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Ethik des Worts

12.09.2023

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Pick aus dem Haufen eine Ameise heraus, und du hast alle.

Anhand des Abgleichs mit dem Farbmuster bestimmen wir die Farbe des vorgelegten Stoffs.

Wir können das Gesicht des Fremden, das uns so bekannt vorkommt, nicht anhand von Erinnerungsbildern identifizieren.

Das von einer noch so sorgsam gefütterten Software erzeugte Musikstück wird Mozart nur im oberflächlichen „Sound“ imitieren, nicht aber dem Geist nach.

Lege im Geiste neben Schillers Schädel und Goethes Gedicht „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“ den von Herrn Jedermann.

Greife einen beliebigen Akkord auf der Tastatur, und wir erkennen augenblicks den Meister – oder den Dilettanten.

Nur im Trivialen sind alle gleich.

Die Analyse von Wasser ergibt zwei gasförmige Stoffe, die Analyse des Satzes wiederum Sätze, die Analyse des Gedankens wiederum Gedanken.

Zerlegen wir das Gehirn in Fasern, die Fasern in Neuronen, die Neuronen in Moleküle: wir stoßen auf keine Wahrnehmung, keine Empfindung, keinen Gedanken.

Synapsen können sich nicht irren, Gedanken schon.

Die Maschine versagt; der sie bedient, tut den falschen Handgriff.

Gehirne können sich nicht über sich selbst täuschen, im Gegensatz zu den Personen, deren Gehirne sie sind.

Ein beliebiger Sprachfetzen sagt uns, auf welchem Niveau wir uns befinden.

Wie ihre Gestalten, unterscheiden sich auch die typischen mentalen Eigenschaften von Männern und Frauen. – Diese Banalität soll, weil sie morbide Empfindungen einer winzigen Minderheit verletzt, ins Reich des Unsagbaren, des Unsäglichen, verbannt werden.

Die Theorie über die Welt, die behauptet, sie sei alles, was der Fall ist, erweist sich notwendigerweise als unvollständig, denn sie verkennt, daß der Sprecher, der die Behauptung aufstellt, darin nicht vorkommt.

Die Welt muß eine Struktur haben, die es möglich macht, daß ein Sprecher auftaucht, der Theorien über sie aufstellt.

Keine Sprache ohne Sprecher.

Die Grammatik ist die mächtige und fruchtbare Fiktion einer starren geistigen Einheit gegenüber dem fluiden Medium der sprachlichen Handlungen, die sie instantiieren.

Die Grammatik verführt uns bekanntermaßen zu Täuschungen; so die Verwendung des harmlos daherkommenden Reflexivpronomens oder des Personalpronomens der ersten Person. Doch wir täuschen uns, wenn wir anhand von Sätzen wie: „Mich friert“, „Mir graut vor ihm“, „Er freute sich, uns wiederzusehen“ oder „Sie fühlte sich aufgrund seiner hochmütigen Geste beschämt“ zu der Auffassung neigen, diese und andere mentale Vorgänge beruhten auf einer vorgängigen Reflexion, sie könnten gleichsam nur vor dem Spiegel des Selbstbewußtseins artikuliert werden.

Er dachte: „Ich bewege meinen Springer, dann kann ich die Dame bedrohen. Doch halt, dann werde ich selber von seinem Turm bedroht!“ – Angesichts solcher Selbstaussagen werden wir zu der Auffassung verleitet, was wir mit „ich“ bezeichnen sei eine Instanz, die in der Rolle des Selbstbeobachters und Wächters der eigenen Handlungen (beispielsweise an der Grenze von Es und Über-Ich) exzelliere oder auch mühsam ihren Posten halte.

Der Gebrauch des Possessivpronomens verführt uns zu wieder anderen philosophischen Torheiten, nämlich Kategorienfehlern; die Rede von „meiner Hand“ und „seinem Leben“, von „ihrer Empfindlichkeit“ und „seiner Intelligenz“ verführt uns zu falschen Analogien, als wären Leib und Leben sowie emotionale und intellektuelle Fähigkeiten Besitztümer wie Haus und Hund.

Geld und Gut, das wir verschenken oder veräußern, haben wir nicht mehr; unser intellektuelles und sprachliches Vermögen, das wir einem Freund zur Verfügung stellen, wenn wir ihm bei der Übersetzung von Auszügen lateinischer Schriftsteller helfen, wird dadurch nicht geringer.

Intelligenz könnte man nicht vortäuschen, ohne sie zu haben. – Aber sie großzügig im Dienste anderer anzuwenden heißt nicht, zu verdummen – im Gegenteil.

Der Schüler antwortet bei der Verlesung der Namen durch den Lehrer: „Hier!“ – Der deiktische Ortsindikator „hier“ kann das Pronomen der ersten Person „ich“ ersetzen.

