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Mephistopheles spricht

04.02.2024

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Mephistopheles sagt: „Das Bild des Schöpfergottes und Inspirators des menschlichen Geistes ist das Fundament der Illusion, ein freier, mit Selbstbewußtsein begabter Mensch zu sein, der befähigt (wenn auch nicht gezwungen) ist, ein mehr oder weniger sinnvolles Leben zu führen.“

Einer namens Hans, ein schon älteres Semester, sagt: „Gestern ging Hans im Stadtpark spazieren, die erste Frühlingssonne tat ihm gut.“ – Und wir würden verstehen oder hinter vorgehaltener Hand darauf hingewiesen, daß er von sich selber spricht und auf diese Weise stets von sich zu sprechen pflegt. – Denn fragt man Hans, ob er gestern im Park gewesen sei, antwortet er: „Ja, Hans ist gestern im Park gewesen“ und wir zögern nicht, ihm zu unterstellen, daß er damit meint: „Ich bin gestern im Park gewesen.“

Das kleine Mädchen mit dem Kosenamen „Mädi“ zeigt auf die große Puppe im Schaufenster und ruft: „Mädi Püppi“ und meint damit: „Gib (resp. Kauf) mir die Puppe.“ – Hier nehmen wir keinen Anstoß, denn wir kennen diese Ausdrucksweise als normales Phänomen der sprachlichen Entwicklung beim Kinde.

Anders steht es um Hans; seine seltsame Art zu reden ist kein Rückfall in die frühkindliche Sprechweise, sondern deutet auf einen semantischen Bruch oder eine semantische Verwerfung, die das ganze sprachliche Feld durchzieht. Der Psychiater versteht die semantische Abweichung als Zeichen einer Psychose.

Wir verspüren eine gravierende Veränderung im Leben eines Freundes, doch könnten wir kein besonderes gestisches oder sprachliches Verhalten aufzeigen, um unsere Intuition zu belegen. Nur eine beunruhigende Wahrnehmung läßt uns nicht los: Uns scheinen seine Augen wie erloschen, sein Blick seltsam hohl und leer.

Ein von künstlicher Intelligenz generierter Text wird uns ohne Mitteilung über seine Entstehung vorgelegt. Zunächst erscheint er unauffällig, sprachlich ohne grammatische Fehler und sachlich zwar spröde und bisweilen ungelenk, doch insgesamt stichhaltig. Allerdings beschleicht uns bei längerer Betrachtung ein Gefühl, das jenem ähnelt, welches uns bei der Wahrnehmung eines maskenhaften, erstarrten Gesichts mit leerem Augenausdruck überkommt.

Der lebendige sprachliche Ausdruck, wie er uns in der alltägliche Rede oder in Gedichten begegnet, ist kein an sich totes Material (Laute, Wörter, Sätze), dem man gleichsam wie durch künstliche Beatmung Leben eingehaucht hätte.

Hans sagt, die Frühlingssonne habe ihm gutgetan; der physiognomische und sprachliche Ausdruck elementarer Empfindungen und Wahrnehmungen kann nicht ohne jemanden gedacht werden, der diese Empfindungen und Wahrnehmungen gehabt hat.

Dieser Jemand bist du oder ich, kein niemand, dessen Glaube, jemand zu sein, eine Projektion geistloser Gehirnströme wäre.

Empfindungen und Wahrnehmungen sind, anders als die ihnen zugrundeliegenden neuronalen Ereignisse, keine raumzeitlichen Sachverhalte.

Erinnerungen sind keine Informationen über vergangene Ereignisse; hätte Hans in sein Tagebuch notiert: „Hans ging am 12.1.2024 durch den Stadtpark von N. N.“, könnten wir nicht schließen, daß er, läse er den Eintrag zwei Wochen später, sich dabei daran erinnert, an diesem Tag in jenem Park gewesen zu sein.

