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Aura und Wind

09.06.2026

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Petra glaubt, daß Peter sie betrogen hat.“
„Die alten Griechen meinten, der Mond sei eine Verkörperung der Göttin Selene.“
„Wir wissen, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“
„Christen glauben, daß sich der transzendente Sinn der Welt durch das Wunder der Inkarnation in ihr offenbart hat.“

Der Gedanke ist die Darstellung eines möglichen oder wirklichen Sinnzusammenhangs.

Gedanken sind komplex; ein Name wie „Petra“ enthält noch keinen Sinnzusammenhang, auch kein Prädikat wie „eifersüchtig“; ihre Zusammensetzung schon. Aber der eigentliche Gedanke besteht erst in der Setzung des Sinnzusammenhangs.

Um den Gedanken auszudrücken, verwenden wir einen epistemischen Ausdruck wie glauben, meinen, wissen und kleiden den Inhalt des epistemischen Ausdrucks in die abhängige Rede (glauben, meinen, wissen, daß p, wobei p einen möglichen oder wirklichen Sinnzusammenhang darstellt).

Zu glauben, daß p und nicht-p, heißt einen Pseudo-Gedanken zum Ausdruck bringen; denn es ist widersinnig zu meinen, daß es viele Erdplaneten gebe, aber der Mond der einzige sei.

Wenn Petra glaubt, daß Peter sie betrogen habe, Peter aber in Wahrheit der Freund einer anderen Frau ist, stellt der Inhalt ihres Glaubens nur scheinbar einen sinnvoll möglichen Sachverhalt dar; in Wahrheit ist er inkonsistent und daher ein Schein-Glaube.

Die wahre oder auch wahrheitswidrige Annahme Petras, ihr Freund Peter habe sie betrogen, ist nur sinnvoll in einer Welt, in der es Treue und Untreue als moralische Sachverhalte oder sinnvolle Lebenszusammenhänge gibt.

Wir können uns durchaus Lebenswelten vorstellen, in denen Treue und Untreue keine moralischen Sachverhalte darstellen; in diesen Welten gäbe es schlicht keinen Begriff für das, was wir Treue und Untreue nennen.

In einer Welt, in der Untreue nicht möglich wäre, gäbe es auch keine Treue.

In einer Welt, in der ein Paar aufgrund hormoneller Wirkmechanismen ein Leben lang aneinander gebunden wäre (vergleichbar der hormonellen Bindung der Drohnen untereinander und an die Bienenkönigin), wäre die Untreue eines Partners kein tadelnswertes moralisches Fehlverhalten, sondern das Symptom einer Erkrankung oder neuronalen Dysfunktionalität.

Der Dieb, dem man die böse Tathand abhackt, kann nicht mehr stehlen, aber auch nicht unter Beweis stellen, daß er nach Abbüßung seiner Strafe ein rechtschaffenes Leben zu führen willens ist.

Wenn Petra glaubt, Peter betrüge sie, obwohl sie überhaupt nicht mit ihm liiert ist, können wir auf wahnhaftes Denken schließen. – Der Glaube des Wahns ist demnach keineswegs ohne Sinn, aber schlicht irreal. Denn wäre Petra wirklich mit Peter liiert, wäre ihr Glaube, er sei ihr untreu, sowohl sinnvoll als auch nicht widervernünftig.

So gelangen wir von der irrealen Sinnhaftigkeit des Wahns zu einem angemessenen Begriff einer Vernunft, die sich sowohl auf sinnhafte Strukturen und Relationen als auch auf Realitäten bezieht oder beziehen kann.

Eine Welt, in der natürliche Phänomene wie die kosmischen Vorgänge, die Jahreszeiten, Zeugung, Geburt und Tod, der Flug der Vögel und das dichterische Wort offen für übernatürliche Ereignisse sind, nennen wir die mythische Welt.

In der mythischen Welt ist jedes natürliche Etwas mit einer Aura umgeben, die auf einen göttlichen Sinnbezug verweist. In der Quelle singt eine Nymphe, im Blitz spricht der Wille des Zeus, in der anmutsvollen tänzerischen Geste bezeugt sich die Nähe der Muse Erato, den Kuß der Liebe besiegelt die Liebesgöttin Aphrodite.

Die ihrer göttlichen Aura entkleideten Dinge sind gleichsam nackt, eindimensional, stumm. In der nichtmythischen Welt erscheint es widersinnig anzunehmen, die Mondgöttin Selene könne sich auf die Erde zum Hirten Ganymed begeben und ihn mit einem Kuß in einen somnambulen Zustand versetzen, in dem er mit ihr Kinder zeugt.

