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Preislieder auf das gewöhnliche Leben VII

20.04.2014

Gepriesen sei der Eimer,
aus Blech gewalzt und wasserdicht verschweißt –
den hast du Schritt für Schritt
vor dich über die steinernen Fliesen des Flurs,
die kalten, bunten, hingeschoben,
auf den Knien rutschend
und den grauen Putzlappen schwingend,
bis der Boden glänzte
wie ein maurisch-paradiesisch Ornament.

Gepriesen sei der Eimer
und der über seinen Rand gelehnte Lappen,
knotig ausgewrungen
von deinen mütterlichen Magdeshänden,
schmerzlich-rot.

Gepriesen sei die hölzern-maserige Kufe
auf dem gedrungenen Rücken
schwer atmenden Winzers
im steilen Moselwingert,
da sie sich füllt mit herbstlich edlen Trauben
für den Most, den einst mit nackten Füßen
der Enkel hat zerstampft.

Gepriesen sei die bauchige Amphora,
die gefüllt mit Schwarzoliven,
auf flachem Nachen verschifft
über Tiber, Ister und Mosella,
das karge Mahl eines Dichters tändelnder Bukolika
oder eines armen Klerikers,
in seinen Psalter schniefend,
fern vom Glanz der goldenen Roma
bereichert hat.

Gepriesen sei die Situla
aus dunkel dröhnender Bronze Etruriens
und die feinnervige Hand des Künstlers,
der mit Hirschgeweihen, Masken, Rätsel-Sphingen,
wie aus Fenstern lugend,
sie hat magisch ausgeziert.

Gepriesen sei der kleine Bottich,
mit Essig abgefüllt,
in den der römische Soldat,
dem jene Stimme fern im Herzen widerklang,
den Schwamm an langer Lanze Spitze
hat getunkt –
und ihn geführt an den zerrissenen Klagemund,
der eines Sterbens maßlosen Ruf
in das Ohr verstockter Menschheit röchelte
und in das von Engelschören taube Ohr des Vaters,
der ihn längst in unerlöste Schlämme
der Gehenna sinken sah:
„Mich dürstet!“

Gepriesen sei die Karaffe aus gebranntem Ton,
voll heißen Wassers,
aus der Großmutter dir
den Badezuber nachgefüllt hat
mit all den heißen Tropfen
ungeschmälter, reiner Liebe.

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