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Wider den Universalismus

05.04.2024

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Abendländische Mythen, die aller skeptischen Säure und sprachphilosophischen Analyse trotzen: DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Geschichte. – Aber „Menschheit“ ist nur eine oberflächliche Klassifikation anthropologischer Provenienz ohne metaphysische Tiefe, „Wissenschaft“ der Sammelbegriff für bestimmte Tätigkeiten, die in gelehrten Einrichtungen abendländischer Herkunft gepflegt werden, „Vernunft“ keine autonome Entität und eigenständige mentale Fähigkeit, sondern der Inbegriff aller kontextabhängigen Sprechakte, mit denen wir Handlungen als vernünftig oder unvernünftig kennzeichnen, „Geschichte“ aber ist eine mythische Chimäre, die bei näherer Betrachtung in viele Geschichten, Erzählungen, Novellen und Anekdoten zerfällt.

Manchmal können sich Geschichten in dramatischen Höhepunkten verknoten und verdichten; so gruppiert und strukturiert Herodot seine mannigfaltigen Erzählungen und Novellen um den leuchtenden Knoten des Kampfes der griechischen und der persischen Kultur.

Der Mythos von der EINEN Menschheit. Angesichts der Verschiedenheit der ethnischen und rassischen Physiognomien beschleichen einen Zweifel, ob all dies aus EINEM Schoß hervorgekrochen ist.

Die Fabel von dem EINEN Ursprung der EINEN Menschheit aus dem Urelternpaar, das ausgerechnet in der afrikanische Savanne beheimatet war, mutet einen mittlerweile wie eine identitätspolitische Parole an.

Für die Abstraktionen, die unsere Sprache erlaubt, wie DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Moral und DIE Geschichte, gilt: Sie sind semantische Kürzel für mannigfaltige Tätigkeiten und Ereignisse, die kein inneres Band notwendig verknüpft.

Musik – die universale Sprache des menschlichen Geistes, die von Hinz und Kunz in Hintertutzingen und Honolulu verstanden wird: was für eine sentimentale Dummheit, welch ein süßlicher Kitsch.

Wertblinde Universalisten der Moral, die sich als die einzigen Siegelbewahrer menschlicher Würde aufspielen, postulieren, einem jeden Menschen denselben Wert zuzusprechen. – Wie, auch Hitler und Jesus, dem Sexualmörder und Buddha, dem Schmarotzer und dem fleißigen Arbeitsmann und Familienvater?

Die jeweilige Sprache der öffentlichen Meinung scheint der gemeinsame Käfig ihrer Sprecher zu sein; die Wohlmeinenden weisen darauf hin, daß man ja durch ihre Gitter nach draußen schauen könne.

Inmitten des Gemeckers der Ziegen ertönt der silberne Ton der Hirtenflöte. Schweigen die Ziegen, um ehrfürchtig einem höheren Ethos und Melos zu lauschen? Weit gefehlt!

Frechheit und Vermessenheit wollen sich neben dem Hochsinn und der Anmut in derselben Loge breitmachen. – Das menschheitstümelnde Gewese der Universalisten will Hinz und Kunz und Rilke und Trakl gemeinsam unter Aufsicht der Kulturbeauftragten der Stadt München über den lärmenden Trostmarkt schicken; das Ende wird sein, die Proleten grölen auf den Bänken, unter denen die Dichter sich vor den Zumutungen verstecken.

Die meckernden Ziegen erhalten Pardon, denn ihr ästhetischer Sinn vermag das schöne Melos des Hirtenlieds nicht zu erfassen; anders die Vulgarität, sie weiß ganz genau, daß ihr kein Logenplatz gebührt, und drängt sich doch hinein.

Jede Landschaft hat ihr Klima, ihre Fauna und Flora, jedes Ereignis hat seinen geschichtlichen Horizont, jeder Mensch seine durch Herkunft und Veranlagung bestimmte Situation.

