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Walther von der Vogelweide, Frô Welt

11.09.2016

I
Frô Welt, ir sult dem wirte sagen
daz ich im gar vergolten habe:
mîn grôziu gülte ist abe geslagen;
daz er mich von dem brieve schabe.
swer ime iht sol, der mac wol sorgen.
ê ich im lange schuldic wære, ich wolt ê zeinem juden borgen.
er swîget unz an einen tac:
sô wil er danne ein wette hân,
sô jener niht vergelten mac.

II
›Walther, dû zürnest âne not:
dû solt bî mir belîben hie.
gedenke wie ich dirz erbôt,
waz ich dir dînes willen lie,
als dicke dû mich sêre bæte.
mir was vil inneclîche leit daz dû daz ie sô selten tæte.
bedenke dich: dîn leben ist guot:
sô dû mir rehte widersagest,
sô wirst dû niemer wol gemuot.‹

III
Frô Welt, ich hân ze vil gesogen:
ich wil entwonen, des ist zît.
dîn zart hât mich vil nâch betrogen,
wand er vil süezer fröiden gît.
do ich dich gesach reht under ougen,
dô was dîn schœne an ze schowen wünneclich al sunder lougen:
doch was der schanden alse vil,
dô ich dîn hinden wart gewar,
daz ich dich iemer schelten wil.

IV
›Sît ich dich niht erwenden mac,
sô tuo doch ein dinc des ich ger:
gedenke an manegen liehten tac,
und sich doch underwîlent her
niuwan sô dich der zît betrâge.‹
daz tæt ich wunderlîchen gerne, wan deich fürhte dîne lâge,
vor der sich nieman kan bewarn.
got gebe iu, frowe, guote naht:
ich wil ze hereberge varn.

 

Frau Welt

I
„Mögt ihr, Frau Welt, dem Wirte sagen,
ich konnte ihm alles begleichen.
Ich hab die schwere Schuld abgetragen,
er soll mich aus dem Schuldbuch streichen.
Wer bei ihm in der Kreide steht, hat wohl Sorgen.
Bevor ich lange bliebe in seiner Schuld, ging zum Juden ich eher mir borgen.
Jener hält wohl still bis zum letzten Tag:
Dann verlangt er nach seinem Pfand,
bleibt dieser schuldig den Betrag.“

II
„Zu zürnen, Walther, tut nicht not;
du sollst nur bleiben hier bei mir.
An all das denke, was ich dir bot,
wie ich war zu Willen dir,
als du oft mich darum batest.
Mir tat es nur immer leid, daß du dies so selten tatest.
Geh in dich: Dein Leben, es ist gut.
Wenn du wahrhaft mir abschwörst,
wirst du nie mehr wohlgemut.“

III
„Frau Welt, ich hab genug gesogen,
mich zu entwöhnen ist nun Zeit.
Deine Zärte hat mich fast betrogen,
sie hält süßer Freuden viel bereit.
Als ich in die Augen dir hab geblickt,
war ich, leugnen kann ichʼs nicht, von deiner Schönheit wohl entzückt.
Doch war von Lastern viel Geschwür,
das ich auf deinem Rücken sah,
ich will dich immer tadeln dafür.“

IV
„Da ich deinen Sinn nicht zu wenden vermag,
gib nur nach meinem Wunsch ein Stück:
Denke an manch einen heiteren Tag,
und kehr hin und wieder zu mir zurück,
wenn dir die Zeit wird allzu lang.“
„Das täte ich von Herzen gern, wär mir nicht vor deiner Tücke bang,
vor der sich keiner retten kann.
Gönne Gott dir, Frau, eine gute Nacht:
Ich ziehe zur Herberge hinan.“

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