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Philosophie und Grammatik I

01.05.2019

„Wirklich?“ – „Wirklich!“

Seltsame, absonderliche, aller Alltagsgrammatik spottende Verwendungen des Adjektivs „wirklich“ haben zu den vertracktesten philosophischen Fragestellungen, zum eulenspiegelhaften Disput zwischen Idealismus und Realismus und zu tiefen oder verstiegenen metaphysischen Grübeleien verleitet.

„Er hat trotz vorgerückten Alters noch ein Studium begonnen.“ – „Wirklich?“ Meist drückt die Nachfrage „Wirklich?“ das Erstaunen über die geäußerte Mitteilung aus, ohne nach einer weiteren Bestätigung oder Begründung zu verlangen. Wir könnten antworten: „Ja, es stimmt; es ist wahr.“

Meist sind Ausdrücke wie „wirklich“, „wahrhaftig“, „tatsächlich“, „in der Tat“ oder „offenkundig“ dekorative Schnörkel und rhetorischer Dekor, der wie bröcklig gewordener Putz von der Wand abgelöst werden kann, ohne daß die semantisch-grammatische Konstruktion zusammenbricht.

„Sie spielten nicht wirklich Karten, sie taten nur so.“ – Die Verwendung von „nicht wirklich“ gibt uns einen Hinweis auf den fiktionalen Kontext; es handelt sich vielleicht um ein Theaterstück, in dem die Schauspieler nur so tun, als ob sie Karten spielen.

„Etwas nicht wirklich tun, nur so tun, als ob …“ – solche sprachlichen Einkleidungen beziehen sich oft auf ein Tun, dessen Räder sich knapp über dem Boden drehen: Der Schauspieler spricht Sätze vor sich hin, gleichsam in den luftleeren, resonanzlosen Raum, wenn er eine Textpassage aus dem Skript einübt oder auswendiglernt.

Einer spricht die unregelmäßigen Verben des Englischen oder Lateinischen samt ihren Abwandlungen laut vor sich hin; er sagt, was er sagt, gleichsam nicht im Ernst, nicht mit vollem Gewicht; was er sagt, hat keine wirkliche Anwendung und daher auch keine wirkliche Bedeutung.

Der Schauspieler, der im Theaterstück mit einem anderen ein Spiel mit Karten vortäuscht, fingiert oder simuliert, knallt eine Karte auf den Haufen, der dort liegt, ruft „Trumpf!“ und greift sich alle Karten. Wenn wir nachschauen, finden, wir, daß seine Karte den Wert der Karten des Gegenspielers keineswegs aussticht.

Die Frau wirft den Blumenstrauß vor seine Fuße und herrscht den Mann an: „Ich hasse dich!“ – Es ist ein Schauspiel. Die Frau haßt den Mann nicht wirklich, müßten wir dem exotischen Besucher erklären, der nicht weiß, was ein Theaterstück ist. Aber was sie auf der Bühne äußert, wird darum nicht unwirklich oder bedeutungslos.

„Ich warf ihm den Blumenstrauß vor die Füße und schrie ihn an, daß ich ihn hasse.“ – Es ist ein Traumbericht. Was die Frau erzählt, geschah nicht wirklich. Doch als sie träumte, hätte sie nicht sagen oder denken können, daß sie nicht wirklich meint, was sie sagt. Die Schauspielerin dagegen könnte es.

Die Qualität und Intensität unserer Erlebnisse gibt uns kein Kriterium für den korrekten Gebrauch von „wirklich“ an die Hand (wie übrigens für kein Wort). Für den Träumer ist das unwirkliche Traumgeschehen aufgrund der Opazität und Dichte des Erlebens wirklich; für den Schauspieler ist das, was er auf der Bühne wirklich sagt und tut, aufgrund der Durchsichtigkeit und Fadenscheinigkeit seines Erlebens unwirklich.

