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Faden und Knoten

09.02.2024

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Das leicht verständliche Bewegtbild setzt sich ja, ohne daß wir es bemerkten, aus vielen Einzelbildern zusammen. Das einzelne Bild in der Filmrolle ist uns dagegen ein Rätsel – oder noch weniger als dies.

Fröre die Geste plötzlich ein, verstünden wir sie nicht; oder mißverstünden wir sie.

Der Satz oder die satzartige Äußerung müssen, um verständlich zu sein, eine abgeschlossene semantische Gestalt bilden, nicht unbedingt eine vollständige grammatische Gestalt. Denn „Bitte schön!“ oder „Wie bitte?“ genügt schon.

Er hat im Schlaf gesprochen. – Wirklich? Können wir von Sprache reden, wo wesentliche Bedingungen sprachlicher Äußerungen fehlen? Einer bittet im Traum den Partner, der ihn verlassen hat, zu ihm zurückzukehren. Aber dies ist keine echte Bitte; eine echte Bitte kann bewilligt oder abschlägig beschieden werden.

Was im Traum gesprochen wird, hat nicht das semantische Gewicht der alltäglichen Rede; mag es auch bisweilen hohen symbolischen Rang einnehmen (Wahrsageträume, Träume in der griechischen Tragödie, in der Bibel).

Über stumme Dinge reden, ohne ihren ontologischen Rang zu verzerren.

Man sagt, ein Bild habe einen angesprochen. Eine verfängliche Metapher.

Sätze als Bilder der Sachverhalte verstehen, die sie meinen, ist der erste, fatale Schritt in die semantische Mythologie.

Das Bild der Rose zeigt die Rose, das Wort „Rose“ zeigt nichts. Die Aussage „Diese Rose ist weiß“ zeigt nichts, auch wenn sie in der gegebenen Situation wahr sein mag.

Es ist augenfällig, daß negative Aussagen wie „Der Regen hat aufgehört“ nichts zeigen, aber je nach Lage der Dinge entweder wahr oder falsch sein können.

Die stumme Geste, jemandem die Tür aufzuhalten, ist aus sich heraus verständlich, nämlich als Akt höflichen Entgegenkommens. Dabei „Bitte sehr“ zu äußern verstärkt die stumme Geste. Doch „Bitte schön!“ zu sagen, ohne die Höflichkeitsfloskel in den Rahmen einer Geste einzufügen, bedeutet nichts.

„Er hatte furchtbare Schmerzen.“ – Wir wissen nicht, was das heißen soll. Steht der Satz in einem Roman, wissen wer, daß er nicht wahr ist, denn er handelt von fiktiven Schmerzen einer fiktiven Figur; freilich kann er äußerst sinnvoll sein. Finden wir den Satz in einem Tagebuch, können wir seine Wahrheit unterstellen, falls es von einem seriösen Menschen geführt worden ist, der unter einem bestimmten Datum vom Leiden seines Freundes berichtet.

„Der Mond ist der einzige Erdtrabant.“ Ist dieser Satz immer wahr, gleichgültig, wo er steht, von wem er geäußert oder gedacht wird? (Diese Annahme bildet den ersten, fatalen Schritt in den semantischen Idealismus.) – Wäre der Satz die deutsche Version einer Äußerung des Bewohners eines erdähnlichen Planeten in einem entfernten Sonnensystem, der keinen Mond hat, wäre er falsch.

„Ich mußte den ganzen Tag an ihn denken.“ – Was heißt das? Gibt es im Geist eine Art inneren Kompaß, der einen Tag lang in diese bestimmte Richtung gezeigt hat?

An etwas denken heißt nicht etwas denken.

Glauben, hoffen, befürchten und erwarten haben einen anderen zeitlichen Horizont als Sehen und Hören.

Ein kurzes Aufleuchten des Gesichts genügt, um sagen zu können: „Sie hat gelächelt.“ – Wie lange muß man unruhig im Zimmer auf- und abgehen, wie oft aus dem Fenster schauen, daß ein Beobachter sagt: „Er wartet auf jemanden“? – Aber er kann auf jemanden warten und ganz ruhig dasitzen und in seinem Buch lesen.

