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Kleine ontologische Grenzgänge

19.08.2021

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Am Anfang der Sprache (um paradox zu reden) war kein einzelnes Wort; denn mit jedem Einzelwort ist das System der Wortbildung und der Sprache gesetzt.

Der Einwortsatz impliziert eine virtuell unendliche Reihe von Sätzen verschiedenster Arten und Typen.

Wären wir in einem Raum eingeschlossen, dessen fensterlose Mauern verbergen, daß es „da draußen“ keine anderen Räume gibt, wäre die Aussage, daß wir uns in einem Raum befinden, sinnlos.

Der letzte Mensch, der einsam nach der Katastrophe auf der Erde zurückbleibt, gehört der Gattung Mensch schon nicht mehr an.

Es kann nur Räume geben, die zueinander relativ sind, aber keinen Raum, der alle umfaßt.

Es kann nur Zeiten geben, die zueinander relativ sind, aber keine, die alle umfaßt.

Die Zeit oder Epoche der römischen Republik hat kein gemeinsames Maß mit der Zeit, die das Licht einer fernen Galaxie benötigt, um zu uns zu gelangen, auch wenn wir in beiden Fällen (aber wie leichtfertig) von der Vergangenheit sprechen.

Wäre die Zeitstrecke in die Vergangenheit unendlich, hätte es den Jetztpunkt oder die Gegenwart, in der wir dies und was immer sagen, nie gegeben.

Die Welt kann nicht ewig sein, sonst gäbe es keine; sonst gäbe es nicht das Universum, in dem wir uns vorfinden und von dessen Vergangenheit wir reden, denn im Unendlichen gibt es keine Vergangenheit.

Die Metrik und ihre Skalen, Größen und Maße legen fest, was wir messen können, was für uns und von uns meßbar ist.

Der Raum ist nichts anderes als die metrische Möglichkeit, räumliche Abstände zu messen.

Die Zeit ist nichts anderes als die Möglichkeit, zeitliche Abstände zu messen.

Ohne Uhren und Zeitmesser gäbe es keine Möglichkeit, zeitliche Abstände zu messen, ohne Zeitmesser können wir von Zeit nicht reden.

Uhren sind zyklisch gleichförmige Perioden, Schwingungen von Teilchen oder Frequenzen, die wir abzählen können; periodische Schwingungen und Fluktuationen sind eine Eigenschaft sowohl von Teilchen als auch des masselosen Vakuums; also ist die Zeit eine Eigenschaft von Teilchen oder des Vakuums und kein unabhängiges Kontinuum, in dem wir die zeitliche Bewegung von Teilchen und die Quantenfluktuationen des Vakuums ansiedeln.

Wäre der Gegenwart eine sich ins Unendliche erstreckende Vergangenheit oder Vor-Gegenwart vorausgegangen, wären wir nie in ihr angekommen.

Ein Ort kann keinen Raum definieren, ein einziges Teilchen oder ein einziger Stern keinen kosmischen Raum und kein Universum.

Wir können räumliche Abstände (und also den Raum) mittels der Zeit messen, die wir (oder ein geeignetes Medium wie das Licht) benötigen, um sie zu überbrücken.

Die Grenze des Sagbaren und also des Denkbaren können wir intern anhand der grammatischen und logischen Kategorien bestimmen, die uns zur Verfügung stehen.

Jenseits der Raumdimension gibt es keinen Ort, jenseits des Sagbaren gibt es keinen Sinn.

Die Grenze des Sagbaren ist wie der Horizont des Meeres, hinter dem wir die Wellen von Wasser vermuten, ähnlich denen, die wir beobachten können, aber dies ist nur eine suggestive Vorstellung, denn hier tappen wir im Dunklen, und also sollten wir schweigen.

Weil wir keine Position jenseits der Raum-Zeit einnehmen können, ist von ihrem Ursprung zu reden, Unsinn. Weil wir keine Position jenseits der Sprache einnehmen können, ist von ihrem Ursprung zu reden, Unsinn.

