Laßt mich, ich will schlafen
Aus: Kindheit in Alt-Metternich
Der Waschtrog brodelt,
sie klatschen weiße Laken.
Winseln aus dem Hinterhof.
Laßt mich, ich will schlafen.
Wie ich blöde lausche,
halb erstickt im Blumenkissen,
gurren Tauben auf dem Sims.
Laßt mich, ich will schlafen.
Silberlöffel klirren,
Porzellane springen,
abgeschnitten wird mein Ohr
von ferner Säge Trance-Gesängen.
Sonnendunst-Wollustchimären,
gaumentaub Vokabeln büffeln,
amo, amas, amat.
Und die trunkne Biene summt.
Angelus-Geläute wehen
Weihrauch in das Schamgefühl,
daß ich mich verschlucke,
als wär’s der faule Krotzen Seele.
Abends unterm heißen Dach,
das sie nach dem Feindbeschuß
einst mit Planen deckten,
öffne ich die Sternwartluke.
Fremde Seele, kommst du, Mond,
um mich heimzusuchen,
oder mich zu tränken
mit keuscher Milch der Niemandsstille?
Auf seines Schuppens Stufe
hockt mit dem Harmonium
schon der Gnom, der Antipode,
spielt Zigeunerweisen.
Mutter sitzt im Dämmerschein
einer Wehmutkerze,
harrt des Manns, der mich gezeugt,
süßen Elends Waben füllend.
Schoß, o kalt gewordener Schmerz,
ohne Samt, das Haupt zu bergen.
Im Dornenhag, wo ich geboren,
blüht, um still zu schlafen, mir kein Mohn.
Nein, kein Rauschen, Ächzen nur
aus alter Linde Dämmerkrone.
Dunkles Scharren, Unheilsmuhen
im dunggewärmten Stalle.
Morgens Keuchen und Erbrechen,
traumgewürgte Atemnot,
blutig ist das Laken.
Laßt mich, ich will schlafen.
Flüstern, Fluchen, Weinen,
die Tür barsch zugeworfen.
Großmutter liegt im Sterben.
Weinen, Beten, Schreien.
Laßt mich, laßt mich schlafen.
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