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Der Giftknilch

01.09.2016

Wer hat das Gift wohl eingeträufelt?
War
ʼs schon in der Muttermilch?
Oder gießt ein kleiner Dämon nächtens
aus einer Muschel es in unser Ohr,
dem einen mehr, dem andern weniger?
Und wer begnadet ist, ohne Ranküne
das Leben hinzunehmen und zu geben hin,
hat Glück er, ist der Götter Liebling
oder heilig ohne Heiligenschein?

Er dreht jedes Wort dir um im Munde,
wie einen schweren Stein, und findet immer
im dunklen Ungesagten Würmer wimmeln.

Vor lauter Frühling muß er teuflisch niesen,
vor lauter Sommer schwitzt er saure Tropfen,
vor lauter Herbst verschluckt er Bitterkerne,
vor lauter Winter wirft er Nüsse in den Ofen.

Es rumort sein säuerlicher Geist
beim Anblick schöner Frauen
wie der Magen eines Kranken
vor dem Tauglanz praller Beeren.

O, sein Verstand ist messerscharf,
und er kupiert dir jeden zarten Trieb,
den jungen Sproß der Phantasie,
das Ringelschwänzchen Lebensfreude,
weil auf faulem Humus sie gediehen,
weil es ringelt aus dem Hundeleben,
und heißetʼs dialektische Kritik.

Kritik, das ist die schwarze Tinte,
die er trinkt wie andre Wein,
und wie Trauben süß berauschen,
sind seine Räusche herb und kalt.

Die Landschaft hoher Gipfelzüge
macht ihn schwindeln.
Im weißen Bausch der Wolkenkissen
glaubt er zu ersticken.
Der linde Duft des Sommerabends
macht ihn hüsteln.

Wort und Blick des Nebenmanns
sind Angelruten falscher Köder.
An seinem Hauch welkt augenblicks
des Grußes dargereichte Blume.

Er ist so hellhörig,
daß er im Hymnensang der Engel
den falschen Ton erwischt.

Er ist so hellsichtig,
daß er über der Lippe Mona Lisas
den Schatten eines Haars entdeckt.

Im Garten Eden beschleicht ihn Unbehagen –
ist es nicht schreiend Unrecht,
wenn unter hohen stillen Bäumen
die kleine Schar der Auserwählten
den Schatten Seines Friedens findet,
und wie sanfte Quelle strömt ihr Mund
vom goldnen Lied der Dankbarkeit,
während da draußen all die Verdammten
in der Glut des schattenlosen Tages schreien?
Er will wie eine schön bemalte Vase,
aus der Fäulnisodem ihm entgegenschlägt,
schmettern an die Wand die schlechte Welt
und kocht vor Wut, weil erʼs nicht kann.

Und doch hat diesem Giftzwerg
Gottes unbegreifliche Gnade
den holden Zauber einer Frau gesellt,
aus ihren großen blumenfeuchten Augen
schimmert Sanftheit und Ergebenheit
durch den Nebel seiner Zweifelsucht,
aus der schwarzen Wolke ihres Haars
regnen warme Liebesschauer
auf die dürre Ebne seiner Spöttelei.

So frage nicht, wovon der krumme Teufel
zynischen Nörgelns, blutlosen Faselns
denn leben kann – die schöne Demut istʼs,
die selbst die Spucke seiner Mißempfindung
geduldig aufwischt und ihr Lächeln schenkt.

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