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Monolog für ein Nachtmahr

30.09.2017

Es waren Rufe, Seufzer, wie nach Lichtes
betauten goldenen Trauben dürstenden Munds,
das Rascheln der Blätter, da ich nach Versen
getaucht, meine spröden Lippen zu wässern,
und es verwandelte sich, so irrlichtert
der Hexer Mond, in das wilde Ächzen
des Schilfs, das die triefende Schnauze einer Kuh
zurückbog, sie suchte nach dem Kalb, ihrem Jungen,
o schreckliches Muhen der verlassenen Kreatur,
die schwarzen Wellen aber schwiegen, die Mutter
überleckte mit schwülstiger Zunge den Schaum.
Etwas riß sich los, brach für immer zu Boden,
wie die Last von Scheitholz, die ein Esel
getragen, gebückten Haupts, unter dem Knallen
von Peitschen bei der Stoppelschonung
in kühl hauchender Waldung, er aber stockt,
bricht ins Knie und bleibt liegen, bleibt liegen.
So klatschte es dumpf hinter meinem Rücken,
und ich zog, auf den Planken ausgestreckt,
nicht einmal die Augenlider empor, den Anblick
der Sterne und ihren glitzernden Spott vermeidend.
Ich wußte, das morsche Ruder war abgebrochen
und wir trieben seltsam erlöst zwischen Abgrund
und Abgrund dahin, das Boot rissen die Zähne
der grinsenden Ungeheuer der Tiefe
zum Katarakt im Knie des Stromes oder
dem Grauen eines gegaukelten Ufers entlang.
Seelenlos, aber im schluchzenden Wasser
einer weißen, sich selber würgenden Ekstase
verkam die Fahrt ins Ausweglose, bis Küsten
sich rötender Wolken die schartigen Messer
eines Riffs hervortrieben, jeder Hoffnung Tau
zu zerschneiden. Die Kameraden schliefen auf den Bänken,
doch sie reckten wie bezauberte Schlangen
die Köpfe, als ich zu singen begann, doch sang
ich nicht, meine Kehle, ein Nest schlafender Vögel,
erzitterte und vibrierte in einem schmählich
verlockenden Fiepen und Trillern und Schluchzen.
Da erhoben sie sich, der mit dem Stab,
der mit Haken und Reusen, der mit dem Dolch,
die dunklen Geschwister des Schicksals. Wer sah es zuerst?
Oder einer hörte das hohe verzweifelte Schnauben
aus den witternden Nüstern, die sich blähten
nach der Fülle der Zitzen. O das Kalb. Es glitt,
gescheckte Gespielin der stygischen Nymphen,
hart neben dem Rumpf des Bootes. Rauhe Hände
packten, Arme rissen, Schreie hievten es empor.
Sein großes schwarzes Auge, wie es mich ansah,
über den Rand aber drängte des Augapfels
ein panischer Schnee. Sein gedunsener Körper pochte,
die losen Hämmer der Hufe klopften auf das Holz
den Totentanz eines Trunkenen. Jene aber wo,
die Mutter, ihm der Liebe Errettung? Wir sahen
rings nur ausgeatmetes Dämmern, eines Mondes
zerrupfte Nelke, hörten nur das Klatschen der Wellen
am Bug, dämonisch-monoton. Doch nah
wie ein Gespenst trieb hinter uns, verfangen
im Netz, das wir vergeblich ausgeworfen,
den Pansen wie trächtig aufgequollen zwischen
den todesstarren Hufen, Demeter, die Kuh.
Der mit dem Dolch durchschnitt, nachdem vorm Stab
er niedergeniet, die Leine, Urbild des Lebens
entschwebte das Tier mit den Hörnern, schrecklich
erhob die Flut ihm noch einmal Nüstern und
den klaffenden Mund, draus schien die Zunge
uns ewig Abschied zu winken. Alles verschluckte
der Dunst, wurde Dunst, zerstob wie die Mythe
in feinste Partikel der dunkelnden Luft, vom Hauch
der Verwesung zu rostigem Blühen begeistet.
So trieben wir auf Nachtmahrs Versen dahin.

 

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