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Über nationale Kultur und politische Nation

26.02.2016

Wir tun gut daran, zwischen lokaler und nationaler Kultur zu unterscheiden. Die nationale Kultur wie die deutsche Klassik der Lessing, Klopstock, Herder, Goethe und Schiller zehrt von den lokalen Kulturen ihrer Schöpfer, insofern sie ihren Zungenschlag, die Inkremente ihrer dichterischen Phantasie und den wimmelnden Bienenkorb ihrer Geschichten aus der Provinz in die Residenzstädte der nationalen Kultur mitbrachten.

Die wesentlichen kulturellen Entscheidungen fallen in der nationalen Kultur. Das betrifft in erster Linie die Entwicklung der Hochsprache und ihre Verfeinerung und Vertiefung durch die klassischen Werke. Iphigenie auf Sächsisch erzeugt Heiterkeit, Wallenstein auf Berlinerisch verliert entscheidend am melancholischen Grundton des Heros zwischen den Welten.

Wir sehen eine Parallele in der altgriechischen Klassik. Aus dem ionischen Dialekt entwickelte sich die attische Hochsprache der Tragödiendichter, Historiker und Philosophen, während Sappho und die frühe Chorlyrik oder die Hymnen eines Pindar noch äolische Sprachformen aufweisen. Infolge der politischen Dominanz Athens wurden seine Bauten und Kunstwerke, seine Theaterspiele und Feste und vor allem seine ins Allgemeine und Vollkommene strebenden Sprachkunstwerke die Exempla für ganz Griechenland.

Man muß demnach die nationale Kultur vom politischen Begriff der Nation unterscheiden. Goethe war kein politischer Nationalist und konnte keiner sein, wurzelt er doch in der vorrevolutionären Welt des 18. Jahrhunderts, während die Generation der Kleist, Schinkel oder Caspar David Friedrich sich infolge der Niederlage Preußens und der Befreiungskriege daranmachte, die kulturelle Identität der Deutschen in die politische Identität der Nation zu übersetzen, eine Bewegung, die in der preußischen Bildungsreform einen Höhepunkt erreichte.

Hölderlin hat in seinen späten Hymnen zu einem eigentümlichen Begriff der kulturellen Identität des Deutschen gefunden, indem er, ganz Philhellene und „von Apollo geschlagen“, eine Symbiose der deutschen auf einer imaginären antiken Kultur erträumte und die deutsche Frau hugenottischer Herkunft Susette Gontard in eine griechische Diotima verwandelte.

In der späten Besinnung Hölderlins auf die germanische Vorwelt der Sage und der deutschen Könige kehrt Hyperion aus der Eremitage der seligen Natur der Antike in die geschichtliche Welt zurück.

Von Goethe könnte man sagen, er sei die Alpen, in deren Tälern die Epigonen, wir Epigonen, hausen, ohne Kraft, die Gipfel zu besteigen.

Die Reife einer nationalen Kultur, insbesondere die Ausdifferenzierung einer ausdrucksvollen und formenreichen Hochsprache, ist die Bedingung für die Klassizität der sprachlichen Kunstwerke.

Die Genesis einer nationale Kultur und einer politischen Nation können synchron und diachron verlaufen oder so ineinandergreifen, daß der politische Rahmen den kulturellen Inhalt umfaßt und schützt. Die Genesis der altgriechischen nationalen Kultur verlief diachron zur Genesis der politischen Nation, die erst im attischen Seebund einen gewissen Rückhalt erhielt. Hier sehen wir wieder die Parallele zur Entwicklung der deutschen Hochsprache seit Luthers Bibelübersetzung und der deutschen Klassik, der die Herausbildung der politischen Nation mit einigem Abstand nach dem Sieg Preußens über Österreich im Siebenjährigen Krieg und der schließlich von Bismark hart abgetrotzten kleindeutschen Lösung in der Kaiserkrönung 1871 folgte. Dagegen verlief die Genesis der französischen Klassik durch Corneille, Racine und Molière synchron und unter dem Schutzdach der Genesis der nationalen Großmachtstellung unter den französischen Königen.

