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Was wir sehen

09.03.2020

Zur Philosophie der Wahrnehmung II

Wir glauben, jener Vogel, den wir in einiger Entfernung am Teich erblicken, sei eine Ente, doch wenn wir beim Näherkommen sehen, daß es sich um eine Gans handelt, revidieren wir unsere ursprüngliche Annahme.

Weil wir etwas sehend eine Vermutung oder Hypothese darüber aufstellen, was es sei, und sie bestätigt oder falsifiziert finden, ähnelt unsere visuelle Sinneswahrnehmung einem induktiven Verfahren.

Von zwei Bäumen sagen wir, sie seien sich ähnlich, aber bei genauerer Betrachtung erkennen wir den Unterschied, auch wenn wir die korrekten Bezeichnungen „Ulme“ und „Buche“ erst einem botanischen Bestimmungsbuch entnehmen müssen. Wir sehen den Unterschied indes auch ohne diese Klassifikation.

Wenn wir um die Tatsache der Befruchtung durch Übertragung von Pollen wissen, sehen wir bei der Beobachtung der eine Blüte bestäubenden Biene hinsichtlich der neuronalen Prozesse des Sehens dasselbe wie einer, der davon nichts weiß; und doch sehen wir etwas anderes. Das, was wir anders sehen als jener, kann demnach nicht mit einem visuellen neuronalen Muster identisch sein.

Wir tragen eine gut bestätigte Annahme über die Befruchtung von Blütenpflanzen an dasjenige heran, was wir sehen; wir sehen es im Lichte unserer Annahme.

Wir haben von dieser Annahme oder Erklärung im Biologieunterricht gehört; was wir von anderen als plausible oder für wahr befundene Annahmen und Erklärungen akzeptieren, fließt als erhellende Perspektive in den Vorgang unseres individuellen Sehens ein. Dies gilt leider auch für nicht bestätigte Annahmen und ihre unsere Wahrnehmung verdunkelnde Perspektive.

Wir wissen aufgrund des Schulunterrichts in Physik, daß die Redeweise vom Sonnenuntergang eine leere Metapher ist, weil die von uns gesehene Bewegung des Zentralgestirns von Ost nach West über den Horizont eine Scheinbewegung darstellt, die von der eigentlichen Bewegung der Erdumdrehung als visuelle Projektion erzeugt wird.

Dies hindert uns nicht, in sinnfälliger Weise die elementarsten Überzeugungen und tiefsinnigsten Meditationen über unser Leben in den Bezug zum Wechsel von Tag und Nacht sowie den Zyklus der Jahreszeiten zu stellen.

Wenn wir den Fleck als grün wahrnehmen, wissen wir, daß er nicht gleichzeitig rot sein kann; wenn wir nicht wissen, ob der Vogel eine Ente oder ein Huhn ist, wissen wir doch, daß er nicht zugleich beides sein kann. Wenn wir eine Ente zu sehen glauben, erwarten wir nicht, daß was an ihr so schimmert ein Fell ist, sondern Federn; würden wir das Tier berührend auf ein Fell treffen, schlössen wir, daß es sich nicht um einen Vogel handelt.

Formen des elementaren logischen Schließens sprießen gleichsam wie Gras auf den Pfaden unserer Sinneswahrnehmungen.

Wir vermögen unter sinnvoller Einbeziehung des Handlungsrahmens in einem Lächeln den Ausdruck von Zuneigung, Freundlichkeit, Verlegenheit oder Ironie zu sehen.

Wir treiben elementare Psychologie, wenn wir in einem Gesicht ein Lächeln erkennen, wir treiben Psychologie für Fortgeschrittene, wenn wir in einem Lächeln den Ausdruck von Verlegenheit gewahren.

Wenn wir während eines Spazierganges unseren Freund, der sich gern seiner naturkundlichen Kenntnisse rühmt, mit dem Hinweis auf seine Verwechslung einer Ulme mit einer Buche beschämen, sehen wir in seinem Lächeln den Ausdruck von Verlegenheit.

