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Abbrechende Wege

08.01.2026

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Blaise Pascal

 

Am Ende des Weges ähneln wir kaum noch denjenigen, die ihn beschritten haben.

Wir gehen auf einem Weg, der allmählich ansteigt und auf eine Anhöhe führt, die uns mit einem schönen Fernblick für die Mühen des Aufstieges zu entschädigen scheint. Wir wollen weiter, doch der Weg bricht unvermutet ab; der Rückweg ist uns versperrt. Sonderbar, der schmale Pfad ward unter Schutt und Dorngestrüpp unsichtbar. Wir bleiben zurück. Bis zum Abend, sagen wir uns, haben wir ja noch die schöne Aussicht.

Wege kann man eigentlich nur Strecken nennen, die auf einer Karte von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt führen. Der Ausgang unseres Weges aber liegt ebenso im Dunkel wie das Ziel. Eine Karte wurde uns nicht ausgehändigt.

Die Illusion, wir seien, weil der Weg so mühsam ist, wohl in höherem Auftrag unterwegs, vielleicht gar, die Anwohner auf der anderen Seite des Gebirges mit unserem unverhofften Erscheinen und unserem fremdländischen Akzent in Erstaunen zu setzen, ist unserem skeptischen Gemüte leider versagt.

Der Weg steigt allmählich an; auf der Anhöhe blicken wir in die Ferne. Wir gehen weiter, der Weg wird abschüssig, windet sich durch Gestrüpp, dann bricht er ab. Wir SIND dieser Weg.

Wir können (unter günstigen Umständen) sagen, was wir meinen. Doch (unter keinen Umständen) meinen, was wir wollen.

Wir können diese oder jene Frucht vom Baum der Sprache pflücken. Wir selbst aber haben ihn nicht gepflanzt.

Etwas meinen heißt auf ein grammatisch geordnetes System bedeutsamer Ausdrücke zurückgreifen, das uns gegeben, nicht sua sponte von uns erfunden, konstruiert oder erklügelt worden ist. Es ist eben jener Baum der Sprache, den wir nicht gepflanzt haben und der ohne unser Zutun emporgewachsen ist.

Wer den Keim in die Erde senkte, ist nicht bekannt, ist unerfindlich.

Manche sind wie gelehrte Gärtner und vermögen es, auf den alten Sprachzweig ein frisches Edelreis zu pfropfen. – Das Reis, das Luther pfropfte oder Goethe.

Es kann eine neue Stimme in den Kanon eintreten; freilich muß sie die kontrapunktische Linienführung beachten, die in diesem Tonsystem als gültig angenommen worden ist (die beispielsweise den Tritonus vermeidet).

Einer hat, wenn auch erschöpft, den Aufstieg glücklich gemeistert; erfreut von der weiten Aussicht auf der Anhöhe winkt er der Schar der Freunde, die fern im Tal zurückgeblieben sind. Sie aber deuten sein Winken nicht als Aufforderung, es ihm gleichzutun, sondern als resignatives Zeichen, die Anstrengung lohne nicht, die Aussicht halte nicht, was der Reiseführer verspricht.

Einer hat die Anhöhe erklommen und schaut auf den verschlungenen Weg zurück, der ihn dorthin geführt hat. Von wo er seinen Ausgang nahm, vermag er nicht zu erkennen, er liegt schon im Dunkel.

Da wir immer etwas denken oder der Gedanke stets einen Sinngehalt hat, läßt sich das Nichts nicht denken. Freilich, es gibt Unsinn; doch dies nennen wir gedankenlos.

Der Kern in der Nuß, das Ich im Wir, der Satz in der Sprache: Eins scheint immer in einem anderen enthalten, wie die Puppe in der Puppe. Aber die alles umhüllende Schale, auch wenn wir sie All oder Universum nennen, können wir nicht denken.

Ein Satz kann in einen anderen eingefügt werden, und dieser komplexe Satz wiederum in einen Satz, der um noch eine Stufe komplexer ist. Aber einen alle Sätze enthaltenden Satz, eine alle Sprachen umfassende Meta-Sprache können wir nicht denken.

Die Puppe, die in der Puppe verborgen ist, die sie enthält, mag wieder ein Püppchen enthalten, das von den beiden Puppen umfaßt wird. Aber wir gelangen auf diese Weise nie zu einer allerwinzigsten Puppe, zu keinem Atom aller Puppen.

Der Augenblick ist nicht der ausdehnungslose Punkt einer Zeitstrecke, die wir aus solchen Zeitatomen konstruieren könnten. Kein Moment ist Atom, jeder Abgrund.

Nie können wir zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön.

Es ist für unser Dasein nicht relevant, ob wir glauben, die Sonne kreise um die Erde oder die Erde um die Sonne.

Daher gibt es keine kopernikanische Wende des Denkens, sondern nur eine in der astronomischen Theorie. Und auch diese kann in Einsteins Metatheorie eingebettet werden.

Ich sehe keine existentielle Notwendigkeit, die angeblichen Wahrheiten, die heute allgemein ventiliert und akzeptiert werden, mir zu eigen zu machen.

Für mich besteht ebensowenig die Notwendigkeit, mich als Zeitgenossen der Moderne oder Postmoderne zu definieren, wie für die Zeitgenossen des Augustus die Möglichkeit, sich als Zeugen der klassischen Epoche der Antike zu verstehen.