Verkümmert der für die Landschaft der Eifel typische Ginster aufgrund ungünstiger klimatischer Bedingungen, trocknen gar die Eifelmaare aus, verblaßt das Landschaftsbild, das wir kannten, allmählich, bis es zu einer bloßen Datensammlung im geographischen Archiv herabsinkt.

Der glatte Austausch und die hingeschluderte Synchronübersetzung von klischeehaften Wendungen und Phrasen, die gestanzte Rhetorik politischer Reden in Kommissionen und Parlamenten erzeugt den trügerischen Schein einer weltumspannenden Gemeinsamkeit der Meinungen und Gesinnungen, der Regionen und ihrer kulturellen Eigenheiten.

Die bukolische Landschaft Vergils ist das von Großstädtern erträumte Idyll eines imaginären Arkadien.

Es gibt einen europäischen Symbolismus in der Dichtung von Baudelaire und Verlaine über Verhaeren und Maeterlink bis zum frühen George und Hofmannstahl (von den Engländern, Belgiern, Polen u. a. zu schweigen), aber sinnfälligerweise keinen amerikanischen, chinesischen, japanischen. Hier wirken die dichterischen Quellen alter europäischer Überlieferung.

Welch eine dumme Aufforderung: Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. – Ja, eine gefährliche, wenn der Stumpfsinn, die Vulgarität oder der Fanatismus sich angesprochen fühlen.

Wir sprechen vom Ethos poetischer Gattungen, wie der Ode und des Sonetts; denn die Ode verlangt eine Art mythisch inspirierten feierlichen Aufsingens und rhythmisch gestraffte Formen, wogegen das Sonett sein Ethos in der gedanklich doppelsinnig gestuften Ordnung im Reim kontrastierter und verschlungener Quartette und Terzette erfüllt.

Wir gelangen zu unseren tiefsten Überzeugungen („Wir ruhen in Gottes Hand“ – „Wir fallen unaufhörlich ins Leere“) nicht aufgrund rationaler Argumente, sondern aufgrund von Winken des Schicksals, die uns in zufälligen Begegnungen oder in Träumen widerfahren.

In der geistigen Wüste des Ersten Weltkriegs fand Wittgenstein in einer Provinzbuchhandlung in Galizien Tolstois „Kurze Darlegung des Evangeliums“, ein Buch, das ihn stark beeindruckt und sein Leben lang begleitet hat. – Es ist klar: Etwas war schon in ihm, das durch die Lektüre ins Schwingen geriet. Soviel läßt sich sagen: Die Frohe Botschaft ist keine rationale Einsicht in transzendente Dimensionen und ihre Lehre keine argumentativ begründbare universelle Moral, sondern ein Anruf, den nur zu hören vermag, wer guten Willens ist.

Der Gang durch das Inferno kann, wie bei Dante, schließlich in elysischen Gefilden münden.

Ein Dichter ohne Provinz seiner Erfahrung, ohne Dialekt und Idiolekt seiner Herkunft gleicht einem, der seine Muttersprache vergessen und sie durch ein bodenlos-globales Esperanto ersetzt hat; doch in Esperanto läßt sich keine originäre Dichtung schreiben.

Die Kriterien dessen, was man als vernünftig oder unvernünftig, als gut oder schlecht wertet und abwertet, sind derart unterschiedlich, daß es an Selbsttäuschung grenzt, von einem einheitlichen, universal gültigen Begriff der Vernunft und der Moral ausgehen zu wollen, wie es die Idealisten seit Kant tun.

Die peinlichen Zweideutigkeiten, die ihnen durch die Lappen gehen! – War es nicht sowohl unvernünftig wie schlecht, das dem Freund gegebene Versprechen nicht einzuhalten und damit den Bruch der Freundschaft und den Verlust des Freundes zu riskieren? Ja, aber der böse Wille, oder wie der Talmud sagt: der böse Trieb, ist, wie es scheint, immun gegen die Einwände der Vernunft. Ja, der Schuldner verfügte über die Summe, die er von seinem Freund ausgeliehen hatte, und dennoch …

War es nicht unvernünftig von Jesus, seinen Einzug nach Jerusalem von der begeisterten Schar der Anhänger feiern zu lassen und so unnötiges Aufsehen beim Hohen Rat und der römischen Besatzung zu erregen? Ja, aber die Pfade der Vorsehung sind verschlungen, nicht gerade und einsinnig, wie es vernünftige Erwägung gern möchte.