Die Genesis der nationalen Kultur und der nationalen Hochsprache ist ähnlich der spontanen Höherentwicklung kunsthandwerklicher und künstlerischer Techniken ein relativ autonomer Vorgang, bei dem elementare Intuitionen und Entwürfe wie der Kanon oder der Sonatensatz in der Musik durch Verfeinerung, Auslese und Wettbewerb allmählich oder eruptiv Höchstformen der Vollendung ausbilden wie in den Symphonien Haydns und Mozarts oder den Fugen Bachs und Beethovens. Dagegen hängt das Glück der politischen Nation vom Geschick und Verstand des Souveräns und ihrer militärischen Stärke ab, wie die Beispiele Athens unter Perikles und Preußens unter Friedrich dem Großen zeigen.

Die Genesis der klassischen Hochkultur bedarf der Initialzündung oder Katalyse, wie die Entwicklung der deutschen Hochsprache ihre Initialzündung in der Übersetzung der Bibel durch Luther gemäß der Devise „Sola fides, sola sciptura“ oder die Genesis der deutschen Klassik durch die Katalyse des Vorbildcharakters der griechischen Kunst fand, in deren Folge die antiken Muster von der Dramenform bis zum Versmaß des Hexameters, des Distichons oder der Ode durch Klopstock, Goethe, Schiller und Hölderlin der deutschen Sprache anverwandelt wurden. Ähnlich wie beim Kunsthandwerk ist das Erlangen letzter Perfektion des sprachlichen Kunstwerks Ergebnis der Leistung eines Meisters, des Handwerksmeisters dort, des Sprachmeisters hier.

Das Leben und Weiterleben der Hochkultur und der klassischen Werke einer Nation bedarf der Reife, Bildung und Generosität eines Publikums, wie wir es im athenischen Theaterpublikum finden, unter dem auch die spendierfreudigen Mäzene saßen, die seine Aufführungen allererst ermöglichten, oder im weimarischen Publikum des Theaters Goethes, das den gebildeten Adel und seine großzügigen Sponsoren umfaßte.

Nationale Kulturen und politische Nationen sind ethnisch-kulturell selektiv, denn nur nachfolgende Generationen derselben sprachlich-kulturellen Herkunft vermögen eine Höchstform von Klassizität hervorzubringen und nur ethnisch Verwandte und kulturell Gleichgesinnte bilden Formen der Solidarität aus, die bis zur militärischen Verteidigung der nationalen Kultur und politischen Einheit gehen kann und gehen muß.

Eine Nation, die einen ungefilterten Zustrom von Menschen fremder, nicht assimilierbarer Kulturen auf ihr angestammtes Territorium eindringen läßt, unterhöhlt den eigenen kulturellen Bestand oder hat sich selbst als erhaltenswerte kulturelle Lebensform aufgegeben.

Wenn in den barocken Gassen der bayerischen Dörfer Gespenster-Frauen in schwarzen Hüllen wimmeln, wenn aus den Zwiebeltürmen der Kirchen der Ruf des Muezzins erschallt oder die Schariapolizei auf den Straßen Frankfurts, Kölns und Berlins Raucher verwarnt, unverschleierte Frauen züchtigt und Nonnen und Priester verhaftet, wird die Bildung der deutschen Nation soweit verkommen und verroht sein, daß die Marienbader Elegie Goethes als frauenfeindlich verunglimpft und aus dem Curriculum gestrichen wird, ebenso wie die Aufführung der Passionen Johann Sebastian Bachs verboten werden, weil sie den Vorschriften und Maßgaben eines gewissen heiligen Buches zuwiderlaufen.

Wenn die Vororte der Städte und die Schulen unter dem Druck der islamischen Invasion zu ethnischen Exklaven werden, wird noch eine Weile auf deutschen Bühnen das postmoderne Wüten und Schreien und Kotwerfen herrschen und die Gemüter der Einfältigen betäuben, doch die Ohren für die feineren Klänge der Lyrik Brentanos und Mörikes, Rilkes und Trakls öffnen sich nurmehr in der Dämmerung ummauerter Höfe und zugewucherter Gärten.

Dieselben Dummköpfe, die heute die autochthonen Völker Europas unter dem perversen Deckmantel einer universellen Moral mittels ethnische Mischung auszulöschen bestrebt sind, erheben morgen heuchlerisch ihre gerunzelten Stirnen in das Scheinwerferlicht angesichts der Tatsache, daß ihre Maßnahmen oder ihr Dulden dafür verantwortlich sind, wenn die letzten Juden von Paris und Berlin angesichts der Anfeindungen der bedauernswerten Neuankömmlinge ihre Koffer packen.

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