Wir können uns nur als Personen oder lebende Organismen mit spezifischen Fähigkeiten verstehen, nicht als raumzeitliche Komplexe aus physischen Entitäten, über denen mentale Eigenschaften emergieren.

Personen können von sich sagen, daß sie jetzt hier sind; dagegen muß die physikalische Weltbeschreibung die subjektiven Orts- und Zeitzuschreibungen eliminieren und durch Werte objektiver Skalen ersetzen.

Der Versuch, personale Existenz zu objektivieren, verstrickt sich in eine Art pseudonaturwissenschaftlicher Mythologie. So wenn wir uns als sprechende Affen und äffende Roboter wiederfinden sollen.

Sagen wir, Personen seien Körper mit einem Gehirn, das ein Bild seiner selbst, ein Selbstbild, projiziert, bleiben wir weiterhin in die cartesianische Polarität von Materie und Geist verstrickt, auch wenn wir den Geist durch das Gehirn ersetzen.

Wenn wir von der Person mit unserem Namen und unserer Adresse, ja selbst mit unserer Biographie, sagen, sie beschließt, ihren Freund Peter zu besuchen, bleibt unklar, inwiefern wir selbst es sein sollen, die diesen Entschluß fassen.

Die Probe einer Handschrift mag dem geschulten Graphologen ermöglichen, die Identität des Verfassers zu entschlüsseln; doch die noch so sorgfältige Analyse der Wahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen entschlüsselt nicht die Identität dessen, der sie hatte; denn all diese Formen des Selbstwissens sind täuschungsanfällig.

Stichproben sind objektive Verfahren der Mustererkennung, bei denen ein zu identifizierendes Exemplar wie eine Handschriftenprobe anhand eines Vorrats an Mustern desselben Typs analysiert wird, deren Zuschreibung zur Identität einer Person als sicher gilt. – Doch im Falle des Selbstbewußtseins haben wir nur mentale Ereignisse bestimmter Typen oder Muster, die sich die Person selber zuschreibt.

Man muß die zugespitzte Absurdität der Frage verspüren, inwiefern bloße Materie Bewußtsein hervorbringen, reine Nervenfasern sich ihrer bewußt werden können, um über die Tatsache zu staunen, daß ihr mittlerweile Scharen und Generationen durchaus kluger Köpfe auf den Leim gegangen sind.

Mit der altgriechischen Sprache teilt die deutsche die Möglichkeit und die Neigung, mittels der Substantivierung des Verbs und des Partizips Scheinwesen oder begriffliche (und mythische) Allegorien hervorzuzaubern, wie DAS Sein, DIE Wahrheit, DIE Vernunft und DIE Tugend (die sprachliche Möglichkeit zu tausend göttlichen Wesen hat uns monotheistische Sprachaskese verstellt). – Natürlich gibt es kein Sein, sondern nur die Möglichkeit für dieses und jenes zu existieren, und also auch nicht zu existieren; natürlich gibt es weder DIE Wahrheit, DIE Vernunft noch DIE Tugend; sehr wohl aber gibt es unsere sprachliche Fähigkeit, sinnvolle Sätze zu bilden und unter diesen wahre von nichtwahren zu unterscheiden; sehr wohl die intellektuelle Potenz, Urteile über Handlungen zu fällen und die einen als vernünftig, die anderen als unvernünftig zu kennzeichnen; und zudem sprechen wir zurecht vom moralischen Urteilsvermögen, wenn wir bestimmte Taten als gut belobigen und andere als schlecht tadeln.

Als Gesetz logisch-semantischer Mannigfaltigkeit könnte gelten: Es kann nicht nur EINEN Sprecher EINER Sprache, es kann nicht nur EINE Sprache geben.

Aus dem Gesetz folgt auch, daß es dort, wo nur eine Sprache gesprochen zu werden scheint, es gleichwohl Versionen derselben Sprache gibt, zum Beispiel die Dialekte, Soziolekte, Idiolekte oder die Sprachen der Kinder, der Priester, der Gauner.

Gäbe es eine Welt mit nur einem Sprecher nur der einen Sprache, könnte er, wie Wittgenstein gezeigt hat, die Anwendung der sprachlichen Ausdrücke auf bestimmte Gegenstände und also ihre Bedeutung nicht regelhaft festlegen; also wäre es möglich, daß sich die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke gleichsam unter der Hand und ohne daß der Sprecher es bemerken müßte änderte; in diesem Falle würde er mehr als eine Sprache sprechen.

Meine Hand ist nicht mein Eigentum; ich kann sie jemandem nur im übertragenen Sinne leihen.

Meine Organe und Glieder sind ein echter Teil meiner Person; dies gilt auch im Fall des Verlusts von Gliedmaßen, wie uns der Phantomschmerz illustriert. Würde mein Gehirn gemäß dem lehrreichen Gedankenexperiment von Hilary Putnam in einem wissenschaftlichen Labor in einer Nährschale aufbewahrt und auf künstliche Weise mit all den Impulsen angeregt, die zu den Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedanken führen, die ich jetzt im unverstümmelten Zustand habe, wäre daher der Nervenhaufen im Labor mit meiner Person nicht mehr identisch, auch wenn er auf Befragen nach seiner Identität meinen Namen angäbe.

