Spickzettel Philosophie
Früher dachte ich, das Denken bedürfe neuer Worte und
Wortbildungen. Inzwischen weiß ich, es gilt die verschüttete
Macht der einfachen Sprache wiederzufinden.
Martin Heidegger
Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem
Tröpfchen Sprachlehre.
Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre
alltägliche Verwendung zurück.
Ludwig Wittgenstein
Wir: nicht innen.
Welt: nicht außen.
*
Die Rose des Gedichts,
sie duftet nicht.
Erinnerung hat kein Organ
für Rosenduft.
*
Nicht: der Körper beseelt –
die Seele verleibt.
*
Mythos Seele:
Dunstgestalten,
dem offnen Mund der Toten
jäh entweichend.
*
Du gibst das Wort,
Frucht vom Baum der Sprache,
den du nicht gepflanzt,
flugs abgepflückt.
*
Dichten,
denken:
Wort für Wort,
Punkt um Kontrapunkt.
*
Wort, es kann nicht meinen,
was du willst.
*
Haust du mit dem Hammer
auf noch so kleinen Wortes Sinn,
ob „ich“, ob „du“, ob „und“,
zerreißt die ganze Kette.
*
Das entstellte Wort,
Warze im Gesicht
der Heuchelei.
*
Bedeutung ist kein Klumpen Lehm,
vom reinen Geist geformt,
von einem, der versteht,
mit Leben überhaucht.
*
Beseelter Laut,
das Lied.
Musik,
geistreicher Klang.
*
Je klarer seine Wasser fließen,
je tiefer ist des Brunnens Nacht.
*
Am lichten Tage reift die Traube,
im dämmrigen Verlies der Wein.
*
Wer alle Farben blind vermischt,
dem bleibt nur trübes Grau-in-Grau.
*
Überm Bodenlosen
lächelnd schweben.
*
Subjekt und Gegenstand,
Name und Objekt,
Idee und Phänomen,
verworrene Gespinste,
die keine Fliege fangen,
keinen Tropfen Licht,
von der Stirn uns streifen.
*
Wie der Diener auf den Herrn,
wartet einer vor der Tür,
die eine Scheintür ist,
Attrappe bloß.
*
Wie Raum und Zeit
eins ins andre fließen,
so schäumt der Sinn
glänzend,
fahlend,
aus dem Nichts hervor.
*
Kippschaltern gleich
sind Ja und Nein,
Wahr und Falsch.
Ein Urstrom ist,
was uns zu denken gibt,
das Dichterwort,
ein leuchtendes,
ein dämmerndes
Vielleicht.
*
Die fremde Hand berührend,
fühlt die eigene
sich selbst.
*
Des Lächelns Gischt,
der übers graue Herz
uns sprüht.
*
Träne,
funkelnd
an der Wimper
Nacht.
*
Wer die Fichte Tanne nennt,
hat sich bloß geirrt.
Anders, wer im Zeichenwald
umsonst die Lichtung sucht.
*
Wer nicht rechnen kann,
ist dumm.
Narr, wer nicht weiß,
was Zahlen sind.
*
„Indianer“ –
kein faktischer Irrtum
des Kolumbus,
ein begrifflicher.
*
Je heller die Lampe der Angst,
umso drohender die Dunkelheit.
*
Arg ist, Mann und Frau verwechseln,
ärger, Sinn und Unsinn.
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