Die Frau sagt dem Mann, daß sie ihn hasse. „Ich habe es nicht so gemeint!“ – Das könnte er als halbherzige Entschuldigung durchgehen lassen. Doch die Wirklichkeit des unschönen Ausrufs kann deshalb nicht als ungeschehen aus den Annalen gestrichen werden. Freilich, wenn beide auf der Bühne stehen, würde die Äußerung gleichsam gar nicht erst in die Annalen eingetragen.

Im bürgerlichen Leben oder der sittlichen Ordnung des Alltags können bestimmte Äußerungen wie Beleidigungen oder Verleumdungen justitiabel sein, das heißt, Folgen zeitigen, die in der Form von Bußgeldern oder Strafen für den Sprecher schmerzlich wären.

Wenn wir immer sagen könnten „Ich habe es nicht so gemeint“ oder keine unserer Äußerungen die beabsichtigten oder unbeabsichtigten Folgen zeitigen würde, bräche die Ordnung des Lebens zusammen. Wir können uns die Annahme, das Leben sei ein Traum oder nichts als Theater, nicht leisten.

Der sterbende Kaiser sagte: „Hauptsache, wir haben unsere Rolle gut gespielt!“ – Aber die von ihm eroberten Provinzen mußten echtes Gold nach Rom liefern, mit gefälschtem Gold oder Requisitentalmi hätte sich der Kaiser nicht zufriedengegeben.

Wir können unser Leben nicht mit Falschgeld oder moralischem Talmi, weder in Form von Lügen noch von simulierten Handlungen, bezahlen.

Wir können dem Kreditinstitut nicht erklären, unsere Schulden seien hiermit getilgt, denn Zahlen seien nichts als Fiktionen und Zinsen nur ideale Größen.

Der Baum ist keine logische Konstruktion aus den Sinnesdaten unserer Wahrnehmung oder eine bloße Vorstellung, denn das gilt auch von dem Bild des Baumes, doch das Bild des Baumes wirft keine Früchte ab.

Der Sänger des Tristan in Wagners Oper tut so, als sei er Tristan, aber er kann nicht so tun, als könne er singen. Wenn er so tut, singt er ja wirklich.

Man kann nicht so tun, als könne man tanzen, Fahrrad fahren, Billard spielen oder sprechen, ohne wirklich zu tanzen, Fahrrad zu fahren, Billard zu spielen oder zu sprechen.

Der Scharlatan tut so, als sei er ein Arzt; aber er muß gewisse Kenntnisse der Heilkunst besitzen, sonst fliegt er gleich auf.

„Rosen sind Blumen“ oder „Kreise sind zweidimensional“ sind nur scheinbar Sätze über faktische Wahrheiten und keine wirklichen, sondern grammatische Hinweise zum korrekten Gebrauch der Begriffe. Doch deshalb sind Blumen oder die zweite Dimension der Geometrie nicht unwirklich oder rein platonische Ideen.

„Falsche Tränen.“ – Sie ist nicht wirklich traurig; wir sehen es, wenn sie plötzlich kichert und lacht, wenn wir einen albernen Witz vom Stapel lassen.

Wenn wir nun die Kunst der Verstellung dem echten, unwillkürlichen Ausdruck der Trauer und Betrübnis den Vorzug gäben (wir Ästheten!)? Nun, die falschen Tränen sähen wir auch dann nicht als echt an, sondern als delikat.

Wenn wir nur so tun, als gäben wir ein Versprechen, und die Zusage nicht in vollem Ernst machen, haben wir überhaupt kein Versprechen gegeben und keine Zusage gemacht.

Der Ernst ist das Medium oder die herbe Luft der Sittlichkeit.

Es gibt Kampspiele, aber der wirkliche Streit, der wirkliche Kampf, der wirkliche Krieg ist von anderem Kaliber. Es gibt Koketterie und Liebesspiele, aber die wirkliche Liebe hat ihre eigene Würde, ihren eigenen Ernst.

Er gewahrte erst, daß er sie liebte, nachdem sie ihn verlassen hatte. Hat er sie zuvor wirklich geliebt?

