw. fortsetzt.</p>
<p>Das Geheimnis, könnte man sagen, hat einen Doppelgänger, der sich ohne Scheu der Öffentlichkeit präsentiert, dem alle Schranzen, Snobs und Gesellschaftsmenschen nachlaufen, ihn photographieren und interviewen, wobei er nur die allseits bekannten Geschichten und Sottisen vom Luxusleben des erwählten Menschen der Elite zum besten gibt, während das Original, die vergoldete Mumie des Pharaos, hinter den labyrinthischen Gängen der Pyramide in einer unzugänglichen Kammer verborgen ist.</p>
<p>Wir können die unerwarteten Abzweigungen und Weggabelungen des Denkens nicht voraussehen. Gehen wir an der Kreuzung nach rechts, gelangen wir in ein anderes kategoriales Feld, als wenn wir die andere Richtung eingeschlagen hätten.</p>
<p>Nach dem mühsamen Anstieg genießen wir den Fernblick; der Enzian, den wir eben noch nahe vor Augen hatten, ist nun in einem verschwommenen Flecken aus Schnee, Moos und Granit untergegangen.</p>
<p>Wir können nicht beides haben, vollständige Transparenz und begriffliche Übersicht.</p>
<p>Nicht unsere Unfähigkeiten, sondern unsere sprachlichen Fähigkeiten halten uns im Labyrinth des Denkens gefangen.</p>
<p>Der Jahreszyklus mit seinen Jahreszeiten ist die Chiffre des Lebens. – Die Metamorphosen von Licht und Schatten des Tages sind die Chiffre des Jahres- und Lebenszyklus. – Chiffren solch elementarer Natur stehen am Beginn und im Zentrum der Dichtung.</p>
<p>Horaz, Baumeister von Zyklen und Maler von Miniaturen.</p>
<p>Durch die Maschen der Zäune, die unsre sorgfältig gejäteten Gartenwege und die Beete mit den Rosen und Orchideen einschließen, treibt der Flugsamen wilder Kräuter.</p>
<p>Der Ableger der Sukkulente treibt eine Sukkulente hervor, aber der Ableger unserer Gedanken treibt eine Chimäre hervor.</p>
<p>Der komplexe Sachverhalt, den wir beispielsweise in einer zweistelligen Relation ausdrücken, ist bisweilen leichter zu verstehen als der in einer einstelligen Relation ausgedrückte einfache Sachverhalt: „Karl lief schneller als Peter“ – der Satz ist wahr, wenn er durch unsere Beobachtung bestätigt wird, daß Peter von Karl überholt wurde. „Karl lief schnell“ – der Satz kann nicht durch einfache Beobachtung bestätigt werden, es sei denn, wir ziehen andere Sätze hinzu, die von Maßstäben und der Messung von Geschwindigkeiten handeln.</p>
<p>Karl mußte im Falle, daß er Peter überholt hat, nicht schnell im Sinne des Satzes „Karl lief schnell“ gelaufen sein; er konnte bloß weniger langsam als Peter gelaufen sein.</p>
<p>pi = 3.14159265359 … Drei Punkte stürzen uns in geistige Verwirrung.</p>
<p>Die Idee des Unendlichen – das Labyrinth des philosophischen Denkens tut sich auf.</p>
<p>Auch wenn wir wissen, daß die Reihe der Dezimalstellen der Kreiszahl pi nicht abbricht, können wir nicht ohne geistige Verwirrung annehmen, daß die unendliche Reihe der Dezimalzahlen in welcher imaginären Welt auch immer vollständig gegeben sei.</p>
<p>Auch wenn wir wissen, daß die Reihe der Dezimalstellen der Kreiszahl pi nicht abbricht, können wir der Versuchung nicht widerstehen, sie in den Horizont dessen einzuschließen, was man verräterischerweise das aktual Unendliche genannt hat.</p>
<p>Das aktual Unendliche ist eine Chimäre des mentaler Schwerkraft nachgebenden Denkens.</p>
<p>Die Beifügung des Prädikats „unendlich“ zu den göttlichen Eigenschaften der Macht, des Wissens und der Güte hat die christliche Theologie und die von ihr inspirierte Philosophie in die Höhen transzendenter Spekulation gehoben und in die Tiefen geistiger Verwirrung gestürzt. – Die windigen und bodenlosen Systeme des deutschen Idealismus zeugen davon.</p>
<p>Wir können die semantische Struktur der Sprache gleichsam als unendlichen Bruch angeben oder als unerschöpfliche Möglichkeit, Sätze in neue Sätze zu teilen.</p>
<p>Doch wir stürzen in geistige Verwirrung, wenn wir hoffen, diese sprachliche Erweiterung durch Reflexion oder metasprachliche Beschreibung zu finden, indem wir beispielsweise sagen: „Der Satz ‚Karl läuft schneller als Peter‘ ist eine zweistellige Relation“, um dann zu konstatieren, daß dieser Satz keine zweistellige Relation, sondern ein Pseudo-Satz ist, der die einfache relationale Struktur verdeckt, die sichtbar wird, wenn wir schreiben: a R b.</p>
<p>Glücklich (oder zumindest nicht unglücklich), wer die Obsession, glücklich zu sein, überwunden hat.</p>
<p>Unglücklich, wer der Welt vorwirft, nicht seinen Maßstäben zu entsprechen.</p>