Wir müssen den Gegenstand unseres Glaubens, Erwartens, Hoffens und Befürchtens nicht wie eine noch so schwache Phantasie unentwegt vor unser geistiges Auge halten.

Wir können den Bauplan des Lebewesens nachzeichnen, indem wir seine DNA im Labor analysieren. Um den Bauplan der menschlichen Seele nachzuzeichnen, steht uns kein Labor zu Verfügung. – Doch gibt es so etwas wie den Bauplan, die Gliederung, die Struktur der menschlichen Seele.

Können wir die Seele analysieren, in ihr lesen wie in einem Buch, darin blättern? In welcher Sprache ist es geschrieben?

Wir haben nur den Leitfaden unserer gewöhnlichen psychologischen Begriffe wie Glauben, Erwarten, Hoffen und Befürchten oder Beabsichtigen – oder ist er ein Fadenbüschel, ist er ein Netz aus Fäden, die sich an gewissen Stellen verknoten? Gibt es Grundbegriffe und davon abgeleitete Begriffe?

Nähmen wir mit den idealistischen Philosophen an, das Bewußtsein, das Selbstbewußtsein, die Subjektivität oder das transzendentale Ego sei ein Grundbegriff. Indes, können wir psychologische Begriffe wie Hoffen, Befürchten und Erwarten auf ihn beziehen, von ihm ableiten? – Ich glaube, hoffe, befürchte, erwarte, daß mich heute mein Freund besuchen wird. Bin ich mir der Tatsache, daß ich in den genannten seelischen Zuständen bin, die ganze Zeit über bewußt, jede Minute, jede Sekunde?

Ich habe den Tag über dies und jenes unternommen, an dies und jenes gedacht – und dennoch kann ich sagen, ich habe den ganzen Tag lang auf die Ankunft meines Freundes gewartet (sie erhofft oder befürchtet).

Man könnte sagen, der Faden der Befürchtung oder Hoffnung schlingt sich hier um den Faden der Erwartung, ohne daß sich beide mit den Fäden anderer seelischer Zustände berühren oder gar verknoten.

Naturalistische Philosophen glauben, alle seelischen Zustände, alle psychologischen Begriffe auf einen psychologisch primitiven oder elementaren Zustand und Grundbegriff zurückführen zu können. –
Eín Modell dieses Verfahrens bildet bekanntlich die Psychoanalyse mit der Annahme des sexuellen Triebs oder Begehrens als des elementaren Begriffs. Der Trieb ist hier nicht das bewußte erotisch-sinnliche Verlangen, sondern eine unbewußte Struktur, die sich allerdings in allerlei Maskeraden des Bewußtseins gefällt, wie sich insbesondere an Fehlleistungen und Traumbildern, an die wir uns erinnern, zeigt.

Wittgenstein machte Anstalten, die aufgeregte Diskussion im Wiener Kreis vorzeitig zu verlassen; der Gastgeber versuchte ihn aufzuhalten; er fragte ihn, warum er schon so früh gehen wolle. Wittgenstein gab zur Antwort: „Der Lärm und die aufgeheizten Reden stören mich, ich gehe nach Hause, denn ich bin im Moment sehr ruhebedürftig.“ – Die Antwort fußt auf einer Begründung, deren Berechtigung man nicht anfechten kann. Wittgensteins Absicht zu gehen ist für diese Gründe gleichsam transparent; sie ist keine Maske für etwas „Tieferes“, das sich der oberflächlichen Kenntnisnahme entzöge. – Natürlich könnte der Philosoph die genannten Gründe nur vorgeschoben haben, um seine eigentliche Absicht zu verbergen, etwa um eine Verabredung mit einer in diesem Kreis unbeliebten Person einzuhalten; doch dann wäre die vorgeschobene Absicht, hach Hause zu gehen, nicht die Maske der wahren, sondern ihre schlichte Verhüllung.

Die Erklärung des Bewußtseins als Protuberanz oder Maske des Unbewußten ist nicht weniger mythologisch als die Annahme, die Welt sei dem göttlichen Ur-Ei entsprungen.

Die Psychoanalyse (vor allem in ihrer von Carl G. Jung vertretenen Version) ist noch ein Teil oder Reflex des Mythos, den sie zu erklären versucht.