Daß mythisch erregte Völker die Abkunft ihrer Könige von der Gottheit Sonne herschrieben, ein Gedanke, der noch im erhabenen Symbolismus des barocken Herrscherkults nachklingt, erscheint uns ernüchterten Bewohnern der nichtmythischen Welt absurd, wahnhaft, zumindest unverständlich.

Das Messer der Guillotine hat nicht nur das Haupt des französischen Königs vom Leib getrennt, sondern gleichsam auch die in einem anderen Weltzustand gebildeten Nervenfasern des mythischen Denkens zerschnitten.

Der Mythos erzählt, Zeus habe sich in einen Schwan verwandelt und mit Leda neben anderen Kindern Helena gezeugt, die sich als fatale Ursache des trojanischen Krieges entpuppte. – Wir wissen um die realen Bedingungen sexueller Fortpflanzung, die nur zwischen einem männlichen und einem weiblichen Exemplar derselben Spezies möglich ist; und ebenso um die realen Ursachen von Kriegen wie den Kampf um knappe Ressourcen, die imperialen Ambitionen von großen Mächten oder die Suche nach Vergeltung für erlittene kollektive Kränkung.

Mit dem Glauben an die Inkarnation ist der Kern der christlichen Lehre berührt, einer Lehre, die nicht die mythische Welt, sondern die monotheistische des Judentums zur Voraussetzung hat. Nur einem allmächtigen Gott ist es möglich, das die Vernunft übersteigende Wunder zu vollbringen, sich in einem menschlichen Wesen zu inkarnieren, das heißt, seinen Körper nicht bloß als Maske und äußerliche Verpuppung zu benutzen, doch dabei den Existenzkern des Wesens vom physischen Schmerz bis zum Tod allerhöchstens zu imitieren, zu simulieren.

Nur in der christlichen Lehre finden wir Sinnzusammenhänge, die von Widersprüchen und Inkonsistenzen wie der Gegenwart des Ewigen im Zeitlichen oder der Anwesenheit des Unendlichen im Endlichen (Wunder der Eucharistie) nicht aufgezehrt werden.

Die zur Hure der Wissenschaft entartete Vernunft muß freilich Wunder wie die Offenbarung Gottes vor Abraham im brennenden Dornbusch oder die zeichenhaften Wunder Christi, vom Wunder der Inkarnation und der Auferstehung oder vom Pfingstwunder zu schweigen, als irrationale Träumereien einer unaufgeklärten Menschheit denunzieren. Die sich der Wissenschaft als ideologisches Sprachrohr verdingende Vernunft ist nicht nur antimythisch, sondern antijüdisch und antichristlich sui generis.

Als der mythische Sternengesang verstummte und die Quellen des Helikon versiegten, blieben dem Dichter die Hymnen an die Nacht.

Die Chöre der Engel waren lange verklungen, als Rilke seine Duineser Elegien schrieb.

Unter dem geisterfüllten Himmel eines Claude Lorrain treten die biblischen Gestalten in den Schatten antiker Pastoralen.

Ergreifend ist die Stimme des gequälten Verlaine, die bald lieblich mit dem Schaum auf Rokokodelphinen knistert, bald im Blut des Aufruhrs verröchelt.

Für die mürrische Haut des Aufgeklärten ist die mythische Aura nur ein lästiger Luftzug.

Jede antike Säulengattung hat ihre eigene Aura, ihre eigene seelische Atmosphäre. – Durch die betonierten Bauhaus-Kolonnaden bläst nur der Wind.

Vor dem verfallenen Grab des Vergil überkommt uns der Gedanke, daß wir selbst lange schon geistig tot sind.

Erst ist es die tönende Sonnenscheibe, dann die Sphärenharmonie, schließlich sind es, fern zwar, kaum mehr oder nur in Traumzuständen noch hörbar, die Chöre der Engel und am Ende die große stumme Leere jener unendlichen Räume.

Als wären wir Touristen des Daseins, auf den Borden schon eingestaubt der Nippes der Andenkenläden, und dann das gähnend immer wieder ausgedehnte Reden und Reden über jenen Strand, jene Bucht, jene Insel, an deren Namen man sich nicht mehr erinnert.

Geistig matt, seelisch abgestorben – aber sie quasseln noch immer begeistert von den jugendlichen Drogenvisionen, die ähnlich klischeehaft waren wie die Bilder der Reiseveranstalter, mit denen sie in nie gesehene Paradiese locken wollen.

Bei den bärtigen Pseudo-Propheten und ungut riechenden George-Nachfolgern in Gesundheitslatschen wirkt das gewollt Erhabene unfreiwillig lächerlich oder banal.

Schmalzige Jünglinge, die mit von Sirup und Wermut belegter Stimme ekstatisch oder bedeutungsheischend gedehnt rezitieren.

In der klaffenden Wunde, da, wo man gleichsam das Dritte Auge herausoperiert hat, eitert der Kitsch.

 

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