Man kann ebensowenig sagen „Dort ist eine Rot-Empfindung“ wie man sagen kann „Hier gibt es Zahnschmerzen.“

Man kann nicht annehmen, eine künstlich geschaffene Biomaschine stocke in der Rede aus Verlegenheit, weil sie fürchtet, bei einer Lüge ertappt zu werden, oder weil sie sich ihrer anmaßenden Ausdrucksweise schämt.

Mephistopheles, der radikale Nihilist und Naturalist, sagt: „Verlegenheit und Scham sind wie Liebe, Vertrauen und Ehrfurcht nichts als emotionale Konstrukte, das Ergebnis sozialer Dressur oder Ausdruck gesellschaftlicher Mythen. Entjungfere den kindlichen Geist mittels frühkindlicher Sexualisierung und pervertierender Zugriffe durch eine vulgäre und kriminelle Zeitgeist-Pädagogik, und alle Scham wird sich verflüchtigen.“

Wir aber wissen, die Scham ist, anders bei Jungen, anders bei Mädchen, eine natürliche Form der Scheu und Zurückhaltung, eine schützende Schale der Intimität des noch zarten seelischen Lebens, die mutwillig zu zerbrechen eine kriminelle Form des Mißbrauchs genannt zu werden verdient.

Die tote Seele oder den in tiefe Depression gefallenen Patienten können wir nicht durch mechanische oder chemische Eingriffe wiederbeleben; Medikamente lindern, doch heilen nicht (sie verdecken die Symptomatik).

Die tote Sprache können wir nicht mittels Injektionen aufputschender Rhetorik oder einer ideologisch verlogenen Phraseologie wiederbeleben; Parolen, Bekenntnisformeln, grelle Phrasen sind nur bunte Spruchbänder am Leichnam des Worts.

Mephistopheles sagt: „Das Bild vom seinem Werk zugetanen Schöpfergott, das Bild vom Erlösergott, der seinen Sohn zur verirrten Herde hinabschickt, um die verlorengegangenen Schafe einzusammeln, ist der vergebliche Einspruch gegen die todgeweihte Verlorenheit des Menschentieres und die unaufhebbare Einsamkeit des menschlichen Herzens.“

Indes, zu dem wahrhaft Gläubigen und Frommen sprechen in Liedern und Legenden, in rituellen Gesten und kultischen Zeremonien der in der Sprache aufbewahrte Geist der Ahnen und der hohe Sinn der Heiligen.

Einsamkeit oder das Zerreißen der mit einem Kollektiv verbindenden und scheinbar Halt verleihenden Fäden ist die notwendige Bedingung der Wahrhaftigkeit, nämlich dafür, man selbst zu sein und was man sagt und tut nicht in der Maskerade und einzig im Auftrag einer fremden Macht auszuführen, ob es nun eine Partei ist, eine Organisation oder eine Ideologie.

Achilleus kämpft für die Hellenen, zieht sich aber, gekränkt durch ihren Anführer Agamemnon, vom Kriegsgeschehen zurück, bis die ohne seinen Schutz über alle Grenzen brandende Woge der feindlichen Angriffe schließlich auch seinen Freund Patroklos verschlingt. Er, der Einzige, rächt seinen Tod, er, der Einzige, gibt den Leichnam des von seiner Hand gefallenen Hektor dem Flehen des trauernden Vaters heraus. – Obwohl er um seinen frühen Tod weiß, entzieht sich Achilleus nicht feige der Gefahr; er wählt das kurze, intensive Leben, weist verächtlich ein langes, aber glanzloses von sich. Achilleus verkörpert, was die Griechen unter dem Adel heroischen Daseins verstanden.

Wir können eine vornehme Haltung aber schon in der Weigerung des Einzelnen sehen, in der scheinbar bergenden, in Wahrheit verschlingenden Flut der anonymen Masse unterzutauchen.

Der depressive Hans hat sich verloren, weil ihm die Fähigkeit zu Schaden kam, vertrauend und liebend du zu sagen.

