Die Wonnen der Niedertracht
Darmstadt, 31. Oktober 2015: Rainald Goetz erhält den Georg-Büchner-Preis
Wenden wir uns ab von der Verkommenheit dessen, der die Vernunft derjenigen beschimpft, die ihn auszeichnen, und von der Verkommenheit derer, die denjenigen auszeichnen, der ihren Status als animal rationale in den Schmutz zieht.
Wer anläßlich der Dankesrede auf die Verleihung des höchsten deutschen Literaturpreises, des Georg-Büchner-Preises, in das wohlfeil grinsende Staats- und Honoratiorenpublikum johlt „Nieder mit der Vernunft!“, erweist sich damit nicht nur als wenn auch noch so gebildeter Narr und Wirrkopf, sondern auch diejenigen, die sich mit solchem Abgesang auf die geistige Würde des Menschen gebauchpinselt fühlen, als seinesgleichen.
Wer ausruft „Nieder mit der Vernunft!“, ist irre, denn er weiß nicht, was er sagt, denn um zu wissen, was er sagt, müßte er einen Grund für seine Aussage vorweisen können, doch das wäre ein Schritt auf dem verachteten Weg der Vernunft. Wer ausruft „Nieder mit der Vernunft!“, bekennt sich vermessen-widersinnig dazu, nicht zu wissen und wissen zu können, was er sagt, und heischt alle an, zukünftig auf die Angabe von Gründen für ihr Tun und Lassen, ihr Reden und Schweigen zu verzichten. Und sie werden den Ratschlag gern beherzigen, wenn es darum geht, die üble Tat und das böse Wort, aber auch das Unterlassen der guten Tat und das Verweigern des tröstenden Wortes zu verheimlichen. Wer dieses sagt und jenes anempfiehlt, erweist sich mit solch unbedachten Phrasen als gefährlicher Scharlatan, der den Wind des Unsinns, Widersinns und Irrsinns sät, um den Sturm des Chaos und der Vernichtung heraufzubeschwören.
Welche Fieberdelirien bringen die Elite eines Landes dazu, sich von seinen Vor-Denkern und Vor-Sagern verhöhnen und ins Gesicht spucken zu lassen, sich durch Hetzparolen, Wutgestammel und Irrsinnsgrimassen den Sinn für Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, Besonnenheit und Wahrheitsliebe abspenstig machen zu lassen? Die Symptome der Krankheit, dieser so deutschen Krankheit, liegen offen zutage. Und wir kennen die Zeitenschwellen, als das Virus, das sie verursacht hat, übertragen wurde: 1918, 1933, 1945, 1968. Doch der Grund der Empfänglichkeit für den Erreger liegt tief verborgen in den Falten des Herzens: Selbsthaß – der ausartet bis zur Verachtung der eigenen Herkünfte und sich die beiden Nährwurzeln deutscher klassischer Bildung, die Bibel und die Überlieferung der Antike, abgeschnitten hat.
Es mutet wie der blutige Rachegeist der verdammten und verachteten Väter an, der sich als ein Wiedergänger in solchen irrwitzigen Parolen kundtut – jener Väter, die sich und ihr Vaterland ins Unglück stürzten, weil sie jugendbewegten Charismatikern auf den Leim und in die Falle gingen, die das Leben vom Zügel und dem Licht der Vernunft zu einem mörderischen Bacchanal befreien wollten und sich den rohen Mächten der Niedertracht unter einer Führung durch umnachtete Kreaturen preisgaben.
Ja, gemessen an dem Furor, Aufruhr und Gebrüll oder Gestöhne desjenigen, der sich von den süßen Bestien und schönen Furien des Wahns kitzeln und schaukeln läßt, verdunkeln sich der sanfte Anspruch und Zuspruch der Vernunft und Besonnenheit, aus der Stille und Geduld heraus das Maß des Sagens und Tuns zu bedenken, zur vermeintlich kaltherzigen Zumutung, das Leben unter dem fahlen Dämmer von Mörikes Lampe zu verplempern. Der vom sanften Joch der Liebe gebändigten wilden Unschuld und Schönheit hält er die Fratze der augenblicklichen Trieberfüllung entgegen, die Feuer und Asche spuckt, die er für die Quellen seiner Inspiration ausgibt oder gar hält, auch wenn sie nichts als armselige Phantasmen des trotzigen, gekränkten Kindes darstellen.