Aufgrund der Endlichkeit und Begrenztheit ihrer Vermessung ist es unsinnig, von der exakten Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse zu reden.

Die scheinbar gleichzeitige Präsenz geschriebener Sätze auf dem Bildschirm oder Papier läßt uns leicht darüber hinwegsehen, daß Sprechen ein zeitliches Ereignis darstellt.

Das Schriftbild ist die Mumie und der Petrefakt des Sprechaktes.

Das Komplement jeder Aussage ist eine unendliche Reihe negativer Aussagen; denn wenn ich sage, ich sei gestern in Berlin gewesen, impliziert diese Aussage die unendliche Reihe der negativen Aussagen, daß ich nicht in Frankfurt, nicht in London, nicht in Tokio … gewesen bin.

Das Komplement des Sprechaktes der Frage ist der Sprechakt der konstativen Aussage.

Ein Ereignis verkörpert die Möglichkeit eines Ereignistyps, ein Sprechakt verwirklicht die Möglichkeit eines Sprechakttyps.

Ein Sprechakt kann nicht gleichzeitig zwei kategorial verschiedene Akttypen verkörpern.

Die grundlegende ontologische Differenz scheint jene zwischen Menge und Element, Kategorie und Instanz, Eigenschaft und Individuum zu sein. Doch die rhetorische oder ironische Frage muß sich von der echten nicht unterscheiden („Ist er taub?“ oder „Hat er die Weisheit mit Löffeln gefressen?“), aber sie kann nicht gleichzeitig beide Kategorien instantiieren. Die ontologische Differenzierung bedarf der Auswahl oder Identifizierung des begrifflichen Feldes, in dem wir die Aussage als Verwirklichung eines Aussagetyps ansiedeln.

Wenn wir über mögliche Sachverhalte und Tatsachen Hypothesen bilden und Feststellungen treffen, können wir sie als mehr oder weniger wahrscheinlich, als durch andere Hypothesen und Aussagen mehr oder weniger gut belegt oder als wahre Schlußsätze aus als axiomatisch angenommenen Prämissen indexikalisieren und bewerten. Aber wir können als mögliche Sachverhalte und Tatsachen nur ansehen, was wir im Aussagetypus von Hypothesen und Feststellungen erfassen können.

Die Isomorphie von Aussage und Tatsache, Hypothese und möglichem Sachverhalt bestätigt unsere Annahme von der ontologischen Komplementarität von Subjektivität und Objektivität.

Was wir verleitet sind, Wesen und allgemeine Idee zu nennen und metaphysisch zu hypostasieren, ist die Struktur des begrifflichen Feldes; ähnlich wie die Begriffe von Raum und Zeit keine absoluten Daten und Wesensbestimmungen der phänomenal gegebenen Welt oder des Universums darstellen, sondern Variablen einer Metrik, beispielsweise der Metrik des Vakuums, stellen alle von uns verwendeten Begriffe keine absoluten Gegebenheiten oder losgelöste Tatsachen dar, sondern Variablen der Metrik des ontologischen Feldes. Und als Ontologie betrachten wir die Möglichkeiten von Aussagen innerhalb des begrifflichen Bereichs, der gleichsinnig und spiegelbildlich von Subjektivität und Objektivität umgrenzt wird.

Der ontologische Unterschied zwischen Factum und Fictum, in traditioneller Diktion: von Natur und Kunst, kann nicht mittels Kausalanalyse bestimmt werden, sondern nur begriffsanalytisch unter Bezugnahme der begrifflichen Felder, in denen wir die Begriffe „Tatsache“ und „Fiktion“, „Erfahrung“ und „Traum“, „Person“ und (sie darstellendes) „Bild“ konzeptuell festlegen und verwenden.

