Skip to content

Zwiegespräch über die Kerze

26.12.2025

„Plötzlich war sie ausgelöscht.“
„Es schien, als wär’s ihr Wille.“
„Das Wachs war beinah aufgezehrt.“
„Ein Luftzug war’s, ein jäher.“
„Das tiefe Seufzen tat’s von einem, der nicht schlafen konnte.“
„Sie hat ja lange Zeit gebrannt.“
„Ob eine Woche, eine Stunde nur, gleichviel.“
„Und war ihr Dasein doch erfüllt …“
„… im Leuchten jener Augen, die in ihrem Schein geblickt
in nahe, ferne Augen …“
„… im wunderlichen Tanz der Schatten …“
„… im Wohlgefühl der Hand, die sich an ihr gewärmt …“
„… und in der Feuchte eines Blicks, der in ihrem Flackern
die eigne Unruh sah …“
„Ihr Leben war ein sanftes Sterben.“
„Ein Opfer eigenen Seins.“
„Honigduft, Erinnerung in einer Trauernacht.“
„Honig war ihr weicher Kern.“
„Ihr Wachs schien wie in tiefem Schlaf zu weinen.“
„Doch hat sich nicht ein Dunkelfalter in ihr Licht gestürzt?“
„Dies war ihr Wille nicht.“
„Doch schien die Flamme eine Lockung allzu tödlich.“
„Flamme, Leben gibt sie und vertilgt es auch.“
„Lebensflamme, die sich selbst verzehrt.“
„Was sie selber hat entzündet, auch dies muß Flamme sein.“
„So geht der Weg zurück in fernes, fernes Abgrundlicht?“
„Kein endlich Wesen kann sich selbst entfachen.“
„Woher das Feuer, das in Sonnen, Herzen ohne Zahl
aufflammt und kommt die Stunde rasch erlischt?“
„Die kleine Flamme kann den großen Weltbrand nicht begreifen.“
„Doch ist ein wahres Bild sie unsres Seins.“
„So magst du auch des Lichts gedenken, das in der hohen
Nacht, da schon der Stein vom Grab gewälzt, vom Sinn
der Auferstehung kündet.“
„Diese Kerze ist geweiht, und ewig scheint ihr Licht.“
„Entzündet ward sie aber vom Brand des Holzes,
Baum, der im Paradiese stand und auf Golgotha.“
„So wär der Brand der Hölle die Umkehr himmlischen Feuers.“
„Der Schrei der Marter verzerrtes Echo himmlischen Gesangs.“
„Ob ein Dichterwort geweiht ist, ob verflucht,
ob eines Dämons Flammen aus ihm singen oder
reine Feuerzungen, denn auch jene tönen engelhaft,
wer mag es unterscheiden?“
„Die Kerze, die Eros entzündet hat, zittert vom Seufzen
der Liebenden, die Kerze im Zimmer des Sterbenden
vom trunkenen Gelall der Einsamkeit.“

 

Comments are closed.

Top