Als würden alle begrifflichen Fäden Schleifen bilden, um sich in einem Grundbegriff zu verknoten: gordischer Knoten der idealistischen und naturalistischen Philosophie, der nicht aufgelöst, sondern nur zerschlagen werden kann.

Die Feststellung eines Teilnehmers bei der erregten Sitzung des Wiener Kreises „Herr Wittgenstein hat die Absicht zu gehen“, ist semantisch nicht gleichsinnig mit der Äußerung dieser Absicht aus dem Munde Wittgensteins: „Ich gehe jetzt!“

Wittgenstein hat die Absicht, die Gesellschaft zu verlassen, schon vor geraumer Zeit gehegt, aber aus Rücksichtnahme auf den Gastgeber noch länger in der Situation ausgeharrt, bevor er den Entschluß faßte, mit dem er seine Absicht in die Tat umgesetzt hat.

Vom Entschluß können wir auf die Absicht schließen; dagegen hegen wir mancherlei Absichten, die niemals spruchreif werden, wie die Absicht, trotz mangelnden Talents ein umjubelter Pianist zu werden oder Frau N. N. bei der nächsten Begegnung einmal gehörig die Meinung zu geigen.

Manch einer wälzt sich nachts schlaflos auf dem Kissen, aufgepeitscht von blutrünstigen Rachephantasien, doch tagsüber gilt er seinen Mitarbeitern und Bekannten als die Sanftheit und Freundlichkeit in Person.

Die Deutung des Gebarens einer Person als das Hegen einer Absicht kann fehlgehen; während die Äußerung eines Entschlusses („Ich gehe jetzt!“) die Verwirklichung der Absicht darstellt; die Äußerung ist ein inhärentes Moment des Entschlusses.

Die Aussage über das Verhalten einer Person, die es als Hegen einer Absicht deutet, ist eine Vermutung oder Hypothese, die wahr oder falsch sein kann. Kommt die Person zu dem Entschluß, ihre Absicht in die Tat umzusetzen, indem sie sagt „Ich gehe jetzt“, und dann geht sie, können wir die Mitteilung ihres Entschlusses einschließlich seiner Verwirklichung als Beleg für die Wahrheit unserer Vermutung auffassen. – Hier ist der springende Punkt, daß wir aufgrund der Interpretation von Äußerungen über die Wahrnehmung („Er packt seine Sachen zusammen, er schaut mehrfach nervös auf seine Uhr“) als Hypothese über seelische Zustände („Er hat die Absicht, gleich aufzubrechen“) auf den Begriff der Wahrheit oder Falschheit stoßen, der für diese Überlegungen unverzichtbar und elementar ist, auch wenn wir ihn nur im engeren Sinne als Möglichkeit guter oder plausibler Belege auffassen.

Zu sehen, wie einer seine Sachen packt und mehrfach nervös auf die Uhr schaut, und aus dieser Wahrnehmung auf einen seelischen Zustand der Person zu schließen, ist etwas anderes, eine andere Art des Sehens, als in einer Galerie Bilder zu betrachten.

Wenn uns einer freundlich die Tür offenhält, vermuten wir in dieser Geste nicht die Absicht oder Verwirklichung der Absicht, freundlich oder höflich zu sein, sondern sehen sie als ein Moment oder Teil dessen, was wir Freundlichkeit und Höflichkeit nennen.

Die Äußerung des Entschlusses macht die Absicht wahr; doch ist sie nicht wahr im Sinne der Wahrheit eines Satzes, sondern authentisch und wahrhaftig.

Der Entschluß ist kein Scheitelpunkt der ansteigenden Kurve, in der sich das Hegen einer Absicht abbilden würde; Wittgenstein war schon in der Tür, da hat er sich angesichts der bedauernden Miene von Friedrich Waismann eines Bessern besonnen und ist doch noch geblieben.

Dem Triebtäter oder Geisteskranken rechnen wir die Tat wohl zu, aber nicht im Sinne einer freien Handlung, insofern sie zwar auf einer Absicht beruhte, aber nicht Folge eines Entschlusses war, den er hätte revidieren können.

