Stachel im Geist
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Μὴ φῦναι τὸν ἅπαντα νικᾷ λόγον
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Zugespitzte Wahrheiten brechen leicht ab.
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Daß auch im alten Rom die Priester herrschten, wird von antiklerikalen Humanisten schamvoll beschwiegen.
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Zur physiologischen Munterkeit, vulgo Glück, trägt auch ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit und Schamlosigkeit bei.
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Die Rede vom Menschen zerfällt, nicht immer zu Ungunsten tieferer Einblicke, in die Beschreibung von Systemen und Strukturen.
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Der altpersische Großkönig Kyros, der die Diaspora-Juden in die Heimat entließ, hat einen Ehrenplatz im Gedenken der Hebräer. Wie paradox, daß der Nachfolger des säkular gesinnten Schah sich als fanatischer Antisemit gerierte.
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Charismatische religiöse Herrschaft geht wohl stets mit puritanischem Tugendterror einher. Mit ein Grund, weshalb ihre Enthauptung im Iran durch das westliche Imperium von dekadenten Woken gefeiert wird.
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Die thematischen Linien einer Fuge respondieren, umranken und verflechten sich, streben dramatisch auseinander und vereinigen sich tänzerisch. So auch die Betrachtungen des vom Geist der Objektivität beseelten Denkers.
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Das Fragezeichen ist keine Schlinge, die Kehle des Nachdenklichen damit zu würgen.
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Die das Vollkommene außerhalb der Werke hoher Kunst zu verwirklichen trachten, sind als Engel verkleidete Abgesandte der Hölle.
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Der amerikanische Geist scheint von den frühen Tagen seines Zugs gen Westen her von Hemdsärmeligkeit und Schießwütigkeit geprägt. Insonderheit erregt die Pietätlosigkeit amerikanischer Herrschaftscliquen Abscheu, wenn sie den heimtückischen Überfall auf das rituelle Totenbegängnis des Feindes ins Auge fassen.
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Der barbarische Geist nimmt jede Hürde, alle Masken von Heuchelei, Hypokrisie und Frömmelei reißt er nieder, für ihn zählt nicht Herkunft, Rasse, konfessionelle oder sexuelle Orientierung.
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Der Schwarze Barack Obama goutierte aus sicherer Entfernung den heimtückischen Meuchelmord am bösartigen Erzfeind Osama Bin Laden, der Weiße Trump die Hinschlachtung der iranischen Mullahkaste.
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Sie säuseln vom Frieden, mit Schaum vor dem Mund.
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Der hohepriesterlicher Titel des heidnischen Pontifex, den die Cäsaren führten, ging auf den römischen Papst über.
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Die Würde des alten Kaisertums haftet an der Salbung durch den Papst. Sie war jüdisch-davidischen Ursprungs und sank mit der Krone in den Staub, der Krone, auf der das messianische Zeichen prangte.
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Die altrömische Priesterherrschaft war mythologisch, in der Erinnerung an die Berufung durch die Götter, die schiitische ist eschalogisch, in der Erwartung des Endzeitpropheten, begründet.
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Zuletzt kennt der dekadente Westen den Priester nur noch in der Karikatur des Knabenschänders, der antisemitischen Karikatur des triebhaften Juden als Schänders blonder deutscher Frauen nicht unähnlich.
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Alban Berg gelang der Durchbruch bei der Konzeption seines letzten Werks, des Violinkonzerts, aufgrund des tragischen Todes von Manon Gropius.
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Was wäre uns die Äneis ohne die Tragödie der Dido?
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Der Gram, der das Herz verzehrt, nährt auch den dichterischen Geist.
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Mag es sich bei der Begegnung des alten Goethe mit der blutjungen Ulrike von Levetzow um eine Tragikomödie handeln; die biographischen Daten sind Schatten gegen den dunklen Glanz der Marienbader Elegie.
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Die nichts zu sagen haben, brüllen am lautesten.
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Kein Zeichen hat das Zeichen des Kreuzes abgelöst, um über dem vergossenen Blut von Märtyrern zu leuchten.
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Den von sich selber Trunkenen erweckt zuletzt ein gnädiger Stachel.
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Der Reim gilt schon als Einwand, die gebundene Rede als Maske von Heuchelei oder Selbstverleugnung, die Wiederkehr des Rhythmus als Monotonie der Langeweile.
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Der gefrorene See des lyrischen Pathos läßt in ein Dämmerlicht schauen, wo sich die Ungeheuer der Tiefe anmutig schlängeln.
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Stachel im Geist, Wort, das auf Antwort dringt.
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