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Das Vermächtnis des Grünspans

22.02.2023

Es blieb das Vermächtnis des Grünspans
an den Wänden der windschiefen Scheune,
wo in freudloser Muße sie starrten,
die Sense, die Hacke, die Kanne,
wo die rote Kruste Bluts
auf dem Eichenklotz
kein Kind mehr schauern ließ
vor kopflos flatternden Hühnern.

Die blindlings gekeimt im feuchten Dunkel,
dem Gespensterverlies,
in das niemand mehr hinabstieg,
sie aufzuklauben, zu schälen, zu kochen,
die eingeschrumpften Kartoffeln
haben die Ratten vertilgt.

Und die keine Hand mehr gefunden,
die lilafarbene Schleife,
die Frauenanmut geschlungen,
zitternd zu lösen,
kein Herz, das zärtlicher pochte,
die zierlichen Schattenranken der Schrift
mit ihren blassen, vertrockneten Blüten,
Moosröschen und Vergißmeinnicht,
Hauch um Hauch auseinanderzubreiten,
die Briefe zerfielen zu Staub.

Die Hand und das Herz
zerfielen zu Staub.

Es blieb den Toten kein Angedenken,
ihnen, die sie schwangen, Sense, Hacke und Kanne,
ihr nicht, die sie streute, die Blüten,
ihm nicht, der sie gelesen, die Briefe.

Die letzte Kerze am ärmlichen Grab
mit verwehten Samen von Veilchen,
eines bleichen Enkels dürftige Schwermut
hatte sie angezündet,
ist lang erloschen.

Überwachsen von Moos sind die Namen
auf dem basaltenen Mal,
das wie ein wurmzerfressener Stumpf
sich niedersenkt auf die Erde,
die grausam-vergeßliche Mutter.

 

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