Die Wahrheiten über Dinge und Tatsachen geben uns keine Orientierung, keinen Lebenssinn; die Wahrheit, daß die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, oder die Wahrheit, daß die Klasse der Säugetiere, zu der wir biologisch gehören, in zwei sexuelle Geschlechter aufgeteilt ist, gibt uns keine Orientierung in der Frage, ob wir vernünftig oder unvernünftig handeln, wenn wir unsere Lebenskraft dieser oder jener künstlerischen oder religiösen Aufgabe opfern, eine Familie gründen und Kinder aufziehen oder sie zur Maximierung unseres privaten Vergnügens verschwenden sollen.

Eine Weinprobe machen heißt nicht, so zu tun, als trinke man Wein, sondern ihn zu verkosten.

Ob einer schreiben kann, belegt er mittels Vorlage einer Textprobe, die nicht nur in korrektem, sondern in gutem, wenn nicht brillantem Deutsch geschrieben ist.

„Er schreibt nicht nur einen schlechten Stil, sondern miserables Deutsch.“ – „Hätte man sein verborgenes Sprachtalent frühzeitig gefördert, würde er sich heute eines korrekten Ausdrucks befleißigen und sogar glänzend formulieren.“ – Aber nein, dann wäre er nicht, der er nun einmal ist, ein Journalist, ein Schänder der Muttersprache.

Sehen können ist mehr als nicht blind zu sein oder intakte Augen zu haben. Was wir damit meinen, erhellt die Mannigfaltigkeit der sprachlichen Wendungen, in denen wir davon sprechen. „Schau genau hin!“ – „Betrachte es in aller Ruhe!“ – „Achten wir nicht nur auf die Farbgebung, sondern auch auf die hintergründige Struktur des Gemäldes.“ – „Zum Schauen geboren, zum Sehen bestellt.“ – „Ich habe genug gesehen, für mich ist die Sache klar!“– „Er konnte sich an ihrem Lachen und ihrem strahlenden Blick nicht sattsehen“ – „Ich konnte mir durch vorurteilslose Beobachtung ein genügend klares Bild von der Situation machen.“ – „Gott ist unsichtbar, dies bedeutet, daß er sich wesenhaft verbirgt und entzieht.“

Daß 17 eine Primzahl ist, bedeutet, die Zahl kann nur durch 1 und sich selbst geteilt werden. – Die definierte, nicht die willkürlich konstruierte, Möglichkeit legt den Sinn des Ausdrucks fest.

Bedeutungen sind mehr als willkürliche sprachliche Zeichen, die von einem geheimnisvollen mentalen Akt der Inspiration mit Sinn aufgeladen werden.

Sicher schließen wir aus der Tat und der Wirklichkeit auf die Möglichkeit. Aber wenn einer nicht mitsingt, wenn alle das Loblied auf den Gastgeber anstimmen, folgt daraus nicht, daß er nicht singen kann, sondern wohl eher, daß er es nicht will.

Keine Sprache ohne Sprecher. Wer spricht? Jeder, der sagen kann: „Ich!“

Sprechen können ist mehr als in der Lage zu sein, die Sprechwerkzeuge zur Artikulation wohlgeformter und syntaktisch gegliederter Laute zu verwenden, denn nur wenn diese zu sinnvollen Aussagen verbunden sind, reden wir von der korrekten Anwendung unseres Sprachvermögens.

Ethik und Sprachlehre sind, um ein Wort Wittgensteins abzuwandeln, eins; denn wer sich zu dem, was er äußert, oder zur Autorschaft dessen, was er schreibt und veröffentlicht, bekennt, muß es auch gegenüber höheren Instanzen, beispielsweisen den großen Sprachmeistern der Nation, verantworten. Selbst gesellige Plaudereien zeigen bisweilen in einem ernüchternden Licht den Schatten ihrer Zweideutigkeit, wenn sie dem Ernst der Lage nicht angemessen sind.

„Ich bin es, der spricht“: Ethik des Worts, die mit der Verantwortung für seine Äußerung identisch ist, meint auch die Verpflichtung zur Bewahrung und Reinerhaltung der Muttersprache, wie sie uns vorbildlich im Werk eines Eduard Engel („Deutsche Stilkunst“) entgegentritt. Denn die Verhäßlichung und die Besudelung der Sprache durch den Jargon des Zeitgeistes sind mehr als eine ästhetische Angelegenheit, verdunkeln und verstopfen sie doch die Fenster und Poren unserer sprachgebundenen Einsichts- und Urteilsfähigkeit.

 

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