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Sonett von der blinden Anmut

12.02.2026

Blind ist die Anmut. O, sie lächelt.
Vom Anblick all der Fratzen unverstört,
wird einzig sie vom Wind der Nacht betört,
der ihre glatte, stille Stirn umfächelt.

Auf jähen Graten geht sie ohne Schwanken,
sieht nicht den Abgrund, wo der Geist erschrickt.
Ins Netz der Zeichen ward sie nie verstrickt,
Gestirn und Mond, sie weckten kein Verlangen.

Da hört im Dunkel sie, wie Früchte fallen,
das Schluchzen eines Kinds, das ungestillt,
ein Seufzen, das aus fernen Brunnen quillt,
den Schrei der Maus in einer Eule Krallen.

Mag sie mit Watte sich die Ohren stopfen,
im tiefen Grund hört sie ein banges Klopfen.

 

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