War es nicht im Sinne vernünftiger Abwägung der heiklen Situation, daß Petrus im Palasthof des Hohepriesters seine Zugehörigkeit zur Jüngerschaft Jesu verleugnete? Ja, aber es war schlecht, und seine reumütigen Tränen, da der Hahn dreimal krähte, haben es bezeugt.

War es nicht unvernünftig und moralisch fragwürdig, daß Dido ihrer Natur als einer zweiten Diana untreu wurde und dem erotischen Zauber der Venus und den tückischen Plänen Junos erlag, um den trojanischen Fürsten Aeneas zu ehelichen? Ja, doch die Pfade der Vorsehung sind verschlungen und in das Zwielicht göttlichen Fatums gehüllt; denn die Absicht, Aeneas ehelich auf Dauer an sich zu binden, mußte scheitern, und das 4. Buch der Aeneis mußte eine Tragödie innerhalb des Epos werden, auf daß die Bestimmung des Trojaners zum Gründer Roms nicht vereitelt würde.

Wir finden keine universal gültigen Regeln für das angemessene oder unangemessene, das richtige und falsche menschliche Handeln, worunter auch das sprachliche Handeln zu rechnen ist. – Natürlich ist die Lüge erlaubt, wenn sie ein Leben rettet oder vor Schande bewahrt. – Natürlich ist das Leben nicht der Güter höchstes, wie uns die Tatsache vor Augen stellt, daß wir Helden nennen, die das ihre für die Rettung anderer dahingeben; die Tatsache, daß wir den Kapitän einen feigen Schurken nennen, der als erster heimlich das sinkende Schiff verläßt.

Aufgrund ihrer semantischen Kraft zur Abstraktion mittels Substantivierung von Hilfsverben wie „das Sein“ gelangte die griechische Sprache als erste zu den schwindelerregenden Gipfeln eines Platon und Aristoteles, nicht die chinesische oder japanische.

Die rationalen Maßstäbe der logischen Konsistenz und der narrativen Kohärenz bieten uns keine universal gültigen Kriterien zur Beurteilung angemessenen und unangemessenen Handelns. – Gewiß, wir sind konsistent, wenn wir bei Brüchen in einer Gleichung Zähler und Nenner jeweils mit demselben Faktor multiplizieren. Doch wir könnten auch den Nenner eines Bruchs mit der Reihe der natürlichen Zahlen multiplizieren, um eine abnehmende Reihe zu erhalten; es kommt darauf an, was wir wollen.

Das Kind fädelt Perlen auf eine Kette; doch an jeweils bestimmter Stelle läßt es eine Lücke oder fügt ein buntes Steinchen ein; es kommt darauf an, ob es die Stellen festhält oder wechselt, und wenn es sie variiert, in welcher Systematik. – Wir können das Ergebnis nicht voraussehen, aber nicht, weil das Handeln völlig zufällig oder chaotisch wäre.

Wer immer dieselbe Geschichte erzählt, gilt als Langweiler. – Aber selbst wenn wir dieselbe Geschichte wiedererzählen, unterlaufen uns unwillkürlich Varianten.

Die Epitheta der homerischen Götter sind gleichbleibend und stereotyp; doch je nach Kontext können ihre Bedeutungen schillern, mehr oder weniger hervortreten.

Der Mensch vor und nach einer religiösen Bekehrung; er mag dieselben Dinge sagen, doch sie haben einen anderen Index in seinem um 180 Grad gedrehten Überzeugungssystem erhalten. – Was für den Heiden Götter waren, werden für den zum Christentum Bekehrten Dämonen. Die einst von ihnen erzählten Mythen mögen im Wortlaut erhalten bleiben, doch hat sich ihr Sinn gewandelt.