Wir SEHEN, DASS er verlegen lächelt. Unsere Sinneswahrnehmung ist in diesem Fall in eine propositionale semantische Form eingebettet, ohne die Bedingung erfüllen zu müssen, daß sie sich sprachlich artikuliert.

Wir sehen den Ausdruck der Verlegenheit unmittelbar oder intuitiv; wir machen keinen induktiven Schluß vom Ausdruck des Lächelns auf einen mentalen Zustand, den wir Verlegenheit nennen.

Und dennoch ist, was wir im Ausdruck der Verlegenheit sehen, kein „objektives Datum“, „kein Sinnesdatum“ und natürlich kein das Licht des Tages scheuendes Bewußtseinsphänomen; es hat vielmehr den Status einer Bedeutung, in dem Sinne, wie wir von der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks oder eines Satzes reden.

Wir sind allerdings in der Lage, die Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit dessen, was wir sehen, auf vorsprachlicher Ebene zu identifizieren.

Wir wüßten auch ohne es benennen zu können, daß es sich bei diesem Lächeln um einen Ausdruck der Verlegenheit handelt, bei jenem um einen Ausdruck von Spott, bei wieder einem anderen um den Ausdruck innerer Gelöstheit.

In den Blumen, die der untreue Gatte seiner Frau schenkt oder der Enkel seiner Großmutter, der er heimlich Geld aus der Börse entwendet hat, sehen wir ein Zeichen von Verlegenheit und schlechtem Gewissen oder Augenwischerei.

Hier gelangen wir von der vorsprachlichen zur sprachlichen Grundlage der Bedeutung dessen, was wir sehen.

Denn die Treue und Untreue von Eheleuten sind Begriffe oder Konzepte, die von der sozialen Institution der Ehe impliziert werden, deren Ontologie im Gewicht des Ja-Worts liegt, das sich die Ehepartner vor einem Amtsinhaber oder Priester unter Zeugen geben. Von ehelicher Treue und Untreue kann keine Rede sein, wo es keinen rituell und institutionell verankerten Ehebund gibt.

Wenn der entartete Enkel heimlich in die Geldbörse der Großmutter langt, sehen wir, daß er Diebstahl begeht; freilich sehen wir diese Handlung als eine kriminelle nur in einer Kultur, in der das Entwenden fremden Gutes als strafwürdiges Vergehen angesehen und entsprechend geahndet wird.

Die Sichtbarkeit und intuitive Lesbarkeit von Zeichen ist der Eckstein und die Pointe einer Philosophie der Wahrnehmung.

In einer Kultur, in der die Institution der Ehe oder die strafrechtliche Kategorie des Diebstahls unbekannt wären, würden wir in den Blumen, die der untreue Gatte seiner Frau oder der diebische Enkel seiner Großmutter schenkt, kein Zeichen von Verlegenheit und schlechtem Gewissen oder Augenwischerei sehen.

Wir sehen den Freund, mit dem wir uns verabredet haben, vorn ferne unruhig auf und abgehend warten; auf und ab zu gehen hat indes nicht immer die Bedeutung des Wartens, es könnte auch ein Zeichen von Langeweile oder Desorientierung sein.

Wir erkennen die Entschlossenheit des Bankräubers an seinem martialischen Auftreten und der Barschheit seiner Anweisungen; die erste Verliebtheit am scheuen Blick und unmotivierten Erröten; die tiefe Schwermut an der gedrückten Haltung, dem schleppenden Gang und den erloschenen Augen; Übermut und Beschwingtheit am leichtfüßigen Rhythmus der Schritte, der hell sprudelnden Rede und den schalkhaft blitzenden Augen.

Wir sehen das, was wir mit psychologischen Prädikaten wie Entschlossenheit, Verliebtheit, Schwermut und Übermut benennen, weil solche seelischen Zustände keine verborgenen mentalen Entitäten und Ereignisse sind, sondern zeichenhaft uns vor Augen liegen.