Maschinen, auch demnächst einmal biologisch zu konstruierende, werden nicht gezeugt und nicht geboren, sondern von Menschen entworfen und geschaffen, sie sterben nicht, sondern gehen kaputt.

Wir freuen uns wie an einer aufgegangenen Knospe am Lächeln des geliebten Menschen, wir trauern um seinen Verlust. – Wir mögen erfreut feststellen, daß die Algorithmen ausführen, was wir mittels Tastatur befehlen, aber wir trauern nicht, wenn die Maschine ihren Geist aufgegeben hat.

Mephistopheles sagt: „Ich habe Faust vorgeführt, wie der Homunkulus in der Retorte erwacht und munter zu plappern beginnt. Und Helena gar, ist sie nicht eine Chimäre seines monomanischen erotischen Begehrens, aus dem Totenreich heraufbeschworen, und doch Gegenstand seiner glühenden exaltierten Liebesrede? Müßte er nicht beim Verlust dieser Illusion in tiefe Schwermut versinken, würde sie am Ende nicht die Erscheinung Margaretes, der aufgrund seiner erotischen Obsession tragisch ums Leben gekommenen frühen Geliebten, ebenfalls von den Toten erstanden, ja selbst der Madonna ersetzen?“

Die Depression des Patienten mutet wie die Folge einer Kastration des Organs der Ich-Empfindung an.

Verlust der lebendigen Sprache: Er gleicht der Austrocknung und Verkarstung des nährenden Bodens, sodaß die Flora nach und nach abstirbt.

Mephistopheles sagt: „Was da immer schwatzt und schwadroniert, palavert, plappert und parliert, ist wie das unausgesetzte Ticken einer alten Standuhr auf dem dunklen Korridor. Doch diese Uhr, sie kann nur einmal aufgezogen werden.“

Das Ticken ist mechanisch, das Sprechen nicht. Wäre Sprechen eine Art Mechanismus, verlöre die Rede von Wahrheit und Bedeutung jede Berechtigung.

Der alte Meister, der mit Mephistopheles Umgang pflog, erlebte nicht eine Pubertät allein, sagt er, sondern neues Sprossen von Sprache und Empfindung auf unterschiedlichen Altersstufen.

Das Kind spricht mit der Puppe, weil die Puppe mit ihm spricht.

Mephistopheles sagt: „Betrachtet euch als Marionetten in der Hand des großen Puppenspielers, und ihr versinkt in einen wüsten Traum, aus dem kein Wort der Liebe euch erweckt.“

Wir werden zur Einsicht gelenkt und dürfen wohl an ihr festhalten, daß eine Mannigfaltigkeit von originären Begriffen, Urbegriffen im Bereich der Sprache, nicht unähnlich den Urphänomenen Goethes im Reich von Licht und Schatten, Knoten in einem Netz darstellen, die nicht aufeinander noch auf andere Begriffe zurückgeführt werden können. Zu diesen gehören Begriffe wie Bedeutung und Sinn, Wahrheit und Falschheit, Ich und Er (oder die entsprechenden Vertreter der 1. und der 3. Person im jeweiligen Sprachsystem), aber auch Gut und Böse, Schön und Häßlich.

Mephistopheles sagt: „In der Polarität der Begriffe und Phänomene muß auch die dämonische Macht von Negation und Zerstörung walten. Der Anziehung entspricht die Abstoßung, der Liebe die Abneigung, der Ordnung das Chaos. Mögen Begriffe elementar und urtümlich sein, nichts hindert, das Netz, in dem sie hängen, zu beschneiden, zu verzerren, auseinanderzureißen.“

Werden Welten, Körper, Sprachen und Kulturen auch zerfallen, erlöschen, verstummen, die Kräfte, die sie aus dem Chaos und aus dunklen Stoffen ins Licht der Gestaltung und klarer Strukturen heben, sind nicht weniger mächtig als ihre Gegenkräfte.