Es ist der uneingestandene und uneingestehbare Haß auf den Vater und die Welt des Vaters, der das Gesetz verkörpert, das über die Arbeit und Anerkennung des Schmerzes und des Verzichts den krummen und beschwerlichen Weg zu den Früchten des Ackers und des Weinbergs weist, es ist der Haß auf den irdischen Vater, den Erzeuger jenseits des Eigenwillens des Kindes, es ist der Haß auf den himmlischen Vater, dessen Samen nur als spiritueller Hauch aufgeht, ohne daß der Inspirierte sich die Gnade als Verdienst anrechnen kann, es ist dieser Haß, der sich in den Wonnen der Niedertracht dem Anspruch der Vernunft vergeblich zu entziehen wähnt.
Die Vernunft schreibt mit Zeichen, die aus dem gemeinsamen Geist der Völker emporwuchsen wie die animalischen Blumen der Korallen aus dem Meer. Es kränkt den Berserker der poetischen Eitelkeit, auf dem Teppich der Sprache einherstolzieren zu müssen, dessen feine Bilder und Muster er nicht selbst gewebt und gewirkt hat, dessen Ornamente er wohl ergänzen darf, aber nicht aufzulösen befugt ist.
Die Vernunft sagt nicht „Ich“ und auch nicht „Über-Ich“, sie sagt von allen und keinem, sie sagt leise „wir“, eine Gemeinschaft, zu der Zutritt nur erhält, wer am Gedanken der überpersönlichen Wahrheit festhält. Sie leiht, wenn es gutgeht, den Ariadnefaden durch das Labyrinth der Gespräche, die alle mit allen und noch der Einsame mit allen führt. Das kränkt den Eigensinn des Eigenmächtigen, der gern den Faden wie die giftige Spinne aus dem Phantomleib seiner Allmacht herausspinnen will.
Wer sich vor aller Augen verletzt, um mit dem vergossenen Blut seine Zeichen zu Blutrunen eines eigentlichen, schmerzbezeugten Sinns aufzuwerten, weist verzweifelt und vergeblich auf die Dringlichkeit seines Anliegens, seines Lebens und Sterbenmüssens hin. Denn nur das für andere aus Liebe vergossene Blut kann Sinn stiften, und dieses Blut ist bereits vergossen, und dieser Sinn ist bereits gestiftet – am Kreuz.
Wer die Wasserscheide zwischen Vernunft und Wahn als Trug und Betrug hinstellt, ist verzweifelt und wird auch im dämonischen oder grotesken Zwischenreich der Zweideutigkeiten und zwittriger Mißgeburten aus Poesie und journalistischem Unflat keine Rettung finden.
Wer die Vernunft verachtet und verhöhnt, muß sich auf ihre Strafe gefaßt machen. Er wird nachsitzen müssen und das für die Ewigkeit einer Hölle, in der er alle nicht zu Ende gedachten Gedanken immer wieder neu denken, alle nicht ausgedachten Folgen seiner Sätze neu ableiten und formulieren und alle außerachtgelassenen Gründe für sein Sagen und Tun sich immer wieder wird vor Augen führen müssen.
Die großspurigsten Verächter der Vernunft, die als Kosmiker berüchtigten Münchener Esoteriker um Ludwig Klages, haben sich in der Vergötzung der von der Vernunft emanzipierten und so in die Sklaverei von Irrlichtern geratenen Lebenskraft dermaßen dumm und orientierungslos gemacht, daß sie schließlich im Kniefall vor dem großen Täter das lumen naturale endgültig ausbliesen.
Wir fragen uns im dämmernden Verlies der Weltabgeschiedenheit, in dem die Namen der Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin, Lessing, Lichtenberg, Kant, Frege, Brentano, Strawson, Geach, Chisholm und Putnam auf den Bücherrücken zu phosphoreszieren beginnen, wenn fidele Greise im Jugendwahn oder zappelnde Schmarotzer im Pelz der großen Kokotte namens Kulturbetrieb die Vernunft als eine Hexe, die den Brunnen des Lebens vergifte, oder als einen Büttel finstrer Weltmächte verschreien, woher der Deutschen zwiespältiges oder haßerfülltes Verhältnis zu dem Vermögen, zwischen der besseren und der weniger guten Idee für unser Tun und Reden unterscheiden zu können, wohl herrühre.
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