Stabat Drusus manu silentium poscens. – Stand da Drusus und mit einem Wink gebot er Schweigen. (Tacitus, Annalen I, 25) Mit diesem wuchtigen Satz beschreibt Tacitus den dramatischen Auftritt des Legaten Drusus vor der Heeresversammlung der römischen Legionen in Pannonien, deren Meuterei und Rebellion niederzuwerfen er vom gerade inthronisierten Kaiser Tiberius beauftragt worden ist.

Wir sehen das Zeichen der Hand, mit dem Drusus Schweigen gebietet; verstehen können wir es nur auf dem Hintergrund der Institutionen des römischen Imperiums und der Struktur des römischen Heeres, in dem die Autorität der befehlshabenden Zenturionen und Feldherren sowie der Legaten Roms unantastbar war. Diese eigentlich völlig abstrakte Autorität vermögen wir dank der Schilderung des Tacitus im raschen, aber souveränen Wink des Drusus zu sehen.

Auch wenn wir wissen, daß Wasser, Wasserdampf und Eiskristalle unterschiedliche Aggregatzustände desselben chemischen Stoffes H2O sind, werden wir nicht im Ernst sagen, daß wir in den Wogen des Stroms, den Wolken und den Schneeflocken DASSELBE sehen und dasselbe SEHEN.

Was der Ausnahmezustand für das staatlich-kollektive Subjekt, sind Todesgefahr und Todesangst für das individuelle; alle mehrdimensional ausgestreuten Sinnbezüge werden gleichsam in einen dunklen Winkel zusammengedrängt, dort, wo die Gespenster und Phantome der Angst lauern.

Der paranoide Wahn gibt uns ein sprechendes Zerrbild des von der Todesgefahr bedrängten Lebens; jedes Ding, jedes Ereignis verliert seine harmlose Miene und erscheint in der Fratze der Facies Hippocratica. Alles, was der Kranke sieht, ist vom Schatten des Verdachts überdeckt und vom Grauschleier der Zweideutigkeit und Doppelbödigkeit überzogen. Während wir die farbigen Gestalten und vom Tageslicht erhellten Formen für sich gelten lassen und genießen, wird dem Kranken der Tag zum Zwillingsbruder der Nacht und die Gestalten des Lichts zu Irrläufern und Verbannten, die auf die Heimkehr in das erlösende Dunkel warten.

Wir sehen, wenn er nah genug ist, dort unseren Freund Peter gehen; wir sehen keine farbigen Flecken und keine sie auf der Fläche des Gesichtsfelds vorrückenden Bewegungen, die wir als Handlungen einem Objekt zuordnen, das wir als Peter identifizieren, sondern wir sehen Peter und wie er da geht.

Wir konstruieren, was wir sehen, nicht anhand von Sinnesdaten, sondern sehen unmittelbar ein Grasbüschel, eine Schwalbe, ein Auto, eine Person namens Peter.

Gewiß müssen wir auf die Niederschläge unserer Erfahrung zurückgreifen, auf das, was wir gesehen haben, um jetzt die Person namens Peter zu erkennen. Der Rückgriff auf die Sedimente unserer Erfahrung vollzieht sich stillschweigend und nicht bewußt; er fördert jene Erfahrungsmöglichkeiten oder virtuellen Sehweisen zutage, die verwirklicht werden, wenn die Person dort beispielsweise auf den Zuruf ihres Namens, erfreut uns zu erblicken, innehalten und eine Plauderei mit uns beginnen wird.

Was wir sehen, hat einen Zeitsinn; der Freund, der uns auf der Straße begegnet, hat sich nicht urplötzlich materialisiert, er muß vorher woanders gewesen sein, und wenn er sich von uns verabschiedet, löst er sich nicht in Luft auf, sondern geht seiner Wege.

Wir ahnen etwas von der Bedeutsamkeit dieser zeitlichen Strukturierung dessen, was wir sehen, im Licht ihrer pathologischen Verzerrung im Fall der Psychose, bei der die feindlich gesinnten Personen nicht verschwinden, sondern plötzlich in Form von Halluzinationen auftauchen oder mittels telekinetischer Manipulationen von Geräten wie Fernsehern oder Telefonen präsent bleiben.

 

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