<p>Aberglaube und weltanschaulicher Wahn, Neurose und Psychose sind untaugliche Methoden, den Weltlauf den eigenen Phantasmen gemäß verändern zu wollen oder den eigenen Wünschen gemäß eingerichtet zu sehen.</p>
<p>Der Wahn, von höherer Warte gesehen, gewürdigt, erwählt zu sein.</p>
<p>Besser, sagt die Psychose, von feindlichen Mächten verfolgt, beäugt, verspottet zu werden, als gänzlich verlassen zu sein.</p>
<p>Nicht esse est percipi, sondern: Die Welt, in der wir leben, enthüllt sich nicht ohne die Wahrheiten, die uns die Sprache darzustellen erlaubt.</p>
<p>Freilich, die Rückseite des Mondes existiert, ob wir oder Gott sie in Augenschein nehmen. Aber der wahre Satz, daß alle von uns wahrgenommenen und nicht wahrgenommenen Dinge ein Rückseite haben, ist eine Implikation unseres Begriffs von materiellen Gegenständen.</p>
<p>Den Faden, anhand dessen Theseus nach seiner Erlegung des Untiers wieder aus dem Labyrinth gefunden hat, hatte Liebe gesponnen.</p>
<p>Den Faden, der uns aus dem Irrgarten kindlicher Wünsche und überspannter Erwartungen ans Licht der reinen Gegenwart führt, hat Weisheit gesponnen.</p>
<p>Die Blume des Worts, der reinen Gegenwart der Sonne aufgeschlossen, genügt; was sollen uns die kümmerlichen Triebe der Kartoffeln, die im Dunkel des Kellerlochs sprießen.</p>
<p>„Kosmologische Feinabstimmung?“ – Ach nein, Gott hat Anselm nicht damit beauftragt, seine Existenz zu beweisen.</p>
<p>Esse est percipi – also wäre Gott ein Wesen, das sich in Ewigkeit selbst bespiegelt.</p>
<p>Tötungswunsch und Zeugungstrieb – unser animalischer Keim bringt im dunklen Verlies des Schuldgefühls bizarre Sprossen hervor, die nur zu einer blassen Scheinblüte taugen, jener Moral, die keine fruchtbaren Pollen auszustreuen bestimmt ist.</p>
<p>Wir haben das Labyrinth verlassen, sobald wir mit Heidegger Denken mit Danken übersetzen.</p>
<p>Wir danken für das erhaltene Geschenk; das Mißliche am Geschenk aber ist, daß es uns zum Dank verpflichtet.</p>
<p>Reines, gleichsam unschuldiges Danken widmen wir dem, was sich selber gibt, und indem es sich gibt, in der Gabe zugleich sich entzieht. Heidegger nennt dies das Ereignis.</p>
<p>Das gleichsam anonyme Gedicht, das wie von einem Namenlosen für die Namenlosen geschriebene, nicht ein solches, das mit dem Namen oder der Unterschrift des Autors prunkt, können wir als ein solches Ereignis betrachten, ihm können wir als eine Gabe danken; das einzige, zu dem es uns verpflichtet: seinem Gruß die Antwort nicht zu verweigern.</p>
<p>Wir sagen, er hatte gute Gründe, ihr ein kostbares Geschenk zu machen, beispielsweise die Tatsache zu vertuschen, daß er ihr untreu gewesen ist; was da kostbar scheint an dem Geschenk, wird solcherart verdunkelt und geschmälert.</p>
<p>Wir sagen, sie hatte gute Gründe, seinen Gruß nicht zu erwidern, beispielsweise, weil ihr zu Ohren gekommen ist, daß er sie vor anderen herabgesetzt hat. – Der Umstand, daß sie seinen Gruß nicht mehr erwidert, gibt ihm wiederum den guten Grund, sie weiterhin und noch ärger zu verlästern.</p>
<p>All diese guten Gründe und Gegengründe sind wie Abzweigungen im Labyrinth unseres Tuns und Redens, die uns immer tiefer in Zweideutigkeiten verstricken und ins Dunkel locken.</p>
<p>Geben wir die Gründe auf, wie Wittgenstein, der sagt, man muß zu einem Ende kommen, oder werden sie uns von einem schicksalhaften Ereignis entrissen, wie bei Heideggers Epiphanie des Seinsgeschicks, scheinen wir den Halt am Gelände des gewohnten Sagens zu verlieren und in einen Abgrund zu fallen; doch könnte sich dieses Fallen – zumindest für Augenblicke – in ein Schweben verwandeln.</p>
<p>Die Taube fliegt durch den Abgrund des Himmels, doch hält sie das Gelände der Luft. – Der freie Denker und Dichter tänzeln ohne Halt auf dem Hochseil der Sprache, doch balancieren sie mit der Balancierstange der Grammatik und Rhetorik das Gleichgewicht immer wieder aus.</p>
<p>Der lange Irrweg des Denkens im Labyrinth der abendländischen Theologie, aus dessen Dunkel das Feuer Pascals den Ausweg zeigte.</p>
<p>Sisyphos wälzt den Stein aufs neue, auch wenn er weiß, daß er von dem Hügel wieder herabrollen wird. – Wir haben die Kerze zum Angedenken auf dem Grabe angezündet, auch wenn wir wissen, daß sie nur kurze Zeit in der Dämmerung scheinen wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
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