Mephistopheles sagt: „Mögen diese polaren Kräfte schon in der Urnacht des Universums geistern, betrachten wir sie als gleichen Wesens, als rein physikalische nämlich, dann wird die alte Ehrfurcht vor den kosmischen und organischen Ordnungen und Strukturen verblassen und das philosophische Staunen als archaischer Reflex des unreifen Menschen entlarvt werden.“

Was wir als Ordnung und Struktur in Galaxien und Planetensystemen wahrnehmen, in den Perioden der chemischen Elemente und der Abbildung ihrer atomaren und subatomaren Gliederungen und Prozesse durch mathematisch präzise Modelle, in den subtilen Aufbauten von Gen und Zelle, Organ und Organismus, Blüte und Blatt, schließlich in den logischen Strukturen der Zahlensysteme und der Aussagetypen, aber auch den kristallinen Gebilden in Kunst, Musik und Poesie – all das läßt sich nur mutwillig, unter Vernachlässigung der in ihnen waltenden logischen Mannigfaltigkeiten, in das Schema einer einzigen Bestimmung, wie der physikalischen, zwängen.

Wären alle Phänomene, einschließlich der geistigen, physikalisch-naturalistisch reduzierbar und erklärbar, verlören die für unsere Lebenswelt konstitutiven Begriffe wie Bedeutung und Wahrheit, Sinn und Unsinn, Maß und Unmaß, Recht und Unrecht, Wohltat und Verbrechen, ja selbst die Ausdrücke für Empfindungen und Gefühle all ihren Wert und Rang und müßten am Ende als überflüssiger mythologischer Dekor von der anonymen Festplatte der Evolution und unserer angeborenen und adaptiv optimierten natürlichen Verhaltensprogramme getilgt werden.

Indes, um zu deklarieren, daß diese und jene Begriffe und Konzepte notwendig als illusorisch, trügerisch, mythologisch zu tilgen seien, müssen wir die Wahrheit und Bedeutsamkeit der Aussagen unterstellen, die sie verneinen. Wir können aber nicht behaupten, Begriffe wie Wahrheit und Bedeutung seien auf physikalische Vorgänge zu reduzieren, ohne uns zu widersprechen.

Mephistopheles sagt: „Ich bin der Geist, der stets verneint! und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.“

Der Tod ist kein Einspruch wider das Leben dessen, der ihn notwendig erleidet.

Das Wissen um die Tatsache, daß in ein paar weiteren hundert oder tausend Jahren die Menschheit und die Kulturen von der Erde verschwunden sein werden und also Gedichte nicht mehr gelesen, Sonaten nicht mehr gehört und Gemälde nicht mehr angeschaut werden, ist für den schöpferischen Menschen kein Grund, sie nicht zu schreiben, sie nicht zu komponieren, sie nicht zu malen. – Gibt einer aber diesen Umstand für einen solchen Grund aus, bezeugt dies nur, daß er in Wahrheit unschöpferisch ist und er ihn zum Vorwand nimmt, um sein mangelndes Talent oder seine Faulheit zu bemänteln.

Die Schönheit steigt in ihrem Wert, je fragiler, vergänglicher und unwahrscheinlicher uns ihr Dasein anmutet.

Den mephistophelischen Bedeutungsskeptizismus kann man nicht unter Zuhilfenahme eines neu zu entfaltenden Konzepts der Natur, das anders als die bestehende Naturwissenschaft den Begriff des Geistes ab ovo enthält, widerlegen, sondern mittels klarer semantisch-logischer Überlegungen.

Ohne Entstehen und Vergehen, ohne in die zeitlichen Verläufe und Prozesse des Wachsens und Reifens, Blühens und Welkens, Erinnerns und Vergessens eingebettet zu sein, wäre unser Dasein ein schales, unwirksames Salz, ein fahles Bild ohne Schatten, eine Fuge ohne Kontrapunkt.

 

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