Die Welt kann nicht von einer überweltlichen Intelligenz gemäß einem providentiellen Plan erschaffen worden sein und gelenkt werden, denn ob mein Kanarienvogel mich morgen früh wieder krächzend begrüßt oder tot in seinem Käfig liegt, kann selbst Gott nicht voraussehen.

Die Annahme eines kausalen Determinismus des Mentalen ist ebenso töricht wie jene, das Mentale werde von zufälligen Quantenereignissen auf neuronaler Ebene gesteuert .

Der gedankliche Boden, auf dem wir stehen und gehen, schwankt nicht nur, sondern besteht aus einer ungreifbaren Substanz, dünner als die Luft, die immerhin Flügel zu tragen vermag.

Der Körper kann die Seele ebensowenig enthalten, wie der Gedanke in einem spezifischen Hirnareal lokalisiert werden kann.

Die Erinnerung an jenen schönen Frühlingstag, der mir durch den Duft dieser Rosen erweckt wird, enthält kein einziges Arom.

Der neuronale Prozess der Geruchsempfindung mag vielleicht in einem Hirnareal lokalisiert werden, nicht aber die Erinnerung, die sie ausgelöst hat.

Wir sagen: „Meine Hand schmerzt“, aber wir können die Schmerzempfindung nicht an einer spezifischen Hautstelle lokalisieren.

Du kannst nicht sagen: „Hier ist der Schmerz“, wie du sagen kannst: „Dort liegt das Buch.“

Die Ursache der Rotempfindung ist eine bestimmte Lichtfrequenz, aber die Rotempfindung ist keine bestimmte Lichtfrequenz.

Ich kann von meiner Rotempfindung nicht auf das Vorhandensein einer Lichtquelle mit bestimmter Frequenz schließen, denn ich könnte von den Rosen träumen, die mir heute eine liebe Hand geschenkt hat.

Leib und Seele, res extensa und res cogitans, Materie und Geist, Ich und Es – Chimären eines halbmythologischen Denkens.

Ich gelange an kein Ziel; wenn ich endlich erschöpft ins Knie breche, könnte ich mir sagen: „Ich hätte bei besserer Kondition weitergehen können.“

Ich gelange an keinen notwendigen Anfang; denke ich an meine Geburt, könnte ich mir sagen: „Mein Vater hätte, bevor er mich zeugte, bei einem Unfall ums Leben kommen können.“

Ich könnte auch sagen: „Statt mich an jenem Tag zu zeugen, hätte mein Vater am nächsten Tag mit der Frau, die zufälligerweise meine Mutter wurde, ein Kind zeugen können, das nicht ich gewesen sein würde.“

Der Name kann, was er nennt, der Satz, was er behauptet, nicht wie ein Handschuh über die richtige Hand gezogen werden, nicht wie eine Hand die andere berühren. Hier klafft eine unendliche Lücke, ähnlich jener zwischen dem Finger Gottes und dem Finger Adams auf dem Bild des Michelangelo.

Und doch kann, wenn ich eine Tanne eine Fichte nenne, mein botanisch versierter Freund mich auf die Unwahrheit meiner Benennung hinweisen. Aber die Wahrheit der Behauptung hat keine Ähnlichkeit mit der behaupteten Tatsache. Wie sollte dann die Falschheit einer Behauptung eine Ähnlichkeit mit der Negation der Tatsache haben?

Uns aber kommt es so vor, als würde die Linie der wahren Behauptung die Linie der behaupteten Tatsache gleichsam im Fluchtpunkt des Unendlichen schneiden.

Die semantische Linie und die faktische Linie verlaufen, wenn wir von der Wahrheit oder Korrektheit einer Behauptung sprechen, gleichsam parallel. Uns kommt es dabei so vor, als würden die beiden Linien sich in einem unendlich weit entfernten Fluchtpunkt treffen. Daher die Rede von der Übereinstimmung von Satz und Tatsache, von der adaequatio rei et intellectus. Doch dies ist eine perspektivische Täuschung.

Törichte Arroganz wähnt, jetzt zu leben sei ein Auszeichnung gegenüber jenen, die vor uns gelebt haben.

Verfängliche, ja absurde Metapher: Vernunft oder nur dem Vernunftgesetz folgender Wille als epistemischer oder moralischer Steuermann des vernunftlosen, blinden Leibs.

Aber wir (nicht die Vernunft und kein vernunftgemäßer Wille) sehen mit den Augen und folgen dem Pfad, der uns eine schöne Aussicht verspricht.

Wir schlagen Wege ein, von denen wir nicht wissen, wo sie münden.

Ein ins Meer mündender Strom müßte sich wundern, daß er als Rinnsal begann.

Ich kann aus der Tatsache, daß die Aussicht von der Anhöhe beglückend ist, nicht folgern, daß dies gleichsam der Lohn für meine Anstrengung war, sie zu erklimmen; ich könnte Pech haben und alles im Tal wäre von Nebel verhangen und grauem Dunst.

Cogito, Schatten, den der Baum der Sprache wirft – und doch zugleich Geschmack ihrer Frucht.

Seelenverfinsterung: Verhärtung des Herzens, Sklerose des Gemüts, Fanatismus der Gesinnung.

 

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