„Geschlossene Gesellschaft“ – dies ist die soziologisch zentrale Kennzeichnung; denn in geschlossenen Gesellschaften wird unter den jeweils versammelten Mitgliedern und Auserwählten über das ökonomisch, sozial oder rituell Entscheidende verhandelt; freilich muß man seine Clubkarte oder einen anderen Identitätsnachweis vorzeigen, um hineingelassen zu werden. Ob es sich dabei um das Festkomitee des örtlichen Karnevalsvereins, das römische Konklave zur Wahl des neuen Papstes oder eine Versammlung von Mafiabossen handelt, steht auf einem anderen Blatt.

Die abertausend Linienbündel der ethnischen und kulturellen Herkünfte konvergieren nicht im Brennpunkt einer univoken und homogenen Zukunft. – Es sei denn, die menschlichen Identitäten werden von totalitärer Hand durch Gehirnwäsche zum Verblassen gebracht oder demnächst mittels genetischer Manipulation ausradiert.

Im bewußten Leben mögen wir etliche Grade und Stufen von Aufmerksamkeit finden, aber seine Grundform ist nicht reflexiv, kein Produkt einer epistemischen Spiegelung. – Der Betrunkene oder Demente redet abgebrochen, ungrammatisch, wirr, aber nicht, weil ihm das eigene Selbstbild verschwommen wäre.

Der stereotype Gebrauch des Namens oder des Pronomens der ersten Person täuscht oft narrative Kohärenz vor; aber der Übergang der Rede des Kleinkinds, das sich mit dem eigenen Vornamen benennt, zum systematischen Gebrauch des Pronomens der ersten Person ist kein kontinuierlicher.

Der Universalist der Vernunft und der Moral rettet sich vor den Widersprüchen des Daseins in den rhetorisch abgedichteten Hörsaal des akademischen Diskurses. – Der philosophische Anarch (Ernst Jünger) wandelt auf den verschlungenen Pfaden des Geschicks und vernimmt die Polyphonie der Stimmen des Lebens, die sich ihm nicht zur Homophonie sokratisch-diskursiver Wahrheitsprüfung verdichten.

Draußen weht bisweilen ein rauher Wind oder Kugeln pfeifen an der Schläfe vorbei; das kümmert den Anarchen nur insofern, als daß er den ihm Nächsten Deckung oder Obhut verschafft. Den Wind klagt er nicht an, und ob jene, die da schießen, Kriminelle sind oder Partisanen, überläßt er dem Polizeibericht oder dem Historiker.

Der Universalist will alles über den Leisten vernünftiger und moralischer Urteile schlagen; dem Wind ist das gleichgültig, aber der Partisan und Weltveränderer bedienen sich des Leistens bald als eines probaten Totschlägers.

Die hybride Hoffnung des Universalisten gleicht dem Ansinnen eines Menschen, mittels Hauchens ein Guckloch in die zugefrorene Scheibe der Unkenntnis, die Eisblumen der Inkonsistenz und Inkohärenz zu schmelzen, auf daß jedermann die Welt klar zu sehen vermöchte; indes, der Liebende sieht ein anderes Licht als der Zyniker, der Machtbesessene eine andere Welt als der Todkranke.

Schon früh bezeigt der Universalist seine Anlage für Intriganz und billige Gleichmacherei, wenn er in den Weltreligionen nur eine einzige herausklügeln und schönfärben will; freilich seinen Gipfel an Arroganz und Selbstvergötzung erklimmt er, wenn er all das Wogen und Wallen der Rinnsale und Bäche und Strome des Wissens jeglicher Landschaften und Zeitalter in den einen Ozean des einen Geistes zu gewahren vorgibt, in dem er sich selber spiegelt.

Mit einer zügellos gewordenen allegorisch-dialektischen Methode schinden sie einen universalen Sinn aus dem Tohuwabohu der historischen Abläufe, um sich post festum als hohepriesterliche Deuter und Gralshüter des Fortschritts in Szene zu setzen.

 

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