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Die seltsame Entdeckung des Dr. Hu

18.12.2013

Im Jahr 2978 wird ein chinesischer Mandarin namens Dr. Hu in der gänzlich verfallenen ehemaligen Hauptstadt des Deutschen Reichs mit dem nunmehrigen Namen Bej-Ling aus dem Schutt des Untergrunds, wo der Sage nach einmal eine Bahn auf Schienen gefahren sein soll, ein ziemlich zerfetztes und von Mäusen angeknabbertes Buch ohne Verfasserangabe mit dem Titel „Chronikels von Skandälchens und Kriminale aus dene Vorgezeite“ ausbuddeln.

Dr. Hu, der einer chinesisch-japanischen Historikerkommission zur Untersuchung der Ursachen des Verfalls und Untergangs des alten Europas in der sogenannten Verfallszeit zwischen 2450 und 2750 vorsteht, kann den Ursprung seines Funds mittels chemischer Analysen von Bodenproben des Grabungshorizontes und des Pergaments sowie der für die im Übrigen schwer lesbare, da stark zittrige und verwackelte Handschrift verwendeten Farbmittel – es handelt sich um eine Mischung von echter Sepiatinte und mineralischen Zusätzen – auf eben den Zeitraum der dritten Jahrtausendmitte datieren.

Dr. Hu, einer der wenigen Wissenschaftler weltweit, die noch über wenn auch zum Teil rudimentäre Kenntnisse der alten europäischen Sprachen verfügen, quält sich durch das sprachlich mehr als anspruchslose, ja verrohte und von Barbarismen strotzende Machwerk und stößt endlich auf eine Passage, die ihm historisch anspielungsreich und hintergründig genug dünkt, so dass er sich veranlasst sieht, sie in der renommierten, naturgemäß auf Chinesisch erscheinenden „Historischen Zeitschrift zur Erforschung der europäischen Verfallszeit“ zu veröffentlichen; sie wird, nicht ohne die Anmutung eines schlitzäugig-zwielichtigen Lächelns sei es gesagt, herausgegeben in Mo-Na-Ko di Ba-Va-Lia, der Hauptstadt der chinesischen Südprovinz in Te-Dejo-Nia, die die chinesischen Besatzer nach alten Plänen und mehr nach uralten Phantasien in einem charmanten sino-barocken Pagoden- und Zuckerbäcker-Spätstil wiederaufgebaut haben.

Dr. Hu fordert in der wissenschaftlichen Einleitung seiner Veröffentlichung, in der er die Ergebnisse der Analysen und die Datierungsversuche des seltsamen Fundes referiert, am Ende seine Zunftgenossen auf, ihm, dem Herausgeber, umgehend Mitteilung zu machen, falls es einem von ihnen gelingen sollte, die in dem Passus erwähnte und seltsam eingerahmte historische Figur zu identifizieren. – Hier ein Auszug:

„Da koom ene Männe, gepürzelt uff em Salz-un-Pepper-Berga, benamset Wolferl, der Schnauz, oder och angebellet Grö-Fazke, in deme prussische Sandkästele an die Ruder unde Rieme, und hat vom Rathüs gebrüllst, er dät machene et ganze Ostland a blühend Ländle. Doch drum weil er hätt allerliebst nur sein eigen Schnurres, er musst verhundsen und verkatzen alles, was sonst anoch schnauzbürstlig wär. Dahero hat er veringrimmt und gepiesäckelt den Charlemagnus, und darob den großen Schnauz Jupp, genamset auch Juppes, der Schlappes aus dem Georgsland. Hat unter grandem Flammengespei die Ringelchens gewechslet mit dero fremdzungichter Danznix, die war ihm ze Gifte und hat angepiffen das sibirische Drachenviech, das kam angefleucht in die bös Nacht und packen das Wolferl und ihn hochreißen ins Gelüfte, von wannen er nit mehr wurd gespäht.“

Keiner der von Dr. Hu um eine kritische Sondierung und Bewertung gebetenen Wissenschaftler kann zur Identifizierung der in dieser seltsamen Melange aus Annalistik, Legende und Märchen hervorschimmernden historischen Figur beitragen. Bald darauf löst sich die erwähnte chinesisch-japanische Historikerkommission zur Erforschung der europäischen Verfallszeit zwischen 2450 und 2750 auf – zu sehr waren die dürftig genug fließenden Quellen von sekundären Stoffen wie Legenden und Sagen verunreinigt und getrübt.

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