Der Vertrag, die Urkunde, der Erbschein sind gültig, wenn sie mit Datum und Unterschrift oder Siegel versehen sind. Ihre Geltung zeigt sich in einer Veränderung der sozialen Umwelt: Einer muß Raten abtragen, einer darf vor Studenten dozieren, einer ist plötzlich reich.

„Wirklich“ ist, logisch-grammatisch gesehen, weder ein Prädikat noch ein Adjektiv, sondern ein Adverb. Denn das Geschehen auf dem Theater ist weder wirklich noch unwirklich, und der erlebte Flug ist nicht wirklicher als der geträumte. Sondern: Der Gauner hat wirklich das Messer gezückt – im Gegensatz zu der Annahme, er habe es nicht getan; die Schauspielerin hat dem Bühnenpartner nicht wirklich ihre Haßgefühle bekundet – im Gegensatz zu der Frau, die diese Schauspielerin ist und ihrem Mann sagt, daß sie ihn hasse.

Frömmigkeit ist ein Sammelbegriff für das Tun und Reden, wie das Niederknien vor dem Heiligenbild und das Beten und Singen, eines einer Kultgemeinde angehörenden Menschen; Höflichkeit ist ursprünglich ein Sammelbegriff für die charakteristischen Verhaltensweisen und sozialen Manieren im Verhältnis von Lehnsherr und Gefolgschaft, der Damen des Hofes und der um sie werbenden Ritter; Tapferkeit ist ein Sammelbegriff für alle möglichen Arten, Feinden, Widrigkeiten, Fatalitäten des Lebens mutig und ohne Jammern zu begegnen. Aber Möglichkeit ist kein Sammelbegriff, sondern ein semantisches Kürzel für den Ausdruck „es ist möglich, daß …“; und Wirklichkeit ist kein Sammelbegriff für alle Arten von Dingen und Ereignissen, sondern ein semantisches Kürzel für den logischen Ausdruck „für mindestens ein x: x hat die Eigenschaft F“ oder für den logischen Ausdruck „für alle x: x hat die Eigenschaft F“, in denen wir den Ausdruck „wirklich“ entbehren können.

„Lehre vom Sein“ ist ein deutscher philosophischer Kunstbegriff zur Wiedergabe des griechischen Kunstbegriffs „Ontologie“ – und dieser beruht auf einem semantisch-logischen Mißverständnis, der Substantivierung eines Verbs, das kein Vollverb, sondern ein Hilfsverb ist und im logischen Ausdruck einer Funktion wie beispielsweise jener mit dem Allquantor (x) F(x) – lies: für alle x: x hat die Eigenschaft F – nicht mehr auftaucht.

„Ontologie“ ist die versteckte Grammatik unserer Alltagsprache. Denn wenn wir sagen „Es gibt Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen, Sterne und Planeten“ meinen wir damit beispielsweise: „Nenne einen Kieselstein nicht Pflanze, eine Narzisse nicht Tier, einen Hund nicht Mensch, einen Stern nicht Planet!“ – und dies sind grammatisch-semantische Anweisungen, wie wir die betreffenden Begriffe korrekt verwenden sollen.

Wir können nicht sagen, daß die Wirklichkeit aus diesen und jenen letzten Elementen (Gegenständen, Ereignissen) besteht oder das Universum aus Molekülen, Atomen, Quarks oder Strings oder der menschliche Geist aus Nervenzellen. Denn was wir Gegenstand oder Ereignis nennen, ist die grammatische Konvention, für bestimmte semantische Variablen eines Satzes Hauptwörter oder Tätigkeitswörter einzusetzen, wie beispielsweise in den Ausdruck „X … hüpft“ für X „der Hase“ und in den Ausdruck „der Hase xt“ für xt „hüpft“. Die chemisch-physikalischen Elemente und ihre formalen Ordnungen sind Variablen der jeweiligen Theorie und verändern mit deren Struktur und Sprache auch ihre Bedeutung; der Raum Newtons ist ein anderer als der Raum Einsteins. Und gleichgültig, ob wir annehmen, unser Nachbar habe ein Gehirn oder nicht, wir grüßen ihn.

 

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