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Windeier

04.09.2021

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Er flüchtete vor den Hyänen der Welt in eine Höhle, doch dort zischte ihm eine Schlange entgegen.

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Das Schwerste: den Blick vom Grauen der grenzenlosen Weiten in Raum und Zeit abwenden und auf die Nähe des Nächsten richten.

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Er wollte die Welt retten, wußte sich aber selber nicht zu helfen.

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Die geniale Portraitkunst eines Thomas Mann: daß die Züge der als Vorbilder dienenden realen Personen wie Gerhard Hauptmann oder Georg Lukács sich in den Masken der fiktiven Personen Peeperkorn und Naphta wohl abbilden, doch zugleich auf Eigenschaften verweisen, die darunter schlummern, ja den realen Personen selbst verborgen waren.

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Wie töricht, wie traurig, wie komisch, wenn einer, der sich verkannt glaubt, durch lautes Fluchen, obszöne Witze oder rhetorisches Fuchteln auf sich aufmerksam machen will.

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Die grimassierend und krakeelend an der Verbreitung ihres Rufes arbeiten, mögen talentierte Selbstdarsteller sein, nur eines sind sie nicht: berufen.

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Die Kunst, die mittels jäher Blitze und greller Effekte auf ihr Dasein pocht, liegt schon im Schatten.

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Porta Nigra, der düstere Meteorit aus einer erloschenen Galaxie.

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Nur die Wunde hält die Erinnerung wach.

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Der gedächtnislose Mensch ist wie der Wind, der ohne zu wissen, was er tut, einmal die Samen der Blütenstände verstreut, einmal die abgestorbenen Blätter von den Zweigen fegt.

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Peinlich berührt und verlegen kann einen sowohl das eigene wie das Fehlverhalten anderer machen.

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Die peinlichen Strafen sind die wirksamsten. Freilich, man muß dem Dieb und Räuber nicht gleich die Hand amputieren, denn dann kann er, was er nicht tun soll, nicht aus freien Stücken unterlassen.

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Michel Foucault, genialisch verstiegen, dialektisch übergescheit, rhetorisch bezirzend, und doch ein steriles und ungenießbares Windei, und doch eine vom ironischen Wind der Wahrheit verwehte Spur im Wüstensand.

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Der gelehrte Forscher ordnet die Bücher im Regal nach der Bedeutung und dem Rang der Autoren, der gelehrte Gaukler nach dem Ruhm und Klang ihrer Namen.

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Daß wir Teil der Natur und insofern unsere Handlungen determiniert sind, hindert nicht, daß wir Täter für ihr Tun belangen, löbliche Handlungen rühmen, zu unserem Wort stehen und wenn wir es nicht halten, zumindest eine halbwegs plausible Entschuldigung vorbringen.

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Was wir tun und sagen, ist nicht, wie Hegel, der säkulare Theologe und pseudoreligiöse Atheist des Begriffs, meinte, eine Form der Entäußerung und Selbstentfremdung, die es durch die Arbeit der Wiederaneignung und Erinnerung aufzuheben gelte; wir können nur, was wir versäumt, verwirkt, verschwiegen oder falsch dargestellt haben, zu korrigieren suchen, durch ein neues Tun, ein anderes Sagen.

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Was immer an unserem Tun und Sagen als eine Form der Selbstentfremdung empfunden oder mißverstanden werden mag, alle Fallstricke der Selbstentfremdung, des Mißverstehens und des Konflikts wie mit einem Streich aus der Welt schaffen zu wollen, mündet in Terror.

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Das Christentum versinkt im trüben Brackwasser sentimentaler Dummheiten, einer anämischen Moral für kleingeistig-arrogante Weltverbesserer, deren Verkündung wohlfeil, doch deren Folgen kostspielig und verheerend sind.

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Engagierte Literatur, sich politisch prostituierende Kunst, moralisch kurzatmig keuchende Dichtung: Würgegriffe um den Hals des freien Geistes.

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Sie schreiben und handeln in höherem moralischen Auftrag; da kann schon einmal das Brandmal der niederen Abstammung durch das fadenscheinige Kleid der Rhetorik schimmern, da kann schon einmal ein Kind schreien, weil man seine Puppe im fahnenschwingenden Sturmschritt zertreten hat.

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Wenn Pol Pot in den Vorlesungen Sartres saß, bekommt sein Begriff der Totalisierung (in der „Kritik der dialektischen Vernunft“) einen bitteren Nachgeschmack.

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Welche leuchtenden Augen der 68er Studenten in der Dantestraße im von Jürgen Habermas geleiteten Seminar über „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Georg Lukács, eines diabolischen, Moskau hörigen Autors, der als Kulturfunktionär während der revolutionären Sowjetregime in Budapest mit dem Begriff der engagierten Literatur durch Denunziation und Liquidierung mißliebiger bourgeoiser Autoren ernst gemacht hat.

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Kinderlose Frauen und Männer ohne jedes kulturelle Gedächtnis bestimmen über das Schicksal einer Nation, die gestern ohne Rückgrat das braune Kauderwelsch nachgebetet hat und heute ohne Spur von Selbstachtung den verordneten Genderslang nachplappert.

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Die neuen Vorzeigemädchen in den MINT-Disziplinen sind leider nicht mehr ganz so hübsch wie die Stewardessen, doch leisten sie einen ähnlichen Service ab wie jene in den von Männern auf Basis „männlich-weißer Mathematik“ und Ingenieurskunst konstruierten Flugmaschinen, in deren Cockpits sicherheitshalber immer noch Männer walten.

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Das eitel sich blähende Schuldgefühl der Nachgeborenen oder der moralische Dünkel jener, die sich als noch Ungeborene die Hände nicht haben schmutzig machen können.

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Was sie dem Kolonialismus der dämonisierten Macht des (womöglich jüdischen) Kapitals und der männlich-weißen Bourgeoisie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen, nehmen sie von jedem Vorwurf aus, wenn die Kolonisierung wie in Afghanistan angeblich höheren moralischen Zwecken wie der Implementierung der Demokratie und der Durchsetzung von Frauenrechten gedient haben soll.

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Was neuronale Synapsen nicht mehr verknüpfen können, weil es jedweder sachhaltigen Kohärenz und logischen Konsistenz entbehrt, leimt man mit dem Universalkleber „Moralin“ zusammen.

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Die großen Erzählungen vom Fortschritt und der Aufklärung, der Emanzipation der Menschheit unter den Fittichen des vernunftgeleiteten Diskurses, dieser europäische Mythos hat sich unter den skeptischen und ernüchterten Blicken eines Heidegger, eines Wittgenstein, als der Nebel erwiesen, den die Philosophie der Sprache in einen Tropfen kondensieren läßt, in dem nur die Infusorien der ewigen Langeweile schwimmen.

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Die große Dichtung und die akribisch und asketisch entfaltete philosophische Betrachtung bieten keine Stimulantien für den berauschten Tanz der Menge, ob er sich nun um den Freiheitsbaum oder ein wenig später um die Guillotine dreht.

 

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