Wer alle Eventualitäten, Unwägbarkeiten und Gefahren bei der Ausführung einer Absicht, und sei es nur, in den Supermarkt einkaufen zu gehen, unentwegt hin- und herwälzt, wird seine Wohnung nicht mehr verlassen und Hungers sterben.

Die Fäden des Zweifels, der Angst und des Selbstzweifels verschlingen sich zum Knoten unauflösbarer Apathie oder Katatonie.

Die Psychose macht die Äußerungen und Absichtserklärungen des Kranken nicht unwahr, sondern raubt ihnen den Sinngehalt und die Authentizität.

„Ich bin ganz mager, an mir ist nichts dran, ich bin innen hohl“ oder „Ich bin giftig, ich bin aus Glas“ sagt die schizophrene Angst dem Bekannten oder dem Psychiater, der ihr als gefräßiger Beutefänger erscheint.

Wenn der Geist der Unzucht Farben anrührt und vor der Leinwand steht, malt er den aufgeschnittenen weiblichen Unterleib, aus dem das Gekröse quillt, in das sich der verhaßte Embryo aufgelöst hat.

Eine Weltkultur kann es nicht geben, nur eine Weltzivilisation. – Kulturen sind wie ihre Sprachen, Sitten und Kulte regional, völkisch, provinziell.

Der Sieg der Weltzivilisation ist der Untergang der menschlichen Kultur.

Der Wein von den Hängen der Mosel schmecket anders als der Wein aus Südafrika.

Ohne dialektalen Zungenschlag und provinzielle Einfärbung ihrer Bilder, ohne jegliches Nachwehen der Melodien des Volkslieds stirbt die Dichtung aus.

Keine Kultur ohne ihr ethnisches Substrat. – Die Chinesen löschen die tibetanische Kultur aus, nicht nur, indem sie ihre Tempel schänden, ihre Kulte verbieten und ihre Sprache unterdrücken, sondern auch, indem sie systematisch Han-Chinesen in das von den Ureinwohnern besiedelte und von ihnen okkupierte Land verpflanzen.

Der aufstrebende Homo globalis ähnelt dem digitalen Homunculus seiner Technologie; er hat keinen Eigengeruch, keine prägnante Physiognomie, keine erdverwurzelte Sittlichkeit, keine dichterische Sprache.

Panschen, Verdünnen, Verwässern – Unarten geistloser Universalisten und Globalisten: nach Art von Barbaren schütten sie billigen Fusel in edlen Riesling.

Im Geschrei der Slogans und Parolen hört man sie nicht mehr, die dichterische Nachtigall.

Parolen und Phrasen sind vom Zeitgeist konditionierte Reflexe der anonyme Masse.

Die Engstirnigen predigen Weltoffenheit, die Perversen preisen naturgemäß die Zügellosigkeit, die Eunuchen und Unfruchtbaren verordnen sich Maßnahmen zur sexuellen Verhütung.

Die Amusischen verpflichten die Kunst auf moralische Inhalte und politische Programme.

Der Wahn, alles sei machbar, der Wahn, alles sei beliebig zu konstruierende und wieder zu dekonstruierende Konvention, ob nun Symbol und Zeichen, Kleidung und Geste oder Charakter und Geschlecht, steht am Ende der westlichen Zivilisation.

Am Anfang finden wir die Harmonie der gegensinnigen Kräfte, Bogen und Leier, Himmel und Erde, Sonne und Mond, Licht und Dunkel, Mann und Frau, Systole und Diastole, Leib und Geist; wenige haben sie, in den Spuren eines Mozart, eines Goethe, bis auf die Schwelle der Gegenwart hinübergerettet.

Die Pervertierung des natürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Geschlechtern, aber auch zwischen Eltern und Kindern zu einem rein sozialen Rollen- und Maskenspiel deutet auf die endgültige kulturelle Auflösung in einem apokalyptischen Karneval und einem blutigen Satyrspiel.

Die Öffnung der letzten Festung der weißen Rasse, der Wissenschaft, für das trojanische Pferd der Ideologie wird am Ende auch ihre Waffe, die Technik, schwächen und zu einem stumpfen Schwert machen.

Hoffnungslos, auf Esperanto Gedichte hervorbringen zu wollen wie die Römischen Elegien oder die Sonette an Orpheus.

 

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