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Sinnbilder, gereimt und ungereimt

20.01.2026

Wie weit wir auch des Sinnes Grenzen ziehen,
was jenseits liegt, das Ungesagte,
ins Grenzenlose wird es ewig uns entfliehen.

*

Je strenger wir den Maßstab fassen,
dem unser Sagen soll genügen,
je mehr wird Mundes Blume blassen.

*

Die einst von Götterfabeln sprachen,
verstummten, geisterhafte Funken,
als sie aus dunkler Niemandsleere brachen.

*

Die kindlich du aufs Wassers hobst, daß fort sie schwimmen,
Bötchen von Papier, bestückt mit kleinen Kerzen,
siehst manchmal du noch fern im Traume glimmen.

*

Die Seele lag auf ihrer Hand,
ein müder Falter, den sie dir vor Augen hielt,
als wär er ihres Daseins Unterpfand.

*

Der früh besessen war von Lichtkristallen,
die aufgeglänzt in tiefer Nacht,
fand spät an Graunuancen sein Gefallen.

*

Weil Gottes Nagel selbst sie eingeritzt,
schien unbestreitbar Satz für Satz der Tafeln.
Dann galt, wer dies als Bild durchschaute, für gewitzt.

*

Sein Dämon hat gen Gallien Caesar einst getrieben,
so ward es der Romania Herz, la Douce France,
allwo Racine, Pascal, Molière und Proust geschrieben.

*

Gold und Geist, die unterm Lilienbanner strahlten,
zerrieb, verdunkelte der Haß befreiter Meuten,
die in der Asche mit drei öden Farben prahlten.

*

Torheit wähnt sich auf der höchsten Stufe
einer steilen Treppe, die sie nicht gebaut,
doch vernimmt sie nicht die dunklen Rufe
aus der Tiefe, wo die Flut der Zeit sich staut.

*

Fotos der Verwandten, eins gelegt aufs andre,
doch schimmerte kein Urgesicht hervor,
Aug sprach zur Nase, Mund zum Kinn: mäandre.

*

Woher auf allen Plätzen, allen Bühnen
Gackern immerfort und schrilles Krächzen?
Wer ließ die Pforte offen stehen,
daß sie büxten aus, die Hühner?
Will keiner sie zurück mehr scheuchen,
auf daß sie wieder Eier legen,
das ein und andre gar bebrüten?
„Ach nein, das wird die Gans verhüten,
Helene mit dem nackten Bürzel,
die uns geöffnet hat die Türe,
damit wir aus dem Zwielicht watscheln,
gerupft an Kopf und schlankem Halse,
geeinte Schwestern unterm Sternbild
emanzipierten Hühnertums!“,
gluckst geschwollen ein bebrilltes Huhn.
Da kräht auf seinem Thron aus Mist
gespreizten Sinns und heißen Sporns
der rote Gockel, und jede pest dahin,
daß er als erste sie besteige.
Die kleine Zarte, die da gräßlich fiept,
herrscht an die dicke Henne: „Herzchen, schweige!“

 

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