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Lektüre

10.11.2018

Betrachte Schorf und Flecken
auf der Haut des Baums,
wie Moose schreiben, Flechten,
schreibt kein Letternschmock.

Das Zeitgeschick entziffre
dir im Taubenkot
auf Friedrichs Bronzenase –
wirf die Zeitung weg.

Im Abtritt deutschen Geistes,
warm von Angst-Urin,
Geschmier von Menschheitsphrasen –
wirf die Brille weg.

Du mußt nicht Schmöker wälzen,
öffne zarte Hand,
da stehn dir eingeschrieben
Linien des Geschicks.

Liest Schatten du aus Blicken,
hüll dich in sie ein,
in Wassers vagem Zittern
lies den Liebestod.

Kometenschweifes Sprühen
sei dein Nachtbrevier,
der Liebe Flammenbisse
auf verkohltem Blatt.

Die Wimpern grüner Augen
buchstabier, was salbt
mit Nacht die Knospenlider,
tränenhelle Schrift.

Ein Fragezeichen krümmt sich
durch den Baum und harrt
auf Antwort nicht, ein Komma
kringelt Wurm im Mulch.

Wenn Spießers Wolkenbetten
schlitzt Tribunen-Blitz
mit seinem Ausrufzeichen,
schlag die Seite um!

Erlös die Sommersprossen
aus der Klammerhaft
um eines öden Lebens
schönsten Nebensatz.

Durchschlüpf mit roten Schnecken
Gartenzwerges Zaun,
zieh leicht im Lehm der Schwermut
den Gedankenstrich.

Mit Eulen lies, mit Füchsen
windgestrichnes Gras,
des Regens Predigt wecke
deinen flachen Puls.

Durchschwimme nackt das Epos,
tiefer als Homer,
des Blutes hohe Wogen,
singend uferlos.

Besprenge sanft mit Liedern,
Tropfenglanz der Nacht,
an Reimes Traube zitternd,
liebesweichen Schoß.

Und haucht aus Veilchenlippen
duftend dir das Wort,
beschlag es keusch den Spiegel
deines dunklen Traums.

 

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