Der Unterschied zwischen dem gemalten Glas Wasser und dem echten kann nicht dadurch bestimmt werden, daß wir sagen, das gemalte Glas Wasser können wir nicht trinken oder das gemalte Wasser könne nicht als H2O identifiziert werden. Die Blumen des Bösen Baudelaires verströmen keinen (vielleicht betörenden, vielleicht etwas fauligen) Duft, sondern tragen ihren Namen als Metaphern einer gefallenen Welt.

Der metaphorische Duft ist gar kein Duft; eben deshalb nennen wir ihn metaphorisch. Achill ist überhaupt kein Löwe, eben darum ist die Charakterisierung seines Thymos oder Mutes als löwenhaft eine Metapher.

Wir können komplementäre, das heißt sich entsprechende, aber ausschließende Bilder, Beschreibungen und theoretische Modelle vom „Ursprung“ und der „Evolution“ des Universums verwenden (das schrumpfende Universum ohne Anfangssingularität und das expandierende mit Anfangssingularität), die beide in ihrem begrifflichen Rahmen Gültigkeit beanspruchen dürfen, denn sie sind isomorph aufeinander abbildbar.

Ontologischer Idealismus und ontologischer Realismus sind beide konzeptuell unzureichende Positionen; denn was immer wir als objektiv betrachten, ist es auf dem Hintergrund unserer begrifflichen Differenzierungen. Wir sagen, daß gemalte Glas Wasser ist ein Element des begrifflichen Rahmens, den wir als fiktional beschreiben, das echte Glas, dessen Inhalt wir trinken können, ein Element des begrifflichen Rahmens, in dem wir Wasser als H2O identifizieren.

Was wir Menschen nennen, können wir als Elemente unterschiedlicher begrifflicher Felder betrachten, beispielsweise der Felder, denen wir lebende Organismen, Träger komplexer Nervensysteme, Sprecher einer natürlichen Sprache oder Personen zuordnen, deren Handlungen wir als freiwillig oder justiziabel ansehen. Diese Felder sind komplementär, ergänzen sich oder implizieren einander stufenförmig, aber sie sind nicht in allen Fällen konsistent, denn wir betrachten lebende Organismen und komplexe Nervensysteme weder als Sprecher natürlicher Sprachen noch als intentional handelnde Personen.

Die physikalischen Begriffsbilder des Raums, die wir bei Newton und bei Einstein finden, sind komplementär, denn wir können auch in der Einstein-Welt mit den Formeln Newtons rechnen, aber miteinander nicht konsistent, denn die Geometrie Newtons ist die klassische dreidimensionale eines Euklid und Descartes, während die relativistische die Dimension der Zeit integriert und wir in ihr mit gekrümmten Linien wie in der Geometrie eines Gauß und Riemann rechnen.

Wir sind auf sprachliche Bilder und begriffliche Muster und Modelle angewiesen, die uns wie topographische Karten, deren Maßstab und projektive Größenordnung wir festlegen, auf weite Strecken orientieren. Doch geraten wir in unbekanntes Gelände, müssen wir neue Wegmarken anlegen, neue Karten entwerfen.

Statt vom Haus der Sprache zu reden und der verfänglichen Metapher eines soliden Fundaments zu erliegen, sollten wir vielleicht das Bild des Schiffs gebrauchen, das wir freilich nicht völlig autonom entwickelt und konstruiert haben, denn unser konzeptuelles Baumaterial sind gleichsam wild gewachsene Namen und Begriffe, grammatisch uns zugewachsene Kategorien, die wir allererst zurechtstutzen müssen. Die Reise mit einem solchen Gefährt ist allemal ein Abenteuer, denn wir wissen nicht, wohin wir gelangen, sie ist nicht ungefährlich, denn der Strom, auf dem wir fahren, ist nicht begradigt und befriedet, sondern hat seine Untiefen und Katarakte; ja, wir können Schiffbruch erleiden.

 

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